Msgr. Galantino: ‪„Papst hätte die Sünde der Abtreibung deklassiert? Unsinn“

Msgr. Nunzio Galantino

Msgr. Nunzio Galantino

Neben dem Generalsekretär der Italienischen Bischofskonferenz äußerte sich auch der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Neuevangelisierung zum Apostolischen Schreiben „Misericordia et Misera“

„Der Papst hat von einer schwerwiegenden und dramatischen Wirklichkeit gesprochen und hat keineswegs die Sünde der Abtreibung für straffrei erklärt. Das sind Albernheiten von Leuten, die das Dokument nicht gelesen haben oder die immer etwas Unterschiedliches sagen müssen, was aber nicht der Realität entspricht.“

Dies erklärte am Dienstag der Generalsekretär der Italienischen Bischofskonferenz CEI („Conferenza Episcopale Italiana“), Msgr. Nunzio Galantino, gegenüber TG2000, dem Nachrichtenmagazin des italienischen Fernsehsenders TV2000, in einem Kommentar über das neue Apostolische Schreiben „Misericordia et Misera“ von Papst Franziskus.

„Mit diesem Schreiben wollte der Papst bestätigen, was schon vielfach gesagt wurde: die (heiligen) Pforten der Kirchen und des Peterdoms schließen sich, aber nicht die (Tür) zum Herzen Gottes“, sagte Galantino.

Franziskus habe allen Priestern die Möglichkeit geben wollen, von der Sünde der Abtreibung loszusprechen, fuhr der Sprecher und Generalsekretär der CEI fort. Er habe die Barmherzigkeit Gottes näher und mehr begreifbarer machen wollen, aber das bedeute keineswegs, die Sünde der Abtreibung herunterspielen zu wollen, die eine schwere Sünde bleibe.

‪Das Ziel von Franziskus sei das gleiche wie das der Pontifikate von Johannes Paul II. und Benedikt XVI.: die Kirche in ihren Gesten, Worten und Projekten in das Herz des Evangeliums zu führen. „Und das Herz des Evangeliums ist die Barmherzigkeit“, so Galantino.

Am Mittwoch äußerte sich auch der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Neuevangelisierung, Erzbischof Rino Fisichella, im Programm ‪„Bel Tempo si spera“ von TV2000 zum Apostolischen Schreiben „Misericordia et Misera“.

Der Kurienerzbischof prangerte die Berichterstattung der Medien bezüglich des päpstlichen Schreibens an und bezeichnete bestimmte Medientitel bzw. Inhalte ‪als „Idiotien“. Zwischen so vielen Inhalten des Schreibens sei das Auge einiger Journalisten nur auf die Abtreibung gefallen, kritisierte Fisichella, der in einigen Fällen auch eine bestimmte Voreingenommenheit oder den Willen ‪„zum Anschwärzen und das zu finden, was es nicht gebe“, wahrnimmt.

Erzbischof Fisichella betonte, dass der Papst ganz klar geschrieben habe, die Sünde der Abtreibung sei eine der schwersten Sünden, die es gäbe, weil unschuldiges Leben beendet werde.

Aber — so erinnerte der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Neuevangelisierung und Koordinator des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit — es gebe keine Sünde, die Gott nicht vergeben könne, wenn er ein reumütiges Herz vorfinde.

Laut Fisichella wünscht Papst Franziskus sich dieses: Wer diesen Schmerz in sich trage und bereue, solle kein Hindernis finden, sondern jeder Priester solle Reumütige aufnehmen, lossprechen sowie ihnen helfen können, einen neuen Weg zu gehen.

_______

Quelle

Debatte um Papstentscheidung zu Abtreibung

ansa576870_articolo

Abtreibungspille

Mit mehr „Laxheit“ im Umgang mit Abtreibung hat die neue Anweisung des Papstes zur Lossprechung von dieser Sünde nichts zu tun. Das stellte Erzbischof Rino Fisichella schon an diesem Montag auf Journalistenfragen hin ganz klar. Es gehe bei der Lossprechung von der Sünde der Abtreibung durch Priester um Bekehrung und Barmherzigkeit zugleich, so der Präfekt des Päpstlichen Rates für Neuevangelisierung. Der Papst bekräftige das „ganz klar, um Missverständnisse derjenigen vorzubeugen, die nur den ersten Teil seiner Aussage lesen wollen“, so der Präfekt, der aus dem Papstbrief zitiert, „,dass Abtreibung eine schwere Sünde ist, da sie einem unschuldigen Leben ein Ende setzt. Mit gleicher Kraft kann und muss ich jedoch sagen, dass es keine Sünde gibt, die durch die Barmherzigkeit Gottes nicht erreicht und vernichtet werden kann, wenn diese ein reuevolles Herz findet, das um Versöhnung mit dem Vater bittet.‘ “ Radio Vatikan fasst im Folgenden bisherige Reaktionen auf die Neuerung zusammen.

Weihbischof Losinger: „Den Weg der Vergebung verbreitern“

Der Augsburger Weihbischof Anton Losinger begrüßt die Anweisung des Papstes, dass alle Priester in der Beichte von der schweren Sünde der Abtreibung lossprechen dürfen. Im Gespräch mit Radio Vatikan erläutert der Ethik-Experte, dass es sich auch nicht um ein kleines Problem handelt

Losinger: „Ich persönlich glaube, dass es wenige Priester gibt, die es noch nicht erfahren haben, dass jemand mit dem Bekenntnis einer Abtreibung bei ihnen erschienen ist. Die Zahlen sind vor allem in Deutschland, aber auch in ganz Europa sehr hoch. Wir rechnen mit einer Zahl von 100.000 Menschen – mit der Dunkelziffer wohl 200.000 [Anm. d. Red.: in Deutschland, pro Jahr] – so dass diese Frage auf viele Seelsorger zukommt.“

RV: Ging es dem Papst bei der Neuregelung Ihrer Einschätzung nach eher um die Frage der Abtreibung oder die Frage der Vergebung?

Losinger: „Ich glaube, dass Papst Franziskus in einer klaren Fortsetzung der Idee des Jahres der Barmherzigkeit gehandelt hat. Selbstverständlich sieht der Papst das gravierende Unrecht, das mit der Tötung eines ungeborenen Menschen zu tun hat. Aber er will all diesen Menschen, die davon betroffen sind, einen breiten Weg öffnen, dass sie mit ihrem Leben wieder klar kommen, dass sie Versöhnung finden können und dass sie mit einem positiven Blick in die Zukunft leben können.
Menschen, die mit dem Bekenntnis der Tötung eines ungeborenen Lebens kommen, sind oft jahrzehntelang belastet und spüren den Stein auf ihrer Seele. Darum halte ich diese breite Tür der Versöhnung, die der Papst öffnet, für absolut richtig und gut.“

RV: Sie sehen also nicht die Gefahr der Laxheit oder der Minimierung der Sünde?

Losinger: „Ganz im Gegenteil. Ich glaube, dass das Problem der hohen Zahl allen Menschen bewusst ist und dass auch ein Sozialstaat heutzutage einen klaren Fokus darauf richten muss, die Zahl der Tötungen von Menschen, die noch nicht geboren sind, zu minimieren. Aber auf der anderen Seite muss auf klare Weise denjenigen Menschen in einer seelsorglichen Perspektive geholfen werden, die von einer Abtreibung aktiv betroffen sind.“

RV: Warum ist in der Vergangenheit denn das Tötungsdelikt der Abtreibung schärfer behandelt worden als etwa das Tötungsdelikt des Mordes, den Priester immer schon lossprechen konnten?

Losinger: „Ich glaube, dass ganz intuitiv Menschen damit das Gefühl verbunden haben, dass mit der Abtreibung ein besonders wehrloses Geschöpf betroffen ist und dass deswegen diese besondere kirchenjuristische Härte verbunden war.“

Emeritierter Kurienerzbischof äußert Kritik

Ein emeritierter Kurienerzbischof hat sich kritisch zu der Verfügung von Papst Franziskus geäußert. Er sehe „die ernste Gefahr, dass die Sünde der Abtreibung jetzt minimisiert werden könnte“, sagte der frühere Regent der Apostolischen Pönitentiarie, Gianfranco Girotti. Die Pönitentiarie, ein vatikanischer Gerichtshof, ist u.a. für die Lossprechung von den schweren Sünden („delicta graviora“) im Klerus zuständig, die dem Vatikan vorbehalten ist.

„Zunächst muss man sagen, dass der Heilige Vater eine Geste großer Barmherzigkeit getan hat“, so der 79-jährige Franziskaner in der Tageszeitung „Repubblica“ vom Dienstag. Es stimme durchaus, „dass die Kirche sich allen öffnen muss“. Das „wirkliche Problem“ bestehe darin, „zu welchen Reaktionen das Schreiben des Papstes führen könnte“: „Ich fürchte, dass jemand die Entscheidung, eine Schwangerschaft abzubrechen, herunterspielen könnte mit dem Eindruck, das werde dann ja sowieso leicht vergeben.“

Etwas Ähnliches sei bereits früher eingetreten, als Johannes Paul II. die Vollmacht zur Lossprechung im Fall einer Abtreibung an die Bischöfe delegiert habe. „Damals gab es Polemiken und negative Reaktionen von denen in der Kirche, die fürchteten, dass man jetzt in die Richtung des Laxismus gehen würde. Heute könnte dasselbe geschehen. Das würde allerdings der wirklichen Bedeutung der Geste des Heiligen Vaters Unrecht tun – dass nämlich der, der bereut und um Vergebung bittet, sich der göttlichen Barmherzigkeit anvertrauen soll. Denn Gott ist größer als jede Sünde, einschließlich der Abtreibung.“

Cei-Sprecher: Keine Gefahr des „Werteausverkauf“

Die Gefahr, dass der Vorstoß des Papstes einen „Ausverkauf moralischer Werte“ einleiten könne, teilt der Sprecher der italienischen Bischofskonferenz (Cei) nicht. Franziskus rufe vielmehr „jeden, angefangen bei den Priestern“, dazu auf, „sich selbst als Sünder zu erkennen, der Barmherzigkeit braucht“, so Nunzio Galantino in einem Beitrag für das Newsportal „Il Sole 24 Ore“. In einer „Kultur der Barmherzigkeit“ brauche es diese „Grundehrlichkeit“ für den Dienst am Nächsten, erinnerte der Bischof: „Man findet so die Bereitschaft und Fähigkeit, sich zum Begleiter, Unterstützer und Trost derjenigen zu machen, die den Weg der Vergebung und des Friedens suchen.“ Formales Gehabe und Worthülsen brächten hier nicht weiter. Der Papst fordere die Kirche mit seinem Apostolischen Schreiben heraus, „Barmherzigkeit im Alltag mit Taten und solidarisch-verantwortlichen Entscheidungen“ umzusetzen und somit „der Fantasie der Barmherzigkeit Raum zu geben“, formulierte der Geistliche.

Vatikan-Journalistin: Papst kennt Wirklichkeit

Die Entscheidung des Papstes, dass fortan alle Priester von der Sünde der Abtreibung lossprechen können, rühre von seiner „Kenntnis der Wirklichkeit“ her, kommentierte die italienische Journalistin Lucetta Scaraffia die Neuerung. Der Papst anerkenne, dass vielen Frauen, die abtreiben, die Tragweite der Entscheidung im Moment des Eingriffs nicht bewusst sei, sagte die Verantwortliche der Frauenzeitschrift des Vatikan „Donne Chiesa Mondo“ am Montag in einem Interview mit der Beilage „Io, Donna“ der italienischen Zeitung „Repubblica“. Die Darstellung der Abtreibung als „Recht der Frau“ in der modernen Gesellschaft verschleiere sozusagen die Schwere des Problems: Die Frauen verstünden so „erst danach, auf Grundlage des daraus folgenden Leid und ihrer Erfahrung“, dass es bei Abtreibung um eine „sehr viel größere Entscheidung“ gehe, so die Historikerin wörtlich. Aus diesem Irrtum entspringe die „Notwendigkeit der Vergebung“. Als „feministische Entscheidung“ des Papstes wertet die Journalistin die Neuerung nicht. Schließlich machten sich laut katholischer Moral auch die an einer Abtreibung beteiligten Männer, also etwa die Ärzte, schuldig.

Exkommunikation nach Abbruch oder Mitwirkung daran

Nach dem katholischen Kirchenrecht zieht die Mitwirkung an einem Schwangerschaftsabbruch die Exkommunikation nach sich. In den meisten Ländern war bislang eine sakramentale Lossprechung und die Aufhebung der Exkommunikation nur durch bestimmte Beichtväter möglich. In Deutschland, Österreich und der Schweiz ändert sich durch die neue Praxis nichts; hier konnte schon vor dem Heiligen Jahr jeder Priester Vergebung für eine Abtreibung erteilen.

(rv/die welt/la repubblica 22.11.2016 sk/pr)

Heiliges Jahr: Erzbischof Fisichella ist zufrieden

ansa1099684_articolo

Erzbischof Fisichella

Das außerordentliche Heilige Jahr neigt sich seinem Ende zu, der Papst feiert am Christkönigssonntag die Abschlussmesse in der römischen Basilika Sankt Peter und wird die Heilige Pforte wieder verschließen. Viele „Werke der Barmherzigkeit“ hat der Papst der Welt seitdem vorgestellt, es ging um Begegnung und Bekehrung, doch auch kritische Stimmen wurden laut, die den Erfolg des Motto-Jahres bezweifelten. Die Kirche zieht bislang eine überwiegend positive Bilanz, allen voran der italienische Kurienerzbischof Rino Fisichella, Verantwortlicher bei der Umsetzung des Mottojahres in Rom. Radio Vatikan bat ihn zum Interview.

„Das Erbe des Jahres ist die große Freude, die Barmherzigkeit wieder ins Zentrum des kirchlichen Lebens zu stellen. Barmherzigkeit als Quelle der Freude in einem so intensiven Moment der Unsicherheit und Ungewissheit, die Sicherheit einer christlichen Hoffnung zu haben, mit der uns Gott entgegenkommt und die dich nie allein lässt, sondern die uns den Trost seiner Anwesenheit gibt. Das ist etwas, dass denke ich noch lange bleiben wird in den Herzen der Menschen.“

Dass das Heilige Jahr dezentral in allen Bistümern begangen wurde, war laut Erzbischof eine Chance. Die „Gesichter der Barmherzigkeit“ seien zahlreich gewesen, formuliert Fisichella. Vor allem die „Freitage der Barmherzigkeit“ hätten weltweit Aufsehen erregt, mit denen der Papst besondere Randgruppen der Gesellschaft ins Zentrum stellte.

„Papst Franziskus wollte Zeichen setzen, es waren Zeichen, die neue Formen der Armut berührten. Wenn ich etwa daran denke, dass der Papst Menschen, darunter Jugendliche, besuchte, die sich im vegetativen Zustand befinden, die die heutige Gesellschaft zurückstößt. Der Papst geht in ein Krankenhaus, von Zimmer zu Zimmer und streichelt diese Menschen, die bald sterben, mitten in einer Kultur, die nicht an den Tod denken will oder denkt, dass der Tod eine Art Fiktion ist.“

Eines habe das Heilige Jahr mit Franziskus gezeigt: Wie wichtig es ist, ein glaubwürdiges Zeugnis abzulegen. Das gelte auch für die Kirche, die der Papst „in Bewegung“ sehen wolle, führt Fisichella aus:

„Indem sie inzwischen überkommene Strukturen hinter sich lässt in diesem historischen Moment, und indem sie vor allem hier im Westen die bequemen Formen hinter sich lässt oder die Formen extremer Organisation, mit denen wir glauben, die Herzen bekehren zu können. Die Herzen bekehrt man nicht mit Überstrukturen und auch nicht mit Ressourcenplanung, die Herzen bekehrt man mit einer glaubwürdigen Botschaft und einem kohärenten Lebensstil.“

Abschlussschreiben des Papstes zum Jubeljahr erwartet

Mehr als 20 Millionen Pilger haben laut Angaben des Vatikans in Rom bislang teilgenommen (Quelle: im.va). Erzbischof Fisichella stellt das zufrieden. Der Organisator des Mottojahres betont, statt die Pilgerzahlen mit allen Mitteln in die Höhe zu trieben, habe man „auf Qualität gesetzt“. Offiziell will der Vatikan am kommenden Montag eine Rückschau auf das Heilige Jahr veröffentlichen. Dabei soll zugleich ein Schreiben des Papstes mit dem Titel „Misericordia et misera“ („Barmherzig und armselig“) veröffentlicht werden.

Höhepunkte des Jubeljahres auf CD

Radio Vatikan hat die Höhepunkte des Jubeljahres in der Sendereihe „Radioakademie“ für Sie zusammengefasst, die diesen Monat jeden Dienstag Abend läuft. Sie können die CD mit allen Sendungen gegen eine Spende erwerben, schreiben SIe dafür an cd@radiovatikan.de .

(rv 18.11.2016 pr)