PAPST BENEDIKT XVI. ÜBER DEN GROßEN KIRCHENVATER JOHANNES CHRYSOSTOMUS

Johnchrysostom

SCHREIBEN VON PAPST BENEDIKT XVI.
ANLÄSSLICH DES 1600. TODESTAGES DES HL.
JOHANNES CHRYSOSTOMUS

 

Liebe Mitbrüder im bischöflichen und priesterlichen Dienst,
liebe Brüder und Schwestern in Christus!

1. Einleitung

In dieses Jahr fällt der 1600. Todestag des hl. Johannes Chrysostomus, eines großen Kirchenvaters, auf den die Christen aller Zeiten mit Verehrung schauen. In der alten Kirche zeichnet sich Johannes Chrysostomus dadurch aus, daß er die »fruchtbare Begegnung zwischen der christlichen Botschaft und der griechischen Kultur« gefördert hat, die »eine bleibende Wirkung auf die Kirchen des Ostens und des Westens« hatte.[1] Sowohl das Leben als auch die Lehre des heiligen Bischofs und Kirchenlehrers klingen in allen Jahrhunderten nach und rufen noch heute allgemeine Bewunderung hervor. Die römischen Päpste haben in ihm stets eine lebendige Quelle der Weisheit für die Kirche erkannt und seiner Lehre im Laufe des letzten Jahrhunderts noch größere Aufmerksamkeit entgegengebracht. Vor 100 Jahren hat der hl. Pius X. des 1500. Todestages des hl. Johannes gedacht und die Kirche eingeladen, seine Tugenden nachzuahmen.[2] Papst Pius XII. hob den großen Wert des Beitrags hervor, den der hl. Johannes zur Geschichte der Auslegung der Heiligen Schrift geleistet hat durch die Theorie der »Herablassung« oder »synkatábasis«. Durch sie hat Chrysostomus erkannt: »Gottes Worte, durch Menschenzunge formuliert, sind menschlicher Rede ähnlich geworden«.[3] Das Zweite Vatikanische Konzil hat diese Aussage in die dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung Dei Verbum eingefügt.[4] Der sel. Johannes XXIII. hat das tiefe Verständnis unterstrichen, das Chrysostomus von der inneren Verbindung zwischen der eucharistischen Liturgie und der Sorge für die Universalkirche hat.[5] Der Diener Gottes Paul VI. betonte die Art und Weise, in der er »sich mit so großer Beredsamkeit und mit so tiefem religiösen Verständnis über das eucharistische Geheimnis äußerte«.[6] Ich möchte die feierliche Geste in Erinnerung rufen, mit der mein geliebter Vorgänger, der Diener Gottes Johannes Paul II., im November 2004 wichtige Reliquien der hll. Johannes Chrysostomus und Gregor von Nazianz dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel übergab. Wie der Papst bemerkte, war diese Geste für die katholische Kirche und für die orthodoxen Kirchen wirklich »eine gesegnete Gelegenheit, unser verwundetes Gedächtnis zu reinigen und unseren Weg zur Versöhnung zu festigen«.[7] Ich selbst hatte während meiner Apostolischen Reise in die Türkei in der Kathedrale des Patriarchats von Konstantinopel Gelegenheit, die »berühmten Heiligen und Hirten in Erinnerung« zu rufen, »die über den Stuhl von Konstantinopel gewacht haben, darunter der hl. Gregor von Nazianz und der hl. Johannes Chrysostomus, die auch der Westen als Kirchenlehrer verehrt … Sie sind wahrlich würdige Fürsprecher für uns vor dem Herrn«.[8] Ich freue mich daher, daß der 1600. Todestag des hl. Johannes mir Gelegenheit gibt, seine leuchtende Gestalt ins Gedächtnis zu rufen und sie der Universalkirche zur gemeinsamen Erbauung anzubieten.

2. Das Leben und der Dienst des hl. Johannes

Der hl. Johannes Chrysostomus wurde Mitte des vierten Jahrhunderts in Antiochien in Syrien geboren. Er wurde den traditionellen Gepflogenheiten seiner Zeit gemäß in den freien Künsten unterrichtet und zeigte sich als besonders begabt in der öffentlichen Redekunst. Während seiner Studien, noch in jungen Jahren, bat er um die Taufe und nahm die Einladung seines Bischofs Meletius an, in der Ortskirche den Lektorendienst zu übernehmen.[9] In jener Zeit herrschte Unruhe unter den Gläubigen aufgrund der Schwierigkeiten, eine angemessene Weise zu finden, die Göttlichkeit Christi zum Ausdruck zu bringen. Johannes hatte sich auf die Seite der orthodoxen Gläubigen gestellt, die in Übereinstimmung mit dem ökumenischen Konzil von Nizäa die volle Göttlichkeit Christi bekannten, obgleich dadurch in Antiochien sowohl er selbst als auch die anderen Gläubigen nicht auf die Gunst der Regierung des Kaisers stießen.[10] Nach seiner Taufe wandte sich Johannes dem asketischen Leben zu. Durch den Einfluß seines Lehrers Diodor von Tarsus entschloß er sich, das ganze Leben hindurch ehelos zu bleiben, und widmete sich dem Gebet, dem strengen Fasten und dem Studium der Heiligen Schrift.[11] Er verließ Antiochien, um sechs Jahre lang ein asketisches Leben in der syrischen Wüste zu führen, und begann, Abhandlungen über das geistliche Leben zu schreiben.[12] Dann kehrte er nach Antiochien zurück, wo er der Kirche wiederum als Lektor und später fünf Jahre lang als Diakon diente. Im Jahre 386, als er von Flavianus, dem Bischof von Antiochien, zum Priesteramt berufen wurde, fügte er dem Dienst des Gebets und der literarischen Tätigkeit noch den der Verkündigung des Wortes Gottes hinzu.[13]

Während seines zwölf Jahre andauernden priesterlichen Dienstes in der Kirche von Antiochien zeichnete sich Johannes sehr stark durch seine Fähigkeit aus, die Heilige Schrift in einer für die Gläubigen verständlichen Weise auszulegen. In seiner Predigttätigkeit setzte er sich mit Eifer dafür ein, die Einheit der Kirche zu stärken, indem er in seinen Zuhörern die christliche Identität kräftigte, in einem geschichtlichen Augenblick, in dem diese sowohl von innen als auch von außen her bedroht war. Zu Recht spürte er, daß die Einheit unter den Christen vor allem vom wahren Verständnis des zentralen Geheimnisses des Glaubens der Kirche abhängt, nämlich des Geheimnisses der Allerheiligsten Dreifaltigkeit und der Menschwerdung des göttlichen Wortes. Da er sich jedoch der Schwierigkeit dieser Geheimnisse sehr wohl bewußt war, bemühte sich Johannes sehr darum, die Lehre der Kirche den einfachen Menschen seiner Gemeinde zugänglich zu machen, sowohl in Antiochien als auch später in Konstantinopel.[14] Und er unterließ es nicht, sich auch den Andersdenkenden zuzuwenden. Er zog im Umgang mit ihnen Geduld der Aggressivität vor, denn er glaubte, daß, um einen theologischen Irrtum zu überwinden, »nichts wirksamer ist als die Mäßigung und die Freundlichkeit«.[15]

Der starke Glaube des Johannes und seine Gewandtheit in der Predigt gaben ihm die Möglichkeit, die Antiochener zu besänftigen, als zu Beginn seines Priesteramtes der Kaiser den steuerlichen Druck auf die Stadt erhöhte und so einen Aufstand hervorrief, bei dem einige öffentliche Gebäude zerstört wurden. Nach dem Aufstand versammelte sich das Volk aus Furcht vor dem Zorn des Kaisers in der Kirche, wo es von Johannes Worte der christlichen Hoffnung und des Trostes zu hören wünschte: »Wenn wir euch nicht trösten, wo sollt ihr dann jemals Trost finden?«, sagte er zu ihnen.[16] In den Predigten, die er während der Fastenzeit jenes Jahres hielt, rief Johannes die Ereignisse, die mit dem Aufstand verbunden waren, ins Gedächtnis zurück und erinnerte seine Zuhörer an die Haltung, die die staatsbürgerliche Tätigkeit der Christen kennzeichnen muß,[17] besonders die Ablehnung gewaltsamer Mittel zur Herbeiführung politischer und sozialer Veränderungen.[18] In diesem Zusammenhang ermahnte er die reichen Gläubigen, den Armen gegenüber Nächstenliebe zu üben, um eine gerechtere Stadt aufzubauen, und rief gleichzeitig die Gebildeten auf, zu Lehrern zu werden. Alle Christen sollten sich in den Kirchen versammeln, um zu lernen, daß einer die Last des anderen tragen muß.[19] Bei Gelegenheit wußte er auch seine Zuhörer zu trösten, sie in der Hoffnung zu bestärken und sie zu ermutigen, Vertrauen in Gott zu haben, sowohl im Hinblick auf das zeitliche als auch auf das ewige Heil,[20] denn »Bedrängnis bewirkt Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung Hoffnung« (Röm 5,3–4).[21]

Nachdem er der Kirche in Antiochien zwölf Jahre lang als Priester und Prediger gedient hatte, wurde Johannes 398 zum Bischof von Konstantinopel geweiht, wo er fünfeinhalb Jahre blieb. In jener Funktion befaßte er sich mit der Reform des Klerus, indem er die Priester sowohl mit Worten als auch durch sein Vorbild anspornte, in Übereinstimmung mit dem Evangelium zu leben.[22] Er unterstützte die Mönche, die in der Stadt lebten, und trug Sorge für ihre materiellen Bedürfnisse, versuchte aber auch, ihr Leben zu reformieren, indem er hervorhob, daß sie den Vorsatz gefaßt hatten, sich ausschließlich dem Gebet und einem zurückgezogenen Leben zu widmen.[23] Er vermied sorgsam jede Zurschaustellung von Luxus und nahm, obgleich er Bischof einer Reichshauptstadt war, einen bescheidenen Lebensstil an, war jedoch sehr großherzig beim Verteilen von Almosen an die Armen. Johannes widmete sich jeden Sonntag und an den hohen Festen der Predigt. Er achtete sehr darauf, daß der Beifall, den er oft für seine Predigt erhielt, ihn nicht dazu verleitete, das gepredigte Evangelium an Wirkkraft einbüßen zu lassen. Daher beklagte er sich manchmal, daß allzuoft dieselbe Zuhörerschaft, die seinen Predigten Beifall spendete, seine Ermahnungen, ein wirklich authentisches christliches Leben zu führen, mißachtete.[24] Er prangerte unermüdlich den Gegensatz an, der zwischen der maßlosen Verschwendung der Reichen und dem Elend der Armen in der Stadt herrschte, und forderte zugleich die Reichen auf, die Obdachlosen in ihre Häuser aufzunehmen.[25] Er erblickte Christus in den Armen und lud seine Zuhörer ein, dasselbe zu tun und entsprechend zu handeln.[26]Seine Verteidigung der Armen und sein Tadel an den Überreichen war so anhaltend, daß dies bei einigen Reichen und bei den politischen Machthabern der Stadt Unmut und sogar Feindseligkeit gegen ihn hervorrief.[27]

Unter den Bischöfen seiner Zeit zeichnete sich Johannes durch einen außerordentlichen missionarischen Eifer aus; er entsandte Missionare, um das Evangelium denen zu verkünden, die es noch nicht vernommen hatten.[28] Er ließ Hospitäler für die Kranken bauen.[29] In einer Predigt in Konstantinopel über den Hebräerbrief sagte er, daß die materielle Unterstützung der Kirche jedem Notleidenden zukommen müsse, ohne Rücksicht auf das religiöse Bekenntnis: »Der Notleidende gehört Gott, auch wenn er Heide oder Jude ist. Auch wenn er nicht glaubt, ist er der Hilfe würdig«.[30]

Als Bischof der Hauptstadt des Ostreiches mußte Johannes eine Vermittlerrolle in den heiklen Beziehungen zwischen der Kirche und dem Hof des Kaisers ausüben. Oft war er den Feindseligkeiten vieler kaiserlicher Beamter ausgesetzt, wobei der Grund manchmal seine unbeirrbare Kritik am übertriebenen Luxus war, mit dem sie sich umgaben. Gleichzeitig brachte ihn seine Position als Metropolitanerzbischof von Konstantinopel in die schwierige und heikle Lage, eine Reihe kirchlicher Fragen verhandeln zu müssen, die andere Bischöfe und andere Sitze mitbetrafen. Infolge der Intrigen, die mächtige Gegner sowohl auf kirchlicher als auch auf kaiserlicher Seite gegen ihn anzettelten, wurde er zweimal vom Kaiser zum Exil verurteilt. Er starb am 14. September vor nunmehr 1600 Jahren in Komana Pontika auf der Reise zum Bestimmungsort seines zweiten Exils, weit entfernt von den Gläubigen seiner geliebten Herde in Konstantinopel.

3. Die Lehre des hl. Johannes

Seit dem fünften Jahrhundert wird Chrysostomus von der ganzen christlichen Kirche, sowohl der östlichen als auch der westlichen, für sein mutiges Zeugnis zur Verteidigung des kirchlichen Glaubens und seine großherzige Hingabe an den Hirtendienst verehrt. Seine Lehre und seine Predigttätigkeit ebenso wie seine Sorge für die heilige Liturgie haben ihm schon früh die Anerkennung als Kirchenvater und Kirchenlehrer eingebracht. Auch sein Ruf als Prediger fand bereits im sechsten Jahrhundert Anerkennung durch die Zuschreibung des Titels »Goldmund«, auf griechisch »Chrysostomos«. Von ihm schreibt der hl. Augustinus: »Beachte, Julianus, in welche Gesellschaft ich dich eingeführt habe. Hier ist Ambrosius von Mailand, … hier Johannes von Konstantinopel, … hier Basilius, … hier die anderen, und ihre wunderbare Übereinstimmung sollte dich zum Nachdenken bringen… Sie erglänzten in der katholischen Kirche durch das Studium der Lehre. Gerüstet und geschützt mit geistlichen Waffen haben sie kraftvolle Kriege gegen die Irrlehrer geführt, und nachdem sie nun die ihnen von Gott anvertrauten Werke treu zu Ende geführt haben, schlafen sie im Schoß des Friedens… Das ist der Ort, an den ich dich geführt habe. Die Gemeinschaft dieser Heiligen ist nicht die Volksmenge: Sie sind nicht nur Söhne, sondern auch Väter der Kirche«.[31]

Besondere Erwähnung verdient auch der außerordentliche Einsatz des hl. Johannes Chrysostomus, um die Versöhnung und die volle Gemeinschaft unter den Christen des Ostens und des Westens zu fördern. Insbesondere war sein Beitrag entscheidend für die Beendung des Schismas, das den Bischofssitz von Antiochien von dem Roms und der anderen westlichen Kirchen trennte. Zur Zeit seiner Weihe zum Bischof von Konstantinopel schickte Johannes eine Gesandtschaft nach Rom zu Papst Siricius. Zur Unterstützung dieser Sendung erlangte er im Hinblick auf seinen Plan, das Schisma zu beenden, die Mitarbeit des Bischofs von Alexandrien in Ägypten. Papst Siricius antwortete mit Wohlwollen auf die diplomatische Initiative des Johannes; so wurde das Schisma friedlich überwunden und die volle Gemeinschaft zwischen den Kirchen wiederhergestellt.

In der Folgezeit, gegen Ende seines Lebens, nachdem er aus dem ersten Exil nach Konstantinopel zurückgekehrt war, schrieb Johannes an Papst Innozenz sowie an die Bischöfe Venerius von Mailand und Cromatius von Aquileia und bat sie um ihre Hilfe bei den Bemühungen, die Ordnung in der Kirche von Konstantinopel wiederherzustellen, die aufgrund der gegen ihn begangenen Ungerechtigkeiten gespalten war. Johannes ersuchte Papst Innozenz und die anderen westlichen Bischöfe um ein Eingreifen, das, wie er schrieb, »nicht nur uns, sondern der ganzen Kirche Wohlwollen gewähren möge«.[32] Wenn nämlich ein Teil der Kirche an einer Wunde leidet, so leidet für Chrysostomus die ganze Kirche an derselben Wunde. Papst Innozenz verteidigte Johannes in einigen Briefen an die Bischöfe des Ostens.[33] Der Papst bekräftigte seine volle Gemeinschaft mit ihm und ignorierte seine Absetzung, die er als unrechtmäßig betrachtete.[34] Dann schrieb er an Johannes, um ihn zu trösten,[35] und auch an den Klerus und die Gläubigen von Konstantinopel, um seine volle Unterstützung gegenüber ihrem rechtmäßigen Bischof zum Ausdruck zu bringen. Er bekannte: »Johannes, euer Bischof, hat zu Unrecht gelitten.«[36] Darüber hinaus versammelte der Papst eine Synode italienischer und östlicher Bischöfe, um Recht zu erlangen für den verfolgten Bischof.[37] Mit Unterstützung des Kaisers des Westens schickte der Papst eine Gesandtschaft westlicher und östlicher Bischöfe nach Konstantinopel zum Kaiser des Ostens, um Johannes zu verteidigen und darum zu bitten, daß eine ökumenische Bischofssynode ihm Gerechtigkeit verschaffen möge.[38] Als kurz vor seinem Tod im Exil diese Pläne scheiterten, schrieb Johannes an Papst Innozenz, um ihm für den »großen Trost« zu danken, den ihm dessen großherzig gewährte Unterstützung gespendet hatte.[39] In seinem Brief bestätigte Johannes, daß er, obgleich die große Entfernung des Exils sie voneinander trennte, »Tag für Tag in Gemeinschaft « mit ihm sei, und sagte: »Du hast auch den liebevollsten Vater übertroffen in deinem Wohlwollen und deinem Eifer uns gegenüber«. Er bat ihn jedoch, in seinem Bemühen um Gerechtigkeit für ihn und für die Kirche von Konstantinopel fortzufahren, denn »jetzt muß der Kampf, der vor deinen Augen liegt, fast für die ganze Welt gekämpft werden, für die Kirche, die erniedrigt am Boden liegt, für das zersprengte Volk, den angegriffenen Klerus, die ins Exil gesandten Bischöfe, die altüberlieferten Gesetze, die übertreten wurden«. Johannes schrieb auch an die anderen westlichen Bischöfe, um ihnen für ihre Unterstützung zu danken,[40] darunter in Italien Cromatius von Aquileia,[41]Venerius von Mailand[42] und Gaudentius von Brescia.[43]

Sowohl in Antiochien als auch in Konstantinopel sprach Johannes leidenschaftlich von der Einheit der in der ganzen Welt verbreiteten Kirche. Er merkte in diesem Zusammenhang an: »Die Gläubigen in Rom betrachten diejenigen in Indien als Glieder ihres eigenen Leibes«,[44] und er unterstrich, daß in der Kirche kein Raum sei für Spaltungen. Er rief aus: »Die Kirche existiert nicht, damit diejenigen, die vereint sind, sich voneinander trennen, sondern damit diejenigen, die getrennt sind, sich vereinen können.«[45] Und er fand in der Heiligen Schrift die göttliche Bestätigung dieser Einheit. In einer Predigt über den Ersten Brief des hl. Paulus an die Korinther erinnerte er seine Zuhörer daran, daß »Paulus sich an die Kirche als ›Kirche Gottes‹wendet[46] und damit zeigt, daß sie vereint sein muß, denn wenn sie ›Gottes‹ ist, dann ist sie vereint, und sie ist es nicht nur in Korinth, sondern in der ganzen Welt; der Name der Kirche ist nämlich kein Name der Trennung, sondern der Einheit und der Eintracht«.[47]

Für Johannes gründet die Einheit der Kirche in Christus, dem göttlichen Wort, das sich durch seine Menschwerdung mit der Kirche vereint hat wie das Haupt mit seinem Leib:[48] »Wo das Haupt ist, dort ist auch der Leib«, und daher »gibt es keine Trennung zwischen dem Haupt und dem Leib«.[49] Er hatte verstanden, daß in der Menschwerdung das göttliche Wort nicht nur Mensch geworden ist, sondern sich auch mit uns vereint hat und uns zu seinem Leib gemacht hat: »Da es ihm nicht genügte, Mensch zu werden, geschlagen und getötet zu werden, vereint er sich mit uns nicht nur durch den Glauben, sondern es macht uns wirklich zu seinem Leib«.[50] Die Worte aus dem Brief des hl. Paulus an die Epheser: »Alles hat er ihm zu Füßen gelegt und ihn, der als Haupt alles überragt, über die Kirche gesetzt. Sie ist sein Leib und wird von ihm erfüllt, der das All ganz und gar beherrscht«,[51] erläutert Johannes folgendermaßen: »Es ist, als würde das Haupt durch den Leib ergänzt, denn der Leib setzt sich aus seinen verschiedenen Teilen zusammen und wird so gebildet. Sein Leib setzt sich daher aus allen zusammen. Daher ist das Haupt vollständig und der Leib vollkommen, wenn wir alle eng zusammen und vereint sind.«[52] Johannes schließt daraus, daß Christus alle Glieder seiner Kirche mit sich und miteinander vereint. Unser Glaube an Christus verlangt, daß wir uns um eine wirkliche, sakramentale Vereinigung unter den Gliedern der Kirche bemühen und allen Spaltungen ein Ende setzen.

Für Chrysostomus wird die kirchliche Einheit, die sich in Christus verwirklicht, ganz besonders in der Eucharistie bezeugt. Man bezeichnet ihn als »Doctor eucharisticus« aufgrund der Weite und Tiefe seiner Lehre über das allerheiligste Sakrament, [53] und er lehrt, daß die sakramentale Einheit der Eucharistie die Grundlage der kirchlichen Einheit in und durch Christus bildet. »Sicher gibt es viele Dinge, die uns alle zusammenhalten. Ein Tisch ist allen bereitet … allen wurde derselbe Trank angeboten, oder vielmehr nicht nur derselbe Trank, sondern auch derselbe Kelch. Unser Vater, der uns zu einer zärtlichen Liebe führen will, hat auch bestimmt, daß wir aus einem einzigen Kelch trinken sollen, wie es einer tiefen Liebe entspricht.«[54] Die Worte aus dem Ersten Brief des hl. Paulus an die Korinther: »Ist das Brot, das wir brechen, nicht Teilhabe am Leib Christi?«[55] kommentiert Johannes folgendermaßen: Für den Apostel »sind also auch wir, wie jener Leib mit Christus vereint ist, mit ihm vereint durch dieses Brot«.[56] Noch deutlicher argumentiert Johannes im Licht der folgenden Worte des Apostels: »Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot.«[57] Er sagt dazu: »Was ist das Brot? Der Leib Christi. Und was werden sie, wenn sie es essen? Der Leib Christi; nicht viele Leiber, sondern ein einziger Leib. Wie das Brot, obgleich es aus vielen Körnern besteht, eins wird, … so sind auch wir sowohl miteinander als auch mit Christus vereint … Wenn wir nun von ein und demselben Brot genährt werden und alle dasselbe werden, warum zeigen wir dann nicht auch dieselbe Liebe, um auch in dieser Hinsicht eins zu werden?«[58]

Der Glaube des Chrysostomus an das Geheimnis der Liebe, das die Gläubigen mit Christus und untereinander verbindet, führte ihn dazu, eine tiefe Verehrung für die Eucharistie zum Ausdruck zu bringen, eine Verehrung, die er besonders in der Feier der göttlichen Liturgie nährte. Eine der reichsten Formen der östlichen Liturgie trägt seinen Namen: »Die Göttliche Liturgie des hl. Johannes Chrysostomus«. Johannes verstand, daß die Göttliche Liturgie den Gläubigen geistlich zwischen das irdische Leben und die himmlischen Wirklichkeiten stellt, die ihm der Herr verheißen hat. Gegenüber Basilius dem Großen drückte er seine Ehrfurcht bei der Feier der heiligen Geheimnisse mit diesen Worten aus: »Wenn du den geopferten Herrn auf dem Altar liegen siehst und den Priester, der stehend das Gebet über das Opfer spricht … kannst du dann noch meinen, unter den Menschen, auf der Erde zu sein? Wirst du nicht im Gegenteil sofort in den Himmel entrissen?« Die heiligen Riten, sagt Johannes, »sind nicht nur wunderbar anzuschauen, sondern sie erwecken eine außerordentliche Ehrfurcht. Dort steht der Priester … der den Heiligen Geist herabruft, er betet lange, damit, wenn die Gnade auf das Opfer herabkommt, an jenem Ort die Seelen aller durch sie entzündet werden und sie strahlender werden als im Feuer geläutertes Silber. Wer kann dieses verehrungswürdige Geheimnis verachten?«[59]

Mit großer Tiefe entfaltet Chrysostomus die Reflexion über die Wirkung der sakramentalen Kommunion in den Gläubigen: »Das Blut Christi erneuert in uns das Bild unseres Königs, es bringt eine unsagbare Schönheit hervor und gestattet nicht, daß der Adel unserer Seelen zerstört werde, sondern tränkt und nährt ihn unaufhörlich.«[60] Daher ermahnt Johannes die Gläubigen oft und eindrücklich, sich dem Altar des Herrn würdig zu nähern, »nicht gedankenlos … nicht aus Gewohnheit und als Formsache«, sondern »aufrichtig und mit reinem Geist«.[61] Er wiederholt unermüdlich, daß die Vorbereitung auf die heilige Kommunion die Reue über die Sünden und die Dankbarkeit für das Opfer einschließen muß, das Christus zu unserer Rettung dargebracht hat. Daher ermahnt er die Gläubigen zu einer vollen und andächtigen Teilnahme an den Riten der Göttlichen Liturgie und dazu, mit derselben Haltung die heilige Kommunion zu empfangen: »Wir flehen euch an, laßt nicht zu, daß wir durch eure Respektlosigkeit getötet werden, sondern nähert euch Christus mit Andacht und Reinheit, und wenn ihr ihn vor euch seht, dann sagt zu euch selbst: ›Durch diesen Leib bin ich nicht mehr Erde und Asche, bin ich nicht mehr gefangen, sondern frei; durch ihn hoffe ich auf das Paradies, darauf, seine Güter, das Erbe der Engel, zu empfangen und mit Christus zu sprechen‹«.[62]

Aus der Betrachtung des Geheimnisses zieht er dann natürlich auch die moralischen Konsequenzen, in die er seine Zuhörer einbezieht: Er erinnert sie daran, daß die Kommunion mit dem Leib und dem Blut Christi sie verpflichtet, den Armen und Hungernden, die unter ihnen leben, materielle Hilfe zu leisten.[63] Der Tisch des Herrn ist der Ort, an dem die Gläubigen den Armen und Notleidenden erkennen und aufnehmen, den sie vorher vielleicht nicht kannten.[64] Er ermahnt die Gläubigen aller Zeiten, über den Altar, auf dem das eucharistische Opfer dargebracht wird, hinauszusehen und Christus in den Armen zu erblicken sowie sich daran zu erinnern, daß sie dank der Hilfe, die sie den Notleidenden leisten, auf dem Altar Christi ein Gott wohlgefälliges Opfer darbringen können.[65]

4. Schluß

Jedes Mal, wenn wir diesen unseren Vätern begegnen – schrieb Papst Johannes Paul II. in bezug auf einen anderen großen Kirchenvater und Kirchenlehrer, den hl. Basilius –, »werden wir durch sie im Glauben gestärkt und in der Hoffnung ermutigt«.[66]Der 1600. Todestag des hl. Johannes Chrysostomus bietet eine sehr günstige Gelegenheit, um die Studien über ihn zu fördern, seine Lehre neu zu entdecken und seine Verehrung zu verbreiten. Bei den verschiedenen Initiativen und Feiern, die aus Anlaß dieses 1600. Jahrestages stattfinden, bin ich im Geiste anwesend mit dankbarem Herzen und guten Wünschen. Ich möchte auch meinen sehnlichen Wunsch zum Ausdruck bringen, daß die Kirchenväter, »in deren Stimme die beständige christliche Tradition erklingt«,[67] immer mehr zu einem festen Bezugspunkt für alle Theologen der Kirche werden mögen. Zu ihnen zurückzukehren bedeutet, zu den Quellen der christlichen Erfahrung zurückzugehen, um deren Frische und Reinheit zu kosten. Was könnte ich also den Theologen Besseres wünschen als ein erneuertes Bemühen, das Erbe der Weisheit der heiligen Väter neu zu entdecken? Das kann für ihre Reflexion auch über die Probleme unserer heutigen Zeit nur eine kostbare Bereicherung sein.

Ich möchte dieses Schreiben mit einem letzten Wort des großen Kirchenlehrers beenden, in dem er seine Gläubigen – und natürlich auch uns – einlädt, über die ewigen Werte nachzudenken: »Wie lange noch werden wir in den Fesseln der gegenwärtigen Wirklichkeit sein? Wie lange wird es noch dauern, bis wir sie abschütteln können? Wie lange werden wir noch unser Heil vernachlässigen? Laßt uns daran denken, wessen Christus uns als würdig erachtet hat, laßt uns ihm danken, ihn preisen, nicht nur mit unserem Glauben, sondern auch mit unseren Werken, auf daß wir die zukünftigen Güter erlangen können durch die Gnade und die zärtliche Liebe unseres Herrn Jesus Christus. Durch ihn und mit ihm sei dem Vater und dem Heiligen Geist Herrlichkeit und Ehre, jetzt und in Ewigkeit. Amen.«[68]

Allen erteile ich meinen Segen!

Aus Castel Gandolfo, 10. August 2007, im dritten Jahr meines Pontifikats.

BENEDICTUS PP. XVI

 


[1] Vgl. Benedikt XVI., Ansprache in der Patriarchalkirche St. Georg im Phanar, Istanbul, 30. November 2006.

[2] Vgl. Pius X., Epistula venerabili Vincentio S.R.E. Card. Vannutelli (22 Iulii 1907): Acta Sanctae Sedis, Ephemerides Romanae, 40 (1907) 453–455.

[3] Vgl. Pius XII., Enzyklika Divino afflante spiritu (30. September 1943): AAS 35 (1943) 316.

[4] Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Dei Verbum, 13 (18. November 1965). Vgl. Paul VI., Ansprache an die italienischen Professoren für Exegese anläßlich der 22. nationalen Bibelwoche, 29. September 1972.

[5] Vgl. Johannes XXIII., Enzyklika Princeps pastorum (28. November 1959): AAS 51 (1959) 846–847.

[6] Vgl. Paul VI., Enzyklika Mysterium fidei, 17 (3. September 1965): AAS 57 (1965) 756. Vgl. Benedikt XVI., Ansprache vor dem Angelusgebet, Castelgandolfo, 18. September 2005; ders., Sacramentum caritatis, 13 (22. Februar 2007).

[7] Vgl. Johannes Paul II., Schreiben an den Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaios I., 27. November 2004.

[8] Vgl. Benedikt XVI., Ansprache in der Patriarchalkirche St. Georg im Phanar, Istanbul, 29. November 2006.

[9] Vgl. Johannes Chrysostomus, De sacerdotio 1,1–3 (SCh 272,60–76); Palladius, Dialogus de vita Ioannis Chrysostomi 5 (SCh 341,104–110).

[10] Vgl. Theodoretus Cyrrhensis, Historia religiosa 2,15; 8,5–8 (SCh 234,226–8; 382–92).

[11]Vgl. Johannes Chrysostomus, Laus Diodori episcopi (PG 52,761–766); Sokrates, Historia ecclesiastica 6,3 (GCS, n.f. 1,313–315); Sozomenus, Historia ecclesiastica 8,2 (GCS 50,350–351).

[12] Vgl. Palladius, Dialogus de vita Ioannis Chrysostomi 5 (SCh 341,108–110).

[13] Vgl. Palladius, Dialogus de vita Ioannis Chrysostomi 5 (SCh 341,110–112).

[14] Vgl. Johannes Chrysostomus, De incomprehensibili Dei natura (SCh 28bis, 93–322). Vgl. ders., In illud: Pater meus usque modo operatur (PG 63,511–516); ders., In illud: Filius ex se nihil facit (PG 56,247–256).

[15] Vgl. Johannes Chrysostomus, De incomprehensibili Dei natura 1,352–353 (SCh 28bis, 132).

[16] Vgl. Johannes Chrysostomus, Ad populum Antiochenum 6,1 (PG 49,81).

[17] Vgl. Johannes Chrysostomus, Ad populum Antiochenum 2–21(PG 49,33–222); ders., Ad illuminandos catecheses 2 (PG 49,231–240).

[18] Vgl. Johannes Chrysostomus, Ad populum Antiochenum 2,1–3 (PG 49,33–38).

[19] Vgl. Johannes Chrysostomus, Ad populum Antiochenum 2,5; 12,2; 17,2 (PG 49,40. 129. 180).

[20] Vgl. Johannes Chrysostomus, Ad populum Antiochenum 3,2; 16,5 (PG 49,49–50; 168–169).

[21] Vgl. Johannes Chrysostomus, Ad populum Antiochenum 4,1 (PG 49,62), wo er Röm 5,4 zitiert.

[22] Vgl. Sokrates, Historia ecclesiastica 6,4 (GCS, n.f. 1,315–316); Sozomenus, Historia ecclesiastica 8,3 (GCS 50,352–353); Palladius, Dialogus de vita Ioannis Chrysostomi 5 (SCh 341,112).

[23] Vgl. Johannes Chrysostomus, De Lazaro 3,1 (PG 48,932).

[24] Vgl. Johannes Chrysostomus, In illud: Pater meus usque modo operatur (PG 63,511–516); ders., In Acta apostolorum 30,4 (PG 60,226–228); ders., Contra ludos et theatra (PG 56,263–270).

[25] Vgl. Johannes Chrysostomus, In Acta apostolorum 35,5; 45,3–4 (PG 60,252; 318–319). Vgl. Palladius, Dialogus de vita Ioannis Chrysostomi 5 (SCh 341,124).

[26] Vgl. Johannes Chrysostomus, In epistulam ad Colossenses 1,4 (PG 62,304–305).

[27] Vgl. Johannes Chrysostomus, Cum Saturninus et Aurelianus 2 (PG 52,415–416).

[28] Vgl. Theodoretus Cyrrhensis, Historia religiosa 5,31 (GCS 44,330–331); Vgl. Johannes Chrysostomus, Epistulae ad Olympiadem9,5 (SCh 13bis, 236–238).

[29] Vgl. Palladius, Dialogus de vita Ioannis Chrysostomi 5 (SCh 341,122).

[30] Vgl. Johannes Chrysostomus, In epistulam ad Hebraeos 10,4 (PG 63,88).

[31]  Vgl. Augustinus von Hippo, Contra Iulianum libri sex 1,7,30–31 (PL 44,661–662).

[32] Vgl. Johannes Chrysostomus, Epistula ad Innocentium papam I (SCh 342,93).

[33] Vgl. Palladius, Dialogus de vita Ioannis Chrysostomi 3 (SCh 341,64–68); Innocentius I, Epistula 5 (PL 20,493–495).

[34] Vgl. Palladius, Dialogus de vita Ioannis Chrysostomi 3 (SCh 341,66–68).

[35] Vgl. Sozomenus, Historia ecclesiastica 8,26 (GCS 50,384–385).

[36] Vgl. Sozomenus, Historia ecclesiastica 8,26 (GCS 50,385-387).

[37] Vgl. Palladius, Dialogus de vita Joannis Chrysostomi 4 (SCh 341,84).

[38] Vgl. Palladius, Dialogus de vita Joannis Chrysostomi 3-4 (SCh 341,80-86).

[39] Vgl. Johannes Chrysostomus, Epistula ad Innocentium papam II (PG 52,535-536).

[40] Vgl. Johannes Chrysostomus, Epistulae 157-161 (PG 52,703-706).

[41] Vgl. Johannes Chrysostomus, Epistula 155 (PG 52,702-703).

[42] Vgl. Johannes Chrysostomus, Epistula 182 (PG 52,714-715).

[43] Vgl. Johannes Chrysostomus, Epistula 184 (PG 52,715-716).

[44] Vgl. Johannes Chrysostomus, In Joannem 65,1 (PG 59,361-362).

[45] Vgl. Johannes Chrysostomus, In epistulam i ad Korinthos 27,3 (PG 61,228).

[46] Vgl. 1 Kor 1,2.

[47] Vgl. Johannes Chrysostomus, In epistulam i ad Korinthos 1,1 (PG 61,13).

[48] Vgl. Johannes Chrysostomus, In epistulam i ad Korinthos 30,1 (PG 61,249-251); ders., In epistulam ad Colossenses 3,2-3 (PG 62,320); ders., In epistulam ad Ephesios 3,2 (PG 62,26).

[49] Vgl. Johannes Chrysostomus, In epistulam ad Ephesios 3,2 (PG 62,26).

[50] Vgl. Johannes Chrysostomus, In Matthaeum 82,5 (PG 58,743).

[51] Vgl. Eph 1,22-23.

[52] Vgl. Johannes Chrysostomus, In epistulam ad Ephesios 3,2 (PG 62,26). Vgl. ebd., 20,4 (PG 62,140-141).

[53] Vgl. Benedikt XVI., Ansprache vor dem Angelusgebet, Castelgandolfo, 18. September 2005.

[54] Vgl. Johannes Chrysostomus, In Matthaeum 32,7 (PG 57,386).

[55] Vgl. 1 Kor 10,16.

[56] Vgl. Johannes Chrysostomus, In epistulam i ad Korinthos 24,2 (PG 61,200). Vgl. ders., In Ioannem 46,3 (PG 63, 260-261); ders., In epistulam ad Ephesios 3,4 (PG 62,28-29).

[57] Vgl. 1 Kor 10,17.

[58] Vgl. Johannes Chrysostomus, In epistulam i ad Korinthos 24,2 (PG 61,200).

[59] Vgl. Johannes Chrysostomus, De sacerdotio 3,4 (SCh 272,142-146). Vgl. Benedictus XVI, Sacramentum caritatis, n. 13, 22 febbraio 2007.

[60] Vgl. Johannes Chrysostomus, In Ioannem 46,3 (PG 63,261).

[61] Vgl. Johannes Chrysostomus, In epistulam ad Ephesios 3,4 (PG 62,28). Vgl. ders., In epistulam i ad Korinthos 24 (PG 61,197-206); ders., In epistulam i ad Korinthos 27,4 (PG 61,229-230); ders., In epistulam i ad Timotheum 15,4 (PG 62,583-586); ders., In Matthaeum 82,6 (PG 58,744-746).

[62] Vgl. Johannes Chrysostomus, In epistulam i ad Korinthos 24,4 (PG 61,203).

[63] Vgl. Vgl. Johannes Chrysostomus, In epistulam i ad Korinthos 27,5 (PG 61,230-231), ders., In Genesim 5,3 (PG 54,602-603).

[64] Vgl. Johannes Chrysostomus, In epistulam i ad Korinthos 27,5 (PG 61,230).

[65] Vgl. Johannes Chrysostomus, In epistulam ii ad Korinthos 20,3 (PG 61,540). Vgl. ders., In epistulam ad Romanos 21,2-4 (PG 60,603-607).

[66] Vgl. Johannes Paul II., Patres Ecclesiae, n. 1 (2. Januar 1980).

[67] Vgl. Benedikt XVI., Ansprache bei der Generalaudienz, 9. November 2005.

[68] Vgl. Johannes Chrysostomus, In Ioannem 46,4 (PG 63,262).

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Quelle

Der heilige Augustinus: „Ich glaube an die eine, heilige Kirche“

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Hauptteil einer Predigt von
P. Raniero Cantalamessa, OFMCap

Nach den Lehren von Athanasius, Basilius von Caesarea, Gregor von Nazianz und Gregor von Nyssa über die Göttlichkeit Christi, den Heiligen Geist, die Dreifaltigkeit und die Gotteskenntnis hätte man glauben können, dass den lateinischen Kirchenvätern nicht mehr viel zu tun blieb, um am Gebäude des christlichen Dogmas mitzuwirken. Aber ein flüchtiger Blick auf die Geschichte der Theologie wird uns schnell vom Gegenteil überzeugen.

Angetrieben von ihrer Kultur, die ihnen einen starken Hang zur Spekulation vermittelt hatte, und bedingt durch die Häresien gegen die sie kämpfen mussten (Arianismus, Apollinarismus, Nestorianismus, Monophysitismus), hatten die griechischen Kirchenväter ihre Aufmerksamkeit vor allem auf die ontologischen Aspekte des Dogmas gerichtet: die Göttlichkeit Christi, seine zwei Naturen und die Art ihrer Verbindung, die Einheit und Dreifaltigkeit Gottes. Die Themen, die Paulus so lieb waren – die Rechtfertigung, das Verhältnis zwischen Gesetz und Evangelium, die Kirche als Leib Christi – waren am Rande ihrer Aufmerksamkeit geblieben oder nur flüchtig behandelt worden. Für ihre Zwecke war Johannes, mit seinem Augenmerk für das Mysterium der Menschwerdung, viel brauchbarer als Paulus, der dem Ostergeheimnis, das heißt dem Wirken Christi, den Vorrang gegenüber der Frage nach seinem Wesen gibt.

Der Charakter der lateinischen Väter, die (mit Ausnahme von Augustinus) mehr dazu neigten, sich mit konkreten, juristischen und praktischen Fragen zu befassen, als mit Spekulationen, verbunden mit dem Aufkeimen neuer Häresien, wie dem Donatismus und dem Pelagianismus, förderten eine neue, originelle Besinnung auf die paulinischen Themen der Gnade, der Kirche, der Sakramente und der Heiligen Schrift. Das ist die geschichtliche Epoche, die wir zum Gegenstand dieser Predigt machen wollen.

Was ist die Kirche?

Wir wollen unsere Vorführung mit dem größten unter den lateinischen Vätern, mit Augustinus beginnen. Der Meister aus Hippo hat seine Spur in fast allen Debatten der Theologie hinterlassen, ganz besonders jedoch in zweien: der über die Gnade und der über die Kirche. Mit dem ersten Thema befasste er sich aufgrund seines Kampfes gegen den Pelagianismus, mit dem zweiten aufgrund seines Kampfes gegen den Donatismus.

Der Lehre Augustins über die Gnade ist seit dem 16. Jahrhundert viel Aufmerksamkeit gewidmet worden, sowohl in protestantischen Kreisen (Luthers Rechtfertigungslehre und Calvins Prädestinationslehre knüpfen an ihr an), als auch im katholischen Lager, vor allem als Antwort auf die von Jansen und Bajus aufgeworfenen Kontroversen[2]. Das Interesse für seine Sichtweise der Kirche ist hingegen typisch für die Moderne, auch weil das Zweite Vatikanische Konzil die Kirche zu ihrem Hauptthema gemacht hat und die ökumenische Bewegung der Definition des Begriffs „Kirche“ eine große Bedeutung beimisst. Da wir in den Kirchenvätern Hilfe und Anregung für die Gegenwart des Glaubens suchen, werden auch wir uns mit diesem zweiten Interessengebiet des heiligen Augustinus befassen, mit der Kirche.

Die Kirche als Betrachtungsgegenstand war den griechischen Vätern nicht unbekannt gewesen, und auch die lateinischen Autoren vor Augustinus (Cyprian, Hilarius, Ambrosius) hatten sich mit ihr befasst. Doch beschränkten ihre Betrachtungen sich im Wesentlichen darauf, Begriffe und Sinnbilder der Heiligen Schrift zu wiederholen und zu kommentieren. Die Kirche ist das neue Volk Gottes; ihr ist die Unfehlbarkeit versprochen worden; sie ist die „tragende Säule der Wahrheit“; der Heilige Geist ist ihr oberster Meister; die Kirche ist „katholisch“, weil sie sich auf alle Völker ausdehnt, alle Dogmen lehrt und alle Charismen besitzt; in Anlehnung an Paulus ist von der Kirche als dem Mysterium unserer Einverleibung in Christus durch die Taufe und die Gabe des Heiligen Geistes die Rede; sie ist aus der Seitenwunde des gekreuzigten Christus geboren worden, so wie Eva aus der Seite des schlafenden Adams geboren wurde[3].

Das alles jedoch wird nebenbei bemerkt; die Kirche ist noch kein Betrachtungsgegenstand für sich. Wer gezwungen sein wird, sie zu einem solchen zu machen, ist eben Augustinus, der fast sein ganzes Leben lang gegen das Schisma der Donatisten ankämpfen musste. Diese nordafrikanische Sekte wäre heute vielleicht längst vergessen, wenn sie nicht zum Anlass für die Geburt der Ekklesiologie geworden wäre, der Reflexion über das Wesen der Kirche, ihrem Auftrag im Plan Gottes und ihrer Struktur.

Um das Jahr 311 weigerte sich ein gewisser Donatus, Bischof von Numidien, jene Gläubigen wieder in die kirchliche Gemeinschaft aufzunehmen, die während der Christenverfolgung unter Kaiser Diokletian den staatlichen Behörden ihre heiligen Bücher ausgehändigt und ihrem Glauben abgeschworen hatten, um ihr Leben zu retten. 311 wurde ein gewisser Caecilianus zum Bischof von Karthago gewählt, dem vorgeworfen wurde (zu Unrecht, nach katholischer Auffassung), den Glauben während der Verfolgung unter Diokletian verraten zu haben. Diese Wahl wurde von einer Gruppe von siebzig nordafrikanischen Bischöfen unter der Leitung des Donatus nicht anerkannt. Sie setzten Caecilianus ab und ernannten an seiner Stelle Donatus zum neuen Bischof von Karthago. Von Papst Miltiades 313 exkommuniziert, blieb Donatus auf seinem Posten und löste dadurch ein Schisma aus, das zur Entstehung einer nordafrikanischen Parallelkirche führte, die bis zur Eroberung durch die Vandalen etwa hundert Jahre später existierte.

Im Laufe dieses Streits hatten die Donatisten versucht, ihre Position durch theologische Argumente zu untermauern. Durch den Versuch, eben diese Argumente zu widerlegen, gelangte Augustinus schrittweise zu seinem soliden Gedankengebäude über das Wesen der Kirche. Seine Gedanken legt er in zwei verschiedenen Arten von Schriften dar: in den Werken, die er unmittelbar gegen die Donatisten richtet, und in seinen Kommentaren zur Heiligen Schrift und Ansprachen ans Volk. Es ist wichtig, zwischen diesen zwei Kontexten zu unterscheiden, denn je nachdem, an welche Adressaten seine Schriften gerichtet waren, betont Augustinus manche Aspekte seiner Lehre über die Kirche mehr als andere, und nur aus der Gesamtheit dieser Schriften können wir uns ein Bild seiner Ekklesiologie machen. Wir wollen also die Schlussfolgerungen, zu denen der Heilige gelangt, nach diesen beiden Kontexten getrennt betrachten und dabei mit den antidonatistischen Streitschriften beginnen.

a. Die Kirche als Gemeinschaft in den Sakramenten und Gesellschaft von Heiligen. Das Schisma der Donatisten war von einer Überzeugung ausgegangen: Die Gnade des Herrn kann nicht von einem Priester vermittelt werden, der sie nicht besitzt; die Sakramente, die ein unwürdiger Priester erteilt, sind daher ungültig und unwirksam. Dieses Argument, das sich ursprünglich gegen die Bischofsweihe von Caecilianus richtete, wurde sehr bald auf alle Sakramente ausgedehnt, besonders auch auf die Taufe. Dadurch rechtfertigten die Donatisten ihre Abspaltung von den Katholiken und die Praxis, alle, die zu ihnen überliefen, neu zu taufen.

Im Gegenzug entwickelte Augustinus ein Prinzip, das zu einer bleibenden Errungenschaft der Theologie werden sollte und die Grundlage für das spätere Traktat De sacramentiis schuf: die Unterscheidung zwischen Potestas und Ministerium, das heißt, zwischen der Gnade und ihrem Verwalter. Die Gnade, die durch die Sakramente erteilt wird, ist ausschließlich das Werk Gottes und Christi; der Priester ist nur ihr Werkzeug: „Wenn Petrus tauft, ist es Christus, der getauft hat; wenn Johannes tauft, ist es Christus, der getauft hat; wenn Judas tauft, ist es ebenfalls Christus, der getauft hat.“[4] Die Gültigkeit und Wirksamkeit eines Sakraments wird von der Unwürdigkeit eines Priesters nicht verhindert. Das ist eine Wahrheit, die auch für die Christen von heute sehr aktuell ist…

Nachdem er auf diese Weise die stärkste Waffe seiner Gegner neutralisiert hat, kann Augustinus seine großartige Vision der Kirche ausarbeiten. Er beginnt mit einer grundlegenden Unterscheidung zwischen der gegenwärtigen, irdischen Kirche und der zukünftigen, himmlischen Kirche. Nur letztere wird eine Kirche sein, die einzig und allein aus Heiligen besteht; die Kirche der Gegenwart ist ein Feld, in dem Weizen und Unkraut untrennbar zusammen wachsen; ein Netz, das gute und schlechte Fische zugleich einfängt, das heißt Heilige und Sünder.

Innerhalb der irdischen Kirche unterscheidet Augustinus zusätzlich zwischen der „Gemeinschaft in den Sakramenten“ (communio sacramentorum) und der „Gesellschaft von Heiligen“ (societas sanctorum). Die erste wird durch die Teilhabe an den äußeren Zeichen – Sakramente, Heilige Schrift, kirchliche Autorität – sichtbar zusammengehalten; die zweite umschließt nur jene Menschen, die zusätzlich zu diesen äußeren Zeichen auch an der unsichtbaren Wirklichkeit teilhaben, die hinter diesen Zeichen steht: die res sacramentorum, das heißt, der Heilige Geist, die Gnade, die Nächstenliebe.

Da es auf Erden immer unmöglich bleiben wird, mit Gewissheit zu sagen, wer den Heiligen Geist und die Gnade besitzt – und noch mehr, ob er auch bis zu seinem Tod an ihnen festhält –, identifiziert Augustinus letztendlich die echte und endgültige Gemeinschaft der Heiligen mit der himmlischen Kirche der Auserwählten. „Wie viele Lämmer, die heute drin sind, werden dann draußen sein; und wie viele Wölfe, die heute draußen sind, werden dann drin sein!“[5]

Die Neuigkeit, auch gegenüber Cyprian, besteht darin, dass während dieser die Einheit der Kirche mit etwas Äußerlichem und Sichtbarem gleichsetzte – der Eintracht aller Bischöfe untereinander –, sie für Augustinus in etwas Innerlichem besteht: dem Heiligen Geist. Die Einheit der Kirche ist daher das Werk derselben Person, die auch die Einheit der Dreifaltigkeit hervorruft. „Der Vater und der Sohn haben gewollt, dass wir untereinander und mit ihnen durch dasselbe Band verbunden werden, das auch sie zusammenhält, nämlich dem Band der Liebe, das der Heilige Geist ist.“ [6] Der Heilige Geist erfüllt in der Kirche dieselbe Funktion, die unsere Seele im Leib erfüllt: Er belebt sie und macht sie zu einer Einheit. „Was die Seele für den menschlichen Leib ist, das ist der Heilige Geist für den Leib Christi, die Kirche.“ [7]

Die volle Zugehörigkeit zur Kirche erfordert beides zugleich: die sichtbare Gemeinschaft in den sakramentalen Zeichen und die unsichtbare Einheit in der Gnade. Doch besitzt sie viele Abstufungen, weshalb es nicht gesagt ist, dass jemand notwendigerweise entweder drinnen oder draußen sein muss. Man kann teilweise drinnen und zugleich teilweise draußen sein. Es gibt eine äußerliche Zugehörigkeit in den sakramentalen Zeichen, an der auch die schismatischen Donatisten und alle schlechten Katholiken teilhaben, und eine volle und uneingeschränkte Zugehörigkeit. Erstere besteht im Besitz des äußerlichen Zeichens der Gnade (sacramentum), ohne jedoch die innere Gnade zu empfangen, die von diesen Zeichen ausgeht (res sacramenti), wie es im Fall der von den Schismatikern erteilten Taufe oder der von unwürdigen Katholiken empfangenen Eucharistie geschieht.

b. Die Kirche als vom Heiligen Geist beseelter Leib Christi. In den exegetischen Schriften Augustins und in seinen Ansprachen für das Volk finden wir dieselben grundlegenden Prinzipien der Ekklesiologie wieder; doch steht Augustinus hier weniger unter dem Druck des Streits und spricht gewissermaßen zu seiner Familie; daher kann er gewissen inneren und geistigen Aspekten der Kirche, die ihm am Herzen liegen, mehr Raum widmen. In diesen Schriften stellt Augustinus, in oft sehr lyrischen und gerührten Tönen, die Kirche als den Leib Christi dar (das Attribut „mystisch“ fehlt zur Zeit noch und wird erst später hinzukommen), der vom Heiligen Geist beseelt ist und so sehr dem eucharistischen Leib ähnelt, dass er manchmal fast mit diesem gleichgesetzt wird. Lasst uns die Worte hören, die seine Gläubigen einst an einem Pfingstfest zu diesem Thema zu hören bekamen:

„Wenn du den Leib Christi begreifen willst, höre auf den Apostel, der zu den Gläubigen sagt: ‚Ihr aber seid der Leib Christi und jeder Einzelne ist ein Glied an ihm‘ (1 Kor 12,27). Wenn ihr also der Leib und die Glieder Christi seid, dann liegt auf der Tafel des Herrn euer eigenes Mysterium. Empfangt daher euer Mysterium! Sagt Amen zu dem, was ihr seid, und bejaht es dadurch. Denn man sagt dir: ‚Der Leib Christi‘, und du wirst antworten: ‚Amen‘. Sei ein Glied des Leibes Christi, damit dein Amen wahr ist… Seid das, was ihr seht und empfangt das, was ihr seid!“ [8]

Die Analogie zwischen den beiden Leibern Christi besteht für Augustinus in der symbolischen Übereinstimmung in der Art ihres Entstehens. Das Brot der Eucharistie ist das Ergebnis einer Verschmelzung zahlreicher Weizenkörner, und den Wein erhält man aus der Pressung zahlreicher Weinbeeren; so wird auch die Kirche von zahlreichen Menschen gebildet, die durch das Band der Liebe, das heißt durch dem Heiligen Geist, zusammengehalten und verschmolzen werden.[9] So wie der Weizen am Anfang auf den Feldern stand und von dort durch die Ernte eingebracht, dann gemahlen, zu Teig geknetet und im Ofen gebacken wurde, so waren auch die Gläubigen am Anfang über die ganze Welt verstreut und wurden durch das Wort Gottes zusammengeführt, durch die Buße und die Exorzismen, die der Taufe vorangehen, gemahlen, um schließlich durch das Wasser der Taufe und das Feuer des Heiligen Geistes zu gehen. Auch über die Kirche kann man sagen, dass das Sakrament „significando causat“ (dadurch, dass es Zeichen ist, zur Ursache wird): Weil die Eucharistie die Vereinigung von zahlreichen Personen in einer einzigen darstellt, verwirklicht sie diese Vereinigung auch, wird zu ihrer Ursache. In diesem Sinne kann man zurecht sagen, dass die Eucharistie die Kirche „macht“.

Die Aktualität der Ekklesiologie des heiligen Augustinus

Versuchen wir jetzt zu verstehen, auf welche Weise die Ideen des heiligen Augustinus über die Kirche dazu beitragen können, Licht auf die Probleme zu werfen, mit denen die Kirche in unserer Zeit konfrontiert wird. Ich möchte mich besonders auf die Bedeutung konzentrieren, die seine Ekklesiologie für den ökumenischen Dialog hat. Diese Wahl habe ich aus einem ganz bestimmten Grund getroffen. Die christliche Welt bereitet sich darauf vor, den fünfhundertsten Jahrestag der protestantischen Reformation zu begehen. Es sind schon erste Dokumente und gemeinsame Erklärungen zu diesem Ereignis im Umlauf [10]. Es ist für die ganze Kirche von größter Wichtigkeit, dass diese Gelegenheit nicht verloren geht, dass wir nicht Gefangene unserer Vergangenheit bleiben und versuchen, wenn auch mit mehr Objektivität und Friedfertigkeit als früher, festzustellen, wer worin Recht hatte und wer welche Schuld auf sich geladen hat. Stattdessen müssen wir einen entschiedenen Schritt voran gehen, wie es durch die „Klause“ eines Flusses oder Kanals geschieht, die es Schiffen ermöglicht, auf einer höheren Ebene weiterzufahren.

Die Lage der Welt, der Kirche und der Theologie hat sich seit damals sehr verändert. Es geht heute darum, bei der Person Jesu Christi neu zu beginnen und in Demut unseren Zeitgenossen zu helfen, Christus wiederzuentdecken. Wir müssen uns an der Zeit der Apostel orientieren. Sie hatten eine vorchristliche Welt vor sich; wir haben eine größtenteils nachchristliche Welt vor uns. Wenn Paulus den Kern der christlichen Botschaft in einem Satz zusammenfassen möchte, dann sagt er nicht: „Wir verkündigen euch folgende Lehre“; sondern: „Wir verkündigen Christus als den Gekreuzigten“ (1 Kor 1,23), oder auch: „Wir verkündigen Jesus Christus als den Herrn“ (2 Kor 4,5).

Das bedeutet nicht, dass wir die große theologische und geistliche Bereicherung, die aus der Reformation hervorgegangen ist, ignorieren sollen oder die Uhr zurückdrehen wollen; es bedeutet vielmehr, ihre Errungenschaften der gesamten Christenheit zur Verfügung zu stellen, sobald sie von gewissen Radikalismen befreit werden, die durch das erhitzte Klima der damaligen Zeit oder durch spätere Streite entstanden sind. Die unverdiente Rechtfertigung durch den Glauben, zum Beispiel, müsste heute mit mehr Nachdruck denn je gepredigt werden; nicht jedoch als Verneinung des Werts der guten Taten, denn solche Argumente sind überholt, sondern als Gegengewicht zur Anmaßung des modernen Menschen, er könne sich selbst retten und benötige weder Gott noch Christus dazu. Ich bin überzeugt, dass, wenn er heute lebte, diese würde die Weise sein, in welcher auch Luther die Rechtfertigung durch den Glauben predigen würde.

Wie kann die Theologie des Augustinus uns helfen, diese jahrhundertealten Schranken zu überbrücken? Der Weg, den wir heute gehen müssen, folgt gewissermaßen einer Richtung, die der, die er gegenüber den Donatisten einschlug, genau entgegengesetzt ist. Augustinus musste den Weg von der Gemeinschaft in den Sakramenten zur Gemeinschaft in der Gnade des Heiligen Geistes und in der Liebe gehen; wir heute müssen uns von der geistigen Gemeinschaft in der Liebe zur vollen Gemeinschaft in den Sakramenten bewegen, vor allem in der Eucharistie.

Die Unterscheidung zwischen den zwei Verwirklichungsebenen der wahren Kirche – die äußere Ebene der Zeichen und die innere Ebene der Gnade – erlaubt es Augustinus, ein Prinzip auszusprechen, das vor ihm undenkbar gewesen wäre: „Es kann daher innerhalb der katholischen Kirche Dinge geben, die nicht katholisch sind, so wie es außerhalb der katholischen Kirche etwas geben kann, das katholisch ist.“[11] Die zwei Aspekte der Kirche – der sichtbare und institutionelle einerseits, der unsichtbare und geistige andererseits – können nicht voneinander getrennt werden. Diese Wahrheit hat auch Pius XII. in seiner Enzyklika Mystici corporis, sowie das Zweite Vatikanische Konzil in der Konstitution Lumen gentium wieder bekräftigt. Doch solange diese beiden Aspekte der Kirche, aufgrund von historischen Konflikten und der Sünde der Menschen, leider nicht übereinstimmen, kann man der institutionellen Einheit keinen höheren Wert beimessen als der geistigen.

Diese Überlegung konfrontiert mich mit einer ernsthaften Frage. Kann ich als Katholik mich mehr mit der großen Menge derer in Gemeinschaft fühlen, die zwar in meiner selben Kirche getauft wurden, sich aber kein bisschen für Christus und die Kirche interessieren, oder wenn dann nur, um Kritik zu üben, als ich mich mit denen in Gemeinschaft fühle, die zwar anderen christlichen Konfessionen angehören, jedoch an dieselben grundsätzlichen Wahrheiten glauben wie ich auch, Jesus Christus lieben bis zur Bereitschaft, ihr Leben für ihn hinzugeben, sein Evangelium verbreiten, sich bemühen, den Armen der Welt zu helfen, und über dieselben Gaben des Heiligen Geistes verfügen, wie wir auch? Die Verfolgungen, die in manchen Gegenden der Welt heute so häufig geworden sind, machen keinen Unterschied: Sie verbrennen Kirchen und töten Menschen, nicht, weil sie Katholiken oder Protestanten sind, sondern weil sie Christen sind. Für sie sind wir bereits geeint!

Diese Frage müssten sich natürlich auch die Christen anderer Konfessionen in Hinblick auf ihre Beziehung zu den Katholiken stellen, und Gott sei Dank geschieht dies auch tatsächlich, im Verborgenen zwar, aber in viel stärkerem Maße, als die Nachrichten erahnen lassen. Ich bin überzeugt davon, dass man sich eines Tages wundern wird, wieso wir nicht schon früher gemerkt haben, was der Heilige Geist im Verborgenen unter den Christen unserer Zeit gewirkt hat. Außerhalb der katholischen Kirche gibt es unzählige Christen, die sie mit anderen Augen betrachten als früher und anfangen, in ihr die Wurzeln ihres eigenen Glaubens zu erkennen.

Die modernste und fruchtbarste Intuition des heiligen Augustinus zum Thema Kirche liegt also in der Erkenntnis, dass ihr einigendes Prinzip der Heilige Geist ist, und nicht die Eintracht unter den Bischöfen oder zwischen den Bischöfen und dem Papst. So, wie die Einheit des menschlichen Körpers von der Seele herrührt, die alle Glieder belebt und bewegt, so verhält es sich auch mit der Einheit des Leibes Christi. Sie ist in erster Linie eine mystische Tatsache, und dann erst ein Umstand, der in der Gesellschaft sichtbar wird. Sie spiegelt die vollkommene Einheit des Vaters mit dem Sohn durch das Wirken des Heiligen Geistes wider. Jesus hat diese mystische Grundlage unserer Einheit ein für allemal festgelegt, als er sagte: „Sie sollen eins sein, wie wir eins sind“ (Joh 17,22). Die Einheit in der Lehre und in den Regeln wird als Folge dieser mystischen und geistigen Einheit kommen; auf keinen Fall kann sie deren Ursache sein.

Deshalb sind die wichtigsten Schritte zur Einheit nicht die, die man am Verhandlungstisch oder in den gemeinsamen Erklärungen vollbringt (so wichtig diese Dinge auch sind), sondern die, die gemacht werden, wenn Gläubige unterschiedlicher Konfessionen sich zusammenfinden, um gemeinsam in brüderlicher Eintracht Jesus als den Herrn zu verkündigen, indem sich jeder seines spezifischen Charismas bewusst ist und die anderen als Brüder in Christus anerkennt.

Glieder des Leibes Christi, vom Heiligen Geist bewegt!

In seinen Ansprachen fürs Volk legt Augustinus seine Ideen über die Kirche nie dar, ohne zugleich praktische Anweisungen für das Alltagsleben der Gläubigen daraus abzuleiten. Genau das wollen auch wir nun tun, bevor wir unsere Meditation beenden. Dabei werden wir uns gleichsam unter die Reihen seiner Zuhörer von damals stellen.

Das Bild der Kirche als Leib Christi hat nicht erst Augustinus erdacht. Was neu ist an seinem Denken sind die praktischen Schlüsse, die er aus diesem Bild für das Leben der Gläubigen zieht. Einer davon ist, dass wir keinen Grund haben können, um uns gegenseitig mit Neid und Eifersucht zu betrachten. Das, was ich nicht besitze und die anderen hingegen schon, gehört in Wirklichkeit auch mir. Du hörst den Apostel all diese wunderbaren Charismen auflisten: Apostolat, Prophetie, die Macht der Heilungen… und vielleicht wirst du dann traurig, weil du merkst, dass du keines davon besitzt. Doch gib acht, ermahnt uns Augustinus: „Wenn du liebst, ist es nicht wenig, was du besitzt. Wenn du zum Beispiel die Einheit liebst, dann ist alles, was irgendjemand in ihr besitzt, zugleich auch dein Eigentum! Vertreibe den Neid, und was mein ist, wird auch dein sein; und wenn ich den Neid von mir vertreibe, wird das, was dir gehört, auch mir gehören.“ [12]

Nur das Auge hat im Leib die Macht, zu sehen. Aber sieht das Auge etwa nur für sich selbst? Zieht nicht der ganze Leib Nutzen aus seiner Fähigkeit, zu sehen? Nur die Hand handelt; doch handelt sie etwa nur für sich selbst? Wenn ein Stein das Auge treffen will, wird dann die Hand untätig bleiben und sagen, der Schlag gehe sie nichts an? Dasselbe geschieht im Leib Christi: Was jedes einzelne Glied ist und tut, ist es und tut es für alle!

Das ist der Grund, weshalb die Liebe „ein Weg ist, der alles übersteigt“ (vgl. 1 Kor 12,31): Wenn ich die Kirche liebe, oder die Gemeinde, deren Mitglied ich bin, dann gehören mir in dieser Einheit alle Charismen, und nicht nur einige. Mehr noch: Wenn du die Einheit mehr liebst als ich, dann wird das Charisma, das ich besitze, dir mehr gehören als mir! Angenommen, ich besäße das Charisma, evangelisieren zu können, aber ich wäre eitel und würde damit prahlen: dann wäre ich nur „eine lärmende Pauke“ (1 Kor 13,1). Mein Charisma würde mir nichts nützen; denen die mir zuhören jedoch würde es nützen, trotz meiner Sünde. Die Liebe vervielfältigt die Charismen tatsächlich; sie macht aus dem Charisma eines Menschen das Charisma aller.

Bist du ein Glied des einen Leines Christi? Liebst du die Einheit der Kirche? So fragte Augustinus seine Zuhörer. Wenn dich also ein Heide fragt, warum du nicht alle Sprachen sprichst, obwohl doch geschrieben steht, dass die, die den Heiligen Geist empfingen, alle Sprachen konnten, dann antworte ohne zu zögern: „Aber natürlich spreche ich alle Sprachen! Denn ich gehöre jenem Leib an, der Kirche, die alle Sprachen spricht und in allen Sprachen die großen Werke Gottes verkündet!“ [13]

Wenn wir eines Tages fähig sein werden, diese Wahrheit nicht nur auf die Beziehungen innerhalb unserer Gemeinde und unserer Kirche anzuwenden, sondern auch auf die Beziehungen zwischen den verschiedenen christlichen Kirchen, dann wird die Einheit der Christen an jenem Tag praktisch eine vollendete Tatsache sein.

Lasst uns mit dem Aufruf enden, mit dem Augustinus viele seiner Reden über die Kirche schließt: „Wenn ihr also vom Heiligen Geist leben wollt, bewahrt euch die Liebe und liebt die Wahrheit; auf diesem Weg werdet ihr die Ewigkeit erreichen. Amen.“ [14]

[Aus dem Italienischen übersetzt von Alexander Wagensommer]

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FUSSNOTEN

[1] Bernhard von Chartres, in Johannes von Salisbury, Metalogicon, III, 4 (Corpus Chr. Cont. Med., 98, S.116).

[2] Mit diesem Bereich des theologischen Einflusses Augustins befasst sich das Buch von H. de Lubac, Augustinisme et théologie moderne, Paris, Aubier 1965.

[3] Vgl. J.N.D. Kelly, Early Christian Doctrines, London 1968, Kap. XV.

[4] Augustinus, Contra Epist. Parmeniani II,15,34; vgl. auch den ganzen Sermo 266.

[5] Augustinus, In Ioh. Evang. 45,12: “Quam multae oves foris, quam multi lupi intus!”

[6] Augustinus, Discorsi, 71, 12, 18 (PL 38,454).

[7] Augustinus, Sermo 267, 4 (PL 38, 1231)

[8] Augustinus, Sermo 272 (PL 38, 1247 f.)

[9] Ebda.

[10] Vgl. das gemeinsame lutherisch-katholische Dokument „Vom Konflikt zur Gemeinschaft“ (Italienisch: “Dal conflitto alla comunione”)

[11] Augustinus, De Baptismo, VII, 39, 77.

[12] Augustinus, Abhandlungen über Johannes, 32,8.

[13] Vgl. Augustinus, Discorsi, 269, 1.2 (PL 38, 1235 f.).

[14] Augustinus, Sermo 267, 4 (PL 38, 1231).

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(21. März 2014) © Innovative Media Inc. (ZENIT.org)

Franziskus feiert Messe mit Armeniern zum Gedenken an Völkermord 1915

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Messe mit armenischen Gläubigen im Petersdom – RV

Papst Franziskus hat an diesem Sonntag im Petersdom eine feierliche Messe mit Tausenden armenischen Gläubigen und den höchsten Würdenträgern der armenischen Kirche gefeiert. Anlass war der Beginn des Völkermordes an den armenischen Christen vor 100 Jahren durch das Osmanische Reich. Das Wort „Genozid“, Völkermord, benutzte der Papst ausdrücklich. In einer Ansprache zum Beginn der Messe bezeichnete er das Hinmetzeln der Armenier während des Ersten Weltkriegs öffentlich als „ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts“. Bei den Massakern des seinerzeit mit Deutschland verbündeten Osmanischen Reiches wurden 1915 und 1916 in Ostanatolien bis zu 1,5 Millionen Armenier ermordet. Franziskus stellte den Genozid in eine Reihe mit der Judenvernichtung im Nationalsozialismus und mit der Hungersnot 1932/33 in der Ukraine, die der sowjetische Diktator Josef Stalin herbeigeführt hatte.

„Erster Völkermord des 20. Jahrhunderts“

„Die Menschheit hat im vergangenen Jahrhundert drei große, unerhörte Tragödien erlebt: die erste, die allgemein als ‚der erste Genozid des 20. Jahrhunderts‘ angesehen wird; diese hat euer armenisches Volk getroffen“, sagte der Papst im Petersdom. Er berief sich mit dieser Formulierung auf seinen Vorgänger Johannes Paul II., der in einer gemeinsamen Erklärung mit dem Obersten Patriarchen und Katholikos aller Armenier Karekin II. vom 27. September 2001 dieselben Worte gewählt hatte. Die Formulierung – in Anführungszeichen – steht in der schriftlichen Fassung der Grußworte in Anführungszeichen. Sie taucht ebenso in einer offiziellen Botschaft von Papst Franziskus an die armenischen Gläubigen von diesem Sonntag auf. Dieses Dokument wurde am Ende der Messe im lateinischen Ritus den beiden armenischen Oberhäuptern, dem katholischen armenischen Patriarchen und dem ebenfalls anwesenden armenischen Staatspräsidenten Sersch Asati Sargsjan übergeben.„Ein Jahrhundert ist vergangen seit jenem schrecklichen Massaker, das ein echtes Martyrium für euer Volk war, und in dem viele Unschuldige als Bekenner und Märtyrer im Namen Christi starben“, lauten die ersten Worte der päpstlichen Botschaft. „Es gibt noch heute keine armenische Familie, die in jenem Ereignis nicht jemanden seiner Lieben verloren hätte: es war wirklich das „Metz Yeghern“, das „Große Übel“, wie ihr diese Tragödie genannt habt.“ Franziskus würdigte den alten, starken und großen Glauben des armenischen Volkes. „Dieser Glaube hat euer Volk begleitet und gestützt auch im tragischen Ereignis vor hundert Jahren, das ´im Allgemeinen als der erste Genozid des 20. Jahrhunderts definiert wird´“.

Einladung an die Türkei, den Genozid aufzuarbeiten

Der Völkermord an den christlichen Armeniern ist in der Türkei, der Erbin des Osmanischen Reiches, hundert Jahre später immer noch ein tabubesetztes Thema. Franziskus rief in seiner Botschaft indirekt auch die Türkei dazu auf, die Erinnerung an den Genozid zuzulassen. „Das Gedenken an das Vorgefallene zu begehen, ist nicht nur dem armenischen Volk und der Weltkirche aufgegeben, sondern der gesamten Menschheitsfamilie“, schreibt der Papst. Nur so könne die Mahnung, die aus dieser Tragödie kommt, „uns von der Gefahr befreien, in ähnliche Gräuel zurückzufallen, die Gott und die Menschenwürde beleidigen.“ Heute noch würden Konflikte mitunter in nicht zu rechtfertigende Gewalt ausarten, Gewalt, die durch die Instrumentalisierung ethnischer und religiöser Unterschiede noch geschürt werde. Franziskus erinnerte an Massenvernichtungen in Kambodscha, Ruanda, Burundi und Bosnien. In seiner Botschaft schloss er einen Aufruf an die Staats- und Regierungschefs und die internationalen Organisationen an: Sie seien „dazu aufgerufen, sich solchen Verbrechen mit fester Verantwortung entgegenzustellen, ohne Zweideutigkeiten und Kompromissen nachzugeben.“ Der Papst verwies darauf, dass sein Vorgänger Benedikt XV. am 10. September 1915 versucht habe, den Völkermord an den Armeniern zu stoppen. „Er schrieb in dieser Angelegenheit an Sultan Mohammed V. und flehte ihn an, das Leben so vieler Unschuldiger zu verschonen“.

Die Wunden Jesu – Schlüssel einer möglichen Versöhnung

In seiner Predigt bei der Messe mit den Armeniern verwies der Papst freilich auch auf den Weg, den Jesus aus einer Verschlossenheit in den Wunden der Vergangenen weist: die Barmherzigkeit. Das Evangelium an diesem ersten Sonntag nach Ostern, dem Sonntag der Barmherzigkeit, stellt uns den ungläubigen Thomas vor, der nicht an die Auferstehung glauben will, solange er die Wunden Jesu nicht mit eigenen Händen berührt. „Die Wunden Jesu sind Wunden der Barmherzigkeit“, erläuterte Franziskus. Durch diese Wunden können Christen „wie durch einen leuchtenden Zugang hindurch das ganze Geheimnis Christi und Gottes sehen … wir können die ganze Heilsgeschichte zurückgehen … bis zu Abel und seinem Blut, das zum Himmel schreit.“

Angesichts der „tragischen Ereignisse in der Menschheitsgeschichte“ fragten sich Menschen stets nach dem Warum, so der Papst vor den armenischen Gläubigen. „Die menschliche Bosheit kann in der Welt gleichsam Abgründe, ein großes Vakuum auftun: ein Vakuum an Liebe, ein Vakuum an Gutem, ein Vakuum an Leben. Und dann fragen wir uns: Wie können wir diese Abgründe auffüllen? Für uns ist es unmöglich; Gott allein kann diese Leere, welche das Böse in unseren Herzen und in unserer Geschichte auftut, füllen. Und Jesus, der Mensch geworden und am Kreuz gestorben ist, füllt den Abgrund der Sünde mit dem Abgrund seiner Barmherzigkeit.”

Ein neuer Kirchenlehrer: Gregor von Narek

Einen Ehrenplatz in der Liturgie und im Gedenken nahm an diesem Sonntag der armenische Heilige Gregor von Narek ein. Franziskus erhob den Mönch aus dem 10. Jahrhundert zum Kirchenlehrer. Gregor „verstand es mehr als jeder andere, die Sensibilität eures Volkes auszudrücken“, schreibt der Papst in seiner Botschaft an die armenischen Christen. Der Heilige habe dem „Schreien“ einer in Sünde befangenen Menschheit eine Stimme gegeben, die dennoch vom Glanz der Liebe Gottes erleuchtet sei. Franziskus würdigte überdies die sehr weit zurückreichende Tradition der Kirche Armeniens. 301 habe der Heilige Gregor der Erleuchter Armenien zur Taufe geführt – „die erste Nation im Lauf der Jahrhunderte, die das Evangelium Christi annahm“. Das Christentum habe das armenische Volk „unauslöschlich“ geprägt, wobei in seiner Geschichte das Martyrium schon seit dem 5. Jahrhundert „einen herausragenden Platz“ einnimmt.

Armenischer Würdenträger nutzt Auftritt zu politischen Forderungen

Die stärksten Worte zum Völkermord an den Armeniern vor 100 Jahren fand – sichtlich aus eigener Betroffenheit – der armenische Katholikos des Großen Hauses von Kilikien, Aram I. Der gebürtige Libanese ergriff am Ende der Messe im Petersdom das Wort. In erheblichen Abweichungen vom ursprünglichen Redetext und unter dem Applaus der armenischen Gläubigen sprach Aram vom Genozid als „unvergesslichem und unleugbarem Fakt der Geschichte, der in den Annalen moderner Geschichte und im gemeinsamen Bewusstsein tief verwurzelt“ sei. Er erinnerte an die eineinhalb Millionen Getöteten und Tausende armenischer Klöster und Einrichtungen, die von den Osmanen zerstört oder beschlagnahmt wurden und „immer noch konfisziert“ seien. Aram berief sich auf internationales Recht und forderte im Petersdom „Verurteilung, Anerkennung und Reparation“ für den Völkermord vor 100 Jahren. Er würdigte das Einschreiten des Heiligen Stuhles für die Armenier, namentlich den Brief von Benedikt XV. zur Beendigung der Massaker, und das Engagement in den darauf folgenden Jahrzehnten. „Wir schätzen diese Unterstützung des Vatikans und besonders eurer Heiligkeit sehr“, sagte Aram.

Papst Franziskus hatte bereits wenige Monate nach seinem Amtsantritt die Verfolgung der Armenier als „ersten Genozid des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet. Daraufhin legte die Türkei offiziell Protest ein. Die Äußerung sei „absolut  inakzeptabel“, hieß es 2013 aus Ankara. Franziskus hatte sich in einem privaten Gespräch geäußert, das später publik wurde. Bereits als Erzbischof von Buenos Aires hatte der heutige Papst keinen Hehl daraus gemacht, dass er die Verfolgung der Armenier im Osmanischen Reich als Völkermord betrachtet.

(rv 12.04.2015 gs)

GEBET VON JOHANNES PAUL II. AN DEN HL. AUGUSTINUS

ZUM 1650. JAHRESTAG DER GEBURT DES HL. AUGUSTINUS, BISCHOF VON IPPONA

O großer Augustinus, unser Vater und Lehrer,
der du die lichtreichen Wege Gottes kennst
und auch die gewundenen Wege der Menschen,
wir staunen über die Wunder,
die die göttliche Gnade
in dir gewirkt hat.
Sie machte aus dir einen leidenschaftlichen Zeugen
der Wahrheit und des Guten im Dienst am Nächsten.

Lehre uns am Beginn dieses neuen Jahrtausends,
das vom Kreuz Christi gezeichnet ist,
die Geschichte im Licht
der göttlichen Vorsehung zu verstehen,
die alle Ereignisse zur letzten Begegnung mit dem Vater führt.
Führe uns hin zu Zielen des Friedens.
Nähre in unseren Herzen
deine Sehnsucht nach jenen Werten,
auf die mit der Kraft, die von Gott kommt,
der »Staat« gebaut werden kann, der dem Menschen entspricht.

Die tiefgründige Lehre, die du in liebevollem und geduldigem Studium
aus den immer lebendigen Quellen
der Heiligen Schrift geschöpft hast,
möge heute alle erleuchten,
die von entfremdendem Blendwerk versucht werden.
Erwirke ihnen den Mut,
den Weg zu gehen zu jenem »inneren Menschen«,
in dem ihn Derjenige erwartet,
der allein unserem unruhigen Herzen
Frieden geben kann.

Viele unserer Zeitgenossen
scheinen die Hoffnung verloren zu haben,
unter den vielen gegensätzlichen Ideologien
die Wahrheit zu finden,
nach der sie dennoch in ihrem Innersten
eine quälende Sehnsucht bewahren.
Lehre sie, die Suche nie aufzugeben,
in der Gewißheit, daß schließlich ihre Mühe
durch die erfüllende Begegnung
mit jener höchsten Wahrheit belohnt wird,
die der Quell aller geschaffenen Wahrheit ist.

O heiliger Augustinus, vermittle auch
uns einen Funken jener glühenden Liebe
zur Kirche, der »Catholica«, der Mutter der Heiligen,
die alle Mühen deines langen Dienstes
unterstützt und beseelt hat.
Laß uns gemeinsam unter der Führung
der rechtmäßigen Hirten vorangehen
und zur Herrlichkeit des himmlischen Vaterhauses gelangen,
wo wir mit allen Seligen
in den neuen Gesang des nicht enden wollenden Halleluja
einstimmen können. Amen.

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Quelle

Siehe ferner: