‚Es ist etwas Wunderbares um unsern katholischen Glauben‘

Kardinal Cordes inmitten der Bischöfe der russischen katholischen Bischofskonferenz und weiteren Geistlichen. Mit im Bild ist auch der aus Deutschland stammende Bischof Clemens Pickel, Vorsitzender der russischen katholischen Bischofskonferenz. Siehe dazu auch den kath.net-Artikel:

Kardinal Cordes, päpstlicher Sondergesandter in Kasachstan, erinnert an die Überzeugung vieler Christen, „dass die Geschehnisse der Wendejahre eng mit der Botschaft von Fatima in Verbindung stehen“.

Von Petra Lorleberg

Karaganda (kath.net/pl) Papst Johannes Paul II. „berichtete im kleinen Kreis, wie er in sich den Drang gespürt habe, bei dieser Weihe auch Russland zu benennen, dass er dann aber seinen Beratern nachgegeben habe. Und er erzählte uns darauf mit strahlendem Gesicht: Was er sich versagt hätte, sei aber dennoch vollzogen worden. Auf befreundetem Weg war ihm etwas Wichtiges und für ihn sehr Tröstliches zu Ohren gekommen: Orthodoxe russische Bischöfe hätten seine Weihe der Welt an die Gottesmutter zum Anlass genommen, Maria in besonderer Weise Russland zu weihen. Als er diese Geschichte berichtete, konnte ich ihm seine Freude ansehen – gewiss darüber, dass sei sein dringendes Sehnen erfüllt hatten; aber auch darüber, dass er in seiner eigenen Intuition den Willen Gottes geahnt hatte.“ Darauf wies der emeritierte Kurienkardinal Paul Josef Cordes, Sondergesandter von Papst Franziskus zum Marianischen Kongress von Kasachstan, anlässlich des 100. Jahrestag der ersten Marienerscheinung in Fatima, in seiner Predigt hin. Der aus Paderborn stammende Kardinal stand am 13.5.2017 in der katholischen Kathedrale „Unsere Liebe Frau von Fatima“ in Karaganda/Kasachstan der feierlichen Abschlussmesse vor. Seine Predigt wurde in russischer Sprache verlesen, anwesend waren die Bischöfe der russischen katholischen Bischofskonferenz und viele Priester und viele Gläubige, die teils aus weiten Entfernungen gekommen waren.

kath.net dokumentiert die deutschsprachige Predigtvorlage in voller Länge und dankt Kardinal Cordes für die freundliche Erlaubnis zur Veröffentlichung:

Mit großer Freude und Dankbarkeit gedenken wir heute der Erscheinungen der Gottesmutter in Fatima. Vor hundert Jahren ist sie dort zum ersten Mal erschienen. Und der Heilige Vater Franziskus selbst gedenkt dort heute der Mutter seines Sohnes. Und wir geistlich mit ihm verbunden – trotz der großen geographischen Entfernung. Und der Papst genauso wie das Fest erinnert uns mit Macht an die Schönheit und Tiefe unseres christlichen Glaubens. Wir wundern uns neu über die Wärme, die uns im christlichen Glauben erwartet.

Unser Christsein besingt immer neu die Güte des göttlichen Vaters. Er hat uns sogar seinen Sohn gesandt, der sich zur Sühne für unsere Sünde ans Kreuzschlagen ließ. Der jedoch nicht im Tod blieb, sondern vom Vater auferweckt wurde; der durch seine Rückkehr ins Leben die Wahrheit seiner Botschaft und die Allmacht seiner Liebe bezeugte.

Und dieser Jesus ist nicht nur Sieger über Sünde und Tod, sondern er will unser Bruder sein. Als unser Bruder hat er ein Herz für uns, bezieht er uns ein in sein menschliches Sehnen und Empfinden. Er gibt sogar seine eigene Mutter uns allen zur Mutter. Es ist etwas Wunderbares um unsern katholischen Glauben. Er nimmt unsre menschlichen Erwartungen, Erfahrungen und Neigungen auf. Er macht sich nicht über sie lustig, er warnt nicht vor ihnen; er verdächtigt sie nicht. Er baut mit ihnen den Vollzug unseres Christseins: festliche Gewänder und Weihrauch machen die Liturgie zu einem erhabenen Schauspiel. Musik und Lieder heben unser Gemüt und unsere Stimmung. Wallfahrt und Fasten disziplinieren unsern Körper und geben uns den Geschmack von Opfer und Sühne. Und des Menschen Sehnsucht nach einer Mutter heißt die Kirche gut, wenn sie uns einlädt, die Gottesmutter als unsere Mutter anzunehmen.

Freilich nicht, damit unsere Kindlichkeit auf ihre Kosten käme – als sentimentale Süßspeise sozusagen. Es wäre ein Missverständnis, wenn wir die Gottesmutter als eine Konzession an unsere religiöse Rührseligkeit deuteten. Oder gar egoistisch vereinnahmten – wie Kinder, die ihre Mutter als Mittel sehen, das ihnen alle Widerstände und Schwierigkeiten ausräumt. Gewiss: Sie ist die „Immer währende Hilfe“. Aber sie will unsere Hinneigung zur Mutter nicht bei sich belassen; sie will sie über sich selbst hinausführen. Wir haben es im Evangelium gehört: „Was er euch sagt, das tut“ (Joh 2,5)! Die Gottesmutter erwartet von uns den reifen Glauben erwachsenen Christseins. „Was er euch sagt, das tut!“ Maria gebietet bereitwilligen Gehorsam gegenüber dem Wort und Willen ihres Sohnes. Hatte sie nicht selbst nach der Verkündigung des Engels gesagt: „Ich bin die Magd des Herrn“?

Wir wissen, was dieses Wort sie später gekostet hat. Denn das bedingungslose Ja zu Gottes Willen ist nie ein Versicherungsvertrag für ein leichtes Leben. Christsein ist keine Wohlfühl-Therapie. Das mögen Wellness-Klöster in Europa vortäuschen, oder christliche Sekten, die in den USA Erfolg im Geschäftsleben versprechen. Ihr, liebe Schwestern und Brüder hier in Kasachstan, seid ganz gewiss gewappnet gegen solches Missverständnis, gegen solche Aushöhlung des Glaubens. Da braucht man nur die Geschichte der Christen in eurem Land zur Kenntnis zu nehmen. Ich jedenfalls war berührt und betroffen, als ich vor Jahren einige Sätze von Papst Johannes Paul II. las. Er hatte sie uns Priestern in seinem ersten Brief zum Priesterdonnerstag geschrieben. Lassen Sie mich sie hier heute wiederholen; denn der Papst könnte von einem Gottesdienst in eurem Land sprechen:

„Denkt an jene Orte, wo die Menschen sehnsüchtig auf einen Priester warten, wo sie seit vielen Jahren sich unablässig einen Priester wünschen, weil sie sein Fehlen schmerzlich empfinden! Es geschieht zuweilen, dass sie sich in einem verlassenen Gotteshaus versammeln, auf den Altar die noch aufbewahrte Stola legen und alle Gebete der Eucharistiefeier sprechen. Im Augenblick, der der Wandlung entsprechen würde, tritt jedoch eine große Stille ein, die manchmal von einem Weinen unterbrochen wird…; so brennend verlangen diese Menschen danach, jene Worte zu hören, die nur die Lippen eines Priesters wirksam aussprechen können! So sehr sehnen sie sich nach der heiligen Kommunion, die sie aber nur durch die Vermittlung des priesterlichen Dienstes empfangen können, wie sie auch voller Sehnsucht darauf warten, die Worte der göttlichen Vergebung zu hören: ‚Ich spreche dich los von deinen Sünden!’ So tief empfinden sie es, dass ihnen der Priester fehlt!‘“

Mir kam dieses Zitat bald in den Sinn, als mich Monsignore Adelio zu eurem heutigen Fest einlud. Und es schoss mir durch den Kopf, was sich alles seit der großen Glaubensbedrückung damals verändert hat. Das bewegte mich rasch, bei euch sein zu wollen, um mit euch Gott zu loben und zu preisen für seine Wunder, die wohl niemand erwarten konnte. Und mit euch für die Fürsprache seiner Mutter zu danken. Denn sie, die in eurer Kathedrale besonders verehrt wird, hat ja nur zu offensichtlich ihre Hand im Spiel gehabt, damit sich alles zum Besseren wendete. Ich möchte es wenigstens skizzieren, auch wenn ich das nur wiederhole, was manche von euch schon kennen.

Nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs 1989 und nach dem Fall der Berliner Mauer wurden auch die Unabhängigkeitsbestrebungen der Teilstaaten in der UDSSR immer stärker. Überzeugte Kommunisten wollten diese Entwicklung aufhalten und putschten am 19. August 1991 gegen den letzten Präsidenten der Sowjetunion, Michail Gorbatschow. Sie brachten in Moskau auch die Medien in ihre Gewalt. Aber sie hatten die Kraft von stillem Gebet und leidvollem Flehen unterschätzt, das in all den Jahren zum Himmel gedrungen war. Und es gab noch einen Radio-Sender, von dem sie nichts wussten.

Es ist Montag, der 19. August 1991. Präsident Gorbatschow wird in seinem Urlaubsdomizil auf der Krim gefangen gehalten. Boris Jelzin, damals Präsident der Russischen Föderation erkennt die Lage und tritt an die Spitze des Widerstandes gegen die kommunistischen Putschisten. Er stürmt in die Duma und ruft händeringend: „Ich brauche ich ein Radio, ich brauche ein Radio!“ Was unglaublich klingt, wird möglich. Ein Abgeordneter, ein bekennender Christ, weiß, dass das Päpstliche Hilfswerk „Kirche in Not“ einen Transistor, in Einzelteile zerlegt, mit dem Schiff über Sankt Petersburg nach Moskau geschmuggelt hatte. Er stand inzwischen in einer Lagerhalle und wurde heimlich herbeigeschafft.

Schon wenig später kann Boris Jelzin die Bevölkerung Moskaus per Radio zum Widerstand gegen den Putsch aufrufen. Tausende versammeln sich friedlich auf den Straßen. Es laufen sogar ganze Armee-Einheiten zu Jelzin über. Und der vergaß später diese unglaubliche Hilfe nicht. Er verschaffte der Gottesmutter eine öffentliche Plattform. Er gab nämlich sein Einverständnis für eine spektakuläre „geistliche Luftbrücke“. Zusammen mit katholischen wie orthodoxen Kirchenvertretern und mehr als 150 russischen Fernseh- und Radiosendern vollzog sich am 13. Oktober 1991 eine Liveübertragung der Wallfahrtsfeierlichkeiten aus Fatima. 40 Millionen Menschen in Russland erlebten diese Übertragung per Fernsehen.

Man wollte – damals wie heute – Fatima feiern. Dahinter steht die Überzeugung vieler Christen in Russland und in der weiten Welt, dass die Geschehnisse der Wendejahre eng mit der Botschaft von Fatima in Verbindung stehen. Wie bekannt ist, war ja in diesem portugiesischen Dorf im Jahr 1917 von Mai bis Oktober die Gottesmutter Maria drei Hirtenkindern erschienen und hatte eine Botschaft an sie gerichtet. Katholische und orthodoxe Gläubige beteten dann gemeinsam für die Bekehrung und Versöhnung Russlands sowie der westlichen Welt. Papst Johannes Paul II. hatte einen besonderen Grund, sich in die Schar der Beter einzureihen: Er war überzeugt, dass die Gottesmutter ihn am 13. Mai 1981 – am Gedenktag ihrer Erscheinung in Fatima – bei einem Attentat vor dem gewaltsamen Tod geschützt hatte.

Wie wichtig Fatima für den heiligen Papst war, durfte ich sogar einmal einer persönlichen Begegnung mit ihm erleben. Offenbar hatte er sich lange mit jenem bedeutenden Auftrag befasst, den die Gottesmutter den Seherkindern dort gegeben hatte: die Welt dem Unbefleckten Herzen Mariens zu weihen. Er selbst hatte diese Weihe am 23. März 1984 vorgenommen, als die Statue Mariens von Fatima nach Rom gekommen war. Jedoch hatte er es sich versagt, dabei ausdrücklich Russland zu benennen; denn Vatikanische Diplomaten hatten ihn dringend gebeten, dieses Land nicht zu erwähnen, weil andernfalls eventuell politische Konflikte entständen.

Wenig später war ich dann bei ihm zu Mittag eingeladen. Er berichtete im kleinen Kreis, wie er in sich den Drang gespürt habe, bei dieser Weihe auch Russland zu benennen, dass er dann aber seinen Beratern nachgegeben habe. Und er erzählte uns darauf mit strahlendem Gesicht: Was er sich versagt hätte, sei aber dennoch vollzogen worden. Auf befreundetem Weg war ihm etwas Wichtiges und für ihn sehr Tröstliches zu Ohren gekommen: Orthodoxe russische Bischöfe hätten seine Weihe der Welt an die Gottesmutter zum Anlass genommen, Maria in besonderer Weise Russland zu weihen. Als er diese Geschichte berichtete, konnte ich ihm seine Freude ansehen – gewiss darüber, dass sei sein dringendes Sehnen erfüllt hatten; aber auch darüber, dass er in seiner eigenen Intuition den Willen Gottes geahnt hatte.

Liebe Brüder und Schwestern, wer all diese Ereignisse bedenkt, kann nur in Gottes Lob ausbrechen. Es wird besonders innig klingen an diesem Ort, der einzigen Kathedrale, die in der ehemaligen UDSSR der Gottesmutter von Fatima geweiht ist; an diesem Tag, da unser Papst Franziskus die beiden Seherkinder Franziskus und Jacintha heiligspricht. Feiernd werden wir selbst der Nähe Gottes und seiner Mutter neu gewiss. Dann füllt sich unser Herz. Und – so sagen wir in Deutschland – „Wovon das Herz voll ist, fließt der Mund über.“ Wir werden zu Aposteln. Wir dürfen ja unsern Glauben und das Wissen um Gottes Großtaten nicht für uns behalten. Das Evangelium fordert uns zum Zeugnis heraus. Gottes Geist treibt uns an, mit unserem eigenen Glauben andere anzustecken.

 

kath.net-Buchtipp – Neuerscheinung! (lieferbar ab 22.5.2017)
Dein Angesicht GOTT suche ich
Von Paul Josef Kardinal Cordes
Hardcover, 304 Seiten
2017 Media Maria
ISBN 978-3-945401-36-1
Preis Österreich: 20.50 EUR

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Quelle

Russland: Antiterrorkampf in Syrien ist „heiliger Krieg“

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Der russische Patriarch Kyrill I.

Der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill I. hält den von Russland geführten „Kampf gegen den Terrorismus“ in Syrien für einen „heiligen Krieg“. Die russischen Soldaten kämpften im Nahen Osten gegen einen schrecklichen Feind, der nicht nur diese Region, sondern die ganze Menschheit bedrohe, sagte Kyrill I. am Freitag bei einem Gottesdienst in Moskau. Die Terroristen töteten und schüchterten unschuldige Menschen ein. Daher handele es sich um einen „Krieg gegen den Terrorismus, einen heiligen Krieg“, zitieren russische Nachrichtenagenturen den Patriarchen.

Auch der „Große Vaterländische Krieg“ gegen Deutschland von 1941 bis 1945 sei „heilig“ gewesen, sagte der Patriarch. Damals hätten die sowjetischen Soldaten für die Heimat und das Volk gegen einen „heimtückischen und grausamen Feind“ gekämpft. Kyrill I. äußerte sich anlässlich des Gedenktags des heiligen Georg, der als Schutzpatron für Soldaten gilt.

(kap 07.05.2016 sk)

Jesuitenkonferenz zu Papst-Kyrill-Treffen

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Das Treffen auf Kuba: Patriarch Kyrill und Papst Franziskus

Eine Wiedervereinigung der orthodoxen mit der katholischen Kirche wäre ein Wunder. Das sagte am Wochenende der Moskauer Patriarch Kyrill nach Angaben der russischen Nachrichtenagentur Ria Novosti. Er selbst werde es wohl nie mit erleben. „Aber vielleicht wird sie irgendjemand einmal erleben“, so das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche.

Die italienische Jesuitenzeitschrift „Civiltá Cattolica“ hat zu den Treffen von Papst Franziskus mit Patriarch Kyrill auf Kuba einen Runden Tisch in Rom durchgeführt. Bei der Debatte am Wochenende betonte der Leiter der „Civiltá Cattolica“, Jesuitenpater Antonio Spadaro, dass es sich um einen wichtigen Schritt auf dem ökumenischen Weg gehandelt habe.

„Die Christen – und in diesem Falle müssen wir konkret von Katholiken und Orthodoxen sprechen – sind sich bewusst geworden, wie wichtig es ist, gerade in diesem Augenblick der Geschichte miteinander zu sprechen. Es sind also die Dringlichkeiten der Gegenwart, die zu diesem Treffen zwischen dem Bischof von Rom und dem Patriarchen von Moskau geführt haben. Und wenn wir von Dringlichkeit sprechen, dann meinen wir ja die Christenverfolgung. Deshalb sprechen wir derzeit von der ,Ökumene des Blutes´, also einer Ökumene der Basis, die zur Vereinigung der Christen führt und nicht auf die Unterschiede achtet.“

Weiter betont Pater Spadaro, dass nicht die Gemeinsame Erklärung im Vordergrund gestanden habe, sondern die Geste der Handreichung und die Umarmung.

„Die Erklärung ist zwar ein wichtiger Schritt, doch die Umarmung ist die wahre historische Geste. Die Tatsache, dass sich diese beiden großen Kirchenoberhäuptern umarmt haben, ist wie eine Ikone und ein prophetisches Zeichen, das Hoffnung schenkt. Die Gemeinsame Erklärung ist wohl eher ein Produkt der Vermittlung.“

Auch für den Rektor des Päpstlichen Instituts Orientale, Jesuitenpater David Nazar, handelt es sich um eine „Öffnung der Pforte der Hoffnung“, wie er es bei der Konferenz in Rom gegenüber Radio Vatikan ausdrückte. „Das Tor ist nun offen und es gibt kein Zurück mehr! Wir können nur noch vorwärts gehen“, so der Rektor des prestigeträchtigen römischen Instituts, das spezialisiert ist in den Studien zu den Ostkirchen.

„Wenn wir von Ökumene sprechen, dann denken wir vor allem an Kirchenoberhäupter, die eine ,juristische Ökumene´ betreiben, also auf dem Papier. Deshalb würde ich es vorziehen, dass wir Christen uns vor allem als Geschwister ansehen und weniger die Ökumene als ,juristische Angelegenheit´ betrachten. Erfolgreiche Projekte in dieser Hinsicht sehen wir in Kanada, England oder den USA, dort gibt es ökumenische Projekte, bei der Christen als Geschwister auf die aktuellen Probleme eingehen. Das ist eine wunderbare Sache.“

Papst Franziskus und Patriarch Kyrill hatten sich am 12. Februar auf dem Flughafen der kubanischen Hauptstadt Havanna getroffen. Es war die erste Begegnung der Kirchenoberhäupter aus Moskau und Rom seit der Entstehung des Moskauer Patriarchats im 16. Jahrhundert.

(rv 22.02.2016 mg)

AUF DEM WEG DER EINHEIT

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Die Begegnung zwischen dem Patriarchen von Moskau und dem Papst von Rom, die aufgrund der Schwierigkeiten lange nur ein Traum zu sein schien, war schließlich so einfach wie ein Treffen zwischen Brüdern. Zwei Stunden lang sprachen Kyrill und Franziskus in einem Saal des Flughafens von Havanna miteinander, wo das aus Rom kommende Flugzeug einen Zwischenstopp einlegte. Das Gespräch sei »in aller Offenheit« und »in aller Freiheit« verlaufen, wie der Papst auf dem Weiterflug nach Mexiko sagte, dem Ziel seiner zwölften internationalen Reise: »Gespräch zwischen Brüdern«, die beide Bischöfe sind, über ihre Kirchen und die Welt, in der zu leben sie gerufen sind. Dies geschah in Gegenwart von zwei Dolmetschern und den engsten Mitarbeitern, Metropolit Hilarion und Kardinal Koch, die mehr als zwei Jahre lang geduldig die Fäden eines komplizierten Stoffes geknüpft haben. Das Knüpfen der Fäden hat allerdings noch wesentlich länger gedauert, weil es bereits vor mehr als einem halben Jahrhundert begonnen hat, als die ökumenische Bewegung sich bildete und das Zweite Vatikanische Konzil Neues brachte. Historisch war die Begegnung zwischen Athenagoras und Paul VI. in Jerusalem, nach dem – mit Höhen und Tiefen – die Hoffnung auf Einheit größer wurde. Über die Begegnung zwischen Kyrill und Franziskus hinaus ist das Ergebnis heute eine sehr schöne Gemeinsame Erklärung in feierlichen und herzlichen Worten, die der Papst als pastoral bezeichnet hat. Sie beginnt mit einem Dank an »Gott, der in der Dreifaltigkeit verherrlicht ist, für diese Begegnung, die erste in der Geschichte«.

Die Feierlichkeit der Wortwahl ist vollkommen gerechtfertigt: Ja, diese Begegnung ist beispiellos, so wie die Erklärung historisch ist, in der zunächst die hohe Bedeutung des Ortes anerkannt wird, an dem Kyrill und Franziskus sich »endlich« zu treffen beschlossen haben: Kuba, Kreuzungspunkt und Symbol der Hoffnungen und Tragödien, wie der Papst in seinen Dankesworten an Raúl Castro unterstrichen hat, der bei der Unterzeichnung des Dokumentes anwesend war. »Weit weg von den alten Auseinandersetzungen«, um die Notwendigkeit für die Christen zu bekräftigen, nach vorne zu schauen und so ein Beispiel für die gesamte Menschheit zu setzen.

Es ist das Bewusstsein vorhanden, »dass zahlreiche Hindernisse andauern«, aber genauso stark ist das Bewusstsein einer »gemeinsamen geistlichen Tradition«, die sich im ersten Jahrtausend gebildet hat, gegründet auf das Zeugnis der Muttergottes und der Heiligen, insbesondere der Märtyrer, »Same der Christen«. Blickt man in die Geschichte zurück, sind gerade in der Zeit der ungeteilten Kirche auch scharfe Gegensätze und Spaltungen gewachsen, bis hin zum Verlust der Gemeinschaft in der Eucharistie »als Folge der menschlichen Schwäche und der Sünde«, die in der Erklärung bedauert wird.

Heute, »in einer Zeit epochalen Wandels«, steht allen das tragische Menetekel der blutigen Christenverfolgungen, vor allem im Nahen Osten und in Afrika, bis hin zur Auslöschung von »Familien, Dörfern und ganzen Städten« vor Augen, für die ein verbrecherischer Terrorismus verantwortlich ist, der sich mit blasphemischen religiösen Parolen bemäntelt. In Europa dagegen bedroht ein aggressiver Säkularismus die Religionsfreiheit, der die christlichen Wurzeln des Kontinents nicht respektiert, die auf die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau gegründete Familie schwächt und das menschliche Leben vernichtet durch Abtreibung, Euthanasie, künstliche Befruchtung.

Dieser Anklage, in einmalig scharfer Form, der Verfolgungen und eines feindlichen Säkularismus lässt das Dokument, das mit neuen Akzenten auf die Notwendigkeit der Versöhnung zwischen Orthodoxen und griechisch-katholischen Gläubigen hinweist, die ebenso starke Überzeugung folgen, dass Orthodoxe und Katholiken bereits vereint sind: nicht nur durch die gemeinsame Tradition, sondern auch durch die gemeinsame Sendung, das Evangelium zu verkünden, nach dem sich die Welt sehnt, auch ohne dass sie es weiß. Um Fortschritte zu machen, indem sie sich begegnen und gemeinsam den Weg der Einheit gehen.

Giovanni Maria Vian

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Quelle: Osservatore Romano 7/2016

Die Unterzeichnung der gemeinsamen Erklärung von Papst Franziskus und Patriarch Kyrill

Papst Franziskus unterzeichnet eine „Gemeinsame Erklärung“ mit  dem russisch-orthodoxen Patriarch Kyrill I. am 13. Februar 2016 in Havanna, Kuba.

Siehe:
Wortlaut der „Gemeinsamen Erklärung“

Im Wortlaut: Gemeinsame Erklärung von Franziskus und Kyrill

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Patriarch und Papst überreichen einander die jeweils vom anderen unterzeichnete gemeinsame Erklräung

 

Gemeinsame Erklärung von Papst Franziskus und Patriarch Kyrill von Moskau und dem ganzen Rus

 

„Die Gnade Jesu Christi, des Herrn, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!“ (2 Kor 13,13)

 

1. Durch den Willen Gottes des Vaters, von dem jede Gabe kommt, im Namen unseres Herrn Jesus Christus und mit dem Beistand des Heiligen Geistes des Trösters haben wir, Papst Franziskus und Kyrill, Patriarch von Moskau und dem ganzen Rus, uns heute in Havanna getroffen. Wir danken Gott, der in der Dreifaltigkeit verherrlicht ist, für diese Begegnung, die erste in der Geschichte.

Mit Freude sind wir als Brüder im christlichen Glauben zusammengekommen, die sich treffen, um persönlich miteinander zu sprechen (vgl. 2 Joh 12), von Herz zu Herz, und die wechselseitigen Beziehungen zwischen den Kirchen, den wesentlichen Problemen unserer Gläubigen und die Aussichten zur Entwicklung der menschlichen Zivilisation zu erörtern.

2. Unser brüderliches Treffen hat auf Kuba stattgefunden, am Kreuzungspunkt von Nord und Süd sowie von Ost und West. Von dieser Insel, dem Symbol der Hoffnungen der „Neuen Welt“ und der dramatischen Ereignisse der Geschichte des 20. Jahrhunderts, richten wir unser Wort an alle Völker Lateinamerikas und der anderen Kontinente.

Wir freuen uns, dass der christliche Glaube hier in dynamischer Weise im Wachsen begriffen ist. Das starke religiöse Potential Lateinamerikas, seine jahrhundertealte christliche Tradition, die in der persönlichen Erfahrung von Millionen von Menschen zum Ausdruck kommt, sind die Garantie für eine große Zukunft für diese Region.

3. Da wir uns weit weg von den alten Auseinandersetzungen der „Alten Welt“ treffen, empfinden wir mit besonderem Nachdruck die Notwendigkeit einer gemeinsamen Arbeit zwischen Katholiken und Orthodoxen, die gerufen sind, mit Sanftmut und Respekt der Welt Rede und Antwort zu stehen über die Hoffnung, die uns erfüllt (vgl. 1 Petr 3,15).

4. Wir danken Gott für die Gaben, die wir durch das Kommen seines einzigen Sohnes in die Welt empfangen haben. Wir teilen die gemeinsame geistliche Tradition des ersten Jahrtausends der Christenheit. Die Zeugen dieser Tradition sind die Allerseligste Gottesmutter und Jungfrau Maria und die Heiligen, die wir verehren. Unter ihnen sind ungezählte Märtyrer, die ihre Treue zu Christus bezeugt haben und „Samen der Christen“ geworden sind.

5. Trotz dieser gemeinsamen Tradition der ersten zehn Jahrhunderte sind Katholiken und Orthodoxe seit ungefähr tausend Jahren der Gemeinschaft in der Eucharistie beraubt. Wir sind getrennt durch Wunden, die durch Konflikte in ferner oder naher Vergangenheit hervorgerufen wurden, durch von den Vorfahren ererbte Gegensätze im Verständnis und in der Ausübung unseres Glaubens an Gott, einer in drei Personen – Vater, Sohn und Heiliger Geist. Wir beklagen den Verlust der Einheit als Folge der menschlichen Schwäche und der Sünde, die trotz des Hohepriesterlichen Gebets Christi, des Erlösers, eingetreten ist: „Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein“ (Joh 17,21).

6. Im Bewusstsein, dass zahlreiche Hindernisse andauern, hoffen wir, dass unsere Begegnung zur Wiederherstellung dieser von Gott gewollten Einheit, für die Christus gebetet hat, beitragen kann. Möge unser Treffen die Christen in aller Welt inspirieren, Gott mit neuem Eifer um die volle Einheit aller seiner Jünger zu bitten. In einer Welt, die von uns nicht nur Worte, sondern auch konkrete Taten erwartet, möge diese Begegnung ein Zeichen der Hoffnung für alle Menschen guten Willens sein!

7. In unserer Entschlossenheit, alles, was notwendig ist, zu unternehmen, um die uns überkommenen geschichtlichen Gegensätze zu überwinden, wollen wir unsere Bemühungen vereinen, um das Evangelium Christi und das allgemeine Erbe der Kirche des ersten Jahrtausends zu bezeugen und miteinander auf die Herausforderungen der gegenwärtigen Welt zu antworten. Orthodoxe und Katholiken müssen lernen, in Bereichen, wo es möglich und notwendig ist, ein einmütiges Zeugnis für die Wahrheit zu geben. Die menschliche Zivilisation ist in eine Zeit epochalen Wandels eingetreten. Unser christliches Gewissen und unsere pastorale Verantwortung erlauben es uns nicht, angesichts der Herausforderungen, die eine gemeinsame Antwort erfordern, untätig zu bleiben.

8. Unser Augenmerk richtet sich in erster Linie auf die Gebiete in der Welt, wo die Christen Opfer von Verfolgung sind. In vielen Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas werden Familien, Dörfer und ganze Stände unserer Brüder und Schwestern in Christus ausgelöscht. Ihre Kirchen werden verwüstet und barbarisch ausgeplündert, ihre sakralen Gegenstände profaniert, ihre Denkmale zerstört. In Syrien, im Irak und in anderen Ländern des Nahen Ostens stellen wir mit Schmerz eine massenhafte Abwanderung der Christen fest, aus dem Gebiet, in dem sich unser Glaube einst auszubreiten begonnen hat und wo sie seit den Zeiten der Apostel zusammen mit anderen Religionsgemeinschaften gelebt haben.

9. Bitten wir die internationale Gemeinschaft, dringend zu handeln, um einer weiteren Vertreibung der Christen im Nahen Osten zuvorzukommen. Wenn wir die Stimme zur Verteidigung der verfolgten Christen erheben, möchten wir zugleich unser Mitgefühl für die Leiden zum Ausdruck bringen, die die Angehörigen anderer religiöser Traditionen erfahren, welche ihrerseits Opfer von Bürgerkrieg, Chaos und terroristischer Gewalt geworden sind.

10. In Syrien und im Irak hat die Gewalt bereits Tausende von Opfern gefordert sowie Millionen von Menschen obdachlos und ohne Mittel zurückgelassen. Wir rufen die internationale Gemeinschaft auf, sich zu vereinen, um der Gewalt und dem Terrorismus ein Ende zu setzen, und zugleich durch den Dialog zu einer raschen Wiederherstellung des inneren Friedens beizutragen. Es ist entscheidend, eine humanitäre Hilfe in großem Umfang für die gepeinigten Bevölkerungen und für die so vielen Flüchtlinge in den angrenzenden Ländern bereit zu stellen.

Wir bitten alle, die auf das Schicksal der Entführten, unter ihnen die Metropoliten von Aleppo Pavlos und Yohanna Ibrahim, die im April 2013 verschleppt wurden, Einfluss nehmen können, alles zu unternehmen, was für ihre rasche Befreiung nötig ist.

11. Flehen wir in unseren Gebeten zu Christus, dem Erlöser der Welt, um die Wiederherstellung des Friedens im Nahen Osten, der „das Werk der Gerechtigkeit“ (Jes 32,17) ist, auf dass sich das brüderliche Zusammenleben zwischen den verschiedenen Volksgruppen, Kirchen und Religionen dort intensiviere, auf dass die Flüchtlinge in ihre Häuser zurückkehren können, die Verletzten wieder genesen und die Seelen der unschuldig Getöteten die Ewige Ruhe finden.

Einen dringenden Appell richten wir an alle Parteien, die in die Konflikte verwickelt sein können, auf dass sie guten Willen zeigen und sich an den Verhandlungstisch setzen. Zugleich ist es nötig, dass die internationale Gemeinschaft alle möglichen Anstrengungen unternimmt, um dem Terrorismus mit Hilfe von gemeinsamen, vereinten und abgestimmten Aktionen ein Ende zu setzen. Wir rufen alle Länder auf, die in den Kampf gegen den Terrorismus involviert sind, in verantwortungsvoller und umsichtiger Weise zu handeln. Wir ermahnen alle Christen und alle Gottgläubigen, mit Inbrunst den sorgenden Schöpfer der Welt zu bitten, auf dass er seine Schöpfung vor der Vernichtung bewahre und keinen neuen Weltkrieg zulasse. Für einen dauerhaften und zuverlässigen Frieden sind besondere Bemühungen erforderlich, die darauf ausgerichtet sind, die gemeinsamen, uns verbindenden Werte wiederzuentdecken, die im Evangelium unseres Herrn Jesus Christus ihr Fundament haben.

12. Wir verbeugen uns vor dem Martyrium derjenigen, die auf Kosten ihres eigenen Lebens die Wahrheit des Evangeliums bezeugt haben und den Tod der Verleugnung des Glaubens an Christus vorgezogen haben. Wir glauben, dass diese Märtyrer unserer Zeit, die verschiedenen Kirchen angehören, aber im gemeinsamen Leiden geeint sind, ein Unterpfand der Einheit der Christen sind. An euch, die ihr für Christus leidet, richtet sich das Wort des Apostels: „Liebe Brüder! … Freut euch, dass ihr Anteil an den Leiden Christi habt; denn so könnt ihr auch bei der Offenbarung seiner Herrlichkeit voll Freude jubeln“ (1 Petr 4,12-13).

13. In dieser beunruhigenden Zeit ist der interreligiöse Dialog unerlässlich. Die Unterschiede im Verständnis der religiösen Wahrheiten dürfen die Menschen unterschiedlicher Glaubensüberzeugungen nicht davon abhalten, in Frieden und Eintracht zu leben. Unter den aktuellen Umständen haben die Leiter der Religionsgemeinschaften die besondere Verantwortung, ihre Gläubigen in einem respektvollen Geist gegenüber den Überzeugungen derer, die anderen religiösen Traditionen angehören, zu erziehen. Absolut inakzeptabel sind die Versuche, kriminelle Handlungen mit religiösen Slogans zu rechtfertigen. Kein Verbrechen kann im Namen Gottes begangen werden, „denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern ein Gott des Friedens“ (1 Kor 14,33).

14. Indem wir den hohen Wert der Religionsfreiheit bekräftigen, danken wir Gott für die noch nie dagewesene Erneuerung des christlichen Glaubens, die gerade in Russland und in vielen Ländern Osteuropas geschieht, wo über Jahrzehnte hinweg atheistische Regime vorgeherrscht haben. Heute sind die Ketten des militanten Atheismus zerbrochen, und die Christen können an vielen Orten ihren Glauben frei bekennen. In einem Vierteljahrhundert sind Zehntausende von neuen Kirchen gebaut sowie Hunderte von Klöstern und theologischen Schulen eröffnet worden. Die christlichen Gemeinschaften bringen eine wichtige karitative und soziale Aktivität voran, indem sie den Bedürftigen vielfältige Unterstützung bieten. Orthodoxe und Katholiken arbeiten oft Seite an Seite. Sie bestätigen die bestehenden gemeinsamen spirituellen Fundamente des menschlichen Zusammenlebens und bezeugen die Werte des Evangeliums.

15. Gleichzeitig sind wir über die Situation in vielen Ländern besorgt, in denen die Christen immer häufiger mit einer Einschränkung der religiösen Freiheit, des Rechts, die eigenen Überzeugungen zum Ausdruck zu bringen, und der Möglichkeit, ihnen entsprechend zu leben, konfrontiert sind. Besonders stellen wir fest, dass die Transformation einiger Länder in säkularisierte Gesellschaften, die jedem Bezug zu Gott und seiner Wahrheit fernstehen, eine schwere Bedrohung für die Religionsfreiheit darstellt. Quelle zur Beunruhigung ist für uns die gegenwärtige Beschränkung der Rechte der Christen, wenn nicht gar ihre Diskriminierung, wenn gewisse politische Kräfte, die durch die Ideologie eines oft sehr aggressiven Säkularismus geleitet werden, sie an den Rand des öffentlichen Lebens zu drängen versuchen.

16. Der Prozess der Integration Europas, der nach Jahrhunderten blutiger Konflikte begonnen wurde, ist von vielen mit Hoffnung aufgenommen worden, wie eine Garantie für Frieden und Sicherheit. Wir möchten allerdings dazu einladen, gegenüber einer Integration, die die religiöse Identität nicht achtet, wachsam zu sein. Auch wenn wir für den Beitrag anderer Religionen zu unserer Kultur offen sind, sind wir davon überzeugt, dass Europa seinen christlichen Wurzeln treu bleiben muss. Wir bitten die Christen Ost- und Westeuropas sich im gemeinsamen Zeugnis für Christus und das Evangelium zu vereinen, so dass Europa seine Seele bewahrt, die sich in zweitausend Jahren christlicher Tradition gebildet hat.

17. Unser Blick richtet sich auf die Menschen, die sich in großer Schwierigkeit befinden, die unter Bedingungen extremer Bedürftigkeit und Armut leben, während der materielle Reichtum der Menschheit zunimmt. Wir können nicht gleichgültig gegenüber dem Los von Millionen von Migranten und Flüchtlingen sein, die an die Tür der reichen Länder klopfen. Der zügellose Konsum, wie man ihn in einigen der am meisten entwickelten Länder antrifft, beginnt allmählich die Ressourcen unseres Planeten aufzubrauchen. Die wachsende Ungleichheit in der Verteilung der irdischen Güter erhöht den Eindruck von Ungerechtigkeit im Hinblick auf das sich ausgebildete System der internationalen Beziehungen.

18. Die christlichen Kirchen sind aufgerufen, die Erfordernisse der Gerechtigkeit, den Respekt vor den Traditionen der Völker und eine echte Solidarität mit allen Leidenden zu verteidigen. Wir Christen dürfen nicht vergessen, dass Gott das Törichte in der Welt erwählt hat, um die Weisen zuschanden zu machen. Das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen. Und das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt: das, was nichts ist, um das, was etwas ist, zu vernichten, damit kein Mensch sich rühmen kann vor Gott (vgl. 1 Kor 1,27-29).

19. Die Familie ist die natürliche Mitte des menschlichen Lebens und der Gesellschaft. Wir sind über die Krise der Familien in vielen Ländern besorgt. Orthodoxe und Katholiken teilen die gleiche Auffassung über die Familie. Sie sind aufgerufen zu bezeugen, dass sie ein Weg zur Heiligkeit darstellt, der in der Treue der Eheleute in ihren gegenseitigen Beziehungen, in ihrer Offenheit für den Nachwuchs und für die Erziehung der Kinder, in der Solidarität zwischen den Generationen und der Achtung der Schwächsten zum Ausdruck kommt.

20. Die Familie gründet sich auf der Ehe, dem Akt der freien und treuen Liebe eines Mannes und einer Frau. Die Liebe besiegelt ihre Verbindung und lehrt sie, sich gegenseitig als Geschenk anzunehmen. Die Ehe ist eine Schule der Liebe und der Treue. Wir bedauern, dass andere Formen des Zusammenlebens mittlerweile auf die gleiche Stufe dieser Verbindung gestellt werden, während die durch die biblische Tradition geheiligte Auffassung der Vaterschaft und der Mutterschaft als besondere Berufung des Mannes und der Frau in der Ehe aus dem öffentlichen Bewusstsein ausgeschlossen wird.

21. Wir bitten alle, das unveräußerliche Recht auf Leben zu respektieren. Millionen Kindern ist selbst die Möglichkeit versagt, zur Welt zu kommen. Das Blut der ungeborenen Kinder schreit zu Gott (vgl. Gen 4,10).

Die Entwicklung der sogenannten Euthanasie führt dazu, dass die alten Menschen und die Kranken beginnen, sich als eine übermäßige Last für ihre Familien und die Gesellschaft allgemein zu fühlen.

Wir sind auch besorgt über die Entwicklung der technischen Entwicklung der biomedizinischen Fortpflanzung, denn die Manipulierung des menschlichen Lebens ist ein Angriff auf die Grundlagen der Existenz des Menschen, der als Abbild Gottes erschaffen ist. Wir halten es für unsere Pflicht, an die Unveränderlichkeit der christlichen moralischen Grundsätze zu erinnern, die auf der Achtung der Würde des Menschen beruhen, der nach dem Plan Gottes ins Leben gerufen ist.

22. Heute möchten wir uns im Besonderen an die jungen Christen wenden. Ihr liebe Jugendliche, habt die Aufgabe, euer Talent nicht in der Erde zu verstecken (vgl. Mt 25,25), sondern alle Fähigkeiten, die Gott euch geschenkt hat, zu gebrauchen, um in der Welt die Wahrheiten Christi zu bekräftigen und in eurem Leben die im Evangelium verankerten Gebote der Gottes- und der Nächstenliebe zu verkörpern. Habt keine Angst, gegen den Strom zu schwimmen, wenn ihr die Wahrheit Gottes verteidigt, der sich die heutigen weltlichen Normen durchaus nicht immer angleichen.

23. Gott liebt euch und erwartet von jedem von euch, dass ihr seine Jünger und Apostel seid. Seid das Licht der Welt, damit die Menschen in eurer Umgebung eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen (vgl. Mt 5,14.16). Erzieht eure Kinder im christlichen Glauben, gebt die kostbare Perle des Glaubens (vgl. Mt 13,46), die ihr von euren Eltern und euren Vorfahren empfangen habt, an sie weiter. Erinnert euch daran: „Um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden“ (1 Kor 6,20), um den Preis des Kreuzestodes des Gottmenschen Jesus Christus.

24. Orthodoxe und Katholiken sind nicht nur durch die gemeinsame Tradition der Kirche des ersten Jahrtausends miteinander verbunden, sondern auch durch die Sendung, das Evangelium Christi in der Welt von heute zu verkünden. Diese Sendung beinhaltet die gegenseitige Achtung für die Mitglieder der christlichen Gemeinschaften und schließt jede Form von Proselytismus aus.

Wir sind nicht Konkurrenten, sondern Geschwister, und von dieser Vorstellung müssen alle unsere wechselseitigen Unternehmungen wie auch die gegenüber der Außenwelt geleitet sein. Wir fordern die Katholiken und die Orthodoxen aller Länder auf zu lernen, in Frieden, in der Liebe und in „Einmütigkeit“ (Röm 15,5) zusammenzuleben. So darf man nicht zulassen, dass unlautere Mittel eingesetzt werden, um die Gläubigen zum Übertritt von einer Kirche zur anderen zu bewegen, und so ihre Religionsfreiheit und ihre Traditionen verneint werden. Wir sind berufen, nach der Regel des Apostels Paulus zu handeln: Ich habe „darauf geachtet, das Evangelium nicht dort zu verkündigen, wo der Name Christi schon bekannt gemacht war, um nicht auf einem fremden Fundament zu bauen“ (Röm 15,20).

25. Wir hoffen, dass unsere Begegnung auch dort zur Versöhnung beitragen möge, wo Spannungen zwischen Griechisch-Katholischen und Orthodoxen bestehen. Heute ist klar, dass die Methode des „Uniatismus“ aus der Vergangenheit, der als Vereinigung einer Gemeinschaft mit der anderen durch ihre Loslösung von ihrer Kirche verstanden wurde, nicht eine Weise ist, die es ermöglicht, die Einheit wiederherzustellen. Dennoch haben die kirchlichen Gemeinschaften, die unter diesen historischen Umständen entstanden sind, das Recht zu existieren und alles zu unternehmen, was notwendig ist, um die geistlichen Ansprüche ihrer Gläubigen zu befriedigen, bei gleichzeitigem Bemühen, mit ihren Nachbarn in Frieden zu leben. Orthodoxe und Griechisch-Katholische haben es nötig, sich miteinander zu versöhnen und Formen des Zusammenlebens zu finden, die beiderseitig annehmbar sind.

26. Wir bedauern die Auseinandersetzung in der Ukraine, die bereits viele Opfer gefordert, unzählige Verwundungen bei den friedlichen Einwohnern verursacht und die Gesellschaft in eine schwere wirtschaftliche und humanitäre Krise geworfen hat. Wir laden alle Konfliktparteien zur Besonnenheit, zur sozialen Solidarität und zum Handeln ein, um den Frieden aufzubauen. Wir laden unsere Kirchen in der Ukraine ein zu arbeiten, um zur gesellschaftlichen Eintracht zu gelangen, sich einer Beteiligung an der Auseinandersetzung zu enthalten und nicht eine weitere Entwicklung des Konfliktes zu unterstützen.

27. Wir hoffen, dass die Kirchenspaltung unter den orthodoxen Gläubigen in der Ukraine auf der Grundlage der bestehenden kanonischen Regelungen überwunden werden kann, dass alle orthodoxen Christen der Ukraine in Frieden und Eintracht leben und dass die katholischen Gemeinschaften des Landes auch dazu beitragen, so dass unsere christliche Brüderlichkeit immer deutlicher sichtbar wird.

28. In der vielgestaltigen und doch durch eine gemeinsame Bestimmung vereinten Welt von heute sind Katholiken und Orthodoxe berufen, in der Verkündigung der Frohen Botschaft brüderlich zusammenzuarbeiten und gemeinsam die ethische Würde und die authentische Freiheit der Person zu bezeugen, „damit die Welt glaubt“ (Joh 17,21). Diese Welt, in der die geistigen Grundpfeiler des menschlichen Lebens in zunehmendem Maß verschwinden, erwartet von uns ein starkes christliches Zeugnis in allen Bereichen des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens. Von unserer Fähigkeit, in diesen schwierigen Zeiten gemeinsam Zeugnis zu geben für den Geist der Wahrheit, hängt zum großen Teil die Zukunft der Menschheit ab.

29. In diesem kühnen Zeugnis für die Wahrheit Gottes und die Frohe Botschaft möge uns der Gottmensch Jesus Christus, unser Herr und Erlöser, unterstützen, der uns geistig mit seiner untrüglichen Verheißung stärkt: „Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben.“ (Lk 12,32)!

Christus ist die Quelle von Freude und Hoffnung. Der Glaube an ihn verwandelt das menschliche Leben und erfüllt es mit Sinn. Davon haben sich durch die eigene Erfahrung alle überzeugen können, auf die man die Worte des Apostels Petrus beziehen kann: „Einst wart ihr nicht sein Volk, jetzt aber seid ihr Gottes Volk; einst gab es für euch kein Erbarmen, jetzt aber habt ihr Erbarmen gefunden“ (1 Petr 2,10).

30. Erfüllt von Dank für das Geschenk des gegenseitigen Verstehens, das während unserer Begegnung zum Ausdruck kam, schauen wir dankbar auf die Allerseligste Gottesmutter und rufen sie mit den Worten dieses alten Gebetes an: „Unter den Schutz und Schirm fliehen wir, o heilige Gottesmutter“. Möge die selige Jungfrau Maria durch ihre Fürbitte alle, die sie verehren, zur Brüderlichkeit ermutigen, damit sie zur von Gott bestimmten Zeit in Frieden und Eintracht in einem einzigen Gottesvolk vereint seien, zur Ehre der Allerheiligsten und unteilbaren Dreifaltigkeit!

Franziskus, Bischof von Rom, Papst der katholischen Kirche

Kyrill I., Patriarch von Moskau und dem ganzen Rus

12. Februar 2016, Havanna (Kuba)

Zusammengefasst: die gemeinsame katholisch-orthodoxe Erklärung

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Unter den Augen der Muttergottes von Kazan: Franziskus und Kyrill in Havanna

Die katholische und die russisch-orthodoxe Kirche wollen angesichts der Entwicklungen der zeitgenössischen Welt  in Zukunft stärker miteinander auftreten. Das ist die Essenz der gemeinsamen Erklärung, die Papst Franziskus und Patriarch Kyrill am Freitag in Havanna unterschrieben haben. Zum ersten Mal in der Kirchengeschichte trafen sich Oberhäupter der beiden Schwesterkirchen zu einem persönlichen Austausch, der zwei Stunden auf dem Flughafen von Havanna dauerte. Das dabei unterschriebene Grundlagendokument stellt erstmals eine Charta gemeinsamer Werte und Anliegen der katholischen und der russisch-orthodoxen Kirche vor, der zwei Drittel aller orthodoxen Gläubigen der Welt angehören.

Auch wenn „zahlreiche Hindernisse“ zwischen katholischer und russisch-orthodoxer Kirche andauern, drücken beide ihre Hoffnung auf eine Wiederherstellung der von Gott gewollten Einheit aus. Es folgt eine Reihe gemeinsamer Anliegen und Sorgen. Die erste ist die Christenverfolgung. Mit Blick auf Syrien und den Irak und den Terror des sogenannten „Islamischen Staates“, der in dem Dokument nicht genannt wird, rufen der Papst und der Patriarch „alle Länder auf, die in den Kampf gegen den Terrorismus involviert sind, in verantwortungsvoller und umsichtiger Weise zu handeln.“ Sie bekennen sich zum interreligiösen Dialog und weisen zugleich jeden Terror im Namen Gottes scharf zurück.

„Europa muss seinen christlichen Wurzeln treu bleiben“

Die Rede ist auch von den – mehrheitlich islamischen – Asylsuchenden in Europa. „Wir können nicht gleichgültig sein gegenüber dem Los von Millionen von Migranten und Flüchtlingen, die an die Tür der reichen Länder klopfen“, heißt es in der Erklärung. Allerdings warnen beide Kirchen gemeinsam vor einer „Integration, die die religiöse Identität nicht achtet“; damit ist die christliche Werteordnung Europas und ihre Bedrohung gemeint. „Auch wenn wir für den Beitrag anderer Religionen zu unserer Kultur offen sind, sind wir davon überzeugt, dass Europa seinen christlichen Wurzeln treu bleiben muss.“

Ehe ist zwischen Mann und Frau

Ein sorgenvoller Blick gilt auch verwandten Themen wie der Neudefinition von Familie. Orthodoxe und Katholiken teilten hier dieselbe Auffassung, heißt es in der gemeinsamen Erklärung: Die Familie gründe sich auf die Ehe zwischen Mann und Frau. „Wir bedauern, dass andere Formen des Zusammenlebens mittlerweile auf die gleiche Stufe dieser Verbindung gestellt werden, während die Auffassung der Vaterschaft und der Mutterschaft als besondere Berufung des Mannes und der Frau in der Ehe aus dem öffentlichen Bewusstsein ausgeschlossen wird.“ Bekräftigt wird auch das Nein zu Abtreibung, Euthanasie und künstlicher Fortpflanzung.

Dankbarkeit äußern der Papst und der Patriarch über die Erneuerung des Christentums in Russland und vielen Ländern Osteuropas, während sie mit Sorge auf säkularisierte Gesellschaften des Westens blicken: dortige Verwandlungsprozesse stellten eine „schwere Bedrohung für die Religionsfreiheit“ bis hin zur offenen Benachteiligung von Christen dar.

Nein zu Proselytismus, Ja zur Zusammenarbeit

Auf religiöser Ebene bekennen sich beide Kirchen dazu, keine Gläubigen der jeweils anderen Gemeinschaft abwerben zu wollen: „Wir sind nicht Konkurrenten, sondern Geschwister“. Überraschend offen werden auch die religiös-politischen Schwierigkeiten in der Ukraine angesprochen.

Katholiken und Orthodoxe seien dazu berufen, brüderlich zusammenzuarbeiten. „Von unserer Fähigkeit, in diesen schwierigen Zeiten gemeinsam Zeugnis zu geben für den Geist der Wahrheit, hängt zum großen Teil die Zukunft der Menschheit ab.“

(rv 12.02.2016 gs)