Im Wortlaut: Papstrede zum Abschluss des Treffens von Bari

Hier lesen Sie die Ansprache, die Papst Franziskus am Samstagmittag zum Abschluss eines ökumenischen Friedensgebets in Bari gehalten hat, in vollem Wortlaut.

Der Schrei von Bari

„Ich bin sehr dankbar für die Gnade dieses Austauschs, den wir erleben durften. Wir haben uns gegenseitig geholfen, unsere Präsenz als Christen im Nahen Osten wiederzuentdecken. Sie wird umso prophetischer sein, je mehr sie Jesus, den Fürst des Friedens (vgl. Jes 9,5), bezeugt. Er greift nicht zum Schwert, sondern verlangt von seinen Jüngern, es wieder in die Scheide zu stecken (vgl. Joh 18,11). Auch unser Kirche-Sein wird von der Logik der Welt, der Logik der Macht und des Gewinnstrebens, der Logik eines oberflächlichen Opportunismus. Und dann ist da unsere Sünde, der Widerspruch zwischen Glaube und Leben, der das Zeugnis verdunkelt. Wir spüren, dass wir uns einmal mehr wieder zum Evangelium bekehren müssen, der Garantie echter Freiheit, und das muss unbedingt jetzt geschehen, in der Nacht des Nahen Ostens, der mit dem Tode ringt. Wie in der quälenden Nacht von Getsemani wird nicht die Flucht (vgl. Mt 26,56) oder das Schwert (vgl. Mt 26,52) den strahlenden Ostermorgen vorwegnehmen, sondern die Selbsthingabe in der Nachfolge des Herrn.

Der Glaube der einfachen Menschen – ein Quell, aus dem wir schöpfen können

Die gute Nachricht des aus Liebe gekreuzigten und auferstandenen Jesus, die aus den Ländern des Nahen Ostens zu uns gelangt ist, hat das Herz des Menschen durch die Jahrhunderte ergriffen, weil sie nicht mit den Mächten der Welt, sondern mit der Ohnmacht des Kreuzes verbunden ist. Das Evangelium verpflichtet uns zu einer täglichen Umkehr zu den Plänen Gottes, dazu, allein in ihm Sicherheit und Bestärkung zu finden und es allen und trotz allem zu verkünden. Der Glaube der einfachen Menschen, der im Nahen Osten sehr tief verwurzelt ist, ist ein Quell, aus dem wir schöpfen können, um unseren Durst zu stillen und uns zu reinigen. So geschieht es, wenn wir zu den Ursprüngen zurückkehren und uns als Pilger nach Jerusalem, ins Heilige Land oder zu den Heiligtümern in Ägypten, Jordanien, im Libanon, in Syrien, in der Türkei und zu den anderen heiligen Orten in dieser Region begeben.

Brüderlicher Dialog

Unter gegenseitiger Ermutigung haben wir einen brüderlichen Dialog geführt. Er war ein Zeichen dafür, dass Begegnung und Einheit immer gesucht werden müssen, ohne Angst vor den Unterschieden. So ist es auch mit dem Frieden: Er muss selbst auf dem dürren Boden der Gegensätze gepflegt werden, denn trotz allem gibt es heute keine Alternative zum Frieden. Nicht die durch Mauern und Machtdemonstrationen garantierten Waffenstillstände werden Frieden bringen, sondern echter Wille zum Zuhören und zum Dialog. Wir verpflichten uns dazu, diesen Weg zu gehen, dafür zu beten und zu arbeiten, und wir bitten darum, dass die Kunst der Begegnung sich gegenüber den Strategien der Konfrontation durchsetzt, dass auf die Zurschaustellung bedrohlicher Zeichen der Macht die Macht der Zeichen der Hoffnung folgt: Menschen guten Willens und verschiedenen Glaubens, die keine Angst davor haben, miteinander zu sprechen, fremde Gedanken zuzulassen und sich umeinander zu kümmern. Nur so, wenn dafür gesorgt ist, dass niemand ohne Brot und Arbeit, dass niemand ohne Würde und Hoffnung ist, werden sich die Schreie des Krieges in Lieder des Friedens verwandeln.

“ Schluss mit Landbesetzungen! ”

Dazu ist es unerlässlich, dass sich die Machthabenden endlich entschlossen in den Dienst des Friedens stellen und nicht ihren eigenen Interessen dienen. Es muss damit Schluss sein, dass die Gewinne einiger weniger auf Kosten so vieler erwirtschaftet werden. Schluss mit Landbesetzungen, die die Völker auseinanderreißen! Schluss damit, dass parteiische Wahrheiten über den Hoffnungen der Menschen stehen! Schluss damit, dass der Nahe Osten für Profite außerhalb des Nahen Ostens benutzt wird!

Gegen das Wettrüsten, das die Kriege anheizt

Der Krieg ist die Plage, die diese geliebte Region auf tragische Weise heimsucht. Die Hauptopfer sind arme Menschen. Denken wir an das gemarterte Syrien. Krieg wird von Macht und Armut gezeugt. Er wird durch den Verzicht auf die Logik der Vorherrschaft und durch die Beseitigung der Wurzeln der Armut überwunden. Viele Konflikte sind auch durch Formen des Fundamentalismus und Fanatismus geschürt worden, die unter der Tarnung religiöser Vorwände in Wirklichkeit den Namen Gottes, der Friede ist, lästerten und den Bruder verfolgten, mit dem man immer in Nachbarschaft gelebt hat. Doch Gewalt wird immer durch Waffen angeheizt. Man kann nicht seine Stimme erheben, um über den Frieden zu sprechen, während man heimlich ein ungezügeltes Wettrüsten veranstaltet. Das ist eine sehr ernste Verantwortung, die schwer auf dem Gewissen der Nationen, insbesondere der mächtigsten Länder, lastet. Man vergesse nicht das letzte Jahrhundert, man vergesse nicht die Lehren aus Hiroshima und Nagasaki, man verwandle die Länder des Orients, aus denen das Wort des Friedens hervorging, nicht in dunkle Wüsten der Stille. Schluss mit sturen Gegensätzen, Schluss mit der Profitgier, die niemandem ins Gesicht sieht, nur um sich Gas- und Brennstoffvorkommen zu ergattern, ohne Rücksicht auf das gemeinsame Haus und ohne Skrupel davor, dass der Energiemarkt das Gesetz des Zusammenlebens der Völker diktiert!

Bedrückt, aber nicht ohne Hoffnung…

Um Wege des Friedens zu erschließen, möge man stattdessen den Blick auf diejenigen richten, die voller Sehnsucht danach sind, brüderlich mit anderen zusammenzuleben. Man schütze das Daseinsrecht aller, nicht nur das der Mehrheit. Auch im Nahen Osten möge der Weg zum Recht auf eine gemeinsame Staatsbürgerschaft, der Weg in eine neue Zukunft eröffnet werden. Auch Christen sind und sollen gleichberechtigte Bürger sein.

Sehr bedrückt, aber nie ohne Hoffnung, richten wir unseren Blick auf Jerusalem, eine Stadt für alle Völker, eine einzigartige und heilige Stadt für Christen, Juden und Muslime auf der ganzen Welt. Jerusalems Identität und Berufung muss über die verschiedenen Streitigkeiten und Spannungen hinaus bewahrt werden und es ist unerlässlich, dass sein Status quo eingehalten wird gemäß den Beschlüssen der internationalen Gemeinschaft, was von den christlichen Gemeinschaften des Heiligen Landes wiederholt gefordert wurde. Nur eine Verhandlungslösung zwischen Israelis und Palästinensern, die von der Gemeinschaft der Nationen nachdrücklich gewollt und gefördert wird, kann zu einem stabilen und dauerhaften Frieden führen und die Koexistenz zweier Staaten für zwei Völker gewährleisten.

Die Hoffnung hat das Gesicht von Kindern

Die Hoffnung hat das Gesicht von Kindern. Im Nahen Osten beweinen seit Jahren erschreckend viele Kinder gewaltsame Todesfälle in ihren Familien und sehen ihre Heimat bedroht, oft bleibt ihnen keine andere Perspektive als die Flucht. Das ist der Tod der Hoffnung. Die Augen zu vieler Kinder haben die meiste Zeit ihres Lebens damit verbracht, Trümmer statt Schulen zu sehen, das ohrenbetäubende Getöse von Bomben zu vernehmen anstatt des fröhlichen Lärmens beim Spiel. Möge die Menschheit – darum bitte ich euch – auf den Schrei der Kinder hören, deren Mund die Herrlichkeit Gottes verkündet (vgl. Ps 8,3). Wenn sie die Tränen der Kinder trocknet, wird die Welt ihre Würde wiedererlangen.

An die Kinder denkend, werden wir gleich zusammen mit einigen Tauben unseren Wunsch nach Frieden in die Lüfte aufsteigen lassen. Die Sehnsucht nach Frieden möge sich über alle dunklen Wolken hinaus erheben. Mögen unsere Herzen vereint bleiben, auf den Himmel gerichtet sein und wie in den Tagen der Flut darauf warten, dass der zarte Zweig der Hoffnung zurückkehrt (vgl. Gen 8,11). Der Nahe Osten möge nicht länger ein Bogen des Krieges sein, der sich über die Kontinente spannt, sondern eine Arche des Friedens, die Völker und Religionen willkommen heißt. Geliebter Naher Osten, möge sich über dir die Dunkelheit von Krieg, Macht, Gewalt, Fanatismus, unfairen Gewinnen, Ausbeutung, Armut, Ungleichheit und fehlender Anerkennung von Rechten lichten. »In dir sei Friede« (Ps 122,8), in dir sei Gerechtigkeit, über dir ruhe der Segen Gottes.“

(vatican news – sk)

Papst Franziskus beim Ökumene-Gebet: Gemeinsam mit Demut vorangehen

Papst Franziskus an diesem Donnerstag in Genf (AFP or licensors)

Christen sollten die „Logik des Dienstes“ wählen, um gemeinsam voranzugehen. Dazu hat Papst Franziskus bei seinem ersten Auftritt in Genf am Donnerstagvormittag aufgerufen. Das katholische Kirchenoberhaupt hielt bei einem Ökumenischen Gebetstreffen beim Weltkirchenrat eine Predigt und ging auf die Herausforderungen der Ökumene ein.

Mario Galgano – Genf

Für die hunderte Mitglieder des Weltkirchenrates war es einer der Höhepunkte der Woche: Nachdem sie am Sonntag ihre Vollversammlung bei ihrem Hauptsitz in Genf begonnen hatten, durften sie zum Abschluss den Gast aus Rom begrüßen und gemeinsam ein Ökumenisches Gebetstreffen feiern. In der Kapelle des Weltkirchenrates wurden vor allem Glaubenszeugnisse der verschiedenen Konfessionen vorgetragen.

Der Papst ging in seiner Predigt von der Bibelstelle aus dem Paulusbrief an die Galater (Gal 5,16.25) aus, die zu Beginn der Feier vorgelesen wurde. Gleich zwei Mal lade der Apostel Paulus die Gläubigen darin ein, „im Geist zu wandeln“. Diese Einladung nahm Franziskus als roten Faden seiner Überlegungen über das Ziel der Einheit der Christen.

“ Gehen verlangt eine ständige Bekehrung von sich selbst ”

Gehen bedeute „Disziplin“, „Anstrengung“, „Geduld“ und „beständige Übung“, so der Papst. Man müsse „auf viele Straßen verzichten, um jene zu wählen, die zum Ziel führt“. Auch müsse man „die Erinnerung wach halten“, um zum Ziel zu gelangen, und die „Demut“ besitzen, gegebenenfalls auch kehrtzumachen. Im Unterwegssein dürfe zudem „die Sorge um die Weggefährten“ nicht vernachlässigt werden – „weil man nur gemeinsam gut geht“, so Franziskus. Mit Bequemlichkeit und Angst vor Risiken habe diese Reise nichts zu tun: „Gehen verlangt eine ständige Bekehrung von sich selbst“, unterstrich der Papst. Schließlich habe Gott „von Anfang an“ zum „Hinausgehen“ aufgerufen und sich selbst zum „Pilger und Gast unter uns“ gemacht.

“ Im Geist zu wandeln ist die Weltlichkeit zu verwerfen ”

Paulus fordere von den Christen, „im Geiste zu wandeln“. Dies bedeute, offen zu sein für Gott statt die eigene Selbstverwirklichung in Weltlichkeit, Besitz oder Egoismus zu suchen, hielt der Papst fest. Andernfalls werde der Mensch „zum Sklaven eines ungebremsten Konsumismus“ und negative Konsequenzen seien zu beobachten – etwa die Gleichgültigkeit gegenüber den Mitmenschen, vor allem den Schwächsten.

„Im Geist zu wandeln ist die Weltlichkeit zu verwerfen. Es bedeutet, die Logik des Dienstes zu wählen und in der Vergebung fortzuschreiten“ statt „die Gangart der Machtanmaßung“ einzuschlagen, formulierte Franziskus.

Gemeinsam vorangehen, vom Heiligen Geist geleitet

Eine „weltliche Denkweise (…) an der Wurzel“ und das Verfolgen von Eigeninteressen seien in der Geschichte oftmals der Grund für Trennungen unter den Christen gewesen. Selbst als man später dann versucht habe, die Trennungen rückgängig zu machen, sei dies „elend daran gescheitert, weil sie (diese Versuche, Anm.) sich hauptsächlich an einer weltlichen Logik orientierten“.

Der Weg der Ökumene solle deshalb das gemeinsame Voranschreiten unter Leitung des Heiligen Geistes sein, hielt der Papst fest, der die Ökumenische Bewegung sowie die Beiträge des Weltkirchenrates an dieser Stelle würdigte. Und er fügte an: „Nach vielen Jahren ökumenischen Einsatzes bitten wir den Heiligen Geist an diesem 70. Jahrestag des Rates, unsere Schritte zu stärken“. Denn der Weg der Ökumene habe „ein festes Ziel: die Einheit“, stellte der Gast aus Rom klar: „Der Herr bittet uns um Einheit; die Welt, zerrissen von zu vielen Spaltungen, die vor allem die Schwächsten treffen, ruft nach Einheit.“

Spaltungen hingegen führten letztlich „zu Kriegen und Zerstörungen“, hielt Franziskus abschließend fest. Auch sei der Einwand, beim ökumenischen Bemühen würden die Eigeninteressen der jeweiligen Gemeinschaft nicht zu Genüge geschützt, vor Hintergrund des Evangeliums nicht haltbar: Ja, Ökumene sei „ein großes Verlustgeschäft“, so der Papst, aber „es handelt sich um einen dem Evangelium gemäßen Verlust entsprechend der von Jesus vorgezeichneten Spur: ,Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es retten‘ (Lk 9,24).“

(vatican news – mg/pr)

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Quelle

Kardinal Koch über die Ökumenische Chance des neuen Mariengedenktags

Kardinal Kurt Koch Foto: EWTN.TV / Paul Badde

Am Pfingstmontag hat die Weltkirche erstmals den Gedenktag der „Seligen Jungfrau Maria, Mutter der Kirche“ gefeiert, den Papst Franziskus eingeführt hat. Weshalb war es dem Heiligen Vater hier ein Anliegen, Maria mit Pfingsten, mit der Geburtsstunde der Kirche zu verbinden? Julia Wächter fragte den Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch.

Kardinal Kurt Koch: Die Lesung, die in der Heiligen Messe am Gedenktag vorgesehen ist, bietet den Schlüssel zum Verständnis. In der Apostelgeschichte (1,12-14) wird berichtet, dass nach der Himmelfahrt Christi sich die Jünger mit Maria im Obergemach versammelten und einmütig im Gebet verharrten und auf das Kommen des Heiligen Geistes warteten. Maria tritt hier als Vorbeterin der Jüngergemeinschaft vor unsere Augen; und es wird sichtbar, wie die neue Lebenskraft der Kirche an Pfingsten und die mütterliche Sorge Mariens für die Kirche eng zusammengehören. Maria ist die pfingstliche Mutter der Kirche. Da Maria die pfingstliche Geburt der Kirche mit ihrem Gebet begleitet hat, bittet sie auch heute darum, dass die Kirche stets auf den Heiligen Geist hört.

Für viele Menschen ist das ökumenische Miteinander gerade an Pfingsten wichtig. Müssen sich Gläubige in Zukunft entscheiden: Maria oder Ökumene?

Dies wäre eine schiefe Entscheidung. Denn Maria hat kein anderes Anliegen als dies, uns zu Christus zu führen. Dies ist sehr schön sichtbar bei der Hochzeit zu Kana, bei der Maria ihre Aufgabe darin sieht, die Sorgen der Hochzeitsleute Jesus anzuvertrauen und es ihm zu überlassen, was er daraufhin tun will. Was Maria in Kana getan hat, das tut sie auch heute: Sie ist ganz Ohr für ihren Sohn und will uns zu Christus führen, dass wir seinen Willen tun. Sein Wille ist die Einheit der Jünger, und deshalb sind wir gut beraten, uns in unserem Bemühen um die Einheit der Kirche Maria um ihre Fürbitte anzugehen. Maria braucht deshalb nicht zwischen den Konfessionen zu stehen. Sie, die „Gnadenvolle“, gleichsam die personifizierte Gnade, ist eine wahrhafte Anwältin der ökumenischen Suche nach der Einheit der Kirche.

Maria stand unter dem Kreuz und wird heute als Schmerzensmutter verehrt. Was heißt das für die zerspaltene Kirche?  

Im Evangelium der Gedenkmesse (Joh 19, 25-34) wird berichtet, dass Jesus unter dem Kreuz seine Mutter dem Jünger Johannes und ihm – und durch ihn allen Gliedern der Kirche in allen Generationen – seine Mutter anvertraut hat. Wenn es anschließend heißt, „von jener Stunde an“ habe der Jünger Maria zu sich genommen, dann dürfen wir hier die tiefste Wurzel der kirchlichen Gemeinschaft wahrnehmen. Wie die Kirche gleichsam unter dem Kreuz Jesu Christi entstanden ist, so kann auch die Einheit der Kirche nur unter dem Kreuz gefunden werden. Dies bedeutet zugleich, dass die ökumenische Suche nach der Einheit nicht ohne Schmerzen möglich ist, dass diese Schmerzen aber bei der Schmerzensmutter gut aufgehoben sind.

Der evangelische Ministerpräsident Markus Söder hat in ganz Deutschland die Kreuzdebatte ausgelöst. In Regensburg haben Regionalbischof Hans-Martin Weiss und Diözesanbischof Rudolf Voderholzer mit einem „ökumenischen Ja“ zum Kreuz in öffentlichen Räumen positiv Stellung bezogen. Was können Christen in der Gesellschaft erreichen, wenn sie gemeinsam auftreten?

Alles, was Christen – unter Respektierung verschiedener Überzeugungen – gemeinsam bezeugen und tun können, sollen sie gemeinsam tun. Die wichtigste ökumenische Aufgabe erblicke ich in der heutigen Zeit darin, dass wir Christen in unserer immer mehr säkularisierten Gesellschaft gemeinsam die Gegenwart des lebendigen Gottes bezeugen und die schöne Botschaft verkünden, dass Gottes Liebe in Jesus Christus ein konkretes Gesicht erhalten und ihren Ernstfall am Kreuz gefunden hat. Wenn Repräsentanten verschiedener Kirchen dies mit einer Stimme bezeugen können, dient dies der Glaubwürdigkeit der Botschaft. Und was könnte uns Christen mehr miteinander verbinden als das Kreuz Jesu Christi?

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Quelle


PAPST PAUL VI. UND DIE ÖKUMENE

1964 in Jerusalem: Der ökumenische Patriarch Athenagoras und Papst Paul VI.

 

Jörg Ernesti  

Paul VI. und die Ökumene 

In: Catholica (Münster) 4 (2014)

Summary:

Paul VI. (1897-1978) is held to be a forgotten pope. Mainly his decisions on artificial contraception is still provoking controversial discussions. The article is focussed on another aspect, his contribution to ecumenism. He had inherited the topic by his predecessor, and during the Second Vatican Council he promoted it with personal conviction, even if he weakened some statements of the conciliar document on ecumenism. After the synod he initiated the bilateral dialogues with other churches and consequently implemented the conciliar decisions in ecclesiastical life. Thus he might be rightly called „the pope of ecumenism“.

 

1.     Gesten und ihr theologischer Gehalt

Paul VI., dessen Seligsprechung am 19. Oktober 2014 im Rahmen der Bischofssynode erfolgte, steht weniger im Mittelpunkt des öffentlichen Bewusstseins als die meisten anderen Päpste seit 1945, so dass man ihn mit einem gewissen Recht als einen „vergessenen Papst“ bezeichnen kann.1 Dabei hat er in verschiedenen Bereichen Weichenstellungen vorgenommen, die das Leben der

1 Meine Ausführungen gehen auf eine Gastvorlesung im Rahmen der Vorlesungsreihe „Weltökumene und europäische Integration“, veranstaltet vom Leibniz-Institut für Europäische Geschichte und der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, am 18.6.2012 zurück. – Zur Biographie Montinis: vgl. Jörg Ernesti: Paul VI. Der vergessene Papst, Freiburg i. Br. u.a. 22012; zu seinem Beitrag zur Entwicklung der Ökumene: Oscar Cullmann: Paul VI et l’oecumenisme, in: Notiziario Istituto Paolo VI 4 (1982), 51- 62; Yves Congar: Paolo VI e l’ecumenismo, in: Oikoumenikon 17 (1977), 643-646; Paolo VI e l’ecumenismo [= Tagung Istituto Paolo VI, 25.-27.9.1998 / Istituto Paolo VI. Pubblicazioni 21], Brescia / Rom 2001. – Wenn im folgenden von der katholischen Kirche die Rede ist, ist um der Lesbarkeit willen die römisch-katholische Kirche gemeint.

Kirche bis heute prägen. Dazu gehört auch sein Einsatz für die Wiedervereinigung der christlichen Kirchen.

In der modernen Mediengesellschaft zählen nicht nur konkrete Taten und Worte, sondern auch deren mediale Vermittlung. Durch sie erst haben sich viele Ereignisse dem kollektiven Gedächtnis eingeprägt. Zum Thema „Paul VI. und die Ökumene“ ließen sich zwei Bilder anführen, die durch die Presse gegangen sind und an denen so die Weltöffentlichkeit Anteil genommen hat. Ein erstes datiert vom 23. März 1966, Der Ort ist die römische Patriarchalbasilika St. Paul vor den Mauern. Michael Ramsey, das geistliche Oberhaupt der anglikanischen Kirche, ist nach Rom gekommen, um sich mit dem Papst zu treffen. Paul VI. steckt dem Erzbischof von Canterbury bei dieser Gelegenheit einen Bischofsring auf, den er selbst als Erzbischof von Mailand getragen hat – eine in jeder Hinsicht denkwürdige Geste.

Ein zweites, noch bekannteres Bild: Zwei Jahre zuvor, am 4. Januar 1964, besucht der Papst das Heilige Land – eine gleich mehrfache Premiere. Das erste Mal seit 150 Jahren verlässt ein Papst Italien, erstmals besteigt ein Papst ein Flugzeug, als erster Nachfolger Petri kehrt er in das Land Jesu zurück – und zum ersten Mal seit einem halben Jahrtausend trifft der Patriarch des Abendlandes den Ökumenischen Patriarchen, als Bischof von Konstantinopel das Ehrenoberhaupt der Orthodoxie. Das Bild von der Umarmung der beiden Kirchenführer Athenagoras und Paul VI. ging um die ganze Welt und prägte sich dem allgemeinen Gedächtnis der Christenheit ein. Bis hin zu einzelnen Details war dieses Gipfeltreffen vom Papst geplant worden. Die Wahl des gewissermaßen neutralen Ortes zwang keinen der beiden Beteiligten, deren entfernte Vorgänger sich zuletzt im Konzil von Ferrara-Florenz vor mehr als 500 Jahren getroffen hatten, der anderen Seite räumlich entgegenzukommen. Eine Reise ins Heilige Land verwies auf die gemeinsamen Wurzeln, auf eine Zeit lange vor der Spaltung. Das gemeinschaftlich gebetete Vaterunser, das Credo und die Verlesung von Johannes 17, des Gebetes Jesu um die Einheit seiner Jünger, lenkten den Blick auf das Wesentliche, in dem die Einheit bis heute fortbesteht. Der Papst selbst hatte übrigens bei einer letzten Inspektion des Schauplatzes, die er vor diesem Zusammentreffen vorgenommen hatte, eine Peinlichkeit verhindert: So hatte das vatikanische Zeremoniell für den Patriarchen des Abendlandes einen erhöhten Sitz vorgesehen, für den Patriarchen von Konstantinopel dagegen einen niedrigeren… Diese beiden Bilder der Begegnungen mit dem anglikanischen und dem orthodoxen Kirchenführer zeigen deutlich die Ambiguität der ökumenischen Gesten dieses Papstes.2 Giovanni Battista Montini, von Ausbildung und Prägung her ein großbürgerlicher und hochkultivierter Mensch, ein lombardischer Intellektueller, wusste um die Wirkung von Zeichen und Symbolen. Er war als Substitut im vatikanischen Staatssekretariat einer der engsten Mitarbeiter Pius‘ XII. gewesen und hatte dessen ausgeprägten Sinn für Inszenierungen erlebt (nicht von ungefähr ist Pacelli auf einem römischen Kongress vor 2 Jahren als der gewissermaßen erste „Medienpapst“ gewürdigt worden3). Bewähren konnten sich die medialen Fähigkeiten Montinis bei der Begegnung mit dem Primas der Orthodoxie, mit dessen Kirche es im Grunde genommen keine wirklich tiefgreifenden, grundsätzlichen dogmatischen Differenzen gibt (sieht man von der heutigen Gestalt des päpstlichen Primates und dem filioque des Credo ab). Bei der Begegnung mit dem Primas der Anglikaner, zu denen vergleichsweise größere dogmatische Differenzen bestehen, stieß eine solche „Gestenpolitik“ deutlich an ihre Grenzen, ja es wirkte sich hier ein theologisches Defizit des Papstes verhängnisvoll aus. Mit dem Aufstecken des Bischofsrings intervenierte er indirekt in der Frage der Gültigkeit der anglikanischen Weihen, die Leo XIII. im Jahr 1896 bestritten hatte.4 Dem Bischof einer getrennten Kirche einen Bischofsring anzustecken, impliziert, dass man seine bischöfliche Würde anerkennt; eine solche Geste setzt voraus, dass dieser in der Successio apostolica steht. Ein zweideutiges Zeichen simuliert also etwas, das (noch) nicht vorhanden ist, nämlich die Gemeinsamkeit des Amtsverständnisses. Es wird etwas vorweggenommen, was bislang nicht existiert: die kirchliche Einheit. Der von Ramsey und Paul VI. aus Anlass ihres Zusammentreffens durch eine gemeinsame Erklärung ins Leben gerufene Dialog zwischen den beiden Kirchen, der in verschiedenen Verhandlungsrunden bis zum heutigen Tag fortgeführt wird (ARCIC), hat aber bis dato nicht zu einer Revision der Entscheidung Leos XIII. geführt. Eine Konvergenz oder gar ein voller Konsens in der Amtsfrage ist nicht in Sicht.

Mit seiner Geste gegenüber Ramsey bewegte sich der Papst also in dogmatischer Hinsicht auf dünnem Eis. Das Gastgeschenk für den Ökumenischen Patriarchen, ein Abendmahlskelch, war dagegen durchaus angemessen gewesen. Es brachte ein theologisches Faktum (nämlich die Anerkennung der Gültigkeit der von den

2 Zu den ökumenischen Gesten Pauls VI. vgl. Pierre Duprey: Les gestes oecuméniques de Paul VI, in: Proche-Orient chrétien 48 (1998), 145-167; Jörg Ernesti: Ökumene in Gesten. Die Sicht des Kirchenhistorikers, in: Brixner Theologisches Forum 118 (2007), 221-230.
3 Vgl. Dario E. Viganò: Pio XII, i media e la comunicazione, in: Philippe Chenaux (Hg.). L’eredità del Magistero di Pio XII [= Dibattiti per il Millennio 13], Rom 2010, 141-182.
4 Vgl. das Apostolische Schreiben Apostolicae Curae vom 13.9.1896: ASS 29 (1896/97), 198-202.

Orthodoxen gefeierten Eucharistie) wie eine ökumenische Zielvorstellung (die volle eucharistische Gemeinschaft) zum Ausdruck. Folgerichtig konnte das 1967 durch Paul VI. promulgierte erste Ökumenische Direktorium, das die Ausführungsbestimmungen des Konzilsdekrets zur Ökumene formuliert, eine Communicatio in Sacris mit den getrennten Ostkirchen ausdrücklich empfehlen. Gemeint sind nicht die mit Rom verbundenen unierten Kirchen, sondern die Kirchen byzantinischer und altorientalischer Tradition, welche den Primat des Papstes nicht anerkennen und nach dem kanonischen Recht im Schisma stehen – übrigens ein Rubikon, der hier aus katholischer Sicht überschritten wird, insofern erstmals Sakramentengemeinschaft ohne volle Einheit im Glauben avisiert wird.5

Die dogmatische Unsicherheit des Papstes wurde im Übrigen auch schon von Zeitgenossen bemerkt (es seien nur Karl Rahner, Hans Küng und Karl Barth genannt).6 Es würde zu weit führen, die Gründe für seine theologischen Defizite darzulegen. Nur soviel sei hier angedeutet: Montini war weitgehend Autodidakt. Wegen seiner kränklichen Konstitution musste er nicht im Priesterseminar studieren, sondern konnte zu Hause wohnen bleiben. Hier konnte er eigene Leseerfahrungen machen, die in der Hoch-Zeit des Antimodernismus durchaus ungewöhnlich waren. Sein persönlicher Interessensschwerpunkt lag eher bei der Literatur, bei den Klassikern der spirituellen Tradition und bei der Philosophie. Nach der Priesterweihe kam das Kirchenrechtsstudium in Rom hinzu. Gründlichere dogmatische Studien waren ihm nie vergönnt. Er blieb zeitlebens auf Anregungen von außen angewiesen, besonders in den theologischen Kerndisziplinen.

Im Istituto Paolo VI in Brescia wird die private Bibliothek des Papstes bewahrt. Paul VI. hat gerade in den Jahren des Konzils viel gelesen, sich in Themen eingearbeitet, die ihm wenig vertraut waren. Eine gründliche Auswertung dieses Bestandes stellt sicher ein Desiderat der Forschung dar. So ließe sich auch im Hinblick auf die Ökumene nachweisen, welche Autoren er wahrgenommen hat, welchen Einflüssen er ausgesetzt war.

5 Vgl. AAS 39 (1967), 587 (Nr. 38ff.).
6 Vgl. Karl Rahner: Einleitung, in: David A. Seeber: Paul. Papst im Widerstreit. Dokumentation und Analyse, Freiburg i. Br. 1971, 8; Hans Küng: Erkämpfte Freiheit, München 2002, 436ff.; Eberhard Busch: Meine Zeit mit Karl Barth. Tagebuch 1965-1968, Göttingen 2011, 84f.

 

2.     Die Rolle Pauls VI. im Konzil

Paul VI. hatte in seiner Zeit an der Kurie in den Jahren 1923-1953 und als Erzbischof von Mailand von 1954-1963 wenige Berührungspunkte mit der Frage der kirchlichen Einheit.7 Ex officio hatte er an der Kurie mit dem römischen Jesuiten Charles Boyer zu tun. Dieser schuf 1945 die Internationale Vereinigung Unitas und gab seit 1946 die gleichnamige Zeitschrift heraus. Dies geschah mit ausdrücklicher Billigung durch Pius XII., der Giovanni Battista Montini in der Angelegenheit zu seinem Vertrauensmann bestimmte.8 Dass der Professor an der Gregoriana niemals ernsthafte Schwierigkeiten mit dem Hl. Uffizium bekam, liegt nicht zuletzt daran, dass Montini seine schützende Hand über ihn hielt. Dieser sorgte auch dafür, dass das von Boyer im Jahr 1950 geschaffene Foyer Unitas im Palazzo Salviati einen angemessenen Sitz erhielt. Bereits in der Vorkonzilszeit wurden hier nichtkatholische Kirchenvertreter bei ihren Rombesuchen betreut, sodass schon vor 1962 wichtige Kontakte entstanden. Damit wurde eine Grundlage für die Arbeit des 1960 auf Anregung Erzbischof Lorenz Jaegers gegründeten vatikanischen Einheitssekretariates geschaffen. Während des Konzils wurde das Foyer dann zum Zentrum der Begegnung mit den nichtkatholischen Konzilsbeobachtern, Journalisten und Gästen. Boyers Bedeutung als Ökumeniker liegt vor allem darin, dass er die Anliegen der Ökumenischen Bewegung in Rom bekannt machte. Sein ökumenisches Engagement zeigt, dass der ökumenischen Öffnung, die das Konzil vollziehen sollte, auch in Rom eine lange Vorbereitungszeit vorausging. Neben Montini war die schwedische Konvertitin Maria Elisabetta Hesselblad (1870-1957), die Oberin des Birgittinnenklosters an der Piazza Farnese, Boyers wichtigste Stütze. Sie redigierte Unitas, stellte die nötigen Räumlichkeiten zur Verfügung und spannte auch ihre Mitschwestern für die Aufgaben der Vereinigung ein.

Montini empfing in den vierziger und frühen fünfziger Jahren als Substitut und Prosekretär im Staatssekretariat wiederholt Größen der Ökumene wie den anglikanischen Bischof George Bell, Roger Schutz, den Gründer der Kommunität von Taizé und dessen Mitarbeiter Max Thurian. Allgemein wurde seine verbindliche und

7 Vgl. Angelo Maffeis: Giovanni Battista Montini e il problema ecumenico. Dagli anni giovanili all’episcopato milanese, in: Paolo VI e l’ecumenismo [= Tagung Istituto Paolo VI, 25.-27.9.1998 / Istituto Paolo VI. Pubblicazioni 21], Brescia / Rom 2001, 39-96.
8 Vgl. Jörg Ernesti: art. Boyer, Charles, in: Ders. – Wolfgang Thönissen (Hgg.): Personenlexikon Ökumene, Freiburg i. Br. u.a. 2010, 46ff.; ders.: art. Hesselblad, Maria Elisabetta, ebd., 42.

interessierte Art hervorgehoben.9 Ansonsten hatte er aber keine weitergehende Affinität zum ökumenischen Gedanken.

Im Januar 1954 ging er als Erzbischof nach Mailand. Seine Eingabe für das mittlerweile begonnene Konzil zeigen, dass er sich nun mit der Einheitsfrage auch theologisch beschäftigte – beschäftigen musste, da diese von Johannes XXIII. zu einem zentralen Gegenstand der Versammlung erhoben worden war.10 In einem Hirtenbrief vom 22. Februar 1962 legt Montini dar, dass man vom Konzil echte Reformen erwarten dürfe.11 Sein Urteil über die Einheit der Christen ist erstaunlich nüchtern.12 Das Konzil werde diese nicht herstellen können, sondern sie allenfalls vorbereiten. Die von ihm angeführte weitgefächerte Literatur in italienischer, deutscher und französischer Sprache zeigt, dass er auf dieses Thema durchaus vorbereitet war, sich also eingelesen hatte oder zuarbeiten ließ.

Am 21. Juni 1963 wurde er zum Papst gewählt, am 29. September das Konzil mit der zweiten Periode fortgesetzt. Als verbleibende Aufgaben benannte er bei diesem Anlass in einer Grundsatzrede die Reflexion über die Aufgaben des Bischofskollegiums, die innere Erneuerung der Kirche, die Bemühungen um die Einheit der Christen sowie den Dialog mit den Zeitgenossen. Die Suche nach der Einheit setze die Bereitschaft voraus, die Mitschuld an der Trennung zu bekennen und Vergebung zu gewähren.13 In diesem Sinne wurden auf Wunsch des Pontifex weitere Nicht-Katholiken als Beobachter zum Konzil eingeladen.14 Diese empfing er immer wieder einzeln oder in Gruppen zu Audienzen und bekundete so sein Interesse an den getrennten Kirchen.

Drei Monate später, am 5. Januar 1964, traf er mit dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras in Jerusalem zusammen. Seine Reise sollte auch zum Katalysator für die Beratungen des Konzils über die Kirche und über die Einheitsfrage werden, wie seine Rede vom 4. Dezember 1963 deutlich macht, mit der er sein Vorhaben ankündigt.15 Seine Erfahrungen flossen in seine erste Enzyklika Ecclesiam Suam vom August des Jahres ein, wie er in dem Text eigens bemerkt.16 Hier formuliert er

„Gerne folgen wir dem Grundsatz, nach zunächst das beleuchtet werden soll, was

9 Vgl. Maffeis (2001), 68-75.
10 Vgl. Maffeis (2001), 93-96.
11 Vgl. Giovanni Battista Montini: Discorsi e scritti milanesi, Bd. 3, Brescia 1997, 4898-4935.
12 Vgl. ebd., 4931f.
13 Vgl. Insegnamenti di Paolo VI, Bd. 1 (1963), Rom 1964, 165-185.
14 Vgl. Angelo Maffeis: Gli osservatori al Vaticano II, in: Notiziario Istituto Paolo VI 25 (1993), 39-45.
15 Siehe seine Konzilsrede vom 4.12.1963: Insegnamenti di Paolo VI, Bd. 1 (1963), Rom 1964, 371- 381.
16 Vgl. Ecclesiam Suam III (AAS 56 [1964], 659).

allen gemeinsam ist, als zuerst das aufzuzeigen, was uns trennt. In dieser Hinsicht erweist sich unser Dialog als besonders nützlich, und wir sind sehr geneigt, ihn fortzuführen. Wir wagen aber noch eine weitergehende Behauptung: Wir sind selbstverständlich bereit, viele Meinungsverschiedenheiten, die Tradition, Frömmigkeitsformen, Kirchenrecht, Liturgie betreffen, einem eingehenden Studium zu unterwerfen, um den legitimen Wünschen der noch immer von uns getrennten Brüder entgegenzukommen.“17

Wenn man auch seinem Vorgänger Johannes XXIII. das Verdienst zuschreiben muss, durch die Gründung des Einheitssekretariates im Jahr 1960 die Ökumene in Rom institutionalisiert, im Verhältnis zu anderen Konfessionen eine neue Atmosphäre geschaffen und die Einheitsfrage auf die Agenda des Konzils gesetzt zu haben, so hat er in dieser Hinsicht doch noch nicht solche grundsätzlichen Aussagen getroffen wie Paul VI.18 Das Trennende über das Verbindende zu stellen, die eigene Praxis um des Dialogs willen zu hinterfragen: das war doch ein neuer Ton. Noch war Montini nicht bereit, auch die konkrete Art der Ausübung des Primates zur Diskussion zu stellen, wie dies Johannes Paul II. in seiner Enzyklika Ut Unum Sint im Jahr 1995 zumindest im Grundsatz tun sollte. Mit anderen Worten: Johannes XXII. hat die atmosphärischen Voraussetzungen für den Dialog der Kirchen geschaffen, die eigentliche Dialogphase beginnt jedoch erst mit Paul VI., der nicht von ungefähr den Dialogbegriff eigens reflektiert.19

Grundsätzliche Offenheit gegenüber der Ökumene steht bei ihm freilich neben einer unverkennbaren Vorsicht und Zurückhaltung in konkreten Fragen. Charakteristisch ist in diesem Sinn sein Beitrag zur Endredaktion des konziliares Dokumentes über den Ökumenismus, des Dekrets Unitatis Redintegratio.20 In der dritten

17 „Libenter hoc sequemur institutum ex quo ante ea, quae omnium sunt communia, in lucem proferantur quam ea, quae dividunt, commonstrentur. In hoc enim egregie utiliterque versatur colloquium nostrum; quod persequi ex animo sumus parati. Sed etiam maiora libet affirmare: scilicet circa plura ad differentias pertinentia, veluti ad traditionem, pietatis formas, leges canonicas, Dei cultum, promptos nos esse ad perpendendum, quomodo legitimis optatis fratrum a nobis adhuc seiunctorum obsecundare possimus”: Ecclesiam Suam II (AAS 56 [1956], 655).
18 Vgl. Jörg Ernesti: Die Päpste des Konzils und ihr Verhältnis zur Moderne, in: ders. – Leonhard Hell – Günter Kruk (Hgg.): Selbstbesinnung und Aufbruch in die Moderne. 50 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil, Paderborn / Wien / Zürich 2013, 11-26.
19 Vgl. Hermann J. Pottmeyer: Die Öffnung der römisch-katholischen Kirche für die Ökumenische Bewegung und die ekklesiologische Reform des 2. Vatikanums. Ein wechselseitiger Einfluß, in: Paolo VI (2001), 98-117, 190f.
20 Vgl. Dekret über den Ökumenismus. Einführung von Werner Becker, in: LThK2.E, Freiburg i. Br. 1967, 11-39; Bernd Jochen Hilberath: Theologischer Kommentar zum Dekret über den Ökumenismus, in: Herders Theologischer Kommentar zum Zweiten Vatikanischen Konzil, Bd. 3, Freiburg i. Br. u.a. 2005, 69-223.

Konzilsperiode sollte das bereits zuvor diskutierte und mehrfach veränderte Schema nur noch abgestimmt werden. Paul VI. hatte bis dato keine einschneidenden Beiträge zum Entstehen des Textes geliefert. Dies entsprach seiner Haltung gegenüber dem Konzil: Er ließ den Vätern generell alle nötige Freiheit zur Beratung der anstehenden Fragen und griff nur selten direkt ein. Stets bestens informiert (er verfolgte die Arbeiten in der Aula durch eine Videokamera), nahm er indirekt auf den Fortgang Einfluss, indem er die Protagonisten (namentlich die von ihm eingesetzten Moderatoren) häufig empfing.21 Bei den Abstimmungen der einzelnen Paragraphen des Ökumenismusdekrets am 5. Oktober 1964 votierten bis zu 57 Väter mit Nein. Noch größer war die Zahl der Änderungsvorschläge, die das Einheitssekretariat zu bearbeiten und falls möglich auch bei der revidierten Textfassung zu berücksichtigen suchte (es waren um die 2000 „Modi“). Bei einer so heiklen Materie wie dem Ökumenismus schien dem Papst die offenkundig fehlende Einmütigkeit untragbar. In den Tagen vor der für den 19. November vorgesehenen endgültigen Abstimmung des Textes traten Vertreter der konservativen Minderheit an Paul VI. heran, die dadurch ermutigt waren, dass er in der Ekklesiologie und bei der Frage der Religionsfreiheit, die vorerst verschoben worden war, Entgegenkommen gezeigt hatte. Auch jetzt wollte er die Bedenken der Minderheit berücksichtigt wissen, um am Ende den Konsens zu verbreitern.22 Am Abend des 18. November erreichten den Präsidenten des Einheitssekretariates Kardinal Augustin Bea 40 „suggestiones benevolae“ des Papstes, von denen dieser diejenigen auswählen und in den Text einfügen sollte, die seiner Substanz nicht widersprachen. Paul VI. hatte also nicht die Absicht, in letzter Minute noch wesentliche Veränderungen in den Text eingehen zu lassen und damit die vorherige Arbeit der Konzilsväter zu desavouieren. Wohl aber wollte er einige aus seiner Sicht notwendige Nuancierungen anbringen. Die Bischöfe und Periti des Sekretariates einzuberufen, war keine Zeit mehr. Bea hatte die Direktive bekommen, die von ihm ausgewählten Veränderungen im Namen des Sekretariates, nicht aber des Papstes selbst zu veröffentlichen. Drei Beispiele seien an dieser Stelle angeführt, um den Charakter der päpstlichen „Vorschläge“ zu verdeutlichen:23

21 Paul VI. charakterisiert selbst seine Einstellung: vgl. Insegnamenti di Paolo VI, Bd. 1 (1963), Rom 1964, 167. Sein Sekretär Pasquale Macchi beschreibt, wie sich diese Einstellung im konkreten Verhalten des Papstes niederschlug: Paolo VI nella sua parola, Brescia 2001, 110ff. Eine Monographie über den Konzilspapst Paul VI. steht noch aus.
22 Vgl. Becker (1967), 38.
23 Vgl. den Kommentar von Johannes Feiner, in: LThK2.E, Freiburg i. Br. 1967, 40-126.

Hatte es bis zum bei der Probeabstimmung 18. November über die Protestanten noch geheißen: „Spiritu Sancto movente in ipsis Sacris Scripturis Deum inveniunt sibi loquentem in Christo“, lautete der Text nach der Überarbeitung: „Spiritum Sanctum invocantes in ipsis Scris Scripturis Deum inquirunt quasi sibi loquentem in Christo“.24 Nicht „angetrieben vom Heiligen Geist“, sondern „unter Anrufung des Heiligen Geistes“ suchen bzw. finden sie in der revidierten Fassung Gott in den Heiligen Schriften. Es wird also die subjektive Seite des menschlichen Tuns in den Blick genommen, nicht das objektive Wirken des Geistes festgestellt. Ob Gott also in dieser Weise tatsächlich bei Ihnen wirkt, ist nicht sicher zu sagen. So „finden“ sie nicht Gott in den Heiligen Schriften, sondern „suchen“ ihn bloß – was deutlich weniger ist! Wiederum wird auf die menschlich-subjektive Seite des Vorgangs abgehoben. Überdies heißt es, Gott spreche nur „quasi“ zu ihnen in Christus. Auch wenn dieses Wort keine direkte Abschwächung der Aussage bedeuten muss, konnte es doch missverständlich in diesem Sinne gedeutet werden. Diese Beispiele zeigen: Der Gehalt der Aussage bleibt bestehen, aber diese wird deutlich vorsichtiger formuliert. Dasselbe gilt für die anderen von Paul VI. in diesem Zusammenhang verfügten Änderungen: Sie greifen nicht in den Gesamtduktus des Textes ein, nehmen ihm aber seine Schärfe und Pointiertheit. Es scheint im Übrigen sehr wahrscheinlich, dass die Bea vorgelegten Änderungswünsche von der Feder des Papstes, nicht aber von irgendwelchen Mitarbeitern stammten.25 Wie im Archiv in Brescia erhaltene Autographen zeigen, war er gewohnt, an Formulierungen zu feilen, selbst wenn es sich nicht um solche gewichtigen Fragen handelte.

Die Veränderungen wurden hektographiert und am 19. November in der Konzilsaula den Konzilsvätern ausgehändigt. Bei der Verlesung an diesem „schwarzen Donnerstag“ brach sich die Unzufriedenheit der Versammlung Bahn, und es kam es zu einer Krise des Konzils. Immerhin bestätigte das Endergebnis die Bemühungen des Papstes, denn bei der Schlussabstimmung zwei Tage später stimmten nur 10 Stimmberechtigte gegen die Annahme des Dekretes, 2137 dafür.

Weniger Probleme als das Ökumenismusdekret bereitete das zugleich verabschiedete Dekret über die unierten Kirchen Orientalium Ecclesiarum, die nun stärker in ihrer Eigenart als Brückenkirche zur orthodoxen Welt und als katholische

24 Vgl. ebd., 124.
25 Vgl. auch Guiseppe Alberigo (Hg.): Geschichte des Zweiten Vatikanischen Konzils (1959-1965), Bd. 4: Die Kirche als Gemeinschaft (September 1964 – September 1965), herausgegeben von Günther Wassilowsky, Ostfildern 2006, 482ff.

Teilkirchen mit einer reichen liturgischen und theologischen Tradition gewürdigt werden.26 Das entsprach sicher dem Anliegen des Papstes, der die unierte Präsenz im Konzil und in der Leitung der Weltkirche stark zu machen suchte. Den Patriarchen der kleinen armenisch-katholischen Kirche, Pierre Agagianian, machte er zu einem der vier Konzilsmoderatoren. Er veranlasste, dass die Patriarchen der unierten Kirchen am Konsistorium, der Versammlung der Kardinäle, teilnehmen können – ein absolutes Novum in der Geschichte der Kirche. Das entsprechende Motu Proprio vom 11. Februar 1965 Ad Purpuratorum Patrum Collegium regelte die Zugehörigkeit zum Kardinalskollegium neu.27 Die Patriarchen sollten den Rang von Kardinalbischöfen erhalten und damit protokollarisch der höchsten Klasse der Kardinäle zugeordnet werden, ohne dass ihnen wie diesen ein suburbikarisches Bistum im Umkreis der Stadt Rom zugewiesen wurde.

 

3.     Die Krisenjahre nach dem Konzil

Im Jahr 2012 fand in Brixen eine internationale Tagung zum Thema „Paul VI. und die nachkonziliare Krise“ statt.28 1965 wurde allgemein erwartet, dass nach den turbulenten Jahren des Konzils eine ruhige Periode der Umsetzung des Beschlossenen beginnen würde. Doch es kam anders: Eine religiöse Krise, die in den sechziger Jahren alle großen, in den westlichen Ländern vertretenen Kirchen betraf, erfasste auch die katholische Kirche. Es traten bisher kaum wahrgenommene oder ungekannte Krisenphänomene auf, die durch die Ereignisse des Jahres 1968 noch verschärft wurden: Laisierungen von Priestern, Ordensaustritte, Nachwuchsmangel, der Widerstand gegen die Enzyklika Humanae Vitae zur künstlichen Empfängnisverhütung und in der Folge eine Krise der päpstlichen Autorität, eine Infragestellung des Zölibates, etc. „No pope in modern history had to cope with such dissidence“, schreibt der Biograph Peter Hebblethwaite.29

Diesen zeitgeschichtlichen Kontext muss man mitbedenken, wenn man die ökumenischen Entwicklungen jener Jahre in den Blick nimmt. Denn eine gewisse Zurückhaltung, die vielleicht noch durch die spektakulären ökumenischen Gesten überdeckt worden war, machte sich – bei aller grundsätzlichen Bejahung der

26 Vgl. AAS 57 (1965), 76-89.
27 Vgl. AAS 57 (1965), 295f.
28 Vgl. Jörg Ernesti (Hg.): Paolo VI e la crisi postconciliare – Paul VI. und die nachkonziliare Krise [= Tagung Brixen, 25.-26. Februar 2012 / = Istituto Paolo VI, Brescia. Pubblicazioni 37], Brescia / Rom 2013.
29 Peter Hebblethwaite: Paul VI. The First Modern Pope, New York u.a. 1993, 571.

Ökumene – nun doch stärker bemerkbar. Es kam zu einer institutionellen Verankerung der Ökumene im Leben der Kirche, aber damit auch zu einer Kanalisierung und Reglementierung, die ihren Schwung und Enthusiasmus zu mindern schien.

 

3.1 Das Verhältnis zum ÖRK

Das gilt im Besonderen für das Verhältnis zum Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK), deren Genfer Sitz Paul VI. 10. September 1969 besuchte.30 Bei der Gründung dieser Organisation 21 Jahre zuvor war es Katholiken bei Strafe verboten gewesen teilzunehmen. Erst seit 8 Jahren wurden vatikanische Beobachter zu den Weltkonferenzen des ÖRK entsandt. Der erste ökumenische Gottesdienst in der Geschichte, an dem ein Papst teilgenommen hatte, war gerade einmal 5 Jahre her. Der Besuch in Genf markierte also wirklich eine Zeitenwende. Wiederum erwies Paul VI. sich als Meister der Inszenierung: Die Bilder, die um die Welt gingen, zeigen ihn, wie er mit weit geöffneten Armen die Eingangshalle durchschritt, auf diese Weise Offenheit und Herzlichkeit signalisierend. Doch war der Besuch auch von Dissonanzen gekennzeichnet: Dem Selbstverständnis des ÖRK als Bund gleichberechtigter Kirchen entsprechend, hatte man für den Papst auf dem Podium einen normalen Stuhl wie für die anderen Kirchenvertreter vorgesehen, ohne damit seine besondere Würde als Papst und den Anspruch seiner Kirche sichtbar zum Ausdruck bringen zu können. Die katholische Kirche sieht aber durchaus Rangunterschiede zwischen den Kirchen im eigentlichen Sinne, in denen Amt und Eucharistie gewahrt sind, und den kirchlichen Gemeinschaften.31 Von dieser Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit war auch seine Rede gekennzeichnet: So würdigte er die Bemühungen des ÖRK um die Einheit der Christenheit, betonte aber zugleich, dass diese Einheit in der katholischen Kirche bereits vorgegeben sei.32 Des Weiteren erinnerte er in seiner Ansprache zwar an die Taufe, in der die verschiedenen Kirchen geeint seien, strich ansonsten aber prononciert die Bedeutung des Petrusamtes heraus. Hierbei handelt es sich im Übrigen um eine Konstante seines Pontifikates, die angesichts der Krisen jener Zeit

30 Vgl. Angelo Maffeis: Il viaggio di Paolo VI a Ginevra e la visita al Consiglio Ecumenico delle Chiese, in: Notiziario Istituto Paolo VI 57 (2009), 47-54.
31 Vgl. UR 19 (AAS 57 [1965], 104).
32 Vgl. Insegnamenti di Paolo VI, Bd. 7 (1969), Rom 1970, 399.

noch deutlicher hervortrat. Man kann Paul VI. ein stark entwickeltes petrinisch-primatiales Bewusstsein bescheinigen.33

Paul VI. stellte in diesem Zusammenhang die Frage nach der Mitgliedschaft der römisch-katholischen Kirche und verwies auf die Arbeiten der einschlägigen gemeinsamen Arbeitsgruppe des ÖRK und der katholischen Kirche, deren Ergebnisse abzuwarten seien.34 Diese lagen 1972 vor und boten dem Papst Entscheidungshilfe. Auch wenn er sich nicht entsprechend öffentlich äußerte, kann doch kein Zweifel daran bestehen, dass die Ablehnung einer Mitgliedschaft vor allem auf ihn selbst zurückgeht. Die Frage war zu zentral, als dass er sie auf untergeordneten Ebenen entscheiden lassen konnte (auch wenn man als Historiker mit dem argumentum ex silentio eher sparsam umgehen sollte).

Welche Motive waren für diese Entscheidung bestimmend? Für den Papst war klar, dass man über Glaubens- und Sittenfragen nicht demokratisch abstimmen könne. Das Konzil hatte in UR 2-3 festgehalten, dass die Einheit in der katholischen Kirche vorgebildet ist und dass diese alle Wesenselemente der wahren, von Christus gegründeten Kirche aufweist. Diese Elemente können sich auch bei den anderen Kirchen finden, sind dort allerdings nicht in Vollgestalt verwirklicht. Diese Auffassung war nicht mit einem gleichberechtigten Miteinander ekklesiologisch auf einer Stufe stehender Kirchen vereinbar. Die progressive sozialpolitische Ausrichtung des ÖRK (namentlich in der Dritte-Welt-Problematik und bei der Rassentrennung) dürfte dem Verfasser der Enzyklika Populorum Progressio (1967) noch die geringsten Probleme bereitet haben.

Auch wenn er die katholische Kirche nicht in den ÖRK integrierte, befürwortete er doch die Vollmitgliedschaft der katholischen Kirche in der Kommission Faith and Order, dem wichtigsten theologischen „think tank“ dieser Organisation. Auf diese Weise konnte der Vatikan direkten Einfluss auf die theologische Entwicklung des ÖRK nehmen.35 Auch gab er sein Placet, als die Päpstliche Kommission Iustitia et Pax und der ÖRK 1968 einen gemeinsamen Ausschuss für Gesellschaft,

33 Vgl. Adolfo González Montes: El ministerio petrino al servicio de la unidad de todos los cristianos. Doctrina y práctica en el magistero de Pablo VI, in: Paolo VI (2001), 284-310.
34 Jan Grootaers: An Unfinished Agenda. The Question of Roman Catholic Membership in the World Council of Churches (1968-1975), in: Ecumenical Review 49 (1997), 305-347; Jared Wicks: Collaboration and Dialogue. The Roman Catholic Presence in the Ecumenical Movement during the Pontificate of Paul VI, in: Paolo VI (2001), 215-267 (zu den Beratungen über die Mitgliedschaft der katholischen Kirche im ÖRK: 237-248).
35 Vgl. den Diskussionsbeitrag von Thomas Stransky, in: Paolo VI (2001), 324. Dieser war Leiter des von Paul VI. gestifteten ökumenischen Studienzentrums Tantur in Jerusalem und Mitglied der Gemeinsamen Arbeitsgruppe von ÖRK und katholischer Kirche.

Entwicklung und Frieden (SODEPAX – Society for Development and Peace) gründeten, der bis 1980 über sozialethische Fragen beriet und entsprechende Erklärungen abgab. Dreimal verlängerte er das Mandat dieser Institution.

 

3.2   Umsetzung der Konzilsbeschlüsse

In der Nachkonzilszeit ist eine Tendenz in der Ökumene unverkennbar, die sich auch in anderen Bereichen bemerkbar machte, die Tendenz, die begonnene Entwicklung in institutionalisierte Bahnen zu lenken. Die ekklesiologischen Vorgaben des Konzils wurden durch die Kurienreform in feste kirchliche Strukturen übersetzt, und die Anregungen der Liturguiekonstitution erhielten in der erneuerten Liturgie eine verbindliche Gestalt. In der Ökumene ist zuerst an die Direktorien von 1967 und 1970 zu denken, die das Ökumenismusdekret des Konzils auf die Ebene konkreter Einzelbestimmungen herunterbrechen.36 Hier werden alle möglichen konkreten Fragen geregelt (etwa die Bestellung von Ökumenebeauftragten auf der Ebene der Bischofskonferenzen und der Bistümer, die Vorschriften für ökumenische Gottesdienste etc.). Auf diese Weise wird die Ökumene gewissermaßen kanalisiert, und es werden Fehlentwicklungen beschnitten. Die Mischehenfrage, eine zentrale Frage des konfessionellen Miteinanders regelte der Papst in durchaus revolutionärer Weise und ging damit noch über die Anregungen des Konzils hinaus. Durch das Motu Proprio Matrimonia mixta vom 31. März 1970 wurden Mischehen nicht mehr wie zuvor erschwert, sondern als Chance des interkonfessionellen Miteinanders gedeutet. Die beiden Partner hatten bis zu diesem Zeitpunkt Versprechen abzulegen, die von Nicht-Katholiken vielfach als diskriminierend empfunden worden waren. Der nicht-katholische Partner durfte eine katholische Taufe und Erziehung der Kinder nicht verhindern, der katholische musste versichern, die Konversion des Partners zu betreiben. Nach den neuen Bestimmungen muss der Katholik lediglich zusagen, er werde sich bemühen, die Kinder katholisch taufen zu lassen und zu erziehen, während der andere Partner sich nur noch zu verpflichten hatte, die gläubige Praxis des Gatten nicht zu behindern.37

36 Vgl. Directorium Oecumenicum vom 14.5.1967: AAS 59 (1967), 574-592; Directorium  Oecumenicum vom 15.5.1970: AAS 62 (1970), 705-724.
37 Vgl. AAS 62 (1970), 257-263.

 

3.3   Offizielle bilaterale Dialoge

Paul VI. war auch nach seinem Genfer Besuch in oecumenicis sehr gut informiert und räumte den Begegnungen mit Vertretern des ÖRK stets hohe Priorität ein. Parallel dazu traf er auch wiederholt mit verschiedenen Führern altorientalischer Kirchen zusammen. Diese Kirchen, zu denen die syrisch- orthodoxe Kirche, die koptisch-orthodoxe Kirche, die armenisch-apostolische Kirche, die malankarische Kirche, die syrisch-orthodoxe Kirche und die die Kirche des Ostens gehören, nannte man früher wegen ihrer Ablehnung der christologischen Konzilsbeschlüsse von 431 und 451 Monophysiten. In Gesprächen unter dem Dach der von Kardinal Franz König ins Leben gerufenen Stiftung Pro Oriente wurde von altorientalischen Theologen die „Wiener Christologische Formel“ erarbeitet (1972). Diese schlägt sich bereits in der gemeinsamen Erklärung von Papst Schenouda III. und Papst Paul VI. im Jahr 1973 nieder, in der ein weitgehender Konsens im Bereich der Inkarnation festgestellt eine Studienkommission zur Klärung der bleibenden Differenzen ins Leben gerufen wird. Die Wiener Formel steht auch im Hintergrund der Erklärungen des syrisch-orthodoxen Patriarchen Ignatius I. und Papst Johannes Pauls II. von 1984 sowie des Konsenses mit der Syro-Malankarischen Kirche im Jahr 1990. Es wurde die Erklärung abgegeben, dass die alten christologischen Differenzen in ihrem historischen Kontext zu sehen sind und nicht weiter bestehen.38 Seit 2003 wird auch ein offizieller Dialog zwischen Altorientalen und Katholischer Kirche geführt.

In der zunehmend schwierigen Phase der Nachkonzilszeit setzte Paul VI. auf solcherlei Dialoge. In bilateralen Gesprächen sollten Fachleute, die offiziell von ihren jeweiligen Kirchen bestimmt worden waren, die doktrinären Differenzen in gründlicher theologischer Arbeit untersuchen und ihre Ergebnisse dokumentieren. Sechs Dialoge wurden in seiner Amtszeit begonnen, die vom Einheitssekretariat vorbereitet und von ihm selbst approbiert worden waren (mit den Anglikanern, den Lutheranern, den Methodisten, den Reformierten, den Pfingstlern und ein trilateraler Dialog mit Lutheranern und Reformierten). Derjenige mit den Orthodoxen byzantinischer Tradition war durch eine Phase der Gespräche und Begegnungen, die man gemeinhin als „Dialog der Liebe“ bezeichnet, schon weitgehend vorbereitet und konnte 1980 offiziell beginnen.39

Inwieweit im Einzelfall die Initiative zu diesen Dialogen vom ihm selbst ausging oder er Anregungen von Bea und dessen Nachfolger Willebrands aufnahm, ist im Einzelfall schwer einzuschätzen. Auf ihn selbst geht sicher die Initiative zum anglikanisch-katholischen Dialog und die Einrichtung der gemeinsamen Kommission

38 Vgl. Antonio Olmi: Il consenso cristologico tra le chiese calcedonesi e non calcedonesi (1964-1996) [= Analecta Gregoriana 290], Rom 2003.
39 Vgl. Dokumente wachsender Übereinstimmung. Sämtliche Berichte und Konsenstexte interkonfessioneller Gespräche auf Weltebene, 1931-1982, herausgegeben von Harding Meyer, Hans Jörg Urban, Lukas Vischer, Paderborn 1983; Pro oriente (Hg.): Tomos agapis. Dokumentation zum Dialog der Liebe zwischen dem Hl. Stuhl und dem Ökumenischen Patriarchat 1958-1976 (…), Innsbruck u.a. 1978; Wicks (2001), 248-259.

ARCIC bei Ramseys Rombesuch im Jahr 1966 zurück. Jedenfalls machte er sich die Anliegen aller Dialoge ganz zu Eigen und verfolgte ihre Arbeit intensiv.

Noch zweimal traf er sich mit Athenagoras, im Juli 1967 in Istanbul und drei Monate später in Rom. Die Kehrseite dieses engen Anschlusses an den Ökumenischen Patriarchen bestand darin, dass das Moskauer Patriarchat, das in einem gewissen Konkurrenzverhältnis zu ersterem steht, sich nicht in demselben Maße einbinden ließ. Insofern der Moskauer Patriarch für die mitgliederstärkste              autokephale orthodoxe Kirche steht, war dies sehr zu bedauern. Die unter Paul VI. vollzogene Weichenstellung wirkt noch heute fort, insofern es noch häufiger zu Gipfeltreffen des Papstes mit dem Ökumenischen Patriarchen gekommen ist, bisher aber nicht zu einer Begegnung des Moskauer Patriarchen mit dem Patriarchen des Abendlandes. Dass ihm die theologische Arbeit im Bereich der Ökumene ein besonders Anliegen war, zeigt sich auch daran, dass er bereits kurz nach seinem Besuch im Heiligen Land die Gründung eines ökumenischen Studien- und Begegnungszentrums ins Auge fasste, das 1972 unter dem Namen „Tantur“ seine Arbeit aufnehmen konnte.40

 

Fazit

Giovanni Battista Montini, der von Herkunft, Ausbildung und Werdegang kaum mit der konfessionellen Problematik vertraut war, nahm das Erbe seines Vorgängers loyal auf, durch das Konzil der Einheit der Kirche näherzukommen. Sein Wirken auf diesem Feld ist zweischneidig: Er schreitet auf der einen Seite mutig vorwärts, bremst aber auf der anderen Seite und sucht regulierend zu steuern. Er setzt einerseits mutige Gesten, die zum Stimulus der interkonfessionellen Annäherung werden, und lässt es zu ökumenischen „Gipfeltreffen“ mit weitreichenden Folgen kommen. Andererseits schwächt er im Konzil die Aussagen des Ökumenismusdekretes ab, verhindert vor dem Hintergrund der nachkonziliaren Krise eine Aufnahme seiner Kirche in den ÖRK und setzt stattdessen eher auf die bilaterale seriöse theologische Arbeit (Dialoge, Faith and Order, SODEPAX), und kanalisiert schließlich das ökumenische Leben durch Ausführungsbestimmungen. Grundsätzlicher Bejahung der Ökumene steht also eine pragmatische Vorsicht gegenüber. Diese doppelte Dimension ist auch für andere Bereiche seines Wirkens durchaus charakteristisch.

40 Vgl. Adalbert M. Franquesa: Pablo VI y el „Ecumenical Institute for Advanced Theological Studies“ en Jerusalén, in: Paul VI (2001), 380-392.

In der Summe wird man Paul VI. trotz gewisser Einschränkungen als Förderer der Ökumene bezeichnen können. Er band die katholische Kirche durch die Umsetzung der einschlägigen Konzilsbeschlüsse unumkehrbar in die Ökumene ein. Konkrete Regelungen erleichtern das praktische Miteinander bis zum heutigen Tag. Keiner der einmal begonnenen Dialoge blieb ohne sichtbare Gesprächsergebnisse. Besonders die Annäherung an die Orthodoxie hatte für ihn stets eine große Bedeutung, ja sie kann als echte Erfolgsgeschichte gelten. So konnte Paul VI. am 24. Januar 1973 in einer Ansprache resümieren: „Insbesondere im Verhältnis zu den ehrwürdigen Kirchen des Ostens haben wir eine fast vollständige Einheit wiedergefunden, die uns drängt, alles Menschenmögliche zu tun, damit sie vollkommen wird.“41

41 „Con le venerabili Chiese d’Oriente, in particolare, abbiamo riscoperto una comunione quasi piena che ci spinge a fare tutto il possibile per completarla”: Notiziario Istituto Paolo VI 35 (1998), 37.

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Ökumene: Franziskus würdigt Slawenapostel Kyrill und Method

Der Metropolit und der Papst (ANSA)

„Einheit bedeutet nicht Einheitlichkeit, sondern die Versöhnung der Verschiedenheiten im Heiligen Geist“: Das betonte Papst Franziskus an diesem Freitag bei einer hochrangigen ökumenischen Begegnung im Vatikan. Er empfing zum ersten Mal das Oberhaupt der orthodoxen Kirche von Tschechien und der Slowakei, Metropolit Rastislav (Gont).

Christine Seuss – Vatikanstadt

In seiner Ansprache ging der Papst auf die Bedeutung der heiligen Kyrill und Method für beide Kirchen ein. Der heilige Kyrill, erinnerte Franziskus an den Missionar, der die slawischen Länder evangelisiert hatte, liege in der römischen Kirche San Clemente begraben. Ein Band über den Tod hinaus mit dem römischen Bischof Clemens, der unter Kaiser Trajan im Exil verstorben war und dessen Reliquien die beiden Brüder Kyrill und Method, von Thessaloniki aus kommend, dem späteren Kaiser Hadrian II. verehrt hatten.

Ein „immenser gemeinsamer Reichtum“

„Diese Geste von Kyrill und Method erinnert uns daran, dass wir Christen einen immensen gemeinsamen Reichtum von Heiligkeit geerbt haben und diesen stets miteinander teilen müssen. Unter den vielen Glaubenszeugen haben unzählige Märtyrer in den vergangenen Jahrhunderten die Treue zu Jesus bezeugt, wie der heilige Clemens, aber auch in jüngerer Zeit, beispielsweise als die atheistische Verfolgung eure Länder getroffen hat. Noch heute sind die Leiden vieler Brüder und Schwestern, die aufgrund des Evangeliums verfolgt werden, ein dringender Appell, der uns dazu drängt, eine größere Einheit anzustreben.“

Evangelisierung und Kultur

Der zweite Aspekt, an den die heiligen Slawenapostel erinnerten, betreffe die enge Verbindung zwischen Evangelisierung und Kultur, fuhr Franziskus fort. Selbst Byzantinischer Prägung, hätten die beiden Brüder den „Wagemut“ gehabt, das Evangelium in eine Sprache zu übersetzen, die den slawischen Völkern zugänglich gewesen sei. Das Apostolat dieser beiden herausragenden Figuren, die der heilige Johannes Paul II. zu Ko-Patronen Europas erhoben hatte, bleibe auch heute noch ein Beispiel für eine gelungene Evangelisierung. „Um den Herrn zu verkünden, genügt es nicht, die Klischees der Vergangenheit zu wiederholen, sondern es ist nötig, auf den Heiligen Geist zu hören, der stets neue und mutige Wege eingibt, um die Zeitgenossen zu evangelisieren,“ betonte der Papst. Dies geschehe auch heute, selbst in traditionell christlichen Ländern, „oft gezeichnet durch Säkularisierung und Gleichgültigkeit,“ so Franziskus.

Authetische Vorläufer des Ökumenismus

Die Heiligen böten jedoch noch einen weiteren Berührungspunkt zwischen den Konfessionen, unterstrich der Papst, denn ihnen sei es gelungen, die Spaltungen zu überwinden, die sich zwischen den christlichen Gemeinschaften verschiedener Kulturen und Traditionen aufgetan hatten. „In diesem Sinn kann man (mit den Worten des heiligen Johannes Paul II. in Slavorum Apostoli, Anm.) sagen, dass sie ,authentische Vorläufer des Ökumenismus´ waren. Sie erinnern uns so daran, dass Einheit nicht Einheitlichkeit bedeutet, sondern die Versöhnung der Verschiedenheiten im Heiligen Geist.“

Der Papst würdigte bei dieser Gelegenheit auch die Arbeit der Gemischten internationalen Kommission für den theologischen Dialog zwischen der katholischen und der orthodoxen Kirche und dankte dem Metropoliten für den Einsatz seiner Kirche im Dialogprozess.

Die Orthodoxe Kirche der Tschechischen Länder und der Slowakei, der der 40-jährige Metropolit Rastislav seit 2014 vorsteht, ist eine von 14 selbstständigen (autokephalen) orthodoxen Kirchen des byzantinischen Ritus. Sie hat etwa 75.000 Gläubige, von denen rund ein Drittel in Tschechien und zwei Drittel in der Slowakei leben. Die orthodoxe Kirche der ehemaligen Tschechoslowakei blieb nach der Teilung des Landes vereint.

Ökumenisches Treffen im Vatikan

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Bischof Rudolf Voderholzer zur Frage des Kommunionempfangs evangelischer Ehepartner  

Die gemeinsame Sehnsucht nach Einheit wach halten –

Respekt vor dem Glauben des Anderen.

  

Herr Bischof Rudolf, wie fühlen Sie sich als „Ewiggestriger“ oder gar als „Antiökumeniker“ – Etiketten, die Ihnen und Ihren sechs bischöflichen Mitbrüdern in den Medien aber auch innerkirchlich angeheftet worden sind?

Ich bedauere, dass die öffentliche Diskussion in der seelsorgerlich wichtigen Frage des Kommunionempfangs des evangelischen Ehepartners durch ein solches Vokabular bestimmt wird. Mir ist es wichtig, die Menschen ernst zu nehmen und ihnen den Glauben der Kirche zu verkünden, und zwar so, dass sie sich darauf verlassen können, dass es richtig und gut ist.

Den sieben Bischöfen wurde öffentlich vorgeworfen, sie hätten am Vorsitzenden der Bischofskonferenz und der Mehrheit der Bischöfe geradezu verschwörerisch und konspirativ vorbei gehandelt, als Sie ihren Brief nach Rom mit der Bitte um Klärung in dieser Frage gesandt haben. Was sagen Sie dazu? Wie kam es zu diesem gemeinsamen Brief?

Auf den beiden letzten Frühjahrsvollversammlungen der deutschen Bischöfe haben wir die Frage der Zulassung evangelischer Ehepartner zur Kommunion offen und auch kontrovers diskutiert. Wir haben dies stets in einer mitbrüderlichen Atmosphäre getan. Ein echtes pastorales Ringen war bei allen Bischöfen deutlich zu erkennen. Doch am Ende kam es in dieser Frage zu keiner Einmütigkeit. Es blieb ein Dissens bestehen.

Ich halte dies aber nicht von vorneherein für schlecht. Es ist ein Ausdruck unserer gemeinsamen Wahrhaftigkeit, dass wir keinen unehrlichen Kompromiss anstrebten. Es gilt vielmehr auch die andere Position eines Mitbruders auszuhalten. Das verlangt der Respekt voreinander. Entscheidend freilich ist, dass wir im Einklang mit den anderen Bischofskonferenzen der Weltkirche handeln möchten. In einer so wichtigen, den Glauben betreffenden Frage wollen wir keinen Alleingang machen. Das verlangt die Kollegialität und die Solidarität über die Grenzen Deutschlands hinaus.

Sieben Diözesanbischöfe und sechs Weihbischöfe stimmten am Ende gegen den Text. Das sind viele Gegenstimmen bei einer Frage, die eigentlich Einstimmigkeit erfordert. Wir haben uns dann entschieden, uns – im Hinblick auf die Einmütigkeit mit der Universalkirche – an Rom zu wenden, wie es jedem Bischof selbstverständlich immer möglich ist. Eine Kopie des Briefes haben wir – persönlich/vertraulich – an Kardinal Marx als den Vorsitzenden der Bischofskonferenz gesandt, um ihn über den Inhalt zu informieren.

Herr Bischof, wenden wir uns den theologischen Gründen zu: Viele Gläubige sind verunsichert, nicht selten aufgebracht: Wie können diese sieben Bischöfe so hartherzig sein? Wie kann man evangelischen Ehepartnern die Kommunion verweigern – sie ausschließen? Könnten Sie Ihre theologischen Gründe und Ihren Standpunkt in dieser Frage näher erörtern?

Lassen Sie mich zunächst zwei Vorbemerkungen machen: Ich verstehe die Ökumene als einen Grundauftrag Christi selbst. Im Johannesevangelium spricht Jesus zum Vater: „Sie sollen eins sein, wie wir eins sind. … So sollen sie vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast“ (Joh 17, 22b-23). Diesem Grundauftrag Christi müssen wir treu bleiben. Es geht nicht um die Frage: Ökumene: ja oder nein, sondern um den Weg der Ökumene, den Weg zur Einheit. Nach dieser Einheit sehnen wir uns alle – auch ich!

Lassen Sie mich noch ein Zweites voraus schicken: Ich weiß um die Nöte und Probleme, die gerade auch in der Glaubenserziehung der Kinder in konfessionsverschiedenen Ehen auftreten, aber auch im religiösen Leben der Ehepartner entstehen. Ich weiß auch um die Spannungen, die daraus erwachsen und zu Verwundungen führen können. Ich kenne dies aus Gesprächen mit Menschen in dieser Situation und erlebe dies auch in meinem familiären Umfeld. Das nimmt mich als Bischof auch mit.

Es geht mir daher mit dem Brief, den ich mit meinen Mitbrüdern verfasst habe, darum, nach einem Weg zu suchen, der die Not der Menschen ernst nimmt und gleichzeitig Hilfen anbietet. Wir sind aber der Meinung, dass die von der Mehrheit der DBK angestrebte „Handreichung“, die dem evangelischen Ehepartner den Kommunionempfang ermöglicht, nicht die Probleme und Nöte löst. Sie wird auch der Bedeutung des Sakraments der Eucharistie in der katholischen Kirche nicht gerecht. Ferner berücksichtigt die „Handreichung“ nicht ausreichend das unterschiedliche Glaubensverständnis der einzelnen Konfessionen hinsichtlich der Eucharistie auf der einen und des Abendmahls auf der anderen Seite.

In der Frage der Ökumene müssen wir nicht zuletzt auch die Sicht der Ostkirchen berücksichtigen. Dort wird der Zusammenhang zwischen Kirchengemeinschaft und Eucharistiegemeinschaft noch tiefer gesehen als in der Westkirche. Wenn die katholische Kirche diese Sicht verdunkelt, vergrößert sie erheblich den Graben zu den orthodoxen Kirchen.

Aber sind „Abendmahl“ und „Eucharistiefeier“ nicht doch im letzten ein und dasselbe?

Über das protestantische Selbstverständnis des „Abendmahls“ ist es schwer, von katholischer Seite letztverbindlich Auskunft zu geben. Da gibt es zwischen den einzelnen Gemeinschaften selbst noch einmal Unterschiede, wenngleich sich die verschiedenen Gemeinschaften seit einiger Zeit gegenseitig Abendmahlsgemeinschaft gewähren. Wenn man die Texte studiert, stellt man freilich fest, dass dem Abendmahl nirgendwo eine so bedeutende Rolle zukommt wie der Eucharistiefeier auf katholischer Seite. Wer den Wortgottesdienst feiert, hat schon die höchste Form der Gottesbegegnung, über die hinaus das Abendmahl keinen Mehrwert darstellt (Vgl. EKD – Der Gottesdienst. Eine Orientierungshilfe zu Verständnis und Praxis des Gottesdienstes in der evangelischen Kirche, 2009, S. 40). Entsprechend selten wird das Abendmahl gereicht, im Durchschnitt einmal im Monat. In der katholischen Kirche feiern wir nicht nur selbstverständlich an jedem Sonntag und an jedem Feiertag die Eucharistie, sondern sogar täglich.

Was die katholische Sicht betrifft, so ist besonders wichtig, dass die Heilige Messe nicht die Wiederholung des Abendmahles Jesu mit seinen Jüngern ist, sondern die Feier seines Todes und seiner Auferstehung, die Vergegenwärtigung seines Kreuzesopfers.

Warum ist es evangelischen Gläubigen verboten, in der katholischen Kirche die Kommunion zu empfangen?

Der Begriff „Verbot“ ist ganz unangemessen. Es geht darum, den eigenen Glauben und das Bekenntnis des anderen ernst zu nehmen. Wer in der katholischen Kirche die Eucharistie empfängt, bejaht den Glauben bezüglich der Eucharistie.

Und was heißt das genauer? 

Da ist zunächst die Glaubensüberzeugung von der realen und bleibenden Gegenwart Jesu Christi in den eucharistischen Gestalten. Doch darauf beschränkt sich der Eucharistieglauben nicht. Gerade das Zweite Vatikanische Konzil hat mit neuer Deutlichkeit herausgestellt, dass die Eucharistie Quelle und Höhepunkt des ganzen kirchlichen Lebens ist. In der Eucharistiefeier wird der gesamte katholische Glauben in verdichteter Form ausgesagt und bekannt. Die Eucharistie ist Ursprung und Quelle der Kirche und ihrer Raum und Zeit übergreifenden Einheit.

Es handelt sich nicht um eine gemeinsame Mahlzeit, wo sich jemand ausgeschlossen fühlen muss, wenn er nichts zu essen bekommt.

Wo wird das ausgedrückt? Wie zeigt sich diese kirchen-bildende Funktion der Eucharistie?

Am deutlichsten beim Höhepunkt der Heiligen Messe im Eucharistischen Hochgebet, in dessen Zentrum vom Priester die Wandlungsworte gesprochen werden. Das Hochgebet wird gesprochen in Einheit mit dem Papst und den Bischöfen. Der Name des Bischofs wird ebenso genannt wie der Name des Papstes, weil die Gemeinschaft ganz konkret besteht. Die Messe wird gefeiert in Verbindung mit der Kirche des Himmels, mit Maria, Joseph und allen Heiligen. Und in jeder Messfeier wird für die Verstorbenen gebetet. Am Ende des Hochgebetes antworten alle mit „Amen“, „so sei es“, „ich glaube es“. Das ist nicht einfach so dahingesagt, sondern ein Bekenntnis! Die Heilige Messe mitfeiern und mitbeten ist ein Bekenntnis! Wer nun von seinem Bekenntnis her das Papstamt ablehnt, die Heiligenverehrung nicht kennt und das Gebet für die Verstorbenen für unnötig oder unmöglich hält, dem ist der Eucharistieempfang nicht „verboten“, sondern er oder sie muss sagen, wenn er sich selber ernst nimmt: Dieser Kirche will und kann ich nicht angehören, zumindest nicht ganz und in höchster Form.

Wenn es anders ist, steht der Weg der Aufnahme in die katholische Kirche offen. Von jemandem aber einerseits den vollen Eucharistieglauben zu verlangen und gleichzeitig zu sagen: Du kannst bei Deinem Bekenntnis bleiben, ist nicht ehrlich. Und das sehen ja auch Vertreter der evangelischen Kirche selbst so. Der evangelische Theologieprofessor Ulrich H. J. Körtner nennt die Handreichung gar

„ökumenischen Murks“.

Das Kirchenrecht räumt den Bischofskonferenzen aber ein, Kriterien zu benennen, wann Notfälle bestehen, in denen ein Kommunionempfang ohne volle Kirchengemeinschaft trotzdem möglich ist.

Sie sprechen Canon 844, 4 an. Dort ist ausdrücklich von „Todesgefahr“

oder einer „anderen schweren Notlage“ die Rede und von dem Fall, dass ein Geistlicher der eigenen Gemeinschaft nicht erreichbar ist. Die Kriterien müssen sich also auf der Ebene solch gravierender Umstände bewegen. Uns scheint, dass allein das Leben in konfessionsverschiedener Ehe diese Kriterien nicht erfüllen und auch nicht allein zu einer „gravis spiritualis necessitas“ („schwere geistliche Notlage“) führen kann. Auch da erbitten wir eine Klärung.

Bewegt Sie nicht die Not vieler konfessionsverschiedener – die Handreichung spricht ja von „konfessionsverbindenden“ – Ehepaaren? Es ist heute ohnehin nicht leicht, den Glauben zu leben, ihn weiterzugeben an die Kinder und Enkel. Jetzt wirft die Kirche ihnen auch noch Knüppel zwischen die Beine. Muss man da so kleinlich sein?

Die konfessionsverschiedenen Ehepaare tragen die Hauptlast der Glaubensspaltung. Es zeigt sich, dass die konfessionellen Prägungen oft bis in die Einzelheiten der Lebensgestaltung hineinreichen. Im besten Fall kann die Situation zur Bereicherung führen. Katholiken lernen von der Bibelfrömmigkeit und der Kirchenmusik, Protestanten beginnen, die Schönheit und Sinnenhaftigkeit der Liturgie, den Reichtum der Tradition kennen, vielleicht auch die Bedeutung der weltweit einen Kirche schätzen. Wichtig ist, dass der jeweils andere in seinem Selbstverständnis respektiert wird. Ich kenne konfessionsverschiedene Ehepaare, die seit Jahrzehnten gut miteinander unterwegs sind und die Grenzen respektieren.

Im letzten Jahr haben sich die Konfessionen erfreulich angenähert. Warum jetzt dieser unfreundliche Akt?

Ich bin sehr froh über die gewachsenen Freundschaften und wir werden sie vertiefen. Zu einer guten Freundschaft gehört es auch gerade, das Gegenüber zu respektieren und in seinem Bekenntnis und in seinem Selbstverständnis ernst zu nehmen. Die geplante „Handreichung“ hingegen könnte als unfreundlicher Akt der Abwerbung verstanden werden, zumal die Ermöglichung der Eucharistieteilnahme im Einzelfall durchaus nicht umgekehrt gilt. Ich halte dafür, dass wir in ökumenischer Verbundenheit alles das miteinander tun, was wir längst tun können: Miteinander das Wort Gottes hören, miteinander singen und beten, miteinander für den Lebensschutz, für die Bedeutung der Ehe von Mann und Frau und der Familie und für die Wahrung der Menschenwürde eintreten. Die gemeinsame Eucharistie kann nicht eine Etappe auf dem Weg sein, sondern sie ist das Ziel. Mehr Einheit geht dann nicht mehr.

Aber bis dorthin ist noch ein Weg.

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Quelle

Kardinal Kasper wird 85: Konzil, Interkommunion und Papst Franziskus

Gudrun Sailer im Gespräch mit Kardinal Walter Kasper

Ein Kurienkardinal von Format wird am Montag 85 Jahre alt: Walter Kasper.

Gudrun Sailer – Vatikanstadt

Der emeritierte Präsident des Päpstlichen Einheitsrates ist ein immer noch aktiver Buchautor, am Dienstag stellt er in Rom sein jüngstes Werk „Die Botschaft von Amoris laetitia, ein freundlicher Disput“ vor. Gudrun Sailer besuchte Kardinal Kasper zu Hause und führte ein längeres Interview mit ihm, dessen ersten Teil – den „Geburtstagsteil“ – wir am Sonntag veröffentlichen. Am Montag sprechen wir mit Kardinal Kasper über „Amoris Laetitia“.

VATICAN NEWS: Herr Kardinal, Sie werden 85 Jahre alt, zunächst einmal ganz herzlichen Glückwunsch! Sie blicken auf ein reiches, volles Leben zurück, Sie sind Priester, Sie sind Kardinal, Sie sind Dogmatikprofessor, seit 1999 im Vatikan, beschäftigt mit den Agenden der Ökumene. Was waren denn, wenn Sie im großen Bogen zurück denken, die schönsten Erfahrungen, die Sie im Lauf Ihres Lebens gemacht haben?

Kardinal Kasper: „Im kirchlichen Bereich war das erstens die Erfahrung des Zweiten Vatikanischen Konzils, das war für mich als junger Priester einfach die Erfüllung von Erwartungen, die wir vorher schon als junge Menschen hatten, und das war eine großartige Zeit, diese Begeisterung damals. Die zweite schöne Erfahrung war, als ich Bischof wurde. Ich wollte ja gar nicht Bischof, ich wollte nicht Kardinal werden, ich wollte Pfarrer werden, wie man bei uns sagt, und der Bischof hat mich zeitig dann in den akademischen Bereich geschickt. Und als ich dann Bischof wurde, konnte ich sozusagen wieder Pfarrer oder Seelsorger werden. Das war sehr schön, vor allem die Erfahrung, die ich jeden Sonntag gemacht habe, wenn ich Gemeinden besucht habe und mit den Menschen dort gesprochen habe. Da habe ich sehr, sehr viele Menschen, auch sehr fromme Beter getroffen und das war für mich eine erfüllende Erfahrung.”

VATICAN NEWS: Und dann, später, in Rom?

Kardinal Kasper: „Natürlich gab es dann auch hier in Rom, vor allem mit der Ökumene, sehr schöne Erfahrungen mit anderen Christen. Es gibt da ja auch sehr viele Menschen, die sehr offen und sehr fromm sind und das zu leben versuchen; das war auch eine gute Erfahrung, was man da tun konnte. Vielleicht noch eine letzte schöne Erfahrung: Ich war dann auch für den religiösen Dialog mit dem Judentum zuständig, und die Begegnung mit Überlebenden des Holocaust war jedes Mal, auch menschlich, durchaus bewegend.”

VATICAN NEWS: Können Sie sich da an eine Episode erinnern, die Ihnen besonders im Herzen geblieben ist?

Kardinal Kasper: „Das war der erste Besuch von Papst Benedikt in einer Synagoge in Köln während des Weltjugendtages 2005. Da war eine Frau unter den Zuhörern, an deren Unterarm man noch die Nummer sehen konnte, die ihr eingebrannt worden ist, als sie in Auschwitz war. Diese Frau konnte sich nicht, in gar keiner Weise, vorstellen, dass ihr Sohn später einmal als Vorstandsmitglied der Gemeinde in ihrer nach dem Krieg wieder aufgebauten Synagoge in Köln den Papst begrüßen würde. Das bewegt einen. Die Frau sitzt da und ihr Sohn darf den Papst begrüßen, das hätte sie sich nie denken können, als sie in Auschwitz war, dass so etwas möglich ist. Papst Benedikt hat damals eine sehr zu Herzen gehende, sehr einfühlsame Rede gehalten.”

VATICAN NEWS: Wie ist denn heute aus Ihrer Sicht der Stand der Ökumene zwischen der katholischen Kirche und den reformierten Kirchen. 500 Jahre nach Beginn der Reformation sind ungeheuer große Schritte passiert, vor allen Dingen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Wie stehen wir heute da?

Kardinal Kasper: „Die Schritte, die passiert sind, sind unglaublich. Wenn ich zurück denke an meine Kindheit, wie wir damals mit schlimmen Worten über die Lutheraner gesprochen haben und die auch über uns – und wie man heut sich brüderlich und freundschaftlich begegnet und sich als Christen anerkennt. Das ist jedes Mal auch für mich ein großes Erlebnis. Wir haben nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil große Schritte gemacht. Es gab dann eine gewissen Stagnation, ich habe aber den Eindruck, dass das Reformationsjahr doch wieder einen Aufbruch gebracht hat, zumindest in der Stimmung. Es gab wunderschöne Gottesdienste der Versöhnung und der Begegnung, übrigens auch in Italien, da gab es ja zunächst nur eine negative Einstellung zur Reformation und zu Luther. Da ist sehr viel aufgebrochen im letzten Jahr. Sodass wir jetzt einfach hoffen, dass man das konkret ausfüllt. Ich denke, der letzte Beschluss der deutschen Bischofskonferenz, dass in bestimmten Fällen auch bei konfessionsverschiedenen Ehen der evangelische Teil, sofern er die katholische Lehre über die Eucharistie akzeptiert, das ist selbstverständlich die Voraussetzung, zur Kommunion zugelassen wird, das ist schon ein erster Schritt, dem andere Schritte folgen müssen. Das eine als Rat. Und mein Nachfolger (Kardinal Kurt Koch, Anm.) hat jetzt angefangen, ein Dokument vorzubereiten im Gespräch mit den Lutheranern über Kirche, Eucharistie und Amt, damit will man dann das alte Dokument über die Rechtfertigungslehre weiterführen.“

VATICAN NEWS: Die Kommunion für gemischtkonfessionelle Paare, diese Entscheidung der deutschen Bischofskonferenz hat für einiges Aufsehen gesorgt, überwiegend für Zustimmung, zu einem kleinen Teil auch der Ablehnung: Heißt es denn, dass man wirklich am besten auf einer ganz praktischen Ebene ansetzt, um weiterzukommen in der Ökumene, gerade in diesem Bereich?

Kardinal Kasper: „Wenn man genau schaut, hat das bereits Papst Johannes Paul II. ermöglicht. Er hat in seinen zwei Ökumene-Enzykliken „Ut unum sint“ von 1995 und „Ecclesia de Eucharistia“ von 2003 geschrieben, dass die katholischen Priester in Einzelfällen das Sakramente der Eucharistie auch anderen Christen spenden können. Als Bedingung hat er genannt, diese Christen müssen erstens das innere Verlangen danach haben, frei und von sich aus danach fragen, und zweiten müssen sie den Glauben bezüglich dieser Sakramente mit uns teilen. Er hat das also aufgemacht, und zwar aus theologischen Gründen, nicht nur aus pragmatischen Gründen und, wie ich weiß, er hat es in einzelnen Fällen sogar selber praktiziert.“

VATICAN NEWS: Sie haben drei Päpste aus unmittelbarer Nähe kennengelernt, Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus. Mich interessiert aus Ihrer Warte: Was eint diese drei großen Päpste?

Kardinal Kasper: „Es eint sie der katholische Glaube und es eint sie, dass sie alle auf der Grundlage des Zweiten Vatikanischen Konzils gearbeitet haben und sich eingesetzt haben, es umzusetzen. Sie sind natürlich drei sehr verschiedene Persönlichkeiten, kommen alle drei aus völlig verschiedenen kulturellen Zusammenhängen. Benedikt aus der westeuropäischen Tradition, und zwar aus der besten Tradition, Johannes Paul II. aus dem polnischen Katholizismus und Franziskus aus seiner südamerikanischen Erfahrung. Das sind unterschiedliche Persönlichkeiten, unterschiedliche Akzente, aber das ist eben katholisch, das ist Einheit in der Vielfalt und das spielt sich auch in der Vielfalt der Päpste ab.“

VATICAN NEWS: Sie haben zwei Mal ein Konklave miterlebt, zwei Papstwahlen. Was ist Ihre bleibende Erinnerung daran?

Kardinal Kasper: „Das waren beides sehr geistliche Vorgänge, das wird ja oft so politisiert. Natürlich finden vorher viele Gespräche im kleinen Zirkel statt, man muss sich ja auch ein bisschen erkundigen über die Leute, die sich zur Diskussion stellen, man tauscht sich aus, ich war beide Male auch in verschiedenen Sprachzirkeln dabei, aber es gibt da keine Parteien in dem Sinne, wie das öfter dargestellt wird. Natürlich sind einige sich einig, der könnte es sein und andere der könnte es sein. Aber vor allem im letzten Konklave habe ich – und das haben mir auch andere Kardinäle bestätigt – den Eindruck gehabt, da bewegt sich etwas: das kann man dann als Heiligen Geist bezeichnen. Da hat sich etwas bewegt und das war so auch nicht einfach abzusehen, dass das so schnell auf Bergoglio zuläuft. Insofern bin ich schon überzeugt, dass da der Heilige Geist mit am Werk war. Es war damals ja auch eine schwierige Situation nach den Vatican Leaks (Diebstahl und Veröffentlichung interner Dokumente aus dem Vatikan, Anm.) war eine sehr negative Stimmung, nicht gegen Italien, wie das manchmal gesagt wird, sondern gegen einige Einrichtungen in der römischen Kurie, und das auch zu Recht. Da wollte man jetzt einen von außen wählen. Und ich denke, der jetzige Papst ist ein Geschenk für die Kirche und für die Welt.”

VATICAN NEWS: Wie sehen Sie aus Ihrer heutigen Warte die katholische Kirche in Ihrer Heimat Deutschland?

Kardinal Kasper: „Es gibt sehr viele fromme Leute, sehr viele engagierte Leute in der Gemeinde – da kann man viel Positives sagen. Aber es ist natürlich eine Rückwärtsbewegung da. Es gibt viele Kirchenaustritte, die Zahlen gehen sehr zurück, man muss Kirchen schließen, man muss Gemeinden zusammenlegen. Das ist keine Aufbruchsstimmung im Augenblick. Ich denke, das Wichtigste ist, dass man hier den Schalter umlegt und sozusagen vom Rückbau wieder auf Aufbruch schaltet. Da hätte ich einige Wünsche anzumerken, aber man muss auch das Positive sehen, das da ist, aber ich denke, der Aufbruch, den Papst Franziskus will, der ist in Deutschland noch nicht voll angekommen.“

VATICAN NEWS: 85 Jahre, Herr Kardinal – Wenn Sie freudig in die Zeit schauen möchten, die Ihnen noch bleibt, was wünschen Sie sich, dass Sie noch einbringen können?

Kardinal Kasper: „Ich wünsche mir vor allem bei uns in Westdeutschland und in Deutschland wieder mehr Freude, christliche Freude in der Kirche und an der Kirche, denn aus einer Kritikasterstimmung heraus zieht man niemanden an, sondern nur mit Freude, denn die kann ansteckend wirken. Mehr christliche Freude, die dann auch fertig wird mit allen möglichen Problemen, manchmal auch mit Enttäuschungen oder Skandalen, die gibt es, aber die Freude an Gott und Jesus Christus und dem, was uns geschenkt ist im Evangelium, die muss überwiegen und uns beschwingen zu einem Aufbruch und auch zu einem missionarischen Einsatz.”

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