Syrien: Hilfsorganisationen warnen vor humanitärer Krise

Schätzungsweise 450.000 Menschen leben in einem Radius von fünf Kilometern an der syrisch-türkischen Grenze und befinden sich in unmittelbarer Gefahr. (AFP or licensors)

Die jüngste Militäroffensive im Nordosten Syriens droht tausende Zivilisten von Hilfe abzuschneiden, warnen 15 Hilfsorganisationen in einer gemeinsamen Presseaussendung. Die Grundversorgung mit Wasser und medizinischer Hilfe sei bereits unterbrochen, die Flucht habe eingesetzt, Zivilisten bräuchten Schutz.

Schätzungsweise 450.000 Menschen leben in einem Radius von fünf Kilometern an der syrisch-türkischen Grenze und befinden sich in unmittelbarer Gefahr. In der Region leben auch mehr als 90.000 intern vertriebene Menschen, die während des nunmehr seit acht Jahren andauernden Konfliktes in Syrien mindestens schon einmal gezwungen waren, ihr Zuhause zu verlassen.

Laut den Vereinten Nationen sind im Nordosten Syriens rund 1,65 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Gleichzeitig mussten Hilfsorganisationen ihre Programme teilweise aussetzen und Mitarbeiter evakuieren. Durch die anhaltende Krise in Idlib und den immensen Bedarf an humanitärer Hilfe im gesamten Land stehen Hilfsorganisationen bereits am Rande ihrer Kapazitäten.

Völkerrecht muss respektiert werden

Die 15 Hilfsorganisationen – darunter CARE, Ärzte der Welt, Aktion gegen den Hunger, Handicap International, International Rescue Committee, NRC Flüchtlingshilfe, Oxfam und World Vision – fordern die Konfliktparteien dazu auf, das humanitäre Völkerrecht uneingeschränkt zu respektieren und in besiedelten Gebieten keine explosiven Waffen einzusetzen. Es müsse dringend sichergestellt werden, dass alle Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung ergriffen werden, genauso wie dafür gesorgt werden müsse, dass Hilfsgüter uneingeschränkt zu den Betroffenen gelangten.

Menschen, die in den umkämpften Gebieten lebten, so die Hilfsorganisationen, dürften nicht von dort vertrieben werden. Gleichzeitig dürften geflüchtete Familien in der Türkei nicht zu einer Rückkehr nach Syrien gezwungen werden. Eine erzwungene Rückkehr berge große Gefahren, und die vor Ort tätigen humanitären Organisationen könnten kaum ausreichend Hilfe leisten. Nach Angaben der türkischen Regierung stammen schätzungsweise 83 Prozent der drei Millionen Syrer in der Türkei nicht aus dem Nordosten von Syrien.

Sicherheitslage in der Region sehr fragil

Die Sicherheitslage in der Region sei sehr fragil. Zehntausende Kämpfer und ihre Familien würden in Camps festgehalten. Alle Kinder hätten ein Recht auf Schutz und humanitäre Hilfe, schreiben die Hilfsorganisationen. Herkunftsländer müssten sich deshalb darum kümmern, die etwa 9.000 Kinder aus rund 40 Nationen im Nordosten von Syrien schnell wieder zurück nach Hause zu holen.

Die internationale Gemeinschaft müsse zudem jetzt dringend eine Lösung des Konfliktes einfordern. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen müsse die Notwendigkeit der Zurückhaltung durch alle Konfliktparteien betonen und die Bedeutung des Schutzes der Zivilbevölkerung und den uneingeschränkten Zugang zu humanitärer Hilfe bekräftigen. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen trat zum Thema am Donnerstag zusammen.

(pm – pr)

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Einmarsch in Syrien: „Kein Geld mehr an die Türkei zahlen“

Einmarsch in Tel Abyad (AFP or licensors)

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) fordert, sämtliche Zahlungen Deutschlands und der Europäischen Union an die Türkei unverzüglich einzustellen, bis die türkische Militärintervention in Nordsyrien gestoppt wird.

Insbesondere dürfe Europa die Einrichtung der vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gewollten Schutzzone in Nordsyrien weder direkt noch indirekt unterstützen, so die vom deutschen Göttingen aus operierende Organisation.

„Europa darf keinesfalls aus Angst vor Flüchtlingen Verbrechen gegen die Menschlichkeit fördern“, erklärte GfbV-Direktor Ulrich Delius am Donnerstag. Ziel der sogenannten Schutzzone sei ein völkerrechtswidriger Bevölkerungsaustausch.

“ Bisherige Proteste sind halbherzig ”

Die bisherigen Proteste der EU gegen die türkische Militäroffensive seien halbherzig und wenig überzeugend, kritisiert die GfbV. So sei es anmaßend und realitätsfremd, wenn die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini Kurden und die türkische Regierung gleichermaßen zur Mäßigung auffordere, anstatt den Aggressor zu benennen und in die Pflicht zu nehmen. Einfache Appelle zur Mäßigung könnten den Schutz der Zivilbevölkerung vor neuer Gewalt nicht gewährleisten.

Das türkische Religionsministerium hat zudem angekündigt, am Freitag solle in allen Moscheen der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB) in Deutschland für eine schnelle und erfolgreiche Besetzung Nordostsyriens gebetet werden. Dies müsse die Bundesregierung scharf verurteilen.

Verbrechen nicht schönreden

„Schwere Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen an der Zivilbevölkerung dürfen in Deutschland nicht schöngeredet oder verherrlicht werden“, so Delius. „Erst recht nicht schon wieder in DITIB-Moscheen, in denen bereits die völkerrechtswidrige Invasion des syrischen Afrin im Januar 2018 verherrlicht wurde.“

Die DITIB steht wegen ihrer Nähe zum türkischen Religionsministerium und dem Machtapparat Erdogans seit Jahren in Deutschland in der Kritik.

(pm – sk)

Syriens Christen erneut von Türkei bedroht, warnt Menschenrechtsgruppe

Betende in der Kirche St. Ananias in Damaskus, Syrien vor dem Bürgerkrieg, am 23. February

Mit dem Abzug amerikanischer Truppen und der Ankunft türkischer Streitkräfte ist die ohnehin gefährdete christliche Minderheit im Nahen Osten erneut bedroht, warnt eine führende Menschenrechtsgruppe, wie die Catholic News Agency berichtet.

Am 6. Oktober teilte das Weiße Haus mit, dass türkische Streitkräfte nach Nordsyrien verlegt werden und die USA keine Soldaten in der Region mehr stationieren werde. Die Ankündigung hat bei den Kurden in Nordsyrien und im Irak große Besorgnis ausgelöst.

Als Verbündeter der Vereinigten Staaten umfasst die kurdische Bevölkerung viele Jesiden und eine Handvoll Christen. Sie haben die Vereinigten Staaten bei ihrem Kampf gegen den Islamischen Staat und andere extremistische Gruppen in der Region unterstützt.

Kurdistan ist ein umkämpftes Gebiet auf türkischem, irakischem und iranischem Boden. Die Verlegung kurdischer Truppen nach Syrien mit Unterstützung der USA hat Anlass zur Sorge gegeben, dass sie eine Kampagne gegen die dort lebenden Kurden führen und die christlichen Gemeinschaften in der Region erneut belasten werden.

In einer Erklärung, die am Montag veröffentlicht wurde, sagte die Gruppe In Defense of Christians (IDC), sie seien „zutiefst besorgt um die christlichen und jesidischen Gemeinschaften Nordostsyriens, sollte die Republik Türkei ihre Truppen in die Region verlegen“, und stellte fest, dass die Region in den letzten Jahren erheblich von Christen entvölkert worden ist.

„Es gibt rund 40.000 Christen im Nordosten, was ein dramatischer Rückgang gegenüber den 130.000 Christen ist, die in diesem Gebiet vor dem Einfall des Islamischen Staates und der weiteren Syrienkrise lebten.“

Die Gruppe sagte, sie werde sich dafür einsetzen, dass die USA erneut Wirtschaftssanktionen gegen die Türkei verhängen, falls sie gegen die Bewohner der Zone vorgehen.

Zuvor wurden Wirtschaftssanktionen gegen die Türkei verhängt, als das Land Pastor Andrew Brunson, einen Amerikaner, inhaftierte, der über ein Jahr lang ohne Anklage inhaftiert war. Brunson wurde etwa zwei Monate nach der Verhängung von Sanktionen durch die USA freigelassen.

„Präsident Erdogan hat sicherlich nicht die wirtschaftlichen Auswirkungen von Sanktionen aufgrund der Inhaftierung von Pastor Andrew Brunson vergessen, und wie Präsident Trump sagte, können wir das wieder tun“, sagte Toufic Baaklini, Präsident von IDC, in einer Pressemitteilung.

Die Ankündigung von Trump, Truppen abzuziehen hat Bedenken geäußert, dass Christen in Nordsyrien ein ähnliches Schicksal erleiden könnten wie im Irak.

Der chaldäisch-katholische Erzbischof Bashar Warda von Ebril, eine der führenden Stimmen verfolgter und vertriebener Christen, sagte im Mai, dass der Abzug von US-Truppen massive Konsequenzen haben würde.

„Wir sind ernsthaft besorgt über den Rückzug der USA aus dem Irak“, sagte der Erzbischof.

„Nach dem Völkermord durch den Islamischen Staat haben unsere zerstörten Gemeinschaften immense Hoffnungen aus dem Versprechen des amerikanischen Engagements für irakische Minderheitengemeinschaften unter der Führung des Vizepräsidenten gezogen.“

Die Verteidigung der Christen in der Region ist seit Jahren eine erklärte Politik der Regierung Trumps. Am 25. Oktober 2017 sagte US-Vizepräsident Mike Pence auf dem jährlichen Gipfel des IDC, dass die USA „sich nicht mehr nur auf die Vereinten Nationen verlassen werden, um verfolgten Christen und Minderheiten nach dem Völkermord und den Gräueltaten von Terrorgruppen zu helfen“.

„Die Vereinigten Staaten werden von heute an Hand in Hand mit religiösen Gruppen und privaten Organisationen zusammenarbeiten, um denen zu helfen, die wegen ihres Glaubens verfolgt werden. Dies ist der Moment, jetzt ist die Zeit, und Amerika wird diese Menschen in ihrer Stunde der Not unterstützen“, sagte Pence weiter.

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Quelle

Türkei: Christliche Siedlungen durch Brände bedroht

Luftaufnahme eines Brandes in den USA (ANSA)

Im Südosten der Türkei waren und sind mehrere christliche Dörfer und Klöster von Bränden bedroht, wie die „Initiative Christlicher Orient“ (ICO) berichtet. Die Region ist syrisch-orthodoxes Kernland.

Der sogenannte Tur Abdin im Südosten der Türkei ist eines der ältesten christlichen Siedlungsgebiete der Welt. Er ist das Kernland der syrisch-orthodoxen Kirche. Die ältesten noch erhaltenen (und bewohnten) Klöster und Kirchen gehen auf das vierte Jahrhundert zurück.

Große Schäden für die Anwohner

In Midin, dem größten christlichen Dorf in der Region, wurden Wälder, Felder und Weingärten vernichtet. Das Feuer brach an mehreren Stellen aus, es wird Brandstiftung vermutet.
Mehrmals war in diesem Sommer auch bereits das Kloster Deyrulzafaran beziehungsweise dessen landwirtschaftliche Flächen, die das Kloster umgeben, von Feuer betroffen. Vor wenigen Tagen vernichtete ein Brand mehr als 500 Olivenbäume und zahlreiche Obstbäume. Auch in diesem Fall vermutet die Polizei Brandstiftung.

Existenz der Mönche bedroht

Das Kloster, das derzeit von drei Mönchen bewohnt wird, hat in den letzten Jahren große Anstrengungen unternommen, die vorhandenen Ländereien aufzupflanzen, um so eine Einkommensquelle zu schaffen. Die Brände gefährden demnach die Existenz der letzten verbliebenen Bewohner des Tur Abdin.

Auch in zahlreichen weiteren christlichen Dörfern, die vor allem in der schwer zugänglichen Bergregion des Tur Abdin liegen, wurden durch Brände große landwirtschaftliche Flächen vernichtet. Personen kamen laut dem in Linz ansässigen Hilfswerk ICO bislang nicht zu Schaden.

Brandstiftung vermutet

Allerdings vermuten vermittlerweile auch die türkischen Behörden, das Brandstifter am Werk waren. Die Taktik des Abbrennens landwirtschaftlicher Nutzflächen wurde heuer auch von untergetauchten IS-Terroristen in Nordsyrien an der türkischen Grenze („Djazira“) in großem Maßstab angewendet. In Syrien ist die Rede davon, dass in der Djazira 50.000 Hektar von den terroristischen Brandanschlägen betroffen waren, was zu großen Ernteausfällen geführt hat.

In den syrisch-orthodoxen Gemeinden weltweit gibt es die Befürchtung, dass die von den Terroristen in Nordsyrien entwickelte Taktik der Brandstiftung auch auf das türkische Gebiet übergeschwappt ist, wie die Stiftung Pro Oriente am Sonntag berichtete. Evgil Türker, der Obmann der „Federation of Syriac Associations“, sagte, man erwarte gespannt die Ergebnisse der Untersuchungen der türkischen Gendarmerie. Der wirtschaftliche Schaden durch die Brandserie sei jedenfalls sehr groß, vor allem, was die nur langsam nachwachsenden Ölbäume und die Weingärten betrifft.

In der Gemeinschaft gibt es aber auch Befürchtungen, dass die Rückkehrbewegung der Christen syrischer Tradition, die auf eine ausdrückliche Einladung des damaligen türkischen Ministerpräsidenten Bülent Ecevit im Jahr 2001 zurückgeht, islamistischen Gruppierungen in der Türkei nicht gefällt. Die Brandstiftungen könnten dann als „Warnsignale“ gemeint sein.

(kap – cs)

Der heilige Papst Johannes Paul II. über den heiligen Papst Pius V.

BOTSCHAFT VON JOHANNES PAUL II.
ANLÄßLICH DES 500. JAHRESTAGES DER GEBURT
DES HL. PAPSTES PIUS V.

An den verehrten Mitbruder
FERNANDO CHARRIER
Bischof von Alessandria

1. Gerne sende ich Ihnen einen herzlichen Gruß anläßlich der Jubiläumsfeiern, die zum 500. Jahrestag der Geburt meines Vorgängers, des hl. Pius V., stattfinden. In mein liebevolles Gedenken schließe ich die Gläubigen dieser geliebten Diözese ein, die zu Recht ihres edlen Sohnes voll Freude und Dankbarkeit gegenüber Gott gedenkt.

Die verschiedenen Veranstaltungen, an denen Ihr teilnehmen werdet, um dieses glücklichen Jahrestages zu gedenken, bieten die Gelegenheit, das Andenken dieses großen Papstes wieder lebendig zu machen und über das reiche von ihm hinterlassene Erbe an Vorbildern und Lehren nachzudenken, die auch für die Christen unserer Zeit mehr denn je gelten.

Der 500. Jahrestag seiner Geburt möge Grund des Segens für die ganze Kirche sein, in besonderer Weise für die geliebte Diözese Alessandria und für die kirchliche Gemeinschaft von Piemont. Die Fürsprache des hl. Pius V. und das Vorbild seiner Tugenden seien für jeden ein Impuls, den Glauben zu stärken, indem dieser unversehrt und in ständiger Verbindung mit den Quellen der Offenbarung bewahrt und in der Gesellschaft verbreitet wird, um eine Menschheit heranzubilden, die für Christus offen ist und die den Aufbau der Zivilisation der Liebe anstrebt.

2. Die Zeit, in der Pius V. lebte, war zwar sehr verschieden von der jetzigen, aber dennoch fehlt es nicht an gewissen Analogien. Beide Geschichtsepochen erlebten die Festigung von konvergierenden religiösen Kräften und hatten zugleich tiefe Krisen in der Gesellschaft zu verzeichnen mit Auseinandersetzungen zwischen Städten und Völkern, die manchmal in schmerzliche bewaffnete Konflikte ausarteten. In beiden Epochen war die Kirche bemüht, neue Wege zu finden, um den Glauben zu beleben und ihn in einer Weise vorzuschlagen, die den veränderten kulturellen und sozialen Bedingungen angemessen war; dies geschah damals durch die Einberufung des Konzils von Trient und im vergangenen Jahrhundert durch das II. Vatikanische Ökumenische Konzil. Auf die jeweiligen Konzilien folgten die oft nicht einfachen Anstrengungen, ihre Lehren getreu anzuwenden, wobei ein wahrer Reformprozeß der Kirche in Gang gesetzt wurde.

In diesen geschichtlichen und religiösen Kontext, der das 16. Jahrhundert gekennzeichnet hat, fügt sich das menschliche und geistliche Leben des hl. Pius V. ein, das am 1. Mai 1572 endete. Von Kindheit an bekam Michele Ghislieri die Härte der Armut zu spüren, denn er mußte durch seine Arbeit zum Unterhalt der Familie beitragen. Er schöpfte aus den bezeichnenden Werten seiner geliebten Heimat Alessandria und blieb ihr immer verbunden. Und dies so sehr, daß er, als er in das Kardinalskollegium berufen wurde, unter dem Namen Kardinal Alessandrino bekannt wurde.

Im Alter von 14 Jahren trat er in den Predigerorden ein und erhielt seine Ausbildung in den Klöstern von Vigevano, Bologna und Genua. Er war stets darauf bedacht, durch Gebet und Studium den Weg der evangeliumsgemäßen Vollkommenheit zu gehen, indem er reichlich aus den Quellen des Wortes Gottes entsprechend dem dominikanischen Charisma schöpfte.

Schon damals bewies er eine besondere Vorliebe für die Heilige Schrift und für die Lehre der Kirchenväter, während er sich auch für das Studium der Werke des hl. Thomas von Aquin begeisterte, den er später, als er Papst geworden war, in den Rang eines Kirchenlehrers erhob. Er wurde in Genua im Jahr 1528 zum Priester geweiht.

Von Papst Paul III. wurde er beauftragt, in den Gebieten von Padua, Pavia und Como über die Reinheit des Glaubens zu wachen. Er inspirierte sich am hl. Dominikus, dem heiligen Märtyrer Petrus von Verona, dem hl. Vincenzo Ferrer und dem hl. Antoninus von Florenz als seinen Vorbildern und Schutzherren. Dabei war seine einzige Sorge, immer die größere Ehre Gottes und das wahre Wohl der Brüder zu suchen, getreu dem Leitspruch »In der Wahrheit voranschreiten«, den er sich zu eigen machen wollte. Mit dem gleichen Eifer arbeitete er weiter, als er in Rom zum Kommissar für die Glaubenslehre ernannt wurde und nacheinander die weiteren Aufgaben übernahm, die ihm von den Päpsten Julius III., Paul IV. und Pius IV. anvertraut wurden. 1556 wurde er zum Bischof von Nepi und Sutri ernannt und im Jahr 1557 zum Kardinal kreiert; 1560 wurde er Bischof von Mondovì.

3. Mit 62 Jahren, im Januar 1556, wurde er zum Nachfolger Petri gewählt. Während seines Pontifikats bemühte er sich, die Glaubenspraxis in jedem einzelnen Glied des Volkes Gottes zu beleben, indem er der Kirche einen providentiellen Anstoß zur Evangelisierung gab. Er war unermüdlich in der Pastoralarbeit tätig und suchte mit allen direkten Kontakt zu knüpfen, ohne auf seinen schwachen Gesundheitszustand zu achten. Er sorgte sich darum, die Beschlüsse des Konzils von Trient getreu umzusetzen: im liturgischen Bereich durch die Veröffentlichung des erneuerten Römischen Meßbuches und des neuen Breviers; im katechetischen Bereich vor allem durch die Übergabe des »Katechismus des Konzils von Trient« an die Pfarrer; in der Theologie durch die Einführung der Summa des hl. Thomas in den Universitäten. Die Bischöfe erinnerte er an die Pflicht, in der Diözese zu residieren zum Zweck einer aufmerksamen Seelsorge an den Gläubigen; die Ordensleute regte er zu einer angemessenen Klausur an, und den Klerus wies er auf die Bedeutsamkeit des Zölibats und die Heiligkeit des Lebens hin.

Im Bewußtsein des von Christus, dem Guten Hirten, empfangenen Sendungsauftrages sorgte er sich hingebungsvoll darum, die ihm anvertraute Herde zu weiden, wobei er zum täglichen Gebet und vor allem zur Marienverehrung einlud. Es gelang ihm, diese beträchtlich zu intensivieren, indem er der Praxis des Rosenkranzgebets einen starken Impuls gab. Er selbst betete jeden Tag den gesamten Rosenkranz, auch wenn er überhäuft war mit schwierigen und vielfältigen Aufgaben.

4. Verehrter Mitbruder, der apostolische Eifer, das ständige Streben nach Heiligkeit, die Liebe zur Jungfrau Maria, die das Leben des hl. Pius V. kennzeichneten, seien für alle ein Ansporn, mit verstärktem Einsatz die eigene christliche Berufung zu leben. Ich möchte insbesondere dazu einladen, ihn in der kindlichen Marienverehrung nachzuahmen durch die Wiederaufnahme des einfachen und tiefen Rosenkranzgebetes, das – wie ich im Apostolischen Schreiben Rosarium Virginis Mariae in Erinnerung rufen wollte – uns hilft, das Geheimnis Christi zu betrachten: »In der Nüchternheit seiner Teile vereinigt er in sich die Tiefe der ganzen Frohen Botschaft, für die er gleichsam eine Kurzfassung ist … Mit dem Rosenkranz geht das christliche Volk in die Schule Mariens, um sich in die Betrachtung der Schönheit des Antlitzes Christi und in die Erfahrung der Tiefe seiner Liebe einführen zu lassen« (Nr. 1).

Durch das eifrige Beten des Rosenkranzes können auf die Fürsprache der himmlischen Mutter des Herrn außerordentliche Gnaden erlangt werden. Davon war der hl. Pius V. fest überzeugt, und er wollte nach dem Sieg von Lepanto ein eigenes Fest, den Gedenktag Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz, einführen.

Ich habe Maria, der Königin des heiligen Rosenkranzes, zu Beginn des dritten Jahrtausends durch das Gebet des Rosenkranzes das wertvolle Gut des Friedens und die Förderung der Institution der Familie anvertraut. Ich erneuere diesen Akt des Vertrauens auf die Fürsprache des hl. Pius V., dieses großen Marienverehrers.

5. Ich versichere Ihnen, verehrter Mitbruder, daß ich Ihrer im Gebet gedenken werde, ebenso der Bischöfe, die der Schlußfeier des Jubiläums vorstehen werden, sowie des Nationalen Komitees und des Ehrenkomitees, der Obrigkeiten der Region, der Provinz und der benachbarten Gemeinden von Alessandria, des Klerus, der Ordensleute und der lieben Gläubigen sowie aller, die an der heiligen Messe am 5. Mai zum Abschluß der Jubiläumsfeiern in der Kirche des Klosters »Santa Croce in Boscomarengo« teilnehmen werden.

Allen erteile ich von Herzen meinen besonderen Apostolischen Segen.

Aus dem Vatikan, am 1. Mai 2004

JOHANNES PAUL II.

Quelle

Ephesus in Dülmen

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Artikel aus dem Viktorboten, Ausgabe 8, April 2016

Rückt die Heiligsprechung des berühmtesten Mitglieds der Pfarrei St. Viktor, Anna Katharina Emmerick, in greifbare Nähe? Viele Menschen hoffen das. „Ich bin überzeugt: Anna Katharina ist eine Heilige!“ – so äußert sich Pater Alfred Bell, der für die Vorbereitung der Heiligsprechung beauftragte Vertreter des Bistums Münster. Kriterium einer Heiligsprechung ist nicht zuletzt die nachgewiesene internationale Verehrung eines Glaubenszeugen: Ist eine Seligsprechung von regionaler Bedeutung, so regelt eine Heiligsprechung die weltweite Verehrung eines Menschen, den die Kirche offiziell zum Vorbild für die Menschen und Fürsprecher bei Gott erklärt.

Die weltweite Bekanntheit und auch Verehrung der Anna Katharina Emmerick setzte schon im 19. Jahrhundert durch die rasche Übersetzung und Verbreitung der von Clemens Brentano aufgezeichneten Visionsberichte ein. Ein spektakuläres Ereignis, das für internationales Aufsehen sorgte, war gegen Ende des 19. Jahrhundert ein archäologischer Fund in Kleinasien, im Westen der Türkei: Zwei deutsche Priester des Lazaristen-Ordens hatten sich mit den visionären Schilderungen des Lebens Mariens in der Hand zu einer Expedition zum antiken Ephesus aufgemacht, wo nach Angaben Anna Katharina Emmericks die Gottesmutter Maria an der Seite des Evangelisten Johannes ihre letzten Lebensjahre verbracht habe.

Die Patres untersuchten gemäß den Angaben in den Brentano-Aufzeichnungen die topographischen Gegebenheiten der Gegend, befragten die eingesessene Bevölkerung und entdeckten nicht zuletzt dank des Zufalls an einer verborgenen Wasserstelle die Reste einer frühchristlichen Gebetsstätte. Die aufgefundenen Fundamente und Mauerreste vom „Haus der Maria“ wurden freigelegt und zu einer kleinen massiven Kapelle hochgezogen. Heute ist das Marienheiligtum von Ephesus ein Wallfahrtsort. Prominente Besucher in jüngerer Zeit waren die Päpste Paul VI. (1967), Johannes Paul II. (1979) sowie Benedikt XVI. im Jahre 2006. Die „Dülmener Heimatblätter“ widmeten 1972 der „Kunde aus Ephesus“ einen Artikel, ein umfangreicher Bericht fand sich 2011 in den „Emmerickblättern“.

Wer sich mit Anna Katharina Emmerick als weltweitem Phänomen befasst, der kennt das vertraute Bild vom „Hauses der Maria“ mit der markanten Bruchsteinfassade, den drei Rundbögen und dem knorrigen Baum davor. Und dieses Bild lässt sich auch in Dülmen entdecken! Als Wandmalerei – und dies fast exakt an jener Stelle, an der einst Clemens Brentano am Bett der Seherin seine Aufzeichnungen niederschrieb. Die Rede ist vom Döner-Restaurant an der Nonnengasse in Dülmen, in direkter Nähe zum früheren Kloster Agnetenberg und unweit der einstigen Bürgerhäuser Roters und Limberg, wo Anna Katharina Emmerick nach ihrer Ausweisung aus dem Kloster Agnetenberg ihr Quartier bezog. Hier also, an der Nonnengasse 2, betreibt Mehmed Kabukcu, der mit Frau und zwei Kindern in Dülmen lebt, seit 2004 einen Schnellimbiss. Eingerichtet und ausgestaltet wurde die Räumlichkeit allerdings schon Mitte der 1990er Jahr durch den damaligen Inhaber, einen aus der Türkei eingewanderten Armenier. Armenier sind Christen, und so finden sich unter den insgesamt sieben auf Putz aufgemalten Bildern im Speiseraum nicht nur Szenen aus dem antiken Kleinasien, sondern etwa auch von einer orthodoxen Kirche – und eben auch vom „Haus der Maria“ in Ephesus. Mehmed Kabukcu, geboren 1975  in der Gegend der südtürkischen Stadt Maras, hat damit kein Problem: Er bekennt sich ganz bewusst zu religiöser Toleranz. Und das auch aus eigener leidvoller Erfahrung: Zwar ist seine Familie muslimisch, gehört aber zur Glaubensgemeinschaft der Aleviten, die sich keiner klassischen Moscheegemeinde anschließen und seit jeher vom „offiziellen“ Islam in der Türkei unterdrückt werden. Und: Er ist Kurde – was ebenfalls bis heute zu Repressionen an seiner Volksgruppe in der Türkei führt. Daher kam Kabukcu 1993 als Asylbewerber nach Deutschland, 2001 wurde er eingebürgert. Mehmed Kabukcu hat seine Flucht nach Deutschland nicht bereut. Fremdenfeindlichkeit sei ihm in Dülmen noch nicht begegnet. Sein Restaurant läuft gut: „Wer gute Arbeit leistet, wird auch anerkannt“, meint er. Das derzeitige Flüchtlingsdrama empfindet er als Katastrophe, weniger hierzulande als vor allem weltweit.

Das „Haus der Maria“ setzt vielleicht gerade in diese aufgeheizte Stimmung hinein ein stummes Zeichen, ist doch das Marienheiligtum von Ephesus bis heute eine Pilgerstätte von Orthodoxen, Katholiken – und Muslimen! Insbesondere muslimische Frauen pilgern hierhin, schöpfen aus der dortigen Wasserquelle, hängen ihre niedergeschriebenen Gebetsanliegen auf ausgespannte Schnüre. Der Koran spricht voll Ehrfurcht von Maria. Das Konzilsdekret des Zweiten Vatikanums über die nicht-christlichen Religionen betont ausdrücklich die Marienverehrung der Muslime. In der schon erwähnten Ausgabe der „Emmerickblätter“ (2011/II, S. 20) resümiert der frühere Dülmener Pfarrer Dr. Clemens Engling nach einer Reise zum „Haus der Maria“, hier sei „ein Ort, der aus großer urchristlicher Tradition Christen und Muslime verbinden kann.“

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