Weltweites Rosenkranzgebet mit Papst Franziskus am Samstag

Papst Franziskus an der Lourdes-Grotte in den vatikanischen Gärten (Archivbild)

Global im Gebet vereint um ein Ende der Pandemie: In diesem Anliegen findet am Vorabend des kommenden Pfingstsonntag in den Vatikanischen Gärten ein Rosenkranzgebet mit Papst Franziskus statt. Live – und auch auf Deutsch – übertragen wir die Marienandacht an der Lourdes-Grotte ab 17.30 Uhr in Wallfahrtsstätten der ganzen Welt, darunter Lourdes und Fatima.

Organisiert hat das Ereignis der Päpstliche Rat für Neuevangelisierung, es steht unter dem Titel „eifrig und einmütig im Gebet, zusammen mit Maria“ in Anlehnung an das Gebet der Urgemeinde, von dem die Apostelgeschichte erzählt (vgl. Apg 1,14).

Gebet für alle Leidenden an der Pandemie

Es handele sich um einen „Moment des weltweiten Gebets“ am Vorabend des Pfingstfestes mit dem Papst, an dem vor allem Familien beteiligt seien, heißt es in einer Erklärung des Päpstlichen Rates für Neuevangelisierung von diesem Dienstag. Franziskus wolle „die Schmerzen und Wehen der Menschheit, die durch die Ausbreitung des Covid-19-Virus weiter verschärft worden seien“, zur Gottesmutter tragen und diese um Fürsprache bitten.

Wallfahrtorte weltweit beten mit

Zugeschaltet seien „die größten Wallfahrtsorte auf allen fünf Kontinenten“, informiert die Note. In Europa sind dies zum Beispiel die Heiligtümer von Lourdes in Frankreich, Fátima in Portugal und Tschenstochau in Polen, in den USA Immaculate Conception in Washington, in Afrika der nigerianische Wallfahrtsort Elele und Notre-Dame de la Paix in Elfenbeinküste. In Lateinamerika sind unter anderem das Nationalheiligtum von Mexiko mit der Wallfahrtskirche Unserer Lieben Frau von Guadalupe und der Pilgerort von Luján in der Heimat des Papstes, Argentinien, mit dabei.

Betroffene der Corona-Krise und Helfer beten mit dem Papst

Einzelne Teile des Rosenkranzes am Samstag würden von Vertretern verschiedener Gruppen gebetet, die in besonderer Weise von der Coronavirus-Pandemie getroffen wurden oder einen besonderen Einsatz leisten, informiert der Päpstliche Rat weiter. Papst Franziskus hatte für diese Menschen bei seinen Frühmessen in den letzten Wochen jeweils zum Gebet aufgerufen und ihr Wirken gewürdigt. Beim Rosenkranz mit dem Papst dabei sind ein Arzt und eine Krankenschwester, eine vom Virus geheilte Person, eine Trauernde, die ein Corona-Opfer in der eigenen Familie zu beklagen hat, ein Priester und eine Ordensschwester, die beide im Krankenhaus wirken, eine Apothekerin, eine Journalistin, ein Freiwilliger des Zivilschutzes mit Familie und eine junge Familie, die inmitten der Corona-Krise Nachwuchs bekommen hat.

Zu Sicherheits- und Hygieneregeln im Rahmen der Veranstaltung oder dem detaillierten Ablauf machte der Vatikan in der Erklärung keine Angaben. Es ist die erste größere Zusammenkunft des Papstes mit Gläubigen seit Beginn des Lockdown im Vatikan.

Unsere Live-Übertragung

Radio Vatikan überträgt das Gebet ab 17.30 Uhr mit deutschem Kommentar auf der Webseite vaticannews.de.

(vatican news – pr)

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Die ‚evanglische Botschaft‘ von LOURDES – A. RAVIER, s.j. (3)

(Fortsetzung von Folge 2)

Freitag den 26. Februar, begibt sich Bernadette am frühen Morgen zur Grotte. Sie betet dort, sie wiederholt die Bußhandlungen. Aber die Dame erscheint nicht. Samstag, den 27. Februar und Sonntag, den 28. Februar hingegen spielt sich die Ekstase wieder nach gewohnter Weise ab. Am 28. Februar, nach dem Hochamt, befiehlt der Quellenwächter Latapie Bernadette, ihm zum Untersuchungsrichter Ribes zu folgen. Wieder ein Verhör … Bernadette antwortet mit Bestimmtheit und ohne Bedenken.

Die Verzückung vom Montag, den 1. März wickelt sich wie die anderen ab. Fast fünfzehnhundert Personen sind anwesend, unter ihnen auch ein Priester, der zufällig in der Gegend von Lourdes weilt. Es ist der einzige Priester, der einer Erscheinung in Lourdes beiwohnte. Dem Beispiel des Pfarrers Peyramale folgend, hält sich die Geistlichkeit von den Geschehnissen in Massabielle fern …

Aber plötzlich gehen eben diese Geschehnisse „die Priester“ von Lourdes höchst persönlich an.

Dienstag, den 2. März sind sechszehnhundert Personen vor der Grotte versammelt und umstehen Bernadette während ihrer Ekstase. Als diese zu Ende ist, sieht das Kind sehr besorgt aus. Es hat nämlich von der Dame eine Weisung erhalten, deren Ausführung ihm recht schwierig zu sein scheint. „Sagen Sie den Priestern, man solle in Prozessionen hierher kommen … und hier eine Kapelle bauen lassen.“ Von Tante Basilea und Tante Bernarda begleitet, tritt Bernadette dem Pfarrer gegenüber. Nach einer wenig versprechenden Fühlungsname wagt es Bernadette, ihm folgende Worte zu sagen: „Herr Pfarrer, Aqueró verlangt, dass man in Prozessionen zur Grotte kommt …“ Die Antwort ist ein Zornausbruch des Pfarrers, der „schreit, wie bei der Predigt“. Die Besucherinnen treten den Rückzug an. Draußen fällt Bernadette plötzlich ein, dass sie vergessen hat, über die zu bauend Kapelle zu sprechen. Sie muss wieder ins Pfarrhaus zurück. Die beiden Tanten jedoch verschwinden vorsichtshalber … Zum Glück ist Dominiquette Cazenave, die Schwester des Chefs von François Soubirous, bereit, Bernadette zum Pfarrer zu begleiten, und sie unternimmt sofort die einleitenden Schritte zu dieser Unterredung … Um sieben Uhr abends betritt Bernadette wieder das Pfarrhaus. Diesmal ist aber der Herr Pfarrer nicht allein; die beiden Kapläne Abbé Pène und Abbé Serres, sind anwesend, und auch Abbé Pomian hat sich angeschlossen. „Herr Pfarrer, Aqueró hat mir gesagt: Geh und sagt den Priestern, dass sie hier eine Kapelle erbauen sollen“. – Du weißt immer noch nicht, wie sie heißt? – „Nein, Herr Pfarrer.“ – „Dann musst Du sie eben um ihren Namen fragen!“

Mittwoch, den 3. März geht Bernadette morgens früh zur Grotte hinab. Die Dame erscheint nicht … Groß ist die Enttäuschung unter den über dreitausend Personen, die um sie versammelt sind. Doch kaum ist die Schule aus, fühlt sie wieder den ihr so wohlbekannten Ruf. Eine ihrer Tanten und ihr Vetter Sajous gehen mit ihr geradewegs zur Grotte. Welche Freude! Die Dame ist da, lächelnd und strahlend. Nachdem ich bei der Grotte angekommen war und meinen Rosenkranz gebetet hatte, fragte ich sie um ihren Namen, denn der Herr Pfarrer wolle ihn wissen. Aber sie lächelte nur. Auf dem Rückweg ging ich zum Herrn Pfarrer, um ihm zu sagen, ich hätte seinen Auftrag ausgerichtet, aber keine andere Antwort als ein Lächeln erhalten. Da sagte er mir, sie mache sich über mich lustig und ich täte gut, nicht mehr zur Grotte zu gehen. Aber nichts konnte mich daran hindern, dorthin zu gehen. In Wirklichkeit hat sich der Herr Pfarrer noch ironischer und anspruchsvoller gezeigt, als es Bernadette berichtet. „Wenn die Dame durchaus eine Kapelle haben will, so möge sie ihren Namen sagen und den Rosenstrauch der Grotte erblühen lassen.“ Rosen in Massabielle in diesen ersten Märztagen? Ja, der Herr Pfarrer von Lourdes will sich nichts weismachen lassen!

In der Nacht sind Präfekt, Staatsanwalt, Bürgermeister, Kommissar, Stadtpolizisten und Gendarmen eifrig tätig, außergewöhnliche Sicherheitsmaßnahmen zu treffen: Umsicht war vonnöten! Denn vor der Morgendämmerung des 4. März, des letzten der vierzehn versprochenen Tage, der obendrein noch Markttag war, strömten acht- bis zehntausend Personen von allen Seiten nach Massabielle.

Um sieben Uhr war Bernadette noch nicht da. Gegen halb sechs nämlich tauchten drei Ärzte aus Bordeaux im Cachot auf, um sie zu „untersuchen“. Man hat diese Herren lange darum bitten müssen, um sie zu bewegen, erst am Nachmittag um drei Uhr wiederzukommen. Um halb sieben Uhr hatte Bernadette einer Messe für eine am Vortag verstorbene alte Kusine Soubirous beigewohnt. Aber endlich ist sie da. Sie kniet sich hin, zündet die Kerze an und nimmt den Rosenkranz zur Hand. „Beim dritten Ave des zweiten Gesetzleins beginnt die Ekstase …“ Sie dauert eine Stunde. Kommissar Jacomet vermerkt in sein Notizbuch jedes Lächeln, jede Verneigung, die geringsten Bewegungen …   und dann pilgern unabsehbare Scharen zum Cachot, alle wollen Bernadette sehen, sie küssen, sie soll allerlei fromme Gegenstände berühren; man möchte sogar, sie solle sie segnen!

Als Bernadette am Nachmittag etwas aufatmen kann, geht sie zum Pfarrhaus, um dem Herrn Pfarrer Bericht zu erstatten. Sie hat wieder Aqueró um ihren Namen gebeten … Dann hat sie sie gebeten, den Rosenstrauch erblühen zu lassen … Aqueró hat gelächelt. Aber sie will immer noch ihre Kapelle. „Sag ihr, sie solle mir das Geld dazu schicken“, erwiderte der Pfarrer von Lourdes, der ebenso starrköpfig wie Bernadette ist.

Und im Cachot kein Nachlassen des ermüdenden Menschenstroms!

Vom 4. bis 25. März ist Bernadette wieder die arme Schülerin der „unentgeltlichen“ Klasse. Zur Grotte geht sie nicht mehr. Dennoch beten dort immer noch andächtige Menschen, stets brennen dort Kerzen, man schöpft das Wasser aus der Quelle, man wiederholt die Bußübungen …

Während der Nacht des 24. März hört Bernadette im Inneren ihres Herzens den Ruf von Aqueró. Die eröffnet dies ihren Eltern gleich am Morgen, und etwas vor fünf Uhr macht sie sich auf den Weg nach Massabielle. Die Dame ist wieder da und wartet auf Sie. Und sofort fällt Bernadette in Verzückung, im Rhythmus der Ave … Als sie mit dem Rosenkranz fertig ist, nähert sie sich der Nische in der Grotte. Aqueró ist dorthin herabgestiegen. Sie ist so nahe, dass sie ihre Vertraute fast berührt. Nach den vierzehn Tagen habe ich sie wieder gefragt (wer sie sei). Ich habe sie dreimal nacheinander gefragt. Sie lächelte immer. Endlich wagte ich es ein viertes Mal. Sie öffnete ihre gefalteten Hände und ließ beide Arme hängen, dann faltete sie wieder ihre Hände vor ihrer Brust, schaute zum Himmel empor, und dann sagte sie mir, sie sei die Unbefleckte Empfängnis. Aqueró … Die Unbefleckte Empfängnis? … Bernadette, die nichts von Theologie versteht, sind diese beiden Wörter gleicherweise fremd. Darauf ging ich wieder zum Herrn Pfarrer und berichtete ihm, sie habe mir gesagt, sie sei die Unbefleckte Empfängnis. Er fragte mich, ob ich dessen wohl sicher sei. Ich antwortete, dass es ganz sicher sei und dass ich mir dieses Wort, um es nicht zu vergessen, den ganzen Weg lang bis hierher vorgesprochen habe.“ Der gute Herr Pfarrer ist stärker erschüttert, als er es sich ansehen lässt. Für ihn ist diese Botschaft überzeugender als die schönsten Rosen, die sie in diesem Monat März auf dem Rosenstrauch von Massabielle hätte erblühen lassen können. „Sie will immer noch ihre Kapelle“, fügt vor dem Weggehen hinzu.

Erst am Nachmittag erklärt ihr ein Freund der Soubirous, M. Estrade, dass nur die Jungfrau Maria von sich selber sagen kann: „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis.“

Bei späteren Schilderungen der Erscheinungen ist es oft vorgekommen, dass Bernadette Gebaren und Bewegungen der Heiligen Jungfrau bei dieser Erscheinung vom 25. März unwillkürlich nachahmte. Und immer strahlte ihre Person eine Einfachheit, eine Reinheit und Wahrhaftigkeit aus, die die Seele weit über alle menschlichen Beweise hinaus ergriff … Etwas wie ein Licht der Unbefleckten Empfängnis verklärte dann ihren armseligen Leib!

Bernadette kehrte erst am 7. April zur Grotte zurück, und da ereignete sich während der Ekstase etwas Sonderbares, das ein Arzt, Dr. Dozous, aus nächster Nähe beobachten und in allen Einzelheiten auch zeitlich messen konnte. Eine Viertelstunde lang blieb die Flamme der dicken Kerze, die Bernadette in der Hand hielt, in Berührung mit ihrer linken, ohne dass sich deren Haut dadurch im geringsten „verändert“ hatte … Und dann, Freitag, den 16. Juli, am Tage des Festes unserer Lieben Frau vom Karmel, hört Bernadette ein letztes Mal die geheimnisvolle innere Stimme. Seit dem 15. Juni verhindert ein Holzzaun den Zutritt zur Grotte und zur Quelle. Bernadette bleibt mit Tante Lucilia auf dem rechten Ufer des Gave. Doch was bedeutete ihr der Holzverschlag? „Es schien mir, dass ich bei der Grotte war“, sagte Bernadette nach der Verzückung.

Dies sind die Tatsachen von Massabielle. Sie sind, soweit wie möglich, ebenso knapp und nüchtern dargestellt, wie sie von Bernadette selbst geschildert wurden, fern jeder literarischen Ausschmückung.

Johannes der Täufer hatte im Gefängnis, so wird im Lukasevangelium berichtet, von den Werken Jesu von Nazareth erzählen hören. Er schickte zwei seiner Jünger zu ihm und ließ ihm sagen: „Bist Du der, der da kommen soll, oder sollen wir eines anderen warten?“ Jesus antwortete ihnen: „Gehet hin und verkündiget Johanni, was ihr gesehen und gehört hat: die Blinden sehen, die Lahmen gehen, die Aussätzigen werden rein, die Tauben hören, die Toten stehen auf, den Armen wird das Evangelium gepredigt“.

Und immer noch richtet sich an alle, die nach Massabielle mit der Seele eines Armen, wie Bernadette, die arme, kommen, die Frohe Heilsbotschaft. Dies ist die „Gnade von Lourdes“. Und alle, die diese Gnade erlebt haben, können sie niemals wieder vergessen. Ihre Gedanken, ihr andächtigstes Gebet, so weit sie auch von Lourdes entfernt sind, tragen sie unwiderstehlich zur Grotte.

„Dort, so würden sie alle gern wie Bernadette (1) schreiben, werden Sie mich im Geiste antreffen, fest an den Fuß des Felsens gebunden, den ich so liebe!“ Auch für sie steht tief in der Grotte, unsichtbar den körperlichen Augen, aber klar vor ihrer Seele, die Heilige Jungfrau, von einem weißen Lichte umgeben, da (sie) nicht blendet, sondern sie im Glauben bestärkt, in der Hoffnung und in der Liebe.

Seit mehr als 100 Jahren ist der geheimnisvolle Ruf, der Bernadette nach Massabielle zog, immer noch im Herzen der Kirche hörbar … Und gehorsam folgt die Kirche diesem Appell der Unbefleckten Empfängnis, trotz aller Schwierigkeiten, trotz widriger Ereignisse, trotz ständigen Wechsels der Anschauungen und Ideen, die ganze Kirche, besonders aber die Kirche der Armen, die Kirche der Leidenden und Gefangenen, die Kirche der Kleinen und der Sünder. Sie eilt herbei, wie Bernadette aus ihrem „Cachot“, aus allen Kerkern dieser Welt. Sie kniet sich dorthin, wo einst Bernadette kniete und betete denselben Rosenkranz. Und ihr Gesicht hebt sich immer noch aufwärts, wie sich das verzückt der Antlitz von Bernadette zu jener dunklen Höhlung erhob, die tief im Felsen lag und aus der ihrer Seele so viel Gewissheit, so viel Glück strömte. Die Grotte, das war mein Himmel!

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Dank dieser Seiten haben Sie die evangelische Botschaft von Lourdes besser kennengelernt. Sie können diese Kenntnis noch vertiefen, indem Sie „LOURDES AUJOURD’HUI“ (LOURDES HEUTE), die Zeitung der Grotte, lesen.

 

(1) Brief an die Schwestern von Lourdes, vom 20. Juli 1866. Siehe: die Schriften der hl. Bernadette (Lethielleux, 1961), S. 242. in demselben Werk findet der Leser im Faksimile alle handschriftlichen Berichte über die Erscheinungen.

 

 

Die ‚evanglische Botschaft‘ von LOURDES – A. RAVIER, s.j. (2)

(FORTSETZUNG VON TEIL 1)

Am Montag, den 15. Februar ging sie ganz einfach wieder zur Schule. Nach dem Vormittagsunterricht, um 11:00 Uhr, verabreichte ihr eine Frau, Sophie Pailhasson, eine heftige Ohrfeige, und Schwester Anastasia, eine der Lehrerinnen, schalt sie erbarmungslos …

Die dritte Erscheinung findet am Donnerstag, den 18. Februar statt. Das zweite Mal erschien mir (die Dame), ohne etwas zu sagen; sie sprach erst das dritte Mal. Mme Milhet und Antoinette Peyret kamen schon am frühen Morgen ins Cachot, um Bernadette abzuholen … Die beiden Frauen hatten ihren Plan genauestens vorbereitet. Ich ging (zur Grotte) mit einigen Erwachsenen, die mir rieten, Papier und Tinte mitzunehmen und (die Dame) zu fragen, ob sie nicht die Güte habe, aufzuschreiben, was sie mir zu sagen habe. Und so tat es auch Bernadette, als nach einigen Ave des Rosenkranzes die Dame ihr erschien. Die Dame begann zu lächeln und meinte, was sie mir zu sagen habe, brauche nicht aufgeschrieben zu werden. (Sie bat mich), ob ich die Gnade haben wolle, 14 Tage nacheinander (zur Grotte) zu kommen. Ich sagte „Ja.“ Das Zwiegespräch zwischen der Dame und Bernadette dauerte etwas weniger als eine halbe Stunde. Dieser Tag ist es anscheinend auch gewesen, an dem die Dame zu Bernadette gesagt hat: „Ich verspreche Ihnen nicht, Sie auf dieser Welt glücklich zu machen, wohl aber in der anderen“.

Das Versprechen, vierzehn Tage hindurch nach Massabielle zu kommen, wird den Besuchern Bernadettes in der Grotte und den Erscheinungen von Aqueró („aqueró“, ein Dialektwort, das „dieses“ heißt und mit dem Bernadette die Erscheinung bis zum 25. März bezeichnet, an dem diese ihr den wahren Namen enthüllt) eine neue Wendung und einen neuen Sinn verleihen. Trotz aller Schwierigkeiten und Hindernisse kommt Bernadette getreu 14 Tage lang zur Grotte zurück. Die Erscheinung zeigte sich alle Tage, außer an einem Montag und an einem Freitag. Im Bernadettes Erinnerungen bilden die 14 Tage eine geschlossene Einheit. In mehreren Berichten schildert sie: „Sie wiederholte mir mehrmals, ich solle den Priestern sagen, hier eine Kapelle bauen zu lassen, und ich solle zur Quelle kommen, um zu trinken und mich dort zu waschen, und ich solle für die Bekehrung der Sünder beten. Wenn sie das sagte, wurde ihr Gesicht traurig. Sie wiederholte mir mehrere Male dasselbe … Im Laufe dieser vierzehn Tage eröffnete sie mir drei Geheimnisse, aber sie verbot mir, sie jemand anderen zu sagen. Ich habe sie auch öfter gefragt, wer sie sei; sie antwortete mir aber nur durch ein Lächeln.“

Die Zeugenberichte ermöglichen uns, die verschiedenen Erscheinungen in allen Einzelheiten zu verfolgen. Es geschah nämlich so:

Die Erscheinungen vom Freitag, den 19. und Samstag, den 20. Februar sind so schlicht und einfach wie die Ekstase selbst. Es beginnt immer mit dem Beten des Rosenkranzes. Freude und Traurigkeit wechseln auf Bernadettes Antlitz ab.

Alles wäre so rein, so fromm geblieben, wenn nicht am Sonntag, den 21. Februar der Polizeikommissar Jacomet beschlossen hätte, von Bernadette durch Einschüchterung das Versprechen zu erhalten, dass sie nicht mehr zur Grotte zurückkehre: „Als ich am ersten Sonntag dieser vierzehn Tage aus der Kirche trat, fasste mich ein Stadtpolizist am Kapuzenmantel und forderte mich auf, ihm zu folgen … Ich ging mit ihm, und unterwegs sagte er mir, dass man mich schon ins Gefängnis bringen werde. Ich hörte ihn an, ohne etwas zu sagen, und so kamen wir zum Polizeikommissar. Er führte mich in ein Zimmer, wo er allein war, gab mir einen Stuhl, und ich setzte mich. Dann nahm er ein Blatt Papier und sagte mir, ich solle ihm erzählen, was in der Grotte geschehen sei. Das tat ich. Nachdem er einiges von dem, was ich ihm diktiert hatte, aufgeschrieben hatte, setzte er noch anderes hinzu, was mir unbekannt war. Dann sagte er, dass er mir alles vorlesen werde, um zu sehen, ob er sich nicht getäuscht habe. Ich hörte aufmerksam zu. Aber schon bei den ersten Zeilen bemerkte ich allerlei Irrtümer. Da rief ich sogleich: „Herr Kommissar, das habe ich Ihnen nicht gesagt“. Da wurde er zornig und behauptete, es sei doch so. Ich aber sagte immer wieder nein. Dieses Hin und Her dauerte einige Minuten, und als er einsah, dass er sich geirrt hatte, und ich ständig wiederholte, dass ich das nicht gesagt habe, las er weiter und begann wieder Dinge zu lesen, von denen ich niemals gesprochen hatte; ich versicherte wieder, dass es nicht so gewesen sei. So ging das weiter, es war immer dasselbe. Ich musste eine ganze Stunde oder sogar anderthalb Stunden dort bleiben. Von Zeit zu Zeit hörte ich, wie man mit Füßen an die Tür trat, Schläge an die Fenster und Männerstimmen, die riefen: „Wenn Sie sie nicht herauslassen, schlagen wir die Tür ein!“ Als ich endlich gehen konnte, führte mich der Kommissar bis zur Tür, öffnete sie, und da sah ich meinen Vater, der mich mit Ungeduld erwartete, und auch eine Menge anderer Leute, die mir von der Kirche her gefolgt waren.“ Jacomet erlangt das Versprechen von François Soubirous, dass er seiner Tochter verbieten werde, zur Grotte zurückzukehren.

Am Morgen des 22. Februar, einem Montag, geht also Bernadette brav zur Schule und nicht nach Massabielle. Zu Mittag drängt sie wieder darauf, das Verbot aufzuheben. Weigerung der Eltern. Um ganz sicher zu sein, begleitet die Mutter ihre Tochter bis zum Schultor. Hier aber fühlt sich Bernadette von einer „unwiderstehlichen Gewalt“ nach Massabielle getrieben … Sie eilt zur Grotte hinab. Aber die Dame erscheint nicht. Am Abend nimmt Jacomet auf Anraten des Bürgermeisters Abadie-Lacadé sein Verbot zurück.

Und Dienstag, den 23. Februar ging Bernadette noch vor Sonnenuntergang wieder zur Grotte. Etwa hundert Personen umgeben sie, als sie sich, wie gewöhnlich, niedergekniet, ihre Kerze entzündet und ihren Rosenkranz aus der Tasche zieht. Kaum hat sie einige Ave hergesagt, als die Verzückung unter den bisher vertrauten Anzeichen beginnt: Lächeln und Verbeugungen, rührende Bekreuzigungen, ein Wechselspiel von Freude und Traurigkeit. Und dies eine Stunde lang. An diesem Tag dürfte sie die Dame „Wort für Wort“ jenes „kleine Gebet“ gelehrt haben, das „nur für (ihre) Nöte bestimmt war“, und das sie von nun an „bei allen Erscheinungen“ sprechen wird, und sogar jeden Tag ihres Lebens.

Während der Verzückung vom Mittwoch, den 24. Februar, die sich vor mehr als 200 Personen abspielt, ereignet sich etwas Neues. Nach einigen Minuten wird Bernadettes Gesicht traurig und ihre Augen füllen sich mit Tränen. Auf den Knien rutschend, nähert sie sich der Höhlung in der Grotte, die mit der Außennische in Verbindung steht. Das Kind spricht mit der Dame, die jetzt ganz nahe vor ihm steht. Es lächelt. Bernadette nähert sich so dem inneren Teil der Grotte, wendet sich und kehrt zurück. Dies dauert einige Minuten. Ihr Lächeln geht in Weinen über und das Weinen in Lächeln. Von Zeit zu Zeit küsst sie den Boden.

Als sie nach der Ekstase über ihr sonderbares Benehmen befragt wird, ist Bernadette ganz erstaunt, dass niemand der Umstehenden gehört habe, was ihr die Dame im Dialekt von Lourdes gesagt habe. Und ohne sich bitten zu lassen, verkündet sie die Botschaft, die ihr anvertraut wurde: „Buße … Beten sie zu Gott für die Bekehrung der Sünder …“ Und die Dame habe sie auch gebeten, „auf den Knien zu ihr hinzurutschen und zur Buße für die Sünder die Erde zu küssen“.

Die Verzückung vom Donnerstag, den 25. Februar, verstärkt noch die Bußehandlungen. Wie am Vortag rutscht Bernadette auf den Knien und küsst die Erde. Die am nächsten Stehenden hören sie sogar mit leiser, hauchfeiner Stimme: „Buße … Buße … Buße …“ flüstern. Aber was noch seltsamer ist: Sie sagte mir, zu der Quelle zu gehen, zu trinken und mich dort zu waschen. Da ich keine Quelle erblickte, ging ich zum Gave um dort zu trinken. Sie sagte mir aber, es sei nicht dort; sie zeigte mir mit dem Finger die Quelle unter den Felsen. Als ich dort war, sah ich nur ein bisschen schmutziges Wasser. Ich berührte es mit der Hand. Ich konnte es nicht trinken. Dreimal warf ich es fort. Erst das vierte Mal konnte ich es trinken … Sie sagte mir, ich solle Gras essen, das an derselben Stelle war, wo ich trank. Dieses ständige Hin und Her, dessen Beweggründe den Anwesenden entgeht, ruft bei diesen eine Enttäuschung hervor. „Sie ist verrückt“, wird gesagt … Einige Minuten später ist die Ekstase zu Ende und Bernadette geht still und ruhig nach Hause.

An diesem Tage hat sich Kommissar Jacomet nach Tarbes begeben, um den Präfekten Massy zum Eingreifen zu veranlassen. Umsonst. Nach Lourdes zurückgekehrt, hat er mehr Erfolg beim kaiserlichen Staatsanwalt Dutour, der die Tochter von François Soubirous noch am selben Abend, um sechs Uhr, zu sich ins Büro rufen lässt.

„Ich ging mit meiner Mutter zu ihm. Und da fragte man mich, wie das in der Grotte geschehen war. Ich erzählte alles und er schrieb es auf. Dann las er es mir vor, wie es der Polizeikommissar getan hatte, das heißt, auch er hatte einige Dinge aufgeschrieben, die ich nicht gesagt hatte. Da rief ich: „Mein Herr, das habe ich Ihnen nicht gesagt!“ Er behauptete, ich habe es doch so gesagt, ich antwortete Nein. Endlich, nachdem wir genug gestritten hatten, gab er zu, dass er sich geirrt hatte, und las weiter. Aber er irrte sich immer wieder, er sagte, dass er die Schriften des Kommissars habe, und dass es nicht das gleiche sei. Ich wiederholte immer wieder, dass ich ihm dasselbe gesagt habe und dass es die Schuld des Kommissars sei, wenn er sich geirrt habe. Da sagte er zu seiner Frau, den Kommissar holen zu lassen, und auch einen Polizisten, um mich noch diese Nacht ins Gefängnis zu bringen. Meine arme Mutter weinte schon seit einer Weile; sie sah mich von Zeit zu Zeit an, und als sie hörte, dass man uns ins Gefängnis werfen wolle, da fing sie noch stärker zu weinen an. Ich tröstete sie und sagte zu ihr: „Warum weinst Du denn, dass wir ins Gefängnis kommen sollen? Wir haben doch niemandem etwas Böses getan“. Da bot er uns Stühle an, indem er weg ging, damit wir auf die Antwort warten. Meine Mutter nahm einen, denn sie zitterte am ganzen Körper, weil wir schon seit zwei Stunden stehen mussten. Ich aber dankte dem Herrn Staatsanwalt und setzte mich auf den Boden, wie die Schneider. Draußen warteten einige Männer auf uns, und als sie sahen, dass niemand herauskam, schlugen sie mit ihren Fäusten an die Tür, obwohl der Polizist da war; er konnte sie aber nicht davon abhalten. Mehrere Male steckte der Staatsanwalt den Kopf zum Fenster hinaus und bat um Ruhe; sie aber riefen, man solle uns herauslassen, sonst würden sie nicht aufhören. Da war er endlich bereit, uns fortzuschicken; er sagte, dass der Kommissar keine Zeit habe und dass die Sache auf den nächsten Tag aufgeschoben sei.“

 

(Fortsetzung folgt!)

Quelle: „LOURDES“, A. Ravier, s.j.

Die ‚evanglische Botschaft‘ von LOURDES – A. RAVIER, s.j.

Das Cachot, rue des Petits Fossés …

… Hier, in diesem „Loch“ hat es begonnen. Es war ein Raum im Ausmaß von 4.40 m x 4 m, schmutzig, ungesund, düster, eine wahre „Höhle“, wie der kaiserliche Staatsanwalt Dutour es sagte.

Diesen Raum bezeichnete man mit dem gruseligen Namen „Cachot“ (Arrestlokal), denn das Haus von A. Sajous hatte einige Zeit lang als Gefängnis gedient. Die Behörden mochten aber dann wohl der Meinung gewesen sein, es sei zu grausam, Menschen in einem solchen Lokal einzusperren, besonders in diesem grässlichen Erdgeschoß; und die Häftlinge waren in weniger gesundheitsschädliche Räume überstellt worden.

 

Eine der ersten Aufnahmen von Bernadette,
und wohl die „echteste“.

Wenn man aber abgewirtschaftet hat, arbeitslos, krank ist, und eine Frau mit vier Kindern zu versorgen hat, begnügt man sich mit dem, was einem angeboten wird. Und da Vetter Sajous darin einwilligte (angeboten hätte er es nicht), die ganze Familie in diesem Elendsquartier unentgeltlich unterzubringen, war dieser Zufluchtsort ein unverhoffter Glücksfall. So zogen François Soubirous, der ehemalige Müller von Boly, seine Frau Louise Castérot, ihre beiden Töchter, Bernadette und Toinette, und die beiden Jungen, Jean-Marie und Justin, mit ihrer armseligen Habe ins „Cachot“ ein, an einem Maitag des Jahres 1856.

Schmal und kärglich ging es im Cachot her, aber man schlug sich durch; schlecht und recht, aber oft mehr schlecht als recht. Vater François fand Gelegenheitsverdienste, Mutter Louise ging in fremde Häuser arbeiten, man sammelte Reisig zum Heizen, alte Knochen, die für einige Sous verkauft wurden; man sparte an allen Ecken und Enden, und wenn nichts da war, aß man eben nichts … Zumal im Jahre 1856 in Lourdes und in der ganzen Umgebung Hungersnot herrschte.

Zwei schwache Flämmchen, ganz im Grunde des Herzens, verklärten jedoch diese ärmliche Behausung: es war das Licht der Liebe, der Liebe zueinander und zum lieben Gott. Im September 1857 schlug Marie Lagues, Bernadette´s Nährmutter, vor, die Kleine nach Bartres mitzunehmen; sie sollte dort die Schafe hüten und die Kinder beaufsichtigen. Hier verdiente sie einige Sous und konnte sich wenigstens satt essen … soweit ihr Magen die oft schwere Kost behalten mochte … Die ehemalige Pflegemutter war trotz ihres etwas barschen Wesens Bernadette sehr zugetan … Und manchmal kam François die drei Kilometer herauf, nach Bartres, um seine Tochter zu besuchen; es war ein kurzes Wiedersehen zwischen Vater und Tochter. Doch nichts kann das Heimweh von Bernadette stillen. Gegen Ende Januar kehrt sie ins Cachot zu den Ihrigen zurück … Schliesslich hat sie doch schon längst das Alter erreicht, sich ernstlich auf die hl. Kommunion vorzubereiten …

Relief von Lourdes im Jahre 1858 (Museum)

VOM „CACHOT“ ZUR GROTTE:
WEG, DEN BERNADETTE AM 11.2.1858 EINSCHLUSS.

1: Die Burg – 2. das Tor du Baous (später abgetragen) – 3. der Weg du Baous (heute Rue de la Grotte) – 4. die Alte Brücke. – 5. Der Waldweg (heute Rue Bernadette Soubirous) – 6. Die Savy-Mühle (später niedergerissen) – 7. Ehemaliger Pfad vom Waldweg zur Chalet-Insel – 8. Die Chalet-Insel (heute etwa Domaine de la Grotte) – 9. Mit Schotter bedeckte Landzunge, wo Bernadette Schuhe und Strümpfe auszog, als Aqueró ihr erschien – 10. Die Grotte der Erscheinungen – 11. Der Espélugues-Berg – 12. Der „Ferme des Espélugues“ genannte Hof – 13. Der Gave de Pau (heute etwas nach Norden abgedrängt) – 14. Der Mühlbach (um in die Grotte zu gelangen, musste Bernadette diesen barfuß überschreiten).

 

Einige Tage vergehen …

Donnerstag, den 11. Februar 1858 (1), gegen 11 Uhr vormittags, will Louise Soubirous das magere Mittagessen für die Familie kochen. Aber leider ist kein Holz mehr im Hause; man muss etwas Reisig holen. Ich ging, so erzählt Bernadette, zum Gave hinunter, um dort mit zwei anderen Mädchen dürre Äste zu sammeln. Die beiden anderen sind ihre Schwester Toinette und Jeanne Abadie, Baloume genannt. Sie nehmen einen alten Korb mit; man kann nicht wissen? Vielleicht finden sie zugleich mit dem Holz einige alte Knochen, die sie verkaufen könnten, um dafür Brot zu bekommen. Die drei Mädchen verlassen das Cachot, gehen zuerst nach links, wenden sich dann aber bald nach rechts, schlagen die Route du Baous ein, gehen durch das Tor du Baous (heute abgetragen) hindurch und weiter den Weg du Baous hinunter (heute Rue de la Grotte) bis zur Alten Brücke: dies ist eine gute Stelle, wo sie manche „Schätze“ für ihre Zwecke zu finden hoffen.

(1) bei der Schilderung der Erscheinungen folgen wir genau den acht handschriftlichen Berichten, die uns Bernadette hinterlassen hat. Die wörtlichen Zitate sind im Text kursiv gedruckt.

Da gibt ihnen die alte Pigou den Rat, über die Brücke hinaus bis auf die große Wiese des Herrn de La Fitte zu gehen, der dort Bäume gefällt habe, und noch weiter bis zum geheimnisvollen Massabielle (= der alte Felsen), vor dem der Mühlbach in den Gave fließt … Die drei Holzsammlerinnen halten dies für eine gute Idee. Sie nehmen zuerst den Waldweg (heute Rue Bernadette-Soubirous) und biegen dann auf einem schmalen Pfad zur Savy-Mühle ab. Als wir bei der Mühle waren, habe ich die beiden anderen gefragt, ob sie nicht weitergehen wollten, um zu sehen, wo der Bach in den Gave mündet. Sie waren einverstanden, und wir gingen den Mühlbach entlang. Von der Savy-Mühle bis zur schotterbedeckten Landzunge, der Chalet-Insel, die wie eine Lanzenspitze ins Wasser ragt, ist es nicht weit. Die drei Kinder sind bald beim Zusammenfluss angelangt. Aber weiter können Sie nicht gehen.

Da erblicken sie in einer Art Grotte, die vom Wasser des Gave in den Massabielle gegraben war, auf der anderen Seite des Mühlbaches, einen Haufen Holz und Knochen … Um dorthin zu gelangen, muss aber der eiskalte Bach durchquert werden. Bernadette, die an Atembeschwerden leidet, zögert; doch Toinette und Baloume sind rasch entschlossen. Meine beiden Gefährtinnen wateten durch den Mühlbach, der an der Grotte vorbeifloss. Sie fingen zu weinen an. Ich fragte sie, warum sie weinten, und sie antworteten mir, dass das Wasser sehr kalt sei. Ich blieb allein am anderen Ufer zurück. Ich rief ihnen zu, mir zu helfen, Steine ins Wasser zu werfen, damit ich nicht barfuß durch das Wasser zu gehen brauchte. Sie sagten mir aber, so zu tun wie sie. Da ging ich etwas flussabwärts, um eine Stelle zu suchen, wo ich, ohne die Schuhe auszuziehen, durchs Wasser kommen könnte. Aber vergeblich. Ich ging wieder in der Richtung der Grotte zurück und begann, meine Schuhe auszuziehen. Kaum hatte ich den ersten Strumpf ausgezogen, als ich ein starkes Brausen wie von einem Sturmwind hörte. Ich blickte in der Richtung der Wiese und sah, dass die Bäume dort ganz still waren. Ich fuhr also fort, meine Strümpfe auszuziehen. Da hörte ich wieder dasselbe Geräusch. Ich hob den Kopf und schaute nach der Grotte. Da erblickte ich eine weiß gekleidete Dame. Sie trug ein weißes Kleid, einen blauen Gürtel und auf jedem Fuß eine gelbe Rose von derselben Farbe wie die Kette ihres Rosenkranzes. Ich glaubte, mich zu täuschen, und rieb mir die Augen. Aber vergeblich, ich sah immer die gleiche Dame. Ich holte meinen Rosenkranz aus der Tasche hervor; dann versuchte ich, das Kreuzzeichen zu machen. Aber ich konnte meine Hand nicht bis zur Stirn führen; sie fiel herab. Eine immer stärkere Ergriffenheit bemächtigte sich meiner. Die Dame nahm den Rosenkranz, den sie in ihren Händen hielt und machte das Kreuzzeichen. Da versuchte ich, es ein zweites Mal zu machen, und es gelang mir. Sobald ich das Kreuzzeichen gemacht hatte, verschwand die große Ergriffenheit, die ich empfand. Ich kniete nieder und betete den Rosenkranz im Angesicht der Dame. Sie ließ die Perlen ihres Rosenkranzes durch die Finger gleiten, doch ihre Lippen bewegten sich nicht. Als sie mit dem Rosenkranz fertig war, winkte mich die Dame zu sich heran, aber ich wagte nicht, mich zu rühren, und bin immer an derselben Stelle geblieben. Da verschwand sie.

Ich begann, den anderen Strumpf auszuziehen, um das seichte Wasser zu durchqueren, das vor der Grotte war, und meine Gefährtinnen wieder zu erreichen. Aber Toinette und Baloume haben während dieser Viertelstunde ihre Zeit nicht vergeudet. Ein Reisigbündel liegt da, zusammengebunden, und der alte Korb ist voll mit Knochen. Sie wollen jetzt heimkehren, auf dem Pfad, der über den Espélugues-Berg führt. Der Weg ist hier steiler, doch wenn man 12 oder 14 Jahre alt ist … Bernadette ist übrigens mit einem Eifer bei der Sache, der ihre Kameradinnen in Erstaunen versetzt.

Auf dem Weg fragte ich meine Gefährtinnen, ob sie nichts gesehen hätten. „Nein“, antworteten sie. „Und du, hast du etwas gesehen? – O nein, wenn ihr nichts erblickt habt, so habe ich auch nichts gesehen“. Ich glaubte, mich getäuscht zu haben. Ich wollte Ihnen nichts sagen, aber sie haben mich so sehr gebeten, dass ich mich entschlossen habe, ihnen alles zu erzählen, unter der Bedingung aber dass sie mit niemandem darüber sprechen dürften. Sie versprachen mir, das Geheimnis zu bewahren. Da sagte ich ihnen, dass ich eine weiß gekleidete Dame gesehen habe, dass ich aber nicht wusste, was es sei. Dann sagten sie mir, ich sollte nicht mehr nach Massabielle zurückkehren, sie wollten es auch nicht mehr tun, denn sie meinten, es sei jemand, der uns etwas Böses antun könnte. Ich glaubte das nicht. Wir waren aber kaum zu Hause angekommen, als sie schon erzählten, dass ich eine weiß gekleidete Dame gesehen hätte.

Das Ende dieses Abenteuers war, dass, wenigstens was Bernadette und Toinette betraf, ihnen Louise mit dem Stock, der zum Deckenausklopfen diente, recht tüchtige Prügel versetzte … Baloume erhielt ihrerseits eine ordentliche Tracht … Doch wurden die alten Knochen für ein nettes Scherflein der Lumpenfrau verkauft, was alle wieder versöhnte … Und so endete die ganze Sache nicht allzu schlecht!

Beim Abendgebet, das François und Louise stets gemeinsam mit den Kindern sprechen, bricht Bernadette plötzlich in Schluchzen aus. Doch ihre Tränen sind Freudentränen! Vielleicht haben sie das Vaterunser und das Gegrüßet seist Du Maria – das ist ungefähr alles, was sie an Gebeten weiß – allzu deutlich an den wunderbaren Rosenkranz erinnert, den sie vor der Dame in der Grotte gebetet hatte?

Am Freitag ist Bernadette wieder in der Schule, bei den Schwestern, wo sie versucht, lesen und schreiben zu lernen. Samstag abends aber, nach der Schule, geht sie zu Abbé Pomian beichten und erzählt ihm im Vertrauen, was sich in Massabielle am Donnerstag zugetragen hat … Auf dessen Wunsch gestattet sie ihm auch, diesen Vorfall dem Herrn Pfarrer zu berichten, dem so schrecklichen und dabei so gutherzigen Abbé Peyramale.

Das zweite Mal geschah es am nächsten Sonntag, d. h. am 14. Februar. Eine innere Stimme drängte mich. (Ich wollte auch sehen), ob ich mich nicht getäuscht hatte. Meine Mutter hatte mir verboten, dorthin zu gehen. Nach dem Hochamt versuchten die beiden anderen Mädchen (Toinette und wahrscheinlich Baloume) und ich nochmals, sie um Erlaubnis zu bitten. Aber sie wollte nicht. Sie sagte mir, sie habe Angst, dass ich ins Wasser fallen könne und dass ich zur Vesper nicht zurück sein werde. Ich versprach ihr, rechtzeitig da zu sein. Da gab sie mir die Erlaubnis, mit mehreren Mädchen hinzugehen. Ich holte in einem Fläschchen Weihwasser aus der Kirche, um es auf die Erscheinung zu sprengen, wenn ich sie wieder in der Grotte sehen sollte … Wir liefen zur Grotte. Als wir dort ankamen, nahm jede ihren Rosenkranz; wir knieten nieder und begannen zu beten. Kaum hatte ich das erste Gesetzlein hergesagt, als ich dieselbe Dame erblickte. Sofort sprengte ich Weihwasser ihr entgegen und sagte ihr, wenn sie von Gott komme, zu bleiben, wenn nicht, so solle sie weggehen. Aber die Dame fing zu lächeln an und nickte nur. Da wurde ich von Angst erfasst und sprengte ihr noch mehr Weihwasser entgegen, bis ich schließlich den ganzen Inhalt meines Fläschchens vergossen hatte. Dann betete ich meinen Rosenkranz weiter. Als wir zu Ende waren, verschwand die Dame und wir kehrten zurück, um zur Vesper zu gehen … Doch scheint das Ende der Ekstase bewegter gewesen zu sein, als es aus diesem Bericht hervorgeht. Denn von der Blässe und Bewegungslosigkeit Bernadettes erschreckt, riefen ihre Begleiterinnen die Mutter des Müllers von Savy zur Hilfe; diese wieder holte ihren Sohn, Antoine Nicolau, der die immer noch in Ekstase befindliche Bernadette in die Mühle brachte. Erst als sie an der Schwelle des Gebäudes angelangt waren, kam Bernadette wieder zu sich.

(Fortsetzung folgt!)

Quelle: „LOURDES“, A. Ravier, s.j.

Papst Franziskus: Motu Proprio „SANCTUARIUM IN ECCLESIA“

APOSTOLISCHES SCHREIBEN
IN FORM EINES «MOTU PROPRIO»

VON PAPST
FRANZISKUS

SANCTUARIUM IN ECCLESIA

mit dem dem Päpstlichen Rat zur Förderung der Neuevangelisierung
die Zuständigkeit für die Heiligtümer übertragen wird

1. Wallfahrtsorte besitzen in der Kirche einen hohen Symbolwert«[1], und sich auf Pilgerfahrt zu begeben ist ein echtes Glaubensbekenntnis. Denn durch die betende Betrachtung des sakralen Bildes bezeugt man die Hoffnung, die Nähe Gottes stärker zu spüren, die das Herz auf das Vertrauen hin öffnet, in den tiefsten Wünschen gehört und erhört zu werden.[2] Die Volksfrömmigkeit, die »ein authentischer Ausdruck des spontanen missionarischen Handelns des Gottesvolkes ist«[3], findet in den Wallfahrtsstätten den bevorzugten Ort, an dem sie die schöne Tradition des Gebets, der Frömmigkeit und des Vertrauens auf die Barmherzigkeit Gottes zum Ausdruck bringen kann, inkulturiert in das Leben eines jeden Volkes.

Denn von den ersten Jahrhunderten an dachte man an die Wallfahrt vor allem an jene Orte, wo Jesus Christus gelebt und das Geheimnis der Liebe des Vater verkündigt hatte, und wo sich vor allem ein greifbares Zeichen seiner Auferstehung befand: das leere Grab. Später machten die Pilger sich auf den Weg an jene Orte, wo sich den verschiedenen Überlieferungen nach die Gräber der Apostel befanden. Im Laufe der Jahrhunderte schließlich erstreckte sich die Wallfahrt auch auf jene Orte, nunmehr zur Mehrheit geworden, an denen die Volksfrömmigkeit die geheimnisvolle Gegenwart der Gottesmutter, der Heiligen und der Seligen konkret wahrgenommen hat.[4]

2. Die Wallfahrtsorte sind bis in unsere Tage hinein in allen Teilen der Welt weiterhin ein besonderes Zeichen des einfachen und demütigen Glaubens der Gläubigen, die an diesen heiligen Stätten die grundlegende Dimension ihres gläubigen Daseins finden. Hier erfahren sie zutiefst die Nähe Gottes, die Zärtlichkeit der Jungfrau Maria und die Gesellschaft der Heiligen: eine Erfahrung wahrer Spiritualität, die nicht abgewertet werden darf, um dem Wirken des Heiligen Geistes und dem Leben der Gnade keinen Abbruch zu tun. Viele Pilgerstätten wurden so sehr als Teil des Lebens von Menschen, Familien und Gemeinschaften wahrgenommen, dass sie die Identität ganzer Generationen geprägt und sogar die Geschichte einiger Nationen beeinflusst haben.

Der große Strom der Pilger, das demütige und einfache Gebet des Gottesvolkes im Wechsel mit den liturgischen Feiern, die Erlangung zahlreicher Gnaden, die viele Gläubige ihrem eigenen Zeugnis nach empfangen haben, sowie die natürliche Schönheit dieser Orte lassen erkennen, dass die Heiligtümer in der Vielfalt ihrer Formen eine unersetzliche Gelegenheit für die Evangelisierung in unserer Zeit darstellen.

3. Diese Orte werden trotz der Glaubenskrise, von der die heutige Welt heimgesucht wird, immer noch als sakrale Räume empfunden, zu denen man pilgert, um einen Augenblick der Einkehr, der Stille und der Betrachtung in dem oft hektischen Leben unserer Tage zu finden. Ein verborgener Wunsch lässt bei vielen die Sehnsucht nach Gott aufkommen; und die Wallfahrtsorte können ein wahrer Zufluchtsort sein, um sich selbst neu zu entdecken und wieder die notwendige Kraft für die eigene Umkehr zu finden. Außerdem können die Gläubigen in der Pilgerstätte eine Stütze für ihren täglichen Weg in der Pfarrei und in der christlichen Gemeinde finden. Diese Osmose zwischen der Wallfahrt zum Heiligtum und dem täglichen Leben ist eine wertvolle Hilfe für die Seelsorge, weil sie ihr gestattet, die Evangelisierungstätigkeit durch ein überzeugteres Zeugnis neu zu beleben. Zum Heiligtum zu pilgern und an der Spiritualität teilzuhaben, die diese Orte zum Ausdruck bringen, ist daher bereits ein Akt der Evangelisierung, der es verdient, aufgrund seines hohen pastoralen Werts wertgeschätzt zu werden.[5]

4. Seinem Wesen nach ist die Wallfahrtsstätte also ein sakraler Ort, wo die Verkündigung des Wortes Gottes, die Feier der Sakramente, insbesondere der Versöhnung und der Eucharistie, sowie das Zeugnis der Nächstenliebe das große Bemühen der Kirche um die Evangelisierung zum Ausdruck bringen. Es zeichnet sich daher aus als echter Ort der Evangelisierung, wo von der ersten Verkündigung bis hin zur Feier der heiligen Geheimnisse das mächtige Wirken offenbar wird, mit dem die Barmherzigkeit Gottes im Leben der Menschen tätig ist.

Durch die jedem Wallfahrtsort eigene Spiritualität werden die Pilger »durch hinführende und begleitende Evangelisierung«[6] zu einem immer größeren Verantwortungsbewusstsein sowohl in ihrer christlichen Bildung als auch im notwendigen Zeugnis der Nächstenliebe geführt, das daraus entspringt. Außerdem trägt die Pilgerstätte in nicht geringem Maße zum katechetischen Bemühen der christlichen Gemeinde bei[7]: indem sie in zeitgemäßer Form die Botschaft weitergibt, die zu seiner Errichtung geführt hat, bereichert es das Leben der Gläubigen und bietet ihnen Beweggründe für ein Werk des Glaubens (vgl. 1 Thess 1,3), das reifer und bewusster ist. Denn im Wallfahrtsort werden die Türen weit geöffnet für die Kranken, die behinderten Menschen und vor allem für die Armen, die Ausgegrenzten, die Flüchtlinge und die Migranten.

5. Im Licht dieser Überlegungen wird deutlich, dass die Wallfahrtsorte aufgerufen sind, eine Rolle bei der Neuevangelisierung der heutigen Gesellschaft zu spielen, und dass die Kirche aufgerufen ist, die Eingebungen des Herzens, die durch die Wallfahrten zu den Heiligtümern und zu den heiligen Stätten zum Ausdruck kommen, pastoral aufzuwerten.

Daher habe ich in dem Wunsch, die Entwicklung der Seelsorge in den Heiligtümern der Kirche zu fördern, beschlossen, dem Päpstlichen Rat zur Förderung der Neuevangelisierung die Zuständigkeiten zu übertragen, die kraft Art. 97, 1° des Apostolischen Schreibens Pastor Bonus bislang der Kongregation für den Klerus zukamen, ebenso wie jene, die in Art. 151 desselben Schreibens bezüglich der religiös motivierten Reisen vorgesehen sind, ohne Einschränkung der Aufgaben der zuständigen kirchlichen Autoritäten sowie jener, die kraft besonderer Gesetze anderen Organismen gegenüber bestimmten Pilgerstätten zukommen.

Folglich bestimme ich, dass in Zukunft Aufgabe des Päpstlichen Rates zur Förderung der Neuevangelisierung sein wird:

a) Die Errichtung internationaler Wallfahrtsorte und die Genehmigung der jeweiligen Statuten, gemäß Can. 1232-1233 CIC.

b) die Untersuchung und Umsetzung von

Maßnahmen, die die Rolle der Wallfahrtsorte bei der Evangelisierung und die Pflege der Volksfrömmigkeit in ihnen fördern;

c) die Förderung einer organischen Seelsorge der Wallfahrtsorte als Zentren zur Unterstützung der Neuevangelisierung;

d) die Veranstaltung von nationalen und internationalen Begegnungen zur Förderung eines gemeinsamen Werks zur Erneuerung der Pastoral der Volksfrömmigkeit und der Wallfahrt zu den heiligen Stätten;

e) die Förderung der besonderen Ausbildung der Mitarbeiter der Wallfahrtsorte und der heiligen Stätten;

f) die Aufsicht darüber, dass den Pilgern an den jeweiligen Orten ein konsequenter und tragfähiger geistlicher und kirchlicher Beistand geleistet wird, der es gestattet, aus diesen Erfahrungen die größtmögliche persönliche Frucht zu ziehen; g) die kulturelle und künstlerische Wertschätzung der Wallfahrtsorte gemäß der »via pulchritudinis « als besondere Form der Evangelisierung der Kirche.

Ich verfüge, dass alles, was ich mit diesem Apostolischen Schreiben in Form eines »Motu Proprio« festgesetzt habe, voll und bleibend gültig ist, ungeachtet jeder gegenteiligen Anordnung, auch wenn sie besonders erwähnenswert wäre, und dass es durch die Veröffentlichung im L’Osservatore Romano promulgiert wird, zwei Wochen nach der Promulgation in Kraft tritt und anschließend in die Acta Apostolicae Sedis aufgenommen wird.

Gegeben in der Vatikanstadt am 11. Februar 2017, dem liturgischen Gedenktag Unserer Lieben Frau in Lourdes, im vierten Jahr des Pontifikats.

Franziskus


Fußnoten

[1] Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, Direktorium über die Volksfrömmigkeit und die Liturgie. Grundsätze und Orientierungen (2001), 263.

[2] Vgl. 5. Generalkonferenz des Episkopats von Lateinamerika und der Karibik, Dokument von Aparecida, 29. Juni 2007, 259.

[3] Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 122.

[4] Vgl. Päpstlicher Rat der Seelsorge für die Migranten und Menschen unterwegs, Die Pilgerfahrt zum großen Jubiläum (25. April 1998), 12-17.

[5] Vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 124.126.

[6] Paul VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi, 48.

[7]Vgl. Päpstlicher Rat der Seelsorge für die Migranten und Menschen unterwegs, Heilige Stätten – Erinnerung, Gegenwart und Prophezeiung des lebendigen Gottes (8. Mai 1999), 10.

Predigt zum 11. Februar, der 1. Erscheinung der Unbefleckten Empfängnis

Alfred Bischof, Priester

von Grub (SG), gew. Kaplan von Jonschwil (SG), Pfarrer von Henau (SG), Spiritual der Schwestern vom Kostbaren Blut im Kloster Leiden Christi, Jakobsbad (AI), der Bonitas-Dei Schwestern in Eppishausen/TG, Resignat in Weesen/Amden (SG), 1904-1992, Grabstätte bei der Katholischen Kirche in Grub (SG)

Der protestantische Arzt Dr. Siegfried Ernst aus Ulm, der als Vorkämpfer alle Gutgesinnten zum Gegenangriff gegen die babylonische Verwirrung in Sachen öffentlicher Sittlichkeit und Abtreibung aufruft, erzählt in einem Vortrag auf Schloß Arnstorf Folgendes: „Eines Tages kam ich an eine katholische Kirche. Sie war geöffnet, und ich trat ein. Da fand ich ein Bild Mariens mit dem göttlichen Kind. Ich kniete hin und betete: „Mutter Unseres Herrn, wenn Du wirklich diejenige bist, wie Dein Name sagt, dann hilf Du mir! Du bist die Einzige, die noch Rettung bringen kann! Du ganz Reine! Du gehörst in den Mittelpunkt der heutigen Geisterschlacht. Du bist allein das Idealbild, das unsere Jugend noch begeistern kann, das unser Volk noch herausziehen kann aus dem Wust und Greuel der Verführung.“ — So und ähnlich betete ich. — Ich stand auf mit dem beruhigenden Bewußtsein, daß ich nicht vergeblich gefleht habe… Und merkwürdig! Von jener Stunde an ging es Schritt für Schritt vorwärts. — Das ist das Gebet und Geständnis eines tiefgläubigen, protestantischen Arztes.

„Wenn du wirklich diejenige bist, was Dein Name sagt, dann hilf auch mir!“

Wir Kinder der Katholischen Kirche, wir Kinder Mariens, Sodalen und Sodalinnen, die wir uns Ihr schon in Jugendtagen geweiht haben, wir müssen nicht fragen: „… Wenn Du wirklich diejenige bist, was Dein Name sagt“. — Wir wissen es, wir sind überzeugt, wir haben es schon zu oft an uns selber erfahren dürfen. „Du bist die ganz Reine, Du bist die ganz Makellose, Du bist die ganz Unberührte von der Erbsünde, und jeder persönlichen Sünde!“

So lehrt es und die hl. Mutter Kirche durch ihr unfehlbares Oberhaupt, Papst Pius IX. am 8. Dezember 1854: „… Zu Ehren der heiligen und ungeteilten Dreifaltigkeit, zum Ruhme und zur Zier der jungfräulichen Gottesmutter, zur Erhöhung des katholischen Glaubens und zur Förderung der christlichen Religion erklären, verkünden und entscheiden Wir kraft der von Unserm Herrn Jesus Christus und den heiligen Aposteln Petrus und Paulus erhaltenen und Unserer eigenen Vollmacht, daß die Lehre, die festhält, daß die seligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis, auf Grund einer einzigartigen, ihr von Gott dem Allmächtigen gewährten Huld und Auszeichnung im Hinblick auf die Verdienste des Erlösers des menschlichen Geschlechtes, Jesus Christus, von jeder Makel der Erbschuld bewahrt blieb, eine von Gott geoffenbarte Wahrheit und Lehre ist, und deshalb von allen Gläubigen fest und beständig zu glauben ist.“ Diese Tatsache steht fest, felsenfest, hart wie Granit vom Gotthard, und noch fester, und noch sicherer. An dieser klar geoffenbarten Wahrheit gibt es nichts umzudeuten, nichts dazu zu tun, auch nichts wegzunehmen, nichts zu deuteln, und nichts zu rütteln, nichts zu deuteln und zu bezweifeln, weder von Andersgläubigen, noch von modernen katholischen Exegeten, Theologen.

Denn: Wenn Gott schon einmal daran geht, ein Meisterwerk Seines Geistes zu schaffen, dann darf kein Gottgläubiger sich wundern, wenn dabei etwas übermenschlich Großes herauskommt. (Faulhaber)

Der begnadeten Maria Valtorta von Viareggio, 68jährig gestorben, nach 28jährigem Krankenlager, im Jahre 1961, hat Jesus selber sein Leben in 10 Bänden diktiert und er sagt zu ihr: „Gott hat, um sich den Menschen in neuer Form zu offenbaren als Eingang zur Erlösung, zu Seinem Thron nicht einen Stern des Himmels, nicht den Palast eines Herrschers auserwählt. Er wollte auch nicht die Flügel der Engel als Basis für Seine Füße. Er wollte einen mütterlichen Schoß ohne Makel.“

Jesus befiehlt ihr: „Nimm ein ganz neues Heft! Schreibe auf der ersten Seite das Diktat des 16. August: … Heute schreibe nur dies! Die Reinheit hat einen so großen Wert, daß ein Schoß einer Kreatur den Unfassbaren fassen konnte, weil Sie die größte Reinheit besaß, die eine Kreatur von Gott überhaupt erhalten konnte…“ … „Die heiligste Dreifaltigkeit stieg mit ihren Vollkommenheiten hernieder, wohnte mit ihren Drei Personen, verschloss den Unendlichen in diesem kleinen Raum, und wurde doch nicht kleiner dadurch, weil die Liebe der Jungfrau und das Wollen Gottes diesen kleinen Raum des Mutterschoßes erweiterten, daß er zu einem Himmel wurde…“ Soweit Maria Valtorta.

Doch, wir brauchen uns nicht einzig auf solche Offenbarungen zu stützen. Allererste Quelle ist die Hl. Schrift selber.

„Wie können Sie beweisen“, sagte ein Andersgläubiger, „wie können Sie beweisen, daß Maria keine Erbsünde hatte; überhaupt findet sich nichts in der Bibel, kein einziger Text, der für die Marienverehrung spricht.“ – So! So schlag die Bibel auf! Auf den ersten Seiten liesest du: „Feindschaft will ich setzen zwischen Dir und dem Weibe, zwischen Deiner Nachkommenschaft und ihrer Nachkommenschaft.“ Da ist das Geheimnis des heutigen Tages offen. Wer spricht denn da? Gott! Zu wem? Zu Satan, dem Verführer des ersten Menschenpaares. Absolute Feindschaft zwischen Satan und dem Weibe, d.h. der allerseligsten Jungfrau. Auch nicht einen Augenblick in der Gewalt Satans, durch die Sünde.

Maria, Mutter des Sohnes Gottes! Welche überragende Würde! Maria, damit Du dies auch sein kannst, mußt Du auch ganz rein, ganz heilig, ganz unbefleckt sein! Schon der bloße Gedanke an diese Deine Reinheit erweckt in uns ein Stück Heimweh nach dem verlorenen Paradies.

„Wenn ich glauben könnte“, so sprach ein Ungläubiger zu einem Priester, „wenn ich glauben könnte“, so würde ich katholisch werden.“ „Wissen Sie warum? Wegen der Immakulata! Wegen der Unbefleckt Empfangenen! Ich habe ein großes Stück Welt gesehen, Ich habe die Schmutzflut der Sünde kennen gelernt in den Menschen. Was wir brauchen, das ist gerade diese Seele, diese eine Seele wenigstens, die auch nicht vom leisesten Tropfen der Sünde bespritzt, die Seele der ganz Makellosen, der Unbefleckten, der himmlisch Reinen, dieser Jungfrau und Mutter!“

So muß es sein. Eine unbefleckte Mutter! Ganz rein muß Deine Seele sein, o Maria! Es beweist nur, was ungeheuer Schreckliches die Sünde im allheiligen Auge Gottes sein muß. – Denn der Herr wollte eine arme Mutter, wohl! — aber eine befleckte, beschmutzte, sündhafte Mutter, auch nur einen Augenblick in der Gewalt Satans? Nein! Nie und nimmer! Ihm, dem Allerheiligsten, dem wir singen: Du, Du allein bist der Heilige, Du allein der Herr, Du allein der Höchste… Ihm, der der Welt das Wort hinwerfen konnte: Wer von euch kann Mich einer Sünde zeihen? Ihm liegt alles daran, Ihm mußte alles daran liegen, von Seiner Mutter die Sünde fern zu halten, koste es, was es wolle, koste es auch ein Wunder der Gnade, ja ein unerhörtes Wunder der Gnade! Und Gott hat es gewirkt, dieses Wunder, so daß Er in göttlichem Entzücken sich vor Seine Mutter hinstellen und Ihr zujauchzen konnte: „Wie schön bist Du, meine Freundin, wie schön! Ganz schön bist Du, und keine Makel ist an Dir, Du lieblichste der Frauen!“ Hohelied.

So ist sie also die Eine und Einzige, die trockenen Fußes durch die Sündflut der Erde hindurchschreitet, durch die Schuld Adams. Die Wogen der Sünde türmen sich, stehen aufrecht wie Mauern, und wie die Fluten des Roten Meeres und staunen, wie dieses Mädglein ins Dasein tritt ohne jegliche Schuld.

Die Kirchenväter vergleichen darum Maria mit Eva, nur mit umgekehrten Vorzeichen: Maria, die zweite, bessere Eva. Sie brauchen Worte: Die seligste Jungfrau ist die Reinste, durch alles und von der Wurzel aus unbefleckt. Sie sei allzeit rein gewesen. Die Sünde habe sie nie gekannt, heiliger als alle Heiligen, reiner als die himmlischen Geister… die einzig Unschuldige, die einzig Unbefleckte. So reden die hl. Kirchenväter.

Es war an einem stürmischen Spätherbsttag 1849. Pius IX. vertrieben aus Rom, stand sinnend auf einer Felsenterrasse am Hafen von Gaeta und schaut auf die Meeresbrandung hinaus. In seinem Auge glänzen Tränen. Sein Herz sieht im Aufruhr der Elemente ein Abbild der Stürme, die das Schifflein Petri von allen Seiten umtosen. Da spricht der alte Kardinal Lambruschini zu ihm: „Heiliger Vater, Sie werden die Wunden der Zeit nur heilen können, wenn Sie die Unbefleckte Empfängnis verkünden. Diese Lehrentscheidung wird den Völkern die übernatürlichen Wahrheiten zum Bewußtsein bringen und die Geister von den Irrwegen auf den Weg Christi zurückführen.“ — Pius IX. hat diesen Rat befolgt, wie wir gehört haben.

Gleichsam als Beleg zu der feierlichen Glaubenserklärung kommt Maria selber, 4 Jahre später, in Lourdes am 25. März 1858. Bernadette kniet wieder zum 16. Mal an der Grotte. Die Menge steht da, fragend, zweifelnd, glaubend die einen, spöttelnd die andern. Die Seherin erhebt sich, Enttäuschung, Trauer im Antlitz. Einer fragt: „Hat die Dame den Namen genannt?“ „Ja, aber einen ganz sonderbaren, den ich noch nie gehört habe. Ich habe doch immer gehofft, es könnte die heiligste Jungfrau sein.“ — Was hat sie denn gesagt? — So etwa: „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis!“ — Das Volk hört dies Wort, einer raunt’s dem andern zu, es geht von Mund zu Mund, und die jubelnde Menge ruft begeistert: „O Maria, ohne Sünde empfangen, bitt für uns, die wir zu Dir unsere Zuflucht nehmen.“ Kerzen flammen auf, Marienlieder erklingen. Bernadette geht ängstlich zum Pfarrer Peyramale: „Bitte, sagen Sie mir, was das ist eine Unbefleckte Empfängnis; denn so hat die Erscheinung an der Grotte heute zu mir gesprochen.“ Der Pfarrer erklärt es ihr, tief ergriffen: „Begnadetes Kind, dir hat sich die Hochgebenedeite gezeigt.“ Der Pfarrer, bisher so großer Zweifler, kniet nieder und betet das erste Ave Maria zur erschienenen Immaculata von Lourdes. Und seither beten es Tausende und Millionen und reihen sich ein in den Chor jener, die mithelfen, Mariens Prophezeiung zu erfüllen: „Siehe von nun an werden Mich selig preisen alle Geschlechter.“

Maria gehört mit Jesus in den Mittelpunkt der heutigen Geister-Schlacht. Sie ist und bleibt heute noch das Idealbild, das unsere Jugend anstelle der Sportkanonen und Skiasse begeistern und in die reinen Höhen Gottes ziehen könnte. Aber was erleben wir? Heute müssen wir in den Kampf ziehen, um die Ehre und diesen Gnadenvorzug Mariens ohnegleichen zu verteidigen, in Schutz zu nehmen gegen frivole Angriffe, heute mehr von den innern als den äußern Feinden der Kirche.

Wer heute nach Lourdes kommt, entdeckt an der Grotte von Massabielle sofort, daß etwas fehlt. Was denn? Man hat über dem Haupt der Mutter-Gottes-Statue, der Immaculata, die Inschrift entfernt: „JE SUIS L’IMMACULÉE CONCEPTION“. Ist es nicht geradezu symbolisch für unsere Zeit? Ist dies nicht die Situation von heute in Kirche und Welt? Von der Schlangenzertreterin, wie es im 1. Buch Moses heißt, weiß die Geheime Offenbarung des Johannes 12,13 zu berichten: „… da ward der Drache zornig über das Weib, und ging hin, Krieg zu führen mit den übrigen ihrer Kinder, die Gottes Gebote erfüllen und fest halten am Zeugnis Christi.“ Das gilt in erster Linie von der Kirche, dann aber von der Mutter der Kirche, das ist Maria, feierlich erklärt im letzten Konzil.

Gilt dies nicht von heute? Wo Papst Paul VI. am 29. Juni 1972 erklärte in einer improvisierten Ansprache: „Wir erwarteten nach dem Konzil einen Sonnentag. Statt dessen erleben wir neue Stürme — durch einen Spalt — sage man doch lieber durch die weit geöffneten Tore und Fenster — ist Satan in den Tempel Gottes eingedrungen…“ Das sind deutliche Worte des Obersten Hirten, und nichts zeigt die Blindheit der Menschen mehr als die Tatsache, daß man dem Teufel den Abschied gegeben und dies in unserer Zeit ausgerechnet, wo er mehr denn je wütet, wo man sein Wüten mit Händen greifen kann. Die ganze Situation wird auch beleuchtet durch die Tatsache, daß man an der Biennale in Venedig durch ein Dutzend moderner Künstler bei der Verleihung der Preise für die besten Filme, den Vorschlag gemacht hat, diesmal dem Zerstörer der Pietà von Michelangelo im Petersdom den Preis zu verleihen.

Franco, der Befreier Spaniens vom Kommunismus im Bürgerkieg, der Spanien Tausende von Märtyrern kostete, hat am 9. April 1937 für sämtliche Schulen des befreiten Spanien die Verordnung erlassen:

  1. In allen Schulen muß ein Marienbild vorhanden sein, mit Vorzug ein Bild der Unbefleckten Empfängnis. Die Lehrpersonen haben dafür besorgt zu sein. Das Bild muß an einem besondern Platz angebracht sein.

  2. Während des Maimonats hat die Lehrerschaft nach uralter spanischer Sitte mit ihren Schülern vor diesem Bild die Maiandacht zu halten.

  3. Alle Tage des Jahres sollen alle Kinder, wie unsere Vorfahren taten, beim Betreten und Verlassen des Schulzimmers mit den Worten grüßen: „Maria, die Allerreinste sei gegrüßt! worauf die Lehrperson die Antwort zu geben hat: „Sie ist ohne Sünde empfangen!“

So verordnet und verankert ein christlicher Staatsmann den Glauben und die Verehrung der Unbefleckt empfangenen Mutter Maria. — Die Parallele oder den Vergleich zu ziehen zu unserer heutigen Schule mit ihrem Sexunterricht und der förmlichen Verführung unserer zarten Jugend, das überlasse ich euch selbst.

In der Hochblüte der spanischen Poesie hat der große Dichter Spaniens, Calderon de la Barca, seine unsterblichen Dramen zu Verherrlichung der Jungfrau Maria geschrieben. Nicht das letzte darunter ist das Stück: A Maria el corazon! Das Herz gehört Maria! Das soll nun der freudige Appell an euch, liebe Sodalinnen, sein. Im Schwung der Begeisterung läßt Calderon den Pilger das Herz nach Loreto tragen und es Maria darbringen mit den Worten:

„Reinste Jungfrau, laß Dich grüßen!
Sieh Dein Kind zu Deinen Füßen!
Nimm mein Herz, es ist ja Dein;
Dein soll es auf ewig sein!
Ja, nimm mein Herz, es ist ja Dein
Dein soll es auf ewig sein!“ 
Amen.

_______

Quelle

Gedenktag U.L.F. in Lourdes – XXV. WELTTAG DER KRANKEN

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GEDENKTAG UNSERER LIEBEN FRAU IN LOURDES
XVIII. WELTTAG DER KRANKEN

PREDIGT VON BENEDIKT XVI.

Petersdom
Donnerstag, 11. Februar 2010

(Video)
Bilder von der Feier

 

Meine Herren Kardinäle,
verehrte Mitbrüder im bischöflichen Dienst,
liebe Brüder und Schwestern!

Die Evangelien bezeugen in den knappen Schilderungen des kurzen, aber reichhaltigen öffentlichen Lebens Jesu, daß er das Wort Gottes verkündet und Kranke geheilt hat, was ein besonderes Zeichen für die Nähe des Gottesreiches ist. Matthäus zum Beispiel schreibt: »Er zog in ganz Galiläa umher, lehrte in den Synagogen, verkündete das Evangelium vom Reich und heilte im Volk alle Krankheiten und Leiden« (Mt 4,23; vgl. 9,35). Die Kirche, der die Aufgabe anvertraut ist, im Raum und in der Zeit die Sendung Christi fortzuführen, darf diese beiden grundlegenden Werke nicht unbeachtet lassen: die Evangelisierung und die Sorge für die Kranken an Leib und Seele. Denn Gott will den ganzen Menschen heilen, und im Evangelium ist die Genesung des Leibes Zeichen einer tieferliegenden Heilung: der Vergebung der Sünden (vgl. Mk 2,1–12). Deshalb ist es nicht verwunderlich, daß Maria, Mutter und Vorbild der Kirche, als »Salus infirmorum – Heil der Kranken« angerufen und verehrt wird. Als erste und vollkommene Jüngerin ihres Sohnes hat sie, während sie die Kirche auf ihrem Weg begleitet, immer eine besondere Fürsorge für die Kranken gezeigt. Davon legen die Tausenden von Menschen Zeugnis ab, die die Marienwallfahrtsorte aufsuchen, um die Mutter Christi anzurufen, und die in ihr Kraft und Trost finden. Das im Evangelium berichtete Ereignis der Heimsuchung (vgl. Lk 1,39–56) zeigt uns, wie die Jungfrau Maria nach der Verkündigung die empfangene Gabe nicht für sich behielt, sondern sich sofort aufmachte, um ihrer betagten Kusine Elisabet zu helfen, die seit sechs Monaten Johannes in ihrem Schoß trug. In der Hilfe, die Maria dieser Verwandten leistet, die in fortgerücktem Alter die schwierige Situation einer Schwangerschaft erlebt, sehen wir eine Vorwegnahme aller Aktivität der Kirche zur Unterstützung des der Fürsorge bedürftigen Lebens.

Der Päpstliche Rat für die Pastoral im Krankendienst, der vor 25 Jahren vom ehrwürdigen Diener Gottes Papst Johannes Paul II. eingerichtet wurde, ist zweifellos ein besonderer Ausdruck dieser Fürsorge. Meine Gedanken richten sich mit dankbarer Anerkennung an Kardinal Fiorenzo Angelini, den ersten Präsidenten des Dikasteriums und seit jeher begeisterter Animator dieses Bereichs der kirchlichen Aktivität, wie auch an Kardinal Javier Lozano Barragán, der bis vor einigen Monaten diesem Dienst Beständigkeit und Wachstum verliehen hat. Von Herzen begrüße ich dann den derzeitigen Präsidenten, Erzbischof Zygmunt Zimowski, der dieses wichtige und bedeutsame Erbe übernommen hat. In meinen Gruß schließe ich alle Offizialen und das gesamte Personal ein, das in diesem Vierteljahrhundert in lobenswerter Weise mit dieser Einrichtung des Heiligen Stuhls zusammengearbeitet hat. Darüberhinaus möchte ich die Vereinigungen und Einrichtungen begrüßen, die die Organisation des Welttags der Kranken übernehmen, insbesondere »Unitalsi« und die »Opera Romana Pellegrinaggi«. Mein herzlichster Willkommensgruß gilt natürlich euch, liebe Kranke! Danke, daß ihr gekommen seid und vor allem Danke für euer Gebet, das durch das Opfer eurer Mühen und Leiden bereichert wird. Mein Gruß gilt schließlich auch den Kranken und freiwilligen Helfern, die in Lourdes, Fatima, Tschenstochau und den anderen Marienwallfahrtsorten mit uns verbunden sind, sowie allen, die besonders in den Pflegeheimen oder zu Hause diese Feier über Radio oder Fernsehen verfolgen. Gott, der Herr, der beständig über seine Kinder wacht, schenke allen Trost und Ermutigung.

Zwei Hauptthemen stellt uns der heutige Wortgottesdienst vor Augen: Das erste Thema ist marianisch und verbindet das Evangelium mit der ersten, dem Schlußkapitel des Buches Jesaja entnommenen Lesung wie auch mit dem Antwortpsalm aus dem Lobgesang auf Judith. Das zweite Thema, das wir im Abschnitt aus dem Jakobusbrief finden, ist das Gebet der Kirche für die Kranken und insbesondere das für sie bestimmte Sakrament. Am Gedenktag der Erscheinungen in Lourdes – einem von Maria bevorzugten Ort, um ihre mütterliche Sorge für die Kranken zu offenbaren –, gibt es in der Liturgie treffenderweise Anklänge an das Magnifikat, den Gesang der Jungfrau, der die Wunder Gottes in der Heilsgeschichte preist: Die Demütigen und die Bedürftigen wie auch alle, die Gott fürchten, erfahren seine Barmherzigkeit, die das irdische Schicksal der Menschen umkehrt und so die Heiligkeit des Schöpfers und Erlösers zeigt. Das Magnifikat ist nicht der Gesang derer, denen das Glück winkt, die immer »Rückenwind« haben. Es ist eher das Danklied derer, die die Tragödien des Lebens kennen, aber auf das erlösende Handeln Gottes vertrauen. Es ist ein Gesang, der Ausdruck des im Schicksal geprüften Glaubens von Generationen von Männern und Frauen ist, welche ihre Hoffnung auf Gott gesetzt haben und sich wie Maria persönlich dafür einsetzen, den Brüdern und Schwestern in Not Hilfe zu bringen. Im Magnifikat hören wir die Stimme von vielen Heiligen der Nächstenliebe, Männern und Frauen. Insbesondere denke ich an diejenigen, die ihr Leben den Kranken und Leidenden gewidmet haben, wie Camillo de Lellis und Johannes von Gott, Damian de Veuster und Benedetto Menni. Wer den Leidenden lange Zeit nahe ist, kennt Angst und Tränen, aber auch das Wunder der Freude, die die Frucht der Liebe ist.

Die Mütterlichkeit der Kirche ist Abglanz der fürsorglichen Liebe Gottes, von der der Prophet Jesaja sagt: »Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, so tröste ich euch; in Jerusalem findet ihr Trost« (Jes 66,13). Eine Mütterlichkeit, die ohne Worte spricht, die in den Herzen Trost bewirkt, eine innere Freude, eine Freude, die paradoxerweise mit Schmerz und Leid zusammen existieren kann. Wie Maria bewahrt die Kirche in ihrem Inneren die Dramen des Menschen und den Trost Gottes, sie hält sie zusammen auf dem Pilgerweg der Geschichte. Durch die Jahrhunderte macht die Kirche die Zeichen der Liebe Gottes sichtbar, die weiterhin Großes an den demütigen und einfachen Menschen tut. Sind das angenommene und aufgeopferte Leiden, das echte und unentgeltliche Teilen nicht Wunder der Liebe? Der Mut, ohne Waffen dem Übel entgegenzutreten – wie Judith –, nur mit der Kraft des Glaubens an den Herrn und der Hoffnung auf ihn, ist das nicht ein Wunder, das die Gnade Gottes beständig in vielen Personen bewirkt, die Zeit und Energie einsetzen, um den Leidenden zu helfen? Deshalb leben wir in einer Freude, die das Leid nicht vergißt, ja es vielmehr versteht. So sind die Kranken und alle Leidenden in der Kirche nicht nur Empfänger von Aufmerksamkeit und Sorge, sondern zunächst und vor allem Protagonisten der Pilgerschaft des Glaubens und der Hoffnung, Zeugen der Wunder der Liebe, der österlichen Freude, die vom Kreuz und der Auferstehung Christi ausgeht.

Im eben verkündeten Abschnitt des Jakobusbriefes lädt der Apostel ein, beharrlich das nahe bevorstehende Kommen des Herrn zu erwarten, und gibt in diesem Zusammenhang eine besondere Ermahnung hinsichtlich der Kranken. Dieser Zusammenhang ist sehr interessant, denn er spiegelt das Handeln Jesu wider, der durch die Krankenheilungen die Nähe des Gottesreiches anzeigte. Die Krankheit wird aus der Perspektive der Endzeit gesehen, mit einem typisch christlichen Realismus der Hoffnung. »Ist einer von euch bedrückt? Dann soll er beten. Ist einer fröhlich? Dann soll er ein Loblied singen« (Jak 5,13). Wir hören ähnliche Worte beim hl. Paulus, wenn er einlädt, alles in Beziehung zur radikalen Neuheit Christi zu leben, zu seinem Tod und seiner Auferstehung (vgl. 1 Kor 7,29–31). »Ist einer von euch krank? Dann rufe er die Ältesten der Gemeinde zu sich; sie sollen Gebete über ihn sprechen und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben. Das gläubige Gebet wird den Kranken retten« (Jak 5,14–15). Hier wird das fortdauernde Wirken Christi in seiner Kirche sichtbar: Er ist es immer noch, der durch die Priester handelt; es ist sein Heiliger Geist, der durch das sakramentale Zeichen des Öls wirkt; an ihn wendet sich der Glaube, der im Gebet Ausdruck findet; und wie es bei den von Jesus Geheilten geschah, kann man zu jedem Kranken sagen: Dein Glaube, gestützt vom Glauben deiner Brüder und Schwestern, hat dich gerettet.

Diesem Text, der die Grundlage und die Praxis des Sakraments der Krankensalbung enthält, ist zugleich eine bestimmte Sichtweise der Rolle der Kranken in der Kirche zu entnehmen: eine aktive Rolle, da sie sozusagen das gläubige Gebet »herausfordern«. »Ist einer von euch krank? Dann rufe er die Ältesten der Gemeinde, die Priester, zu sich.« In diesem Priester-Jahr möchte ich die Beziehung zwischen den Kranken und den Priestern unterstreichen, eine Art Bündnis, eine Art evangeliumsgemäßer »Hilfestellung«. Beide haben eine Aufgabe: Der Kranke soll die Priester »rufen«, und diese müssen antworten, um die Erfahrung der Krankheit in die Gegenwart und das Handeln des Auferstandenen und seines Heiligen Geistes zu stellen. Und hier können wir die ganze Bedeutung der Krankenpastoral erkennen, deren Wert tatsächlich unermeßlich ist wegen der großen Wohltat für die Kranken und die Priester in erster Linie, aber auch für die Familienangehörigen, die Bekannten, die Gemeinde und auf unbekannten und geheimnisvollen Wegen für die ganze Kirche und die Welt. Denn wenn das Wort Gottes von Heilung, Heil, Gesundheit des Kranken spricht, versteht es diese Begriffe in einem ganzheitlichen Sinn, ohne je Leib und Seele zu trennen: Ein durch das Gebet Jesu mittels der Kirche geheilter Kranker ist eine Freude auf der Erde und im Himmel, es ist die Erstlingsfrucht des ewigen Lebens.

Liebe Freunde, ich habe in der Enzyklika Spe salvi geschrieben: »Das Maß der Humanität bestimmt sich ganz wesentlich im Verhältnis zum Leid und zum Leidenden. Das gilt für den einzelnen wie für die Gesellschaft« (Nr. 38). Durch die Einrichtung eines der Pastoral im Krankendienst gewidmeten Dikasteriums wollte der Heilige Stuhl einen eigenen Beitrag leisten, auch um eine Welt zu fördern, die immer mehr fähig ist, den Kranken als Person anzunehmen und zu pflegen. Er wollte ihnen helfen, die Erfahrung der Krankheit in menschlicher Weise zu leben, nicht indem man sie verleugnet, sondern indem man ihr einen Sinn gibt. Ich möchte diese Betrachtungen mit einem Gedanken des ehrwürdigen Dieners Gottes Papst Johannes Paul II. beenden, den er mit seinem eigenen Leben bezeugt hat. Im Apostolischen Schreiben Salvifici doloris hat er gesagt: »Christus hat zugleich den Menschen gelehrt, durch das Leiden Gutes zu wirken und dem Gutes zu tun, der leidet. In diesem doppelten Aspekt hat er den Sinn des Leidens bis zum letzten enthüllt« (Nr. 30). Die Jungfrau Maria helfe uns, diese Sendung vollkommen zu erfüllen.

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