Im Wortlaut: Der Brief von Papst Franziskus an die Katholiken in Deutschland

Franziskus Papst 1

Papst Franziskus bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz am 8. November 2017. Foto: Daniel Ibanez / CNA Deutsch

CNA Deutsch dokumentiert den vollen Wortlaut des Briefs an das „pilgernde Volk Gottes in Deutschland“, wie ihn der Vatikan in deutscher Sprache veröffentlicht hat – mit kleinen Korrekturen einiger Rechtschreibfehler und Satzzeichen.

 

An das pilgernde Volk Gottes in Deutschland

Liebe Brüder und Schwestern,

Die Betrachtung der Lesungen der österlichen Festzeit aus der Apostelgeschichte hat mich bewegt, euch diesen Brief zu schreiben. In diesen Lesungen begegnen wir der allerersten apostolischen Gemeinde, die ganz von dem neuen Leben durchdrungen ist, das der Heilige Geist geschenkt hat, der gleichzeitig alle Umstände so gefügt hat, dass daraus gute Anlässe zur Verkündigung geworden sind. Die Jünger schienen damals alles verloren zu haben und am ersten Tag der Woche, zwischen Bitterkeit und Traurigkeit, hörten sie aus dem Munde einer Frau, dass der Herr lebe. Nichts und niemand konnte das Eindringen des Ostergeheimnisses in ihr Leben aufhalten und zugleich konnten die Jünger nicht begreifen, was ihre Augen geschaut und ihre Hände berührt haben (vgl. 1 Joh 1,1).

Angesichts dessen und mit der Überzeugung, dass der Herr «mit seiner Neuheit immer unser Leben und unsere Gemeinschaft erneuern kann»1, möchte ich Euch nahe sein und Eure Sorge um die Zukunft der Kirche in Deutschland teilen. Wir sind uns alle bewusst, dass wir nicht nur in einer Zeit der Veränderungen leben, sondern vielmehr in einer Zeitenwende, die neue und alte Fragen aufwirft, angesichts derer eine Auseinandersetzung berechtigt und notwendig ist. Die Sachlagen und Fragestellungen, die ich mit Euren Hirten anlässlich des letzten Ad-limina-Besuches besprechen konnte, finden sicherlich weiterhin Resonanz in Euren Gemeinden. Wie bei jener Gelegenheit, möchte ich euch meine Unterstützung anbieten, meine Nähe auf dem gemeinsamen Weg kundtun und zur Suche nach einer freimütigen Antwort auf die gegenwärtige Situation ermuntern.

Mit Dankbarkeit betrachte ich das feine Netzwerk von Gemeinden und Gemeinschaften, Pfarreien und Filialgemeinden, Schulen und Hochschulen, Krankenhäusern und anderen Sozialeinrichtungen, die im Laufe der Geschichte entstanden sind und von lebendigem Glauben Zeugnis ablegen, der sie über mehrere Generationen hinweg erhalten, gepflegt und belebt hat. Dieser Glaube ist durch Zeiten gegangen, die bestimmt waren von Leiden, Konfrontation und Trübsal, und zeichnet sich gleichzeitig durch Beständigkeit und Lebendigkeit aus; auch heute noch zeigt er sich in vielen Lebenszeugnissen und in Werken der Nächstenliebe reich an Frucht. Die katholischen Gemeinden in Deutschland in ihrer Diversität und Pluralität sind weltweit anerkannt für ihr Mitverantwortungsbewusstsein und ihre Großzügigkeit, die es verstanden hat, die Hand auszustrecken und die Umsetzung von Evangelisierungsprozessen in Regionen in benachteiligten Gegenden mit fehlenden Möglichkeiten zu erreichen und zu begleiten. Diese Großherzigkeit hat sich in der jüngeren Geschichte nicht nur in Form von ökonomischer und materieller Hilfe gezeigt, sondern auch dadurch, dass sie im Laufe der Jahre zahlreiche Charismen geteilt und Personal ausgesandt hat: Priester, Ordensfrauen und Ordensmänner sowie Laien, die ganz treu und unermüdlich ihren Dienst und ihre Mission unter oft sehr schwierigen Bedingungen erfüllt haben.2 Ihr habt der Weltkirche große heilige Männer und Frauen, große Theologen und Theologinnen sowie geistliche Hirten und Laien geschenkt, die ihren Beitrag für das Gelingen einer fruchtbaren Begegnung zwischen dem Evangelium und den Kulturen geleistet haben, hin auf neue Synthesen und fähig, das Beste aus beiden für zukünftige Generationen im gleichen Eifer der Anfänge zu erwecken.3 Dies ermöglichte bemerkenswerte Bemühungen, pastorale Antworten auf die Herausforderungen zu finden, die sich Euch gestellt haben.

Hingewiesen sei auch auf den von Euch eingeschlagenen ökumenischen Weg, dessen Früchte sich anlässlich des Gedenkjahres „500 Jahre Reformation“ gezeigt haben. Dieser Weg ermuntert zu weiteren Initiativen im Gebet sowie zum kulturellen Austausch und zu Werken der Nächstenliebe, die befähigen, die Vorurteile und Wunden der Vergangenheit zu überwinden, damit wir die Freude am Evangelium besser feiern und bezeugen können.

2. Heute indes stelle ich gemeinsam mit euch schmerzlich die zunehmende Erosion und den Verfall des Glaubens fest mit all dem, was dies nicht nur auf geistlicher, sondern auch auf sozialer und kultureller Ebene einschließt. Diese Situation lässt sich sichtbar feststellen, wie dies bereits Benedikt XVI. aufgezeigt hat, nicht nur «im Osten, wie wir wissen, wo ein Großteil der Bevölkerung nicht getauft ist und keinerlei Kontakt zur Kirche hat und oft Christus überhaupt nicht kennt»4, sondern sogar in sogenannten «traditionell katholischen Gebieten mit einem drastischen Rückgang der Besucher der Sonntagsmesse sowie beim Empfang der Sakramente»5. Es ist dies ein sicherlich facettenreicher und weder bald noch leicht zu lösender Rückgang. Er verlangt ein ernsthaftes und bewusstes Herangehen und fordert uns in diesem geschichtlichen Moment wie jenen Bettler heraus, wenn auch wir das Wort des Apostels hören: «Silber und Gold besitze ich nicht. Doch was ich habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi, des Nazoräers, geh umher!» (Apg 3,6).

3. Um dieser Situation zu begegnen, haben Eure Bischöfe einen synodalen Weg vorgeschlagen. Was dieser konkret bedeutet und wie er sich entwickelt, wird sicherlich noch tiefer in Betracht gezogen werden müssen. Meinerseits habe ich meine Betrachtungen zum Thema Synodalität anlässlich der Feier des 50-jährigen Bestehens der Bischofssynode dargelegt6. Es handelt sich im Kern um einen synodos, einen gemeinsamen Weg unter der Führung des Heiligen Geistes. Das aber bedeutet, sich gemeinsam auf den Weg zu begeben mit der ganzen Kirche unter dem Licht des Heiligen Geistes, unter seiner Führung und seinem Aufrütteln, um das Hinhören zu lernen und den immer neuen Horizont zu erkennen, den er uns schenken möchte. Denn die Synodalität setzt die Einwirkung des Heiligen Geistes voraus und bedarf ihrer.

Anlässlich der letzten Vollversammlung der italienischen Bischöfe hatte ich die Gelegenheit, diese für das Leben der Kirche zentrale Wirklichkeit nochmals in Erinnerung zu rufen, indem ich die doppelte Perspektive, die sie verfolgt, einbrachte: «Synodalität von unten nach oben, das bedeutet die Pflicht, für die Existenz und die ordnungsgemäßen Funktionsvorgänge der Diözese, der Räte, der Pfarrgemeinden, für die Beteiligung der Laien Sorge zu tragen… (vgl. cann. 469-494 CIC), angefangen bei der Diözese. So ist es nicht möglich eine große Synode zu halten, ohne die Basis in Betracht zu ziehen… Dann erst kommt die Synodalität von oben nach unten», die es erlaubt, in spezifischer und besonderer Weise die kollegiale Dimension des bischöflichen Dienstes und des Kirche-Seins zu leben7. Nur so gelangen wir in Fragen, die für den Glauben und das Leben der Kirche wesentlich sind, zu reifen Entscheidungen. Möglich sein wird das unter der Bedingung, dass wir uns auf den Weg machen, gerüstet mit Geduld und der demütigen und gesunden Überzeugung, dass es uns niemals gelingen wird, alle Fragen und Probleme gleichzeitig lösen zu können. Die Kirche ist und wird immer Pilgerin auf dem Weg der Geschichte sein; dabei ist sie Trägerin eines Schatzes in irdenen Gefäßen (vgl. 2 Kor 4,7). Das ruft uns in Erinnerung: In dieser Welt wird die Kirche nie vollkommen sein, während ihre Lebendigkeit und ihre Schönheit in jenem Schatz gründet, zu dessen Hüterin sie von Anfang an bestellt ist8.

Die aktuellen Herausforderungen sowie die Antworten, die wir geben, verlangen im Blick auf die Entwicklung eines gesunden aggiornamento «einen langen Reifungsprozess und die Zusammenarbeit eines ganzen Volkes über Jahre hinweg»9. Dies regt das Entstehen und Fortführen von Prozessen an, die uns als Volk Gottes aufbauen, statt nach unmittelbaren Ergebnissen mit voreiligen und medialen Folgen zu suchen, die flüchtig sind wegen mangelnder Vertiefung und Reifung oder weil sie nicht der Berufung entsprechen, die uns gegeben ist.

4. In diesem Sinne kann man bei aller ernsthaften und unvermeidlichen Reflexion leicht in subtile Versuchungen geraten, denen man, meines Erachtens, besondere Aufmerksamkeit schenken und deshalb Vorsicht walten lassen sollte, da sie uns, alles andere als hilfreich für einen gemeinsamen Weg, in vorgefassten Schemata und Mechanismen festhalten, die in einer Entfremdung oder einer Beschränkung unserer Mission enden. Mehr noch kommt als erschwerender Umstand hinzu: Wenn wir uns dieser Versuchungen nicht bewusst sind, enden wir leicht in einer komplizierten Reihe von Argumentationen, Analysen und Lösungen mit keiner anderen Wirkung, als uns von der wirklichen und täglichen Begegnung mit dem treuen Volk und dem Herrn fernzuhalten.

5. Die derzeitige Situation anzunehmen und sie zu ertragen, impliziert nicht Passivität oder Resignation und noch weniger Fahrlässigkeit; sie ist im Gegenteil eine Einladung, sich dem zu stellen, was in uns und in unseren Gemeinden abgestorben ist, was der Evangelisierung und der Heimsuchung durch den Herrn bedarf. Das aber verlangt Mut, denn, wessen wir bedürfen, ist viel mehr als ein struktureller, organisatorischer oder funktionaler Wandel.

Ich erinnere daran, was ich anlässlich der Begegnung mit euren Oberhirten im Jahre 2015 sagte, dass nämlich eine der ersten und größten Versuchungen im kirchlichen Bereich darin bestehe zu glauben, dass die Lösungen der derzeitigen und zukünftigen Probleme ausschließlich auf dem Wege der Reform von Strukturen, Organisationen und Verwaltung zu erreichen sei, dass diese aber schlussendlich in keiner Weise die vitalen Punkte berühren, die eigentlich der Aufmerksamkeit bedürfen. «Es handelt sich um eine Art neuen Pelagianismus, der dazu führt, unser Vertrauen auf die Verwaltung zu setzen, auf den perfekten Apparat. Eine übertriebene Zentralisierung kompliziert aber das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen (vgl. Evangelii gaudium , 32)»10.

Die Grundlage dieser Versuchung ist der Gedanke, die beste Antwort angesichts der vielen Probleme und Mängel bestehe in einem Reorganisieren der Dinge, in Veränderungen und in einem „Zurechtflicken“, um so das kirchliche Leben zu ordnen und glätten, indem man es der derzeitigen Logik oder jener einer bestimmten Gruppe anpasst. Auf einem solchen Weg scheinen alle Schwierigkeiten gelöst zu sein und scheinbar finden die Dinge wieder ihre Bahn, so das kirchliche Leben eine „ganz bestimmte“ neue oder alte Ordnung findet, die dann die Spannungen beendet, die unserem Mensch-Sein zu eigen sind und die das Evangelium hervorrufen will11.

Auf diese Weise wären Spannungen im kirchlichen Leben nur scheinbar zu beseitigen. Nur „in Ordnung und im Einklang“ sein zu wollen, würde mit der Zeit lediglich das Herz unseres Volkes einschläfern und zähmen und die lebendige Kraft des Evangeliums, die der Geist schenken möchte, verringern oder gar zum Schweigen bringen: «Das aber wäre die größte Sünde der Verweltlichung und verweltlichter Geisteshaltung gegen das Evangelium»12. So käme man vielleicht zu einem gut strukturierten und funktionierenden, ja sogar „modernisierten“ kirchlichen Organismus; er bliebe jedoch ohne Seele und ohne die Frische des Evangeliums. Wir würden lediglich ein „gasförmiges“, vages Christentum, aber ohne den notwendigen „Biss“ des Evangeliums, leben13. «Heute sind wir gerufen, Ungleichgewichte und Missverhältnisse zu bewältigen. Wir werden nicht in der Lage sein, irgendetwas Gutes zu tun, was dem Evangelium entspricht, wenn wir davor Angst haben»14. Wir dürfen nicht vergessen, dass es Spannungen und Ungleichgewichte gibt, die den Geschmack des Evangeliums haben, die beizubehalten sind, weil sie neues Leben verheißen.

6. Daher erscheint es mir wichtig, das nicht aus den Augen zu verlieren, was «die Kirche wiederholt gelehrt hat, dass wir nicht durch unsere Werke oder unsere Anstrengungen gerechtfertigt werden, sondern durch die Gnade des Herrn, der die Initiative ergreift»15. Ohne diesen Blick der göttlichen Tugenden laufen wir Gefahr, in den verschiedenen Erneuerungsbestrebungen das zu wiederholen, was heute die kirchliche Gemeinschaft daran hindert, die barmherzige Liebe Gottes zu verkündigen. Die Art und Weise der Annahme der derzeitigen Situation wird bestimmend sein für die Früchte, die sich daraus entwickeln werden. Darum appelliere ich, dass dies unter dem Blickwinkel der göttlichen Tugenden geschehen soll. Das Evangelium der Gnade mit der Heimsuchung des Heiligen Geistes sei das Licht und der Führer, damit ihr euch diesen Herausforderungen stellen könnt. Sooft eine kirchliche Gemeinschaft versucht hat, alleine aus ihren Problemen herauszukommen, und lediglich auf die eigenen Kräfte, die eigenen Methoden und die eigene Intelligenz vertraute, endete das darin, die Übel, die man überwinden wollte, noch zu vermehren und aufrechtzuerhalten. Die Vergebung und das Heil sind nicht etwas, das wir erkaufen müssen, «oder was wir durch unsere Werke oder unsere Bemühungen erwerben müssen. Er vergibt und befreit uns unentgeltlich. Seine Hingabe am Kreuz ist etwas so Großes, dass wir es weder bezahlen können noch sollen, wir können dieses Geschenk nur mit größter Dankbarkeit entgegennehmen, voll Freude, so geliebt zu werden, noch bevor wir überhaupt daran denken»16.

Das gegenwärtige Bild der Lage erlaubt uns nicht, den Blick dafür zu verlieren, dass unsere Sendung sich nicht an Prognosen, Berechnungen oder ermutigenden oder entmutigenden Umfragen festmacht, und zwar weder auf kirchlicher, noch auf politischer, ökonomischer oder sozialer Ebene und ebenso wenig an erfolgreichen Ergebnissen unserer Pastoralplanungen17. Alles das ist von Bedeutung, auch diese Dinge zu werten, hinzuhören, auszuwerten und zu beachten; in sich jedoch erschöpft sich darin nicht unser Gläubig-Sein. Unsere Sendung und unser Daseinsgrund wurzelt darin, dass «Gott die Welt so sehr geliebt hat, dass er seinen einzigen Sohn dahingab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben» (Joh 3,16). «Ohne neues Leben und echten, vom Evangelium inspirierten Geist, ohne „Treue der Kirche gegenüber ihrer eigenen Berufung“ wird jegliche neue Struktur in kurzer Zeit verderben»18. Deshalb kann der bevorstehende Wandlungsprozess nicht ausschließlich reagierend auf äußere Fakten und Notwendigkeiten antworten, wie es zum Beispiel der starke Rückgang der Geburtenzahl und die Überalterung der Gemeinden sind, die nicht erlauben, einen normalen Generationen-wechsel ins Auge zu fassen. Objektive und gültige Ursachen würden jedoch, werden sie isoliert vom Geheimnis der Kirche betrachtet, eine lediglich reaktive Haltung – sowohl positiv wie negativ – begünstigen und anregen. Ein wahrer Wandlungsprozess beantwortet, stellt aber zugleich auch Anforderungen, die unserem Christ-Sein und der ureigenen Dynamik der Evangelisierung der Kirche entspringen; ein solcher Prozess verlangt eine pastorale Bekehrung. Wir werden aufgefordert, eine Haltung einzunehmen, die darauf abzielt, das Evangelium zu leben und transparent zu machen, indem sie mit «dem grauen Pragmatismus des täglichen Lebens der Kirche bricht, in dem anscheinend alles normal abläuft, aber in Wirklichkeit der Glaube nachlässt und ins Schäbige absinkt»19. Pastorale Bekehrung ruft uns in Erinnerung, dass die Evangelisierung unser Leitkriterium schlechthin sein muss, unter dem wir alle Schritte erkennen können, die wir als kirchliche Gemeinschaft gerufen sind in Gang zu setzen gerufen sind; Evangelisieren bildet die eigentliche und wesentliche Sendung der Kirche20.

7. Deshalb ist es, wie Eure Bischöfe bereits betont haben, notwendig, den Primat der Evangelisierung zurückzugewinnen, um die Zukunft mit Vertrauen und Hoffnung in den Blick zu nehmen, denn «die Kirche, Trägerin der Evangelisierung, beginnt damit, sich selbst zu evangelisieren. Als Gemeinschaft von Gläubigen, als Gemeinschaft gelebter und gepredigter Hoffnung, als Gemeinschaft brüderlicher Liebe muss die Kirche unablässig selbst vernehmen, was sie glauben muss, welches die Gründe ihrer Hoffnung sind und was das neue Gebot der Liebe ist»21.

Die so gelebte Evangelisierung ist keine Taktik kirchlicher Neupositionierung in der Welt von heute, oder kein Akt der Eroberung, der Dominanz oder territorialen Erweiterung; sie ist keine „Retusche“, die die Kirche an den Zeitgeist anpasst, sie aber ihre Originalität und ihre prophetische Sendung verlieren lässt. Auch bedeutet Evangelisierung nicht den Versuch, Gewohnheiten und Praktiken zurückzugewinnen, die in anderen kulturellen Zusammenhängen einen Sinn ergaben. Nein, die Evangelisierung ist ein Weg der Jüngerschaft in Antwort auf die Liebe zu Dem, der uns zuerst geliebt hat (vgl. 1 Joh 4,19); ein Weg also, der einen Glauben ermöglicht, der mit Freude gelebt, erfahren, gefeiert und bezeugt wird. Die Evangelisierung führt uns dazu, die Freude am Evangelium wiederzugewinnen, die Freude, Christen zu sein. Es gibt ganz sicher harte Momente und Zeiten des Kreuzes; nichts aber kann die übernatürliche Freude zerstören, die es versteht sich anzupassen, sich zu wandeln und die immer bleibt, wie ein wenn auch leichtes Aufstrahlen von Licht, das aus der persönlichen Sicherheit hervorgeht, unendlich geliebt zu sein, über alles andere hinaus. Die Evangelisierung bringt innere Sicherheit hervor, «eine hoffnungsfrohe Gelassenheit, die eine geistliche Zufriedenheit schenkt, die für weltliche Maßstäbe unverständlich ist»22. Verstimmung, Apathie, Bitterkeit, Kritiksucht sowie Traurigkeit sind keine guten Zeichen oder Ratgeber; vielmehr gibt es Zeiten in denen «die Traurigkeit mitunter mit Undankbarkeit zu tun hat: Man ist so in sich selbst verschlossen, dass man unfähig wird, die Geschenke Gottes anzuerkennen»23.

8. Deshalb muss unser Hauptaugenmerk sein, wie wir diese Freude mitteilen: indem wir uns öffnen und hinausgehen, um unseren Brüdern und Schwestern zu begegnen, besonders jenen, die an den Schwellen unserer Kirchentüren, auf den Straßen, in den Gefängnissen, in den Krankenhäusern, auf den Plätzen und in den Städten zu finden sind. Der Herr drückte sich klar aus: «Sucht aber zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit; dann wird euch alles andere dazugegeben» (Mt 6,33). Das bedeutet hinauszugehen, um mit dem Geist Christi alle Wirklichkeiten dieser Erde zu salben, an ihren vielfältigen Scheidewegen, ganz besonders dort, «wo die neuen Geschichten und Paradigmen entstehen, um mit dem Wort Jesu den innersten Kern der Seele der Städte zu erreichen»24. Das bedeutet mitzuhelfen, dass das Leiden Christi wirklich und konkret jenes vielfältige Leiden und jene Situationen berühren kann, in denen sein Angesicht weiterhin unter Sünde und Ungleichheit leidet. Möge dieses Leiden den alten und neuen Formen der Sklaverei, welche Männer und Frauen gleichermaßen verletzen, die Maske herunterreißen, besonders heute, da wir immer neu ausländerfeindlichen Reden gegenüberstehen, die eine Kultur fördern, die als Grundlage die Gleichgültigkeit, die Verschlossenheit sowie den Individualismus und die Ausweisung hat. Und es sei im Gegenzug das Leiden Christi, das in unseren Gemeinden und Gemeinschaften, besonders unter den jüngeren Menschen, die Leidenschaft für sein Reich erwecke!

Das fordert von uns, «einen geistlichen Wohlgefallen daran zu finden, nahe am Leben der Menschen zu sein, bis zu dem Punkt, dass man entdeckt, dass dies eine Quelle höherer Freude ist. Die Mission ist eine Leidenschaft für Jesus, zugleich aber eine Leidenschaft für sein Volk»25.

So müssten wir uns also fragen, was der Geist heute der Kirche sagt (vgl. Offb 2,7), um die Zeichen der Zeit zu erkennen26, was nicht gleichbedeutend ist mit einem bloßen Anpassen an den Zeitgeist (vgl. Röm 12,2). Alle Bemühungen des Hörens, des Beratens und der Unterscheidung zielen darauf ab, dass die Kirche im Verkünden der Freude des Evangeliums, der Grundlage, auf der alle Fragen Licht und Antwort finden können, täglich treuer, verfügbarer, gewandter und transparenter wird27. «Die Herausforderungen existieren, um überwunden zu werden. Seien wir realistisch, doch ohne die Heiterkeit, den Wagemut und die hoffnungsvolle Hingabe zu verlieren! Lassen wir uns die missionarische Kraft nicht nehmen!»28.

9. Das Zweite Vatikanische Konzil war ein wichtiger Schritt für die Heranbildung des Bewusstseins, das die Kirche sowohl über sich selbst als auch über ihre Mission in der heutigen Welt hat. Dieser Weg, der vor über fünfzig Jahren begann, spornt uns weiterhin zu seiner Rezeption und Weiterentwicklung an und ist jedenfalls noch nicht an seinem Ende angelangt, insbesondere bezüglich der Synodalität, die berufen ist, sich auf den verschiedenen Ebenen des kirchlichen Lebens zu entfalten (Pfarrei, Diözesen, auf nationaler Ebene, in der Weltkirche sowie in den verschiedenen Kongregationen und Gemeinschaften). Es ist Aufgabe dieses Prozesses, gerade in diesen Zeiten starker Fragmentierung und Polarisierung sicherzustellen, dass der Sensus Ecclesiae auch tatsächlich in jeder Entscheidung lebt, die wir treffen, und der alle Ebenen nährt und durchdringt. Es geht um das Leben und das Empfinden mit der Kirche und in der Kirche, das uns in nicht wenigen Situationen auch Leiden in der Kirche und an der Kirche verursachen wird. Die Weltkirche lebt in und aus den Teilkirchen29, so wie die Teilkirchen in und aus der Weltkirche leben und erblühen; falls sie von der Weltkirche getrennt wären, würden sie sich schwächen, verderben und sterben. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, die Gemeinschaft mit dem ganzen Leib der Kirche immer lebendig und wirksam zu erhalten. Das hilft uns, die Angst zu überwinden, die uns in uns selbst und in unseren Besonderheiten isoliert, damit wir demjenigen in die Augen schauen und zuhören oder damit wir auf Bedürfnisse verzichten können und so denjenigen zu begleiten vermögen, der am Straßenrand liegen geblieben ist. Manchmal kann sich diese Haltung in einer minimalen Geste zeigen, wie jene des Vaters des Verlorenen Sohnes, der die Türen offen hält, so dass der Sohn, wenn er zurückkehrt, ohne Schwierigkeiten eintreten kann30. Das bedeutet nicht, nicht zu gehen, nicht voranzuschreiten, nichts zu ändern und vielleicht nicht einmal zu debattieren und zu widersprechen, sondern es ist einfach die Folge des Wissens, dass wir wesentlich Teil eines größeren Leibes sind, der uns beansprucht, der auf uns wartet und uns braucht, und den auch wir beanspruchen, erwarten und brauchen. Es ist die Freude, sich als Teil des heiligen und geduldigen treuen Volkes Gottes zu fühlen.

Die anstehenden Herausforderungen, die verschiedenen Themen und Fragestellungen können nicht ignoriert oder verschleiert werden; man muss sich ihnen stellen, wobei darauf zu achten ist, dass wir uns nicht in ihnen verstricken und den Weitblick verlieren, der Horizont sich dabei begrenzt und die Wirklichkeit zerbröckelt. «Wenn wir im Auf und Ab der Konflikte verharren, verlieren wir den Sinn für die tiefe Einheit der Wirklichkeit»31. In diesem Sinne schenkt uns der Sensus Ecclesiae diesen weiten Horizont der Möglichkeit, aus dem heraus versucht werden kann, auf die dringenden Fragen zu antworten. Der Sensus Ecclesiae erinnert uns zugleich an die Schönheit des vielgestaltigen Angesichts der Kirche32. Dieses Gesicht ist vielfältig, nicht nur aus einer räumlichen Perspektive heraus, in ihren Völkern, Rassen und Kulturen33, sondern auch aus ihrer zeitlichen Wirklichkeit heraus, die es uns erlaubt, in die Quellen der lebendigsten und vollsten Tradition einzutauchen. Ihrerseits ist diese Tradition berufen, das Feuer am Leben zu erhalten, statt lediglich die Asche zu bewahren34. Sie erlaubt es allen Generationen, die erste Liebe mit Hilfe des Heiligen Geistes wieder zu entzünden.

Der Sensus Ecclesiae befreit uns von Eigenbrötelei und ideologischen Tendenzen, um uns einen Geschmack dieser Gewissheit des Zweiten Vatikanischen Konzils zu geben, als es bekräftigte, dass die Salbung des Heiligen (vgl. 1 Joh 2,20. 27) zur Gesamtheit der Gläubigen gehört35. Die Gemeinschaft mit dem heiligen und treuen Volk Gottes, dem Träger der Salbung, hält die Hoffnung und die Gewissheit am Leben, dass der Herr an unserer Seite wandelt und dass er es ist, der unsere Schritte stützt. Ein gesundes gemeinsames Auf-dem-Weg-Sein muss diese Überzeugung durchscheinen lassen in der Suche nach Mechanismen, durch die alle Stimmen, insbesondere die der Einfachen und Kleinen, Raum und Gehör finden. Die Salbung des Heiligen, die über den ganzen kirchlichen Leib ausgegossen wurde, «verteilt besondere Gnaden unter den Gläubigen eines jeden Standes und jeder Lebensbedingung und verteilt seine Gaben an jeden nach seinem Willen (1 Kor 12,11). Durch diese macht er sie geeignet und bereit, für die Erneuerung und den vollen Aufbau der Kirche verschiedene Werke und Dienste zu übernehmen gemäß dem Wort: «Jedem wird der Erweis des Geistes zum Nutzen gegeben (1 Kor 12,7)»36. Dies hilft uns, auf diese alte und immer neue Versuchung der Förderer des Gnostizismus zu achten, die, um sich einen eigenen Namen zu machen und den Ruf ihrer Lehre und ihren Ruhm zu mehren, versucht haben, etwas immer Neues und Anderes zu sagen als das, was das Wort Gottes ihnen geschenkt hat. Es ist das, was der heilige Johannes mit dem Terminus proagon beschreibt (2 Joh 9); gemeint ist damit derjenige, der voraus sein will, der Fortgeschrittene, der vorgibt über das „kirchliche Wir“ hinauszugehen, das jedoch vor den Exzessen bewahrt, die die Gemeinschaft bedrohen37.

10. Deshalb achtet aufmerksam auf jede Versuchung, die dazu führt, das Volk Gottes auf eine erleuchtete Gruppe reduzieren zu wollen, die nicht erlaubt, die unscheinbare, zerstreute Heiligkeit zu sehen, sich an ihr zu freuen und dafür zu danken. Diese Heiligkeit, die da lebt «im geduldigen Volk Gottes: in den Eltern, die ihre Kinder mit so viel Liebe erziehen, in den Männern und Frauen, die arbeiten, um das tägliche Brot nach Hause zu bringen, in den Kranken, in den älteren Ordensfrauen, die weiter lächeln. In dieser Beständigkeit eines tagtäglichen Voranschreitens sehe ich die Heiligkeit der streitenden Kirche. Oft ist das die Heiligkeit „von nebenan“, derer, die in unserer Nähe wohnen und die ein Widerschein der Gegenwart Gottes sind»38. Das ist die Heiligkeit, die die Kirche vor jeder ideologischen, pseudo-wissenschaftlichen und manipulativen Reduktion schützt und immer bewahrt hat. Diese Heiligkeit regt uns an, erinnert daran und lädt ein, diesen marianischen Stil im missionarischen Wirken der Kirche zu entwickeln, die so in der Lage ist, Gerechtigkeit mit Barmherzigkeit, Kontemplation mit Aktion und Zärtlichkeit mit Überzeugung auszudrücken. «Denn jedes Mal, wenn wir auf Maria schauen, glauben wir wieder an das Revolutionäre der Zärtlichkeit und der Liebe. An ihr sehen wir, dass die Demut und die Zärtlichkeit nicht Tugenden der Schwachen, sondern der Starken sind, die nicht andere schlecht zu behandeln brauchen, um sich wichtig zu fühlen»39.

In meinem Heimatland gibt es ein zum Nachdenken anregendes und kraftvolles Sprichwort, das das erhellen kann: «Vereint seien die Brüder, denn das ist das erste Gesetz; sie mögen die Einheit wahren zu jeder Zeit, denn wenn sie untereinander kämpfen, werden sie von den Außenstehenden verschlungen»40. Brüder und Schwestern, haben wir Sorge füreinander! Achten wir auf die Versuchung durch den Vater der Lüge und der Trennung, den Meister der Spaltung, der beim Antreiben der Suche nach einem scheinbaren Gut oder einer Antwort auf eine bestimmte Situation letztendlich den Leib des heiligen und treuen Volkes Gottes zerstückelt! Begeben wir uns als apostolische Körper gemeinsam auf den Weg und hören wir einander unter der Führung des Heiligen Geistes – auch wenn wir nicht in gleicher Weise denken – aus der weisen Überzeugung heraus, dass «die Kirche im Gang der Jahrhunderte ständig der Fülle der göttlichen Wahrheit entgegenstrebt, bis an ihr sich Gottes Worte erfüllen»41.

11. Die synodale Sichtweise hebt weder Gegensätze oder Verwirrungen auf, noch werden durch sie Konflikte den Beschlüssen eines „guten Konsenses“, die den Glauben kompromittieren, den Ergebnissen von Volkszählungen oder Erhebungen, die sich zu diesem oder jenem Thema ergeben, untergeordnet. Das wäre sehr einschränkend. Mit dem Hintergrund und der Zentralität der Evangelisierung und dem Sensus Ecclesiae als bestimmende Elemente unserer kirchlichen DNA beansprucht die Synodalität bewusst eine Art und Weise des Kirche-Seins anzunehmen, bei dem «das Ganze mehr ist als der Teil, und es ist auch mehr als ihre einfache Summe. Man darf sich also nicht zu sehr in Fragen verbeißen, die begrenzte Sondersituationen betreffen, sondern muss immer den Blick weiten, um ein größeres Gut zu erkennen, das uns allen Nutzen bringt. Das darf allerdings nicht den Charakter einer Flucht oder einer Entwurzelung haben. Es ist notwendig, die Wurzeln in den fruchtbaren Boden zu senken und in die Geschichte des eigenen Ortes, die ein Geschenk Gottes ist. Man arbeitet im Kleinen, mit dem, was in der Nähe ist, jedoch mit einer weiteren Perspektive».

12. Dies verlangt vom ganzen Volk Gottes und besonders von ihren Hirten eine Haltung der Wachsamkeit und der Bekehrung, die es ermöglicht, das Leben und die Wirksamkeit dieser Wirklichkeiten zu erhalten. Die Wachsamkeit und die Bekehrung sind Gaben, die nur der Herr uns schenken kann. Uns muss es genügen, durch Gebet und Fasten um seine Gnade zu bitten. Immer hat es mich beeindruckt, wie der Herr während seines irdischen Lebens, insbesondere in den Augenblicken großer Entscheidungen, in besonderer Weise versucht wurde. Gebet und Fasten hatten eine besondere und bestimmende Bedeutung für sein gesamtes nachfolgendes Handeln (vgl. Mt 4,1-11). Auch die Synodalität kann sich dieser Logik nicht entziehen und muss immer von der Gnade der Umkehr begleitet sein, damit unser persönliches und gemeinschaftliches Handeln sich immer mehr der Kenosis Christi angleichen und sie darstellen kann (vgl. Phil 2,1-11). Als Leib Christi sprechen, handeln und antworten, bedeutet auch, in der Art und Weise Christi mit den gleichen Haltungen, mit derselben Umsicht und denselben Prioritäten zu sprechen und zu handeln. Dem Beispiel des Meisters folgend, der «sich selbst entäußerte, und wie ein Sklave wurde» (Phil 2,7), befreit uns die Gnade der Bekehrung deshalb von falschen und sterilen Protagonismen. Sie befreit uns von der Versuchung, in geschützten und bequemen Positionen zu verharren, und lädt uns ein, an die Ränder zu gehen, um uns selbst zu finden und besser auf den Herrn zu hören.

Diese Haltung der Entäußerung erlaubt es uns auch, die kreative und immer reiche Kraft der Hoffnung zu erfahren, die aus der Armut des Evangeliums geboren wurde, zu der wir berufen sind; sie macht uns frei zur Evangelisierung und zum Zeugnis. So erlauben wir dem Geist, unser Leben zu erfrischen und zu erneuern, indem er es von Sklaverei, Trägheit und nebensächlichem Komfort befreit, die uns daran hindern, hinauszugehen und, vor allem, anzubeten. Denn in der Anbetung erfüllt der Mensch seine höchste Pflicht und sie erlaubt ihm, einen Blick auf die kommende Klarheit zu werfen, die uns hilft, die neue Schöpfung zu verkosten43.

Ohne diese Perspektive laufen wir Gefahr, von uns selbst oder vom Wunsch nach Selbstrechtfertigung und Selbsterhaltung auszugehen, was zu Veränderungen und Regelungen führt, die auf halbem Weg stecken bleiben. Weit davon entfernt, die Probleme zu lösen, endet das darin, dass wir uns in einer endlosen Spirale verfangen, und damit die schönste, befreiende und verheißungsvolle Verkündigung erstickt und abtötet, die wir haben und die unserer Existenz einen Sinn gibt: Jesus Christus ist der Herr! Wir bedürfen des Gebetes, der Buße und der Anbetung, die es uns ermöglichen, mit dem Zöllner zu sprechen: «Gott, sei mir Sünder gnädig!» (Lk 18,13), nicht in heuchlerischer, infantiler oder kleinmütiger Weise, sondern mit dem Mut, die Tür zu öffnen und das zu sehen, was normalerweise durch Oberflächlichkeit, durch die Kultur des Wohlbefindens und des Augenscheins verdeckt bleibt44.

Im Grunde genommen ermöglichen uns diese Geisteshaltungen – wahre geistliche Heilmittel (Gebet, Buße und Anbetung) –, noch einmal zu erfahren, dass Christ-Sein bedeutet, sich selig und gesegnet und somit Träger der Glückseligkeit für die anderen zu wissen. Christ-Sein bedeutet, der Kirche der Seligpreisungen für die Seliggepriesenen von heute anzugehören: die Armen, die Hungrigen, die Weinenden, die Gehassten, die Ausgeschlossenen und die Beschimpften (vgl. Lk 6,20-23). Vergessen wir nicht: «In den Seligpreisungen zeigt der Herr uns den Weg. Wenn wir den Weg der Seligpreisungen gehen, können wir zum wahrsten menschlichen und göttlichen Glück gelangen. Die Seligpreisungen sind der Spiegel, der uns mit einem Blick darauf kundtut, ob wir auf einem richtigen Weg gehen: Dieser Spiegel lügt nicht»45!

13. Liebe Brüder und Schwestern, ich weiß um eure Standfestigkeit und mir ist bekannt, was ihr für den Namen des Herrn durchgestanden und erduldet habt; ich weiß auch um eurem Wunsch und eurer Verlangen, die erste Liebe in der Kirche mit der Kraft des Geistes wiederzubeleben (vgl. Offb 2,1-5). Dieser Geist, der das gebrochene Schilfrohr nicht zerbricht und den glimmenden Docht nicht auslöscht (vgl. Jes 42,3), nähre und belebe das Gute, das euer Volk auszeichnet, und lasse es erblühen! Ich möchte euch zur Seite stehen und euch begleiten in der Gewissheit, dass, wenn der Herr uns für würdig hält, diese Stunde zu leben, Er das nicht getan hat, um uns angesichts der Herausforderungen zu beschämen oder zu lähmen. Vielmehr will er, dass Sein Wort einmal mehr unser Herz herausfordert und entzündet, wie Er es bei euren Vätern getan hat, damit eure Söhne und Töchter Visionen und eure Alten wieder prophetische Träume empfangen (vgl. Joel 3,1). Seine Liebe «erlaubt uns, das Haupt zu erheben und neu zu beginnen. Fliehen wir nicht vor der Auferstehung Jesu, geben wir uns niemals geschlagen, was auch immer geschehen mag. Nichts soll stärker sein als sein Leben, das uns vorantreibt!»46.

Und so bitte ich Euch, betet für mich!

Vatikan, den 29. Juni 2019

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1 Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium , 11.
2 Vgl. Benedikt XVI., Begegnung mit den Deutschen Bischöfen in Köln, XX. Weltjugendtag (21. August 2005).
3 Vgl. II. Vat. Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 58.
Nächstenliebe, die befähigen, die Vorurteile und Wunden der Vergangenheit zu überwinden, damit wir die Freude am Evangelium besser feiern und bezeugen können.
4 Benedikt XVI., Begegnung mit den Deutschen Bischöfen in Köln, XX. Weltjugendtag (21. August 2005).
5 Franziskus, Ad limina Besuch der Deutschen Bischöfe (20. November 2015).
6 Vgl. Franziskus, Apostolische Konstitution Episcopalis communio (15. September 2018).
Einwirkung des Heiligen Geistes voraus und bedarf ihrer.
7 Vgl. II. Vat. Konzil, Dogm. Konst. über die Kirche Lumen gentium, 23; Konzilsdekret über den Dienst der Bischöfe Christus Dominus, 3. Mit einem Zitat der Internationalen Theologenkommission aus deren jüngstem Dokument Die Synodalität im Leben und in der Sendung der Kirche, sagte ich den italienischen Bischöfen: «Die Kollegialität ist deshalb die spezifische Form in der die kirchliche Synodalität zum Ausdruck kommt; sie verwirklicht sich durch den Dienst der Bischöfe auf der Ebene der communio unter den Teilkirchen einer Region und durch die communio unter allen Teilkirchen in der Weltkirche. Ein jeder authentischer Ausdruck der Synodalität verlangt wesensmäßig den kollegialen Dienst der Bischöfe», cf. Ansprache an die Italienische Bischofskonferenz (20. Mai 2019).
8 Vgl. II. Vat. Konzil, Dogmat. Konst. über die Kirche Lumen gentium, 8.
9 Yves Congar, Vera e falsa riforma nella Chiesa, 259.
10 Franziskus, Ansprache an die Deutsche Bischofkonferenz (20. November 2015).
11 Schlussendlich ist es die Logik eines technokratischen Denkens, das sich allen Entscheidungen, Beziehungen und Nuancen unseres Lebens aufnötigt (vgl. Franziskus, Enzyklika Laudato si, 106-114). Deshalb beeinflusst eine solche Logik auch unser Denken und Fühlen und unsere Art und Weise, Gott und den Nächsten zu lieben.
12 Franziskus, Diözesanversammlung des Bistums Rom (9. Mai 2019).
13 Vgl. Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium , 97: «Gott befreie uns von einer weltlichen Kirche unter spirituellen oder pastoralen Drapierungen! Diese erstickende Weltlichkeit erfährt Heilung, wenn man die reine Luft des Heiligen Geistes kostet, der uns davon befreit, um uns selbst zu kreisen, verborgen in einem religiösen Anschein über gottloser Leere. Lassen wir uns das Evangelium nicht nehmen!».
14 Franziskus, Diözesanversammlung des Bistums Rom (9. Mai 2019).
15 Franziskus, Apostolisches Schreiben Gaudete et exsultate, 52.
16 Franziskus, Nachtsynodales Apostolisches Schreiben Christus vivit, 121.
17 Eine Haltung, die entweder einen Geist des uneingeschränkten Verlangens nach Erfolg entfacht im Falle günstigen Windes oder eine Opferhaltung hervorbringt, wenn „es gilt, gegen den Wind zu rudern“. Diese Denkweisen sind dem Geist des Evangeliums fremd und lassen eine elitäre Glaubenspraxis durchscheinen. Weder das eine, noch das andere; der Christ lebt aus der Danksagung.
18 Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium , 26.
19 Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium , 83.
20 Vgl. Paul VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi, 14.
21 Ebd, 15.
22 Vgl. Franziskus, Apostolisches Schreiben Gaudete et exsultate, 125.
23 Ebd, 126.
24 Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium , 74.
25 Ebd, 268.
26 Vgl. II. Vat. Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 4; 11.
27 Vgl. Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium , 28.
28 Ebd, 109.
29 Vgl. II. Vat. Konzil, Dogm. Konst. über die Kirche Lumen gentium, 23.
30 Vgl. Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium , 46.
31 Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium , 226.
32 Vgl. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Novo millennio ineunte, 40.
33 Vgl. II. Vat. Konzil, Dogmat. Konst. über die Kirche Lumen gentium, 13.
34 Gustav Mahler: „die Tradition ist die Gewähr für die Zukunft und nicht die Hüterin der Asche“.
35 Vgl. II. Vat. Konzil, Dogmat. Konst. über die Kirche Lumen gentium, 12.
36 Vgl. II. Vat. Konzil, Dogmat. Konst. über die Kirche Lumen gentium, 12.
37 Vgl. Joseph Ratzinger, Der Gott Jesu Christi, München 1976, 104-105.
38 Franziskus, Apostolisches Schreiben Gaudete et exsultate, 7.
Zärtlichkeit nicht Tugenden der Schwachen, sondern der Starken sind, die nicht andere schlecht zu behandeln brauchen, um sich wichtig zu fühlen».
39 Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium , 288.
40 José Hernandez, Martín Fierro, secunda parte, Decimoséptima sextina.
41 II. Vat. Konzil, Dogm. Konst. über die göttliche Offenbarung Dei Verbum, 8.
42 Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium , 235.
43 Vgl. Romano Guardini, Pequeña Suma Teológica, Madrid 1963, 27-33
44 Vgl. J. M. Bergoglio, Sobre la acusación de sí, 2.
der Spiegel, der uns mit einem Blick darauf kundtut, ob wir auf einem richtigen Weg gehen: Dieser Spiegellügt nicht»
45 Franziskus Ansprache vor dem 5. Nationalen Kongress der Kirche in Italien, Florenz, 10. November 2015.
46 Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium , 3.

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Quelle

 

Eine Tragödie für die Kirche: der Verlust des Bußsakraments

„Einer der tragischsten Verluste, den unsere Kirche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlitten hat, ist der Verlust des Heiligen Geistes im Bußsakrament.“ Vortrag von Kardinal Joachim Meisner, Erzbischof von Köln, zum Thema „Umkehr und Mission.“

Ein Beitrag von Kardinal Joachim Meisner

Kardinal Joachim Meisner beim internationalen Priestertreffen zum Abschluß des Priesterjahres in der Basilika St. Paul vor den Mauern (Rom, 9. Juni 2010).
[© Romano Siciliani]

Liebe Mitbrüder! Ich werde mit Ihnen jetzt nicht eine neue Buß- und Missionstheologie zu entfalten suchen. Aber ich möchte mich zusammen mit Ihnen vom Evangelium selbst zur Umkehr führen lassen, um dann, vom Heiligen Geist gesendet, den Menschen die Botschaft Christi zu überbringen. 
Auf diesem Weg möchte ich jetzt zusammen mit Ihnen 15 gedankliche Schritte vorangehen. 

1. Wir müssen wieder – wie mein Vorgänger als Erzbischof von Köln, Joseph Kardinal Höffner, zu sagen pflegte – eine „Geh-hin-Kirche“ werden. Das geht nicht auf Befehl. Dazu bewegt uns der Heilige Geist. Einer der tragischsten Verluste, den unsere Kirche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlitten hat, ist der Verlust des Heiligen Geistes im Bußsakrament. Für uns Priester hatte das einen ungeheuren inneren Profilverlust zur Folge. Wenn mich gläubige Christen fragen: „Wie können wir unseren Priestern helfen?“, dann antworte ich ihnen immer: „Gehen Sie zu ihnen beichten!“. Dort, wo der Priester nicht mehr Beichtvater ist, wird er zum religiösen Sozialarbeiter. Ihm fehlt dann die Erfahrung großer pastoraler Erfolge, wo er mitwirken darf, dass ein Sünder auch durch seine Hilfe den Beichtstuhl wieder als Geheiligter verlässt. Im Beichtstuhl darf der Priester in die Herzen vieler Menschen schauen und bekommt von daher Impulse, Ermutigungen und Anregungen für die eigene Christusnachfolge. 

2. Vor den Toren von Damaskus stürzt ein kleiner kranker Mann, der heilige Paulus, geblendet zu Boden. Im 2. Korintherbrief zitiert er selbst den Eindruck seiner Gegner über seine Person, er sei körperlich matt und rhetorisch schwach (vgl. 2 Kor 10, 10). Den Städten Kleinasiens und Europas aber wird in den nächsten Jahren durch diesen kleinen kranken Mann das Evangelium verkündet werden. Die Wunder Gottes geschehen nie im Rampenlicht der Weltgeschichte. Sie ereignen sich immer im Abseits, eben vor den Toren der Stadt, eben in der Verborgenheit des Beichtstuhles. Das darf für uns alle ein großer Trost sein, die wir mit großen Aufgaben betraut sind, aber gleichzeitig um unsere oftmals kleinen Möglichkeiten wissen. Es gehört zur Strategie Gottes, mit kleinen Ursachen große Wirkungen hervorzurufen. Paulus vor den Toren von Damaskus geschlagen, wird zum Eroberer der Städte Kleinasiens und Europas. Seine Sendung ist die Sammlung der Berufenen in die Kirche, in die Ecclesia Gottes, hinein. Obwohl sie – von außen gesehen – nur ein kleines bedrängtes Häufchen ist, von innen angefochten, vergleicht Paulus sie mit dem Leib Christi, ja, er identifiziert sie sogar mit dem Leib Christi, der eben die Kirche ist. Diese Möglichkeit aus den Händen des Herrn zu empfangen, heißt in unserer menschlichen Erfahrung „Bekehrung“. Die Kirche ist die ‚Ecclesia semper reformanda“, und darin sind der Priester und der Bischof ein „semper reformandus“, der immer wieder – wie Paulus vor Damaskus – vom hohen Ross gestoßen werden muss, um in die Arme des barmherzigen Gottes zu fallen, der uns dann in die Welt hinein sendet. 

3. Darum genügt es nicht, dass wir in unserer pastoralen Arbeit nur Korrekturen an den Strukturen unserer Kirche vornehmen wollen, um sie augenscheinlich attraktiver zu machen. Das reicht nicht! Was Not tut, ist eine Bekehrung des Herzens, meines Herzens. Nur ein bekehrter Paulus konnte die Welt verändern, nicht aber ein Ingenieur kirchlicher Strukturen. Der Priester ist durch die Aufnahme in die Lebensweise Jesu so von ihm bewohnt, dass Jesus im Priester für andere berührbar wird. Bei Johannes 14, 23 lesen wir: „Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen“ (Joh 14, 23). Das ist nicht nur ein schönes Bild! Wenn das Herz des Priesters Gott liebt und die Gnade hat, so kommt der dreieinige Gott persönlich und schlägt seine Wohnung im Herzen des Priesters auf. Gewiss, Gott ist allgegenwärtig. Gott wohnt überall. Die ganze Welt ist wie eine große Kirche Gottes, aber das Herz des Priesters ist wie ein Tabernakel in der Kirche. Dort wohnt Gott in geheimnisvoller und besonderer Weise. 

4. Das größte Hindernis, Christus durch uns berührbar werden zu lassen, ist die Sünde. Sie verhindert die Gegenwart des Herrn in unserem Dasein, und darum ist nichts notwendiger für uns als die Bekehrung, und zwar auch um der Mission willen. Es geht dabei – bringen wir es auf einen Punkt – um das Bußsakrament. Ein Priester, der nicht häufig auf beiden Seiten des Beichtgitters anzutreffen ist, leidet auf Dauer Schaden an seiner Seele und an seiner Mission. Hier liegt sicher eine wesentliche Ursache für die vielfältigen Krisen, in die das Priestertum in den letzten 50 Jahren geraten ist. Das ist ja die besondere Gnade des Priestertums, dass der Priester auf beiden Seiten des Beichtgitters zu Hause sein kann: als Bekennender und als Vergebender. Wo sich der Priester vom Beichtstuhl entfernt, dort gerät er in eine schwerwiegende Identitätskrise. Das Bußsakrament ist der bevorzugte Ort für die Vertiefung der Identität des Priesters, der dazu berufen ist, sich selbst und die Gläubigen zurück zu binden an die Fülle Christi. 
Im hohepriesterlichen Gebet spricht Jesus zu seinem und unserem Vater über diese Identität: „Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie vor dem Bösen bewahrst. Sie sind nicht von der Welt, wie ich auch nicht von der Welt bin. Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit“ (Joh 17, 15-17). Es geht im Bußsakrament um die Wahrheit in uns. Wie kommt es, dass wir der Wahrheit nicht gern ins Gesicht schauen? 

Jesus beim Mahl mit den Sündern, Mosaike von Pater Marko Ivan Rupnik.

5. Wir müssen uns daher fragen lassen: Haben wir denn noch nicht die Freude erfahren, einen Fehler zu erkennen, ihn einzugestehen und den von uns Beleidigten aufzusuchen? – „Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt“ (Lk 15, 18). – Kennen wir nicht die Freude, dann zu sehen, wie der Andere die Arme gleich dem Vater des verlorenen Sohnes ausbreitet: „Der Vater sah ihn schon von weitem kommen, und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn“ (Lk 15, 20). Können wir denn nicht die Freude des Vaters darüber erahnen, dass er uns wieder gefunden hat: „Und sie begannen, ein fröhliches Fest zu feiern“ (Lk15, 24)? Da dieses Fest jedes Mal, wenn wir zurückkehren, im Himmel begangen wird, warum kehren wir dann nicht häufiger zurück? Warum sind wir – ich spreche in Menschenweise – so geizig gegenüber Gott und den Heiligen des Himmels und lassen ihnen so selten die Freude, ein Fest zu feiern, weil wir uns vom Herrn, vom Vater, ans Herz drücken ließen? 

6. Wir lieben diese ausdrückliche Vergebung oft nicht. Und doch zeigt sich Gott niemals so sehr als Gott, als wenn er vergibt. Gott ist die Liebe! Er ist Schenken in Person! Er verschenkt die Gnade der Vergebung. Aber am stärksten ist jene Liebe, die das Haupthindernis der Liebe überwindet: die Sünde. Die größte Gnade ist die Begnadigung, und die kostbarste Gabe ist die „Vergabung“, die Vergebung. Gäbe es keine Sünder, die der Verzeihung mehr bedürfen als des täglichen Brotes, wir würden die Tiefe des göttlichen Herzens gar nicht kennen. Der Herr betont es ausdrücklich: „Ich sage euch: Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte die es nicht nötig haben umzukehren“ ( Lk 15, 7). Wie kommt es – fragen wir nochmals -, dass ein Sakrament, das so große Freude im Himmel hervorruft, so viel Abneigung auf Erden weckt? Das liegt an unserem Stolz, der ständigen Neigung unseres Herzens sich zu verschanzen, sich selbst zu genügen, sich zu isolieren, sich auf sich selbst zurückzuziehen. Was ziehen wir eigentlich vor, Sünder zu sein, denen Gott verzeiht, oder scheinbar ohne Sünde zu sein, d.h. in der Illusion der Selbstgerechtigkeit zu leben – ohne die Offenbarung der Liebe Gottes? Reicht es wirklich, zufrieden zu sein mit sich selbst? Was sind wir denn ohne Gott? Nur eine kindliche Demut, wie sie die Heiligen haben, lässt uns fröhlich den Vergleich zwischen unserer Unwürdigkeit und der Herrlichkeit Gottes ertragen. 

7. Es ist nicht der Sinn der Beichte, dass wir im Vergessen unserer Sünden nicht mehr an Gott denken. Die Beichte schenkt uns vielmehr Zugang in ein Leben, wo man an nichts anderes mehr denken kann als an Gott. Gott sagt in uns: „Du hast doch nur gesündigt, weil du nicht glauben kannst, dass ich dich genug liebe, dass mir genug an dir liegt, dass in mir genug Zärtlichkeit für dich ist, dass ich mich genug freue über die geringste Geste, die mir deine Zustimmung bezeugt, um dir alles zu verzeihen, was du in die Beichte hineinbringst. Wissen wir um eine solche Verzeihung, um eine solche Liebe, dann werden wir geradezu überflutet sein von Freude und Dankbarkeit, sodass uns dann auch allmählich die Lust zum Sündigen vergeht und die Beichte zu einem regelmäßigen Ereignis der Freude in unserem Leben wird. Beichten gehen heißt, hingehen und die Liebe zu Gott ein wenig herzlicher zu gestalten, sich erneut sagen zu lassen und wirksam zu erfahren – denn Beichte ist ja nicht nur Zuspruch von außen –, dass Gott uns liebt; beichten heißt, wieder anfangen, daran zu glauben und zugleich entdecken, dass wir bisher niemals tief genug daran geglaubt haben, und dass man hierfür um Verzeihung bitten muss. Vor Jesus fühlt man sich als Sünder, man entdeckt sich als Sünder, der nicht seinen Erwartungen entspricht. Beichten heißt, sich vom Herrn auf sein göttliches Niveau heben zu lassen. 

8. Der verlorene Sohn verlässt das väterliche Haus, weil er ungläubig geworden ist. Er hat keinen Glauben mehr an die Liebe des Vaters, die ihm genügen würde, und daher verlangt er sein Erbteil, um seine Angelegenheit ganz allein zu ordnen. Als er sich entschließt, zurückzukehren und um Verzeihung zu bitten, ist sein Herz noch tot. Er glaubt, er werde nicht mehr geliebt, er sei nicht mehr Sohn. Nur, um nicht Hungers zu sterben, kommt er zurück. Das nennen wir unvollkommene Reue! Aber der Vater erwartet ihn seit langem. Seit langem erfreut ihn nichts mehr als der Gedanke, der Sohn könnte eines Tages heimkommen. Sobald er ihn entdeckt, eilt er ihm entgegen, umarmt ihn, lässt ihm nicht einmal die Zeit, sein Geständnis zu beenden und ruft die Diener herbei, damit sie ihn kleiden, nähren und pflegen. Weil man ihm so große Liebe erzeigt, beginnt der Sohn in diesem Augenblick, sie auch zu verspüren, von ihr erfüllt zu werden. Eine ungeahnte Reue überkommt ihn. Das ist die vollkommene Reue. Erst als ihn der Vater umarmt, ermisst er seine Undankbarkeit, seine Unverschämtheit und seine Ungerechtigkeit. Dann erst kommt er wirklich zurück, wird er wieder Sohn, dem Vater gegenüber offen und vertrauend, wird er wieder lebendig: „Dein Bruder war tot und lebt wieder“ ( Lk 15, 32), sagt der Vater daher dem zu Hause gebliebenen Sohn. 

Der Beichtstuhl des heiligen Pfarrers von Ars. [© Romano Siciliani]

9. Der ältere Sohn, der Gerechte, hat eine ähnliche Wandlung erfahren – so möchten wir das Gleichnis hoffnungsvoll weiterdenken. Der Fall dieses Sohnes ist aber sehr viel schwieriger. Man darf nicht sagen, dass Gott die Sünder mehr liebt als die Gerechten! Eine Mutter liebt das kranke Kind, dem sie ihre besondere Sorge zuwendet, nicht mehr als die gesunden Kinder, die sie allein spielen lässt, denen sie ihre – nicht weniger tiefe – Liebe aber auf andere Weise bekundet. Soweit die Menschen sich weigern, ihre Sünden anzuerkennen und zu bekennen, soweit sie stolze Sünder sind, zieht Gott ihnen die demütigen Sünder vor. Mit allen hat er Geduld. Auch mit dem daheim gebliebenen Sohn hat der Vater Geduld. Er bittet ihn, und er redet ihm gut zu: „Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern“ ( Lk 15, 31). Die Verzeihung der Hartherzigkeit des Älteren wird dabei noch nicht einmal ausgesprochen, sondern ist impliziert. Wie groß muss die Beschämung des älteren Sohnes vor solcher Milde sein. Alles hatte er vorhergesehen, nur nicht diese demütige Zärtlichkeit des Vaters. Plötzlich findet er sich entwaffnet, verwirrt, teilnehmend an der allgemeinen Freude. Und er fragt sich, wie er nur daran denken konnte, absichtlich fern zu bleiben, wie er es nur einen Augenblick lang habe vorziehen können, ganz allein unglücklich zu sein, während alle einander liebten und einander verziehen. Glücklicherweise ist der Vater da und erwischt ihn rechtzeitig. Zum Glück ist der Vater nicht wie er! Zum Glück ist der Vater viel besser als sie alle zusammen! Gott allein kann die Sünden vergeben. Er allein vermag diese Geste der Gnade, der Freude und des Überflusses der Liebe zu vollziehen. Darum ist das Bußsakrament die Quelle permanenter Erneuerung und Revitalisierung unseres priesterlichen Seins. 

10. Für mich wird darum die geistliche Reife für den Empfang des Weihesakramentes eines Priesteramtskandidaten darin deutlich, dass er regelmäßig, und zwar mindestens im Rhythmus von einem Monat, das Bußsakrament empfängt. Denn im Bußsakrament begegne ich dem barmherzigen Vater mit den kostbarsten Gaben, die er zu vergeben hat, nämlich die Vergabung, die Vergebung und die Begnadigung. Wenn aber einer durch seine mangelnde Beichtpraxis dem Vater sagt: „Behalte deine kostbaren Gaben für dich! Ich brauche dich und deine Gaben nicht!“, dann hört er auf, Sohn zu sein, indem er ihm sein Vatersein aufkündigt, weil er ihm seine kostbarsten Gaben nicht mehr abnimmt. Und wenn man nicht mehr Sohn des himmlischen Vaters ist, kann man nicht Priester werden, denn der Priester ist durch die Taufe zunächst einmal Sohn des Vaters, und dann ist er durch die Priesterweihe mit Christus Sohn mit dem Sohn. Dann erst kann er den Menschen wirklich Bruder sein. 

11. Der Umstieg von der Umkehr in die Mission kann sich zunächst darin zeigen, dass ich von der einen Seite des Beichtgitters auf die andere wechsele, von der Seite des Pönitenten auf die Seite des Beichtvaters. Der Verlust des Bußsakramentes ist die Wurzel vieler Übel im Leben der Kirche und im Leben des Priesters. Und die so genannte Krise des Bußsakramentes liegt nicht nur darin begründet, dass die Leute nicht mehr zum Beichten kommen, sondern dass wir Priester nicht mehr im Beichtstuhl präsent sind. Ein besetzter Beichtstuhl in einer leeren Kirche ist das ergreifendste Symbol für die wartende Geduld Gottes. So ist Gott. Er wartet auf uns lebenslang. Ich kenne aus meiner 35-jährigen bischöflichen Tätigkeit ergreifende Beispiele, wo Priester täglich im Beichtstuhl präsent waren, ohne dass ein Pönitent gekommen ist, – bis dann aber der Erste oder die Erste nach Monaten oder Jahren des Wartens kam. Damit war, wie man so sagt, der Knoten geplatzt. Dann wurde der Beichtstuhl reichlich frequentiert. Hier wird der Priester angefordert, aus aller äußeren Planungsarbeit der Seelsorge mit Gruppen umzusteigen in die persönliche Not eines Menschen. Und hier hat er zunächst nicht zu reden, sondern zu hören. Eine eiternde Wunde am Körper kann nur heilen, wenn sie sich ausbluten kann. Ein verwundetes Herz des Menschen kann nur geheilt werden, wenn es sich ausbluten, d.h. aussprechen kann. Und es kann sich nur aussprechen, wenn jemand zuhört, und zwar in dieser absoluten Diskretion des Bußsakramentes. Für den Beichtvater gilt zunächst einmal, nicht zu reden, sondern zu hören. Wie viel innere Anregung für seine eigene Christusnachfolge erfährt und erhält der Beichtvater gerade in seiner Tätigkeit bei der Spendung des Bußsakramentes, wenn er spürt und erfährt, wie weit ihm einfache katholische Männer, Frauen und Kinder in der Christusnachfolge voraus sind. 

12. Wenn uns dieser wesentliche Bereich des priesterlichen Dienstes weitgehend verloren geht, sinken wir Priester leicht auf eine Beamtenmentalität oder auf das Niveau einer reinen Pastoraltechnik herab. Unsere Verortung diesseits und jenseits des Beichtgitters bringt uns durch unser Zeugnis dazu, Christus für die Menschen berührbar werden zu lassen. Um es zunächst an einem Negativbeispiel deutlich zu machen: Wer mit radioaktiver Materie in Berührung kommt, wird selbst radioaktiv verseucht. Wenn ein solcher nun einen anderen berührt, dann wird er ebenfalls von seiner Radioaktivität negativ angesteckt. Nun aber das Beispiel positiv: Wer mit Christus in Berührung kommt, der wird christoaktiv. Und wenn der Priester dann als ein solcher Christoaktiver mit anderen Menschen in Berührung kommt, dann werden sie selbstverständlich von seiner Christoaktivität angesteckt. Das ist Mission, wie sie von Anfang an im Christentum präsent war. Die Menschen drängten sich um die Person Jesu herum, um ihn zu berühren, und wenn es nur der Saum seines Gewandes war. Und selbst, wenn es dieser nur von hinten war, dann wurden sie gesund: „Denn es ging eine Kraft von ihm aus, die alle heilte“ ( Lk 6, 19). 

13. Uns laufen die Menschen oft davon, sie drängen sich nicht mehr um uns, um mit uns in Berührung zu kommen. Im Gegenteil, sie laufen uns davon. Damit das nicht geschieht, müssen wir uns konkret fragen: Was berühren die Menschen denn, wenn sie mit mir in Berührung kommen? – Jesus Christus in seiner unermesslichen Liebe zu den Menschen, oder irgendwelche theologischen Privatmeinungen oder Gejammer über die Zustände in der Kirche und der Welt? Berühren sie bei uns Jesus Christus? Wenn das der Fall ist, dann kommen die Menschen. Sie sprechen untereinander von einem solchen Priester. Sie bringen es in solche Ausdrücke wie „Mit dem kann man reden. Der versteht mich. Der kann einem wirklich helfen“. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die Menschen nach solchen Priestern Sehnsucht haben, in denen sie authentisch Christus begegnen, der sie frei macht von allen Verstrickungen und sie an seine Person bindet. 

Jesus vergibt der Ehebrecherin, Mosaike von Pater Marko Ivan Rupnik.

14. Damit wir recht verzeihen können, brauchen wir viel Liebe. Die einzige Verzeihung, die wir recht gewähren könnten, ist jene, die wir von Gott empfangen haben. Nur wenn man den barmherzigen Vater erfahren hat, wird man barmherziger Bruder der Menschen. Wer nicht verzeiht, der liebt nicht. Wer wenig verzeiht, der liebt auch wenig. Wer viel verzeiht, der liebt viel. Wenn man den Beichtstuhl als Ausgangspunkt unserer Mission verlässt, von welcher Seite des Beichtstuhls auch immer, aber besonders von der Seite des Pönitenten, dann möchte man am liebsten alle umarmen, sie um Verzeihung bitten. Ich selbst habe so beglückend Gottes verzeihende Liebe erfahren, dass ich nur dringend bitten kann: „Nimm auch du seine Verzeihung an! Nimm einen Teil der Verzeihung, an der ich nun Überfluss habe. Vergib mir, dass ich sie dir so schlecht anbiete!“. Man geht mit der gleichen Bewegung wieder in die Liebe Gottes und in die Bruderliebe hinein, in die Vereinigung mit Gott und mit der Kirche, von der man sich durch die Sünde ausgeschlossen hatte. Wir können und müssen alle Menschen lieben, wenn Gott uns aufs Neue zu lieben gelehrt hat. Wäre es nicht so, dann wäre es ein Zeichen dafür, dass wir falsch gebeichtet haben und daher nochmals beichten müssten. 
Der wohl größte Beichtvater unserer Kirche ist der heilige Pfarrer von Ars. Ihm verdanken wir das Priesterjahr und damit unsere jetzige Zusammenkunft als Priester und Bischöfe mit dem Heiligen Vater hier in Rom. Mit diesem heiligen Pfarrer habe ich über das Geheimnis der heiligen Beichte nachgedacht. Denn sein täglicher Dienst der Versöhnung im Beichtstuhl in Ars ließ ihn zum großen Weltmissionar werden. Man sagt, er habe als Beichtvater die Französische Revolution geistlich überwunden. Was mir im geistlichen Dialog mit Jean-Marie Vianney aufgegangen ist, das habe ich hier verkündet. Dabei hat er mich noch an etwas ganz Wichtiges erinnert: 

15. Wir lieben alle, wir verzeihen allen! Hüten wir uns indessen, einen zu vergessen! Ein Wesen existiert nämlich, das uns enttäuscht und belastet, ein Wesen, mit dem wir ständig unzufrieden sind. Und das sind wir selbst. Wir haben uns oft so satt. Wir sind unserer Mittelmäßigkeit überdrüssig und müde unserer eigenen Monotonie. Wir leben in einem Zustand der Kälte und sogar einer unglaublichen Gleichgültigkeit gegenüber diesem nächsten Nächsten, den Gott uns anvertraut, damit wir ihn von seiner Vergebung berühren lassen. Und das sind wir selbst. Es heißt doch, dass wir unseren Nächsten lieben sollen wie uns selbst (vgl. Lev 19, 18). Wir sollen also auch uns lieben, wie wir unseren Nächsten zu lieben suchen. Dann müssen wir Gott bitten, uns zu lehren, dass wir uns selber verzeihen: den Ärger unseres Stolzes, die Enttäuschungen unseres Ehrgeizes. Bitten wir ihn, dass die Güte, die Zärtlichkeit, die Nachsicht und das unerhörte Vertrauen, womit er uns verzeiht, uns so weit gewinnen, dass wir den Überdruss an uns selbst los werden, der uns überall hin begleitet und uns oft nicht einmal beschämt. Wir können die Liebe Gottes zu uns nicht erkennen, ohne die Meinung im Hinblick auch auf uns selbst zu ändern, ohne Gott selbst zu uns Recht zu geben, wenn er uns liebt. Die Verzeihung Gottes versöhnt uns mit ihm, mit uns, mit unseren Menschenbrüdern und -schwestern und mit der ganzen Welt. Sie macht uns zu authentischen Missionaren. Glaubt ihr das, liebe Brüder? – Probiert es aus – heute noch! 

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Papst Franziskus über den gelebten Glauben, die Familie, Vergebung und Glaubenszweifel

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Pastoralbesuch Setteville

Besuch von Papst Franziskus in römischer Gemeinde
„Santa Maria“ in Setteville di Guidonia

„Aber warum sind sie Jesus begegnet?“, fragte Papst Franziskus zu Beginn seiner frei gehaltenen Homilie am Sonntag, als er am Nachmittag die römische Gemeinde „Santa Maria“ in Setteville di Guidonia besuchte und bis zum Abend mit den Menschen verweilte. Erst um 19.40 Uhr kehrte der Papst nach einem Nachmittag voller Begegnungen und Gespräche in den Vatikan zurück.

Sein Besuch in der östlichen Peripherie der Hauptstadt begann um 15.40 Uhr mit dem Besuch bei dem stellvertretenden Gemeindepriester, Don Giuseppe Berardino, der erst 50 Jahre alt seit zwei Jahren wegen einer schweren Form amyotropher Lateralsklerose paralysiert ans Bett gefesselt ist. Papst Franziskus sprach dem gelähmten und mittlerweile sprachunfähigen Priester ermutigende Worte zu und betete schweigend; danach erteilte er ihm während der zehnminütigen Begegnung das Sakrament der Krankensalbung.

Anschließend folgte ein Treffen mit den Gemeindemitgliedern, darunter 30 alte Menschen und Kranke, drei Kinder mit Down-Syndrom, die Mitglieder der Katechismusgruppe und der Pfadfindergruppe. Rund eine halbe Stunde verbrachte der Papst mit den Jugendlichen, danach begrüßte der Papst die Kinder, die im letzten Jahr das Taufsakrament empfangen hatten, und ihre Eltern. Auch die rund 100 Gemeindehelfer um Don Luigi Tedoldi hatten Gelegenheit, mit Papst Franziskus zu sprechen, der Ratschläge erteilte und die Bedeutung der Missionsarbeit betonte. Seine seelsorgerische Arbeit setzte der Papst in der Sakristei fort, wo er einem jungen Paar, das sich um den kranken Priester kümmert, einem Jugendlichen und dem Vater eines kranken Kindes die Beichte abnahm. Um 17.40 Uhr, zwei Stunden nach seiner Ankunft in der Gemeinde, feierte Papst Franziskus mit der Gemeinde die heilige Messe.

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Die Frage, die Papst Franziskus zu Beginn seiner Predigt stellte, beantwortete er sogleich: „Weil es einen Zeugen gab, weil es einen Mann gab, der Zeugnis von Jesus ablegte. So geschieht es in unserem Leben.“ Genau darin liege das Wesen eines Christen, Zeugnis von Jesus abzulegen. Auf diese Weise sei der christliche Glaube verbreitet worden.

Am Beispiel der Apostel zeigte Papst Franziskus auf, dass jeder ein Zeuge sein könne. Man müsse nicht heilig sein, sondern arm, bewusst, ein Sünder zu sein. Die Apostel seien Sünder gewesen, hätten den Herrn verraten, aber nicht schlecht übereinander gesprochen, betonte der Papst. In einer guten Gemeinde gebe es keine üble Nachrede, sondern man spreche direkt miteinander. Papst Franziskus erteilte den Gläubigen abschließend den Rat, sich darin zu üben.

Papst Franziskus verbrachte während seines Besuchs eine halbe Stunde mit den Jugendlichen, die bereits gefirmt worden sind, und unterhielt sich mit ihnen. Viele kehrten nach der Firmung nicht in die Gemeinde zurück, stellte der Papst fest, das sei ein Problem. Dem Wort des Herrn zuzuhören und Freude zu empfinden, wiederholte Papst Franziskus die Worte eines der Kinder und kritisierte, dass das Wort Gottes manchmal traurig und langweilig weitergegeben werde und keine Freude vermittle. Im weiteren Gespräch stellten der Papst und die Jugendlichen fest, dass wahrer Glaube gelebter Glaube mit dem Herzen und den Händen sei und nicht nur mit Worten.

Dazu müsse man dem Herrn und dem Nächsten zuhören, und zwar mit den Ohren und dem Herzen. Außerdem müsse man sich klein machen und auf die Menschen zugehen, erklärte ein junges Mädchen. Helfen, z.B. mit den Werken der Barmherzigkeit, nannte Papst Franziskus als Beispiel.

Im Laufe des Gesprächs wurde die Frage angesprochen, wie man auf einen ungläubigen Freund reagieren solle. Papst Franziskus erklärte, dass man den ungläubigen Freund nicht bekehren wollen dürfe, indem man ihm den Glauben darlege, sondern vielmehr den Glauben vorleben müsse, sodass er schließlich wissen wolle, weshalb man sich auf eine bestimmte Weise verhalte.

Ein weiterer wichtiger Punkt, der den Jugendlichen am Herzen lag, war die Vergebung. Papst Franziskus stellte fest, dass es schwierig sei, aber vergeben könne man, vergessen nicht immer, da oftmals Narben zurückblieben.

Papst Franziskus legte den Jugendlichen im folgenden die Bedeutung der Familie dar, die er als das größte Geschenk Gottes bezeichnete, vor allem die Großeltern seien in der Familie wichtige Bezugsfiguren.

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Auf die Frage, ob er selbst nie den Glauben verloren habe, antwortete Papst Franziskus den Jugendlichen ehrlich, dass er auch dunkle Momente erlebt habe und erlebe, aber den Glauben immer wieder gefunden habe. Um den Jugendliuchen zu verdeutlichen, welchen Herausforderungen sich die Menschen im Leben teilweise stellen müssten, erzählte er von der Taufe der Neugeborenen, die aus den Erdbebengebieten mit ihren Eltern in den Vatikan gekommen waren. Ein Vater erzählte dem Papst, er habe seine Frau, seine Liebe, bei dem Erdbeben verloren. Papst Franziskus erzählte den Jugendlichen, geschwiegen zu haben, da er sich habe vorstellen können, dass der Vater am Glauben zweifle. Daher habe er ihm nur beigestanden und versucht, ihn zu begleiten. Der Glaube komme dann von allein wieder.

Abschließend erteilte Papst Franziskus den Jugendlichen seinen Segen und vertraute sie dem Schutz der Jungfrau Maria an, versicherte sie seiner Gebete und bat, auch ihn in die ihren einzuschließen.

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Quelle

Erzbischof Paglia: Papst Franziskus will eine neue Allianz zwischen Pastoral und Theologie

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Erzbischof Vincenzo Paglia, neuer Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben.

Erzbischof Vincenzo Paglia wird neuer Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben, gleichzeitig übernimmt er das Amt des Großkanzlers des Instituts „Johannes Paul II.“ für Studien zu Fragen von Ehe und Familie. Das wurde am Mittwoch bekannt. Paglia war bisher Präsident des Päpstlichen Familienrates, der in einem neuen Dikasterium aufgeht. Mit Radio Vatikan sprach er über die neue Aufgabe.

„Ich habe die Aufgabe mit großer Dankbarkeit angenommen. Meine bisherige Arbeit hat mich ganz stark in die Richtung des Konkreten gebracht, der Begegnung mit vielen kirchlichen Realitäten, mit vielen Bischofskonferenzen und ich verstehe den Wunsch des Papstes nach einer Art Beschleunigung der Nähe der Kirche, nach dem Durchbrechen von Grenzen, mit Reflexion, Wagemut und Kreativität.“

Der Vatikan veröffentlichte an diesem Mittwoch auch den Text eines langen, handschriftlichen Briefes von Papst Franziskus an Paglia. Darin lobt der Papst „das solide Wissen und die große Erfahrung“ des Bischofs; seine Zeit als Präsident des Familienrats habe „große geistliche und pastorale Früchte getragen“. Mit den neuen Ernennungen habe der Papst den neuen Kurs, der von der Weltbischofssynode und seiner Enzyklika „Amoris Laetita” ausgeht, klar fortsetzen wollen, meint Paglia.

„Papst Franziskus bietet nicht nur eine erste Neuordnung der Kurie an, indem er die starke pastorale Perspektive aufzeigt, die er eingenommen hat. Auch in dem Schreiben zum Institut „Johannes Paul II.“ und der Päpstlichen Akademie für das Leben zeigt er, dass er ganzheitlich den kulturellen und formgebenden Aspekt der Synode weiterentwickeln will und auch die Ernennung des Präfekten des neuen Dikasteriums ist eine Antwort auf diese pastorale Perspektive. Er möchte also die familiäre Dimension wieder in den Blick der ganzen kirchlichen Realität rücken. Das ist meines Erachtens eine wirklich interessante Perspektive.”

Für die neue pastorale Perspektive von Franziskus seien Menschen aus allen Ebenen gefragt: Zum einen jene, die in unmittelbarem pastoralem Kontakt mit den Gläubigen stehen, zum anderen das Lehrpersonal. Es brauche eine neue Allianz zwischen Praxis, dem pastoralen Leben und der theologischen Reflexion, die immer wieder mit neuen Herausforderungen konfrontiert sei, die die Gesellschaft kontinuierlich an die Kirche stelle.

„Der Papst möchte keine blinde Pastoral und auch keine Schreibtischtheologie. Er möchte, dass die ganze Kirche in all ihren Teilen sich zur zeitgenössischen Gesellschaft hinwendet, damit die Gnade der Barmherzigkeit des Herrn sie wieder aufrichte, heile, ihr helfe und alle auf dieser Reise zum Reich Gottes bringe.“

Hierfür sei es Franziskus ein Anliegen, dass Paglia die ihm jetzt anvertraute Studieneinrichtung zu Ehe und Familie auf den Kurs der „Barmherzigkeit“ bringe.

„Der Horizont der Barmherzigkeit umfasst die ganze Kurienreform. Dahinter steckt die Überzeugung, dass nicht alles in eine theoretische Reflexion mündet, sondern dass die Kirche „Prima Lex“ sein will, Heil für die Seelen, Heil für die Menschen, die Familien, Hilfe für die ganze Gesellschaft. Diese ist wirklich ein Feldlazarett, in dem die Kirche die Barmherzigkeit Gottes spürbar machen will, mit Leidenschaft und kontinuierlichem Einsatz, damit alle, ohne Ausnahme, von der Liebe Gottes erreicht werden, eine Liebe, die verändert und rettet.“

(rv 20.08.2016 cz)