Relativismus und Intoleranz. Das Ende der Bemühung um Objektivität.

Bischof Marian Eleganti

20 Dezember 2019, 10:42

Twitter, Facebook, Google u.a. sind die neuen gesellschaftlichen Inquisitionsgerichte, die aus dem Backoffice heraus darüber entscheiden, was (politisch korrekt) gedacht und gesagt werden darf – Ein Kommentar von Bischof Marian Eleganti

Chur (kath.net/LifeSiteNews)

Ich stelle in vielen gesellschaftspolitischen und ethischen Auseinandersetzungen eine verhängnisvolle Emotionalisierung und Personalisierung der Debatte fest. Da es in der postmodernen, pluralistischen und relativistischen Gesellschaft keine allgemein gültige Wahrheit mehr geben soll, die zu suchen ist, fällt auch die Bemühung um Objektivität aufgrund von gemeinsamen Vernunftargumenten in einem offenen Dialog weg.

Weil jeder seine eigene «Wahrheit» hat bzw. «konstruiert», die nicht die intersubjektiv gültige und von allen Vernünftigen zu suchende ist, herrschen nur noch eigene Interessen und Befindlichkeiten, Lebensstile und vor allem Emotionen, die allesamt durchgesetzt werden und recht haben wollen. Jeder, der widerspricht oder sich quer stellt, wird als «persönlicher Feind», nicht als vernünftiger und ehrenwerter «Diskurs-Gegner» wahrgenommen nach der Formel «Du wiedersprichst mir, also hassest Du mich». Als ob ein Widerspruch in der Sache, auch schon die Ablehnung (Hass) der Person, welche die Sache vertritt, bedeuten würde. Diese Pervertierung einer vernünftigen Erkenntnisbemühung nach der Formel «Widerpruch = Hass» wird von der LGBTQ – Lobby systematisch politisch umgesetzt. Jede von ihr abweichende Meinung wird als «hatespeech» stigmatisiert oder mindestens als theoretische Voraussetzung für tätliche Gewalt gewertet. Und noch bevor ein wirkliches Gewaltverbrechen geschieht, das ganz andere Ursachen hat, droht dem Vertreter einer abweichenden Meinung eine gerichtlich verfügte Strafe oder ein Boykott seiner freien Rede durch Blockaden und andere Schikanen. Hier wird dann wirkliche Gewalt angewandt, ohne angesichts des eigenen, gleichzeitig lautstark verkündeten pluralistischen Credo´s (Vielfalt) zu erröten. Bis jetzt konnten wir kontrovers und anständig diskutieren, ohne tätlich angegriffen oder niedergebrüllt zu werden: Wo ist unsere Gesprächskultur und angebliche Toleranz geblieben? Universitäten sind keine Orte mehr für offene Diskurse, Objekitivitätsbemühung (Wissenschaftlichkeit) und Wahrheitssuche. Schonräume verhindern den offenen Diskurs. Es könnte sich jemand verletzt fühlen. Warum? Weil ich die Wahrheit sage? Dasselbe gilt für die gesellschaftspolitiche Auseinandersetzung.

Jetzt sollen wir aufgrund von Antidiskriminierungsgesetzen auch noch durch Gerichtsurteile zum Schweigen gebracht – und bestraft werden.

Vor allem der Katholizismus hat eine ausgesprochene Kultur der vernünftigen Rede entwickelt: Man lese einmal Thomas von Aquin und betrachte seine Weise, gegnerische Ansichten zu würdigen und zu widerlegen! Katholizismus bedeutete immer, den Glauben vernünftig zu durchdringen und begrifflich klar darzulegen. Katholisches Denken bzw. katholische Lehre unterscheidet deshalb peinlich genau zwischen Person und Ansicht, zw. Sünder und Sünde. Man liebt die Person bzw. den Sünder, bekämpft aber eventuell deren falsche Ansichten bzw. deren sündige Praxis. Dieser Sinn für Objektivität und Wahrheit, diese Unterscheidung von Person und Sache, ist unserer Gesellschaft total abhanden gekommen. Man könnte meinen, ihr relativistisches Credo würde automatisch auch eine tolerante Debattenkultur hervorbringen. Weit gefehlt! In Wirklichkeit sieht man in Internetforen, Blogszenen und in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen nur noch rücksichtslos zum Ausdruck gebrachte Emotionen ohne jeglichen Anstand und Respekt gegenüber der Person. Bei Meinungsdifferenzen werden Interessenskonflikte mit harten Bandagen ausgetragen, ohne die geringste Bemühung, den anderen zu verstehen und seine Meinung richtig wiederzugeben oder nachzuvollziehen, bevor man seine Ansichten bekämpft. Statt sie mit vernünftigen Argumenten zu widerlegen, wird seine Person verbal herabgesetzt und etikettiert: z.B. als « Fremden-Hasser», «Fanatiker», «Fundamentalist», «(meist Rechts-) Extremer. Oder sein Denken wird psychopathologisiert: Vernünftig argumentierende Menschen sind dann angstbesetzte (z.B. Homo-) Phobiker, mit denen man gar nicht mehr zu reden braucht. Argumente erübrigen sich. Eine ganz perfide Art, sie mundtot zu machen, ist der Versuch, ihre vernünftigen Ansichten wie z.B., dass ein Kind Vater und Mutter braucht (ein Argument gegen die Gleichstellung der homosexuellen Partnerschaft mit der heterosexuellen Ehe) über gesetzgeberische Massnahmen und Gerichtsurteile schlichtweg zu verbieten und die eigenen, irrigen Ansichten durch letztere zur gesellschaftlichen Norm zu erheben. Die relativistische Ansicht, dass jeder leben darf, wie er will, ohne dass eine Gesellschaft diesbezüglich noch gemeinsame Standards entwickeln könnte, schlägt so in Meinungsterror und Intoleranz um. Die Masse wird in Meinungskorridore gezwungen, welche Mainstreammedien, Politik und Gesetze, demokratisch nicht legitimierte Gerichtsurteile oder fast allmächtige Medienplattformen definieren. Wer nicht spurt, wird geblockt, verklagt oder gesellschaftlich stigmatisiert.

Twitter, Facebook, Google u.a. sind die neuen gesellschaftlichen Inquisitionsgerichte, die aus dem Backoffice heraus darüber entscheiden, was (politisch korrekt) gedacht und gesagt werden darf.

Zur Erinnerung. An den Universitäten des Hochmittelalters galten folgende Diskursregeln (ich gebe sie aus meiner Erinnerung und mit eigenen Worten wieder):

1 Die gegnerische, von der eigenen Ansicht abweichende Meinung wird zuerst nachvollzogen und mit eigenen Worten wiedergeben.

2 Es wird beim Diskursgegner zurückgefragt, ob man seine Überzeugung bzw. Behauptung richtig verstanden und richtig wiedergegeben hat.

3 Die Aspekte der Wahrheit in der gegnerischen Ansicht werden gewürdigt (gewichtet) und wenn möglich in die eigene Sichtweise aufgenommen.

4 Andere Aspekte in der gegnerischen Ansicht werden mit Vernunftargumenten und Faktencheck respektvoll widerlegt.

5 Der letzte Schritt ist der Versuch einer Synthese, der Erkenntnisfortschritt, die tiefere Einsicht.

Wie anders könnten unsere Gesellschaft und Internetforen aussehen, wenn diese Diskursregeln von allen angewandt würden!

Der Beitrag erschien auch in gekürzter Form bei „LifeSiteNews“

COMING NEXT: PREMIERE Montag Abend 20.00 Uhr – kath.net-Video-Blog mit Bischof Eleganti – Die Botschaft zu Weihnachten 2019

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Quelle

Schweizer Bischof: Amazonas-Synode könnte „ganzen mystischen Leib der Kirche verseuchen … ihn schwer beschädigen“

28. Juni 2019 ( LifeSiteNews ) – Bischof Marian Eleganti, der Weihbischof von Chur in der Schweiz, hat die Kritik von Kardinal Walter Brandmüller am 27. Juni am Arbeitsdokument des Vatikans für die bevorstehende Pan-Amazonas-Synode unterstützt. Solche Ideen werden „den gesamten mystischen Körper der Kirche kontaminieren – und ihn schwer beschädigen.“

Der Prälat erklärte in Kommentaren zu LifeSiteNews (siehe vollständige Kommentare unten), warum er Brandmüllers Kritik an dem Dokument unterstützt, das der Kardinal als „ketzerisch“ und als „Abfall vom Glauben“ aus der göttlichen Offenbarung bezeichnete.

Bischof Eleganti sagte, dass die Kirche das „Antlitz Christi“ haben muss, nicht „ein amazonisches Antlitz“.

Die Amazonas-Synode, fügte Eleganti hinzu, sollte nicht als Instrument verwendet werden, um entweder das Priestertum oder die „sakramental-hierarchische Struktur der Kirche“ zu ändern.

„Ich stimme Kardinal Brandmüller zu“, erklärte er, „wenn er kritisierte, dass wir nicht über die Amazonasregion sprechen sollten, wenn wir in Wirklichkeit die Universalkirche meinen und anvisieren.“ Der Bischof lehnte die Idee ab, für die Amazonasregion eine Art von „Priesterweihe light“ zu etablieren und fügte hinzu, dass es seit dem Konzil von Trient keine Möglichkeit gibt, die verschiedenen Merkmale der Weihemacht zu trennen, dh die heiligen Weihen von der Regierungsmacht in der Kirche zu trennen.

„Das sakramentale Priestertum kann im Amazonasgebiet nicht entschieden oder neu definiert werden. Die letzten Konzile seit Trient haben Jurisdiktion, Regierungs-Autorität und sakramentale Ordination (Weihe) klar miteinander verbunden. Sie dürfen nicht getrennt werden, wenn wir dem Willen dieser Konzile treu bleiben wollen“, sagte er.

„Die Frauenfrage darf nicht als Hebel missbraucht werden, um von ihr abzuweichen und neue Ämter für Frauen zu schaffen. Die hierarchisch-sakramentale Struktur der Kirche steht nicht zur Diskussion. Es ist nicht möglich, dass bereits fünfzig Jahre später die Erklärungen des Konzils nicht mehr normativ sein sollten, um ein Laborexperiment im Amazonasgebiet zu starten, das wiederum den gesamten mystischen Körper der Kirche kontaminiert – und ihn schwer beschädigt “, fügte er hinzu.

Der Schweizer Prälat erklärte, dass die Amazonasregion sich zu Jesus Christus bekehren und somit ihre Riten und Kultur an Ihn anpassen sollte, nicht umgekehrt. Er forderte eine Evangelisierung des Amazonasgebiets. Eleganti verwendete das Bild von Christi „Teig“, der jede Kultur der Welt „durchdringt und verändert“.

Kardinal Walter Brandmüller kritisierte am 27. Juni das kürzlich veröffentlichte Arbeitsdokument für die Amazonas-Synode. Darin distanziert er sich von diesem Text und sagt, dass er darin sogar Häresie und Abfall vom Glauben erkennt. Er lehnte die Idee, verheiratete Männer zum Priester zu ordinieren oder weibliche Diakoninnen zu ordinieren, entschieden ab.

LifeSiteNews hat eine Petition zur Unterstützung der Aussage des deutschen Kardinals gestartet, auch aus Dankbarkeit für seine Stärke im Glauben. Bisher haben mehr als 8.700 Menschen die Petition unterschrieben. Bischof Eleganti teilte LifeSiteNews mit, dass er die Petition unterzeichnet habe. Er ist der erste Prälat der katholischen Kirche, der die Kritik von Kardinal Brandmüller am Arbeitsdokument der Amazonas-Synode öffentlich unterstützt.

LifeSiteNews berichtete heute, dass eine vom Sekretariat der Amazonas-Synode unter Kardinal Lorenzo Baldisseri organisierte Sitzung vor der Synode die Ordination von Diakoninnen forderte.

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Vollständige Erklärung von Bischof Marian Eleganti zu LifeSiteNews

Als Gesicht der Kirche wünsche ich mir, dass wir das Antlitz Christi haben, wie es uns in den Evangelien vorgestellt wird. In diesem Sinne gibt es für mich keine Kirche „mit amazonischem Gesicht“. Und es ist auch nicht wünschenswert, dass eine bestimmte Region der Welt der Universalkirche ein eigenes Gesicht aufdrängt. Das Antlitz Christi sollte vielmehr in allen Kulturen der Welt sichtbar werden. Aber dafür müssen sie sich zuerst zu Ihm bekehren. Das Evangelium ist das Salz der Erde und das Licht der Welt: In diesem Sinne gibt es auch immer Kulturkritik.

Dies gilt auch für die Amazonasregion, die eine solche Kritik auf der Grundlage der Offenbarung dringend benötigt, um das Antlitz Christi widerspiegeln zu können und um es in Wirklichkeit nicht mit Hilfe ihrer eigenen kulturellen Ideen und Riten zu verzerren. Das Evangelium veränderte und humanisierte zu dieser Zeit die Kultur der Antike im Mittelmeerraum. Das war damals so und ist heute nicht viel anders.Dies gilt für alle Kulturen der Welt. Jesus verstand sein Evangelium als Teig, der das Herz des Menschen durchdringt und verändert – und damit auch die Kultur.

Stellen wir daher die Situation und die geistige Ordnung der Wahrheit nicht auf den Kopf, als ob in der Kultur des Amazonasgebiets der Heilige Geist dem Evangelium vorangeht und als ob er (das Evangelium) sich selbst mit Hilfe des (der) befreit indigene Kultur und nicht umgekehrt!

Ich stimme Kardinal Brandmüller zu, wenn er kritisiert, dass wir nicht von der Amazonasregion sprechen sollten, wenn wir in Wirklichkeit die Universalkirche meinen und anvisieren. Das sakramentale Priestertum kann im Amazonasgebiet nicht entschieden oder neu definiert werden. Die letzten Konzile seit Trient haben Gerichtsbarkeit, herrschende Autorität und sakramentale Ordination klar miteinander verbunden. Sie dürfen nicht getrennt werden, wenn wir dem Willen dieser Räte treu bleiben wollen. Die Frauenfrage darf nicht als Hebel missbraucht werden, um davon abzuweichen und neue Ämter für Frauen zu schaffen. Die hierarchisch-sakramentale Struktur der Kirche steht nicht zur Diskussion. Es ist nicht möglich, dass Konzilserklärungen bereits fünfzig Jahre später nicht mehr normativ sein sollten, um ein Laborexperiment im Amazonasgebiet zu starten, das wiederum den gesamten mystischen Körper der Kirche kontaminiert – und schwer beschädigt .

Die Macht der Ordination (Priestertum: munus sanctificandi ; Lehramt: munus docendi ; Regierungsamt: munus regendi ) ist unteilbar und kann nicht auf bestimmte Aufgaben oder sakramentale Handlungen beschränkt werden. Theologisch gesehen kann es keine Art „Priesterweihe“ sui generis für „verheiratete Älteste“ geben, wie einige Leute bereits erwogen haben.

Auch das Zölibat hat ein inneres (Ausschließlichkeit der Bindung zu Gott bzw. zu Christus) und ein äußeres Merkmal (uneingeschränkte Verfügbarkeit für das Reich Gottes), um dessen willen Jesus selbst unverheiratet geblieben ist.

Wie kann man das so sorglos aufs Spiel setzen und von der Lebensweise Jesu, von seinem Vorbild, abweichen? Vor allem der Priester sollte in erster Linie ohne Zögern oder Widerspruch voll und ganz dem Beispiel Jesu folgen und Sein Ebenbild sein.Wer sonst?

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Quelle

Aus dem Englischen übersetzt von mir [POS]