Papst Pius XI.: DIVINI ILLIUS MAGISTRI, 31. Dezember 1929

Als Stellvertreter Christi1 hienieden, jenes göttlichen Meisters, der in seiner unendlichen Liebe alle Menschen, auch die Sünder und Unwürdigen, umfaßte, für die Kinder aber eine besonders zärtliche Vorliebe zeigte und sich in jenen rührenden Worten äußerte: Lasset die Kleinen zu mir kommen2, haben auch Wir bei jeder Gelegenheit die wahrhaft väterliche Vorliebe, die Wir für sie hegen, zu bekunden gesucht, namentlich durch ständige Sorge und, so oft sich eine Gelegenheit bot, durch Belehrungen über die christliche Erziehung der Jugend.

Indem Wir Uns zum Echo des göttlichen Meisters machten, haben Wir bald durch Mahnungen, bald durch Ermunterungen, bald durch Weisungen an die Jugend und die Erzieher, an Familienväter und Familienmütter Worte des Heiles gerichtet über verschiedene Punkte der christlichen Erziehung, mit jener Sorge, wie sie dem gemeinsamen Vater aller Gläubigen geziemt, und mit jener gelegenen und ungelegenen Beharrlichkeit, die Unser Hirtenamt erfordert, und die der Apostel ein­schärft, wenn er sagt: Dringe darauf, ob gelegen oder ungelegen, weise zurecht, ermahne, tadle in aller Geduld und Weisheit3. Diese Beharrlichkeit ist gerade in unsern Tagen erfordert, in denen man leider einen so großen Mangel an klaren und gesunden Grundsätzen auch in den fundamentalsten Fragen beklagen muß.

Aber gerade die erwähnte allgemeine Zeitlage, die gegenwärtige verschiedentliche Behandlung der Schul- und Erziehungsfrage in den verschiedenen Ländern und das daraus entspringende Verlangen, das Uns gar viele von Euch, Ehrwürdige Brüder, und Euren Gläubigen mit kindlichem Vertrauen geäußert haben, und Unsere eigene, wie Wir sagten, so innige Liebe zur Jugend, haben Uns bewogen, eingehender auf diesen Gegenstand zurück­zukommen. Es liegt nicht in Unserer Absicht, ihn in seiner gesamten, fast unerschöpflichen Fülle von Theorie und Praxis zu behandeln, sondern nur die obersten Grund­sätze zusammenzufassen, die Hauptschlußfolgerungen ins rechte Licht zu setzen und die praktischen Anwendungen aufzuzeigen.

Das soll das Andenken an Unser Priesterjubiläum sein, das Wir in besonderer Absicht und mit besonderer Zunei­gung der teuren Jugend widmen und allen jenen ans Herz legen, welche die Aufgabe und Pflicht haben, sich mit ihrer Erziehung zu beschäftigen.

In Wahrheit, niemals hat man so viele Erörterungen über Erziehungsfragen angestellt wie in der gegenwärtigen Zeit. Immer wieder tauchen überall zahlreiche Lehrer neuer pädagogischer Theorien auf, werden Methoden und Mittel ausgedacht, vorgelegt und erörtert, die nicht nur die Erziehung erleichtern, sondern eine neue Erzie­hungsart von unfehlbarer Wirksamkeit schaffen sollen, und die dann imstande sein soll, die neue Generation für die ersehnte Glückseligkeit auf dieser Erde heranzubilden. Daher kommt es, daß die Menschen, von Gott nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen und für ihn, die unendliche Vollkommenheit, bestimmt, heute mehr denn je inmitten der Überfülle des bestehenden materiellen Fortschrittes die Unzulänglichkeit der irdischen Güter für das wahre Glück der Einzelnen und der Völker bemerken und um so lebhafter den Drang nach einer höheren Vervollkommnung in sich fühlen, den der Schöpfer selbst in die vernunftbegabte Natur hinein­gelegt hat. Diese Vervollkommnung wollen die Menschen hauptsächlich durch die Erziehung erreichen. Nun aber trachten viele von ihnen, gleichsam unter zu starkem Nachdruck auf den buchstäblichen Sinn des Wortes, diese Vervollkommnung aus der menschlichen Natur selber zu entwickeln und mit deren Eigenkräften allein zu ver­wirklichen. Daher fallen sie in Unserer Frage leicht in Irrtum. Denn anstatt den Blick auf Gott, den Ursprung und das letzte Ziel des Weltalls, zu richten, stützen sie sich einzig auf sich selbst, indem sie sich ausschließlich an die irdischen und zeitlichen Dinge anklammern. So leben sie in beständiger und unaufhörlicher Unruhe, solange sie nicht ihren Blick und ihre Arbeit auf Gott, das einzige Ziel der Vollkommenheit, richten, gemäß dem tiefsinnigen Ausspruch des hl. Augustinus: «Für Dich, o Herr, hast du uns erschaffen, und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir.»4

Es ist darum von höchster Wichtigkeit, in Erziehungs­fragen sich nicht zu täuschen, wie man anderseits keines­wegs vom höchsten Ziele abirren soll, auf welches jedes Erziehungswerk notwendig hingerichtet ist. Weil nämlich der ganze Sinn des Erziehens auf jene Bildung des Menschen schaut, welche er in diesem sterblichen Leben erlangen soll, damit er das ihm vom Schöpfer bestimmte höchste Ziel erreiche, so ist es klar, daß es keine wahre Erziehung geben kann, die nicht ganz auf das letzte Ziel hingerichtet ist. Ja, es kann eben darum in der gegen­wärtigen durch Gottes Vorsehung bestehenden Ordnung keine ganz befriedigende und vollkommene Erziehung geben, es sei denn die christliche. Denn Gott hat sich nun einmal in seinem Eingeborenen geoffenbart, der allein der Weg, die Wahrheit und das Leben5 ist.

Hieraus erhellt die überaus große Bedeutung der christlichen Erziehung nicht allein für den Einzelnen, sondern auch für die Familie und für die gesamte mensch­liche Gemeinschaft. Ihre höchste Leistungskraft und sittliche Tüchtigkeit ersprießen aus der Kraft und Tugend derjenigen, aus denen sie wie aus Grundteilen besteht. Die bisher angeführten Grundsätze zeigen weiterhin klar und deutlich, wie vorzüglich vor allen andern das christ­liche Erziehungswerk ist. Denn dieses zielt vornehmlich darauf, für die jungen Zöglinge den Besitz des höchsten Gutes, nämlich Gottes, zu erringen und der mensch­lichen Gemeinschaft das auf dieser Erde höchstmögliche Maß von Wohlergehen zu sichern. Dies sucht sie auch auf sehr wirksame Weise zu erreichen. Leihen doch die Menschen, die an solchem Beginnen sich weitermühen, Gott selbst ihre Arbeit, um für ein stets höheres Wohl der Bürger auf privatem und öffentlichem Gebiete zu sorgen. Die Erzieher bilden und bewegen nämlich die jugendlichen Seelen derart, daß sie ihren Lebensgang auch später noch gewissermaßen weiterleiten, nach dem Zeugnis­wort des Weisen: Von dem Weg, den der Jüngling einge­schlagen, wird er sich auch in seinem Greisenalter nicht entfernen6. Mit vollem Recht sagt daher der hl. Johannes Chryso­stomus: Was gibt es Größeres, als Seelen leiten, als die Sitten der Jünglinge bilden?7

Aber kein Wort offenbart uns die Größe, Schönheit und übernatürliche Erhabenheit des christlichen Erzie­hungswerkes so treffend wie das hehre Wort der Liebe, womit Jesus Christus, unser Herr, sich den Kindern gleichstellend, erklärte: «Wer eines von diesen Kleinen in meinem Namen aufnimmt, nimmt mich auf.»8

Um jedoch in diesem hochbedeutsamen Werke nicht dem Irrtum zu verfallen, und um es mit dem Beistand der göttlichen Gnade auf die bestmögliche Weise aus­zuführen, ist es notwendig, einen klaren und genauen Begriff der christlichen Erziehung in ihren wesentlichen Beziehungen zu haben: wem nämlich die Erziehungs­aufgabe zukommt, was Gegenstand der Erziehung ist, welches die notwendigen Bedingungen der Umwelt sind, was Ziel und eigentliche Form der christlichen Erziehung nach der von Gott festgesetzten Heilsordnung ausmacht.

Die Erziehung ist notwendig eine Arbeit der Gemein­schaft, nicht des Einzelnen. Nun gibt es drei notwendige Gemeinschaften, verschieden voneinander und doch wieder von Gott harmonisch miteinander verbunden, in deren Schoß der Mensch hineingeboren wird : zwei Gesell­schaften der natürlichen Ordnung, die Familie nämlich und der Staat ; die dritte, die Kirche, gehört der über­natürlichen Ordnung an. Zunächst die Familie, unmittel­bar von Gott geschaffen zu dem ihr eigenen Zweck, der in der Erzeugung und Erziehung der Nachkommenschaft besteht. Die Familie hat daher den natürlichen und darum auch einen rechtlichen Vorrang vor dem Staat. Nichts­destoweniger ist die Familie eine unvollkommene Gesell­schaft, weil sie nicht alle Mittel zur eigenen Vervoll­kommnung in sich enthält, während der Staat eine in allen Dingen eigenständige und vollkommene Gesell­schaft ist. Denn er schließt alle Mittel in sich, die zur Erreichung des ihm eigenen Zweckes, nämlich des dies­seitigen Gemeinwohles, notwendig sind. In dieser Hin­sicht hat er den Vorzug vor der häuslichen Gemeinschaft, die eben nur in der bürgerlichen Gemeinschaft ihren Zweck sicher und geziemend erfüllen kann.

Die dritte Gesellschaft, in welche der Mensch durch die Taufe für das göttliche Gnadenleben geboren wird, ist die Kirche, eine Gesellschaft übernatürlicher und allumfassender Ordnung, eine vollkommene Gesellschaft, da sie in sich alle Mittel enthält zur Erreichung ihres Zieles, das da ist das ewige Heil der Menschen. Sie ist darum die höchste in ihrer Ordnung.

Folglich ist die Erziehung, die den ganzen Menschen als Einzel- und als Gesellschaftswesen, in der Ordnung der Natur und der Gnade erfassen soll, Sache all der drei notwendigen Gesellschaften, und zwar in dem Maße und dem Verhältnis, wie es nach der gegenwärtigen von Gott gesetzten Ordnung der Vorsehung der gegenseitigen Hinordnung ihrer Ziele entspricht.

Zunächst steht die Erziehung in ganz überragendem Sinne der Kirche zu auf Grund zweier Rechtsansprüche übernatürlicher Ordnung, die Gott selber ihr ausschließ­lich verliehen hat, und die darum jedem andern Rechts­anspruch natürlicher Ordnung unbedingt vorangehen.

Der erste Rechtsgrund liegt in dem ausdrücklichen Auftrag und in der höchsten Lehrgewalt, die der gött­liche Stifter seiner Kirche verliehen hat mit den Worten: Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie alles halten, was immer ich euch geboten habe. Sehet, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt9. Diesem Lehramt wurde von Christus, zugleich mit dem Auftrag, seine Lehre zu übermitteln, die Unfehlbarkeit verliehen. Damit wurde die Kirche «von ihrem göttlichen Urheber zur Säule und Grundfeste der Wahrheit gesetzt, damit sie die Menschen den göttlichen Glauben lehre, den ihr anvertrauten Glaubensschatz rein und unversehrt bewahre und die Menschen, ihre Gemeinschaften und ihr Tun zur Ehrbarkeit der Sitten und Reinheit des Lebens nach Maßgabe der geoffenbarten Lehre anleite und bilde»10.

Der zweite Rechtstitel ist die übernatürliche Mutter­schaft, durch welche die Kirche, die unbefleckte Braut Christi, mit ihren Sakramenten und ihrer Lehre die Seelen zum göttlichen Gnadenleben gebiert, ernährt und erzieht. Mit Recht behauptet darum der hl. Augustinus: «Der kann Gott nicht zum Vater haben, der die Kirche nicht zur Mutter haben will.» 11

Darum hat in dem eigentlichen Gegenstand ihrer Erziehungsaufgabe, nämlich «in der Glaubens- und Sittenlehre Gott selber die Kirche des göttlichen Lehr­amtes teilhaftig und kraft göttlichen Vorzugs unfehlbar gemacht, weshalb sie die höchste und sicherste Lehrerin der Menschheit ist, und ihr das unverletzliche Recht auf freie Ausübung des Lehramts innewohnt»12. Daraus folgt mit Notwendigkeit, daß die Kirche wie im Ur­sprung, so auch in der Ausübung ihrer Erziehungs­aufgabe unabhängig ist von jedweder irdischen Macht, nicht allein hinsichtlich ihres eigentlichen Gegenstandes, sondern auch hinsichtlich der notwendigen und angemes­senen Mittel zu deren Erreichung. Hinsichtlich jeder weiteren Erziehung und menschlichen Schulung, die in sich betrachtet Erbgut aller, der Einzelnen wie der Gesell­schaft, sind, hat darum die Kirche das unabhängige Recht, von ihnen Gebrauch zu machen und besonders darüber zu urteilen, inwieweit sie der christlichen Erziehung nützlich oder schädlich sind. Dies deshalb, weil die Kirche als vollkommene Gesellschaft ein vollkommenes Recht auf die Mittel zu ihrem Ziele hat, und weil jede Lehrtätigkeit gleichwie alles menschliche Tun in einem notwendigen Abhängigkeitsverhältnis zum letzten Ziel des Menschen steht und sich darum den Normen des göttlichen Gesetzes nicht entziehen darf, dessen Hüterin, Auslegerin und unfehlbare Lehrerin die Kirche ist.

Dies hat Pius X. seligen Angedenkens mit klaren Worten ausgedrückt : «Es ist danach dem Christen, was immer er tut, auch in der Ordnung der irdischen Dinge, nicht erlaubt, die Güter zu vernachlässigen, welche übernatürlich sind, vielmehr muß er alles auf das höchste Gut als sein letztes Ziel hinordnen gemäß den weisen Vorschriften der christlichen Wahrheit. Alle seine Hand­lungen unterstehen hinsichtlich ihres Charakters der sittlichen Güte oder Bosheit, d. h. hinsichtlich ihrer Übereinstimmung mit dem natürlichen und göttlichen Recht, dem Urteil und der Gesetzgebung der Kirche.»13

Es ist bemerkenswert, wie gut ein Laie, ein ebenso vorzüglicher Schriftsteller wie tiefer und gewissenhafter Denker, diese katholischen Grundwahrheiten zu erfassen und auszudrücken verstanden hat. «Die Kirche sagt nicht, daß die Moral rein nur ihr (im Sinn von aus­schließlich), sondern daß sie ihr gänzlich angehöre. Nie­mals hat sie behauptet, daß außerhalb ihres Schoßes und ohne ihre Belehrung der Mensch keinerlei moralische Wahrheit zu erkennen vermöge. Im Gegenteil hat sie mehr als einmal diese Ansicht verworfen, weil sie in mehr als einer Form aufgetreten ist. Wohl aber sagt sie, wie sie immer gesagt hat und immer sagen wird, daß sie zufolge ihrer Einsetzung durch Jesus Christus und kraft des Heiligen Geistes, der ihr in seinem Namen vom Vater gesandt wurde, ursprünglich und unverlierbar die vollständige sittliche Wahrheit (omnem veritatem) besitzt, in der alle Teilwahrheiten der Moral einbegriffen sind, sowohl jene, zu deren Kenntnis der Mensch vermittelst der bloßen Vernunft gelangen kann, als auch jene, die einen Teil der Offenbarung bilden oder sich aus derselben ableiten lassen.»14

Mit vollem Recht fördert daher die Kirche (außer ihrem ganzen Wirken für das Heil der Seelen) die Lite­ratur, die Wissenschaft und die Künste, sofern sie für die christliche Erziehung wie auch für all ihre sonstige seelsorgliche Arbeit notwendig oder dienlich sind, indem sie für alle Fächer und für alle Bildungsstufen eigene Schulen und Institute gründet und unterhält15. Selbst die sogenannte körperliche Erziehung darf nicht als ihrem mütterlichen Lehramt fremd erachtet werden, gerade weil auch ihr der Begriff des Mittels anhaftet, das der christlichen Erziehung entweder nützen oder schaden kann. Diese Tätigkeit der Kirche auf allen Bildungs­gebieten ist von unermeßlichem Werte für alle Familien und alle Nationen, die ohne Christus zu Grunde gehen, wie der hl. Hilarius trefflich bemerkt : «Was gibt es Gefährlicheres für die Welt, als Christus nicht aufzu­nehmen?»16 Und so bringt sie auch der staatlichen Ordnung dieser Dinge nicht den geringsten Nachteil, da die Kirche in ihrer mütterlichen Klugheit sich nicht dagegen sträubt, daß ihre Schulen und Erziehungsinstitute für die Laien sich in jedem Lande den gesetzlichen Bestim­mungen der Staatsgewalt anpassen, und da sie in jeder Weise bereit ist, sich mit derselben zu verständigen und in gemeinsamem Einvernehmen Abhilfe zu treffen, wo sich Schwierigkeiten ergeben sollten.

Überdies ist es ein unveräußerliches Recht und zugleich eine unerläßliche Pflicht der Kirche, über die Gesamt­erziehung ihrer Kinder, der Gläubigen, zu wachen in jedwedem Institut, ob öffentlich oder privat, nicht allein hinsichtlich des dort erteilten Religionsunterrichtes, son­dern auch in allen andern Fächern und allen Anordnungen, die zu Religion und Moral in Beziehung stehen17.

Auch ist die Ausübung dieses Rechtes nicht als eine ungebührliche Einmischung aufzufassen, sondern als eine wertvolle mütterliche Fürsorge der Kirche, die ihre Kinder vor den schweren Gefahren jeglichen Giftes schützt, das die Unversehrtheit und die Heiligkeit der Sitten anstecken könnte. Wie diese Wachsamkeit der Kirche keinerlei Unzuträglichkeit verursachen kann, so kann sie auch die Ordnung und das Wohlergehen der Familie und der staatlichen Gesellschaft nur wirksam unterstützen, denn sie hält von der Tugend jenes Sitten­gift fern, das in diesem unerfahrenen und unbeständigen Alter leichter zu verfangen pflegt und, wenn einmal in die Tat umgesetzt, rasend schnell um sich greift. Denn ohne den rechten religiösen und sittlichen Unterricht wird, wie Leo XIII. weise bemerkt, «alle Geisteskultur ungesund sein. Die Jünglinge, die an keine Ehrfurcht vor Gott gewöhnt sind, werden die Zucht zu einem ehrbaren Leben nicht ertragen lernen, und da sie ihren Begierden nie etwas zu versagen gewohnt sind, werden sie sich leicht zu Störungen der staatlichen Ordnung verführen lassen»18.

Was den Bereich der erzieherischen Sendung der Kirche betrifft, so erstreckt sie sich auf alle Völker ohne örtliche oder zeitliche Einschränkung, gemäß dem Auf­trage Christi: Lehret alle Völker19, und es gibt keine Macht auf Erden, die ihr das von Rechts wegen streitig machen oder sie daran hindern könnte. Zunächst erstreckt sich dieselbe auf alle Gläubigen, für die sie als zärtliche Mutter eine rührige Sorge entfaltet. Darum hat sie für diese in allen Jahrhunderten eine ungezählte Menge von Schulen und Anstalten in allen Wissenszweigen ins Dasein gerufen und gefördert. Wie Wir jüngst bei einer Gelegenheit ausführten, «befand sich sogar im weit zurückliegenden Mittelalter, in dem es so zahlreiche (einige wollen sogar behaupten, allzu zahlreiche) Klöster, Konvente, Pfarr- und Kollegiatkirchen, Kathedral- und Stifts kapitel gab, bei einer jeden dieser Anstalten ein Herd der Wissen­schaft, ein Herd des Unterrichts und der christlichen Erziehung. All dem muß man die Universitäten hinzu­fügen, die wie durch die Initiative und unter der Auf­sicht des Heiligen Stuhles und der Kirche über alle Länder zerstreut finden. Jenes großartige Schauspiel, das wir jetzt besser schauen können, weil es uns näher ist und den Zeitverhältnissen entsprechend sich in gewaltigerem Ausmaß darbietet, war das Schauspiel aller Zeiten. Jene, die diese Ereignisse studieren und vergleichen, stehen staunend vor dem, was die Kirche auf diesem Gebiet zu schaffen verstanden hat. Sie sind voll Bewunderung für die Art, wie die Kirche es verstanden hat, der ihr von Gott anvertrauten Mission zu entsprechen, die Menschen­geschlechter zu einem christlichen Lebenswandel zu erziehen und so viele, herrliche Früchte und Ergebnisse zu erzielen. Wenn es aber Staunen erregt, daß die Kirche zu jeder Zeit es verstanden hat, Hunderte und Tausende und Millionen von Zöglingen, die ihrer Erziehungstätigkeit anvertraut wurden, um sich zu sammeln, dann darf uns nicht geringeres Erstaunen erfassen, wenn wir erwägen, was sie nicht allein auf dem Gebiet der Erziehung, sondern auch auf dem des Unterrichts im engeren und eigentlichen Sinne geleistet hat. Wenn so viele Schätze der Kultur, Zivilisation und Literatur zu uns herübergerettet wurden, dann ist dies jener Haltung zu verdanken, durch welche die Kirche auch in längstvergangenen und ungesitteten Zeitaltern es verstanden hat, soviel Licht auf dem Gebiete der Literatur und Philosophie, der Kunst und insbesondere der Baukunst erstrahlen zu lassen.»20

Diese großen Leistungen hat die Kirche hervor­bringen können, weil sich ihre Erziehungssendung auch auf die Nichtgläubigen erstreckt. Sind doch alle Men­schen berufen, einzugehen in das Reich Gottes und das ewige Heil zu erlangen. Wie in unsern Tagen, da ihre Missionen die Schulen zu Tausenden in allen Gegenden und noch nicht christlichen Ländern ausbreiten, von den Ufern des Ganges bis zum Gelben Fluß und den Großen Inseln und Archipelen des Ozeans, vom Schwarzen Erdteil bis nach Feuerland und bis zu den Eisfeldern Alaskas, so hat die Kirche in vergangenen Zeiten durch ihre Glaubensboten jene verschiedenen Völker zu christlichem Leben und zu menschlicher Gesittung erzogen, welche heute die christlichen Nationen der zivilisierten Welt bilden.

Daraus ergibt sich die klare Feststellung, daß die Erziehungsaufgabe rechtlich und tatsächlich der Kirche in ganz hervorragender Weise zukommt, und daß für jedes vorurteilsfreie Denken kein vernünftiger Grund ersichtlich ist, der Kirche entgegenzutreten oder sie an dem Werke zu hindern, dessen wohltätige Früchte die Welt jetzt genießt.

Mit diesem Vorrang der Kirche stehen keineswegs in Widerspruch, vielmehr in vollem Einklang die Rechte der Familie, des Staates und der Einzelpersonen hinsichtlich der berechtigten Freiheit der Wissenschaft, der wissenschaftlichen Methoden und der gesamten Profankultur im allgemeinen. Denn, um gleich die Grundursache dieser Harmonie anzudeuten, die übernatürliche Ordnung, welcher die Rechte der Kirche angehören, zerstört und beschränkt nicht die natürliche Ordnung, zu der die andern erwähnten Rechte gehören, erhebt sie vielmehr und vervollkommnet sie, und beide Ordnungsbereiche leisten sich gegenseitig Hilfe und geben der Natur und Würde einer jeden die entsprechende Ergänzung, eben darum, weil beide von Gott ausgehen, der sich nicht widersprechen kann. Gottes Werke sind vollkommen, alle seine Wege Gerechtigkeit21.

Das wird noch deutlicher und klarer, wenn man die Erziehungsmission der Familie und des Staates näher und im einzelnen ins Auge faßt.

Zunächst steht mit der Erziehungsaufgabe der Kirche in wundervollem Einklang die der Familie, die beide in ganz ähnlicher Weise von Gott ausgehen. In der Tat teilt Gott der Familie in der natürlichen Ordnung unmittelbar die Fruchtbarkeit, das Prinzip des Lebens mit, und darin das Prinzip der Erziehung zum Leben zusamt der Autorität, dem Prinzip der Ordnung. Der hl. Thomas sagt mit seiner gewohnten Klarheit des Gedankens und Genauigkeit des Ausdrucks: «Der leibliche Vater teilt in besonderer Weise den Begriff des Ursprungs, der in allumfassender Weise in Gott sich findet . . . Der Vater ist der Ursprung der Zeugung und Erziehung und Zucht und alles dessen, was zur Vervollkommnung des menschlichen Lebens gehört.»22

Die Familie hat somit unmittelbar vom Schöpfer den Auftrag und daher auch das Recht, ihre Nachkom­menschaft zu erziehen, ein unveräußerliches Recht, weil unzertrennlich verbunden mit strengster Verpflichtung, ein Recht, das jedwedem Recht der Volksgemeinschaft und des Staates vorausgeht, und darum ein unverletz­bares Recht gegenüber jeglicher irdischen Macht.

Für die Unverletzbarkeit dieses Rechtes gibt der hl. Thomas als Grund an: «Das Kind ist nämlich von Natur etwas vom Vater . . . Daher entspricht es dem natürlichen Recht, daß das Kind vor dem Gebrauch der Vernunft der Sorge des Vaters untersteht. Gegen das Naturrecht wäre es daher, wenn das Kind vor dem Ver­nunftgebrauch der Pflege der Eltern entzogen, oder wenn gegen deren Willen irgendwie über dasselbe bestimmt würde.»23 Weil die Verpflichtung der Eltern zur Pflege fortdauert bis zu dem Zeitpunkt, da die Nachkommen­schaft imstande ist, selber für sich zu sorgen, dauert auch das unverletzliche elterliche Erziehungsrecht fort. «Denn die Natur hat nicht nur die Erzeugung der Nachkommen­schaft zum Ziel, sondern auch ihre Entwicklung und ihren Fortschritt bis zum Vollendungszustand des Menschen, sofern er Mensch ist, d. h. bis zur sittlichen Vollreife», sagt wieder der hl. Thomas24.

Deswegen drückt sich die gesetzgeberische Weisheit der Kirche über diesen Punkt mit zusammenfassender Bestimmtheit und Klarheit im Kanon 1113 des kirch­lichen Rechtsbuches also aus : «Die Eltern haben die strenge Verpflichtung, sowohl für die religiöse und sitt­liche wie für die körperliche und staatsbürgerliche Erzie­hung der Nachkommenschaft und auch für deren zeitliches Wohlergehen nach Kräften Sorge zu tragen.» 25

In diesem Punkte ist der gesunde Menschenverstand ganz allgemein derart übereinstimmend, daß sich mit ihm in offenen Widerspruch setzen würde, wer zu be­haupten wagte, die Nachkommenschaft gehöre eher dem Staat als der Familie an, und der Staat habe ein unbe­dingtes Anrecht auf die Erziehung. Hinfällig ist sodann der von jenen dafür angeführte Grund, der Mensch komme als Bürger zur Welt und gehöre darum in erster Linie dem Staate. Sie bedenken nicht, daß der Mensch erst da sein muß, bevor er Bürger sein kann; das Dasein hat er aber nicht vom Staate, sondern von den Eltern, wie Leo XIII. so weise erklärte: «Die Kinder sind ein Etwas vom Vater und gleichsam eine Erweiterung seiner väter­lichen Person. Genau gesagt, sie treten in die staatliche Gesellschaft ein und nehmen daran teil, nicht unmittelbar durch sich als Individuen, sondern mittelbar durch die Familie, in der sie das Leben erhielten.»26 Deswegen ist nach der Lehre Leos XIII. in dem nämlichen Rund­schreiben «die väterliche Gewalt derart, daß sie vom Staate weder unterdrückt noch aufgesogen werden kann, da sie den gleichen gemeinsamen Ursprung mit dem menschlichen Leben hat». Hieraus folgt jedoch nicht, daß das Erzie­hungsrecht der Eltern ein unumschränktes und willkür­liches sei, da es unzertrennlich dem letzten Ziel sowie dem natürlichen und göttlichen Recht untergeordnet ist, wie derselbe Leo XIII. in seinem andern denkwürdigen Rundschreiben über die Hauptpflichten der christlichen Staatsbürger erklärt, wo er zusammenfassend den In­begriff der Rechte und Pflichten der Eltern folgender­maßen umschreibt und darlegt : «Von Natur aus haben nämlich die Eltern das Recht zur Erziehung ihrer Kinder, zugleich mit der Verpflichtung, daß die Erziehung und der Unterricht der Kinder im Einklang stehe mit dem Zwecke, zu welchem sie durch Gottes Gnade die Nach­kommenschaft erhalten haben. Darum müssen die Eltern alles aufbieten, um jede ungerechte Einmischung auf diesem Gebiete zurückzuweisen und es mit aller Kraft durchzusetzen, daß sie die christliche Erziehung der Kinder in ihrer Hand behalten, wie es ihre Pflicht ist. Namentlich müssen sie die Kinder von jenen Schulen fernhalten, wo sie Gefahr laufen könnten, das Gift der Gottlosigkeit einzuschlürfen.»27

Ferner ist zu beachten, daß die Erziehungspflicht der Familie nicht allein die religiöse und sittliche, sondern auch die körperliche und staatsbürgerliche28 Erziehung umfaßt, hauptsächlich sofern letztere zu Religion und Sittlichkeit in Beziehung steht.

Dieses unbestreitbare Recht der Familie ist wiederholt gerichtlich anerkannt worden bei Nationen, in denen man Sorge trägt, das Naturrecht in den staatlichen Ver­ordnungen zu achten. So hat, um ein Beispiel aus der letzten Zeit anzuführen, der höchste Gerichtshof der Vereinigten Staaten von Nordamerika in der Entscheidung über eine wichtige Streitfrage erklärt, «es stehe dem Staate nicht einfachhin allgemein die Gewalt zu, eine einheitliche Erziehungsform für die Jugend festzusetzen, indem er dieselbe zwinge, ihren Unterricht ausschließlich in den Staatsschulen zu empfangen». Er führt dafür den Grundsatz des Naturrechts an: «Das Kind ist kein bloßes Geschöpf des Staates. Die, welche es ernähren und leiten, haben das Recht und zugleich die hehre Pflicht, es zu erziehen und für die Erfüllung seiner Obliegenheiten vorzubereiten.»29

Die Geschichte ist Zeuge, wie namentlich in den gegenwärtigen Zeiten die vom Schöpfer der Familie verliehenen Rechte vonseiten des Staates verletzt wurden und verletzt werden, aber ebenso glänzend beweist sie, daß die Kirche sie stets geschützt und verteidigt hat. Der beste Tatsachenbeweis liegt in dem besondern Vertrauen der Familien zu den Schulen der Kirche, wie Wir jüngst in Unserem Schreiben an den Kardinalstaatssekretär ausführten: «Die Familie hat es sogleich ein­gesehen, daß es so ist, und von den ersten Zeiten des Christentums bis auf unsere Tage senden Väter und Mütter, auch wenn sie wenig oder gar keinen Glauben besitzen, ihre Kinder an die von der Kirche gegründeten und geleiteten Erziehungsanstalten.»30

Daher kommt es, daß sich der elterliche Instinkt, der von Gott stammt, mit Vertrauen an die Kirche wendet, in der sicheren Überzeugung, dort den Schutz des Familien­rechts zu finden, kurzum jene Übereinstimmung, die Gott in die Ordnung der Dinge hineingelegt hat. Im Bewußt­sein ihrer weltumspannenden göttlichen Sendung und der Verpflichtung aller Menschen, sich der einzig wahren Religion anzuschließen, wird die Kirche ja niemals müde, ihr Recht geltend zu machen und die katholischen Eltern an die Pflicht der Taufe und der christlichen Kinder­erziehung zu erinnern. Aber sie wacht so eifersüchtig über die Unverletzlichkeit des natürlichen Erziehungs­rechtes der Familie, daß sie nur unter bestimmten Bedin­gungen und Vorsichtsmaßregeln gestattet, die Kinder von Ungläubigen zu taufen oder irgendwie über deren Erziehung zu verfügen, solange nicht die Kinder in freier Selbstbestimmung den Glauben umfassen können31.

Wir haben somit, wie Wir in Unserer erwähnten Rede hervorhoben, zwei Tatsachen von höchster Wich­tigkeit vor uns: «Einerseits stellt sich die Kirche als Lehrerin und Erzieherin den Familien zur Verfügung, anderseits beeilen sich die Familien vom Lehramt der Kirche Gebrauch zu machen und ihr die Kinder zu Hunderten und Tausenden anzuvertrauen. Diese beiden Tatsachen verkünden laut eine große, überaus wichtige Wahrheit in der sittlichen und sozialen Ordnung. Sie besagen, daß die Erziehungsaufgabe vor allem, über alles und an erster Stelle der Kirche und der Familie zusteht, ihnen durch natürliches und göttliches Recht zusteht, und ihnen darum in unverlierbarer, unanfecht­barer und unersetzlicher Form zusteht.»32

Wenn aus diesem Vorrang der Erziehungsmission der Kirche und der Familie für die gesamte Gesellschaft, wie wir gesehen haben, sehr große Vorteile erwachsen, so kann daraus keinerlei Schaden entstehen für das wirk­liche Eigenrecht des Staates auf Erziehung der Staats­bürger gemäß der von Gott gesetzten Ordnung. Dieses Recht ist vom Urheber der Natur selber der staatlichen Gesellschaft nicht wie der Kirche und Familie auf Grund einer Vaterschaft verliehen worden, sondern kraft der ihr zustehenden Gewalt zur Förderung des diesseitigen Gemeinwohles, das ja gerade ihr Endziel darstellt. Folglich kann der staatlichen Gemeinschaft die Erziehung nicht in derselben Weise wie der Kirche und Familie zustehen, sondern in anderer, ihrem Eigenzweck entsprechender Art.

Dieser Zweck, das Gemeinwohl natürlicher Ordnung, besteht in Friede und Sicherheit, wovon dann die Familie und der Einzelbürger für den Gebrauch ihrer Rechte Gewinn haben, und zugleich im Höchstmaß geistigen und materiellen Wohles, soweit es sich durch einträchtige und geordnete Zusammenarbeit aller in diesem Leben verwirklichen läßt. Zweifach ist also das Amt der im Staate liegenden weltlichen Gewalt : die Familie und die Einzelmenschen zu schützen und zu fördern, aber nicht sie aufzusaugen oder sich an ihre Stelle zu setzen.

Deswegen hat der Staat im Bereich der Erziehung das Recht oder besser die Pflicht, in seiner Gesetzgebung das dargetane ältere Recht der Familie auf die christliche Erziehung der Nachkommenschaft zu schützen und fol­gerichtig das übernatürliche Recht der Kirche auf eine solche christliche Erziehung zu achten.

Ebenso ist es Aufgabe des Staates, dieses Recht zu Gunsten der Nachkommenschaft zu schützen, wenn die Eltern fehlen oder aus Unfähigkeit oder Unwürdigkeit es moralisch oder physisch an der Erziehung mangeln lassen sollten. Denn ihr Erziehungsrecht ist, wie gesagt, nicht absolut und unumschränkt, sondern abhängig vom natürlichen und göttlichen Gesetz und darum der Autorität und dem Urteil der Kirche und ebenso um des Gemein­wohls willen der Aufsicht und dem Rechtsschutz des Staates unterstellt. Überdies ist die Familie keine voll­kommene Gesellschaft, die alle Mittel zur eigenen Vervoll­kommnung in sich besäße. In diesem, übrigens seltenen, Ausnahmefall setzt sich nicht der Staat an die Stelle der Familie, sondern ergänzt das Fehlende und trifft mit entsprechenden Mitteln Vorkehrungen, immer in Über­einstimmung mit den natürlichen Rechten der Nach­kommenschaft und den übernatürlichen der Kirche.

Ganz allgemein ist es sodann Recht und Pflicht des Staates, nach den Normen der gesunden Vernunft und des Glaubens die sittliche und religiöse Erziehung der Jugend zu schützen durch Entfernung aller in der Öffent­lichkeit auftretenden schädlichen Einflüsse.

In erster Linie steht es dem Staate wieder um des Gemeinwohls willen zu, auf vielseitige Weise Erziehung und Unterricht der Jugend zu fördern. Zunächst schon dadurch, daß er den Unternehmungsgeist und die Arbeit von Kirche und Familie begünstigt und unterstützt, deren starke Wirkungskraft Geschichte und Erfahrung dartun. Dann dadurch, daß er ihre Arbeit vervoll­ständigt, wo sie nicht hinreicht oder nicht genügt, auch durch eigene Schulen und Anstalten. Denn der Staat ist mehr als jeder andere im Besitz von Mitteln, die ihm für die Bedürfnisse der Gesamtheit zur Verfügung stehen, und es entspricht der Gerechtigkeit, daß er sie zum Vorteil derer verwende, von denen sie herkommen33.

Außerdem kann der Staat fordern und darum dafür sorgen, daß alle Staatsbürger die notwendige Kenntnis ihrer staatsbürgerlichen und nationalen Pflichten und einen gewissen Grad geistiger, sittlicher und körper­licher Kultur besitzen, wie sie unter den heutigen Ver­hältnissen vom Gemeinwohl tatsächlich gefordert wird.

Indes ist es klar, daß der Staat bei aller Förderung des öffentlichen und privaten Schul- und Erziehungswesens die angestammten Rechte von Kirche und Familie auf die christliche Erziehung achten und überdies die aus­gleichende Gerechtigkeit berücksichtigen muß. Deswegen ist jedes Erziehungs- und Schulmonopol ungerecht und unerlaubt, wenn es die Familie physisch oder moralisch zwingt, ihre Kinder entgegen den Pflichten des christlichen Gewissens oder auch gegen ihren rechtmäßigen Wunsch in die Staatsschule zu schicken.

Das hindert jedoch nicht, daß der Staat im Interesse einer guten Staatsverwaltung oder zum Schutz des innern und äußern Friedens Dinge, die dem Gemeinwohl sehr notwendig sind und besondere Eignung und Vorbereitung verlangen, sich die Errichtung und Leitung von Fach­schulen für bestimmte seiner Behörden und namentlich für das Heer vorbehalte, sofern er nur Sorge trägt, die Rechte von Kirche und Familie in ihrem Bereich nicht zu verletzen. Es dürfte nicht unnütz sein, diese Bemer­kung hier eigens zu wiederholen, weil in unsern Tagen (in denen ein ebenso übertriebener wie falscher Natio­nalismus, ein Feind des wahren Friedens und der Wohl­fahrt, sich immer breiter macht) die rechten Grenzen leicht überschritten werden, indem man die sog. körper­liche Ertüchtigung der Jungmänner (und zuweilen auch, entgegen dem Sinn der Natur, der Jungmädchen) in militärischer Form vorschreibt und oft noch am Tag des Herrn über Gebühr die Zeit in Anspruch nimmt, die den religiösen Pflichten und dem Heiligtum der Familie gewidmet sein sollte. Im übrigen beabsichtigen Wir nicht, das etwaige Gute zu tadeln, das bei solchen Methoden im Geiste der Zucht und der sich in geordneten Grenzen haltenden Kühnheit liegt. Wir wollen bloß jede Ausschreitung brandmarken, wie z. B. den Geist der Ge­walttätigkeit, der nicht mit dem Geist der Stärke, noch mit der edlen soldatischen Tapferkeit zur Verteidigung des Vaterlandes und der öffentlichen Ordnung zu ver­wechseln ist, oder die Übertreibung des Sportes, die auch für das heidnische, klassische Altertum die Entartung und den Verfall echter körperlicher Erziehung bezeichnete.

Ganz allgemein steht der bürgerlichen Gesellschaft und dem Staate für die Jugend wie für alle Stände und Altersklassen die sog. staatsbürgerliche Erziehung zu, die in der Kunst besteht, dem Volk öffentlich solche Gegen­stände der Vernunfterkenntnis, der Phantasie und des Gefühls darzubieten, welche den Willen für das Ehrbare gewinnen und ihn mit einer gewissen moralischen Not­wendigkeit dazu hinführen, positiv durch die vorge­führten Gegenstände, negativ durch Abwehr der schäd­lichen Einflüsse34. Diese staatsbürgerliche Erziehung, so umfassend und vielfältig, daß sie fast die Gesamttätigkeit des Staates für das Gemeinwohl in sich begreift, muß nach den Normen der Gerechtigkeit gestaltet sein und kann darum der Lehre der Kirche nicht widersprechen, welche die von Gott bestellte Lehrmeisterin dieser Gesetze ist.

Alles, was Wir bisher über die Tätigkeit des Staates für die Erziehung gesagt haben, beruht auf der felsen­festen und unveränderlichen Grundlage der katholischen Lehre «über die christliche Staatsordnung», wie sie von Unserem Vorgänger Leo XIII. namentlich in den beiden Rundschreiben Immortale Dei und Sapientiae christianae so ausgezeichnet dargelegt wurde. «So hat also Gott die Sorge für das Menschengeschlecht zwei Gewalten zu­geteilt: der kirchlichen und der staatlichen. Der einen obliegt die Sorge für die göttlichen Belange, der anderen für die menschlichen. Jede ist in ihrer Art die höchste: jede hat bestimmte Grenzen, innerhalb derer sie sich bewegt, Grenzen, die sich aus dem Wesen und dem nächsten Zweck jeder der beiden Gewalten ergeben. Es zieht sich so gleichsam ein Kreis um sie, innerhalb dessen die Tätigkeit einer jeden sich selbständig entfaltet. Da nun beide Gewalten dieselben Menschen zu Unter­gebenen haben, so kann es vorkommen, daß ein und dieselbe Sache, wenn auch in verschiedener Weise ­aber eben doch dieselbe Sache — dem Recht und dem Richterspruch beider untersteht. Daher muß die höchst­weise Vorsehung Gottes, der beide Gewalten eingesetzt hat, die Wege beider richtig geordnet haben. Wo eine Gewalt besteht, ist sie von Gott angeordnet. »35

Nun ist gerade die Jugenderziehung einer jener Gegen­stände, die der Kirche und dem Staate, «wenn auch in verschiedener Weise», unterstehen, wie Wir oben aus­einandergesetzt haben. «Darum müssen zwischen beiden Gewalten geordnete Beziehungen bestehen. Ihr Verhältnis wird nicht mit Unrecht mit jenem verglichen, welches zwischen Leib und Seele im Menschen obwaltet. Be­schaffenheit und Bereich dieser Beziehungen können nur beurteilt werden, wenn Wir die Natur der beiden berück­sichtigen und dem Range sowie der Bedeutung ihrer Zwecke Rechnung tragen. Denn der einen obliegt zunächst die Sorge um die irdische Wohlfahrt, der anderen die Ver­mittlung der himmlischen und ewigen Güter. Was also irgendwie in den menschlichen Dingen heilig ist, was immer auf das Heil der Seelen oder auf die Verehrung Gottes Bezug hat, sei es seiner Natur nach oder wegen des Zweckes, auf den es hingeordnet ist: dies alles unter­steht der Macht und dem Urteil der Kirche. Alles Übrige aber, was in den Bereich des bürgerlichen und staatlichen Lebens fällt, das untersteht von Rechts wegen der staat­lichen Gewalt, da Jesus Christus befohlen hat, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist, und Gott was Gottes ist.»36

Wer sich weigern würde, diese Grundsätze zuzugeben und auf die Erziehung anzuwenden, der käme notwendig dahin, zu leugnen, daß Christus seine Kirche für das ewige Heil der Menschen gegründet hat, und müßte behaupten, daß die Volksgemeinschaft und der Staat Gott und seinem natürlichen und göttlichen Rechte nicht unterworfen seien. Das ist aber offenbar gottlos, gegen die gesunde Vernunft und namentlich auf dem Gebiet der Erziehung außerordentlich verderblich für die rechte Heranbildung der Jugend, der sichere Ruin der Volksgemeinschaft und des wahren Wohles der menschlichen Gesellschaft. Dagegen kann aus der An­wendung dieser Grundsätze der rechten Bildung der Staatsangehörigen nur größter Vorteil erwachsen. Das haben in Überfülle die Tatsachen zu allen Zeiten dargetan.

Wie daher für die ersten Jahrhunderte des Christentums Tertullian in seinem Apologeticum, so konnte Augustinus für seine Zeit allen Gegnern der katholischen Kirche die Aufforderung entgegenschleudern, und wir können sie in unsern Tagen mit ihm wiederholen: «Wohlan, wer behauptet, die Lehre Christi sei dem Staate feindlich, der gebe uns ein Heer mit solchen Soldaten, wie sie nach der Lehre Christi sein müssen; der gebe uns solche Untertanen, solche Ehemänner, solche Ehefrauen, solche Eltern, solche Kinder, solche Herren, solche Diener, solche Könige, solche Richter, endlich solche Steuer­zahler und Steuererheber, wie sie nach den Vorschriften der christlichen Lehre sein sollen, und dann wage er es noch zu behaupten, die Kirche sei dem Staate schädlich. Nein! Sie werden keinen Augenblick im Zweifel sein, daß die Kirche da, wo man ihr gehorcht, die große Rettung des Staates ist.»37

Da es sich um die Erziehung handelt, dürfte es ange­bracht sein, darauf hinzuweisen, wie trefflich diese katho­lische Wahrheit, die in den Tatsachen ihre Bestätigung findet, für die Neuzeit, in der Ära der Renaissance ein um die christliche Erziehung hochverdienter geistlicher Schriftsteller zum Ausdruck gebracht hat, der sehr fromme und gelehrte Kardinal Silvio Antoniano, selber Schüler des bewunderungswürdigen heiligen Erziehers Philipp Neri sowie Lehrer und Sekretär für die lateinischen Schreiben des hl. Karl Borromäus. Auf dessen Anregung hin und unter dessen Eingebung verfaßte er die goldene Abhandlung Über die christliche Kindererziehung, worin er folgende Gedanken entwickelt:

«Je mehr die weltliche Regierung mit der geistlichen zusammenwirkt, je mehr sie dieselbe begünstigt und fördert, desto mehr trägt sie zur Erhaltung des Staates bei. Indem der geistliche Führer seiner Aufgabe ent­sprechend mit geistlicher Autorität und geistlichen Mitteln dahin arbeitet, einen guten Christen heranzubilden, arbeitet er gleichzeitig notwendig darauf hin, einen guten Bürger heranzubilden, wie er als Staatsangehöriger sein soll. Das muß so sein, weil in der heiligen römisch-katholischen Kirche, dem Gottesstaat, der gute Bürger und der recht­schaffene Mensch vollständig zusammenfallen. Schwer ist darum der Irrtum jener, die so eng verknüpfte Dinge trennen, in dem Glauben, gute Staatsangehörige gewinnen zu können mit andern Gesetzen und auf andern Wegen als auf den Wegen, die zur Bildung des guten Christen führen. Mag menschliche Klugheit sagen und reden, was sie will, es ist unmöglich, daß wahren Frieden und wahre Ruhe hienieden irgend etwas schaffen kann, was dem Frieden und der ewigen Glückseligkeit widerspricht und davon abweicht.»38

Wie der Staat, so haben auch Wissenschaft, wissen­schaftliche Methode und Forschung nichts zu fürchten von dem voll erfaßten und voll durchgeführten Erziehungs­auftrag der Kirche. Die katholischen Institute, durch alle Grade des Unterrichts und der Wissenschaft hindurch, bedürfen keiner Verteidigung. Die Gunst, deren sie sich erfreuen, das Lob, das sie ernten, die wissenschaft­lichen Leistungen, die sie fördern und mehren und über alles das die vollständig und vorzüglich ausgebildeten Männer, die sie der Staatsverwaltung, den praktischen Berufen, dem Lehrfach, kurz dem Leben in allen seinen Verzweigungen geben, legen mehr als genügend Zeugnis zu ihren Gunsten ab39.

Diese Tatsachen sind übrigens nur eine glänzende Bestätigung der vom Vatikanischen Konzil definierten katholischen Lehre: «Glaube und Vernunft können einander nicht nur nicht widersprechen, sondern leisten sich sogar gegenseitig Hilfe, indem die gesunde Vernunft die Grundlagen des Glaubens beweist und, von seinem Lichte erleuchtet, die Wissenschaft der göttlichen Dinge pflegt, während der Glaube seinerseits die Vernunft von Irrtümern befreit und davor schützt und sie mit viel­facher Erkenntnis bereichert. Deshalb ist die Kirche weit davon entfernt, sich der Pflege der weltlichen Künste und Wissenschaften zu widersetzen, vielmehr unterstützt und fördert sie dieselben auf vielfache Weise. Denn sie verkennt und verachtet nicht die Vorteile, die aus ihnen für das Leben der Menschheit entspringen; sie bekennt vielmehr, daß sie, weil von Gott, dem Herrn aller Wissen­schaften, stammend, bei rechter Handhabung auch zu Gott mit seiner Gnade hinführen. Sie verbietet durchaus nicht, daß jene Wissenszweige, ein jeder in seinem Bereich, sich der ihnen eigentümlichen Erkenntnisprinzipien und Methoden bedienen. Aber unter voller Anerkennung dieser berechtigten Freiheit wacht sie sorgfältig darüber, daß sie nicht etwa zur göttlichen Lehre in Widerspruch geraten und in Irrtum fallen oder mit Überschreiten der eigenen Grenzen in das Gebiet des Glaubens eindringen und dort Verwirrung anrichten.»40

Diese Regel für die berechtigte Freiheit der Wissenschaft ist zugleich unverletzliche Norm für die wohl­verstandene berechtigte Lehr- oder Unterrichtsfreiheit und muß bei aller Lehrtätigkeit beobachtet werden. Den Jugendunterricht belastet diese Verpflichtung noch ungleich schwerer, weil hier der Lehrer, ob öffentlicher oder Privatlehrer, kein unbeschränktes, sondern nur ein übertragenes Erziehungsrecht hat. Sodann, weil jedes christliche Kind oder jeder christliche Jugendliche ein strenges Recht auf einen Unterricht hat, welcher der Lehre der Kirche, der Säule und Grundfeste der Wahrheit, entspricht. Schweres Unrecht täte ihm, wer seinen Glauben störte unter Mißbrauch des Vertrauens der Jugend zu ihren Lehrern und ihrer natürlichen Unerfahrenheit und ihres ungeordneten Hanges zu einer unbeschränkten, trügerischen und falschen Freiheit.

II

Niemals dürfen wir aus dem Auge verlieren, daß Gegenstand der christlichen Erziehung der ganze Mensch ist, der Geist mit dem Körper verbunden zur Einheit der Natur, mit allen seinen natürlichen und übernatürlichen Fähigkeiten, wie wir ihn aus Vernunft und Offenbarung kennen: somit der aus seinem paradiesischen Urzustand gefallene Mensch, der von Christus erlöst und in seine übernatürliche Stellung als Adoptivsohn Gottes wieder­eingesetzt wurde, jedoch nicht in die außernatürlichen Vorrechte der leiblichen Unsterblichkeit und der Unver­sehrtheit oder Harmonie seiner Strebungen. Es bleiben darum in der menschlichen Natur die Folgen der Erb­sünde, besonders die Schwäche des Willens und die ungeordneten Triebe.

Wahrlich die Torheit ist verbunden mit dem Herzen des Kindes, aber die Zuchtrute vertreibt sie von seinem Rücken41. Von der zartesten Kindheit an sind daher die ungeord­neten Neigungen zu verbessern, die guten zu fördern und zu ordnen. Vor allem muß der Verstand erleuchtet und der Wille gefestigt werden mit den übernatürlichen Wahrheiten und den Gnadenmitteln, ohne die es un­möglich ist, die verkehrten Triebe zu beherrschen oder das Erziehungsideal der Kirche vollkommen zu ver­wirklichen, die Christus mit dem Vollmaß seiner himm­lischen Lehre und seiner göttlichen Sakramente aus­gestattet hat, damit sie die erfolgreiche Lehrerin aller Menschen sei.

Falsch ist daher jeder pädagogische Naturalismus, der die übernatürliche, christliche Bildung beim Jugend­unterricht ausschließt oder irgendwie einschränkt. Irrig ist auch jede Erziehungsmethode, die sich ganz oder zum Teil auf die Leugnung oder Außerachtlassung der Erbsünde und Gnade und somit einzig auf die Kräfte der menschlichen Natur stützt. Das geschieht allgemein in jenen modernen Systemen verschiedener Benennung, die sich auf eine vorgebliche Autonomie und unbegrenzte Freiheit des Kindes berufen, welche die Autorität und das Wirken des Erziehers einengen oder gar unterdrücken indem sie dem Kinde bei dem Erziehungswerk das aus­schließliche Vorrecht der Initiative und eine von jedem höheren, natürlichen und göttlichen Gesetz unabhängige Tätigkeit zuweisen.

Wenn man mit einigen von diesen Ausdrücken, freilich in etwas übertragenem Sinne, bloß auf die Notwendigkeit; einer aktiven, stufenweise immer mehr bewußten Mitwirkung des Zöglings bei seiner Erziehung hinweisen wollte, wenn man damit aus der Erziehung den Despo­tismus und die Gewalttätigkeit (die übrigens nicht die richtige Zucht ist) zu entfernen beabsichtigte, so würde man etwas Wahres sagen; aber durchaus nichts Neues, nichts, was die Kirche nicht schon längst in ihrer tra­ditionellen, christlichen Erziehung gelehrt und in der Praxis verwirklicht hätte, ähnlich dem Verfahren, das Gott selber seinen Geschöpfen gegenüber beobachtet hat, indem er sie zur tätigen, der Natur eines jeden angepaßten Mitwirkung berief. Seine Weisheit erstreckt sich mit Macht von einem Ende bis szum andern und lenkt alles mit Güte 42.

Mit der natürlichen Bedeutung der Ausdrücke und durch die Tat selbst beabsichtigen jedoch leider nicht wenige, die Erziehung jedem Einfluß des göttlichen Gesetzes zu entziehen. Daher kommt in unsern Tagen der in Wirklichkeit sehr seltsame Fall vor, daß sich Erzieher und Philosophen auf der Suche nach einem allgemeinen Sittenkodex der Erziehung abmühen, als ob es weder Dekalog und Evangelium noch ein Naturgesetz gäbe, das doch von Gott in das Menschenherz eingemeißelt, von der gesunden Vernunft verkündet und mittels der positiven Offenbarung von Gott selber in den Zehn Geboten als Gesetz niedergelegt wurde. Mit Gering­schätzung pflegen diese Neuerer die christliche Erziehung als «heteronom», «passiv» und «überwunden» zu bezeichnen, weil sie sich auf die Autorität Gottes und sein heiliges Gesetz gründet.

Sie täuschen sich gewaltig, wenn sie sich einbilden, «das Kind befreien» zu können, wie sie behaupten. Im Gegenteil, sie machen es zum Sklaven seiner verblendeten Selbstüberhebung und seiner ungeordneten Leidenschaften, da diese mit logischer Folgerichtigkeit aus jenen falschen Systemen als berechtigte Forderungen der vorgeblich autonomen Natur anerkannt werden.

Schlimmer noch steht es mit dem falschen, ehrfurchts­osen, gefährlichen und zudem eitlen Unterfangen, der Forschung, dem Experiment und der rein natürlichen Beurteilung und Bewertung Erziehungstatsachen übernatürlicher Ordnung unterstellen zu wollen, wie z. B. den Priester- oder Ordensberuf, und ganz allgemein die geheimnisvollen Wirkungen der Gnade, die zwar die natürlichen Kräfte erhebt, sie aber nichtsdestoweniger unendlich überragt und in keiner Weise den physischen Gesetzen unterstehen kann; denn der Geist weht, wo er will43.

In höchstem Grade gefährlich ist fernerhin jene naturalistische Richtung, die in unsern Tagen in das Gebiet der Erziehung eindringt in einer Frage so zarter Natur, wie es die Sittenreinheit und die Keuschheit ist. Sehr verbreitet ist der Irrtum derer, die in gefährlichem Unter­fangen und mit häßlichen Ausdrücken einer sogenannten sexuellen Erziehung das Wort reden, indem sie fälschlich meinen, sie könnten die jungen Leute gegen die Gefahren der Sinnlichkeit durch rein natürliche Mittel schützen, durch eine gefährliche und verfrühte sexuelle Aufklärung für alle ohne Unterschied und sogar in der Öffentlichkeit, und was noch schlimmer ist, indem sie dieselben zeitweilig den Gelegenheiten aussetzen, um durch Gewöhnung, wie sie sagen, den Geist gegen die Gefahren abzuhärten44.

Sie täuschen sich schwer, da sie die angeborene Schwäche der menschlichen Natur und das Gesetz nicht anerkennen wollen, von dem der Apostel sagt, daß es dem Gesetze des Geistes widerstreitet 45, und da sie die Erfahrungstatsachen verkennen, die beweisen, daß gerade bei den Jugendlichen die Verfehlungen gegen die Sitten­reinheit nicht so sehr Folge von Nichtwissen als vielmehr von Willensschwäche sind, wenn der junge Mensch den Gelegenheiten ausgesetzt und von den Gnadenmitteln nicht gestützt wird.

Falls auf diesem heiklen Gebiete unter Berücksich­tigung aller Umstände eine individuelle Belehrung bei passender Gelegenheit von seiten derer, denen Gott mit der Erziehungsaufgabe auch die Standesgnade verliehen hat, sich als nötig erweisen sollte, dann ist mit aller jener Vorsicht zu Werke zu gehen, die der traditionellen, christlichen Erziehung bekannt und von dem erwähnten Antoniano hinlänglich gezeichnet ist, wo er sagt

« Derart groß ist unsere Armseligkeit und der Hang zur Sünde, daß wir oft gerade von den Dingen, die Heil­mittel gegen die Sünde sein sollten, Gelegenheit und Anreiz zur Sünde nehmen. Deswegen ist es höchst wichtig, daß ein guter Vater, wenn er mit seinem Sohne über eine so verfängliche Sache spricht, wohl achtzugeben hat, daß er nicht auf Einzelheiten eingehe und auf die verschiedenen Weisen, in denen diese höllische Schlange einen so großen Teil der Menschheit vergiftet, damit er nicht, anstatt das Feuer zu löschen, dasselbe in dem noch einfältigen und zarten Herzen des Kindes entzünde und noch mehr entfache. Ganz allgemein kann man sagen: solange noch das Kindesalter andauert, wird es genügen, die Heilmittel anzuwenden, welche die Doppelwirkung haben, der Tugend der Keuschheit den Weg zu bereiten und dem Laster die Tore zu verschließen.»46

Ebenso abwegig und für die christliche Erziehung gefährlich ist das sogenannte Koedukationssystem, für viele gleichfalls in der naturalistischen Leugnung der Erbsünde begründet. Außerdem herrscht bei allen Ver­tretern dieses Systems eine beklagenswerte Begriffsver­wirrung, indem sie das berechtigte menschliche Zusammen­leben mit der nivellierenden Vermischung und Gleichheit der Geschlechter verwechseln. Der Schöpfer hat nach Regel und Ordnung das Zusammenleben der beiden Geschlechter vollständig nur in der Einheit der Ehe, dagegen in verschiedener Abstufung in der Familie und Gesellschaft gewollt. Ferner läßt sich aus der Natur, welche die Verschiedenheit im Organismus, in den Nei­gungen und Anlagen, hervorbringt, kein Beweis herleiten, daß eine Vermischung oder gar eine Gleichheit in der Heranbildung beider Geschlechter tunlich oder notwendig wäre. Gemäß den wundervollen Absichten des Schöpfers sind diese vielmehr bestimmt, sich in der Familie und Volksgemeinschaft eben kraft ihrer Verschiedenheit gegen­seitig zu ergänzen. Letztere ist darum bei der Erziehung und Ausbildung festzuhalten und zu begünstigen mit der nötigen Unterscheidung und der entsprechenden Trennung nach Alter und Umständen. Diese Grundsätze sind je nach Zeit und Ort an allen Schulen nach den Regeln der christlichen Klugheit anzuwenden, namentlich in den am meisten gefährlichen und entscheidenden Entwicklungs­- und Reifejahren, bei den Turn- und Spielübungen, mit besonderer Rücksichtnahme auf das christliche Schicklich­keitsgefühl unter der weiblichen Jugend, für die jede öffentliche Schaustellung höchst ungeziemend ist.

Indem Wir an das furchtbar ernste Wort des göttlichen Meisters erinnern Wehe der Welt um der Ärgernisse willen47, möchten Wir, Ehrwürdige Brüder, mit Nachdruck Eure Sorgfalt und Wachsamkeit auf diese so verderblichen Irrtümer hinlenken, die sich leider nur zu sehr unter dem christlichen Volke verbreiten zum unermeßlichen Schaden für die Jugend.

III

Um eine vollkommene Erziehung zu erreichen, ist es von höchster Wichtigkeit, darauf zu achten, daß alles, was den zu Erziehenden in der Zeit seiner Heranbildung umgibt: die Gesamtheit all der Einflüsse, die man Umwelt zu nennen pflegt, dem erstrebten Ziele richtig entspreche.

Die erste, natürliche und notwendige Erziehungs­umwelt ist die Familie, eigens dazu vom Schöpfer bestimmt. Deshalb ist für gewöhnlich jene Erziehung am wirk­samsten und nachhaltigsten, die das Kind in einer christ­lichen Familie erhält, in der Ordnung und Zucht herrschen, und sie ist um so wirksamer, je mehr ihm dort hellstrahlend und beständig das gute Beispiel der Eltern vor allem, aber auch der andern Hausgenossen entgegenleuchtet.

Es ist nicht Unsere Absicht, an dieser Stelle die Familien­erziehung eingehend oder auch nur in ihren Hauptpunkten zu behandeln. Dafür ist dieser Gegenstand zu umfassend. Es fehlt übrigens nicht an Sonderabhandlungen darüber aus alter und neuer Zeit, von Autoren mit gesunder, katholischer Lehre, unter denen eine besondere Erwähnung der schon angeführte goldene Traktat des Antoniano über die christliche Kindererziehung verdient, ein Traktat, den der hl. Karl Borromäus den in der Kirche versammelten Eltern öffentlich vorlesen ließ.

Ganz besonders möchten Wir aber Eure Aufmerk­samkeit, Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne, auf den beklagenswerten Verfall der häuslichen Erziehung in der heutigen Zeit lenken. Den Obliegenheiten und Berufen des irdischen und vergänglichen Lebens, die sicher von untergeordneter Bedeutung sind, werden lange Studien und eine genaue Vorbereitung voraus­geschickt, während für die Aufgabe und elementare Pflicht der Kindererziehung heutzutage viele Eltern nur eine geringe oder gar keine Vorbereitung mitbringen, weil sie zu sehr in die Sorgen für das Zeitliche versunken sind. Um den Einfluß der Familienwelt noch mehr zu schwächen, kommt heute hinzu, daß sich fast überall das Bestreben geltend macht, die Kinder vom zartesten Alter an unter verschiedenen Vorwänden: wirtschaftlichen, gewerblichen, geschäftlichen oder politischen, der Familie immer mehr zu entfremden. Es gibt sogar ein Land, in dem die Kinder dem Schoße der Familie entrissen werden, um sie den extrem sozialistischen Theorien entsprechend in Vereinen und Schulen zum Unglauben und zum Hasse heranzubilden (oder besser gesagt zu verbilden und zu verderben). Fürwahr, ein neuer und noch viel entsetzlicherer Mord unschuldiger Kinder!

Wir beschwören deshalb, um der Liebe Jesu Christi willen, die Seelenhirten, mit allen Mitteln: durch Unter­weisung, Katechese, mündlich und durch möglichst starke Verbreitung von Schriften, die christlichen Eltern nicht so sehr theoretisch und im allgemeinen, als vielmehr praktisch und im einzelnen an ihre schweren Pflichten zu erinnern, besonders an die verschiedenen Aufgaben der religiösen, sittlichen und bürgerlichen Kindererziehung und an die neben dem persönlichen, guten Beispiel geeig­netsten Methoden zu ihrer wirksamen Durchführung. Der Völkerapostel fand es auch nicht unter seiner Würde, auf solche praktische Winke in seinen Briefen einzugehen, besonders in dem an die Epheser, wo er unter anderem mahnt: Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorne48; es handelt sich dabei nicht so sehr um die Folge über­mäßiger Strenge als hauptsächlich der Ungeduld, der Unkenntnis der tauglichsten Mittel zu fruchtbringender Besserung, dann aber auch um die Auswirkung der heute nur zu allgemeinen Lockerung der Familienzucht, infolge deren sich in den Jugendlichen die ungebändigten Leidenschaften hemmungslos entwickeln können. Die Eltern und alle andern Erziehungsberechtigten mit ihnen sollen deshalb darauf achten, rechten Gebrauch zu machen von der Autorität, die ihnen Gott selbst verliehen hat, Gott, dessen Stellvertreter sie im wahren Sinne sind, nicht zum eigenen Vorteil, sondern zur rechten Erziehung des Kindes in der heiligen und kindlichen Furcht Gottes, dem Anfang der Weisheit49. Die Ehrfurcht vor Gott ist die einzig sichere Grundlage der Achtung vor der Autorität, ohne die weder Ordnung, noch Ruhe, noch Wohlstand in der Familie und der Volksgemeinschaft herrschen können.

Den schwachen Kräften der gefallenen Natur hat die Güte Gottes fürsorglich geholfen mit den überfließenden Hilfsquellen seiner Gnade und den vielfältigen Mitteln, an denen die Kirche, die große Familie Christi, so reich ist: die Kirche stellt deshalb die Erziehungsumwelt dar, die mit jener der christlichen Familie aufs engste und ausgeglichenste verbunden ist.

Die Erziehungsumwelt der Kirche umfaßt nicht bloß ihre Sakramente, diese durch göttliche Kraft gnaden­wirkenden Mittel, und ihre Zeremonien, die alle einen wunderbaren, erzieherischen Wert aufweisen, und nicht nur den materiellen Raum des christlichen Gotteshauses, das gleichfalls in der Sprache seiner feierlichen Liturgie, seiner Bildhauereien, seiner Gemälde, seiner Musikinstru­mente und Gesänge staunenswerte Kräfte für die Bildung der Seelen zu frommem Leben und guter Sitte in sich birgt. Sie umfaßt daneben auch in großer Fülle und Mannigfaltigkeit Schulen, Verbände und Anstalten aller Art, welche die Jugend mit dem Studium der Literatur und Wissenschaft und mit der körperlichen Erholung und Ertüchtigung gleichzeitig zu innerlicher Frömmigkeit her­anbilden wollen. In dieser unerschöpflichen Fruchtbarkeit an erzieherischen Werken ist die mütterliche Sorge der Kirche ebenso bewundernswert wie unübertrefflich. Bewun­dernswert ist aber auch die eben erwähnte Harmonie zwischen Kirche und christlicher Familie, und die Kirche weiß diese Harmonie so gut zu wahren, daß man mit Recht sagen kann: Kirche und Familie bilden zusammen den einen Gottestempel der christlichen Erziehung.

Die junge Generation muß in den Künsten und Lehr­fächern zu Nutz und Frommen der Volksgemeinschaft unterrichtet werden. Da aber die Familie allein dieser Aufgabe nicht gewachsen ist, entstand das Sozialgebilde der Schule, wohlgemerkt zunächst als Schöpfung des Unter­nehmungsgeistes von Familie und Kirche, längst bevor der Staat an diese Aufgabe herantrat. Die Schule ist also auch in ihren geschichtlichen Anfängen gesehen ihrer Natur nach Ergänzung und Hilfe der Familie und der Kirche. Daraus folgt mit moralischer Notwendigkeit, daß die öffentliche Schule diesen beiden Einflußsphären sich nicht nur nicht entgegenstellen darf, sondern mit ihnen zur denkbar vollkommensten moralischen Einheit ver­wachsen muß, zu so inniger Gemeinschaft, daß sie mit der Familie und der Kirche ein einziges, der christlichen Erziehung geweihtes Heiligtum bilden kann, wenn anders sie nicht ihr Ziel verfehlen und sich gerade ins Gegen­teil, in ein Werk der Zerstörung, verwandeln will.

Das hat ganz offen auch ein wegen seiner pädago­gischen (freilich nicht in allem zu empfehlenden, weil vom Liberalismus angesteckten) Schriften sehr gefeierter Laie anerkannt: «Wenn die Schule», so drückt er sich aus, «kein Gotteshaus ist, so ist sie eine Höhle». Und weiter: «Wenn die wissenschaftliche, soziale, häusliche und religiöse Erziehung nicht eine Einheit bilden, wird der Mensch unglücklich und leistungsunfähig.»50

Daraus gerade folgt, daß die sog. neutrale oder weltliche Schule, aus der die Religion ausgeschlossen ist, sich zu fundamentalsten Erziehungsgrundsätzen in Widerspruch setzt. Übrigens ist eine derartige Schule praktisch gar nicht möglich, da sie sich in Wirklichkeit zur religions­feindlichen Schule entwickelt. Es braucht nicht wieder­holt zu werden, was Unsere Vorgänger über sie erklärt haben, besonders Pius IX. und Leo XIII., zu deren Zeit gerade die Verweltlichung in der öffentlichen Schule ihr Unwesen zu treiben begann. Wir erneuern und bekräf­tigen ihre Erklärungen51 und gleichzeitig die Vorschriften der heiligen Kanones, wonach der Besuch der nichtkatho­lischen Schulen, ob weltliche oder Simultanschulen, also der Schulen, die ganz gleichförmig und ohne irgend welche Sonderung den Katholiken und Nichtkatholiken offen­stehen, den katholischen Kindern verboten ist, und daß der Besuch dieser Schulen nur mit Rücksicht auf be­stimmte örtliche und zeitliche Verhältnisse unter beson­dern Sicherungen geduldet werden kann52, wobei einzig die Entscheidung des Oberhirten maßgebend ist. Für die Katholiken kann auch jene Simultanschule nicht als normal anerkannt werden (um so schlimmer, wenn sie «Einheits»- und Pflichtschule für alle ist), in der den Katholiken zwar getrennt Religionsunterrricht erteilt wird, in der sie aber den übrigen Unterricht von nichtkatho­lischen Lehrern zusammen mit nichtkatholischen Schülern erhalten.

Denn die bloße Tatsache, daß an einer Schule (oft noch mit allzu großer Einschränkung) Religionsunterricht erteilt wird, bringt sie noch nicht in Übereinstimmung mit den Rechten der Kirche und der christlichen Familie und gibt ihr noch nicht die nötige Eignung für den Besuch der katholischen Kinder. Dafür ist notwendig, daß der ganze Unterricht und Aufbau der Schule: Lehrer, Schulordnung und Schulbücher, in allen Fächern unter Leitung und mütterlicher Aufsicht der Kirche von christ­lichem Geiste beherrscht sind, so daß die Religion in Wahrheit die Grundlage und Krönung des ganzen Erzie­hungswerkes in allen seinen Abstufungen darstellt, nicht bloß in den Elementar-, sondern auch in den Mittel- und Hochschulen. «Es ist nicht bloß notwendig», um ein Wort Leos XIII. zu gebrauchen, «daß der Jugend zu bestimmten Stunden Religionsunterricht erteilt, son­dern daß auch der ganze übrige Unterricht vom Wohl­geruch religiösen christlichen Sinnes durchflutet wird. Wenn das fehlt, wenn dieser heilige Atem das Innere der Lehrer und Schüler nicht durchzieht und erwärmt, dann wird man aus der ganzen Schulung recht wenig Nutzen ziehen. Oft wird daraus sogar nicht geringer Schaden erwachsen.»53

Man sage nicht, in einem in verschiedene Bekennt­nisse gespaltenen Volke sei es dem Staat unmöglich, die Frage des öffentlichen Unterrichts anders als mit der welt­lichen oder der Simultanschule zu lösen. Der Staat muß und kann sie vernunftgemäßer und auch leichter dadurch lösen, daß er der Initiative der Familie und der Kirche Freiheit läßt und durch entsprechende finanzielle Bei­steuern nachhilft. Daß sich dies zur Zufriedenheit der Familien und zum Besten des Unterrichts und der öffent­lichen Ruhe und Ordnung verwirklichen läßt, dafür sind ein Beweis jene Nationen mit gemischtem Bekenntnis, in denen das Schulwesen dem Erziehungsrecht der Familie entspricht nicht bloß auf dem gesamten Gebiet des Unter­richts — hier besonders durch rein katholische Schulen für die Katholiken —, sondern ebenso unter dem Gesichtspunkt der ausgleichenden Gerechtigkeit durch staatliche finan­zielle Beihilfe an die von den Familien gewählten Schulen.

Verschieden davon ist die Lage in andern Ländern mit gemischtem Bekenntnis. Sie bedeutet dort eine nicht geringe Belastung für die Katholiken, die unter Führung und Leitung der Bischöfe und dank der unermüdlichen Arbeit des Welt- und Ordensklerus in Erfüllung einer schweren Gewissensforderung für ihre Kinder ganz auf eigene Kosten katholische Schulen unterhalten und hoch­herzig und mit rühmenswerter Ausdauer in dem Ent­schluß beharren, die von ihnen als Losung ausgegebene «katholische Erziehung für die gesamte katholische Jugend in katholischen Schulen» voll und ganz sicher­zustellen. Wenn ihrer Schulpflege auch keine Mittel aus der Staatskasse zufließen, wie es an sich die ausgleichende Gerechtigkeit verlangt, so können ihr jedenfalls von einem Staat, der sich der Familienrechte und der uner­läßlichen Bedingungen rechtmäßiger Freiheit bewußt ist, keine Hindernisse bereitet werden.

Wo aber auch diese elementare Freiheit unterbunden oder in verschiedenen Formen durchkreuzt wird, können die Katholiken selbst um den Preis großer Opfer nie genug tun für die Erhaltung und Verteidigung ihrer Schulen und in der Arbeit für gerechte Schulgesetze.

Alles, was die Gläubigen in der Förderung und dem Schutze der katholischen Schule für ihre Kinder tun, ist ausgesprochen religiöse Tätigkeit und deshalb allererste Aufgabe der «Katholischen Aktion». Daher sind alle jene Sonderorganisationen, die in den einzelnen Nationen mit großem Eifer einem so notwendigen Werke obliegen, Unserem väterlichen Herzen besonders teuer und hohen Lobes würdig.

Es sei in diesem Zusammenhang laut verkündet, und es möge von allen wohl verstanden und als richtig anerkannt werden: in keinem Volk der Welt treiben die Katholiken dadurch, daß sie ihren Kindern die katholische Schule zu erwirken suchen, Parteipolitik: vielmehr leisten sie damit religiöse, von ihrem Gewissen als unerläßlich geforderte Arbeit. Sie wollen ihre Kinder damit nicht etwa vom Körper und Geist des Volkes lostrennen, sondern sie auf die vollkommenste und dem Wohl der Nation dien­lichste Art dafür erziehen. Denn der gute Katholik ist gerade kraft der katholischen Glaubenslehre auch der beste Staatsbürger, der sein Vaterland liebt und sich der in irgend eine gesetzliche Staatsform gekleideten Staats­gewalt aufrichtig unterordnet.

In dieser mit der Kirche und christlichen Familie einträchtig arbeitenden Schule wird es nicht vorkommen, daß zum offenbaren Schaden der Erziehung in den ein­zelnen Fächern dem widersprochen wird, was die Schüler im Religionsunterricht lernen. Und wenn der peinlich gewissenhafte Lehrberuf es verlangt, ihnen Einblick in irrige und Widerlegung heischende Werke zu gewähren, so wird das mit so genauer Vorbereitung und unter Darbietung so starken Gegengiftes aus der gesunden Lehre geschehen, daß der christlichen Jugenderziehung daraus kein Schaden, sondern nur Nutzen erwächst.

Ebenso wird in dieser Schule das Studium der Mutter­sprache und der klassischen Literatur niemals auf Kosten der Sittenreinheit betrieben werden. Denn der christliche Lehrer wird dem Beispiel der Biene folgen, die das Reinste der Blüte nimmt und am andern vorbeigeht, wie der hl. Basilius in seiner Rede an die Jugend über die Lektüre der Klassiker lehrt54. Dieser nötigen — übrigens auch vom Heiden Quintilian55 empfohlenen — Vorsicht steht keineswegs entgegen, daß der christliche Lehrer alles auf­nehme und ausnütze, was unsere Zeit an wirklich Gutem in den einzelnen Wissenszweigen und Methoden bietet, eingedenk des Wortes des Apostels : Prüfet alles. Behaltet, was gut ist56. Deshalb wird der Lehrer bei der Eingliede­rung des Neuen sich davor hüten, das von der Erfahrung vieler Jahrhunderte als gut und wirksam erpropte Alte überstürzt aufzugeben. Das gilt vor allem für das Studium des Lateins, dessen Verfall wir in unsern Tagen immer mehr beobachten, gerade wegen unbegründeter Drangabe der Methoden, die vom gesunden, besonders in den kirchlichen Schulen zu hoher Blüte gebrachten Huma­nismus mit großem Erfolg angewandt wurden. Diese vornehmen Traditionen verlangen, daß die den katho­lischen Schulen anvertraute Jugend in Literatur und Wissenschaft vollauf den Bedürfnissen unserer Zeit ent­sprechend unterrichtet werde, daß aber gleichzeitig der Unterricht, namentlich in der gesunden Philosophie, auf zuverlässiger Grundlage ruhe, in die Tiefe gehe und sich von jener alles wirr durcheinandermengenden Ober­flächlichkeit fernhalte, die «vielleicht das Notwendige gefunden hätte, wäre sie nicht auf die Suche nach dem Nebensächlichen gegangen»57. Deshalb muß sich jeder christliche Lehrer vor Augen halten, was Leo XIII. mit den kurzen, aber vielsagenden Worten ausdrückt : « . . . mit größerem Eifer ist darauf hinzuarbeiten, daß nicht nur eine brauchbare und haltbare Unterrichtsmethode gehand­habt werde, sondern noch viel mehr, daß der Unterricht in Literatur und Wissenschaft selbst mit dem katholischen Glauben voll übereinstimme, vor allem in der Philo­sophie, von der zum großen Teil die richtige Einstellung zu den übrigen Wissenszweigen abhängt.»58

Gute Schulen sind nicht so sehr die Frucht guter Schulpläne, als vielmehr und vor allem guter Lehrer, die, in dem Fache, das sie lehren sollen, vorzüglich vor­bereitet und unterrichtet, sowie gut ausgerüstet mit den geistigen und sittlichen, von ihrem hohen Beruf gefor­derten Eigenschaften, von reiner und gottentstammter Liebe zu den ihnen anvertrauten Jugendlichen glühen, eben weil sie Christus und seine Kirche lieben, deren Lieblingskinder jene sind, und weil ihnen deshalb auf­richtig das wahre Wohl der Familie und ihres Vater­landes am Herzen liegt. Unser Inneres ist voll von Trost und Dank gegen die Güte Gottes, wenn Wir sehen, wie zusammen mit den dem Lehrberuf lebenden Ordens­männern und Ordensfrauen eine so große Zahl guter Lehrer und Lehrerinnen — zur Pflege ihrer Seelenkultur auch zusammengeschlossen in Standeskongregationen und Standesvereinen, die deshalb als hochwertige und machtvolle Hilfstruppen der Katholischen Aktion zu loben und zu fördern sind — selbstlos, mit Hingabe und Aus­dauer sich in der Kunst betätigen, die der hl. Gregor von Nazianz die «Kunst der Künste und die Wissen­schaft der Wissenschaften»59 nennt, in der Kunst, die Jugend zu führen und zu bilden. Und doch gilt auch für sie das Wort des göttlichen Meisters: Die Ernte ist groß, aber der Arbeiter sind wenige60. Bitten wir also den Herrn der Ernte, daß er noch viele solche Arbeiter der christlichen Erziehung sende, deren Heranbildung den Seelenhirten und den Generalobern der religiösen Orden außerordentlich am Herzen liegen muß.

Führung und Überwachung ist ebenfalls notwendig bei der Erziehung des Jugendlichen, der « sich weich wie Wachs zum Laster umbiegen läßt»61, je nach der Umgebung, in die er hineingerät. Man muß also die Gelegenheiten zum Schlechten entfernen, ihm dagegen in Erholung und Kameradschaft günstige und leichte Gelegenheit zum Guten bieten, denn schlechte Reden verderben gute Sitten62.

Man kann sogar sagen, daß heute eine weitreichendere und eingehendere Überwachung vonnöten ist, in dem Maße, als die Gelegenheiten zu sittlichem und religiösem Schiffbruch für die unerfahrene Jugend gewachsen sind. Diese Gefahren liegen vornehmlich in den glaubenslosen und schlüpfrigen, vielfach geradezu in dämonischer Art zu Spottpreisen vertriebenen Schriften, in den Kinoschau­stellungen und jetzt auch in den Rundfunkdarbietungen, die sozusagen alle Art von Lektüre vervielfältigen und leicht zugänglich machen, wie es der Film mit allen möglichen Schauspielen tut. Diese mächtig wirkenden Verbreitungsmittel, die, wenn gut und nach vernünftigen Grundsätzen geleitet, dem Unterricht und der Erziehung zu großem Nutzen gereichen können, müssen leider oft nur dem Anreiz dunkler Leidenschaften und der Gewinn­sucht dienen. Der hl. Augustinus seufzte über die Leiden­schaftlichkeit, mit der sich in seiner Zeit auch Christen zu den Zirkusspielen hinziehen ließen, und er erzählt mit dramatischer Lebendigkeit die glücklicherweise vor­hergehenden sittlichen Verirrungen seines Schülers und Freundes Alipius 63. Wie viele Entgleisungen Jugend­icher sind nicht in unsern Tagen als Folge der heutigen Schaustellungen und schlechter Lektüre von Eltern und Erziehern zu beweinen!

Daher verdienen alle jene Erziehungswerke Lob, die in echt christlicher Hingabe für die Seelen der Jugend­ichen sich die Aufgabe stellen, in eigens dafür bestimmten werken und Zeitschriften gerade den Eltern und Erziehern die oft versteckt in die Schriften und Schaustellungen eingeschmuggelten sittlichen und religiösen Gefahren aufzudecken, die es sich ferner keine Arbeit und Mühe verdrießen lassen, gute Bücher zu verbreiten und wirklich erzieherisch wirkenden Schaustellungen den Weg zu bahnen, und die endlich auch unter großen Opfern Schauspiele und Filme schaffen, bei denen die Tugend nichts zu verlieren, aber viel zu gewinnen hat.

Die notwendige Überwachung besagt indes nicht, laß die Jugend aus der Gemeinschaft, in der sie ja doch leben und ihre Seele retten muß, auszusondern sei, wohl aber, daß sie heute mehr denn je nach christlicher Art in voraus gewappnet und gefestigt werden muß gegen die Verführungen und Täuschungen der Welt, die nach der Mahnung eines Gotteswortes nur Begierlichkeit des Fleisches, Begierlichkeit der Augen und Hoffart des Lebens64 ist. Die Jugendlichen müssen also, wie Tertullian von den ersten Christen sagte, sein, was die echten Christen aller Zeiten sein sollen: «Mitbesitzer der Welt, nicht les Irrtums»65.

Mit diesem Worte Tertullians haben Wir bereits berührt, was Wir an letzter Stelle zu behandeln Uns vorgenommen, was aber von höchster Bedeutung ist, nämlich das wahre Wesen der christlichen Erziehung.

Es ergibt sich aus ihrem Eigenzweck, und seine Be­trachtung rückt die überragende Mission der Kirche auf dem Gebiet der Erziehung erst recht ins volle Licht.

IV

Eigentliches und unmittelbares Ziel der christlichen Erziehung ist die Mitwirkung mit der Gnade Gottes bei der Bildung des wahren und vollkommenen Christen: das heißt Christi selbst in den durch die Taufe Wiedergeborenen, entsprechend dem anschaulichen Ausdruck des Apostels: Meine Kindlein, für die ich abermals Geburts­wehen leide, bis Christus in euch gestaltet ist66. Der wahre Christ muß ja das übernatürliche Leben in Christus leben : «Christus, euer Leben»67, und es in seinem ganzen Tun offenbaren: «damit auch das Leben Jesu in unserem sterblichen Fleische offenbar werde»68.

Deshalb umfaßt gerade die christliche Erziehung den ganzen Bereich des menschlichen Lebens, des sinnlichen und übersinnlichen, des geistigen und sittlichen, des Lebens des Einzelnen, der Familie und der Gemeinschaft, nicht um es irgendwie einzuengen, sondern um es zu erheben, zu ordnen und zu vervollkommnen nach dem Beispiel und der Lehre Christi.

Der wahre Christ, die Frucht der christlichen Erziehung, ist also der übernatürliche Mensch, der ständig und folge­richtig nach der vom übernatürlichen Lichte des Beispiels und der Lehre Christi erleuchteten gesunden Vernunft denkt, urteilt und handelt; oder, um es mit dem heute gebräuchlichen Ausdruck zu sagen: der wahre und vollendete Charaktermensch. Denn nicht jede beliebige, nach rein subjektiven Grundsätzen Konsequenz und Beharrlichkeit aufweisende Lebensführung stellt den wahren Charakter dar, sondern nur die Ausdauer in Befolgung der ewigen Grundgesetze der Gerechtigkeit, wie es auch der heidnische Dichter anerkennt, wenn er in untrennbarer Verbindung «den gerechten und vor­satztreuen Mann»69 lobt. Anderseits kann aber vollendete Gerechtigkeit nur da bestehen, wo auch Gott gegeben wird, was Gottes ist, wie es der wahre Christ tut.

Dieser Endzweck der christlichen Erziehung erscheint den Weltmenschen als wirklichkeitsfremde Idee, oder vielmehr als nicht erreichbar ohne Unterdrückung oder Verdrängung der natürlichen Fähigkeiten und ohne Verzicht auf Diesseitsarbeit, also als etwas dem Gemein­schaftsleben und dem irdischen Glück Fremdes, zu jeglichem Fortschritt auf dem Gebiet der Literatur, der Wissenschaft, der Kunst und allen andern Kulturwirkens Gegensätzliches. Auf einen derartigen Einwurf, den die Unwissenheit und das Vorurteil der Heiden, auch der Gebildeten der damaligen Zeit, erhoben — und wie er leider noch häufiger und hartnäckiger heute wiederholt wird —, hat Tertullian seinerzeit geantwortet : «Wir sind nicht weltfremd. Wohl sind wir dessen eingedenk, daß wir Gott, unserem Schöpfer und Herrn, Dank schulden. Wir verschmähen aber keine Frucht seiner Werke. Nur halten wir Maß, um uns ihrer nicht übertrieben oder in verkehrter Weise zu bedienen. So leben wir mit euch zusammen in dieser Welt nicht ohne Forum, nicht ohne Markt, nicht ohne Bäder, Kaufläden, Werkstätten, Gasthäuser, eure Jahrmärkte und den übrigen Geschäftsverkehr. Zusammen mit euch treiben wir Schiffahrt, leisten Militärdienst, treiben wir Landwirtschaft und Handel. Wir haben also dieselben Berufe wie ihr und bieten unsere Arbeitskraft zu eurem Dienste an. Wie wir für euer Wirtschaftsleben unnütz erscheinen können, wo wir doch mit euch und von euch Brot und Arbeit haben, kann ich wirklich nicht einsehen.»70

Der wahre Christ ist also weit davon entfernt, auf das Diesseitswirken zu verzichten oder seine natürlichen Fähigkeiten herabzumindern. Im Gegenteil, indem er sie mit dem übernatürlichen Leben zu geordneter Einheit verbindet, entwickelt und vervollkommnet er sie, veredelt damit das natürliche Leben selbst und führt ihm wirksamere Werte nicht bloß der geistlichen und ewigen, sondern auch der materiellen und irdischen Welt zu. Beweis dafür ist die ganze Geschichte des Christentums und seiner Schöpfungen, die bis auf unsere Tage mit der Geschichte der echten Kultur und des wahren Fort­schritts zusammenfällt. Beweis dafür sind vor allem die Heiligen, an denen die Kirche und nur sie so reich ist. Die Heiligen haben in vollkommenstem Grade das Ziel der christlichen Erziehung erreicht und dabei die mensch­liche Gemeinschaft mit allen Arten von Gütern veredelt und beglückt. Die Heiligen waren, sind und werden in der Tat immer die größten Wohltäter und vollendetsten Vorbilder der menschlichen Gesellschaft bleiben, für jede Klasse und jeden Beruf, für jeden Stand und jede Lebens­lage, vom einfachen Landmann und Bauer bis zum Ge­lehrten und Gebildeten, vom bescheidenen Handwerker bis zum Heerführer, vom privaten Familienvater bis zum Monarchen, der über Völker und Nationen herrscht, von den einfachen Mädchen und Frauen der stillen Häus­lichkeit bis zu den Königinnen und Kaiserinnen. Und was soll man erst sagen von der auch für das irdische Menschheitsglück gewaltigen Leistung der Missionäre des Evangeliums, die den ungesitteten Völkern mit dem Lichte des Glaubens zugleich die Kulturgüter gebracht haben und bringen? Was von den Gründern zahlreicher karitativer und sozialer Werke und von der unüber­sehbaren Schar heiliger Erzieher und Erzieherinnen, die ihr Werk in ihren fruchtbaren Stiftungen für christ­liche Erziehung verewigt und vervielfältigt haben zur Hilfe der Familien und zum unschätzbaren Wohl der Völker?

Das sind die Früchte — Wohltaten jeglicher Ordnung — der christlichen Erziehung gerade für das Leben und die übernatürliche Tugend in Christus, die sie im Menschen zur Entwicklung und Gestaltung bringen. Denn Christus, unser Herr, der göttliche Lehrer, ist auch Quelle und Spender dieses Lebens und dieser Tugend und durch sein Beispiel gleichzeitig allgemeines und allen Mensch­heitsschichten zugängliches Vorbild, der Jugend vor allem in den Jahren seines verborgenen, arbeitsamen, gehor­samen, vor Gott und den Menschen mit allen indivi­duellen, häuslichen und sozialen Tugenden geschmückten Lebens.

Die Gesamtheit der erzieherischen Schätze von un­endlichem Wert, die Wir bisher kaum und nur zum Teil haben andeuten können, gehört der Kirche derart zu eigen, daß sie geradezu ihr Wesen ausmacht. Sie ist ja der mystische Leib Christi, die unbefleckte Braut Christi und dadurch fruchtbare Mutter und ganz unabhängige und vollendete Erzieherin. Deshalb brach der große und geistesgewaltige hl. Augustinus — dessen seligen Todes fünfzehnhundertjährige Wiederkehr wir zu feiern uns anschicken — voll heiliger Begeisterung für eine solche Mutter in die folgenden Lobeserhebungen aus: «Katholische Kirche, wahre und wirkliche Mutter der Christen, du lehrst nicht nur Gott, dessen Gewinn seligstes Leben ist, ganz rein und keusch zu verehren. Du machst dir auch die Nächstenliebe und Barmherzigkeit so zu eigen, daß sich für die verschiedenartigen Krankheiten, an denen die Seelen ihrer Sünden wegen leiden, bei dir alle wirksamen Heilmittel in reichster Fülle finden. Du schulst und lehrst, der Entwicklung und den Bedürf­nissen des Körpers wie des Geistes entsprechend, in kindlicher Weise die Kinder, mit Festigkeit die Jugend, mit Schonung die Alten. Du ordnest gleichsam in frei­williger Knechtschaft die Kinder den Eltern unter; die Eltern stellst du mit der Gewalt väterlicher Güte über die Kinder. Du verbindest die Brüder miteinander fester und enger als durch die Bande des Blutes durch die der Religion . . . Im Andenken an die gemeinsamen Stamm­eltern einest du die Bürger mit den Bürgern, die Völker mit den Völkern, mit einem Worte die Menschen mit­einander nicht allein durch gesellschaftliche, sondern auch durch brüderliche Bande. Du lehrst die Könige für die Völker Sorge tragen; die Völker mahnst du, den Königen untertan zu sein. Mit Sorgfalt lehrst du, wem Ehre, wem Liebe, wem Ehrfurcht und wem Furcht, wem Trost, wem Mahnung, wem Ermutigung, wem Züchtigung, wem Tadel, wem Strafe gebühre. So zeigst du, wie nicht allen das gleiche gebühre, aber allen Liebe, keinem Kränkung.»71

Wir wollen, Ehrwürdige Brüder und vielgeliebte Söhne, Herz und Hände bittflehend zum Himmel erheben, «zum Hirten und Bischof unserer Seelen»72, zu unserem Gott und König, «der den Herrschern Gesetze gibt», er möge mit der Stärke seiner Allmacht verleihen, daß die herrlichen Früchte der christlichen Erziehung «in der ganzen Welt» immer reichere Ernte bringen und sich immer mehr vervielfältigen zum Besten der Einzelnen und der Völker.

Als Unterpfand dieser himmlischen Gnaden erteilen Wir mit väterlicher Liebe Euch, Ehrwürdige Brüder, Eurem Klerus und Eurem Volke den Apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom, bei St. Peter, am 31. Dezember 1929, im achten Jahre Unseres Pontifikates.

PAPST PIUS XI.

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1 Pius XI., Rundschreiben an die Ehrwürdigen Brüder, Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe und andern Oberhirten, die in Frieden und Gemeinschaft stehen mit dem Apostolischen Stuhle und an alle Christgläubigen des katholischen Erdkreises: über die christliche Erziehung der Jugend. AAS XXII(1929) 49-86.
2 Mark. X 14.
3 II Tim. IV 2.
4 Augustinus, Bekenntnisse I 1, PL XXXII 661.
5 Joh. XIV 6.
6 Spr. XXII 6.
7 Johannes Chrysostomus, In Matthaeum XVIII, Homilia LX, PG LVII 573
8 Mark. IX 36.
9 Matth. XXVIII 18-20.
10 Pius IX., Rundschreiben Quum non sine, 14. Juli 1864.
11 Augustinus, De symbolo ad catechumenos XIII, PL. XL 668.
12 Leo XIII., Rundschreiben Libertas praestantissimum, 20. Juni 1888, ASS XX (1888) 607; vgl. MG n. 118.
13 Pius X., Rundschreiben Singulari quadam, 24. September 1912, AAS IV (1912) 658; vgl. MG n. 576.
14 A. Manzoni, Osservazioni sulla Morale Cattolica III.
15 Cod. iur. can. c. 1375.
16 Hilarius, Commentarium in Matthaeum XVIII, PL IX 910.
17 Cod. iur. can. c. 1381-1382
18 Leo XIII., Rundschreiben Nobilissima Gallorum gens, 8. Februar 1884, Leonis P. XIII., Allocutiones, epistolae, constitutiones, Paris, Desclée de Brouwer, 1887, Bd. II S. 44.
19 Matth. XXVIII 19.
20 Pius XI., Ansprache an die Zöglinge des Kollegs von Tusculum, genannt di Mondragone, am 14. Mai 1929, Osservatore Romano, 16. Mai 1929.
21 Deut. XXXII 4.
22 Thomas von Aquin, Sum. theol. II-II q. 102 a. 1.
23 Thomas von Aquin, Sum. theol. II-II q. 10 a. 12.
24 Thomas von Aquin, Sum. theol. III Supplem. q. 41 a 1.
25 Cod. iur. can. c. 1113.
26 Leo XIII., Rundschreiben Rerum novarum, 15. Mai 1890, ASS XXIII (1890-1891) 658; vgl. MG n. 522.
27 Leo XIII., Rundschreiben Sapientiae christianae, 10. Januar 1890, ASS XXII (1889-1890) 403; vgl. MG n. 966.
28 Cod. iur. can. c. 1113
29 «The fundamental theory of liberty upon which all governments in this Union repose, excludes any general power of the State to standardize its children by forcing them to accept instruction from public teachers only. The child is not the mere creature of the State; those who nurture him and direct his destiny have the right coupled with the high duty, to recognize, and prepare him for additional duties.» U. S. Supreme Court Decision in the Oregon School Cases, June 1, 1925.
30 Pius XI., Schreiben an den Kardinalstaatssekretär, 30. Mai 1929, AAS XXI (1929) 302.
31 Cod. iur. can. c. 750 § 2; Sum. theol. II-II q. 10 a 12.
32 Pius XI., Ansprache an die Zöglinge des Tuskulanischen Kollegs, genannt di Mondragone, 14. Mai 1929; MG S. 315, Anmerkung.
33 Pius XI., Ansprache an die Zöglinge des Tuskulanischen Kollegs, genannt di Mondragone, 14. Mai 1929; MG S. 315, Anmerkung
34 P. L. Taparelli, Saggio teoretico di Diritto naturale, n. 922. Ein Werk, das nie genug gelobt und den Universitätsstudenten zum Studium empfohlen werden kann. (Vgl. Unsere Ansprache vom 18. Dezember 1927.)
35 Leo XIII., Rundschreiben Immortale Dei, 1. November 1885, ASS XVIII (1885) 161-180; vgl. MG n. 857-858.
36 Leo XIII., Rundschreiben Immortale Dei, 1. November 1885, ASS XVIII (1885) 161-180; vgl. MG n. 859-860.
37 Augustinus, Epist. CXXXVIII, PL XXXIII 532.
38 Silvio Antoniano, Dell’educazione cristiana dei figliuoli I 43.
39 Pius XI., Schreiben an den Kardialstaatssekretär vom 30. Mai 1929, AAS XXI (1929) 302.
40 Vatic. Konzil, Sess. III c. 4, Denzingr n. 1799.
41 Spr. XXII 15.
42 Weish. VIII 1.
43 Joh. III 8.
44 Vgl. Erlass des Hl. Offiziums Geschlechtliche und Eugenische Erziehung, 18. März 1931, AAS XXIII (1931) 118, Denzinger n. 2251-2252. (Anmerkung des Herausgebers.)
45 Röm. VII 23.
46 Silvio Antoniano, Dell’educazione cristiana dei figliuoli II 88.
47 Matth. XVIII 7.
48 Eph. VI 4.
49 Ps. CX (CXI) 10; Eccl. I 16.
50 Nic. Tommaseo, Pensieri sull’educazione I 3, 6.
51 Pius IX., Schreiben Cum non sine, 14. Juli 1864; Syllabus, Prop. 48; Leo XIII., Allok. Summi Pontificatus, 20. August 1880; Rundschreiben Nobilissima, 8. Februar 1884; Rundschreiben Quod multum, 22. August 1886; Schreiben Officio sanctissimo, 22. Dezember 1887; Rundschreiben Caritatis, 19. März 1894. Vgl. Kirchl. Gesetzbuch, Ausg. mit Quellenangabe, zu Kan. 1374.
52 Cod. iur. can. c. 1374.
53 Leo XIII., Rundschreiben Militantis Ecclesiae, 1. August 1897, ASS XXX (1897-1898) 3.
54 Basilius, Homilia XXII, PG XXXI 563-590.
55 Inst. Or. I 8.
56 I Thess. V 21
57 Seneca, Epist. XLV.
58 Leo XIII., Rundschreiben Inscrutabili, 21. April 1878, ASS X (1877) 585-592
59 Gregor von Nazianz, Oratio II, PG XXXV 426.
60 Matth. IX 37.
61 Horatius, De arte poet. V 163.
62 I Kor. XV 33.
63 Augustinus, Bekenntnisse VI 8, PL XXXII 726.
64 I Joh. II 16.
65 Tertullianus, De idolatria 14, PL I 681.
66 Gal. IV 19.
67 Kol. III 4.
68 II Kor. IV 11.
69 Horatius, Od. III 3 v. 1.
70 Tertullianus, Apologeticum 42, PL I 491.
71 Augustinus, De moribus Ecclesiae catholicae I 30, PL XXXII 1336.
72 Vgl. I Petr. II 25.