„Das Embryo ist kein Heilmittel“: Bioethiker fordern Verbot von Gen-Experiment

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„Die Goldgräberstimmung in der Stammzellenforschung ist vorbei, die großen Gewinne sind ausgeblieben, jetzt muss man neue Marktfelder eröffnen, die den Glauben an die Machbarkeit schüren – vom genetischen Wunschkind bis zum ‚krankheitsresistenten‘ Menschen“. Foto: lisichik via Pixabay

Was hinter Labortüren in der Embryonenforschung und der Manipulation menschlichen Erbguts geschieht, unterliegt nicht überall den gleichen ethischen Auflagen. Experten warnen: Kaum ein Monat vergeht, in der nicht eine Grenze überschritten wird.

In den USA haben nun die U.S. National Academy of Sciences (NAS) und die National Academy of Medicine in Washington D.C empfohlen, dass klinische Versuche am Embryo erlaubt werden sollen. Dabei wird die menschliche DNA manipuliert. Ziel sei die Verhinderung von Erbkrankheiten.

Mithilfe der als „Gen-Schere“ bekannten Methode sollen bestimmte, in diesem Fall krankmachende, Abschnitte im menschlichen Erbgut „herausgeschnitten“ werden.

Scheinargument ohne medizinischen Zweck 

Susanne Kummer, die Geschäftsführerin des Wiener Instituts für Medizinische Anthropologie und Bioethik (IMABE), bewertet den Schritt überaus kritisch: Bei allem Verständnis für das Anliegen, neue Therapieansätze durch die CRISPR–Cas9-Methode zu finden: Das Argument, wonach die „Gen-Schere“ ein Fortschritt in der Ausmerzung von Erbkrankheiten im Erbgut des Embryos und seiner Nachkommen sei, hält Kummer für ein „Scheinargument“. Medizinisch erfülle die neue Methode keinen Zweck.

„Bei potentiell vererbbaren Krankheiten ist ja bei weitem nicht jedes Kind automatisch betroffen. Je nach Typ der Erkrankung – man spricht autosomal rezessiven und autosomal dominanten Erbgängen – weiß man heute, dass die Wahrscheinlichkeit für das Kind nur bei 25- oder 50 Prozent liegt, tatsächlich zu erkranken.“

Mit anderen Worten: Die meisten Kinder sind nicht davon betroffen. Um Schwangerschaften mit nicht betroffenen Embryonen zu ermöglichen, habe man die Präimplantationsdiagnostik (PID) propagiert und in zahlreichen Ländern legalisiert, so Kummer weiter.

„Wozu soll man also nun versuchen, die mit der Krankheit betroffenen Embryonen mittels riskanter Gen-Schere zu ‚reparieren‘, wenn man ohnehin zwischen mehreren Embryonen den sogenannten ‚gesunden‘ auswählen und der Frau einsetzen kann?“, fragt die Bioethikerin kritisch nach.

Marktwirtschaftliche Gründe und ein fragwürdiger „Traum“

„Es scheint, dass hier neben wissenschaftlicher Neugierde auch marktwirtschaftliche Gründe eine Rolle spielen“, sagt Bioethikerin Susanne Kummer. „Die Goldgräberstimmung in der Stammzellenforschung ist vorbei, die großen Gewinne sind ausgeblieben, jetzt muss man neue Marktfelder eröffnen, die den Glauben an die Machbarkeit schüren – vom genetischen Wunschkind bis zum ‚krankheitsresistenten‘ Menschen“, so Kummer.

Ein chinesisches Forscherteam der Medizinischen Universität Guangzhou hat trotz ethischer Vorbehalte und Debatten bereits zweimal das Erbgut von Embryonen mittels Genom-Editing (CRISPR/Cas9-Methode) verändert. Das Ziel: Die Embryonen sollten gentechnisch so manipuliert werden, dass sie – ähnlich wie Agrarpflanzen – „krankheitsresistent“ werden, in diesem Fall gegen HIV.

Die im „Journal of Assisted Reproduction and Genetics“ veröffentlichtenen Ergebnisse des chinesichen Forscherteams zeigten dies ernüchternd. Die Autoren verwendeten 213 Embryonen. Mittels CRISPR/Cas9-Technologie schleusten sie eine Variante des Gens CCR5 in das Erbgut von 26 Embryonen ein. Dies soll vor einer HIV-Infektion schützen. Allein: Nur bei vier Embryonen glückte die Technik. Die Genom-Veränderung fand jedoch bei weitem nicht bei allen Chromosomen statt – dafür wanderte das Transfergen an nicht gewünschten Stellen im Genom, es kam zu Mutationen.

„Medizinisch kein Bedarf an CRISPR/Cas9“

Bioethikerin Kummer warnt: Die Risiken der Technik für das Individuum und die möglichen Folgeschäden für zukünftige Generationen und Bevölkerungen aufgrund der Veränderung des Erbguts seien noch völlig ungewiss. Es träten nachweislich unerwünschte Nebenfolgen auf; die sogenannten Off-Target-Effekte.

„Die Folgen davon zeigen sich in vollem Ausmaß letztlich erst im entwickelten Organismus. Wer haftet dann dafür, wenn die ersten Patientenklagen kommen von genveränderten Menschen, die zwar eine Erbkrankheit nicht haben, dafür frühzeitig an Krebs erkranken?“

Medizinisch bestehe also gar kein Bedarf an CRISPR–Cas9. „Der eigentliche Motor für die Entwicklung ist der Traum des Enhancements, also der Verbesserung und Steigerung bestimmter Eigenschaften im Genom“, so die Ethikerin. Diesen Optimierungssehnsüchten lägen fragwürdige eugenische Ansätze zugrunde. „Das sollte man wenigstens ehrlich aussprechen.“

Völlig ausgeblendet werde in der Debatte zudem, dass diese Art ethischer umstrittener Forschung menschliche Embryonen als Rohstoff in Labortests verbrauche. „Die Genomeditierung kommt nicht ohne die selektive Vernichtung von Embryonen aus. Dem muss klar widersprochen werden: Der Embryo ist kein Heilmittel. Die Würde des Menschen in allen seinen Entwicklungsphasen, verbietet es, ihn für Experimente zu verzwecken“, betont die Wiener Bioethikerin.

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Quelle

Neue Statuten für die Päpstliche Akademie für das Leben

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Audienz Päpstliche Akademie Für Das Leben, 3. März 2016 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Papst Franziskus ermuntert zur Zusammenarbeit mit Nicht-Katholiken

Im Rahmen der Reform der Organe der Römischen Kurie ist am Samstag die neue Satzung der Päpstlichen Akademie für das Leben veröffentlicht worden. Papst Franziskus unterzeichnete diese am 18. Oktober, worin zur Zusammenarbeit mit Nicht-Katholiken ermuntert wird. Ein neuer Abschnitt für junge Nachwuchsforscher von höchstens 35 Jahren wurde auch eingefügt.

Die Akademie mit Sitz im Vatikan wurde von Papst Johannes Paul II. im Jahr 1994 errichtet und dient der Verteidigung und Förderung des Wertes des menschlichen Lebens und der Menschenwürde.

Die Statuten treten am 1. Januar 2017 in Kraft und geben Aufschluss über die Sendung der Akademie interdisziplinär Fragen zu untersuchen, die im Zusammenhang mit dem menschlichen Leben stehen; eine Kultur des Lebens aufzubauen; sowie klar und zeitnah über die wichtigsten Ergebnisse der Forschungsaktivitäten zu informieren. Mitglieder werden nun nicht mehr auf Lebenszeit, sondern nur für fünf Jahre berufen.

Im Interview mit Radio Vatikan erklärte Bischof Vincenzo Paglia, Präsident der Akademie, dass der Papst sich von der Akademie wünscht, diese möge nicht auf ihren Bereich beschränkt bleiben, sondern vielmehr in das Herz der menschlichen Gesellschaft vordringen. Sie sollte den Horizont der Forschung ausbauen, hinsichtlich des Schutzes und der Verteidigung der Würde der menschlichen Person in den verschiedenen Lebensaltern und unter unterschiedlichen Lebensbedingungen, um die Lebensqualität zu fördern. Sie würden demnach nicht beim traditionellen Thema der Bioethik Halt machen, sondern sich mit ‪„sozialen, ökonomischen und ökologischen Auswirkungen“ beschäftigen.

Ein Anliegen des Instituts sei es, sagte Paglia, auch nicht-katholische Experten einzubeziehen, etwa Orthodoxe, Anglikaner, Protestanten, aber auch Juden oder Hindus, Buddhisten und Muslime. Die Voraussetzung sei, dass diese Mitarbeiter die Unverletzlichkeit des menschlichen Lebens anzuerkennen, von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod.

Die Aufgabe des Instituts ist in erster Linie eine ‪„wissenschaftliche“, besagen die neuen Statuten. Die Akademie müsse enge Kontakte zu wissenschaftlichen Instituten, Gesellschaften und Forschungszentren unterhalten, die sich mit lebensbezogenen Themen befassen.

Zusätzlich zu ihrer jährlichen Sitzung muss sie Kongresse und Kurse zu bioethischen Themen organisieren und in wichtigen Initiativen in der Welt im Zusammenhang mit diesen Themen teilnehmen. Sie muss die wichtigsten Strömungen des Denkens studieren, die auf die derzeitige Lebenskultur Einfluss haben.

Die Mitglieder werden ungeachtet ihres Standes, religiösen Bekenntnisses oder ihrer Nationalität berufen; dies sind Experten in Disziplinen mit Bezug zum menschlichen Leben wie Medizin, Biologie, Theologie, Philosophie, Anthropologie, Recht, Soziologie und weitere. Im Falle einer öffentlichen und vorsätzlichen Handlung oder Aussage, die eindeutig im Widerspruch zu deren Grundsätzen steht, können sie wieder abberufen werden. (mk)

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Quelle

Hervorhebungen von mir (POS)

Papst: ‪„Die alten Leute sind dazu berufen, eine Kultur des Lebens zu verbreiten“

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‪Papst Franziskus, Audienz, 15. Oktober 2016

Die Alten seien wie Bäume,
die auch unter der Last der Jahre Früchte tragen

Die Kirche betrachte die alten Menschen mit Zuneigung, Dankbarkeit und großer Achtung. Sie seien ein wesentlicher Teil der christlichen Gemeinde und der Gesellschaft, weil sie‪ „die Wurzeln und das Gedächtnis eines Volkes darstellen“.

Dies unterstrich Papst Franziskus am Samstag vor einer Gruppe von mehr als tausend Senioren, die anläßlich des Festes der Großeltern in der Audienzhalle ‪„Paul VI.“ im Vatikan empfangen wurden.

In seiner Ansprache bezeichnete der fast 80-jährige Pontifex die alten Menschen als eine ‪„wichtige Präsenz“ in der heutigen Gesellschaft. Ihre Erfahrung – so der Papst – sei ‪„ein kostbarer Schatz, unverzichtbar, um mit Hoffnung und Verantwortlichkeit in die Zukunft zu schauen“.

Ihr Beitrag sei wesentlich für die jungeren Generationen. ‪Die von den alten Menschen über die Jahre angesammelte Reife und Weisheit könnten den Jugendlichen auf ihrer Suche nach dem eigenen Weg helfen, so betonte Jorge Bergoglio. Auch in den schwersten Prüfungen legten sie Zeugnis davon ab, dass man nie das Vertrauen in Gott und in eine bessere Zukunft verlieren solle, so erinnerte der Papst.

Alte Menschen seien wie Bäume, die weiter Früchte tragen, auch unter der Last der Jahre, so der Papst, der den großherzigen Einsatz vieler Senioren u.a. „als Katechisten, Mitgestalter der Liturgie,  Zeugen der Nächstenliebe“ in den Pfarreien würdigte.

Während Papst Franziskus die Großeltern dazu einlud, mit ihren Kleinkindern zu reden, prangerte er erneut die ‪„verderbliche Wegwerfkultur“ von heute und ihre ‪„Ausgrenzung“ alter Menschen an, weil sie als ‪„unproduktiv“ betrachtet würden.

Deswegen sei es ihm eine Freude, so erzählte der Papst, im Lukasevangelium (2,25-38) zu lesen, dass genau zwei ‪„Großeltern“, nämlich Simeon und Hanna, und nicht einen Priester, das Jesuskind 40 Tage nach seiner Geburt im Jerusalemer Tempel empfingen.

Am Ende seiner Ansprache dankte er den alten Menschen ‪„für Ihr Beispiel der Liebe, Hingabe und Weisheit.“ ‪„Mögen ihr Lächeln und die schöne Helligkeit ihrer Augen der Gesellschaft nie fehlen: dass die Gesellschaft sie sehen möge“, so fügte er noch dazu.

Danach lud er seine Zuhörer ein, gemeinsam zur Heiligen Anna, Jesu Großmutter, zu beten.

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Quelle

BARMHERZIGKEIT SCHENKT WÜRDE

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Generalaudienz auf dem Petersplatz am 31. August 2016

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag!

Das Evangelium, das wir gehört haben, stellt uns eine Gestalt vor Augen, die sich durch ihren Glauben und ihren Mut auszeichnet. Es handelt sich um die Frau, die Jesus von ihren Blutungen geheilt hat (vgl. Mt 9,20-22). Sie tritt durch die Menge hindurch von hinten an Jesus heran, um den Saum seines Gewandes zu berühren. »Denn sie sagte sich: Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt« (V. 21). Wie viel Glauben! Wie viel Glauben hatte diese Frau! Sie denkt so, weil sie von sehr viel Glauben und großer Hoffnung beseelt ist und mit ein wenig Hinterlist das verwirklicht, was sie im Herzen hat. Der Wunsch, von Jesus gerettet zu werden, ist so groß, dass sie sich über die im Gesetz des Mose verankerten Vorschriften hinwegsetzt. Denn diese arme Frau ist seit vielen Jahren nicht einfach nur krank, sondern wird als unrein betrachtet, weil sie unter Blutfluss leidet (vgl. Lev 15,19-30). Daher ist sie vom Gottesdienst, vom Ehe- leben und vom normalen Umgang mit dem Nächsten ausgeschlossen. Und der Evangelist Markus fügt hinzu, dass sie von vielen Ärzten behandelt worden war, dabei ihr ganzes Vermögen ausgegeben und schmerzhafte Behandlungen ertragen hatte, ihr Zustand aber immer nur schlimmer geworden war. Sie war eine von der Gesellschaft ausgeschlossene Frau. Es ist wichtig, diesen Zustand – als Ausgeschlossene – in Betracht zu ziehen, um ihre seelische Verfassung zu verstehen: Sie spürt, dass Jesus sie von der Krankheit und vom Zustand der Ausgrenzung und der Würdelosigkeit befreien kann, in dem sie sich seit Jahren befindet. Mit einem Wort: Sie spürt, dass Jesus ihr das Heil schenken kann.

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Dieser Fall lässt uns darüber nachdenken, wie die Frau oft wahrgenommen und dargestellt wird. Wir alle, auch die christlichen Gemeinden, müssen uns hüten vor Auffassungen vom Weiblichen, die von Vorurteilen und Verdächtigungen geprägt sind und seiner unantastbaren Würde schaden. In diesem Sinne stellen gerade die Evangelien die Wahrheit wieder her und führen zu einer befreienden Sichtweise. Jesus hat den Glauben dieser Frau, die von allen gemieden wurde, bewundert und ihre Hoffnung in Heil verwandelt. Wir kennen ihren Namen nicht, aber die wenigen Zeilen, mit denen die Evangelien ihre Begegnung mit Jesus schildern, zeigen einen Weg des Glaubens auf, der die Wahrheit und die Größe der Würde jedes Menschen wiederherstellen kann. In der Begegnung mit Christus öffnet sich für alle – Männer und Frauen an jedem Ort und zu jeder Zeit – der Weg der Befreiung und des Heils.

Im Evangelium nach Matthäus heißt es, dass Jesus, als die Frau sein Gewand berührte, sich »umwandte« und »sie sah« (V. 22) und dann das Wort an sie richtete. Wie gesagt handelte die Frau aufgrund ihrer Ausgrenzung heimlich, trat von hinten an Jesus heran, war etwas ängstlich und wollte nicht gesehen werden, denn sie war eine Ausgeschlossene. Jesus aber sieht sie, und er blickt sie nicht vorwurfsvoll an, er sagt nicht: »Geh weg, du bist eine Ausgeschlossene!«, so als würde er sagen: »Du bist eine Aussätzige, geh weg!« Nein, er macht ihr keine Vorwürfe, sondern der Blick Jesu ist voll Barmherzigkeit und Zärtlichkeit. Er weiß, was geschehen ist, und sucht die persönliche Begegnung mit ihr, was im Grunde auch die Frau selbst wünschte. Das bedeutet, dass Jesus sie nicht nur annimmt, sondern sie dieser Begegnung für würdig erachtet, so dass er ihr sein Wort und seine Aufmerksamkeit schenkt.

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Im zentralen Teil des Berichts wird das Wort »Heil« dreimal wiederholt: »Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt« – »Hab keine Angst, meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen [dich geheilt]« – »Und von dieser Stunde an war die Frau geheilt« (V. 21-22). Dieses »Hab keine Angst, Tochter« bringt die ganze Barmherzigkeit Gottes gegenüber diesem Menschen – und gegenüber jedem ausgeschlossenen Menschen – zum Ausdruck. Wie oft fühlen wir uns innerlich ausgeschlossen aufgrund unserer Sünden: Wir haben viele begangen, wir haben viele begangen… Und der Herr sagt zu uns: »Hab keine Angst! Komm! Für mich bist du kein Ausgeschlossener, keine Ausgeschlossene. Hab keine Angst, Tochter! Du bist ein Sohn, eine Tochter.« Und das ist der Augenblick der Gnade, es ist der Augenblick der Vergebung, es ist der Augenblick des Hineingenommenseins in das Leben Jesu, in das Leben der Kirche. Es ist der Augenblick der Barmherzigkeit. Heute sagt der Herr zu uns allen, die wir Sünder sind – wir sind große Sünder, oder wir sind kleine Sünder, aber wir alle sind es –, zu uns allen sagt er: »Hab keine Angst, komm! Du bist nicht mehr ausgeschlossen: Ich vergebe dir, ich umarme dich.« So ist die Barmherzigkeit Gottes. Wir müssen Mut haben und zu ihm gehen, um Vergebung für unsere Sünden bitten und vorangehen. Mit Mut, wie diese Frau es getan hat. Dann hat das »Heil« zahlreiche Merkmale: Vor allem gibt es der Frau die Gesundheit zurück; dann befreit es sie von den sozialen und religiösen Diskriminierungen; außerdem erfüllt es die Hoffnung, die sie im Herzen trug, und vertreibt ihre Ängste und ihren Kummer; schließlich gibt es sie der Gemeinschaft zurück und befreit sie von der Notwendigkeit, im Verborgenen zu handeln. Und Letzteres ist wichtig: Ein ausgeschlossener Mensch handelt immer im Verborgenen, manchmal oder das ganze Leben lang: Denken wir an die Aussätzigen von damals, an die Obdachlosen von heute…; denken wir an die Sünder, an uns Sünder: Wir tun immer etwas im Verborgenen, wir müssen etwas im Verborgenen tun, weil wir uns dessen schämen, was wir sind… Und er befreit uns davon, Jesus befreit uns und sorgt dafür, dass wir aufrecht stehen: »Steh auf, komm, stell dich auf die Füße!« Wie Gott uns erschaffen hat: Gott hat uns aufrecht erschaffen, nicht gedemütigt. Aufrecht. Jesus schenkt das vollkommene Heil, das das Leben der Frau wieder in die Sphäre der Liebe Gottes einbindet und ihr gleichzeitig ihre volle Würde zurückgibt.

Also nicht das Gewand, das die Frau berührt hat, hat ihr das Heil geschenkt, sondern das im Glauben angenommene Wort Jesu, das in der Lage ist, sie zu trösten, sie zu heilen und ihre Beziehung zu Gott und zu seinem Volk wiederherzustellen. Jesus ist die einzige Quelle des Segens, aus der das Heil für alle Menschen entspringt, und der Glaube ist die Grundvoraussetzung, um es anzunehmen. Erneut zeigt Jesus mit seinem erbarmungsvollen Verhalten der Kirche den Weg auf, den sie gehen muss, um jedem Menschen entgegenzugehen, damit jeder an Leib und Geist geheilt werden und die Würde der Gotteskindschaft wiedererlangen kann. Danke.

(Orig. ital. in O.R. 1.9.2016)

Erstes Magdalena-Fest: „Über die Würde der Frau nachdenken“

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Maria Magdalena: Künstlerische Darstellung

Maria Magdalena wird in der Kirche an diesem Freitag das erste Mal als Fest gefeiert. Papst Franziskus hatte es durch ein Dekret der Liturgiekongregation am 3. Juni diesen Jahres festlegen lassen. Zuvor war der Tag ein Gedenktag, liturgisch bedeutet dies also eine Aufwertung der Heiligen. „Vom heiligen Gregor dem Großen wurde sie ‚Zeugin der göttlichen Barmherzigkeit‘ genannt, vom heiligen Thomas von Aquin ‚Apostolin der Apostel‘; von den Gläubigen unserer Tage kann sie als Beispiel für den Dienst der Frauen in der Kirche entdeckt werden“, heißt es im Dekret zur Begründung.

Die Aufwertung bedeutet, dass das Fest dem der Apostel gleichgestellt wird (Ausnahmen sind Petrus und Paulus, deren in Hochfesten, also liturgisch noch bedeutungsvoller, begangen wird). Außer den Zwölf gedenkt die Kirche nur der Evangelisten Markus und Lukas und des ersten Märtyrers Stephanus mit einem Fest.

Mit dieser Veränderung gehen auch konkrete Änderungen in der Liturgie einher. So betont das Liturgische Institut der Schweiz das Element des Dankes, das zum einen in den Lobgesängen deutlich werde, die zu einem Fest gehören. „Besonders deutlich wird das Motiv der Danksagung für das Leben und den Dienst der Heiligen in den entsprechenden Präfationen, den grossen Eröffnungsgesängen des Eucharistischen Hochgebets“, heißt es auf der Webseite des Instituts. „In den jeweiligen Heiligenpräfationen werden Motive aus dem Leben der Heiligen genannt, für die wir Gott danken und ihn loben. Während wir bei diesen Dankmotiven quasi den Heiligen gegenüber stehen, sie anschauen und Gott für sie danken, wechseln wir am Ende der Präfation die Seite und stellen uns zu ihnen, um mit ihnen und den Engeln gemeinsam Gott zu loben im Gesang des ‚Sanctus’.“

Eine gültige deutschsprachige Übersetzung dieser Präfation gibt es noch nicht, weil auf die Feinheiten der Sprache zu achten sei, heißt es weiter, besonders mit Bezug auf die Begriffe „apostola“ und „apostolatum officiom“ gilt: „Erstmals in einem offiziellen liturgischen Text wird eine Frau als Apostolin (‚apostola’) bezeichnet, wenn auch nur in der Überschrift: Päfation von der Apostolin der Apostel. Im Text der Präfation selbst wird dann gesagt, dass Christus sie mit dem ‚apostolischen Amt/Dienst’ vor den Augen der Apostel ehrte“. Einschränkend wird hinzu gefügt: „der Begriff ‚apostolatus officium’ ist nicht eindeutig zu übersetzen, gemeint ist das Amt/der Dienst als Apostel“.

In dem Begleitschreiben hatte der Sekretär des Liturgiekongregation, Erzbischof Arthur Roche, darauf hingewiesen, dass der „aktuelle kirchliche Kontext“ dazu aufrufe, „tiefer über die Würde der Frau“ nachzudenken. „Maria Magdalena ist das Beispiel einer wahren, authentischen Verkünderin der Frohen Botschaft: einer Evangelistin, die die frohmachende, zentrale Botschaft von Ostern verkündet.“ Das Fest an diesem Freitag soll Gelegenheit sein, genau das zu feiern und Gott dafür zu danken.

Die liturtischen Texte des Festes finden Sie – mit Ausnahme der Präfation –hier.

Die Präfation lautet im Original: Præfatio: de apostolorum apostola

Vere dignum et iustum est,
æquum et salutáre,
nos te, Pater omnípotens,
cuius non minor est misericórdia quam potéstas,
in ómnibus prædicáre per Christum Dóminum nostrum.
Qui in hortu maniféstus appáruit Maríæ Magdalénæ,
quippe quae eum diléxerat vivéntem,
in cruce víderat moriéntem,
quæsíerat in sepúlcro iacéntem,
ac prima adoráverat a mórtuis resurgéntem,
et eam apostolátus offício coram apóstolis honorávit
ut bonum novæ vitæ núntium
ad mundi fines perveníret.
Unde et nos, Dómine, cum Angelis et Sanctis univérsis
tibi confitémur, in exsultatióne dicéntes:

 

(rv 21.07.2016 ord)

Kirche in Not: GENDER-IDEOLOGIE – EIN LEITFADEN

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Glaubens-Kompass

… damit der Glaube lebt!

„Bald wird man nicht mehr behaupten dürfen, dass die Homosexualität – wie die katholische Kirche es lehrt – eine objektive Unordnung im menschlichen Leben darstellt.“ Diese Prophezeiung des damaligen Kardinals Joseph Ratzinger vom 1. April 2005 hat bereits begonnen sich zu erfüllen.

Als im Winter 2012/2013 bis zu eine Million Menschen im sozialistischen Frankreich gegen die geplante Legalisierung der „Homo-Ehe“ auf die Straße gingen und ihren Protest u. a. mit einem bedruckten T-Shirt zum Ausdruck brachten, ging die Polizei gegen das Kleidungsstück und ihre Träger vor. Hemden wurden beschlagnahmt, Geldstrafen verhängt und einige T-Shirt-Träger sogar verhaftet. Doch welches strafwürdige Motiv war auf den Hemden abgedruckt? Es zeigte eine „traditionelle“ Familie, bestehend aus Vater, Mutter und zwei Kindern.

Unterschiede zwischen Mann und Frau einebnen 

Nicht nur in Frankreich haben sich viele Menschen gefragt, warum die friedlichen Demonstrationen gegen die Zerstörung der bislang gültigen familiären Ordnung so vehement von der französischen Regierung bekämpft wurden. Wer könnte ein Interesse daran haben, der Ehe von Mann und Frau ihren Status als einzige staatlich anerkannte Lebenspartnerschaft zu entziehen? Allein schon das Aufkommen dieser Frage zeigt, wie wenig bekannt jene geistige Strömung ist, die sich seit Jahrzehnten mit Macht dafür einsetzt, die Unterschiede zwischen Mann und Frau einzuebnen.

Hier geht es nicht um die feministische Forderung „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“, die uneingeschränkte Unterstützung verdient. Die Zielsetzung lautet vielmehr: Die Verbindung von Mann und Frau ist als exklusives Ehemodell infrage zu stellen und stattdessen jedwede lebenspartnerschaftliche Beziehung als der Ehe gleichwertig anzuerkennen. Eine Lebenspartnerschaft zwischen zwei lesbischen Frauen, zwei schwulen Männern oder einem transsexuellen Mann, der sich als Frau fühlt, mit einer bisexuellen Frau, die sich zu beider- lei Geschlechtern hingezogen fühlt, habe demnach angeblich den gleichen Wert wie eine eheliche Verbindung von Mann und Frau.

Gender = soziales Geschlecht 

Die Weltanschauung, die solche Ideen verbreitet, heißt „Gender-Ideologie“, auch Genderismus genannt. „Gender“ ist ein englisches Wort und bedeutet „Geschlecht“. Gemeint ist nicht das biologische Geschlecht (englisch: sex), sondern das soziale Geschlecht, das nicht naturgegeben sei, sondern von menschlicher Gewohnheit festgelegt werde.

Gender-Ideologen sind davon überzeugt, dass es keine grundlegenden Unterschiede zwischen Mann und Frau gebe. Die Einteilung der Menschheit in einen männlichen und einen weiblichen Teil sei lediglich eine Erfindung patriarchaler Gesellschaften. Diese hätten festgelegt, welche Rollen die biologischen Geschlechter in der Gesellschaft zu spielen hätten und wie sie sich verhalten sollten. Im Hintergrund steht eine feministische Leitidee der französischen Philosophin Simone de Beauvoir aus dem Jahr 1947: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird dazu gemacht.“

Das tiefgreifende unterschiedliche Verhalten und Empfinden der Geschlechter ist also in den Augen der Genderisten nicht angeboren, sondern lediglich kulturell bedingt und anerzogen. Das Mann- oder Frausein sei angeblich keine natürliche Identität, sondern vielmehr eine von der Erziehung aufgezwungene Identität.

Mann und Frau seien auch nicht grundsätzlich aufeinander bezogen: Vielmehr habe jeder Mensch unabhängig von seinem biologischen Geschlecht eine „persönliche sexuelle Orientierung“, die heterosexuell, homosexuell (= schwul oder lesbisch), bisexuell, transsexuell oder intersexuell (= nicht eindeutig dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zuzuordnen) sein könne.

Menschen, die keine heterosexuelle Ausrichtung haben, werden häufig unter der aus dem Englischen stammenden Abkürzung LGBT zusammengefasst. Sie steht für „Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender“. Für die Genderisten gibt es keinerlei Geschlechtsidentitätsstörungen, sondern jegliche sexuelle Orientierung gilt ihnen als gleich gut und sollte daher auch ausgelebt werden.

Damit stellen die Vertreter der Gender-Ideologie Naturgesetze infrage, die seit Menschengedenken Gültigkeit haben, wonach die beiden biologischen Geschlechter aufeinander bezogen und zudem in der Lage sind, durch die Zeugung von Kindern das Leben weiterzugeben.

Gender-Mainstreaming 

Unter dem Schlagwort „Gender-Mainstreaming“ (= das Bemühen, Gender-Denken in der breiten Masse der Gesellschaft zu verankern) hat die Gender-Ideologie längst in der Politik Einzug gehalten. Um die Ideen des Genderismus in allen Bereichen des öffentlichen Lebens zu verbreiten, hat das Bundesfamilienministerium 2003 an der Berliner Humboldt-Universität sogar ein eigenes „Gender-Kompetenz-Zentrum“  gegründet.

Wegbereiter des Genderismus 

Die Verwendung des Begriffs „Gender“ an Stelle von „Geschlecht“ geht auf den neuseeländischen Psychologen John Money zurück. Der Vorreiter des Genderismus versuchte seit den 1950er-Jahren in den USA zu beweisen, dass die Erziehung – und nicht die Biologie – maßgeblich für die Ausprägung der Geschlechterrollen sei.

Der Begriff „Gender-Mainstreaming“ trat erstmals 1985 in Erscheinung: Damals diskutierten ihn die Teilnehmerinnen der 3. UN-Weltfrauenkonferenz in Nairobi. Auf der Folgekonferenz in Peking wurde er zehn Jahre später weiterentwickelt. Die EU erklärte im Amsterdamer Vertrag von 1997 Gender-Mainstreaming zu einer verbindlichen Aufgabe für alle ihre Mitgliedsstaaten. Ein Jahr später setzte sie eine eigene Richtlinie zur Umsetzung von Gender-Mainstreaming in Kraft.

Ziele des Genderismus 

Was sind die Ziele des Genderismus? Diese Ideologie möchte die völlige Auswechselbarkeit von Mann und Frau in allen Lebensbereichen erreichen. Geschlechterbezogene Rollenbilder sollen sich auflösen, da es keine spezifisch männlichen oder spezifisch weiblichen Fähigkeiten gäbe. Beide Geschlechter könnten vielmehr alle Aufgaben gleich gut erfüllen, seien also vollkommen austauschbar. Lediglich überholte kulturelle Klischees würden z. B. junge Männer daran hindern, in großer Zahl den Beruf des Erziehers zu ergreifen.

Ebenso würden z. B. viele junge Frauen den Beruf der Automechanikerin anstreben, wenn nur die Gesellschaft dies eher akzeptieren und ihr überkommenes Rollenverständnis des biologischen Geschlechts überdenken würde.

Als wichtigster Gradmesser für die Umsetzung der Gender-Ideologie gilt die Frage, wieweit Frauen ins Erwerbsleben eingestiegen sind und wie viel sie dabei noch vom Beschäftigungsumfang der Männer trennt. Dementsprechend ist jede Hausfrau und Mutter, die zum Wohl ihrer Familie auf eine berufliche Vollzeitbeschäftigung verzichtet, den Genderisten ein Dorn im Auge. So stellt die Europäische Kommission in ihrem „Strategiepapier 2010-2015 für die Gleichstellung von Frauen und Männern“ mit Bedauern fest:

„Frauen übernehmen nach wie vor einen übermäßig großen Anteil der Verantwortung für die Familie.“

Absurde Forderungen 

Manche Forderungen der Genderisten nehmen absurde Züge an. Mit der Begründung, dass es von vornherein kein objektives Geschlecht des Menschen gebe, sondern nur „kulturell bedingte Geschlechterrollen“, verlangen die Gender-Ideologen, dass jeder Mensch sein Geschlecht selbst auswählen solle. Es sei nur gerecht, wenn der Einzelne selber bestimme, ob er Mann oder Frau oder auch beides zugleich sein wolle.

Wie konsequent die Genderisten diesen Kurs verfolgen und wie weitreichend ihr Einfluss auf die Gesetzgebung bereits ist, zeigte eine irische Gesetzesinitiative zu Beginn des Jahres 2014: Demnach sollen Personen ab 16 Jahren das Recht haben, ihr Geschlecht frei zu wählen. Die Behörden müssten anschließend alle entsprechenden Dokumente (wie Geburtsurkunden, Pässe etc.) den Wünschen entsprechend ändern. Einzige Bedingung solle sein, dass die Eltern von minderjährigen Jugendlichen dem „angenommenen Geschlecht“ auch  zustimmen.

Neue Begriffe 

Ideologien, auch die Gender-Ideologie, führen gerne neue Begriffe oder Begriffsbedeutungen ein, da sich gesellschaftliche Veränderungen durch sprachliche Veränderungen leichter verwirklichen lassen. Ein Beispiel für eine solche sprachliche Neuschöpfung ist das Wort „Geschlechtervielfalt“: Dieser Begriff unterstellt, dass es neben „männlichen“ und „weiblichen“ noch weitere geschlechtliche Identitäten gäbe.

Die Genderisten wollen auf diesem Weg jedwede sexuelle Orientierung – wie zum Beispiel Homosexualität; die Pädophilie ist   in dieser Hinsicht zurzeit noch umstritten – als gesellschaftlich akzeptierte geschlechtliche Identität etablieren. So soll sich im allgemeinen Bewusstsein die Vorstellung festsetzen, dass es ein weites Spektrum sexueller Ausrichtungen gäbe, die allesamt völlig normal, gleichwertig und gleichberechtigt seien.

Eine andere Wortschöpfung der Genderisten ist der Begriff „Homophobie“ (= Feindseligkeit gegenüber Menschen mit gleichgeschlechtlicher Neigung). Sie setzen ihn gerne als Totschlag-Argument gegen Andersdenkende ein, die praktizierte Homosexualität nicht als natürliche Form menschlicher Geschlecht- lichkeit anerkennen.

Wem die Genderisten das Etikett „homophob“ verpasst haben, wird häufig von der Gesellschaft als jemand betrachtet, der rückständig ist und aus irrationalen Gründen andere diskriminiert. Ein Beispiel: Anfang 2014 wurde in Spanien Fernando Sebastián Kardinal Aguilar wegen Homophobie angezeigt. Sein „Vergehen“: Er hatte ausgeführt, dass er die homosexuelle Liebe für defizitär halte, weil sie aus eigener Kraft keine Nachkommen hervorbringen könne (was bekanntermaßen den biologischen Tatsachen entspricht). Homophobie ist in Spanien ein Straftatbestand, der mit Gefängnisstrafe geahndet werden kann.

Weitere Begriffe, denen die Gender-Ideologie eine neue bzw. abgewandelte Bedeutung gegeben hat, sind z. B. „Geschlechtergerechtigkeit“ (= Gleichstellung aller sozialen Geschlechter) oder auch „Geschlechtsidentität“ (= subjektives Zugehörigkeitsgefühl zu sozialen Geschlechtern).

Neue Bezeichnungen in der Verwaltungssprache

In der schweizerischen Hauptstadt Bern hat das Gender-Mainstreaming bereits die Verwaltungssprache reformiert. Personen werden hier grundsätzlich „geschlechtsabstrakt“ bezeichnet: Die „Fußgängerzone“ wurde zur „Flanierzone“, während „Vater“ oder „Mutter“ in öffentlichen Dokumenten zu „Elternteil 1“ und „Eltern- teil 2“ umgewandelt wurden.

Die Sprache der Genderisten verrät ihr eigentliches Ziel: Sie wollen das biologische Geschlecht abschaffen, die Zweigeschlechtlichkeit von Mann und Frau aufheben und stattdessen einer Vielfalt von Geschlechtern das Wort reden; sie wollen die Ehe von Mann und Frau lediglich als eine unter vielen anderen Möglichkeiten hinstellen, und sie wollen die Familie nicht mehr aus Blutsverwandten bestehen lassen, sondern aus sozialen Gebilden, losgelöst von der biologischen Abstammung. Letztlich kommt es dadurch zu einer großen allgemeinen Verunsicherung und Identitätsverwirrung bei den Einzelnen sowie zu einer tiefgreifenden Unordnung auch in den kleinsten  gesellschaftlichen Strukturen.

Noch nicht einmal vor der Heiligen Schrift macht die Ideologie halt. So gibt es seit 2006 eine Bibelübersetzung, die der „massiv patriarchalischen Welt“ der Bibel die Stirn bieten möchte. Aus  dem „Knaben“ wird dann beispielsweise das „männliche Kind“ (Lev 12,2). Diese Umschreibung ist den Übersetzern lieber, da sie die Geschlechtervielfalt berücksichtigt; denn während „Knabe“ nur ein Gegenstück kennt (nämlich Mädchen), lenkt das „männliche Kind“ zusätzlich den Blick auf das weibliche, schwule, lesbische, transsexuelle usw. Kind. Aufgrund der erweiterten Perspektive rühmt sich diese Übersetzung ihrer „Geschlechtergerechtigkeit“ und nennt sich daher „Bibel in gerechter Sprache“.

Auch in der allgemeinen Schreibweise hinterlässt der Genderismus seine Spuren. So heißt es beispielsweise in einer Pressemitteilung der Technischen Universität Dresden aus dem Jahr 2014: „Die sächsischen Student_innenvertretungen starten die Aktion „Lehrer_in werden in Sachsen.“ Der Unterstrich (= „Gender Gap“) weist darauf hin, dass es neben der männlichen und der weiblichen Spielart des Geschlechts (Lehrer, Lehrerin) auch noch weitere soziale Geschlechter gibt, die der Einfachheit halber nicht aufgeführt werden (schwule Lehrer, lesbische Lehrerinnen, transsexuelle Lehrer usw.).

Genderismus auf der politischen Agenda

Der Genderismus hat nicht nur in der Sprache aller westlichen Staaten Einzug gehalten, die Ideologie steht seit vielen Jahren auch auf der politischen Agenda des Westens. Bereits 1999 hat das Kabinett der Bundesrepublik Deutschland das Gender-Mainstreaming zum Leitprinzip der Regierungsarbeit gemacht. Damit war eine folgenschwere politische Maxime ohne vorausgehende öffentliche Diskussion eingeführt. Ein Jahr später wurde die ministerienübergreifende Arbeitsgruppe „Gender-Mainstreaming“ eingerichtet.

Bei ihrem Kampf für Vollzeitarbeit von Müttern zu Lasten eines geregelten Familienlebens haben die Genderisten große Erfolge erzielt. Wichtige Akteure bei diesem Bemühen sind sog. „Gleichstellungsbeauftragte“, auch „Frauenbeauftragte“ genannt. Mehr als 1900 Frauen erfüllen diese Aufgabe in deutschen Kommunalbehörden (Stand: 2014). Um Mütter und andere Frauen möglichst weitgehend in die Berufswelt eingliedern zu können, sind Gleichstellungsbeauftragte mit weitreichenden Befugnissen ausgestattet: Sie haben Zutritt zu nahezu allen Gremien, dürfen Personalakten auch ohne Genehmigung der Betroffenen einsehen und haben bei jeder Stellenbesetzung ein Wort mitzureden.

Genderismus in der Bildungspolitik 

Nachdem die Gender-Ideologen die Beschäftigungspolitik bereits tiefgreifend umgestalten konnten, wollen sie nun auch in der Bildungspolitik neue Akzente setzen.

Das bekannteste Beispiel ist der Bildungsplan der grün-roten Landesregierung von Baden-Württemberg, der ab 2015 für die allgemeinbildenden Schulen gelten soll. Diese Unterrichtsleitlinien folgen den Vorgaben des Gender-Mainstreamings. Demnach sollen die Schüler möglichst früh zu „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ erzogen werden. Die Kinder und Jugendlichen sollen lernen, dass die Verbindung von Mann und Frau nur eine von vielen gleichberechtigten Möglichkeiten sei, Sexualität zu leben. Auf diese Weise könne der Weg zu einer angeblich „vorurteilsfreien Gesellschaft“ geebnet werden. Dem Entwurf des Bildungsplans zufolge haben die traditionelle Ehe und Familie keinen herausgehobenen Wert mehr.

Angesichts der zahlreichen Kritiker des Bildungsplanentwurfs verwies das Kultusministerium von Baden-Württemberg auf den Koalitionsvertrag der grün-roten Landesregierung: Darin habe man sich darauf geeinigt, sich für die Gleichstellung von Schwulen und Lesben mit Heterosexuellen sowie für „Toleranz“ einzusetzen.

Auch der schwarz-rote Koalitionsvertrag der Bundesregierung äußert sich anerkennend zu gelebter Homosexualität. Wörtlich heißt es dort: „Wir wissen, dass in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften Werte gelebt werden, die grundlegend für unsere Gesellschaft sind. (…) Wir verurteilen Homophobie (…) und werden entschieden dagegen vorgehen“ (Punkt 4.1).

Wissenschaftlicher Anstrich 

Der Genderismus gibt sich den Anstrich von Wissenschaftlichkeit. Als intellektuelle Leitfiguren gelten der französische Philosoph Michel Foucault († 1984) und die amerikanische Sprachwissenschaftlerin Judith Butler. In den letzten Jahrzehnten wurden allein in Deutschland mehr als 170 Professuren für Genderforschung eingerichtet, und die Zahl der Gender-Studien ist seither regelrecht explodiert.

Allerdings stellt die Genderforschung ihre angebliche „Wissenschaftlichkeit“ von vornherein selbst infrage, indem sie die Erkenntnisse der Naturwissenschaften vielfach ignoriert, allen voran die der Biologie, deren Forschungsergebnisse dem Konzept des Gender-Mainstreamings massiv widersprechen: Biologen konnten nachweisen, dass Männer und Frauen in bestimmten Bereichen grundverschieden sind. Jedes Geschlecht hat eigene Stärken und Schwächen.

Die strikte Weigerung der Genderisten, die Erkenntnisse einer naturwissenschaftlich orientierten (und nicht bloß sozial orientierten) Geschlechterforschung anzuerkennen, verdeutlicht, dass es sich beim Genderismus wirklich um eine Ideologie handelt: Ihre Vertreter arbeiten sogar darauf hin, Biologie als eigenständiges Unterrichtsfach abzuschaffen! Wenn sich die Pläne der grün-roten Landesregierung von Baden-Württemberg durchsetzen, wird dort ab 2015 der Fächerverbund „Naturphänomene und Technik“ das traditionelle Schulfach Biologie in den Klassen 5 und 6 ablösen.

Das christliche Menschenbild 

Die Naturwissenschaften ziehen aus ihren Forschungsergebnissen eine Schlussfolgerung, die sich mit dem christlichen Menschenbild deckt: Mann und Frau ergänzen einander. Der maßgebliche Ausgangspunkt der christlichen Geschlechterlehre ist der biblische Schöpfungsbericht im Buch Genesis: Demnach schuf Gott Mann und Frau gleichermaßen als sein Ebenbild (vgl. Gen 1,26-27).

Aus diesem gemeinsamen Privileg ergeben sich mehrere Konsequenzen: Mann und Frau besitzen die gleiche personale Würde und sind daher gleichwertig und einander ebenbürtig; da Gott den Menschen aber „als Mann und Frau“ (Gen 1,27) schuf, sind die Geschlechter nicht einfach gleichartig: Gerade ihre Verschiedenheit bietet ihnen die Möglichkeit, einander zu ergänzen und mithilfe ihrer jeweiligen Fähigkeiten bei den verschiedenen Aufgaben optimal zusammenzuarbeiten. Weil Mann und Frau beide Gott als ihren gemeinsamen Ursprung haben, sind sie aber trotz ihrer Verschiedenheit eine Einheit.

Diese positive Sicht der menschlichen Geschlechtlichkeit hat die Glaubenskongregation 2004 in einem Dokument verdeutlicht, das den Titel trägt: „Zusammenarbeit von Mann und Frau in der Kirche und in der Welt“.

Die Betrachtung der menschlichen Geschlechtlichkeit als „soziale Rolle“, die jeder selbst „frei wählen“ solle, entspringt letztlich einer atheistischen Sichtweise des Menschen: Sie blendet den Schöpfer aus, der jedem Menschen sein (weibliches oder männliches) Geschlecht zuteilt, damit dieser es als Gabe und Aufgabe empfange.

Auf die immer vehementer vorgetragenen Forderungen der Genderisten reagierten Ende 2013 drei europäische Bischofskonferenzen: Unabhängig voneinander verfassten die Bischöfe Portugals, der Slowakei und Polens eigene Hirtenbriefe, die vor der Gleichmacherei der Gender-Ideologie warnen. Anfang 2014 taten es ihnen die norditalienischen Bischöfe nach.

Dämonische Ideologie 

Gender-Mainstreaming beherrscht heute weitgehend die politische Agenda der westlichen Länder. Gleichzeitig wissen die meisten Bürger aber nicht, welche weitreichenden ideologischen Ziele sich unter dem Deckmantel von Wörtern wie „Gleichstellung“ und „Geschlechtergerechtigkeit“ verbergen.

Papst Franziskus brachte die Perversion des Genderismus auf den Punkt, als er beim Ad-limina-Besuch der österreichischen Bischöfe 2014 in Rom formulierte: „Die Gender-Ideologie ist dämonisch!“

Aufklärung vor dieser teuflischen Ideologie ist daher das Gebot der Stunde.

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Literaturhinweis: 

Gabriele Kuby

Die globale sexuelle Revolution – Zerstörung der Freiheit im Namen der Freiheit Hardcover, 456 Seiten, 19,95 €,
ISBN 978-3-86357-032-3
Übersetzungen auf Polnisch, Kroatisch, Ungarisch, Slowakisch, Tschechisch.
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Titelbild:
Eine „traditionelle“ Familie aus Vater, Mutter und Kindern. Foto: Eric Ward

 

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Siehe dazu auch:

Bischof Dr. Karl Josef Romer (5. Okt. 2006): DIE HEILIGKEIT DES LEBENS

Bischof Karl Josef Romer

 

Die Heiligkeit des Lebens

Vorwort

Wer glaubt, dass der Mensch von Gott geschaffen ist, muss glauben, dass dieser Mensch im innersten Wesen, im Herzen Gottes seinen Anfang nimmt. Die Existenz dieses Geschöpfes muss in der Welt Lob und Preis der Herrlichkeit Gottes und den Mitmenschen heilswirkend Leuchte sein. Der Mensch ist nicht eine Emanation Gottes, aber in Liebe und Wahrheit nach Gottes Bild gemacht. Daher existiert er um von Gott sichtbares Zeugnis zu geben. Die Heiligkeit des menschlichen Lebens ist Teil eines grossen Schöpfungsplanes, in dem Gott in freier Liebe sich selbst ausspricht.

1) In geklärter Kritik, gläubig die Schrift lesen

1. Weder Mythos noch moderner Beobachtungsbericht

„Die grundlegenden Aussagen über den christlichen Schöpfungsglauben finden sich bereits auf den ersten Seiten des Alten Testamentes, im … priesterschriftlichen Bericht (Gen 1,1-2,4a) und in dem älteren, mehr anthropomorph gehaltenen, jahwistischen Text“ (Gen 2,4b-3,24) (Scheffczyk, III, 59[1]).

Der Text (Gen 1-11) darf weder rein wörtlich genommen werden, als ob es sich, modern gesagt, um den Bericht einer versteckten Kamera handeln würde. Ebenso wenig wird dem Text gerecht, wer ihn, wie die Aufklärung es versuchte, als Mythos abtut. Es ist nützlich, die wesentlichen Unterschiede zwischen Mythos und Schöpfungserzählung festzuhalten.

1.2  Was sind Mythen? 

Der Mythos steht im Gegensatz zur biblischen Erzählung. Für die Aufklärung besteht Gen 1-3 einzig aus zusammengefügten Stücken mythischen Ursprunges, die phantasievoll das Unerklärbare des Anfanges illustrieren wollen. Es wäre wichtig, hier überlegen zu können, worin denn die Mythen eigentlich bestehen.  Der Mythos will eine gewisse Welterklärung geben; jedoch zielt er nicht auf das Verhältnis von Mensch zu Gott. Der Mythos will in einer Retro-Projektion besonders die von allen Menschen erlebten, natürlichen und zyklischen Gegebenheiten der Welt (wie das Werden und Sterben der Natur und des Menschen selber) kausal erklären. Diese Erklärung ist ohne direkten Einfluss auf die Gestaltung der Geschichte von heute[2]. Im Allgemeinen, können wir sagen, sind die Götter ein Teil des grossen Werdens der Welt; als dessen erste Phase sind sie höherer Qualität und deshalb den Menschen übergeordnet.

1.3  Das literarische Genus des Schöpfungsberichtes (Glaube und Schöpfung als Beginn der Heilsgeschichte) 

Der biblische Bericht, hingegen, der zwar ohne Bedenken gewisse illustrierende, der mythischen Anschauung entnommene Kategorien gebraucht, ist dezidiert anti-mythisch. Dazu gehören unter anderem:

– Das Hauptelement ist die absolute Bezogenheit auf Gott.

– Das absolute Fehlen jeglicher Spur des Kampfes zwischen Gott und Natur.

– Das Verb „bara’“ (erschaffen), das Gottes Tun in absoluter Souveränität zeigt („und Gott sprach … und Gott schuf … und so war es gut“).

– Vor allem sind jegliche astrale Kräfte seinem Tun streng unterworfen.

– Die Natürlichkeit, mit der von der Zweigeschlechtlichkeit gesprochen wird, ohne zu dämonisieren oder zu sakralisieren.

– Alle Dinge sind in ihrer Ordnung und Wahrheit Ausdruck des Schöpferwortes, fern von aller Magie und Zauber, haben sie eine rationale Erkennbarkeit.

– Alles wird ausschliesslich in der Abhängigkeit von Gott, und erst von daher in gegenseitiger geschöpflicher Beziehung gesehen.

– Dadurch, dass die 11 „vorgeschichtlichen“ Kapitel der Abrahamgeschichte vorgebaut sind, wird klar, dass auch dieser Schöpfungsbericht als reale Tat des in der Abrahamgeschichte sich allmächtig erweisenden Gottes zu sehen ist. „Das Urgeschehen steht in einer Analogie zur Realgeschichte der Väter“ (Scheffczyk, III,63)[3].

1.4  Der absolute Unterschied: der Mensch ist mehr als ein Geschöpf

In grandioser Beschreibung wird das Wort „bara’“ (erschaffen) gebraucht. Es ist „ein terminus technicus des AT, ausschliesslich dem Tun Gottes vorbehalten“[4].

In Gen 1-3 und 4-11 ist alles ausgerichtet auf die Beschreibung des Verhältnisses von Gott und Mensch. Damit gibt Gen 1-11 für das Leben jeden Menschen und für das Verstehen unserer Geschichte das Grundverständnis.

 

2) Der Mensch, Gottes Bild und Gleichnis

2.1 Der Mensch soll einzig Gott zueigen sein

Nach der monotonen Wiederholung an den ersten fünf Tagen „Und Gott sprach, es werde, und Gott schuf“, fällt umsomehr auf, welch ein Einbruch im Redestil der Verse liegt, die der Erschaffung des Menschen gewidmet sind: „(26) Und Gott sprach: Lasst uns den Menschen machen nach unserem Bild und Gleichnis (uns ähnlich) … (27) Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn, als Mann und Frau schuf er sie“ (Gen 1,26-27).

Es ist evident, dass hier der Höhepunkt der 6-tägigen Schöpfungswoche liegt. Es ist eine unerhörte Neuigkeit, die da ausgesagt wird, die in zwei Richtungen verstanden werden muss. Der zu erschaffende Mensch kommt aus der innersten Liebesmitte des Wesens Gottes hervor: „Lasst uns den Menschen machen – nach unserem Bilde und Gleichnis“. Es ist unsagbar, dass, trotz der absoluten Verschiedenheit zwischen Schöpfer und Geschöpf, eines der Geschöpfe aus solcher Innigkeit Gottes hervorgehen soll, und die Ähnlichkeit mit Gott als innerstes Merkmal an sich tragen muss und darf. Und in der anderen Richtung: Gott nimmt diese Kreatur ganz besonders an sich. Der Mensch, ihm ähnlich, muss ihm in ganz ausschliesslicher Weise gehören. Er wird hineingenommen in die innerste Vertrautheit mit Gott. Das Paradies-Gebot ist nochmals Ausdruck und Beweis dieser Erwählung: der Mensch, der sein Dasein ganz aus Gottes Liebestat empfangen hat, soll in freier Liebeshingabe in diese Gottesgemeinschaft eintreten[5]. Dazu sollte gelesen werden, was der Papst Johannes Paul II. in seinen Mittwoch-Katechesen von 1979 bis 1984 über Mann und Frau darlegte.

Wir finden in der Schöpfungsgeschichte der Bibel sowohl den Realismus der risikovollen Lebenserfahrung[6] sowie das Geheimnis des Menschen und der Ehe.

Die Urheiligkeit des menschlichen Lebens bezieht sich nicht nur auf die Innerlichkeit des menschlichen Gewissens, sondern zu dieser Heiligkeit gehört auch die Leiblichkeit und die Zweigeschlechtlichkeit sowie die Weitergabe des Lebens in der Familie. Das ausschliessliche Zugehören zu Gott drückt sich in der biblischen Botschaft am deutlichsten darin aus, dass der Mensch in freier Liebesentscheidung sich ganz dem liebenden Gotte hingeben darf (Gebot – Gehorsam – Chance freier Liebestat)

2.2 Die Ureinsamkeit des Menschen, auf dem Wege zu Gott

In seiner sehr suggestiven Analyse des zweiten Genesiskapitels sprach der Papst am 10. Oktober 1979 von einer doppelten Einsamkeit des Menschen.

Der Mensch steht zwar in einer tiefen Bezogenheit zu allen ihn umgebenden Geschöpfen. Das 2. Kapitel von Genesis zeigt in einem erhabenen Bilde, wie der Mensch inmitten aller Kreaturen seine Funktion als König des Alls übernimmt, indem er jedem Ding seinen Namen gibt, aber wie er trotzdem in einem doppelten Sinne einsam bleibt. Der Papst eröffnet hier eine Perspektive seltener Schönheit.

Bei all seiner Ähnlichkeit und seiner ursprünglichen Verwiesenheit auf die Welt, aus deren „Staub“ er gebildet ist, bleibt der Mensch eben doch in einer letzten und unaussprechbaren „Einsamkeit“. Es handelt sich hier zuerst um die Einsamkeit des Menschen als solchen (Mann und Frau); also nicht bloß um das dem Manne aus der Abwesenheit der Frau erwachsende Ungenügen[7]. Der Papst insistiert auf einer doppelten Einsamkeit:

  • die eine erwächst dem Menschen aus seinem tiefsten geschöpflichen Wesen, das heisst aus seinem Geschöpfsein in Vernunft und Liebe (besonders deutlich im 2. Kapitel der Genesis). Die bleibende Not des Geschöpfes, den Schöpfer zu finden;
  • die andere Einsamkeit entspricht der gegenseitigen Bezogenheit von Mann und Frau.

Diese seine innerweltliche Einsamkeit wird erfüllt durch das Gegenüber von Mann und Frau, soll ihm aber zugleich Verweis sein auf den absoluten Gott.

Die erste Form der Einsamkeit, die metaphysische, hat nichts mit der Verstossenheit des sündigen Menschen zu tun. Es handelt sich um das tiefste in sich selber Unerfülltsein des Menschen, indem er in seinem ganzen Wesen auf einen Andern, auf Gott, verwiesen ist. Auch wenn wir glaubend wissen, dass im Paradiese dem Menschen eine gnadenhafte Verbundenheit mit Gott gegeben war, so setzt eben gerade diese Gratuität der Gnade voraus, dass der Mensch sich selber immer nur als ungenügend erfahren kann. Auch erfüllt von der Gnade, weiss er, dass er aus sich selbst immer nur in absoluter Bedürftigkeit, in unendlichem Durst auf das Wahre, das Gute, das Schöne, auf Gott verwiesen bleibt.

2.3 Die Zweigeschlechtlichkeit als voller Ausdruck des Gottesbildes und Weg zu Gott

Es genügt ihm nie, Teil dieses Universums zu sein. – Im Umgang mit der Welt (Gen 2,19) lernt der Mensch sich selbst in Frage zu stellen. Warum ist keine andere Art des Geschaffenen ihm vergleichbar? Selbst in der beglückenden Beziehung zur Frau eröffnet sich das Geheimnis nochmals. Wie sehr sich Mann und Frau auch ergänzen und bereichern, so kann weder er noch sie jemals erfüllt werden durch ein Geschöpf. So müssen und dürfen Frau und Mann, auf ihrem gemeinsamen Wege zu Gott, einander gleichsam geheimnisvoll Spiegel des unsichtbaren, alles seligmachenden Gottes sein, Gefährte und Gefährtin – in Freud und Leid – und Zeichen lebendiger Hoffnung.

So wird gerade an der Zweigeschlechtlichkeit und an der gegenseitigen Bezogenheit von Mann und Frau nochmals klar, was der Mensch eigentlich ist. Während alle andern Dinge geschaffen sind nach ihrer eigenen Art, ist der Mensch das einzige Wesen, das nicht nach seiner, sondern nach einer fremden Art geschaffen ist. Nur Gott kann ihm ganz genügen. Keine Philosophie hat das grossartiger ausgedrückt. So wird auch sichtbar, dass die Heiligkeit des einzelnen Lebens ein Auftrag ist, denn seine Heiligkeit muss zur Heiligkeit der andern werden, in der Freundschaft, in der Ehe, der Familie und der Gesellschaft. Darin liegt die volle Würde und der Auftrag der Zweigeschlechtlichkeit.

Hier ist die Zweigeschlechtlichkeit weder dämonisiert, noch mythologisch vergöttlicht. Jeder muss für den andern (nicht nur, aber gerade auch in der zweigeschlechtlichen Dualität) gnadenhaft Gottesbild sein. Darin zeigt sich in unvergleichlicher Tiefe, wie jede Mitmenschlichkeit, aber  gerade die Zweigeschlechtlichkeit einerseits in Liebe Ausdruck Gottes, aber andererseits auch Weg zum Wachsen auf Gott hin sein muss.

Hier wäre die sehr wesentliche Überlegung anzustellen über den Sinn der Jungfräulichkeit und geweihten Ehelosigkeit. Diese will ja gerade den letzten und endgültigen Sinn aller mitmenschlichen Liebe vorwegnehmend darstellen. Jungfräulichkeit um des Himmelreiches willen wird so der Ehe und jeder suchenden Mitmenschlichkeit in höherem und tieferem Sinne zum Vorbild und Zielbild.

Wichtig ist schlicht und entschieden festzustellen, dass nach Gen 1,27 beiden Geschlechtern die absolute, vor Gott geltende Gleichwertigkeit zusteht. Was die zwei in ihrer Ergänzungsbedürftigkeit und Ergänzungsfähigkeit sind (Kap. 2), das müssen sie gerade als gleichwertiges Gottesbild sein. „Über alle Kulturen hinweg ist hier das Verhältnis Mann und Frau als Personen zur Grundform menschlicher Gemeinschaft erhoben“[8]. Nicht Unterordnung, sondern Polarität auf dem Weg zu Gott.

2.4 Die Freundschaft mit Gott

Scheffczyk (III,74) weist hin auf die refrain-artige Wiederholung: „und Gott sah dass es gut war so“, womit die Schrift aussprechen will, dass der vollkommene Gott, vor der Ursünde und aus reiner Schöpferliebe, seinem höchsten irdischen Geschöpfe „das Siegel der seinsmässigen Güte und Makellosigkeit“ gab. Es genügt nicht, die Gottesbildlichkeit des Menschen vor allem in seiner Vernünftigkeit, oder in seiner Erhabenheit über alle Geschöpfe, oder etwa in seinem aufrechten Gange sehen zu wollen. Dies ist wichtig und konstitutiv für seine Wesenheit. Aber das Bild Gottes besagt etwas viel Tieferes. Während alle Geschöpfe nur mittelbar zu Gott stehen (nämlich soweit der Mensch sie erkennt und in ihnen Gottes Spuren findet), ist der Mensch das einzige irdische Geschöpf, das in einem unvergleichlichen, unmittelbaren Gegenüber zu Gott steht. Der Mensch soll im Garten Gottes, im Paradiese wohnen; Gott nimm sich hingebend an um die Einsamkeit des Menschen. Der Mensch ist umgeben von Sorge und Liebe Gottes. Auch das Gebot im Paradies, die Berufung zur Bewährung des Menschen in seiner geschöpflichen Freiheit, ist nochmals höchster Anruf Gottes auf den Weg des Lebens und der göttlichen Erfüllung. All diese heilige Verbundenheit mit Gott ist mit dem Schöpferakte Gottes immer mitgemeint. So ist es im empfangenen Kinde, im Embryo, wie im erwachsenen Menschen. Gewiss, seit der Ursünde muss jeder durch die Taufe der Macht des Bösen entrissen und wieder in Gottes Gemeinschaft geführt werden. Das abscheuliche Verbrechen der Abtreibung (GSp 51.3: „crimen nefandum“) vergeht sich an der Schöpfertat Gottes selbst, der das wachsende Geschöpf schon angerufen hat zu dieser göttlichen Intimität.

2.5 Die Gottentfremdung

Gerade vor der Höhe und Tiefe der Berufung des Menschen durch Gott wird klar, wie abgrundtief das Unglück der Sünde ist. Wenn Gott ihm neue Hoffnung gibt, kann der Mensch seine Vollkommenheit nur finden, wenn er sich nicht verbannt zur gottfernen Einsamkeit. Nur bei Gott kann er Erfüllung, Ewigkeit, Leben, Liebe ohne Grenzen finden. Und in diese göttliche Berufung hinein muss jeder Mensch seine Mitmenschen führen. Jeder Mensch muss immer seinem Nächsten Zeichen dieser Hinordnung, dieser Gottbezogenheit sein. Sonst wird der Mensch dem Menschen zum Verführer, wie beim Untergang des Paradieses. Also, die Sorge um den Nächsten ist voll hineingenommen in das innige Verhältnis zum Heiligen Gott. Ohne Gottinnigkeit versinkt die Mitmenschlichkeit in die Leere der Ziellosigkeit oder wird erdrückt unter der Last erschöpfter Sinnenlust. Doch an dem sich Annehmen um den Nächsten wird die Gottesfreundschaft gestärkt und wahr.

 

3) Geschöpf des Dreifaltigen Gottes

3.1 Daten der Bibel

Wenn dies auch nicht so ausdrücklich im AT feststeht, so ist für den Christen eben doch klar, dass er nicht Gottesbild sein kann, ausser er sei Bild des Dreifaltigen Gottes. Gewiss, erst im Lichte des Neuen Testamentes ist es möglich, gewisse Andeutungen des AT zu entschlüsseln. Das „WORT des Herrn“ (Lógos) gilt als das schöpferische Tun Gottes, aber auch als jene heilige Macht, die der Geschichte Israels Richtung, Kraft und Ziel gibt (Psalm 33,6; 1 Sam 9,27; 2 Sam 7,4). Dieses Wort ist auch die „Weisheit“ Gottes (cf. Spr 8,27; Weish 7,24ss; 8,1; 8,18) (cf. Scheffczyk III,115). Die Ausdrucksform dieser Weisheit (sophía) ist so stark, dass der hochgelehrte, tiefgläubige hellenistische Jude Philo meint, darin ein zweites Gottsein erkennen zu müssen (deúteros theós).

Es ist nicht nötig, in dem Geiste, der „über dem Abgrund und dem Wasser schwebt“ eine ausdrückliche Offenbarung der dritten göttlichen Peson zu vermuten. Doch im NT erhellt sich, wie der so oft genannte, als Ausdruck Gottes in die Welt hinein gesandte Geist, letztlich eben gerade doch der heiligende, alle Erlösung vermittelnde persönliche GEIST ist.

Im Johannesevangelium wird die Schöpferrolle des „Wortes“ zu höchster Bedeutung erhoben (Joh 1,1-14; 1Joh 1,1; Apk 19,13). Das heisst dann aber, dass das in der Schöpfung Ausgedrückte eine innertrinitarische Tiefe und Bedeutung hat.

3.2 Lehre der Kirche

Das IV. Laterankonzil erhob es zum Glaubenssatz, dass die „Dreifaltigkeit … allein der Ursprung von allem ist, ausser dem man keinen anderen finden kann“ (DH 804: (quae … Trinitas sola est  universorum principium, praeter quod aliud inveniri non potest“).

3.3 Die Fülle unserer Berufung

Wenn Gott, unsere Ziel, die einzige Seligkeit ist, dann wird verständlich, dass jeder Mensch in seinem innersten Wesen aus dem Geheimnis dieses Dreifaltigen Gottes stammt. Gott nimmt nichts „Fremdes“ in sich auf, sondern das aus seinem Herzen Geschaffene. Da ER, der Absolute, als unser Ursprung auch nur unser volles beglückendes Ziel sein kann. Die volle Würde und das Ziel des Menschseins ist gerade diese dreifaltige Beziehung: zum Geiste, der uns Gottes Frieden schenkt und uns die Kraft gibt, die Welt zu erleuchten und Einheit zu schaffen; zum Sohne, der uns Anteil haben lässt an seiner überquellenden göttlichen Liebe, die immer aus Gott stammt und zu Gott führt, und darin uns schon Anteil gibt an seinem ewigen Königtum; zum Vater, als letztem Ursprung und sich schenkendem, beglückendem Ziele, denn er ist der „Vater, der alles in allem“ sein will (1 Kor 15,28).

 

4) Erschaffen  in Christus, durch Christus und für Christus

4.1 Im Johannesevangelium und bei Paulus

Wie eben angedeutet, entfaltet sich schon im Prolog des Johannesevangeliums diese dreifaltige Wahrheit über den Menschen (und über des All). „Das Wort war bei Gott und das Wort war Gott … Und alles ist durch es geworden, und ohne es ist nichts geworden“ (Joh 1,1-3).

Bei Paulus erfährt dieser Gedanke eine geradezu dramatische Ausdeutung. Hier ist die Schöpferrolle Christi nicht weniger thematisiert: „So haben wir nur einen Gott, den Vater. Von ihm stammt alles, und wir leben auf ihn hin. Und einer ist der Herr Jesus Christus. Durch ihn ist alles, und wir sind durch ihn“ (1Kor 8,6)[9].

Von unübertrefflicher Deutlichkeit ist der Kolosserbrief 1,15-18a:

15 „Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung.

16 Denn in ihm ward alles erschaffen, im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, … alles ist erschaffen durch ihn und auf  ihn hin.

17 Und er ist vor allem, und alles hat in ihm Bestand.

18 Er ist das Haupt seines Leibes, der Kirche.“

4.2 Protologie und Eschatologie

Das gläubige Erkennen der Lehre Jesu und seiner österlichen Allmacht gibt uns die Gewissheit über den endgültigen Sinn der Geschichte (Eschatologie). Analog, dieselben Machterweise Gottes in Geschichte verlangen eine radikale Überlegung über den Anfang des Alls, eine Protologie. – Das Kreuzesgeheimnis und der Ostersieg haben ihre volle Bedeutung dann erreicht, wenn dieselbe Ostergnade in uns denselben Sieg realisiert haben wird. Das durch ihn und das für ihn im Schöpfungsakte ist die protologische Vorwegnahme dessen, was die Eschatologie unserem Glauben verspricht: „Danach ist das Ende, wenn er Gott dem Vater die Königsherrschaft übergibt… Denn er muss als König herrschen… Ist aber einmal alles ihm unterworfen, dann wird auch der Sohn selber sich dem unterwerfen, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott alles in allem sei“ (1Kor 15,24-28). Nur der, durch den alles erschaffen wurde, kann auch der Erlöser und Vollender sein (cf. Eph 1,10-12).

4.3 Kosmische Weite im grossen Christuslob der Kirche

Wenn auch diese Heiligkeit erst in der Taufe voll und unfehlbar hergestellt werden kann, so lässt sich eben doch nicht leugnen, dass die Schrift schon jegliches Geschöpf in Christus auf Gott hin bezogen sieht. (Um es nochmals zu betonen, „auf Gott hin“ ist nicht etwas äusseres, moralisches, sondern besagt die Zielhaftigkeit auf das innerste, heilige und angebetete Wesen Gottes.) – Dazu, dass alle Christen Anteil haben an der bestimmten Berufung, die Mitmenschen in diese göttliche Bestimmung hineinzuführen, sei hier ein Vergleich gestattet. Ein jüdisches Mädchen wurde nicht wie die Knaben durch die Beschneidung dem Volke Gottes einverleibt. Aber durch das glaubende Gebet der Mutter und des Vaters hat auch jedes Mädchen genauso zum heiligen Volke Gottes gehört. Die christliche Mutter, die heute über das Kind in Ihrem Mutterschosse betet, gibt das Kind zurück in die heilige und ewige Ordnung, wo „alles vom Vater stammt und auf IHN hin leben muss, und wo alles durch den einen Herrn Jesus Christus ist“ (1Kor 8,6)[10]. Das Gebet der Eltern über das ungeborene Kind feiert schon die hl. Berufung des menschlichen Lebens und ist wie der vorweggenommene Introitus der (vielleicht noch nicht ganz nahen) Taufe, in der die Erlösung voll und unfehlbar geschenkt wird.

Das Leben ist heilig von seiner göttlichen Bestimmung her. Im Gebet und vollkommen in der Taufe und in den Sakramenten wird der Fluch der Ursünde besiegt. Und jeder Mensch kann an dieser Heiligkeit für sich und für die anderen mitbauen. Besonders die Familie, Mutter und Vater, haben hier eine heiligende und göttliche Vermittlung.

Die Kirche kann nicht die Heilige Messe, dieses Hohelied der hl. Liturgie feiern, ohne immer und jeden Tag in reiner Glaubensgewissheit alle Menschen in die anbetende Lobesformel (grosse Doxologie) mit einzubeziehen:

 

Durch Ihn und mit Ihm und in Ihm

ist Dir Gott allmächtiger Vater,

in der Einheit des Heiligen Geistes,

alle Herrlichkeit und Ehre!

Amen.

 

[1] Wo nichts anderes gesagt wird, bezieht sich Scheffczyk III auf das Werk  Scheffczyk Leo, Schöpfung als Heilseröffnung, in: Leo Scheffczyk und Anton Ziegenaus, Katholische Dogmatik, dritter Band.

[2] Wesentlich für die Mythen ist die immanente Schau des Werdens der Götter und der Menschen. Besonders illustrativ ist dafür der babylonische Mythos „Enuma elisch“ (1700 vor Christus), nach dem das Werden der Götter nur die erste Phase des Entstehens des Alls aus dem Ur-Chaos darstellt. Scheffczyk (III, 60) referiert auch den 1000 Jahre älteren Mythos der Sumerer, „Dilenum“, nach dem der Ursprung der Welt das Resultat eines Begattungskampfes zwischen Naturkräften ist, zwischen Ozean und Mutter Erde, woraus neue Götter, und in der Folge Geschöpfe entstehen.

[3] Cl. Westermann, Schöpfung, 58 unterscheidet in den Traditionen der verschiedenen Kulturen vier Typen: (cf. Scheffczyk, p. 61) a) das Hervorbringen der Welt durch ein dem menschlichen Machen ähnliches Tun; b) die Erschaffung durch Zeugung und Geburt der Götter  (und nachfolgendem Hervorbringen der übrigen Dinge);

  1. c) das Entstehen der Welt durch Kampf der Götter (des Gottes) mit entgegengestellten kosmischen Mächten.;
  2. d) die Schöpfung durch das Wort als göttlichen Befehl. Scheffczyk gibt zu, dass im jahwistischen Bericht Elemente des Machens nach Art des Menschen vorhanden sind (das Formen aus Lehm). Das mindert aber keineswegs die absolute Souveränität des Schöpfers. Auch wo in Mythen (z.B. Babylon) das Wort vorkommt, handelt es sich letztlich doch nur um „Kosmogonien“, wo die Götter selbst ein Teil, die erste Phase des Entstehens des Alls sind (Kosmogonie: das Werden des Kosmos).

[4] J. Nelis, Schöpfung, in: Haag, Bibellexikon, 1543. Ausser dem Vorkommen in Ex 34,10; Nm 16,30; Jr 31,22 ist der Ausdruck praktisch nur  in exilischen und nachexilischen Texten zu finden. Wichtig ist zu merken, dass der Ausdruck vor allem in Gen 1,1-2,4a (7x) und im DtIs (16x) gebraucht wird. Allerdings vermerkt H. Gross, Theologische Exegese von Gen 1-3, in: Myst Sal II, 429, dass im DtIs  es sich „vor allem auch um die Neuschöpfung in der Heilszukunft“ handelt.  – Wenn auch die neueste Exegese über die Identität des „Jahwisten“ wieder diskutiert, ist doch festzuhalten, dass Gen 2,4b-3,24 einer wesentlich älteren Zeit angehört als der Priesterkodex in Gen 1,1-2,4a. Da der Jahwist sichtbar mythische Erzählungselemente nicht verabscheut (Formen aus Lehm, Einblasen des Lebensodems), ist nach der schweren Erfahrung in Babylon, mit den ausdrucksmächtigen Mythen, verständlich, dass mit einer strengeren Sprache jede Gefahr der Annäherung an Mythen vermieden werden muss. Deshalb in Gen 1 die stereotypisch wiederholten Wendungen: „Gott sprach … Es werde … Und Gott machte es …“.

[5] Wo Jesus diese Ähnlichkeit mit Gott noch enger schliesst: „dass alle eins seien … wie auch wir eins sind“ (Jo 17,20-22), sagt das II. Vat. Konzil: „Dieser Vergleich macht offenbar, dass der Mensch, der auf Erden die einzige von Gott um ihrer selbst willen gewollte Kreatur ist, sich selbst nur durch die aufrichtige Hingabe seiner selbst vollkommen finden kann“, Gaudium et Spes, 24 (sub finem).

[6] Der Kampf ums tägliche Brot, die Last des menschlichen Beieinanderseins.

[7] Bevor es um die Erschaffung der Frau geht (Gen 2,21-22), heisst der Mensch einfach „Mensch“ (“’adam”). Erst nach dem Erscheinen der Frau wird sein Name differenziert zu “’îš”, Mann und “’iššah”, Frau.

[8] Vgl. Scheffczyk, III, S. 77.

[9] Man kann bei Paulus von einem wahrhaft „kosmischen Christus“ sprechen (Eph 1,4.10; Kol 1,15-18a; Heb 1,3). Dazu ist auch zu beachten die schöpferische Rolle des „Wortes“ (Scheffczyk III, 117).

[10] Hier möchte ich speziell verweisen auf den einmalig tiefen Artikel von Leo Kardinal Scheffczyk, Dignità del Bambino (Die Würde des Kindes) in: Päpstlicher Familienrat, Lexicon, Termini ambigui e discussi su famiglia vita e questioni etiche (2003), 177-184.

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Welt-Gebets-Kongress für das Leben, in Fatima, 4. – 8. Oktober 2006
„Maria, Dir vertrauen wir die Sache des Lebens an.” (Johannes Paul II., Evangelium vitae 105)

Vortrag Nr. 2, gehalten am 5. Oktober 2006, von S.E. Bischof Dr. Karl Josef Romer, Sekretär des Päpstlichen Rates für die Familie

 

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Literatur:

Scheffczyk Leo, Schöpfung als Heilseröffnung, in: Leo Scheffczyk und Anton Ziegenaus, Katholische Dogmatik, dritter Band.

Gross H., Theologische Exegese von Genesis 1-3, in: Mysterium Salutis II (hrsg. von J. Feiner u. M. Löhrer), Einsiedeln 1967, 421-463 (dt)

Scheffczyk Leo, Einführung  in die Schöpfungslehre, Darmstadt 31987

Ziegenaus Anton, „Als Mann und Frau erschuf er sie“ (Gen 1,27). Zum sakramentalen Verständnis  der geschlechtlichen  Differenzierung des Menschen, in: MThZ 31 (1980) 19-32.

Schmaus Michael, Der Glaube der Kirche III 21979