Eine Tragödie für die Kirche: der Verlust des Bußsakraments

„Einer der tragischsten Verluste, den unsere Kirche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlitten hat, ist der Verlust des Heiligen Geistes im Bußsakrament.“ Vortrag von Kardinal Joachim Meisner, Erzbischof von Köln, zum Thema „Umkehr und Mission.“

Ein Beitrag von Kardinal Joachim Meisner

Kardinal Joachim Meisner beim internationalen Priestertreffen zum Abschluß des Priesterjahres in der Basilika St. Paul vor den Mauern (Rom, 9. Juni 2010).
[© Romano Siciliani]

Liebe Mitbrüder! Ich werde mit Ihnen jetzt nicht eine neue Buß- und Missionstheologie zu entfalten suchen. Aber ich möchte mich zusammen mit Ihnen vom Evangelium selbst zur Umkehr führen lassen, um dann, vom Heiligen Geist gesendet, den Menschen die Botschaft Christi zu überbringen. 
Auf diesem Weg möchte ich jetzt zusammen mit Ihnen 15 gedankliche Schritte vorangehen. 

1. Wir müssen wieder – wie mein Vorgänger als Erzbischof von Köln, Joseph Kardinal Höffner, zu sagen pflegte – eine „Geh-hin-Kirche“ werden. Das geht nicht auf Befehl. Dazu bewegt uns der Heilige Geist. Einer der tragischsten Verluste, den unsere Kirche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlitten hat, ist der Verlust des Heiligen Geistes im Bußsakrament. Für uns Priester hatte das einen ungeheuren inneren Profilverlust zur Folge. Wenn mich gläubige Christen fragen: „Wie können wir unseren Priestern helfen?“, dann antworte ich ihnen immer: „Gehen Sie zu ihnen beichten!“. Dort, wo der Priester nicht mehr Beichtvater ist, wird er zum religiösen Sozialarbeiter. Ihm fehlt dann die Erfahrung großer pastoraler Erfolge, wo er mitwirken darf, dass ein Sünder auch durch seine Hilfe den Beichtstuhl wieder als Geheiligter verlässt. Im Beichtstuhl darf der Priester in die Herzen vieler Menschen schauen und bekommt von daher Impulse, Ermutigungen und Anregungen für die eigene Christusnachfolge. 

2. Vor den Toren von Damaskus stürzt ein kleiner kranker Mann, der heilige Paulus, geblendet zu Boden. Im 2. Korintherbrief zitiert er selbst den Eindruck seiner Gegner über seine Person, er sei körperlich matt und rhetorisch schwach (vgl. 2 Kor 10, 10). Den Städten Kleinasiens und Europas aber wird in den nächsten Jahren durch diesen kleinen kranken Mann das Evangelium verkündet werden. Die Wunder Gottes geschehen nie im Rampenlicht der Weltgeschichte. Sie ereignen sich immer im Abseits, eben vor den Toren der Stadt, eben in der Verborgenheit des Beichtstuhles. Das darf für uns alle ein großer Trost sein, die wir mit großen Aufgaben betraut sind, aber gleichzeitig um unsere oftmals kleinen Möglichkeiten wissen. Es gehört zur Strategie Gottes, mit kleinen Ursachen große Wirkungen hervorzurufen. Paulus vor den Toren von Damaskus geschlagen, wird zum Eroberer der Städte Kleinasiens und Europas. Seine Sendung ist die Sammlung der Berufenen in die Kirche, in die Ecclesia Gottes, hinein. Obwohl sie – von außen gesehen – nur ein kleines bedrängtes Häufchen ist, von innen angefochten, vergleicht Paulus sie mit dem Leib Christi, ja, er identifiziert sie sogar mit dem Leib Christi, der eben die Kirche ist. Diese Möglichkeit aus den Händen des Herrn zu empfangen, heißt in unserer menschlichen Erfahrung „Bekehrung“. Die Kirche ist die ‚Ecclesia semper reformanda“, und darin sind der Priester und der Bischof ein „semper reformandus“, der immer wieder – wie Paulus vor Damaskus – vom hohen Ross gestoßen werden muss, um in die Arme des barmherzigen Gottes zu fallen, der uns dann in die Welt hinein sendet. 

3. Darum genügt es nicht, dass wir in unserer pastoralen Arbeit nur Korrekturen an den Strukturen unserer Kirche vornehmen wollen, um sie augenscheinlich attraktiver zu machen. Das reicht nicht! Was Not tut, ist eine Bekehrung des Herzens, meines Herzens. Nur ein bekehrter Paulus konnte die Welt verändern, nicht aber ein Ingenieur kirchlicher Strukturen. Der Priester ist durch die Aufnahme in die Lebensweise Jesu so von ihm bewohnt, dass Jesus im Priester für andere berührbar wird. Bei Johannes 14, 23 lesen wir: „Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen“ (Joh 14, 23). Das ist nicht nur ein schönes Bild! Wenn das Herz des Priesters Gott liebt und die Gnade hat, so kommt der dreieinige Gott persönlich und schlägt seine Wohnung im Herzen des Priesters auf. Gewiss, Gott ist allgegenwärtig. Gott wohnt überall. Die ganze Welt ist wie eine große Kirche Gottes, aber das Herz des Priesters ist wie ein Tabernakel in der Kirche. Dort wohnt Gott in geheimnisvoller und besonderer Weise. 

4. Das größte Hindernis, Christus durch uns berührbar werden zu lassen, ist die Sünde. Sie verhindert die Gegenwart des Herrn in unserem Dasein, und darum ist nichts notwendiger für uns als die Bekehrung, und zwar auch um der Mission willen. Es geht dabei – bringen wir es auf einen Punkt – um das Bußsakrament. Ein Priester, der nicht häufig auf beiden Seiten des Beichtgitters anzutreffen ist, leidet auf Dauer Schaden an seiner Seele und an seiner Mission. Hier liegt sicher eine wesentliche Ursache für die vielfältigen Krisen, in die das Priestertum in den letzten 50 Jahren geraten ist. Das ist ja die besondere Gnade des Priestertums, dass der Priester auf beiden Seiten des Beichtgitters zu Hause sein kann: als Bekennender und als Vergebender. Wo sich der Priester vom Beichtstuhl entfernt, dort gerät er in eine schwerwiegende Identitätskrise. Das Bußsakrament ist der bevorzugte Ort für die Vertiefung der Identität des Priesters, der dazu berufen ist, sich selbst und die Gläubigen zurück zu binden an die Fülle Christi. 
Im hohepriesterlichen Gebet spricht Jesus zu seinem und unserem Vater über diese Identität: „Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie vor dem Bösen bewahrst. Sie sind nicht von der Welt, wie ich auch nicht von der Welt bin. Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit“ (Joh 17, 15-17). Es geht im Bußsakrament um die Wahrheit in uns. Wie kommt es, dass wir der Wahrheit nicht gern ins Gesicht schauen? 

Jesus beim Mahl mit den Sündern, Mosaike von Pater Marko Ivan Rupnik.

5. Wir müssen uns daher fragen lassen: Haben wir denn noch nicht die Freude erfahren, einen Fehler zu erkennen, ihn einzugestehen und den von uns Beleidigten aufzusuchen? – „Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt“ (Lk 15, 18). – Kennen wir nicht die Freude, dann zu sehen, wie der Andere die Arme gleich dem Vater des verlorenen Sohnes ausbreitet: „Der Vater sah ihn schon von weitem kommen, und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn“ (Lk 15, 20). Können wir denn nicht die Freude des Vaters darüber erahnen, dass er uns wieder gefunden hat: „Und sie begannen, ein fröhliches Fest zu feiern“ (Lk15, 24)? Da dieses Fest jedes Mal, wenn wir zurückkehren, im Himmel begangen wird, warum kehren wir dann nicht häufiger zurück? Warum sind wir – ich spreche in Menschenweise – so geizig gegenüber Gott und den Heiligen des Himmels und lassen ihnen so selten die Freude, ein Fest zu feiern, weil wir uns vom Herrn, vom Vater, ans Herz drücken ließen? 

6. Wir lieben diese ausdrückliche Vergebung oft nicht. Und doch zeigt sich Gott niemals so sehr als Gott, als wenn er vergibt. Gott ist die Liebe! Er ist Schenken in Person! Er verschenkt die Gnade der Vergebung. Aber am stärksten ist jene Liebe, die das Haupthindernis der Liebe überwindet: die Sünde. Die größte Gnade ist die Begnadigung, und die kostbarste Gabe ist die „Vergabung“, die Vergebung. Gäbe es keine Sünder, die der Verzeihung mehr bedürfen als des täglichen Brotes, wir würden die Tiefe des göttlichen Herzens gar nicht kennen. Der Herr betont es ausdrücklich: „Ich sage euch: Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte die es nicht nötig haben umzukehren“ ( Lk 15, 7). Wie kommt es – fragen wir nochmals -, dass ein Sakrament, das so große Freude im Himmel hervorruft, so viel Abneigung auf Erden weckt? Das liegt an unserem Stolz, der ständigen Neigung unseres Herzens sich zu verschanzen, sich selbst zu genügen, sich zu isolieren, sich auf sich selbst zurückzuziehen. Was ziehen wir eigentlich vor, Sünder zu sein, denen Gott verzeiht, oder scheinbar ohne Sünde zu sein, d.h. in der Illusion der Selbstgerechtigkeit zu leben – ohne die Offenbarung der Liebe Gottes? Reicht es wirklich, zufrieden zu sein mit sich selbst? Was sind wir denn ohne Gott? Nur eine kindliche Demut, wie sie die Heiligen haben, lässt uns fröhlich den Vergleich zwischen unserer Unwürdigkeit und der Herrlichkeit Gottes ertragen. 

7. Es ist nicht der Sinn der Beichte, dass wir im Vergessen unserer Sünden nicht mehr an Gott denken. Die Beichte schenkt uns vielmehr Zugang in ein Leben, wo man an nichts anderes mehr denken kann als an Gott. Gott sagt in uns: „Du hast doch nur gesündigt, weil du nicht glauben kannst, dass ich dich genug liebe, dass mir genug an dir liegt, dass in mir genug Zärtlichkeit für dich ist, dass ich mich genug freue über die geringste Geste, die mir deine Zustimmung bezeugt, um dir alles zu verzeihen, was du in die Beichte hineinbringst. Wissen wir um eine solche Verzeihung, um eine solche Liebe, dann werden wir geradezu überflutet sein von Freude und Dankbarkeit, sodass uns dann auch allmählich die Lust zum Sündigen vergeht und die Beichte zu einem regelmäßigen Ereignis der Freude in unserem Leben wird. Beichten gehen heißt, hingehen und die Liebe zu Gott ein wenig herzlicher zu gestalten, sich erneut sagen zu lassen und wirksam zu erfahren – denn Beichte ist ja nicht nur Zuspruch von außen –, dass Gott uns liebt; beichten heißt, wieder anfangen, daran zu glauben und zugleich entdecken, dass wir bisher niemals tief genug daran geglaubt haben, und dass man hierfür um Verzeihung bitten muss. Vor Jesus fühlt man sich als Sünder, man entdeckt sich als Sünder, der nicht seinen Erwartungen entspricht. Beichten heißt, sich vom Herrn auf sein göttliches Niveau heben zu lassen. 

8. Der verlorene Sohn verlässt das väterliche Haus, weil er ungläubig geworden ist. Er hat keinen Glauben mehr an die Liebe des Vaters, die ihm genügen würde, und daher verlangt er sein Erbteil, um seine Angelegenheit ganz allein zu ordnen. Als er sich entschließt, zurückzukehren und um Verzeihung zu bitten, ist sein Herz noch tot. Er glaubt, er werde nicht mehr geliebt, er sei nicht mehr Sohn. Nur, um nicht Hungers zu sterben, kommt er zurück. Das nennen wir unvollkommene Reue! Aber der Vater erwartet ihn seit langem. Seit langem erfreut ihn nichts mehr als der Gedanke, der Sohn könnte eines Tages heimkommen. Sobald er ihn entdeckt, eilt er ihm entgegen, umarmt ihn, lässt ihm nicht einmal die Zeit, sein Geständnis zu beenden und ruft die Diener herbei, damit sie ihn kleiden, nähren und pflegen. Weil man ihm so große Liebe erzeigt, beginnt der Sohn in diesem Augenblick, sie auch zu verspüren, von ihr erfüllt zu werden. Eine ungeahnte Reue überkommt ihn. Das ist die vollkommene Reue. Erst als ihn der Vater umarmt, ermisst er seine Undankbarkeit, seine Unverschämtheit und seine Ungerechtigkeit. Dann erst kommt er wirklich zurück, wird er wieder Sohn, dem Vater gegenüber offen und vertrauend, wird er wieder lebendig: „Dein Bruder war tot und lebt wieder“ ( Lk 15, 32), sagt der Vater daher dem zu Hause gebliebenen Sohn. 

Der Beichtstuhl des heiligen Pfarrers von Ars. [© Romano Siciliani]

9. Der ältere Sohn, der Gerechte, hat eine ähnliche Wandlung erfahren – so möchten wir das Gleichnis hoffnungsvoll weiterdenken. Der Fall dieses Sohnes ist aber sehr viel schwieriger. Man darf nicht sagen, dass Gott die Sünder mehr liebt als die Gerechten! Eine Mutter liebt das kranke Kind, dem sie ihre besondere Sorge zuwendet, nicht mehr als die gesunden Kinder, die sie allein spielen lässt, denen sie ihre – nicht weniger tiefe – Liebe aber auf andere Weise bekundet. Soweit die Menschen sich weigern, ihre Sünden anzuerkennen und zu bekennen, soweit sie stolze Sünder sind, zieht Gott ihnen die demütigen Sünder vor. Mit allen hat er Geduld. Auch mit dem daheim gebliebenen Sohn hat der Vater Geduld. Er bittet ihn, und er redet ihm gut zu: „Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern“ ( Lk 15, 31). Die Verzeihung der Hartherzigkeit des Älteren wird dabei noch nicht einmal ausgesprochen, sondern ist impliziert. Wie groß muss die Beschämung des älteren Sohnes vor solcher Milde sein. Alles hatte er vorhergesehen, nur nicht diese demütige Zärtlichkeit des Vaters. Plötzlich findet er sich entwaffnet, verwirrt, teilnehmend an der allgemeinen Freude. Und er fragt sich, wie er nur daran denken konnte, absichtlich fern zu bleiben, wie er es nur einen Augenblick lang habe vorziehen können, ganz allein unglücklich zu sein, während alle einander liebten und einander verziehen. Glücklicherweise ist der Vater da und erwischt ihn rechtzeitig. Zum Glück ist der Vater nicht wie er! Zum Glück ist der Vater viel besser als sie alle zusammen! Gott allein kann die Sünden vergeben. Er allein vermag diese Geste der Gnade, der Freude und des Überflusses der Liebe zu vollziehen. Darum ist das Bußsakrament die Quelle permanenter Erneuerung und Revitalisierung unseres priesterlichen Seins. 

10. Für mich wird darum die geistliche Reife für den Empfang des Weihesakramentes eines Priesteramtskandidaten darin deutlich, dass er regelmäßig, und zwar mindestens im Rhythmus von einem Monat, das Bußsakrament empfängt. Denn im Bußsakrament begegne ich dem barmherzigen Vater mit den kostbarsten Gaben, die er zu vergeben hat, nämlich die Vergabung, die Vergebung und die Begnadigung. Wenn aber einer durch seine mangelnde Beichtpraxis dem Vater sagt: „Behalte deine kostbaren Gaben für dich! Ich brauche dich und deine Gaben nicht!“, dann hört er auf, Sohn zu sein, indem er ihm sein Vatersein aufkündigt, weil er ihm seine kostbarsten Gaben nicht mehr abnimmt. Und wenn man nicht mehr Sohn des himmlischen Vaters ist, kann man nicht Priester werden, denn der Priester ist durch die Taufe zunächst einmal Sohn des Vaters, und dann ist er durch die Priesterweihe mit Christus Sohn mit dem Sohn. Dann erst kann er den Menschen wirklich Bruder sein. 

11. Der Umstieg von der Umkehr in die Mission kann sich zunächst darin zeigen, dass ich von der einen Seite des Beichtgitters auf die andere wechsele, von der Seite des Pönitenten auf die Seite des Beichtvaters. Der Verlust des Bußsakramentes ist die Wurzel vieler Übel im Leben der Kirche und im Leben des Priesters. Und die so genannte Krise des Bußsakramentes liegt nicht nur darin begründet, dass die Leute nicht mehr zum Beichten kommen, sondern dass wir Priester nicht mehr im Beichtstuhl präsent sind. Ein besetzter Beichtstuhl in einer leeren Kirche ist das ergreifendste Symbol für die wartende Geduld Gottes. So ist Gott. Er wartet auf uns lebenslang. Ich kenne aus meiner 35-jährigen bischöflichen Tätigkeit ergreifende Beispiele, wo Priester täglich im Beichtstuhl präsent waren, ohne dass ein Pönitent gekommen ist, – bis dann aber der Erste oder die Erste nach Monaten oder Jahren des Wartens kam. Damit war, wie man so sagt, der Knoten geplatzt. Dann wurde der Beichtstuhl reichlich frequentiert. Hier wird der Priester angefordert, aus aller äußeren Planungsarbeit der Seelsorge mit Gruppen umzusteigen in die persönliche Not eines Menschen. Und hier hat er zunächst nicht zu reden, sondern zu hören. Eine eiternde Wunde am Körper kann nur heilen, wenn sie sich ausbluten kann. Ein verwundetes Herz des Menschen kann nur geheilt werden, wenn es sich ausbluten, d.h. aussprechen kann. Und es kann sich nur aussprechen, wenn jemand zuhört, und zwar in dieser absoluten Diskretion des Bußsakramentes. Für den Beichtvater gilt zunächst einmal, nicht zu reden, sondern zu hören. Wie viel innere Anregung für seine eigene Christusnachfolge erfährt und erhält der Beichtvater gerade in seiner Tätigkeit bei der Spendung des Bußsakramentes, wenn er spürt und erfährt, wie weit ihm einfache katholische Männer, Frauen und Kinder in der Christusnachfolge voraus sind. 

12. Wenn uns dieser wesentliche Bereich des priesterlichen Dienstes weitgehend verloren geht, sinken wir Priester leicht auf eine Beamtenmentalität oder auf das Niveau einer reinen Pastoraltechnik herab. Unsere Verortung diesseits und jenseits des Beichtgitters bringt uns durch unser Zeugnis dazu, Christus für die Menschen berührbar werden zu lassen. Um es zunächst an einem Negativbeispiel deutlich zu machen: Wer mit radioaktiver Materie in Berührung kommt, wird selbst radioaktiv verseucht. Wenn ein solcher nun einen anderen berührt, dann wird er ebenfalls von seiner Radioaktivität negativ angesteckt. Nun aber das Beispiel positiv: Wer mit Christus in Berührung kommt, der wird christoaktiv. Und wenn der Priester dann als ein solcher Christoaktiver mit anderen Menschen in Berührung kommt, dann werden sie selbstverständlich von seiner Christoaktivität angesteckt. Das ist Mission, wie sie von Anfang an im Christentum präsent war. Die Menschen drängten sich um die Person Jesu herum, um ihn zu berühren, und wenn es nur der Saum seines Gewandes war. Und selbst, wenn es dieser nur von hinten war, dann wurden sie gesund: „Denn es ging eine Kraft von ihm aus, die alle heilte“ ( Lk 6, 19). 

13. Uns laufen die Menschen oft davon, sie drängen sich nicht mehr um uns, um mit uns in Berührung zu kommen. Im Gegenteil, sie laufen uns davon. Damit das nicht geschieht, müssen wir uns konkret fragen: Was berühren die Menschen denn, wenn sie mit mir in Berührung kommen? – Jesus Christus in seiner unermesslichen Liebe zu den Menschen, oder irgendwelche theologischen Privatmeinungen oder Gejammer über die Zustände in der Kirche und der Welt? Berühren sie bei uns Jesus Christus? Wenn das der Fall ist, dann kommen die Menschen. Sie sprechen untereinander von einem solchen Priester. Sie bringen es in solche Ausdrücke wie „Mit dem kann man reden. Der versteht mich. Der kann einem wirklich helfen“. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die Menschen nach solchen Priestern Sehnsucht haben, in denen sie authentisch Christus begegnen, der sie frei macht von allen Verstrickungen und sie an seine Person bindet. 

Jesus vergibt der Ehebrecherin, Mosaike von Pater Marko Ivan Rupnik.

14. Damit wir recht verzeihen können, brauchen wir viel Liebe. Die einzige Verzeihung, die wir recht gewähren könnten, ist jene, die wir von Gott empfangen haben. Nur wenn man den barmherzigen Vater erfahren hat, wird man barmherziger Bruder der Menschen. Wer nicht verzeiht, der liebt nicht. Wer wenig verzeiht, der liebt auch wenig. Wer viel verzeiht, der liebt viel. Wenn man den Beichtstuhl als Ausgangspunkt unserer Mission verlässt, von welcher Seite des Beichtstuhls auch immer, aber besonders von der Seite des Pönitenten, dann möchte man am liebsten alle umarmen, sie um Verzeihung bitten. Ich selbst habe so beglückend Gottes verzeihende Liebe erfahren, dass ich nur dringend bitten kann: „Nimm auch du seine Verzeihung an! Nimm einen Teil der Verzeihung, an der ich nun Überfluss habe. Vergib mir, dass ich sie dir so schlecht anbiete!“. Man geht mit der gleichen Bewegung wieder in die Liebe Gottes und in die Bruderliebe hinein, in die Vereinigung mit Gott und mit der Kirche, von der man sich durch die Sünde ausgeschlossen hatte. Wir können und müssen alle Menschen lieben, wenn Gott uns aufs Neue zu lieben gelehrt hat. Wäre es nicht so, dann wäre es ein Zeichen dafür, dass wir falsch gebeichtet haben und daher nochmals beichten müssten. 
Der wohl größte Beichtvater unserer Kirche ist der heilige Pfarrer von Ars. Ihm verdanken wir das Priesterjahr und damit unsere jetzige Zusammenkunft als Priester und Bischöfe mit dem Heiligen Vater hier in Rom. Mit diesem heiligen Pfarrer habe ich über das Geheimnis der heiligen Beichte nachgedacht. Denn sein täglicher Dienst der Versöhnung im Beichtstuhl in Ars ließ ihn zum großen Weltmissionar werden. Man sagt, er habe als Beichtvater die Französische Revolution geistlich überwunden. Was mir im geistlichen Dialog mit Jean-Marie Vianney aufgegangen ist, das habe ich hier verkündet. Dabei hat er mich noch an etwas ganz Wichtiges erinnert: 

15. Wir lieben alle, wir verzeihen allen! Hüten wir uns indessen, einen zu vergessen! Ein Wesen existiert nämlich, das uns enttäuscht und belastet, ein Wesen, mit dem wir ständig unzufrieden sind. Und das sind wir selbst. Wir haben uns oft so satt. Wir sind unserer Mittelmäßigkeit überdrüssig und müde unserer eigenen Monotonie. Wir leben in einem Zustand der Kälte und sogar einer unglaublichen Gleichgültigkeit gegenüber diesem nächsten Nächsten, den Gott uns anvertraut, damit wir ihn von seiner Vergebung berühren lassen. Und das sind wir selbst. Es heißt doch, dass wir unseren Nächsten lieben sollen wie uns selbst (vgl. Lev 19, 18). Wir sollen also auch uns lieben, wie wir unseren Nächsten zu lieben suchen. Dann müssen wir Gott bitten, uns zu lehren, dass wir uns selber verzeihen: den Ärger unseres Stolzes, die Enttäuschungen unseres Ehrgeizes. Bitten wir ihn, dass die Güte, die Zärtlichkeit, die Nachsicht und das unerhörte Vertrauen, womit er uns verzeiht, uns so weit gewinnen, dass wir den Überdruss an uns selbst los werden, der uns überall hin begleitet und uns oft nicht einmal beschämt. Wir können die Liebe Gottes zu uns nicht erkennen, ohne die Meinung im Hinblick auch auf uns selbst zu ändern, ohne Gott selbst zu uns Recht zu geben, wenn er uns liebt. Die Verzeihung Gottes versöhnt uns mit ihm, mit uns, mit unseren Menschenbrüdern und -schwestern und mit der ganzen Welt. Sie macht uns zu authentischen Missionaren. Glaubt ihr das, liebe Brüder? – Probiert es aus – heute noch! 

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Quelle

Papst Franziskus über den gelebten Glauben, die Familie, Vergebung und Glaubenszweifel

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Pastoralbesuch Setteville

Besuch von Papst Franziskus in römischer Gemeinde
„Santa Maria“ in Setteville di Guidonia

„Aber warum sind sie Jesus begegnet?“, fragte Papst Franziskus zu Beginn seiner frei gehaltenen Homilie am Sonntag, als er am Nachmittag die römische Gemeinde „Santa Maria“ in Setteville di Guidonia besuchte und bis zum Abend mit den Menschen verweilte. Erst um 19.40 Uhr kehrte der Papst nach einem Nachmittag voller Begegnungen und Gespräche in den Vatikan zurück.

Sein Besuch in der östlichen Peripherie der Hauptstadt begann um 15.40 Uhr mit dem Besuch bei dem stellvertretenden Gemeindepriester, Don Giuseppe Berardino, der erst 50 Jahre alt seit zwei Jahren wegen einer schweren Form amyotropher Lateralsklerose paralysiert ans Bett gefesselt ist. Papst Franziskus sprach dem gelähmten und mittlerweile sprachunfähigen Priester ermutigende Worte zu und betete schweigend; danach erteilte er ihm während der zehnminütigen Begegnung das Sakrament der Krankensalbung.

Anschließend folgte ein Treffen mit den Gemeindemitgliedern, darunter 30 alte Menschen und Kranke, drei Kinder mit Down-Syndrom, die Mitglieder der Katechismusgruppe und der Pfadfindergruppe. Rund eine halbe Stunde verbrachte der Papst mit den Jugendlichen, danach begrüßte der Papst die Kinder, die im letzten Jahr das Taufsakrament empfangen hatten, und ihre Eltern. Auch die rund 100 Gemeindehelfer um Don Luigi Tedoldi hatten Gelegenheit, mit Papst Franziskus zu sprechen, der Ratschläge erteilte und die Bedeutung der Missionsarbeit betonte. Seine seelsorgerische Arbeit setzte der Papst in der Sakristei fort, wo er einem jungen Paar, das sich um den kranken Priester kümmert, einem Jugendlichen und dem Vater eines kranken Kindes die Beichte abnahm. Um 17.40 Uhr, zwei Stunden nach seiner Ankunft in der Gemeinde, feierte Papst Franziskus mit der Gemeinde die heilige Messe.

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Die Frage, die Papst Franziskus zu Beginn seiner Predigt stellte, beantwortete er sogleich: „Weil es einen Zeugen gab, weil es einen Mann gab, der Zeugnis von Jesus ablegte. So geschieht es in unserem Leben.“ Genau darin liege das Wesen eines Christen, Zeugnis von Jesus abzulegen. Auf diese Weise sei der christliche Glaube verbreitet worden.

Am Beispiel der Apostel zeigte Papst Franziskus auf, dass jeder ein Zeuge sein könne. Man müsse nicht heilig sein, sondern arm, bewusst, ein Sünder zu sein. Die Apostel seien Sünder gewesen, hätten den Herrn verraten, aber nicht schlecht übereinander gesprochen, betonte der Papst. In einer guten Gemeinde gebe es keine üble Nachrede, sondern man spreche direkt miteinander. Papst Franziskus erteilte den Gläubigen abschließend den Rat, sich darin zu üben.

Papst Franziskus verbrachte während seines Besuchs eine halbe Stunde mit den Jugendlichen, die bereits gefirmt worden sind, und unterhielt sich mit ihnen. Viele kehrten nach der Firmung nicht in die Gemeinde zurück, stellte der Papst fest, das sei ein Problem. Dem Wort des Herrn zuzuhören und Freude zu empfinden, wiederholte Papst Franziskus die Worte eines der Kinder und kritisierte, dass das Wort Gottes manchmal traurig und langweilig weitergegeben werde und keine Freude vermittle. Im weiteren Gespräch stellten der Papst und die Jugendlichen fest, dass wahrer Glaube gelebter Glaube mit dem Herzen und den Händen sei und nicht nur mit Worten.

Dazu müsse man dem Herrn und dem Nächsten zuhören, und zwar mit den Ohren und dem Herzen. Außerdem müsse man sich klein machen und auf die Menschen zugehen, erklärte ein junges Mädchen. Helfen, z.B. mit den Werken der Barmherzigkeit, nannte Papst Franziskus als Beispiel.

Im Laufe des Gesprächs wurde die Frage angesprochen, wie man auf einen ungläubigen Freund reagieren solle. Papst Franziskus erklärte, dass man den ungläubigen Freund nicht bekehren wollen dürfe, indem man ihm den Glauben darlege, sondern vielmehr den Glauben vorleben müsse, sodass er schließlich wissen wolle, weshalb man sich auf eine bestimmte Weise verhalte.

Ein weiterer wichtiger Punkt, der den Jugendlichen am Herzen lag, war die Vergebung. Papst Franziskus stellte fest, dass es schwierig sei, aber vergeben könne man, vergessen nicht immer, da oftmals Narben zurückblieben.

Papst Franziskus legte den Jugendlichen im folgenden die Bedeutung der Familie dar, die er als das größte Geschenk Gottes bezeichnete, vor allem die Großeltern seien in der Familie wichtige Bezugsfiguren.

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Auf die Frage, ob er selbst nie den Glauben verloren habe, antwortete Papst Franziskus den Jugendlichen ehrlich, dass er auch dunkle Momente erlebt habe und erlebe, aber den Glauben immer wieder gefunden habe. Um den Jugendliuchen zu verdeutlichen, welchen Herausforderungen sich die Menschen im Leben teilweise stellen müssten, erzählte er von der Taufe der Neugeborenen, die aus den Erdbebengebieten mit ihren Eltern in den Vatikan gekommen waren. Ein Vater erzählte dem Papst, er habe seine Frau, seine Liebe, bei dem Erdbeben verloren. Papst Franziskus erzählte den Jugendlichen, geschwiegen zu haben, da er sich habe vorstellen können, dass der Vater am Glauben zweifle. Daher habe er ihm nur beigestanden und versucht, ihn zu begleiten. Der Glaube komme dann von allein wieder.

Abschließend erteilte Papst Franziskus den Jugendlichen seinen Segen und vertraute sie dem Schutz der Jungfrau Maria an, versicherte sie seiner Gebete und bat, auch ihn in die ihren einzuschließen.

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Quelle

Erzbischof Paglia: Papst Franziskus will eine neue Allianz zwischen Pastoral und Theologie

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Erzbischof Vincenzo Paglia, neuer Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben.

Erzbischof Vincenzo Paglia wird neuer Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben, gleichzeitig übernimmt er das Amt des Großkanzlers des Instituts „Johannes Paul II.“ für Studien zu Fragen von Ehe und Familie. Das wurde am Mittwoch bekannt. Paglia war bisher Präsident des Päpstlichen Familienrates, der in einem neuen Dikasterium aufgeht. Mit Radio Vatikan sprach er über die neue Aufgabe.

„Ich habe die Aufgabe mit großer Dankbarkeit angenommen. Meine bisherige Arbeit hat mich ganz stark in die Richtung des Konkreten gebracht, der Begegnung mit vielen kirchlichen Realitäten, mit vielen Bischofskonferenzen und ich verstehe den Wunsch des Papstes nach einer Art Beschleunigung der Nähe der Kirche, nach dem Durchbrechen von Grenzen, mit Reflexion, Wagemut und Kreativität.“

Der Vatikan veröffentlichte an diesem Mittwoch auch den Text eines langen, handschriftlichen Briefes von Papst Franziskus an Paglia. Darin lobt der Papst „das solide Wissen und die große Erfahrung“ des Bischofs; seine Zeit als Präsident des Familienrats habe „große geistliche und pastorale Früchte getragen“. Mit den neuen Ernennungen habe der Papst den neuen Kurs, der von der Weltbischofssynode und seiner Enzyklika „Amoris Laetita” ausgeht, klar fortsetzen wollen, meint Paglia.

„Papst Franziskus bietet nicht nur eine erste Neuordnung der Kurie an, indem er die starke pastorale Perspektive aufzeigt, die er eingenommen hat. Auch in dem Schreiben zum Institut „Johannes Paul II.“ und der Päpstlichen Akademie für das Leben zeigt er, dass er ganzheitlich den kulturellen und formgebenden Aspekt der Synode weiterentwickeln will und auch die Ernennung des Präfekten des neuen Dikasteriums ist eine Antwort auf diese pastorale Perspektive. Er möchte also die familiäre Dimension wieder in den Blick der ganzen kirchlichen Realität rücken. Das ist meines Erachtens eine wirklich interessante Perspektive.”

Für die neue pastorale Perspektive von Franziskus seien Menschen aus allen Ebenen gefragt: Zum einen jene, die in unmittelbarem pastoralem Kontakt mit den Gläubigen stehen, zum anderen das Lehrpersonal. Es brauche eine neue Allianz zwischen Praxis, dem pastoralen Leben und der theologischen Reflexion, die immer wieder mit neuen Herausforderungen konfrontiert sei, die die Gesellschaft kontinuierlich an die Kirche stelle.

„Der Papst möchte keine blinde Pastoral und auch keine Schreibtischtheologie. Er möchte, dass die ganze Kirche in all ihren Teilen sich zur zeitgenössischen Gesellschaft hinwendet, damit die Gnade der Barmherzigkeit des Herrn sie wieder aufrichte, heile, ihr helfe und alle auf dieser Reise zum Reich Gottes bringe.“

Hierfür sei es Franziskus ein Anliegen, dass Paglia die ihm jetzt anvertraute Studieneinrichtung zu Ehe und Familie auf den Kurs der „Barmherzigkeit“ bringe.

„Der Horizont der Barmherzigkeit umfasst die ganze Kurienreform. Dahinter steckt die Überzeugung, dass nicht alles in eine theoretische Reflexion mündet, sondern dass die Kirche „Prima Lex“ sein will, Heil für die Seelen, Heil für die Menschen, die Familien, Hilfe für die ganze Gesellschaft. Diese ist wirklich ein Feldlazarett, in dem die Kirche die Barmherzigkeit Gottes spürbar machen will, mit Leidenschaft und kontinuierlichem Einsatz, damit alle, ohne Ausnahme, von der Liebe Gottes erreicht werden, eine Liebe, die verändert und rettet.“

(rv 20.08.2016 cz)