ANSPRACHE VON PAPST BENEDIKT XVI. AN DEN DEUTSCHEN BUNDESTAG – 2011

German Economy Minister Philipp Roesler and Chancellor Angela Merkel look on as Pope Benedict XVI gives a speech to the German parliament in Berlin Sept. 22. Pope Benedict began a four-day visit to his homeland. (CNS photo/Thomas Peter, Reuters) (Sept. 22, 2011) See GERMANY-ARRIVE (UPDATED) Sept. 22, 2011.

APOSTOLISCHE REISE NACH DEUTSCHLAND
22.-25. SEPTEMBER 2011

BESUCH DES DEUTSCHEN BUNDESTAGS

ANSPRACHE VON PAPST BENEDIKT XVI.

Berliner Reichstagsgebäude
Donnerstag, 22. September 2011

 

Sehr geehrter Herr Bundespräsident!
Herr Bundestagspräsident!
Frau Bundeskanzlerin!
Frau Bundesratspräsidentin!
Meine Damen und Herren Abgeordnete!

Es ist mir Ehre und Freude, vor diesem Hohen Haus zu sprechen – vor dem Parlament meines deutschen Vaterlandes, das als demokratisch gewählte Volksvertretung hier zusammenkommt, um zum Wohl der Bundesrepublik Deutschland zu arbeiten. Dem Herrn Bundestagspräsidenten möchte ich für seine Einladung zu dieser Rede ebenso danken wie für die freundlichen Worte der Begrüßung und Wertschätzung, mit denen er mich empfangen hat. In dieser Stunde wende ich mich an Sie, verehrte Damen und Herren – gewiß auch als Landsmann, der sich lebenslang seiner Herkunft verbunden weiß und die Geschicke der deutschen Heimat mit Anteilnahme verfolgt. Aber die Einladung zu dieser Rede gilt mir als Papst, als Bischof von Rom, der die oberste Verantwortung für die katholische Christenheit trägt. Sie anerkennen damit die Rolle, die dem Heiligen Stuhl als Partner innerhalb der Völker- und Staatengemeinschaft zukommt. Von dieser meiner internationalen Verantwortung her möchte ich Ihnen einige Gedanken über die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaats vorlegen.

Lassen Sie mich meine Überlegungen über die Grundlagen des Rechts mit einer kleinen Geschichte aus der Heiligen Schrift beginnen. Im ersten Buch der Könige wird erzählt, daß Gott dem jungen König Salomon bei seiner Thronbesteigung eine Bitte freistellte. Was wird sich der junge Herrscher in diesem Augenblick erbitten? Erfolg – Reichtum – langes Leben – Vernichtung der Feinde? Nicht um diese Dinge bittet er. Er bittet: „Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht“ (1 Kön 3,9). Die Bibel will uns mit dieser Erzählung sagen, worauf es für einen Politiker letztlich ankommen muß. Sein letzter Maßstab und der Grund für seine Arbeit als Politiker darf nicht der Erfolg und schon gar nicht materieller Gewinn sein. Die Politik muß Mühen um Gerechtigkeit sein und so die Grundvoraussetzung für Friede schaffen. Natürlich wird ein Politiker den Erfolg suchen, ohne den er überhaupt nicht die Möglichkeit politischer Gestaltung hätte. Aber der Erfolg ist dem Maßstab der Gerechtigkeit, dem Willen zum Recht und dem Verstehen für das Recht untergeordnet. Erfolg kann auch Verführung sein und kann so den Weg auftun für die Verfälschung des Rechts, für die Zerstörung der Gerechtigkeit. „Nimm das Recht weg – was ist dann ein Staat noch anderes als eine große Räuberbande“, hat der heilige Augustinus einmal gesagt[1]. Wir Deutsche wissen es aus eigener Erfahrung, daß diese Worte nicht ein leeres Schreckgespenst sind. Wir haben erlebt, daß Macht von Recht getrennt wurde, daß Macht gegen Recht stand, das Recht zertreten hat und daß der Staat zum Instrument der Rechtszerstörung wurde – zu einer sehr gut organisierten Räuberbande, die die ganze Welt bedrohen und an den Rand des Abgrunds treiben konnte. Dem Recht zu dienen und der Herrschaft des Unrechts zu wehren ist und bleibt die grundlegende Aufgabe des Politikers. In einer historischen Stunde, in der dem Menschen Macht zugefallen ist, die bisher nicht vorstellbar war, wird diese Aufgabe besonders dringlich. Der Mensch kann die Welt zerstören. Er kann sich selbst manipulieren. Er kann sozusagen Menschen machen und Menschen vom Menschsein ausschließen. Wie erkennen wir, was recht ist? Wie können wir zwischen Gut und Böse, zwischen wahrem Recht und Scheinrecht unterscheiden? Die salomonische Bitte bleibt die entscheidende Frage, vor der der Politiker und die Politik auch heute stehen.

In einem Großteil der rechtlich zu regelnden Materien kann die Mehrheit ein genügendes Kriterium sein. Aber daß in den Grundfragen des Rechts, in denen es um die Würde des Menschen und der Menschheit geht, das Mehrheitsprinzip nicht ausreicht, ist offenkundig: Jeder Verantwortliche muß sich bei der Rechtsbildung die Kriterien seiner Orientierung suchen. Im 3. Jahrhundert hat der große Theologe Origenes den Widerstand der Christen gegen bestimmte geltende Rechtsordnungen so begründet: „Wenn jemand sich bei den Skythen befände, die gottlose Gesetze haben, und gezwungen wäre, bei ihnen zu leben …, dann würde er wohl sehr vernünftig handeln, wenn er im Namen des Gesetzes der Wahrheit, das bei den Skythen ja Gesetzwidrigkeit ist, zusammen mit Gleichgesinnten auch entgegen der bei jenen bestehenden Ordnung Vereinigungen bilden würde …“[2]

Von dieser Überzeugung her haben die Widerstandskämpfer gegen das Naziregime und gegen andere totalitäre Regime gehandelt und so dem Recht und der Menschheit als ganzer einen Dienst erwiesen. Für diese Menschen war es unbestreitbar evident, daß geltendes Recht in Wirklichkeit Unrecht war. Aber bei den Entscheidungen eines demokratischen Politikers ist die Frage, was nun dem Gesetz der Wahrheit entspreche, was wahrhaft recht sei und Gesetz werden könne, nicht ebenso evident. Was in bezug auf die grundlegenden anthropologischen Fragen das Rechte ist und geltendes Recht werden kann, liegt heute keineswegs einfach zutage. Die Frage, wie man das wahrhaft Rechte erkennen und so der Gerechtigkeit in der Gesetzgebung dienen kann, war nie einfach zu beantworten, und sie ist heute in der Fülle unseres Wissens und unseres Könnens noch sehr viel schwieriger geworden.

Wie erkennt man, was recht ist? In der Geschichte sind Rechtsordnungen fast durchgehend religiös begründet worden: Vom Blick auf die Gottheit her wird entschieden, was unter Menschen rechtens ist. Im Gegensatz zu anderen großen Religionen hat das Christentum dem Staat und der Gesellschaft nie ein Offenbarungsrecht, nie eine Rechtsordnung aus Offenbarung vorgegeben. Es hat stattdessen auf Natur und Vernunft als die wahren Rechtsquellen verwiesen – auf den Zusammenklang von objektiver und subjektiver Vernunft, der freilich das Gegründetsein beider Sphären in der schöpferischen Vernunft Gottes voraussetzt. Die christlichen Theologen haben sich damit einer philosophischen und juristischen Bewegung angeschlossen, die sich seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. gebildet hatte. In der ersten Hälfte des 2. vorchristlichen Jahrhunderts kam es zu einer Begegnung zwischen dem von stoischen Philosophen entwickelten sozialen Naturrecht und verantwortlichen Lehrern des römischen Rechts.[3] In dieser Berührung ist die abendländische Rechtskultur geboren worden, die für die Rechtskultur der Menschheit von entscheidender Bedeutung war und ist. Von dieser vorchristlichen Verbindung von Recht und Philosophie geht der Weg über das christliche Mittelalter in die Rechtsentfaltung der Aufklärungszeit bis hin zur Erklärung der Menschenrechte und bis zu unserem deutschen Grundgesetz, mit dem sich unser Volk 1949 zu den „unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt“ bekannt hat.

Für die Entwicklung des Rechts und für die Entwicklung der Humanität war es entscheidend, daß sich die christlichen Theologen gegen das vom Götterglauben geforderte religiöse Recht auf die Seite der Philosophie gestellt, Vernunft und Natur in ihrem Zueinander als die für alle gültige Rechtsquelle anerkannt haben. Diesen Entscheid hatte schon Paulus im Brief an die Römer vollzogen, wenn er sagt: „Wenn Heiden, die das Gesetz (die Tora Israels) nicht haben, von Natur aus das tun, was im Gesetz gefordert ist, so sind sie… sich selbst Gesetz. Sie zeigen damit, daß ihnen die Forderung des Gesetzes ins Herz geschrieben ist; ihr Gewissen legt Zeugnis davon ab…“ (Röm 2,14f). Hier erscheinen die beiden Grundbegriffe Natur und Gewissen, wobei Gewissen nichts anderes ist als das hörende Herz Salomons, als die der Sprache des Seins geöffnete Vernunft. Wenn damit bis in die Zeit der Aufklärung, der Menschenrechtserklärung nach dem Zweiten Weltkrieg und in der Gestaltung unseres Grundgesetzes die Frage nach den Grundlagen der Gesetzgebung geklärt schien, so hat sich im letzten halben Jahrhundert eine dramatische Veränderung der Situation zugetragen. Der Gedanke des Naturrechts gilt heute als eine katholische Sonderlehre, über die außerhalb des katholischen Raums zu diskutieren nicht lohnen würde, so daß man sich schon beinahe schämt, das Wort überhaupt zu erwähnen. Ich möchte kurz andeuten, wieso diese Situation entstanden ist. Grundlegend ist zunächst die These, daß zwischen Sein und Sollen ein unüberbrückbarer Graben bestehe. Aus Sein könne kein Sollen folgen, weil es sich da um zwei völlig verschiedene Bereiche handle. Der Grund dafür ist das inzwischen fast allgemein angenommene positivistische Verständnis von Natur. Wenn man die Natur – mit den Worten von H. Kelsen – als „ein Aggregat von als Ursache und Wirkung miteinander verbundenen Seinstatsachen“ ansieht, dann kann aus ihr in der Tat keine irgendwie geartete ethische Weisung hervorgehen.[4] Ein positivistischer Naturbegriff, der die Natur rein funktional versteht, so wie die Naturwissenschaft sie erkennt, kann keine Brücke zu Ethos und Recht herstellen, sondern wiederum nur funktionale Antworten hervorrufen. Das gleiche gilt aber auch für die Vernunft in einem positivistischen, weithin als allein wissenschaftlich angesehenen Verständnis. Was nicht verifizierbar oder falsifizierbar ist, gehört danach nicht in den Bereich der Vernunft im strengen Sinn. Deshalb müssen Ethos und Religion dem Raum des Subjektiven zugewiesen werden und fallen aus dem Bereich der Vernunft im strengen Sinn des Wortes heraus. Wo die alleinige Herrschaft der positivistischen Vernunft gilt – und das ist in unserem öffentlichen Bewußtsein weithin der Fall –, da sind die klassischen Erkenntnisquellen für Ethos und Recht außer Kraft gesetzt. Dies ist eine dramatische Situation, die alle angeht und über die eine öffentliche Diskussion notwendig ist, zu der dringend einzuladen eine wesentliche Absicht dieser Rede bildet.

Das positivistische Konzept von Natur und Vernunft, die positivistische Weltsicht als Ganze ist ein großartiger Teil menschlichen Erkennens und menschlichen Könnens, auf die wir keinesfalls verzichten dürfen. Aber es ist nicht selbst als Ganzes eine dem Menschsein in seiner Weite entsprechende und genügende Kultur. Wo die positivistische Vernunft sich allein als die genügende Kultur ansieht und alle anderen kulturellen Realitäten in den Status der Subkultur verbannt, da verkleinert sie den Menschen, ja sie bedroht seine Menschlichkeit. Ich sage das gerade im Hinblick auf Europa, in dem weite Kreise versuchen, nur den Positivismus als gemeinsame Kultur und als gemeinsame Grundlage für die Rechtsbildung anzuerkennen, alle übrigen Einsichten und Werte unserer Kultur in den Status einer Subkultur verweisen und damit Europa gegenüber den anderen Kulturen der Welt in einen Status der Kulturlosigkeit gerückt und zugleich extremistische und radikale Strömungen herausgefordert werden. Die sich exklusiv gebende positivistische Vernunft, die über das Funktionieren hinaus nichts wahrnehmen kann, gleicht den Betonbauten ohne Fenster, in denen wir uns Klima und Licht selber geben, beides nicht mehr aus der weiten Welt Gottes beziehen wollen. Und dabei können wir uns doch nicht verbergen, daß wir in dieser selbstgemachten Welt im stillen doch aus den Vorräten Gottes schöpfen, die wir zu unseren Produkten umgestalten. Die Fenster müssen wieder aufgerissen werden, wir müssen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen und all dies recht zu gebrauchen lernen.

Aber wie geht das? Wie finden wir in die Weite, ins Ganze? Wie kann die Vernunft wieder ihre Größe finden, ohne ins Irrationale abzugleiten? Wie kann die Natur wieder in ihrer wahren Tiefe, in ihrem Anspruch und mit ihrer Weisung erscheinen? Ich erinnere an einen Vorgang in der jüngeren politischen Geschichte, in der Hoffnung, nicht allzusehr mißverstanden zu werden und nicht zu viele einseitige Polemiken hervorzurufen. Ich würde sagen, daß das Auftreten der ökologischen Bewegung in der deutschen Politik seit den 70er Jahren zwar wohl nicht Fenster aufgerissen hat, aber ein Schrei nach frischer Luft gewesen ist und bleibt, den man nicht überhören darf und nicht beiseite schieben kann, weil man zu viel Irrationales darin findet. Jungen Menschen war bewußt geworden, daß irgend etwas in unserem Umgang mit der Natur nicht stimmt. Daß Materie nicht nur Material für unser Machen ist, sondern daß die Erde selbst ihre Würde in sich trägt und wir ihrer Weisung folgen müssen. Es ist wohl klar, daß ich hier nicht Propaganda für eine bestimmte politische Partei mache – nichts liegt mir ferner als dies. Wenn in unserem Umgang mit der Wirklichkeit etwas nicht stimmt, dann müssen wir alle ernstlich über das Ganze nachdenken und sind alle auf die Frage nach den Grundlagen unserer Kultur überhaupt verwiesen. Erlauben Sie mir, bitte, daß ich noch einen Augenblick bei diesem Punkt bleibe. Die Bedeutung der Ökologie ist inzwischen unbestritten. Wir müssen auf die Sprache der Natur hören und entsprechend antworten. Ich möchte aber nachdrücklich einen Punkt ansprechen, der nach wie vor – wie mir scheint –ausgeklammert wird: Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muß und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur achtet, sie hört und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.

Kehren wir zurück zu den Grundbegriffen Natur und Vernunft, von denen wir ausgegangen waren. Der große Theoretiker des Rechtspositivismus, Kelsen, hat im Alter von 84 Jahren – 1965 – den Dualismus von Sein und Sollen aufgegeben. (Es tröstet mich, daß man mit 84 Jahren offenbar noch etwas Vernünftiges denken kann.) Er hatte früher gesagt, daß Normen nur aus dem Willen kommen können. Die Natur könnte folglich Normen nur enthalten – so fügt er hinzu –, wenn ein Wille diese Normen in sie hineingelegt hätte. Dies wiederum – sagt er – würde einen Schöpfergott voraussetzen, dessen Wille in die Natur miteingegangen ist. „Über die Wahrheit dieses Glaubens zu diskutieren, ist völlig aussichtslos“, bemerkt er dazu.[5] Wirklich? – möchte ich fragen. Ist es wirklich sinnlos zu bedenken, ob die objektive Vernunft, die sich in der Natur zeigt, nicht eine schöpferische Vernunft, einen Creator Spiritus voraussetzt?

An dieser Stelle müßte uns das kulturelle Erbe Europas zu Hilfe kommen. Von der Überzeugung eines Schöpfergottes her ist die Idee der Menschenrechte, die Idee der Gleichheit aller Menschen vor dem Recht, die Erkenntnis der Unantastbarkeit der Menschenwürde in jedem einzelnen Menschen und das Wissen um die Verantwortung der Menschen für ihr Handeln entwickelt worden. Diese Erkenntnisse der Vernunft bilden unser kulturelles Gedächtnis. Es zu ignorieren oder als bloße Vergangenheit zu betrachten, wäre eine Amputation unserer Kultur insgesamt und würde sie ihrer Ganzheit berauben. Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden. Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identität Europas. Sie hat im Bewußtsein der Verantwortung des Menschen vor Gott und in der Anerkenntnis der unantastbaren Würde des Menschen, eines jeden Menschen, Maßstäbe des Rechts gesetzt, die zu verteidigen uns in unserer historischen Stunde aufgegeben ist.

Dem jungen König Salomon ist in der Stunde seiner Amtsübernahme eine Bitte freigestellt worden. Wie wäre es, wenn uns, den Gesetzgebern von heute, eine Bitte freigestellt würde? Was würden wir erbitten? Ich denke, auch heute könnten wir letztlich nichts anderes wünschen als ein hörendes Herz – die Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden und so wahres Recht zu setzen, der Gerechtigkeit zu dienen und dem Frieden. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

[1] De civitate Dei, IV, 4, 1.
[2] Contra Celsum GCS Orig. 428 (Koetschau); vgl. A. Fürst, Monotheismus und Monarchie. Zum Zusammenhang von Heil und Herrschaft in der Antike. In: Theol.Phil. 81 (2006) 321-338; Zitat S. 336; vgl. auch J. Ratzinger, Die Einheit der Nationen. Eine Vision der Kirchenväter (Salzburg – München 1971) 60.
[3] Vgl. W. Waldstein, Ins Herz geschrieben. Das Naturrecht als Fundament einer menschlichen Gesellschaft (Augsburg 2010) 11ff; 31-61.
[4] Waldstein, a.a.O., 15-21.
[5] Zitiert nach Waldstein, a.a.O., 19.

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Quelle

Du gabst, o HERR, mir Sein und Leben

 

Mein [POS] Tonstudio-Remix: Original (Schubert, Chor der St.Hedwig-Kathedrale Berlin)  + Solistin Ingeborg Studer (77-jährig, – † 14.7.2017, R.I.P., St. Pelagiberg, Schweiz)

Du gabst, o Herr, mir Sein und Leben, 
und deiner Lehre himmlisch Licht. 
Was kann dafür, ich Staub, dir geben? 
Nur danken kann ich, mehr doch nicht. 

Wohl mir! Du willst für deine Liebe 
ja nichts, als wieder Lieb‘ allein; 
und Liebe, dankerfüllte Liebe 
soll meines Lebens Wonne sein. 

Mich selbst, o Herr, mein Tun und Denken 
und Leid und Freude opfr‘ ich dir; 
Herr, nimm durch deines Sohnes Opfer 
dies Herzensopfer auch von mir.

 

(Die Auswahl der Bilder und die Zusammenstellung und Verarbeitung zu einem Video-Clip sind ebenfalls von mir.)

PIUS XII. / RUF AN DIE FRAU: DAS APOSTOLAT DER FRAU

V

DAS APOSTOLAT DER FRAU

Nur wenige Wochen nach dem Antritt seines Pon­tifikats hielt Pius XII. am Osterfest 1939 seine erste An­sprache an Frauen vor der Internationalen Katholischen Frauenliga, in der er über das Apostolat der Frau und ihre Arbeit im Gottes-Reich spricht. Wie stets in seinen ersten Reden knüpft der Papst seine Arbeit an die seines Vor­gängers Papst Pius‘ XI. an, den er bezeichnet als „den großen Förderer der Katholischen Aktion, auch jetzt noch ihr unsichtbarer Berater und Wegweiser“. Eine der gol­denen Regeln dieses Papstes sei es gewesen, daß jeder Apostel nicht zu den Vertretern irgendeiner abstrakten Menschheit sprechen solle, sondern zu bestimmten Grup­pen, die einheitlich durch Nation, durch Alter und Beruf zusammengefaßt werden sollten. So habe also die Arbeit der Katholischen Aktion in der Art der Ausübung sich der Verschiedenheit der Länder und Zeiten anzupassen. Pius XII. führt dann weiter aus:

„Wenn Wir Sie heute hier sehen, geht Unser Gedanke zu den edlen, vor Eifer brennenden christlichen Frauen, die seit den Tagen der Urkirche mit den Aposteln und Seelenhirten bei der Ausbreitung des Evangeliums mitgearbeitet haben, die verdienten, von der damaligen Hierarchie gelobt zu werden, und deren Namen, wie der hl. Paulus sagt, ‚eingeschrieben sind in das Buch des Lebens‘ (Phil 4, 3). Die Mitglieder Ihrer Vereinigungen setzen die glorreichen Traditionen dieser Frauen und Jungfrauen fort. Auch Ihr Wirken gereicht Ihnen zum Lob und zeigt Uns, wie weit Ihr ‚apostolisches Arbeitsfeld‘ schon reicht, das Sie noch immer weiter ausdehnen wollen.

Es gab eine Zeit, wo das apostolische Wirken der Frau sich darauf beschränken konnte, das christliche Leben in der Familie zu bewahren und lebendig zu erhalten. Das genügt nicht mehr in unseren Tagen, wo das ganze Familienleben zwangsläufig und unmittelbar dem Einfluß der sozialen Umwelt, in der es sich entfaltet, unterworfen ist. Von dieser sozialen Umgebung wird zum großen Teil die geistige Atmosphäre in der Familie abhängen und auch ihr sittliches und religiöses Leben. Darum wird sich die katholische Frau von heute ihrer sozialen Pflichten bewußt. Ihre Kongresse arbeiten, um durch gemeinsames Studium diese Aufgaben immer besser zu verstehen; Ihre Ligen bemühen sich, sie immer besser zu erfüllen. So er­klären sich die so wunderbar verschiedenartigen Formen Ihrer Bemühungen … Wie bei allen großen mensch­lichen Werken hat Gott auch in dem menschlich-gött­lichen Werk der Erlösung die Frau zur Gefährtin und Gehilfin des Mannes gemacht. Aber diese Mitarbeit der Frau bei der Ausbreitung und Verteidigung des Gottes-Reiches scheint Uns heute notwendiger denn je … Um diese Wunde [die Zerrissenheit der Menschheit] zu hei­len, gibt es nur einen wirksamen Balsam: die Rückkehr des Geistes und des menschlichen Herzens zur Erkenntnis und Liebe Gottes, des gemeinsamen Vaters, und desjenigen, den er zur Rettung der Welt gesandt hat, Jesus Christus. Um aber diesen heilenden Balsam in die offene Wunde einer durch so viele Erschütterungen gemarterten Mensch­heit zu gießen, scheinen die Hände der Frauen durch die Vorsehung besonders vorbereitet zu sein, da ihnen die feinere Empfindsamkeit und das größere Zartgefühl des Herzens gegeben sind.

Es ist nun Ihre Aufgabe, katholische Frauen und junge Mädchen, sich zu dieser großen Verwundeten zu neigen; selbst von Gott geführt und unterstützt hier aufzurichten, dort zu ermutigen. Machen Sie aus dieser herdenartigen Masse wieder eine organische Gemeinschaft, in friedvoller Abgrenzung der Tätigkeiten und Ämter, in der Achtung der Pflichten und Rechte, in harmonischer Zusammen­ordnung der festgefügten und fruchtbaren Familien .. . Ist es nötig hinzuzufügen, daß Ordnung und Friede zu­vor in Ihren Organisationen gepflegt werden müssen, ehe Sie sie in Ihrer Umgebung zur Herrschaft bringen? Was das betrifft, so gefällt es Uns ganz besonders, wie in Ihrer Internationalen Vereinigung sich die Abteilung der Frauen mit der der jungen Mädchen harmonisch zusammenfindet. Sie sind wie Blüten und Früchte, die manchmal gleich­zeitig gewisse bevorzugte Bäume schmücken. An der Seite der verdienstvollen Arbeiterinnen mit reicher Erfahrung stehen freudig die ,Lehrlinge‘, voller Bereitschaft, sich einzusetzen. Sie erbitten hierfür ‚Formung und Vorberei­tung‘ und möchten den Rat ihrer Vorgängerinnen emp­fangen, nicht wie aufgezwungenen Lehrstoff, sondern wie dargebotene Schätze. Das wirksamste Apostolat, das durch nichts zu ersetzen ist, ist das eines heiligen und frommen Lebens, das durch Beispiel und Gebet wirkt. Daher nimmt unter den verschiedenen Formen Ihrer Tätigkeit dieses Apostolat des Beispiels den ersten Platz ein . ..“1

1 Osteransprache 1939, vgl. Jussen, S. 228 ff.

Das sprach Papst Pius XII. wenige Monate, ehe der Zweite Weltkrieg ausbrach, in der Erkenntnis, daß die menschliche Gesellschaft auseinanderzufallen drohe. Seine Furcht sollte sich nur allzubald erfüllen, und so kam es, daß die erste Enzyklika, in der sich der Papst an die ganze Welt wandte, ‚Summi Pontificatus‚ vom 20. Okto­ber 1939 den Ausdruck seiner Sorgen und Befürchtungen widerspiegelt. Er spricht darin von den vielfältigen und gefährlichen Irrtümern, welche die Folge des religiösen und sittlichen Agnostizismus sind und ruft mit überzeugenden Worten zum Apostolat auf, um „im Kampf zwi­schen Christentum und Antichristentum Gnadenquellen und Kraftreserven“ zu gewinnen.

„In einem Zeitpunkt, wo zwischen Priesterzahl und Priesteraufgaben ein Mißverhältnis besteht, das dem Worte Christi von der großen Ernte und den wenigen Arbeitern (Matth 9, 37; Luk 10, 2) einen sorgenschweren Sinn gibt, bedeutet die zahlreiche und hingebende Mitarbeit der Laien am hierarchischen Apostolat eine wertvolle Hilfe für den Priester und zeigt Entfaltungsmöglichkeiten, die zu den schönsten Hoffnungen berechtigen. Das Gebet der Kirche zu dem Herrn der Ernte, er möge Arbeiter in seinen Weinberg senden (Matth 9, 38; Luk 10, 2), ist in einer Weise erhört worden, die den Forderungen der Gegenwart entspricht und die eine Ergänzung der vielfach eingeengten priesterlichen Seelsorge ermöglicht. Eine einsatzbereite Front katholischer Männer und Frauen, Jungmänner und Jungfrauen widmet, dem Ruf des obersten Hirten folgend, in Unterordnung unter die Bischöfe, diesem Apostolat die ganze Glut des Herzens und müht sich, den Massenabfall von Christus in eine Massenheimkehr zu Christus zu verwandeln … In allen Klassen, Berufsschichten und Gruppen macht diese Zusammenarbeit zwischen Priestern und Laien wertvolle Energien frei und weist ihnen Aufgaben zu, wie sie edle und treue Herzen ehrender und beglückender nicht erhoffen können.”2

2 A. A. S. vol. 31 (1939) P. 587.

Zum ersten Male hörte die gesamte Welt einen Aufruf Pius‘ XII., daß alle vom Kriegselend Betroffenen katholische Bruderliebe erfahren sollen, die „nicht ein leeres Wort ist, sondern lebendige Wirklichkeit“. Wie viele Hilfs- und Mahnrufe sollten in den nächsten Jahren noch folgen, um das Gewissen der Nationen und die Einsatzbereitschaft der einzelnen wachzurütteln!

„Ein unübersehbares Arbeitsgebiet eröffnet sich der christlichen Caritas in allen ihren Formen. Wir haben das Vertrauen zu Unseren Söhnen und Töchtern, vor allem auch in denjenigen Ländern, deren Boden noch nicht von der Geißel des Krieges heimgesucht ward, daß sie im Geiste des göttlichen Samaritans sich derer erinnern, die als Opfer des Krieges ein Recht auf Mitleid und Hilfe. haben.“3

3 A. A. S. vol. 31 (1939) p. 593.

Während Papst Pius XII. in diesem Rundschreiben die ganze Welt zur Mitarbeit aufrief, wandte er sich in den nächstfolgenden Jahren in mehreren Ansprachen an einzelne Gruppen, und zwar vornehmlich an Italiener, da es ihnen auch in den Kriegsjahren möglich war, in Rom zu Kongressen zusammenzukommen.

In einer Ansprache vom 4. September 1940 vor italienischen Mitarbeitern der Katholischen Aktion gab der Papst seiner Genugtuung Ausdruck über die vierfache Einheit innerhalb der Katholischen Aktion: „mit der kirchlichen Hierarchie; mit Gott durch die tiefe geistige Verbindung; mit den Mitgliedern untereinander, durch die Eintracht im Handeln; mit den Mitgliedern der anderen Gruppen, jedoch in Unterwerfung unter die kirchliche Führung“…

Die einzelnen Punkte führt Pius XII. dann näher aus.

„Die Mitglieder der Katholischen Aktion, die in solcher Weise vorbereitet, gebildet und vereint sind, werden sich als Apostel in die verschiedenen Wirkungsbereiche der Gesellschaft begeben, in alle Richtungen, wo auch immer Seelen für Christus zu gewinnen sind und wo auch immer ein Zufluchtsort oder ein Ort der Zusammenkunft von einzelnen oder einer Gemeinschaft ist, über die Christus, unser Herr, herrschen muß. Geht, geliebte Söhne und Töchter, zu den Bedürftigen, zu den Armen, zu den Leidenden, zu den Unglücklichen, zu den von der Welt Verlassenen; geht, um sie aufzuklären, um sie aufzurichten, um sie zu trösten, um ihnen zu helfen, um ihnen Mut einzuflößen. In ihrer Mühsal, in ihrem Kummer, in ihren Schmerzen, in ihrer Einsamkeit fühlen sie sich mit dem Bruder verbunden, der mit ihnen weint, der mit ihnen brüderlich ihr Unglück und ihr Leid mitfühlt, der ihr Freund ist in ihren Widerwärtigkeiten, der eine Hand, die sie unterstützt, der ein Wort hat, das ihre Trostlosigkeit mildert, der sie nicht auf den flüchtigen Schein der Zeit, sondern auf die unwandelbaren Güter der Ewigkeit hinweist . . . Geht mitten hinein in die Welt, vertraut auf Christus, der die Welt besiegt hat. Eure Jahre des Apostolats mögen Jahre des Gebets sein, des Beispiels der Feder und des Wortes, der Demut und der guten Werke, des Duldens und der Sanftmut, der Klugheit und der Bescheidenheit, der weisen Nächstenliebe, nachgiebig gegenüber den Fehlenden, jedoch nicht gegenüber den Fehlern, weil jede menschliche Seele nach nichts mehr und mit größerer Inbrunst verlangt als nach der Wahrheit. Dies mögen eure Regeln und euer Handeln auf dem geistigen Schauplatz sein, so möge eure vielfältige Initiative und euer Eifer sein, den die Bischöfe und das Kardinalkollegium, die von Uns eingesetzt worden sind, anerkennen, zusammenfassen und leiten mögen.“4

4 A. A. S. vol. 32 (1940) p. 369 s.

Am 22. Jänner 1947 empfing Pius XII. die italienischen Frauen der „Renovatio Christiana“ (Christliche Wiedergeburt) in Audienz und sprach zu ihnen über die Aufgaben des Apostolats. Im Jahre 1943 hatten Damen des römischen Adels diese Bewegung der „Renovatio Christiana“ gegründet, die dem modernen Heidentum Kampf ansagte und in der Einstellung der Katholischen Aktion sich der echten christlichen Nächstenliebe widmete. Die kleine Gruppe von geistig und religiös tief gebildeten Damen stellt an sich selbst hohe Anforderungen und versucht durch „Liebe und Dienen“ Einfluß auf die religiöse Vertiefung ihrer Umwelt zu erlangen. Die Ansprache zeigt ganz besonders lehrreich, wie der Papst sich ein wirksames Apostolat gebildeter Frauen erhofft; die Rede soll daher nahezu vollständig wiedergegeben werden.

„Heute bedarf es der Größe eines in seiner Fülle und unerschütterlichen Beharrlichkeit gelebten Christentums; es bedarf der mutigen und tüchtigen Schar derer, die, seien es nun Männer oder Frauen, mitten in der Welt leben, aber jeden Augenblick bereit sind, für ihren Glauben, für das Gesetz Gottes, für Christus zu kämpfen. Ihre Augen müssen sich fest auf ihn als das Vorbild richten, das sie nachahmen, als den Führer, dem sie in ihrer Arbeit und ihrem Apostolat folgen wollen. Diese Norm habt ihr, geliebte Töchter, euch gesetzt.

Vor allem anderen wollt ihr Seelen von vollem und uneingeschränktem katholischem Glauben sein. Es ist dem Christentum kürzlich auch der Rat gegeben worden, wenn es noch eine gewisse Bedeutung behalten, wenn es den toten Punkt überwinden wolle, sich dem modernen Leben und Denken, den wissenschaftlichen Entdeckungen und der außerordentlichen Macht der Technik anzupassen, denen gegenüber seine geschichtlichen Formen und seine alten Dogmen nur noch der Nachglanz einer fast erlosche­nen Vergangenheit seien. Welch ein Irrtum und wie sehr enthüllte er die eitle Selbsttäuschung oberflächlicher Geister! Sie wollen die Kirche in den engen Rahmen rein menschlicher Organisationen wie in ein Prokrustesbett pressen. Als ob die neue Auffassung von der Welt, der gegenwärtige Bereich der Wissenschaft und der Technik, das ganze Feld beherrschte und keinen freien Raum mehr übrig ließe für das übernatürliche Leben, das nach allen Seiten darüber hinausgeht! Sie ist nicht imstande, es zu vernichten oder zu absorbieren: vielmehr bezeugen die wunderbaren wissenschaftlichen Entdeckungen (die die Kirche fördert und begünstigt) nur noch kraftvoller und wirksamer als früher die ,ewige Macht Gottes‘ (Röm 1, 20). Aber das moderne Denken und Leben müssen zu Christus zurückgeführt und wiedererobert werden. Christus, seine Wahrheit, seine Gnade sind der Menschheit unserer Zeit nicht weniger notwendig als derjenigen von gestern und vorgestern und aller vergangenen und zukünftigen Jahr­hunderte. Die einzige Quelle des Heils ist der katholische Glaube; aber nicht ein verstümmelter, blutloser, versüßlichter Glaube, sondern ein Glaube in seiner ganzen Fülle, Reinheit und Kraft. Gewiß können manche Leute diesen Glauben für eine ‚Torheit‘ halten; das ist nichts Neues; es war schon zur Zeit des Apostels Paulus so. Für euch dagegen ist er ,Kraft Gottes‘ (1 Kor 1, 18), und es drängt euch dazu, ihn eurem Jahrhundert mitzuteilen in demselben Glauben an den Sieg, der die Herzen der ersten Christen erfüllte. Wir loben eure Absichten. Möge der Herr sie durch die Fülle seines Segens fruchtbar machen. Mit der Unerschütterlichkeit des Glaubens vereint ihr den Mut, die Beobachtung der Gebote Gottes und des ganzen Gesetzes Christi und seiner Kirche ernst zu nehmen. In der Tat ist das kein geringes Verdienst, zumal unter den gegenwärtigen Umständen. Wenn man die Verhältnisse, unter denen ihr lebt, die modernen Ideen und Lebensgewohnheiten, die moderne Welt mit ihrem Elend und Unglück, doch auch mit ihrer Verführung und ihrem fast diabolischen Zauber, dem tyrannischen Druck von Organisationen mit einer ungeheuerlichen Macht ernstlich ins Auge faßt, so muß man zugeben, daß es, um immer und überall ohne Rückhalt und ohne Kompromiß den Geboten Gottes treu zu bleiben, tatsächlich einer Selbstbeherrschung, einer unausgesetzten Anstrengung, einer Selbstüberwindung bedarf, die sich oft bis zu jenem Heldentum steigert, dessen charakteristischestes Zeichen das Blutzeugnis ist. Wir haben gesagt: ohne Rücksicht und ohne Kompromiß; denn wer könnte behaupten, daß eine Seele treu Gott dient, wenn sie bei der Erfüllung der christlichen Praxis einen offenkundig weltlichen Sinn verrät, wenn sie ihre Gedanken der Selbstsucht, der Eitelkeit, der Sinnlichkeit mit in die Kirche bringt; wenn sie glaubt, sie könne ein oberflächliches und profanes Leben rechtfertigen und heiligen, indem sie ein paar Übungen einer völlig oberflächlichen Frömmigkeit einschiebt, wenn es nicht sogar kindische und abergläubische Andachtsübungen sind. Mit Recht fragt ihr darum gerade heraus: Gilt das Wort Christi: ,Wenn einer mir nachfolgen will, dann verleugne er sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach‘ (Luk 9, 23) auch heute noch ebenso wie früher? Ja? Dann muß es für uns zur Lebensregel werden. Und ist der Mensch, die Frau ebensowohl wie der Mann, in seiner Lebensführung, sowohl in privater Hinsicht wie in sozialen Beziehungen, vielleicht frei, sich selber willkürlich und nach eigenem Gutdünken zu regieren? Oder muß er vielleicht in jedem Bereich anerkennen, daß es Fragen gibt, deren Lösung immer von den unveränderlichen Geboten Gottes abhängt? In diesem Falle weg mit allem Kleinmut, aller unnützen Furcht! Wenn Gott befiehlt, versäumt er nie mit der Vorschrift zugleich auch die Hilfe zu verleihen, sie zu erfüllen. Daher euer Entschluß: den Weg des Herrn zu bereiten, seinem Willen einen geraden Pfad; vor allem in eurem eigenen Leben, dann aber auch in dem des Nächsten. Wir segnen eure Absicht! Gott möge sie mit dem himmlischen Tau seiner Gnaden beleben!

Doch die Festigkeit des Glaubens, der Mut des Handelns genügen euren Wünschen noch nicht; vielmehr soll sich in eurem Herzen eine leuchtende und glühende Flamme des Eifers entzünden. Da ihr entschlossen seid, in eurem Leben als junge Mädchen, als Ehefrauen, als Mütter das heilige Gesetz Gottes in seinem ganzen Umfange zu verwirklichen, sollt ihr daran mitarbeiten, in dem Bereich und unter den Umständen, die die Vorsehung euch bereitet und in die sie jede einzelne von euch gestellt hat, die Seelen zu dem einzigen Herrn und Meister zurückzuführen, ihnen in der Unterwerfung unter den göttlichen Willen, in der Aufnahmebereitschaft für die unfehlbare Lehre, in der Heiligung durch die Gnade die einzige wahre Freiheit zu bringen, die sie von der erniedrigenden Knechtschaft des Irrtums und des Bösen befreit. Das ist der Sinn des ganzen Erlösungswerkes und jedes Apostolat, in welcher Form es auch ausgeübt wird, ist nur eine Teilnahme am Erlösungswerk Christi…

Bei eurem Apostolat befolgt ihr die Worte des göttlichen Meisters: ,Das Reich Gottes kommt nicht so, daß es die Blicke auf sich zieht‘ (Luk 17, 20); ihr wollt nicht durch Zurschaustellung öffentlicher Kundgebungen wirken; überhaupt soll im allgemeinen alles, was die Organisation anbetrifft, bei euch im Schatten bleiben und sich auf das Allernotwendigste beschränken. Wir haben zu Beginn von euch als von einer Sturmtruppe gesprochen, aber eure Gegenoffensive wird nicht mit Lärm und Aufregung vorbereitet und ausgeführt, sondern in Ruhe und Sammlung, im stillen Gebet, durch Beispiel, durch das nachdrückliche Bekenntnis eurer festen Überzeugungen und der christlichen Grundsätze im Kreise von Personen, die anders denken und handeln, durch eine langsame, ständig fortschreitende Einwirkung auf diese, um sie ganz allmählich zu Christus zurückzuführen. Zweifellos kann kein Werk, was es auch sei, ohne ein Minimum von Organisation Festigkeit und Dauer haben. Immerhin bleibt diese, so unerläßlich sie auch ist, doch immer nur ein Mittel des Apostolates, und nichts weiter. Ebenso haben öffentliche Kundgebungen ihren Wert, ja in gewissen Fällen können sie notwendig sein, zumal da, wo sich der Gegner ihrer mit einem großen Apparat zu Propagandazwecken bedient. Doch um das Ziel zu erreichen, das sich eure Bewegung gesetzt hat, habt ihr die schlichte Methode der Arbeit gewählt; der Weg, den ihr eingeschlagen habt, ist sicher, und ihr könnt ihn mit Vertrauen weiter beschreiten. Die Bescheidenheit, die Unaufdringlichkeit, mit der ihr euren Eifer betätigt, sind keineswegs mit Passivität oder ermüdender Eintönigkeit gleichzusetzen. Im Gegenteil! Jede von euch, die sich dem gemeinsamen Werk einordnet, muß sich doch mit ihrem eigenen Charakter, mit ihrem eigenen Temperament, ihren Gaben, ihren persönlichen Mitteln einsetzen. Gerade das Zusammentreffen dieser so verschiedenen Eigenschaften gibt eurer freundschaftlichen Zusammenarbeit ihre Harmonie und ihre besonderen Merkmale. Ihr alle könnt und sollt das Apostolat eines vorbildlichen Lebens, des Gebets und des Opfers zur Geltung bringen. Aber gerade hier bleibt jenseits dessen, was für jeden Gläubigen streng ver­pflichtend ist, ein weites Gebiet, in dem die physischen Möglichkeiten, die bei jeder einzelnen ganz verschieden sind, und die Großmut des Herzens, mit der ihr — immer ein gesundes Urteil und die gute Absicht vorausgesetzt ­dem Antrieb der Gnade antwortet, das richtige und ange­messene Maß eures Handelns bestimmen müssen.

Diese Verschiedenheiten im Maß und in der Form des Mutes finden ihre Anwendung sowohl auf materiellem wie auf geistigem Gebiet. Denen von euch, denen die wirtschaftlichen Verhältnisse oder andere günstige Um­stände oder eine besondere Freigiebigkeit es erlauben, das Apostolat der Liebe gegenüber dem Notleidenden aus­zuüben, sagen Wir mit dem hl. Paulus ,Laßt euch nicht besiegen durch das Böse, sondern besiegt das Böse durch das Gute‘ (Röm 12, 21). Dem Geist der Verleumdung, des niedrigen Klatsches, des Neides, des Hasses, der Grausamkeit, der Unterdrückung sollt ihr unermüdlich Güte und Liebe entgegensetzen, die Liebe des Herzens und des Wortes, die Liebe der Werke eurer Hände … Wir müssen noch das Apostolat im genauen Wortsinn betrachten, das Apostolat der persönlichen, unmittelbaren Einwirkung auf den Nächsten, um ihn für Christus zu gewinnen. Das ist nicht etwas, was jedem liegt. Dazu gehören besondere Eigenschaften, eine Vorbereitung, eine Ausbildung, die nur das Privileg einer Elite sein können. Doch auch dann ist die Befähigung zu einem solchen religiösen Apostolat je nach der Person sehr verschieden. Bemüht euch also, euch selber zu erkennen, um, jede nach ihrer Art, Bote Gottes zu werden. Aber welches auch die Art und Weise und sozusagen der persönliche Zug jeder einzelnen sein wird, das beherrschende Merkmal, das ihr euch allen aufdrücken müßt, ist jene geistige Größe, die der Märtyrer Ignatius so herrlich gepriesen hat.“5

5 ,In den Zeiten, in denen es Gegenstand des Hasses der Welt ist, bedarf das Christentum nicht überzeugender Worte, sondern der Größe.‘ (ad Romanos 3, 3) — Dieser Satz stand zu Beginn der Ansprache. — A. A. S. vol. 39 (1947) p. 58-63. — Hd. I, 358 ff.

Noch im gleichen Jahr empfing Papst Pius XII. am 12. September 1947 die Delegierten von 60 verschiedenen Ländern, die zum Kongreß des Internationalen Verbandes der katholischen Frauenvereine nach Rom gekommen waren. In der Audienz sprach der Papst über die Aufgaben der katholischen Frauen. Da er zum Teil auf die Mitarbeit im sozialen und politischen Leben zu sprechen kommt und auf seine große Ansprache vom 21. Oktober 1945 zurückgreift, die diesem Aufgabenkreis gewidmet ist, soll sie anschließend an diese Rede erst im folgenden Kapitel angeführt werden.

Das Jahr 1951 brachte zwei bedeutsame Reden des Papstes zur Katholischen Aktion. Am 3. April sprach er zu den Teilnehmern der Generalversammlung der italienischen Katholischen Aktion und am 14. Oktober zu den Delegierten des ersten Weltkongresses des Laienapostolats. In der ersten Ansprache legte Pius XII. in sechs Punkten ausführlich dar, was er unter Katholischer Aktion versteht.

„1. … Demgegenüber könnte man sich keine Gruppe der Katholischen Aktion vorstellen, in die Mitglieder aufgenommen würden, die nicht in vollem Sinne aktiv wären. Die Mitgliedskarte erwerben, Vorträge und Diskussionen anhören, eine Zeitung beziehen, vielleicht ohne sie überhaupt zu lesen, könnte das genügen, um sich ein echtes Glied der Katholischen Aktion zu nennen? Wäre das kein Widerspruch zwischen dem Namen und der Sache? Würde ein kleiner Kern aktiver Mitglieder, dem bei den großen öffentlichen Kundgebungen eine amorphe Masse von Anhängern als Gefolge und Chor zur Seite träte, den Namen Katholische Aktion verdienen?

2. … Doch damit diese Leitung für eure weiblichen Vereine wirklich heilig und fruchtbar sei, überlassen die Priester mit feinfühliger Zurückhaltung den Leiterinnen oder der Sorge und den Händen frommer und kluger Frauen alles, was diese selber, manchmal sogar besser, tun können, und sie selbst beschränken ihre Tätigkeit auf die eigentliche priesterliche Aufgabe… Vor allem ein Wort über den Begriff des Apostolats. Es besteht nicht nur in der Verkündigung der frohen Botschaft, sondern auch darin, die Menschen zu den Quellen des Heiles zu führen, wenn auch in voller Achtung ihrer Freiheit, sie zu bekehren und die Getauften mit glühendem Eifer dazu zu erziehen, daß sie vollkommene Christen werden. Es wäre übrigens irrig, in der Katholischen Aktion — wie es kürzlich von einigen geschehen ist — eine wesentlich neue Sache, eine Veränderung in der Struktur der Kirche, ein neues Apostolat der Laien zu sehen, das neben dem des Priesters stünde und nicht diesem untergeordnet wäre. Es hat in der Kirche immer Zusammenarbeit der Laien mit dem Apostolat der Hierarchie, in Unterordnung unter den Bischof und diejenigen gegeben, denen der Bischof die Verantwortung für die Seelsorge unter seiner Autorität übertragen hat. Die Katholische Aktion hat dieser Mitarbeit nur eine neue Form und akzidentelle Organisation geben wollen, um ihre Ausübung zu verbessern und zu stärken.

Wenn die Katholische Aktion auch ursprünglich, wie die Kirche selbst, nach Diözesen und Pfarren organisiert ist, so hindert das nicht ihre Fortentwicklung über die engen Grenzen der Pfarre hinaus. Man muß vielmehr zugeben, daß trotz der ganzen Bedeutung der Werte und der grund-legenden und unersetzlichen Kräfte der Pfarre die schnell-wachsende Verflochtenheit des modernen Lebens dringend einen weiteren Ausbau der Katholischen Aktion fordern kann. Aber auch dann bleibt diese immer ein Apostolat von Laien, das dem Bischof und seinen Delegierten unterstellt ist.

3. Die Tätigkeit der Katholischen Aktion erstreckt sich auf das gesamte religiöse und soziale Gebiet, das heißt so weit, wie eben die Mission und das Werk der Kirche reicht. Nun ist es bekannt, daß das normale Wachstum des religiösen Lebens ein bestimmtes Maß von gesunden, wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen voraussetzt. Wem zöge sich nicht das Herz zusammen, wenn er sieht, wie wirtschaftliches Elend und soziale übel das christliche Leben gemäß den Geboten Gottes erschweren und nur zu oft heroische Opfer verlangen? Aber daraus darf man nicht schließen, daß die Kirche dazu übergehen müßte, ihre religiöse Sendung zurückzustellen und in erster Linie auf die Heilung des sozialen Elends hinzuwirken. Wenn die Kirche immer darauf bedacht gewesen ist, die Gerechtigkeit zu verteidigen und zu fordern, so hat sie doch seit der Zeit der Apostel auch angesichts der ärgsten sozialen Mißstände ihre eigene Mission erfüllt und versucht, durch die Heilung der Seelen und die Umwandlung der inneren Triebe auch die Heilung der sozialen Übel und Schäden einzuleiten; denn sie ist überzeugt, daß die religiösen Kräfte und die christlichen Prinzipien mehr als alle anderen Mittel dazu geeignet sind, die Heilung zu bewirken.

4. …Die äußere wohldisziplinierte Organisation der Katholischen Aktion schließt den persönlichen Scharfblick und den Geist der Voraussicht und der Initiative der einzelnen nicht aus, sondern fördert ihn vielmehr im ständigen Kontakt mit den Gliedern der Katholischen Aktion des gleichen Ortes, des gleichen Kreises, je nach der besonderen Eignung eines jeden. Jeder hält sich aufrichtig zur Verfügung, sobald irgendwie Bedarf für einen Einsatz oder eine katholische Unternehmung vorliegt. Jeder bringt mit seiner Begeisterung und seiner Hingabe in selbstloser Weise den anderen Vereinen und Einrichtungen, die seine Mitwirkung wünschen können, um ihr Ziel sicherer und vollkommener zu erreichen, Hilfe. Mit anderen Worten, mit dem wahren Begriff der Katholischen Aktion würde sich die Mentalität von Mitgliedern, die sich als die trägen Räder einer riesigen Maschine betrachten, die unfähig wären, sich selber zu bewegen, wenn die Zentralkraft sie nicht in Bewegung setzt, nicht ver­tragen. Ebenso wäre es unzulässig, wenn man die Führer der Katholischen Aktion in der Rolle von Leuten sähe, die eine elektrische Zentrale bedienen und die vor dem Schaltbrett nur darauf bedacht sind, in dem weiten Netz den Strom durchzuschicken oder zu unterbrechen, zu regulieren oder zu lenken.

Vor allem müssen sie einen persönlichen sittlichen Einfluß ausüben, der die normale Folge der Achtung und Sympathie sein wird, die sie sich zu erwerben wissen, und die ihren Anregungen, Ratschlägen, der Autorität ihrer Er­fahrung Kredit verschaffen wird, sobald es sich darum handelt, die aktionsfähigen katholischen Kräfte in Bewegung zu setzen.

5. Wir brauchen euch nicht darüber zu belehren, daß die Katholische Aktion nicht dazu berufen ist, eine Kraft im Bereich der Parteipolitik zu sein. Die katholischen Bürger können sich als solche sehr wohl an einer Vereinigung zu politischer Aktivität zusammenschließen; das ist ihr gutes Recht, ebenso als Christen wie als Bürger. Die Anwesenheit und Teilnahme von Gliedern der Katholischen Aktion in ihren Reihen — in dem oben angeführten Sinne und diesen Grenzen — ist berechtigt und kann sogar durchaus wünschenswert sein . . .

6. Ebensowenig hat die Katholische Aktion ihrem Wesen nach die Aufgabe, an der Spitze der anderen Vereine zu stehen und über diese eine Art autoritären Patronats aus­zuüben. Die Tatsache, daß sie der unmittelbaren Leitung der kirchlichen Hierarchie unterstellt ist, führt zu keiner derartigen Folgerung. Tatsächlich ist das Ziel jeder Organi­sation das, welches die Art ihrer Leitung festlegt. Und es kann geschehen, daß dieses Ziel eine solche unmittel­bare Leitung nicht erfordert, ja nicht einmal günstig erscheinen läßt. Darum hören jedoch diese Organisationen nicht auf, katholisch und mit der Hierarchie vereint zu sein. Im Vergleich zu ihnen liegt der besondere Sinn der Katholischen Aktion, wie Wir gesagt haben, eben in der Tatsache, daß sie gleichsam der Treffpunkt jener aktiven Katholiken ist, die immer bereit sind, mit dem Apostolat der Kirche mitzuarbeiten, einem Apostolat, das durch göttliche Einrichtung hierarchisch ist und das in den Getauften und Gefirmten die ihm auf übernatürliche Weise verbundenen Mitarbeiter findet. Daraus ergibt sich eine Folgerung, die zu gleicher Zeit eine väterliche Ermahnung nicht nur für die Katholische Aktion eines bestimmten Landes, sondern für die Katholische Aktion jedes Landes und jeder Zeit ist. Ihr Aufbau nämlich wird sich in den verschiedenen Gegenden den besonderen Verhältnissen des Ortes anpassen müssen; doch in einem Punkt müssen alle ihre Glieder gleich sein: im ,sentire cum Ecclesia‘, in der Hingabe an die Sache der Kirche, im Gehorsam gegenüber denen, die der Heilige Geist als Bischöfe eingesetzt hat, um die Kirche Gottes zu lenken, in der kindlichen Unterwerfung unter den obersten Hirten, dessen Sorge Christus seine Kirche anvertraut hat. Und wie könnte es auch anders sein, da ja ihr, Glieder der Katholischen Aktion, sozusagen eins seid mit dem Bischof und dem Papst? In diesem Sinne erteilen Wir euch, geliebte Söhne und Töchter, aus der Fülle Unseres Herzens Unseren Apostolischen Segen.“6

6 Stellen aus A. A. S. vol. 43, 1 (1951) p. 375 ss. — Hd. V, 400 ff.

Seit 1949 wurden die Vorbereitungen zum ersten „Weltkongreß des Laienapostolats“ getroffen, der im „Heiligen Jahr“ in Rom stattfinden sollte, aber zweimal verschoben werden mußte und schließlich erst vom 7.-14. Oktober 1951 tagte. Der Kongreß wollte international gültige Richtlinien erarbeiten über die dogmatischen, moralischen und asketischen Grundsätze des Laienapostolats, für die verschiedenen Formen seiner Organisationen und die Reichweite seiner Betätigung. 1200 Delegierte aus 74 Nationen und 38 internationalen katholischen Organisationen kamen in Rom zu dem kirchengeschichtlich erstmaligen, bedeutsamen Ereignis zusammen. Unter den Rednern befanden sich zwei Kardinäle, sechs Bischöfe und eine Reihe bekannter Laien. Den Höhepunkt der Tagung aber bildete die Audienz der Teilnehmer beim Papst, bei der Pius XII. in französischer Sprache eine richtunggebende und eindringliche Ansprache „über das Laienapostolat, seinen Platz und seine Rolle in der Gegenwart“ hielt.

„Welcher Trost und welche Freude überströmt Unser Herz beim Anblick eurer imposanten Versammlung, in der Wir euch unter Unseren Augen versammelt sehen, ehrwürdige Brüder im Episkopat, und auch euch, liebe Söhne und Töchter, die ihr von allen Erdteilen und allen Gegenden zum Mittelpunkt der Kirche herbeigeeilt seid, um hier den Weltkongreß über das Laienapostolat abzuhalten. Ihr habt Wesen und Ziel dieses Apostolats untersucht, ihr habt seinen gegenwärtigen Stand betrachtet, und ihr habt über die wichtigsten Pflichten nachgedacht, die es voraussichtlich in der Zukunft zu erfüllen hat. Es sind für euch Tage inständigen Gebetes, ernsthafter Gewissenserforschung und eines Austausches von Ansichten und Erfahrungen gewesen. Zum Abschluß seid ihr gekommen, um dem Stellvertreter Christi euren Glauben, eure Hingabe, eure Treue erneut zu beteuern und ihn zu bitten, eure Entschließungen und eure Tätigkeit durch seinen Segen zu befruchten.

Sehr oft haben Wir im Laufe Unseres Pontifikates bei den verschiedensten Umständen und unter den verschiedensten Aspekten über dieses Laienapostolat gesprochen: in Unseren Botschaften an alle Gläubigen oder in Unseren Ansprachen an die Katholische Aktion, an die Marianischen Kongregationen, an die Arbeiter und Arbeiterinnen, an die Lehrer und Lehrerinnen, an die Ärzte und Juristen ebenso wie an reine Frauenorganisationen, um sie an ihre Pflichten auch im öffentlichen Leben zu erinnern, und noch an viele andere Gruppen. Es waren für Uns ebenso viele Gelegenheiten, beiläufig oder ausdrücklich die Fragen zu behandeln, die in dieser Woche ihren ganz bestimmten Ort in eurer Tagesordnung gefunden haben.

Diesmal wollen Wir in Gegenwart einer so zahlreichen Elite von Priestern und Gläubigen, die alle ein sehr berechtigtes Bewußtsein ihrer Verantwortung im oder gegenüber diesem Apostolat haben, ihm im Licht der vergangenen Geschichte der Kirche mit einem ganz kurzen Wort seinen Platz und seine Rolle in der Gegenwart anweisen. Es hat niemals in dieser Geschichte gefehlt; es wäre interessant und lehrreich, seine Entwicklung im Laufe der vergangenen Zeiten zu verfolgen. Man pflegt gern zu sagen, daß die Kirche in den letzten vier Jahrhunderten ausschließlich ‚klerikal‘ gewesen ist aus Reaktion gegen die Krise, die im 16. Jahrhundert den Anspruch erhob, die Hierarchie einfach abzuschaffen. Darüber hinaus gibt man zu verstehen, daß es Zeit für sie sei, ihren Rahmen zu erweitern.

Ein solches Urteil ist weit von der Wirklichkeit entfernt; gerade mit dem Konzil von Trient hat vielmehr das Laientum seine Stellung eingenommen und in der apostolischen Tätigkeit Fortschritte gemacht. Das läßt sich leicht feststellen; man braucht sich nur an zwei historische Tatsachen zu erinnern, die unter vielen anderen hervorleuchten: an die Marianischen Männerkongregationen, die das Laienapostolat auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens aktiv ausüben, und an die fortschreitende Einführung der Frau in das moderne Apostolat. Man braucht nur an zwei große Gestalten der katholischen Geschichte zu erinnern: an Mary Ward, diese unvergleichliche Frau, die das katholische England in seinen dunkelsten und blutigsten Stunden der Kirche geschenkt hat, und an den heiligen Vinzenz von Paul, der unbestreitbar der erste unter den Gründern und Förderern der Werke der katholischen Caritas gewesen ist .. .

Bei dieser feierlichen Gelegenheit ist es Uns eine sehr teure Pflicht, ein Wort der Dankbarkeit an alle jene, Priester und Gläubigen, Männer und Frauen, zu richten, die sich diesen Bewegungen angeschlossen haben für die Sache Gottes und der Kirche, und deren Namen es verdienen, überall mit Ehren genannt zu werden. Sie haben sich abgemüht und gekämpft, indem sie nach Kräften ihre zerstreuten Kräfte vereinigt haben. Die Zeiten waren noch nicht reif für einen Kongreß wie den soeben abgehaltenen. Wie sind sie nun im Laufe dieses halben Jahrhunderts zur Reife gelangt? Ihr wißt es! In immer schnellerem Rhythmus hat sich die Kluft verbreitert und vertieft, die seit langem die Geister und die Herzen in zwei Parteien teilt, für oder gegen Gott, die Kirche, die Religion. Sie hat, wenn auch nicht überall mit derselben Klarheit, eine Grenze mitten durch die Völker und Familien hindurchgezogen. Gewiß, es gibt eine ganze verworrene Schar von Lauen, Unentschlossenen und Schwankenden, für die die Religion vielleicht noch etwas bedeutet, aber etwas sehr Unbestimmtes, ohne Einfluß auf ihr Leben. Diese gestaltlose Masse kann — die Erfahrung hat es gezeigt — eines schönen Tages unversehens vor der Notwendigkeit stehen, eine Entscheidung zu treffen. Die Kirche hat nun gegenüber all diesen eine dreifache Sendung zu erfüllen: die eifrigen Gläubigen auf das Niveau der Anforderungen der gegenwärtigen Zeit emporzuheben; diejenigen, die auf der Schwelle zögern, in das warme und heilsame Innere des Hauses hineinzuführen; diejenigen zurückzuführen, die der Religion fernstehen und die sie doch nicht ihrem elenden Los überlassen kann. Eine schöne Aufgabe für die Kirche, die ihr aber dadurch sehr erschwert wird, daß sie zwar im ganzen stark angewachsen ist, ihr Klerus jedoch nicht in der gleichen Weise zugenommen hat. Nun muß sich der Klerus aber vor allem für die Ausübung seines eigentlichen priesterlichen Amtes aufsparen, bei dem niemand ihn ersetzen kann.

Ein Beitrag der Laien zum Apostolat ist also eine unerläßliche Notwendigkeit. Daß er einen kostbaren Wert darstellt, haben die Erfahrung der Waffenbrüderschaft oder der Gefangenschaft oder andere Prüfungen des Krieges bezeugt. Diese Erfahrung beweist vor allem für das religiöse Gebiet den tiefen und nachhaltigen Einfluß der Berufs- und Lebenskameraden. Diese und viele andere Faktoren, die mit bestimmten örtlichen oder personalen Umständen zusammenhängen, haben die Tore für die Mitarbeit der Laien im Apostolat der Kirche weit geöffnet. Die Fülle der Anregungen und Erfahrungen, die im Laufe eures Kongresses ausgetauscht worden sind, und ebenso das, was Wir schon bei den vorhin erwähnten Gelegenheiten gesagt haben, enthebt Uns der Mühe, ausführlicher auf die Einzelheiten des gegenwärtigen Laienapostolats einzugehen. Wir wollen Uns daher darauf beschränken, euch einige Betrachtungen vorzulegen, die etwas mehr Licht auf das eine oder andere Problem, das sich stellt, werfen könnten.

1. Alle Gläubigen, ohne Ausnahme, sind Glieder des mystischen Leibes Jesu Christi. Daraus folgt, daß das Naturgesetz und mehr noch das Gesetz Christi es ihnen zur Pflicht machen, das gute Beispiel eines wahrhaft christlichen Lebens zu geben: ,Wir sind vor Gott Christi Wohlgeruch unter denen, die gerettet sind, und unter denen, die verlorengehen‘ ( 2 Kor 2, 15 ). Alle sind auch, und heute mehr denn je, dazu verpflichtet, beim Gebet und Opfer nicht nur an ihre privaten Nöte zu denken, sondern auch an die großen Ziele des Reiches Gottes in der Welt gemäß dem Geist des Vaterunsers, das Jesus Christus selbst uns gelehrt hat.

Kann man behaupten, daß alle gleicherweise zum Apostolat im strengsten Sinn dieses Wortes berufen sind? Gott hat weder allen die Möglichkeit noch die Eignung dafür gegeben. Man kann nicht verlangen, daß die Gattin, die Mutter, die ihre Kinder christlich erzieht und die außerdem noch Heimarbeit übernehmen muß, um ihrem Mann zu helfen, die Seinen zu ernähren, sich mit den Werken des Apostolats belädt. Die Berufung zum Apostolat richtet sich also nicht an alle. Gewiß ist es nicht leicht, genau die Trennungslinie zu ziehen, von der an das Laienapostolat im eigentlichen Sinn beginnt. Gehört z. B. dazu die Erziehung, die die Familienmutter oder Lehrer und Lehrerin in der Ausübung ihres pädagogischen Berufes mit heiligem Eifer erteilen? Oder die Haltung des angesehenen und sich zum katholischen Glauben bekennenden Arztes, dessen Gewissen niemals schwankt, wenn es sich um das natürliche und göttliche Gesetz handelt, und der mit all seinen Kräften um die christliche Würde der Ehegatten, die heiligen Rechte ihrer Nachkommenschaft kämpft? Oder der Einsatz eines katholischen Staatsmannes für eine großzügige Wohnungspolitik zu Gunsten der Minderbemittelten? Viele werden dazu neigen, dies zu verneinen, da sie in alledem nur die einfache Erfüllung der Standespflicht sehen, die zwar sehr lobenswert, aber doch nur pflichtgemäß ist.

Wir kennen jedoch den mächtigen und unersetzlichen Wert dieser einfachen Erfüllung der Standespflicht durch Millionen und aber Millionen gewissenhafter und vorbildlicher Gläubigen für das Heil der Seelen. Das Laienapostolat im eigentlichen Sinn ist zweifellos zum großen Teil in der Katholischen Aktion und anderen Institutionen apostolischer Tätigkeit, die von der Kirche approbiert sind, organisiert; aber neben diesen kann es Laienapostel, Männer und Frauen, geben und gibt es solche, die das Gute, das getan werden muß, die Möglichkeiten und Mittel, es zu tun, sehen und es dann auch tun, und zwar in der ausschließlichen Sorge darum, Seelen für die Wahrheit und Gnade zu gewinnen. Wir denken auch an alle die hervorragenden Laien, die in den Gebieten, in denen die Kirche wie in den ersten Jahrhunderten des Christentums verfolgt wird, nach besten Kräften die eingekerkerten Priester ersetzen und selbst unter Lebensgefahr in ihrem Umkreis die christliche Lehre verkünden, im religiösen Leben und in der rechten Art, auf katholische Weise zu denken, unterweisen, zum Besuch der Sakramente und zur Praxis der Andachtsübungen, besonders der Verehrung der allerheiligsten Eucharistie anleiten. Alle diese Laien seht ihr an der Arbeit; macht euch keine Sorge darum, welcher Organisation sie angehören; bewundert sie vielmehr und seid von ganzem Herzen dankbar für das Gute, das sie tun.

Es liegt Uns fern, die Organisation zu verachten oder ihren Wert als apostolischen Faktor zu unterschätzen; Wir schätzen sie im Gegenteil sehr hoch ein, zumal in einer Welt, in der die Gegner der Kirche sich mit den Massen ihrer Organisationen auf diese stürzen. Aber die Organisation darf nicht zu engherziger Ausschließlichkeit führen, zu etwas, was der Apostel ,der Freiheit auflauern‘ nannte (Gal 2, 4). Laßt im Rahmen eurer Organisation jedem möglichst viel Raum, um seine Fähigkeiten und persönlichen Gaben in allem, was dem Wohl und der Erbauung dienen kann, zu entfalten: ,zum Wohl und zur Erbauung‘ (Röm 15, 2), und freut euch, daß ihr außerhalb eurer Reihen andere seht, die ,vom Geiste geführt‘ (Gal 5, 18) eure Brüder für Christus gewinnen.

2. Klerus und Laien im Apostolat. Es versteht sich von selbst, daß das Laienapostolat der kirchlichen Hierarchie untergeordnet ist; diese ist die göttliche Einrichtung; das Laienapostolat kann also nicht unabhängig von ihr sein. Anders denken hieße die Mauer an der Basis untergraben, auf der Christus selbst seine Kirche gebaut hat. Dies vorausgesetzt, wäre es immer noch irrig zu glauben, im Bereich der Diözese entwickle sich die traditionelle Struktur der Kirche oder ihre gegenwärtige Form, das Laienapostolat, wesensgemäß parallel zum hierarchischen Apostolat, so daß selbst der Bischof das pfarrliche Laienapostolat nicht dem Pfarrer unterstellen könnte. Er kann es; und er kann sogar zur Regel erheben, daß die Werke des Laienapostolats, die für die Pfarre selbst bestimmt sind, der Autorität des Pfarrers unterstellt werden. Der Bischof hat diesen zum Hirten der ganzen Pfarre eingesetzt, und er ist als solcher für das Heil aller seiner Schafe verantwortlich.

Daß es andererseits Werke des Laienapostolats geben kann, die außerpfarrlich und selbst außerdiözesan — Wir möchten lieber sagen überpfarrlich und überdiözesan — ­sind, wenn es das gemeinsame Wohl der Kirche erfordert, ist ebenso wahr, und es ist überflüssig, es zu wiederholen. . . . Wenn Wir den Laienapostel oder genauer den Gläu­bigen der Katholischen Aktion nach dem heute geläufigen Ausdruck mit einem Instrument in der Hand der Hier­archie vergleichen, so verstehen Wir diesen Vergleich in dem Sinne, daß die kirchlichen Oberen ihn auf die Weise gebrauchen, wie der Schöpfer und Herr die vernünftigen Geschöpfe als Werkzeuge, als Zweitursache gebraucht ,mit einer Milde voller Rücksicht‘ (Weish 12, 18). Mögen sie sie also im Bewußtsein ihrer schweren Verantwortung gebrauchen, indem sie sie ermutigen, ihnen Anregungen geben, willigen Herzens die Initiativen annehmen, die ihnen von ihnen unterbreitet werden, und sie gegebenen­falls in weitsichtiger Weise fördern. In den entscheidenden Schlachten gehen manchmal von der Front die glücklich­sten Initiativen aus. Die Geschichte der Kirche bietet dazu zahlreiche Beispiele. Ganz allgemein gesagt, ist in der Apostolatsarbeit zu wünschen, daß das herzlichste Ein­vernehmen zwischen Priestern und Laien herrsche. Das Apostolat der einen ist keine Konkurrenz für das der anderen. Ja, um die Wahrheit zu sagen, gefällt Uns der Ausdruck ‚Emanzipation der Laien‘, den man hie und da hört, nicht sehr. Er hat einen unerfreulichen Klang; er ist zudem historisch ungenau. Waren denn jene großen Führer, auf die Wir angespielt haben, als Wir von der katholischen Bewegung vor 50 Jahren sprachen, etwa Kinder, Minderjährige, die warten mußten bis zu ihrer Großjährigkeit? Im übrigen werden im Reiche der Gnade alle als Erwachsene betrachtet. Und nur das zählt.

Der Aufruf zur Hilfe der Laien ist nicht die Folge eines Versagens des Klerus gegenüber der gegenwärtigen Aufgabe. Daß es persönliches Versagen gibt, liegt in der unvermeidlichen Schwäche der menschlichen Natur, und man trifft es auf der einen wie auf der anderen Seite.

Aber ganz allgemein gesprochen hat der Priester ebenso gute Augen wie der Laie, um die Zeichen der Zeit zu erkennen, und sein Ohr ist nicht weniger empfindlich, um das menschliche Herz abzuhören. Der Laie ist zum Apostolat berufen als Mitarbeiter des Priesters, häufig als sehr wertvoller und selbst notwendiger Mitarbeiter auf Grund des Mangels an Priestern, die, wie Wir schon sagten, zu wenig zahlreich sind, um allein ihre Aufgabe erfüllen zu können.

3. Wir können, teure Söhne und Töchter, nicht schließen, ohne an die praktische Arbeit zu erinnern, die das Laienapostolat in der ganzen Welt auf allen Gebieten des individuellen und sozialen menschlichen Lebens geleistet hat und noch leistet, eine Arbeit, deren Ergebnisse und Erfahrungen ihr in diesen Tagen unter euch konfrontiert und diskutiert habt: Apostolat im Dienste der christlichen Ehe, der Familie, der Kinder, der Erziehung und der Schule; für die jungen Männer und jungen Mädchen; Apostolat der Caritas und Fürsorge unter ihren heute unzählbaren Formen; Apostolat einer praktischen Besserung der sozialen Mißstände und des Elends; Apostolat in den Missionen oder im Dienste der Auswanderer und Einwanderer; Apostolat im Bereich des intellektuellen und kulturellen Lebens; Apostolat in Spiel und Sport; endlich, und nicht am wenigsten wichtig: Apostolat der öffentlichen Meinung. Wir empfehlen und loben eure Anstrengungen und Arbeiten und vor allem die Kraft eures guten Willens „und apostolischen Eifers, die ihr in euch tragt, die ihr im Laufe dieses Kongresses spontan bewiesen habt und die wie eine Quelle lebendigen Wassers seine Diskussionen fruchtbar gemacht hat.

Wir beglückwünschen euch für euren Widerstand gegen die selbst bei Katholiken herrschende verhängnisvolle Tendenz, die Kirche auf die sogenannten rein religiösen Fragen beschränken zu wollen. Man gibt sich keine Mühe, sich genau klar zu machen, was darunter zu verstehen ist. Wenn sich die Kirche nur auf den Kirchenraum und die Sakristei beschränkt und träge zusieht, wie die Menschheit sich draußen in ihrer Verzweiflung und in ihren Nöten abmüht, so ist das alles, was man von ihr verlangt. Es ist nur zu wahr: in gewissen Ländern ist die Kirche ge­zwungen, sich so abzuschließen; selbst in diesem Falle muß sie noch zwischen den vier Wänden ihres Gottes­hauses das Wenige tun, was ihr zu tun möglich ist. Sie zieht sich nicht freiwillig und aus eigenem Antrieb zurück. Notwendigerweise und ununterbrochen findet sich das menschliche Leben, das private wie das soziale, in Berührung mit dem Gesetz und Geist Christi; daraus ergibt sich mit Notwendigkeit eine wechselseitige Durchdringung des religiösen Apostolates und des politischen Handelns. Politik im erhabenen Sinn des Wortes bedeutet ja nichts anderes als Mitarbeit am Wohl des irdischen Staates, der Polis. Aber dieses Wohl des Staates dehnt sich auf ein weites Gebiet aus, und darum werden auf politischem Gebiet auch Gesetze von höchster Tragweite debattiert und diktiert, so die Gesetze über die Ehe, die Familie, das Kind, die Schule, um Uns nur auf diese Beispiele zu beschränken. Sind das nicht Fragen, die die Religion aufs höchste interessieren? Können sie einen Apostel gleich­gültig lassen? Wir haben in der vorhin erwähnten An­sprache (3. Mai 1951) die Grenze gezogen zwischen Katholischer Aktion und politischer Aktion. Die Katho­lische Aktion darf nicht in die Schranken der Parteipolitik eintreten. Aber, … so lobenswert es ist, sich aus den zufälligen Streitigkeiten herauszuhalten, die die Partei­kämpfe vergiften …, so wäre es doch tadelnswert, den Unwürdigen und Unfähigen das Feld zu überlassen, so daß sie die Staatsgeschäfte lenken (Rede vom 28. März 1948). Wie weit soll und darf sich der Apostel von dieser Grenze entfernt halten? Es ist schwer, über diesen Punkt eine für alle gleichermaßen gültige Regel zu formulieren. Die Umstände, die Mentalität sind nicht überall die gleichen. Wir nehmen eure Entschließungen mit Freude zur Kennt­nis; sie drücken euren festen Willen aus, euch über die Grenzen hinweg die Hände zu reichen, um praktisch zu einer vollen und wirksamen Zusammenarbeit in allgemeiner Liebe zu kommen. Wenn es eine Macht in der Welt gibt, die imstande ist, die traurigen Schranken der Vorurteile und Voreingenommenheiten umzustoßen und die Seelen zu einer freien Versöhnung und brüderlichen Vereinigung der Völker bereitzumachen, so ist es die katholische Kirche. Ihr dürft euch darüber mit Stolz freuen. Eure Sache ist es, mit aller Kraft daran mitzuarbeiten.“7

7 A. A. S. vol. 43, 2 (1951), p. 784 ss. — Hd. VI, 120 ff.

In einer Radioansprache wandte sich der Heilige Vater am 10. Februar 1952 mit einer herzlichen Mahnung an die Gläubigen seiner eigenen Bischofstadt Rom, in der er sehr bedeutungsvolle Anregungen zu einheitlichem und planmäßigem Handeln für die religiöse Erneuerung gibt, die allgemeine Gültigkeit haben.

„Aus Unserem Herzen, geliebte Söhne und Töchter Roms, ergeht dieser väterliche Anruf an euch.

Ihr alle wißt, daß größer und schwerer als alle Seuchen und Naturkatastrophen vergangener Jahrhunderte die Gefahren sind, die auf der heutigen Menschheit lasten, wenn auch ihre dauernde Bedrohung die Völker nunmehr fast unempfindlich und apathisch gemacht hat. Ist nicht vielleicht dies das verhängnisvollste Symptom der endlosen und nie verebben wollenden Krise, das alle denkenden Menschen, die noch ein offenes Auge für die Wirklichkeit haben, erzittern und erschrecken läßt? Wenn Wir daher auch voll Vertrauen Unsere Zuflucht nehmen zur Barmherzigkeit Gottes und zur mütterlichen Güte der allerseligsten Jungfrau, so muß doch jeder einzelne Gläubige, jeder, der noch guten Willen hat, mit allem der schweren Lage der Gegenwart entsprechenden Ernst sich fragen, was er persönlich tun könnte und tun müßte, was er beitragen sollte zum Erlösungswerk Gottes, wie er mithelfen könnte zur Rettung der Welt, die dem Verderben entgegengeht.

Angesichts der anhaltend kritischen Lage, die, wie Wir leider sagen müssen, jeden Augenblick sich in furchtbarer Weise entladen könnte und deren tiefste Ursache in der religiösen Gleichgültigkeit zu suchen ist, in dem moralischen Tiefstand des öffentlichen und privaten Lebens, in der systematischen Vergiftung der einfachen Seelen, denen das Gift eingeträufelt wird, nachdem man ihnen den Sinn für die wahre Freiheit sozusagen eingeschläfert hat, können und dürfen die Guten nicht unbekümmert und untätig als stille Zuschauer einer nahen, alles umstürzenden Kata­strophe ihr gewohntes Leben in den alten Geleisen weiter­führen…

Jetzt ist es Zeit, geliebte Söhne und Töchter, es ist wirk­lich Zeit, entscheidende Schritte zu unternehmen. Es ist Zeit, die verhängnisvolle Lethargie abzuschütteln. Es ist Zeit, daß alle Guten, denen das Schicksal der Welt am Herzen liegt, sich einander nähern und sich aufs engste zusammenschließen. Mit dem Apostel wiederholen Wir: ,Hora est iam nos de somno surgere (Röm 13, 11) — Die Stunde ist da, vom Schlafe aufzustehn‘, denn es naht sich unsere Erlösung.

Es gilt, eine ganze Welt von Grund aus umzuformen, sie aus einer verwilderten in eine menschlich edle, aus einer menschlich edlen in eine vergöttlichte Welt umzuwandeln, entsprechend den Heilsabsichten Gottes. Millionen von Menschen ersehnen eine Änderung des Kurses. Sie richten daher ihren Blick auf die Kirche Christi, die einzige erfahrene Lenkerin und Führerin, die infolge ihrer Achtung vor der menschlichen Freiheit sich an die Spitze eines so gewaltigen Unternehmens zu stellen vermag. Man fleht um die Führung mit offenen Worten. Ja, noch mehr! Man weist hin auf das Meer von Tränen, auf die noch schmerzenden Wunden, auf die endlos weiten Fried­höfe, die der bewaffnete Haß auf der ganzen Welt geschaffen.

… Wie Wir in einer nunmehr weit zurückliegenden Stunde, da es Gott so gefiel, das schwere Kreuz des Pontifikates auf Uns nahmen, so unterziehen Wir Uns heute der schwierigen Aufgabe, soweit Unsere schwachen Kräfte es erlauben, Herold einer besseren gottgewollten Welt zu sein, deren Banner Wir in erster Linie euch, geliebte Söhne und Töchter, übergeben und anvertrauen möchten, euch, die ihr Uns mehr als andere nahesteht und Unserer Hirtensorge in besonderer Weise anvertraut seid… Erblickt darin den Ruf Gottes und eine wahrhaft würdige Lebensaufgabe: kraftvolle religiöse Erneuerung in eurem gesamten Tun und Denken. Religiöse Erneuerung sagen Wir, die alle ohne Unterschiede erfaßt, Klerus und Volk, sowie alle, die in führender Stellung stehen, die Familien, jedwede Gemeinschaft und jeden einzelnen. Tiefgreifende religiöse Erneuerung des christlichen Lebens, sagen Wir, durch Verteidigung der sittlichen Werte, Durchführung der sozialen Gerechtigkeit, Wiederaufbau der kirchlichen Ordnung…

Es ist jetzt nicht der Augenblick theoretischer Diskussionen, sich nach neuen Richtlinien umzusehen oder neue Wege und Ziele anzugeben. All diese Dinge sind längst bekannt und nach ihrer wesentlichen Seite hin erprobt, denn sie wurden von Christus selbst gelehrt und im Laufe der Jahrhunderte durch das Lehramt der Kirche dargelegt und von den letzten Päpsten den modernen Zeiterfordernissen angepaßt. Sie erfordern nur eines: die konkrete Verwirklichung. Was nützte auch ein ständiges Erforschen der Wege Gottes, wenn man tatsächlich die Wege des Verderbens wählt und sich willenlos den Trieben der Natur überläßt? Was nützt es zu wissen und auszusprechen, daß Gott unser Vater und die Menschen Brüder sind, wenn man jedes Eingreifen Gottes in das private und öffentliche Leben fürchtet? Wozu dienen lange Erörterungen über Gerechtigkeit, Liebe und Frieden, wenn der Wille von vornherein entschlossen ist, den Opfern auszuweichen, wenn das Herz in eisiger Einsamkeit sich verschließt und niemand es wagt, die Mauer des trennenden Hasses zu durchbrechen, um die Brüder in aufrichtiger Liebe zu empfangen? Ein solches Verhalten würde bei den Kindern des Lichtes die Schuld nur noch mehr vergrößern, denn auch sie werden wenig Verzeihung und Erbarmen finden, wenn sie weniger geliebt haben. Mit einer solchen Inkonsequenz und Trägheit hätte die Kirche in ihren An­fängen weder das Antlitz der Erde erneuert noch sich so rasch ausgebreitet; sie hätte weder ihre segenspendende Tätigkeit durch die Jahrhunderte fortzusetzen vermocht, noch sich Bewunderung und Vertrauen der Völker erworben.

Bleibt euch stets bewußt, geliebte Söhne und Töchter, daß die Wurzel der heutigen Übel und ihre verhängnisvollen Folgen nicht wie in vorchristlichen Zeiten oder wie in heidnischen Ländern unverschuldete Unkenntnis der auf die Ewigkeit hingeordneten Ziele des menschlichen Lebens ist oder auch Unkenntnis der eigentlichen Wege, die dahin führen. Nein, heute ist es die Trägheit des Geistes, die Schlaffheit des Willens, die Kälte des Herzens. Die Menschen, die an solch geistigem Siechtum darnieder­liegen, suchen sich zur Rechtfertigung ihres Verhaltens in die alte Finsternis einzuhüllen und sich mit alten und neuen Irrtümern zu entschuldigen. Es ist daher notwendig, auf ihren Willen einzuwirken.

… Traget Sorge, daß die Aufgaben genau festgestellt werden, daß die Zielsetzungen klar umrissen sind, daß die Kräfte, die zur Verfügung stehen, wohl abgewogen wer­den, u. zw. so, daß die Hilfsquellen, die jetzt im Anfang bereitstehen, nicht ungenützt liegenbleiben, weil man sie nicht kennt, noch auch planlos herangezogen oder ver­geudet werden in zweitrangiger Betätigung. Man ziehe die Seelen heran, die guten Willens sind; sie sollen sich von sich aus zur Verfügung stellen… Es gibt glühende Seelen, die nur darauf warten, herangezogen zu werden. Ihrer brennenden Ungeduld weise man das weite Feld zu, das zu bestellen ist. Andere wieder gibt es, die da schläfrig sind; sie müssen aufgeweckt werden. Andere sind ängst­lich; sie müssen aufgemuntert werden. Andere endlich haben die Richtung verloren; sie müssen geführt werden. Vor allem aber wird gefordert, daß sie sich weise einfügen und sich verständig verwenden lassen. Ein Arbeitsrhythmus wird gefordert, der der dringenden Notwendigkeit gerecht wird, zu verteidigen, zu erobern und positiv aufzubauen.“8

8A. A. S. vol. 44, 1 (1952), p. 158 ss. — Hd. VI (1951/52), S. 267 ff.

Pius XII. spricht dann den Wunsch aus, daß diese „kraftvolle religiöse Erneuerung“ überall nachgeahmt werden möge, damit „die Nationen, die Kontinente, die gesamte Menschheit“ zu Christus zurückkehren.

Der 13. Internationale Weltkongreß der katholischen Frauenorganisationen tagte Ostern 1952 vom 21.-24. April in Rom und hatte sich die Mitarbeit der Frau für den Frieden als Thema gestellt. Das gleiche Leitwort wählte der Papst bei dem Empfang der Teilnehmerinnen am 24. April für seine Ansprache.

„Des großen Beitrages gewiß, den die Frauen der Sache des Friedens geben können, richten Wir heute Unsere väterliche Botschaft an euch Mütter, Frauen und Mädchen aller Nationen, und vor allem an euch katholische Frauen. Ist Uns doch eure kindliche Liebe zum Stellvertreter Christi bekannt und durch ihn zu Christus selbst, der im Laufe seines Erdenlebens so viele edle Beweise fraulicher Frömmigkeit erfahren hat. Immer besorgt, das Werk des Friedens mit allen Uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu fördern bis hin zu dem Tage, an dem der Friede auf Erden endgültig Heimat gefunden hat, vertrauen Wir euch, geliebte Töchter, das schwierige und zugleich erhabene Amt an, für den Frieden zu arbeiten. Ihr wißt vielleicht besser als andere den Wert der Ruhe und Ordnung zu schätzen, da er ja die Grundbedingung jedes gesunden fraulichen Lebens ist. Gerade in Rom, das der Friedenskönig der Menschheitsfamilie zu eigen machte, um gleichsam jenen allgemeinen Frieden zu befestigen und zu erheben, den das Reich des Augustus sich vorgestellt und auf seine Weise verwirklicht hat, ist ein Kongreß veranstaltet worden, auf dem die gesamte katholische Frauenwelt vertreten ist. Ihr wollt damit eure Sehnsucht nach Frieden feierlich bekunden, dem Willen Ausdruck geben, den Frieden von denen zu fordern, die die Gewalt haben, ihn hier auf Erden zu verwirklichen, die konkreten Mittel erforschen und eure Mitarbeit an seiner Verwirklichung anbieten. Dies alles wollt ihr, gegründet auf Gott und dem Fundament christlicher Grundsätze.

Euer Ruf ist in der Tat nicht neu, und auch nicht der letzte unter so vielen, die von überall her nach dem Frieden verlangen; sicherlich aber ist er ganz aufrichtig, und Wir haben Grund zu hoffen, daß er fruchtbar sei. Wer könnte an der Aufrichtigkeit der Frau, die Frieden erfleht, zweifeln, die doch als erste seinen Segen erfährt, oder wenn sie den Krieg verabscheut, dessen bemitleidenswertes Opfer sie wäre? So war es immer. Die alte Sage der leidenden Andromache vom verhängnisvollen Krieg, der Ursache der Tränen der Witwen, der Verwaisung und dann der Verbannung und Versklavung, bleibt, wenn sie auch nur eine epische Legende ist, die Personifizierung der ungeheuren Tragödien, in die die Kriege jeder Zeit die Frau mit sich fortreißen, und jener noch entsetzlicheren, die ihr von den totalen Konflikten unserer Zeit noch vorbehalten sind.

Die Schreckensbilder des letzten Weltbrandes stehen noch Millionen Männern und Frauen, die ihn glücklich überlebt haben, lebhaft vor Augen. Mütter mit ihren Kindern auf den Armen, begraben unter den Trümmern ihrer Häuser, von Wunden zerrissen; andere von Schmerz erstarrt über einen unvorhergesehenen Verlust, der geradezu einen Teil ihres eigenen Lebens jäh hinwegriß. Anderswo sind jene, denen Haus und Hof ihr ein und alles bedeuteten, gezwungen, in unzählbaren Scharen von Ort zu Ort umherzuziehen, getrieben durch die Armeen, verfolgt von Schrecken, mit ihren von Hunger und Krankheit weinenden Kindern; Mütter und Frauen lange Jahre hindurch im Ungewissen über das Los ihrer Lieben. Einige sogar sind durch die unglaubliche Herzenshärte der Staatslenker, deren Taten allzu verschieden von ihren Worten sind, bis heute in angstvollem Zweifel: Wird mein Sohn leben? Jungfrauen, der Schande ausgesetzt; Familien ohne jegliche Stütze; Mädchen, denen für immer der Traum ihres Lebens zerbrochen wurde — das ist die Frau in Kriegszeiten!

Haben Staatsmänner nie mit dem Herzen eines Sohnes an solche Schrecknisse gedacht, jene Staatsmänner, von denen Wir nicht sagen möchten, daß sie Kriegspläne oder Kriegsabsichten hegen, die aber eine Lage schaffen und aufrecht erhalten, die eine Kriegsgefahr heraufbeschwören kann, wobei ungerecht unterdrückten Völkern vielleicht der Krieg — schrecklich zu sagen! — als letzte Hoffnung ihrer Befreiung sogar erwünscht sein könnte. Aber auf wen fällt die Verantwortung eines solch verzweifelten Wunsches? Der Mann, für den es Ruhm bedeutet, sich in solchen Widerwärtigkeiten zu bewähren, gewöhnt sich zwar auf irgendeine Weise an solche von einem Krieg herbeigeführte Lebensumstände wie Entbehrungen, Härten, ungeahnte Schrecken, ungewohnte Verhältnisse jeder Art; für die Frau indessen zeitigen sie oft physisch und moralisch verheerende Folgen.

Nun treibt die Furcht, ein solches Unheil könnte erneut ausbrechen — Gott möge es verhüten! —, die Frauen der ganzen Welt dazu, mit glühendem Herzen den Frieden zu erflehen. Diesen Flehruf haben Wir als euer gemeinsamer Vater oft von euren Lippen vernommen, und heute wollen Wir ihn zu dem Unseren machen, um denen, bei welchen die schwerwiegende Wahl zwischen Krieg und Frieden liegt, zuzurufen: Schaut mit den Augen eines Sohnes auf die Ängste so vieler Mütter und Frauen, unter denen auch die euren sind. Sorgt dafür, daß die Waagschale eurer Erwägungen sich nicht neige auf die Seite reiner Prestigegründe, unmittelbarer Vorteile oder sogar wirklichkeitsfremder Theorien, die in der wahren Natur des Menschen und der Dinge kein Fundament haben. Fordert von den Frauen keinen unnützen Heroismus. Denn schon so viele üben ihn in ihrem täglichen Leben zum Wohle des Vater­landes und der menschlichen Familie.

Das Empfinden jedoch, das die Frau den Krieg verab­scheuen läßt, nützt niemandem, noch hat es irgendwelchen wirksamen Einfluß auf die Sache des Friedens, wenn es nicht zu dem heißen Verlangen wird, überall den Geist der Brüderlichkeit wiederherzustellen. Dieses Empfinden muß getragen sein vom Wissen um die höhere Pflicht der Liebe, die gestärkt ist von der Bereitschaft, im eigenen Wirkungskreis die Gerechtigkeit zu verwirklichen, die den Frieden schafft. Dies alles würde, kurz gesagt, nichts nützen, wenn das Empfinden nicht Tat wird, die ausge­richtet ist nach den christlichen Grundsätzen. In Unserer letzten Weihnachtsbotschaft über die Friedensaufgabe der Kirche (A. A. S. vol. 44, 1952, p. 11-15) haben Wir im einzelnen ausgeführt, welches diese Grundsätze sind und wie sie das Handeln der Kirche und der Katholiken bestimmen. Hierin, geliebte Töchter, unterscheidet sich euer Ruf nach Frieden deutlich von dem anderer Frauen, dessen Aufrichtigkeit Wir durchaus nicht in Zweifel ziehen. Oft aber sehen Wir ihn entweiht und anderen Zwecken dienstbar gemacht, wenn er nicht ganz in ein Geschrei der Verbitterung und des Hasses übergeht. Jedenfalls ist es sicher, daß jeglicher Ruf nach Frieden, dem man das Fundament der christlichen Weltanschauung entzieht, dazu verurteilt ist, in der Öde verbitterter Herzen ungehört zu verhallen wie ein Schrei Schiffbrüchiger auf offenem Meer.

So seid ihr, katholische Frauen, Künder und Verfechter des Friedens, kraft des gleichen Ehrentitels, mit dem ihr euch als katholische Frauen schmückt. Katholisch sein ist gleichbedeutend mit Friedensstifter sein. Und obwohl eure Staatsbürgerpflicht von euch den festen Entschluß verlangt, euch für das Vaterland hinzuopfern, wenn es wirklich ungerechterweise angegriffen und in seinen Lebensrechten bedroht wird, so seid ihr natürlicherweise noch mehr und mit noch größerem Eifer dazu fähig, eure Kräfte einzusetzen, um jene inneren und äußeren Verhältnisse zu schaffen, die Ruhe und Ordnung sichern. Diese Tat, die darauf gerichtet ist, die Haßgefühle zu beseitigen, die Völker brüderlich miteinander zu verbinden, die materiellen Ursachen für Konflikte aufzuheben — wie etwa Elend, Arbeitslosigkeit, Auswanderungshindernisse und ähnliches —, erwarten die Kirche und die Menschheit von euch.

Es handelt sich um eine doppelte Tätigkeit. Auf der einen Seite um eine psychologische und sittenfördernde, die euer feiner Takt am besten durchzuführen vermag. Das will besagen, die Menschen zum Verständnis des Übernatürlichen hinzuführen, sie milde zu Lebensstrenge oder wenigstens zum Lebensernst und zur Sittsamkeit zu führen, überallhin den Geist der Milde, den brüderlichen Sinn unter allen Gotteskindern auszustrahlen und das Wissen um die Pflicht. Das will weiterhin bedeuten, auf ungerechten Reichtum zu verzichten, wobei ihr selbst als erste auf jede Art von Luxus in der Lebensführung verzichten solltet. — Vor allem aber soll die Krone eurer geistlichen Tätigkeit sein, die Jugend christlich zu erziehen, gemäß der Weltanschauung, die der Heiland uns geoffenbart hat. Wem, wenn nicht den Müttern, ist in der Praxis die erste Unterweisung in der Lehre des Evangeliums anvertraut? O Weisheit der Güte der Vorsehung Gottes! Sie hat es so gefügt, daß jede Generation in ihrer frühesten Jugend durch die milde Schule der Frau gehe, der sich unsere gemeinsame Mutter, die Kirche, zugesellt, und wo sie stets von neuem Güte, Milde und Frömmigkeit schöpfen soll, alles Vorzüge, die der Frau eigen sind. Ohne diese immer neue Rückkehr zur Quelle verfiele die Menschheit binnen kurzer Zeit im Zurückweichen vor der Härte und dem schweren Kampf des Lebens einer höchst beklagenswerten Verwilderung. Weist also ihr, die ihr aus natürlicher Verpflichtung und kraft göttlicher Sendung die Seelen der Jugend formt, die neue Generation ein in ein Empfinden für die allgemeine Brüderlichkeit und in den Abscheu vor der Gewalt. Das sei eine Tätigkeit, die in allzu ferner Zukunft ihre Früchte trägt, mag jemand sagen. Nein, es ist ein Wirken, das in die Tiefe baut und damit grundlegend und dringlich ist. Wie die Kriege, zumindest die heutigen, nicht unvorhergesehen ausbrechen, sondern jahrelang keimhaft in den Herzen heranreifen, so wird auch der wahre, bleibende, gerechte Friede nicht plötzlich mit dem ersten Aufleuchten einer Gefühlsregung oder eines Aufrufes Wirklichkeit.

Es gibt dann noch eine zweite, äußere Tätigkeit. War in früheren Jahren der Einfluß der Frau auf das Haus und den Umkreis des Hauses beschränkt, so erstreckt er sich in unseren Tagen, ob wir es nun wollen oder nicht, auf ein immer weiteres Gebiet: auf das soziale und öffentliche Leben, auf die Parlamente, die Gerichte, das Pressewesen, das Berufsleben und die ganze Arbeitswelt. In jedes dieser Gebiete soll die Frau ihr Wirken für den Frieden hineintragen. Wenn nur wirklich jede Frau aus dem ihr eigenen Empfinden, mit dem sie den Krieg verabscheut, zur konkreten Tat schreiten würde, um ihn zu verhindern, dann wäre es unmöglich, daß die Gesamtheit solch starker Kräfte, die sich eben für das einsetzen, was die Persönlichkeit bildet, nämlich für Frömmigkeit und Liebe, dann wäre es unmöglich, so sagen Wir, daß sie ihren Zweck verfehlte.

Dazu soll, um diese Kräfte zu befruchten, die Hilfe Gottes mitwirken, die Wir im Gebet herabrufen. Die Frau, die von Natur aus fromm ist, richtet für gewöhnlich ihr Gebet mit größerer Beharrlichkeit zu Gott. Wie die Fürbitte der Gottesmutter auf der Hochzeit zu Kana voll Sorge und Unruhe über die Verwirrung der Brautleute Jesus zu bewegen wußte, das Wasser in Wein zu verwandeln — in Wein, den die Feinschmecker die Seele der Mahlzeit nennen‘ (Bossuet, Sermon pour le II. Dimanche apres l’Epiphanie) —, so wandelt auch euer Flehen in Nacheiferung der allerseligsten Jungfrau Maria das Wollen der Menschen aus Haß in Liebe und aus Habgier in Gerechtigkeit.

Geliebte Töchter, ihr wißt, wieviel die Frau dem Christentum verdankt. Als es in die Zeit eintrat, hat die heidnische Kultur die Frau oft nur wegen äußerer und kurzdauernder Gaben oder wegen ihrer feinfühligeren Art hochgeschätzt. Diese ästhetische Schau und dieses tiefe Gefühl bilden sich zu Formen höchster Feinfühligkeit aus. Die Verse ausgesuchter Dichtkunst in den unsterblichen Dichtungen des augusteischen Zeitalters sind durchpulst von leidenschaftlichem Pathos; Götterstatuen, herrliche Schöpfungen der Kunst zierten Straßen und Plätze, Tempel und Hallen prachtvoller Paläste. Und doch war alles leer und oberflächlich. Athen und Rom, die Leuchten der Kultur, die doch so vieles natürliches Licht auf die Familienbande warfen, brachten es weder mit den hohen Gedankengängen der Philosophie noch mit der wahrhaft weisen Gesetzgebung zustande, die Frau zu der ihrer Natur entsprechenden Höhe zu erheben. Erst das Christentum, und es allein — gewiß nicht in der Verkennung jener äußeren und tiefreichenden Vorzüge — hat in der Frau Sendung und Beruf entdeckt und gepflegt, die die wahre Grundlage ihrer Würde bilden und ihr somit eine würdigere Rangstellung einräumen. Auf diese Weise entstehen neue Typen der Frau, und diese behaupten sich in der christlichen Zivilisation, so jene der Märtyrerin für ihre Religion, so jene der Heiligen, der Glaubensbotin, der Jungfrau, der Urheberin weitgespannter Reformen, der Helferin in allen Leiden, der Erzieherin und Retterin verlorener Seelen. So wie allmählich neue soziale Bedürfnisse reifen, so dehnt sich auch ihre lebenspendende Sendung auf neue Aufgabenkreise aus, und die christliche Frau wird, wie es heute ganz zu Recht besteht, nicht weniger als der Mann ein notwendiger Träger der Kultur und des Fortschritts. Gerade in dieser Schau sehen Wir euer heutiges friedenbringendes Wirken, vielleicht das größte, das euch die Vorsehung zugedacht hat, als das am meisten soziale und heilbringende, das ihr je innehattet. Nehmt es in Angriff als einen Auftrag von Gott und der Mensch­heit; weiht ihm eure eifrigsten Bemühungen und befolgt jene Weisungen, die ein ausgewählter Kreis von euch auf dem Internationalen Kongreß der Katholischen Frauen­organisationen studiert und fördert. Seid davon überzeugt, daß ihr für das Heil eurer Heimatländer und eurer Kinder nichts Segensreicheres tun könnt. Das entspricht ganz Unserem Wunsch als Stellvertreter Christi. Über euch alle, geliebte Töchter, auf der ganzen weiten Welt und besonders über euch, katholische Frauen, wie auch auf jede Teilnehmerin dieses Kongresses hier in Rom, erflehen Wir vom allmächtigen Gott Licht und Gnade. Als Unterpfand dessen erteilen Wir euch aus väterlichem Herzen den Apostolischen Segen.“9

9 A. A. S. vol. 44, I (1952) p. 420 ss. — Ausgabe des Katholischen Deutschen Frauenbundes in: „Papst Pius XII. zu den heutigen Auf­gaben der Frau“. — Köln, S. 36 ff.

Einen der Höhepunkte des Marianischen Jahres bildete Anfang September 1954 der Weltkongreß der Marianischen Kongregationen. Am 8. September richtete Papst Pius XII. eine Ansprache an die Teilnehmer, in der er zum Thema des Kongresses Stellung nimmt und über das dreifache Ziel, nämlich sorgfältigere Auswahl der Mitglieder, stärkere Bindung an die Hierarchie und eine größere Zusammenarbeit mit anderen apostolischen Verbänden spricht:

„ . . . Eure Pilgerfahrt ist nicht nur ein Akt kindlicher Liebe, sondern sie beweist darüber hinaus euren Willen, immer mehr auf dem Wege zur christlichen Vollkom­menheit, nach der ihr strebt, voranzukommen; auch erwar­tet ihr von Uns Ermutigung und Richtlinien, um euer Ideal der Liebe und des Apostolates besser zu verwirk­lichen.

Der Kongreß, welcher heute eröffnet wird, muß in der Tat der Ausgangspunkt einer geistlichen Erneuerung für alle Kongregationen der Welt werden. Sein Thema lautet: ,Der größte Ruhm Gottes durch eine sorgfältigere Auswahl, stärkere Bindung an die Hierarchie und eine größere Zusammenarbeit mit anderen apostolischen Verbänden.’…

Wir werden heute nur auf die drei Punkte des Programms eingehen, die Wir soeben erwähnt haben:…

1. Sorgfältigere Auswahl.

Der erste Punkt ist wesentlich für die Sicherung der erwünschten Erneuerung. Die Kongregationen sind nicht einfach fromme Vereinigungen, sondern Schulen der Vollkommenheit und des Apostolates. Sie wenden sich an Christen, die nicht damit zufrieden sind, etwas mehr als notwendig zu tun, sondern die sich entschlossen haben, den Anregungen der Gnade hochherzig zu entsprechen und gemäß ihrem Lebensstand ganz nach dem Willen Gottes zu suchen und ihn zu erfüllen. Deshalb sollte niemand aufgenommen werden nur aus irgendeiner Tradition, um der Kongregation Ehre anzutun oder selbst durch sie zu Ansehen und Würde zu kommen. Es zählt nur das Verlangen nach größerer Vervollkommnung und nach einem christlichen Leben, das von persönlicher apostolischer Glut erfüllt ist. Die Räte, die zur Abgabe ihres Urteils berufen sind, und besonders der Direktor, der allein die Verantwortung für die Aufnahme trägt, mögen diese wesentlichen Punkte ernsthaft beachten.
Die Eignung des Kandidaten wird sich in seiner Treue beim Besuch der Versammlungen, seiner Liebe zum Gebet, seinem Eifer im Empfang der Sakramente der Buße und der Eucharistie erweisen, mit einem Wort, in seinem Bemühen um das unaufhörliche Wachstum in der Liebe zu Gott, der Grundlage des Seeleneifers. Dieser bedarf wirklich einer übernatürlichen Tugend, um Bestand zu haben und Früchte zu bringen. Nun sind aber weder der Glaube noch die Hoffnung noch die Liebe nur das Ergebnis einer glücklichen Charakterveranlagung oder eines willkürlichen Tuns. Sie sind Gaben Gottes, die man demütig und beharrlich erflehen und sorgfältig pflegen muß.

Wer danach trachtet, ein Kongreganist zu sein, der dieses Namens würdig ist, verpflichtet sich eindeutig zum Kampf gegen seine minder guten Neigungen. Er ist entschlossen, sich vollständig von der Herrschaft der Sünde zu befreien, und faßt die immer treuere Nachahmung Jesu, des sanften und demütigen Menschensohnes, ins Auge. Gleich ihm brennt er darauf, die geringsten Wünsche seines Vaters zu erfüllen und ihm in allem und trotz allem zu gefallen. Möge dieses verlockende und strenge Ideal für jeden von euch, liebe Söhne und Töchter, zur Quelle wirklicher geist­licher Erneuerung werden und zur Grundlage für ein Streben, das still und langsam ist wie das Leben, aber unaufhaltsam wie das Wirken Gottes.

2 Der Anschluß an die Hierarchie.

Die Vereinigung mit der Hierarchie, das sichtbare Zei­chen der aufrichtigen Anhänglichkeit an Christus, wird auch der Prüfstein für die Reinheit des Seeleneifers sein. Wenn Wir Wert darauf legten, die Marianischen Kongregationen, wie sie die Konstitution ,Bis saeculari‚ defi­niert, unter die eigentlichsten Formen der Katholischen Aktion einzureihen, geschah es deshalb, weil sie ausdrück­lich darauf hinarbeiten, ihre Mitglieder in den Geist der Kirche, das ,Sentire cum Ecclesia‘, einzuführen. Diese Haltung ist die einzig angemessene, wenn man bean­sprucht, mit dem Apostolat der Hierarchie zusammenzu­arbeiten. Aus der Verantwortung für die Ehre Gottes auf Erden und als Treuhänderin der göttlichen Gewalten weist die Hierarchie jedem, der sich freiwillig anbietet, um das Werk Christi fortzusetzen, seine Aufgabe zu.

Um ihr wirksam zu helfen, genügt es nicht, eine jede bestehende Einrichtung oder neue Initiative ihrer Billi­gung zu unterstellen. Man muß sich ihren Geist zu eigen machen, ihre Absichten verstehen, ihren Wünschen zuvorkommen. Das setzt Demut und Gehorsam, Hingabe und Selbstverleugnung voraus, echte Tugenden, die die ernste Bildung von Kongregationen nicht zu entwickeln versäumt. Weil die Kongregationen von dem Willen beseelt sind, um jeden Preis zu dienen, machen sie niemals den Versuch, sich zu isolieren oder gewisse Bereiche für sich allein zu beanspruchen, sondern sie sind im Gegenteil bereit, da zu arbeiten, wohin die Hierarchie sie sendet. Sie dienen der Kirche nicht wie einer fremden Macht, nicht einmal wie einer menschlichen Familie, sondern wie der Braut Christi, die vom Heiligen Geist selbst beseelt und geführt wird und deren Interessen auch diejenigen Jesu sind. Der Apostel Paulus litt schon darunter, daß er feststellen mußte, daß einige — alle, sagte er bitter —, ,alle ihre eigenen Interessen und nicht diejenigen Jesu Christi verfolgen‘ (Phil. 2, 21). Möge eine solche Bemerkung euch wachhalten. Vergeßt euch selbst, seid bereit, jede enge Sicht von euch zu weisen, und nehmt die Ratschläge der Kirche hin, als kämen sie von eurem göttlichen Oberhaupt. So werdet ihr mit dem Apostel sprechen können: ,Am Tage Christi . . . werden mein Laufen und meine Bemühungen nicht vergeblich gewesen sein.‘ (Phil. 2, 16).

3. Zusammenarbeit mit anderen apostolischen Vereinigungen.

Das Thema eures Kongresses faßt auch eine größere Zusammenarbeit mit den anderen apostolischen Vereinigungen ins Auge. Außer seiner praktischen Seite ist dieser Zusammenschluß der Kräfte ein eindeutiges Zeichen der Gegenwart Christi inmitten derer, die in der Aktion wie im Gebet der gleichen Eingebung gehorchen. ,Daß sie eins seien‘, bat Jesus in seinem hohepriesterlichen Gebet inständig seinen Vater, wie Du, Vater, in mir und ich in Dir bin, daß sie eins in Uns seien, damit die Welt glaube, daß Du mich gesandt hast‘ ( Joh. 17, 21 ). Das Apostolat hat in gewisser Weise an der göttlichen Sendung Jesu Anteil. Es offenbart den Menschen die Liebe des Vaters und des Sohnes in der Gabe ihres einzigen Geistes. Ihr erinnert euch zweifellos, wie die Apostelgeschichte, diese wunderbare Frucht des Heiligen Geistes, an dem Tage nach Pfingsten hervorhebt: ,Die Menge der Gläu­bigen hatte nur ein Herz und eine Seele. Niemand nannte das, was ihm gehörte, sein, sondern sie hatten alles miteinander gemeinsam. Mit großer Macht legten die Apo­stel Zeugnis ab von der Auferstehung des Herrn Jesus, und sie standen alle in großem Ansehen‘ (Apg 4, 32-34). Die außerordentliche apostolische Strahlungskraft in der ersten christlichen Gemeinde hat sich in den verschieden­sten Formen in der Geschichte der Kirche wiederholt, besonders in kritischen Stunden, wo nur die lebendige Wucht junger Kräfte von ungebrochener Überzeugung in gewaltigem Aufschwung anscheinend unüberwindliche Hindernisse zu beseitigen vermochte. Ist es nicht ein Zeugnis von dieser Art, das die gegenwärtige Zeit ganz besonders von euch erwartet? So viele edle Unternehmungen verzetteln sich auf auseinanderstrebenden Gleisen, wissen nichts voneinander und geraten leider manchmal sogar in Gegensatz zueinander. Unterdessen schreitet das Böse ohne Waffenruhe in seiner Eroberung fort, und, mangels guten Einvernehmens und Zusammenarbeitens der Guten, dringt es überall ein.

Wie in den Anfängen der Kirche die mächtige Fürbitte Mariens der Gemeinde von Jerusalem die voll­kommene Eintracht in der Liebe verdiente, so wünschen Wir lebhaft, daß die Königin der Apostel euch alle, liebe Söhne und Töchter, die ihr hier versammelt seid, und alle eure Mitsodalen aus der ganzen Welt, die ihr hier bei Uns vertretet, mit einem Geist aufrichtiger Zusammen­arbeit erfülle. Möge man von euch in Abwandlung des Wortes des hl. Paulus, das Wir soeben zitierten, sagen können: ,Niemand verfolgte seine eigenen Interessen, sondern einzig die von Jesus Christus.‘ . .“

Der Papst beschließt seine Ansprache mit dem Wunsch, alle Kongreßteilnehmer möchten die Erinnerung an einen „Pfingsthauch“ in ihre Heimat mitnehmen und den Willen, großherzig auf so viele Gnaden, die sie unter der Schutzherrschaft der Unbefleckten Jungfrau empfingen, durch die Tat zu antworten.»

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Quelle: Eigener Scan mit Textaufbereitung aus meinem persönlichen Buch-Exemplar:

Pius XII. – Ruf an die Frau – Aus den Rundschreiben, Ansprachen, Briefen und Konstitutionen des Heiligen Vaters – Zusammengestellt von Dr. Käthe Seibel-Royer. – Mit einem Vorwort von Dr. Josef Schoiswohl, Bischof von Graz-Seckau – Verlag Styria, Erste Auflage 1955

 

PIUS XII. / RUF AN DIE FRAU: DIE FRAU ALS MUTTER

Die Ehe ist nicht Selbstzweck, sondern von Gott einge­setzt für die Nachkommenschaft. So ist also die Krönung der Ehe für die Frau die Mutterschaft. Zahllos sind die Worte, die der Papst den Frauen darüber zu sagen hat. Er verlangt für dieses Amt eine besonders sorgfältige Vorbe­reitung, wie er es ausdrücklich in seiner großen Ansprache vom 26. Oktober 1941 vor den italienischen Frauen der Katholischen Aktion am Christkönigsfest zum Ausdruck bringt. „Aber es genügt nicht, daß man von einer Pflicht weiß und den Willen hat, sie zu erfüllen; man muß sich auch die Fähigkeit aneignen, sie gut zu erfüllen. Nun seht ihr etwas Seltsames, das auch Pius XI. in seiner En­zyklika (,Divini illius Magistri‘) vom 31. Dezember 1929 (über die christliche Erziehung der Jugend) beklagte: Während es niemand in den Sinn kommen würde, plötz­lich und auf einmal, ohne Lehrzeit und Vorbereitung, Handwerker oder Techniker, Arzt oder Rechtsanwalt zu werden, verheiraten und vereinigen sich alle Tage nicht wenige junge Männer und junge Frauen, ohne auch nur einen Augenblick daran gedacht zu haben, sich auf die schwierigen Pflichten vorzubereiten, die sie bei der Erzie­hung ihrer Kinder erwarten.“ 1

Was der Papst hier in einer Schulung der italienischen Frauen ausführt, ist grundlegend auch für seine späteren

1 A. A. S. vol. 33 (1941) p. 450-458.— „Gerechtigkeit schafft Frie­den.“ Reden und Enzykliken des Heiligen Vaters Papst Pius XII. Herausgegeben von W. Jussen S. J., Hansa Verlag, Hamburg 1947. S. 237 f. (zit. als „Jussen“).

Reden über diesen Pflichtenkreis. Die Ansprache vom Oktober 1941 über die Pflichten der Mutter in der Erziehung der Kinder ist an Bedeutung der späteren großen Rede „Über die Pflichten der Frau im sozialen und politi­schen Leben“ vom Oktober 1945 gleichzustellen; grund­legende Fragen in beiden Hauptberufszweigen der Frauen werden richtunggebend beantwortet. Daß die ersten Reden des Papstes bis 1945 sich an Italienerinnen wen­den, ergibt sich aus der Kriegslage, die es den Frauen anderer Nationen damals noch unmöglich machte, nach Rom zu kommen. Aber der Inhalt seiner Ansprachen ist an alle Frauen gerichtet, auch an diejenigen, die vorerst noch nicht anwesend sein konnten. Da in den Jahren des Nationalsozialismus die Papstreden in Deutschland und einigen anderen Ländern nicht verbreitet werden durften, ist uns eine Reihe der bedeutendsten Ansprachen und Enzykliken aus jener Zeit durch P. Wilhelm Jussen S. J. im Jahre 1946 in Übersetzung vorgelegt worden. In die­ser Ausgabe sind auch zwei Reden an Frauen enthalten: die Osteransprache 1939 an die Internationale Frauen­liga über das Katholische Apostolat und diese Schulungs­rede für Mütter. Den Familienmüttern und Erzieherin­nen, denen er am Christkönigs-Tag Audienz gewährte, sagt er zu Beginn: „Während Wir sonst Unser Wort an alle richten, auch wenn Wir zu den Neuvermählten spre­chen, so betrachten Wir dieses als eine ausgezeichnete Ge­legenheit, um Uns besonders an euch zu wenden, geliebte Töchter, weil Wir in den Familienmüttern — zusammen mit den frommen und erfahrenen Personen, die ihnen helfen — die ersten und vertrautesten Erzieherinnen der Kleinen zum Wachstum in der Frömmigkeit und in der Tugend sehen.“ 2

Die erste Sorge des Papstes, die er ausspricht, gilt dem Ausbau von Einrichtungen, „die wie die ‚Mütter­woche‘ sich wirksam dafür einsetzen, daß in jedem Stande

Jusssen. S. 237.

und gesellschaftlichem Rang Erzieherinnen herangebildet werden, die die Größe ihrer Sendung spüren, die in der Gesinnung und in der Haltung auf der Hut sind gegen­über dem Bösen, fest und voll Sorge gegenüber dem Guten…“

„Ein besonders günstiges Licht verbreitet eure Vereini­gung der Katholischen Aktion durch die Organisation des ,Apostolates der Wiege‘ und der ‚Mater parvulorum‘, durch die ihr Sorge tragt, die jungen Frauen schon vor der Geburt ihrer Kinder und dann während der ersten Kindheit zu bilden und ihnen zu helfen.“ 3 Bei den ge­nannten Organisationen hat der Papst italienische Ver­hältnisse im Auge. In Deutschland hatten wir bereits nach dem ersten Weltkriege Mütterschulen und Mütter­kurse, wie zum Beispiel die des Katholischen Frauenbun­des. Dazu kam die kirchliche Betreuung durch die Katho­lischen Müttervereine. Da diese Einrichtungen in der Zeit des Nationalsozialismus vom Staat abgelöst wurden, ging man nach der Beendigung des Krieges sofort daran, ein neues katholisches Mütterbildungswerk aufzubauen. In Nachmittags- oder Abendkursen werden die jungen Frauen dort alles lernen können, was ihnen für die Pflege und Erziehung der Kleinen an Wissen und Erfahrung noch fehlt.

Daß die Erziehung der Kinder nicht früh genug einsetzen kann, ist die nächste Mahnung des Papstes. „Sorget schon vor der Geburt des Kindes für die Reinheit der Atmosphäre in der Familie, in der seine Augen und seine Seele sich dem Licht und dem Leben öffnen: der Atmosphäre, die alle Schritte seines sittlichen Fortschrittes mit dem Wohlgeruch Christi umgibt. Ihr Mütter liebt, da ihr gefühlvoller seid, auch umso zärtlicher! Ihr wer­det euren Kleinen während der Kindheit in jedem Augen­blick mit eurem wachsamen Blick folgen und über ihr

3 Ebendas. S. 238 f.

Wachstum und die Gesundheit ihres kleinen Körpers wachen müssen … Bedenkt, daß diese Kinder durch die Taufe zu angenommenen Kindern Gottes geworden, die Lieblinge Christi sind, deren Engel immer das Antlitz des himmlischen Vaters schauen. Auch ihr müßt als gute Engel sie hüten, fördern und erziehen und in eurer Sorge und Wachsamkeit immer zum Himmel schauen. Von der Wiege an habt ihr nicht nur die körperliche, sondern auch die seelische Erziehung zu beginnen; denn, wenn ihr sie nicht erzieht, werden sie sich selber erziehen, gut oder schlecht. Denkt daran, daß nicht wenige, auch moralische Züge, die ihr im heranwachsenden, im reifen Menschen seht, tatsächlich ihren Ursprung haben in den Formen und in den Umständen des ersten leiblichen Wachstums der Kindheit; rein organische Gewohnheiten von klein auf an­geeignet, werden später vielleicht eine schwere Störung für das geistige Leben einer Seele werden. Ihr werdet da­her allen Eifer darauf verwenden, daß die euren Kleinen gewidmete Sorge in Übereinstimmung stehe mit den For­derungen einer vollkommenen Gesundheitspflege. So sollt ihr in ihnen für den Augenblick, wo sie zum Gebrauch der Vernunft gelangen, körperliche Fähigkeiten und ge­sunde Organe ohne die Anlage zu verkehrten Neigungen bereiten und festigen. Gerade aus diesem Grunde ist es so sehr zu wünschen, daß, abgesehen vom Fall der Un­möglichkeit, die Mutter selbst das Kind ihres Schoßes nährt. Wer kann die geheimnisvollen Einflüsse ergrün­den, die auf das Wachstum dieses kleinen Wesens die Ernährerin ausübt, von der es in seiner Entwicklung ganz und gar abhängt? Habt ihr nie diese offenen, fragenden, unruhigen Äuglein beobachtet, die über tausend Gegen­stände hingleiten und bald bei diesem, bald bei jenem verweilen, die einer Bewegung oder einer Geste folgen, die schon Freude und den Schmerz, den Zorn und die Starrköpfigkeit und die Anzeichen von kleinen Leiden­schaften offenbaren, die sich in dem menschlichen Herzen einnisten, noch bevor die kleinen Lippen gelernt haben, ein Wort auszusprechen? Wundert euch nicht darüber. Man wird nicht geboren — wie es philosophische Schulen gelehrt haben — mit den Begriffen eines angeborenen Wissens, noch auch mit den Träumen einer schon erlebten Vergangenheit. Der Geist eines Kindes ist ein Blatt, auf das bei der Geburt noch nichts geschrieben ist; seine Augen und die anderen Sinne, die durch sein ganzes Le­ben ihm das Leben der Welt vermitteln, werden darauf die Bilder und die Begriffe der Dinge schreiben, inmitten derer es sich befinden wird, von Stunde zu Stunde, von der Wiege bis zum Grabe. Daher hebt ein unwidersteh­licher Trieb zum Wahren und Guten ,die junge Seele, die nichts weiß und sinnt‘ (Dante, Fegefeuer XVI, 88) über die sinnlich wahrnehmbaren Dinge hinweg. Alle diese Sinnesfähigkeiten, alle diese kindlichen Empfindungen, durch die der Verstand und der Wille sich langsam offen­baren und wach werden, brauchen unbedingt eine wach­same und richtungweisende Erziehung und Unterweisung, damit das normale Erwachen und die richtige Entwicklung so edler geistiger Fähigkeiten nicht gefährdet oder ent­stellt werden. Schon jetzt wird das Kind durch einen liebevollen Blick, durch ein leitendes Wort lernen müs­sen, nicht jedem Eindruck nachzugeben; mit dem Wach­sen seiner erwachenden Vernunft richtig zu unterscheiden, den Wechsel seiner Empfindungen zu beherrschen; kurz, unter der mütterlichen Leitung und Ermahnung den Weg und das Werk seiner Erziehung zu beginnen.

Studiert das Kind im zarten Alter! Nur wenn ihr es gut kennt, werdet ihr es gut erziehen. Ihr werdet seine Natur nicht falsch und schief auffassen; ihr werdet es verstehen können, nicht zur Unzeit nachzugeben. Nicht alle Men­schenkinder haben eine gute Anlage!

Bildet den Verstand eurer Kinder! Gebt ihnen keine fal­schen Begriffe oder Erklärungen der Dinge. Antwortet nicht auf ihre Fragen, wie sie auch sein mögen, mit Scher­zen oder mit unwahren Behauptungen, auf die ihr Geist so leicht eingeht, sondern benutzt sie, um mit Geduld und Liebe ihren Verstand zu leiten und zu stützen, der nichts anderes verlangt, als sich dem Besitz der Wahrheit zu er­öffnen und zu lernen, sie mit den unbefangenen Schritten des ersten Denkens und Überlegens zu erobern. Wer wird je sagen können, was so viele herrliche Menschengeister diesem langen und vertrauensvollen Fragen und Antwor­ten verdanken, die in der Kindheit am häuslichen Herd gewechselt wurden?

Bildet den Charakter eurer Kinder! Schwächt oder verbes­sert die Fehler. Lasset wachsen und pflegt die guten Eigenschaften und richtet sie aus auf die Festigkeit, die der Stärke des Willens im Laufe des Lebens den Weg be­reitet. Wenn die Kleinen, die älter werden, zu der Zeit, wo sie allmählich anfangen zu denken und zu wollen, einen guten, von Heftigkeit und Zorn freien, beständigen und starken, nicht zu Schwächen und Launen geneigten väterlichen und mütterlichen Willen über sich fühlen, werden sie mit der Zeit lernen, darin den Dolmetsch eines höheren Willens zu sehen, nämlich des göttlichen Willens. Auf diese Weise werden sie ihrem Geist jene mächtigen ersten Gewohnheiten einpflanzen und einwurzeln lassen, die einen Charakter bilden und stützen, der bereit ist, sich in den verschiedensten Schwierigkeiten und Widerständen zu beherrschen, fest entschlossen, nicht zurückzuweichen vor dem Kampf oder vor dem Opfer, durchdrungen von einem tiefen christlichen Pflichtbewußtsein.

Bildet das Herz! Welche Schicksale, welche Kämpfe, welche Gefahren bereiten nur zu oft den Herzen der her­anwachsenden Kleinen die glückseligen Bewunderungen und Lobsprüche, die unvorsichtige Besorgtheit, die weich­liche Nachgiebigkeit der Eltern, die von einer unverstän­digen Liebe verblendet sind und diese flatterhaften klei­nen Herzen daran gewöhnen zu sehen, wie sich alles um sie bewegt und dreht, wie sich alles vor ihrem Willen und vor ihren Launen beugt. Gerade dadurch pflanzen sie ihren Herzen die Wurzeln eines zügellosen Egoismus ein, dessen erste Opfer später die Eltern selbst sein werden.

Das ist eine ebenso häufige wie gerechte Strafe jener egoi­stischen Überlegungen, aus denen man einem einzigen Sohn die Freude kleiner Brüder versagt, die mit ihm die mütterliche Liebe teilten und ihm abgewöhnt hätten, nur an sich selbst zu denken. Eine wie tiefe und starke Kraft der Liebe, der Güte und der Hingabe schläft im Herzen der Kinder! Ihr Mütter werdet sie wecken, sie pflegen, sie leiten, sie erheben zu dem, der sie heiligen muß, zu Jesus, zu Maria. Die himmlische Mutter wird dieses Herz der Frömmigkeit öffnen, wird es mit dem Gebet lehren, dem göttlichen Kinderfreund seine reinen Opfer und seine unschuldigen Siege darzubieten, auch eine barm­herzige Hand dem Armen und Elenden zu zeigen. O glück­licher Frühling der Kindheit ohne Stürme und Winde! Es wird aber der Tag kommen, an dem dieses Kinderherz neue Triebe, neue Neigungen in sich erwachen fühlt, die den heiteren Himmel des Kindesalters trüben. In dieser gefährlichen Zeit, ihr Mütter, denkt daran, daß das Herz erziehen auch bedeutet, den Willen erziehen gegenüber den Nachstellungen des Bösen und der Tücke der Leiden­schaften. In diesem Übergang von der unbewußten Rein­heit der Kindheit zur bewußten und siegreichen Reinheit der Jugendzeit wird eure Aufgabe von höchster Bedeu­tung sein. Bei euch steht es, eure Söhne und eure Töchter vorzubereiten, daß sie frei, wie einer, der über Schlangen schreitet, durch diese Zeit der Krisis und der körper­lichen Umbildung hindurchgehen, ohne etwas zu verlie­ren von dem unschuldigen Frohsinn. Ihr sollt jenes natür­liche und einzigartige Schamgefühl hüten, womit die Vorsehung sie wie mit einem Zaun gegenüber den Leiden­schaften, die nur zu leicht auf Abwege führen, umgeben hat. Ihr werdet dafür Sorge tragen, daß dieses Scham­gefühl, der liebliche Bruder des religiösen Gefühls, in seiner unwillkürlichen Ehrfurcht, an die man heutzutage so wenig denkt, in ihnen nicht verletzt werde durch Klei­dung, durch Putz, durch unziemliche Vertraulichkeiten, in unsittlichen Schauspielen und Darstellungen. Ihr werdet es vielmehr immer zarter und wachsamer, reiner und echter gestalten. Ihr werdet mit offenen Augen über ihre Schritte wachen, ihr werdet nicht zulassen, daß die Rein­heit ihrer Seele befleckt und vernichtet wird durch die Gesellschaft mit schon verdorbenen Kameraden und Ver­führern; ihr werdet ihnen Hochachtung und tiefe Liebe zur Reinheit einflößen, indem ihr ihnen als treue Wäch­terin den mütterlichen Schutz der Unbefleckten Jungfrau gebt. Mit eurem Scharfblick als Mutter und Erzieherin und dank der vertrauensvollen Offenherzigkeit, die ihr euren Kindern eingepflanzt habt, werdet ihr nicht verfehlen, die Gelegenheit und den Augenblick zu beachten und zu erkennen, in dem gewisse heimliche Fragen in ihrem Geiste aufgetaucht sind und in ihren Empfindungen be­sondere Störungen hervorgerufen haben. Dann wird es eure Sache sein, für eure Töchter, die des Vaters für eure Söhne — soweit es notwendig erscheint — in vorsichtiger zarter Weise den Schleier der Wahrheit zu lüften und ihnen auf diese Fragen und diese Unruhen kluge, richtige und christliche Antwort zu geben. Wenn sie diese Beleh­rung über die geheimnisvollen und wunderbaren Lebens­gesetze aus eurem Mund, aus dem Mund christlicher Eltern, zur geeigneten Stunde und mit aller notwendigen Vorsicht empfangen, dann werden sie diese mit ehrfürch­tiger Dankbarkeit annehmen, und die Aufklärung wird mit viel weniger Gefahr für ihre Seele verbunden sein, als wenn sie diese auf gut Glück erfahren hätten durch trübe Erlebnisse, durch geheime Unterredungen, durch Belehrung von unzuverlässigen und schon allzu erfahrenen Kameraden, durch geheime Lektüre, die um so gefähr­licher und verderblicher ist, als das Geheimnis die Phan­tasie entzündet und die Sinne erregt. Eure Worte können, wenn sie angemessen und taktvoll sind, eine Schutzwehr und eine Warnung inmitten der Versuchungen einer ver­dorbenen Umwelt sein; denn … ,vorausgeschaut, scheint minder tief ein Pfeil sich einzuwühlen‘. (Dante, Paradies XVII, 27. )

Ihr seht aber auch ein, daß in diesem herrlichen Werk der christlichen Erziehung eurer Söhne und eurer Töchter die häusliche Bildung, so weise und tief sie auch sein mag, nicht genügt, sondern vollendet und vervollkommnet wer­den muß durch die machtvolle Hilfe der Religion. Neben dem Priester, dessen väterliche, geistliche und seelsorg­liche Autorität über eure Kinder vom Taufbrunnen an sich an eure Seite stellt, müßt ihr selbst seine Mitarbeiter sein bei den Anfangsgründen der Frömmigkeit und der kate­chetischen Unterweisung, die das Fundament jeder soliden Erziehung sind und wovon auch ihr als die ersten Lehrer eurer Kinder hinreichende und sichere Kenntnis haben müßt. Wie könnt ihr lehren, was ihr selbst nicht wißt? Lehrt sie Gott, Jesus Christus, die Kirche, unsere Mutter und die Hirten der Kirche, die euch leiten, lieben. Liebet den Katechismus und macht, daß eure Kinder ihn lieben. Er ist das große Buch von der Liebe und der Furcht Got­tes, von der christlichen Weisheit und vom ewigen Leben. Bei eurer vielseitigen Erziehungsarbeit werdet ihr außer­dem das Bedürfnis und die Verpflichtung fühlen, andere als Helfer heranzuziehen. Wählet dafür Christen aus, wie ihr es seid, und zwar mit der ganzen Sorgfalt, die der kostbare Schatz verdient, den ihr ihnen anvertraut: der Glaube, die Reinheit und die Frömmigkeit eurer Kinder. Aber wenn ihr sie auch ausgewählt habt, so haltet euch darum doch nicht selbst für frei und ledig eurer Pflichten und eurer Wachsamkeit, vielmehr müßt ihr mit ihnen zu­sammenarbeiten. Mögen auch jene Lehrer und Lehrerin­nen ganz ausgezeichnete Erzieher sein, sie werden wenig ausrichten in der Erziehung eurer Kinder, wenn ihr nicht mit ihrer Tätigkeit die eure verbindet. Was würde dann eintreten, wenn eure Tätigkeit, statt die ihrige zu unter­stützen und zu stärken, sie geradezu durchkreuzen und ihr entgegenarbeiten würde; wenn eure Schwächen, wenn eure, aus einer Liebe, die in Wirklichkeit ein versteckter, erbärmlicher Egoismus ist, hervorgehenden Maßnahmen zu Hause das zerstören würden, was in der Schule, in der Katechese, in den katholischen Vereinen grundgelegt wurde, um den Charakter eurer Kinder zu zügeln und ihre Frömmigkeit zu fördern?

Vielleicht wird manche Mutter sagen, die Kinder von heute sind so schwer zu leiten, mit meinem Sohn, mit mei­ner Tochter ist nichts anzufangen, kann man nichts errei­chen! — Ja, es ist wahr, mit zwölf oder fünfzehn Jahren sind nicht wenige Knaben und Mädchen schwer zu be­handeln. Aber warum? Weil ihnen mit zwei oder drei Jahren alles gewährt und erlaubt, alles gutgeheißen wurde. Es ist wahr, es gibt undankbare und widerspenstige Tem­peramente; aber hört denn dieser verschlossene, starrköp­fige, gefühllose Kleine infolge dieser Fehler auf, euer Sohn zu sein? Würdet ihr ihn weniger lieben als seine Geschwister, wenn er kränklich oder ein Krüppel wäre? Gott hat auch ihn euch anvertraut; hütet euch, daß ihr ihn nicht zum Stiefkind in der Familie werden laßt! Keiner ist so wild, daß er nicht gesänftigt werden könnte durch Sorge, durch Geduld, durch Liebe. Meist wird es euch gelingen, auf diesem steinigen und mit Unkraut bewach­senen Boden manche Blume des Gehorsams und der Tu­gend ans Wachsen zu bringen, wenn ihr nicht durch par­teiische und unvernünftige Strenge euch der Gefahr aus­setzt, in diesem Kleinen den im Grund der Seele verbor­genen guten Willen zu entmutigen. Ihr würdet die ganze Erziehung eurer Kinder verderben, wenn sie je in euch ­Gott weiß, daß sie ein gutes Auge dafür haben — eine Vorliebe für einzelne Kinder, Bevorzugung oder Abnei­gung gegen das eine oder andere Kind entdeckten. Zu eurem und der Familie Wohl ist es notwendig, daß alle in eurer wohlüberlegten Strenge wie in euren gütigen Er­mahnungen und in euren Liebkosungen eine gleiche Liebe sehen und fühlen, die keinen Unterschied macht zwischen ihnen, außer wenn es sich darum handelt, das Böse zu verbessern und das Gute zu fördern. Habt ihr sie nicht alle in gleicher Weise von Gott empfangen?

An euch, christliche Mütter, war Unser Wort besonders gerichtet, aber zusammen mit euch sehen Wir heute um Uns einen Kranz von Ordensschwestern, von Lehrerinnen, von Beauftragten, von Apostolinnen, von Helferinnen, die der Erziehung und der Fürsorge der Kinder all ihre Mühen und Arbeiten widmen. Sie sind nicht Mütter dem Blute nach, aber durch ihre Liebe zur Jugend, die von Christus und seiner Braut, der Kirche, so sehr geliebt wird. Ja, auch ihr, die ihr als Erzieherinnen an der Seite der christlichen Mütter wirkt, seid Mütter, denn ihr habt ein Mutterherz und in ihm brennt die Flamme der Liebe, die der Heilige Geist in eure Herzen ausgießt. In dieser Liebe, der Liebe Christi, die euch zum Guten drängt, findet ihr euer Licht, euren Trost und eure Lebensaufgabe. Diese bringt euch den Müttern, den Vätern und den Kindern nahe und aus so lebendigen Sprößlingen der menschlichen Gesellschaft, der Hoffnung der Eltern und der Kirche, macht ihr eine große Familie von zwanzig, von hundert, ja von tausend und abertausend Kleinen und Kindern, deren Verstand, Charakter und Herz ihr in höherer Weise erzieht, indem ihr sie in die geistliche und sittliche Atmo­sphäre erhebt, wo mit dem Frohsinn der Unschuld der Glaube an Gott und die Ehrfurcht gegen heilige Dinge, die Liebe zu den Eltern und zum Vaterland leuchten. Mit der Anerkennung für die Mütter verbindet sich Unser Lob und Unser Dank. Erzieherinnen wie sie, eifert ihr ihnen nach und geht ihnen voraus in euren Schulen, in euren Asylen und Heimen, in euren Vereinen, als Schwestern in geistiger Mutterschaft, geschmückt mit einem Lilienkranz.

Welch unvergleichliche Aufgabe ist es, deren Schönheit Wir soeben in einigen Punkten gestreift haben! Eine Aufgabe in unserer Zeit voll von schweren Hindernissen und Gefahren, der ihr euch widmet, christliche Mütter und geliebte Töchter, indem ihr euch so sehr abmüht, die wachsenden Zweige der Ölbäume, welche die Familien sind, zu pflegen. Wie groß ist in Unseren Augen eine Mutter im häuslichen Kreise, von Gott an eine Wiege gesetzt als Ernährerin und als Erzieherin ihrer Kinder! Staunet über ihre mühevolle Tätigkeit, mit der sie den­noch nicht, so könnte man zu glauben versucht sein, ihrer Aufgabe genügen würde, wenn ihr nicht die allmächtige Gnade Gottes zur Seite stünde, um sie zu erleuchten, zu leiten, zu stützen in der täglichen Sorge und Mühe; wenn die Gnade nicht andere Erzieherinnen mit einem Herzen und einem Eifer, der aus gleicher mütterlicher Liebe stammt, anregte und beriefe, mit ihr mitzuwirken an der Bildung dieser jungen Seelen …“ 4

Während es möglich war, nahezu den vollen Wortlaut der Ansprache vom Oktober 1941 im Zusammen­hang zu geben, sollen zur Ergänzung kostbare Worte über die Mutterschaft der Frau aus den Reden an Neuvermählte hinzugefügt werden.

„Und wenn der Herr in seiner Güte der Gattin die Mutterwürde schenkt und sie an der Wiege steht, so wird das Wimmern des neugeborenen Kindes das Glück des Heimes weder schmälern noch stören; es wird im Gegenteil es in jene göttliche Höhe erheben, wo die Engel des Himmels erglänzen und von wo ein Strahl des Lebens herniedersteigt, der die Natur überragt und die Menschen­kinder zu Gottes-Kindern macht. Seht die Heiligkeit des Ehegemachs! Seht die Würde der christlichen Mutter­schaft! . .. Eine Wiege heiligt die Mutter der Familie, und mehr Wiegen heiligen und verklären sie vor dem Manne und den Kindern. Törichte, ihr eigenes Wesen verleugnende und unglückliche Frauen sind jene Mütter, die jammern, wenn ein neues Kind sich an ihre Brust schmiegt und Nahrung verlangt am Quell des Schoßes! Ein Feind des häuslichen Glückes ist das Jammern wegen des Segens Gottes, der es umhegt und stärkt.“ 5

„Je reiner eure Augen sind, ihr jungen Mütter von morgen, desto mehr werdet ihr in den teuren, kleinen

4 vgl. Jussen, a. a. 0. S. 239 – 249.

5 Rede vom 25. Februar 1942 (Z. S. 162 f. — vgl. Eheleben, S. 34 f.).

Wesen, die eurer Sorge anvertraut sind, die Seelen sehen, die mit euch bestimmt sind zur Verherrlichung des einzigen Gegenstandes, der aller Ehre und Herrlichkeit würdig ist. Anstatt wie so viele andere euch in ehrgeizigen Träumen an der Wiege eines Neugeborenen zu verlieren, werdet ihr dann frommen Sinnes euch beugen über das gebrechliche Herz, das zu schlagen beginnt, und werdet ohne über­flüssige Unruhe an die Geheimnisse seiner Zukunft denken, die ihr der zarten Liebe der Jungfrau vom Rosenkranz anvertrauen werdet, die noch mütterlicher und mächtiger ist als eure eigene Liebe.“ 6„Die Frau ist nicht nur die Sonne, sondern auch das Allerheiligste der Familie, wohin die Kleinen sich in ihrem Schmerz flüchten, die, welche die Schritte der Heran­wachsenden lenkt, sie in ihrem Leid stärkt, ihre Zweifel beruhigt, der sie ihre Zukunft anvertrauen. Sie, die Herrin der Sanftmut, ist auch die Herrin des Hauses. Die Achtung, die ihr Familienhäupter ihr entgegenbringt, sollen die Kinder und Angestellten des Hauses merken, spüren und sehen an eurem Blick, an eurem Benehmen, an euren Mie­nen, an euren Lippen, an eurem Wort, an eurem Gruß.“ 7 „Das Mutteramt mit seinen Sorgen, seinen Leiden und seinen Gefahren fordert und verlangt Mut: die Frau muß auf dem Ehrenfeld der ehelichen Pflicht nicht weniger heldenhaft sein und sich zeigen als der Mann auf dem Ehrenfeld der Bürgerpflicht, wo er dem Vaterland das Geschenk seines Lebens macht.“ 8 Für die Erziehung der Kinder ist die Autorität in der Familie äußerst wichtig. Dafür ist die Ansprache vom 24. September 1941 besonders aufklärend und wert­voll. „Die Väter und Mütter in unseren Tagen führen oft Klage darüber, daß es ihnen nicht mehr gelingt, ihre Kinder zum Gehorsam zu bringen. Es seien launische

6 Rede vom 16. Oktober 194o (Z. S. 92 f. — vgl. Ideal, S. tot f.).

7 Rede vom 8. April 1942 (Z. S. 146. — vgl. Eheleben, S. 8z).

8 Rede vom 21. Oktober 1942 (Z. S. 167. — vgl. Eheleben, S. 212).

Kinder, die auf keinen hören, Jungen, die jede Führung ablehnen, Jungmänner und Mädchen, die jeden Rat ver­schmähen, taub sind gegen jede Ermahnung, voll Ver­langen, bei Spielen und Wettkämpfen zu glänzen, die alles nach ihrem eigenen Kopf tun wollen, weil sie meinen, sie verständen wohl allein die Notwendigkeiten des modernen Lebens. Kurz, das neue Geschlecht ist gewöhn­lich (es gibt gewiß so viele schöne und herrliche Ausnahmen!) nicht geneigt, sich vor der Autorität von Vater und Mutter zu beugen.

Und was ist der Grund für diese unbelehrbare Haltung? Gewöhnlich pflegt man dafür anzugeben, daß heute die Kinder wohl oft keinen Sinn mehr haben für Gehorsam, für die Achtung, die sie ihren Eltern und ihrem Wort schuldig sind: in der Atmosphäre starken jugendlichen Selbstbewußtseins, in der sie leben, arbeitet alles darauf hin, daß sie sich frei machen von jeder Abhängigkeit von den Eltern und sie überflüssig machen; alles, was sie in ihrer Umgebung sehen und hören, steigert, begeistert und verhärtet schließlich ihr Wesen und zügelt nicht ihren Hang nach Unabhängigkeit, ihre Verachtung vor der Vergangenheit und ihre Sbrigens nach der Zu­kunft .. . Die reibungslose Ausübung der Autorität hängt nicht nur von denen ab, die gehorchen müssen, sondern auch, und zwar in weitem Maße, von jenen, die zu befehlen haben. Ganz deutlich gesagt: etwas anderes ist das Recht auf den Besitz der Autorität, das Recht, Befehle zu geben, und etwas anderes ist jenes moralische Übergewicht, das die erfolgreiche, tätige und wirksame Autorität begründet und ziert, der es gelingt, bei anderen sich Achtung zu verschaffen und wirklich Gehorsam zu erreichen. Das erste Recht wird von Gott übertragen mit dem Augenblick, der euch zu Vater und Mutter macht. Das zweite Vorrecht muß man erwerben und bewahren; denn es kann verloren­gehen, wie es auch gesteigert werden kann. Nun wird das Recht, euren Kindern zu befehlen, ziemlich wenig bei ihnen erreichen, wenn es nicht begleitet ist von jener Macht und jenem persönlichen Einfluß auf sie, die euch erst den wirklichen Gehorsam sichern. Wie und auf welche kluge Art werdet ihr denn eine solche moralische Macht erobern, erhalten und steigern können?

Gott gewährt einigen die natürliche Gabe zu befehlen, die Gabe, bei anderen ihren Willen durchsetzen zu können. Das ist ein kostbares Geschenk; ob es ganz im Geistigen ruht oder zum Teil in der äußeren Persönlichkeit, in der Haltung, im Wort, im Blick, in der Miene, das ist oft schwer zu sagen, aber es ist gleichzeitig ein Geschenk, das man fürchten muß. Mißbraucht es nicht, wenn ihr es besitzt, bei der Erziehung eurer Kinder, ihr möchtet sonst ihre Seelen in der Furcht einschließen und erhalten und aus ihnen Sklaven und nicht liebenswürdige Kinder machen. Mildert diese Macht durch die Weitherzigkeit der Liebe, die ihrer Liebe entgegenkommt, durch freund­liche, geduldige, eifrige und ermunternde Güte! .. . Denkt daran, ihr Eltern, daß Strenge nur dann zu Recht besteht, wenn das Herz gütig ist! .. .

Die Milde und die Autorität verbinden, heißt siegen und triumphieren in jenem Kampf, zu dem euch eure elterliche Stellung verpflichtet. Übrigens ist für alle jene, die zu gebieten haben, die Grundvoraussetzung einer wohltätigen Herrschaft über den Willen anderer die Herrschaft über sich selbst, über die eigenen Leidenschaften und Sinne . Wenn die Befehle, die ihr euren Kindern gebt, wenn die Vorwürfe, die ihr ihnen macht, aus den Eingebungen des Augenblicks stammen, aus Ausbrüchen der Ungeduld, aus falschen Voraussetzungen oder aus blinden oder schlecht beherrschten Gefühlen, dann kann es meistens nicht anders sein, als daß sie ihnen willkürlich, zusammenhanglos, vielleicht auch ungerecht und unangebracht vorkommen. Heute seid ihr gegen diese armen Kleinen unvernünftig in eurer Forderung, von einer unerbittlichen Strenge, morgen laßt ihr alles durchgehen. Ihr beginnt damit, ihnen eine Kleinigkeit abzuschlagen, die ihr einen Augenblick nachher, müde von ihrem Weinen oder ihrem Trotz, ihnen gewährt, um zu verhüten, daß die Sache dann mit einer Szene endet, die euch auf die Nerven geht. Warum versteht ihr denn nicht, Herr zu sein über die Stimmungen eures Herzens, eure Phantasie zu zügeln, euch selbst zu beherrschen, da ihr doch die Absicht und die Sorge habt, eure Kinder zu regieren? Wenn es euch bisweilen scheint, daß ihr nicht ganz Herr seid über euch selbst, dann verschiebt auf später, auf eine gelegenere Stunde, den Tadel, den ihr anbringen wollt, die Strafe, die ihr glaubt verhängen zu müssen. In der versöhnlichen und ruhigen Festigkeit eures Geistes werden euer Wort und eure Strafe eine ganz andere Wirkung, eine mehr erzieherische und gebieterische Kraft haben als beim Ausbruch einer unbeherrschten Leidenschaft.

Vergeßt nicht, daß die Kinder, auch sehr kleine, ganz Ohr sind im Aufpassen und Beobachten und unverzüglich den Wechsel eurer Stimmung bemerken. Von der Wiege an, kaum daß sie so weit sind, die Mutter von jeder anderen Frau unterscheiden zu können, werden sie schnell merken, welche Gewalt über schwache Eltern ein Eigen­sinn oder ein Tränenausbruch hat, und sie werden sich in ihrer kindlichen Boshaftigkeit nicht scheuen, sie zu miß­brauchen. Hütet euch darum vor allem, was eure Autori­tät bei ihnen mindern könnte! Hütet euch davor, diese Autorität zu zerstören durch die Spielereien ständiger, unausgesetzter Ermahnungen und Zurechtweisungen, die ihnen schließlich lästig fallen; sie werden sie anhören, aber nicht ernst nehmen. Hütet euch davor, eure Kinder zu täuschen oder zu hintergehen mit Gründen oder Erklä­rungen, die auf schwachen Füßen stehen oder unwahr sind und leichthin abgegeben werden, um euch aus der Verlegenheit zu ziehen und lästige Fragen abzuwehren. Wenn es euch nicht gut scheint, ihnen die wirklichen Gründe einer Anordnung oder einer Tatsache auseinander­zusetzen, dann wird es heilsamer sein, euch auf ihr Ver­trauen zu euch, auf ihre Liebe zu euch zu berufen. Fälscht die Wahrheit nicht, allenfalls verschweigt sie ihnen. Ihr ahnt vielleicht gar nicht, welche Verwirrungen und welche Krisen eines Tages in jenen jungen Seelen entstehen, wenn sie merken, daß man ihre natürliche Gutgläubigkeit miß­braucht hat. Hütet euch davor, durchblicken zu lassen, daß ihr nicht eins seid untereinander und verschieden denkt über die Art, eure Kinder erzieherisch zu behandeln: sie würden dann recht bald darauf ausgehen, die Autorität der Mutter gegen die des Vaters oder die des Vaters gegen die der Mutter auszuspielen, und sie würden nur schwer der Versuchung widerstehen, eine solche Uneinigkeit auszunutzen für die Befriedigung all ihrer Einfälle. Hütet euch endlich davor, darauf zu warten, daß eure Kinder heranwachsen, um über sie gut und ruhig, zugleich aber fest und kraftvoll eure Autorität auszuüben, die vor keinem Tränenstrom oder keiner Trotzszene zurückweicht! Schon von klein auf, von der Wiege an, mit dem Auf­dämmern ihrer kindlichen Vernunft, sollen sie liebevolle und zarte, aber auch weise und kluge Hände über sich erfahren und spüren.

Autorität ohne Schwäche sei die eure, aber eine Autorität, die aus der Liebe kommt und ganz von der Liebe durch­drungen und getragen ist. Ihr sollt die ersten Lehrer und die ersten Freunde eurer Kinder sein. Wenn wirklich Vater- und Mutterliebe — das heißt eine in jeder Hinsicht christliche und nicht eine mehr oder weniger selbstsüchtige Liebe — eure Befehle lenken, dann werden eure Kinder davon berührt und ihnen nachkommen aus tiefstem Her­zen, ohne daß es vieler Worte bedarf; denn die Sprache der Liebe ist beredter in schweigendem Tun als im Laut der Lippen. Tausend kleine unmerkliche Zeichen, ein Wechsel im Ton, eine unauffällige Geste, ein flüchtiger Ausdruck im Gesicht, ein Zeichen der Zustimmung offenbaren ihnen besser als alle Beteuerungen, wieviel Liebe hinter einem Verbot steht, das sie betrübt, wieviel Wohlwollen sich verbirgt in einer Ermahnung, die ihnen lästig vorkommt, und so wird das Wort der elterlichen Autorität ihnen nicht wie ein lastendes Gewicht oder wie ein verhaßtes Joch erscheinen, das man möglichst bald abschütteln muß, sondern als die höchste Offenbarung eurer Liebe. Und wird mit der Liebe nicht das Beispiel zusammengehen? Wie sollen die Kleinen, die von Natur aus bereitwillige Nachahmer sind, gehorchen lernen, wenn sie sehen, daß in allem die Mutter tut, was den Anord­nungen des Vaters entgegen ist, ja sogar über ihn sich beklagt; wenn sie innerhalb der häuslichen Wände ständig ehrfurchtlose Kritiken über jede Autorität hören; wenn sie merken, daß ihre Eltern die ersten sind, die das nicht tun, was Gott und die Kirche gebieten? Wenn sie aber einen Vater und eine Mutter vor Augen haben, die in ihrer Art zu sprechen und zu handeln das Beispiel der Achtung vor den rechtmäßigen Obrigkeiten und der ständigen Pflichttreue geben; von einem so erbaulichen Bild werden sie mit größerem Erfolg als von einer ein­studierten Ermahnung lernen, was wahrer christlicher Gehorsam ist und wie sie selbst ihn gegen ihre Eltern betätigen können. Seid überzeugt, … daß das gute Bei­spiel das kostbarste Erbe ist, das ihr euren Kindern schenken und hinterlassen könnt! Es ist der unvergäng­liche Anblick eines Schatzes von Werken und Taten, von Worten und Ratschlägen, von frommen Betätigungen und tugendhaften Schritten, der stets lebendig haften wird in ihrem Gedächtnis als eine der eindrucksvollsten und teuersten Erinnerungen, die eure Person in ihnen lebendig machen wird, in den Stunden des Zweifels und Schwan­kens zwischen Gut und Bös, zwischen Gefahr und Sieg. In trüben Augenblicken, wenn der Himmel sich ver­dunkelt, werdet ihr ihnen wieder in einem Licht erscheinen, das ihren Weg erhellen und leiten wird in Erinnerung an jenen Weg, den ihr schon gegangen seid und der angefüllt ist mit jener Arbeit und Mühe, die das Unterpfand des irdischen und himmlischen Glückes sind. Ist das vielleicht ein Traum? Nein, das Leben, das ihr mit eurer Familie beginnt, ist kein Traum, es ist ein Weg, den ihr geht, umkleidet mit einer Würde und Autorität, die eine Schule und Lehrzeit sein soll für die Nachkommen, die eures Blutes sind.

Möge der himmlische Vater, der euch berufen hat zur Teilnahme an der Größe seiner Vaterschaft und auch seine Autorität euch übertragen hat, euch die Gnade geben, sie in seiner Nachahmung weise und liebevoll auszuüben.“ 9

9 Rede vom 24. September 1941 (Z. S. 228 ff. — vgl. Ideal, S. 201 ff.).

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Quelle: Eigener Scan mit Textaufbereitung aus meinem persönlichen Buch-Exemplar:

Pius XII. – Ruf an die Frau – Aus den Rundschreiben, Ansprachen, Briefen und Konstitutionen des Heiligen Vaters – Zusammengestellt von Dr. Käthe Seibel-Royer. – Mit einem Vorwort von Dr. Josef Schoiswohl, Bischof von Graz-Seckau – Verlag Styria, Erste Auflage 1955

RUF AN DIE FRAU: DIE FRAU ALS GATTIN

Wenn wir darangehen, einen Überblick über das zu ge­winnen, was Papst Pius XII. der Frau zu sagen hat, so ist es ganz selbstverständlich, daß wir dort beginnen, wo nach Gottes Willen, nach der physischen und seelischen Struktur der Frau ihre Hauptaufgabe liegt: in der Ehe.

Da der Papst es für überaus wichtig hält, daß junge Men­schen, die sich das Sakrament der Ehe spenden wollen, sich über die Bedeutung ihres neuen Standes klar werden, hat er es selbst vom Beginn seines Pontifikats an über­nommen, durch Ansprachen an Neuvermählte die wesent­lichen Fragen des Ehelebens vor ihnen zu besprechen. Pius XII. setzt damit eine Einrichtung fort, die sein von ihm so sehr verehrter Vorgänger, Papst Pius XI., einge­führt hatte, Jungvermählte, die den kirchlichen Trauschein vorweisen konnten, in Audienz zu empfangen. Bei dieser Gelegenheit hält er ihnen kurze Ansprachen, die sich in ihrem Inhalt keineswegs wiederholen, sondern die fort­laufend, von den verschiedensten Gelegenheiten und Ge­sichtspunkten ausgehend, eine Erziehung zur Ehe geben.

Der Papst betrachtet diese Aufgabe als eine sei­ner wichtigsten und liebsten Pflichten. Am 15. Jänner 1941 sagte er bei einem solchen Empfang: „Bei den zahllosen Sorgen und Verantwortungen, die auf Uns lasten, seitdem die göttliche Vorsehung Uns in so schwerer Zeit zur Lei­tung der Kirche berief, gewährt Uns der Herr zur Erleich­terung Unserer Last einen herrlichen Trost in diesen Audienzen, in denen es Uns vergönnt ist, in einer milde­ren Luft zu atmen und Uns ganz als Vater zu fühlen, der seine Kinder empfängt und in ihrem Kreise sein Herz öffnet und es zwanglos vor ihnen ausschüttet. Aber zu den Audienzen, die Uns besonders lieb und angenehm sind, rechnen Wir gern jene, in denen die Scharen der Neuvermählten um Uns sich versammelt.“ 1

Daß Papst Pius XII. seine Ansprachen in diesen Audienzen nicht nur auf den Kreis der Anwesenden be­schränkt wissen will, geht daraus hervor, daß er sehr oft die Ausführungen eines bestimmten Themas in mehreren Abschnitten behandelt, so daß die folgende Mittwoch-Audienz die Fortsetzung der Ansprache der vorhergehen­den bringt. Er weist selbst einmal darauf hin, in seiner Rede vom 27. Jänner 1943, wo er die Worte spricht: „Von diesen Tugenden werden Wir zu den Jungvermählten sprechen, die nach euch kommen und christlich sind wie ihr. Wir hoffen, daß ihr diese Unsere Mahnungen lest; Wir vertrauen auch darauf, daß sie nicht ohne Nutzen auch von rechtschaffenen und edeldenkenden Seelen ge­lesen werden, die nicht wie ihr das Glück haben, dieses göttliche Leben zu besitzen.“ 2

Es ist unsere erste Aufgabe, aus den Papstreden das Bild der Frau als Gattin zu gewinnen, so wie Pius XII. sie sehen möchte. Drei Hauptthemen sind es, die ihm am Herzen liegen: Die Auffassung der Ehe als Sakrament,

1 Die Reden des Heiligen Vaters an Braut- und Eheleute wurden im Rex-Verlag, Luzern, veröffentlicht, und zwar die Reden 1939 bis 1941 unter dem Titel „Das Ideal der christlichen Ehe“ (2. Aufl. 1946), die Reden 1942 unter dem Titel „Eheleben und Familien­glück“ (z. Aufl. 1948). Ferner brachte der Verlag Josef Habbel, Regensburg, eine Ausgabe von 41 Ansprachen des Papstes an Neu­vermählte aus den ersten fünf Jahren seines Pontifikats nach dem Text des „Osservatore Romano“ heraus, die von DDr. Friedrich Zimmermann übersetzt und eingeleitet worden sind. Die kurzen Ansprachen an Jungvermählte werden in dem inoffiziellen Blatt des Vatikans veröffentlicht, nicht in den Apostolischen Akten. Im folgenden wurden mit freundlicher Genehmigung der Verlage die beiden Ausgaben herangezogen — „Ansprachen Pius‘ XII. an Neu­vermählte“, übersetzt und eingeleitet von DDr. Friedrich Zimmer­mann; Verlag Habbel, Regensburg 1953, S. 125. (Wir zitieren kurz mit Z.)

2 Z. a. a. 0. S. 197.

die Beziehung der Gatten zueinander, ihre Anpassung und die äußere und innere Treue im Eheleben.

In einer Anrede vom 15. Jänner 1941 spricht der Heilige Vater von der Sonderstellung, die Gott der Ehe neben dem Priesteramt gab.

„Die Ordensprofeß, so sagen Wir, ist kein Sakrament. Indes auch die bescheidenste Eheschließung, die in einem armen und abgelegenen Landkirchlein oder in einer armen und schmucklosen Kapelle eines Arbeiterviertels stattfin­det, die Trauung zweier Verlobten, die unmittelbar nach­her wieder an die Arbeit gehen müssen, vor einem ein­fachen Priester, im Beisein nur weniger Verwandter und Freunde, diese Feier ohne äußeren Schmuck und Prunk steht in ihrer sakramentalen Würde unmittelbar neben dem Glanz einer feierlichen Priester- oder Bischofsweihe, die in einer herrlichen Kathedrale im Beisein vieler Prie­ster und Gläubigen, des Diözesanbischofs selbst, der mit der ganzen Pracht der bischöflichen Gewänder geschmückt ist, stattfindet. Die Priesterweihe und Ehe, das wißt ihr wohl, krönen und vollenden die Siebenzahl der Sakra­mente.“ 3 „Das Sakrament der Ehe macht aus der Ehe selbst ein Mittel gegenseitiger Heiligung für die Eheleute und eine unerschöpfliche Quelle übernatürlicher Hilfen; es macht ihre Vereinigung zu einem Abbild jener zwi­schen Christus und der Kirche; macht die Eheleute selbst zu Mitarbeitern am Schöpfungswerke des Vaters, am Er­lösungswerke des Sohnes und am Erziehungswerke des Heiligen Geistes.“ 4 „Das heilige Versprechen, das ihr, liebe Brautleute, an den Stufen des Altares vor dem Prie­ster einander gegeben habt, hat eure innige Freude gekrönt und eure Herzen und eure Lebenswege in eins verschmol­zen. Auf dieses Versprechen hat Gottes Stellvertreter da­durch geantwortet, daß er die Früchte des himmlischen Segens auf euch herabrief: auf euch selber, auf das unlös­liche Band eurer Ehe, auf euer neues Heim, das eines

3 Z. a. a. 0. S. 126 (vgl. Das Ideal der christlichen Ehe, S. 120).

4 Rede vom 19. 6. 1940 (Z. S. 40. — vgl. Das Ideal … S. 76).

Tages Kinder ,gleich den Schößlingen des Ölbaumes‘ um den Tisch in Freude füllen sollen. In jenem Augenblick habt ihr es verspürt, wie eure Herzen zusammenschlugen, wie eure Seelen und euer Wille in eins verwuchsen, wie sich eure Glücksträume erfüllten; ihr habt es verspürt, wie der Himmel eurer Zukunft sich aufhellte im Lichtglanz der heiligen Kirche . . . Und doch, so fruchtbar an gött­lichen Gnaden der Segen des Priesters und des Stellver­treters Christi sein mögen, nicht sie bilden den Haupt­quell der Gnadengeschenke Gottes, die euch auf eurem Lebenswege führen und aufrichten sollen. Hoch über jedem Segen, der da im Namen des Herrn erteilt wird, erhebt sich das Sakrament, das ihr empfangen habt; denn in ihm hat Gott unmittelbar auf eure Seele eingewirkt und sie geheiligt und gefestigt für die neuen Aufgaben, die eurer harren. Oder wißt ihr nicht, daß in jedem Sakrament der Spender nur ein Werkzeug ist in Gottes Hand? .. . Daher kommt es denn, daß Gott die Haupt­ursache ist, die durch eigene Kraft wirkt, indes der Die­ner oder Stellvertreter nur werkzeugliche Ursache ist und in der Kraft Gottes wirkt .. . Der Priester vertritt dabei die Kirche als befugter Zeuge und vollzieht die heiligen Zeremonien, die den Ehevertrag begleiten. Jedoch Spen­der des Sakramentes seid, der Anordnung Gottes gemäß, ihr selber in Gegenwart eines Priesters. Eurer hat Gott sich bedient, um euch in unlösbarer Gemeinschaft anein­anderzubinden und in eure Seelen die Gnaden einzugie­ßen, die euch standhaft und treu euren neuen Pflichten gegenüber machen sollen . . . Ja, Gott hat euch zu großer Ehre und Würde erhoben! Und scheint es nicht, als wolle der Herr euch gleich vom ersten Schritte an, den ihr, ge­stärkt mit dem priesterlichen Segen, vom heiligen Altare weg tut, zu seinen neuen und bleibenden Mitarbeitern machen, in jedem Dienst, zu dem er euch den Weg eröff­net und geheiligt hat? Im Sakrament der Ehe war es eine äußere Handlung, die auf euch die göttliche Gnade her­abgezogen hat: die gegenseitige Hingabe und Hinnahme der Personen und die in Worten kundgegebene Einwilli­gung. — In eurem ehelichen Leben werdet ihr Werkzeuge des göttlichen Künstlers sein, wenn er den stofflichen Leib eurer Kinder formt. Ihr werdet in das Fleisch von eurem Fleische eine geistige und unsterbliche Seele herab­rufen. Auf eure Bitte hin wird Gott sie erschaffen, er, der auf das Zeichen des Sakramentes hin getreulich die Gnade bewirkt hat.“ 5

In einer Betrachtung über „die Erhebung der bräutlichen Liebe in die Welt der Gnade“ gebrauchte Pius XII. die schönen Worte: „Die Liebe des christlichen Gatten für seine Gattin nimmt teil an diesen göttlichen Mitteilungen, wenn nach dem ausdrücklichen Willen des Schöpfers Mann und Frau eine Wohnung für die Seele bereiten, in der der Heilige Geist mit seiner Gnade woh­nen wird. So sind die Ehegatten in der ihnen von der Vorsehung übertragenen Aufgabe recht eigentlich die Mitarbeiter Gottes und seines Christus; ihre Werke selbst haben etwas Göttliches, auch darin können sie genannt werden ‚teilhaftig der göttlichen Natur‘.“ 6

In der Einheit der Ehe ist ihre Unauflöslichkeit begrün­det. „Die Ehe gründet zwar auf einer Neigung der Natur, aber sie entsteht doch nicht mit naturgesetzlicher Not­wendigkeit. Sie kommt vielmehr zustande durch den freien Willen. Doch kann der freie Wille der Vertrag­schließenden das Band nur eingehen, nicht aber es wieder lösen.“ 7

Wegen der Heiligkeit und Unauflöslichkeit der Ehe warnt der Papst vor übereilter Eheschließung. Die beiden Menschen sollen sich Zeit nehmen, sich gut kennen­zulernen. „Angesichts eurer neuen Pflichten, eurer neuen

5 Stellen aus der Rede vom S. März 1941. Pius XII., Das Ideal der christlichen Ehe, S. 143 ff. (ab jetzt zitieren wir kurz „Ideal“).

6 Rede vom 23. Oktober 1940 (Z. S. 98. — vgl. Ideal, S. 107).

7 Rede vom 22. April 1942 (Pius XII., Eheleben und Familienglück, S. 101. — Ab jetzt zitieren wir „Eheleben“).

Verantwortungen reicht eine rein äußere Verbindung eures Lebens nicht aus, um die Herzen in jenes lebendige Verhältnis zu bringen, das der Aufgabe entspricht, die Gott euch anvertraut hat, als er euch anregte, eine Familie zu gründen, so daß ihr im Segen des Herrn bleibt, in sei­nem Willen verharrt und in seiner Liebe lebt. In der Liebe Gottes leben bedeutet für euch, in der Liebe zu ihm eure gegenseitige Liebe erhöhen, die nicht nur Wohl­wollen sein will, sondern jene erhabene eheliche Freund­schaft zweier Herzen, die gegenseitig sich öffnen, indem sie dasselbe wollen und dasselbe nicht wollen und immer inniger sich durch die Liebe verbinden, von der sie ge­tragen und beseelt sind. Wenn ihr euch gegenseitig stüt­zen und die Hand reichen und euch unter die Arme grei­fen müßt, um die leiblichen Bedürfnisse des Lebens zu befriedigen, der eine als Führer der Familie, der durch seine Arbeit die notwendigen Mittel zu ihrem Unterhalt sichert, die andere, indem sie wacht und sorgt für alles im inneren Familienkreis, dann ist es noch notwendiger, daß ihr euch gegenseitig ergänzt, euch stützt und in wechsel­seitiger Hilfe zusammensteht, um den sittlichen und gei­stigen Notwendigkeiten eurer Seelen zu genügen und derer, die Gott eurer Sorge anvertrauen will, der Seelen eurer lieben Kleinen. Wie könntet ihr nun euch eine solche gegenseitige Stütze und Hilfe bieten, wenn eure Seelen einander fremd blieben, indem jede eifersüchtig ihre eigenen Geheimnisse im Geschäft, in der Erziehung und der Beisteuer zum gemeinsamen Leben für sich be­hielte? Seid ihr nicht wie zwei Bäche, die aus dem Quellgrund zweier christlicher Familien fließen und durch das Tal der menschlichen Gesellschaft laufen, um ihre klaren Wasser zu vereinigen und den Garten der Kirche zu be­fruchten?“8

Eine der schönsten Ansprachen an Neuvermählte ist die vom 12. November 1941 über das gegenseitige

8 Rede vom 12. November 1941 (Z. S. 110. — vgl. Ideal, S. 217 f.).

Vertrauen, „den gegenseitigen Herzensaustausch“, den er „eine Vorbedingung, ein Element, ja sogar eine Nah­rung“ ihres Glückes nennt. Es dürfe nicht sein, daß die Gatten „ihr Herz voreinander verschließen, in ihrem Zusammenleben einander fast fremd bleiben und Unbegreif­lichkeiten und Mißverständnisse aufkommen und wachsen lassen, die nach und nach ihre Gemeinschaft trüben und verringern und nicht selten sie auf den Weg trauriger Katastrophen führen … Bisweilen mag es jene Form an­geborener Schüchternheit sein, die macht, daß einige Männer und Frauen einen angeborenen Widerwillen füh­len, ihre innersten Gefühle zu offenbaren und anderen mitzuteilen; ein anderer Grund wird ein Mangel an Schlichtheit sein, der aus einer Eitelkeit und einem geheimen, vielleicht unbewußten Stolz kommt; in anderen Fällen hat eine mangelhafte, allzu strenge und oft äußer­liche Erziehung die Seele daran gewöhnt, sich auf sich zurückzuziehen, sich nicht zu eröffnen und keinem den Zutritt zu gestatten, aus Furcht, sie könne in ihrem Inner­sten und Tiefsten getroffen werden.“ 9

Selbstverständlich anerkennt Pius XII. wohl die Schranken, die durch das Berufsgeheimnis gezogen sind, selbst dem anderen Ehepartner gegenüber, von dem er dann Vertrauen und Achtung vor einer solchen Haltung erwartet; ja, er geht noch weiter in seinem tiefen Ein­fühlungsvermögen und seiner Erfahrung, wie aus dem folgenden Gedankengang hervorgeht: „Denkt daran, daß in der Ehe eure Persönlichkeit und Verantwortung nicht aufgehoben werden. Aber auch in dem, was euch persönlich angeht, kann es der Fall sein, daß vertrauliche Mitteilungen ohne Nutzen und nicht ohne Gefahr gemacht würden, daß sie der ehelichen Gemeinschaft Schaden brächten und Verwirrung stifteten, anstatt sie enger, fester und froher zu machen. Ein Gatte und eine Gattin sind keine Beichtväter; die Beichtväter findet ihr in den Kir‑

9 Rede vom 12. November 1941 (Z. S. 109. — vgl. Ideal, S. 216 f.).

chen, im Bußgericht, da, wo sie durch ihren priesterlichen Charakter in eine das Familienleben überragende Sphäre erhoben sind.“ 10

Eine echte Frau wird aus sich heraus das Empfin­den und die Klugheit besitzen, im gegebenen Falle ohne äußere Beratung von dritter Seite genau zu wissen, wann Sprechen und wann Schweigen am Platze ist. Allerdings ist die Vorbedingung für solch rechtes Verhalten die Liebe zum Manne und der unbedingte Wille, sich selbst zurück­zustellen, wenn der Frieden der kleinen Gemeinschaft sonst gefährdet wäre. Die ungeordnete Selbstliebe, die Selbstsucht nennt Pius XII. die größten Feinde der Ehe. Er warnt immer wieder davor, da letztere fähig ist, mit ihren „kleinen Grausamkeiten“ immer wieder zu ver­letzten, so daß es zu kleinen Rissen kommt. „Oft war die Liebe während der Brautzeit blind; man sah die Fehler nicht oder sie erschienen sogar als Vorzüge. Aber die Eigenliebe ist ganz Auge, sie beobachtet und bemerkt, auch wenn sie in keiner Weise darunter zu leiden hat, die geringsten Unvollkommenheiten, die harmlosesten Eigen­heiten des einen oder der anderen. Wenn sie ihr auch nur ein wenig mißfallen oder ihr einfach Ärger verursachen, macht sie alsbald Aufhebens davon mit einem sanft ironischen Blick, mit einem leicht verletzenden Wort, vielleicht mit einer flüchtigen Anspielung in Gegenwart anderer. Sie selbst ahnt am wenigsten den Pfeil, der trifft, die Wunde, die schmerzt, während sie ihrerseits darüber aufgebracht wird, wenn die anderen, auch ohne etwas zu sagen, auf ihre Fehler aufmerksam werden, die ihnen so sehr auf die Nerven gehen. Ist es noch ein einfacher Riß? Gewiß nicht jenes feine gütige Verhalten nach dem Bei­spiel des Herzens Jesu, das durch Lieben und Ertragen so vieles bei uns nachsieht. Wenn die Selbstsucht nur auf der einen Seite herrscht, so bleibt das Herz des anderen im stillen verletzt in seiner tiefen und nachgiebigen Tugend;

10 Rede vom 12. November 1941 (Z. S. 111. — vgl. Ideal, S. 219).

aber wenn die Selbstsucht auf beiden Seiten sich aufbläht und gegenübertritt, seht, dann ist die tragische Feind­seligkeit da!“ 11

Um den Bruch zu vermeiden, sollen die Ehegatten in Ver­bindung mit Gott tätige Liebe und Opferbereitschaft üben, geduldig bleiben, sich gegenseitig ertragen lernen und für die Schwächen und Fehler Verzeihung finden. „Die wahre und tiefe Liebe muß beim einen wie beim anderen sich stärker erweisen als Ermüdung und Ärger, stärker als der Wechsel der Zeit und der Jahreszeiten, stärker als der Wandel der persönlichen Stimmungen und die Über­raschung von plötzlichem Mißgeschick.“ 12

„Und wieviel Seelenstärke fordert oft dieses täg­liche Leben selbst, wenn man jeden Morgen zu denselben Arbeiten zurückkehren muß, die vielleicht grob und in ihrer Eintönigkeit lästig sind, wenn man so gut wie möglich mit einem Lächeln auf den Lippen lieb und froh die gegenseitigen Fehler ertragen muß, die immer be­stehenden Gegensätze, die kleinen Verschiedenheiten in Geschmack, Lebensgewohnheiten und Denkart, die das gemeinsame Leben nicht selten mit sich bringt; wenn man bei geringfügigen, oft unvermeidlichen Schwierigkeiten und Vorkommnissen sich nicht verwirren lassen darf und die Ruhe und die gute Laune bewahren muß, wenn bei einer kühlen Begegnung die Kunst zu schweigen helfen muß, das Klagen rechtzeitig zu unterdrücken, das Wort zu ändern und zu mildern, das zwar, wenn man ihm freien Lauf ließe, den erregten Nerven Entspannung bringen, aber eine dichte Wolke in der Atmosphäre der häuslichen Wände ausbreiten würde! Tausend kleine Dinge, tausend flüchtige Augenblicke des täglichen Lebens, die für sich allein wohl nichts bedeuten und fast ein Nichts sind, aber in ihrer Summierung und ihrem Zusammenhang schließ­lich so ernst werden können, und mit denen doch großen‑

11 Rede vom 8. Juli 1942 (Z. S. 186 f. — vgl. Eheleben, S. 136/37).

12 Rede vom 8. April 1942 (Z. S. 149. — vgl. Eheleben, S. 86).

teils der Friede und die Freude eines Heimes im gegen­seitigen Sichertragen verknüpft und verbunden ist.“ 13

Der Papst verlangt die Zusammenarbeit der Ehe­gatten; der Wille, das herzliche Bemühen darf nicht fehlen noch nachlassen. Sie müssen die Erkenntnis gewinnen, daß „wer in die Ehe tritt mit dem Anspruch, die persönliche Freiheit mit hineinzubringen und eifersüchtig zu behaup­ten, aber nichts von der eigenen persönlichen Freiheit opfern will, schlimmen Konflikten entgegengehe.“ 14 Der Wille zur Mitarbeit muß vorhanden sein, „man muß diese Mitarbeit wollen und suchen, man muß gern zusammen­arbeiten, ohne darauf zu achten, was geboten oder ver­langt oder auferlegt wird; man muß vorangehen, die ersten Schritte tun können, wenn es notwendig ist, um tatsächlich den Anfang damit zu machen, man muß zur Not lebhaft die Fortsetzung dieser ersten Schritte wünschen und dabei mit wachsamer und angestrengter Sorge ausharren, um einen Weg zu finden, die Tätigkeiten beider wirklich mit­einander zu verbinden. Man darf nicht mutlos werden noch Ungeduld zeigen, wenn eine Mitwirkung oder Hilfe nicht genügend zu sein oder in keinem rechten Verhältnis zu den eigenen Anstrengungen zu stehen scheint, sondern muß immer entschlossen sein, nie einen Preis für zu hoch anzusehen, der eine so wünschenswerte unerläßliche und nützliche Eintracht in der Zusammenarbeit und im Streben nach dem Wohl der Familie erzielen kann. Herzliches Bemühen, mitzuarbeiten! Jenen Eifer meinen Wir, den man nicht aus Büchern lernt, sondern den das Herz lehrt, das die tätige Gemeinschaft und Zusammenarbeit in der Leitung und im Ablauf des häuslichen Lebens liebt; jenen Eifer, der gegenseitige Liebe, beiderseitiges Bemühen und Sorge für das gemeinsame Nest ist; jenen Eifer, der auf­merkt, um zu lernen, der lernt, um zu tun, der tut, um dem anderen die Hand zu reichen; kurz jenen Eifer, der für die Ehe eine langsame und gegenseitige Bildung und

13 Rede vom 2o. August 1941 (Z. S. 138 f, — vgl. Ideal, S. 183/84).

14 Rede vom 18. März 1942 (Z. S. 121. — vgl. Eheleben S. 56).

Erziehung ist, die zwei Seelen brauchen, welche zu einer engen und wirklichen Mitarbeit gelangen wollen. Wenn vor dem gemeinschaftlichen Leben unter einem und dem­selben Dach jede der beiden Seelen ihre eigenen Tage gelebt und sich für sich selbst gebildet hat, wenn beide aus Familien kommen, die nie ganz gleich sind, mögen sie sich auch noch so sehr gleichen, wenn also jede ins gemein­same Heim Eigenarten des Denkens, Fühlens, Handelns und Verkehrens hineinbringt, die anfangs nie in voller und ganzer Harmonie untereinander stehen, dann seht ihr wohl, daß man, um sich in der Mitarbeit zu verständigen, sich vor allem gegenseitig gründlicher kennenlernen muß, als dies während der Brautzeit möglich gewesen ist; daß man Tugenden und Fehler, Gaben und Mängel von Fall zu Fall merken und unterscheiden muß, nicht mehr, um Kritiken und Streitigkeiten heraufzubeschwören oder nur, um die Flecken am Lebensgefährten oder an der Lebens­gefährtin zu sehen, sondern um sich klar darüber zu werden, was man davon erwarten, was man vielleicht dazu wird ergänzen oder ausgleichen müssen. Wenn einmal der Weg bekannt ist, auf dem die Regelung des Persönlichen erfolgen muß, dann wird bereitwillig die Arbeit ein­setzen, Gedanken und Gewohnheiten zu ändern, anzu­passen und untereinander in übereinstimmung zu brin­gen.“15

Ernst warnt Papst Pius XII. in einer Ansprache vom November 1942 vor einer „Klippe“ des Eheglücks, die in der ersten Zeit der Ehe besonders leicht der Frau zum Verhängnis werden kann. Er spricht von dem Leicht­sinn, der manche Frau dazu verführt, nun als Verheiratete allzu viele Schranken übersteigen zu wollen und alles, was ihr im behüteten Elternhaus verwehrt war, jetzt als ver­heiratete Frau kennenlernen zu wollen. „War schon ihr Mädchenleben weltlich und ausgelassen, so wird sie sich glücklich schätzen, nun auf anständige Weise, wie sie meint

15 Rede vom 18. März 3942 (Z. S. 121-123. — vgl. Eheleben, S. 5759).

— sie ist ja in Begleitung ihres Mannes —, auch das bißchen Zurückhaltung noch abzuwerfen, das ihr jugend­liches Alter ihr bis dahin auferlegt hatte.“ 16 Jedes Ver­gnügen glaubt sie sich erlaubt und jede Lektüre. In vielen späteren großen Reden warnt Pius XII. vor dem verderb­lichen Einfluß, den das Theater, der Film und viele Bücher in unserer Zeit ausüben, vor allem in den Ansprachen an die weibliche Jugend. Der jungen Ehefrau sagt er die Worte: „Jene Romane erzählen so viel von Untreue, von Schuld, von unerlaubten und hemmungslosen Leiden­schaften. Da geschieht es denn nicht selten, daß die Liebe zweier Gatten dadurch etwas verliert von ihrer Reinheit, ihrem Adel und ihrer Heiligkeit; daß die christliche Wertung und der christliche Begriff der Liebe verfälscht werden; daß diese sich in eine rein sinnliche und irdische Liebe verwandelt, die die hohen Zwecke einer gott­gesegneten Ehe vergißt.“17

Auch möge die junge Ehefrau sich nicht durch die Liebe, wie sie in den Romanen beschrieben wird, der Wirklich­keit entfremden. „Wer gewohnheitsmäßig Romane liest und an romanhaften Bühnenspielen sich ergötzt — mögen sie auch nicht direkt unsittlich oder anstößig sein —, dessen Gefühl, Herz und Phantasie gleiten oft in die Atmosphäre eines vorgetäuschten wirklichkeitsfremden Lebens hin­ein.“ 18 „Das tatsächliche Leben bekommt ja seinen wahren Wert und seine herbe Schönheit von der Arbeit, dem Opfer, der wachsamen Aufmerksamkeit und sorgenden Umsicht für eine gesunde und eine zahlreiche Familie. Aber gerade dieses Salz der Weisheit, das dem wahren Leben seinen Geschmack verleiht, geht auf jene Weise verloren.“ 19

Wir hören in diesen Ansprachen an Jungver­mählte aber keineswegs nur immer den mahnenden Vater,

16 Rede vom 4. November 1942 (Eheleben, S. 229.)

17 Ebendas. S. 230.

18 Ebendas. S. 230/31.

19 Ebendas. S. 231.

sondern der Papst gibt so viele schöne Beweise für seine Gesamtschau, wie er die Frau im Eheleben sieht, daß sich daraus ganz klar ein leuchtendes Spiegelbild der echten Frau herauskristallisiert. In mehreren Anreden nennt Pius XII. die Frau „die Sonne des Hauses“. „Innerhalb der häuslichen vier Wände seid ihr glücklich; da seht ihr nichts von Nebeln, eure Familie hat ja eine eigene Sonne: die Gattin. .. . Sie wird zur Sonne durch ihre Großmut und Hingabe, durch ihre immerwährende Bereitschaft, durch ihre wache Feinfühligkeit, mit der sie genau errät, was dem Gatten und den Kindern das Leben froh macht. Rund um sich verbreitet sie Licht und Wärme. Man pflegt zu sagen, eine Ehe sei dann glückverheißend, wenn keiner der Gatten sie eingeht, um sich selbst, sondern jeder nur, um den anderen glücklich zu machen. Ziemen nun so edles Fühlen und solch reine Absicht auch beiden Gatten, so ist es doch vorzüglich die Tugend der Frau. Die Frau besitzt ja von Geburt aus das warme Schlagen und Empfinden eines Mutterherzens; ein solches Herz mag Bitterkeit empfangen: es will doch nichts als Freude geben; es mag Verdemütigung erfahren: es will doch nichts als Ehre und Achtung erweisen. Es gleicht der Sonne, die die Morgennebel mit ihrem Frühlicht verklärt und die Abendwolken mit ihren Abschiedsstrahlen vergoldet.

Die Gattin ist die Sonne der Familie durch die Klarheit ihres Auges und durch die Wärme ihres Wor­tes … Ein Licht geht aus von der Gattin Auge, tausend­fach leuchtend in einem einzigen Strahl, und ein Wohl­laut von ihren Lippen, tausendfach ergreifend in einem einzigen Klang. Es sind Strahlen und Klänge, die dem Mutterherzen entströmen, es sind die Strahlen und Klänge, die die Kinderjahre zum lebendigen Paradies machen …

Die Gattin ist die Sonne der Familie durch ihre reine Natürlichkeit, durch ihre würdevolle Schlichtheit und durch ihren christlichen und ehrbaren Liebreiz. Dieser offenbart sich sowohl in der Sammlung und Rechtschaffenheit des Geistes wie in der feinen Harmonie ihres Benehmens und ihrer Kleidung, ihres Schmuckes und ihres Auftretens, das zurückhaltend und gewinnend zu­gleich ist. Zartes Fühlen, anmutig sprechendes Mienen­spiel, ungekünsteltes Schweigen und Lächeln, beifälliges Nicken des Kopfes geben ihr den Liebreiz einer erlesenen und doch einfachen Blume, die ihre Blütenkrone öffnet, um die Farben der Sonne aufzunehmen und widerzu­strahlen . . . Was geschieht aber, wenn der Familie diese Sonne genommen ist? Wenn die Gattin immerfort und bei jeder Gelegenheit auch in den intimsten Beziehungen unmißverständlich zu merken gibt, wie viele Opfer das eheliche Leben sie kostet. Wo bleibt ihre liebevolle Güte, wenn überspitzte Härte in der Erziehung und Gereiztheit und Kälte in Blick und Wort in den Kindern das glück­liche Gefühl, bei der Mutter sei Freude und Trost zu finden, ersticken? Wenn sie nichts anderes tut, als mit harter Stimme, mit Klagen und Vorwürfen das traute Zu­sammenleben im Familienkreise in unseliger Weise zu zer­stören und zu verbittern? Wo bleibt jene großmütige Fein­fühligkeit und jene zarte Liebe, wenn sie — anstatt mit natürlicher und umsichtiger Schlichtheit eine Atmosphäre angenehmer Ruhe im Hause und Heim zu schaffen — das Gebaren einer ruhelosen, nervösen und anspruchsvollen Modedame annimmt? Ist das etwa ein Verbreiten wohltuender und lebenspendender Sonnenstrahlen? Ist das nicht vielmehr eisiger Nordwind, der den Familien­garten gefrieren macht? . . .

Euch aber und eurer Umsicht steht es zu, im Heim die rechte Wohligkeit zu verbreiten und so ein friedsames, frohes Zusammengehen eurer zwei Lebenswege zu verbürgen. Dies ist für euch nicht nur ein natürlicher Beruf, nein, auch die Religion und die christliche Tugend legen euch diese Pflichten auf, so daß alles, was ihr in dieser Absicht tut, euch Verdienste erwirbt und euch in der Liebe und Gnade Gottes wachsen läßt.“ 20

20 Stellen aus der Rede vom 11. März 1942 (Eheleben, S. 37 ff.).

Papst Pius XII. weist der Frau nicht einseitig die Hauptverantwortung für das Glück der Ehe zu. In mehreren Reden spricht er weitläufig und eindringlich von der Verantwortung des Mannes und von seiner Mit­wirkung. Es besteht nicht im geringsten Zweifel daran, daß der Papst innerhalb der Ehe, gemäß den Worten des hl. Paulus (1 Kor 2, 3) und der ununterbrochenen Stellung der Kirche zur Ehe den Mann als das Haupt der Familie ansieht. Diese Einstellung liegt allen seinen Reden zu­grunde. Alle Errungenschaften der Frauenbewegung, zumal der in unserer Zeit zu klärende Begriff der Gleich­berechtigung, werden an der Tatsache, daß innerhalb der Ehegemeinschaft dem Mann und Vater die Führung zusteht, nichts ändern können. Nicht nur die katholische Gattin, sondern jede echte Frau, die ihren Mann liebt, wird sich gegen diesen Standpunkt der Kirche nicht auf­lehnen. Was Gott bei der Einsetzung der Ehe anordnete und in die Natur des Mannes und Weibes hineinlegte, das kann nicht erschüttert werden, ohne sich bei beiden bitter zu rächen. Für die glückliche Ehefrau gibt es in diesem Sinne kein Problem, gleichgültig, welche Fähig­keiten, welche äußeren und inneren Werte sie in die Ehe mit hineinbringt. Je größer ihre eigene Begabung, je tiefer ihr eigener Wert ist, umso mehr will sie im Gatten den Mann, den Führer sehen. Im 5. Band des Handbuchs der katholischen Sittenlehre, herausgegeben von Fr. Till­mann, „Die soziologischen Grundlagen der katholischen Sittenlehre“, schreibt W. Schöllgen von der Frau, „die Intelligenz und Willenskraft“ besitzt: „Sie wird bei der Gattenwahl (denn sie ist durchaus noch im gesunden Sinne für die Ehe ansprechbar) allerdings den harten, nur virilen Männertyp ablehnen und einen weicheren Charakter im Stile der Kontrastwahl bevorzugen. Ein solcher Mann wird sich durchaus wohlfühlen, wenn er taktvoll unter den Pantoffel gebracht wird. Er hat nicht den Ehrgeiz, Familientyrann zu sein. In solchen Familien — und eigentlich nur in ihnen — entsteht ein echter Gefühlskonflikt, wenn etwa ein Gesetz im Stile bisheriger Gesetz­gebung das ausschlaggebende Bestimmungsrecht dem Mann zuweist. Aber eigentlich nur in der Theorie und bei prinzipieller Betrachtung seitens unverheirateter Frauen dieses Typs. Denn in der Praxis tut ein solcher Mann doch, was seine Frau an Wünschen äußert.“ Das ist als durchaus unzutreffend abzulehnen. Bei der Gattenwahl der intelli­genten und willensstarken Frau ist in erster Linie aus­schlaggebend, daß sie einen Gatten findet, für den sie nicht nur Liebe empfindet, sondern Hochachtung auf­bringt. Dabei ist es weniger wichtig, daß er ihr geistig ebenbürtig oder gar überlegen ist, als daß er ihr als Charakter Gewähr bietet, sie führen zu können. Wohl­gemerkt ist von einer echten Ehe die Rede, nicht von einer aus Berufsgründen oder aus sonstigen Vernunftsgründen, bestenfalls aus der Sehnsucht der Frau nach dem Kinde geschlossenen ehelichen Partnerschaft. Ein echter Mann wiederum, der es sich charakterlich und geistig leisten kann, die intelligente Frau zu heiraten, wird wissen, was eine solche Frau ihm als Gattin und Kamerad, seinen Kindern als kluge Erzieherin zu schenken vermag, und er wird es sich kaum einfallen lassen, bei einer solchen Ehefrau den „Familientyrannen“ abzugeben.

Doch hören wir auf Papst Pius XII.!

„Da die allgemein bekannte Tugend und Achtung des Gatten Ehre und Zier der Frau ist, könnten wir hinzu­fügen, daß der Mann mit Rücksicht auf sie sich bemühen muß, unter seinen Kollegen, in seinem Berufe das Beste zu leisten und sich auszuzeichnen. Im allgemeinen wünscht jede Frau, stolz auf ihren Lebensgefährten sein zu können. Verdient also nicht der Mann ein besonderes Lob, der aus feinem Verständnis für seine Gattin und aus tiefer Liebe zu ihr sich bemüht, in seinem Beruf sein Bestes zu leisten und, soweit er dazu imstande ist, etwas auszuführen und zu erreichen, was ihn angesehen und geschätzter macht?“ 21

21 Rede vom 8. April 1942 (Z. S. 145 f. — vgl. Eheleben, S. 81).

„Ihr tut als Haupt der Familie nicht genug, wenn ihr zu Hause oder draußen nur das tut, was zu eurem Beruf, zu eurem Handwerk oder zu eurer speziellen Beschäftigung gehört; im Hause selbst, das das besondere Reich eurer Gattin ist, habt ihr auch euern Teil zu tun. Ihr, stärker an Kraft, oft geschickter im Gebrauch von Werkzeugen und Handwerksgeräten, werdet in der Ordnung des Hauses vor allem bei vielen kleinen Arbeiten Zeit und Gelegenheit zu Tätigkeiten finden, die mehr dem Manne als der Frau zufallen. Es werden keine Mühen und Aufgaben sein, wie die im Dienst, in der Werkstätte oder im Laboratorium, wo ihr tätig seid, noch werden sie unpassend sein für die männliche Würde; sie werden vielmehr eine Teilnahme an der Sorge eurer Lebensgefährtin sein, die oft mit Sorgen und Arbeiten überlastet ist, eine freundliche Hand­reichung, eine Last zu heben; für sie wird es eine Hilfe bedeuten, für euch gleichsam ein Vergnügen oder einen Wechsel in der Beschäftigung.“ 22

Am besten kommt die Stellung des Papstes in seiner Rede vom 10. September 1941 zum Ausdruck, wo er den Männern und Frauen ein Mahnwort zuruft. Zu den Männern spricht er: „An eurem Herd ist jeder von euch Haupt, mit allen Pflichten und mit der ganzen Verant­wortung, die dieser Titel in sich schließt. Zögert und zaudert also nicht, diese Gewalt auszuüben, entzieht euch diesen Pflichten nicht, flieht nicht vor der Verantwortung! Nie sollen Lässigkeit, Gleichgültigkeit, Ichsucht oder Zeitvertreib euch das von Gott anvertraute Steuerruder eures Familienschiffleins aus den Händen nehmen. Aber wenn ihr eure Autorität nun geltend macht und ausübt über jene, die ihr zu eurer Lebensgefährtin erwählt habt, von wieviel Zartgefühl, von wieviel Achtung und Liebe muß sie da jederzeit, in Freud oder Leid, geleitet sein.“23 Die Frau andererseits mahnt er: „Wir wissen wohl, die Gleichstellung in den Studien, in Schule und Wissenschaft,

22 Rede vom 15. April 1942 (Z. S. 151 f. — vgl. Eheleben, S. 90).

23 Rede vom to. September 1941. (Ideal, S. 196).

in Sport und Wettkampf, weckt in nicht wenigen weib­lichen Herzen ein stolzes Gefühl. Auch ihr seid moderne, unabhängige, junge Frauen, und so mag vielleicht eure argwöhnische Empfindsamkeit nur schwer sich einer häuslichen Unterordnung fügen. Rund um euch werden viele Stimmen euch die Unterwerfung als etwas Unge­rechtes schildern; sie werden euch die Idee von einer stolzeren Herrschaft über euch selber beibringen wollen, immer wieder werden sie es euch vorsagen, daß ihr in allem eurem Gatten gleicht, ja in mancher Hinsicht ihm überlegen seid.“ Aber dennoch sagt er ihnen: „Seid nicht damit zufrieden, diese Autorität des Gatten hinzunehmen oder gewissermaßen sie zu ertragen, wo Gott selber in der Natur- und Gnadenordnung euch dieser Autorität unter­stellt hat; nein, ihr sollt sie in aufrichtiger Unterwerfung lieben, lieben mit der gleichen ehrfürchtigen Liebe, die ihr zur Autorität unseres Heilandes selber hegt; denn von ihm stammt die Gewalt eines jeden Hauptes.“ 24

In diesen Erziehungsansprachen zur Ehe ist dem Papst besonders daran gelegen, den Neuvermählten immer wieder die Heiligkeit und Unauflöslichkeit der Ehe ans Herz zu legen. Darum spricht er ihnen so oft von der Treue, da in ihrer Verletzung zumeist der tiefste Grund für die Entfremdung der Ehegatten liegt. Seine Ansprache vom 21. Oktober 1942 ist wahrhaft ein Hoheslied auf die Treue.

„Was ist denn in der Tat die Treue anderes als die ehr­fürchtige Achtung vor dem Geschenk, das jeder der Braut­leute dem andern gemacht hat, dem Geschenk seiner selbst, seines Leibes, seines Geistes, seines Herzens für die ganze Lebenszeit, ohne anderen Vorbehalt als die heiligen Rechte Gottes?“ Ihm ist nicht bang um die erste Zeit nach der Eheschließung, in der Reiz und Begeisterung noch unerprobt sind, wohl aber für die Folgezeit. „Bald

24 Rede vom 1o. September 1941 (Ideal, S. 197).

kommen Unvollkommenheiten zum Vorschein, die Ver­schiedenheiten der Charaktere machen sich bald bemerkbar und wachsen; vielleicht wird auch die geistige Armut bald sehr offenkundig. Das künstliche Feuer ist erloschen, die Liebe, bisher blind, öffnet die Augen und sieht sich getäuscht. Dann beginnt für die echte und wahre Liebe die Prüfungszeit, und zu gleicher Zeit öffnet sich ihr Zauber. Sie ist nicht blind, denn sie bemerkt jede Unvoll­kommenheit, aber sie nimmt sie mit liebevoller Geduld, indem sie ihrer eigenen Fehler gedenkt, noch hellsichtiger, wenn sie nach und nach unter der Hülle des Alltags die guten Eigenschaften eines verständigen Sinnes, gesunden Menschenverstandes und gediegener Frömmigkeit ent­decken und wertschätzen lernt: reiche Schätze, dunkel verborgen, aber in guter Verbindung. Darauf bedacht, diese Gaben und Tugenden des Geistes in volles Licht und rechte Bewertung zu rücken, ist sie ebenso geschickt und wachsam, die Mängel und Schattenseiten des Denkens und Könnens, die Sonderbarkeiten und Ecken des Charak­ters vor fremden Augen zu verbergen. Für irrige und ungelegene Äußerungen weiß sie eine wohlwollende und günstige Deutung zu suchen und freut sich immer, wenn sie eine findet. Seht, so ist sie bereit zu sehen, was eint und verbindet, und nicht das, was trennt, jeden Irrtum zu berichtigen oder jede Voreingenommenheit zu zerstreuen, mit so vollendeter Anmut, daß sie niemals anstößt und beleidigt. Dabei macht sie kein Aufhebens von ihrer Überlegenheit, sondern ihr Feingefühl fragt und sucht vielmehr den Rat des anderen Teiles, wobei sie durch­blicken läßt, daß sie auch gern annimmt, wenn er etwas zu geben hat. Seht ihr nicht, wie auf diese Weise unter den Eheleuten eine geistige Einigung, eine theoretische und praktische Zusammenarbeit begründet wird, die sie zusammen aufsteigen läßt zu der Wahrheit, auf der die Einheit ruht, zur höchsten Wahrheit, zu Gott? Was ist das anders als die Treue zu dem beiderseitigen Geschenk ihres Geistes? . . . Wenn endlich mit dem Alter die Krankheiten, die Schwächen, die demütigenden und drückenden Ver­fallserscheinungen zunehmen mit dem ganzen Gefolge von Leiden, die ohne die Kraft und den Halt der Liebe den einstmals so verführerischen Leib abstoßend machen würden, dann tragen sie für ihn mit einem Lächeln auf den Lippen Sorge mit rührendster Liebe. Seht! Das ist die Treue zu dem gegenseitigen Geschenk des Körpers… „25 „Wenn es von Anfang an echte Liebe war und nicht bloß selbstsüchtiger Trieb nach sinnlichen Genüssen, dann bleibt diese unveränderte Liebe des Herzens immer jung, wird nie besiegt von den Jahren, die dahineilen.“ 26

Am 4. November 1942 spricht Papst Pius XII. in ernsten und tiefen Gedankengängen über die geheime Untreue: „Diese Sünde geheimer Untreue ist leider so häufig, daß die Welt kein Aufhebens davon macht und das eingeschläferte Gewissen sich damit abfindet, wie mit dem Zauber eines Blendwerks“ . . . „Alle rechtlich den­kenden Menschen, auch die, welche christlichem Denken fernstehen, erheben laut ihre warnende Stimme … Man begreift nicht, wenn man nicht die Erschlaffung des sittlichen Gefühls dafür verantwortlich macht, wie Männer von Ehre dulden können, daß ihre Frauen oder Bräute anderen so verwegene Blicke und Vertraulichkeiten ge­statten, noch versteht man, wie eine Verlobte oder eine junge Frau, die tief ihre hehre Würde empfinden, dulden können, daß der Mann oder der Verlobte mit anderen solche Freiheiten oder Vertraulichkeiten sich heraus­nehmen. Muß nicht gegen so schwere Angriffe auf die heilige Treue einer rechtmäßigen und keuschen Liebe auch der leiseste Funke einer ehrbaren Gesinnung sich empören und erheben?“ 27

Diese Art grober geheimer Untreue, die allerdings oft vor dem Äußersten zurückschreckt, ist als Gefahr leicht zu er‑

25 Rede vom 21. Oktober 1942 (Z. S. 166ff. — vgl. Eheleben, S. 210 ff.).

26 Ebendas. (Z. S. 170. — vgl. Eheleben, S. 216).

27 Rede vom 4. Nov. 1942 (Z. S. 173. — vgl. Eheleben, S. 218 ff.).

kennen und wird von der liebenden, vornehm denken­den Frau abgelehnt. Gefährlicher ist die zweite Art geheimer Untreue, vor der Papst Pius XII. warnt, weil auch die gute, edle Gattin sich darin verstricken kann, ohne daß ihr, zu Anfang wenigstens, die Schuld dem Gat­ten gegenüber bewußt wird. Da besonders ideal veranlagte Frauen zu solchen natürlichen Zuneigungen sich hinge­zogen fühlen, sollen die Worte des Papstes ausführlich angegeben werden.

„Trotzdem müssen Wir euch zur Vorsicht mahnen gegen­über manchen Vertraulichkeiten, hinter denen verborgene Sinnlichkeit lauert, gegenüber einer Liebe, die platonisch sich nennen will, die aber oft genug nichts anderes ist als ein Vorspiel, das eine weniger erlaubte und reine Liebe anfängt, oder der dünne Schleier, der sie verdeckt. So­lange die geistige Zuneigung stehen bleibt bei der Über­einstimmung in den ehrlichen und spontanen geistigen Äußerungen, bei der freudigen Bewunderung der Tiefe und Würde einer Seele, ist dabei an sich noch nichts Tadelnswertes. Doch warnt der hl. Johannes vom Kreuz selbst geistliche Personen vor den Verirrungen, die daraus folgen können (vgl. San. Juan de la Cruz, Noche oscura, Buch I, cap. IV n. 7). Unmerklich wird dabei die rechte Ordnung oft umgekehrt, in der Weise, daß man von einer durchaus ehrbaren Zuneigung zu einer Person, die ihren Grund hat in der Harmonie des Denkens, Empfindens und Strebens, unbewußt dazu übergeht, die eigenen Gedan­ken und die eigenen Meinungen den Gedanken und An­sichten der bewunderten Person völlig anzupassen. Anfangs spürt man das Übergewicht nur in unbedeutenden Fragen; dann in ernsteren Dingen, in Sachen praktischer Art, in Fragen der Kunst und des Geschmacks, die schon mehr Persönliches haben, endlich auf dem eigentlich gei­stigen und weltanschaulichen Gebiet und am Ende in den religiösen und sittlichen Anschauungen, so daß man schließlich auf eine eigene persönliche Meinung verzich­tet, um nur zu denken und zu urteilen unter jenem empfangenen Einfluß. Während sonst der menschliche Geist natürlicherweise, oft bis zum Übermaß, stolz ist auf das Festhalten an dem eigenen Urteil, wie ist dann eine so hörige Unterwürfigkeit und gänzliche Unterwerfung unter die Denkweise eines anderen zu erklären? Aber in dem­selben Maße, wie auf diese Weise der eigene Geist sich nach und nach dem Geiste eines Fremden anpaßt, ent­fernt er sich auf der anderen Seite täglich mehr von dem Geist des rechtmäßigen Gatten oder der angetrauten Gat­tin. Schließlich zeigt er in allem, was diese denken oder sagen, eine unwiderstehliche Neigung zum Widerspruch, zur Gereiztheit und Mißachtung. Diese Gesinnung, die vielleicht unbewußt, aber darum nicht weniger gefährlich ist, zeigt, daß der Verstand erobert, gefangen worden ist, daß einem anderen der Geist geschenkt worden ist als dem, dessen unwiderrufliches Geschenk er am Tage der Hochzeit geworden war. Ist das Treue? …

Nächst dem Geist verschenkt man das Herz, aber das ge­schieht nur, indem man dem die Treue bricht, dem es von Anfang an mit unauflöslicher Bindung geschenkt worden war. Die Welt hat gut die Frau rühmen, die keinen tat­sächlichen Fall getan hat, hat gut ihre ausgezeichnete Treue preisen, weil sie vielleicht mit heldenhaftem Opfer­sinn, aber mit rein menschlichem Heldentum ohne Liebe weiterlebt an der Seite des Gatten, mit dem sie ihr Leben verbunden hatte, während ihr Herz, ihr ganzes Herz end­gültig, leidenschaftlich einem anderen gehört. Sehr streng und heilig ist das Sittengesetz Christi. Man kann gut den Adel eines angeblichen Bundes zweier Herzen rühmen, die keusch ,wie Sterne und Palmen‘ miteinander verbun­den seien; man kann gut diese Leidenschaft mit dem Hei­ligenschein einer unklaren Religiosität umgeben. Es ist doch nichts anderes als dichterisches und romanhaftes Gerede, aber kein Wort von christlichem Evangelium und heiligem Bund; man mag sich damit schmeicheln, diese Liebe in erhabenen Höhen zu halten, die Natur ist nach dem Sündenfall den einfältig selbstgefälligen Sprüchen getäuschter Geister nicht mehr so weit gefügig, und die Treue ist schon gebrochen durch die unerlaubte Leiden­schaft des Herzens. Junge Eheleute! Hütet euch vor sol­chen Vorspiegelungen.“ 28

Von der Treue verlangt der Papst Bewährung auch zu den Zeiten einer räumlichen Trennung der Gat­ten, wie sie der Krieg von so vielen forderte. Die Ab­lenkung aus der Einsamkeit durch Ersatzgenüsse „erscheint als Heilmittel, das die Seele von den trüben Gedanken der Abwesenheit abbringen soll; in Wirklichkeit jedoch lenkt es vom Abwesenden selber ab“ 29 In diesen Zeiten der erzwungenen Trennungen, die einer zeitweiligen Wit­wenschaft gleichzusetzen sind, muß die Frau „einen ge­wissen Ernst im Leben, in den Sitten, in den Gewohn­heiten und Umgangsformen zur Schau tragen. Aus ihrer ganzen Haltung sollen auch Fremde deutlich die unsicht­bare Gegenwart des abwesenden Gatten herausmerken können.“ 30

Mit sehr großer Hochachtung spricht darum Papst Pius XII. oft von dem Heldentum der Ehe, das die Treue, die Unauflöslichkeit der Ehe immer wieder neu erfordern.

Besonders erschütternde Worte aber findet er für die Frau, die neben dem untreuen Gatten die Ehe weiter­führt. „Ja, das ist der Gipfel des Leides, der Höhepunkt der Versuchung, eine Witwenschaft, die trauriger ist als der Tod … Das Leben ist gebrochen, aber nicht ausge­löscht; es wird zu einer Prüfung ohne Ende, die etwas Furchtbares an sich hat. Wie groß stehen aber auch jene da, die eine solche Prüfung würdig und heilig zu ertragen wissen. Ja, wunderbar groß, eine Heldin in ihrer Küm­mernis, so steht jene Frau, jene Mutter vor euch, die nun allein die Familie erhalten und die Kinder erziehen muß … Welch schreckliche Versuchung, dem Leben ein Ende zu machen oder sich ein neues Leben und ein neues

28 Rede vom 4. Nov. 1942 (Z. S. 174 ff. — vgl. Eheleben, S. 222 ff.).

29 Rede vom 15. Juli 1942 (Eheleben, S. 15o).

30 Ebendas. (S. 151).

Heim aufzubauen .. . Und doch steht die Pflicht, eine unerbittliche Pflicht, die mit Blitzesklarheit das Gewissen durchforscht und eindeutig gebietet, dennoch dem Schwur treu zu bleiben, den der andere Teil verletzt und zertreten hat.“ 31 Wenn der schuldige Gatte das Zusammenleben nicht abbricht, dann hat die Frau ein besonders schwie­riges Apostolat, weil sie alles tun und leiden muß, um der anderen Seele willen. „ . . . Es braucht die Liebe, die Liebe eines jeden Augenblickes, eine feine, zarte, zu allen Opfern und allen im Gewissen gestatteten Zugeständnis­sen bereite Liebe, eine Liebe, die sich beeilt, jedem Wunsch oder auch irgendeiner unschuldigen Laune Genüge zu tun, ja zuvorzukommen, nur, um das verirrte Herz zurück­zugewinnen und zurückzuführen auf den Weg der Pflicht.“ 32

Welcher Starkmut, ja hier ist das Wort Heroismus nicht fehl am Platze, dazu gehört, ein solches Leben zu ertragen, sei es aus Liebe zum Gatten, in der Hoffnung, ihn doch zurückzugewinnen; sei es, und das wird in den meisten Fällen der Beweggrund sein, um der Kinder wil­len, die bei einer Trennung die Leidtragenden sind, oder sei es aus der Treue zum Sakrament, in der Gesinnung der Hingabe an Gottes Willen, das weiß der Papst nur zu gut. Aber obwohl er um das tägliche Heldentum und das Opferleben vieler Ehen weiß, sieht er in der Ehe­scheidung den Untergang der Frauenwürde. „Einem ver­hängnisvollen Irrtum unterliegen alle jene, die da glau­ben, man könne die Kultur der Frau und ihre weibliche Ehre und Würde erhalten, schützen und heben, ohne ihnen als Grundlage die Einheit und Unauflöslichkeit der Ehe zu setzen.“ 33

Der Papst spricht einmal von der Zeit, der die unsere in vielem so ähnlich ist, vom Niedergang des anti­ken Heidentums. „Die Ehescheidungen mehrten sich; die

31 Rede vom 9. Dezember 1942 (Eheleben, S. 240 f.).

32 Ebendas. (S. 245).

33 Rede vom 29. April 1942 (Eheleben, S. 115).

Familie löste sich mehr und mehr auf; weibliche Sitten und weibliches Empfinden glitten weit ab vom geraden Weg der Tugend, so weit, daß Seneca in die bekannte bittere Klage ausbrach: ,Gibt es wohl noch eine Frau, die sich schämen würde, die Ehe aufzulösen, jetzt, nachdem hochstehende und vornehme Damen ihre Jahre nicht mehr nach den Konsuln, sondern nach der Zahl ihrer Männer zählen; Damen, die sich scheiden, um zu heiraten, und heiraten, um sich zu scheiden?‘ “ 34 Weitere Worte er­übrigen sich, um in diesem Punkt die Parallele weiter zu verfolgen; denn es würde nicht schwer halten, entspre­chende Beispiele aus unserer Zeit des neuen Heidentums zu nennen.

In einer Ansprache an die Heilige Römische Rota vom 6. Oktober 1946 hat Pius XII. über die Gefährdung der Ehe und die steigende Zahl der Eheprozesse gespro­chen: „Sind nicht die vor eurem Gerichtshof anhängigen Eheverfahren ein verräterisches Zeichen? Zeigen sie nicht die fortschreitende Auflösung des Ehelebens an, eine Auf­lösung, die auch die Sitten der katholischen Bevölkerung zu vergiften und verderben droht? Zu der Ausbreitung einer so verhängnisvollen Unordnung haben beide Welt­kriege, der zweite jedoch unvergleichlich mehr als der erste, beigetragen. Niemand kann angesichts dieser Tra­gödie, die so unselige Folgen nach sich zieht, noch beim Gedanken an die Millionen junger Ehegatten, die eine erzwungene Trennung monate- und jahrelang voneinan­der ferngehalten hat, kalt und unempfindlich bleiben. Welche Summe von Mut, Selbstverleugnung und Geduld, welcher Schatz von liebevollem Vertrauen, welcher christ­liche Glaubensgeist waren nötig, um die geschworene Treue zu halten und zu widerstehen. Gewiß sind viele mit Hilfe der im Gebet erflehten Gnade standhaft geblie­ben. Aber wie viele andere sind weniger stark gewesen! Wie viele Trümmer zerstörter Heime, wie viele in ihrer

34 Rede vom 10. September 1941 (Ideal, S. 193/94).

Menschenwürde, im Zartesten und Empfindlichsten ihrer ehelichen Existenz verwundete Seelen, wie viele für das Familienglück tödliche Niederbrüche! Jetzt handelt es sich darum, diese Trümmer wieder aufzurichten, diese Wun­den zu heilen, diese Übel zu kurieren.“ 35

Oder hören wir die bewegte Klage des Heiligen Vaters in seiner Ansprache vom 11. September 1947: „Die Tränen kommen einem in die Augen und die Schamröte steigt einem in die Wangen, wenn man feststellen und bekennen muß, daß bis in die katholischen Kreise hinein die verkehrten Lehren über die Würde der Frau, über die Ehe und die Familie, über die eheliche Treue und Schei­dung, selbst über Leben und Tod unmerklich Besitz von den Geistern ergriffen haben und wie ein schädlicher Wurm an den Wurzeln des christlichen Lebens, der Fa­milie und der Frau nagen.“ 36

Es bedarf der Hilfe Gottes, das Eheleben treu und rein dem Willen Gottes gemäß zu führen. Im Gebet sol­len die Eheleute ihre Zuflucht suchen. „Euer erster und tiefster Trost und Halt wird das vertrauensvolle Gebet sein. Da ihr der Liebe Gottes für euch immer sicher seid, wißt ihr wohl, daß keines eurer Gebete umsonst sein, daß Gott alle erhören wird, wenn nicht in der Stunde und der Art, wie ihr es euch gewünscht und vorgestellt habt, so doch zu einer Zeit, die passender ist für euch, und auf eine Art, die unendlich besser ist für euch: je nachdem die göttliche Weisheit und Macht seiner Liebe es zu eurem Nutzen festzusetzen wissen.“ 37

Pius XII. wiederholt den Rat des hl. Franz von Sales, den Jahrestag der Hochzeit durch den gemeinsamen Empfang der heiligen Kommunion zu feiern. Und ob­gleich er genau weiß, daß in unserer Zeit wenig Sinn für das gemeinsame Familiengebet geblieben ist, hält er im‑

35 A. A. S. (Acta Apostolicae Sedis) vol. 38 (1946) P. 393 Hd. (Herder-Korrespondenz) I, 225.

36 A. A. S. vol. 39 (1947) p. 480-486. — Hd. II, S. 75 ff.

37 Rede vom 9. Juli 1941 (Z. S. 269).

mer wieder an seiner Mahnung fest, es zu pflegen: „Im Namen unseres Herrn bitten Wir euch, geliebte Neuver­mählte, schützt und haltet unversehrt bei jene schöne Überlieferung der christlichen Familien, das gemeinsame Abendgebet, das am Ende eines jeden Tages, um den Segen Gottes zu erflehen und die Unbefleckte Jungfrau im Rosenkranz zu verehren, alle jene versammelt, die unter demselben Dache schlafen: euch zwei, und dann, wenn sie von euch gelernt haben, ihre Händchen zu falten, die Kleinen, die die Vorsehung euch anvertraut hat.“ 38

Die gleiche Bitte äußert der Papst noch ange­legentlicher in seinem Rundbrief „Ingruentium Malorum“ vom 15. September 1951, in welchem er über das Rosen­kranzgebet spricht. Es geht nicht mehr an, mit einem Achselzucken oder verlegenen Lächeln diese Mahnung zum täglichen Rosenkranzgebet in der Familie abzutun, als ein wenig veraltet, in das Tempo, in die Zerrissenheit des modernen Haushalts nicht mehr hineinpassend; denn es ist ja nicht nur der Heilige Vater, der dazu mahnt. Wir dürfen und müssen sogar den vielen Erscheinungen der Gottesmutter gegenüber kritisch sein. Aber wenn wir alle Täuschungen abziehen, so bleibt dennoch wunderbar und erstaunlich, wie oft die Heilige Jungfrau in den letz­ten hundert Jahren an Orten, die von der Kirche aner­kannt sind, erschienen ist (La Salette, Lourdes, Fatima, Banneux). Es ist immer die gleiche Mahnung, die sie ausspricht: sie wünscht Gebet, nennt dabei ausdrücklich das Rosenkranzgebet und verlangt Buße. In La Salette, wo die Heilige Jungfrau 1846 erschien, hat sie selbst ge­sagt, wenn die Welt sich nicht bekehre, könne sie den strafenden Arm der göttlichen Gerechtigkeit nicht mehr zurückhalten. „Wenn mein Volk sich nicht unterwerfen will, bin ich gezwungen, die Hand meines Sohnes fallen zu lassen .. .“ In Fatima gebrauchte sie in einer Erschei­nung vor Jacinta, der kleinen Seherin, fast die gleichen

38 Rede vom 12. Februar 1941 (Z. S. 274. — vgl. Ideal, S. 138).

Worte. So bedeutet das oftmalige Erscheinen der Gottes­mutter, daß sie als unsere Mutter mahnen und vermitteln will, vielleicht in letzter Stunde, damit der Zorn Gottes nicht über uns hereinbreche.

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Quelle: Eigener Scan mit Textaufbereitung aus meinem persönlichen Buch-Exemplar:

Pius XII. – Ruf an die Frau – Aus den Rundschreiben, Ansprachen, Briefen und Konstitutionen des Heiligen Vaters – Zusammengestellt von Dr. Käthe Seibel-Royer. – Mit einem Vorwort von Dr. Josef Schoiswohl, Bischof von Graz-Seckau – Verlag Styria, Erste Auflage 1955

„Wir brauchen ein Lehrschreiben über Gender“: Kardinal Wim Eijk

„Als Mann und Frau erschuf er sie, er segnete sie und nannte sie Mensch an dem Tag, da sie erschaffen wurden“ (Gen 5,1-2) Foto: Pixabay

Kardinal Willem Jacobus Eijk, Erzbischof von Utrecht, hat keine Zweifel: Es „braucht dringend“ ein Dokument des römischen Lehramts zur Gendertheorie.

Nicht, weil sich die Kirche nicht zum Thema geäußert hätte, sondern weil ein verständliches Dokument nötig isei, das diesem gewidmet ist, um den Menschen die Sicht der Kirche grundlegend zu erklären. Ein Dokument, dass dem Druck entgegenwirken kann, der zu diesem Thema von den großen internationalen Organisationen kommt.

In einem Interview haben Sie gesagt, es würde eine Enzyklika zur Gendertheorie brauchen. Denken Sie das immer noch?

Im November wurde ich in einem Interview gefragt, ob nicht ein Dokument des römischen Lehramtes zur Gendertheorie  nützlich wäre. Ich habe sofort Ja gesagt. Ich würde nicht sagen, dass es unbedingt eine Enzyklika sein muss. Es kann auch eine andere Art von Dokument sein, wie eine Instruktion von Seiten der Kongregation für die Glaubenslehre. Wichtig ist jedoch, dass es ein maßgebendes Dokument der Kirche zu dieser Theorie ist. Denn wir beobachten, dass internationale Organisationen viel Druck ausüben, diese Theorie einzuführen, vor allem auf dem Gebiet der Erziehung.

Glauben Sie, dass die Kirche das Thema der Gendertheorie unterschätzt hat?

Die Kirche hat sich viele Male zur Gendertheorie  geäußert. Der Heilige Vater, beispielsweise, unter Nummer 151 in der Enzyklika Laudato Si und auch im nachsynodalen apostolischen Schreiben Amoris Laetitia – aber nicht als zentrales Thema. Angemessen wäre hingegen ein Dokument, das sich auf das Thema der Gendertheorie  konzentriert. Die Leute brauchen das, denn sie hören davon in den Medien, in der Politik, in den Schulen, überall. Die Kirche ist vor allem auch gerufen, ihre Sicht darzubieten.

Was sind, ihrer Meinung nach, die Themen, die in einem eventuellen Lehramtsdokument hervogehoben werden sollten?

Man muss den Leuten klar machen, warum die Kirche die Gendertheorie  nicht akzeptiert. Gender bezeichnet eine soziale sexuelle Rolle der Frau und des Mannes. Diese Rollen werden in gewisser Weise als „austauschbar“ betrachtet und als abhängig von Kultur und Geschichte. Man kann über die Veränderung der sozialen Rolle von Mann und Frau diskutieren. Der Punkt ist jedoch, dass die Gendertheorie  impliziert, dass die Rolle des Mannes und der Frau komplett vom biologischen Geschlecht gelöst sei. Das ist unvereinbar mit der Sicht der Kirche zum Menschen, mit der Heiligen Schrift, die die Grundlage der Lehre ist.

Was ist die Sichtweise der Kirche?

Die Gendertheorie  basiert auf einer dualistischen Anthropologie, die die menschliche Person auf das menschliche Bewusstsein reduziert, bei der das Zentrum der rationalen Tätigkeit, der autonomen Entscheidungen und der typische menschlichen sozialen Fähigkeit im Gehirn liegt. Die Gendertheorie sieht den Körper als etwas Sekundäres an, als etwas der menschlichen Natur „Außerliches“, der nicht teilhat an der Würde der Person als solche. Sie sieht ihn nicht als intrinsischen Wert der Person. Die grundlegende Frage ist: Welchen Wert hat für mich der menschliche Körper? Eine Frage, die eine andere mit sich bringt: Welchen Wert hat das biologische Geschlecht? Für die Kirche ist das biologische Geschlecht in Einklang mit dem menschlichen Körper der menschlichen Natur intrinsisch. Es ist offensichtlich, dass die Gendertheorie  so der Sichtweise der katholischen Kirche entgegengesetzt ist. Die Sicht der Kirche kann man übrigens auch verstehen, wenn man sich auf die rein menschliche Vernunft gründet, mit philosophischen Argumenten, auch ohne Bezug auf die Offenbarung zu nehmen.

Worauf basiert die katholische Sichtweise?

Sie gründet in erster Linie auf der Heiligen Schrift. Gemäß der Schrift gehört der menschliche Leib wesentlich zum Menschen, er hat auch teil an der Würde der menschlichen Person. Wie Gaudium und Spes sagt: Wir sind „corpore ed anima unus.“ Wir besitzen eine materielle und eine spirituelle Dimension und beide sind für uns als menschliche Wesen essentiell. Darin können wir die Gendertheorie nicht akzeptieren. Wenn der Leib für die menschliche Person wesentlich ist, dann betrifft das auch das biologische Geschlecht.

Die Loslösung des Leibes von der menschlichen Person ist etwas, das man auch in den Forderungen der Befürworter von Abtreibung und Euthanasie beobachtet. Gibt es eine Eskalation bei diesem Thema?

Da die Sicht der aktuellen Welt den Körper als etwas der menschlichen Person Extrinsisches ansieht und folglich als reines Mittel, das Wert hat je nach dem wie er ihm von der menschlichen Person beigemessen wird, wird dem Menschen das Recht gegeben, über den Leib in beträchtlicher Weise zu verfügen. Vielleicht in totaler Weise. Und die drastischste, radikalste Weise, über den Körper zu verfügen, sind die Euthanasie, die sogenannte Sterbehilfe, und die Beendigung des Lebens ohne Aufforderung durch die betroffene Person. Dabei verfügt man auf radikale Weise sogar über Leben und Tod.

Ist es daher dringend, diese Themen anzugehen?

Diese dualistische Anthropologie durchzieht die ganze Gesellschaft, sie hat Einfluss auf fast alle Bereiche des Denkens, einschließlich der medizinischen Ethik, und verändert die Art und Weise sich selbst zu sehen und wahrzunehmen. Daher ist er mehr als dringlich, die wahre Sicht des Menschen in dieser Welt darzustellen. Ansonsten werden wir den Weg verfehlen.

Es scheint, als würde die Kirche bei diesem Thema nicht wirklich gehört werden…

Ich möchte der Kirche oder dem Lehramt nichts vorwerfen, denn das römische Lehramt hat viele Dokumente veröffentlicht, es gibt viele wichtige Reden. Auch die Bischöfe tun das, was möglich ist. Auch die Priester. Aber die Medien nehmen den Geschichtspunkt der Kirche nicht auf. Es gibt eher eine gewisse Tendenz, sich auf Skandale zu konzentrieren. Die negativen Nachrichten ziehen die ganze Aufmerksamkeit an sich, und der Grund dafür ist in der heutigen Mentalität zu finden. Sobald, beispielsweise, ein Politiker etwas Negatives tut, auch wenn es eine kleine Sache ist, wird das als ein Skandal gewertet und es kann ihn seinen Sitz im Parlament oder in der Regierung kosten. Wir leben in dieser Situation, die sehr angespannt ist und daher dazu führen kann, dass die Objektivität der Nachrichten in den Medien abhanden kommt.

Welche Verantwortung haben die Medien?

DieMedien haben die große Verantwortung, zu informieren. Wir hören viele Skandalnachrichten, wenig gute Nachrichten. Und die gibt es. Wenn wir uns nur von den Massenmedien leiten lassen, bekommen wir die Idee einer apokalyptischen Situation. Das ist nicht vernünftig. Von vielen negativen Nachrichten ist am nächsten Tag nichts mehr zu merken. Man muss die Nachrichten selektiv auswählen. Der größte Teil der Gesellschaft denkt, er sei autonom, aber letztendlich ist er das nicht. Die Soziologen sagen, dass es einen Konformismus in der Welt gibt, wie man ihn in der Vergangenheit nie gesehen hat.

Wie kann die Kirche also diese Schlacht gewinnen?

Es ist wichtig, dass die Kirche ihre eigenen Medien betreibt. In Holland, beispielsweise, sind die katholischen Zeitungen in den 60ern verschwunden, die Abonnentenzahlen waren ungenügend. Man muss klare Entscheidungen treffen und die katholischen Medien, die es noch gibt, unterstützen. Auch die Diözesen müssen attraktive Websites unterhalten, die up to date sind. Das ist nicht leicht, aber es ist möglich. Die Menschen, die noch glauben, suchen die Nachrichten, die von den Bischofskonferenzen und den Diözesen veröffentlicht werden.

Ist es wichtiger, die Wahrheit zu verbreiten, als konkret den Armen zu helfen,um zu evangelisieren?

Man muss das eine tun, ohne das andere zu lassen. Diejenigen, die nicht materiell arm sind, können spirituell sehr arm sein. Und wir müssen auch an jene denken, die spirituell arm sind, weil sie nie die Wahrheit gehört haben. Wir müssn versuchen, den Glauben an Christus so viel wie möglich zu verkünden. Das ist heute schwierig, denn die Kirche hat immer weniger Kräfte: weniger Priester, weniger Diakone, weniger Freiwillige als in der Vergangenheit. Aber durch die digitalen Medien gibt es auch mehr Möglichkeiten, die Menschen zu erreichen, als in Vergangenheit.

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Quelle

Papst Franziskus: «Die Frau ist die Harmonie der Welt»

Steel engraving of God creation of woman Adam and Eve Original edition from my own archives Source : Bilder-Bibel 1836 1. Buch Mose Gen. Chap.2

Steel engraving of God creation of woman Adam and Eve Source : Bilder-Bibel 1836 1. Buch Mose Gen. Chap.2

PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS „DOMUS SANCTAE MARTHAE“

Die Frau ist die Harmonie der Welt

Donnerstag, 9. Februar 2017

(aus: L’Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 7, 17. Februar 2017)

»Um eine Frau zu verstehen, muss man zuerst von ihr träumen.« Deshalb ist die Frau »das große Geschenk Gottes«, das fähig ist, »Harmonie in die Schöpfung zu bringen«. Und zwar in dem Maß, gestand Papst Franziskus mit einem Hauch poetischer Zärtlichkeit, dass »es mir gefällt zu denken, dass Gott die Frau geschaffen hat, damit wir eine Mutter haben«. Es war ein regelrechter Hymnus auf die Frauen, den der Papst in der Messe anstimmte, die er am Donnerstag, den 9. Februar, in der Kapelle der Casa Santa Marta anstimmte. Es ist die Frau, so Franziskus, »die uns lehrt zu liebkosen, mit Zärtlichkeit zu lieben und die aus der Welt etwas Schönes macht«. Und wenn »Menschen auszubeuten ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist, dann ist die Ausbeutung der Frau mehr als ein Vergehen und ein Verbrechen: es bedeutet, die Harmonie zu zerstören, die Gott der Welt geben wollte. Es bedeutet einen Rückschritt.«

Bei seinen Betrachtungen ging Franziskus von den Lesungen des Tages aus dem Buch Genesis (2,18-25) und dem Markusevangelium (7,24-30) aus. Die Liturgie »setzt den Bericht über die Schöpfung der Welt fort«, merkte der Papst sofort an und machte darauf aufmerksam, wie es den Anschein hat, »dass mit der Erschaffung des Mannes alles zu seinem Ende gekommen ist«, nämlich so weit, dass »Gott ruht«. Doch »etwas fehlt: der Mann war allein«, und »Gott selbst bemerkte diese Einsamkeit: ›Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht‹«, wie in der Genesis zu lesen ist.

So »formte der Herr handwerklich – aber dies ist eine literarische Ausdrucksweise – ›aus dem Ackerboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde‹, erklärte der Papst, indem er den Text aus der Bibel las. Und Gott sprach zum Mann: »Sie wird deine Gefährtin sein. Gib ihr einen Namen.« Von Gott her, fuhr Franziskus fort, »ist das ein Auftrag zur Herrschaft«. Er sagt zum Mann praktisch: »Du wirst der Herr von diesen sein, jener, der den Namen gibt, jener, der befiehlt«. Doch »für den Mann fand er keine Hilfe, die ihm entsprochen hätte, ist im Buch Genesis zu lesen. So »war der Mann allein, mit all diesen Tieren: ›Komm, hör zu, warum nimmst du dir nicht einen treuen Hund, der dich im Leben begleitet, dann zwei Katzen, um sie zu streicheln‹: der treue Hund ist gut, die Katzen sind nett, für einige, für andere nicht, für die Mäuse nicht!« Der Mann aber »fand in diesen Tieren keine Gesellschaft« und im Grunde »war er allein«.

Franziskus fuhr fort und ging Punkt für Punkt auf den Abschnitt aus dem Buch Genesis ein: »Da ließ der Herr«, so der Bericht weiter, ›einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, so dass er einschlief‹. Ein Mann allein, die Einsamkeit, jetzt wird der Mann zum Schlafen gebracht, der Traum des Mannes: er schlief ein«. Und »handwerklich – das steht so geschrieben – nahm er ihm eine seiner Rippen und ›schuf ein Frau‹ und ›führte sie dem Menschen zu‹. Als der Mann sie sah, sagte er: ›Ach, dieses Mal ja! Das ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. Frau soll sie heißen – er gibt einen Namen –; denn vom Mann ist sie genommen‹«. Für den Mann, so Franziskus, »ist sie etwas anderes als all das, was er hatte, sie war das, was ihm fehlte, um nicht allein zu sein: die Frau, er entdeckte sie, er sah sie«. Doch »bevor er sie sah, hat er sie geträumt«. Denn »um eine Frau zu verstehen, ist es notwendig, sie zuerst zu träumen; man kann sie nicht so verstehen wie alle anderen Lebewesen: sie ist etwas Verschiedenes, sie ist etwas Anderes«. Gerade »so hat Gott sie geschaffen: dass sie zuerst geträumt wird«.

»Viele Male«, merkte der Papst an, »sprechen wir von der Frau auf funktionale Weise: die Frau ist dazu da, dieses und jenes zu tun, um etwas zu tun, nein! Zuerst ist sie für etwas anderes da: die Frau bringt etwas, so dass die Welt ohne sie nicht so wäre, wie sie ist«. Die Frau »ist verschieden, sie ist etwas, das einen Reichtum bringt, den der Mann und die ganze Schöpfung und die Tiere nicht haben«. Auch »Adam hat sie geträumt, bevor er sie sah: da ist eine gewisse Poesie in dieser Erzählung«. Und »dann der dritte Schritt, wenn Adam sagt: ›Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch‹: die Bestimmung der beiden«. Denn in der Genesis ist zu lesen: »Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau, und sie werden ein Fleisch«. Ja, »ein Fleisch«.

»Adam«, so Franziskus weiter, »konnte nicht ein Fleisch sein mit den Vögeln, mit dem Hund, mit der Katze, mit allen Tieren, mit der ganzen Schöpfung: nein, nein! Nur mit der Frau, und das ist die Bestimmung, das ist die Zukunft, das ist es, was fehlte«. Und »so kommt die Frau, um die Schöpfung zu krönen, mehr noch: sie bringt der Schöpfung Harmonie«. Wenn deshalb »die Frau nicht da ist, fehlt die Harmonie«. Auch »wir sagen: aber das ist eine Gesellschaft mit einer starken männlichen Haltung. Es fehlt die Frau«. Und vielleicht wird auch gesagt: »Die Frau ist dazu da, das Geschirr zu spülen, um dieses und jenes zu tun«. Doch es ist ganz anders: »Die Frau ist dazu da, um Harmonie zu bringen; ohne die Frau gibt es keine Harmonie.« Mann und Frau »sind nicht gleich, keiner ist dem anderen übergeordnet: nein. Nur: der Mann bringt keine Harmonie: sie ist es, die jene Harmonie bringt, die uns lehrt zu liebkosen, mit Zärtlichkeit zu lieben und die aus der Welt etwas Schönes macht«. »Drei Schritte« also, betonte der Papst erneut. Vor allem »der einsame Mann, die Einsamkeit des Mannes ohne die Frau; zweitens der Traum: nie kann man eine Frau verstehen, ohne sie zuerst geträumt zu haben; drittens die Bestimmung: ein Fleisch zu sein«.

»Vor einigen Monaten«, vertraute der Papst an, »habe ich bei einer der Audienzen, als ich die Leute hinter den Absperrungen grüßen ging, zufällig ein Ehepaar getroffen, das seinen 60. Hochzeitstag feierte: Sie waren nicht sonderlich alt, denn sie hatten jung geheiratet, sie ging auf die Achtzig zu, doch es ging ihnen gut, sie hatten ein Lächeln auf dem Gesicht«. Als er sie sah, fragte sie der Papst – denn, er lachte, »die Leute, die Hochzeitstage feiern, frage ich immer etwas und scherze dabei«–, wer von den beiden in den sechzig Jahren Ehe »mehr Geduld« gehabt hätte. Und »sie, die auf mich schauten, haben sich in die Augen geblickt – ich werde diese Augen nie vergessen –, dann wandte sich ihr Blick wieder mir zu und sie haben mir gesagt, beide zusammen: ›Wir sind verliebt.‹ »Nach sechzig Jahren«, fügte Franziskus hinzu, »das heißt es, ein Fleisch zu sein, und das ist es, was die Frau bringt: die Fähigkeit, sich zu verlieben. Die Harmonie für die Welt«. »Viele Male«, merkte der Papst an, »hören wir, wie gesagt wird: ›Es ist notwendig, dass da in dieser Gesellschaft, in dieser Einrichtung, dass hier eine Frau ist, damit sie das tut, damit sie diese Dinge verrichtet‹«. Aber »die Funktionalität ist nicht das Ziel der Frau: es ist richtig, dass die Frau Dinge tun muss und – wie wir alle – Dinge tut«.

Doch »das Ziel der Frau ist es, Harmonie zu schaffen, und ohne die Frau gibt es keine Harmonie in der Welt«. Ja, so der Papst eindringlich, »Menschen auszubeuten ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das ist richtig, doch eine Frau auszubeuten ist mehr: es bedeutet, die Harmonie zu zerstören, die Gott der Welt geben wollte«. Es ist dies wirklich »ein Zerstören, es ist kein einfaches Vergehen, kein einfaches Verbrechen, es bedeutet, zurückzukehren, es ist dies ein Zerstören der Harmonie«. »Das ist das große Geschenk Gottes: er hat uns die Frau gegeben«, bekräftigte der Papst. Und im Abschnitt aus dem Markusevangelium der heutigen Liturgie »haben wir gehört, wozu eine Frau fähig ist«, merkte Franziskus an und bezog sich dabei auf die Frau, deren Tochter von einem unreinen Geist besessen war. Eine »mutige« Frau, die »mutig vorangegangen ist, doch sie ist mehr, sie ist mehr: die Frau ist die Harmonie, sie ist Poesie, sie ist Schönheit«. Was so weit geht, dass »ohne sie die Welt nicht so schön wäre, sie wäre nicht harmonisch«.

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