DAS GEWEIHTE LEBEN IN DER NÄHE DER MENSCHEN

S09_ob

Audienz für die Teilnehmer an einem
Kongress zum Abschluss des Jahres des geweihten Lebens

Ansprache von Papst Franziskus am 1. Februar

Papst Franziskus legte das vorbereitete Redemanuskript zur Seite und sprach mit den Ordensleuten frei.

Er sagte:

Liebe Schwestern und Brüder!

Ich habe für diesen Anlass eine Ansprache über Themen des geweihten Lebens und über dessen drei tragende Säulen vorbereitet. Es gibt noch andere, aber es gibt drei wichtige Säulen des geweihten Lebens. Die erste ist: Prophetie, die zweite: Nähe und die dritte: Hoffnung. Prophetie, Nähe, Hoffnung. Ich habe den Text dem Kardinalpräfekten gegeben, denn ihn vorzulesen ist ein wenig langweilig und ich möchte lieber zu euch über das sprechen, was mir aus dem Herzen kommt. Einverstanden?

Ordensmänner und Ordensfrauen, das heißt dem Dienst am Herrn geweihte Männer und Frauen, die in der Kirche diesen Weg einer klaren Armut, einer keuschen Liebe gehen, die sie zu einer geistlichen Vaterschaft und Mutterschaft für die ganze Kirche führt, den Weg eines Gehorsams… Aber in diesem Gehorsam fehlt uns immer etwas, weil der vollkommene Gehorsam der Gehorsam des Sohnes Gottes ist, der sich selbst verleugnet hat, der aus Gehorsam Mensch geworden ist, bis zum Tod am Kreuz. Aber es gibt Männer und Frauen unter euch, die einen tiefen Gehorsam leben, einen Gehorsam… – nicht militärisch, das nicht, nein. Das ist Disziplin und etwas anderes – ein Gehorsam der Hingabe des Herzens. Und das ist Prophetie.

»Aber hast du nicht Lust, etwas zu tun, etwas anderes?« – »Ja, aber den Regeln zufolge muss ich dies tun und dies und das. Und den Anordnungen entsprechend das und das und das. Und wenn ich etwas nicht klar erkenne, dann spreche ich mit dem Oberen, mit der Oberin, und nach dem Gespräch gehorche ich.« Das ist die Prophetie gegen den Samen der Anarchie, den der Teufel sät. »Was tust du?« – »Ich tue, was mir gefällt.« Die Anarchie des Willens ist Tochter des Teufels, nicht Tochter Gottes. Der Sohn Gottes war nicht anarchisch, er hat die Seinen nicht berufen, um eine Widerstandskraft gegen seine Feinde zu bilden. Er selbst hat zu Pilatus gesagt: »Wenn ich ein König dieser Welt wäre, dann hätte ich meine Soldaten gerufen, um mich zu verteidigen.« Aber er war dem Vater gehorsam. Er hat nur gefragt: »Vater, bitte, nein, nicht diesen Kelch… Aber dein Wille geschehe.« Wenn ihr aus Gehorsam etwas akzeptiert, das uns vielleicht oft nicht gefällt … [Der Papst macht die Geste des Schluckens.] …, dann muss man jenen Gehorsam schlucken, und man tut es. Die Prophetie also. Prophetie heißt, den Menschen zu sagen, dass es einen Weg des Glücks, der Größe gibt, einen Weg, der dich mit Freude erfüllt, der genau der Weg Jesu ist. Es ist der Weg, Jesus nahe zu sein. Die Prophetie ist eine Gabe, ein Charisma und man muss den Heiligen Geist darum bitten: dass ich im richtigen Augenblick jenes Wort zu sagen weiß; dass ich etwas im richtigen Augenblick tue; dass mein ganzes Leben eine Prophetie sein möge. Männer und Frauen, die Propheten sind. Das ist sehr wichtig. »Ach, machen wir es wie alle…« Nein. Die Prophetie bedeutet, zu sagen, dass es etwas Wahreres, etwas Schöneres, etwas Größeres, etwas Besseres gibt, zu dem wir alle berufen sind.

Das zweite Wort ist Nähe. Geweihte Männer und Frauen, aber nicht um sich von den Menschen abzusondern und alle erdenkliche Bequemlichkeit zu haben. Nein. Um mich ihnen zu nähern und das Leben der Christen und Nicht-Christen zu verstehen, die Leiden, Probleme, viele Dinge, die man nur versteht, wenn ein gottgeweihter Mann oder eine gottgeweihte Frau Nächste werden: im Nahesein. »Aber, Pater, ich bin eine Klausurschwester, was soll ich tun?« Denkt an die heilige Therese vom Kinde Jesu, Patronin der Missionen, die mit ihrem brennenden Herzen nahe war. Die Briefe, die sie von den Missionaren erhielt, ließen sie den Menschen näher sein. Nähe.

Geweiht zu werden heißt nicht, ein, zwei, drei Stufen in der Gesellschaft aufzusteigen. Es ist wahr, dass wir Eltern oft sagen hören: »Wissen Sie, Pater, ich habe eine Tochter, die Ordensschwester ist; ich habe einen Sohn, der Ordensmann ist!« Sie sagen das mit Stolz. Und das ist wahr! Es ist eine Freude für die Eltern, gottgeweihte Kinder zu haben, das ist wahr. Aber für die Geweihten ist es kein Status im Leben, der mich die anderen so anblicken lässt [mit Distanz]. Das geweihte Leben muss mich zur Nähe zu den Menschen führen: physische, geistliche Nähe, die Menschen kennen. »Ja, Pater, in meiner Gemeinschaft hat uns die Oberin die Erlaubnis gegeben hinauszugehen, in die Armenviertel zu den Menschen zu gehen…« – »Und gibt es in deiner Gemeinschaft alte Schwestern?« – »Ja, ja… Es gibt im dritten Stock die Krankenabteilung.« – »Und wie oft am Tag besuchst du deine Mitschwestern, die alten Schwestern, die deine Mutter oder Großmutter sein könnten?« – »Ach, wissen Sie, Pater, ich bin mit meiner Arbeit sehr beschäftigt und schaffe es nicht, dorthin zu gehen…« Nähe!

Wer ist zuerst der Nächste eines Gottgeweihten oder einer Gottgeweihten? Der Bruder oder die Schwester der Gemeinschaft. Der ist zuallererst euer Nächster. Und auch eine nette, gute, liebevolle Nähe. Ich weiß, dass in euren Gemeinschaften niemals geklatscht wird, nie, nie… Eine Art und Weise, sich zu entfernen: Klatsch und Tratsch. Hört gut zu: kein Klatsch, der Terrorismus des Klatschs. Denn wer klatscht, ist ein Terrorist. Er ist ein Terrorist in der eigenen Gemeinschaft, weil er das Wort gegen diesen, gegen jenen wie eine Bombe wirft und dann ruhig weggeht. Er zerstört! Wer das tut, zerstört wie eine Bombe, und er sondert sich ab. Dies, so sagt der Apostel Jakobus, war vielleicht die schwierigste Tugend, die schwierigste menschliche und geistliche Tugend, die man haben soll, nämlich jene, die Zunge zu beherrschen. Wenn dir ein Wort gegen ein Bruder oder eine Schwester in den Sinn kommt, das heißt eine Bombe des Klatschs zu werfen, dann beiß dir auf die Zunge! Fest! Terrorismus in der Gemeinschaft: Nein!

»Aber, Pater, wenn da etwas ist, ein Fehler, etwas, das man korrigieren muss?« Dann sagst du das zu dieser Person: Du hast diese Haltung, die mich stört oder die nicht gut ist. Oder wenn das nicht ratsam ist – denn manchmal ist es nicht klug –, dann sagst du es der Person, die Abhilfe schaffen kann, die das Problem lösen kann und zu niemandem sonst. Verstanden? Klatsch dient zu nichts. »Aber beim Kapitel?« Dort ja! Öffentlich: alles, von dem du spürst, dass du es sagen sollst. Denn es gibt die Versuchung, beim Kapitel die Dinge nicht zu sagen, aber dann draußen: »Hast du gesehen, die Priorin…? Hast du gesehen, die Äbtissin…? Hast du gesehen, der Obere…?« Aber warum hast du es nicht dort gesagt, im Kapitel. … Ist das klar? Es sind Tugenden der Nähe. Und die Heiligen hatten sie, die heiligen Gottgeweihten hatten sie. Die heilige Therese vom Kinde Jesu hat niemals über die Arbeit geklagt, über die Unannehmlichkeiten, die ihr die Schwester bereitete, die sie jeden Abend in den Speisesaal führen musste: aus dem Chor in den Speisesaal. Niemals! Denn diese Schwester war sehr alt, fast gelähmt, sie lief sehr schlecht, sie hatte Schmerzen – auch ich verstehe sie gut! –, und sie war auch etwas neurotisch… Aber niemals ist sie zu einer anderen Schwester gegangen und hat gesagt: »Wie lästig ist sie doch!« Was tat sie? Sie half ihr, sich hinzusetzen, brachte ihr die Serviette, brach ihr Brot in Stückchen und lächelte sie an. Das bedeutet Nähe. Nähe!

Wenn du die Bombe eines Klatschs in deine Gemeinschaft wirfst, dann ist das keine Nähe: Es heißt, Krieg zu führen! Es heißt, sich absondern; es heißt, Distanz zu verursachen, Anarchie in der Gemeinschaft hervorzurufen. Und wenn es in diesem Jahr der Barmherzigkeit jedem, jeder von euch gelingen würde, niemals ein Terrorist und Klatschmaul zu sein, dann wäre das ein Erfolg für die Kirche, ein großer Erfolg der Heiligkeit! Nur Mut! Nahe sein.

Und dann die Hoffnung. Ich bekenne, dass mir das sehr schwer fällt, wenn ich sehe, wie die Berufungen zurückgehen, wenn ich Bischöfe empfange und sie frage: »Wie viele Seminaristen habt ihr?« –»Vier, fünf…« Wenn ihr in euren Ordensgemeinschaften von Männern oder Frauen einen Novizen, eine Novizin habt, vielleicht zwei …, und die Gemeinschaft wird immer älter und älter… Wenn es Konvente gibt, große Konvente, und Kardinal Amigo Vallejo [Der Papst wendet sich zu ihm] kann uns erzählen, wie viele es in Spanien gibt, die von vier oder fünf alten Schwestern bis zum Schluss vorangebracht werden…

Und dies lässt in mir eine Versuchung aufsteigen, die gegen die Hoffnung ist: »Aber, Herr, was geschieht? Warum wird der Schoß des geweihten Lebens so unfruchtbar?« Einige Kongregationen experimentieren mit der »künstlichen Befruchtung«. Was tun sie? Sie nehmen auf…: »Aber ja, komm, komm, komm…« Und dann die Probleme, die es dort drinnen gibt… Nein. Die Aufnahme muss seriös sein! Man muss gut unterscheiden, ob es eine echte Berufung ist, und ihr helfen zu wachsen. Und ich glaube, angesichts dieser Versuchung, die Hoffnung zu verlieren, die von dieser Unfruchtbarkeit kommt, müssen wir mehr beten, unermüdlich beten.

Mir tut es sehr gut, diesen Abschnitt aus der Heiligen Schrift zu lesen, wo Anna – die Mutter von Samuel – betete und um einen Sohn bat. Sie betete und bewegte die Lippen und betete… Und der alte Priester, der ein wenig blind war und nicht gut sah, dachte, sie sei betrunken. Aber das Herz jener Frau [sagte zu Gott]: »Ich möchte einen Sohn!« Ich frage euch: Betet euer Herz angesichts der abnehmenden Berufungen mit dieser Intensität? »Unsere Kongregation braucht Söhne, unsere Kongregation braucht Töchter…« Der Herr, der so großherzig war, wird seine Verheißung erfüllen. Aber wir müssen ihn darum bitten. Wir müssen an die Tür seines Herzens klopfen. Denn es gibt eine Gefahr. Sie ist schlimm, aber ich muss sie erwähnen: Wenn eine Ordenskongregation sieht, dass sie keine Kinder und Enkel mehr hat und beginnt, immer mehr zu schrumpfen, dann hängt sie sich an das Geld. Und ihr wisst, dass das Geld der Mist des Teufels ist. Wenn sie nicht die Gnade erlangen können, Berufungen und Nachwuchs zu haben, dann denken sie, dass das Geld das Leben rettet. Sie denken an das Alter, damit ihnen dieses nicht fehlt, damit ihnen jenes nicht fehlt… Uns so gibt es keine Hoffnung. Die Hoffnung ist nur im Herrn! Geld wird sie dir niemals geben. Im Gegenteil: Es wird dich entmutigen. Verstanden?

Das wollte ich euch sagen, statt die Klassifikationen vorzulesen, die der Kardinalpräfekt euch dann geben wird…

Ich danke euch von Herzen für das, was ihr tut. Die Gottgeweihten – jeder mit seinem Charisma. Und ich möchte die gottgeweihten Frauen, die Ordensschwestern hervorheben. Was wäre die Kirche, wenn es die Schwestern nicht gäbe? Das habe ich einmal gesagt: Wenn du ins Krankenhaus gehst, in die Schulen, in die Pfarreien, in die Stadtviertel, in die Missionen: Männer und Frauen, die ihr Leben hingegeben haben… Auf meiner letzten Afrikareise – das habe ich, glaube ich, bei einer Generalaudienz erzählt –, bin ich einer 83-jährigen Schwester begegnet, einer Italienerin. Sie hat mir gesagt: »Als ich – ich weiß nicht, ob sie gesagt hat – 23 oder 26 Jahre alt war, bin ich hierhergekommen. Ich bin Krankenschwester in einem Krankenhaus.« Denkt einmal: Von 26 Jahren bis 83! »Und ich habe meinen Angehörigen in Italien geschrieben, dass ich nicht mehr zurückkommen werde.« Wenn du auf einen Friedhof gehst und siehst, dass dort viele Missionare aus den Orden und viele Schwestern sind, die mit 40 Jahren gestorben sind, weil sie in jenen Ländern eine Krankheit, ein Fieber bekommen haben. Sie haben ihr Leben hingegeben… dann sagst du: Das sind Heilige! Sie sind Same! Wir müssen zum Herrn sagen, er möge ein wenig auf diese Friedhöfe herabkommen und sehen, was unsere Vorfahren getan haben, und uns ein wenig Berufungen schenken, denn wir brauchen sie!

Ich danke euch sehr für diesen Besuch, ich danke dem Kardinalpräfekten, dem Sekretär, den Untersekretären für das, was ihr in diesem Jahr des geweihten Lebens getan habt. Aber, bitte, vergesst nicht die Prophetie des Gehorsams, der Nähe, und dass der wichtigste und euch am nächsten stehende Nächste der Bruder und die Schwester der Gemeinschaft ist, und dann die Hoffnung. Möge der Herr bewirken, dass euren Kongregationen Söhne und Töchter geboren werden. Und betet für mich. Danke!

Die folgende Ansprache wurde vom Heiligen Vater schriftlich überreicht.

Liebe Brüder und Schwestern!

Ich freue mich, euch zum Abschluss dieses Jahres, das dem geweihten Leben gewidmet ist, zu begegnen.

Eines Tages hat Jesus sich in seiner unendlichen Barmherzigkeit an eine jede und einen jeden von uns gewandt und uns persönlich gebeten: »Komm und folge mir nach!« (Mk 10,21). Wenn wir hier sind, dann darum, weil wir ihm mit »Ja« geantwortet haben. Bei manchen war es eine Zustimmung voll Begeisterung und Freude, manche haben sich schwerer getan, waren vielleicht unsicher. Auf jeden Fall sind wir ihm großherzig nachgefolgt und haben uns auf Wegen leiten lassen, die wir uns nicht einmal hätten vorstellen können. Wir haben mit ihm Augenblicke inniger Verbundenheit geteilt: »Kommt mit an einen einsamen Ort […] und ruht ein wenig aus« (Mk 6,31); Augenblicke des Dienens und der Sendung: »Gebt ihr ihnen zu essen!« (Lk 9,13); sogar sein Kreuz: »Wer mein Jünger sein will, […] nehme […] sein Kreuz auf sich« (Lk 9,23). Er hat uns in seine eigene Beziehung zum Vater hineingenommen, er hat uns seinen Geist geschenkt, hat unser Herz nach dem Maß seines eigenen Herzens erweitert und uns gelehrt, die Armen und die Sünder zu lieben. Wir sind ihm gemeinsam nachgefolgt und haben von ihm das Dienen, die Annahme, die Vergebung, die brüderliche Nächstenliebe gelernt. Unser geweihtes Leben hat einen Sinn, denn bei ihm zu bleiben und auf den Straßen der Welt unterwegs zu sein, um ihn zu bringen, gestaltet uns ihm gleich, lässt uns Kirche sein, Geschenk für die Menschheit.

Das Jahr, das wir jetzt abschließen, hat dazu beigetragen, in der Kirche die Schönheit und die Heiligkeit des geweihten Lebens heller erstrahlen zu lassen und in den geweihten Personen die Dankbarkeit für die Berufung und die Freude der Antwort zu vertiefen. Jeder und jede Geweihte hatte die Möglichkeit, die eigene Identität deutlicher wahrzunehmen und sich so mit erneuertem apostolischen Eifer auf die Zukunft auszurichten, um neue gute Seiten im Buch des Lebens zu schreiben, auf der Spur das Charismas der Gründer. Wir sind dem Herrn dankbar für alles, was wir in diesem an Initiativen so reichen Jahr erleben durften. Und ich danke der Kongregation für die Institute geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens, die die großen Ereignisse hier in Rom und in der Welt vorbereitet und durchgeführt hat.

Das Jahr geht zu Ende, aber unser Bemühen, dem empfangenen Ruf treu zu bleiben und in der Liebe, in der Hingabe, in der Kreativität zu wachsen, wird fortgesetzt. Dafür möchte ich euch drei Worte mit auf den Weg geben.

Das erste Wort ist »Prophetie«. Das zeichnet euch besonders aus. Aber welche Prophetie erwarten die Kirche und die Welt von euch? Ihr seid vor allem aufgerufen, mehr noch durch euer Leben als durch Worte, die Wirklichkeit Gottes zu verkündigen: von Gott zu sprechen. Wenn er zuweilen abgelehnt oder ausgegrenzt oder ignoriert wird, dann müssen wir uns fragen, ob wir vielleicht sein Gesicht nicht genug haben durchscheinen lassen und vielmehr unser eigenes Gesicht gezeigt haben. Das Gesicht Gottes ist das eines Vaters, der »barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Güte« ist (Ps 103,8). Um andere ihn erkennen zu lassen, muss man eine persönliche Beziehung zu ihm haben; und dazu bedarf es der Fähigkeit, ihn anzubeten und tagtäglich die Freundschaft mit ihm zu pflegen, durch das Gespräch von Herz zu Herz im Gebet, besonders in der stillen Anbetung.

Das zweite Wort, das ich euch mitgebe, ist »Nähe«. In Jesus ist Gott jedem Mann und jeder Frau nahegekommen: Er hat die Freude der Brautleute in Kana in Galiläa und die Trauer der Witwe von Naïn geteilt; er ist in das vom Tod heimgesuchte Haus des Jaïrus und in das von Nardenöl duftende Haus in Betanien eingetreten; er hat Krankheiten und Tod auf sich genommen und am Ende sogar sein Leben als Lösegeld für alle hingegeben. Christus nachzufolgen bedeutet dorthin zu gehen, wohin er gegangen ist; sich als barmherziger Samariter des Verwundeten, den wir am Straßenrand finden, anzunehmen; sich auf die Suche nach dem verlorenen Schaf zu machen. Wie Jesus den Menschen nahe zu sein; ihre Freuden und ihre Schmerzen zu teilen; durch unsere Liebe das väterliche Antlitz Gottes und die mütterliche Liebkosung der Kirche zu zeigen. Niemand darf sich jemals fern, distanziert, verschlossen und daher unfruchtbar fühlen. Jeder von euch ist berufen, den Brüdern zu dienen und dem eigenen Charisma zu folgen: die einen durch das Gebet, die anderen durch die Katechese, die einen durch die Lehre, die anderen durch die Fürsorge für Kranke oder Arme, die einen durch die Verkündigung des Evangeliums, die anderen durch die Erfüllung verschiedener Werke der Barmherzigkeit. Wichtig ist, nicht für sich selbst zu leben, ebenso wie Jesus nicht für sich selbst gelebt hat, sondern für den Vater und für uns.

So kommen wir zum dritten Wort: »Hoffnung«. Indem ihr Gott und seine barmherzige Liebe bezeugt, könnt ihr durch die Gnade Christi unserer Menschheit, die aus verschiedenen Gründen von Angst und Furcht gezeichnet und manchmal versucht ist, den Mut zu verlieren, Hoffnung schenken. Ihr könnte die erneuernde Kraft der Seligpreisungen, der Aufrichtigkeit und des Mitgefühls spüren lassen; den Wert der Güte, des einfachen, wesentlichen, bedeutungsvollen Lebens. Und ihr könnt die Hoffnung auch in der Kirche nähren. Ich denke zum Beispiel an den ökumenischen Dialog. Die Begegnung vor einem Jahr zwischen geweihten Personen der verschiedenen christlichen Konfessionen war eine schöne Neuheit, die es verdient, fortgesetzt zu werden. Das charismatische und prophetische Zeugnis des Lebens der geweihten Personen, in der Vielfalt seiner Formen, kann dazu beitragen, dass wir alle unsere Einheit besser erkennen, und die volle Gemeinschaft fördern.

Liebe Brüder und Schwestern, lasst euch in eurem täglichen Apostolat nicht vom Alter oder von der Zahl beeinflussen. Was mehr zählt ist die Fähigkeit, das anfängliche »Ja« zum Ruf Christi zu wiederholen, der sich immer wieder hören lässt, auf immer neue Weise, in jedem Abschnitt des Lebens. Sein Ruf und unsere Antwort halten unsere Hoffnung lebendig. Prophetie, Nähe, Hoffnung. Wenn ihr so lebt, werdet ihr Freude im Herzen haben, das Kennzeichen der Jünger Christi und erst recht der geweihten Personen. Und euer Leben wird anziehend sein für viele Frauen und Männer, zur Ehre Gottes und für die Schönheit der Braut Christi, der Kirche.

Liebe Brüder und Schwestern, ich danke dem Herrn für das, was ihr in der Kirche und in der Welt seid und tut. Ich segne euch und vertraue euch unserer Mutter an. Und bitte vergesst nicht, für mich zu beten.

(Orig. ital. in O.R. 1./2.2.2016)

_______

Siehe auch:

Papst Franziskus an Ordensleute: „Starres Einhalten der Regeln ist Egoismus“

ANSA868425_Articolo

Papst Franziskus hat junge Ordensleute vor „Starrheit“ im Leben ihrer Gemeinschaften gewarnt. Es gebe da die Versuchung, besonders auf die Einhaltung von Regeln zu pochen. „Die Observanz darf nicht starr sein: wenn sie starr ist, ist sie nicht Observanz, sondern persönlicher Egoismus“, erklärte Franziskus an diesem Donnerstag Ordensleuten aus aller Welt, die er anlässlich des derzeit laufenden Ordensjahres in Audienz empfing. Er antwortete in freier Rede auf drei Fragen, die an ihn gerichtet wurden.

Franziskus würdigte das Beispiel der heiligen Teresa von Avila. Sie sei eine „freie Frau“ gewesen, „so frei, dass sie vor die Inquisition musste“. Als Klausurnonne sei sie durch ganz Spanien gezogen und habe dort Klöster gegründet, ohne je die Fähigkeit zur Kontemplation zu verlieren. „Prophetie, Fähigkeit zu träumen, das ist das Gegenteil von Starrheit. Die Starren können nicht träumen!“, verdeutlichte Franziskus.

Zugleich warnte der Papst die Ordensleute vor der Unaufrichtigkeit, die im Geschwätz und der üblen Nachrede liegen. „Werft niemals Bomben des Geschwätzes. Nie! Das ist die Pest des Gemeinschaftslebens! Und so wird der Ordensmann, die  Ordensfrau, die ihr Leben Gott geweiht haben, zum Terroristen oder zur Terroristin, weil sie in ihre Gemeinschaft eine zerstörerische Bombe werfen!“

Auf die Frage nach dem rechten Weg der Evangelisierung antwortete Franziskus, das Herz müsse brennen. „Evangelisieren ist nicht bloß überzeugen: es ist be-zeugen, dass Christus lebt. Und wie bezeugst du das? Mit deinem Fleisch, mit deinem Leben. Du kannst noch so viel studieren und Kurse für Evangelisierung machen, und das ist ja auch gut, aber die Fähigkeit, die Herzen zu erwärmen, kommt nicht aus den Büchern, sondern aus deinem eigenen Herzen.“ Franziskus bedankte sich an dieser Stelle ausdrücklich bei Ordensfrauen – „entschuldigt, wenn ich jetzt ein wenig feministisch werde“, warf er ein: „Ihr habt diese Lust, immer nach vorn zu gehen. Warum? Weil ihr Mütter seid, weil ihr die Mütterlichkeit der Kirche habt.“ Aus seiner eigenen Erfahrung als Erzbischof von Buenos Aires erzählte er, wie aus Südkorea stammende Schwestern in einem von alten argentinischen Ordensfrauen geführten Krankenhaus wahre Wunder wirkten, obwohl sie kein Wort Spanisch sprachen. „Das Zeugnis eines brennenden Herzens. Das ist die Mütterlichkeit der Schwestern. Bitte, verliert das nicht.“

Den jungen Ordensleuten verriet Franziskus auch, er trage seit dieser Woche das Kreuz eines im Irak enthaupteten Priesters bei sich. Ein irakischer Geistlicher habe es ihm bei der Generalaudienz überreicht, berichtete Franziskus. Der Märtyrer habe das Kreuz in der Hand gehalten, als er ermordet wurde, weil er Christus nicht habe verleugnen wollen, so der Papst. Franziskus betonte, niemals in der Geschichte habe es mehr christliche Märtyrer gegeben als in der heutigen Zeit.

(rv 17.09.2015 gs)

_______

Siehe ferner:

DER HEILIGE JOHANNES PAUL II. — ANSPRACHEN IN LISIEUX 1980

30799_medaille-module-francs-visite-france-jean-paul-1980-revers

Die ethische und religiöse Seite sehen

Predigt beim Gottesdienst in Lisieux am 2. Juni 1980

1. Ich bin sehr glücklich, daß ich bei Gelegenheit meines Besuches in der fran­zösischen Hauptstadt auch nach Lisieux kommen durfte. Ich weile hier als Pil­ger unter euch, liebe Brüder und Schwestern, die auch ihr eurerseits aus zahl­reichen Gegenden Frankreichs gekommen seid, um die kleine hl. Theresia zu besuchen, die wir alle so sehr lieben und deren Weg zur Heiligkeit eng mit dem Karmel von Lisieux verbunden ist. Wenn jene, die sich in der Aszese und My­stik auskennen, und jene, welche die Heiligen lieben, es sich zur Gewohnheit gemacht haben, diesen Weg der hl. Theresia vom Kinde Jesus den „kleinen Weg“ zu nennen, dann hat zweifellos der Geist Gottes, der sie auf diesen Weg führte, ihr die gleiche Hochherzigkeit geschenkt wie ihrer Patronin, der großen hl. Theresia von Avila. Auch diese hat er geführt und durch sie zahlreiche ande­re Heiligen seiner Kirche, und er führte sie weiter. Ihm sei daher Ehre in Ewig­keit!

Die Kirche freut sich über den wunderbaren Reichtum an geistlichen Gnaden­gaben, die so herrlich und vielfältig sind wie alle Werke Gottes in der sichtbaren und unsichtbaren Welt. Jede Gnadengabe spiegelt das innere Geheimnis des Menschen wider und entspricht zugleich den Bedürfnissen der Zeit in der Ge­schichte der Kirche und Menschheit. Man darf das von der hl. Theresia von Li­sieux sagen, die vor nicht allzu langer Zeit noch unsere „zeitgenössische“ Heili­ge war. So sehe ich sie auch persönlich im Ablauf meines Lebens. Ist sie aber nicht immer die „zeitgenössische“ Heilige? Hat sie nicht aufgehört das für jene Generation zu sein, die jetzt in der Kirche heranreift? Man müßte das die Men­schen unserer Generation fragen. Es sei mir freilich gestattet, zu bemerken, daß die Heiligen praktisch nie veralten, sie verlieren nie ihre Gültigkeit. Sie bleiben ständig Zeugen für die Jugend der Kirche. Sie werden nie Menschen der Ver­gangenheit, Männer und Frauen von gestern. Im Gegenteil: sie sind immer die Männer und Frauen von morgen, Menschen der im Evangelium verheißenen Zukunft des Menschen und der Kirche, Zeugen der kommenden Welt.

2. „Denn alle, die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind Söhne Gottes. Denn ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so daß ihr euch immer noch fürchten müßtet, sondern ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater“ (Röm 8, 14-15).

Schwerlich könnte man Worte finden, die besser zusammenfassen und zu­gleich deutlicher aussprechen, was das besondere Charisma der Theresia Mar­tin ausmacht, d.h. was der einzigartige Reichtum ihres Herzens war, der dann durch ihr Herz zum besonderen Geschenk für die Kirche wurde. Es ist ein wun­derbares Geschenk in seiner Einfachheit, universal und zugleich einmalig. Von Theresia von Lisieux kann man mit Überzeugung sagen, daß der Geist Gottes ihrem Herzen möglich gemacht hat, den Menschen unserer Zeit das grundle­gende Geheimnis, die Wirklichkeit des Evangeliums direkt zu offenbaren: die Tatsache nämlich, daß wir wirklich „den Geist empfangen haben, der uns zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen: „Abba, Vater“. Der kleine Weg ist der Weg der heiligen Kindheit. Auf diesem Weg gibt es etwas Einzigartiges, den Genius der hl. Theresia von Lisieux. Gleichzeitig sehen wir eine sehr grundle­gende und allgemein gültige Wahrheit bekräftigt und neu herausgestellt. Wel­che Wahrheit aus der Botschaft des Evangeliums ist denn wohl grundlegender und allgemeiner gültig als jene: Gott ist unser Vater, und wir sind seine Kinder? Wie allgemein gültig diese Wahrheit, diese Wirklichkeit auch sein mag, sie wur­de dennoch mit dem Glauben, der Hoffnung und der Liebe Theresias von Li­sieux neu verstanden. Sie wurde gewissermaßen neu entdeckt durch die innere Erfahrung ihres Herzens und die Form, die sie ihr Leben hindurch fand, ob­wohl es nur 24 Jahre währte. Als sie hier im Karmel der Tuberkulose zum Opfer fiel, deren Krankheitsherd sie schon länger in sich trug, war sie fast noch ein Kind. Sie blieb in der Erinnerung als Kind haften, als heiliges Kind. Und ihre ganze Spiritualität hat erneut die Wahrheit der Apostelworte bekräftigt: „Nein, ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so daß ihr euch immer noch fürchten müßtet, sondern ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht.“ Ja, Theresia war Kind. Sie war ein Kind, das bis zum Heroismus vertraute und infolgedessen auch bis zum Heroismus frei war. Aber gerade weil das bis zum Heroismus ging, kennt allein sie den inneren Wohlge­schmack und zugleich den inneren Preis für ein Vertrauen, das ein Zurückfal­len in die Furcht verhindert; ein Vertrauen, das bis in die tiefsten Finsternisse und Leiden der Seele hinein sie rufen ließ: „Abba, Vater!“

Gewiß hat sie diesen Wohlgeschmack und diesen Preis gekannt. Wer aufmerk­sam ihre Geschichte einer Seele liest, ist sich völlig klar, daß dieser Wohlge­schmack kindlichen Vertrauens wie der Duft der Rosen von einem Zweig kommt, der auch Dornen trägt. Wenn wir nämlich „Kinder sind, dann auch Er­ben; wir sind Erben Gottes und sind Miterben Christi, wenn wir mit ihm leiden, um mit ihm auch verherrlicht zu werden“ (Röm 8, 17). Und eben deswegen ist das kindliche Vertrauen der kleinen Theresia, der hl. Theresia vom Kinde Je­sus, aber auch „vom heiligen Antlitz“, so heroisch, weil es aus der glühenden Vereinigung mit den Leiden Christi stammt.

Wenn ich vor mir hier alle Kranken und Behinderte sehe, so denke ich, daß auch sie wie Theresia von Lisieux mit dem Leiden Christi vereint sind und daß dank ihres Glaubens an die Liebe Gottes und dank ihrer eigenen Liebe ihr geistli­ches Opfer geheimnisvoll für die Kirche und für alle übrigen Glieder des mystischen Leibes Christi eine Zunahme an Kraft bedeutet. Möchten sie nie das schöne Wort der hl. Theresia vergessen: „Im Herzen der Kirche, meiner Mutter, will ich die Liebe sein.“ Ich bete zu Gott, er möge jedem dieser meiner leidenden Freunde, die ich mit besonderer Zuneigung liebe, Stärke und Hoffnung geben.

3. Auf Gott wie Theresia von Lisieux vertrauen heißt, dem kleinen Weg folgen, auf dem uns der Geist Gottes führt: er führt immer zur Herrlichkeit, an der die Adoptivsöhne und -töchter Gottes teilhaben. Schon als Kind, im Alter von 12 Jahren, hat der Sohn Gottes erklärt, es sei seine Berufung, in dem zu sein, was seinem Vater gehört (vgl. Lk 2, 49). Kind sein, ein Kind werden bedeutet, in die Mitte der großen Sendung eintreten, zu der der Mensch durch Christus berufen ist, einer Sendung, die das ganze Herz des Menschen erfaßt. Theresia war sich dessen voll bewußt. Diese Sendung hat ihren Ursprung in der ewigen Liebe des Vaters. Der Sohn Gottes erfüllt sie als Mensch in sichtbarer und geschichtli­cher, der Heilige Geist dagegen auf unsichtbare und charismatische Weise in der Geschichte der Menschheit.

Wenn Christus beim Verlassen der Welt den Aposteln sagt: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen“ (Mk 16,15), fügt er sie kraft seines Paschamysteriums ein in den großen Strom der ewigen Sen­dung. Von dem Augenblick an, da er sie verläßt, um zum Vater zu gehen, be­ginnt er zugleich „wiederzukommen in der Kraft des Heiligen Geistes“, den der Vater in seinem Namen sendet. Viel tiefer als alle Wahrheiten über die Kirche ist diese Wahrheit in das Bewußtsein unserer Generation durch das Zweite Va­tikanische Konzil eingeprägt worden. Dadurch haben wir alle viel besser ver­standen, daß die Kirche sich ständig im Zustand der Sendung befindet, das be­deutet: die ganze Kirche ist missionarisch. Und wir haben besser das besondere Geheimnis des Herzens der hl. Theresia von Lisieux verstanden, die mit ihrem kleinen Weg aufgerufen war, ebenso voll wie fruchtbar an der erhabensten Sen­dung teilzuhaben. Gerade die Kleinheit, die sie so sehr liebte, die Kleinheit des Kindes, hat ihr in reichem Maß die Größe der göttlichen Heilssendung aufge­hen lassen, die zugleich die unablässige Sendung der Kirche ist.

Hier in ihrem Karmel, in der Abgeschlossenheit des Klosters von Lisieux, fühl­te sich Theresia besonders verbunden mit allen Missionen und Missionaren der Kirche in der ganzen Welt. Sie verstand sich selber als Missionarin, durch die Kraft und die besondere Gnade des Geistes der Liebe gegenwärtig auf allen Missionsstationen, bei allen Missionaren, Männern und Frauen in der ganzen Welt. Sie wurde von der Kirche zur Patronin der Missionen ernannt wie Franz Xaver, der unermüdlich im Fernen Osten umherzog: gerade sie, die kleine The­resia von Lisieux, eingeschlossen in die Klausur des Karmels und augenschein­lich von der Welt getrennt. Ich bin glücklich, kurz nach meinem Besuch des afrikanischen Kontinents hierherkommen zu können und vor dieser bewunde­rungswürdigen Missionarin dem Vater der ewigen Wahrheit und Liebe alles das zu Füßen legen zu dürfen, was in der Kraft des Sohnes und des Heiligen Gei­stes bereits Frucht der missionarischen Arbeit der Kirche unter den Menschen und Völkern des Schwarzen Kontinents ist. Ich möchte mir zugleich, wenn ich so sagen darf, durch Theresia von Lisieux das klare Licht ihres Glaubens, ihre Einfachheit und ihr Vertrauen schenken lassen, mit einem Wort die jugendliche „Kleinheit“ ihres Herzens, um vor der ganzen Kirche zu verkün­den, wie überreich die Ernte ist, und ich möchte wie sie den Herrn der Ernte bit­ten, er möge Arbeiter mit noch größerer Hochherzigkeit in seine Ernte senden (vgl. Mt 9, 37-38). Möge er sie senden trotz aller Hindernisse und Schwierig­keiten, die er im Herzen des Menschen und in der Geschichte des Menschen findet.

In Afrika habe ich oft gedacht: welchen Glauben und welche geistige Kraft hat­ten doch die Missionare des vergangenen Jahrhunderts oder auch die der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts und alle die Missionsinstitute, die gegründet wur­den, um ohne Zögern in diese damals noch unbekannten Länder auszuziehen, mit dem einzigen Ziel, das Evangelium bekannt zu machen und die Kirche wachsen zu lassen. Sie sahen darin mit Recht ein für das Heil unerläßliches Werk. Ohne ihren Wagemut und ihre Heiligkeit wären die Ortskirchen, deren Jahrhundertfeier wir eben begangen haben und die inzwischen meist von afri­kanischen Bischöfen geleitet werden, nie entstanden. Liebe Brüder und Schwestern, verlieren wir nicht diese Begeisterung!

Ich weiß, daß ihr euch in der Tat nicht davon lösen wollt. Ich grüße unter euch die alten Missionsbischöfe als Zeugen des Eifers, von dem ich gesprochen habe. Frankreich zählt noch viele Missionare in aller Welt, Priester, Ordensleute beiderlei Geschlechts und Laien, und bestimmte Institute haben sich dem Missionswerk geöffnet. Ich sehe hier die Mitglieder des Kapitels der Auswärtigen Missionen von Paris, und ich erinnere an den edlen Theophane Vénard, dessen Martyrium im Fernen Osten für Theresia Licht und Ansporn war. Ich denke ferner an alle französischen Priester, die sich wenigstens einige Jahre dem Dienst an den jungen Kirchen in dem von „Fidei donum“ abgesteck­ten Rahmen widmen. Heute versteht man im übrigen auch besser die Notwen­digkeit eines brüderlichen Austausches zwischen den jungen und den alten Kirchen zum Wohl beider. Ich weiß z.B., daß die Päpstlichen Missionswerke in Verbindung mit der bischöflichen Kommission für die Auswärtigen Missionen nicht nur auf die Beschaffung der materiellen Mittel bedacht sind, sondern auch den missionarischen Geist der Christen in Frankreich formen, und ich freue mich darüber. Dieser missionarische Eifer kann freilich nicht entstehen und Früchte bringen, wenn er nicht von einer größeren geistlichen Lebendig­keit und der Ausstrahlung der Heiligkeit getragen ist.

4. „Das Schöne existiert, um uns für die Arbeit zu begeistern“, hat Cyprian Nor­wid geschrieben, einer der größten Dichter und Denker, die Polen hervorge­bracht hat, der dann auf französischem Boden eine Heimat fand und auf dem Friedhof von Montmorency ruht.

Danken wir dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist für die Heiligen. Danken wir für die hl. Theresia von Lisieux. Danken wir für die tiefe, einfache und reine Schönheit, die sich in ihr der Kirche und der Welt offenbart hat. Diese Schönheit begeistert. Und Theresia von Lisieux hat eine besondere Gabe, durch die Schönheit ihrer Seele zu begeistern. Auch wenn wir alle wissen, daß sie im Leiden groß wurde, so hört sie doch nicht auf, mit ihrem besonderen Charme die Augen unserer Seele zu erfreuen.

Es begeistert also diese Schönheit, diese Blume der Heiligkeit, die auf diesem Boden hier groß wurde, und ihr Charme hört nicht auf, unsere Herzen zur Ar­beit anzueifern: „ Das Schöne existiert, um uns für die Arbeit zu begeistern.“ Für die wichtigste Arbeit, bei der der Mensch in der Tiefe das Geheimnis seines Menschseins erfaßt. Er entdeckt in sich selber, was es bedeutet, „einen Geist“ empfangen zu haben, „der uns zu Kindern macht“, und der radikal verschieden ist von „einem Geist, der zu Sklaven macht“. Er beginnt, mit seinem ganzen Wesen zu rufen: „Abba, Vater“ (vgl. Röm 8, 15).

Aus den Früchten dieser herrlichen Arbeit im Innern baut sich die Kirche auf, in ihrer tiefsten und fundamentalsten Substanz, das Reich Gottes auf Erden.

Und der Ruf „Abba, Vater“, der weithin auf allen Kontinenten unseres Plane­ten ertönt, macht auch durch sein Echo in der stillen Abgeschiedenheit des Karmels in Lisieux immer neu das Andenken an die kleine Theresia lebendig, die durch ihr kurzes und verborgenes, aber so reiches Leben mit besonderem Nachdruck „Abba, Vater“ ausgesprochen hat. Weil sie es tat, hat die ganze Kir­che die volle Schlichtheit und Frische dieses Rufes wiedergefunden, der seinen Ursprung und seine Quelle im Herzen Christi selber hat.


 

Alles, was ihr tut, ist geheiligt!

Ansprache an die Klausurschwestern von Lisieux am 2. Juni 1980

Meine lieben Schwestern!

1. Friede sei mit euch! Mit euch, die ihr um den demütigen Nachfolger des Apostels Petrus versammelt seid! Und Freude in Christus Jesus! In euch und durch euch grüße ich alle Klausurschwestern, die auf dem Boden Frankreichs leben!

Ich muß vor allem meine tiefe Ergriffenheit ausdrücken, daß ich bei dem Reli­quienschrein beten darf, der die sterblichen Überreste der hl. Theresia enthält. Ich habe bereits ausführlich von meiner Dankbarkeit und der Anhänglichkeit an den geistlichen Weg gesprochen, den Theresia gewählt und der ganzen Kir­che gezeigt hat. Jetzt empfinde ich große Freude, daß ich jenen Karmel besu­chen darf, der ihr Lebensraum und Zeuge ihres Todes und ihrer Heiligung in­mitten ihrer Schwestern war und der für die Karmelitinnen wie für alle Pilger eine besondere Stätte des Gebetes und der Heiligung bleiben soll. Von daher möchte ich euch alle, zu welcher Ordensfamilie ihr auch immer gehört, im be­schaulichen Leben bekräftigen, das für die Kirche und die Menschheit absolut lebensnotwendig ist.

2. Wenn man auch unsere Zeit tief liebt, so muß man doch zugeben, daß das moderne Denken die Religionen, den Glauben der Gläubigen und die religiö­sen Empfindungen leicht als Subjektivismus abtut. Diese Auffassung nimmt auch das monastische Leben nicht aus. Daher sind die öffentliche Meinung und zuweilen leider auch manche Christen, die nur dem konkreten Engage­ment Bedeutung beilegen, versucht, euer kontemplatives Leben als eine Flucht aus der Wirklichkeit, als überholte oder sogar unnütze Lebensform zu betrachten. Dieses Unverständnis kann euch schmerzen, ja sogar demütigen. Aber ich sage euch mit Christus: „Fürchte dich nicht, du kleine Herde“ (Lk 12, 32). Übrigens kann eine gewisse monastische Erneuerung, die sich quer durch euer Land zieht, euch in der Hoffnung festigen.

Ich füge aber hinzu: Nehmt die Herausforderung der heutigen Welt und der Welt überhaupt an, indem ihr radikaler als je das Geheimnis eurer ursprünglichen Eigenart lebt, die Torheit in den Augen der Welt und Weisheit im Heili­gen Geist ist: lebt die ausschließliche Liebe zum Herrn und zu all euren Men­schenbrüdern in ihm. Versucht nicht, euch zu rechtfertigen. Jede Liebe trägt ihre Rechtfertigung in sich selbst, wenn sie nur echt, rein und selbstlos ist. Ohne Lohn lieben zu dürfen ist ein unveräußerliches Recht der Person, und das gilt vor allem, wenn der Geliebte Gott selber ist. Fahrt also im Gefolge der Kontem­plativen und Mystiker aller Zeiten fort, kräftig und demütig zugleich die trans­zendente Dimension der menschlichen Person zu bezeugen, die als Bild Gottes geschaffen und zu einem Leben inniger Gemeinschaft mit ihm berufen ist. Der hl. Augustinus versichert uns am Ende einiger Betrachtungen, die er mit dem Herzen wie mit seinem durchdringenden Verstand angestellt hat, daß das Glück des Menschen in der liebenden Betrachtung Gottes liegt. Deshalb bleibt die Qualität eurer liebenden Anhänglichkeit an den Herrn auf persönlicher oder gemeinschaftlicher Ebene von größter Wichtigkeit. Die Intensität und Ausstrahlung eures verborgenen Lebens in Gott müssen den Männern und Frauen von heute Fragen aufgeben, ebenso den Jugendlichen, die so oft nach dem Sinn des Lebens suchen. Wenn sie euch begegnen oder sehen, müßte jeder Besucher, Gast oder Exerzitant in eurem Kloster sagen oder zumindest empfinden können, daß er Gott begegnet sei, daß er eine Offenbarung des Geheimnisses Gottes, der Licht und Liebe ist, erlebt habe. Die Zeiten, in denen wir leben, brauchen ebensosehr Zeugen wie Apologeten. Seid für euren Teil sehr demütige und immer klare Zeugen!

3. Laßt mich euch also im Namen der ständigen Überlieferung der Kirche versi­chern, daß euer Leben nicht nur das Absolute Gottes verkünden kann, sondern daß es auch eine wunderbare und geheimnisvolle Kraft zu geistlicher Fruchtbarkeit besitzt (vgl. Perfectae caritatis, Nr. 7). Warum? Weil durch Christus sel­ber eure Liebeshingabe in sein universales Erlösungswerk eingefügt ist, so wie die Wogen sich in den Tiefen des Meeres vermischen. Wenn ich euch sehe, so denke ich an die Mutter Christi und an die heiligen Frauen im Evangelium, die am Fuße des Kreuzes Christi standen und an seinem Heilstod teilnahmen, aber zugleich Botinnen seiner Auferstehung waren. Ihr habt euch entschlossen, oder vielmehr Christus hat euch erwählt, mit ihm sein Paschamysterium in Zeit und Raum zu leben. Alles, was ihr seid, alles, was ihr täglich tut, ob ihr das Brevier mit seinen Psalmen rezitiert oder singt, die Eucharistie feiert, in der Zelle oder in Gruppen arbeitet, die Klausur und das Schweigen beachtet, ob ihr freiwillig oder von der Regel auferlegte Abtötungen übt, alles ist durch Christus angenommen, geheiligt und fruchtbar für die Erlösung der Welt. Damit ihr darüber keinerlei Zweifel habt, hat die Kirche im Namen Christi selbst eines Tages von all euren Lebens- und Liebeskräften Besitz ergriffen. Das geschah bei eurer Ordensprofeß. Erneuert sie oft! Weiht euch und opfert euch nach dem Beispiel der Heiligen immer mehr, ohne auch nur wissen zu wollen, wie Gott eure Mitarbeit nützt. Wie jedes Tun sein Ziel und damit auch seine Begren­zung, sein Ende hat, so steht die Selbstlosigkeit eurer Liebe an der Wurzel eurer kontemplativen Fruchtbarkeit. Mir kommt da ein sehr moderner Vergleich in den Sinn: ihr entflammt die Welt mit dem Feuer der geoffenbarten Wahrheit und Liebe in etwa so, wie die Atomwissenschaftler die Weltraumraketen zün­den: aus der Ferne.

4. Ich möchte dann noch zwei Anregungen hinzufügen, die mir geboten schei­nen. Die erste betrifft die Treue zum Charisma eurer Gründerinnen oder Grün­der. Die schöne Brüderlichkeit und Zusammenarbeit, die es sonst zwischen den Klöstern gibt, darf nicht zu einer gewissen Nivellierung der kontemp­lativen Institute führen. Möge jede geistliche Familie sorgfältig über ihre besondere Eigenart im Hinblick auf das Wohl der ganzen Kirche wachen. Das was an einem Ort geschieht, muß nicht unbedingt anderswo nachgeahmt wer­den.

Meine zweite Anregungen ist folgende: in einer immer beweglicheren, lärm­vollen und wortreichen Zivilisation werden Stätten des Schweigens und der Ruhe lebensnotwendig. Die Klöster, in ihrem unsprünglichen Stil, sind mehr denn je Stätten des Friedens und der Innerlichkeit. Laßt nicht zu, daß der Druck von innen oder außen eure Überlieferungen und eure Mittel zur Sammlung an­tastet. Bemüht euch vielmehr, eure Gäste und Exerzitanten zur Tugend der Schweigsamkeit zu erziehen. Ihr wißt sicher, daß ich am 7. März dieses Jahres Gelegenheit hatte, die Teilnehmer an der Vollversammlung der Kongregation für die Ordensleute an die strenge Beobachtung der monastischen Klausur zu erinnern. Ich erinnerte dabei an die ausdrucksstarken Worte meines Vorgän­gers Paul VI.: „Die Klausur isoliert die kontemplativen Seelen keineswegs von der Gemeinschaft des mystischen Leibes. Sie stellt sie im Gegenteil ins Herz der Kirche.“ Liebt also eure Weltabgeschiedenheit, die sich durchaus mit der biblischen Wüste vergleichen läßt. Paradoxerweise ist diese Wüste keine Leere. Gerade hier spricht der Herr zu eurem Herzen und verbindet euch eng mit seinem Heilswerk.

Diese Überzeugungen wollte ich euch ganz schlicht nahelegen, meine lieben Schwestern. Ihr werdet davon besten Gebrauch machen, davon bin ich über­zeugt. Ihr betet viel, daß mein Dienst Frucht bringe. Dafür möchte ich euch recht herzlich danken. Wißt, daß auch der Papst sich sehr oft im Herzen und im Gebet mit den Klöstern in Frankreich und der ganzen Welt verbindet.

Ich wünsche und bitte den Herrn auf die Fürbitte der heiligen Karmelitin von Lisieux, daß gute und zahlreiche Berufe eure verschiedenen kontemplativen Gemeinschaften erweitern und erneuern. Ich segne euch aus ganzem Herzen im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.


 

Verantwortlich für den Ordensgeist

Ansprache an die Vertreter der Vereinigung der Höheren Ordensobern
und des Ständigen Komitees der Ordensleute

in Lisieux am 2. Juni 1980

Die Gespräche, die ich am Samstag in Paris mit den Ordensleuten führen durf­te, die im Dienst der Evangelisierung stehen, und jetzt hier im Karmel mit einer wichtigen Gruppe von Vertretern des beschaulichen Lebens, waren meiner Absicht nach für alle Mönche und Nonnen gedacht, für alle Ordensmänner und Ordensfrauen in Frankreich, die ihr Christus geweihtes Leben dem kirchlichen Dienst des Gebetes oder des Apostolates widmen.

Euch, liebe Brüder und Schwestern, die ihr die Verantwortung für eure Institu­te tragt, möchte ich eine besondere und wichtige Anregung mitgeben.

Das Konzil hat in sehr glücklicher Weise daran erinnert, daß jede Autorität in der Kirche ein Dienst ist und im Geist des Herrn Jesus selber gelebt werden muß (vgl. Lk 22, 27). Diese verpflichtende Norm des Evangeliums darf aber nicht dahin führen, daß ihr eure eigene Verantwortung aufgebt. Die Formel „alle sind verantwortlich“, die seit gut zehn Jahren großen Erfolg gebracht hat, ist nur in einem bestimmten Sinn gültig. Ihr seid letztlich voll verantwortlich für den Ordensgeist eurer Untergebenen, für ihre apostolische Arbeit, für die Treue eurer Institute zu ihrem spezifischen Charisma und für die Qualität ihres Zeugnisses in der Kirche und Welt von heute.

Ich weiß andererseits um all die Mühe der Untersuchungen und Erfahrungen eurer Kongregationen nach dem Konzil. Als Bilanz ergeben sich glückliche Di­rektiven. Wacht sorgfältig darüber, daß das Ordensleben eine „Epiphanie“ Christi ist. Die moderne Welt braucht Zeichen. Die Nacht ohne Sterne ist eine Quelle der Angst. Mit einem Wort, sorgt auf jeden Fall dafür, daß in euren Ordensfamilien jetzt in Ruhe und Beharrlichkeit die revidierten und approbierten Konstitutionen durchgeführt werden. Liebe Brüder und Schwestern, ich ver­lasse mich auf eure Weisheit und auf euren Mut. Auf euch selber und auf eure Institute rufe ich den überreichen Segen des Herrn herab.

_______

Quelle: Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls – 21 – Predigten und Ansprachen von Papst Johannes Paul II. bei seiner Pilgerfahrt nach Frankreich – 30. Mai bis 2. Juni 1980. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz.

Siehe ferner: