Der interreligiöse Dialog als Weg zum Frieden

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ERÖFFNUNG EINES KURSES FÜR DIPLOMATEN
AUS ISLAMISCHEN LÄNDERN AN DER
PÄPSTLICHEN UNIVERSITÄT GREGORIANA

ANSPRACHE VON KARDINAL TARCISIO BERTONE

Montag, 7. Mai 2007

Der interreligiöse Dialog als Weg zum Frieden

Hochwürdige Patres,
verehrte Autoritäten,
meine Damen und Herren!

Ich möchte die Organisatoren und die Teilnehmer an dem Kurs »Die katholische Kirche und die internationale Politik des Heiligen Stuhls« für Diplomaten aus den Ländern des Mittelmeerraumes und des Nahen Ostens ehrerbietig begrüßen. Besonders danke ich dem Hw. Pater Franco Imoda, Präsident der Stiftung »La Gregoriana«, in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Kurses, und Professor Roberto Papini, Generalsekretär des internationalen Instituts »Jacques Maritain«, als ausführendem Direktor des Kurses. Meine Anerkennung gilt auch dem Hw. P. Gianfranco Ghirlanda, Rector Magnificus der Päpstlichen Universität Gregoriana, die uns Gastfreundschaft gewährt. Schließlich richte ich an Sie alle einen herzlichen und freundschaftlichen Gruß. Diese Initiative, an der angesehene Institutionen mitwirken, erscheint in der aktuellen geschichtlichen Situation notwendiger denn je, um qualifizierte Vertreter der muslimischen Welt in angemessener Weise mit dem Denken und der Tätigkeit der katholischen Kirche bekannt zu machen. Das gegenseitige Kennenlernen ist in der Tat der erste und notwendige Schritt, um eine harmonische Entwicklung des Dialogs und eine dauerhafte und gewinnbringende Zusammenarbeit sicherzustellen.

Das mir vorgeschlagene Thema – »Der interreligiöse Dialog als Weg zum Frieden« – ist anregend und aktueller denn je bei der Suche nach dem Dialog zwischen den Religionen sowie für die Zukunftsperspektiven der Welt. Darum bewahrt der Heilige Stuhl ständiges und aufrichtiges Interesse am Dialog.

Das hat der Heilige Vater Benedikt XVI. bei der Begegnung mit den Vertretern einiger muslimischer Gemeinden am 20. August 2005 in Köln klar ausgesprochen: »Der interreligiöse und interkulturelle Dialog zwischen Christen und Muslimen darf nicht auf eine Saisonentscheidung reduziert werden. Tatsächlich ist er eine vitale Notwendigkeit, von der zum großen Teil unsere Zukunft abhängt.« Hier sehen wir den religiösen Dialog im Dienst des Friedens. Die Suche nach Frieden liegt bekanntlich dem Heiligen Stuhl sehr am Herzen. Ich werde mich darauf beschränken, einige ausdrückliche Bezugnahmen auf dieses Thema anzuführen, welche in den Botschaften enthalten sind, die der Papst seit über dreißig Jahren anläßlich des Weltfriedenstages an die Staatsoberhäupter, an die Katholiken und an die Menschen guten Willens sendet.

1. Der Dialog für den Frieden, eine Herausforderung für unsere Zeit

Das Thema der Botschaft zum Weltfriedenstag 1983 lautete: »Der Dialog für den Frieden: eine Herausforderung für unsere Zeit.« Darin sagte der verehrte Papst Johannes Paul II., er sei zutiefst davon überzeugt, daß der Dialog – ein echter Dialog – eine wesentliche Bedingung für den Frieden ist, und bemerkte: »Ja, dieser Dialog ist notwendig, nicht nur opportun; er ist schwierig, aber möglich, trotz der Hindernisse, die wir, realistisch gesehen, dabei beachten müssen. Er stellt deshalb eine echte Herausforderung dar, die ich euch bitte, anzunehmen« (Insegnamenti Giovanni Paolo II, 1982/III, S. 1542). Und er fügte hinzu: ein echter Dialog geht aus »von der Suche nach dem Wahren, dem Guten und dem Gerechten für jeden Menschen, für jede Gruppe und jede Gesellschaft« (ebd., S. 1545). Der Dialog verlangt daher eine wirkliche Öffnung und gegenseitige Annahme in Respekt und Verständnis für die Verschiedenheit und die Besonderheit des anderen. Zugleich ist der Dialog Suche nach dem, was den Menschen gemeinsam ist und ihnen, auch inmitten von Spannungen, Widerständen und Konflikten, gemeinsam bleibt. Alles in allem ist der wahre Dialog die Suche nach dem Guten mit friedlichen Mitteln; er ist eine Anerkennung der unveräußerlichen Würde der Menschen und stützt sich auf die Achtung vor dem menschlichen Leben.

2. Dialog zwischen den Kulturen für eine Zivilisation der Liebe und des Friedens

Im Jahr 2001 hatte die Botschaft zum Weltfriedenstag als Thema »Dialog zwischen den Kulturen für eine Zivilisation der Liebe und des Friedens.« In einer Analyse über den Dialog zwischen den verschiedenen Kulturen und Traditionen der Völker zeigte der Heilige Vater im Dialog den notwendigen Weg für den Aufbau einer versöhnten Welt auf, die fähig ist, mit Gelassenheit in ihre Zukunft zu blicken. Die Kultur – schrieb er – ist die qualifizierte Äußerung des Menschen und seiner Geschichte. Menschsein bedeutet notwendigerweise Leben in einer bestimmten Kultur. Wenn es daher einerseits darauf ankommt, daß man die Werte der eigenen Kultur zu schätzen weiß, so ist andererseits das Bewußtsein erforderlich, daß jede Kultur, da sie ein typisch menschliches und geschichtlich bedingtes Produkt ist, notwendigerweise auch Grenzen einschließt. Ein wirksames Mittel dagegen, daß das kulturelle Zugehörigkeitsgefühl zur Abschottung wird, ist das unparteiliche, nicht von negativen Vorurteilen bestimmte Kennenlernen der anderen Kulturen (vgl. Nr. 7) (Insegnamenti Giov. Paolo II, 2000/II, S. 1066–1067). Wir können somit sagen – wie kürzlich von Seiner Exzellenz Francesco Follo bei der 176. Sitzung des Exekutivrates der UNESCO betont wurde –, daß die verschiedenen Kulturen, auch wenn sie von unterschiedlichen Interpretationen der Wirklichkeit geprägt sind, in der Grunderfahrung der menschlichen Situation, wo es um Fragen über Geburt und Tod, über Arbeit, Krankheit, soziale Ungerechtigkeit, die Erhaltung unseres Planeten geht, tief miteinander verbunden sind.

Unter diesem Aspekt erweist sich der Dialog zwischen den Kulturen als ein inneres Erfordernis der Natur des Menschen und der Kultur; er trägt dazu bei, den Reichtum der Unterschiedlichkeit anzuerkennen, indem er die Herzen zur gegenseitigen Annahme bereit macht, im Ausblick auf eine echte Zusammenarbeit, wie sie der ursprünglichen Berufung der ganzen Menschheitsfamilie zur Einheit entspricht. Der Dialog als solcher ist ein hervorragendes Werkzeug, um die Zivilisation der Liebe und des Friedens zu verwirklichen, die Papst Paul VI. als das Ideal bezeichnete, von dem sich das kulturelle, soziale, politische und wirtschaftliche Leben unserer Zeit inspirieren lassen sollte.

Angesichts der wachsenden Ungleichheiten in der Welt ist der erste gemeinsame Wert, dessen Bewußtmachung stärker gefördert werden muß, sicher die Solidarität. Aber im Mittelpunkt einer authentischen Kultur der Solidarität steht die Förderung der Gerechtigkeit, die eng mit dem Wert des Friedens verbunden ist, dem Hauptziel jeder Gesellschaft und gemeinsamen Gut für ein wirkliches nationales und internationales Zusammenleben. Außerdem ist zu betonen, daß ein echter Dialog zwischen den Kulturen auch eine lebendige Sensibilität für den Wert des Lebens nähren muß, das niemals als willkürlich verfügbares Objekt betrachtet werden darf, sondern als die heiligste und unantastbare Wirklichkeit. Wenn der Schutz eines so grundlegenden Gutes vernachlässigt wird, kann es keinen Frieden geben; man kann nicht zum Frieden aufrufen und das Leben mißachten.

3. Die Gläubigen vereint im Aufbau des Friedens: Der interreligiöse Dialog als Weg zum Frieden

Was die Rolle der Religion und des interreligiösen Dialogs zugunsten des Friedens betrifft, scheint mir die Botschaft zum Weltfriedenstag 1992 von großem Interesse. In ihr hebt Johannes Paul II. mehrmals die Aufgabe der Gläubigen hervor, die »ja auf Grund ihres Glaubens – als einzelne und alle zusammen – dazu berufen sind, Boten und Baumeister des Friedens zu sein« (Insegnamenti G.P. II, 1991/II, S. 1332). Das ist nicht die Aufgabe einer Elite, einer »Nische«, wie man heute sagt, sondern »sie betrifft jeden Menschen guten Willens« (ebd.), auch wenn diese »Verpflichtung allen dringend auferlegt ist, die sich zum Glauben an Gott bekennen« (ebd.).

In den heiligen Büchern der verschiedenen Religionen nimmt der Bezug zum Frieden im Rahmen des Lebens des Menschen und seiner Beziehung zu Gott einen wichtigen Platz ein. In diesem Zusammenhang bemerkt Papst Wojtyla: »Religiöses Leben muß, wenn es authentisch gelebt wird, Früchte des Friedens und der Brüderlichkeit hervorbringen« (ebd., Nr. 2, S. 1333).

Man versteht also leicht die Bedeutung des Gebets für den Frieden als Faktor der Begegnung und Einheit, »wo Ungleichheiten, Unverständnis, Groll und Feindseligkeiten überwunden werden, nämlich vor Gott, dem Herrn und Vater aller« (ebd., Nr. 4, S. 1335). Zur Friedensförderung müssen zusammen mit dem Gebet die interreligiösen Kontakte und der ökumenische Dialog in Gang gebracht werden. »Dank diesen Formen der Gegenüberstellung und des Austausches« – schreibt Johannes Paul II. – »konnten sich die Religionen ihrer gewiß nicht leichten Verantwortung hinsichtlich des wahren Wohles der ganzen Menschheit klarer bewußt werden … Ein solches Vorgehen der Gläubigen kann entscheidend sein für die Befriedung der Völker und die Überwindung der immer noch bestehenden Spaltungen zwischen ›Zonen‹ und ›Welten‹« (ebd., Nr. 5, S. 1335–1336). Und er schließt: »Die interreligiösen Kontakte scheinen neben dem ökumenischen Dialog nunmehr die vorgeschriebenen Wege zu sein, damit so viele schmerzliche Verletzungen, die im Laufe der Jahrhunderte geschehen sind, nicht mehr vorkommen und die noch vorhandenen schnell geheilt werden« (ebd., Nr. 6, S. 1336).

4. Das interreligiöse Gebetstreffen von Assisi

Als historisches Ereignis, als Meilenstein im interreligiösen Dialog im Dienst des Friedens hat sich das Treffen vom 27. Oktober 1986 in Assisi erwiesen. Im Abstand von zwanzig Jahren hat Papst Benedikt XVI. am 2. September 2006 in einem Schreiben zur Erinnerung an jenes Ereignis ausgeführt, daß die Einladung an die Führer der Weltreligionen zu einem vielstimmigen Zeugnis für den Frieden damals dazu diente, unmißverständlich klarzustellen, daß die Religion nichts anderes sein könne als Verkünderin des Friedens. Das ist eine Auffassung, die in der Erklärung Nostra aetate des II. Vatikanischen Konzils über die Beziehungen der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen nachdrücklich unterstrichen wird, wo es in Nr. 5 heißt: »Wir können aber Gott, den Vater aller, nicht anrufen, wenn wir irgendwelchen Menschen, die ja nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind, die brüderliche Haltung verweigern«. Und der Papst fährt fort: »Trotz der Unterschiede, die die verschiedenen religiösen Wege kennzeichnen, muß die Erkenntnis der Existenz Gottes, zu der die Menschen auch dann gelangen können, wenn sie von der Erfahrung der Schöpfung ausgehen (vgl. Röm 1,20), die Gläubigen veranlassen, die anderen Menschen als Brüder zu betrachten. Niemand darf also religiöse Unterschiede als Voraussetzung oder Vorwand für eine feindselige Haltung anderen Menschen gegenüber nehmen«. Und die Religionskriege? »Derartige Gewaltakte« – signalisiert Benedikt XVI. – »sind nicht der Religion als solcher zuzuschreiben, sondern vielmehr der kulturellen Begrenzung, mit der sie gelebt wird und sich im Laufe der Zeit entwickelt.«

Aber kommen wir für einen Augenblick auf Assisi, auf jenen 27. Oktober 1986 zurück, als der Diener Gottes Johannes Paul II. den Wert des Gebets bei der Friedensstiftung betonte, weil »der Friede zuallererst in den Herzen entstehen muß. Das Herz des Menschen ist der Ort des Eingreifens Gottes«. In einem Klima großen Interesses bat er alle um ein glaubwürdiges Gebet, das begleitet sein soll von Fasten und Ausdruck findet in der Wallfahrt, dem Symbol des Weges zur Begegnung mit Gott, und er erklärte, daß »das Gebet unsererseits die Umkehr des Herzens einschließt« (Insegnamenti G.P. II, 1986/II, S. 1253).

Um kein Mißverständnis über den Sinn dessen aufkommen zu lassen, was man bei diesem Treffen realisieren wollte, um das richtig zu verstehen, was man den »Geist von Assisi« zu nennen pflegt, ist es wichtig, nicht zu vergessen, wie sehr man darauf bedacht war, daß jenes interreligiöse Gebetstreffen keinen Anlaß zu synkretistischen Interpretationen auf relativistischer Grundlage gäbe. Um diesem Risiko vorzubeugen, erklärte Johannes Paul II. gleich zu Beginn: »Die Tatsache, daß wir hierhergekommen sind, beinhaltet nicht die Absicht, unter uns selbst einen religiösen Konsens zu suchen oder über unsere religiösen Überzeugungen zu verhandeln. Es bedeutet weder, daß die Religionen auf der Ebene einer gemeinsamen Verpflichtung gegenüber einem irdischen Projekt, das sie alle übersteigen würde, miteinander versöhnt werden könnten. Noch ist es eine Konzession an einen Relativismus in religiösen Glaubensfragen« (ebd., S. 1252).

5. Die Absage an den Terrorismus

Der aufrichtige Dialog zwischen den Religionen muß eine klare Absage an die Gewalt und an jede Art von Terrorismus enthalten. Nach den Geschehnissen vom 11. September 2001 hat Johannes Paul II. am 24. Januar 2002 noch einmal die Religionsführer nach Assisi zum Gebet für den Frieden zusammengerufen. Bei jener Gelegenheit sagte er klar und deutlich: »Darum ist es Pflicht, daß die Personen und religiösen Gemeinschaften der Gewalt, jeder Form von Gewalt, eine ganz klare und radikale Absage erteilen, angefangen von der Gewalt, die den Anspruch erhebt, sich als Religiosität zu bemänteln, indem sie sogar den heiligen Namen Gottes anruft, um den Menschen zu beleidigen. Die Beleidigung des Menschen ist letztlich eine Beleidigung Gottes. Niemals kann eine religiöse Zielsetzung die Gewaltanwendung des Menschen gegen den Menschen rechtfertigen« (Insegnamenti G.P. II, 2002/I, S. 1011). Und in der Botschaft zum Weltfriedenstag jenes Jahres 2002 hatte er als Thema gewählt: »Kein Friede ohne Gerechtigkeit, keine Gerechtigkeit ohne Vergebung«. In der Botschaft zu diesem jährlichen Anlaß verkündete er mit Nachdruck: »Der Terrorismus basiert auf der Verachtung des Lebens des Menschen. Deshalb bildet er nicht allein den Grund für unerträgliche Verbrechen, sondern stellt selbst ein wirkliches Verbrechen gegen die Menschheit dar, insofern er auf den Terror als politische und wirtschaftliche Strategie zurückgreift« (Insegnamenti G.P. II, 2001/II, S. 1083). Und an die religiösen Führer gewandt, fügte er hinzu: »Kein Verantwortlicher der Religionen kann daher dem Terrorismus gegenüber Nachsicht üben und noch weniger kann er ihn predigen« (ebd., S. 1085).

Auf den Terrorismus bezog sich auch Benedikt XVI. in der Botschaft zum Weltfriedenstag des Jahres 2006: »Bis zum heutigen Tag« – so schrieb er – »ist die Wahrheit des Friedens immer noch auf dramatische Weise gefährdet und geleugnet durch den Terrorismus, der mit seinen Drohungen und seinen kriminellen Handlungen imstande ist, die Welt im Zustand der Angst und der Unsicherheit zu halten« (Insegnamenti Benedetto XVI, 2005/I, S. 958). Und er fügt hinzu: »Es ist zu wünschen, daß man sich bei der Analyse der Ursachen des zeitgenössischen Phänomens des Terrorismus außer den Gründen politischen und sozialen Charakters auch die kulturellen, religiösen und ideologischen Motive vor Augen hält« (ebd., S. 959).

6. Förderung und Achtung der Menschenrechte

Die letzten Überlegungen meines Vortrags möchte ich der Förderung und Achtung der Menschenrechte widmen, ein Bereich, in dem der interreligiöse Dialog für den Aufbau des Friedens nützlicher denn je ist. Tatsächlich entsteht und festigt sich der Friede dann, wenn die Menschenrechte vollständig beachtet und respektiert werden. Der Heilige Stuhl ist der Überzeugung, daß dann feste und dauerhafte Fundamente für den Aufbau des Friedens gelegt werden, wenn die Förderung der Würde der menschlichen Person das inspirierende Leitprinzip darstellt, wenn die Suche nach dem Gemeinwohl die vorherrschende Aufgabe bildet. Wenn hingegen die Menschenrechte ignoriert oder mißachtet werden, wenn die Verfolgung von Sonderinteressen ungerechterweise über das Gemeinwohl gestellt werden, dann verbreiten sich unvermeidlich die Keime der Instabilität, der Auflehnung und der Gewalt.

Die »Allgemeine Erklärung der Menschenrechte« hat als grundlegende Präambel die Feststellung, nach welcher die Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Menschheitsfamilie die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt bildet.

Papst Benedikt XVI. hat in der Botschaft zum Weltfriedenstag dieses Jahres, deren Thema »Der Mensch – Herz des Friedens« ist, bekräftigt, daß für den Aufbau einer friedlichen Gesellschaft und für die Gesamtentwicklung von Menschen, Völkern und Nationen die Verteidigung der Universalität und Unteilbarkeit der Menschenrechte wesentlich ist. Unter diesen Rechten möchte ich zwei herausgreifen, die heute besonders mehr oder weniger offenkundigen Verletzungen ausgesetzt sind: nämlich das Recht auf Leben und das Recht auf Religionsfreiheit. Das menschliche Leben ist heilig und muß von seiner Empfängnis bis zu seinem natürlichen Ende als solches betrachtet werden. Das ist ein unantastbares Recht, das die klare Ablehnung jeder Form von Gewalt einschließt.

Neben dem Recht auf Leben liegt der Kirche in gleicher Weise das Recht auf Religionsfreiheit am Herzen. In der Botschaft zum Weltfriedenstag 1999 schreibt Johannes Paul II.: »Die Religionsfreiheit bildet den Kern der Menschenrechte. Sie ist so unantastbar, daß sie fordert, daß der Person auch die Freiheit des Religionswechsels zuerkannt wird, wenn das Gewissen es verlangt. Denn jeder ist gehalten, dem eigenen Gewissen in jeder Situation zu folgen, und darf nicht gezwungen werden, gegen sein Gewissen zu handeln. Gerade deshalb darf niemand gezwungen werden, unbedingt eine bestimmte Religion anzunehmen, welche Umstände oder Beweggründe es auch immer dafür geben mag« (Insegnamenti G.P. II, 1998/II, S. 1218).

7. Schluß

In meinem Beitrag zur Eröffnung Ihrer Arbeiten wollte ich auf einige Stichworte aus den Überlegungen und der Aktivität des Heiligen Stuhls hinweisen, die den Lehren der Päpste über ein Thema von großer Aktualität entnommen sind.

Als Priester und jetzt als Kardinalstaatssekretär komme ich immer mehr zur Überzeugung, daß jedem Dialog zwischen Menschen das Einander- Zuhören und das gegenseitige Kennenlernen zugrunde liegen muß; es muß die Achtung vorhanden sein, die aus der Anerkennung des guten Willens des anderen und aus der Klarheit und Aufrichtigkeit bei der Darlegung der eigenen Positionen entsteht. Der interreligiöse Dialog im Dienst des Friedens macht eine »Reinigung« des Glaubens erforderlich, die das Herz für die Liebe öffnet; er erfordert letzten Endes eine ständige »Umkehr« zu Gott. Denn Gott allein kann das Herz des Menschen berühren und den Funken jener Liebe überspringen lassen, die zu Annahme und Vergebung und damit zur günstigen Voraussetzung für die Verteidigung und den Aufbau des Friedens wird.

Möge auch diese Begegnung zu einem gegenseitigen Kennenlernen und zur Achtung zwischen allen Teilnehmern werden und dazu dienen, die Tätigkeit des Heiligen Stuhls und den Geist, der ihn beseelt, besser kennenzulernen. Möge sie uns vor allem helfen, unermüdliche Friedensstifter in einer Welt zu werden, wo Gott nicht als fremd oder, schlimmer, als Feind des Glücks des Menschen gesehen wird, sondern als echter Freund der Menschheit, die er unter seinen Schutz nimmt. In der väterlichen Umarmung Gottes kann die Menschheitsfamilie nur zu einer freieren, gedeihlicheren und glücklicheren Menschheit wachsen.

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Quelle

Papstmesse: „Schämen wir uns für den Krieg“

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Papst Franziskus bei der Predigt in der Casa Santa Marta

Papst Franziskus erklärt „Assisi“: Die Welt braucht Frieden, und um Frieden zu bitten, sei eine Pflicht. Das verdeutlichte der Papst bei seiner Frühmesse am Dienstag, bevor er nach Assisi zum Friedenstreffen abreiste. Man soll um den Frieden beten, „bis man sich der Kriege schämt“, die es noch gibt, und vor allem dürfe man die Augen vor dem Krieg nicht verschließen. Es gebe kein „Gott der Kriege“, so der Papst. Die Gewalt zwischen den Menschen sei das Werk des Bösen, und dagegen müsse jeder Mensch vorgehen. Dies könne durch das Gebet wie auch durch das „Weinen für den Frieden“ geschehen, so der Papst. Jede Religion glaube, dass Gott „nur für den Frieden einstehen“ könne.

Zum Friedenstreffen in Assisi, das 30 Jahre nach dem ersten Treffen mit Johannes Paul II. stattfindet, sagte Franziskus: „Es geht nicht darum, dort ein Schauspiel zu veranstalten, sondern einfach darum, zu beten, und zwar für den Frieden.“ Er lud alle Bischöfe – und auch alle Gläubigen – ein, an diesem Dienstag gemeinsam für Frieden zu beten, egal wo man sich befindet.

„Die heutige Erste Lesung endet auf diese Weise: ,Wer sein Ohr verschließt vor dem Schreien des Armen, wird selbst nicht erhört, wenn er um Hilfe ruft.´ (vgl. Spr 21, 1-6.10-13) Wenn wir unsere Ohren verschließen vor dem Leid jener, die bombardiert werden, die durch den Menschenhandel leiden, dann kann es sein, dass eines Tages dies an uns geschieht und wir auf Antworten warten. Wir können die Ohren nicht verschließen vor dem Geschrei des Leids unserer Geschwister, die wegen des Krieges leiden.“

Hier im Westen sehe man den Krieg nicht, stattdessen fürchten sich viele vor terroristischen Anschlägen, fuhr Franziskus fort. Doch dies sei nichts im Vergleich zu dem, was in den heutigen Kriegsgebieten der Welt passiere: Bomben töteten Alte, Kinder, Männer und Frauen; im Übrigen seien die klassischen Kriegsschauplätze gar nicht so weit entfernt von den vermeintlich sicheren Orten. Jeder Krieg entstehe zuerst in den Herzen der Menschen.

„Möge der Herr uns den Frieden in unseren Herzen schenken. Er möge die Habsucht, die Gier und die Gewaltbereitschaft in uns beseitigen. Wir brauchen Frieden! Möge unser Herz den Frieden aufnehmen und ohne Unterscheidung der Religionen. Das gilt für alle! Denn wir sind alle Kinder Gottes! Eines Gottes des Friedens. Es gibt keinen Gott des Krieges. Der Krieg ist immer ein Werk des Bösen, des Teufels, der uns alle umbringen will.”

Davor könne es keine religiöse Unterschiede geben. Es sei falsch, Gott dafür zu danken, „vom Krieg verschont zu sein“. Man müsse auch an die Betroffenen denken, so der Papst weiter.

„Denken wir heute nicht nur an die Bomben, Toten, Verletzten, denken wir an all jene – ob Kinder oder Alte – die keine humanitären Hilfe bekommen und nichts zu essen haben, die keine Medizin erhalten, die hungern und krank sind. Sie erhalten keine Hilfe, weil Bomben dies verhindern. Und wenn wir heute für den Frieden beten, dann wäre es schön, wenn jeder von uns sich der Kriege schämt, die es auf der Welt gibt. Schämen wir uns, dass Menschen dazu fähig sind, ihren Geschwistern solche schreckliche Taten zu vollbringen. Es ist ein Tag des Gebets, der Reue, des Weinens um des Friedens willen. Möge der Schrei der Leidenden gehört werden und die Herzen der Menschen sich der Barmherzigkeit und der Liebe öffnen, die uns vor dem Egoismus retten.“

(rv 20.09.2016 mg)

DER HEILIGE JOHANNES PAUL II. AM 24. JANUAR 2002 IN ASSISI

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WELTGEBETSTAG FÜR DEN FRIEDEN

ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II .
AN DIE REPRÄSENTANTEN DER WELTRELIGIONEN

Assisi, 24. Januar 2002

1. In einer Friedenswallfahrt sind wir nach Assisi gekommen. Als Vertreter der verschiedenen Religionen sind wir hier, um uns vor Gott zu prüfen im Hinblick auf unseren Einsatz für den Frieden. Zugleich wollen wir Ihn um das Geschenk des Friedens bitten und unsere gemeinsame Sehnsucht nach einer gerechteren und solidarischeren Welt bezeugen.

Wir wollen unseren Beitrag dazu leisten, daß die Wolken des Terrorismus, des Hasses, der bewaffneten Konflikte vertrieben werden, denn in den vergangenen Monaten haben sich diese Wolken am Horizont der Menschheit besonders verdichtet. Deshalb wollen wiraufeinander hören, weil das schon ein Zeichen des Friedens ist, das fühlen wir. Darin liegt ja schon eine Antwort auf die besorgten Fragen, die uns beunruhigen. Das dient bereits dazu, die Nebel des Mißtrauens und Unverständnisses zu lichten.

Die Finsternis kann nicht mit Waffen aufgehellt werden; die Finsternis weicht, wenn Lichter angezündet werden. Haß wird nur durch Liebe besiegt, das betonte ich vor einigen Tagen vor dem beim Hl. Stuhl akkreditierten Diplomatischen Korps.

2. Wir haben uns hier in Assisi eingefunden, wo alles von einem einzigartigen Propheten des Friedens Zeugnis gibt, der Franziskusgenannt wird. Er wird nicht nur von den Christen, sondern auch von vielen Andersgläubigen geliebt, von Menschen, die der Religion fernstehen, aber sich zu seinen Idealen der Gerechtigkeit, der Versöhnung und des Friedens bekennen.

Der »Poverello« von Assisi lädt uns hier zunächst ein, Gott für alle seine Gaben zu danken. Wir loben Gott für die Schönheit des Kosmos und der Erde, des wunderbaren »Gartens«, den er dem Menschen anvertraut hat, damit er ihn bebaue und hüte (vgl. Gen2, 15). Es ist gut, wenn die Menschen sich daran erinnern, daß sie sich in einem von Gott für sie geschaffenen »Gartenstück« des Weltalls befinden. Es ist wichtig, daß sie sich dessen bewußt sind, daß weder sie noch die Dinge, um die sie sich so sehr mühen, das »Ganze« sind. Nur Gott ist »das Ganze«, und am Ende muß jeder vor ihn hintreten und Rechenschaft ablegen.

Wir loben Gott, den Schöpfer und Herrscher über das All, für das Geschenk des Lebens und besonders das des menschlichenLebens, das einem geheimnisvollen Plan seiner Güte entsprechend auf der Erde entstanden ist. Das Leben in all seinen Formen ist in ganz besonderer Weise der Verantwortung der Menschen anvertraut.

Jeden Tag stellen wir mit neuem Staunen die große Verschiedenheit fest, in der das menschliche Leben sich kundtut, angefangen von der weiblichen und männlichen Polarität bis hin zu einer Vielfalt von charakteristischen Gaben, die den einzelnen Kulturen und Traditionen eigen sind, die einen mannigfaltigen und vielfältigen Kosmos im Hinblick auf Sprache, Kultur und Kunst bilden. DieseVielfältigkeit ist dazu berufen, sich zur Bereicherung und Freude aller durch die Gegenüberstellung und den Dialog zu ergänzen.

Gott selbst hat dem Menschenherzen den instinktiven Antrieb, in Frieden und Harmonie zu leben, eingepflanzt. Dieser Wunsch sitzt tiefer und fester als irgendein Antrieb zu Gewalt. Und diesen Wunsch wollen wir hier in Assisi bekräftigen. Wir tun es in dem Bewußtsein, dem tiefsten Gefühl jedes Menschen Ausdruck zu verleihen.

Im Lauf der Geschichte gab und gibt es Männer und Frauen, die sich gerade aufgrund ihres Glaubens als Zeugen des Friedensauszeichneten. Durch ihr Beispiel lehren sie uns, daß es möglich ist, zwischen den einzelnen und zwischen den Völkern Brücken zu bauen, um einander zu begegnen und zusammen den Weg des Friedens zu gehen. Wir wollen auf sie schauen und uns von ihnen inspirieren lassen für unseren Einsatz im Dienst an der Menschheit. Sie ermutigen uns in der Hoffnung, daß es auch in dem soeben begonnenen neuen Jahrtausend nicht an Männern und Frauen des Friedens fehlen wird, die imstande sind, das Licht der Liebe und der Hoffnung in die Welt auszustrahlen.

3. Der Friede! Die Menschheit braucht immer den Frieden, aber heute braucht sie ihn mehr denn je, das heißt nach den tragischen Ereignissen, die ihr Vertrauen erschüttert haben und die Welt durch die fortdauernden Brandherde und leidvollen Konflikte in Angst versetzen. In der Botschaft vom 1. Januar des Jahres habe ich besonders zwei »Stützpfeiler« hervorgehoben, auf denen der Frieden gründet:den Einsatz für die Gerechtigkeit und die Bereitschaft zur Vergebung.

An erster Stelle die Gerechtigkeit, denn es gibt keinen wahren Frieden ohne die Achtung der Würde der Personen und der Völker, der Rechte und der Pflichten eines jeden und der gleichen Verteilung von Wohltaten und Lasten zwischen den einzelnen und der Gesamtheit. Nicht zu vergessen ist, daß den Akten von Gewalt und Terrorismus oft Situationen von Unterdrückung und Ausgrenzung zugrunde liegen. Und dann auch die Vergebung, weil die menschliche Gerechtigkeit der Brüchigkeit und den Grenzen der Egoismen von Einzelpersonen und Gruppen ausgesetzt ist. Nur die Vergebung heilt die Wunden der Herzen und stellt die gestörten menschlichen Beziehungen im Innern wieder her.

Erforderlich sind Demut und Starkmut, um in dieser Richtung fortzuschreiten. Der Kontext der heutigen Begegnung, das heißt des Dialogs mit Gott, bietet uns die Gelegenheit, zu bekräftigen, daß wir in Gott die herausragende Vereinigung der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit finden. Er ist sich selbst und dem Menschen in höchstem Maß treu, auch wenn sich der Mensch von Ihm entfernt.Die Religionen dienen deshalb dem Frieden. Sie und vor allem ihre Führer haben die Aufgabe, in den Menschen unserer Zeit ein neues Bewußtsein zu wecken hinsichtlich der Dringlichkeit, den Frieden aufzubauen.

4. Das haben die Teilnehmer der Interreligiösen Konferenz anerkannt, die im Oktober 1999 im Vatikan stattfand; sie bekräftigten, daß die religiösen Traditionen die notwendigen Fähigkeiten besitzen, um die Spaltungen zu überwinden und die gegenseitige Freundschaft und Achtung unter den Völkern zu fördern. Bei dieser Gelegenheit wurde auch anerkannt, daß die tragischen Konflikte oft aus der unrechten Verbindung der Religion mit nationalistischen, politischen, wirtschaftlichen oder anderen Interessen erwachsen. Wir, die hier versammelt sind, bekräftigen noch einmal, daß derjenige, der die Religion dazu benützt, um die Gewalt zu schüren, ihrem eigentlichen inneren Antrieb widerspricht.

Darum ist es Pflicht, daß die Personen und religiösen Gemeinschaften der Gewalt, jeder Form von Gewalt, eine ganz klare und radikale Absage erteilen, angefangen von der Gewalt, die den Anspruch erhebt, sich als Religiosität zu bemänteln, indem sie sogar den heiligen Namen Gottes anruft, um den Menschen zu beleidigen. Die Beleidigung des Menschen ist letztlich eine Beleidigung Gottes. Niemals kann eine religiöse Zielsetzung die Gewaltanwendung des Menschen gegen den Menschen rechtfertigen.

5. Jetzt wende ich mich in besonderer Weise an euch Christen, Brüder und Schwestern. Unser Lehrer und Herr Jesus Christus beruft uns dazu, Apostel des Friedens zu sein. Er hat sich die goldene Weisheit der Alten zu eigen gemacht: »Alles was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen!« (Mt 7, 12; vgl. Lk 6, 31), und das Gebot Gottes an Mose: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (vgl. Lev 19, 18; Mt 22, 39 und Parallelstellen), indem er sie in dem neuen Gebot zur Vollendung führte: »Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben« (Joh 13, 34).

Durch den Tod auf Golgota hat er in sein Fleisch die Wundmale des göttlichen Leidens für die Menschheit eingedrückt. Als Zeuge des Liebesplans des himmlischen Vaters ist er »unser Friede. Er vereinigte die beiden Teile und riß durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft nieder« (Eph 2, 14).

Mit Franziskus, dem Heiligen, der die milde Luft dieser hügeligen Landschaft geatmet und dieses Gebiet durchquert hat, schauen wir auf das Geheimnis des Kreuzes, den Baum der Erlösung, der vom heilbringenden Blut Christi getränkt ist. Das Geheimnis des Kreuzes war kennzeichnend für das Leben des »Poverello«, der hl. Klara und so vieler anderer Heiligen und christlicher Märtyrer. Ihr Geheimnis war genau dieses Zeichen des Sieges der Liebe über den Haß, der Vergebung über die Rache, des Guten über das Böse. In ihren Fußstapfen sollen wir fortschreiten, damit der Friede Christi zum brennenden Wunsch für das Leben der Welt werde.

6. Wenn der Friede ein Geschenk Gottes ist und in ihm seinen Ursprung hat, wo könnten wir ihn suchen, und wie könnten wir ihn bauen, wenn nicht in einer engen und tiefen Beziehung zu Ihm? Den Frieden in der Ordnung, Gerechtigkeit und Freiheit aufzubauen, erfordert deshalb an erster Stelle das Bemühen des Gebets, das Offenheit, Hören, Dialog und zuletzt Vereinigung mit Gott ist, dem eigentlichen Ursprung des wahren Friedens.

Beten heißt nicht, vor der Geschichte und den Fragen, die sie aufwirft, zu fliehen. Im Gegenteil, es bedeutet die Entscheidung, die Wirklichkeit nicht allein, sondern mit der Kraft, die von oben kommt, mit der Kraft der Wahrheit und der Liebe, anzugehen, deren ursprüngliche Quelle in Gott ist. Der religiöse Mensch weiß, daß er angesichts der Nachstellungen des Bösen auf Gott, den absoluten Willen zum Guten, zählen kann; er weiß, daß er Ihn um den Starkmut bitten kann, die Schwierigkeiten zu überwinden, auch die härtesten, mit persönlicher Verantwortlichkeit und ohne in Fatalismus oder impulsive Reaktionen zu fallen.

7. Brüder und Schwestern, die ihr aus so vielen Teilen der Welt hierhergekommen seid! In Kürze begeben wir uns an die vorbereiteten Plätze, um von Gott das Geschenk des Friedens für die ganze Menschheit zu erflehen. Bitten wir, daß es uns gegeben sei, den Weg des Friedens, der rechten Beziehungen zu Gott und zwischen uns zu erkennen. Bitten wir Gott, unsere Herzen zu öffnen für die Wahrheit über Ihn und über den Menschen. Das Ziel ist eines, und das Anliegen ist das gleiche, aber wir werden in unterschiedlichen Formen beten und die religiösen Traditionen der anderen achten. Auch das ist im Grunde genommen eine Botschaft: Wir wollen der Welt zeigen, daß der aufrichtige Gebetsimpuls nicht zur Gegenüberstellung und noch weniger zur Verachtung des andern antreibt, sondern zum konstruktiven Dialog, in dem jeder, ohne in irgendeiner Weise dem Relativismus oder Synkretismus nachzugeben, sich noch stärker der Pflicht der Zeugenschaft und Verkündigung bewußt wird.

Es ist Zeit, diese Versuchungen zur Anfeindung, an denen es auch in der Religionsgeschichte der Menschheit nicht gefehlt hat, entschlossen zu überwinden. Wenn sie sich auf die Religion berufen, zeigen sie in Wirklichkeit eine sehr unreife Seite von ihr. Denn das ehrliche religiöse Empfinden leitet dazu an, in irgendeiner Weise das Geheimnis Gottes zu spüren, jenes Ursprungs der Güte, und das ist eine Quelle der Achtung und des Verstehens zwischen den Völkern: genau darin liegt das wichtigste Gegenmittel gegen Gewalt und Konflikte (vgl. Botschaft, Nr. 14).

Und Assisi wird heute wie am 27. Oktober 1986 wieder das »Herz« einer zahllosen Schar, die um den Frieden bittet. Mit uns vereinigen sich viele Menschen, die seit gestern bis heute abend in Gotteshäusern, zu Hause, in den Gemeinschaften, in der ganzen Welt für den Frieden beten. Es sind alte Menschen, Kinder, Erwachsene und Jugendliche: ein Volk, das nicht müde wird, an die Kraft des Gebets zu glauben, um den Frieden zu erlangen.

Der Friede soll vor allem in den Herzen der jungen Generationen wohnen. Jugend des dritten Jahrtausends, junge Christen, Jugend aller Religionen, ich bitte euch, wie Franz von Assisi fügsame und mutige »Wächter« des wahren Friedens zu sein, der auf der Gerechtigkeit und Vergebung, auf der Wahrheit und Barmherzigkeit gründet!

Schreitet der Zukunft entgegen, und haltet die Fackel des Friedens hoch. Die Welt verlangt nach diesem Licht!

© Copyright 2002 – Libreria Editrice Vaticana

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Quelle


GEBETSTAG FÜR DEN WELTFRIEDEN

STELLUNGNAHMEN DER VERTRETER DER RELIGIONEN
BEIM GEBETSTREFFEN IN ASSISI

Donnerstag, 24. Januar 2002

 

Beiträge:


Ökumenischer Patriarch Bartholomaios I.

»Der wahre Friede kommt von Gott« (vgl. hl. Johannes Chrysostomus, PG 61, 14).

Der Friede Gottes und der Friede auf Erden stehen in einem Mutter-Tochter-Verhältnis zueinander.

Unser Herr Jesus Christus, den der Prophet Jesaja als »Fürst des Friedens« bezeichnet (vgl.Jes 9, 6),  machte zwar einen Unterschied zwischen dem Frieden Gottes und dem Frieden auf Erden (vgl. Joh 14, 27), aber er nannte auch all jene selig, die Frieden stiften, und versprach ihnen, daß sie »Söhne Gottes genannt werden« (Mt 5, 9).

Der Friede Gottes wird all denen angeboten, die durch Jesus Christus mit Gott versöhnt sind und durch Liebe, Tugend, vollkommenen Glauben und Vertrauen zu ihm ihre Gemeinschaft mit ihm auch tatsächlich unter Beweis stellen.

Der Friede Gottes ist der vollkommenste Segen und stellt die zuverlässige Führung des Menschen dar (vgl. Basilius d. Gr., PG 30, 305). Als solcher übersteigt er alles Verstehen (vgl. Phil 4, 7) und hat kein Ende (vgl. Jes 9, 7). »Er erstreckt sich auf jedes Jahrhundert, denn er ist unbegrenzt und unendlich« (vgl. Basilius d. Gr., PG 30, 513). Einen solchen Frieden kann es nicht geben, »wenn man nicht zuerst die Tugend erreicht hat« (vgl. hl. Johannes Chrysostomus, PG 62, 73), denn er ist eine Frucht der Gnade. Diese wirkt in jenen, die von bösen Absichten und innerem Zwist frei sind. Die bösen Leidenschaften verursachen innere Unruhe, und wenn sie den Willen dazu veranlassen, sie in die Tat umzusetzen, führen sie zum äußeren Krieg (vgl. Jak 4, 1).

Um also Frieden in der Welt zu haben, muß man im Frieden mit Gott und demzufolge mit sich selbst und untereinander sein. Das Wort Christi an die Stadt Jerusalem: »Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was dir Frieden bringt« (Lk 19, 42), ist heute gleichermaßen an die ganze Welt gerichtet. Wir haben die Pflicht, vor allem jetzt, nach der Ermordung so vieler Opfer und nach furchtbaren Massakern, uns in erster Linie die spirituellen, aber auch die wirtschaftlichen und die anderen Voraussetzungen des Friedens auf Erden bewußt zu machen. Diese Voraussetzungen sind: Gerechtigkeit; Achtung des heiligen Charakters der menschlichen Person unseres Nächsten, seiner Freiheit und Würde; Versöhnung;wohlwollende und selbstlose Einstellung gegenüber den Mitmenschen und gegenüber dem von Gott gewollten tugendhaften Leben, in dem auch die Gerechtigkeit enthalten ist;eine gerechte Beteiligung aller Menschen an den Gütern der Erde, an Wissenschaft und Technologie. Damit sich die von Christus vorhergesehene und in damaliger Zeit geschehene Zerstörung einer einzigen Stadt nicht in weltumspannenden Ausmaßen für unsere Generationen wiederholt, müssen wir Reue zeigen, zu Gott zurückkehren und seinen heiligen Willen erkennen und erfüllen. Dann wird Gott, der nicht ein Gott des Krieges und Kampfes, sondern ein Gott des Friedens ist, unser Gebet erhören und uns selbst sowie der ganzen Welt auch den Frieden auf Erden geben. Wenn wir hingegen in den sündigen und bösen Leidenschaften, in habgierigen, eigennützigen und selbstsüchtigen persönlichen Bestrebungen beharren, werden die Stimmen des Krieges lauter werden, und Unheil wird die Erde und die Menschheit treffen.

Der Herr des Friedens gewähre uns seinen Frieden. Amen.

Erzbischof von Canterbury, George Carey

(Vorgelesen von Bischof Richard Garrard.)

Mit großer Freude begrüße ich die führenden Repräsentanten der Glaubensgemeinschaften, die sich auf Einladung Seiner Heiligkeit Papst Johannes Paul II. in Assisi versammelt haben. Es tut mir sehr leid, daß ich nicht persönlich bei euch sein kann, besonders weil die Verantwortlichen der Religionen in unserer zunehmend unsicheren und gefährlichen Welt einen wichtigen Beitrag zum Frieden und zur Versöhnung leisten können.

In den vergangenen Monaten haben wir aufs neue erkannt, wie sehr wir einander brauchen. Wir haben Gewalt, Krieg und Haß erlebt und haben gesehen, wie die Fehler einer Generation von den Kindern und Kindeskindern wiederholt werden können. Wir benötigen die Gnade Gottes, um unsere Hände in übermenschlicher Großherzigkeit auszustrecken und um uns selbst sowie unsere Nächsten von den Fesseln der Vergangenheit zu befreien.

Das ist weder ein rascher noch ein schmerzloser Weg. Wo Menschen Feindschaft und Mißtrauen gelernt haben, braucht es lange, um Freundschaft und Vertrauen aufzubauen. Jesus Christus, der inspirierende Führer aller Christen, hat uns gelehrt, daß die Trauernden selig sind, weil sie getröstet werden. Er lehrte, daß die Barmherzigen selig sind, weil sie Erbarmen finden werden, und daß die Friedensstifter selig sind, weil sie Söhne Gottes genannt werden. Wir sind aufgerufen, voller Hoffnung zu bleiben und nicht den Mut zu verlieren.

Die religiösen Organisationen und wir als religiöse Verantwortungsträger sind mit einem sehr heiklen und schwierigen Auftrag betraut. Trotz unserer Unvollkommenheit sind wir Zeugen der Güte Gottes. Wir versuchen, Worte der Wahrheit, der Liebe und der Vergebung zu sprechen und dabei am Guten festzuhalten. Wir sind uns dessen bewußt, daß unsere Traditionen mißbraucht werden können, um die Menschen zu entzweien, anstatt sie zu vereinen. Manchmal haben wir uns eher über die trennenden als über die gemeinsamen Elemente festgelegt.

Wir geben zu, daß wir einander mißverstanden und verletzt haben; deshalb müssen wir den Frieden auf unserem inneren Bedürfnis aufbauen, die Vergebung anzunehmen und anzubieten.

Unsere Bemühungen müssen allerdings realistisch, im Gebet verwurzelt und prophetisch sein. Wir können nicht den Gefangenen die Freiheit verkünden, ohne auch diejenigen freizulassen, die durch erdrückende Schulden in Armutssituationen geraten. Wenn wir einträchtig mit unseren Nächsten zusammenleben wollen, bedeutet dies, daß wir den Hungrigen zu essen geben und die Kranken medizinisch betreuen müssen. Wenn wir uns als Mitglieder einer einzigen Menschenfamilie betrachten, müssen wir die guten Dinge, die manche von uns besitzen, mit den vielen Menschen, die all dies nicht besitzen, teilen.

Wir müssen dies auf eine Art und Weise tun, die für alle Menschen ehrenhaft ist, ihre Menschenwürde achtet und sie in die Lage versetzt, sich am wirtschaftlichen und politischen Leben der Welt zu beteiligen.

Brüder und Schwestern, auch wenn ich nicht persönlich bei euch bin, wird euer Treffen sehr stark in meinen Gedanken und Gebeten präsent sein. Dieser Tag ist eine neue Etappe unserer Reise, ein Zeichen unserer Verpflichtung untereinander und gegenüber Gott, der uns gemeinsam nach vorn führt.

Dr. Ishmael Noko (Lutherischer Weltbund)

Heute ist ein Tag, an dem wir uns mit unseren Bitten für die Zukunft der Welt an Gott, unseren mächtigen göttlichen Lebensquell mit vielen Namen, wenden. Er bietet die Gelegenheit, darüber nachzudenken, was religiöser Glaube in einer Welt der Gewalt bedeutet. Folgende Frage stellt sich uns: Wem gilt unsere letztendliche Treue? Wie können wir zuerst und vor allem Zeugnis geben für einen Gott, der die ganze Welt liebt, und nicht für einen, der an bestimmte nationale, kulturelle oder politische Treueversprechen gebunden ist?

Der interreligiöse Dialog und die Beziehungen zwischen Menschen unterschiedlichen Glaubens sind schon an sich Ausdruck eines wahren Glaubens an Gott. Sie bauen Brücken des gegenseitigen Vertrauens und der Achtung und reißen die Mauern der Feindseligkeit nieder. Die interreligiösen Beziehungen können nicht von ihren möglichen sozialen und politischen Auswirkungen getrennt werden. Durch Dialog, Selbsterforschung, Gebet und Betrachtung können wir die Situationen der Verzweiflung in vielen Teilen der Welt, die zur Anfachung von Haß und Gewalt beitragen, besser verstehen und fähig werden, eine Antwort auf sie zu geben. Ich bete dafür, daß wir durch diese Mittel die richtigen Wege finden zur Bekämpfung der Armut, der wirtschaftlichen Ungleichheiten, der Verletzungen der Menschenrechte, der Strukturen des Machtmißbrauchs und anderer schwerwiegender Ungerechtigkeiten, die eine solche Verzweiflung noch verstärken.

In einer Welt, die erschüttert wurde von der Schärfe der von religiösem Fundamentalismus angefachten Haßgefühle, wurde dem Dialog zwischen den Religionen neue Aufmerksamkeit und Priorität eingeräumt. Das höchste Ziel dieses Dialogs – sowie des Gebets und der Überlegungen, die wir nun anstrengen werden – besteht im Hören auf das, was Gott uns durch unsere verschiedenen Traditionen sagen möchte. Auf diese Weise können wir die Gnade und den Willen Gottes erkennen und jenen Einstellungen eine Absage erteilen, die religiös motivierte Konflikte legitimieren.

Die Vereinten Nationen, denen verdientermaßen im vergangenen Jahr der Friedensnobelpreis zuerkannt worden ist, müssen sich in Zukunft noch weiter in die schon zu Beginn anvisierte Struktur hineinentwickeln, damit sie die Freundschaft unter allen Nationen immer besser fördern können. Sie sollen sich dazu verpflichten und mit Entschlossenheit dafür einsetzen, Maßnahmen im Hinblick auf die internationale Gerechtigkeit, den Frieden und die Unversehrtheit der Schöpfung Gottes zu ergreifen. Die Rolle der Diplomatie muß gestärkt werden, um die dem Terrorismus und der Gewalt zugrundeliegenden Ursachen direkt angehen zu können. Die Zielsetzung diplomatischer Beziehungen ist in der gegenwärtigen Situation von größerer Bedeutung als die Schaffung eines Bündnisses für militärische Aktionen. Die Diplomatie muß wesentlich zur Berichtigung und Heilung vergangener Ungerechtigkeit sowie zum Aufbau gemeinsamer Visionen für eine bessere Zukunft beitragen.

Auf den Politikern der ganzen Welt lastet derzeit eine schwere Verantwortung. Gleiches gilt für die Religionsgemeinschaften, die Finanzwelt, die Bereiche von Wissenschaft und Erziehung, die Einrichtungen und Organisationen des Informationssektors und die Unterhaltungsbranche. Die globalisierte Welt darf nicht ein Schauplatz brutaler Auseinandersetzungen sein, sondern sie muß ein Ort der Suche nach einer gemeinsamen Zukunft der Menschheit werden.

Zu diesem kritischen Zeitpunkt werden die Kirchen des Lutherischen Weltbundes versuchen, ihre Aufgabe als Partner für die Brüderlichkeit unter den Menschen und Gerechtigkeit in den verschiedenen Bereichen zu erfüllen; besonders durch Dialog und gemeinsame Initiativen mit den Mitgliedern anderer Glaubensgemeinschaften.

Mögen wir alle – durch unseren Gottesdienst und unser Gebet –Werkzeuge sein, durch die Gott für die Heilung der Welt wirken kann.  

Dr. Setri Nyomi (Weltbund der Reformierten Kirchen)

Der barmherzige Samariter.
Und wer ist mein Nächster?

Als Kirchen der reformierten Tradition können wir nicht umhin, eine solche Stunde des Zeugnisses mit dem Wort Gottes zu beginnen. Bei der vertrauten Geschichte des barmherzigen Samariters wurde immer die Betonung auf den unerwarteten Helfer gelegt, der sich als Nächster verhielt – oft ohne eine tiefere Erforschung der religiösen und kulturellen Unterschiede, die zwischen demjenigen, der hilft, und demjenigen, dem geholfen wird, bestehen. Es ist interessant, daß unser Herr Jesus diese Geschichte zur Antwort gab, als man ihm eine Frage über die Voraussetzungen für das Heil stellte; in ihr finden sich Worte der Liebe, Achtung, Sorge und Anteilnahme gegenüber den Menschen, die vielleicht einer ganz anderen Kultur oder Religion angehören – anstatt achtlos an ihnen vorüberzugehen, sie zu ignorieren oder gar als Feinde zu behandeln.

Solche Erzählungen zeigen uns die Grundlage für unseren Auftrag zum Aufbau einer Kultur des Friedens in unserer heutigen Welt auf. Leider haben wir gegenwärtig eine Welt geerbt, in der Menschen mit andersartigen (oftmals politischen oder wirtschaftlichen) Intentionen die Religionen als Werkzeuge zu ihren eigenen Kriegen verwenden und auf diese Weise die Welt in einen Zustand der Friedlosigkeit stürzen. Wenn wir die Geschichte des barmherzigen Samariters nur noch einmal hören könnten!

In dieser Stunde des Zeugnisgebens sind wir nicht hier, um zu klagen. Wir sind vor allem hier, um die positiven Beispiele der Nächstenliebe zu preisen. Dankbar erinnern wir uns an die Erfahrung des Christlichen Rates von Liberia und des Obersten Islamischen Rates in Liberia, die sich zusammengetan haben, um das Interreligiöse Komitee zu bilden. Dies war der Ausgangspunkt des Weges zum Frieden in Liberia. Ja, der Friede ist in Liberia noch nicht vollständig zur Wirklichkeit geworden, aber der Beschluß dieser beiden Gemeinschaften zur Zusammenarbeit war ein wichtiger Meilenstein, und diese Entscheidung führt Liberia weiter auf einen beständigeren Frieden zu. Ähnliches kann von Sierra Leone gesagt werden. Aus Indonesien erreichen uns Nachrichten über Gemeinschaften, in denen Christen und Muslims über Jahre friedlich zusammengelebt haben – bis in die jüngste Vergangenheit, als teilweise von außen gesteuerte Kräfte auf manchen Inseln damit begannen, Christen und Muslims gegeneinander aufzubringen. In den vergangenen Monaten wurden wir jedoch auch darüber unterrichtet, daß es auf beiden Seiten dieser Gemeinschaften Menschen gibt, die sich zum Dialog zusammenfinden und sich gegen alle zerstörerischen Kräfte stellen wollen. Dies sind Zeichen der Hoffnung, die wir ermutigen und für die wir beten müssen.

Unsere Aufgabe ist, dafür zu beten, daß diese Saat des Friedens weiter aufkeimt. Wir brauchen mehr Samariter, die sich von ihrem Glauben anregen lassen und die nicht durch Religionsunterschiede dazu verleitet werden, die anderen zu ignorieren oder gar zu hassen. Wir sind Mitglieder derselben Gemeinschaften auf derselben Erde. Wenn wir uns für den Aufbau des Friedens in unseren eigenen Gemeinschaften einsetzen, so ist dies keine Unredlichkeit gegenüber unseren Religionen und kein Widerspruch zum Geist unserer Religion. Dieser Einsatz ist Teil unserer Berufung.

Laßt uns alle daher immer mehr zur Einheit finden und für den Frieden beten.

Geshe Tashi Tsering (Buddhismus)

Möge ich doch in jedem Augenblick, jetzt und allezeit, zu einem Beschützer der Schutzlosen werden, zu einem Führer für diejenigen, die vom Weg abgekommen sind, zu einem Schiff für alle, die Ozeane überqueren müssen, zu einer Brücke für diejenigen, die Flüsse durchqueren möchten, zu einem Schutzraum für die Menschen in Gefahr, zu einer Lampe für die, die Licht brauchen, zu einer Zuflucht für die Menschen, die eine Herberge suchen, und zu einem Diener aller Bedürftigen.

So lange der Weltraum besteht, so lange es empfindungsfähige Wesen gibt, so lange möge auch ich bleiben und das Elend der Welt vertreiben. (Ein Leitfaden zur Lebensform des Bodhisattva, Shantideva).

Chef Amadou Gasseto (Afrikanische Naturreligionen)

Die Initiative von Papst Johannes Paul II. zugunsten des Friedens hat in mir große Freude und Hoffnung für die Zukunft unserer oft von Gewalt und Kriegen zerrissenen Welt geweckt. Die an mich ergangene Einladung zur Teilnahme am Friedensgebet in Assisi ehrt mich sehr, und sie ehrt auch alle gläubigen Anhänger des Vodun Avélélékété, dessen Hoherpriester ich bin. Durch die Annahme der Einladung zu diesem Gebet verpflichte ich mich, bei meinen Gläubigen einen Geist und ein Verhalten des Friedens zu fördern, die sich positiv auf die Gesellschaft in Benin auswirken können.

Zunächst erkenne ich aber, daß der Friede ein Geschenk ist, das Gott den Menschen macht. Dennoch ist dieses Geschenk der Verantwortung des Menschen anheimgestellt, der von seinem Schöpfer dazu aufgerufen ist, den Frieden in dieser Welt aufzubauen. Es handelt sich dabei um eine universale Verantwortung, die die gesamte Schöpfung betrifft.

Für mich als Verantwortlichen der Naturreligion Vodun ist der Friede nicht möglich, solange Risse, Spaltungen und Feindschaften zwischen den Menschen bestehen. Wir müssen damit beginnen, uns selbst zu beherrschen, um nicht Worte zu gebrauchen, die Gefühle der Gegensätzlichkeit, Ausgrenzung und Gewalt hervorrufen. Wir müssen die Verantwortung übernehmen für den Geist, der unsere Worte prägt. Es sollte ein Geist sein, der Eintracht, Gemeinsamkeit und Brüderlichkeit schafft. Dann wird der Friede einen guten Nährboden finden, um sich unter den Menschen auszubreiten.

Von einer Sache bin ich überzeugt: Der Friede in der Welt hängt vom Frieden zwischen den einzelnen Menschen ab. Die Verantwortlichkeit des Menschen in der Welt hat einen Einfluß nicht nur auf die Gesellschaft, sondern auf die ganze Schöpfung. Wenn es keinen Frieden zwischen den Menschen gibt, gibt es auch keinen Frieden zwischen der übrigen Schöpfung und dem Menschen. Die Jahreszeiten werden durcheinandergebracht, und der Boden bringt keine Früchte mehr hervor, die die Menschen ernähren können. Wenn aber in einer Nation die Menschen auf den Frieden hinarbeiten, wird ihre Erde fruchtbar, und die Herden vervielfachen sich zum größeren Wohl des Menschen. Dies ist ein vom Schöpfer gegebenes Naturgesetz, denn er hat das Schicksal der Schöpfung an das Verantwortungsgefühl des Menschen gebunden.

Deshalb ist es gut, die Menschen jedes Jahr aufzufordern, ihr Herz zu bekehren und Haß, Gewalt und Ungerechtigkeit zurückzuweisen. Die Verantwortlichen der Religionen in der Welt dürfen diese Praxis weder vergessen noch vernachlässigen. Es handelt sich darum, das Böse wiedergutzumachen, das durch die Verantwortungslosigkeit des Menschen der Schöpfung zugefügt wurde, die Schutzgeister der Gegenden, die von menschlicher Gewalt und Bösem getroffen wurden, um Vergebung zu bitten, Opfer zur Wiedergutmachung und Läuterung zu bringen und auf diese Weise den Frieden wiederherzustellen. Ich erkläre, daß diese Läuterung der Natur von grundlegender Wichtigkeit ist, um den Frieden zwischen den Menschen und der übrigen Schöpfung wiederherzustellen. Vormals, zur Zeit der Könige, hielt sich Benin ganz streng an diese Praxis, und das Land erfreute sich einer Zeit des Friedens und der Wohltaten der Natur. Die heutigen Verantwortlichen müssen sich darum kümmern. Und wir wollen sie nach unserer Rückkehr aus Assisi daran erinnern; hierdurch soll all das, was wir gemeinsam auf Weltebene in Italien erlebt haben, auch auf nationaler Ebene in Benin verwirklicht werden.

Auch möchte ich auf einen weiteren wesentlichen Aspekt hinweisen: die Achtung der »Manen« unserer Vorfahren. Wir müssen daran denken, daß die Vorfahren, die uns in dieser Welt vorangegangen sind, in einer Beziehung des Respekts gegenüber Gott und der Natur lebten, um uns eine noch bewohnbare und dem Menschen wohltuende Welt zu hinterlassen. Die Welt, wie sie damals von ihnen gestaltet worden war, war nicht in all ihren Bestandteilen vollkommen, aber sie hatte den Vorteil, einen starken Zusammenhalt zwischen den Menschen und der Natur zu gewährleisten. Verbote schützten die Quellen, Wälder und Landschaften zur Erneuerung von Flora und Fauna. Verbote bestimmten die zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb der Familie und der Gesellschaft. Der Schutz des Ökosystems und eines allgemeinen Gleichgewichts in der Gesellschaft trug wirksam zur Wahrung dieses Zusammenhalts zwischen Natur und Menschen bei. Ohne ausreichende Achtung vor dieser von unseren Vorfahren ererbten Welt und ohne das ständige Bemühen, sie für die Menschen unserer Zeit zu verbessern, kann man nicht von Frieden sprechen.

Zu den sozialen Praktiken, die uns unsere Vorfahren im afrikanischen Land Benin hinterlassen haben, gehört auch die Kunst der mündlichen Verhandlungen, des »Palavers«, zur Lösung von zwischenmenschlichen und sozialen Konflikten. Dort lernt man die Kunst, den Gegner zu respektieren, seine Verschiedenheit zu tolerieren und die Überzeugungen der anderen zu verstehen. Diese Praxis sollte auch die verschiedenen Verantwortungsträger für den Frieden in der Welt anspornen, daß sie die Gegner wieder zum Dialog zurückführen, denn nur der Dialog kann es ermöglichen, den Frieden in den Herzen und Nationen wiederherzustellen. Nichts ist so wertvoll wie ein Dialog, der es ermöglicht, in gegenseitigem Einvernehmen auseinanderzugehen. Dann geht man von Haß zu beiderseitiger Achtung über. Diese wichtige Rolle des »Palavers« muß auch in den internationalen Einrichtungen, die über den Frieden zwischen den Nationen und – innerhalb der Nationen – zwischen den Einzelpersonen entscheiden, bewahrt werden. Das »Palaver« muß heute dazu beitragen, daß wir in die Lage versetzt werden, unsere gegenwärtige Welt zu verwalten mit all ihren Schwierigkeiten, die immer im Verantwortungsbereich der Menschen liegen.

In dem, was ihr gerade vorgelesen habt, habe ich meine religiösen Überzeugungen über das Engagement zugunsten des Friedens in meinem Land und in der Welt dargelegt. Ich kann hier nicht schließen, ohne nachdrücklich zu betonen, daß Gerechtigkeit und brüderliche Liebe die beiden unumstößlichen Stützpfeiler des echten Friedens unter den Menschen sind. Italien, wohin ich mich für dieses spirituelle Treffen von Assisi begeben habe, ist ein Land bedeutender religiöser Traditionen. Wir, die Verantwortlichen der Religionen, müssen in unseren Ländern auf die Achtung der anderen Nationen und auf die Solidarität zwischen den Völkern hinarbeiten. Das Problem der Entwicklung der armen Länder, darunter auch des meinigen, stellt ohne Zweifel die größte Bedrohung für den Frieden in der Welt dar. Die Solidarität zwischen den Völkern muß zu einem gerechteren Teilen der Reichtümer der Erde führen. Die hochentwickelten Länder müssen die weniger entwickelten Länder in ihren Bemühungen um den Fortschritt unterstützen. Der internationale Handel darf nicht nur diejenigen begünstigen, die über eine starke Wirtschaft verfügen, sondern muß auch die tatsächlichen Anstrengungen jedes Volkes hinsichtlich Arbeit und Produktion respektieren. Das 21. Jahrhundert, in das wir nun eingetreten sind, muß ein Jahrhundert des Aufbaus einer gerechteren und brüderlicheren Welt werden. Die Werte, die wir als religiöse Leiter fördern müssen, sind die der Liebe und des Miteinanders – in einer Welt, in der wir in Wirklichkeit alle Geschwister sind. Wenn wir uns dafür einsetzen, werden wir den Frieden in unserer Welt schaffen. Gott segne das Treffen von Assisi, und gewähre unserer Welt den Frieden.

 Didi Talwalkar (Hinduismus)

Zunächst möchte ich dem Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog danken für seine Einladung, meine Überlegungen über den Weltfrieden den hier Anwesenden mitzuteilen. Durch die Gegenwart Seiner Heiligkeit Papst Johannes Paul II. fühle ich mich wirklich geehrt und gesegnet.

Der Hinduismus ist für mich ein tiefer Quell der Inspiration. Ich kann aber lediglich von mir behaupten, nichts als die Schülerin einer Tradition zu sein, die schon mehrere Jahrtausende zurückreicht. Ich hoffe daher auf die Nachsicht Seiner Heiligkeit und der anderen verehrten Brüder und Schwestern, die hier versammelt sind.

Die mit dem Begriff Frieden verbundenen Vorstellungen sind vielfältiger Natur. Für die meisten weltlichen Denker ist Friede das Fehlen von Gewalt und die gewaltlose Lösung von Konflikten. Dies scheint jedoch eine sehr eingeschränkte Auffassung vom Frieden zu sein. Natürlich ist das Nichtvorhandensein von Gewalt durchaus willkommen und wünschenswert. Verschiedene Institutionen auf allen Ebenen – politische Organisationen, vielfältige Gruppierungen im Bereich der Religion und der bürgerlichen Gesellschaft usw. – leisteten und leisten lobenswerte Arbeit zur friedlichen Konfliktbeilegung innerhalb und zwischen verschiedenen Gemeinschaften. Immer wieder jedoch gerät dieser Friede aus dem Gefüge, und bisher war es nicht möglich, eine dauerhafte Grundlage für den Frieden zu finden. Für mich ist der Friede die Aufrechterhaltung von Gleichgewicht und Harmonie nach innen und nach außen. In dem Maße, wie es uns nicht gelingt, diese Art des Einvernehmens zu erreichen, werden wir weiterhin Intoleranz, Elend, Ausbeutung, Zwietracht und Ungerechtigkeit erleben.

Richtig verstanden ist die Religion die treibende Kraft, die Eintracht und Holismus zwischen der inneren und äußeren Welt wiederherstellen kann. Obwohl die Religionen für sich in Anspruch nehmen – was auch von ihnen erwartet wird –, die verbindende Kraft zu sein, gab es in der Geschichte wiederholte Fälle, wo selbsternannte Retter der Religion die Religion selbst in den Dienst der Macht und entzweiender Kräfte gestellt haben.

Wir haben gesehen, wie oft man versucht, die religiöse Orientierung der Menschen zu verdrehen. Die wahre Botschaft der Religion ist nicht Bigotterie; sie darf dies nicht sein.

Ich komme aus einer Kultur, in der die »Religion« am ehesten unserem »dharma« entspricht. Es handelt sich um eine universale Tradition, die Bezug nimmt auf eine sittliche Ordnung zur Bestimmung der Beziehung zwischen dem »Ich« und dem »anderen« sowie der göttlichen Energie. Dieses gegenseitige Verhältnis beeinhaltet eine »Ordnung«, die es ermöglicht, das persönliche Bewußtsein von einer in sich selbst verschlossenen Existenz zu einer Beziehung mit dem Göttlichen zu erweitern.

Eine solche Vergöttlichung der Menschenwesen gibt uns eine Vorstellung vom Wert des Lebens. Nicht nur bin ich dem Wesen nach göttlich, sondern auch jeder andere Mensch ist in seinem Wesen genauso göttlich, und dies verbindet uns miteinander in der Vaterschaft Gottes (»vasudhaiva kutumbhakam«). Wenn wir das erkennen, werden unterschiedliche Zugehörigkeiten nicht mehr Ursache von Konflikten sein. Was der Päpstliche Rat heute vorschlägt, hat modellhaften Charakter für interreligiöse Beziehungen. Es ist eine Verpflichtung, die einen Dialog zwischen verschiedenen religiösen Traditionen im Hinblick auf die Entwicklung des Verständnisses eines spirituellen Humanismus eröffnen kann.

Für mich als Mitglied der Swadhyaya »parivar« (Familie), die inspiriert ist vom verehrten Pandurang Shastri Athawale, ist diese universale Brüderlichkeit etwas ganz Natürliches, weil er uns die Idee der Akzeptanz aller religiösen Traditionen gelehrt hat (»sarva dharma sweekaar«). Sie schließen sich nicht gegenseitig aus. Der Swadhyaya liegt die Auffassung zugrunde, daß Gott allen Menschen innewohnt und wir alle Kinder desselben Gottes sind. Durch eine tiefgehende Auseinandersetzung mit dem klassischen Erbe Indiens hat er versucht, die Barrieren zwischen den Menschen zu entfernen und die Idee der Religion von Dogmatismus, Engstirnigkeit und Zwängen zu befreien.

Für uns ist das Engagement im sozialen Bereich zur Wiederherstellung und Heilung der Gesellschaft nicht ein Akt sozialer Reformen, sondern eine Möglichkeit, dem Höchsten Wesen unsere Dankbarkeit zu zeigen. Wir nennen dies »bhakti«, also Hingabe an Gott. Wir bezeichnen dies als soziale Kraft, denn es erlaubt dem einzelnen, Kleinlichkeit, Zorn und Habgier (»kshudrata«, »krodh« und »lobha«)zu überwinden. Diese Entwicklung des Menschen hilft ihm, seine alltäglichen Verrichtungen in Kräfte der Befreiung von allen Arten der Unterjochung zu verwandeln und über Schwierigkeiten, Komplexe und Gefühle der Isolation, Unsicherheit und Wertlosigkeit hinwegzukommen. Es ermöglicht uns den Übergang von einer einfachen Gewährleistung der Menschenrechte zur höheren Ebene einer Sicherung der Würde und Pflicht des Menschen.

Meine verehrten Brüder und Schwestern! Von einer höheren Perspektive aus als meiner eigenen Stellung im Leben wage ich – aus dieser erlauchten Versammlung und in der segensreichen Gegenwart Seiner Heiligkeit Papst Johannes Paul II. – an die Menschheit zu appellieren, sich über ihre Isolierung zu erheben, eine absolute, selbstlose und bedingungslose Liebe zu Gott und seiner Schöpfung zu entwickeln, um ständige Krisensituationen zu überwinden. Dies ist kein theoretisches Konstrukt. Wir haben im Kleinen gezeigt, daß die Erreichung einer sozialen Ordnung möglich ist. Lassen wir unsere innerlichen Ressourcen für die Sache des Friedens nicht ungenutzt. Unser Dialog, der die Einheit unterschiedlicher religiöser Tradition herausstellt, ist nicht einen Tag zu früh gekommen. Von hier können wir uns auf eine Koalition der Religionen der Welt zubewegen, zum Schutz einer gemeinsamen und von Gott gesegneten Zukunft.

Scheich Al-Azhar Mohammed Tantawi (Islam)

(vorgelesen von Dr. Ali Elsamman)  

Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen.

Zunächst möchte ich Seiner Heiligkeit Papst Johannes Paul II. danken, der heute die Vertreter der verschiedenen Religionen zusammengerufen hat, die alle erfüllt sind von dem gleichen innigen Wunsch, eine bessere Welt aufzubauen. Zu unserer Erleuchtung auf dem Weg zum Frieden bietet uns der muslimische Glaube einige Anhaltspunkte, die ich hier kurz erläutern möchte:

Erstens:

Allah erschuf die Menschheit, von einem Vater und einer Mutter ausgehend. In der Heiligen Schrift erklärt Allah: »O ihr Menschen, fürchtet euren Herrn, der euch erschaffen aus einem Wesen und aus ihm erschuf seine Gattin und aus ihnen viele Männer und Weiber entstehen ließ. Und fürchtet Allah, in dessen Namen ihr einander bittet, und eurer Mutter Schoß. Siehe, Allah wacht über euch« (Sure 4, Weiber, 1).

Zweitens:

Alle monotheistischen Religionen, die Gott seinen ehrwürdigen Propheten offenbarte, stimmen in zwei wesentlichen Punkten überein:

– in der hingebungsvollen Verehrung des Einen und Einzigen, wie Allah sagt: »Er hat euch den Glauben verordnet, den Er Noah vorschrieb, und was Wir (Mohammed) dir offenbarten und Abraham und Moses und Jesus vorschrieben: ›Haltet den Glauben und trennet euch nicht in ihm.‹ Groß ist für die Götzendiener das, wozu du sie einladest. Allah erwählt dazu, wen Er will, und leitet dazu, wer sich reuig bekehrt« (Sure 42, Die Beratung, 13);

– in der Achtung der Werte: Allah offenbarte die monotheistische Religion für die Glückseligkeit der Menschheit. Die Religionen verkündigen alle ethischen Werte wie Rechtschaffenheit, Gerechtigkeit, Frieden, Wohlstand, den Austausch aller von Allah gebilligten guten Taten sowie die Zusammenarbeit aller Völker zur Förderung von Güte und Barmherzigkeit, nicht aber von Beleidigung und Aggression.

Drittens:

Allah hat uns für dieses Leben erschaffen, damit wir uns gegenseitig kennenlernen, denn er sagt: »O ihr Menschen, siehe, Wir erschufen euch von einem Mann und einem Weib und machten euch zu Völkern und Stämmen, auf daß ihr einander kennet. Siehe, der am meisten Gelehrte von euch vor Allah ist der Gottesfürchtigste unter euch; siehe, Allah ist wissend und kundig« (Sure 49, Die Gemächer, 13).

Viertens:

Alle monotheistischen Religionen verkünden, daß der Mensch für Gesetz und Gerechtigkeit eintreten und den rechtmäßigen Anspruch des Eigentümers verteidigen muß. Gerne nimmt Al-Azhar al Sharif diese Gelegenheit wahr, um dem Vatikan seine Anerkennung auszudrücken und ihm für die lobenswerte Unterstützung des palästinensischen Volkes zu danken.

Fünftens:

In Ägypten haben Moslems und Christen vierzehn Jahrhunderte lang in brüderlicher Gemeinschaft unter dem gleichen Himmel, auf dem gleichen Boden, als Gleichberechtigte vor dem Gesetz und mit gleichen Verantwortungen gelebt. Wie der Heilige Koran sagt, möge jeder seine eigene Religion leben: »Es sei kein Zwang im Glauben. Klar ist nunmehr unterschieden das Rechte vom Irrtum; und wer den Tagut verleugnet und an Allah glaubt, der hält sich an der stärksten Handhabe, in der kein Spalt ist; und Allah ist hörend und wissend« (Sure 2, Die Kuh, 256).

* * *

An diesem Tag des gemeinsamen Gebets teilen Al-Azhar und seine Ulema [islamische Rechts- und Religionsgelehrte, Anm. d. Red.] in tiefer Überzeugung den Aufruf für den unmittelbar und untrennbar mit der Gerechtigkeit verbundenen Frieden.

Rabbi Israel Singer (Judentum)

Nur Sie konnten etwas derartiges ermöglichen. Johannes Paul II., nur Sie konnten dieses Ereignis verwirklichen; wir müssen Sie dabei unterstützen.

»Groß ist der Friede,
denn Friede lautet der Name Gottes.«

Die Geschichte beweist, daß, während die Verantwortlichen der Religionen in aller Welt vom Frieden sprechen und in unzähligen Predigten vom Frieden als dem eigentlichen Ziel der Religionen die Rede war, diese in Wirklichkeit dazu dienten, Tausende von entsetzlichen und blutigen Kriegen zu schüren. Alle, die sich mit Geschichte und Religion befassen, kennen die zahllosen Kriege, die die großen Religionen Europas und Asiens gegeneinander geführt haben, und die im Lauf der Geschichte zwischen den verschiedenen Sekten dieser Religionen ausgetragenen Kämpfe. Bis heute bekämpfen die Menschen einander in Nordirland, in Kaschmir und Pakistan sowie im Nahen Osten.

Wir alle erinnern uns deutlich an den 11. September des vergangenen Jahres, als Wahnsinnige im Namen der Religion mit drei Flugzeugen in beide Türme des World Trade Centers und in das Pentagon rasten. In wenigen Minuten töteten sie Tausende von Menschen und lösten den ersten internationalen Militärkonflikt des 21. Jahrhunderts aus.

Wir Juden betonen, daß das Konzept des Religionskriegs in unserer religiösen Tradition keine zentrale Rolle einnimmt. Dennoch machen wir uns nichts vor – in unserer zutiefst blutigen und tragischen Vergangenheit haben wir uns notwendigerweise gelegentlich verteidigen und unsere Feinde bekämpfen müssen. Doch im Kampf sahen wir unsere Heiligen Schriften nicht als Rechtfertigung für den Krieg, sondern als die religiöse Grundlage unserer Handlungen. An zahlreichen Stellen in der Bibel befiehlt Gott den Juden, den Feind im Notfall zu bekämpfen. Unsere Religion richtet sich nach dem Konzept »lo’ tehayyun kol neshamah«, demzufolge bestimmte Gruppen unerbittlich und erbarmungslos bekämpft werden müssen. Auch in dem immerwährenden Gebot »mah eni meheh et zakar ‘amalek« kommt dieses Thema deutlich zum Ausdruck, in jenem Befehl zum vernichtenden Krieg gegen das von Amalek verkörperte größte Übel – ein Kampf, in dem es keine Gefangenen geben darf, sondern alle getötet werden müssen.

Dennoch ist der militärische Kampf kein wesentlicher Aspekt des Judentums. Die jüdische Bibel, unser mündliches Gesetz, unser Talmud, unsere Midraschim und unser rabbinisches Schrifttum, sie alle betonen die hohe Bedeutung des Friedens – sowohl untereinander wie mit unseren Nachbarn. Wir Juden sind an eine Ideologie, eine Religion und Philosophie gebunden, die auf Konzepten wie Friede, Güte und Brüderlichkeit gründen, Auffassungen, die auch andere Weltreligionen teilen, insbesondere das Christentum, das zahlreiche Aspekte der jüdischen Religion übernommen und angepaßt hat. Ebenso wie das Neue Testament der Christen lehren auch unsere jüdischen Schriften, keinen Groll gegen diejenigen zu hegen, die uns verletzt haben, und stets nach Wegen der Versöhnung und brüderlicher Liebe zu suchen. Auch wenn wir ausgesandt werden, unsere Feinde zu bekämpfen, verlangt Gott von uns, sie zunächst zu unblutiger, friedlicher Übergabe zu bewegen. Erst dann, wenn dieses Angebot ausgeschlagen wird, dürfen wir unsere Waffen gegen sie erheben. Ferner haben uns die Propheten wiederholt mit einer Vision vom Ende der Zeiten konfrontiert, in der Schwerter in Pflugscharen verwandelt und alle Nationen in Frieden leben werden.

Krieg entspricht somit weder unserer Kultur noch unserer Aufgabe, weder unserer Sendung noch unserem Ziel als Juden, und letzten Endes ist er auch nicht die Aufgabe anderer Religionen in der Welt. Die im Namen der Religion geführten Friedensgespräche dürfen nicht eingestellt werden, denn sie gründen auf der Wirklichkeit all unserer religiösen Ideale und sind das von uns allen angestrebte höchste Ziel. Wir müssen jene Verzerrungen religiöser Lehren zurückweisen, von denen in der Vergangenheit Gebrauch gemacht worden ist, und wir dürfen nicht die Annahme unterstützen, Gewalttätigkeit gegenüber Mitgliedern anderer Religionen oder religiöser Gruppen sei religiös begründet.

Wir sollten daran erinnern, daß keine Religion zu wahllosem Töten auffordert, und diejenigen, die das Gegenteil lehrten, haben die Religionen, in deren Namen sie sprachen, mißbraucht und verfälscht. Papst Johannes Paul II. verurteilte den im Lauf der Geschichte so häufigen Mißbrauch zur Rechtfertigung von Gewalttätigkeit gegenüber Nichtchristen.

Nur durch einen ernsthaften Dialog und die aufrichtige Bereitschaft der Verantwortlichen der großen Religionen, sich konkret für den Frieden einzusetzen, nicht allein durch Erklärungen, sondern durch konkrete Opfer für den Frieden, können wir versuchen, die augenblickliche Situation der Menschheit zu verändern. Eine solche innere Haltung bewies auch Papst Johannes Paul II. in seinen Bemühungen um die Wiederversöhnung mit dem Judentum, durch die er der jüdisch-christlichen Geschichte eine Wende gab. Der Weg der Pilger auf der Suche nach Frieden könnte zweifellos ein Beispiel sein, dem wir alle folgen sollten.

»Im Hinblick auf das Gebet sagt der Midrasch: kein Segen ist vollkommen ohne das Wort FRIEDE« (Bamidbar Raba).

Seine Seligkeit Teoctist (Rumänisch-Orthodoxe Kirche)

Der Patriarch der rumänisch-orthodoxen Kirche sandte die von Seiner Exzellenz Ioan Salagean, Bischof von Harghita und Covasna, verlesene Botschaft mit dem folgenden Text:

Heiligkeit,
Seligkeiten,
Eminenzen und Exzellenzen,
verehrte Vertreter anderer Religionen,
liebe Zuhörer! 

Der Herr wird seinem Volk Kraft geben und es mit Frieden segnen. Die christlichen Kirchen haben ebenso wie andere Religionen die Pflicht, gemeinsam die Stimme zu erheben, um auf die Verletzung jener moralischen und spirituellen Grundsätze hinzuweisen, die alle Religionen bekräftigen und alle Gläubigen täglich leben. Unter diesen spirituellen Werten nimmt der Friede eine vorrangige Stellung ein, denn der Glaube kommt nur in einem von Frieden geprägten Klima zum Ausdruck. Für die Christen ist die Menschwerdung Gottes in der Person Christi, der Mensch und Gott zugleich ist, ein Moment des Friedens und universaler Versöhnung, verkündet von den Engeln, die diese Geburt vom Himmel aus verkünden: »Ehre sei Gott hoch im Himmel und Frieden auf Erden den Menschen, die er liebt.« (Lk 2, 14)

Mit der Hoffnung auf Erlösung durch den Frieden des Himmels begrüßen wir diesen Tag des Gebets für den Frieden, zu dem Seine Heiligkeit Papst Johannes Paul II. in dieser Zeit weltweiter Unruhen und Besorgnis aufgerufen hat, einer Zeit, in der die Religionen uns zeigen müssen, daß sie die komplexen Phänomene verstehen und jeweils auf ihre spezielle Art und Weise zur Erhaltung der Schöpfung Gottes beitragen und den Menschen zu jener Würde erheben, die Gott ihm anvertraut hat. (Ital. in O. R. 25. 1. 2002)

Quelle

DER HEILIGE JOHANNES PAUL II. AM 27. OKTOBER 1986 IN ASSISI

assisi_1986

„Friede trägt den Namen Jesu Christi“

Ansprache von Papst Johannes Paul II.
zum Abschluß des Weltgebetstags der Religionen für den Frieden
vor der Franziskus-Basilika in Assisi am 27. Oktober 1986

Quelle: Der Apostolische Stuhl 1986, 1670-1676

Meine Brüder und Schwestern, Führer und Vertreter der christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften und der Weitreligionen, liebe Freunde!

1. Am Ende dieses Weltgebetstages für den Frieden, zu dem Sie meine Einladung angenommen und aus vielen Erdteilen hierhergekommen sind, möchte ich nun meinen Empfindungen Ausdruck geben als Bruder und Freund, aber auch als einer, der an Jesus Christus und an die katholische Kirche glaubt und der erste Zeuge des Glaubens an ihn ist.

In bezug auf das letzte, das christliche Gebet in der Serie, die wir alle gehört haben, bekenne ich hier erneut meine Überzeugung, die von allen Christen geteilt wird, daß in Jesus Christus, als dem Erlöser aller, wahrer Friede gefunden wird, Friede den Fernen und Friede den Nahen (vgl. Eph 2,17). Seine Geburt wurde vom Gesang der Engel begrüßt: „Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade“ (Lk 2,14). Er hat aus Liebe zu allen, sogar zu den Feinden, gepredigt, seliggepriesen diejenigen, die Frieden stiften (vgl. Mt 5,9) und hat durch seinen Tod und seine Auferstehung Himmel und Erde miteinander versöhnt (vgl. Kol 1,20): Um einen Ausdruck des Paulus zu benutzen: „Er ist unser Friede“ (Eph 2,14).

2. Es ist in der Tat meine Glaubensüberzeugung, die mich euch, den Vertretern der christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften und Weltreligionen, in tiefer Liebe und Achtung zugewandt hat.

Mit den anderen Christen teilen wir viele Überzeugungen und besonders, was den Frieden betrifft.

Mit den Weltreligionen teilen wir eine gemeinsame Achtung des Gewissens und Gehorsam ihm gegenüber, das uns allen lehrt, die Wahrheit zu suchen, die einzelnen und die Völker zu lieben und ihnen zu dienen, und deshalb unter den einzelnen Menschen und unter den Nationen Frieden zu stiften.

Ja, wir alle halten das Gewissen und den Gehorsam gegenüber der Stimme des Gewissens für ein wesentliches Element auf dem Weg zu einer besseren und friedvolleren Welt.

Könnte es anders sein, da doch alle Männer und Frauen in dieser Welt eine ge­meinsame Natur, einen gemeinsamen Ursprung und ein gemeinsames Schick­sal haben?

Wenn es auch zwischen uns viele und bedeutsame Unterschiede gibt, so gibt es doch auch einen gemeinsamen Grund, von wo her es zusammenzuarbeiten gilt für die Lösung dieser dramatischen Herausforderung unserer Zeit: wahrer Friede oder katastrophaler Krieg?

3. Ja, es gibt die Dimension des Gebetes, die sogar in der tatsächlichen Verschiedenheit der Religionen eine Verbindung mit einer Macht über allen menschlichen Kräften auszudrücken versucht.

Der Friede hängt grundlegend von dieser Macht ab, die wir Gott nennen und die sich, wie die Christen glauben, sich selbst in Christus geoffenbart hat.

Dies ist der Sinn dieses Weltgebetstages.

Zum ersten Mal in der Geschichte sind wir, christliche Kirchen und kirchliche Gemeinschaften und Weltreligionen, von überallher zusammengekommen an diesem heiligen, dem hl. Franziskus geweihten Ort, um vor der Welt jeder ent­sprechend seiner eigenen Überzeugung vom transzendenten Wert des Frie­dens Zeugnis zu geben.

Die Form und der Inhalt unserer Gebete sind sehr verschieden, wie wir gesehen haben, und es kann keine Frage sein, sie auf eine Art gemeinsamen Nenner zu reduzieren.

4. Dennoch haben wir in dieser tatsächlichen Verschiedenheit vielleicht neu entdeckt, daß es hinsichtlich des Friedensproblems und seiner Beziehung zur religiösen Verpflichtung etwas gibt, was uns miteinander verbindet..

Die Herausforderung des Friedens, wie sie sich gegenwärtig jedem menschlichen Gewissen stellt, ist verbunden mit dem Problem einer angemessenen Le­bensqualität für alle, mit dem Problem des Überlebens für die Menschheit, mit dem Problem von Leben und Tod.

Angesichts eines solchen Problems scheinen zwei Dinge eine höchste Wichtig­keit zu haben, und beide von ihnen sind uns allen gemeinsam.

Das erste ist der innere Imperativ des moralischen Gewissens, das uns einschärft, menschliches Leben zu achten, zu schützen und zu fördern vom Mut­terleib an bis zum Totenbett, für einzelne Menschen und Völker, besonders aber für den Schwachen, den Notleidenden, den Verlassenen: der Imperativ, Selbstsucht, Gier und den Geist der Rache zu überwinden.

Die zweite Gemeinsamkeit ist die Überzeugung, daß der Friede die menschlichen Kräfte weit übersteigt, besonders in der gegenwärtigen Lage der Welt, und daß deshalb seine Quelle und Verwirklichung in jener Wirklichkeit zu suchen ist, die über uns allen ist.

Das ist der Grund, warum ein jeder von uns um Frieden betet. Sogar wenn wir denken, wie wir es auch tatsächlich tun, daß die Beziehung zwischen jener Wirklichkeit und dem Geschenk des Friedens entsprechend unserer jeweiligen religiösen Überzeugung verschieden ist, so bejahen wir doch alle, daß es solche eine Beziehung gibt.

Das ist es, was wir ausdrücken, wenn wir darum beten.

Ich wiederhole demütig hier meine eigene Überzeugung: Friede trägt den Namen Jesu Christi.

5. Aber zur selben Zeit und im selben Atemzug bin ich bereit anzuerkennen, daß Katholiken nicht immer treu zu dieser Glaubensaussage gestanden haben. Wir sind nicht immer „Friedensstifter“ gewesen

Deshalb ist für uns selbst, aber vielleicht auch in einem gewissen Sinn für alle diese Begegnung in Assisi ein Akt der Buße. Wir haben gebetet, jeder auf seine Weise, wir haben gefastet, wir sind zusammen gepilgert. Auf diese Weise haben wir versucht, unsere Herzen der göttlichen Wirklichkeit über uns und auf unsere Mitmenschen hin zu öffnen.

Ja, weil wir gefastet haben, haben wir die Leiden vor Augen, die unsinnige Kriege verursacht haben und noch immer für die Menschheit verursachen. Dadurch haben wir versucht, geistig den Millionen nahe zu sein, die die Opfer von Hunger in aller Welt sind.

Während wir schweigend einhergeschritten sind, haben wir über den Weg nachgedacht, den unsere Menschheitsfamilie geht: entweder in Feindschaft, wenn wir es verfehlen, uns einander in Liebe anzunehmen; oder als eine gemeinsame Wanderung zu unserem erhabenen Ziel, wenn wir uns vergegenwärtigen, daß die anderen unsere Brüder und Schwestern sind. Die Tatsache selbst, daß wir von den verschiedenen Erdteilen nach Assisi gekommen sind; ist in sich ein Zeichen für diesen gemeinsamen Weg, den zu beschreiten die Menschheit berufen ist. Entweder lernen wir, in Frieden und Harmonie miteinander zu gehen, oder wir werden vom Wege abgetrieben und zerstören uns selbst und die anderen. Wir hoffen, daß die Pilgerreise nach Assisi uns erneut gelehrt hat, uns des gemeinsamen Ursprungs und des gemeinsamen Schicksals der Menschheit bewußt zu werden. Laßt uns darin eine Vorwegnahme dessen sehen, was Gott von der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit gern verwirklicht sehen möchte: eine brüderliche Wanderung, auf der wir uns gegenseitig begleiten zum transzendenten Ziel, das er uns gesetzt hat.

Gebet, Fasten, Wallfahrt.

6. Dieser Tag in Assisi hat uns geholfen, uns unserer religiösen Verpflichtung mehr bewußt zu werden. Er hat aber auch die Welt, die durch die Medien auf uns geschaut hat, der Verantwortung jeder Religion für das Problem von Krieg und Frieden bewußter gemacht.

Mehr vielleicht als je zuvor in der Geschichte ist die innere Verbindung zwischen einer aufrichtigen religiösen Haltung und dem großen Gut des Friedens allen deutlich geworden.

Was für eine furchtbare Last für menschliche Schultern zu tragen! Aber gleichzeitig was für ein wunderbarer, erfreulicher Ruf zu folgen!

Wenn auch das Gebet in sich selbst schon Aktion ist, so entschuldigt uns dies je doch keineswegs davon, auch für den Frieden zu arbeiten. Hier handeln wir als die Herolde des moralischen Bewußtseins der Menschheit als solcher, der Menschheit, die Frieden wünscht, die des Friedens bedarf.

7. Es gibt keinen Frieden ohne eine leidenschaftliche Liebe für den Frieden. Es gibt keinen Frieden ohne eine unnachgiebige Entschlossenheit, den Frieden auch zu erlangen.

Der Friede wartet auf seine Propheten. Wir haben gemeinsam unsere Augen mit Friedensvisionen gefüllt: sie setzen Kräfte frei für eine neue Sprache des Friedens, für neue Gesten des Friedens, Gesten, welche die verhängnisvollen Ketten der Entzweiungen zerbrechen, die von der Geschichte ererbt oder durch moderne Ideologien geschmiedet worden sind.

Der Friede wartet auf seine Erbauer. Laßt uns unsere Hände unseren Brüdern und Schwestern entgegenstrecken, sie ermutigen, Friede auf den vier Saulen der Wahrheit, der Gerechtigkeit der Liebe und des Friedens zu errichten (vgl. Pacem in terris).

Der Friede ist eine Werkstatt, die allen offensteht, nicht nur Fachleuten, Gebildeten und Strategen. Der Friede ist eine universale Verantwortung: er verwirk licht sich durch tausende kleiner Handlungen im täglichen Leben. Durch die Art ihres täglichen Zusammenlebens mit anderen entscheiden sich die Menschen für oder gegen den Frieden. Wir vertrauen die Sache des Friedens besonders der Jugend an. Mögen die jungen Menschen helfen, den Lauf der Geschichte von den falschen Pfaden zu befreien, auf denen sich die Menschheit verirrt

Der Friede liegt nicht nur in den Händen von einzelnen Personen, sondern von ganzen Nationen. Die Nationen sind es, die die Ehre haben, ihr friedensstiftendes Handeln auf der Überzeugung von der Unantastbarkeit der menschlichen Würde und der Anerkennung der unbestreitbaren Gleichheit der Menschen untereinander zu gründen. Eindringlich laden wir die Führer der Nationen und der internationalen Organisationen ein, sich unermüdlich um Dialog zu bemühen und ihn dort zu fördern, wo immer der Friede bedroht oder bereits kompromittiert ist. Wir bieten ihren oft anstrengenden Bemühungen, den Frieden zu erhalten oder wiederherzustellen, unsere Unterstützung an. Wir ermutigen erneut die Organisation der Vereinten Nationen, ihrer universalen Friedenssendung in all ihrer Weite und Größe voll zu entsprechen.

8. Als Antwort auf den Aufruf, den ich von Lyon in Frankreich an dem Tag gemacht habe, an dem wir Katholiken das Fest des hl. Franziskus feiern, hoffen wir, daß die Waffen schweigen und die Kämpfe aufgehört haben. Dies würde ein erstes bedeutsames Ergebnis der geistigen Wirksamkeit des Gebetes sein. Dieser Aufruf würde in der Tat von vielen Herzen und Lippen überall in der Welt geteilt, besonders dort, wo Menschen unter dem Krieg und seinen Folgen leiden.

Es ist lebenswichtig, den Frieden und die Mittel zu wählen, um ihn zu erhalten. Der Friede, der von so anfälliger Gesundheit ist, erfordert ständige und intensive Pflege. Auf diesem Pfad sollten wir sicheren und schnelleren Schrittes voranschreiten, denn zweifellos haben die Menschen niemals zuvor so viele Mittel wie heute gehabt, den wahren Frieden zu erbauen. Die Menschheit ist in eine Ära erhöhter Solidarität und größeren Hungers nach sozialer Gerechtigkeit eingetreten. Darin liegt unsere Chance. Es ist auch unsere Aufgabe, die das Gebet uns zu meistern hilft.

9. Was wir heute in Assisi getan haben, indem wir gebetet und für unser Engagement für den Frieden Zeugnis abgelegt haben, müssen wir jeden Tag unseres Lebens fortsetzen. Denn das, was wir heute getan haben, ist lebenswichtig für die Welt. Wenn die Welt weiterbesteht und Männer und Frauen in ihr überleben sollen, kann ihr das nicht ohne Gebet gelingen.

Das ist die ständige Lehre von Assisi: es ist die Lehre des heiligen Franziskus, der für uns ein anziehendes Ideal verkörpert; es ist die Lehre der hl. Klara, seiner ersten Schülerin. Es ist ein Ideal, das sich aus Sanftmut, Demut, einem tiefen Gefühl der Nähe Gottes und der Bereitschaft, allen zu dienen, zusammensetzt. Der hl. Franziskus war ein Mann des Friedens. Wir erinnern uns, daß er die militärische Karriere, welche er eine Zeitlang in seiner Jugend verfolgt hatte, aufgegeben und den Wert der Armut entdeckt hat, den Wert eines einfachen und strengen Lebens in der Nachfolge Jesu Christi, dem er dienen wollte. Die hl. Klara war die Frau des Gebetes par excellence. Ihre Vereinigung mit Gott im Gebet unterstützte Franziskus und seine Anhänger, wie es uns heute unterstützt. Franziskus und Klara sind Beispiele des Friedens: mit Gott, mit sich selbst, mit allen Männern und Frauen in dieser Welt. Mögen dieser heilige Mann und diese heilige Frau heute alle Menschen inspirieren, die gleiche Cha­rakterstärke und Liebe zu Gott und zum Nächsten zu haben, um auf dem Weg weiterzuschreiten, den wir zusammen gehen müssen..

10. Bewegt vom Beispiel des hl. Franziskus und der hl. Klara, den wahren Jün­gern Christi, und erneut überzeugt von der Erfahrung dieses Tages, den wir zu­sammen verlebt haben, sind wir bereit, unser Gewissen zu prüfen, seine Stimme treuer zu hören, unseren Geist von Vorurteil, Ärger, Feindschaft, Eifersucht und Neid zu reinigen. Wir wollen danach trachten, Friedensstifter im Denken und Tun zu sein, mit Geist und Herz auf die Einheit der menschlichen Familie ausgerichtet. Und wir fordern all unsere Brüder und Schwestern, die uns hören, auf, dasselbe zu tun.

Wir tun dies mit dem Gefühl unserer eigenen menschlichen Begrenzungen und im Bewußtsein, daß wir aus uns allein heraus scheitern werden. Deshalb beto­nen wir und erkennen wir an, daß unser künftiges Leben und der Friede immer von Gottes Geschenk an uns abhängen.

In diesem Geist bitten wir die Führer der Welt, davon Kenntnis zu nehmen, daß wir Gott demütig um Frieden anflehen. Aber wir bitten sie auch, ihre Verant­wortungen zu erkennen, sich selbst der Aufgabe des Friedens ganz zu widmen, Strategien des Friedens mit Mut und Weitblick zu verwirklichen.

11. Laßt mich nun zu einem jeden von euch zurückkommen, den Vertretern der christlichen Kirchen, kirchlichen Gemeinschaften und Weltreligionen, die ihr zu diesem Gebetstag nach Assisi gekommen seid, fastend und pilgernd. Ich danke euch noch einmal, daß ihr meine Einladung angenommen habt; zu diesem Zeugnisakt vor der Welt hierher zu kommen.

Ich danke auch all jenen, die unsere Anwesenheit hier ermöglicht haben, be­sonders unseren Brüdern und Schwestern in Assisi.

Vor allem aber danke ich Gott dem Vater Jesu Christi, für diesen Tag der Gna­de für die Welt, für jeden von euch und für mich selbst. Ich tue dies unter Anru­fung der Jungfrau Maria, der „Königin des Friedens“. Ich tue dies mit den Wor­ten, die dem hl. Franziskus zugeschrieben werden:

„Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens,
daß ich liebe, wo man haßt;
daß ich verzeihe, wo man beleidigt;
daß ich verbinde, wo Streit ist;
daß ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist;
daß ich Glauben bringe, wo Zweifel droht;
daß ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält;
daß ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert;
daß ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt!

Herr, laß mich trachten, nicht, daß ich getröstet werde, sondern daß ich tröste;
nicht, daß ich verstanden werde, sondern daß ich verstehe;
nicht, daß ich geliebt werde, sondern daß ich liebe.

Denn wer sich hingibt, der empfängt;
wer sich selbst vergißt, der findet;
wer verzeiht, dem wird verziehen;
und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.“

(Am Schluß der Ansprache richtete der Papst kurze Grußworte in verschiedenen Sprachen, u.a. in Arabisch und in Russisch, an die Anwesenden; in deutscher Sprache sagte er:)

Aufrichtig danke ich allen, die sich nah und fern, einzeln oder in Gemeinschaft, unserem heutigen Gebet für den Frieden in der Welt angeschlossen haben. Ich ermutige euch, darin auch in Zukunft nicht nachzulassen und im Geiste Jesu Christi in der eigenen Familie, im Beruf und im Leben der Gesellschaft selber immer mehr zu Friedensstiftern zu werden. Der Friede Christi sei mit euch al­len!

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Quelle – alternativ: Vatikan

Siehe ferner: