Hier blüht die Ökumene

s05obenmitte

Papst Franziskus und Pfarrer Dr. Jens-Martin Kruse beim ökumenischen Gottesdienst im November 2015

Die evangelisch-lutherische Christuskirche in Rom

Eine lutherische Bastion mitten im Bistum des Papstes hat, sollte man meinen, einen schweren Stand. Aber das war einmal. Die um die Christuskirche gescharte Gemeinde hat sich in Rom längst Ansehen erworben – weil sie ökumenisch orientiert ist und dies auch im Gedenkjahr der Reformation 2017 zum Ausdruck bringt.

»Wir, Lutheraner und Katholiken, müssen einander um Verzeihung bitten für den Skandal der Teilung. Nun ist es Zeit für die versöhnte Verschiedenheit. Bitten wir heute um diese Gnade der versöhnten Verschiedenheit im Herrn…« So sagte Papst Franziskus am 15. November 2015 sinngemäß in seiner Predigt in der voll besetzten evangelisch-lutherischen Christuskirche in Rom. Worte also mit einem deutlich ökumenischen Akzent – bei einem Kirchenbesuch, der schon als solcher ein ökumenisches Ereignis war.

Durch den Besuch des Heiligen Vaters geriet erneut nicht nur die Christuskirche und die dazugehörige Gemeinde ins Blickfeld, sondern ganz generell die Rolle der kleinen lutherischen Minderheit in der Hauptstadt des katholischen Glaubens. Dieses Interesse ist gerade jetzt, im Jahr 2017, gewissermaßen aktuell. Dazu der Pfarrer, Dr. Jens-Martin Kruse, in einem Gespräch mit unserer Zeitung: »Denn wir erinnern uns ja an zwei entscheidende Ereignisse: An den Beginn der Reformation vor 500 Jahren und an den ers­ten evangelischen Gottesdienst in Rom 1817, mit dem die Geschichte unserer Gemeinde anfing.«

Anfänge auf dem Kapitol

So ist es in der Tat. Begonnen hatte alles im Zeichen des preußischen Adlers. Nicht ein Geistlicher, sondern der preußische Legationsrat und spätere Gesandte beim Heiligen Stuhl, Christian Josias von Bunsen, war der spiritus rector beim Entstehen der evangelischen Gemeinde in Rom. In seiner Wohnung fand 1817 ein Gottesdienst zum Gedenken an Luthers Reformation statt. Wenig später schickte der preußische König einen fest besoldeten Prediger, Heinrich Schmieder, an den Tiber. Seinen ersten Gottesdienst hielt er am 27. Juni 1819. Als der Diplomat Bunsen dann zum Gesandten aufrückte, richtete er eine Kapelle im Erdgeschoss des von ihm bewohnten Palazzo Caffarelli auf dem Kapitol ein. Und dieser Palast, in dem man die Gesandtschaft etablierte, blieb für knapp 100 Jahre der geistliche Mittelpunkt für die evangelischen Deutschen in Rom.

 

s05untenli

Das Kircheninnere mit Apsismosaik.

Verstärkt wurde diese Rolle noch, als nahebei das Deutsche Archäologische Institut entstand sowie (zum Forum hin) ein kleines evangelisches Krankenhaus. Die protestantische Gemeinde existierte also im Bannkreis der preußischen Gesandtschaft, weshalb sie der Papst tolerierte.

Probleme gab es allerdings bei Beerdigungen. Erst seit kurzem nämlich hatten die nichtkatholischen Christen das Recht, ihre Toten neben der Cestius-Pyramide an der Stadtmauer beizusetzen. Dies musste im Morgengrauen geschehen, um ja nicht die katholischen Bürger zu erzürnen. Auf dem Cestius-Friedhof (heute offiziell »nicht-katholischer Friedhof« genannt) ruhen viele evangelische Gläubige aus Deutschland. So etwa Goethes Sohn August, der ebenfalls 1830 verstorbene schwäbische Dichter Wilhelm Waiblinger und der Maler Hans von Marées.

 

s05obli

Christus zwischen Petrus und Paulus: Statuen von Reinhold Felderhoff

Als 1870 der Kirchenstaat eingenommen und Rom kurz darauf die Hauptstadt des geeinten Italien wurde, zog in der Metropole Gewissens- und Kultfreiheit ein. Fortan entstanden mehrere nicht-katholische Kirchen am Tiber. Die Waldenser, also die italienischen Protestanten, konnten sogar zwei Gotteshäuser in der früher vom Papst regierten Stadt bauen. Die evangelischen Deutschen hingegen mussten weiter mit der Botschaftskapelle auf dem Kapitol vorlieb nehmen.

Freilich, protestantische Gruppen in Deutschland warben emsig für Kirchenbauten in der Diaspora. 1899 schließlich erwarb die evangelische Gemeinde Roms ein Grundstück zu diesem Zweck in der Via Toscana nahe der berühmten Via Veneto, im ehemaligen Gartengelände der Villa Ludovisi.

Und Kaiser Wilhelm II., obgleich zunächst aus politischen Gründen Gegner des ganzen Projekts, beauftragte seinen Architekten Franz Schwechten mit dem Plan für die Christuskirche. Der Erste Weltkrieg unterbrach jedoch die Bauarbeiten. Deshalb konnte man die unter anderem mit Mosaiken und einem Taufbecken von Bertel Thorvaldsen geschmückte Kultstätte erst 1922 einweihen. Sie ist, wie eine von der Gemeinde publizierte Broschüre betont, »ein seltenes, wichtiges Zeugnis der späten wilhelminischen Baukunst«.

Somit hatte die deutsche evangelische Gemeinde nun auf Dauer ihr Zentrum. Über ein interessantes Ereignis aus der folgenden Zeit berichtet der schriftliche Kirchenführer: Anlässlich der Trauerfeier für die 1930 in Rom verstorbene schwedische Königin Viktoria – einer gebürtigen Prinzessin von Baden, die sich oft in Italien aufhielt und der deutschen evangelischen Gemeinde Roms angehörte – »kamen Fürstlichkeiten aus vielen Ländern in die Christuskirche; neben dem italienischen Königspaar fehlte auch der ›Duce‹, Benito Mussolini, nicht.«

Weitere Etappen? Während des Zweiten Weltkriegs herrschten schwierige Verhältnisse für die Protestanten in der Ewigen Stadt; dann gab es in der Nachkriegszeit durch die Wiedereröffnung deutscher Institutionen in Rom neue Mitglieder und neue Impulse für die Gemeinde, die 1956 mit 563 Mitgliedern ihren Höchststand erreichte.

 

s05obre

Außenansicht der zwischen 1910 und 1922 erbauten Christuskirche

Unterdessen wurde die Gemeinde Mitglied der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien (ELKI); konstant blieb außerdem die enge Bindung an die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), die auch den Pfarrer für die Christuskirche ernennt. Da sich mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) das Verhältnis der katholischen Kirche zu den anderen christlichen Kirchen und Konfessionen verbesserte, wuchs auch das Selbstbewusstsein der evangelischen Gemeinde am Tiber. »Ökumene« wurde fortan zum Schlüsselbegriff für die interkonfessionellen Beziehungen – und damit auch für die Beziehungen zwischen den in Rom lebenden Lutheranern und dem Vatikan. So kam es zu einem wahrhaft historischen Ereignis: Am 3. Advent 1983 besuchte Johannes Paul II. die Christuskirche. Zum ersten Mal predigte ein Papst in einem evangelischen Gotteshaus, oder, wie Italiens Zeitungen salbungsvoll schrieben, »in einem Tempel Martin Luthers«. Der mit dem Vatikan genau abgestimmte Wortgottesdienst war geprägt von ökumenischem Geist, vom deutlichen Wunsch nach Verständigung und Versöhnung.

Viele positive Signale

Seit August 2008 amtiert der dynamische Hanseat Dr. Jens-Martin Kruse als Pfarrer der Christuskirche. Er war also der Gastgeber, als mit Benedikt XVI. am 14. März 2010 abermals ein Pontifex diese Kultstätte besuchte und dort predigte. Ein Ereignis, das Kruse höchst positiv bewertet: »Wenn der Papst bereit ist, Gottesdienst mit uns zu feiern, dann bedeutet das doch für uns die Anerkennung als Kirche.« Logisch daher, dass auch der Besuch von Franziskus 2015 den Pastor und seine Gemeinde mit Genugtuung erfüllte.

Zwar sieht Pfarrer Kruse durchaus, dass sich in manchen theologischen Fragen zwischen Katholiken und Protestanten mehr bewegen könnte. Aber, so betont er, hinter die »gelebte und gefeierte Ökumene« könne niemand zurück. Die theologischen Fragen würden sich dann Schritt um Schritt klären lassen. Und die Klage über eine »ökumenische Eiszeit«? In diese Klage stimmt der Pastor absolut nicht ein. »Denn es gibt in Sachen Ökumene viele positive Signale auf beiden Seiten. Dabei muss man allerdings lernen, zwischen den Zeilen zu lesen.«

Gewiss, die lutherische Gemeinde Rom ist – mit derzeit rund 500 Beitrag zahlenden Mitgliedern – sehr klein. Vor allem wegen der hohen Fluktuation, was besagt: So manche »Kurzzeit-Römer« ziehen nach ein paar Jahren wieder fort. Aber die Gemeinde ist erstaunlich vital. Von den allgemeinen Gottesdiensten abgesehen, gibt es Kindergottesdienste, eine Konfirmandengruppe, den Chor, einen »Frauenverein«, Gesprächskreise und den alljährlichen Weihnachtsbasar. Bei mehreren Aktivitäten spielt die Ökumene eine wichtige Rolle. Was auch daran liegt, dass der Gemeinde etliche Ehepaare mit Partnern unterschiedlicher Konfession angehören. »Fast jedes Mitglied«, heißt es im Pfarramt, »verfügt über ökumenische Kontakte in der eigenen Familie, am Wohnort oder am Arbeitsplatz.« Dies und der Standort Rom mit seinen unzähligen katholischen Institutionen bedingt fast schon automatisch eine ökumenische Orientierung. Zu den einschlägigen Veranstaltungen zählt z. B. jedes Jahr in der Karwoche ein ökumenischer Kreuzweg, dessen Stationen die verschiedenen Gotteshäuser rund um die Christuskirche verbinden. Im gleichen Kontext steht die Teilnahme, gemeinsam mit Katholiken, an der jährlichen Gebetswoche für die Einheit der Christen.

 

s05untenre

Blick in den Garten der Christuskirche.

Besonders engagiert ist Pfarrer Kruse jetzt bei einem umfangreichen Programm, das sowohl an den Beginn der Reformation als auch an die Entstehung der römischen Gemeinde erinnert und daher »1517-1817-2017« heißt. Konkret handelt es sich um eine Reihe von meist auf Luther bezogenen Veranstaltungen. Mit Gottesdiensten, Workshops, Konzerten sowie Vorträgen prominenter Experten aus der evangelischen und katholischen Kirche. Am 18. Januar z. B. predigte hier Kardinal Kurt Koch, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Chris­ten. Überhaupt ist das ehrgeizige Programm geprägt vom ökumenischen Geist. Einem Geist, der zweifellos die ganze um die Christuskirche gescharte Gemeinde erfüllt. Wie formuliert es doch gleich Pfarrer Kruse? »Bei uns in Rom blüht und gedeiht die Ökumene.«

Von Bernhard Hülsebusch

_______

Quelle Osservatore Romano 6/2017

Premiere: Eine ökumenische Doppel-Audienz

1900566_articolo

Heinrich Bedford-Strohm beim Papst

Es war ein besonderer Moment für die Ökumene: Eine Delegation der evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) war an diesem Montag bei Papst Franziskus zu Gast – und der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, nahm ebenfalls an der Papstaudienz teil. Eine Premiere und ein Highlight des Jahres, in dem an den Beginn der Reformation vor fünfhundert Jahren erinnert wird.

Franziskus würdigte in seiner Ansprache die „langjährige Zusammenarbeit“ und „gereifte ökumenische Beziehung“ der deutschen Kirchen. „Ich wünsche Ihnen, dass Sie auf diesem segensreichen Weg des geschwisterlichen Miteinanders vorankommen und mutig und entschlossen auf eine immer vollkommenere Einheit hin fortschreiten. Wir haben die gleiche Taufe: Wir müssen zusammen gehen, ohne müde zu werden!“

Es sei „bedeutsam“, dass sich evangelische und katholische Christen im Jahr des Reformationsgedenkens vorgenommen hätten, „Christus erneut ins Zentrum ihrer Beziehungen zu stellen“, sagte der Papst. Martin Luthers Frage nach dem gnädigen Gott sei – damit zitierte er seinen Vorgänger Benedikt XVI. – „die tiefe Leidenschaft und Triebfeder“ von Luthers Denken und Handeln gewesen. „Was die Reformatoren beseelte und beunruhigte, war im Grunde der Wunsch, den Weg zu Christus zu weisen. Das muss uns auch heute am Herzen liegen, nachdem wir dank Gottes Hilfe wieder einen gemeinsamen Weg eingeschlagen haben.“

„Nicht grollend auf die Vergangenheit schauen“

Das Gedenkjahr biete die Chance, „einen weiteren Schritt vorwärts zu tun“, fuhr Franziskus fort. Statt „grollend auf die Vergangenheit zu schauen“, sollten die Kirchen „den Menschen unserer Zeit wieder die radikale Neuheit Jesu und die grenzenlose Barmherzigkeit Gottes vor Augen stellen“. Das sei doch „genau das, was die Reformatoren in ihrer Zeit anregen wollten“.

„Dass ihr Ruf zur Erneuerung Entwicklungen auslöste, die zu Spaltungen unter den Christen führten, war wirklich tragisch. Die Gläubigen erlebten einander nicht mehr als Brüder und Schwestern im Glauben, sondern als Gegner und Konkurrenten. Allzu lange haben sie Feindseligkeiten gehegt und sich in Kämpfe verbissen, die durch politische Interessen und durch Machtstreben genährt wurden…“

Zum Glück sei das heute vorbei, urteilte Papst Franziskus. Allerdings müsse man die schmerzhafte Vergangenheit „in Demut und mit Freimut angehen“; darum sei es richtig, dass die Kirchen bald einen Buß- und Versöhnungsgottesdienst feiern wollten, um die „Erinnerung zu heilen“.

„So werden Sie – Katholiken und Protestanten in Deutschland – betend auf den starken Ruf antworten können, den Sie im Ursprungsland der Reformation gemeinsam vernehmen: in Gott das Gedächtnis zu reinigen, um innerlich erneuert und vom Heiligen Geist ausgesandt, dem Menschen von heute Jesus zu bringen.“

Der Papst lobte die gemeinsamen Initiativen von EKD und katholischer Kirche in Deutschland im Jahr des Reformationsgedenkens. Dabei erwähnte er u.a. die gemeinsame Pilgerreise von Bischöfen verschiedener Konfessionen ins Heilige Land. „Mögen die Wiederentdeckung der gemeinsamen Glaubensquellen, die Heilung der Erinnerung in Gebet und Nächstenliebe sowie die praktische Zusammenarbeit bei der Verbreitung des Evangeliums und dem Dienst an den Mitmenschen Impulse sein, um noch rascher auf dem Weg voranzukommen!“

„Wir wissen die Gaben der Reformation zu schätzen“

Jahrzehnte des „ökumenischen Miteinanders“ in Deutschland haben nach Ansicht des Papstes eine „geistliche Verbundenheit gefestigt“. Das mache es heute möglich, „das beiderseitige Versagen an der Einheit im Kontext der Reformation und der nachfolgenden Entwicklungen heute gemeinsam zu beklagen“. „Zugleich wissen wir – in der Wirklichkeit der einen Taufe, die uns zu Brüdern und Schwestern macht, und im gemeinsamen Hören auf den Geist – in einer bereits versöhnten Verschiedenheit die geistlichen und theologischen Gaben zu schätzen, die wir von der Reformation empfangen haben.“

Versöhnte Verschiedenheit ist eine Formulierung des reformierten Theologen und Konzils-Beobachters Oscar Cullmann, die das Ziel einer christlichen Einheit beschreibt. Der Lutherische Weltbund hat sich die „versöhnte Verschiedenheit“ als ökumenisches Leitbild auf die Fahnen geschrieben, und Franziskus hat sich schon in seiner Zeit als Erzbischof von Buenos Aires dazu bekannt.

Der Papst erinnerte an seine Teilnahme am Start des offiziellen Reformations-Gedenkjahres im schwedischen Lund Ende Oktober letzten Jahres. Er habe dort „für die Vergangenheit um Vergebung gebeten“, erinnerte er. „Für die Zukunft möchte ich unsere unwiderrufliche Verpflichtung bekräftigen, gemeinsam das Evangelium zu bezeugen und auf dem Weg zur vollen Einheit voranzuschreiten. Indem wir dies gemeinsam tun, kommt auch der Wunsch auf, neue Wege einzuschlagen. Immer mehr lernen wir, uns zu fragen: Können wir diese Initiative mit unseren Brüdern und Schwestern in Christus teilen? Können wir zusammen eine weitere Wegstrecke zurücklegen?“

„Dialog und Zusammenarbeit intensivieren“

Auf den Wunsch vieler Christen, vor allem konfessionsverschiedener Ehepaare, nach einer eucharistischen Gastfreundschaft (Interkommunion) ging Franziskus nicht ausdrücklich ein. Er erwähnte aber die „weiter bestehenden Differenzen in Fragen des Glaubens und der Ethik“, die eine „sichtbare Einheit“ immer noch blockierten – zum Frust vieler Gläubiger.

„Der Schmerz wird besonders von den Eheleuten empfunden, die verschiedenen Konfessionen angehören. Besonnen müssen wir uns mit inständigem Gebet und all unseren Kräften darum bemühen, die noch bestehenden Hindernisse zu überwinden durch eine Intensivierung des theologischen Dialogs und durch eine Stärkung der praktischen Zusammenarbeit unter uns,  vor allem im Dienst an denen, die am meisten leiden, und in der Fürsorge für die bedrohte Schöpfung.“

Zum Abschluss der Audienz betete der Papst mit seinen Besuchern aus Deutschland ein Vaterunser: auch das ein Zeichen dafür, was schon geht unter Christen verschiedener Konfessionen.

(rv 06.02.2017 sk)


Im Wortlaut:
Franziskus an deutsche ökumenische Delegation

ansa946467_articolo

Radio Vatikan dokumentiert im vollen Wortlaut die Ansprache von Papst Franziskus an eine deutsche ökumenische Delegation, die anlässlich des Luther-Gedenkens nach Rom kommt.

Liebe Brüder und Schwestern,

mit Freude heiße ich Sie willkommen und begrüße Sie herzlich. Ich danke Herrn Landesbischof Bedford-Strohm für seine freundlichen Worte und freue mich über die Anwesenheit von Kardinal Marx: Dass der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz die Delegation der evangelischen Kirche in Deutschland begleitet, ist eine Frucht langjähriger Zusammenarbeit und Ausdruck einer im Laufe der Jahre gereiften ökumenischen Beziehung. Ich wünsche Ihnen, dass Sie auf diesem segensreichen Weg des geschwisterlichen Miteinanders vorankommen und mutig und entschlossen auf eine immer vollkommenere Einheit hin fortschreiten. Wir haben die gleiche Taufe: Wir müssen zusammen gehen, ohne müde zu werden!

Es ist bedeutsam, dass anlässlich des 500. Jahrestags der Reformation  evangelische und katholische Christen das gemeinsame Gedenken der geschichtsträchtigen Ereignisse der Vergangenheit zum Anlass nehmen, um Christus erneut ins Zentrum ihrer Beziehungen zu stellen. Gerade » die Frage nach Gott «, die Frage: » Wie kriege ich einen gnädigen Gott? «  war » die tiefe Leidenschaft und Triebfeder [des] Lebens und [des] ganzen Weges « von Martin Luther (Benedikt XVI., Begegnung mit den Vertretern der evangelischen Kirche in Deutschland, 23. September 2011). Was die Reformatoren beseelte und beunruhigte, war im Grunde der Wunsch, den Weg zu Christus zu weisen. Das muss uns auch heute am Herzen liegen, nachdem wir dank Gottes Hilfe wieder einen gemeinsamen Weg eingeschlagen haben. Dieses Gedenkjahr bietet uns die Gelegenheit, einen weiteren Schritt vorwärts zu tun, indem wir nicht grollend auf die Vergangenheit schauen, sondern im Sinne Christi und in der Gemeinschaft mit ihm, um den Menschen unserer Zeit wieder die radikale Neuheit Jesu und die grenzenlose Barmherzigkeit Gottes vor Augen zu stellen: genau das, was die Reformatoren in ihrer Zeit anregen wollten. Dass ihr Ruf zur Erneuerung Entwicklungen auslöste, die zu Spaltungen unter den Christen führten, war wirklich tragisch. Die Gläubigen erlebten einander nicht mehr als Brüder und Schwestern im Glauben, sondern als Gegner und Konkurrenten. Allzu lange haben sie Feindseligkeiten gehegt und sich in Kämpfe verbissen, die durch politische Interessen und durch Machtstreben genährt wurden, und scheuten bisweilen nicht einmal davor zurück, einander Gewalt anzutun, Bruder gegen Bruder. Heute hingegen sagen wir Gott Dank, dass wir endlich » alle Last […] abwerfen« und brüderlich » mit Ausdauer in dem Wettkampf laufen, der uns aufgetragen ist, und dabei auf Jesus blicken « (Hebr 12,1-2).

Ich bin Ihnen dankbar, weil Sie vorhaben, mit diesem Blick gemeinsam in Demut und mit Freimut eine Vergangenheit anzugehen, die uns schmerzt, und in Kürze miteinander einen bedeutenden Akt der Buße und der Versöhnung zu vollziehen: einen ökumenischen Gottesdienst unter dem Leitwort „Erinnerung heilen – Jesus Christus bezeugen“. So werden Sie – Katholiken und Protestanten in Deutschland – betend auf den starken Ruf antworten können, den Sie im Ursprungsland der Reformation gemeinsam vernehmen: in Gott das Gedächtnis zu reinigen, um innerlich erneuert und vom Heiligen Geist ausgesandt, dem Menschen von heute Jesus zu bringen. Mit diesem Zeichen und weiteren für dieses Jahr vorgesehenen Initiativen – der gemeinsamen Pilgerreise ins Heilige Land, der gemeinsamen Bibeltagung zur Vorstellung der neuen Bibelübersetzungen und dem ökumenischen Tag zum Thema der gesellschaftlichen Verantwortung der Christen – beabsichtigen Sie, dem Christusfest, das Sie anlässlich des Reformationsgedenkens gemeinsam feiern wollen, eine konkrete Gestalt zu verleihen. Mögen die Wiederentdeckung der gemeinsamen Glaubensquellen, die Heilung der Erinnerung in Gebet und Nächstenliebe sowie die praktische Zusammenarbeit bei der Verbreitung des Evangeliums und dem Dienst an den Mitmenschen Impulse sein, um noch rascher auf dem Weg voranzukommen.

Dank der geistlichen Verbundenheit, die sich in diesen Jahrzehnten des ökumenischen Miteinanders gefestigt hat, können wir das beiderseitige Versagen an der Einheit im Kontext der Reformation und der nachfolgenden Entwicklungen heute gemeinsam beklagen. Zugleich wissen wir – in der Wirklichkeit der einen Taufe, die uns zu Brüdern und Schwestern macht, und im gemeinsamen Hören auf den Geist – in einer bereits versöhnten Verschiedenheit die geistlichen und theologischen Gaben zu schätzen, die wir von der Reformation empfangen haben. In Lund habe ich am vergangenen 31. Oktober dem Herrn dafür gedankt und für die Vergangenheit um Vergebung gebeten. Für die Zukunft möchte ich unsere unwiderrufliche Verpflichtung bekräftigen, gemeinsam das Evangelium zu bezeugen und auf dem Weg zur vollen Einheit voranzuschreiten. Indem wir dies gemeinsam tun, kommt auch der Wunsch auf, neue Wege einzuschlagen. Immer mehr lernen wir, uns zu fragen: Können wir diese Initiative mit unseren Brüdern und Schwestern in Christus teilen? Können wir zusammen eine weitere Wegstrecke zurücklegen?

Die weiter bestehenden Differenzen in Fragen des Glaubens und der Ethik bleiben Herausforderungen auf dem Weg zur sichtbaren Einheit, nach der sich unsere Gläubigen sehnen. Der Schmerz wird besonders von den Eheleuten empfunden, die verschiedenen Konfessionen angehören. Besonnen müssen wir uns mit inständigem Gebet und all unseren Kräften darum bemühen, die noch bestehenden Hindernisse zu überwinden durch eine Intensivierung des theologischen Dialogs und durch eine Stärkung der praktischen Zusammenarbeit unter uns,  vor allem im Dienst an denen, die am meisten leiden, und in der Fürsorge für die bedrohte Schöpfung. In einer Zeit, in der die Menschheit durch tiefe Risse verwundet ist und neue Formen von Ausschließung und Ausgrenzung erfährt,  ruft die dringende Aufforderung Jesu zur Einheit (vgl. Joh 17,21) uns wie auch die gesamte Menschheitsfamilie auf den Plan. Auch daher ist unsere Verantwortung groß!

In der Hoffnung, dass diese Begegnung die Gemeinschaft zwischen uns weiter stärkt, bitte ich den Heiligen Geist, der Einheit schafft und erneuert, Sie auf Ihrem gemeinsamen Weg mit dem Trost, der von Gott kommt (vgl. 2 Kor 1,4), zu kräftigen und Ihnen seine prophetischen und kühnen Wege aufzuzeigen. Von Herzen rufe ich den Segen Gottes auf Sie alle und auf Ihre Gemeinschaften herab und bitte Sie, im Gebet an mich zu denken. Ich danke Ihnen sehr [und möchte Sie einladen, jetzt zusammen das Vaterunser zu sprechen].

(rv 06.02.2017 gs)

Sankt Paul vor den Mauern: Versöhnende Gesten von Papst Franziskus

cq5dam-web_-800-800-2-5

Vesper, Sankt Paul Vor Den Mauern, 25. Januar 2017

Ökumenische Vesper zum Abschluss der Gebetswoche
für die Einheit der Christen

Zum Schluß der traditionellen Gebetswoche für die Einheit der Christen hat Papst Franziskus am Mittwoch im Laufe der Vesperfeier in der römischen Basilika Sankt Paul vor den Mauern verschiedene ökumenische Zeichen gesetzt. Die Vatikanzeitung „L’Osservatore Romano“ unterstreicht den „versöhnenden“ Charakter dieser Gesten.

Am Ende der Feier hat der Papst das Brustkreuz des orthodoxen Metropoliten Gennadios Zervos, Vertreter des Patriarchats von Konstantinopel, sowie des anglikanischen Erzbischofs David Moxon, Vertreter des Erzbischofs von Canterbury, geküsst.

Weitere vielsagende Gesten tat er im Laufe der Feier. Nach dem feierlichen Einzug in die Basilika hielten die Vertreter der anderen Kirchen neben dem Papst am Grab des Apostels Paulus inne. Auf Einladung von Franziskus spendeten sie zudem alle gemeinsam den Schlußsegen.

In seinem Gruß zum Schluss erklärte der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch, die Liebe sei der Motor jeder ökumenischen Bemühung. „Die wahre Liebe“, betonte der Schweizer Kurienkardinal, „tilgt nicht die legitimen Unterschiede zwischen den christlichen Kirchen, sondern führt sie zusammen, versöhnt zu einer tieferen Einheit.“

Wie die Vatikanzeitung betont, hat die Basilika Sankt Paul vor den Mauern sich erneut als „Ort vielsagender Gesten“ bestätigt. Am Sonntag, dem 25. Januar 1959, kündigte der heilige Johannes XXIII. im Kapitelsaal der Patriarchalbasilika überraschend das Zweite Vatikanische Konzil an. Und vor 17 Jahren öffnete der heilige Johannes Paul II. zusammen mit zwei ökumenischen Vertretern ‪„sechshändig“ die heilige Pforte der Basilika.

_______

Quelle

In vollem Wortlaut: Papstpredigt zur Ökumene

afp6204576_articolo

Papst Franziskus bei der Vesper am Mittwoch

In der römischen Basilika St. Paul vor den Mauern hat Papst Franziskus an diesem Mittwochabend die diesjährige Gebetswoche für die Einheit der Christen feierlich abgeschlossen. Wir dokumentieren seine Predigt bei der Vesper hier in vollem Wortlaut.

Die Begegnung mit Jesus auf der Straße nach Damaskus verwandelt das Leben des heiligen Paulus von Grund auf. Von jenem Moment an liegt für ihn der Sinn seines Daseins nicht mehr darin, auf die eigenen Kräfte zu vertrauen, um peinlich genau das Gesetz zu befolgen, sondern darin, sich ganz und gar an die gegenleistungsfreie und unverdiente Liebe Gottes zu klammern, an den gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus. So erlebt er, wie ein neues Leben anbricht, das Leben nach dem Geist, in dem er durch die Kraft des auferstandenen Herrn Vergebung, Vertrautheit und Ermutigung erfährt. Und diese Neuheit kann Paulus nicht für sich behalten: Die Gnade drängt ihn, die Frohe Botschaft von der Liebe und der Versöhnung zu verkünden, die Gott in Christus der Menschheit in Fülle anbietet.

Für den Völkerapostel ist die Versöhnung des Menschen mit Gott, deren » Gesandter « er geworden ist (vgl. 2 Kor 5,20), ein Geschenk, das von Christus kommt. Das wird ganz deutlich in dem Text aus dem Zweiten Korintherbrief, dem in diesem Jahr das Thema der Gebetswoche für die Einheit der Christen entnommen ist: „Die Liebe Christi drängt uns zur Versöhnung“ (vgl. 2 Kor 5,14-20). „Die Liebe Christi“: Es handelt sich nicht um unsere Liebe zu Christus, sondern um Christi Liebe zu uns. In gleicher Weise ist die Versöhnung, zu der wir gedrängt werden, nicht einfach unsere Initiative: An erster Stelle ist sie die Versöhnung, die Gott uns in Christus anbietet. Mehr als ein menschliches Bemühen der Gläubigen, die versuchen, ihre Spaltungen zu überwinden, ist sie zuerst einmal eine ungeschuldete Gabe Gottes. Als Konsequenz dieser Gabe ist der Mensch, der Vergebung und Liebe erfahren hat, aufgefordert, seinerseits das Evangelium der Versöhnung in Wort und Tat zu verkünden, ein versöhntes Dasein zu leben und zu bezeugen.

Aus dieser Sicht können wir uns heute fragen: Wie kann man dieses Evangelium der Versöhnung nach Jahrhunderten der Trennung verkünden? Paulus selbst hilft uns, den Weg zu finden. Er betont, dass die Versöhnung in Christus nicht ohne Opfer geschehen kann. Jesus hat sein Leben hingegeben und ist für alle gestorben. Ähnlich sind die Botschafter der Versöhnung in seinem Namen aufgerufen, ihr Leben hinzugeben; nicht mehr für sich selbst, sondern für den zu leben, der für sie gestorben und auferstanden ist (vgl. 2 Kor 5,14-15). Wie Jesus lehrt, retten wir unser Leben nur dann wirklich, wenn wir es aus Liebe zu ihm verlieren (vgl. Lk 9,24). Das ist die Umwälzung (rivoluzione), die Paulus erlebt hat, aber es ist die christliche Umwälzung aller Zeiten: nicht mehr für uns selber zu leben, für unsere Interessen und unsere Image-Pflege, sondern nach dem Bild Christi, für ihn und nach ihm, mit seiner Liebe und in seiner Liebe.

Für die Kirche, für jede christliche Konfession ist es eine Einladung, sich nicht auf Programme, auf Berechnungen und Vorteile zu stützen, nicht auf die Zweckmäßigkeiten und derzeitige Moden zu vertrauen, sondern im ständigen Blick auf das Kreuz des Herrn den Weg zu suchen: Dort ist unser Lebensprogramm. Es ist auch eine Einladung, aus jeder Abschottung herauszukommen, die Versuchung der Selbstbezogenheit zu überwinden, die verhindert, das zu erfassen, was der Heilige Geist außerhalb der eigenen Räume wirkt. Eine echte Versöhnung zwischen den Christen wird sich verwirklichen lassen, wenn wir verstehen, wechselseitig die Gaben des anderen anzuerkennen, und fähig sind, demütig und aufmerksam voneinander zu lernen – voneinander zu lernen! -, ohne zu erwarten, dass zuerst einmal die anderen von uns lernen.

Wenn wir so leben, d.h. um Christi willen uns selbst sterben, wird unser alter Lebensstil in die Vergangenheit verbannt und wir treten, wie damals Paulus, in eine neue Form des Daseins und der Gemeinschaft ein. Dann können wir mit Paulus sagen: » Das Alte ist vergangen « (2 Kor 5,17). Zurückzublicken ist hilfreich und überaus notwendig, um das Gedächtnis zu reinigen. Aber sich auf die Vergangenheit zu versteifen, indem man sich dabei aufhält, an erlittenes und verübtes Unrecht zu denken und nach rein menschlichen Kriterien zu urteilen, kann lähmend sein und verhindern, dass man in der Gegenwart lebt. Das Wort Gottes ermutigt uns, aus dem Gedenken Kraft zu schöpfen, uns an das vom Herrn empfangene Gute zu erinnern. Aber es verlangt auch von uns, die Vergangenheit hinter uns zu lassen, um Jesus im Heute zu folgen und in Ihm ein neues Leben zu leben. Erlauben wir dem, der alles neu macht (vgl. Offb 21,5), uns auf eine neue Zukunft auszurichten, welche offen ist für die Hoffnung, die nicht trügt – eine Zukunft, in der die Spaltungen überwunden werden können und die Gläubigen, in der Liebe erneuert, vollkommen und sichtbar vereint sein werden.

Während wir auf dem Weg der Einheit unterwegs sind, denken wir in diesem Jahr besonders an den fünfhundertsten Jahrestag der protestantischen Reformation. Dass heute Katholiken und Lutheraner gemeinsam eines Ereignisses gedenken können, das die Christen getrennt hat, und dass sie dies hoffnungsvoll tun, indem sie den Schwerpunkt auf Jesus und sein Werk der Versöhnung setzen, ist ein bemerkenswertes Ziel, das durch Gott und das Gebet im Laufe von fünfzig Jahren gegenseitiger Bekanntschaft und ökumenischen Dialogs erreicht wurde.

Indem ich von Gott die Gabe der Versöhnung mit ihm und unter uns erbitte, richte ich meine herzlichen und brüderlichen Grüße an den Vertreter des ökumenischen Patriarchats, Seine Eminenz Metropolit Gennadios, an den persönlichen Vertreter in Rom des Erzbischofs von Canterbury, Seine Gnaden David Moxon und an alle Vertreter der verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, die hier zusammengekommen sind. Mit besonderer Freude begrüße ich die Mitglieder der gemischten Kommission für den theologischen Dialog zwischen der katholischen Kirche und den altorientalischen Kirchen, denen ich für die Vollversammlung, die in diesen Tagen stattfindet, eine fruchtbare Arbeit wünsche. Ich begrüße auch die Studenten des Ecumenical Institute of Bossey (so ausgelassen!, ich habe sie heute morgen gesehen), die in Rom zu Besuch sind, um Ihre Kenntnis der katholischen Kirche zu vertiefen, sowie die jungen orthodoxen und altorientalischen Christen, die dank der Stipendien vom Komitee für kulturelle Zusammenarbeit mit den orthodoxen Kirchen in Rom studieren – ein Komitee, das beim Rat zur Förderung der Einheit der Christen tätig ist. Den Vorgesetzten und allen Mitarbeitern dieses Dikasteriums drücke ich meine Wertschätzung und meinen Dank aus.

Liebe Brüder und Schwestern, unser Gebet für die Einheit der Christen ist eine Teilhabe an dem Gebet, das Jesus vor seinem Leiden an den Vater richtete: » Alle sollen eins sein « (Joh 17,21). Werden wir niemals müde, diese Gabe von Gott zu erbitten. In der geduldigen und zuversichtlichen Erwartung, dass der Vater allen Gläubigen das Gut der vollen sichtbaren Einheit gewähren möge, wollen wir auf unserem Weg der Versöhnung und des Dialogs vorangehen. Dabei ermutigt uns das heroische Zeugnis so vieler Brüder und Schwestern, die gestern wie heute im Leiden für den Namen Jesu vereint waren und sind. Nehmen wir jede Gelegenheit wahr, welche die Vorsehung uns bietet, um gemeinsam zu beten, gemeinsam zu verkündigen und gemeinsam zu lieben und zu dienen – vor allem gegenüber denjenigen, die am ärmsten und am meisten vernachlässigt sind.

(rv 25.01.2017 sk)

Dr. Kurt Koch: Das Konzil bildet den „roten Faden“ im Leben Joseph Ratzingers

koch-740x493

Kardinal Kurt Koch / ZENIT – HSM, CC BY-NC-SA

Prof. Josef Kreiml über das neueste Buch des Kardinals

Kurt Kardinal Koch, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, weilte erst im vergangenen September in Regensburg. Anlass war die Errichtung des Ostkircheninstituts der Diözese Regensburg sowie ein zweitägiges und hochkarätig besetztes internationales ökumenisches Symposium zum Thema „Dialog 2.0 – Braucht der Dialog neue Impulse?“, das im Diözesanzentrum Obermünster in Regensburg stattfand. Nun hat Kardinal Kurt Koch den Band „Bund zwischen Liebe und Vernunft. Das theologische Erbe von Papst Benedikt XVI.“ im Verlag Herder, Freiburg, publiziert. Prof. Dr. Josef Kreiml, Professor für Fundamentaltheologie, künftiger Direktor des Institutum Marianum Regensburg (IMR) und Priester der Diözese Regensburg, beschreibt, worum es in dem Buch geht. Einen der hier veröffentlichten Vorträge hat Kardinal Koch übrigens 2013 in Regensburg gehalten.

Im Vorwort betont der Verfasser, dass Joseph Ratzinger seine Theologie immer „als Mit-Denken mit der ganzen Kirche und als kirchlichen Dienst an der objektiven Wahrheit des Glaubens“ verstanden hat. Jesus Christus hat sich als Liebe und als Logos offenbart. Im Dienst an der glaubwürdigen Bewährung dieses Bundes zwischen Liebe und Vernunft „liegt das große Erbe, das Joseph Ratzinger als Theologe und als Papst hinterlässt“.

Der Text „Ein hörendes Herz haben. Zur prophetischen Dimension der Theologie Benedikts XVI.“ enthält die Predigt, die der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen 2012 im Freiburger Münster gehalten hat. Darin fragt Kurt Koch nach den biblischen Kennzeichen eines Propheten (Freundschaft mit dem lebendigen Gott, im Dienst eines Anderen stehen, prophetisch-marianische Kirche). Die Aufgabe eines wahren Propheten ist es, „sich selbst und die ganze Kirche immer wieder zum Gehorsam gegenüber dem Evangelium zu verpflichten, und zwar gegen alle Versuchungen zur Anpassung an den Zeitgeist und zur Verwässerung des lebendigen Wortes Gottes“. In ihrer gehorsamen Grundhaltung ist Maria das Urbild der Kirche. Die Mutter des Herrn ist „die wahre Prophetin“.

Der Weg zum Geheimnis der Schönheit Gottes

In seinem Vortrag „Offenbarung der Liebe Gottes und Leben der Liebe in der Glaubensgemeinschaft der Kirche“ (Universität Freiburg 2012; S. 18-53) führt der Kardinal aus, dass die Kirche Volk Gottes vom Leib Christi her ist. Joseph Ratzingers Theologie ist „im Kern Offenbarungstheologie“. Gerade in seiner Eschatologie zeigt sich, dass Benedikt XVI. eine personbezogene Theologie im Dienst an der Glaubensfreude entwickelt hat. Die Schönheit der Heiligkeit und die Schönheit der Kunst öffnen den Weg zum Geheimnis der Schönheit Gottes.

Den Vortrag „Theologie und Papst des Konzils. Joseph Ratzinger – Papst Benedikt XVI. und das Zweite Vatikanische Konzil“ (S. 54-93) hat Kardinal Koch 2013 in Regensburg gehalten: Das Konzil bildet den „roten Faden“ im Leben Joseph Ratzingers. Papst Benedikt XVI. werde als „großer Interpret“ des Zweiten Vatikanums in die Geschichte eingehen; er erweist sich als „ein ganz konsequenter Papst“ dieses Konzils.

Im Vortrag „Die Heiligen und die Theologie im Denken von Joseph Ratzinger – Benedikt XVI.“ (S. 94-114), den Kardinal Koch 2013 in Rom gehalten hat, zeigt der Verfasser, dass die Heiligen die wahren Repräsentanten der Kirche sind. Sie sind authentische Interpreten des Wortes Gottes und glaubwürdige Zeugen des Glaubens. Theologie und Spiritualität müssen sich gegenseitig befruchten.

Ein weiterer Text des Kardinals ist dem Thema „Gottes Antlitz in Jesus Christus schauen. Grundlinien der existenziellen Christologie von Benedikt XVI.“ (S. 115-140) gewidmet: Darin zeigt der Verfasser, dass das Beten Jesu der „Ort seiner Identität“ ist. Während Mose nur den Rücken des Herrn sehen konnte, hat sich Gott in Jesus Christus „von Angesicht zu Angesicht gezeigt“.

Pontifikat: christozentrisch und evangelisch

Im Aufsatz „Einheit in Christus und in seinem Leib. Ökumenisches Lehramt im Pontifikat von Papst Benedikt XVI.“ (S. 141-165) zeigt Kardinal Koch, dass es Benedikt XVI. als „vorrangige Verpflichtung“ des Petrusnachfolgers gesehen hat, „mit allen Kräften an der Wiederherstellung der vollen und sichtbaren Einheit aller Jünger Christi zu arbeiten“. Das Pontifikat Benedikts war „konsequent ökumenisch“, weil es „ein ganz christozentrisches und evangelisches Pontifikat“ gewesen ist.

Den Vortrag „Begegnung zwischen biblischem Glauben und griechischem Geist. Joseph Ratzinger – Benedikt XVI. und die Welt der Orthodoxie“ (S. 166-190) hat der Kardinal 2014 in Konstantinopel gehalten: Es gibt eine „innere Nähe“ Ratzingers zur orthodoxen Theologie. Diese besteht darin, dass Benedikt XVI. mit der Orthodoxie die Anerkennung des Glaubens und der ekklesialen Struktur des ersten Jahrtausends als Kriterium für die Bewährung von Glauben und kirchlichem Leben auch in der Gegenwart teilt. Die Begegnung zwischen dem biblischen Glauben und dem griechischen Denken ist providentiell gewesen. Sie stellt die Vernunft auch heute vor neue Herausforderungen.

In seinem Beitrag „,Was ist Wahrheit?῾ Joseph Ratzingers Kernfrage angesichts der Diktatur des Relativismus“ (S. 191-208) fragt der Kardinal nach Implikationen der Wahrheitsfrage in der Theologie. Entscheidend ist, ob der Mensch nach Wahrheit sucht und in der Wahrheit lebt.

Ein weiterer Aufsatz des Schweizer Kardinals gilt dem Thema „Stern der Neuevangelisierung. Marianische Dimension des Missionsauftrags in der Sicht von Benedikt XVI.“ (S. 209-229): In seiner Homilie bei der Eröffnung der Bischofssynode im Oktober 2012 hat Papst Benedikt der Gottesmutter den Titel „Stern der Neuevangelisierung“ zugesprochen. Zwischen dem marianischen Glaubensgeheimnis und der Dynamik der missionarischen Tätigkeit der Kirche besteht kein Gegensatz. Die Konzilspäpste Johannes XXIII. und Paul VI. haben das Konzil unter einer „marianischen Leitperspektive“ gesehen. Es war der ausdrückliche Wunsch von Johannes XXIII., dass das Zweite Vatikanum – gemäß dem damaligen liturgischen Kalender – am Fest der Mutterschaft Marias eröffnet wurde. Zwischen der Mission des Sohnes und der Sendung seiner Mutter besteht eine tiefe innere Einheit. Die Mission der Kirche müsse mit einem „marianischen Notenschlüssel“ versehen werden. Neuevangelisierung ist die logische Konsequenz, die sich aus der Freude am Glauben von selbst ergibt.

Die Gottesfrage in modernen Gesellschaften

Abschließend beleuchtet der Kardinal „das Erbe des Pontifikats von Benedikt XVI.“ (S. 230-240): In diesem Vortrag aus dem Jahr 2013 betont er, dass der papa emerito die Kirche vornehmlich durch sein Lehren geleitet hat. Papst Benedikt wird man „gewiss als einen der großen Kirchenlehrer in Erinnerung behalten“. Wenn die Wahrheit nur eine mathematische Formel wäre, würde sie sich von selbst aufdrängen. Weil sie jedoch Liebe ist, verlangt sie den Glauben. „Im klaren Bewusstsein, dass die Frage nach Gott für die Zukunftsfragen der Menschheit von grundlegender Bedeutung ist, hat Papst Benedikt mit seinen großen Reden wesentlich dazu beigetragen, dass die Gottesfrage in den modernen Gesellschaften wach gehalten wird“ (S. 234). Die „entscheidende Herzmitte“ des Pontifikats von Benedikt XVI. besteht in der Christozentrik seiner Verkündigung.

Summa summarum: Mit diesem Buch legt der Schweizer Kardinal, der das Wirken von Papst Benedikt seit Jahrzehnten intensiv wahrgenommen hat, ein überaus kompetentes Werk vor. Dem Verfasser gelingt es, die entscheidenden theologischen und pastoralen Einsichten des emeritierten Papstes klar zu benennen und damit einer breiten Rezeption dieses Theologenpapstes den Weg zu bereiten. Prof. Dr. Josef Kreiml

Kurt Kardinal Koch, Bund zwischen Liebe und Vernunft. Das theologische Erbe von Papst Benedikt XVI., 240 Seiten, Verlag Herder, Freiburg 2016, ISBN 978-3-451-37533-0, 26 Euro.

(Quelle: Webseite des Bistums Regensburg, 28.12.2016)

_______

Quelle

Papst würdigt Einsatz des Patriarchen Bartholomaios I. für die Einheit der Christen

1024px-duomobari-740x493

Basilica San Nicola, Bari / Wikimedia Commons

Ökumenischer Patriarch empfing am Montag
den „Nikolaus-Preis“ in Bari

Papst Franziskus hat den Einsatz des ökumenischen Patriarchen Konstantinopels, Bartholomaios I., ‪„zur Förderung einer immer größeren Gemeinschaft unter allen Gläubigen in Christus“ gewürdigt. Der im Februar 1940 auf der Insel Imbros (oder Gökçeada, in der türkischen Provinz Çanakkale) geborene Patriarch wurde am Montag im süditalienischen Bari mit dem ökumenischen ‪„Sankt-Nikolaus-Preis“ ausgezeichnet.

Der von der Theologischen Fakultät Apuliens gestiftete „Premio Ecumenico San Nicola“ wird katholischen und orthodoxen Persönlichkeiten verliehen, die sich in besonderer Art und Weise um die Förderung der Einheit der Christen verdient gemacht haben. Der Preis besteht aus einer gold-silbernen Reproduktion der ‪„einflammigen Lampe“, die seit 1936 bei den Reliquien des heiligen Nikolaus von Myra in der päpstlichen Nikolaus-Basilika in Bari brennt.

In seinem Telegramm an den Erzbischof von Bari, Msgr. Francesco Cacucci, vereint der Papst sich ‪„geistlich mit dem sehr lieben Bruder Bartholomaios in der Verehrung des heiligen Bischofs von Myra Nikolaus, dessen Reliquien seit fast tausend Jahren in Bari aufbewahrt werden“.

Im Schreiben vertraut Papst Franziskus „die ersehnte Verwirklichung der vollen Einheit der Christen“ der Fürsprache des ‪„sowohl im Westen wie im Osten sehr geliebten Hirten“ Nikolaus an.

Mit ihrer ‪„lobenswerten“ Initiative – so heißt es weiter – bezeugen „die Theologische Fakultät Apulien‪s und die ganze Kirche Apuliens ihre Treue an ihrer Berufung als Brücke zwischen den Christen des Ostens und des Westens.“

Der hl. Nikolaus wird am 6. Dezember gefeiert (19. Dezember im Julianischen Kalender) und genießt vor allem Bekanntheit als Freund der Kinder und Geber guter Gaben.

_______

Quelle

Kardinal Koch: Einsatz linker Parteien für Muslime verwundert

reuters1256476_articolo

Kardinal Kurt Koch

Kurienkardinal Kurt Koch wundert sich über den Einsatz von Parteien des linken Spektrums für Muslime. Viele Überzeugungen im Islam entsprächen nicht deren parteipolitischen Linien, sagte der vatikanische Ökumene-Verantwortliche in einem am Dienstag veröffentlichten Interview der Düsseldorfer „Rheinischen Post“.

Was die Präsenz des Islam in Europa betreffe, darf es laut Koch auf der einen Seite keine Panik geben und auf der anderen Seite keine Verharmlosung von vorhandenen Problemen. „Zudem ist in Europa nicht die Stärke des Islams, sondern die Schwäche des Christentums das eigentliche Problem“, so Koch.

Die heutige Krise in Europa lasse sich nur überwinden, wenn die christlichen Wurzeln wieder entdeckt würden, sagte der aus der Schweiz stammende Kurienkardinal. „Wer seine eigene Vergangenheit nicht kennt oder sie leugnet, wird keine Zukunft haben.“ Europa sei nicht nur eine ökonomische, sondern zuerst eine geistig-kulturelle Größe.

Im Blick auf die Ökumene sagte der Kardinal, schnelle Durchbrüche seien nicht zu erwarten. „Das Hauptproblem besteht heute darin, dass wir weitgehend keine gemeinsame Sicht des Ziels der Ökumene mehr haben“, sagte der Präsident des Päpstlichen Rats für die Einheit der Christen.

Für die Katholiken bestehe das Ziel der Ökumene in der sichtbaren Einheit im Glauben, in den Sakramenten und in den kirchlichen Ämtern, führte Koch aus. Demgegenüber erblickten nicht wenige der aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen das Ziel bereits darin, „dass sich die Kirchen so, wie sie heute sind, einander als Kirchen und damit als Teile der einen Kirche Jesu Christi anerkennen“. Wenn kein Konsens darüber bestehe, „wohin die ökumenische Reise gehen soll, ist es schwierig, die nächsten Schritte anzuvisieren“.

Christusgeheimnis betonen

Kardinal Koch wandte sich aber dagegen, die ökumenischen Fortschritte geringzuschätzen: „Wenn man bedenkt, was sich Lutheraner und Katholiken in der Geschichte wechselseitig angetan haben, sollte man es nicht banalisieren, dass heute beide friedlich miteinander leben. Und wenn beide sich beim Reformationsgedenken auf das Christusgeheimnis als Kern des christlichen Glaubens zurückbesinnen, wird dies für beide Kirchen und für die Ökumene gewiss nicht ohne Folgen sein.“

Für den Kurienkardinal wollte Martin Luther vor 500 Jahren die katholische Kirche erneuern und nicht spalten. „Sein Grundanliegen, die Kirche in der damaligen Zeit wieder zum Kern des Evangeliums zurückzuführen, ist positiv zu würdigen“, so der Präsident des Einheitsrates mit Blick auf das aktuelle Reformationsgedenken. Dass etwas anderes daraus entstanden sei, hänge auch mit den politischen Verwicklungen zusammen, in die sein Reformanliegen geraten sei, sagte Koch.

(kna 22.11.2016 mg)