D: Kurienkardinal Cordes gegen Verweltlichung der Caritas

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Kardinal Cordes

Der frühere Kurienkardinal Paul Josef Cordes hat katholische Kirche und Caritas in scharfen Worten aufgerufen, sich gegen Verweltlichung, Gottvergessenheit und Säkularisierung zu stemmen. Es dürfe kein „Gleichschalten mit dem säkularen Humanismus“ geben, sagte der 82-Jährige am Donnerstagabend in der Universität Freiburg. Er war Festredner bei einer Tagung zum 80. Geburtstag des Freiburger Theologen Heinrich Pompey. Cordes, der bis 2010 den päpstlichen Rat Cor Unum leitete, mahnte, die Frage nach Gott müsse Kern aller karitativen Arbeit der Kirche sein. Deshalb brauche es ein „neues Gottbewusstsein“. Gefährlich sei es, wenn sich die Caritas vom „Geist der Welt“ treiben lasse. „Eine religionslose Philanthropie wird dem Menschen nicht gerecht“, so Cordes.

Der Kardinal wandte sich auch gegen ein Aufgreifen fernöstlicher Elemente, etwa bei Kursen in christlichen Klöstern und Häusern. Im Blick auf Yoga, Tai Chi oder Quigong sprach Cordes von „heidnischen Methoden“, die das Christentum zerstören wollten. Diese Einflüsse erhielten viel zu häufig Platz „unter dem Dach der katholischen Kirche“, kritisierte er und forderte „mehr Eindeutigkeit“ anstelle eines „verderblichen Synkretismus“. Derzeit greife eine große Gottvergessenheit um sich, die den Menschen nur auf sich selbst zurückverweise und damit einsam mache. „Christen setzten nicht auf Selbsterlösung, sondern wissen, dass Gott Quelle allen Heiles ist. Diesen Schatz dürfen wir nicht verschleudern“, forderte Cordes.

(kna 25.11.2016 cs)

Kardinal Robert Sarah: Der Papst und die katholischen Freiwilligen aus Europa

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DER PAPST
UND DIE KATHOLISCHEN FREIWILLIGEN AUS EUROPA

Vatikanstadt, 10. – 11. November 2011

Ansprache an die europäischen Freiwilligen
von Kardinal Robert Sarah,
Präsident des Päpstlichen Rates Cor Unum

Liebe Freunde,

diesem Treffen mit Euch habe ich erwartungsvoll entgegengesehen, und ich freue mich sehr, dass dieser Tag nun gekommen ist. Es ist erhebend, Euch zu treffen, die Ihr durch Euer ehrenamtliches Engagement die karitative Sendung der Kirche unterstützt. Wir sind hier zusammengekommen, um in unserem Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe bestärkt zu werden – durch den Austausch von Erfahrungen und durch die Unterweisung durch unseren Heiligen Vater.

In den letzten Jahren haben wir zahlreiche soziale Veränderungen erlebt, aber während die allgemeine Aufmerksamkeit auf die instabile globale Wirtschaftssituation gerichtet ist, ist das Phänomen der Freiwilligentätigkeit in Europa ein konstanter Faktor geblieben, der in der europäischen Kultur fest verwurzelt ist. Das ehrenamtliche Engagement ist eine stabile Realität, die unseren alten Kontinent namens Europa wahrhaftig zu beleben vermag. Untersuchungen zufolge sind jedes Jahr 3 von 10 europäischen Erwachsenen ehrenamtlich tätig. Stellen Sie sich Europa ohne diese mindestens 140 Millionen Freiwilligen vor … Das Gemeinwohl und die Gesellschaft selbst könnten nicht bestehen, die Wirtschaft würde rund 400 Milliarden Dollar einbüßen. Vor allem aber würde ein Zeugnis der Liebe Gottes abhanden kommen, denn die katholische Freiwilligentätigkeit stellt einen einzigartigen Weg dar, Gottes Liebe durch gemeinnütziges Engagement zu verkünden.

Ich danke Gott dafür, dass viele Menschen es als Ehrensache empfinden, durch freiwilliges Engagement dem Mitmenschen, Organisationen und der Gemeinschaft zu dienen. Dafür gebührt Euch die Anerkennung und Dankbarkeit der Kirche, denn durch Eure ehrenamtliche Tätigkeit tragt Ihr dazu bei, die Botschaft der Liebe Christi zu allen Menschen in die Welt zu tragen. Ich danke Euch im Namen der gesamten Kirche für dieses Zeugnis der Liebe!

DIE LIEBE CHRISTI ALS VORBILD FÜR ALLE KATHOLISCHEN FREIWILLIGEN

Ihr seid aus ganz Europa hier zusammengekommen, Ihr sprecht verschiedene Sprachen und kommt aus verschiedenen Ländern und Kulturen. Was ist der innere Beweggrund, der so viele Menschen so unterschiedlicher Herkunft verbindet?

Der Philosoph Thomas Hobbes erklärte im „Leviathan“, dass „Angst“ die treibende Kraft ist, die den Menschen zum Frieden, zu einem Leben und zur Zusammenarbeit in der Gesellschaft bewegt. Dieser pessimistischen Sicht der menschlichen Natur zufolge befinden sich die Menschen in einem fortwährenden Zustand des Konflikts und der Konkurrenz untereinander, um bestimmte Ziele zu erreichen. Deshalb führt die Frucht dieser „Angst“ zu einem Gesellschaftsvertrag, durch den der menschliche Egoismus gebeugt wird. Diese Auffassung Hobbes’ über den Ursprung der Gesellschaft steht im Gegensatz zur Ansicht Aristoteles, welche später auch durch die Theorie des Heiligen Thomas von Aquin ergänzt wurde. Er betrachtet den Menschen als ein bereits von seinem Wesen her soziales Wesen, dessen Gemeinwohl im Wohl jedes Menschen und der Gesellschaft als Ganzes besteht. Der Mensch ist zwar von Natur aus gut erschaffen, aber wegen der Erbsünde neigt er auch zum Bösen und zur Selbstsucht. Trotz dieser unvollkommenen Natur eröffnet uns die Erlösung eine positive Perspektive, in der die Gnade siegen kann und die Wiederherstellung dieses Guten in uns möglich ist. Es ist also nicht die Angst, die das Fundament der menschlichen Gesellschaft bildet, sondern die Liebe.

Eure Anwesenheit hier als ehrenamtlich Tätige ist ein untrüglicher Beweis dafür, dass Gott im Herzen eines jeden Menschen, unabhängig von Zeit, Ort oder ethnischer Zugehörigkeit, diesen innigen Wunsch angelegt hat, dem Nächsten zu helfen. Dies ist die einigende Kraft, die Freiwillige dazu bewegt, großzügig ihre Zeit, Talente und Fähigkeiten in den Dienst der Armen zu stellen. Als Präsident des Päpstlichen Rates Cor Unum bin ich immer wieder unmittelbarer Zeuge dieser Kraft, vor allem dann, wenn die Welt von Naturkatastrophen oder einer humanitären Krise heimgesucht wird, wie wir sie derzeit etwa in Somalia erleben. Ich bin gerührt angesichts der mitfühlenden Sorge und Hilfe so vieler Menschen aus allen Ecken der Erde, und selbst arme Länder tragen großzügig zur Unterstützung der Noteleidenden bei. Wir reagieren auf diese Weise, weil wir als Ebenbild Gottes erschaffen wurden, eines dreieinigen Gottes, dessen Wesen die Liebe ist. Aus diesem Grund können wir nur durch die Liebe und die Selbsthingabe an unsere Brüder und Schwestern erfahren, welches der wahre Sinn des Lebens ist, und somit wahres Glück finden.

In der Tat: Wenn der Funke dieses natürlichen Wunsches, anderen Gutes zu tun, von der Flamme der Liebe Christi für uns berührt wird, wird Er in uns „das Gefühl der Freude wecken, das aus der Erfahrung des Geliebtseins kommt“ (Deus Caritas Est, Nr. 17). Denn Er, der für uns gelitten hat, „ist für alle gestorben, damit die Lebenden nicht mehr für sich leben, sondern für den, der für sie starb und auferweckt wurde“ (2Kor 5,15).

Beim letzten Abendmahl gab uns Jesus dieses große Gebot: „Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt“ (Joh 13,34-35). Wie hat Jesus uns geliebt? Es genügt, Jesus am Kreuz zu betrachten, um einen beredten Ausdruck seiner Liebe zu finden: Eine Liebe, die großzügig gibt, eine Liebe, die nicht auf den zu zahlenden Preis achtet, eine Liebe, die alles gibt. Kurzum, eine Liebe, die göttlich ist.

Weil Gott Liebe ist, und Er selbst der Urquell aller menschlichen Liebe ist, ist es notwendig, dass wir uns wieder mit unseren katholischen Wurzeln verbinden. So werden wir erkennen, dass die Liebe Christi uns in unserer Hingabe an den Nächsten inspiriert und stärkt. „Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben“ (Joh 19,37). In der Tat ist es so, wie auch Papst Benedikt XVI es in Deus Caritas Est (Nr. 12) beschreibt: „Der Blick auf die durchbohrte Seite Jesu“ kann uns den Weg offenbaren, dem unser Leben und unsere Liebe folgen müssen. Wählen wir Christus als Vorbild unserer Nächstenliebe, so können wir aus dieser Quelle der Tugenden unzählige Lehren darüber ziehen, wie unsere ehrenamtliche Tätigkeit für unsere Brüder und Schwestern sein sollte. „Wenn ich über die Erde erhöht bin, werde ich alle zu mir ziehen“ (Joh 12,32). Jesus will, dass wir zu Ihm kommen, weil wir nur in Ihm all das finden werden, wonach unser Herz sich sehnt. Gleichzeitig werden wir die Motivation finden, uns dem Dienst am Nächsten zu verschreiben.

DIENER DER WÜRDE JEDES MENSCHEN

Jesus gab sein Leben hin als freiwilliges Geschenk an uns. „Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es aus freiem Willen hin“ (Joh 10,18). Diese Worte Jesu erinnern uns daran, dass die Gaben des Lebens, der Erlösung und die vielen Talente alles Geschenke sind, die wir von unserem guten Herrn erhielten. Hierdurch können wir besser verstehen, dass die Unentgeltlichkeit eines der grundlegendsten Kennzeichen der katholischen Freiwilligentätigkeit ist. Diese besteht darin, anderen freiwillig von dem zu geben, was wir von Gott empfangen haben.

Doch es gibt auch eine wachsende Zahl von ehrenamtlichen Leistungen, die professionelle Züge angenommen haben und dem Gemeinwohl dienen, die keinen finanziellen Gewinn zum Ziel haben, aber dennoch entlohnt werden.

Effizienz und Professionalität sind Eigenschaften der ehrenamtlichen Tätigkeit, die von großen Organisationen besonders geschätzt werden. Dennoch stellen sie nicht die wesentlichen Aspekte der Freiwilligentätigkeit dar. Die grundlegende Dimension, in der diese wurzelt, ist der „persönliche“ Ansatz, durch den der Freiwillige sich selbst freiwillig hingibt. Wir sollten von der Ausrichtung auf instrumentelle Effizienz abkommen und uns stärker auf den persönlichen Aspekt unseres Beitrags konzentrieren. Denn durch diese barmherzige, persönliche Hingabe entdeckt ein Mensch sein wahres Selbst in der Nächstenliebe, und stillt zugleich die Bedürfnisse der Person, der er begegnet.

Auch wenn dieser „professionelle“ Aspekt der Freiwilligentätigkeit eine große Hilfe für die Ausbildung und die Entwicklung von Begabungen ist, so sollten die katholischen Freiwilligen den Schwerpunkt stärker auf die Würde der menschlichen Person legen, als auf Profit und Ergebnisse. Die Würde der menschlichen Person an erste Stelle setzen impliziert jedoch nicht, Qualität mit Improvisation zu ersetzen. Im Gegenteil: Die Unentgeltlichkeit erfordert Perfektion in den gebotenen Diensten, da ein Mangel den Wert des geleisteten Beitrags vermindern würde.

Diese Wertung von Effizienz und Professionalität drängt uns schließlich zu folgender Frage: Bedeutet das, dass wir auf öffentliche Mittel verzichten sollten? Hier berühren wir einen Punkt, der von wesentlicher Bedeutung ist für das Bestehen vieler Einrichtungen. Natürlich ist die Kirche nicht gegen die öffentliche Finanzierung von katholischen Organisationen. In der Tat ist es nach dem Subsidiaritätsprinzip die Pflicht des Staates, durch wirtschaftliche sowie rechtliche Initiativen die Rahmenbedingungen und Möglichkeiten und somit ein günstiges Umfeld für jene Bürger zu schaffen, die sich ehrenamtlich engagieren möchten.

Wir sollten unser Handeln in der Welt und unser Zugehörigkeitsgefühl zur Kirche nicht als miteinander in Widerspruch stehend oder als Gegensätze auffassen. Dass wir in der Welt leben darf nicht dazu führen, dass wir uns weniger auf unsere Zugehörigkeit zur Kirche beziehen, so als sei das, was die Kirche bietet, nicht auf der Höhe der Erwartungen dieser Welt. Im Gegenteil: Je mehr wir in unserer katholischen Identität verwurzelt sind, und je tiefer unsere Beziehung zu Christus und zur Kirche ist, desto mehr werden wir in der Lage sein, mit größerer Hingabe, Dienstbereitschaft und Urteilsvermögen auf die Herausforderungen zu reagieren, denen wir in der Welt begegnen. Das Zeugnis der Heiligen lehrt uns, dass die Anbetung Gottes sie nicht von der Welt ablenkte, sondern ihnen im Gegenteil größeren Eifer und einen besonderen Tiefblick verlieh, durch die sie auf die Anforderungen ihrer Zeit angemessen reagieren konnten. Darüber hinaus hat dieses Zeugnis seinen Ursprung in Christus, denn Er war es, der als Erster dem Menschen diente, dem Willen des Vaters gehorchend.

ZEUGEN DER LIEBE GOTTES

„Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt“ (Joh 15,13). Diese Worte Jesu erinnern uns stets an seine unendliche Liebe für uns, eine Liebe, die das Opfer seines eigenen Lebens zur Folge hatte, jenes kostbaren Geschenks, auf das kein Mensch leicht verzichtet. Als katholische Freiwillige sind wir aufgerufen, es Ihm gleichzutun und wie Er zu lieben, indem wir uns vollkommen hingeben und nichts zurückbehalten.

In einem säkularisierten Europa, mit seinen unzähligen menschlichen und spirituellen Herausforderungen, ist es notwendig, dass wir Gottes barmherzige Liebe durch unser karitatives Engagement verkünden. Die katholische Freiwilligenarbeit stellt ein ideales Betätigungsfeld dar, um durch unseren Dienst am Nächsten ein Zeugnis unseres Glaubens und der Liebe Gottes abzulegen in einem Europa, das Ihn dringendst braucht.

In der Geschichte der Kirche waren die Christen stets ehrenamtlich tätig und vollbrachten leibliche sowie geistige Werke der Barmherzigkeit aus reinster Nächstenliebe. Die Kirche bietet eine zeitlose Botschaft der Hoffnung, die in jeder Generation benötigt wird, und die nicht unterdrückt werden kann, sondern durch Freiwilligentätigkeit verkündet werden muss.

Unser Heiliger Vater Papst Benedikt XVI erinnert in seiner ersten Enzyklika alle Christen an die Bedeutung dieses Zeugnisses der Nächstenliebe für die Kirche in unserer Zeit. Durch unser Zeugnis erfahren die Menschen, denen wir dienen, die Liebe Gottes, die jedem Notleidenden stets nahe ist. Für uns Christen ist Gott selbst der Urquell der Nächstenliebe, und die Nächstenliebe als Ganzes ist nicht bloß Philanthropie, sondern Selbsthingabe, bis hin zur Hingabe des eigenen Lebens für das Wohl der anderen, dem Beispiel Jesu Christi folgend. Daher ist die tätige Nächstenliebe ein Zeugnis, eine gottgegebene Gelegenheit, all jenen Kunde von Ihm zu bringen, die dem Glauben fern sind; nicht, weil wir unsere gemeinnützige Arbeit auf dieses Ziel hin ausrichten wollen, sondern weil wir den Menschen helfen möchten, zu besserer Selbsterkenntnis zu gelangen und Antwort auf ihre tiefsten Bedürfnisse zu finden. Tatsächlich wäre unser Beitrag keine wirkliche Hilfe, wenn wir uns nicht an die Herzen der Menschen wenden würden, wo es eine tiefe Sehnsucht nach Gott gibt.

DIE BEDEUTUNG DER EINHEIT MIT CHRISTUS, DEM WEINSTOCK

Wie können wir all diese christlichen Werte, die eine authentische katholische Freiwilligenarbeit auszeichnen, bewahren – vor allem in einer säkularisierten Welt, die nicht mehr an sie glaubt? Dies ist nur möglich, wenn wir innigst mit Jesus als unserem Weinstock verbunden sind. „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen“ (Joh 15,5).

Diese Worte Jesu erinnern uns an die Bedeutung der Macht des Gebets für all jene, die ehrenamtlich tätig sind. Jesus ist von zentraler Bedeutung für die katholische Freiwilligentätigkeit. In dem Apostolischen Schreiben Christifideles laici erklärt Papst Johannes Paul II, dass die Freiwilligen dazu berufen sind, „in der Liebe zu den Kranken und Leidenden ein lebendiges Abbild Christi zu sein“ (Nr. 53). Es ist wichtig für uns, immer vereint zu sein mit Jesus, im Gebet und vor allem in der Eucharistie; denn das Gebet ist der Ort der Begegnung, wo Jesus uns zu größerer Selbsthingabe motiviert, wo Er uns von allen Ideologien befreit, vom Egoismus und auch vom Gefühl der Hoffnungslosigkeit angesichts so großer Not, und wo Er uns die Augen des Glaubens öffnet, um Ihn in den Armen zu erkennen.

DIE FRÜCHTE DER KATHOLISCHEN FREIWILLIGENARBEIT

Laut einer Statistik von SCI (Service Civil International) sind 65% der europäischen Freiwilligen Studenten. Gerade junge Menschen sehnen sich danach, ihre Fähigkeiten und Talente zu entdecken. Sie möchten spüren, dass sie gebraucht werden, dass ihr Beitrag und ihre Bemühungen positive Änderungen in der Gesellschaft bewirken. Die Freiwilligentätigkeit bietet ihnen diese Möglichkeit. Sie ermöglicht die Entwicklung von sozialen Werten und den Erwerb von Erfahrungen und Fähigkeiten, die andere Bildungsbereiche nicht bieten. Durch Initiativen, die Selbsthingabe erfordern, können junge Menschen zur Selbstverantwortung erzogen werden; und sie lernen, wieder den wahren Wert der Dinge zu schätzen. Wenn es stimmt, dass Erziehung die erste Form der Nächstenliebe ist, so gilt für uns alle auch, dass die Nächstenliebe die erste Form der Erziehung ist.

Ehrenamtliches Engagement hilft den jungen Menschen in der Tat nicht nur, ihre Fähigkeiten und Begabungen zu entwickeln – es bereichert auch ihr christliches Leben, da es mit dem ersten Gebot der Liebe zu Gott und zum Nächsten verbunden ist. Die Müdigkeit, Belastungen, Sorgen und auch die vielfältigen Schwierigkeiten, die sie erleben, werden vom Herrn der Ernte belohnt durch die Früchte der Geduld, des Mitgefühls, des Vertrauen und durch größere hingebungsvolle Liebe. Durch diese Erfahrungen wird der Herr ihre Herzen berühren und sie in Herzen wie das Seine verwandeln. Sehen wir das Ziel unseres Lebens darin, unsere Liebe zum Spiegel der Liebe Christi zu machen, so ist diese Verwandlung des Herzens ohne jeden Zweifel die größte Frucht der Freiwilligentätigkeit.

Aus diesem Grund stellt die katholische Freiwilligentätigkeit einen reichen, nährstoffreichen Boden dar, um in jungen Menschen den Samen der Berufung zu noch größerer Hingabe heranzuziehen, etwa zum Priesteramt oder einem geweihten Leben. Junge Menschen leben in einer anspruchsvollen Kultur, in der sich alles um Arbeit und Profit dreht, in der einen Arbeitsplatz haben und Geld verdienen zu ihrer fast ausschließlichen Beschäftigung wird; folglich bleibt ihnen keine Zeit für ehrenamtliche Tätigkeit. Mögen die jungen Menschen durch ehrenamtliches Engagement erkennen, dass wahres Glück in der Selbsthingabe zu finden ist, und möge sie ihr Herz öffnen für den Ruf Jesu.

Bitte seid versichert, dass die Kirche Euch aufrichtig dankbar ist und den freiwilligen Dienst, den Ihr großzügig anbietet, voll und ganz unterstützt. Ich lade Euch ein, beim morgigen Treffen mit dem Heiligen Vater über Seine Lehre nachzudenken, dafür zu beten und sie in Eurem Leben umzusetzen, auf dass sie reichlich Früchte für Euch und all jene bringen möge, denen Ihr dient. Möge diese Begegnung in Rom Euren Dienst am Nächsten durch eine Erneuerung des Glaubens und der Liebe bereichern.

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Quelle

Papst Benedikt XVI.: Die Verabsolutierung des Menschen ist ein heimtückischer Feind

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Papst Benedikt hat den Weltjugendtag als ein Laboratorium für Berufungen bezeichnet. Etwa jeder zehnte Jugendliche auf dem Marienfeld kam aus einer Gemeinschaft des Neokatechumenalen Wegs, die damit die größte einheitliche Gruppe unter den neuen Gemeinschaften bildete. Beim Nachtreffen der am Ende einhunderttausend Jugendlichen in Bonn kam ans Licht, was der Papst durch seine Verkündigung und sein Zeugnis als Nachfolger Petri gesät hat: 2 700 Jugendliche bekundeten öffentlich, eine Berufung zum Priester oder Ordensleben vernommen zu haben. Dieser Anfang wird langfristig zu einer reichen Ernte führen.

Ansprache von Papst Benedikt XVI.
an die Teilnehmer der Vollversammlung des Päpstlichen Rates Cor Unum

Vatikanstadt, 19. Januar 2013 (ZENIT.org)

Wir dokumentieren die Ansprache von Papst Benedikt an die Teilnehmer der Vollversammlung des Päpstlichen Rates „Cor Unum“ in der offiziellen Übersetzung des Heiligen Stuhls:

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Liebe Freunde!

Ich heiße euch aus Anlass der Vollversammlung des Päpstlichen Rats Cor Unum mit Zuneigung und Freude willkommen. Ich danke eurem Präsidenten, Kardinal Robert Sarah, für seine Worte und grüße einen jeden von euch herzlich, wobei ich in diesen Gruß gedanklich all jene einschließe, die im karitativen Dienst der Kirche tätig sind. Mit dem kürzlichen Motu Proprio Intima Ecclesiae natura wollte ich den kirchlichen Sinn eurer Tätigkeit bekräftigen. Euer Zeugnis kann vielen Menschen, die Christi Liebe suchen, die „Tür des Glaubens“ öffnen. So spiegelt in diesem Jahr des Glaubens das Thema „Nächstenliebe, neue Ethik und christliche Anthropologie“, mit dem ihr euch auseinandersetzt, die unabdingbare Verbindung zwischen Liebe und Wahrheit, oder wenn man so sagen will, zwischen Glaube und Liebe. Das ganze christliche Ethos bezieht in der Tat seinen Sinn aus dem Glauben, verstanden als eine „Begegnung“ mit der Liebe Christi, die „unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt“(vgl. die Enzyklika Deus caritas est, 1). Die christliche Liebe findet ihre Grundlage und ihre Form im Glauben. Durch die Begegnung mit Gott und die Erfahrung seiner Liebe lernen wir es, „nicht mehr für uns selber zu leben, sondern für ihn und mit ihm für die anderen“ (ibid., 33).

Ausgehend von diesem dynamischen Verhältnis zwischen Glaube und Liebe möchte ich über einen Punkt nachdenken, den ich als die prophetische Dimension bezeichnen möchte, die der Glaube der Liebe einflößt. Die gläubige Treue und Zustimmung zum Evangelium gibt in der Tat der Liebe ihre typisch christliche Form und ist deren unterscheidendes Prinzip. Der Christ, vor allem derjenige, der in karitativen Einrichtungen arbeitet, muss sich durch die Prinzipien des Glaubens leiten lassen, durch die wir auf „Gottes Gesichtspunkt“ eingehen und in den Plan, den er für uns hat, einwilligen (vgl. Enzyklika Caritas in veritate, 1). Diese neue Sicht der Welt und des Menschen, die der Glaube ermöglicht, gibt uns auch das korrekte Kriterium, an dem die Ausdrucksformen der Nächstenliebe im aktuellen Kontext gemessen werden können.

Der Mensch war zu allen Zeiten dann, wenn er es versäumt hat, nach diesem Plan zu suchen, ein Opfer kultureller Versuchungen, die ihn schließlich zu ihrem Sklaven gemacht haben. In den vergangenen Jahrhunderten haben sich die Ideologien, die den Kult der Nation, der Rasse, der Gesellschaftsklassen verherrlichten, als wahre Götzendienste erwiesen; und dasselbe kann man auch vom ungezügelten Kapitalismus mit seinem Kult des Profits sagen, welcher Wirtschaftskrisen, soziale Ungerechtigkeit und Elend hervorgerufen hat. Heute breitet sich immer mehr die Einsicht aus, dass jeder Mensch eine unveräußerliche Würde besitzt und dass dieser Würde eine wechselseitige und voneinander abhängige Verantwortung geschuldet wird, zugunsten der wahren Kultur, der Kultur der Liebe.

Andererseits kennt leider auch unsere Zeit dunkle Wolken, die Gottes Plan überschatten. Ich beziehe mich hierbei vor allem auf eine tragische anthropologische Verkürzung, die den alten hedonistischen Materialismus erneut hervorholt, dem sich dann aber auch noch ein „technologischer Prometheismus“ hinzugesellt. Aus der Verbindung zwischen einer materialistischen Sicht des Menschen und den Riesenschritten der technologischen Neuerungen entsteht eine in ihrem tiefsten Grunde atheistische Anthropologie. Diese nimmt an, dass der Mensch sich auf autonome Funktionen, der Geist auf das Gehirn, die Menschheitsgeschichte auf die Bestimmung zur Selbstverwirklichung reduziert. All dies unter Außerachtlassung Gottes, der im eigentlichen Sinne spirituellen Dimension und des jenseitigen Horizontes. Aus der Perspektive eines seiner Seele und folglich auch seiner persönlichen Beziehung zum Schöpfer beraubten Menschen wird das, was technisch möglich ist, moralisch legitim, jede Art von Experiment gilt als akzeptabel, jede Form einer demographischen Politik als erlaubt, jede Manipulation als gerechtfertigt. Die heimtückischste Gefahr, die dieser Denkströmung innewohnt, besteht in der Verabsolutierung des Menschen: der Mensch will ab-solutus sein, frei von jeder Bindung und von jeder natürlichen Vorgabe. Er gibt vor, unabhängig zu sein und denkt, dass sein Glück nur in der Selbstbehauptung bestehe. „Der Mensch bestreitet seine Natur (…) Es gibt nur noch den abstrakten Menschen, der sich dann so etwas wie seine Natur selber wählt“ (Ansprache an die Römische Kurie, 21. Dezember 2012). Es handelt sich um eine radikale Leugnung des Geschöpf-Seins und der Kindschaft des Menschen, die in dramatischer Einsamkeit endet.

Der Glaube und ein gesundes christliches Unterscheidungsvermögen veranlassen uns, dieser ethischen Problematik und der Mentalität, die dieser zugrunde liegt, eine prophetische Aufmerksamkeit zu widmen. Die berechtigte Zusammenarbeit mit internationalen Instanzen auf dem Gebiet der Entwicklung und des menschlichen Fortschritts darf uns nicht dazu verführen, die Augen angesichts dieser irreleitenden Ideologien zu verschließen, und die Hirten der Kirche – die „die Säule und das Fundament der Wahrheit ist“ (1 Tim 3,15) – haben die Pflicht, sowohl die katholischen Gläubigen als auch jeden anderen Menschen guten Willens und rechter Vernunft vor diesen Irrwegen zu warnen. Tatsächlich handelt es sich dabei um Abwege, die für den Menschen schädlich sind, auch wenn sie sich unter dem Vorzeichen eines vermeintlichen Fortschritts, vermeintlicher Rechte oder eines vorgeblichen Humanismus als gute Gesinnungen ausgeben. Welche Aufgabe wartet angesichts dieser anthropologischen Verkürzung auf jeden Christen, vor allem aber auf euch, die ihr karitativen Tätigkeiten nachgeht und folglich in direkter Verbindung steht mit vielen anderen sozialen Akteuren? Wir müssen mit Sicherheit eine kritische Wachsamkeit üben und bisweilen Finanzierungen und Kollaborationen ablehnen, die direkt oder indirekt Aktionen oder Projekte begünstigen, die in Widerspruch zur christlichen Anthropologie stehen. Die Kirche aber engagiert sich zweifellos immer, um den Menschen nach dem göttlichen Plan in seiner ganzheitlichen Würde und unter Achtung seiner zweifachen, sowohl vertikalen als auch horizontalen Dimension zu fördern. Hierauf erstrecken sich auch die Entwicklungsaktivitäten der kirchlichen Organismen.

In der Tat ist die christliche Sicht des Menschen ein großartiges Ja zur Würde des Menschen, der zu inniger Gemeinschaft mit Gott berufen ist, zu einer kindlichen Gemeinschaft, demütig und vertrauensvoll. Der Mensch ist kein unabhängiges Individuum noch anonymes Element einer Kollektivität, sondern ein einzigartiger, unwiederholbarer Mensch, der seinem Wesen nach zur Beziehung mit anderen Menschen und zum Gemeinschaftsleben veranlagt ist. Daher bekräftigt die Kirche ihr großes Ja zur Würde und Schönheit der Ehe als dem Ausdruck der treuen und fruchtbaren Verbindung zwischen Mann und Frau. Und ihr Nein zu Philosophien wie etwa der „Gender-Philosophie“ gründet auf der Tatsache, dass die Wechselseitigkeit von männlich und weiblich Ausdruck der Schönheit der Natur ist, die der Schöpfer gewollt hat.

Liebe Freunde, ich danke euch für euren Einsatz für den Menschen in der Treue zu seiner wahren Würde. Angesichts dieser epochalen Herausforderungen wissen wir, dass die Antwort in der Begegnung mit Christus besteht. In ihm kann der Mensch sein persönliches Wohl wie auch das Gemeinwohl vollkommen verwirklichen. Ich ermutige euch, freudig und großherzig voranzugehen, während ich euch von Herzen meinen Apostolischen Segen erteile.

 

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Quelle

Zum Bild siehe auch:

Papst Benedikt XVI.: „Die christliche Liebe findet ihre Grundlage und ihre Form im Glauben“

ANSPRACHE VON PAPST BENEDIKT XVI.
AN DIE TEILNEHMER DER VOLLVERSAMMLUNG
DES PÄPSTLICHEN RATS „COR UNUM“

Konsistoriensaal
Samstag, 19. Januar 2013

 

Liebe Freunde!

Ich heiße euch aus Anlaß der Vollversammlung des Päpstlichen Rats Cor Unum mit Zuneigung und Freude willkommen. Ich danke eurem Präsidenten, Kardinal Robert Sarah, für seine Worte und grüße einen jeden von euch herzlich, wobei ich in diesen Gruß gedanklich all jene einschließe, die im karitativen Dienst der Kirche tätig sind. Mit dem kürzlichen Motu Proprio Intima Ecclesiae natura wollte ich den kirchlichen Sinn eurer Tätigkeit bekräftigen. Euer Zeugnis kann vielen Menschen, die Christi Liebe suchen, die »Tür des Glaubens« öffnen. So spiegelt in diesem Jahr des Glaubens das Thema »Nächstenliebe, neue Ethik und christliche Anthropologie«, mit dem ihr euch auseinandersetzt, die unabdingbare Verbindung zwischen Liebe und Wahrheit, oder wenn man so sagen will, zwischen Glaube und Liebe. Das ganze christliche Ethos bezieht in der Tat seinen Sinn aus dem Glauben, verstanden als eine »Begegnung« mit der Liebe Christi, die »unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt« (vgl. die Enzyklika Deus caritas est, 1). Die christliche Liebe findet ihre Grundlage und ihre Form im Glauben. Durch die Begegnung mit Gott und die Erfahrung seiner Liebe lernen wir es, »nicht mehr für uns selber zu leben, sondern für ihn und mit ihm für die anderen« (ibid., 33).

Ausgehend von diesem dynamischen Verhältnis zwischen Glaube und Liebe möchte ich über einen Punkt nachdenken, den ich als die prophetische Dimension bezeichnen möchte, die der Glaube der Liebe einflößt. Die gläubige Treue und Zustimmung zum Evangelium gibt in der Tat der Liebe ihre typisch christliche Form und ist deren unterscheidendes Prinzip. Der Christ, vor allem derjenige, der in karitativen Einrichtungen arbeitet, muß sich durch die Prinzipien des Glaubens leiten lassen, durch die wir auf »Gottes Gesichtspunkt « eingehen und in den Plan, den er für uns hat, einwilligen (vgl. Enzyklika Caritas in veritate, 1). Diese neue Sicht der Welt und des Menschen, die der Glaube ermöglicht, gibt uns auch das korrekte Kriterium, an dem die Ausdrucksformen der Nächstenliebe im aktuellen Kontext gemessen werden können.

Der Mensch war zu allen Zeiten dann, wenn er es versäumt hat, nach diesem Plan zu suchen, ein Opfer kultureller Versuchungen, die ihn schließlich zu ihrem Sklaven gemacht haben. In den vergangenen Jahrhunderten haben sich die Ideologien, die den Kult der Nation, der Rasse, der Gesellschaftsklassen verherrlichten, als wahre Götzendienste erwiesen; und dasselbe kann man auch vom ungezügelten Kapitalismus mit seinem Kult des Profits sagen, welcher Wirtschaftskrisen, soziale Ungerechtigkeit und Elend hervorgerufen hat. Heute breitet sich immer mehr die Einsicht aus, daß jeder Mensch eine unveräußerliche Würde besitzt und daß dieser Würde eine wechselseitige und voneinander abhängige Verantwortung geschuldet wird, zugunsten der wahren Kultur, der Kultur der Liebe.

Andererseits kennt leider auch unsere Zeit dunkle Wolken, die Gottes Plan überschatten. Ich beziehe mich hierbei vor allem auf eine tragische anthropologische Verkürzung, die den alten hedonistischen Materialismus erneut hervorholt, dem sich dann aber auch noch ein »technologischer Prometheismus« hinzugesellt. Aus der Verbindung zwischen einer materialistischen Sicht des Menschen und den Riesenschritten der technologischen Neuerungen entsteht eine in ihrem tiefsten Grunde atheistische Anthropologie. Diese nimmt an, daß der Mensch sich auf autonome Funktionen, der Geist auf das Gehirn, die Menschheitsgeschichte auf die Bestimmung zur Selbstverwirklichung reduziert. All dies unter Außerachtlassung Gottes, der im eigentlichen Sinne spirituellen Dimension und des jenseitigen Horizontes. Aus der Perspektive eines seiner Seele und folglich auch seiner persönlichen Beziehung zum Schöpfer beraubten Menschen wird das, was technisch möglich ist, moralisch legitim, jede Art von Experiment gilt als akzeptabel, jede Form einer demographischen Politik als erlaubt, jede Manipulation als gerechtfertigt. Die heimtückischste Gefahr, die dieser Denkströmung innewohnt, besteht in der Verabsolutierung des Menschen: der Mensch will ab-solutus sein, frei von jeder Bindung und von jeder natürlichen Vorgabe. Er gibt vor, unabhängig zu sein und denkt, daß sein Glück nur in der Selbstbehauptung bestehe. »Der Mensch bestreitet seine Natur (…) Es gibt nur noch den abstrakten Menschen, der sich dann so etwas wie seine Natur selber wählt« (Ansprache an die Römische Kurie, 21. Dezember 2012). Es handelt sich um eine radikale Leugnung des Geschöpf-Seins und der Kindschaft des Menschen, die in dramatischer Einsamkeit endet.

Der Glaube und ein gesundes christliches Unterscheidungsvermögen veranlassen uns, dieser ethischen Problematik und der Mentalität, die dieser zugrunde liegt, eine prophetische Aufmerksamkeit zu widmen. Die berechtigte Zusammenarbeit mit internationalen Instanzen auf dem Gebiet der Entwicklung und des menschlichen Fortschritts darf uns nicht dazu verführen, die Augen angesichts dieser irreleitenden Ideologien zu verschließen, und die Hirten der Kirche – die »die Säule und das Fundament der Wahrheit ist« (1 Tim 3,15) – haben die Pflicht, sowohl die katholischen Gläubigen als auch jeden anderen Menschen guten Willens und rechter Vernunft vor diesen Irrwegen zu warnen. Tatsächlich handelt es sich dabei um Abwege, die für den Menschen schädlich sind, auch wenn sie sich unter dem Vorzeichen eines vermeintlichen Fortschritts, vermeintlicher Rechte oder eines vorgeblichen Humanismus als gute Gesinnungen ausgeben. Welche Aufgabe wartet angesichts dieser anthropologischen Verkürzung auf jeden Christen, vor allem aber auf euch, die ihr karitativen Tätigkeiten nachgeht und folglich in direkter Verbindung steht mit vielen anderen sozialen Akteuren? Wir müssen mit Sicherheit eine kritische Wachsamkeit üben und bisweilen Finanzierungen und Kollaborationen ablehnen, die direkt oder indirekt Aktionen oder Projekte begünstigen, die in Widerspruch zur christlichen Anthropologie stehen. Die Kirche aber engagiert sich zweifellos immer, um den Menschen nach dem göttlichen Plan in seiner ganzheitlichen Würde und unter Achtung seiner zweifachen, sowohl vertikalen als auch horizontalen Dimension zu fördern. Hierauf erstrecken sich auch die Entwicklungsaktivitäten der kirchlichen Organismen.

In der Tat ist die christliche Sicht des Menschen ein großartiges ›Ja‹ zur Würde des Menschen, der zu inniger Gemeinschaft mit Gott berufen ist, zu einer kindlichen Gemeinschaft, demütig und vertrauensvoll. Der Mensch ist kein unabhängiges Individuum noch anonymes Element einer Kollektivität, sondern ein einzigartiger, unwiederholbarer Mensch, der seinem Wesen nach zur Beziehung mit anderen Menschen und zum Gemeinschaftsleben veranlagt ist. Daher bekräftigt die Kirche ihr großes ›Ja‹ zur Würde und Schönheit der Ehe als dem Ausdruck der treuen und fruchtbaren Verbindung zwischen Mann und Frau. Und ihr ›Nein‹ zu Philosophien wie etwa der »Gender«-Philosophie gründet auf der Tatsache, daß die Wechselseitigkeit von männlich und weiblich Ausdruck der Schönheit der Natur ist, die der Schöpfer gewollt hat.

Liebe Freunde, ich danke euch für euren Einsatz für den Menschen in der Treue zu seiner wahren Würde. Angesichts dieser epochalen Herausforderungen wissen wir, daß die Antwort in der Begegnung mit Christus besteht. In ihm kann der Mensch sein persönliches Wohl wie auch das Gemeinwohl vollkommen verwirklichen. Ich ermutige euch, freudig und großherzig voranzugehen, während ich euch von Herzen meinen Apostolischen Segen erteile.

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Quelle