PATER PIO — Der Ordensmann

Rückkehr nach Pietrelcina

 

Gegen Mitte Mai 1909 begleitete sein zweiter geistlicher Vater, Pater Agostino da San Marco in Lamis also den jungen Frater Pio nach Pietrelcina. Man meinte, es würde sich nur um einen kurzen Aufenthalt handeln, die heimische Luft und die Fürsorge seiner Mutter würden ihn bald wieder herstellen. Doch wird diese erste Etappe fast sieben Jahre andauern bis Februar 1916.

Während dieser ganzen Zeit wird er krank bleiben, ohne dass übrigens jemals irgend jemand eine genaue Diagnose erstellen konnte. Das ist übrigens ganz normal, denn recht lange danach wurde man inne, dass es sich um mystische Leiden handelte, durch die hindurch der Herr diese bevorzugte Seele darauf vorbereitete, IHN auf dem Weg nach Kalvaria einzuholen. Aber zu dieser Zeit ahnte niemand um Frater Pio herum auch nur das geringste.

Die Obern sahen die lange Abwesenheit und diesen lange sich hinziehenden Aufenthalt außerhalb des Klosters, wohin der Herr ihn gerufen hatte, nicht sehr gern. Es fehlte übrigens nicht viel, dass sie dachten, es liege hier eine listige, teuflische Versuchung vor. Man sollte also auf jeden Fall Stellung dagegen beziehen. Diese Lage wurde zeitweilig dramatisch. Die Obern veranlassten schließlich Frater Pio, dass sie gemeint hatten, er würde endgültig bei seiner Familie bleiben, er solle um die Erlaubnis bitten, außerhalb des Klosters bleiben zu dürfen, während er die Möglichkeit behielte, immer das Kleid des heiligen Franz zu tragen. Dass ihm dies das Herz zerriss, begreift man ohne Mühe.

Frater Pio machte sich zu diesem Zeitpunkt keine Illusionen über seinen Gesundheitszustand. Zu meinen oder gar sich einzubilden, dass er eines Tages gesund werden könnte, das erschien wie ein sinnloser Traum. Ganz im Gegenteil beschäftigte ihn oft der Gedanke an den Tod. Es ist wahr, dass die leiblichen und die seelischen Schmerzen, die unaufhörlichen Angriffe des Teufels, die ihn trafen und worüber man später die von Pater Pio selber gegebene Beschreibung nachlesen kann, nicht dazu angetan waren, ihn zum Überleben anzuspornen.

Er erholte sich ein wenig, aber nur vorübergehend, und 1910 war man so beunruhigt, dass Frater Pio seine Obern bat, man möge ihn doch wenigstens als Priester sterben lassen. Am 22. Januar 1910 schrieb er an Pater Benedetto, den Provinzialminister: „… Seit langem versuche ich in meinem Herzen einen sehr lebhaften Wunsch totzuschweigen. Aber ich muss Ihnen gestehen, dass alle meine Bemühungen nur dazu dienten, ihn noch größer werden zu lassen. Diesen Wunsch will ich daher dem unterbreiten, der ihn erfüllen kann. Mehrere Leute, die die neuesten Entscheidungen des Heiligen Stuhls kennen, haben mir versichert, dass, wenn Sie um Dispens für meine Priesterweihe ersuchen, indem Sie meinen derzeitigen Gesundheitszustand darlegen, man dann alles erlangen könnte. Wenn also, o Pater, alles von Ihnen abhängt, dann lassen Sie mich doch nicht länger nach diesem Tage schmachten. Wenn also Gott, der Allerhöchste, in seiner Barmherzigkeit beschlossen hat, die Leiden meines Leibes hinwegzunehmen, indem er meine Verbannung hier auf Erden abkürzt, wie ich fest hoffe, so werde ich sehr glücklich sterben, denn ich habe hier auf Erden keinen anderen Wunsch mehr …“

Frater Pio war nämlich erst 23 Jahre alt … Und das Kirchenrecht verlangte, dass einer erst nach Erreichen des Alters von 24 Jahren Priester werden könne. Aber er setzte ein solches Vertrauen auf seinen Provinzobern, den er zum ersten Mal am 25. April 1903 in Morcone gesehen hatte und mit dem zusammen er das Schuljahr 1905-1906 in San Marco la Catola verbracht hatte, und der, seit er Provinzial war, sich so sehr um seine Lage kümmerte, dass Frater Pio nicht einen einzigen Augenblick am günstigen Ausgang seiner Bemühungen zweifelte. Im übrigen war Frater Pio so krank, ja sogar zuweilen todkrank, dass man ihm sehr wohl diese Dispens gewähren konnte.

Arg von Fieber geschüttelt, unterzog er sich zu Benevent im August 1910 einem raschen Theologieexamen und er empfing schließlich in Gegenwart seiner Mutter die Priesterweihe durch die Hände von Monsignore Schinosi in der Kathedrale von Benevent. Es war genau am 10. August 1910. Seine Primiz durfte er am folgenden Tag in Pietrelcina feiern, wo er von der Blasmusik und der ganzen Bevölkerung empfangen wurde. Am 14. August wird er, der von nun an Pater Pio sein wird, ein Hochamt feiern und sein Beichtvater, Pater Agostino, wird ihm die Festrede halten.

„Wie glücklich war ich an jenem Tag, schreibt er. Mein Herz brannte in Liebe zu Jesus … Ich habe angefangen das Paradies zu verkosten!“ Auf sein Primizandenken hatte er sein Lebensprogramm schreiben lassen: „Jesus, mein Atem und mein Leben, heute, wo ich Dich zitternd erheben darf in einem Geheimnis der Liebe, möge ich MIT DIR für die Welt WEG, WAHRHEIT, LEBEN und FÜR DICH, HEILIGER PRIESTER, VOLLKOMMENES OPFERLAMM sein.“ Nun ist er Priester auf ewig. Nun beginnt jene lange Reihe von beeindruckenden Messopfern, die er bis zu seinem Tode feiern wird. Zum letzten Mal wird er zum Altar emporsteigen am 22. September 1968. Sterben wird er wenige Stunden später am 23. September um zwei Uhr dreißig im Herzen der Nacht.

Von Ende Oktober bis zum 7. Dezember 1911, lebten Pater Pio und sein geistlicher Vater im selben Kloster von Venafro. Damals entdeckte Pater Agostino gewisse Dinge, wovon wir dann später reden werden …

Nun aber hatte sich die Krankheit am 7. Dezember 1911 plötzlich verschlimmert und man brachte Pater Pio zurück nach Pietrelcina. Am nächsten Tag sang er zum großen Erstaunen aller das Hochamt in der Pfarrkirche, wie wenn er nie krank gewesen wäre. Wer sollte da noch klug werden … es sei denn die Vorsehung hätte ein für alle mal beschlossen, Pater Pio müsse in die Verborgenheit seines Geburtsdorfes zurückkommen, um dort das Siegel des Blutes zu empfangen …
Was tat er in Pietrelcina? Er lebte bei seiner Familie. Er hatte sich nicht weit vom väterlichen Haus etwas auf der Höhe eine eigene Zelle eingerichtet. Man gelangte über eine Steintreppe dorthin. Er betete auch auf einem der Grundstücke seiner Familie in Piana Romana. Dort empfing er übrigens, wie wir sehen werden, die unsichtbaren Wundmale unter einer Ulme, die eingefasst wie eine Reliquie in einer kleinen Kapelle aufbewahrt wird. Auch seinem Pfarrer, Don Salvatore Pannullo, half er beim Spenden der Sakramente. Er hatte aber noch nicht die Vollmacht zum Beichthören bekommen, trotz mehrerer Anfragen, die seinen Obern vorgebracht und von Don Pannullo unterstützt wurden.

 

Soldat …

Aber da wird Pater Pio von einer neuen Prüfung heimgesucht: der Krieg von 1914 war ausgebrochen. Die Kapuzinerprovinz von Foggia wie alle anderen Provinzen Italiens sah sich ihrer besten Kräfte beraubt. Alle Ordensleute mussten in die Kasernen einrücken. Was Pater Pio betrifft, so stellte er sich zum 6. November 1915 beim Militärdistrikt von Benevent, um dort seine Bürgerpflicht zu erfüllen. Am 6. Dezember wurde er der zehnten Sanitätskompanie von Neapel zugeteilt. Aber einige Tage später, am 18. Dezember, wurde er zu einem Krankenurlaub nach Hause geschickt.

 

Geistliches Leben

In seinem geistlichen Leben, das uns jetzt im höchsten Maße interessiert, (denn auf diesem Weg, auf dem jeder diesem Riesen an Heiligkeit zu folgen berufen ist), darf man behaupten, dass er jede Stufe erklimmen wird. Wir haben es schon gesagt, die Liebe und das Leiden, von denen nie eins ohne das andere bestehen kann, werden für Pater Pio – wie übrigens für jede großmütige Seele – der einzige Weg sein, der zur innigsten Vereinigung mit Gott führt. Er wird dabei ärgste Schwierigkeiten kennenlernen; gegen die Hölle wird er Kämpfe durchstehen, wovon es schwierig ist sich ein Bild zu machen. Aber zum Ausgleich wird er Tröstungen und geistliche Freuden verkosten, die nach den Aussagen von Pater Pio selber völlig unerklärlich bleiben.

So wird Pater Pio von einer Schwierigkeit zur andern zu jener umwandelnden Vereinigung mit Gott emporsteigen. Sein geistliches Leben wird immer mehr ein mystisches Leben. Die Ausgießungen der Gnade sind manchmal so stark, dass sie sich in seinem Leib und seinen Sinnen niederschlagen. Sein Gebet wird zunehmend passiver, wie man aus seinen Briefen, die er regelmäßig an seinen geistlichen Vater schickt, ersehen kann … Er lässt Gott in seiner Seele wirken, da Pater Pio sich von nun an ganz IHM hingegeben hat.

Zu dieser Zeit stellt man zwischen den Zeilen, die er schreibt, gewisse Aufschwünge der Liebe fest, die ihn zu Gott hinauftragen. Als Gegenleistung setzen diese mystischen Berührungen, dieses Eingenommenwerden seiner Natur durch das göttliche Wesen ein. Es ist der Zeitpunkt, wo ihn der feurige Pfeil trifft (23. August 1912), Verzückungen und Tränen über ihn kommen … Es ist auch die Zeit, wo sich für ihn an seinen Gliedern die Zeichen des Gekreuzigten bemerkbar zu machen beginnen. Die Wundmale werden erst im September 1918 im Kloster San Giovanni Rotondo sichtbar und dauernd hervortreten. Immer mehr nimmt er am Leiden Jesu teil, wie er in einem Brief vom 28. Juni 1912 schreiben wird. Dies also sind einige Erscheinungen, die man für diese Periode festhalten darf. Sie werden sich mehr oder weniger häufen, und mehr oder weniger an Kraft gewinnen, aber wir wissen, dass sie mit den Jahren so zahlreich werden, dass auch nicht ein Augenblick seines Lebens diesem göttlichen Einfluss entgeht …, aber auch dem teuflischen nicht.

Pater Pio wird während seines Aufenthalts in Pietrelcina die Nacht der Sinne kennenlernen, wie sie Johannes vom Kreuz beschrieben hat. Die Seele sinkt immer tiefer in die dunkle Nacht hinein. Die innere Reinigung wird immer spürbarer, immer gründlicher, immer schmerzhafter und die Seele des armen Paters verliert sich immer tiefer im Gefühl der Gottverlassenheit und in die totale Trostlosigkeit. Manche Briefe sind in dieser Hinsicht wahre Schreie des Entsetzens. Aber Gott ist ein Vater und wenn er das Mittel des Leidens dazu benutzt, um eine Seele herauszureißen, (in unserem Fall die Seele des Paters Pio), die er erwählt und zu einer Sendung außerhalb des Alltäglichen bestimmt, dann weiß er ihm auch Fristen der Ruhe und des süßen Trostes zu geben. Aber man versteht, dass sich in Augenblicken schrecklichster Qual die Natur Pater Pios von Zeit zu Zeit empörte. „Ich kann nicht mehr“, gestand er am 18. März 1915.

Die Kämpfe mit dem Teufel, fast tägliches Los Pater Pios, zeugen von einer scharfsinnigen Grausamkeit. Neben leiblichen Quälereien, Schlägen, die er nicht etwa bloß geistig hinnimmt, sondern in einer harten, fühlbaren Wirklichkeit empfindet, bereitet Satan unter den bestürzten Augen Pater Pios alles aus, was er an angeblicher Untreue, Undankbarkeit und Verfehlung jeglicher Art, an Sünden in seiner Kindheit und Jugend begangen haben soll.

In seinen Briefen wird Pater Pio oft auf diesen Gegenstand zurückgreifen. Sein geistlicher Vater, Pater Agostino wird sogar eine eigenartige Kriegslist ersinnen, um dem Teufel entgegenzuwirken, der von Zeit zu Zeit die Briefe abhanden kommen lässt oder sie mit großen Tintenflecken verschmiert, die eigenartigerweise unter dem Weihwasser wieder verschwinden … Pater Agostino wird also auf französisch und sogar auf griechisch schreiben. Und Pater Pio wird ihm Antwort geben, nachdem er alles verstanden hat … Denn sein Schutzengel, wie er eingestehen wird, hat ihm alles erklärt!

Diese befremdlichen Behinderungen hätten mehr als nur einen nach Heiligkeit Strebenden entmutigt, das ist ganz offensichtlich. Pater Pio jedoch lässt sich auf seinem Weg zu Gott, im Erfüllen des göttlichen Willens, in der strengen Beobachtung der Regel des heiligen Franz und in der Treue zu seinen Ordensgelübten nicht beirren. Er straft Satan mit tiefster Verachtung, der es ihm dann manchmal bitter heimzahlt. Er vertraut sich immer der Hilfe Gottes, Unserer Lieben Frau, seinem kleinen Engel und dem heiligen Vater Franziskus an. Er stützt sich auch immer wieder auf die geistliche Führung des Paters Agostino, und allmählich, wie wir sehen werden, wird Pater Agostino selber dazu übergehen, seinen geistlichen Sohn um Rat zu bitten …

In seinen ersten Jahren unterwarf sich Pater Pio der ausschließlichen geistlichen Leitung Pater Agostinos. Nachträglich wird er dann ab 1912 die des Paters Benedetto da San Marco in Lamis hinzufügen. Es gab da einige Missverständnisse, die ohne Zweifel durch den Vater der Lüge hervorgerufen worden waren, doch alles klärte sich auf und die Leitung wurde gleichsam eine kollegiale.

Sicher war es nicht leicht eine auf den Wegen der Mystik so hoch erhobene Seele wie die des Paters Pio zu beraten und zu leiten. Aber Gott war ja da und gab den damit Beauftragten das notwendige Licht, um im Gehorsam den Weg, den gar oft Satan zu verwirren sich versteifte, aufzuhellen. Pater Pio befolgte diese Empfehlungen buchstäblich und gestaltete sein Leben nach den Ratschlägen, die diese Väter ihm erteilten. So wollte es übrigens Jesus. Die Stimme seiner Leiter war für Pater Pio die Stimme Gottes selber; er brauchte sich also diesbezüglich keine Sorgen zu machen.

Und man durfte erstaunliche Entwicklungen beobachten. Sowohl Pater Agostino, als auch Pater Benedetto nahmen den tiefen Einfluss wahr, den ihr Beichtkind auf sie ausübte.

Sie wurden ihrerseits zu seinen geistlichen Söhnen, nicht nur für sich persönlich, sondern auch für die Seelen, die sich an ihren eigenen priesterlichen Dienst wandten. Pater Pio zeigte sich jedoch ein wenig zurückhaltend vor dieser neuen Aufgabe.

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So also wurde diese erneute Rückkehr in seine Heimatgegend zum Anlass dieses beeindruckenden Briefwechsels mit Pater Agostino, und später ebenfalls mit Pater Benedetto. Dank diesem Briefwechsel konnten wir gewissermaßen einen tieferen Einblick in das Innere der Seele Pater Pios werfen. Man kann der Vorsehung dafür nur dankbar sein, denn ohne diese schwere Krankheit, hätten wir nie etwas von alldem erfahren. Infolgedessen wäre es für uns schwieriger gewesen, Pater Pio kennen zu lernen und ihn nachzuahmen.

Die Obern drangen nun von neuem darauf, dass Pater Pio das Gemeinschaftsleben wieder aufnehme. Aber was er nicht wusste: sein Ruf hatte sich weit über die Grenzen seiner engeren Heimat und über die Bereiche der Klöster, denen er zugeteilt gewesen war, ausgebreitet. Er wusste auch nicht, dass eine Dame aus dem Adel von Foggia, die er schon seit zwei Jahren, nämlich seit dem 24. März 1914, mit Genehmigung Pater Agostinos brieflich leitete, seine Gegenwart in Foggia anforderte, damit der junge Ordensmann ihr beistehe und sie berate in einer schweren gesundheitlichen Prüfung, die sie durchzustehen hatte. Es war dies Raffaelina Cerase. Diese an die Obern gerichtete Anfrage bot ihnen so die Gelegenheit, Pater Pio ins Kloster der heiligen Anna zu Foggia übersiedeln zu lassen.
Er verließ also sein Vaterhaus zu Pietrelcina am Morgen des 17. Februar 1916 und kam Ende Nachmittag in Foggia an. Am folgenden Tag besuchte er zum ersten Mal Raffaelina Cerase, die am 25. des folgenden Monats sterben sollte. So begann eine neue, sehr fruchtbare Etappe seines priesterlichen Dienstes.

Da wir an diesem Punkt angelangt sind, müssen wir zurückkehren, um Schritt für Schritt, aufgrund der Briefe, die er schreibt, den genauen Verlauf des Weges Pater Pios verfolgen zu können.

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Quelle: Pater Derobert – Pater Pio durchsichtig auf Gott hin – Geistliches Bildnis aus den Briefen Pater Pios gewonnen. Hovine Verlag, Belgien und Frankreich, 1990, 814 Seiten.

PATER PIO — Der Ordensmann

Sant´Elia a Pianisi

Frater Pio verließ drei Tage später am Montag, dem 25. Januar 1904 in Begleitung seines Freundes Giovanni, der jetzt den Namen Fra Anastasio trug, das Kloster von Morcone, um sich in das von Sant´Elia a Pianisi in der Provinz von Campobasso zu begeben. Dort sollten sie ihr Studium der Rhetorik beginnen und das Mittelschulstudium abschließen. Pater Provinzial Pio da Benevento begleitete sie. Es herrschte eine Hundekälte und es fiel ein wenig Schnee, als sie gegen Ende des Nachmittags an ihrem Bestimmungsort ankamen.

Auf dem Dorfplatz erwartete sie Bruder Fedele da Sant´Elia a Pianisi. Gar rasch führte er sie ins Kloster. Sie konnten sich ein wenig am Gemeinschaftsfeuer wärmen. Das ist ein Gemeinschaftsraum mit einem großen offenen Kamin, wo im Winter ein wackeres Holzfeuer knistert. Es befand sich dort ein ganz junger Kapuzineraspirant, etwa 15-jährig, der später Pater Raffaele da Sant´Elia a Pianisi werden soll. Zum ersten Mal wird er also Frater Pio begegnen und später wird er darüber schreiben: „Von dieser ersten Begegnung an rief Frater Pio in mir auf eine ganz eigene Art die Empfindung einer tiefen Bewunderung wegen seines vorbildlichen Betragens hervor … Jung wie ich war, kannte ich weiter nichts an Tugend, aber ich bemerkte an ihm etwas, das ihn von den übrigen Scholastikern unterschied.“ Und er fügte hinzu, wenn er Frater Pio auf den Gängen, im Chor, in der Kirche oder in der Sakristei begegnet sei, „war dieser immer abgetötet, gesammelt und still. Er wagte es nicht ein Wort zu reden ohne Notwendigkeit …“

Selbst dem Volk, das gewöhnlich die Klosterkirche besuchte, entging dieser junge Student nicht, der „sich von den übrigen durch seine Bescheidenheit, Abtötung, Demut und große Frömmigkeit unterschied.“

Das Klima war hier besser. Damit besserte sich auch der Gesundheitszustand Frater Pios. Der junge Bruder Raffaele erklärte noch dazu: „In Sant´Elia stellte sich Frater Pio wieder recht gut her und er sah sehr schön aus nach einigen Monaten des Aufenthalts im Kloster seiner neuen Niederlassung.

Selbst für meine Kinderaugen, fährt er fort, schien Frater Pio als einer ein wenig von den anderen Verschiedener: er war liebenswürdiger, er verstand es, uns Knaben einige Worte zu sagen; ganz unaufdringlich legte er uns einige Ratschläge nahe und wir hörten gern auf ihn. Für mich hob er sich irgendwie ab, auch wenn ich nichts Außerordentliches an ihm feststellte.“

Ein anderer 15-jähriger Aspirant, der spätere Pater Agatangelo, wird sagen: „Mit den anderen Studenten konnte man nicht reden, mit Frater Pio jedoch sehr wohl …“ – „Seien es nun die Bewerber, oder die Leute, die gewöhnlich unsere Kirche besuchten, alle hatten an ihm ein anderes Betragen festgestellt: er war immer zurückhaltend und in Gott versunken, obwohl er dabei nicht mit sich beschäftigt war“.

„Während der Zeit seines Studiums in Sant´Elia a Pianisi bezeugt Pater Leone da San Giovanni Rotondo, ein damaliger Mitstudent, hat der (Frater Pio) immer den Geist des Noviziats bewahrt. Oft wenn ich ihn auf seiner Zelle rufen ging, fand ich ihn vor seinem Bette kniend oder das Gesicht in den Händen über seine Bücher gebeugt …“ Denn das Studium war für Frater Pio die Grundlage und die Grundnahrung seiner Beschauung.

„Einmal war Frater Pio nicht zum mitternächtlichen Chorgebet erschienen, fährt Pater Leone fort. Ich bin hingegangen, um ihn zu benachrichtigen und ich fand ihn vor seinem Bette kniend mit einer Decke über den Schultern ins Gebet versunken. Ich kann mich nicht erinnern, dass er sich je über die einfache Nahrung beklagt hätte, selbst wenn die Lebensbedingungen des Klosters etwas mehr hätten erlauben können. Nie hat er beanstandet, was die Obern taten. Wenn die andern dies taten, dann wies er sie zurecht, oder er entfernte sich. Auch nie eine Klage wegen der wirklich beißenden Kälte, noch wegen des geringen Vorrats an Decken! …“

Für ihn war die Gabe der Tränen, wie wir schon wissen, alltäglich, so dass er infolge seines Weinens sehr an den Augen litt. Diesbezüglich erinnert sich Pater Antonio da San Giovanni, ein Professor des Klosters, dass Frater Pio in Sant´Elia a Pianisi „zur Zeit der Betrachtung und besonders nach der heiligen Kommunion eine so große Menge von Tränen vergoss, dass sich ein kleines Bächlein auf dem Steinpflaster bildete. Als man ihn nach dem Grunde fragte, wich der kleine Bruder immer aus und sagte nichts. Schließlich, da ich ja sein geistlicher Vater war, verpflichtete ich ihn zu reden. „Ich weine, sagte er, über meine Sünden und über die Sünden aller Menschen.“

Frater Pio war nämlich wirklich ein Jünger des kleinen Armen von Assisi, der auf den Bergen und in den Wäldern Umbriens weinte und vor den Menschen, die ihm begegneten, ausrief: „die gekreuzigte Liebe wird nicht geliebt!“

 

Ein eigenartiges Ereignis

Es war ebenfalls während seines Aufenthalts in Sant´Elia a Pianisi, dass Frater Pio jenen berüchtigten Angriff des Teufels erlebte, der jetzt sehr wohl bekannt ist. Es geschah im Laufe des Sommers 1905 in einer Nacht, als die Hitze besonders erstickend war. Die Türe und das Fenster bei Frater Pio standen weit offen, um ein wenig Luft hereinzulassen. Er war am Beten, obwohl es schon spät war. Nebenan war die Zelle von Frater Anastasio, so nahe bei der Seinen, dass man sich durch das Fenster mühelos die Hand reichen konnte. Damals war aber Frater Anastasio gerade abwesend, Piuccio jedoch wusste es nicht. Er hörte jedoch, wie unablässig hin und her geschritten wurde. Dieses Geräusch ging auf die Nerven. Frater Anastasio kann offenbar auch nicht schlafen, dachte Frater Pio und indem er sich leise dem Fenster seines Freundes näherte, rief er ihn leise: „Fra Anastasio!“ Aber der Laut blieb ihm in der Kehle stecken, denn er befand sich vor einem riesigen, schwarzen Hund, der mit drohender Gebärde seine Glutaugen auf ihn heftete. Er schien aus der Nachbarzelle zu kommen. Er floh bald mit einem fantastischen Sprung aufs Nachbardach und verschwand. Verstört wäre Frater Pio fast in eine Ohnmacht gefallen – für uns würde wahrscheinlich schon weniger genügen – und er legte sich aufs Bett. Aber wie groß war nicht sein Erstaunen, als er am nächsten Tag vernahm, dass die Nachbarzelle seit mehr als einem Monat nicht besetzt war, denn Anastasio war anderswohin versetzt worden … Aber wie groß war nicht auch das Entsetzen seiner Mitbrüder, als Frater Pio ganz unschuldig fragte, woher denn wohl der große schwarze Hund gekommen sein könnte!

 

San Marco la Catola

In der zweiten Hälfte des Monats Oktober 1905, nachdem er seine Mittelschulstudien abgeschlossen und seine Philosophieprüfungen bestanden hatte, zog Frater Pio immer zusammen mit Frater Anastasio nach San Marco la Catola. Wichtige Reparaturarbeiten am Chorgewölbe und an der Kirche von Sant´Elia a Pianisi waren notwendig geworden und man musste außerdem das Klosterdach vollständig erneuern.

Das Kloster San Marco la Catola ist eines der einsamen der Klosterprovinz Foggia. Es wurde abseits des kleinen Marktflecken, verborgen in einer wundervoll wilden Landschaft, inmitten verlassener Felder erbaut. Während in Morcone der Pflanzenwuchs sehr üppig war und man das Plätschern der Wildbäche und das Singen der Vögel hörte, gab es hingegen in San Marco nur das Klagelied des Windes … Und das war sehr angetan, um in Frater Pio die ersten Aufschwünge in die reinste Mystik hervorzurufen … Diese so freie Natur bot sich als vortreffliches Sprungbrett dazu an, sich zu Gott emporzuschwingen.

In San Marco la Catola, Provinz Foggia, begegnete Piuccio zum ersten Mal dem Pater Benedetto da San Marco in Lamis, der bis 1922 sein geistlicher Vater werden sollte. Er beendete in diesem Kloster sein Schuljahr und im April 1906 kam er nach Sant´Elia a Pianisi zurück, um dort sein Philosophiestudium fortzusetzen.

Dort feierte er am Sonntag, dem 27. Januar 1907, seine feierliche Ordensprofess. Er legte die ewigen Gelübde in die Hände des Paters Raffaele da San Giovanni Rotondo, des dortigen Klosterobern ab. Im Professformular wird er mit eigener Hand in voller Freiheit erklären, „dass er sich von nun an für immer durch die Ordensgelübde der Kapuziner unter der Regel des seraphischen Vaters, des heiligen Franz von Assisi, gebunden weiß und das mit dem einzigen und alleinigen Zweck, das Heil seiner Seele zu erstreben und sich ganz dem Dienst für Gott zu weihen.“ Indem er das Dokument mit seinem Namen unterzeichnete, setzte Frater Pio seine Unterschrift unter seinen Geburtsschein als Franziskaner. Er war damals neunzehn Jahre und acht Monate alt.

Eine Photographie aus dieser Zeit zeigt uns einen Frater Pio mit einem länglichen, schmalen, abgezehrten, von einem entstehenden Bart umrahmten Gesicht. Die Augen sind dunkel und unergründlich, fast etwas verängstigt. Es war die Zeit der Vorbereitung und der inneren Leiden, der Kämpfe und der aufreibenden, seelischen Prüfungen … Damals hatte er noch nicht das ruhige und heitere Gesicht des reifen Pater Pio, der sich von nun an seiner außerordentlichen, ihm von Gott anvertrauten Sendung voll bewusst sein wird.

 

Serracapriola

Sein Theologiestudium setzte er in Serracapriola bei Pater Agostino da San Marco in Lamis, seinem ersten Beichtvater fort, sowie im Kloster von Montefusco. Bald wird er von einer geheimnisvollen Krankheit befallen sein, die ihm sehr heftige Schmerzen verursachte. Er war zugleich vom Fieber und von der Liebe zu Gott verzehrt … Übermäßige Schweißausbrüche, ein herzzerreißender Husten verbanden sich mit geistlichen Qualen: er wurde von Gewissensängsten überfallen.

„Dieses Martyrium, schreibt Pater Pio selber in einem Brief vom 17. Oktober 1915, war recht schmerzhaft für meine arme Seele, sowohl durch die Heftigkeit, wie durch die Dauer. Das hat angefangen, wenn ich mich genau erinnere, im Alter von 18 Jahren und dauerte bis zum vollendeten 21. Lebensjahr. Während der ersten zwei Jahre jedoch wurde es fast unerträglich. Als meine Seele das durchlitt, befand ich mich in Sant Elia, dann in San Marco und auch anderswo …“

 Das waren ganz deutlich Anfechtungen des Teufels, der gegen Frater Pio losgelassen war. Der Feind war fest entschlossen, den jungen Ordensmann zu entmutigen, ihn, der sich mit so viel Großmut ganz Gott geweiht hatte. Auf diese Weise begann Piuccio alle Stufen des mystischen Lebens, eine nach der anderen, zu ersteigen. Aber es begann mit der furchtbaren Nacht der Sinne, wie sie der heilige Johannes vom Kreuz so treffend beschrieben hat.

Und diese Prüfung dauerte Jahre hindurch!

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Während seines zweiten Theologiejahres empfing Frater Pio die niederen Weihen. Es war am 19. Dezember 1908. Er wurde damals, wie es vor der liturgischen Reform des Zweiten Vatikanischen Konzils üblich war, Pförtner, Vorleser, Exorzist und Akolyth. Zwei Tage später wurde er in der Kathedrale von Benevent zum Subdiakon geweiht. Aber seine Abtötung, seine Fasten und seine langen Gebete waren stärker als seine Gesundheit und er musste den Fortgang seiner Studien unterbrechen. Die Ärzte und seine Obern hofften, eine Luftveränderung würde ihm heilsam sein. So beschlossen sie, ihn für einige Zeit nach Pietrelcina zurückzuschicken. Abgesehen von einigen Unterbrechungen, wird er dort bis zum 17. Februar 1916 bleiben, somit während einer langen Periode von sieben Jahren. Das war für den jungen Kapuziner eine Zeit intensiven geistlichen Lebens, andauernder Bußübungen und Gelegenheit für ein sehr rasches Fortschreiten auf den Pfaden der Heiligkeit.

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Quelle: Pater Derobert – Pater Pio durchsichtig auf Gott hin – Geistliches Bildnis aus den Briefen Pater Pios gewonnen. Hovine Verlag, Belgien und Frankreich, 1990, 814 Seiten.

PATER PIO — Der Ordensmann

Noviziat in Morcone

Am 6. Januar 1903 trat er ins Noviziat der Kapuziner im Kloster zu Morcone ein. Es war am Fest der Erscheinung des Herrn. Bei der Rückkehr von der Frühmesse fand Francesco das Elternhaus voll von Leuten wie bei einem Trauerfall, wie er sagen wird; und Pater Pio fügt hinzu: „Als die Mutter mich begrüßte, fasste sie mich an den Händen und sagte zu mir: „Mein Sohn, Du zermalmst mir das Herz! … Doch in diesem Augenblick sollst Du nicht an den Schmerz Deiner Mutter denken; der heilige Franz hat Dich gerufen und Du gehst fort!“

Die arme Mamma Peppa konnte kein Wort mehr hinzufügen, sie verlor die Besinnung. Als sie wieder zu sich gekommen war, wiederholte sie: „Mein Sohn, in diesem Augenblick sollst Du nicht an den Schmerz Deiner Mutter denken; fortziehen musst Du, so gehe!“ Sie gab ihm ihren Segen, drückte ihm einen Rosenkranz in die Hand, den Pater Pio immer aufbewahrt hat, und Francesco trat über die Schwelle seines Elternhauses hinweg. Er selber wird erzählen, wie sein eigener Abschiedsschmerz war, er fühlte sich bis in seine Knochen hinein zermalmt.

In der letzten Nacht, die er im Elternhaus verbracht hatte, kam der Herr mit seiner heiligen Mutter ihn besuchen. Mit ihrer ganzen Herrlichkeit ermutigten sie ihn und verhießen ihm ihre besondere Liebe der Erwählung. Jesus legte ihm zum Schluss die Hand aufs Haupt und diese Geste stärkte den oberen Teil seiner Seele und ermöglichte es ihm im Augenblick des Abschieds keine einzige Träne zu vergießen, obwohl dieses sich Losreißen für ihn ein echtes Martyrium der Seele und des Leibes war.

Er bestieg den Zug in Pietrelcina in Begleitung seines Lehrers Càvacco und zweier Schulkameraden, die wie er ums Ordensleben sich bewarben, nämlich des Vincenzo Masone und des Antonio Bonavita. Als sie nach einer guten Stunde Eisenbahnfahrt in Morcone ankamen, läuteten sie an der Klosterpforte. Der Bruder Pförtner war kein anderer als der gütige Camillo da Sant´Elia a Pianisi, der Bettler mit dem großen schwarzen Bart! Er umarmte Francesco und rief aus: „Ei, der Franzl, ausgezeichnet, bravo! Du bist Deinem Versprechen treu geblieben und dem Ruf des heiligen Franz!“

Nach der Aufnahmeprüfung schließt sich die Klosterpforte wieder hinter Francesco. Das Blatt ist gewendet, aber mit welchem Schmerz! … Später wird Pater Pio sagen „Ich ging nach Morcone, wo mich diese Lebensweise erwartete. Man muss wahrhaftig berufen sein, um sie zu überstehen. Um die Wahrheit zu sagen, nie habe ich eine Versuchung gegen meine Berufung gehabt, aber manchmal, wenn der Teufel sich zeigte, kam mir jener Abschied von der Mutter in den Sinn und ich fasste wieder Mut …“.

Das musste nun mal so sein! … Am Eingang des Klosters zum Morcone drängt eine große Inschrift zur Entscheidung: „Entweder die Buße, oder die Hölle“ … Von einer Wand des Ganges hebt eine wichtige Weisung sich ab: „Stillschweigen“. Man wird ihm die Zelle Nummer 28 zuweisen. Über dem Eingang noch ein Wahlspruch: „Ihr seid gestorben, und Euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott“. Damit wäre also der Reiseweg klar gewiesen. Francesco muss sich selbst sterben, sich zermahlen lassen wie das Korn, im Stillschweigen und in der Beschauung verharren, um dem Herrn zu begegnen.

Francescos Zelle – wie übrigens alle anderen auch – war sehr klein. Im Sommer drang keine Kühle ein, im Winter biss die Kälte an den bloßen Füßen. Ein Strohsack mit Maisblättern lag auf vier Brettern, die von zwei Querbalken als Fußgestell unterstützt wurden. Ein kleines Tischchen, auf dem ein paar Andachtsbücher lagen. Ein Stuhl, ein großes Holzkreuz, das auf dem Bett lag und das man während den allzu kurzen Stunden der Nachtruhe in den Händen hielt. Das war die ganze Ausstattung. Fast möchte man von einer Gefängniszelle sprechen, aber es war genau das Gegenteil; denn wenn man im Gefängnis seiner Freiheit beraubt ist, so fand Francesco in seiner Klosterzelle Christus.

Er musste zwei Wochen zuwarten, um sich wirklich davon Rechenschaft zu geben, was für ein Leben das sein wird, dem er sich widmen wollte: vierzehn Tage Exerzitien unter vollständigem Schweigen, doch reich befrachtet mit Gesprächen innigster Freundschaft mit dem Herrn. Viel Gebet sogar nachts, viel Arbeit …

Francesco hatte neben sich im Postulat einen Gefährten. Er hieß Giovanni Di Carlo und wurde später Pater Anastasio. Dieser berichtet: „… Eines Tages, als sie allein im Chor waren, in der Kirche war niemand, weil sie geschlossen war, sahen sie, dass in den Fächern der Patres und der Laienbrüder Bußgeißeln lagen, einige sogar mit Metallstückchen besetzt. Da sagte Di Carlo (Anastasio), der Neugierigere der beiden, zu seinem eher zurückhaltenden Gefährten: „Franzl, damit schlägt sich der einzelne abends, wenn sie uns den Chor verlassen heißen und mit lauter Stimme beten, wir wollen es auch versuchen!“ Francesco ließ sich das nicht zweimal sagen und beide, nachdem sie ihre Jacke niedergelegt hatten, begannen sich auf die Schultern zu schlagen und sie taten es von Herzen, besonders Francesco. Als sich dann der Schmerz bemerkbar machte, sagte Di Carlo: „Franz, das genügt jetzt!“ Sie hörten also auf, legten die Geißeln wieder an ihren Platz und nahmen wieder ohne weiteren Kommentar ihre Arbeit auf.“

Es war also Giovanni Di Carlo, der zukünftige Pater Anastasio, der dies erzählt hat. Er gab zu, dass er weniger zur Buße neigte als Francesco, der „sich jedes Mal, wenn er etwas erdulden musste, darüber freute, denn er hatte immer vor den Augen seines Herzens das Bild Jesu, des Gekreuzigten“.

Aber ohne Fragen war dieses harte Leben Giovanni zuwider die freiwillige Geisselung vom Vortag, die Strenge des Kapuzinerlebens, barfuß gehen zu müssen bei der Winterkälte – man befand sich mitten im Monat Januar – das nächtliche Aufstehen zum Chorgebet, immer Jahr sagen zu müssen, wenn man so gern nein gesagt hätte, und vor allem das dauernde Schweigen, das für einen hitzigen Neapolitaner so mühsam ist …, wenig fehlte, und Giovanni hätte aufgegeben!

„Franz, sagte er zu seinem Gefährten, das ist ein zu hartes Leben, das ist nicht für uns gemacht. Hier tut man nur Buße, Tag und Nacht. Können wir nicht weggehen? Ich, ich habe mich entschlossen morgen schon vorzugehen; und du auch? …“ Francesco war überrascht, es fehlte wenig, dass er dachte Giovanni sei sozusagen vom Teufel besessen! Er erwiderte ihm sogleich: „Giuvanniell´, was sagst du da? Wieso denn, wir haben so viel getan, um hierher zu kommen und jetzt sollten wir weggehen? Was werden unsere Eltern und Verwandten dazu sagen und all jene, die uns zu diesem Haus hingeleitet haben? Ach Schluss damit! Allmählich mithilfe der Madonna und des heiligen Franz werden auch wir uns daran gewöhnen, wie die anderen sich daran gewöhnt haben. Meinst Du vielleicht, dass alle, die in diesem Kloster sind, und noch alle anderen dazu, nicht wie wir waren? Niemals ist einer als ein fertiger Mönch auf die Welt gekommen …“

Die Erwiderung war gut und für den künftigen Pater Anastasio war dieses Argument bestimmend. Entschlossen wird er der Welt den Rücken kehren …

Am Ende dieser Einkleidungsexerzitien empfingen sie das Kleid des heiligen Franz. Francesco bekam den Namen Pio. Von nun an – und für immer – wird er der Bruder Pio da Pietrelcino sein.

Einer der Biographen Pater Pios erzählt, die Liebe, die er zum Gebet hegte, sei es persönlich oder gemeinschaftlich, war wirklich bewundernswert:

„Nach dem Vorlesen des Betrachtungspunktes, der immer auf das Leiden unseres Herrn Jesus Christus abzielte, blieb er während der dafür vorgesehenen Zeit knien und auch noch danach, wenn dies ihm möglich war. Er vergoss reichlich Tränen, indem er Stoßgebete verrichtete, er fuhr damit fort auf den Gängen, den Gartenwegen und überall anderswo.

Um seine Gebete noch zu verlängern, bat er häufig um die Erlaubnis von der Erholung, vom Spaziergang, und manchmal vom Abendessen befreit zu werden, um im Chor oder in der Zelle bleiben zu dürfen.“

Er war der Erste, wo es geboten war, Akte der Anbetung und der Verehrung durch Kniebeugen vor dem Allerheiligsten, vor dem Bild der lieben Muttergottes und der Heiligen zu vollziehen und der Erste, um seine Mitbrüder durch Gesten und Zeichen der Ehrerbietung dazu anzueifern, diese unerlässlichen Pflichten treu zu erfüllen.

Seine Betrachtung war immer auf die Leiden des Gekreuzigten ausgerichtet. Während der Betrachtung im Chor vergoss er dicke Tränen, so dass ein großer Fleck auf dem Steinboden zurückblieb …“

Man begreift, dass gewisse Mitbrüder sich über ihn lustig machten. Um ihnen so ihre Spöttereien zu ersparen, pflegte er von da an gewöhnlich sein Taschentuch auf dem Boden auszubreiten, um die Tränen aufzufangen. Wenn dann der Obere das Zeichen zum Verlassen des Chores gab, packte er sein Taschentuch zusammen und so war auf dem Steinboden nichts mehr zu finden!

Schon daheim konnte er so weinen. Seine Mutter kannte zwar sehr wohl die Frömmigkeit ihres Sohnes, aber sie wusste nicht, dass es sich hier um die berühmte Gabe der Tränen handelte und sie dachte nicht ohne innere Beängstigung, er sei krank.

Was die Ernährung im Novizitat betrifft so war sie gewiss einfach, aber hinreichend für jugendliche Bedürfnisse. Für Francesco jedoch war der Speisesaal eine Buße. Es gelang ihm sogar heimlich seinen vollen Teller mit dem schon leeren seines Nachbarn zu vertauschen!

Damals noch stellte das Noviziat fürwahr eine harte Probe dar. In mancher Hinsicht hätte man meinen können, man sei ins Mittelalter zurückversetzt, aber wer diese Prüfung überstand, ging daraus mit einem gediegenen Charakter, einer widerstandsfähigen Spiritualität und einem heldenhaften Mut hervor.

*

Pater Pio wird es später eingestehen, dass er von seinem Noviziat keine gute Erinnerung bewahrt hatte … Jahre danach erzählte er in einem engeren Kreis von Vertrauten, die sich in seiner Zelle von San Giovanni Rotondo um ihn versammelt hatten, einige Brocken aus seinem vergangenen Leben, was jeder sich bemühte, schriftlich festzuhalten.

 

„Nach dem Noviziat, sagte er, musste ich alles von neuem anfangen. Ich hatte alles, ja alles vergessen. Und es konnte nicht anders sein, wenn man die Erziehungsmethode bedenkt, die zu dieser Zeit herrschte; es gab kein Buch, weder ein religiöses, noch ein weltliches. Den Novizen erlaubte man nur – und das war zwingende Norm – 15 Seiten zu lesen, und wenn man damit fertig war, fing man wieder von vorn an. Stellt Euch vor, was das ein ganzes Jahr lang bedeutet!

Sobald wir unser Frühstück, fuhr Pater Pio fort, das in drei oder vier kleinen Stücken gebackenen Brotes bestand, beendet hatten, ging man zum Obern hin, um ihm für das Frühstück zu danken, das die Vorsehung uns geschenkt hatte und man blieb so lange auf den Knien, bis er sagte, wir sollten auf unsere Zelle zurückkehren, wo man nur seine 15 Seiten zum Lesen und Nochmallesen fand! …“

Und er fügte hinzu: „Wenn wir unsere Kleider anzogen, wie viele haben wir dabei nicht beschädigt! Alles war gemeinsam. Wenn der Magister uns die Hemden gab, um sie anzuprobieren, ging es zu wie bei der Armee: lange oder kurze, enge oder weite. Und oft wurden die zu engen zerrissen und man legte sie einfach wieder an ihren Platz zurück!“

Es gab da im Noviziat auch die Bußübung des Augenniederschlagens … Man sollte niemals die Augen erheben ohne die ausdrückliche Erlaubnis des Oberen, um so die innere Sammlung zu bewahren und den Willen in Zucht zu halten … Man behauptet sogar, dass Pater Pio es nie gewagt habe, das Gewölbe der Kirche von Morcone anzuschauen. Die Straßen und Gässchen des Dorfes, die hat er nie gesehen!

„Wie groß war nicht der Schrecken meiner Mutter, fuhr Pater Pio vertraulich fort, als sie mich mit meinem Bruder und meinem Vater besuchen kam und als ich mit dem Pater Magister hinunterstieg, um sie zu begrüßen. Es war verboten, ohne die Erlaubnis des Magisters zu reden und die Augen zu erheben. Die Meinen waren tief beeindruckt und ihre Besorgnis wurde noch größer, als sie sahen, dass ich nicht zu ihnen redete und sie nicht anschaute … Ich hatte ja noch nicht die Erlaubnis dazu bekommen. Sie meinten, ich sei verblödet, während ich mich an ihren Hals hätte werfen mögen, um sie zu umarmen!“

Ja, dieses Leben der Buße und der Abtötung wird Pater Piero begierig auf sich nehmen. Er wusste, dass man die Leiden nicht um ihrer selbst willen lieben sollte, sondern weil sie ein Mittel zur Sühne für die Sünden sind und um sich mit dem Herrn in seinem Leiden zu vereinigen. Außerdem findet der Geist dabei Befreiung von der Knechtschaft des Leibes und so kann er sich froh auf die Wege der Beschauung emporschwingen.

Mit all seinen Kräften will der junge Ordensmann sich bis ins Leiden hinein Jesus angleichen und so wird er teilhaben an seiner Erlösersendung.

Aber man bedenke wohl! Frater Pio war erst fünfzehn Jahre alt! Und Gott hatte ihn wirklich vor den Augen aller verborgen …

Bereit für die große Sendung, die der Herr ihn hatte erahnen lassen, beendete er sein Noviziatsjahr am 22. Januar 1904, indem er seine zeitlichen Gelübde für drei Jahre ablegte.

Die ganze Nacht davor hatte erwachend und betend verbracht. Am Tage selber kamen zu sehr früher Stunde Mamma Peppa, sein Bruder Michael und Onkel Angelantonio im Kloster an. Um 11 Uhr 45 weite er sich Gott, indem er in die Hände des Vaters Francesco-Maria da Sant´Elia a Pianisi gelobte, im Gehorsam, Armut und Keuschheit zu leben. Mamma Peppa umarmte ganz gerührt den neu dem Herrn Geweihten: „Mein Sohn, sagte sie zu ihm, ja jetzt bist Du ganz ein Sohn des heiligen Franz. Möge er Dich segnen!“

Mamma Peppa, eine heilige Mutter!

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Quelle: Pater Derobert – Pater Pio durchsichtig auf Gott hin – Geistliches Bildnis aus den Briefen Pater Pios gewonnen. Hovine Verlag, Belgien und Frankreich, 1990, 814 Seiten.

Wie gottgeweihtes Leben in der Großstadt funktioniert

Mehrmals am Tag treffen sich die Mitglieder von Säkularsinstituten zum Gebet

Vergangene Woche hat Papst Franziskus die Rolle der geweihten Witwen in der Kirche gewürdigt. Franziskus selber gehört dem Jesuitenorden an. Neben den bekannten, klassischen Ordensgemeinschaften gibt es sogenannte Säkularinstitute. Im Unterschied zu den Ordensgemeinschaften leben deren Mitglieder überwiegend in der Welt, nicht im Kloster.

Julia Rosner – Vatikanstadt

„Leidenschaft für Gott – Dienst für die Menschen“, diese Formel fast das Charisma des Säkularinstitus „St. Bonifatius“ zusammen. Es handelt sich um eine benediktinsche Frauengemeinschaft, die sich um Missionierung kümmert. Gegründet wurde die Gemeinschaft in Deutschland. Deren Mitglieder leben in kleinen Kommunitäten auf der ganze Welt verteilt zusammen – beispielsweise in Ruanda, Guatemala, Norwegen, Italien und natürlich auch in Deutschland.

Christiane Koch ist seit vielen Jahren Teil der Gemeinschaft. Sie ist eines von weltweit rund 170 Mitgliedern. Gemeinsam mit zwei anderen Frauen lebt sie in Rom. Sie und alle anderen Mitglieder des Instituts haben ihr Leben Gott geweiht.

Intimes Leben mit Gott

„Gottgeweihtes Leben bedeutet für mich, ein ,intimes‘ Leben mit Gott zu führen“, sagt Christiane Koch. „Im Italienischen sprechen wir von der ,Intimita nella relazione con dio‘ – damit ist die ganze persönliche Gottesbeziehung gemeint. Diese leben wir ganz bewusst jeden Tag.“ Dabei verzichten die Frauen auf jegliche äußere Zeichen wie eine spezielle Kleidung. Wie Jesus wollen sie nicht von der Welt sein, aber mitten in ihr leben. Ziel sei, so Koch, die Welt von innen heraus zu verändern.

Als junge Frau habe sie gespürt, dass sie von Gott in ein geweihtes Leben gerufen werde. Das erzählt sie heute immer wieder gern und hat dabei ein Lächeln auf dem Gesicht. Ursprünglich stammt sie aus der Diözese Paderborn, wo es – wie sie sagt – viele Ordensgemeinschaften gibt. Viele von ihnen habe sie kennengelernt. Als sie jedoch mit dem Säkularinstitut „St. Bonifatius” in Verbindung gekommen sei, habe sie gespürt: Genau das ist es.

Ora et labora

Wie die anderen Mitglieder ihrer Gemeinschaft lebt sie nach den drei Evangelischen Räten: Keuchheit/Jungfräulichkeit, Armut und Gehorsam. Als missionsbenediktinisches Institut berufen sich die Frauen auch auf die Regel des Heiligen Benedikts – „Ora et labora“. Doch diese Regel wurde an das Leben in der Welt angepasst. Das heißt, alle Mitglieder der Gemeinschaft gehen weltlichen Berufen nach. Die meisten sind im sozialen Bereich tätig. Viele helfen auch in den Pfarreien vor Ort aus.

In Rom betreiben die Frauen ein Wohnheim für Studentinnen, Praktikantinnen und Pilgerinnen – genannt „Das Foyer“. Die Räumlichkeiten sind Teil der deutschen katholischen Gemeinde „Santa Maria dell‘ Anima“. Die vom Heiligen Benedikt empfohlenen Gebetszeiten, die die Frauen jeden Tag neben ihrer Arbeit verrichten, lassen sich gut mit ihrer Tätigkeit dort vereinen.

Internationale Gemeinschaft

Zehn vor sieben beginnen die Frauen jeden Morgen mit einer Mediation, erklärt Koch. In dieser Zeit nehmen sie eine persönliche Betrachtung vor. Das geschehe ganz bewusst aus der Ruhe der Nacht heraus. Koch erklärt: „Wir wollen uns damit dem Herrn öffnen“. Anschließend folgen die Laudes, das Morgengebt der Kirche und die Heilige Messe. Dafür gehen die Frauen meist in eine Kirche, die in der Nähe liegt. Danach ist Zeit zum Arbeiten.

Zum Mittagessen treffen sich wieder. Zusammenleben in der Gemeinschaft wird in dem missionsbenediktischen Institut groß geschrieben. Deshalb speisen alle immer gemeinsam. Nach der zweiten Arbeitszeit am Nachmittag wird am Abend die Vesper gebetet, das Abendgebet der Kirche. Nach dem Abendessen folgt dann noch das Nachtgebet, die Komplet.

Christiane Koch schätzt besonders an ihrer Gemeinschaft, dass sie sehr international aufgestellt ist. Sie selbst hat mehrere Jahre in Spanien und Tschechien gelebt. „Auf der einen Seite erleben wir bei uns in der Gemeinschaft immer, wie Gott uns eint und auch über die verschiedenen Länder hinaus verbindet. Wir alle leben eine Berufung. Auf der anderen Seite gestaltete sich das Leben in den verschiedenen Ländern ganz anders“, sagt sie.

Wie viele andere Orden oder Gemeinschaften in Europa leidet jedoch auch das Säkularinstitut St. Bonifatius unter einer abnehmenden Zahl an Neueintritten. Immer wenige junge Frauen können sich sein eheloses Leben in Gemeinschaft vorstellen. Ein weiterer Grund ist auch, das die Religiosität zumindest in Europa und insbesondere auch in Deutschland zurückgeht.

Anderen helfen, die eigene Berufung zu erkennen

Dennoch ist Christiane Koch zuversichtlich, was die Zukunft der Gemeinschaft betrifft. Gemeinsam mit den anderen Mitgliedern möchte sie ein Zeugnis für Gott in der Welt ablegen. „Das Leben aus der Taufgnade ist zentral. Gott hat jeden von uns geschaffen und mit uns jedem von uns eine Aufgabe in die Welt gesandt“, sagt sie. „Säkularinstitute entsprechen in ihrer Lebensweise – eben in der Welt – dem Puls der Zeit.“ Deshalben seien die Frauen zuversichtlich. Dennoch wissen auch sie: nur Gott chenkt Berufungen. Sie selbst können das nicht beeinflussen. Das Gebet um Berufungen sei deshalb heute so wichtig wie nie. In der Welt wollen die Frauen jedoch durch ihr Leben anderen Menschen helfen, ihre persönliche Berufung zu erkennen.

Dennoch ist Christiane Koch zuversichtlich, was die Zukunft der Gemeinschaft betrifft. Gemeinsam mit den anderen Mitgliedern möchte sie ein Zeugnis für Gott in der Welt ablegen. „Das Leben aus der Taufgnade ist zentral. Gott hat jeden von uns geschaffen und mit uns jedem von uns eine Aufgabe in die Welt gesandt“, sagt sie. „Säkularinstitute entsprechen in ihrer Lebensweise – eben in der Welt – dem Puls der Zeit.“ Deshalben seien die Frauen zuversichtlich. Dennoch wissen auch sie: nur Gott chenkt Berufungen. Sie selbst können das nicht beeinflussen. Das Gebet um Berufungen sei deshalb heute so wichtig wie nie. In der Welt wollen die Frauen jedoch durch ihr Leben anderen Menschen helfen, ihre persönliche Berufung zu erkennen.

(vatican news)

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Papst Franziskus: Propheten der Freude und österlichen Hoffnung sein

32. Generalkapitel der Resurrektionisten
– Audienz am 24. Juni 2017

„Sich gut der Vergangenheit erinnern, in der Gegenwart mit Leidenschaft leben und die Zukunft mit Hoffnung umarmen“, riet Papst Franziskus den Teilnehmern des 32. Generalkapitels der Resurrektionisten, die vom 11. bis 25. Juni 2017 zum Thema „Zeugen der Gegenwart des auferstandenden Herrn, von der Gemeinschaft in die Welt“ in Rom tagten und am 24. Juni in Audienz empfangen wurden.

Seine Ansprache konzentrierte der Papst auf drei Aspekte: Zeugen der Gegenwart des auferstandenden Herrn sein, von der Gemeinschaft in der Welt Zeugnis ablegen und Propheten der Freude und österlichen Hoffnung sein.

Zeugen der Gegenwart des auferstandenden Herrn zu sein, bedeute Missionar und Apostel des Lebenden zu sein. Daher riet Papst Franziskus den Audienzteilnehmern, Maria Magdalena, die Apostolin der Apostel als Ikone auszuwählen. Sie habe Jesus tot gesucht und lebend gefunden. Der Papst mahnte die Audienzteilnehmer, Hoffnung zu verkünden. Wie Maria Magdalena sollten auch sie hinausziehen zu den menschlichen Peripherien.

Von der Gemeinschaft bis in die Welt sollten sie sich aufmachen, vor allem längs der Straßen, die von Enttäuschung und Verlassensein gezeichnet seien, um Zeugnis vom Auferstandenen abzulegen. Das geschehe auch beim brüderlichen Leben in der Gemeinschaft; der andere sei ein Geschenk und sei mit Respekt anzunehmen. Die Gemeinschaft solle der Missionsarbeit offen sein und das brüderliche Leben bezeugen.

Als Propheten der Freude und österlichen Hoffnung würden ihnen Horizonte der Freude und Hoffnung geöffnet und ihnen geholfen, Momente der Trauer zu überstehen. Abschließend erteilte Papst Franziskus den Audienzteilnehmern seinen Segen und bat um Gebete.

Die Resurrektionisten sind weltweit in fünfzehn Ländern auf vier Kontinenten vertreten. Die Gemeinschaft wurde 1836 von dem aus Polen nach Frankreich emigrierten Bogdan Jański (1807-1840) gegründet.

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Quelle

DAS GEWEIHTE LEBEN IN DER NÄHE DER MENSCHEN

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Audienz für die Teilnehmer an einem
Kongress zum Abschluss des Jahres des geweihten Lebens

Ansprache von Papst Franziskus am 1. Februar

Papst Franziskus legte das vorbereitete Redemanuskript zur Seite und sprach mit den Ordensleuten frei.

Er sagte:

Liebe Schwestern und Brüder!

Ich habe für diesen Anlass eine Ansprache über Themen des geweihten Lebens und über dessen drei tragende Säulen vorbereitet. Es gibt noch andere, aber es gibt drei wichtige Säulen des geweihten Lebens. Die erste ist: Prophetie, die zweite: Nähe und die dritte: Hoffnung. Prophetie, Nähe, Hoffnung. Ich habe den Text dem Kardinalpräfekten gegeben, denn ihn vorzulesen ist ein wenig langweilig und ich möchte lieber zu euch über das sprechen, was mir aus dem Herzen kommt. Einverstanden?

Ordensmänner und Ordensfrauen, das heißt dem Dienst am Herrn geweihte Männer und Frauen, die in der Kirche diesen Weg einer klaren Armut, einer keuschen Liebe gehen, die sie zu einer geistlichen Vaterschaft und Mutterschaft für die ganze Kirche führt, den Weg eines Gehorsams… Aber in diesem Gehorsam fehlt uns immer etwas, weil der vollkommene Gehorsam der Gehorsam des Sohnes Gottes ist, der sich selbst verleugnet hat, der aus Gehorsam Mensch geworden ist, bis zum Tod am Kreuz. Aber es gibt Männer und Frauen unter euch, die einen tiefen Gehorsam leben, einen Gehorsam… – nicht militärisch, das nicht, nein. Das ist Disziplin und etwas anderes – ein Gehorsam der Hingabe des Herzens. Und das ist Prophetie.

»Aber hast du nicht Lust, etwas zu tun, etwas anderes?« – »Ja, aber den Regeln zufolge muss ich dies tun und dies und das. Und den Anordnungen entsprechend das und das und das. Und wenn ich etwas nicht klar erkenne, dann spreche ich mit dem Oberen, mit der Oberin, und nach dem Gespräch gehorche ich.« Das ist die Prophetie gegen den Samen der Anarchie, den der Teufel sät. »Was tust du?« – »Ich tue, was mir gefällt.« Die Anarchie des Willens ist Tochter des Teufels, nicht Tochter Gottes. Der Sohn Gottes war nicht anarchisch, er hat die Seinen nicht berufen, um eine Widerstandskraft gegen seine Feinde zu bilden. Er selbst hat zu Pilatus gesagt: »Wenn ich ein König dieser Welt wäre, dann hätte ich meine Soldaten gerufen, um mich zu verteidigen.« Aber er war dem Vater gehorsam. Er hat nur gefragt: »Vater, bitte, nein, nicht diesen Kelch… Aber dein Wille geschehe.« Wenn ihr aus Gehorsam etwas akzeptiert, das uns vielleicht oft nicht gefällt … [Der Papst macht die Geste des Schluckens.] …, dann muss man jenen Gehorsam schlucken, und man tut es. Die Prophetie also. Prophetie heißt, den Menschen zu sagen, dass es einen Weg des Glücks, der Größe gibt, einen Weg, der dich mit Freude erfüllt, der genau der Weg Jesu ist. Es ist der Weg, Jesus nahe zu sein. Die Prophetie ist eine Gabe, ein Charisma und man muss den Heiligen Geist darum bitten: dass ich im richtigen Augenblick jenes Wort zu sagen weiß; dass ich etwas im richtigen Augenblick tue; dass mein ganzes Leben eine Prophetie sein möge. Männer und Frauen, die Propheten sind. Das ist sehr wichtig. »Ach, machen wir es wie alle…« Nein. Die Prophetie bedeutet, zu sagen, dass es etwas Wahreres, etwas Schöneres, etwas Größeres, etwas Besseres gibt, zu dem wir alle berufen sind.

Das zweite Wort ist Nähe. Geweihte Männer und Frauen, aber nicht um sich von den Menschen abzusondern und alle erdenkliche Bequemlichkeit zu haben. Nein. Um mich ihnen zu nähern und das Leben der Christen und Nicht-Christen zu verstehen, die Leiden, Probleme, viele Dinge, die man nur versteht, wenn ein gottgeweihter Mann oder eine gottgeweihte Frau Nächste werden: im Nahesein. »Aber, Pater, ich bin eine Klausurschwester, was soll ich tun?« Denkt an die heilige Therese vom Kinde Jesu, Patronin der Missionen, die mit ihrem brennenden Herzen nahe war. Die Briefe, die sie von den Missionaren erhielt, ließen sie den Menschen näher sein. Nähe.

Geweiht zu werden heißt nicht, ein, zwei, drei Stufen in der Gesellschaft aufzusteigen. Es ist wahr, dass wir Eltern oft sagen hören: »Wissen Sie, Pater, ich habe eine Tochter, die Ordensschwester ist; ich habe einen Sohn, der Ordensmann ist!« Sie sagen das mit Stolz. Und das ist wahr! Es ist eine Freude für die Eltern, gottgeweihte Kinder zu haben, das ist wahr. Aber für die Geweihten ist es kein Status im Leben, der mich die anderen so anblicken lässt [mit Distanz]. Das geweihte Leben muss mich zur Nähe zu den Menschen führen: physische, geistliche Nähe, die Menschen kennen. »Ja, Pater, in meiner Gemeinschaft hat uns die Oberin die Erlaubnis gegeben hinauszugehen, in die Armenviertel zu den Menschen zu gehen…« – »Und gibt es in deiner Gemeinschaft alte Schwestern?« – »Ja, ja… Es gibt im dritten Stock die Krankenabteilung.« – »Und wie oft am Tag besuchst du deine Mitschwestern, die alten Schwestern, die deine Mutter oder Großmutter sein könnten?« – »Ach, wissen Sie, Pater, ich bin mit meiner Arbeit sehr beschäftigt und schaffe es nicht, dorthin zu gehen…« Nähe!

Wer ist zuerst der Nächste eines Gottgeweihten oder einer Gottgeweihten? Der Bruder oder die Schwester der Gemeinschaft. Der ist zuallererst euer Nächster. Und auch eine nette, gute, liebevolle Nähe. Ich weiß, dass in euren Gemeinschaften niemals geklatscht wird, nie, nie… Eine Art und Weise, sich zu entfernen: Klatsch und Tratsch. Hört gut zu: kein Klatsch, der Terrorismus des Klatschs. Denn wer klatscht, ist ein Terrorist. Er ist ein Terrorist in der eigenen Gemeinschaft, weil er das Wort gegen diesen, gegen jenen wie eine Bombe wirft und dann ruhig weggeht. Er zerstört! Wer das tut, zerstört wie eine Bombe, und er sondert sich ab. Dies, so sagt der Apostel Jakobus, war vielleicht die schwierigste Tugend, die schwierigste menschliche und geistliche Tugend, die man haben soll, nämlich jene, die Zunge zu beherrschen. Wenn dir ein Wort gegen ein Bruder oder eine Schwester in den Sinn kommt, das heißt eine Bombe des Klatschs zu werfen, dann beiß dir auf die Zunge! Fest! Terrorismus in der Gemeinschaft: Nein!

»Aber, Pater, wenn da etwas ist, ein Fehler, etwas, das man korrigieren muss?« Dann sagst du das zu dieser Person: Du hast diese Haltung, die mich stört oder die nicht gut ist. Oder wenn das nicht ratsam ist – denn manchmal ist es nicht klug –, dann sagst du es der Person, die Abhilfe schaffen kann, die das Problem lösen kann und zu niemandem sonst. Verstanden? Klatsch dient zu nichts. »Aber beim Kapitel?« Dort ja! Öffentlich: alles, von dem du spürst, dass du es sagen sollst. Denn es gibt die Versuchung, beim Kapitel die Dinge nicht zu sagen, aber dann draußen: »Hast du gesehen, die Priorin…? Hast du gesehen, die Äbtissin…? Hast du gesehen, der Obere…?« Aber warum hast du es nicht dort gesagt, im Kapitel. … Ist das klar? Es sind Tugenden der Nähe. Und die Heiligen hatten sie, die heiligen Gottgeweihten hatten sie. Die heilige Therese vom Kinde Jesu hat niemals über die Arbeit geklagt, über die Unannehmlichkeiten, die ihr die Schwester bereitete, die sie jeden Abend in den Speisesaal führen musste: aus dem Chor in den Speisesaal. Niemals! Denn diese Schwester war sehr alt, fast gelähmt, sie lief sehr schlecht, sie hatte Schmerzen – auch ich verstehe sie gut! –, und sie war auch etwas neurotisch… Aber niemals ist sie zu einer anderen Schwester gegangen und hat gesagt: »Wie lästig ist sie doch!« Was tat sie? Sie half ihr, sich hinzusetzen, brachte ihr die Serviette, brach ihr Brot in Stückchen und lächelte sie an. Das bedeutet Nähe. Nähe!

Wenn du die Bombe eines Klatschs in deine Gemeinschaft wirfst, dann ist das keine Nähe: Es heißt, Krieg zu führen! Es heißt, sich absondern; es heißt, Distanz zu verursachen, Anarchie in der Gemeinschaft hervorzurufen. Und wenn es in diesem Jahr der Barmherzigkeit jedem, jeder von euch gelingen würde, niemals ein Terrorist und Klatschmaul zu sein, dann wäre das ein Erfolg für die Kirche, ein großer Erfolg der Heiligkeit! Nur Mut! Nahe sein.

Und dann die Hoffnung. Ich bekenne, dass mir das sehr schwer fällt, wenn ich sehe, wie die Berufungen zurückgehen, wenn ich Bischöfe empfange und sie frage: »Wie viele Seminaristen habt ihr?« –»Vier, fünf…« Wenn ihr in euren Ordensgemeinschaften von Männern oder Frauen einen Novizen, eine Novizin habt, vielleicht zwei …, und die Gemeinschaft wird immer älter und älter… Wenn es Konvente gibt, große Konvente, und Kardinal Amigo Vallejo [Der Papst wendet sich zu ihm] kann uns erzählen, wie viele es in Spanien gibt, die von vier oder fünf alten Schwestern bis zum Schluss vorangebracht werden…

Und dies lässt in mir eine Versuchung aufsteigen, die gegen die Hoffnung ist: »Aber, Herr, was geschieht? Warum wird der Schoß des geweihten Lebens so unfruchtbar?« Einige Kongregationen experimentieren mit der »künstlichen Befruchtung«. Was tun sie? Sie nehmen auf…: »Aber ja, komm, komm, komm…« Und dann die Probleme, die es dort drinnen gibt… Nein. Die Aufnahme muss seriös sein! Man muss gut unterscheiden, ob es eine echte Berufung ist, und ihr helfen zu wachsen. Und ich glaube, angesichts dieser Versuchung, die Hoffnung zu verlieren, die von dieser Unfruchtbarkeit kommt, müssen wir mehr beten, unermüdlich beten.

Mir tut es sehr gut, diesen Abschnitt aus der Heiligen Schrift zu lesen, wo Anna – die Mutter von Samuel – betete und um einen Sohn bat. Sie betete und bewegte die Lippen und betete… Und der alte Priester, der ein wenig blind war und nicht gut sah, dachte, sie sei betrunken. Aber das Herz jener Frau [sagte zu Gott]: »Ich möchte einen Sohn!« Ich frage euch: Betet euer Herz angesichts der abnehmenden Berufungen mit dieser Intensität? »Unsere Kongregation braucht Söhne, unsere Kongregation braucht Töchter…« Der Herr, der so großherzig war, wird seine Verheißung erfüllen. Aber wir müssen ihn darum bitten. Wir müssen an die Tür seines Herzens klopfen. Denn es gibt eine Gefahr. Sie ist schlimm, aber ich muss sie erwähnen: Wenn eine Ordenskongregation sieht, dass sie keine Kinder und Enkel mehr hat und beginnt, immer mehr zu schrumpfen, dann hängt sie sich an das Geld. Und ihr wisst, dass das Geld der Mist des Teufels ist. Wenn sie nicht die Gnade erlangen können, Berufungen und Nachwuchs zu haben, dann denken sie, dass das Geld das Leben rettet. Sie denken an das Alter, damit ihnen dieses nicht fehlt, damit ihnen jenes nicht fehlt… Uns so gibt es keine Hoffnung. Die Hoffnung ist nur im Herrn! Geld wird sie dir niemals geben. Im Gegenteil: Es wird dich entmutigen. Verstanden?

Das wollte ich euch sagen, statt die Klassifikationen vorzulesen, die der Kardinalpräfekt euch dann geben wird…

Ich danke euch von Herzen für das, was ihr tut. Die Gottgeweihten – jeder mit seinem Charisma. Und ich möchte die gottgeweihten Frauen, die Ordensschwestern hervorheben. Was wäre die Kirche, wenn es die Schwestern nicht gäbe? Das habe ich einmal gesagt: Wenn du ins Krankenhaus gehst, in die Schulen, in die Pfarreien, in die Stadtviertel, in die Missionen: Männer und Frauen, die ihr Leben hingegeben haben… Auf meiner letzten Afrikareise – das habe ich, glaube ich, bei einer Generalaudienz erzählt –, bin ich einer 83-jährigen Schwester begegnet, einer Italienerin. Sie hat mir gesagt: »Als ich – ich weiß nicht, ob sie gesagt hat – 23 oder 26 Jahre alt war, bin ich hierhergekommen. Ich bin Krankenschwester in einem Krankenhaus.« Denkt einmal: Von 26 Jahren bis 83! »Und ich habe meinen Angehörigen in Italien geschrieben, dass ich nicht mehr zurückkommen werde.« Wenn du auf einen Friedhof gehst und siehst, dass dort viele Missionare aus den Orden und viele Schwestern sind, die mit 40 Jahren gestorben sind, weil sie in jenen Ländern eine Krankheit, ein Fieber bekommen haben. Sie haben ihr Leben hingegeben… dann sagst du: Das sind Heilige! Sie sind Same! Wir müssen zum Herrn sagen, er möge ein wenig auf diese Friedhöfe herabkommen und sehen, was unsere Vorfahren getan haben, und uns ein wenig Berufungen schenken, denn wir brauchen sie!

Ich danke euch sehr für diesen Besuch, ich danke dem Kardinalpräfekten, dem Sekretär, den Untersekretären für das, was ihr in diesem Jahr des geweihten Lebens getan habt. Aber, bitte, vergesst nicht die Prophetie des Gehorsams, der Nähe, und dass der wichtigste und euch am nächsten stehende Nächste der Bruder und die Schwester der Gemeinschaft ist, und dann die Hoffnung. Möge der Herr bewirken, dass euren Kongregationen Söhne und Töchter geboren werden. Und betet für mich. Danke!

Die folgende Ansprache wurde vom Heiligen Vater schriftlich überreicht.

Liebe Brüder und Schwestern!

Ich freue mich, euch zum Abschluss dieses Jahres, das dem geweihten Leben gewidmet ist, zu begegnen.

Eines Tages hat Jesus sich in seiner unendlichen Barmherzigkeit an eine jede und einen jeden von uns gewandt und uns persönlich gebeten: »Komm und folge mir nach!« (Mk 10,21). Wenn wir hier sind, dann darum, weil wir ihm mit »Ja« geantwortet haben. Bei manchen war es eine Zustimmung voll Begeisterung und Freude, manche haben sich schwerer getan, waren vielleicht unsicher. Auf jeden Fall sind wir ihm großherzig nachgefolgt und haben uns auf Wegen leiten lassen, die wir uns nicht einmal hätten vorstellen können. Wir haben mit ihm Augenblicke inniger Verbundenheit geteilt: »Kommt mit an einen einsamen Ort […] und ruht ein wenig aus« (Mk 6,31); Augenblicke des Dienens und der Sendung: »Gebt ihr ihnen zu essen!« (Lk 9,13); sogar sein Kreuz: »Wer mein Jünger sein will, […] nehme […] sein Kreuz auf sich« (Lk 9,23). Er hat uns in seine eigene Beziehung zum Vater hineingenommen, er hat uns seinen Geist geschenkt, hat unser Herz nach dem Maß seines eigenen Herzens erweitert und uns gelehrt, die Armen und die Sünder zu lieben. Wir sind ihm gemeinsam nachgefolgt und haben von ihm das Dienen, die Annahme, die Vergebung, die brüderliche Nächstenliebe gelernt. Unser geweihtes Leben hat einen Sinn, denn bei ihm zu bleiben und auf den Straßen der Welt unterwegs zu sein, um ihn zu bringen, gestaltet uns ihm gleich, lässt uns Kirche sein, Geschenk für die Menschheit.

Das Jahr, das wir jetzt abschließen, hat dazu beigetragen, in der Kirche die Schönheit und die Heiligkeit des geweihten Lebens heller erstrahlen zu lassen und in den geweihten Personen die Dankbarkeit für die Berufung und die Freude der Antwort zu vertiefen. Jeder und jede Geweihte hatte die Möglichkeit, die eigene Identität deutlicher wahrzunehmen und sich so mit erneuertem apostolischen Eifer auf die Zukunft auszurichten, um neue gute Seiten im Buch des Lebens zu schreiben, auf der Spur das Charismas der Gründer. Wir sind dem Herrn dankbar für alles, was wir in diesem an Initiativen so reichen Jahr erleben durften. Und ich danke der Kongregation für die Institute geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens, die die großen Ereignisse hier in Rom und in der Welt vorbereitet und durchgeführt hat.

Das Jahr geht zu Ende, aber unser Bemühen, dem empfangenen Ruf treu zu bleiben und in der Liebe, in der Hingabe, in der Kreativität zu wachsen, wird fortgesetzt. Dafür möchte ich euch drei Worte mit auf den Weg geben.

Das erste Wort ist »Prophetie«. Das zeichnet euch besonders aus. Aber welche Prophetie erwarten die Kirche und die Welt von euch? Ihr seid vor allem aufgerufen, mehr noch durch euer Leben als durch Worte, die Wirklichkeit Gottes zu verkündigen: von Gott zu sprechen. Wenn er zuweilen abgelehnt oder ausgegrenzt oder ignoriert wird, dann müssen wir uns fragen, ob wir vielleicht sein Gesicht nicht genug haben durchscheinen lassen und vielmehr unser eigenes Gesicht gezeigt haben. Das Gesicht Gottes ist das eines Vaters, der »barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Güte« ist (Ps 103,8). Um andere ihn erkennen zu lassen, muss man eine persönliche Beziehung zu ihm haben; und dazu bedarf es der Fähigkeit, ihn anzubeten und tagtäglich die Freundschaft mit ihm zu pflegen, durch das Gespräch von Herz zu Herz im Gebet, besonders in der stillen Anbetung.

Das zweite Wort, das ich euch mitgebe, ist »Nähe«. In Jesus ist Gott jedem Mann und jeder Frau nahegekommen: Er hat die Freude der Brautleute in Kana in Galiläa und die Trauer der Witwe von Naïn geteilt; er ist in das vom Tod heimgesuchte Haus des Jaïrus und in das von Nardenöl duftende Haus in Betanien eingetreten; er hat Krankheiten und Tod auf sich genommen und am Ende sogar sein Leben als Lösegeld für alle hingegeben. Christus nachzufolgen bedeutet dorthin zu gehen, wohin er gegangen ist; sich als barmherziger Samariter des Verwundeten, den wir am Straßenrand finden, anzunehmen; sich auf die Suche nach dem verlorenen Schaf zu machen. Wie Jesus den Menschen nahe zu sein; ihre Freuden und ihre Schmerzen zu teilen; durch unsere Liebe das väterliche Antlitz Gottes und die mütterliche Liebkosung der Kirche zu zeigen. Niemand darf sich jemals fern, distanziert, verschlossen und daher unfruchtbar fühlen. Jeder von euch ist berufen, den Brüdern zu dienen und dem eigenen Charisma zu folgen: die einen durch das Gebet, die anderen durch die Katechese, die einen durch die Lehre, die anderen durch die Fürsorge für Kranke oder Arme, die einen durch die Verkündigung des Evangeliums, die anderen durch die Erfüllung verschiedener Werke der Barmherzigkeit. Wichtig ist, nicht für sich selbst zu leben, ebenso wie Jesus nicht für sich selbst gelebt hat, sondern für den Vater und für uns.

So kommen wir zum dritten Wort: »Hoffnung«. Indem ihr Gott und seine barmherzige Liebe bezeugt, könnt ihr durch die Gnade Christi unserer Menschheit, die aus verschiedenen Gründen von Angst und Furcht gezeichnet und manchmal versucht ist, den Mut zu verlieren, Hoffnung schenken. Ihr könnte die erneuernde Kraft der Seligpreisungen, der Aufrichtigkeit und des Mitgefühls spüren lassen; den Wert der Güte, des einfachen, wesentlichen, bedeutungsvollen Lebens. Und ihr könnt die Hoffnung auch in der Kirche nähren. Ich denke zum Beispiel an den ökumenischen Dialog. Die Begegnung vor einem Jahr zwischen geweihten Personen der verschiedenen christlichen Konfessionen war eine schöne Neuheit, die es verdient, fortgesetzt zu werden. Das charismatische und prophetische Zeugnis des Lebens der geweihten Personen, in der Vielfalt seiner Formen, kann dazu beitragen, dass wir alle unsere Einheit besser erkennen, und die volle Gemeinschaft fördern.

Liebe Brüder und Schwestern, lasst euch in eurem täglichen Apostolat nicht vom Alter oder von der Zahl beeinflussen. Was mehr zählt ist die Fähigkeit, das anfängliche »Ja« zum Ruf Christi zu wiederholen, der sich immer wieder hören lässt, auf immer neue Weise, in jedem Abschnitt des Lebens. Sein Ruf und unsere Antwort halten unsere Hoffnung lebendig. Prophetie, Nähe, Hoffnung. Wenn ihr so lebt, werdet ihr Freude im Herzen haben, das Kennzeichen der Jünger Christi und erst recht der geweihten Personen. Und euer Leben wird anziehend sein für viele Frauen und Männer, zur Ehre Gottes und für die Schönheit der Braut Christi, der Kirche.

Liebe Brüder und Schwestern, ich danke dem Herrn für das, was ihr in der Kirche und in der Welt seid und tut. Ich segne euch und vertraue euch unserer Mutter an. Und bitte vergesst nicht, für mich zu beten.

(Orig. ital. in O.R. 1./2.2.2016)

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Siehe auch:

Papst Franziskus an Ordensleute: „Starres Einhalten der Regeln ist Egoismus“

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Papst Franziskus hat junge Ordensleute vor „Starrheit“ im Leben ihrer Gemeinschaften gewarnt. Es gebe da die Versuchung, besonders auf die Einhaltung von Regeln zu pochen. „Die Observanz darf nicht starr sein: wenn sie starr ist, ist sie nicht Observanz, sondern persönlicher Egoismus“, erklärte Franziskus an diesem Donnerstag Ordensleuten aus aller Welt, die er anlässlich des derzeit laufenden Ordensjahres in Audienz empfing. Er antwortete in freier Rede auf drei Fragen, die an ihn gerichtet wurden.

Franziskus würdigte das Beispiel der heiligen Teresa von Avila. Sie sei eine „freie Frau“ gewesen, „so frei, dass sie vor die Inquisition musste“. Als Klausurnonne sei sie durch ganz Spanien gezogen und habe dort Klöster gegründet, ohne je die Fähigkeit zur Kontemplation zu verlieren. „Prophetie, Fähigkeit zu träumen, das ist das Gegenteil von Starrheit. Die Starren können nicht träumen!“, verdeutlichte Franziskus.

Zugleich warnte der Papst die Ordensleute vor der Unaufrichtigkeit, die im Geschwätz und der üblen Nachrede liegen. „Werft niemals Bomben des Geschwätzes. Nie! Das ist die Pest des Gemeinschaftslebens! Und so wird der Ordensmann, die  Ordensfrau, die ihr Leben Gott geweiht haben, zum Terroristen oder zur Terroristin, weil sie in ihre Gemeinschaft eine zerstörerische Bombe werfen!“

Auf die Frage nach dem rechten Weg der Evangelisierung antwortete Franziskus, das Herz müsse brennen. „Evangelisieren ist nicht bloß überzeugen: es ist be-zeugen, dass Christus lebt. Und wie bezeugst du das? Mit deinem Fleisch, mit deinem Leben. Du kannst noch so viel studieren und Kurse für Evangelisierung machen, und das ist ja auch gut, aber die Fähigkeit, die Herzen zu erwärmen, kommt nicht aus den Büchern, sondern aus deinem eigenen Herzen.“ Franziskus bedankte sich an dieser Stelle ausdrücklich bei Ordensfrauen – „entschuldigt, wenn ich jetzt ein wenig feministisch werde“, warf er ein: „Ihr habt diese Lust, immer nach vorn zu gehen. Warum? Weil ihr Mütter seid, weil ihr die Mütterlichkeit der Kirche habt.“ Aus seiner eigenen Erfahrung als Erzbischof von Buenos Aires erzählte er, wie aus Südkorea stammende Schwestern in einem von alten argentinischen Ordensfrauen geführten Krankenhaus wahre Wunder wirkten, obwohl sie kein Wort Spanisch sprachen. „Das Zeugnis eines brennenden Herzens. Das ist die Mütterlichkeit der Schwestern. Bitte, verliert das nicht.“

Den jungen Ordensleuten verriet Franziskus auch, er trage seit dieser Woche das Kreuz eines im Irak enthaupteten Priesters bei sich. Ein irakischer Geistlicher habe es ihm bei der Generalaudienz überreicht, berichtete Franziskus. Der Märtyrer habe das Kreuz in der Hand gehalten, als er ermordet wurde, weil er Christus nicht habe verleugnen wollen, so der Papst. Franziskus betonte, niemals in der Geschichte habe es mehr christliche Märtyrer gegeben als in der heutigen Zeit.

(rv 17.09.2015 gs)

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