KANN ES ECHTEN „FRIEDEN UNTER DEN RELIGIONEN“ GEBEN?

Auf Erden kann immer wieder über kürzere oder längere Zeit „Friede“ herrschen, sicher aber kein paradiesischer Friede. Mit der Ausweisung des Stammelternpaares Adam und Eva haben die Menschen, haben wir ALLE seit damals vor vielen Tausend Jahren das Paradies verloren. Und wir werden es (hier auf Erden) nicht zurückerobern können. Und wir werden auch keinen Ersatz dafür herstellen können. Schon gar nicht durch einen „Frieden unter den Religionen“. Wenn auch (namhafte) Repräsentanten der Religionen noch so oft zusammenkommen und „Frieden“ beschließen und „Frieden“ zelebrieren, es wird (auch – und besonders) unter ihnen kein Friede möglich sein. Denn es gibt nur EINE Religion, die die WAHRE, GÖTTLICHE ist. So wie es nur EINEN wahren GOTT gibt. Diese eine Religion muss sich auf Geheiß dieses einen Gottes per Predigt und Mission auf alle Menschen, alle Völker, alle Nationen ausbreiten, und sie muss die anderen „Religionen“, die sämtliche GEGEN diese eine, wahre, sind und sich (mehr oder weniger exklusiv) GEGEN sie behaupten, sie verdrängen und eliminieren wollen, geistig bekämpfen.

Solange es nicht EINIGKEIT in der Religion gibt, herrscht UN-EINIGKEIT, AUSEINANDER-SETZUNG, ZWIE-TRACHT, FEINDSCHAFT, KRIEG. Es kann keine „Freundschaft und Brüderlichkeit“ geben unter sich widerstreitenden Religionen, vor allem nicht unter denjenigen Religionen, die je für sich den Absolutheitsanspruch stellen: Christentum, Judentum, Islam. Denn Freundschaft und Brüderlichkeit fördern und pflegen unter sich (im Wesentlichen) gegenseitig Ausschließenden, heißt, den eigenen Absolutheitsanspruch aufgeben, die GEGNER und ihre GEGNERSCHAFT nicht mehr als solche betrachten und nicht mehr als solche behandeln und die eigene Position, das eigene Bekenntnis, den eigenen Glauben nicht mehr ohne Schwächung, ohne Relativierung, ohne Verfälschung und Verrat vertreten und leben (wollen). „Religionen“, die CHRISTUS und Sein Zeugnis und Seine Lehre und Sein Wirken und Sein Werk ausdrücklich bekämpfen, die Seinen GOTTHEITS-ANSPRUCH und damit das Wesentliche, das Entscheidende an Ihm verurteilen, sind FEINDE, ja ERZFEINDE GOTTES. Und mit solchen kann ein GOTTGLÄUBIGER nicht „Freundschaft und Brüderlichkeit“ unterhalten. Die gott-feindlichen Religionen führen KRIEG gegen GOTT. Und Gott kann deshalb auch „die große Gabe des Friedens“ der Welt nicht „durch das Gebet ALLER ‚Gläubigen‘ schenken“, sind doch die „Gläubigen“ der gottfeindlichen Religionen in Wirklichkeit und Wahrheit UN-Gläubige. Es ist deshalb eine Utopie zu meinen, die Menschen „der Religionen“ könnten zusammen/miteinander „eine menschlichere Welt aufbauen“. Denn „eine Welt ohne (HEILIGEN) Geist ist niemals menschlich“ und kann niemals menschlich werden. So ist es denn absolut nicht „absurd und eine Gotteslästerung“, „wenn man im Namen Gottes vom Krieg spricht“. Seit dem Engelssturz herrscht Krieg auf dieser Erde. Zwischen den guten und den bösen Geistern, den unsichtbaren und den sichtbaren. Der Krieg der guten Geister ist immer heilig. Der Krieg der bösen Geister ist immer unheilig. Und gar unheilig wäre der Friede zwischen den guten und den bösen Geistern.

Immer wieder sind es notorischerweise ausgerechnet „christliche“ Politiker und „christliche“ Kirchenmänner, die den Islam fördern statt, wie es ihre heiligste Pflicht vor Gott wäre, ihn mit allen legitimen Mitteln zu bekämpfen. Der „christlich-islamische Dialog“, so wie er seit rund 50 Jahren namentlich von der katholischen Kirche (und deswegen auch von den christlichen Politikern) betrieben wird, ist, allem oberflächlichen Anschein zum Trotz, für das Christentum nicht nur unfruchtbar, sondern geradezu kontraproduktiv, also schädlich. Es ist völlig, ja unfassbar naiv zu glauben, man könne den Islam nach säkularen Maßstäben (durch Dialog) reformieren. Sogenannt „gemäßigte“, „anpassungswillige“, „friedfertige“, „grundgesetz“- und „verfassungs“-kompatible Muslime wird man immer finden, vor allem in den Reihen der Imame. Solange der Islam in unseren (vormals christlichen) Staaten in der Minderheit (oder einfach noch zu wenig einflussreich) ist, verhält er sich in aller Regel wie ein Chamäleon. Er passt sich weitestgehend der Umgebung an. Aber aufmerksame Beobachter und Kenner der „Szene“, erkennen und wissen, was da gespielt, vorgetäuscht wird. Gerade auf höchster (Vatikan) und hoher Ebene (z. B. Universitäten) werden diese wie Pilze aus dem Boden sprießenden „Zentren“ des dialogischen Austausches von islamischer Seite missbraucht, um die christlichen Dialogpartner letztlich von der Ungefährlichkeit, Toleranz, ja gar Vorzüglichkeit des Islams gegenüber dem Christentum zu überzeugen. Jedenfalls wird in solchen Gremien und Foren und Organisationen von seiten der Muslime nie das wahre Bild des Islams vermittelt, sondern ein taktisch heuchlerisch geschöntes! Diejenigen, die dann bei solchen Veranstaltungen, Vorträgen und Tagungen das Christentum vertreten, sind zumeist auch nicht die Geeigneten, um den ganzen, ungeschmälerten christlichen Glauben gegen die Irrlehre(n) des Islams effektiv zu verteidigen und die Muslime von ihrem Unheilsweg abzubringen. Dazu fehlt ihnen schon die Grund-Intention. Sie wollen die Muslime ja nicht missionieren, nicht zu Christus bekehren!

Nicht Un-Glaube und nicht Gleichgültigkeit dem Glauben gegenüber und nicht Säkularismus (also Trennung von Religion und Staat) bilden die größte Gefahr für das Christentum, sondern der Islam als Welt-Religion, der sich an die Stelle der einzig wahren Religion, das Christentum, setzen will und weitgehend schon setzt. Der Islam versteht sich (angemaßterweise) als die allein wahre Gottes-Religion. Das Christentum ist für ihn, den Islam, eine von Menschen total gefälschte, korrumpierte, nicht von Gott „herabgesandte“ Religion, die es mit allen Mitteln zu bekämpfen und auszurotten gilt. Menschen, die nicht glauben und nicht beten, beeinflussen die Christen zwar immer auch negativ, zugegeben, aber eine wirkliche, echte, große Gefahr für sie sind sie nicht. Irrgläubige aber wie die Muslime haben Kohärenz, bilden eine weltumspannende Gemeinschaft, und zwar eine militante, jederzeit fanatisierbare. Eine ähnlich große Gefahr für das Christentum ging immer auch schon vom nachchristlichen Judentum aus, aber auf andere Weise. Sowohl der Islam wie auch das Judentum sind äußerst gefährliche Gegen-„Religionen“ zum Christentum. Islam und Judentum schließen sich ebenfalls gegenseitig aus. Aber sie können sich durchaus vereinigen, bzw. zusammenwirken, mit dem Ziel der Zerstörung des Christentums. Muslime und Juden wollen selbstverständlich auch „Glaubende an Gott“ und „betende Menschen“ sein. Das haben sie mit den Christen gemein. Die Herausforderung an alle ist also nicht, dass man an Gott glaubt und betet, sondern dass man an den einzig wahren Gott glaubt und zum einzig wahren Gott betet! Und dieser ist der christliche, der DREIFALIGE, der DREIPERSÖNLICHE, VATER – SOHN – HEILIGER GEIST, und ER ALLEIN!

Wer WAS glaubt, ist wichtig. Des einen Glaube ist des andern Unglaube. Des Christen Glaube ist des Muslims verdammenswürdiger Irrglaube – und umgekehrt! Echter, tiefer, treuer Glaube kann nicht einhergehen mit „Respekt“, mit „Hochachtung“ für den Gegen-Glauben oder Un-Glauben. (Wenn schon, dann nur mit Respekt und Hochachtung für die Würde des irrenden Menschen.) Ist aber auch nicht vereinbar mit dem Begriff „Religionsfreiheit“, wie er seit dem 2. Vatikanum verstanden wird. Wahrer, gelebter christlicher Glaube erfordert Predigt, Mission und nicht Dialog. Der interreligiöse Dialog, wie er heute weltweit praktiziert wird, führt zu nichts anderem als zur Nivellierung der Wahrheit mit der Unwahrheit, zum Relativismus, Irenismus, Synkretismus, zur „Schmelztiegel-Religion“! Auch unter den „Christen“ gibt es gravierende Glaubensunterschiede, die es verunmöglichen, „gemeinsam ihren Glauben zu verkünden“! Und wenn man es dann eben trotzdem tut, dann nur unter Verschweigung, Abschwächung, Ausblendung und damit Leugnung und Verleugnung des wesentlich Katholischen. Was wäre wohl aus der katholischen Kirche geworden, wenn unsere heiligen Glaubensverkünder wie die Apostel und ihre Jünger, wie Franz Xaver, Antonius von Padua, Petrus Kanisius, Ludwig Maria Grignion von Montfort und Tausende mehr, auf Dialog-Weise missioniert hätten?!

Paul Otto Schenker

Ökumenische Eucharistiefeier – ein Gedanke von epochaler Dummheit

15 Juli 2019, 12:00
Eine „Ökumenische Eucharistiefeier“ fantasierte die deutsche Obernonne herbei, so könnte eine polemische Schlagzeile lauten. Doch was nützt die Polemik? Eine nüchterne Untersuchung einer blöden Idee. Ein Montagskick von Peter Winnemöller

Linz (kath.net)
Die Vorsitzende der Deutschen Ordensobernkonferenz (DOK), Sr. Katharina Kluitmann OSF, forderte bei der internationalen Tagung „Ottmaringer Tage“ eine ökumenische Eucharistiefeier. Unterstützt wurde sie von Pater Alois Schlachter (55), von Orden der Missionare vom Kostbaren Blut. Dieser unterstellte Papst Franziskus die Aufforderung, das Thema ökumenische Eucharistie als eigene Gewissensentscheidung anzugehen. Dies werde, so der Pater, zunehmend gelebt. Viel dreister kann man sich kaum verbal an der Allerheiligsten Sakrament des Altares verbal vergehen. Den Papst hierin zu, Zeugen anzurufen, macht es noch mal einen Zacken schärfer.

Bevor nun unmittelbar Schnappatmung einsetzt, bitte zurücklehnen und entspannt der Vernunft die Bahn ebnen. Man sollte sich unbedingt klar machen, dass die Einheit der Kirche ein so enorm hohes Gut ist, dass man gar nicht genug dafür tun kann. Jeder Einsatz dafür ist gerade gut genug. In der römischen Kurie gibt es einen Rat, der angesichts der zerspaltenen Christenheit für nichts anderes als für die Arbeit an der Einheit der Christen tätig ist. Diese Aufgabe ist kleinteilig, sie erfordert unsäglich viel Geduld und Einfühlungsvermögen.

Der Präsident dieses Rates, Kurt Kardinal Koch, gehört zu den klügsten, fleißigsten und geduldigsten Menschen, die zur Zeit auf unserer Erde leben. Der Kardinal versteht kenntnisreich über die verschiedenen christlichen Denominationen zu berichten. Man arbeitet sich verständnisvoll in Lehren, Traditionen und Vorstellungen anderer Christen ein. Es ist eine unglaubliche Kärrnerarbeit, mit jeder einzelnen dieser Gruppierungen so im Gespräch zu bleiben, dass der Faden nie abreißt, der Gesprächspartner nie überfordert wird, aber die Kirche ihre Gesprächspartner in anderen Kirchen und christlichen Gemeinschaften trotzdem niemals über die Wahrheit im unklaren lässt.

Hinsichtlich der Eucharistie glaubt die Kirche an die Realpräsenz Christi in den gewandelten Gaben von Brot und Wein, deren Substanz sich unter den Wandlungsworten des geweihten Priesters in Leib und Blut Christi wandelt. Dabei ist auch Amt in der Kirche ein Sakrament und es verlangt die volle Einheit. Diese ist die Einheit mit dem eigenen Bischof, der gemeinsam mit seinen bischöflichen Mitbrüdern in Einheit mit dem Bischof von Rom, dem Papst steht. Es ist kompliziert. Und es ist im Grunde so einfach.

Die Spaltungen unter den Christen haben vielfältige Formen und Geschichten. Immer ist es ein Abweichen von der Wahrheit in ihrer ganzen Fülle. Und diese Abweichungen verhindern, gemeinsam miteinander Eucharistie feiern zu können. Die allermeisten Ostkirchen sind uns theologisch so nahe, dass es kaum einen Grund gäbe, nicht miteinander die Eucharistie zu feiern. Der Ritus der Liturgie, im Osten die Hl. Basilius im Westen die des Hl. Gregorius, stellt kein Hindernis dar. Das wissen wir aus den unierten Ostkirchen, die in voller Einheit mit uns stehen und dennoch den ostkirchlichen Ritus feiern.

Es sind oft nur winzige Detailfragen, in denen man sich mikrometerweise annähert. Es sind kleine Gesten, die das Gespräch am Laufen halten. Und es sind kleine Einigungen, die die Gläubigen näher zueinander bringen. Und es gehört viel Gebet dazu. Für diesen Einsatz gehört sowohl Kardinal Koch als auch seinen oft genug nicht minder geduldigen Gesprächspartnern in den christlichen Kirchen und Gemeinschaften jedes Lob ausgesprochen und jedes nur eben mögliche Gebet zugesagt. Wie demütig und hoffnungsfroh ist dieses geduldige Wirken für die Einheit.

Wie dumm und dreist ist im Gegensatz dazu jene plumpe und übergriffige Forderung nach einer „ökumenischen Eucharistiefeier“, die eine deutsche Nonne in die Welt setzt? Was soll das sein? Werden die Gaben so halbgewandelt. Brot ja, Wein nein? Reicht ein ordinierter evangelischer Geistlicher oder muss es doch ein sakramental geweihter sein? Mit ihrer denkbar dummen Aussage stellte sich die Ordensfrau ein sehr schlechtes Zeugnis aus. Ökumenische Eucharistie, das bedeute, ergänzt die Schwester, dass wir in Sachen Eucharistie nicht darauf warten könnten, bis diese Zeichen einer vollkommenen Einheit sei, von der sie in der Tat behauptete, dass es diese auch innerkatholisch nicht gebe. Richtig sind in diesem Satz gerade mal die Satzzeichen. Denn in der Kirche ist die Eucharistie das stärkste und wichtigste Zeichen der vollen Einheit. Einer Einheit, aus der heraus sich Sr. Katharina gerade in bester deutscher Manier in den Orbit des Protestantismus geschossen hat. Sie ist dort nicht allein.

Ganz sicher wird die Ordensfunktionärin mit dieser Haltung auch nicht allein in den deutschen Orden stehen. Man mache sich da keine Illusionen. Doch kann man auch hoffen, dass es noch genügend Ordensleute gibt, die einen solchen Populismus der Dekonstruktion der Eucharistie nicht mitmachen und vernehmbar protestieren. Es wäre zudem noch Sache der Ordens- und der Glaubenskongregation, diese von Sr. Katharina öffentlich geäußerten Thesen zu untersuchen und sie ggf. zum Widerruf aufzufordern, denn immerhin ist so ein Satz einer in Deutschland führenden Ordensfunktionärin durchaus geeignet, eine Menge Verwirrung hervorzurufen. Wie sagte kürzlich ein Kardinal der römischen Kirche, der zugleich auch ein deutscher Bischof ist? Wir erleben in der Kirche einen epochalen Wandel. Wenn Ordensfrauen über die Eucharistie einen solchen Unsinn verbreiten, das ist in der Tat ein Wandel von epochaler Bedeutung. Es beschleicht einen die üble Vermutung, dass das Ende der Fahnenstange epochalen Wandels noch lange nicht erreicht ist.

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Quelle

Wortlaut: Papstrede bei ökumenischem Treffen in Tallinn

Das ökumenische Jugendtreffen in der Karlskirche von Tallinn (AFP or licensors)

Vatican News dokumentiert die Ansprache, die Papst Franziskus am Dienstag bei einem ökumenischen Treffen mit Jugendlichen in der evangelisch-lutherischen Karlskirche von Tallinn/Estland gehalten hat, in vollem Wortlaut und offizieller deutscher Übersetzung.

„Liebe junge Freunde,

danke für euren herzlichen Empfang, für euren Gesang und für die Zeugnisse von Lisbel, Tauri und Mirko. Ich danke dem Erzbischof der Estnischen Evangelisch-Lutherischen Kirche Urmas Viilma für seine freundlichen Worte. Ebenso danke ich dem Vorsitzenden des Rates der Kirchen Estlands Erzbischof Andres Põder, dem Apostolischen Administrator von Estland Bischof Philippe Jourdan und den anderen Vertretern der verschiedenen christlichen Konfessionen des Landes für ihre Anwesenheit.

„Ohne Argwohn, ohne Misstrauen“

Es ist immer schön zusammenzukommen, Lebenszeugnisse auszutauschen, zum Ausdruck zu bringen, was wir denken und wollen; und es ist sehr schön, dass wir zusammen sind, die wir an Jesus Christus glauben. Diese Treffen verwirklichen den Traum Jesu beim Letzten Abendmahl: »Alle sollen eins sein […] damit die Welt glaubt« (Joh 17,21). Wenn wir uns bemühen, uns als Pilger zu sehen, die den Weg gemeinsam gehen, werden wir lernen, dem Weggefährten vertrauensvoll unser Herz zu öffnen, ohne Argwohn, ohne Misstrauen, indem wir nur auf das schauen, was wir wirklich suchen: Frieden vor dem Angesicht des einen Gottes. Und wie der Frieden eine handwerkliche Kunst ist, so ist das Vertrauen in die anderen auch etwas Handwerkliches und Quelle des Glücks: »Selig, die Frieden stiften« (Mt 5,9).

Das große Gemälde in der Apsis dieser Kirche wird von einem Satz aus dem Matthäusevangelium umrahmt: »Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken« (Mt 11,28). Ihr jungen Christen, ihr könnt euch mit einigen Elementen dieser Evangelienstelle identifizieren. In den Erzählungen davor sagt uns Matthäus, dass Jesus gerade enttäuschende Erfahrungen sammelt. Zuerst beklagt er sich, denn es scheint, dass denen, an die er sich wendet, nichts passt (vgl. Mt 11,16-19). Euch Jugendlichen passiert es oft, dass die Erwachsenen um euch herum nicht wissen, was sie von euch wollen oder sich von euch erwarten; oder manchmal, wenn sie euch ganz fröhlich sehen, sind sie argwöhnisch; und wenn sie euch traurig sehen, relativieren sie einfach, was euch geschieht. Bei der Konsultation im Vorfeld der Synode, die wir in Kürze feiern und bei der wir über die Jugendlichen nachdenken werden, haben viele von euch gebeten, dass euch jemand begleitet und versteht, ohne zu urteilen, und euch zuzuhören weiß als auch auf eure Fragen zu antworten (vgl. Jugendsynode, Instrumentum laboris, 132).

„Wir wollen mit euch weinen, wenn ihr weint…“

Unsere christlichen Kirchen – und ich wage zu sagen alle institutionell gegliederten religiösen Gemeinschaften – legen in ihrem Tun zuweilen Haltungen an den Tag, denen zufolge es leichter fiel zu reden, zu raten, unsere Erfahrung anzubieten, als zuzuhören und sich von dem, was ihr erlebt, anfragen und erleuchten zu lassen. Wir wissen, dass ihr »Begleitung« wollt und erwartet, und zwar »nicht durch einen unbeugsamen Richter und auch nicht durch ängstliche Eltern, deren übermäßiger Beschützerinstinkt nur Abhängigkeit schafft, sondern durch jemanden, der keine Angst vor der eigenen Schwäche hat und der den Schatz zum Leuchten bringt, den er, ein „zerbrechliches Tongefäß“ (vgl. 2 Kor 4,7), in sich trägt« (ebd., 142). Hier und heute möchte ich euch sagen: Wir wollen mit euch weinen, wenn ihr weint, eure Freuden mit unserem Applaus und Lachen begleiten und euch helfen, die Nachfolge des Herrn zu leben.

Jesus klagt auch über die Städte, die er besucht hat, in denen er mehr Wunder gewirkt hat und denen er größere Gesten der Zuneigung und Nähe gezeigt hat; er beklagt ihr fehlendes Gespür zu bemerken, dass sein Angebot der Änderung dringend war und nicht warten konnte. Er geht sogar so weit zu sagen, sie seien starrsinniger und blinder als Sodom (vgl. Mt 11.20-24). Und wenn wir Erwachsene uns einer Realität verschließen, die bereits Fakt ist, sagt ihr uns freimütig: „Seht ihr es nicht?“ Und einige mutigere wagen es zu sagen: „Bemerkt ihr nicht, dass euch niemand mehr zuhört, noch euch glaubt?“

„Viele sind empört über sexuelle und finanzielle Skandale“

Es ist in der Tat notwendig, dass wir uns bekehren und entdecken, dass wir, um an eurer Seite zu sein, viele Situationen ändern müssen, die euch letztendlich entfernen. Wir wissen – wie ihr uns gesagt habt –, dass viele Jugendliche gar nichts von uns verlangen, weil sie die Kirche nicht als einen für ihr Leben bedeutsamen Gesprächspartner wahrnehmen. Ganz im Gegenteil, manche wollen ausdrücklich in Ruhe gelassen werden, denn sie empfinden die Präsenz der Kirche als lästig, ja unangenehm. Sie sind empört über die Skandale sexueller und finanzieller Art, denen gegenüber sie keine klare Verurteilung sehen; über das fehlende angemessene Gespür für das Leben und die Sensibilität der Jugendlichen aufgrund mangelnder Vorbereitung; oder einfach über die passive Rolle, die wir ihnen zuweisen (vgl. Jugendsynode, Instrumentum laboris, 66). Dies sind einige eurer Anliegen. Wir wollen ihnen entsprechen, wir wollen, wie ihr selbst sagt, »als Gemeinschaft transparent, offen, ehrlich, einladend, kommunikativ, zugänglich, freudig und interaktiv« sein (ebd., 67).

Bevor Jesus zu dem Wort im Evangelium kommt, das über diesem Kirchenraum steht, setzt er mit einem Lobpreis an den Vater an. Er tut dies, weil er merkt, dass diejenigen, die es erfasst haben – die das Herz seiner Botschaft und seiner Person verstehen –, die Kleinen sind. Wenn ich euch hier versammelt so singen sehe, vereine ich mich mit der Stimme Jesu und bin erstaunt, weil ihr trotz unseres mangelnden Zeugnisses Jesus weiter inmitten unserer Gemeinden entdeckt. Denn wir wissen: Wo Jesus ist, da gibt es immer Erneuerung, da gibt es immer Gelegenheit umzukehren, all das hinter sich zu lassen, was uns von ihm und von unseren Brüdern und Schwestern trennt. Wo Jesus ist, hat das Leben immer den Geschmack des Heiligen Geistes. Hier und heute seid ihr die Aktualisierung dieser Verwunderung Jesu.

„Jesus trägt, was uns niederdrückt“

Also nun, sagen wir noch einmal: »Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken« (Mt 11,28). Aber sagen wir es in der Überzeugung, dass über unsere Grenzen und Spaltungen hinaus Jesus weiter der Grund ist, warum wir hier sind. Wir wissen, nichts erleichtert so sehr als zuzulassen, dass Jesus trägt, was uns niederdrückt. Wir wissen auch, dass es viele gibt, die ihn noch nicht kennen und in Traurigkeit und Verwirrung leben. Eine eurer berühmten Sängerinnen sagte vor ungefähr zehn Jahren in einem ihrer Lieder: „Die Liebe ist tot, die Liebe ist dahin, die Liebe lebt hier nicht mehr“ (Kerli Kõiv, Love is dead). Und viele sind es, die diese Erfahrung machen: Sie sehen, wie die Liebe ihrer Eltern aufhört, wie die Liebe von eben erst verheirateten Paaren vergeht; sie spüren einen inneren Schmerz, wenn es niemanden interessiert, dass sie auswandern müssen auf der Suche nach Arbeit, oder wenn man argwöhnisch angeschaut wird, weil man fremd ist. Es scheint, die Liebe sei tot, aber wir wissen, dass dem nicht so ist. Wir haben ein Wort zu sagen, etwas zu verkünden, und zwar mit wenigen Reden und vielen Taten. Denn ihr seid eine Generation der Bilder und der Aktion, die über Spekulation und Theorie hinausgehen.

Und so gefällt es Jesus; denn er kam, dass Gute zu tun, und als er starb, hat er den Worten das starke Zeichen des Kreuzes vorgezogen. Uns eint der Glaube an Jesus, und er wartet darauf, dass wir ihn zu allen Jugendlichen bringen, die den Sinn ihres Lebens verloren haben. Nehmen wir gemeinsam diese Neuheit auf, die Gott in unser Leben trägt, jene Neuheit, die uns antreibt, immer wieder neu aufzubrechen, um dorthin zu gehen, wo die Menschheit am meisten verletzt ist. Dorthin, wo die Menschen jenseits des Anscheins der Oberflächlichkeit und des Konformismus weiter eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn ihres Lebens suchen. Wir gehen jedoch nie allein: Gott geht mit uns; er hat keine Angst vor den Rändern, im Gegenteil, er selbst hat sich zum „Rand“ gemacht (vgl. Phil 2,6-8; Joh 1,14). Wenn wir den Mut haben, aus uns selbst hinauszugehen und an die Ränder zu gehen, werden wir ihn dort antreffen, denn Jesus kommt uns zuvor im Leben der Brüder und Schwestern, die leiden und weggeworfen werden. Er ist schon dort (vgl. Apostolisches Schreiben Gaudete et exsultate, 135).

„Die Liebe ist nicht tot“

Die Liebe ist nicht tot, sie ruft und sendet uns. Bitten wir um die apostolische Kraft, anderen das Evangelium zu bringen und es zu unterlassen, aus unserem christlichen Leben ein Museum voller Andenken zu machen. Lassen wir zu, dass der Heilige Geist bewirkt, dass wir die Geschichte unter dem Vorzeichen des auferstandenen Jesus betrachten. Auf diese Weise wird die Kirche fähig sein, vorwärtszugehen und dabei die Überraschungen des Herrn bei sich aufzunehmen (vgl. ebd., 139). So wird sie ihre Jugendlichkeit wiedergewinnen, die Freude und die Schönheit der Braut, die dem Herrn entgegengeht.“

(vatican news)

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Die theologische Verbindlichkeit des Ökumenismusdekrets des II. Vatikanums

PÄPSTLICHER RAT ZUR FÖRDERUNG DER EINHEIT DER CHRISTEN

Die theologische Verbindlichkeit des Ökumenismusdekrets
des II. Vatikanischen Konzils »Unitatis redintegratio«

 

Die ökumenische Bewegung, welche das II. Vatikanische Konzil in dem Dekret Unitatis redintegratio als Zeichen der Wirksamkeit des Heiligen Geistes anerkannt und die zu fördern es als eine seiner Hauptaufgaben bezeichnet hat (UR 1;4), befindet sich heute, 40 Jahre später, in einer veränderten Situation. Neben bedeutenden Fortschritten zeigt sich das Gewicht alter wie auch neuer Unterschiede; der Prozeß der Annäherung dauert offensichtlich länger, als viele in einer ersten optimistischen Phase meinten. In dieser Situation gibt es ungeduldige Stimmen und Strömungen, welche – entgegen der erklärten Absicht des Konzils (UR 11) – um vermeintlicher Lösungen willen die Probleme überspringen und die ökumenische Bewegung im Sinn eines dogmatischen Relativismus, Indifferentismus oder eines reinen Pragmatismus mißdeuten.

Beides, die Schwierigkeiten wie die Mißverständnisse, führen manchmal dazu, der ökumenischen Bewegung mit Mißtrauen zu begegnen. Dabei wird neuerdings öfters die theologische Verbindlichkeit des Konzilsdekrets Unitatis redintegratio in Frage gestellt. Als Argument wird angeführt, es handle sich bei diesem Dokument nicht um eine dogmatische Konstitution, sondern »nur« um ein Dekret, das keine, bestenfalls eine sehr geringe lehrhafte Verbindlichkeit besitzt und lediglich pastorale und disziplinäre Bedeutung hat.

I. Diese These, die auf den ersten Blick einleuchtend erscheint, ist es bei genauerer Betrachtungsweise keineswegs. Jedenfalls läßt sie sich nicht allein aus dem Sprachgebrauch ableiten. Das geht schon allein daraus hervor, daß das Konzil von Trient nur Dekrete, aber unter dem Titel Dekrete dogmatisch höchst bedeutende und verbindliche Dokumente verabschiedet hat. Im Unterschied zum Trienter Konzil unterscheidet das II. Vatikanische Konzil zwischen Konstitutionen und Dekreten; doch das Konzil hat diese Unterscheidung nicht erklärt, jedenfalls nicht in einer Weise, welche die genannte These unmittelbar rechtfertigen würde.

Die Erklärungen, welche Papst Paul VI. bei der feierlichen Promulgation von Unitatis redintegratio abgegeben hat, weisen in eine andere Richtung. Bereits zu Beginn der 2. Sitzungsperiode hat der Papst in seiner grundsätzlichen Eröffnungsrede erklärt, die ökumenische Annäherung sei eines der Ziele, gleichsam das geistliche Drama, um dessentwillen das Konzil einberufen wurde. (1) Folgt man dieser Aussage, dann sind alle Konzilstexte in einer ökumenischen Perspektive zu lesen. Bei der Promulgation des Ökumenismusdekrets, welche am Schluß der 3. Sitzungsperiode (zusammen mit der Dogmatischen Konstitution über die Kirche) geschah, stellte Papst Paul VI. ausdrücklich fest, daß dieses Dekret die Kirchenkonstitution erläutert und vervollständigt: »ea doctrina explicationibus completa.« (2) Er hat das Dekret also nicht theologisch deklassiert, sondern es in seiner theologischen Bedeutung ausdrücklich der Kirchenkonstitution beigeordnet. Schließlich hat er in seiner Schlußansprache am 8. Dezember 1965 in Übereinstimmung mit der Eröffnungsrede von Papst Johannes XXIII. (3) erklärt, das Konzil insgesamt, also auch die dogmatischen Konstitutionen, seien pastoral ausgerichtet. Dabei ließ er keinen Zweifel daran aufkommen, daß diese pastorale Orientierung lehrhafte Aussagen nicht etwa ausschließt oder relativiert, sondern im Gegenteil die Lehre der Kirche zur festen Grundlage hat. (4)

In der Tat, es gibt keine Pastoral, die diesen Namen verdient, ohne Grundlage in der Lehre der Kirche, aber es gibt auch keine kirchliche Lehre, welche eine bloße Doktrin ohne pastorale Zielsetzung wäre. Schon das I. Vatikanische Konzil hatte erklärt, die kirchliche Lehre sei im Blick auf das letzte Ziel des Menschen zu interpretieren (DH 3016). So wie die Pastoral sich an der kirchlichen Lehre zu orientieren hat, so muß die kirchliche Lehre auf den Menschen und sein Ziel hin, und das heißt pastoral, interpretiert werden. Der Gesichtspunkt der »salus animarum« als »suprema lex« ist darum nicht nur ein grundlegendes Interpretationsprinzip des kirchlichen Rechts (CIC 1752), sondern auch der kirchlichen Lehre.

Daraus ergeben sich wichtige Gesichtspunkte für die Konzilshermeneutik: So wie Unitatis redintegratio nicht von Lumen gentium losgelöst und im Sinn eines dogmatischen Relativismus und Indifferentismus interpretiert werden darf, so zeigt Unitatis redintegratio, in welcher Richtung die in vieler Hinsicht offenen Aussagen von Lumen gentium gedeutet werden müssen, nämlich in Richtung auf eine theologisch verantwortete ökumenische Öffnung. Der Gegensatz zwischen lehrhafter und pastoraler bzw. disziplinärer Verbindlichkeit besteht also nicht. Eine theologische Degradierung des Ökumenismusdekrets würde vielmehr der ökumenischen Gesamtabsicht des II. Vatikanischen Konzils zuwiderlaufen.

II. Mit der Abweisung einer pauschalen theologischen Degradierung von Unitatis redintegratio ist das Problem freilich keineswegs erledigt. Im Gegenteil, die Aufgabe der rechten Auslegung dieses Dekrets fängt damit erst an. Daß es sich dabei nur um eine differenzierte und abgestufte Verbindlichkeit handeln kann, ergibt sich bereits aus der Antwort, welche die Theologische Kommission am Ende der Debatte über die Kirchenkonstitution auf die Frage nach deren theologischer Verbindlichkeit gab:

»Ein Text des Konzils ist selbstverständlich immer nach den allgemeinen, allseits bekannten Regeln auszulegen.« Das bedeutet, daß die Aussagen des Konzils anzunehmen und festzuhalten sind »entsprechend der Absicht der Heiligen Synode selbst, wie sie nach den Grundsätzen der theologischen Interpretation aus dem behandelten Gegenstand oder aus der Aussageweise sich ergibt«. (5)

In der Sache auf dasselbe Ergebnis lief die ausführliche Konzilsdebatte über den Titel der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes hinaus. In dieser Debatte wurde der Begriff »pastoral« und seine theologische Bedeutung ausführlich erörtert. Als Ergebnis stellt eine Anmerkung zu diesem Titel ausdrücklich fest: »Sie (d. i. die Pastoralkonstitution) wird ›pastoral‹ genannt, weil sie, gestützt auf Prinzipien der Lehre, das Verhältnis der Kirche zur Welt von heute darzustellen beabsichtigt. So fehlt weder im ersten Teil die pastorale Zielsetzung noch im zweiten Teil die lehrhafte Zielsetzung, obwohl dieser Teil ›nicht nur unwandelbare, sondern auch geschichtlich bedingte Elemente enthält‹«. Zusammenfassend wird festgestellt: »Die Konstitution ist also nach den allgemeinen theologischen Interpretationsregeln zu deuten.« (6)

Eine ähnliche, wenngleich weniger ausführliche Debatte wie bei Gaudium et spes wurde anläßlich der Diskussion von Unitatis redintegratio geführt. Das Ergebnis war in der Sache wiederum dasselbe. Bezeichnenderweise hat sich das Konzil, eben um einen falschen Irenismus und einen bloßen ökumenischen Pragmatismus zu vermeiden, nicht dem Vorschlag einiger Konzilsväter angeschlossen, alles Theologische aus dem Text zu entfernen. (7)

Das Konzil wollte also festhalten, daß die pastoralen Aussagen auf dogmatischen Prinzipien beruhen und daß andererseits die pastoralen Aussagen die dogmatischen Prinzipien auf die konkrete historische Situationen beziehen. Da die historischen Situationen und deren Beurteilung ihrer Natur nach kontingent und wandelbar sind, können historische Aussagen gemäß den theologischen Interpretationsregeln keinen theologisch verbindlichen Charakter haben, was aber die theologische Bedeutung der lehrhaften Elemente dieser Aussagen nicht beeinträchtigt.

Leider ist – wie nicht zuletzt die Auseinandersetzung um die theologische Verbindlichkeit von Unitatis redintegratio zeigt – die Kenntnis der theologischen Interpretationsregeln und die Lehre von den theologischen Qualifikationen in der Nachkonzilszeit allzu sehr in Vergessenheit geraten.8 Sie verdient es, wieder aufgenommen zu werden. Das II. Vatikanum hat in Lumen gentium dazu seinen Beitrag geleistet, indem es die unfehlbaren Äußerungen und das authentische Lehramt unterschieden und erklärt hat, die Verbindlichkeit des letzteren sei »aus der Art der Dokumente, der Häufigkeit der Vorlage ein und derselben Lehre und der Sprechweise« zu erkennen (LG 25).

Diese Unterscheidungen sind in Anschlag zu bringen, wenn es um die theologische Verbindlichkeit von Unitatis redintegratio geht. Die Frage ist also nicht einfach: Ist dieser Konzilstext theologisch verbindlich – ja oder nein; es gilt vielmehr die unterschiedlichen Weisen und die unterschiedlichen Grade der Verbindlichkeit innerhalb des Dokuments zu unterscheiden und diese jeweils konkret zu eruieren.

Geschieht dies, dann ist schwerlich zu bestreiten, daß das erste Kapitel von Unitatis redintegratio, in dem die »katholischen Prinzipien des Ökumenismus« dargelegt werden, theologisch verbindliche Aussagen enthält, welche die entsprechenden Aussagen von Lumen gentium entweder zusammenfassen oder weiter ausführen. Ausdrückliche Zitationen dogmatischer Aussagen früherer Konzilien (IV. Laterankonzil, II. Konzil von Lyon, Konzil von Florenz, I. Vatikanisches Konzil) bestätigen, daß es um theologisch verbindliche, wenngleich nicht in jedem Fall um letztverbindliche unfehlbare Aussagen geht. Dagegen finden sich vor allem im dritten Kapitel über die »vom römischen und apostolischen Stuhl getrennten Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften « historische Aussagen, die ihrer Natur nach nicht theologisch verbindlich sein können. Doch auch in diesem Teil finden sich Aussagen, welche keinen Zweifel daran lassen, daß sie verbindlich gemeint sind. So heißt es etwa: »So erklärt das Heilige Konzil feierlich« (UR 16), »dieses Heilige Konzil erklärt« (UR17), »im Hinblick auf all dies erneuert das Heilige Konzil feierlich« (UR 18). Das sind Formulierungen, welche entsprechenden Formulierungen von Lumen gentium in nichts nachstehen.

Die Hermeneutik von Unitatis redintegratio und die Beurteilung der theologischen Verbindlichkeit dieses Dokuments kann also nicht pauschal, sondern nur differenziert erfolgen. Dies in jedem Einzelfall zu leisten ist ein mühsames Geschäft, von dem man sich aber nicht mit pauschalen Urteilen dispensieren darf.

III. Die Auslegung von Unitatis redintegratio kann nicht bei der Feststellung des jeweiligen Verbindlichkeitsgrades der einzelnen Aussagen stehenbleiben. Nach der Feststellung der formalen Verbindlichkeit geht es um die inhaltliche Interpretation. Auch dafür gibt es Regeln; sie gelten selbstverständlich auch für die ökumenische Theologie. Es würde zu weit führen und eine ganze theologische Methodologie erfordern, wollte man sie hier im einzelnen behandeln. Nur drei solcher Regeln sollen kurz angedeutet werden. (9)

Erstens: Grundlegend ist die historische Interpretation. Die Regel, nach der man nicht einen vagen Geist des Konzils beschwören kann, sondern vom Wortlaut der Aussagen ausgehen muß, bedeutet zugleich, daß man auf die jeweilige Aussageabsicht des Konzils achten muß. Diese ergibt sich vor allem aus dem Studium der Akten des Konzils. Außerdem darf man die einzelnen Aussagen nicht isoliert betrachten. Es genügt nicht die positivistische Zitation einzelner Sätze oder gar aus dem Zusammenhang gerissener Halbsätze. (10) Man muß die einzelnen Aussagen im Kontext aller Konzilsdokumente und im Zusammenhang aller Mysterien des Glaubens (DH 3016), und d. h. der »Hierarchie der Wahrheiten« (UR 11), interpretieren. Diese historische und systematische Interpretation stellt vor viele historische und hermeneutische Probleme, deren Bearbeitung man sich nicht schenken darf, um sich bequem entweder auf eine rein positivistische Zitation oder auf die fragwürdige Unterscheidung zwischen Geist und Buchstabe des Konzils zurückzuziehen.

Zweitens: Interpretation im Licht der Tradition. Kein Konzil steht in sich; jedes Konzil steht in der Tradition aller Konzilien. Das Dekret Unitatis redintegratio beruft sich auf das Glaubensbekenntnis der Kirche und auf die älteren Konzilien. Es wäre deshalb falsch, das II. Vatikanische Konzil und insbesondere das Ökumenismusdekret als Bruch mit der Tradition zu interpretieren. (11) Das letzte Konzil ist ja nicht zuletzt einem »resourcement«, einem Rückgang auf die Quellen, zu verdanken; es ging ihm um eine kraftvolle Erneuerung der Tradition und in diesem Sinn um ein »aggiornamento« (ein Begriff, welcher sich in den Konzilsdokumenten selbst gar nicht findet). Man muß freilich fragen, was Tradition im theologischen Sinn meint und dabei zwischen der einen Tradition und den vielen Traditionen unterscheiden. (12) Die ökumenische Öffnung des II. Vatikanischen Konzils bedeutet keinen Bruch mit der Tradition im theologischen Sinn des Wortes, aber sehr wohl die beabsichtigte Modifikation einzelner, meist relativ junger Traditionen. So ist es keine Frage, daß das Konzil bewußt über die defensiven und prohibitiven lehramtlichen Aussagen von Papst Pius XI. in Mortalium animos (1928) hinausgeht und in diesem Sinn einen qualitativen Sprung vollzieht. (13) So verstanden sind Tradition und Innovation kein Gegensatz.

Im Verständnis der Tradition hat sich das II. Vatikanische Konzil in der Dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung Dei Verbum das lebendige Traditionsverständnis, wie es von J. A. Möhler und J. H. Newman grundgelegt worden ist, zu eigen gemacht (DV 8). Es hat die Tradition als eine lebendige, vom Heiligen Geist erfüllte Tradition verstanden, d. h. sowohl als Treue zu dem ein für alle Mal hinterlassenen Depositum fidei wie als immer wieder neues Jungwerden in den stets neuen Situationen. Solche im Heiligen Geist geschehende lebendige Interpretation hat mit billiger Anpassung an den Geist der Zeit nichts gemein; im Gegenteil, sie muß sogar oft durch prophetisches Gegenzeugnis zum Geist der Zeit die Tradition aktuell zur Geltung bringen.

Das Konzilsdokument Unitatis redintegratio ist also in der Kontinuität aller Konzilien zu interpretieren; diese Kontinuität aber ist nicht als tote und petrifizierte Größe, sondern als lebendiges Geschehen zu verstehen, in dem uns der Heilige Geist immer wieder neu in die volle Wahrheit einführt (Joh 16,13). Er ist es, der nach Irenäus von Lyon das Depositum fidei jung und taufrisch erhält und das eine und selbe Evangelium nicht als das ewig Gestrige, sondern in seiner unausschöpflichen Neuheit bewahrt. (14)

Drittens: die Bedeutung der Konzilsrezeption. (15) Das Verständnis der Tradition als lebendige Tradition bringt es mit sich, daß sich nicht nur in Unitatis redintegratio, sondern auch in vielen anderen Texten des II. Vatikanischen Konzils, auch in Lumen gentium, oft »nova et vetera« unvermittelt nebeneinander stehen.

Das sieht nach Kompromiß aus. Doch nicht jeder Kompromiß ist ein »fauler Kompromiss«; ein intelligenter Kompromiß kann eine intellektuelle Höchstleistung und Ausdruck großer Weisheit sein, die darin besteht, zwar den Irrtum klar auszuschließen, aber im Augenblick nicht überwindbare innerkirchliche Unterschiede um der Einheit im Wesentlichen willen stehen zu lassen und deren Lösung der künftigen Diskussion und Rezeption zu überlassen. Auch die älteren Konzilien sind – wie jeder Dogmenhistoriker weiß – nicht ohne solche Kompromißformulierungen ausgekommen, was dann jeweils zu einem langwierigen Rezeptionsprozeß geführt hat. Die Konzilien von Nikaia (325) und Chalkedon (451) und ihre Nachgeschichte sind dafür sprechende Beispiele. (16)

Wer Unitatis redintegratio wegen einiger nicht voll »ausgegorener« Formulierungen kritisiert, der sollte sich fragen, was ihm dann bleibt. Denn konsequenter Weise muß er dann auch die dogmatischen Konstitutionen des II. Vatikanischen Konzils und wesentliche Elemente der älteren Konziliengeschichte kritisieren. Konzilsformulierungen sind deshalb bei aller definitiven Abgrenzung vom Irrtum immer auch offene Formulierungen, bei welchen die Definition einen Prozeß lebendiger Rezeption auslöst.

So darf Unitatis redintegratio nicht nur als ein historischer, von seiner Wirkungsgeschichte im nachkonziliaren Rezeptionsprozeß losgelöster Text gelesen werden. (17) Zu dieser Rezeption gehören die vielen lehramtlichen Dokumente, welche die ökumenische Öffnung bestätigt und weitergeführt haben, insbesondere die Enzyklika Ut unum sint (1995). Ebenso gehört dazu die Aufnahme, welche Unitatis redintegratio im Glauben und Leben der Kirche, in der Theologie und in den ökumenischen Dialogen gefunden hat. Zweifellos ist manches noch unausgereift; zu mancher Fehlentwicklung mußte das kirchliche Lehramt, wie es mit der Erklärung Dominus Jesus (2000) geschehen ist, kritisch Stellung beziehen.

Doch auch diese Erklärung darf nicht isoliert werden; sie muß im Licht aller lehramtlichen Dokumente und im Rahmen des gesamten Rezeptionsprozesses interpretiert werden.

Unitatis redintegratio ist also in den vergangenen 40 Jahren vom authentischen kirchlichen Lehramt wie vom »sensus fidelium« rezipiert worden. Dieses Dekret hat in diesen 40 Jahren bei vielen Christen nachhaltig zum Reifen eines ökumenischen Bewußtseins beigetragen. Sicherlich muß man manchem Wildwuchs wehren, nur soll man dabei mit dem Unkraut nicht auch den guten Weizen ausreißen (Mt 13,29). Unitatis redintegratio nachträglich zu degradieren hieße, sich über ein ökumenisches Konzil, über das authentische Lehramt der Kirche, über das vom Heiligen Geist geleitete Leben der Kirche zu stellen, und dem Heiligen Geist zu widerstehen, der diesen Prozeß mit seinen Höhen und Tiefen, seinen Problemen, aber noch viel mehr mit seinen vielen hoffnungsvollen Aspekten angestoßen hat. Wir haben deshalb allen Grund, in der veränderten ökumenischen Situation Unitatis redintegratio in Treue zur kirchlichen Tradition und im Licht der katholischen Prinzipienlehre mit Geduld, aber auch mit Mut und Phantasie in der Theologie wie in der Praxis umzusetzen.

Kard. WALTER KASPER 
Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen


ANMERKUNGEN

1) Ench. Vat. vol. 1, Documenti del Concilio Vaticano II, 104 f.; vgl. schon Papst Johannes XXIII. in seiner Eröffnungsrede, ebd., 48 f.

2) Ebd., 178 f. Hätte der Papst das Dekret nicht auch theologisch ernst genommen, wären seine Interventionen unmittelbar vor der Promulgation nicht verständlich. Vgl. dazu W. Becker in: LThK Erg. Bd. Vat. II, Bd. 2 (1967) 38 f.; Storia del concilio Vaticano II, ed. G. Alberigo, vol. 4, Bologna 1999, 436–446.

3) Ench. Vat., vol. 1, 44 f.

4) Ebd., 284 f.

5) Vgl. die Bekanntmachungen des Generalsekretärs des Konzils vom 16. November 1964, in: LThK Erg. Bd. Vat. II. Bd. 1 (1966) 349 f.

6) Vgl. zur dieser Diskussion den Kommentar von Ch. Moeller in: LThK Erg.Bd. Vat.II, Bd. 3 (1968) 280–282.

7) Vgl. den Kommentar von W. Becker in: LThK Erg. Bd. Vat. II, Bd. 2 (1967) 30; Storia del concilio Vaticano II, ed. G. Alberigo, vol. 3, Bologna 1998, 283 f.; 286.

8) Vgl. den historischen und systematischen Überblick bei L. Scheffczyk, Art. Qualifikationen, in: LThK Bd. 8 (1999) 755–757.

9) Zur Hermeneutik des II. Vatikanischen Konzils vgl. W. Kasper. Die bleibende Herausforderung durch das II. Vatikanische Konzil, in: Theologie und Kirche, Mainz 1987, 290–299; H. J. Pottmeyer, A New Phase in the Reception of Vatican II, in: The Reception of Vatican II, ed. G. Alberigo u.a., Washington DC, 1987, 27–43; zusammenfassend: O. Rush, Still Interpreting Vatican II: Some Hermeneutical Principles (Sidney 2003).

10) Konkretes Beispiel: Wenn es um die Beurteilung der Abendmahlsfeiern der kirchlichen Gemeinschaften reformatorischer Prägung geht, genügt es nicht aus UR 22 nur zu zitieren, daß sie »die ursprüngliche und volle Wirklichkeit (substantia) des eucharistischen Mysteriums nicht bewahrt haben«; man muß auch den gleich folgenden Halbsatz hinzufügen, in dem das Konzil die Bedeutung dieser Feiern positiv zu umschreiben sucht.

11) So mit Recht J. Ratzinger, Rapporto sulla fede, Milano 1985, 33–35.

12) Vgl. Y. Congar, La tradition et les traditions, 2 vol., Paris 1960, 1963.

13) Vgl. Storia del concilio Vaticano II, ed. G. Alberigo, vol. 3, Bologna 1998, 287; 290; vol. 4, Bologna 1999, 504.

14) Irenaeus von Lyon, Adversus haereses III, 17, 1; 24, 1.

15) Vgl. zu diesem in der katholischen Theologie lange Zeit vernachlässigten Thema der Rezeption außer den bekannten und klassisch gewordenen Abhandlungen von A. Grillmeier und Y. Congar vor allem die umfassende Darstellung von G. Routhier, La Réception d’un Concile, Paris 1993. Auf der philosophischen Ebene haben H. G. Gadamer und P. Ricoeur gezeigt, daß die Wirkungsgeschichte eines Textes zu diesem hinzugehört und nicht von ihm abgelöst werden kann.

16) Vgl. M. Seckler, Über den Kompromiß in Sachen der Lehre, in: Im Spannungsfeld von Wissenschaft und Kirche, Freiburg i. Br. 1980, 99–109.

17) Vgl. Il Concilio Vaticano II. Recezione e attualità alla luce del Giubileo, ed. R. Fisichella, Roma 2000, 335–415 mit Beiträgen von E. Fortino, J. Wicks, F. Ocáriz, Y. Spiteris, V. Pfnür.

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L’Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, 5. Dezember 2003, S. 11-12

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Quelle

 

Es gibt keine größere Neuheit als die Vergebung, diese Vergebung, die das Böse zum Guten wandelt.

BESUCH DES HEILIGEN VATERS
BEIM WELTKIRCHENRAT IN GENF
ZU DESSEN 70. GRÜNDUNGSTAG

EUCHARISTIEFEIER

HOMILIE DES HEILIGEN VATERS

Messekomplex Palexpo (Genf)
Donnerstag, 21. Juni 2018

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Vater, Brot, Vergebung. Drei Worte, die uns das heutige Evangelium schenkt. Drei Worte, die uns in die Mitte des Glaubens führen.

»Vater«. So beginnt das Gebet. Es kann sich dann in anderen Worten fortsetzen, aber das erste Wort bleibt immer gegenwärtig, weil das Wort »Vater« der Schlüssel zum Herzen Gottes ist; denn nur wenn wir Vater sagen, beten wir in christlicher Sprache. Beten wir „auf christlich“: nicht zu irgendeinem vagen Gott, sondern zu Gott, der vor allem „Papa“ ist. Jesus hat uns aufgetragen, »Vater unser im Himmel« zu sagen und nicht „Gott des Himmels, der du Vater bist“. Gott ist, bevor er unendlich und ewig ist, zunächst einmal Vater.

Von ihm kommt jede Vaterschaft und jede Mutterschaft (vgl. Eph 3,15). In ihm liegt der Ursprung alles Guten und unseres eigenen Lebens. »Vater unser« ist also die Formel des Lebens, die uns offenbart, wer wir sind: Wir sind geliebte Kinder. Es ist die Formel, die das Theorem der Einsamkeit und das Problem des Verwaistseins löst. Es ist die Gleichung, die angibt, was zu tun ist: Gott, unseren Vater, und die anderen, unsere Geschwister, zu lieben. Es ist das Gebet des Uns, der Kirche; ein Gebet ohne ich und ohne mein. Ganz dem Du Gottes zugewandt (»dein Name«, »dein Reich«, »dein Wille«), kennt es sonst nur noch die erste Person Plural. »Vater unser«, zwei Worte, die Wegweisung bieten für unser geistliches Leben.

Jedes Mal, wenn wir das Kreuzzeichen am Anfang des Tages und vor jeder wichtigen Unternehmung machen, jedes Mal, wenn wir »Vater unser« sagen, schlagen wir neu tiefe Wurzeln. Das brauchen wir in unseren oft entwurzelten Gesellschaften. »Unser Vater« stärkt unsere Wurzeln. Wenn der Vater da ist, ist niemand ausgeschlossen; Angst und Unsicherheit gewinnen nicht die Oberhand. Die Erinnerung an das Gute kommt wieder auf, denn im Herzen des Vaters sind wir keine virtuellen Statisten, sondern geliebte Kinder. Er verbindet uns nicht zu Interessengruppen, sondern erneuert uns gemeinsam als Familie.

Lasst uns nicht müde werden, »Vater unser« zu sagen: das wird uns daran erinnern, dass es keinen Sohn ohne Vater gibt und dass deshalb keiner von uns alleine ist in dieser Welt. Aber es wird uns zugleich daran erinnern, dass es keinen Vater ohne Kinder gibt: Keiner von uns ist Einzelkind, jeder muss sich um seine Brüder und Schwestern in der einen Menschheitsfamilie kümmern. Wenn wir »Vater unser« sagen, bekräftigen wir, dass jeder Mensch zu uns gehört, und angesichts des vielen Bösen, welches das Antlitz des Vaters beleidigt, sind wir, seine Kinder, aufgerufen, geschwisterlich und als gute Hüter unserer Familie zu handeln und alles zu tun, damit es keine Gleichgültigkeit gegenüber unseren Brüdern und Schwestern, gegenüber jedem Bruder und jeder Schwester gibt: weder gegenüber dem Kind, das noch nicht geboren ist, noch gegenüber dem alten Menschen, der nicht mehr spricht; weder gegenüber dem Bekannten, dem wir nicht vergeben können, noch gegenüber dem Armen, dessen man sich entledigt hat. Um das bittet uns der Vater, das befiehlt er uns: einander mit dem Herzen von Kindern zu lieben, die einander Geschwister sind.

Brot. Jesus sagt uns, dass wir den Vater jeden Tag um Brot bitten sollen. Wir brauchen nicht um mehr zu bitten: nur um Brot, also um das Lebensnotwendige. Brot meint vor allem ausreichend Nahrung für den heutigen Tag, für die Gesundheit, für die tägliche Arbeit; Nahrung, die vielen unserer Brüder und Schwestern leider fehlt. Deshalb sage ich: Wehe dem, der aus dem täglichen Brot Kapital schlagen will! Grundnahrungsmittel für den Alltag der Menschen müssen für jedermann zugänglich sein.

Wenn wir um das tägliche Brot bitten, sagen wir damit auch: „Vater, hilf mir, mein Leben einfacher zu gestalten“. Das Leben ist sehr kompliziert geworden. Ich möchte sagen, dass viele es in einer Art Trancezustand verbringen: Man rennt von morgens bis abends umher, zwischen tausend Anrufen und Nachrichten, unfähig, dem Blick des Nächsten Beachtung zu schenken, eingetaucht in eine Komplexität, die alles brüchig macht, und in eine Geschwindigkeit, die Spannung erzeugt. Eine Entscheidung für einen nüchternen Lebensstil ohne allen überflüssigem Ballast legt sich nahe. Eine Entscheidung gegen den Strom zu schwimmen, so wie damals der heilige Aloisius von Gonzaga, dessen wir heute gedenken. Es geht um die Entscheidung, auf viele Dinge zu verzichten, die das Leben voll, aber das Herz leer machen. Brüder und Schwestern, entscheiden wir uns für die Einfachheit, für die Einfachheit des Brotes, um den Mut zur Stille und zum Gebet wiederzuentdecken, den Sauerteig eines wahrhaft menschlichen Lebens. Entscheiden wir uns für die Menschen und nicht für die Dinge, damit persönliche Beziehungen gedeihen, nicht virtuelle. Fangen wir wieder an, den unverfälschten Duft dessen zu lieben, was uns umgibt. Wenn damals, als ich klein war, zu Hause etwas Brot vom Tisch fiel, wurde uns beigebracht, es sofort aufzuheben und es zu küssen. Das Einfache, das uns jeden Tag zu Teil wird, wertschätzen und bewahren: nicht benutzen und wegwerfen, sondern wertschätzen, um es zu bewahren.

Das »tägliche Brot« ist schließlich, vergessen wir das nicht, Jesus. Ohne ihn können wir nichts tun (vgl. Joh 15,5). Er ist das Grundnahrungsmittel für ein gutes Leben. Manchmal jedoch wird Jesus von uns zu einer Beilage degradiert. Aber wenn er nicht unser Lebensmittel ist, der Mittelpunkt des Tages, der Atem des Alltags, dann ist alles umsonst, ist alles nur Beilage. Wenn wir um Brot bitten, wollen wir den Vater bitten und uns das auch selbst immer wieder vorsagen: Einfachheit des Lebens, Sorge für das, was uns umgibt, Jesus in allem und vor allem.

Vergebung. Es ist schwer zu verzeihen, wir tragen immer ein wenig Bedauern und Groll in uns, und wenn wir von denen provoziert werden, denen wir bereits vergeben haben, kehrt der Groll verstärkt wieder. Aber der Herr erhebt Anspruch auf das Geschenk unserer Vergebung. Es gibt zu denken, dass der einzige ursprüngliche Kommentar zum Vaterunser, nämlich der von Jesus, sich auf einen einzigen Satz konzentriert: »Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben« (Mt 6,14-15). Das ist der einzige Kommentar, den der Herr macht! Vergebung ist die verbindliche Klausel des Vaterunsers. Gott befreit unser Herz von aller Sünde, Gott vergibt alles, alles; aber eines verlangt er: dass wir nicht müde werden, unsererseits zu vergeben. Er verlangt von jedem von uns eine Generalamnestie für die Schuld anderer. Wir sollten unser Herz mit Röntgenaugen betrachten, um zu sehen, ob es in uns Blockaden und Hindernisse für die Vergebung gibt, Steine, die entfernt gehören. Und um dann zum Vater zu sagen: „Du siehst diesen Steinblock, ich vertrau ihn dir an, und ich bitte dich für diese Person, für diese Situation; auch wenn mir das Vergeben schwerfällt, ich bitte dich um die Kraft, es zu tun“.

Vergebung erneuert, Vergebung wirkt Wunder. Petrus erlebte die Vergebung Jesu und wurde der Hirte seiner Herde; Saulus wurde zu Paulus, nachdem Stephanus ihm vergeben hatte; jeder von uns wird als neues Geschöpf wiedergeboren, wenn er, nach der Vergebung durch den Vater, seine Brüder liebt. Erst so bringen wir wahrhaft Neues in die Welt, denn es gibt keine größere Neuheit als die Vergebung, diese Vergebung, die das Böse zum Guten wandelt. Das sehen wir an der Geschichte des Christentums. Dass wir einander vergeben, dass wir uns nach Jahrhunderten der Kontroversen und Spaltungen als Brüder und Schwestern wiederentdeckt haben – wie gut hat uns das getan und wie gut tut uns das weiterhin! Der Vater ist glücklich, wenn wir einander lieben und aus ganzem Herzen vergeben (vgl. Mt 18,35). Und dann schenkt er uns seinen Geist. Bitten wir um diese Gnade: dass wir uns nicht mit verhärteter Gesinnung verschanzen und immer von anderen etwas verlangen, sondern dass wir den ersten Schritt tun, im Gebet, in der brüderlichen Begegnung, in konkreter Nächstenliebe. Auf diese Weise werden wir dem Vater ähnlicher, der ohne Gegenleistung liebt. Und er wird den Geist der Einheit über uns ausgießen.


Grußworte am Ende der Messe

Von Herzen danke ich Bischof Morerod und der ganzen Diözese Lausanne-Genf-Freiburg. Danke für eure Gastfreundschaft, für die Vorbereitung und das Gebet, um das ich euch weiterhin bitte. Auch ich werde für euch beten, dass der Herr euch auf eurem Weg begleite, besonders auf dem ökumenischen. Des Weiteren grüße ich dankbar alle Hirten der Schweizer Diözesen und die anderen anwesenden Bischöfe sowie die Gläubigen aus den verschiedenen Teilen der Schweiz, aus Frankreich und anderen Ländern.

Ich grüße die Bürger dieser schönen Stadt, in der Papst Martin V. vor genau 600 Jahren zu Besuch war und in der wichtige internationale Institutionen ihren Sitz haben, darunter auch die Internationale Arbeitsorganisation, die nächstes Jahr ihr 100-jähriges Gründungsjubiläum begeht.

Mein herzlicher Dank gilt der Regierung der Schweizer Eidgenossenschaft für die freundliche Einladung und die ausgezeichnete Zusammenarbeit. Danke.

Bitte vergesst nicht, für mich zu beten. Auf Wiedersehen.

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Quelle

 

Im Wortlaut: Papstrede zum Abschluss des Treffens von Bari

Hier lesen Sie die Ansprache, die Papst Franziskus am Samstagmittag zum Abschluss eines ökumenischen Friedensgebets in Bari gehalten hat, in vollem Wortlaut.

Der Schrei von Bari

„Ich bin sehr dankbar für die Gnade dieses Austauschs, den wir erleben durften. Wir haben uns gegenseitig geholfen, unsere Präsenz als Christen im Nahen Osten wiederzuentdecken. Sie wird umso prophetischer sein, je mehr sie Jesus, den Fürst des Friedens (vgl. Jes 9,5), bezeugt. Er greift nicht zum Schwert, sondern verlangt von seinen Jüngern, es wieder in die Scheide zu stecken (vgl. Joh 18,11). Auch unser Kirche-Sein wird von der Logik der Welt, der Logik der Macht und des Gewinnstrebens, der Logik eines oberflächlichen Opportunismus. Und dann ist da unsere Sünde, der Widerspruch zwischen Glaube und Leben, der das Zeugnis verdunkelt. Wir spüren, dass wir uns einmal mehr wieder zum Evangelium bekehren müssen, der Garantie echter Freiheit, und das muss unbedingt jetzt geschehen, in der Nacht des Nahen Ostens, der mit dem Tode ringt. Wie in der quälenden Nacht von Getsemani wird nicht die Flucht (vgl. Mt 26,56) oder das Schwert (vgl. Mt 26,52) den strahlenden Ostermorgen vorwegnehmen, sondern die Selbsthingabe in der Nachfolge des Herrn.

Der Glaube der einfachen Menschen – ein Quell, aus dem wir schöpfen können

Die gute Nachricht des aus Liebe gekreuzigten und auferstandenen Jesus, die aus den Ländern des Nahen Ostens zu uns gelangt ist, hat das Herz des Menschen durch die Jahrhunderte ergriffen, weil sie nicht mit den Mächten der Welt, sondern mit der Ohnmacht des Kreuzes verbunden ist. Das Evangelium verpflichtet uns zu einer täglichen Umkehr zu den Plänen Gottes, dazu, allein in ihm Sicherheit und Bestärkung zu finden und es allen und trotz allem zu verkünden. Der Glaube der einfachen Menschen, der im Nahen Osten sehr tief verwurzelt ist, ist ein Quell, aus dem wir schöpfen können, um unseren Durst zu stillen und uns zu reinigen. So geschieht es, wenn wir zu den Ursprüngen zurückkehren und uns als Pilger nach Jerusalem, ins Heilige Land oder zu den Heiligtümern in Ägypten, Jordanien, im Libanon, in Syrien, in der Türkei und zu den anderen heiligen Orten in dieser Region begeben.

Brüderlicher Dialog

Unter gegenseitiger Ermutigung haben wir einen brüderlichen Dialog geführt. Er war ein Zeichen dafür, dass Begegnung und Einheit immer gesucht werden müssen, ohne Angst vor den Unterschieden. So ist es auch mit dem Frieden: Er muss selbst auf dem dürren Boden der Gegensätze gepflegt werden, denn trotz allem gibt es heute keine Alternative zum Frieden. Nicht die durch Mauern und Machtdemonstrationen garantierten Waffenstillstände werden Frieden bringen, sondern echter Wille zum Zuhören und zum Dialog. Wir verpflichten uns dazu, diesen Weg zu gehen, dafür zu beten und zu arbeiten, und wir bitten darum, dass die Kunst der Begegnung sich gegenüber den Strategien der Konfrontation durchsetzt, dass auf die Zurschaustellung bedrohlicher Zeichen der Macht die Macht der Zeichen der Hoffnung folgt: Menschen guten Willens und verschiedenen Glaubens, die keine Angst davor haben, miteinander zu sprechen, fremde Gedanken zuzulassen und sich umeinander zu kümmern. Nur so, wenn dafür gesorgt ist, dass niemand ohne Brot und Arbeit, dass niemand ohne Würde und Hoffnung ist, werden sich die Schreie des Krieges in Lieder des Friedens verwandeln.

“ Schluss mit Landbesetzungen! ”

Dazu ist es unerlässlich, dass sich die Machthabenden endlich entschlossen in den Dienst des Friedens stellen und nicht ihren eigenen Interessen dienen. Es muss damit Schluss sein, dass die Gewinne einiger weniger auf Kosten so vieler erwirtschaftet werden. Schluss mit Landbesetzungen, die die Völker auseinanderreißen! Schluss damit, dass parteiische Wahrheiten über den Hoffnungen der Menschen stehen! Schluss damit, dass der Nahe Osten für Profite außerhalb des Nahen Ostens benutzt wird!

Gegen das Wettrüsten, das die Kriege anheizt

Der Krieg ist die Plage, die diese geliebte Region auf tragische Weise heimsucht. Die Hauptopfer sind arme Menschen. Denken wir an das gemarterte Syrien. Krieg wird von Macht und Armut gezeugt. Er wird durch den Verzicht auf die Logik der Vorherrschaft und durch die Beseitigung der Wurzeln der Armut überwunden. Viele Konflikte sind auch durch Formen des Fundamentalismus und Fanatismus geschürt worden, die unter der Tarnung religiöser Vorwände in Wirklichkeit den Namen Gottes, der Friede ist, lästerten und den Bruder verfolgten, mit dem man immer in Nachbarschaft gelebt hat. Doch Gewalt wird immer durch Waffen angeheizt. Man kann nicht seine Stimme erheben, um über den Frieden zu sprechen, während man heimlich ein ungezügeltes Wettrüsten veranstaltet. Das ist eine sehr ernste Verantwortung, die schwer auf dem Gewissen der Nationen, insbesondere der mächtigsten Länder, lastet. Man vergesse nicht das letzte Jahrhundert, man vergesse nicht die Lehren aus Hiroshima und Nagasaki, man verwandle die Länder des Orients, aus denen das Wort des Friedens hervorging, nicht in dunkle Wüsten der Stille. Schluss mit sturen Gegensätzen, Schluss mit der Profitgier, die niemandem ins Gesicht sieht, nur um sich Gas- und Brennstoffvorkommen zu ergattern, ohne Rücksicht auf das gemeinsame Haus und ohne Skrupel davor, dass der Energiemarkt das Gesetz des Zusammenlebens der Völker diktiert!

Bedrückt, aber nicht ohne Hoffnung…

Um Wege des Friedens zu erschließen, möge man stattdessen den Blick auf diejenigen richten, die voller Sehnsucht danach sind, brüderlich mit anderen zusammenzuleben. Man schütze das Daseinsrecht aller, nicht nur das der Mehrheit. Auch im Nahen Osten möge der Weg zum Recht auf eine gemeinsame Staatsbürgerschaft, der Weg in eine neue Zukunft eröffnet werden. Auch Christen sind und sollen gleichberechtigte Bürger sein.

Sehr bedrückt, aber nie ohne Hoffnung, richten wir unseren Blick auf Jerusalem, eine Stadt für alle Völker, eine einzigartige und heilige Stadt für Christen, Juden und Muslime auf der ganzen Welt. Jerusalems Identität und Berufung muss über die verschiedenen Streitigkeiten und Spannungen hinaus bewahrt werden und es ist unerlässlich, dass sein Status quo eingehalten wird gemäß den Beschlüssen der internationalen Gemeinschaft, was von den christlichen Gemeinschaften des Heiligen Landes wiederholt gefordert wurde. Nur eine Verhandlungslösung zwischen Israelis und Palästinensern, die von der Gemeinschaft der Nationen nachdrücklich gewollt und gefördert wird, kann zu einem stabilen und dauerhaften Frieden führen und die Koexistenz zweier Staaten für zwei Völker gewährleisten.

Die Hoffnung hat das Gesicht von Kindern

Die Hoffnung hat das Gesicht von Kindern. Im Nahen Osten beweinen seit Jahren erschreckend viele Kinder gewaltsame Todesfälle in ihren Familien und sehen ihre Heimat bedroht, oft bleibt ihnen keine andere Perspektive als die Flucht. Das ist der Tod der Hoffnung. Die Augen zu vieler Kinder haben die meiste Zeit ihres Lebens damit verbracht, Trümmer statt Schulen zu sehen, das ohrenbetäubende Getöse von Bomben zu vernehmen anstatt des fröhlichen Lärmens beim Spiel. Möge die Menschheit – darum bitte ich euch – auf den Schrei der Kinder hören, deren Mund die Herrlichkeit Gottes verkündet (vgl. Ps 8,3). Wenn sie die Tränen der Kinder trocknet, wird die Welt ihre Würde wiedererlangen.

An die Kinder denkend, werden wir gleich zusammen mit einigen Tauben unseren Wunsch nach Frieden in die Lüfte aufsteigen lassen. Die Sehnsucht nach Frieden möge sich über alle dunklen Wolken hinaus erheben. Mögen unsere Herzen vereint bleiben, auf den Himmel gerichtet sein und wie in den Tagen der Flut darauf warten, dass der zarte Zweig der Hoffnung zurückkehrt (vgl. Gen 8,11). Der Nahe Osten möge nicht länger ein Bogen des Krieges sein, der sich über die Kontinente spannt, sondern eine Arche des Friedens, die Völker und Religionen willkommen heißt. Geliebter Naher Osten, möge sich über dir die Dunkelheit von Krieg, Macht, Gewalt, Fanatismus, unfairen Gewinnen, Ausbeutung, Armut, Ungleichheit und fehlender Anerkennung von Rechten lichten. »In dir sei Friede« (Ps 122,8), in dir sei Gerechtigkeit, über dir ruhe der Segen Gottes.“

(vatican news – sk)

Papst Franziskus beim Ökumene-Gebet: Gemeinsam mit Demut vorangehen

Papst Franziskus an diesem Donnerstag in Genf (AFP or licensors)

Christen sollten die „Logik des Dienstes“ wählen, um gemeinsam voranzugehen. Dazu hat Papst Franziskus bei seinem ersten Auftritt in Genf am Donnerstagvormittag aufgerufen. Das katholische Kirchenoberhaupt hielt bei einem Ökumenischen Gebetstreffen beim Weltkirchenrat eine Predigt und ging auf die Herausforderungen der Ökumene ein.

Mario Galgano – Genf

Für die hunderte Mitglieder des Weltkirchenrates war es einer der Höhepunkte der Woche: Nachdem sie am Sonntag ihre Vollversammlung bei ihrem Hauptsitz in Genf begonnen hatten, durften sie zum Abschluss den Gast aus Rom begrüßen und gemeinsam ein Ökumenisches Gebetstreffen feiern. In der Kapelle des Weltkirchenrates wurden vor allem Glaubenszeugnisse der verschiedenen Konfessionen vorgetragen.

Der Papst ging in seiner Predigt von der Bibelstelle aus dem Paulusbrief an die Galater (Gal 5,16.25) aus, die zu Beginn der Feier vorgelesen wurde. Gleich zwei Mal lade der Apostel Paulus die Gläubigen darin ein, „im Geist zu wandeln“. Diese Einladung nahm Franziskus als roten Faden seiner Überlegungen über das Ziel der Einheit der Christen.

“ Gehen verlangt eine ständige Bekehrung von sich selbst ”

Gehen bedeute „Disziplin“, „Anstrengung“, „Geduld“ und „beständige Übung“, so der Papst. Man müsse „auf viele Straßen verzichten, um jene zu wählen, die zum Ziel führt“. Auch müsse man „die Erinnerung wach halten“, um zum Ziel zu gelangen, und die „Demut“ besitzen, gegebenenfalls auch kehrtzumachen. Im Unterwegssein dürfe zudem „die Sorge um die Weggefährten“ nicht vernachlässigt werden – „weil man nur gemeinsam gut geht“, so Franziskus. Mit Bequemlichkeit und Angst vor Risiken habe diese Reise nichts zu tun: „Gehen verlangt eine ständige Bekehrung von sich selbst“, unterstrich der Papst. Schließlich habe Gott „von Anfang an“ zum „Hinausgehen“ aufgerufen und sich selbst zum „Pilger und Gast unter uns“ gemacht.

“ Im Geist zu wandeln ist die Weltlichkeit zu verwerfen ”

Paulus fordere von den Christen, „im Geiste zu wandeln“. Dies bedeute, offen zu sein für Gott statt die eigene Selbstverwirklichung in Weltlichkeit, Besitz oder Egoismus zu suchen, hielt der Papst fest. Andernfalls werde der Mensch „zum Sklaven eines ungebremsten Konsumismus“ und negative Konsequenzen seien zu beobachten – etwa die Gleichgültigkeit gegenüber den Mitmenschen, vor allem den Schwächsten.

„Im Geist zu wandeln ist die Weltlichkeit zu verwerfen. Es bedeutet, die Logik des Dienstes zu wählen und in der Vergebung fortzuschreiten“ statt „die Gangart der Machtanmaßung“ einzuschlagen, formulierte Franziskus.

Gemeinsam vorangehen, vom Heiligen Geist geleitet

Eine „weltliche Denkweise (…) an der Wurzel“ und das Verfolgen von Eigeninteressen seien in der Geschichte oftmals der Grund für Trennungen unter den Christen gewesen. Selbst als man später dann versucht habe, die Trennungen rückgängig zu machen, sei dies „elend daran gescheitert, weil sie (diese Versuche, Anm.) sich hauptsächlich an einer weltlichen Logik orientierten“.

Der Weg der Ökumene solle deshalb das gemeinsame Voranschreiten unter Leitung des Heiligen Geistes sein, hielt der Papst fest, der die Ökumenische Bewegung sowie die Beiträge des Weltkirchenrates an dieser Stelle würdigte. Und er fügte an: „Nach vielen Jahren ökumenischen Einsatzes bitten wir den Heiligen Geist an diesem 70. Jahrestag des Rates, unsere Schritte zu stärken“. Denn der Weg der Ökumene habe „ein festes Ziel: die Einheit“, stellte der Gast aus Rom klar: „Der Herr bittet uns um Einheit; die Welt, zerrissen von zu vielen Spaltungen, die vor allem die Schwächsten treffen, ruft nach Einheit.“

Spaltungen hingegen führten letztlich „zu Kriegen und Zerstörungen“, hielt Franziskus abschließend fest. Auch sei der Einwand, beim ökumenischen Bemühen würden die Eigeninteressen der jeweiligen Gemeinschaft nicht zu Genüge geschützt, vor Hintergrund des Evangeliums nicht haltbar: Ja, Ökumene sei „ein großes Verlustgeschäft“, so der Papst, aber „es handelt sich um einen dem Evangelium gemäßen Verlust entsprechend der von Jesus vorgezeichneten Spur: ,Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es retten‘ (Lk 9,24).“

(vatican news – mg/pr)

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