Benedikt XVI.: Die ‚Orientierung der Liturgie Richtung Osten‘

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Emeritierter Papst schreibt in jüngst veröffentlichtem Festschriftbeitrag:
„In der Orientierung der Liturgie Richtung Osten sehen wir, dass die Christen gemeinsam mit dem Herrn vorwärtsschreiten wollen zur Erlösung der gesamten Schöpfung.“

Vatikan (kath.net) Spricht sich der emeritierte Papst Benedikt XVI. für die Feier der Eucharistie „ad orientem“ aus? Benedikt schreibt im vom „Osservatore Romano“ verbreiteten Festschriftbeitrag für den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I., er wolle einen Punkt herausgreifen: „Seine Liebe für die Schöpfung und sein Bemühen darum, dass sie dieser Liebe entsprechend im Großen wie im Kleinen behandelt werde. Ein Hirte der Herde Jesu Christi orientiert sich nie nur an seinen eigenen Gläubigen. Vielmehr ist die Gemeinschaft der Kirche auch in jenem Sinn universal, dass sie die gesamte Wirklichkeit miteinschließt. Dies wird beispielsweise in der Liturgie deutlich, die nicht nur Gedächtnis und Erfüllung der Heilstaten Jesu Christi bedeutet. Vielmehr ist sie ausgerichtet auf die Erlösung der ganzen Schöpfung. In der Orientierung der Liturgie Richtung Osten sehen wir, dass die Christen gemeinsam mit dem Herrn vorwärtsschreiten wollen zur Erlösung der gesamten Schöpfung. [Nell’orientamento della liturgia verso Oriente, vediamo che i cristiani, insieme al Signore, desiderano procedere verso la salvezza del creato nella sua interezza.] Christus, der gekreuzigte und auferstandene Herr, ist gleichzeitig auch die ‚Sonne‘, die die Welt erhellt. Der Glaube umfasst immer auch die ganze Schöpfung. Deshalb erfüllt Patriarch Bartholomäus einen wichtigen Aspekt seines priesterlichen Auftrages auch in seinem Engagement für den Umweltschutz.“

Der Text wurde vom „Osservatore Romano“ bisher u.a. in italienischer, englischer und polnischer Sprache in voller Länge veröffentlicht, international berichteten viele Medien zusammenfassend. Über die Bemerkungen des emeritierten Papstes zur Zelebrationsrichtung wurde bisher im deutschen Sprachraum allerdings noch kaum berichtet, auch nicht von kirchlichen Medien.

Benedikt XVI. greift damit offenbar das Anliegen des Präfekten der vatikanischen Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, Robert Kardinal Sarah, auf. Der „Chefliturgiker“ des Vatikans schlägt eine Rückkehr zur Zelebrationsrichtung „Ad orientem“ vor. Er hatte sich seit Ende Mai 2016 mehrfach dazu geäußert. Sarah schlug vor, dass die Priester ab Advent 2016, also mit Beginn des neuen Kirchenjahres, wieder verstärkt „ad orientem“ feiern sollten, kath.net hat berichtet. Dafür brauche es keine eigene Erlaubnis, so Sarah, da diese Zelebrationsrichtung nie verboten worden war.

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Quelle (14 Oktober 2016, 09:34)

Die Kraft der Stille: Das ganze Interview mit Kardinal Sarah in deutscher Sprache

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Großes Aufsehen hat Kardinal Robert Sarah mit seinem neuen Interview erregt, in dem der bekannte Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung warnt: „Wir laufen Gefahr, die heiligen Geheimnisse auf gute Gefühle zu reduzieren“. CNA veröffentlicht nun eine deutsche Übersetzung des vollständigen Interviews mit freundlicher Genehmigung von Kardinal Sarah und „La Nef“.

Das französische Original dieses Gesprächs erschien in La Nef N°285, Oktober 2016.

Nach dem Erfolg von „Gott oder Nichts“ [deutsche Version: fe-Medienverlag, 2015] veröffentlicht Kardinal Sarah Anfang Oktober ein neues Buch mit Nicolas Diat. Ein wunderbares Buch von erstaunlicher spiritueller Tiefe, das uns eintreten läßt in das Herz des Geheimnisses Gottes: die Stille, die notwendig ist für jede Begegnung mit dem Herrn sowohl im inneren Leben als auch in der Liturgie. Das Buch ist eine Begegnung mit einem Menschen, in dem die Gegenwart Gottes spürbar ist.

Das Buch, das Sie den Lesern vorlegen, ist eine echte geistliche Betrachtung über die Stille.  Warum haben Sie sich auf eine so tiefe Reflexion eingelassen, die man normalerweise von einem Präfekten der Gottesdienstkongregation nicht erwarten würde, der für sehr konkrete Angelegenheiten in der Kirche zuständig ist, nicht erwarten würde?

„Die erste Sprache Gottes ist die Stille“. Indem er diese reiche und tiefe Intuition des hl. Johannes vom Kreuz kommentiert, schreibt Thomas Keating in seinem Werk „Invitation to love“: „Alles andere ist eine armselige Übersetzung, wir müssen lernen still zu sein und uns bei Gott auszuruhen“.

Es ist Zeit, die wahre Ordnung der Prioritäten wiederzufinden. Es ist Zeit, Gott wieder in die Mitte unserer Sorgen und Beschäftigungen, in die Mitte unseres Handelns und unseres Lebens zu stellen, an die einzige Stelle, die Ihm gebührt. So wird unser christlicher Lebensweg seinen Schwerpunkt in diesem Felsen finden, im Licht des Glaubens seine Struktur finden und sich im Gebet ernähren, das ein Moment der stillen und intimen Begegnung ist, wo der Mensch sich im Angesicht Gottes aufhält, um Ihn anzubeten und Ihm seine kindliche Liebe auszudrücken.

Täuschen wir uns nicht. Die wahre Dringlichkeit besteht darin, den Sinn für Gott wiederzufinden. Dem Vater können wir aber nur in der Stille nahekommen. Das, was die Kirche heute braucht, ist nicht eine Verwaltungsreform, ein weiteres Pastoralprogramm, eine strukturelle Veränderung. Das Programm existiert schon: es ist das Programm aller Zeiten, entnommen aus dem Evangelium und der lebendigen Tradition. Es hat seine Mitte in Jesus Christus selbst, den wir kennen, lieben, nachahmen müssen, um in Ihm und durch Ihn zu leben, um unsere Welt zu verwandeln, diese Welt, die lebt, als ob Gott nicht existierte. Als Priester, als Hirte, als Präfekt, als Kardinal ist es meine größtes Anliegen zu sagen, daß Gott allein das Herz des Menschen erfüllen kann.

Ich glaube, daß wir Opfer der durch die Mediengesellschaft verbreiteten Oberflächlichkeit, des Egoismus und des verweltlichten Geistes sind. Wir verlieren uns in Kämpfen um Einfluß, in Konflikten zwischen Personen, in einem narzißtischen und hohlen Aktivismus. Wir blasen uns auf vor Stolz und Ehrgeiz und sind gefangen im Willen zur Macht. Für Titel, berufliche oder kirchliche Ernennungen nehmen wir feige Kompromisse in Kauf. Aber all das verschwindet wie Rauch. Mit meinem neuen Buch möchte ich die Christen und die Menschen guten Willens einladen, in die Stille einzutreten. Ohne sie befinden wir uns in der Scheinwirklichkeit. Die einzige Wirklichkeit, die unsere Aufmerksamkeit verdient, ist Gott selbst, und Gott ist still. Er wartet auf unsere Stille, um sich zu offenbaren.

Die Stille wiederzufinden, ist also eine Priorität, eine Notwendigkeit, eine Dringlichkeit.

Die Stille ist wichtiger als jedes menschliche Werk. Denn sie läßt Gott zum Ausdruck kommen. Die wahre Revolution kommt aus der Stille, sie führt uns zu Gott und zu den Mitmenschen hin, um uns demütig in ihren Dienst zu stellen.

Warum ist der Begriff der Stille für Sie so wesentlich? Ist die Stille notwendig, um Gott zu finden, und worin ist sie „die größte Freiheit des Menschen“ (n°25)? Ist die Stille als „Freiheit“ Form der Askese?

Die Stille ist kein Begriff, sie ist der Weg, der den Menschen erlaubt, zu Gott zu gehen.

Gott ist Stille, und die göttliche Stille nimmt im Menschen Wohnung. Indem wir mit dem stillen Gott und in Ihm leben, müssen wir selber still werden. Nichts wird uns besser Gott entdecken lassen als diese Stille, die ins Herz unseres Seins eingeschrieben ist.

Ich scheue mich nicht, zu behaupten, daß Kinder Gottes zu sein heißt, Kinder der Stille zu sein.

Das Erlangen der Stille bedeutet einen Kampf und eine Askese. Ja, man braucht Mut, um sich von all dem zu befreien, was unser Leben beschwert, welches nichts so sehr liebt wie den Schein, die mühelose Erreichbarkeit und die äußere Hülle der Dinge. Der Schwätzer, der sich von dem Bedürfnis, alles zu sagen, nach außen mitreißen läßt, kann nur fern von Gott sein und unfähig jeder tiefen spirituellen Tätigkeit. Im Gegensatz dazu ist der stille Mensch ein freier Mensch. Die Ketten der Welt haben keine Macht über ihn.

Ich denke an meinen Vorgänger als Bischof von Conakry in Guinea, Msgr. Raymond-Marie Tchidimbo. Er war als Verfolgter der kommunistischen Diktatur fast neun Jahre lang im Gefängnis. Niemandem durfte er begegnen und mit niemandem sprechen. Das Schweigen, das ihm von seinen Peinigern auferlegt war, ist ihm zum Ort der Gottesbegegnung geworden. Auf geheimnisvolle Weise ist ihm sein Kerker zu einem wahren „Noviziat“ geworden, und diese Verurteilung zu Elend und Stummheit hat ihm erlaubt, ein wenig die große Stille des Himmels zu verstehen.

Ist es in einer Welt, in der die Geräusche und der Krach in allen ihren Formen niemals aufhören, noch möglich, die Bedeutung der Stille zu erkennen? Ist das eine neue Situation der „Modernität“ mit ihren Medien, dem Fernsehen, dem Internet oder war der Krach immer ein Charakteristikum der „Welt“?

Gott ist still, der Teufel ist laut. Seit jeher versucht Satan, seine Lügen unter der Maske einer trügerischen und lauten Geschäftigkeit zu verbergen. Dem Christen ist es aufgetragen, nicht von der Welt zu sein. Es gehört zu seinem Leben, sich von den Geräuschen der Welt abzuwenden, vom Lärm, der zügellos dahineilt, um uns vom Wesentlichen abzulenken: von Gott.

Unsere ultratechnisierte und übergeschäftige Welt hat uns nur noch kränker gemacht. Der Lärm ist wie eine Droge, von der unsere Zeitgenossen abhängig sind. Mit seinem Anschein von Feierstimmung ist der Lärm ein Wirbel, der es vermeidet, sich ins Gesicht zu schauen, sich mit der inneren Leere zu konfrontieren. Er ist eine diabolische Lüge. Das Erwachen daraus kann nur eine brutale Erfahrung sein.

Ich fürchte mich nicht, alle Menschen guten Willens aufzurufen, in eine Art Widerstand einzutreten. Was würde aus unserer Welt, wenn sie keine Oasen der Stille finden könnte?

Im Schwall geschäftiger und hohler Worte scheint die Stille ein Zeichen von Schwäche zu sein. In der modernen Welt wird der stille Mensch als einer angesehen, der sich nicht zu verteidigen weiß. Er ist ein „Untermensch“ gegenüber dem sogenannten Starken, der den anderen mit seinem Wortschwall erdrückt und ertränkt.  Der stille Mensch wird als überflüssig empfunden. Das ist der tiefe Grund für die schrecklichen Verbrechen oder für die Verachtung und den Haß der Moderne gegen die stillen Wesen, die die ungeborenen Kinder sind, die Kranken oder die Sterbenden. Diese Menschen sind wunderbare Propheten der Stille. Zusammen mit ihnen scheue ich mich nicht, zu bekräftigen, daß die Priester der Moderne, die der Stille eine Art Krieg erklärt haben, die Schlacht verloren haben. Denn wir können stillbleiben inmitten des größten Durcheinanders, der schändlichsten Unruhe, inmitten des Krachs und des Schreiens  dieser höllischen Maschinen, die zum Aktivismus einladen und uns jeder transzendenten Dimension und jeder Innerlichkeit entreißen.

Bleibt Gott auch dann noch still, wenn der innerliche Mensch die Stille sucht, um Ihn zu finden? Und wie können wir verstehen, was einige das „Schweigen Gottes“ nennen angesichts von Dramen extremer Bosheit, wie der Shoa, der Gulags…? Oder, allgemeiner gesagt, läßt die Existenz des Bösen die „Allmacht Gottes“ in Zweifel ziehen?

Ihre Frage läßt uns eintreten in ein sehr tiefes Geheimnis. In der Großen Kartause haben wir dieses Geheimnis sehr lange meditiert mit dem Generalprior, Dom Dysmas de Lassus.

Gott will das Böse nicht. Dennoch bleibt Er erstaunlich still gegenüber unseren Prüfungen.  Trotz allem läßt das Leiden die Allmacht Gottes nicht in Zweifel ziehen, sondern es offenbart sie uns. Ich höre noch die Stimme des Kindes, das weinend fragte: „Warum hat Gott nicht verhindert, das Papa getötet wurde?“ In seinem geheimnisvollen Schweigen offenbart sich Gott in der Träne, die von diesem Kind vergossen wird, und nicht in der Weltordnung, die diese Träne rechtfertigen würde.  Gott hat seine geheimnisvolle Weise, uns in unseren Prüfungen nahe zu sein. Er ist intensiv gegenwärtig in unseren Erprobungen und Leiden. Seine Kraft macht sich still, denn sie offenbart seine unendliche Feinfühligkeit, seine liebevolle Zärtlichkeit für die, die leiden. Die äußerlichen Bezeugungen sind nicht unbedingt die besten Beweise der Nähe. Die Stille offenbart das Mitleiden, die Anteilnahme Gottes an unseren Leiden. Gott will das Böse nicht. Und je grausamer das Leiden ist, desto mehr zeigt sich, daß Gott in uns das erste Opfer ist.

Der Sieg Christi über den Tod und die Sünde vollzieht sich im großen Schweigen des Kreuzes. Gott offenbart seine ganze Macht im Schweigen, das keine barbarische Untat jemals besudeln kann.

Als ich mich in den Ländern aufhielt, die gewaltige und tiefe Krisen, Leiden und tragisches Elend durchlebten wie Syrien, Libyen, Haiti oder die Philippinen nach den Verwüstungen durch den Taifun, habe ich festgestellt, wie sehr das stille Gebet der letzte Schatz derer ist, die alles verloren haben. Das Schweigen ist der letzte Graben, wohin niemand vordringen kann, die letzte Kammer, wo man in Frieden bleiben kann, der Ort, wo das Leiden für einen Augenblick die Waffen streckt. Verstecken wir uns also im Leiden hinter der Festung des Gebetes! Dann hat die Macht der Henker keine Bedeutung mehr; die Verbrecher können rasend alles zerstören, es ist unmöglich, in das Schweigen einzubrechen, in das Herz, in das Gewissen eines Menschen, der betet und sich in Gott verbirgt. Das Schlagen eines stillen Herzens, die Hoffnung, der Glaube und das Gottvertrauen können darin nicht untergehen. Im Äußeren kann die Welt ein Trümmerfeld werden, aber im Inneren unserer Seele, in der größten Stille wacht Gott. Der Krieg und das Gefolge des Schreckens überwinden niemals den in uns gegenwärtigen Gott. Angesichts des Bösen und des Schweigens Gottes muß man immer im Gebet bleiben und still schreiend mit Glaube und Liebe sprechen:

„Ich habe dich gesucht, Jesus!

Ich habe dich vor Freude weinen hören

bei der Geburt eines Kindes.

Ich habe dich die Freiheit suchen gesehen

durch die Gitter eines Gefängnisses.

Ich bin an dir vorübergegangen,

als du um ein Stück Brot betteltest.

Ich habe dich vor Schmerz schreien gehört,

als deine Kinder von Bomben zerschmettert wurden.

Ich habe dich in den Krankenhauszimmern entdeckt,

wo du Therapien ohne Liebe unterworfen wurdest.

Jetzt habe ich dich gefunden;

ich will dich nicht mehr verlieren.

Ich bitte dich, lehre mich dich lieben.“

Mit Jesus ertragen wir unsere Leiden und Prüfungen besser.

Welche Rolle schreiben Sie der Stille in unserer lateinischen Liturgie zu, wo sehen Sie sie und wie vereinbaren Sie Stille und Teilnahme?

Vor der Majestät Gottes verlieren wir unsere Worte. Wer wagte es, vor dem Allmächtigen das Wort zu ergreifen? Der hl. Johannes Paul II. sah in der Stille das Wesen jeglicher Gebetshaltung, denn die mit der angebeteten Gegenwart gefüllte Stille offenbart „die demütige Annahme der Grenzen des Geschöpfes vor der unendlichen Transzendenz eines Gottes, der nicht aufhört, sich als Gott der Liebe zu offenbaren“. Die mit vertrauensvoller Ehrfurcht und Anbetung angefüllte Stille abzulehnen bedeutet, die Freiheit Gottes abzulehnen, uns durch seine Liebe und seine Gegenwart zu ergreifen.  Das heilige Schweigen ist also der Ort, wo wir Gott begegnen können, denn wir kommen zu Ihm mit der rechten Haltung des Menschen, der sich zitternd zurückhält und doch vertrauensvoll hofft. Wir Priester müssen diese kindliche Ehrfurcht vor Gott und die Heiligkeit unserer Beziehung zu ihm neu erlernen. Wir müssen neu lernen, vor Staunen angesichts der Heiligkeit Gottes und der unerhörten Gnade unseres Priestertums zu zittern.

Das Schweigen lehrt uns eine bedeutsame Regel des geistlichen Lebens: die Vertraulichkeit fördert nicht die Intimität, im Gegenteil: die rechte Distanz ist eine Bedingung der Kommunion. Durch die Anbetung geht die Menschheit auf die Liebe zu. Die heilige Stille öffnet auf die mystische Stille hin, die voll liebender Intimität ist. Unter dem Joch der weltlichen Vernunft haben wir vergessen, daß das Heilige und der Kult die einzigen Eingangstüren zum geistlichen Leben sind. Ich zögere also nicht zu beteuern, daß die heilige Stille ein Grundgesetz jeder liturgischen Zelebration ist.

Sie erlaubt es uns nämlich, in die Teilnahme am gefeierten Mysterium einzutreten. Das Zweite Vatikanische Konzil hat betont, daß die Stille ein bevorzugtes Mittel ist, die Teilnahme des Volkes Gottes an der Liturgie zu fördern.

Die Konzilsväter wollten zeigen, was eine wahre liturgische Teilnahme ist: das Eintreten in das göttliche Mysterium. Unter dem Vorwand, den Zugang zu Gott zu erleichtern, haben einige gewollt, daß alles in der Liturgie unmittelbar einsichtig, rational, horizontal und menschlich sei. Aber auf diese Weise riskieren wir, das heilige Mysterium auf gute Gefühle zu reduzieren. Unter dem Vorwand der Pädagogik erlauben sich einige Priester nicht enden wollende oberflächliche und horizontale Kommentare. Haben diese Hirten Angst, daß die Stille vor dem allerhöchsten die Gläubigen verwirren könnte? Glauben sie, daß der Heilige Geist unfähig ist, die Herzen für die göttlichen Mysterien zu öffnen und ihnen sein Licht und seine geistliche Gnade auszuspenden?

Der hl. Johannes Paul II. warnt uns: Der Mensch tritt in die Teilhabe an der göttlichen Gegenwart vor allem ein, „indem er sich zu einer anbetenden Stille erziehen läßt, denn auf dem Gipfel der Erkenntnis und Erfahrung Gottes steht seine absolute Transzendenz“.

Die heilige Stille ist ein Gut der Gläubigen, und die Kleriker dürfen sie dessen nicht berauben!

Die Stille ist der Stoff, aus dem unsere Liturgien gemacht sein müssen. Und nichts in ihnen darf die Atmosphäre der Stille stören, die ihr natürliches Klima ist.

Besteht nicht ein gewisses Paradox darin, einerseits die Notwendigkeit der Stille in der Liturgie zu behaupten und andererseits die östlichen Liturgien anzuerkennen, die ja keine Momente des Schweigens haben (n° 259) und doch besonders schön, sakral und dem Gebet hingegeben sind?

Ihre Anmerkung ist vernünftig und zeigt, daß es nicht ausreicht, „Momente der Stille“ vorzuschreiben, damit die Liturgie vom heiligen Schweigen durchtränkt sei.

Das Schweigen ist eine Haltung der Seele. Es ist keine Pause zwischen zwei Riten, es ist selbst ganz und gar Ritus.

Sicher, die östlichen Riten sehen keine Zeiten der Stille während der Göttlichen Liturgie vor. Nichtsdestoweniger haben sie eine intensive Erfahrung der apophatischen Dimension des Gebets angesichts des „unaussprechlichen, unfaßlichen, unbegreiflichen“ Gottes. Die Göttliche Liturgie ist wie ins Mysterium eingetaucht. Bei uns, den Lateinern, ist das Schweigen eine klingende Ikonostase. Die Stille ist Mystagogie, sie läßt uns ins Mysterium eintreten, ohne es zu entweihen. Die Sprache der Mysterien in der Liturgie ist eine stille Sprache. Die Stille verbirgt nicht, sie offenbart in der Tiefe.

Der hl. Johannes Paul II. lehrt uns, daß „das Mysterium sich ständig verhüllt, sich mit Schweigen bedeckt, um zu vermeiden, daß man an Gottes Stelle ein Idol aufstellt“. Ich möchte feststellen, daß die Gefahr für die Christen heute groß ist, Götzenanbeter zu werden. Als Gefangene des Geräusches nicht endender menschlicher Gespräche sind wir nicht weit davon, einen Kult auf unserem Niveau zu entwickeln, einen Gott nach unserem Bild zu bauen. Wie es Kardinal Godfried Danneels anmerkte, hat die „westliche Liturgie, so wie sie praktiziert wird, den Hauptfehler, zu geschwätzig zu sein“. In Afrika sagt der ruandische Priester Faustin Nyobayré, daß die „Oberflächlichkeit nicht die Liturgie oder die scheinbar religiösen Versammlungen verschont, aus denen man eher atemlos und schwitzend wieder hinausgeht als erholt und erfüllt von dem, was man gefeiert hat, um es besser leben und bezeugen zu können“. Die Zelebrationen werden manchmal laut und anstrengend. Die Liturgie ist krank. Das auffallendste Symptom dieser Krankheit ist die Allgegenwart des Mikrophons. Es ist so unverzichtbar geworden, daß man sich fragt, wie man vor seiner Erfindung überhaupt Liturgie feiern konnte!

Der äußere Lärm und der Lärm im eigenen Innern entfremden uns unserer selbst. Im Lärm kann der Mensch nur der Banalität verfallen: wir sind oberflächlich in dem, was wir sagen, wir geben hohle Reden von uns, wo endlos gesprochen wird, solange man nur irgendwas zu sagen findet, eine Art unverantwortliches Gewirr aus Scherzen und Worten, die töten. Wir sind oberflächlich auch in dem, was wir tun: wir leben in der Banalität, erheben dabei den Anspruch, vernünftig und moralisch zu sein, und finden nichts Außergewöhnliches darin.

Oft verlassen wir die Kirchen nach laut und oberflächlich zelebrierten Liturgien, ohne Gott begegnet zu sein und den inneren Frieden gefunden zu haben, den Er uns schenken will.

Nach ihrem Vortrag in London im vergangenen Juli sind sie auf die Ausrichtung der Liturgie nach Osten zurückgekommen und wollen sie in unseren Kirchen praktiziert sehen: Warum ist sie so wichtig? Und wie möchten Sie, daß diese Änderung sich vollzieht?

Die Stille stellt uns vor eine Wesensfrage der Liturgie. Die Liturgie ist mystisch. Im Maße, in dem wir uns ihr mit einem lauten Herzen nähern, bekommt sie oberflächlichen und menschlichen Charakter. Die liturgische Stille ist eine radikale und wesentliche Disposition; sie bedeutet eine Umkehr des Herzens. Nun heißt Umkehr etymologisch sich umwenden, sich zu Gott hin wenden. Es ist gibt keine echte Stille in der Liturgie, wenn wir nicht mit unserem ganzen Herzen zum Herrn hin ausgerichtet sind. Wir müssen umkehren, uns zum Herrn hin kehren, um Ihn anzuschauen, sein Antlitz zu betrachten und vor seinen Füßen anbetend niederzufallen. Wir haben ein Beispiel: Maria Magdalena hat Jesus am Ostermorgen erkennen können, weil sie sich zu Ihm umgewandt hatte: „Man hat meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wohin man ihn gelegt hat.“ „Haec cum dixisset, conversa est retrorsum et videt Jesus stantem – Nachdem sie das gesagt hatte, wandte sie sich um und sah Jesus dastehen.“ (Joh 20, 13-14)

Wie können wir in diese Haltung eintreten, wenn wir uns nicht physisch, alle gemeinsam, Priester und Gläubige, zum kommenden Herrn hinwenden, zum  durch die Apsis symbolisierten Osten hin, wo das Kreuz thront?

Diese äußere Orientierung führt uns zur inneren hin, welche durch sie symbolisiert wird. Seit den apostolischen Zeiten kennen die Christen diese Art zu beten. Es geht nicht darum, dem Volk den Rücken zuzuwenden, sondern darum, nach Osten zu schauen, zum Herrn hin.

Diese Weise des Gebets fördert die Stille. Der Zelebrant ist weniger versucht, das Wort zu monopolisieren. Vor dem Herrn spürt er weniger die Versuchung,  ein Professor zu werden, der die ganze Messe lang eine Vorlesung gibt und den Altar zu einer Bühne macht, deren Mittelpunkt nicht mehr das Kreuz ist, sondern das Mikrophon! Der Priester muß sich darauf besinnen, daß er nichts weiter ist als ein Werkzeug in den Händen Christi, der er schweigen muß, um dem WORT Platz zu machen, daß die menschlichen Worte lächerlich wirken vor dem einen Ewigen Wort.

Ich bin davon überzeugt, daß die Priester mit einer anderen Stimme sprechen werden, wenn sie nach Osten hin zelebrieren. Wir sind in großem Maße weniger versucht, uns, wie Papst Franziskus sagt, selbst als Hauptakteure zu bergreifen.

Wichtig ist zu verstehen, daß diese legitime und wünschenswerte Zelebrationsweise nicht als eine Revolution auferlegt werden darf. Ich weiß, daß vielerorts eine vorbereitende Katechese den Gläubigen erlaubt hat, sich die Ausrichtung nach Osten hin anzueignen und sie schätzen zu lernen. Ich wünsche mir sehr, daß diese Frage nicht zu einem ideologischen Kampf zwischen Parteien wird. Es geht um unsere Beziehung zu Gott.

Wie ich vor kurzem in einer persönlichen Begegnung mit dem Heiligen Vater Gelegenheit hatte zu sagen, gebe ich hier nichts anderes als Anregungen, die aus meinem von der Sorge um das Wohl der Gläubigen erfüllten Herzen stammen. Es geht mir nicht darum, eine Praxis der anderen entgegenzustellen. Wenn es von den materiellen Gegebenheiten her unmöglich ist, nach Osten hin zu zelebrieren, muß notwendigerweise ein gut sichtbares Kreuz auf den Altar gestellt werden als Referenzpunkt für alle. Christus am Kreuz ist der christliche Osten.

Sie verteidigen glühend die Konzilskonstitution über die Liturgie und bedauern dabei, daß sie schlecht umgesetzt wurde. Wie erklären Sie das aus dem Abstand von 50 Jahren? Sind nicht die kirchlichen Autoritäten die ersten Verantwortlichen dafür?

Ich glaube, daß wir die Konzilsdokumente zu wenig im Geist des Glaubens lesen. In Bann geschlagen von dem, was Benedikt XVI. das Konzil der Medien nennt, unterwerfen wir sie einer zu menschlichen Lektüre, indem wir Brüche und Gegensätze suchen, wo das katholische Herz sich bemühen müßte, die Erneuerung in der Kontinuität zu finden. Mehr als je muß uns die in Sacrosanctum Concilium enthaltene Lehre des Konzils leiten. Es wäre an der Zeit, uns vom Konzil belehren zu lassen, anstatt es zu benutzen, um unsere Bemühungen um Kreativität zu rechtfertigen oder unsere Ideologien zu verteidigen, indem wir die heilige Liturgie als Waffe benutzen.

Ein einziges Beispiel: Das Zweite Vatikanum hat auf wunderbare Weise das Taufpriestertum der Laien als unsere Fähigkeit definiert, uns mit Christus dem Vater als Opfer darzubringen, um in Jesus „heilige, reine und unbefleckte Opfer“ zu werden. Wir haben hier das theologische Fundament der wahren Teilnahme an der Liturgie.

Diese spirituelle Wirklichkeit müßte besonders beim Offertorium gelebt werden, in diesem Moment, wo das christliche Volk sich zum Opfer bringt, nicht neben Christus, sondern in Ihm, durch sein Opfer, das bei der Wandlung verwirklicht wird. Die erneute Lektüre des Konzils könnte uns erlauben zu vermeiden, daß unsere Offertorien durch Darbietungen entstellt werden, die mehr von Folklore als von Liturgie an sich haben. Eine gesunde Hermeneutik der Kontinuität könnte uns dahin führen, die alten, im Licht des Zweiten Vatikanums neu gelesenen Offertoriumsgebete wieder in ihre Ehre einzusetzen.

Sie weisen hin auf die von Ihnen gewünschte „Reform der Reform“ (n°257): Worin sollte sie vor allem bestehen? Betrifft sie beide Formen des Römischen Ritus oder nur die ordentliche Form?

Die Liturgie bedarf um der größeren Treue zu ihrer mystischen Natur willen immer einer Reform.  Das, was „Reform der Reform“ genannt wird und was wir als „gegenseitige Bereicherung der Riten“ bezeichnen könnten, um einen Ausdruck aus dem Lehre Benedikts XVI. zu verwenden, ist eine geistliche Notwendigkeit. Sie betrifft beide Formen des Römischen Ritus.

Ich lehne es ab, unsere Zeit dazu zu verwenden, die eine Liturgie gegen die andere zu stellen oder den Ritus des heiligen Paul V. gegen den des seligen Paul VI. Es geht darum, in die große Stille der Liturgie einzutreten; man muß sich von allen liturgischen Formen bereichern lassen, lateinischen oder östlichen. Warum sollte sich die außerordentliche Form nicht dem öffnen, was die aus dem Zweiten Vatikanum hervorgegangene liturgische Reform an Besserem hervorgebracht hat? Warum sollte die ordentliche Form nicht die alten Offertoriumsgebete wiederfinden, das Stufengebet oder ein wenig Stille während mancher Teile des Kanons?

Ohne einen kontemplativen Geist bleibt die Liturgie eine Gelegenheit zu haßerfüllten Entzweiungen und ideologischen Kämpfen, öffentlichen Demütigungen der Schwachen durch jene, die beanspruchen, die Autorität zu besitzen, während die Liturgie doch der Ort unserer Einheit und unserer Gemeinschaft im Herrn sein müßte. Warum gegeneinander kämpfen und sich verachten? Im Gegenteil, die Liturgie sollte uns alle zusammenkommen lassen in der Einheit des Glaubens und der wahren Kenntnis des Sohnes Gottes, zum vollkommenen Menschen, zur Fülle der Gestalt Christi… So in der Wahrheit der Liebe lebend werden wir in allem in Christus heranwachsen zu Ihm hin, der das Haupt ist (vgl. Eph 4, 13-15).

 

Wie können wir im aktuellen liturgischen Kontext der lateinischen Welt das Mißtrauen überwinden, das einige Anhänger der beiden liturgischen Formen desselben Römischen Ritus hegen, die es ablehnen, die andere Form zu zelebrieren und sie manchmal mit einer gewissen Verachtung betrachten?

Die Liturgie verderben heißt unsere Beziehung zu Gott und den Ausdruck unseres christlichen Glaubens zu verderben. Kardinal Charles Journet versicherte: „Die Liturgie und die Katechese sind die beiden Greifer der Zange, durch welche der Dämon dem christlichen Volk den Glauben entreißen und sich der Kirche bemächtigen will, um sie zu zermalmen, zu vernichten und endgültig zu zerstören. Heute noch liegt der große Drache vor der Frau, der Kirche, auf der Lauer, bereit, ihr Kind zu verschlingen.“ Ja, der Teufel will uns gegeneinander stellen im Herzen des Sakraments der Einheit selbst und der brüderlichen Gemeinschaft. Es ist Zeit, daß die Verachtung, das Mißtrauen und die Verdächtigungen ein Ende nehmen. Es ist Zeit, ein katholisches Herz wiederzufinden. Es ist Zeit, gemeinsam die Schönheit der Liturgie wiederzufinden, wie es uns der Hl. Vater Franziskus empfiehlt, denn, „die Schönheit der Liturgie spiegelt“ – wie er sagt – „die Herrlichkeit unseres Gottes wieder, die in seinem lebendigen und getrösteten Volk aufscheint“ (Predigt zur Chrisammesse am 28. März 2013).

Wie haben Sie ihren Aufenthalt in der Großen Kartause erlebt?

Ich danke Gott, daß er mir diese außerordentliche Gnade erwiesen hat. Und wie könnte ich die Dankbarkeit meines Herzens gegenüber Dom Dysmas de Lassus verschweigen für seine so warme Gastfreundschaft. Ich möchte ihn auch demütig um Verzeihung bitten für alle Störung, die ich durch meinen Aufenthalt bei ihm verursacht haben mag. Die Große Kartause ist das Haus Gottes. Sie zieht uns zu Gott empor und bringt uns vor sein Angesicht. Alles ist aufgeopfert, um Gott zu begegnen: die Schönheit der Natur, die strenge Einfachheit des Ortes, das Schweigen, die Einsamkeit und die Liturgie. Obwohl ich die Gewohnheit habe, nachts zu beten, hat mich das nächtliche Offizium in der Großen Kartause tief beeindruckt: die Dunkelheit war rein, die Stille war Trägerin einer Gegenwart, der Gegenwart Gottes. Die Nacht verbarg uns alles, sie isolierte den einen gegenüber den anderen, aber sie vereinte unsere Stimmen und unseren Lobpreis, sie richtete unsere Herzen aus, unsere Blicke und unsere Gedanken, um nichts anderes zu sehen als Gott. Die Nacht ist mütterlich, köstlich und reinigend. Die Dunkelheit ist wie eine Quelle, aus der wir gewaschen aufsteigen, befriedet und tiefer mit Christus und den anderen vereint. Einen guten Teil der Nacht im Gebet zu verbringen, regeneriert uns. Es läßt uns neu geboren werden. Hier wird Gott wirklich unser Leben, unsere Kraft, unser Glück, unser Alles. Ich spüre eine große Bewunderung für den heiligen Bruno, der wie Elija so viele Seelen auf diesen Berg Gottes geführt hat, um sie hören und sehen zu lassen „die Stimme eines leisen Säuselns“ und sich von dieser Stimme ansprechen zu lassen, die uns sagt: „Was tust Du da, Elija?“ (1 Kön 19, 11-13)

Die Fragen stellte Christophe Geffroy.

Deutsche Übersetzung veröffentlicht bei CNA mit freundlicher Genehmigung von Kardinal Sarah und La Nef.

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Quelle

Kardinal Sarah: „Auf dem Weg hin zu einer authentischen Umsetzung von Sacrosanctum Concilium“

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Gott im Blick: Kardinal Sarah feiert die heilige Messe, nach Osten gerichtet, in der „normalen“ Form am zweiten Tag der Londoner Konferenz. Foto: Lawrence OP via Flickr (CC BY-NC-ND 2.0)

Dokumentiert:
Die komplette Rede von Kardinal Sarah
bei der Konferenz „Sacra Liturgia“

(Original: Englische Version dieser kompletten Rede)

Verehrte Exzellenzen, liebe Geistliche, Diakone und liebe geweihte Männer und Frauen, liebe Brüder und Schwestern in Christus:

Zuerst möchte ich Seiner Eminenz Kardinal Vincent Nichols danken, für seine Begrüßung in der Erzdiözese von Westminster, und für seine freundlichen Worte der Begrüßung. Danken möchte ich auch Seiner Exzellenz, Bischof Dominik Rey, dem Bischof von Fréjus-Toulon, für seine Einladung zu dieser internationalen „Sacra Liturgia“-Konferenz, und die Eröffnungsansprache heute Abend zu halten. Exzellenz, ich gratuliere Ihnen zu dieser internationalen Initiative zur Förderung der Erforschung der Wichtigkeit liturgischer Bildung und Zelebration im Leben und der Mission der Kirche.

Ich bin sehr glücklich, mit Euch allen heute hier zu sein. Ich danke einem jeden von Euch für seine Anwesenheit, mit der er seiner Wertschätzung für jene wichtige Frage Ausdruck verleiht, die Kardinal Ratzinger einst „die Frage der Liturgie“ nannte, heute, am Eingang des 21. Jahrhunderts. Dies ist ein großartiges Hoffnungszeichen für die Kirche.

EINLEITUNG

In seiner Botschaft vom 18. Februar 2014 zum Symposium anlässlich des 50. Jubiläums der Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über die heilige Liturgie, Sacrosanctum Concilium, bemerkte der Heilige Vater, Papst Franziskus, dass der Zeitpunkt des 50. Jahrestags seit der Ausfertigung der Konstitution uns dazu bewegen sollte, „die Verpflichtung zu erneuern, [die] Lehre [von Sacrosanctium Concilium] in einer noch vollständigeren Weise umzusetzen.“ Der Heilige Vater fuhr fort:

Es ist notwendig, vereint mit erneuerter Bereitschaft den Weg weiter zu gehen, den die Konzilsväter angezeigt haben, da noch viel zu tun ist, was die richtige und vollständige Assimilation der Konstitution der heiligen Liturgie seitens der getauften und kirchlichen Gemeinschaften betrifft. Ich beziehe mich, insbesondere, auf die Verpflichtung zu einer soliden und natürlichen liturgischen Einführung und Bildung, sowohl der gläubigen Laien als auch des Klerus und geweihter Menschen.

Der Heilige Vater hat recht. Wir müssen noch viel erledigen, wenn wir die Vision der Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils für das liturgische Leben der Kirche realisieren wollen. Wir haben sehr viel zu tun, wenn wir heute, gute 50 Jahre nach Abschluss des Konzils „eine rechte und vollständige Assimilierung der Konstitution der heiligen Liturgie“ erreichen wollen.

In diesem Vortrag möchte ich Ihnen einige Erwägungen vorstellen, wie die Kirche des Westens sich einer treueren Umsetzung von Sacrosanctum Concilium annähern kann. Dabei möchte ich die Frage stellen: „Was beabsichtigten die Konzilsväter mit der Liturgiereform?“ Dann möchte ich darauf eingehen, wie ihre Absichten nach dem Konzil umgesetzt wurden. Abschliessend möchte ich Euch einige Vorschläge unterbreiten für das liturgische Leben der Kirche heute, damit unsere liturgische Praxis besser den Absichten der Konzilsväter entspricht.

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A. WAS IST DIE HEILIGE LITURGIE?

Zuerst aber müssen wir eine Vorfrage betrachten. Es ist die Frage: „Was ist die heilige Liturgie?“ Denn wenn wir nicht das Wesen der katholischen Liturgie verstehen, im Gegensatz zu den Riten anderer christlicher Gemeinschaften und anderer Religionen, können wir auch nicht erwarten, die Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über die heilige Liturgie zu verstehen, oder uns einer gewissenhaften Umsetzung annähern.

In seinem Motu Proprio Tra le sollecitudini vom 22. November 1903 lehrte der heilige Papst Pius X., dass „die hochheiligen Mysterien“ und „das öffentliche, feierliche Gebet der Kirche“, das heißt, die heilige Liturgie, die „erste und unentbehrliche Quelle“ sei für den „wahrhaft christlichen Geist“. Der heilige Pius X. rief somit zu einer echten und fruchtbringenden Teilnahme aller an den liturgischen Riten der Kirche auf. Wie wir wissen, sollte diese Lehre und Exhortation in Artikel 14 von Sacrosanctum Concilium wiederholt werden.

Papst Pius XI. erhob etwa 25 Jahre später aus dem gleichen Grund seine Stimme in seiner Apostolischen Konstitution Divini Cultus (20. Dezember 1928), und lehrte,

„[f]ürwahr, etwas Heiliges ist die Liturgie, denn durch sie werden wir zu Gott erhoben und mit ihm vereinigt, in ihr legen wir Zeugnis ab für unseren Glauben; zu ihr sind wir auch strengsten verpflichtet wegen der Wohltaten und der Hilfe, die wir empfangen haben und deren wir stets bedürfen.“

Papst Pius XII. widmete ein Rundschreiben, Mediator Dei, (20. November 1947) der heiligen Liturgie, in dem er lehrte:

Die heilige Liturgie bildet folglich den öffentlichen Kult, den unser Erlöser, das Haupt der Kirche, dem himmlischen Vater erweist und den die Gemeinschaft der Christgläubigen ihrem Gründer und durch ihn dem Ewigen Vater darbringt; um es zusammenfassend kurz auszudrücken: sie stellt den gesamten öffentlichen Gottesdienst des mystischen Leibes Jesu Christi dar, seines Hauptes nämlich und seiner Glieder. (Nr. 20)

Der Papst lehrte, dass die „Wesen und Sinn der heiligen Liturgie“ sei, dass „die Verbindung unserer Seelen mit Christus [bezweckt], ihre durch den göttlichen Erlöser zu erwirkende Heiligung, auf daß Christus geehrt werde und durch ihn und mit ihm die heiligste Dreifaltigkeit“. (Nr. 171)

Das Zweite Vatikanische Konzil lehrte, dass sich durch die Liturgie „das Werk unserer Erlösung“ vollziehe (Sacrosanctum Concilium, 2) und dass die Liturgie mit Recht:

…als Vollzug des Priesteramtes Jesu Christi [gelte]; durch sinnenfällige Zeichen wird in ihr die Heiligung des Menschen bezeichnet und in je eigener Weise bewirkt und vom mystischen Leib Jesu Christi, d.h. dem Haupt und den Gliedern, der gesamte öffentliche Kult vollzogen.

Infolgedessen ist jede liturgische Feier als Werk Christi, des Priesters, und seines Leibes, der die Kirche ist, in vorzüglichem Sinn heilige Handlung, deren Wirksamkeit kein anderes Tun der Kirche an Rang und Maß erreicht. (Nr. 7)

Vor diesem Hintergrund lehrte Sacrosanctum Concilium, dass die Liturgie:

…der Höhepunkt [ist], dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt. Denn die apostolische Arbeit ist darauf hingeordnet, daß alle, durch Glauben und Taufe Kinder Gottes geworden, sich versammeln, inmitten der Kirche Gott loben, am Opfer teilnehmen und das Herrenmahl genießen. (Nr. 10)

Nun könnte man diese Exposition der Lehre des Magisteriums über die Natur der heiligen Liturgie mit den Lehren der nachkonziliaren Päpste weiterführen, und mit dem Katechismus der Katholischen Kirche. Aber lasst uns fürs erste beim Konzil anhalten. Denn es ist klar, denke ich, dass die Kirche lehrt, dass die katholische Liturgie der einzigartig privilegierte Ort der erlösenden Handlung Christi in unserer Welt von heute ist, durch welche wir, bei echter Teilnahme, Seine Gnade und Kraft empfangen, die so notwendig ist für unser Ausharren und Wachsen im Leben als Christen. Es ist der göttlich begründete Ort, an den wir kommen um unsere Pflicht der Opfergabe für Gott zu leisten, das Eine Wahre Opfer darbringen. Die katholische Liturgie ist etwas Heiliges, etwas, das seinem Wesen nach heilig ist. Katholische Liturgie ist keine gewöhnliche Zusammenkunft von Menschen.

Ich möchte an dieser Stelle eine sehr wichtige Tatsache betonen: Gott, nicht der Mensch, steht im Mittelpunkt der Liturgie. Wir kommen, um Ihn anzubeten. In der Liturgie geht es nicht um Dich oder mich; wir feiern dort nicht unsere eigene Identität oder Leistungen oder verherrlichen oder unterstützen dort unsere eigene Kultur und örtlichen religiösen Bräuche. In der Liturgie geht es zuerst und vor allem um Gott und was Er für uns getan hat. In Seiner Göttlichen Vorsehung hat der Allmächtige Gott die Kirche geschaffen und die Heilige Liturgie begründet, durch die es uns möglich ist, Ihm wahrhaftige Anbetung zu erweisen im Einklang mit dem durch Christus geschaffenen Neuen Bund. Auf diese Weise, indem wir in die Anforderungen der heiligen Riten eintreten, wie sie in der Tradition der Kirche entwickelt wurden, erhalten wir unsere wahre Identität und Bedeutung als Söhne und Töchter des Vaters.

Es ist unerlässlich, dass wir diese Spezifizität katholischer Anbetung verstehen, denn in den vergangenen Jahrzehnten haben wir viele liturgische Feiern erlebt in denen Leute, Persönlichkeiten und menschliche Errungenschaften zu sehr im Vordergrund standen, fast bis zur Exklusion Gottes. Wie Kardinal Ratzinger einst schrieb: Wenn die Liturgie zuallererst wie eine Werkstatt unserer Aktivitäten ist, dann wird vergessen, was wesentlich ist: Gott. Denn die Liturgie dreht sich nicht um uns, sondern um Gott. Gottvergessenheit ist das größte Problem unserer Zeit (vgl. Joseph Ratzinger — Gesammelte Schriften: Theologie der Liturgie: Die sakramentale Begründung christlicher Existenz).

Wir müssen uns über das Wesen katholischer Anbetung völlig klar sein, wenn wir die Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Liturgie richtig lesen wollen und treu umsetzen wollen. Denn die Konzilsväter waren in den lehramtlichen Schreiben der Päpste des 20. Jahrhunderts gebildet, die ich zitiert habe. Der heilige Papst Johannes XIII berief kein Ökumenisches Konzil ein, um diese Lehren zu unterwandern, die er selber unterstützte. Die Konzilsväter kamen nicht nicht im Oktober 1962 nach Rom in der Absicht, eine anthropozentrische Liturgie zu schaffen. Vielmehr suchten der Papst und die Konzilsväter nach Wegen, wie die Christgläubigen immer tiefer aus der „ersten und unentbehrlichen Quelle“ trinken können, um so „den wahrhaft christlichen Geist“ für ihre Erlösung und für alle Männer und Frauen ihrer Zeit.

B. WAS BEABSICHTIGTEN DIE VÄTER
DES ZWEITEN VATIKANISCHEN KONZILS?

Wir müssen die Absichten der Konzilsväter genauer betrachten, besonders wenn wir heute ihren Intentionen gerecht werden wollen. Was wollten sie mit der Konstitution über die heilige Liturgie erreichen?

Beginnen wir mit dem allerersten Artikel von Sacrosanctum Concilium:

Das Heilige Konzil hat sich zum Ziel gesetzt, das christliche Leben unter den Gläubigen mehr und mehr zu vertiefen, die dem Wechsel unterworfenen Einrichtungen den Notwendigkeiten unseres Zeitalters besser anzupassen, zu fördern, was immer zur Einheit aller, die an Christus glauben, beitragen kann, und zu stärken, was immer helfen kann, alle in den Schoß der Kirche zu rufen. (Nr. 1)

Erinnern wir uns daran, dass liturgische Reformen bereits seit einem Jahrzehnt im Gange waren zum Zeitpunkt der Konzilseröffnung, und die Konzilsväter mit diesen Reformen sehr vertraut waren. Sie dachten über diese Fragen nicht theoretisch nach, ohne jedweden Kontext. Sie erwarteten, die bereits begonnene Arbeit fortzusetzen und die „altiora principia“ zu erwägen, die höheren oder fundamentalen Prinizipien liturgischer Reform, von denen der heilige Papst Johannes XXIII. in seinem Motu Proprio Rubricarum Instructum vom 25. Juli 1960 sprach.

Somit beschreibt der erste Artikel der Konstitution vier Gründe für eine liturgische Reform. Der erste, „das christliche Leben unter den Gläubigen mehr und mehr zu vertiefen“, ist das stete Anliegen der Seelsorger der Kirche in jedem Zeitalter.

Der zweite, „die dem Wechsel unterworfenen Einrichtungen den Notwendigkeiten unseres Zeitalters besser anzupassen“, mag uns Anlass geben, innezuhalten und nachzudenken, besonders angesichts des Zeitgeists der 1960er Jahre. Doch in Wahrheit, wenn betrachtet aus der Warte der Hermeneutik der Kontinuität, wie es die Konzilsväter mit größter Wahrscheinlichkeit intendierten, bedeutet dies, dass das Konzil sich liturgische Entwicklungen wünschte, die dem Leben der Christen eine größere Lebendigkeit verleihen sollten. Die Konzilsväter wollten nicht die Dinge einfach um der Änderung willen ändern!

Und so mag auch der dritte Grund, „zu fördern, was immer zur Einheit aller, die an Christus glauben, beitragen kann“, zum Nachdenken bringen, dass wir nicht glauben, dass die Konzilsväter die heilige Liturgie instrumentalisieren wollten als ein ökumenisches Werkzeug, daraus ein Mittel zum Zweck machen. Aber kann dies der Fall sein? Gewiß, nach dem Konzil mögen manche dies versucht haben. Doch die Väter selber wußten, dass dies nicht möglich war. Einheit im Kultus vor dem Opfer-Altar ist das angestrebte Ziel ökumenischer Bemühungen. Die Liturgie ist kein Mittel, mit dem man gute Absichten oder Zusammenarbeit in Werken des Apostolats. Nein, die Konzilsväter sagen hier, dass sie glauben, dass die Liturgiereform Teil einer Dynamik sein kann, die Menschen dabei hilft, die katholische Einheit zu erzielen ohne die eine volle Kommunion im Kultus nicht möglich ist.

Die gleiche Motivation findet sich im vierten angegebenen Grund für die Liturgiereform: „zu stärken, was immer helfen kann, alle in den Schoß der Kirche zu rufen.“ Hier gehen wir aber weiter als unsere getrennten christlichen Brüder und Schwestern und betrachten „die gesamte Menschheit“. Die Mission der Kirche ist an jeden Mann und jede Frau gerichtet! Die Konzilsväter glaubten dies und hofften, dass eine fruchtbarere Teilnahme an der Liturgie eine Erneuerung der missionarischen Tätigkeit der Kirche erleichtern würde.

Lassen Sie mich ein weiteres Beispiel geben. Viele Jahre lang wurde vor dem Konzil eine große Debatte über die Möglichkeit geführt — sowohl in Ländern, in denen missioniert wurde als auch in weiter entwickelten —, in der Liturgie mehr Landessprachen zu verwenden, vor allem in den Lesungen aus der Heiligen Schrift, wie auch für einige andere Teile des ersten Teils der Messe (was wir heute den „Wortgottesdienst“ nennen) sowie für liturgische Gesänge. Der Heilige Stuhl hatte bereits viele Genehmigungen für die Verwendung der Landessprache bei der Spendung von Sakramenten erteilt. Vor diesem Hintergrund sprachen die Konzilsväter über mögliche positive ökumenische oder missionarische Effekte der Liturgiereform. Es ist richtig, dass die Landessprachen einen positiven Platz in der Liturgie haben. Die Väter strebten dies an, ohne die Protestantisierung der heiligen Liturgie zu erlauben oder einer falschen Inkulturation der Liturgie zuzustimmen.

Ich bin Afrikaner. Lassen sie es mich klar sagen: Die Liturgie ist nicht der Ort, an dem ich meine Kultur pflege. Vielmehr ist sie der Ort, an dem meine Kultur getauft wird, an dem meine Kultur ins Göttliche aufgenommen wird. Durch die Liturgie der Kirche (welche Missionare der ganzen Welt gebracht haben) spricht Gott zu uns, Er ändert uns und läßt uns an Seinem göttlichen Leben teilhaben. Wenn jemand zum Christen wird, wenn jemand in die volle Kommunion mit der katholischen Kirche eintritt, dann erhält diese Person etwas, das über sie hinausgeht, etwas das sie verändert. Gewiß, Kulturen und anderen Christen bringen Geschenke in die Kirche ein – die Liturgie des Ordinariates der Anglikaner, die nun in voller Kommunion mit der katholischen Kirche sind: Das ist ein schönes Beispiel dafür. Aber sie bringen diese Geschenke mit Demut, und die Kirche nutzt diese in ihrer mütterlichen Weisheit, wie sie es für angemessen beurteilt.

Nichtsdestotrotz scheint sehr klar sein zu müssen, was wir unter Inkulturation verstehen. Wenn wir diesen Begriff wirklich als eine Einsicht in das Mysterium Jesu Christi verstehen, dann haben wir den Schlüssel zur Inkulturation, die kein Streben nach – oder Anspruch auf – Zulässigkeit einer Afrikanisierung oder Latein-Amerikanisierung oder Asiatisierung als Ersatz für eine Verwestlichung der Kirche ist. Inkulturation ist weder eine Kanonisierung örtlicher Kultur noch ein Niederlassen in dieser Kultur auf die Gefahr hin, diese zu Verabsolutisieren. Inkulturation ist ein Hereinbrechen und eine Manifestation des Herrn in den Tiefen unseres Seins. Und das Hereinbrechen des Herrn in unser Leben bedeutet einen Bruch, ein Ablösen, dass den Zugang zu einem Weg neuer Orientierungen eröffnet welche Teile einer neuen Kultur sind, ein Gefährt der Frohen Botschaft für den Menschen und seiner Würde als Sohn Gottes. Wenn das Evangelium in unser Leben eintritt, dann unterbricht es unser Leben, verändert es. Es gibt ihm eine neue Richtung, eine neue Moral und ethische Orientierungen. Es verwandelt das Herz des Menschen auf Gott und auf seinen Nachbarn hin, sie zu lieben und ihnen zu dienen, absolut und ohne Hintergedanken. Wenn Jesus in ein Leben eintritt, dann verklärt er es, vergöttlicht es durch das strahlende Licht Seines Antlitzes, so wie es dem heiligen Paulus ging auf der Straße nach Damaskus (vgl. Apg 9,5-6).

So wie durch seine Inkarnation das Wort Gottes  in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat (Heb 4,15), so nimmt das Evangelium all menschlichen und kulturellen Werte an, aber weigert sich, Gestalt in den Strukturen der Sünde anzunehmen. Das bedeutet, dass je mehr individuelle wie kollektive Sünden in einer menschlichen oder kirchlichen Gemeinschaft sind, desto weniger Raum gibt es für Inkulturation. Im Gegenteil, je mehr eine christliche Gemeinschaft vor Heiligkeit leuchtet und die Werte des Evangeliums ausstrahlt, umso wahrscheinlicher inkulturiert sie die christliche Botschaft. Die Inkulturation des Glaubens ist die Herausforderung der Heiligkeit. Sie prüft den Grad der Heiligkeit, und den Stand der Durchdringung mit der Frohen Botschaft, und des Glaubens an Jesus Christus als christliche Gemeinschaft. Inkulturation ist daher keine religiöse Folklore.

Sie ist nicht wesentlich im Gebrauch örtlicher Sprachen, Instrumente und latein-amerikanischer Musik, afrikanischer Tänze oder asiatischer Rituale und Symbolen in der Liturgie und den Sakramenten realisiert. Inkulturation ist Gott, der in unser Leben herabkommt, in das moralische Verhalten, in die Kulturen und die Bräuche der Menschen um diese von der Sünde zu befreien und sie in das Leben der Dreifaltigkeit zu bringen. Gewiß bedarf der Glaube einer Kultur um kommuniziert zu werden. Deshalb hat der heilige Papst Johannes Paul II. bekräftigt, dass ein Glaube, der nicht Kultur wird, ein Glaube ist, der stirbt: „Die Inkulturation in ihrem recht verstandenen Prozeß muß sich von zwei Prinzipien der ‚Vereinbarkeit mit dem Evangelium und der Gemeinschaft mit der Gesamtkirche‘ leiten lassen.“ (Enzyklika Redemptoris Missio, 7. Dezember 1990, Nr. 54)

Ich habe einige Zeit der Betrachtung des ersten Abschnitts der Konstitution gewidmet, weil es sehr wichtig ist, dass wir wirklich Sacrosanctum Concilium in diesem Zusammenhang lesen, als ein Dokument, dass beabsichtigte, die rechte Entwicklung (wie etwa die häufigere Verwendung von Landessprachen) zu unterstützen, in Kontinuität mit der Natur, Lehre und Mission der Kirche in der modernen Welt. Wir dürfen aus ihr nicht Dinge herauslesen, die sie gar nicht sagt. Die Konzilsväter beabsichtigten keine Revolution, sondern eine Evolution, eine maßvolle Reform.

Die Absichten der Konzilsväter sind aus anderen Schlüsselpassagen klar herauslesbar. Absatz 14 ist einer der wichtigsten der ganzen Konstitution:

Die Mutter Kirche wünscht sehr, alle Gläubigen möchten zu der vollen, bewußten und tätigen Teilnahme an den liturgischen Feiern geführt werden, wie sie das Wesen der Liturgie selbst verlangt und zu der das christliche Volk, „das auserwählte Geschlecht, das königliche Priestertum, der heilige Stamm, das Eigentumsvolk“ (1 Petr 2,9; vgl. 2,4-5) kraft der Taufe berechtigt und verpflichtet ist.

Diese volle und tätige Teilnahme des ganzen Volkes ist bei der Erneuerung und Förderung der heiligen Liturgie aufs stärkste zu beachten, ist sie doch die erste und unentbehrliche Quelle, aus der die Christen wahrhaft christlichen Geist schöpfen sollen. Darum ist sie in der ganzen seelsorglichen Arbeit durch gebührende Unterweisung von den Seelsorgern gewissenhaft anzustreben.

Es besteht aber keine Hoffnung auf Verwirklichung dieser Forderung, wenn nicht zuerst die Seelsorger vom Geist und von der Kraft der Liturgie tief durchdrungen sind und in ihr Lehrmeister werden. Darum ist es dringend notwendig, daß für die liturgische Bildung des Klerus gründlich gesorgt wird.

Hier hören wir die Stimme der vorkonziliaren Päpste, die eine echte und fruchtbringende Teilnahme an der Liturgie anstreben, und dass – um dies in die Tat umzusetzen – das Bestehen auf gründliche Ausbildung oder Bildung in der Liturgie dringend notwendig ist. Die Väter beweisen hier einen Realitätssinn, der später vielleicht vergessen wurde. Hören wir noch einmal die Worte des Konzils und betrachten wir ihre Wichtigkeit: „Es besteht aber keine Hoffnung auf Verwirklichung dieser Forderung, wenn nicht zuerst die Seelsorger vom Geist und von der Kraft der Liturgie tief durchdrungen sind und in ihr Lehrmeister werden.

Auch am Anfang von Artikel 21 hören wir sehr klar die Absichten der Väter: „Damit das christliche Volk in der heiligen Liturgie die Fülle der Gnaden mit größerer Sicherheit erlange, ist es der Wunsch der heiligen Mutter Kirche, eine allgemeine Erneuerung der Liturgie sorgfältig in die Wege zu leiten.“ „Ut populus christianus in sacra Liturgia abundantiam gratiarum securius assequatur…“ Wenn wir Latein studieren, lernen wir, dass das Wort „ut“ einen klaren Zweck bezeichnet, der im gleichen Satz folgt. Was bezweckten die Konzilsväter? – dass das christliche Volk mit größerer Sicherheit in der heiligen Liturgie die Fülle der Gnaden erlange. Wie sollte dies erreicht werden? – indem mit großer Sorgfalt eine allgemeine Erneuerung der Liturgie in die Wege geleitet werden dass die Väter über eine „Erneuerung“ sprechen, nicht über eine Revolution!

Eine der klarsten und schönsten Ausdrücke der Absichten der Konzilsväter findet sich am Anfang des zweiten Kapitels der Konstitution, die das Mysterium der Allerheiligsten Eucharistie betrachtet. Wir lesen in Artikel 48:

So richtet die Kirche ihre ganze Sorge darauf, daß die Christen diesem Geheimnis des Glaubens nicht wie Außenstehende und stumme Zuschauer beiwohnen; sie sollen vielmehr durch die Riten und Gebete dieses Mysterium wohl verstehen lernen und so die heilige Handlung bewußt, fromm und tätig mitfeiern, sich durch das Wort Gottes formen lassen, am Tisch des Herrenleibes Stärkung finden. Sie sollen Gott danksagen und die unbefleckte Opfergabe darbringen nicht nur durch die Hände des Priesters, sondern auch gemeinsam mit ihm und dadurch sich selber darbringen lernen. So sollen sie durch Christus, den Mittler, von Tag zu Tag zu immer vollerer Einheit mit Gott und untereinander gelangen, damit schließlich Gott alles in allem sei.

Meine Brüder und Schwestern, das ist es, was die Konzilsväter beabsichtigten. Ja, gewiß, sie diskutierten und stimmten über spezifische Wege ab, wie sie ihre Absichten erreichen wollten. Aber lasst uns klar feststellen: Die in der Konstitution vorgeschlagenen Ritualreformen, wie die Wiedereinführung des Gebets der Gläubigen bei der Messe (Nr. 53), die Ausdehnung der Konzelebration (Nr. 57) oder einige andere Punkte – wie die in Artikel 34 und 50 angestrebte Einfachheit – unterliegen alle den grundlegenden Absichten der Konzilsväter, die ich soeben skizziert habe. Sie sind Mittel zum Zweck, und es ist dieser Zweck, den wir erfüllen müssen.

Wenn wir uns einer authentischeren Umsetzung von Sacrosanctum Concilium annähern wollen, dann sind es diese Ziele, diese Zwecke, die wir vor allem und zuerst vor Augen haben müssen. Es mag sein, dass wir, wenn wir sie mit einem frischen Blick betrachten und dem Vorteil der Erfahrung der vergangenen fünf Jahrzehnte, manche bestimmte Ritualreformen und gewisse liturgische Regeln in einem neuen Licht sehen. Wenn heute, um „das christliche Leben unter den Gläubigen mehr und mehr zu vertiefen“ und „alle in den Schoß der Kirche zu rufen“, einige dieser Regeln und Reformen neu geprüft werden müssen, lasst uns den Herrn bitten, uns die Liebe und Demut und Weisheit zu geben, dies so zu tun.

C. WAS GESCHAH NACH DER PROMULGATION VON
SACROSANCTUM CONCILIUM?

Ich werfe die Frage einer neuen Prüfung der Konstitution und der Reform, die ihrer Promulgierung folgte, auf weil ich nicht glaube, dass wir auch nur den ersten Artikel von Sacrosanctum Concilium heute ehrlich lesen können und meinen, seine Ziele seien erreicht worden. Meine Brüder und Schwestern, wo sind die Gläubigen, von denen die Konzilsväter sprachen? Viele der Gläubigen sind nun ungläubig: Sie kommen gar nicht zur Liturgie. Um es mit den Worten des heiligen Johannes Paul II. zu sagen: „Das Vergessen Gottes hat zum Niedergang des Menschen geführt. Es wundert daher nicht, daß in diesem Kontext ein großer Freiraum für die Entwicklung des Nihilismus im philosophischen Bereich, des Relativismus im erkenntnistheoretischen und moralischen Bereich, des Pragmatismus und sogar des zynischen Hedonismus in der Gestaltung des Alltagslebens entstanden ist. Die europäische Kultur erweckt den Eindruck einer ’schweigenden Apostasie‘ seitens des satten Menschen, der lebt, als ob es Gott nicht gäbe“. (Nachsynodales Apostolisches Schreiben Ecclesia in Europa, 28. Juni 2003, Nr. 9). Wo ist die Einheit, die das Konzil zu leisten hoffte? Wir haben sie noch nicht erreicht. Haben wir echte Fortschritte beim Bemühen erzielt, alle in den Schoß der Kirche zu rufen? Ich denke nicht. Und doch haben wir mit der Liturgie sehr viel gemacht!

In meinen 47 Jahren als Priester und nach mehr als 36 Jahren bischöflicher Seelsorge kann ich bezeugen, dass viele katholische Gemeinschaften und Individuen mit Eifer und Freude so leben und die Liturgie beten, wie sie nach dem Konzil reformiert wurde, und daraus viele, wenn nicht sogar alle, Dinge beziehen, welche die Konzilsväter beabsichtigten. Dies ist eine große Frucht des Konzils. Aber aus meiner Erfahrung heraus weiß ich auch – nun auch durch meinen Dienst als Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung – dass es viele Verzerrungen der Liturgie in der Kirche heute gibt, und dass es viele Situationen gibt, die verbessert werden könnten damit die Ziele des Konzils auch erreicht werden. Bevor ich einige dieser möglichen Verbesserungen in Betracht ziehe, lasst uns darüber nachdenken, was nach der Promulgation der Konstitution über die heilige Liturgie geschah.

Im sechzehnten Jahrhundert vertraute der Papst die vom Konzil von Trient gewünschte Liturgiereform einer besonderen Kommission an, die sich daran machte, überarbeitete Ausgaben der liturgischen Bücher vorzubereiten, die schließlich vom Papst promulgiert wurden. Dies ist eine völlig normale Vorgehensweise und wurde 1964 vom seligen Paul VI. angewendet, als er das Consilium ad exsequendam constitutionem de sacra liturgia schuf. Wir wissen viel über diese Kommission dank der veröffentlichten Memoiren ihres Sekretärs, Erzbischof Annibale Bugnini („Die Liturgiereform. 1948-1975. Zeugnis und Testament“, Herder Verlag, 1988).

Die Arbeit der Kommission war bei der Umsetzung der Konstitution gewiß Einflüssen, Ideologien und neuen Vorschlägen ausgesetzt, die nicht in Sacrosanctum Concilium anzutreffen sind. So ist es zum Beispiel Tatsache, dass das Konzil nicht vorgeschlagen hat, neue Eucharistische Gebete einzuführen, diese Idee jedoch aufkam und akzeptiert wurde, und dass der Papst diese als Autorität in Kraft setzte. Es ist auch wahr, wie Erzbischof Bugnini selber klarmacht, dass manche Gebete und Riten unter dem Einfluss des damaligen Zeitgeistes konstruiert oder überarbeitet wurden, besonders entsprechend ökumenischer Sensibilitäten. Ob zu viel getan wurde oder nicht, oder ob das, was getan wurde, wirklich dabei half, die Ziele der Konstitution zu erreichen, oder in der Tat diese behinderten, sind Fragen, die wir prüfen müssen. Ich bin sehr froh darüber, dass heute die Gelehrten diese grundlegend prüfen. Nichtsdestotrotz ist es eine wichtige Tatsache, dass der selige Paul VI. die von der Kommission vorgeschlagenen Reformen als angemessen betrachtete und in Kraft setzte. Mit seiner apostolischen Autorität setzte er sie als normgebend ein und stellte ihre Rechtmäßigkeit und Gültigkeit fest.

Doch während die offizielle Reform-Arbeit stattfand, kam es in aller Welt zu einigen sehr schwerwiegende Fehlinterpretationen der Liturgie, die sich etablierten. Diese Missbräuche der heiligen Liturgie wuchsen heran durch ein falsches Verständnis des Konzils, was zu liturgischen Feiern führte, die subjektiv waren und mehr auf die Wünsche individueller Gemeinde fokussiert als auf die sakramentale Anbetung des Allmächtigen Gottes. Mein Vorgänger als Präfekt der Kongregation, Kardinal Franziskus Arinze, nannte das einmal die „Do-It-Yourself Messe“. Sogar der heilige Papst Johannes Paul II. sah sich gezwungen, in seiner Enzyklika Ecclesia de Eucharistica vom 17. April 2003 zu schreiben:

Dieser Verkündigung durch das Lehramt entspricht das innere Wachstum der christlichen Gemeinschaft. Ohne Zweifel war die Liturgiereform des Konzils von großem Gewinn für eine bewußtere, tätigere und fruchtbarere Teilnahme der Gläubigen am heiligen Opfer des Altares. An vielen Orten findet die Anbetung des heiligsten Sakramentes täglich einen weiten Raum und wird so zu einer unerschöpflichen Quelle der Heiligkeit. Die andächtige Teilnahme der Gläubigen an der eucharistischen Prozession am Hochfest des Leibes und Blutes Christi ist eine Gnade des Herrn, welche die teilnehmenden Gläubigen jedes Jahr mit Freude erfüllt.

Man könnte noch andere positive Zeichen des Glaubens und der Liebe zur Eucharistie erwähnen.

Leider fehlt es neben diesen Lichtstrahlen nicht an Schatten. Es gibt Orte, an denen der Kult der eucharistischen Anbetung fast völlig aufgegeben wurde. In dem einen oder anderen Bereich der Kirche kommen Mißbräuche hinzu, die zur Schmälerung des rechten Glaubens und der katholischen Lehre über dieses wunderbare Sakrament beitragen. Bisweilen wird ein stark verkürzendes Verständnis des eucharistischen Mysteriums sichtbar. Es wird seines Opfercharakters beraubt und in einer Weise vollzogen, als ob es den Sinn und den Wert einer brüderlichen Mahlgemeinschaft nicht übersteigen würde. Darüber hinaus wird manchmal die Notwendigkeit des Amtspriestertums, das in der apostolischen Sukzession gründet, verdunkelt, und die Sakramentalität der Eucharistie allein auf die Wirksamkeit in der Verkündigung reduziert. Von da aus gibt es hier und da ökumenische Initiativen, die zwar gut gemeint sind, aber zu eucharistischen Praktiken verleiten, die der Disziplin widersprechen, mit der die Kirche ihren Glauben zum Ausdruck bringt. Wie sollte man nicht über all dies tiefen Schmerz empfinden? Die Eucharistie ist ein zu großes Gut, um Zweideutigkeiten und Verkürzungen zu dulden.

Ich vertraue darauf, daß diese Enzyklika wirksam dazu beitragen kann, die Schatten nicht annehmbarer Lehren und Praktiken zu vertreiben, damit das Mysterium der Eucharistie weiterhin in seinem vollen Glanz erstrahle. (Nr. 10)

Neben den liturgischen Missbräuchen gab es auch Widerstand gegen die offiziell in Kraft gesetzten Reformen. Manche Personen befanden, dass diese zu schnell zu weit gegangen waren, oder verdächtigten die offiziellen Reformen sogar, doktrinär fragwürdig zu sein. Man erinnere sich an die Kontroverse im Jahr 1969, als die Kardinäle Ottaviani und Bacci in einem Brief an Paul VI. sehr schwerwiegende Befürchtungen zum Ausdruck brachten, was zur Folge hatte, dass der Papst es für angemessen sah, bestimmte doktrinelle Klarstellungen zu machen. Auch diese Fragen müssen sorgfältig untersucht werden.

Aber es gab auch eine pastorale Wirklichkeit hier: Ob nun aus guten oder weniger guten Gründen konnten oder wollten manche Gläubige nicht an den reformierten Riten teilnehmen. Sie blieben diesen fern, oder nahmen nur an Liturgien teil, die nicht reformiert blieben, selbst wenn deren Feier nicht autorisiert war. So wurde die Liturgie ein Ausdruck der Unstimmigkeiten innerhalb der Kirche, statt katholischer Einheit. Das Konzil beabsichtigte nicht, dass uns die Liturgie von einander trennt! Der heilige Papst Johannes Paul II. arbeitete daran, diese Trennung zu heilen, unterstützt durch Kardinal Ratzinger, der, als Papst Benedikt XVI., diese innere Versöhnung erleichtern wollte, indem er durch sein Motu Proprio Summorum Pontificum (7. Juli 2007) festsetzte, dass die alte Form des Römischen Ritus ohne Beschränkungen allen Individuen und Gruppen verfügbar sein muss, die sich seiner Reichtümer bedienen wollen. Unter Gottes Vorsehung ist es nun möglich, unsere katholische Einheit zu feiern und gleichzeitig eine legitime Vielfalt ritueller Praxis zu respektieren und sogar ihrer zu erfreuen.

Zuletzt möchte ich anmerken, dass während der Arbeit an Reformen und Übersetzungen, die nach dem Konzil stattfand (und wir wissen, dass manche Arbeit zu schnell gemacht wurde, was bedeutet, dass wir die Übersetzungen überarbeiten müssen, damit sie dem lateinischen Original besser entsprechen), vielleicht aus dem Blick geriet, was den Konzilsvätern zufolge unverzichtbar war, wenn die von ihnen gewünschte fruchtbringende Teilnahme an der Liturgie erreicht werden sollte: Dass Geistlich „vom Geist und von der Kraft der Liturgie tief durchdrungen sind und in ihr Lehrmeister werden“. Wir wissen, dass ein Gebäude mit schwachem Fundament Gefahr läuft, Schaden zu nehmen oder gar einzustürzen.

Wir haben vielleicht eine sehr neue, moderne Liturgie in der jeweiligen Landessprache geschaffen, aber wenn wir nicht die richtigen Fundamente gelegt haben – wenn unsere Seminaristen und Geistlichen nicht „vom Geist und von der Kraft der Liturgie tief durchdrungen sind“ wie es das Konzil vorschrieb – dann können sie selbst nicht die Menschen bilden, die in ihrer Obhut sind. Wir müssen die Worte des Konzils sehr ernst nehmen: Es besteht „keine Hoffnung auf Verwirklichung“ einer liturgischen Erneuerung ohne gründliche liturgische Bildung. Ohne diese unverzichtbare Bildung könnte der Klerus sogar den Glauben der Menschen an das Eucharistische Geheimnis beschädigen.

Ich will nicht als übertrieben pessimistisch wahrgenommen werden, und ich sage noch einmal: es gibt viele, viele gläubige Laien – Männer und Frauen –, viele Geistliche und Ordensleute, für welche die nach dem Konzil reformierte Liturgie eine Quelle viel spiritueller wie apostolischer Frucht ist, und dafür bin ich dem Allmächtigen Gott dankbar. Aber, selbst von meiner eben vollzogenen, kurzen Analyse ausgehend, denke ich, werdet Ihr mir zustimmen, dass wir Besseres leisten können, wenn wir erreichen wollen, dass die heilige Liturgie wirklich Quelle und Gipfel des Lebens und der Mission der Kirche wird, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, wie es die Konzilsväter so aufrichtig ersehnten.

Wie auch immer – Papst Franziskus fordert uns auf: „Es ist notwendig, vereint mit erneuerter Bereitschaft den Weg weiter zu gehen, den die Konzilsväter angezeigt haben, da noch viel zu tun ist, was die richtige und vollständige Assimilation der Konstitution der heiligen Liturgie seitens der getauften und kirchlichen Gemeinschaften betrifft. Ich beziehe mich, insbesondere, auf die Verpflichtung zu einer soliden und natürlichen liturgischen Einführung und Bildung, sowohl der gläubigen Laien als auch des Klerus und geweihter Menschen“.

D. WIE SOLLTEN WIR HEUTE AUF
EINE AUTHENTISCHERE UMSETZUNG VON
SACROSANCTUM CONCILIUM HINARBEITEN?

Angesichts der grundsätzlichen Wünsche der Konzilsväter und der unterschiedlichen Situationen, die nach dem Konzil entstanden sind, würde ich gerne ein paar praktische Erwägungen vorschlagen, wie wir heute Sacrosanctum Concilium treuer umsetzen können.

Auch wenn ich als Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung diene, schlage ich diese in aller Demut als Priester und Bischof vor, in der Hoffnung, dass sie ein gereiftes Nachdenken und Forschung und gute liturgische Praxis in der gesamten Kirche befördern.

Es wird niemanden überraschen wenn ich sage, dass wir zu allererst die Qualität und Tiefe unserer liturgischen Ausbildung untersuchen müssen; wie wir unseren Klerus, unsere Ordensleute und unsere Laiengläubigen durchtränken mit dem Geist und der Macht der Liturgie. Allzu oft gehen wir davon aus, dass unsere Weihekandidaten für das Priesteramt oder das ständige Diakonat genug über die Liturgie „wissen“. Aber das Konzil bestand hier nicht auf Wissen, obwohl natürlich, die Konstitution die Wichtigkeit liturgischer Bildung betont (siehe Artikel Nr. 15-17). Nein, die liturgische Ausbildung, die vorrangig und unverzichtbar ist, besteht vielmehr im Eintauchen in der Liturgie, im tiefen Mysterium Gottes, unseres liebenden Vaters. Es geht darum, die Liturgie zu leben, in ihrem ganzen Reichtum, damit wir, nachdem wir in tiefen Zügen aus ihrer Quelle getrunken haben, immer einen Durst nach ihren Freuden haben, nach ihrer Ordnung und Schönheit, ihrer Stille und Kontemplation, ihrem Jubel und ihrer Anbetung, ihrer Fähigkeit, uns aufs Engste mit Ihm vertraut zu machen, der in uns wirkt und durch die heiligen Riten der Kirche.

Das ist der Grund dafür, dass jene „in Ausbildung“ für pastoraler Arbeit die Liturgie so vollkommen wie möglich in ihren Seminaren und Bildungshäusern leben sollten. Auch Kandidaten für das Ständige Diakonat sollten über einen längeren Zeitraum hinweg tief in ein intensives liturgisches Leben eintauchen. Und, würde ich hinzufügen, dass die vollständige und reichhaltige Feier des Römischen Ritus, des usus antiquior, eine wichtige Rolle spielen sollte in der liturgischen Bildung des Klerus, denn wie können wir sonst auch nur annähernd die reformierten Riten aus einer Hermeneutik der Kontinuität heraus verstehen oder zelebrieren, wenn wir nie die Schönheit der liturgischen Tradition erlebt haben, welche die Konzilsväter selber kannten und welche so viele Heilige im Lauf der Jahrhunderte hervor brachte? Eine weise Offenheit gegenüber dem Mysterium der Kirche und ihrer reichhaltigen, jahrhunderte alten Tradition sowie eine demütige Fügsamkeit dem gegenüber, was der Heilige Geist den Kirchen heute sagt, sind echte Zeichen, dass wir zu Jesus Christus gehören: „Da sagte er zu ihnen: Jeder Schriftgelehrte also, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, gleicht einem Hausherrn, der aus seinem reichen Vorrat Neues und Altes hervorholt.“ (Mt 13,52).

Wenn wir uns dessen annehmen, wenn unsere neuen Priester und Diakone wirklich nach der Liturgie dürsten, dann werden sie selber dazu in der Lage sein, die Menschen zu bilden, die in ihrer Obhut sind – selbst wenn die liturgischen Umstände und Möglichkeiten ihrer kirchlichen Mission bescheidener sind als die des Priesterseminars oder einer Kathedrale. Ich kenne viele Priester, die unter solchen Umständen ihre Menschen im Geist und der Macht der Liturgie bilden, und deren Pfarreien Beispiele großer liturgischer Schönheit sind. Wir sollten  nicht vergessen, dass würdevolle Schlichtheit nicht das gleiche ist wie reduktionistischer Minimalismus oder ein nachlässiger und vulgärer Stil. Wie unser Heiliger Vater, Papst Franziskus, in seiner Apostolischen Exhortation Evangelii Gaudium lehrt: „Die Kirche evangelisiert und evangelisiert sich selber mit der Schönheit der Liturgie, die auch Feier der missionarischen Tätigkeit und Quelle eines erneuerten Impulses zur Selbsthingabe ist.“ (Nr. 24)

Zweitens denke ich, dass es sehr wichtig ist, uns über das Wesen liturgischer Teilnahme völlig im Klaren zu sein, über das, was das Konzil die participatio actuosa nannte. Darüber hat es in den vergangenen Jahrzehnten viel Verwirrung gegeben. Artikel 48 der Konstitution besagt: „So richtet die Kirche ihre ganze Sorge darauf, daß die Christen diesem Geheimnis des Glaubens nicht wie Außenstehende und stumme Zuschauer beiwohnen; sie sollen vielmehr durch die Riten und Gebete dieses Mysterium wohl verstehen lernen und so die heilige Handlung bewußt, fromm und tätig mitfeiern“. Das Konzil versteht die Teilnahme als eine vorrangig innerliche, ein „verstehen lernen“ der „Riten und Gebete“. Die Innerlichkeit, das Leben in enger Vertrautheit und Erfüllung durch Gott, ist die unverzichtbare Voraussetzung einer erfolgreichen und fruchtbaren Teilnahme an den Heiligen Mysterien, die wir in der Liturgie feiern. Die Eucharistische Feier muß wesentlich innerlich gelebt werden. Gott will uns in unserem Inneren begegnen. Die Väter riefen die Gläubigen auf, zu singen, dem Priester zu antworten, liturgische Dienste zu übernehmen, die ihnen rechtmäßig zustehen, gewiß, aber die Konstitution besteht darauf, dass alle dies „bewußt, fromm und tätig“ tun.

Wenn wir verstehen, dass die Innerlichkeit unserer liturgischen Teilnahme Priorität hat, dann werden wir auch den lärmenden und gefährlichen liturgischen Aktivismus vermeiden, der in den vergangenen Jahrzehnten allzu sichtbar war. Wir gehen nicht zur Liturgie um etwas zu veranstalten, um Dinge zu tun, die andere dann sehen: Wir gehen, um uns mit Christi Handlung durch eine Verinnerlichung der äußerlichen liturgischen Riten, Gebete, Zeichen und Symbole zu verbinden. Vielleicht müssen wir Priester, deren Berufung es ist, liturgisch zu dienen, dies mehr als andere erinnern! Aber wir müssen auch die anderen ausbilden, besonders unseren Kindern und jungen Menschen müssen wir beibringen, was die wahre Bedeutung liturgischer Teilnahme ist, wie die Liturgie wahrhaftig gebetet wird.

Drittens habe ich über die Tatsache gesprochen, dass einige der Reformen nach dem Konzil entsprechend dem Zeitgeist zusammengestellt wurden, und dass es eine wachsende Zahl kritischer Studien durch treue Söhne und Töchter der Kirche gibt, welche fragen, ob das, was gemacht wurde wirklich die Ziele der Konstitution umsetzte, oder in Wahrheit vielmehr darüber hinaus ging. Dieses Diskussion findet unter der Überschrift einer „Reform der Reform“ statt, und ich bin mir bewußt dass Pfarrer Tomhas Kocik eine gelehrte Untersuchung der Frage auf der Sacra Liturgia-Konferenz in New York vergangenes Jahr vorgestellt hat.

Ich glaube nicht, dass wir die Möglichkeit oder Erwünschtheit einer offiziellen Reform der liturgischen Reform einfach abweisen können, denn ihre Befürworter machen einige wichtige Ansprüche geltend mit Blick darauf, der Forderung von Artikel 23 der Konstitution treu zu bleiben: „Damit die gesunde Überlieferung gewahrt bleibe und dennoch einem berechtigten Fortschritt die Tür aufgetan werde, sollen jeweils gründliche theologische, historische und pastorale Untersuchungen“ unternommen werden, und, „sollen keine Neuerungen eingeführt werden, es sei denn, ein wirklicher und sicher zu erhoffender Nutzen der Kirche verlange es. Dabei ist Sorge zu tragen, daß die neuen Formen aus den schon bestehenden gewissermaßen organisch hervorwachsen. Auch soll nach Möglichkeit verhütet werden, daß sich zwischen den Riten benachbarter Gebiete auffallend starke Unterschiede ergeben“.

In der Tat kann ich sagen, dass mich Papst Franziskus bat, als mich der Heilige Vater im vergangenen April zu einer Audienz empfing, die Frage einer Reform der Reform zu untersuchen, und wie die beiden Formen des Römischen Ritus einander bereichern könnten. Dies wird eine langwierige und delikate Aufgabe, und ich bitte Euch um Eure Geduld und Euer Gebet. Aber wenn wir Sacrosanctum Concilium treuer umsetzen wollen, wenn wir erreichen wollen, was die Absicht des Konzils war, dann muss diese wichtige Frage sorgfältig untersucht werden, und mit der notwendigen Klarheit und Klugheit im Gebet und völliger Unterwerfung vor Gott umgesetzt.

Wir Priester, wir Bischöfe haben eine große Verantwortung. Wie unser gutes Beispiel gute liturgische Praxis aufbaut; wie unsere Nachlässigkeit, unsere Gewohnheiten oder Fehlverhalten doch der Kirche und ihrer heiligen Liturgie schaden!

Wir Priester müssen vor allem und zu allererst Gläubige sein. Unser Volk kann den Unterschied zwischen einem Priester, der gläubig zelebriert und einem, der in Eile feiert sehen, der häufig auf die Uhr schaut, fast als würde er damit sagen wollen, dass er so schnell wie möglich zurück an seine pastorale Arbeit oder anderen Verpflichtungen will, oder um Fernsehen zu schauen! Ihr Priester, wir können nichts wichtigeres tun als die heiligen Mysterien zu feiern: Hüten wir uns vor der Versuchung liturgischer Faulheit oder Lauwärme, denn das ist eine Versuchung des Teufels.

Wir müssen uns daran erinnern, dass wir nicht die Autoren der Liturgie sind, wir sind ihre bescheidenen Diener, nach Maßgabe der Disziplin und der Gesetze. Wir sind auch dafür verantwortlich, jene auszubilden, die uns im liturgischen Dienst unterstützen, sowohl im Geist wie der Macht der Liturgie und auch ihrer Regeln. Manchmal habe ich Priester gesehen, die zurücktreten, damit Kommunionhelfer die heilige Kommunion austeilten kann: Das ist falsch, es ist ein Leugnen des priesterlichen Dienstes und eine Klerikalisierung der Laien. Wenn sowas passiert, ist es ein Zeichen dafür, dass die Ausbildung sehr falsch gelaufen ist, und der Korrektur bedarf. (Siehe Mt 14,18-21). „Darauf nahm er die fünf Brote… gab sie den Jüngern, damit sie sie an die Leute austeilten…Es waren fünftausend Männer, die von den Broten gegessen hatten. (Mk 6,30-44, Mt 14,18-21).

Ich habe auch Priester gesehen, und Bischöfe, gekleidet zur Zelebration der heiligen Messe, die Mobiltelefone und Kameras herausnahmen und während der heiligen Liturgie verwendeten. Das ist ein schreckliches Zeugnis dessen, was sie glauben, dass ihre Mission ist, wenn sie liturgische Gewänder anziehen, die uns kleiden und verwandeln als einen alter Christus – und viel mehr noch, als ipse Christus, als Christus selbst. Das zu tun ist ein Sakrileg. Kein Bischof, Priester oder Diakon, der für liturgische Dienste gekleidet ist oder in der Sakristei anwesend ist, sollte Photographien machen, selbst bei einer großen Messe mit vielen Konzelebranten. Dass dies Preister leider bei solchen Messen tun, oder miteinander zusammensitzen und reden, ist ein Zeichen dafür, glaube ich, dass wir dringend die Angemessenheit dieser immensen Konzelebrationen überdenken müssen. Besonders wenn sie Priester zu einem solchen skandalösen Verhalten verleiten, das dem Mysterium, das gefeiert wird, unwürdig ist, oder wenn die schiere Menge der Konzelebrationen das Risiko birgt, dass die Eucharistie profaniert wird.

Es ist ebenso skandalös und profanierend, wenn gläubige Laien während der heiligen Messe photographieren. Sie sollten durch Gebete teilnehmen, und nicht ihre Zeit damit verbringen, Bilder zu machen!

Ich möchte einen Appell an alle Priester richten. Ihr habt vielleicht meinen Artikel in L’Osservatore Romano vor einem Jahr gelesen (Ausgabe vom 12. Juni 2015), oder mein Interview mit dem Magazin Famille Chrétienne im Mai dieses Jahres. Bei beiden Gelegenheiten habe ich gesagt, dass ich glaube, dass es sehr wichtig ist, dass wir so bald wie möglich zu einer gemeinsamen Orientierung zurückkehren, dass Priester und Gläubige gemeinsam in die gleiche Richtung blicken – nach Osten oder zumindest Richtung Apsis gewendet – wenn wir uns an Gott wenden. Diese Praxis ist durch die derzeitige liturgische Gesetzgebung erlaubt. Es ist im modernen Ritus völlig legitim, dies zu tun. In der Tat denke ich, dass es ein sehr wichtiger Schritt ist, um sicherzustellen, dass in unseren Feiern der Herr wirklich im Mittelpunkt steht.

Und so, liebe Geistliche, bitte ich Euch demütig und brüderlich, diese Praxis in die Tat umzusetzen, wo immer dies möglich ist, gewiß mit Klugheit und der notwendigen Katechese, aber auch mit der Zuversicht eines Pastors, dass dies etwas Gutes für die Kirche ist, etwas Gutes für unser Volk. Euer eigenes pastorales Urteilsvermögen wird bestimmen, wie und wann das möglich ist, aber vielleicht zum ersten Adventssonntag in diesem Jahr, denn wenn wir beten „der Herr wird kommen und nicht zögern“ (siehe: Eröffnungsvers, Mittwoch der zweiten Adventwoche), könnte dies ein guter Zeitpunkt sein. Liebe Geistliche, wir sollten wieder der Klage des Propheten Jeremia erinnern: „Sie kehren mir den Rücken zu und nicht das Gesicht; sind sie aber in Not, dann rufen sie: Erheb dich und hilf uns!“ (Jer 2,27) Lasst uns wieder uns Gott zuwenden! Seit dem Tag seiner Taufe kennt der Christ nur eine Richtung: den Osten. „Gen Osten (ad Orientem) wendetest du dich; denn wer dem Teufel widersagt, wendet sich Christus zu, ihm schaut er geraden Blickes ins Auge“ (aus „Über die Mysterien“ des heiligen Ambrosius von Mailand).

Gerne würde ich auch, demütig und brüderlich, einen Appell an meine Brüder Bischöfe richten: Bitte führt Eure Priester und Euer Volk in diese Richtung, besonders bei großen Zelebrationen in Euren Diözesen und Euer Kathedrale. Bitte bildet Eure Seminaristen so aus, dass sie die Wirklichkeit lernen, dass wir nicht zum Priestertum berufen sind um selber im Mittelpunkt der liturgischen Verehrung zu stehen, sondern um Gottes Gläubige zu ihm zu führen, als Mit-Anbetende, vereint im gleichen Akt der Anbetung. Bitte ermöglicht diese einfache aber tiefgehende Reform in Euren Diözesen, Euren Kathedralen, Euren Pfarreien und Euren Seminaren.

Wir Bischöfe haben eine große Verantwortung, und eines Tages werden wir dem Herrn gegenüber Rechenschaft ablegen müssen für unser Verwalteramt. Wir besitzen nichts! Nichts gehört uns! Wie der heilige Paulus lehrt, sind wir nur „Diener Christi“ und „Verwalter von Geheimnissen Gottes. Von Verwaltern aber verlangt man, dass sie sich treu erweisen.“ (1 Kor 4,1-2). Es obliegt unserer Verantwortung sicherzustellen, dass sie heiligen Wirklichkeiten der Liturgie in unseren Diözesen geachtet werden und unsere Priester und Diakone nicht nur die liturgischen Gesetze beachten, sondern auch den Geist und die Macht der Liturgie kennen, aus denen sie hervorgehen. Ich war sehr ermutigt von der Lektüre des Vortrags „Der Bischof: Statthalter, Förderer und Beschützer des Liturgischen Lebens der Diözese“, den Erzbischof Alexander Sample von Portland (Oregon, USA) im Jahr 2013 bei der Sacra Liturgia-Konferenz in Rom gehalten hat, und brüderlich ermutige ich meine Brüder Bischöfe, dessen Überlegungen sorgfältig zu studieren.

Alle liturgischen Diener sollten in regelmäßigen Abständen ihr Gewissen prüfen. Dafür empfehle ich Teil II der Apostolischen Exhortation Sacramentum Caritatis von Benedikt XVI. (22. Februar 2007), „Eucharistie, ein Geheimnis, das man feiert.“ Vor bald zehn Jahren wurde dieses Schreiben als die kollegiale Frucht der Bischofssynode von 2005 veröffentlicht. Wie viel Fortschritt haben wir seitdem gemacht? Was müssen wir noch mehr tun? Wir müssen uns diese Fragen vor dem Herrn stellen, jeder nach seiner Verantwortung, und dann alles tun, was wir können und müssen, um diese Vision zu verwirklichen, die Papst Benedikt umrissen hat.

An dieser Stelle wiederhole ich, was ich anderswo schon gesagt habe, dass Papst Franziskus mich gebeten hat, die außergewöhnliche liturgische Arbeit fortzusetzen, die Papst Benedikt begann (siehe: Botschaft zur Sacra Liturgia-Konferenz in New York, 2015). Nur weil wir einen neuen Papst haben, heißt das nicht, dass die Vision seines Vorgängers nun ungültig wäre. Im Gegenteil, wie wir wissen, hat unser Heiliger Vater Franziskus den größten Respekt für die liturgische Vision und Maßnahmen, die Papst emeritus Benedikt XVI. implementierte, in äußerster Treue zu den Absichten und Zielen der Väter des Konzils.

Bevor ich schließe, erlaubt mir ein paar kleine Dinge zu erwähnen, die auch dazu beitragen können, dass Sacrosanctum Concilium treuer umgesetzt wird. Eines wäre, dass wir die Liturgie singen müssen, dabei die liturgischen Traditionen der Kirche achtend und uns erfreuend am Schatz sakraler Musik, der uns gehört, besonders die Musik, die dem Römischen Ritus zu eigen ist, Gregorianischer Gesang. Wir müssen heilige liturgische Musik singen, nicht nur religiöse Musik, oder schlimmer noch, profane Lieder.

Wir müssen eine gute Balance zwischen Landessprachen und Latein hinbekommen. Das Konzil wollte nie andeuten, dass der Römische Ritus ausschließlich in der Landessprache gefeiert werden sollte. Aber es beabsichtigte dessen stärkere Nutzung, vor allem für die Lesungen. Heute sollte es möglich sein, besonders dank der modernen Drucktechniken, das Verständnis aller zu erleichtern, wenn Latein verwendet wird, vielleicht für die Liturgie der Eucharistie, und natürlich ist dies besonders angemessen für internationale Zusammenkünfte, wo die Landessprache von vielen nicht verstanden wird. Und dort, wo die Landessprache verwendet wird, muss sie natürlich eine dem lateinischen Original getreue Übersetzung sein, wie Papst Franziskus mir gegenüber erst kürzlich bekräftigte.

Wir müssen sicherstellen, dass die Anbetung das Herzstück unserer liturgischen Feiern ist. Das Herz unserer Liturgie ist die Anbetung Gottes. Viel zu oft bewegen wir uns nicht von Feier hin zu Anbetung [von Zelebration zu Adoration]. Wenn wir aber dies nicht tun, so meine Sorge, haben wir vielleicht nicht immer an der Liturgie vollumfänglich teilgenommen, innerlich. Zwei körperliche Vorkehrungen sind hier hilfreich, um nicht zu sagen unentbehrlich. Die erste ist Stille. Wenn ich nie still bin, wenn die Liturgie mir keinen Platz läßt für stilles Gebet und Kontemplation, wie kann ich dann Christus anbeten, wie kann ich mich mit ihm im Herzen und der Seele verbinden? Stille ist sehr wichtig, und nicht nur vor und nach der Liturgie. Sie ist das Fundament eines tief spirituellen Lebens.

Ebenfalls unerlässlich ist das Niederknien bei der Wandlung (es sei denn, dass ich krank bin). Im Westen ist dies ein Akt körperlicher Anbetung, der uns vor unserem Herrn und Gott demütigt. Es ist an und für sich eine Gebetshandlung. Dort, wo Knien und Verbeugung aus der Liturgie verschwunden sind, müssen sie wieder hergestellt werden, besonders beim Empfang unseres Gesegneten Herrn in der Heiligen Kommunion. Liebe Geistliche wo auch immer möglich, und mit der gleichen pastoralen Klugheit, von der ich vorher gesprochen habe, bildet Euer Volk in diesem schönen Akt der Verehrung und Liebe aus. Lasst uns in Anbetung und Liebe wieder vor dem Eucharistischen Herrn knien! „Der Mensch ist nicht vollkommen Mensch, es sei denn er geht vor Gott in die Knie um Ihn anzubeten, um seine überwältigende Heiligkeit zu betrachten und sich nach seinem Bild und Gleichnis neu schaffen zu lassen“ (R. Sarah, On the Road to Ninive, Paulines Publications Africa 2012, S. 199).

Mit Blick auf den Empfang der Heiligen Kommunion auf den Knien möchte ich an das Schreiben aus dem Jahr 2002 der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung erinnern, dass klarstellt, das „jede Weigerung, die Heilige Kommunion einem Gläubigen zu spenden weil er oder sie kniet ist ein schwerer Verstoß gegen eines der wichtigsten Grundrechte eines Christgläubigen“ (Brief, 1. Juli 2002, Notitiae, n. 436, Nov-Dez 2002, S. 583).

Die richtige Kleidung aller liturgischen Diener im Altarraum, Lektoren inbegriffen, ist ebenfalls sehr wichtig um sicherzustellen, dass solche Dienste als authentisch gesehen werden und mit der Würde begangen werden, die der heiligen Liturgie zusteht – auch damit die Helfer selber die rechte Ehrfurcht vor Gott und die Mysterien, denen sie dienen, erweisen.

Dies sind ein paar Vorschläge: Ich bin mir sicher, dass viele andere gemacht werden könnten. Ich lege sie Euch dar als mögliche Schritte einer „Bewegung zur Liturgie hin und in ihren rechten äußeren und inneren Vollzug hinein“, was natürlich das Anliegen von Kardinal Ratzinger am Anfang seines großen Werkes, Der Geist der Liturgie, war (Benedikt XVI. / Joseph Ratzinger, Der Geist der Liturgie, in Ders., Theologie der Liturgie. Die sakramentale Begründung christlicher Existenz (Gesammelte Schriften, Bd. 11), Freiburg, 2008, S. 31)

Ich ermutige Euch alle, alles zu tun, was Ihr könnt um dieses Ziel zu realisieren, das völlig übereinstimmt mit der Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über die heilige Liturgie.

ABSCHLUSS

Ich begann diesen Vortrg mit einer Betrachtung der Unterweisungen der Päpste des 20. Jahrhunderts in der heiligen Liturgie. Der erste, der heilige Pius X., hatte das persönliche Motto: instaurare omnia in Christo — Alles in Christus erneuern. Ich schlage vor, dass wir uns dieser Worte annehmen und sie uns zum eigenen Maßstab machen in unserem Trachten, auf eine treuere Umsetzung von Sacrosanctum Concilium hinzuarbeiten. Denn wenn wir zur heiligen Liturgie kommen, dann betreten wir die Mentalität Christi, wenn wir Christus anlegen wie wir unser Taufgewand oder die Paramenten anlegen, die unserem liturgischen Dienst zu eigen sind, dann können wir nicht weit danebenliegen.

Es ist leider wahr, dass in den den Jahrzehnten seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil es „neben diesen Lichtstrahlen nicht an Schatten“ fehlt im liturgischen Leben der Kirche, wie es der heilige Papst Johannes Paul II. in Ecclesia de Eucharistia (Nr.10) formulierte. Und es ist unsere Pflicht, die Ursachen dessen anzusprechen. Aber es ist eine Quelle großer Hoffnung und Freude dass heute, im fortschreitenden 21. Jahrhundert, viele gläubige Katholiken von der Wichtigkeit der Liturgie im Leben der Kirche überzeugt sind und sich dem liturgischen Apostolat, breiter gefaßt einer neuen liturgischen Bewegung, widmen.

Meine Brüder und Schwestern, ich danke Euch für Euer Engagement für die heilige Liturgie. Ich ermutige Euch und segne all Eure Bemühungen, große wie kleine, um „den richtigen Weg, die Liturgie zu feiern, innerlich wie äußerlich“. Haltet in diesem Apostolat durch: die Kirche und die Welt braucht Euch!

Ich bitte Euch um Euer Gebet für meinen geistlichen Dienst. Vielen Dank. Gott segne Euch.

Robert Kardinal Sarah, Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung

(Aus dem Englischen übersetzt von Anian Christoph Wimmer. Publiziert mit freundlicher Genehmigung von Kardinal Sarah.)

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Quelle

Aus der Dogmatik von Bischof Gerhard Ludwig Müller – 2004

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Die Lehre von der Messe als Opfer

Cap. 1 (can. 1 u. 2): Wenngleich sich Christus selbst „ein für allemal auf dem Altar des Kreuzes (semel se ipsum in ara crucis) dem Vater als Opfer dargebracht hat, so vollzieht er doch sein ewiges Priestertum ebenso im sichtbaren Opfer der Eucharistie, das er im Abendmahlssaal seiner Kirche hinterlassen hat: Jenes blutige Opfer, das einmal am Kreuze dargebracht werden sollte. [sollte] vergegenwärtigt werden (repraesentaretur), sein Gedächtnis bis zum Ende der Zeiten fortdauern und dessen heilbringende Kraft für die Vergebung der Sünden, die von uns täglich begangen werden, zugewandt werden.“ (DH 1740) Die Messe ist darum ein „wahres und eigentliches Opfer (verum et proprium sacrificium). Die Opferhandlung besteht nicht nur darin, daß uns Christus zur Speise gereicht wird (DH 1751).

Cap. 2 (u. can. 3): Weil in diesem göttlichen Opfer, das in der Messe vollzogen wird, jener selbe Christus enthalten ist und unblutig geopfert wird, der auf dem Altar des Kreuzes ein für allemal sich selber blutig geopfert hat, darum muß das eucharistische Opfer auch als Sühneopfer verstanden werden (DH 1743). „Wer sagt, das Meßopfer sei lediglich ein Lob- und Dankopfer oder ein bloßes Gedächtnis des am Kreuze vollzogenen Opfers, nicht aber ein Sühneopfer; oder es nütze allein dem, der es empfängt; und man dürfe es nicht auch für Lebende und Verstorbene, für Sünden, Strafen, zur Genugtuung und für andere Nöte darbringen, der sei ausgeschlossen.“ (DH 1753)

Opferhandlung und Opfergabe sind der eine und derselbe Christus, der in der Eucharistie durch den Dienst der Kirche wirkt. Kreuzesopfer und Meßopfer sind nur in der Darbringungsweise verschieden (sola offerend ratione diversa): am Kreuz als blutiges Opfer, hier als nicht blutig vollzogenes sakramentales Gedächtnisopfer (DH 1743).

Die Eucharistiefeier ist also nichts anderes als das Kreuzesopfer selbst, in dem Christus das Subjekt ist und sein priesterliches Heilswirken sakramental vergegenwärtigt in der Weise der repraesentatio, der commemoratio und der applicatio. In diesem Sinn ist die Messe ein wahres und eigentliches Opfer (DH 1740).

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DH = Denzinger Hünermann – Enchiridion symbolorum, 1991

Die Hinzufügung des Namens des hl. Josef in den eucharistischen Gebeten des Missale Romanum

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KONGREGATION FÜR DEN GOTTESDIENST UND DIE SAKRAMENTENORDNUNG

Dekret

über die Hinzufügung des Namens des hl. Josef
in den eucharistischen Gebeten II, III, IV des Missale Romanum

 

Indem den Heiligen Joseph von Nazareth die Funktion übertragen wurde, Ziehvater Jesu zu sein, wurde er zum Haupt der Familie des Herrn eingesetzt und erfüllte großzügig die ihm aus der Gnade der Heilsökonomie zugewiesene Mission. Da er vollkommen den Anfängen der menschlichen Heilsgeheimnisse zustimmte, ist er zu einem Musterbeispiel für jene wohlgefällige Demut geworden, die das Christentum für große Ziele bestimmt und zum Zeugen für jene allgemeinen, menschlichen und notwendigen Tugenden, um aufrichtige und authentische Nachfolger Christi zu sein.

Durch diese Tugenden hat sich der Gerechte liebevoll um die Mutter Gottes gekümmert und widmete sich mit freudigem Engagement der Erziehung Jesu Christi. So ist er zum Hüter der wertvollsten Schätze von Gott Vater geworden und wurde so immerwährend durch die Jahrhunderte vom Volk Gottes als Hilfe des mystischen Leibes Christi, der die Kirche ist, verehrt.

In der Katholischen Kirche haben die Gläubigen schon immer eine ununterbrochene Verehrung des Heiligen Joseph gezeigt und ständig und feierlich das Gedächtnis des keuschen Ehemanns der Mutter Gottes und des himmlischen Patrons der ganzen Kirche begangen, ja bis zum dem Punkt, dass der Selige Johannes XXIII. während der Zweiten Vatikanischen Konzils verfügte, dass der Namen des Heiligen Josephs in den antiken Römischen Canon aufgenommen werde. Papst Benedikt XVI. hat dankbar die vielen frommen schriftlichen Wünsche aufgegriffen und approbiert, die von vielerlei Orten herkamen und die nun Papst Franziskus bestätigt hat, indem man die Fülle der Gemeinschaft der Heiligen betrachtet, die einst zusammen mit uns Pilger in der Welt waren und die uns nun zu Christus führen und uns mit ihm vereinen.

Unter Berücksichtigung dieses Sachverhaltes ordnet diese Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung kraft der ihr von Papst Franziskus erteilten Fakultät bereitwillig an, dass der Name des Heiligen Joseph, Bräutigam der Seligen Jungfrau Maria, von nun an in den eucharistischen Gebeten II, III und IV des Missale Romanum, editio typica tertia, nach dem Namen der Seligen Jungfrau Maria in folgender Weise hinzugefügt wird: im eucharistischen Hochgebet II: „ut cum beáta Dei Genetríce Vírgine María, beáto Ioseph, eius Sponso, beátis Apóstolis“; im eucharistischen Hochgebet III: „cum beatíssima Vírgine, Dei Genetríce, María, cum beáto Ioseph, eius Sponso, cum beátis Apóstolis“; im eucharistischen Hochgebet IV: „cum beáta Vírgine, Dei Genetríce, María, cum beáto Ioseph, eius Sponso, cum Apóstolis“.

Was die in lateinischer Sprache verfassten Texte betrifft, so werden diese Formeln benutzt, die von nun an als „typisch“ deklariert werden. Die Kongregation wird sich im Folgenden selber um die Übersetzungen in die am meisten gebrauchten westlichen Sprachen kümmern; diejenigen Formeln, die in anderen Sprachen abgefasst werden, müssen in Übereinstimmung mit dem Recht von den jeweiligen Bischofskonferenzen erstellt werden und vom Apostolischen Stuhl durch dieses Dikasterium rekognosziert werden.

Ungeachtet gegenteiliger Bestimmungen.

Aus der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, 1. Mai 2013, Heiliger Joseph, der Arbeiter.

Antonio Kard. Cañizares Llovera
Präfekt

 + Arthur Roche
Erzbischof Sekretär


Formulae quae ad nomen Sancti Joseph spectant
in Preces eucharisticas II, III et IV Missalis Romani inserendae,
linguis anglica, hispanica, italica, lusitana, gallica, germanica et polonica exaratae

Probatum

Ex aedibus Congregationis de Cultu Divino et Disciplina Sacramentorum, die 1 mensis Maii 2013.

+ Arturus Roche
Archiepiscopus a Secretis

Anglice

In Eucharistic Prayer II:
that with the Blessed Virgin Mary, Mother of God, with blessed Joseph, her Spouse, with the blessed Apostles…“;

In Eucharistic Prayer III:
„with the most Blessed Virgin Mary, Mother of God,
with blessed Joseph, her Spouse, with your blessed Apostles and glorious Martyrs…“;

In Eucharistic Prayer IV:
„with the Blessed Virgin Mary, Mother of God,
with blessed Joseph, her Spouse, and with your Apostles…“.

Hispanice

En la Plegaria eucarística II:
«con María, la Virgen Madre de Dios, su esposo san José, los apóstoles y…»;

En la Plegaria eucarística III:
«con María, la Virgen Madre de Dios, su esposo san José, los apóstoles y los mártires…»;

En la Plegaria eucarística IV:
«con María, la Virgen Madre de Dios, con su esposo san José, con los apóstoles y los santos…».

Italice

Nella Preghiera eucaristica II:
«insieme con la beata Maria, Vergine e Madre di Dio, con san Giuseppe, suo sposo, con gli apostoli…»;

Nella Preghiera eucaristica III:
«con la beata Maria, Vergine e Madre di Dio, con san Giuseppe, suo sposo, con i tuoi santi apostoli….»;

Nella Preghiera eucaristica IV:
«con la beata Maria, Vergine e Madre di Dio, con san Giuseppe, suo sposo, con gli apostoli…».

Lusitane

Na Oração Eucarística II:
com a Virgem Maria, Mãe de Deus, com São José, seu esposo, os bem-aventurados Apóstolos…„;

Na Oração Eucarística III:
com a Virgem Santa Maria, Mãe de Deus, com São José, seu esposo, os bem-aventurados Apóstolos…„;

Na Oração Eucarística IV:
com a bem-aventurada, Virgem Maria, Mãe de Deus, com São José, seu esposo, os Apóstolos…“.

Gallice

Dans la Prière eucharistique II:
« avec la Vierge Marie, la bienheureuse Mère de Dieu, avec saint Joseph, son époux, les Apôtres … »;

Dans la Prière eucharistique III:« auprès de la Verge Marie, la bienheureuse Mère de Dieu,avec saint Joseph, son époux, les Apôtres … »;

Dans la Prière eucharistique IV:
« auprès de la Vierge Marie, la bienheureuse Mère de Dieu, auprès de saint Joseph, son époux, des Apôtres … ».

Germanice

Eucharistisches Hochgebet II:
mit der seligen Jungfrau und Gottesmutter Maria, dem seligen Joseph, ihrem Bräutigammit deinen Aposteln…„;

Eucharistisches Hochgebet III:
mit der allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria, mit dem seligen Joseph, ihrem Bräutigam, mit deinen heiligen Aposteln…„;

Eucharistisches Hochgebet IV:
mit der seligen Jungfrau und Gottesmutter Maria, mit dem seligen Joseph, ihrem Bräutigam, mit deinen Aposteln…„.

Polonice

II Modlitwa eucharystyczna:
«z Najświętszą Bogurodzicą Dziewicą Maryją, ze świętym Józefem, Jej Oblubieńcem, ze świętymi Apostołami…»;

III Modlitwa eucharystyczna:
«z Najświętszą Dziewicą, Bogurodzicą Maryją, ze świętym Józefem, Jej Oblubieńcem, ze świętymi Apostołami…»;

IV Modlitwa eucharystyczna:
«z Najświętszą Dziewicą, Bogurodzicą Maryją, ze świętym Józefem, Jej Oblubieńcem, z Apostołami…».

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Quelle

SJM: DIE FEIER BEIDER FORMEN DES RÖMISCHEN RITUS

SJM

Mitte und Höhepunkt des gesamten christlichen Lebens und eines jeden Tages ist die Feier der hl. Messe, die Erneuerung des Kreuzesopfers Jesu Christi. Darum sehen die Mitglieder der SJM in der würdigen Zelebration der hl. Messe ihre erste und schönste Aufgabe. Sie ist das Zentrum ihrer Spiritualität; aus ihr schöpfen sie die Kraft für ihre Arbeit, sie ist das wichtigste Element ihres Wirkens für die Ehre Gottes und das Heil der Seelen. Von Anfang an hat sich die SJM von der Kirche die Erlaubnis erbeten, die hl. Messe nicht nur nach dem neuen Messbuch Papst Pauls VI. (forma ordinaria) zu feiern, sondern auch das Missale von 1962 (forma extraordinaria) zu verwenden.

P. Hönisch, der Gründer der SJM, sprach oft von einem sog. „Biritualismus“. Er selbst wurde 1963 zum Priester geweiht und war Zeitzeuge der liturgischen Veränderungen. Als junger Ordensmann hat er z. B. darunter gelitten, wenn Priester die hl. Messe unter dem Vorwand der Objektivität überhastet feierten oder einen übertriebenen Ritualismus praktizierten. So empfand er die Liturgiereform zunächst als Erleichterung. Mit den Jahren musste er jedoch immer öfters erfahren, wie unter fälschlicher Berufung auf den sogenannten novus ordo liturgische Missbräuche gerechtfertigt wurden. So begann er in Vorträgen über eine notwendige „Reform der Reform“ zu sprechen und erbat sich von Rom die Erlaubnis, die hl. Messe auch in der Form von 1962 feiern zu dürfen. Auf diese Weise lernte die SJM die alte Liturgie kennen und übernahm das liturgische Anliegen von P. Hönisch – in der Überzeugung, dass beide Formen für die Gläubigen bereichernd und fruchtbringend sein können. Die alte Form mit ihren tief-theologischen Symbolen und Texten lässt den Gläubigen (und auch den Priester) geradezu handgreiflich das unfassbare Mysterium der hl. Messe erleben; das Latein und die Zeiten der Stille fördern und fordern das persönliche Gebet des Einzelnen. Die neue Form umgekehrt betont – nicht zu unrecht – den gemeinschaftlichen Charakter der Messfeier. Man spricht gemeinsam das Schuldbekenntnis, das Suscipiat, das Vater unser usw. und bringt damit zum Ausdruck, dass jeder einzelne Gläubige gerufen ist, als Glied des geheimnisvollen Leibes Christi innerlich-aktiv (nicht äußerlich-aktivistisch) am heiligen Opfer teilzunehmen. Beide Aspekte sind richtig und wichtig. Und streng genommen sind beide Aspekte in beiden Formen enthalten. Auch in der alten Form sind die Gläubigen auf ihre Weise aktiv am hl. Geschehen beteiligt, so wie auch in der neuen Form das Geheimnis der hl. Messe ausgedrückt wird. Jede der beiden hat ihre Stärken. Aus diesem Grund zelebrieren und wertschätzen die Priester der SJM bewusst beide Formen.

Nach der Überzeugung der SJM wird eine liturgische Erneuerung der Kirche nicht durch ein ideologisches Gegeneinander der beiden Formen gelingen, sondern nur durch ein befruchtendes Miteinander (ohne damit einem liturgischen Durcheinander im Sinn einer Ritenmischung das Wort zu reden). Mit dem Motu Proprio Summorum Pontificum (7. Juli 2007), das allen Priestern die Zelebration der hl. Messe nach beiden Messbüchern erlaubt, hat Papst Benedikt XVI. die liturgische Linie der SJM ausdrücklich bestätigt. Was bedeutet das für die liturgische Praxis der SJM im konkreten Alltag? Bei der gemeinschaftlichen Feier der hl. Messe im Ordenshaus bemüht sich die SJM um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen beiden Formen. In allen übrigen Situationen versuchen die Priester, unvoreingenommen diejenige Zelebrationsform zu wählen, die für die Vertiefung der Christusbeziehung der Gläubigen den größten Gewinn erhoffen lässt. In den Pfarreien ist dies derzeit meistens – solange die Bischöfe nichts anderes bestimmen – die neue Form. In diesem Fall ist es das Anliegen der SJM-Priester, zwischen den vielen erlaubten Optionen diejenige zu wählen, welche die Gläubigen am besten zu einer tiefen Mitfeier des Messopfers hinführt und die innere Einheit der beiden Formen aufzeigt. Darunter fällt z. B. die Verwendung des Römischen Kanons (ggf. auf Latein), Zeiten der Stille für das persönlichen Gebet, eine gemeinsame Gebetsrichtung mit dem Volk (ad orientem) als Ausdruck der stellvertretenden Funktion des Priesters bei der Darbringung des eucharistischen Opfers, Hinführung zur Mundkommunion usw. Bei der hl. Messe mit einzelnen Gruppen – bei Einkehrtagen, Exerzitien, und auch bei Jugendgruppen – erweist sich immer öfters auch die forma extraordinaria als fruchtbar und erwünscht.

 

Liturgie ist…

„… nie nur bloße Zusammenkunft einer Gruppe, die sich selber ihre Feier macht … wir stehen … durch die Beteiligung an dem Hintreten Jesu vor den Vater … auch in der Gemeinschaft der Heiligen. Ja, es ist gewissermaßen die Liturgie des Himmels.“
Joseph Kard. Ratzinger / Papst Benedikt

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AM ANFANG STEHT DIE LITURGIE

Erster Band der Gesamtausgabe
der theologischen Schriften von Joseph Ratzinger

Von Michael Karger

WÜRZBURG, 17. Oktober 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Im persönlichen Auftrag von Papst Benedikt XVI. wurde der Bischof von Regensburg, Gerhard Ludwig Müller, mit der Herausgabe sämtlicher theologischer Schriften des Professors, Erzbischofs von München und Freising, Kurienkardinals und Papstes Joseph Ratzinger betraut. Zu diesem Zweck gründete Bischof Müller das in den Räumen des Regensburger Priesterseminars angesiedelte „Institut Papst Benedikt XVI.“ und berief den Trierer Dogmatikprofessor Rudolf Voderholzer, bekannt durch zahlreiche Publikationen auf dem Gebiet der Ratzinger-Forschung, an dessen Spitze. Auf ausdrücklichen Wunsch des Heiligen Vaters sollte die auf insgesamt sechzehn Bände angelegte Werkausgabe mit den Schriften zur Liturgie – in der Reihe als elfter Band gezählt – eröffnet werden. Dieser Eröffnungsband liegt nun unter dem Titel „Theologie der Liturgie“ vor.

Die editorischen Hinweise von Rudolf Voderholzer zur Gesamtausgabe geben einen Einblick in den Editionsplan und die leitenden Prinzipien des Unternehmens: Es wird eine möglichst vollständige Ausgabe des gedruckten Werkes angestrebt, die durch ungedruckte und noch nicht auf Deutsch erschienene Schriften ergänzt wird. Der Editionsplan folgt einer systematischen Ordnung. Die Monographien Ratzingers werden unverändert aufgenommen und um verwandte Texte ergänzt. Die von Ratzinger publizierten Aufsatzsammlungen werden „aufgelöst und die einzelnen Schriften in die neue Systematik eingefügt“. Die Bände I und II enthalten die Dissertation (Augustins Kirchenverständnis) und die Habilitationsschrift (Bonaventuras Geschichts- und Offenbarungsverständnis), ergänzt durch weitere Arbeiten über Augustin und Bonaventura. Band III bietet alle Schriften über Glaube und Vernunft und über die geistigen Grundlagen Europas. Im Band IV sind der Auslegung des Glaubensbekenntnisses „Einführung in das Christentum“ alle Beiträge über Bekenntnis, Taufe, Umkehr, Nachfolge und den christlichen Lebensvollzug angefügt. Gemäß der klassischen Traktataufteilung der systematischen Theologie folgen in Band V die Schöpfungslehre, die Anthropologie, die Gnadenlehre und die Mariologie, verstanden als die heilsgeschichtliche Verwirklichung der Gnadenlehre.

Die Frage nach Gott und dem Gottesdienst

Im Zentrum von Band VI stehen „Jesus von Nazareth“ und weitere Schriften zur Christologie. In Band VII sind alle Äußerungen zur Theologie des Konzils versammelt (Vorbereitung des Konzils, Berichte und Kommentare vom Konzilsverlauf, Analysen der Konzilsbeschlüsse, spätere Stellungnahmen zur Rezeption des Konzils). Im Band VIII folgen die Ekklesiologie und alles zur Ökumene. Die Schriften zur theologischen Erkenntnislehre und zur Hermeneutik machen den Band IX aus. In Band X finden sich alle Beiträge zu den Themen Auferstehung und Ewiges Leben. Im Band XI stehen die Texte zur Liturgie und zur Kirchenmusik. Dem Priesteramt ist der Band XII gewidmet. Zahlreiche Interviews, vor allem die drei Interviewbücher, füllen den Band XIII. Im Band XIV wird das Predigtwerk veröffentlicht.

Im Anschluss an die Autobiographie „Aus meinem Leben“ werden weitere autobiographische Zeugnisse im Band XV präsentiert. Den Abschluss bildet Band XVI mit einer vollständigen Bibliographie aller in deutscher Sprache erschienenen Veröffentlichungen von Joseph Ratzinger, nebst einem systematischen Register zu allen Bänden.

Einem Wunsch des Papstes entspricht die Herausgabe der Gesamtausgabe unter dem Verfassernamen Joseph Ratzinger. Vorangestellt ist dem Band ein Vorwort des Papstes, in dem er die Eröffnung der Werkausgabe mit den Schriften zur Theologie der Liturgie aus der „Prioritätenordnung des Konzils“ auch biographisch begründet: „Die Liturgie der Kirche war für mich seit meiner Kindheit zentrale Wirklichkeit meines Lebens und ist in der Schule von Lehrern wie Schmaus, Söhngen, Pascher, Guardini auch Zentrum meines theologischen Mühens geworden. Als Fach habe ich Fundamentaltheologie gewählt, weil ich zuallererst der Frage auf den Grund gehen wollte: Warum glauben wir? Aber in diese Frage war die Frage nach der rechten Antwort auf Gott und so die Frage nach dem Gottesdienst von Anfang an miteingeschlossen.“ Dabei ging es nie um bloße Einzelfragen der Liturgiewissenschaft, sondern um die „Verankerung der Liturgie im grundlegenden Akt unseres Glaubens.“

Bedeutsam ist im Vorwort auch die Antwort des Papstes auf die Rezeption der monographischen Gesamtschau „Der Geist der Liturgie. Eine Einführung“ (2000), die den Haupttext des Bandes (Seite 30-194) ausmacht. Benedikt XVI. kritisiert, dass die meisten Rezensenten sich ausschließlich auf das Thema „Zelebrationsrichtung“ gestürzt hätten. Mit Hinweis auf zwei neue wissenschaftliche Publikationen, die seine Ansicht untermauern, fasst der Papst hier noch einmal seinen Standpunkt in dieser Frage zusammen: „Der Gedanke, dass Priester und Volk sich beim Gebt gegenseitig anschauen sollten, ist erst in der Moderne entstanden und der alten Christenheit völlig fremd. Priester und Volk beteten ja nicht zueinander, sondern zum einen Herrn hin. Deshalb schauen sie beim Gebet in dieselbe Richtung: entweder nach Osten als kosmisches Symbol für den kommenden Herrn oder, wo dies nicht möglich war, auf ein Apsisbild Christi, auf ein Kreuz oder einfach gemeinsam nach oben, …“ Eine bereits früher gemachte praktische Anregung aufgreifend heißt es dann: „Inzwischen setzt sich erfreulicherweise immer mehr der Vorschlag durch, … nicht neue Umbauten zu machen, sondern einfach das Kreuz in die Mitte des Altares zu stellen, auf das Priester und Gläubige gemeinsam hinschauen, um sich so auf den Herrn hinführen zu lassen, zu dem wir alle miteinander beten.“

In seinem Geleitwort umschreibt Bischof Müller die Aufgaben des von ihm gegründeten „Instituts Papst Benedikt XVI.“: „Es soll zu einem Ort werden, an dem Leben, Denken und Wirken des Theologen, Bischofs und Papstes … umfassend dokumentiert wird. Durch die Sammlung und Bereitstellung seines gesamten gedruckten Werkes, durch die Erhebung des biographischen und theologischen Kontextes und durch den Aufbau einer Spezialbibliothek sind die idealen Bedingungen für eine umfassende Erforschung des theologischen Gesamtwerkes gegeben.“ Für die Autorisierung des Gesamtunternehmens sind folgende Aussagen besonders bedeutsam: „Der Gesamteditionsplan wurde in enger Absprache mit Papst Benedikt XVI. erarbeitet. Jeder Einzelband ist in seiner thematischen Konzeption, aber auch bei der Frage der Textauswahl durch den Heiligen Vater selbst autorisiert.“

Im ersten Teil (A) steht als Kernstück des Bandes die Monographie „Der Geist der Liturgie“. Sie schließt sich an Romano Guardinis Bändchen „Vom Geist der Liturgie“ von 1918 an, das zur programmatischen Grundlage der Liturgischen Bewegung geworden ist. Ratzinger geht es wie Guardini um liturgische Bildung, verstanden als Befähigung, den Gottesdienst der Kirche von seinem Wesen her zu verstehen und mitfeiern zu können. Die kultische Feier ist für Ratzinger keine kreative Erfindung des Menschen, sondern sie bedarf der göttlichen Ermächtigung. Darum ist die gottesdienstliche Feier auch nicht beliebig veränderbar. Im Anschluss an eine überzeugende Theologie des Opfers entwickelt Ratzinger, ausgehend vom paulinischen Begriff des „logosgemäßen Gottesdienstes“ (Röm 12,1), das Wesen der christlichen Liturgie. Alttestamentlicher Opferkult, die Opferpraktiken der Religionsgeschichte, der Kosmos, die Menschheit und der menschgewordene ewige Logos treffen in dieser Wirklichkeit zusammen. Als unzureichend weist Ratzinger die Definitionen der Eucharistie als Mahl und Versammlung zurück. Grundlegend ist das Paschamysterium von Tod und Auferstehung Jesu Christi.

Deutlich nimmt er gegen die Abwertung der eucharistischen Anbetung und der eucharistischen Frömmigkeit insgesamt Stellung. Die so bedeutsamen und überzeugenden Grundprinzipien für die Kunst im Kirchenraum harren bis heute ihrer Rezeption. Für sein völlig richtiges Urteil, dass es sich bei der exstatischen Rockmusik um einen Gegenkult zum christlichen Gottesdienst handelt, erntete der Kardinal vor Jahren viel Häme und Unverständnis. Geschickt verbinden die Herausgeber chronologische und systematische Gesichtspunkte, indem sie die unmittelbar nach der Veröffentlichung von „Der Geist der Liturgie“ entstandenen Veröffentlichungen im abschließenden Teil (E) des Bandes unter „Die Diskussion um ,Der Geist der Liturgie‘ anordnen. So kann der Leser die Weiterentwicklung der Argumentation unmittelbar nachvollziehen, die mit dem Motu proprio „summorum pontificum“ vom 7. Juli 2007 dann auch zur Freigabe der Messfeier nach dem Missale Johannes XXIII. durch Papst Benedikt XVI. geführt hat.

„Die Liturgie darf nicht zum Experimentierfeld werden“

Inhalt der Liturgie ist die Hingabe Jesu an den Vater für die Menschen. In der nachkonzilaren Leugnung von Priestertum, Messopfer und Eucharistie sieht Ratzinger deshalb die Ablehnung der „alten“ Messe begründet: „Nur von hier aus, von dieser faktischen Verabschiedung von Trient aus, kann man die Erbitterung verstehen, mit der die Möglichkeit bekämpft wird, auch nach der Liturgiereform die Messe nach dem Missale von 1962 zu feiern. Diese Möglichkeit ist der stärkste und daher am wenigsten zu ertragende Widerspruch zu der Auffassung, dass der von Trient formulierte Eucharistieglaube seine Gültigkeit verloren habe.“ Aus diesem Grund, der Sicherung der fortdauernden Identität der Kirche, tritt Ratzinger für die „alte“ Messe ein: „Ich persönlich war von Anfang an für die Freiheit, das alte Missale weiter benutzen zu dürfen, aus einem sehr einfachen Grund; man begann schon damals von einem Bruch mit der vorkonziliaren Kirche zu sprechen …“ Messopfer bedeutet: „Hineinverwandelt werden unseres Seins in den Logos, Einswerden mit ihm.“ Zurückgewiesen wird die Vorstellung, Liturgie nach eigenem Ermessen verändern zu können aufgrund der Annahme, dass jede Gemeinde „Subjekt der Liturgie“ sei. Es führe unweigerlich zur „Zerstörung der Liturgie“ als Gegenwart des Mysteriums, wenn sie nur mehr der „Reflex der religiösen Erfahrung der Gemeinde“ ist. Demgegenüber steht im Zentrum der wahren Theologie der Liturgie, dass „Gott durch Christus in der Liturgie handelt und dass wir nur durch ihn und mit ihm handeln können“.

Häufig kommt Ratzinger auf die teils verhängnisvolle Rolle der Fachleute für Liturgie zu sprechen: „Die Liturgie darf nicht Experimentierfeld theologischer Hypothesenbildung werden. Zu schnell sind in den letzten Jahrzehnten Auffassungen von Experten in liturgische Praxis übergegangen …“ An die Stelle der Autorität der Kirche sei die Autorität der Experten getreten. Auch der liturgischen Bewegung gibt Ratzinger eine gewisse Mitschuld an dieser Entwicklung: „Mir scheint, dass schon in den 1950er Jahren und vor allem nach dem Konzil die verborgenen und auch offensichtlichen Gefahren der liturgischen Bewegung eine große Versuchung, eine große Gefahr für die Kirche geworden sind.“

Ratzinger sieht sich zwischen den „radikalen Reformern und ihren radikalen Verneinern“. Für ihn ist die Liturgie etwas „Lebendiges … und daher auch Wachsendes und sich Erneuerndes“. Aber er besteht auch darauf, „dass das Wachstum ohne Wahrung der Identität nicht sein kann“ und dass eine Weiterentwicklung nur im „sorgenden Achten auf die inneren Baugesetzte dieses ,Organismus‘ möglich ist …“.

Über die weiteren Teile des XI. Bandes kann hier nur noch Stichwortartiges angefügt werden: Der zweite Teil (B), überschrieben mit „Typos-Mysterium-Sakrament“, handelt von der sakramentalen Begründung christlicher Existenz und enthält grundlegende Ausführungen über den Begriff des Sakraments. Im dritten Teil (C) „die Feier der Eucharistie – Quelle und Höhepunkt christlichen Lebens“ werden zahlreiche Einzelfragen behandelt: Bedeutung des Sonntags, Opferbegriff, die Struktur der eucharistischen Feier, Verwendung der Muttersprache, der Communio-Begriff, Eucharistie und Mission, das Gotteshaus und die christliche Gottesverehrung, die Frage der Zelebrationsrichtung wird noch einmal aufgenommen, abschließend folgen eucharistische Predigten und vier Betrachtungen zum Fronleichnamsfest.

Im vierten Teil (D) „Theologie der Kirchenmusik“ reicht die Bandbreite von sehr anspruchsvollen Grundsatzerörterungen bis zu sehr persönlich gehaltenen Einzelbeobachtungen, die sich zum Teil wohl auch der lebenslangen Beschäftigung mit kirchenmusikalischer Theorie und Praxis im Umgang mit seinem Bruder Georg, dem langjährigen Regensburger Domkapellmeister, verdanken. Im abschließenden fünften Teil (E) „Weiterführende Perspektiven“ wird die zurückhaltende Standortbestimmung „40 Jahre Liturgiekonstitution“ abgedruckt. Die Adventspredigt „Wecke deine Macht auf und komm“ sei jedem Prediger als Beispiel für eine vollendete Homilie empfohlen. Besonders gewinnbringend ist auch die Lektüre der zahlreichen Einzelaufsätze, die den Leser den Entstehungsprozess des Liturgiebuches nachvollziehen lassen.

Das gewaltige Themenspektrum dieses ersten Bandes der „Gesammelten Schriften“ macht ihn zu einem unersetzlichen Kompendium zur Theologie der Liturgie, dessen überaus verständliche Sprache Leser weit über die Theologenschaft hinaus zu faszinieren vermag. Zudem bietet der Band die Chance, dass die Rezeption von „Der Geist der Liturgie“ endlich der Bedeutung des Buches gerecht wird und auf allen kirchlichen Ebenen voranschreitet. Dass es zuletzt die Theozentrik ist, die den Papst dazu veranlasste, die Werkausgabe programmatisch mit der „Theologie der Liturgie“ zu eröffnen, zeigt dieses abschließende Zitat: „Gottvergessenheit ist die bedrängendste Gefahr unserer Zeit. Liturgie müsste ihr gegenüber die Gegenwart Gottes aufrichten. Was aber geschieht, wenn in der Liturgie selbst die Gottvergessenheit einzieht und wir dabei nur noch an uns selber denken? Bei aller liturgischen Reform und bei jeder liturgischen Feier müsste zuallererst der Primat Gottes im Blickfeld stehen.“

Den Band beschließen sehr zuverlässige und detaillierte bibliografische Nachweise, ein Schriftstellen- und ein Namenregister. Dem Dank des Heiligen Vaters an die Herausgeber für die immense Leistung der Erstellung dieses alle Erwartungen mehr als erfüllenden ersten Bandes ist nichts mehr hinzuzufügen: „Mein Dank gilt in erster Linie dem Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller, der das Projekt der gesammelten Schriften in die Hand genommen hat und die personellen wie institutionellen Voraussetzungen zu seiner Verwirklichung geschaffen hat. Ganz besonders danken möchte ich dann Prof. Dr. Rudolf Voderholzer, der Zeit und Kraft in die Sammlung und Sichtung meiner Schriften in ungewöhnlichem Maße investiert hat.“

[Joseph Ratzinger: Theologie der Liturgie. Die sakramentale Begründung christlicher Existenz. Joseph Ratzinger Gesammelte Schriften, Band 11. Herder Verlag Freiburg 2008, geb., 752 Seiten, ein Lesebändchen. Einzelpreis 50.- EUR, Subskriptionspreis bei Abnahme des Gesamtwerkes 45.- EUR; © Die Tagespost vom 11. Oktober 2008]

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