‚Bei euch aber soll es nicht so sein’

Franziskus an die neuen Kardinäle: den Blick, die Ressourcen, die Erwartungen und das Herz auf das richten, was zählt: die Mission

Rom (kath.net) Feierliches öffentliches Konsistorium in der Petersbasilika zur Kreierung von vierzehn neuen Kardinälen.

Die neuen Kardinäle im Überblick:

1. Seine Seligkeit Louis Raphaël I Sako – Patriarch von Babylonien der Chaldäer.
2. S. E. Luis Ladaria – Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre.
3. S. E. Angelo De Donatis – Generalvikar von Rom.
4. S. E. Giovanni Angelo Becciu – Substitut für die Allgemeinen Angelegenheiten des Staatssekretariats und Sonderdelegat beim Souveränen Malteserorden
5. S. E. Konrad Krajewski – Apostolischer Almosenier.
6. S. E. Joseph Coutts – Erzbischof von Karachi.
7. S. E. António dos Santos Marto – Bischof von Leiria-Fátima.
8. S. E. Pedro Barreto – Erzbischof von Huancayo.
9. S. E. Mons. Desiré Tsarahazana – Erzbischof von Toamasina.
10. S. E. Giuseppe Petrocchi – Erzbischof von L’Aquila.
11. S. E. Thomas Aquinas Manyo – Erzbischof von Osaka.

Zusammen mit diesen schloss Franziskus den Mitgliedern des Kardinalskollegiums einen Erzbischof, einen Bischof und einen Ordensmann an, die sich für ihren Dienst an der Kirche ausgezeichnet haben:

12. S. E. Sergio Obeso Rivera – emeritierter Erzbischof von Xalapa.
13. S. E. Toribio Ticona Porco – emeritierter Prälat von Corocoro.
14. H. P. Aquilino Bocos Merino – Claretiner.

Das Kardinalskollegium zählt nach diesem fünften Konsistorium des Pontifikats von Papst Franziskus insgesamt 227 Kardinäle, von denen 125 wahlberechtigt sind. Die Wähler stammen aus Europa (53), Nordamerika (17), Mittelamerika (5), Südamerika (13), Afrika (16), Asien (17) und Ozeanien (4).

„»Bei euch aber soll es nicht so sein.« Die Antwort des Herrn ist in erster Linie Einladung und Ansporn zur Wiederbelebung des Guten in den Jüngern, damit sie sich nicht von einer weltlichen Gesinnung ruinieren und gefangen nehmen lassen, die den Blick von dem ablenkt, was wichtig ist. »Bei euch aber soll es nicht so sein.« Hier erklingt die Stimme des Herrn, der die Gemeinschaft davor bewahrt, zu sehr auf sich selbst zu schauen, anstatt den Blick, die Ressourcen, die Erwartungen und das Herz auf das zu richten, was zählt: die Mission.“

„»Bei euch aber soll es nicht so sein« – sagt uns der Herr – » […] wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein« (Mk 10, 43.44). Dies ist die Seligpreisung und das Magnificat, die wir jeden Tag gerufen sind anzustimmen. Dies ist die Einladung des Herrn an uns, damit wir nicht vergessen, dass die Autorität in der Kirche mit der Fähigkeit wächst, die Würde des anderen zu fördern, den anderen mit Salbe zu behandeln, um seine Verletzungen und seine oft verwundete Hoffnung zu heilen. Dies ist eine Erinnerung daran, dass wir hier sind, weil wir gesandt sind, den Armen eine frohe Botschaft zu bringen, den Gefangenen die Entlassung zu verkünden und den Blinden das Augenlicht, die Zerschlagenen in Freiheit zu setzen und ein Gnadenjahr des Herrn auszurufen (vgl. Lk 4, 18-19).“

„Während wir auf dem Weg nach Jerusalem sind, geht der Herr uns voraus, um uns noch einmal daran zu erinnern, welche die einzig glaubwürdige Autorität ist: Es ist diejenige, die sich zu den Füßen des Nächsten herabbegibt, um Christus zu dienen; es ist diejenige, die nicht vergisst, dass Jesus, bevor er sein Haupt am Kreuz neigte, keine Angst hatte, sich vor den Jüngern niederzubeugen und ihnen die Füße zu waschen. Das ist die höchste Ehre, die wir erlangen können, die größte Beförderung, die uns zuteilwerden kann: Christus zu dienen im gläubigen Volk Gottes, in den Hungrigen, in den Vergessenen, in den Gefangenen, in den Kranken, in den Drogenabhängigen, in den Verlassenen, in den konkreten Menschen mit ihren Geschichten und Hoffnungen, mit ihren Erwartungen und Enttäuschungen, mit ihren Leiden und Wunden. Nur so wird die Autorität des Hirten den Geschmack des Evangeliums haben und nicht wie »dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke« sein (1 Kor 13, 1). Keiner von uns darf sich „für etwas Besseres“ halten. Keiner von uns darf auf die anderen herabschauen. So dürfen wir einen Menschen nur ansehen, um ihm aufzuhelfen.“

 

kath.net veröffentlicht die Predigt von Papst Franziskus beim ordentlichen öffentlichen Konsistorium zur Kreierung von vierzehn neuen Kardinälen: 

»Während sie auf dem Weg hinauf nach Jerusalem waren, ging Jesus voraus [1]« (Mk 10, 32).

Der Beginn dieses paradigmatischen Abschnitts des Markusevangeliums hilft uns immer zu sehen, wie der Herr mit einer unvergleichlichen Pädagogik für sein Volk sorgt. Auf seinem Weg nach Jerusalem hat Jesus es nicht versäumt, den seinen voranzugehen (primerear).

Jerusalem steht für die Stunde bedeutender Bestimmungen und Entscheidungen. Wir wissen alle, dass die wichtigen und entscheidenden Momente des Lebens das Herz sprechen lassen und die uns innewohnenden Absichten und Spannungen sichtbar machen. Diese existenziellen Wegkreuzungen beschäftigen uns und lassen Fragen und Sehnsüchte des menschlichen Herzens aufkommen, die sonst oft verborgen sind. Das ist es, was der eben gehörte Abschnitt des Evangeliums mit großer Einfachheit und sehr realistisch offenbart. Angesichts der dritten und nachdrücklichsten Leidensankündigung scheut sich der Evangelist nicht, bestimmte Geheimnisse des Herzens der Jünger zu enthüllen: das Streben nach den ersten Plätzen, Eifersüchteleien, Neid, Intrigen, Beschönigungen und Mauscheleien. Diese Gesinnung zermürbt und zersetzt nicht nur ihre gegenseitige Beziehung von innen her, sondern macht sie verschlossen und verwickelt sie in unnütze und belanglose Diskussionen. Jesus aber hält sich nicht damit auf, sondern er geht weiter, geht darüber hinaus (primerea) und sagt ihnen mit Nachdruck: »Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein« (Mk 10, 43).

Mit dieser Haltung versucht der Herr, den Blick und das Herz seiner Jünger wieder neu auf das Wesentliche auszurichten und zu verhindern, dass unfruchtbare und selbstbezogene Diskussionen sich innerhalb der Gemeinschaft ausbreiten. Was nützt es, die ganze Welt zu gewinnen, wenn man innerlich korrodiert ist? Was nützt es, die ganze Welt zu gewinnen, wenn man in den Fängen erstickender Intrigen lebt, die das Herz austrocknen und die Mission unfruchtbar machen? In dieser Situation könnte man bereits – wie jemand bemerkt hat – die Palastintrigen, auch innerhalb der kirchlichen Kurien, angedeutet sehen.

»Bei euch aber soll es nicht so sein.« Die Antwort des Herrn ist in erster Linie Einladung und Ansporn zur Wiederbelebung des Guten in den Jüngern, damit sie sich nicht von einer weltlichen Gesinnung ruinieren und gefangen nehmen lassen, die den Blick von dem ablenkt, was wichtig ist. »Bei euch aber soll es nicht so sein.« Hier erklingt die Stimme des Herrn, der die Gemeinschaft davor bewahrt, zu sehr auf sich selbst zu schauen, anstatt den Blick, die Ressourcen, die Erwartungen und das Herz auf das zu richten, was zählt: die Mission.

Und so lehrt uns Jesus, dass die Bekehrung, die Verwandlung des Herzens und die Reform der Kirche immer unter missionarischen Gesichtspunkten erfolgt und erfolgen wird, denn sie setzt voraus, dass man damit aufhört, eigene Interessen in den Blick zu nehmen und zu verfolgen, um die Interessen des Vaters zu wahren und zu pflegen. Die Bekehrung von unseren Sünden, von unseren Egoismen, ist und bleibt kein Selbstzweck, sondern zielt vor allem darauf hin, in Treue und Bereitschaft zu wachsen, um die uns aufgetragene Sendung anzunehmen.

Und zwar soll das in einer Weise geschehen, dass wir in der Stunde der Wahrheit, besonders dann, wenn sich unsere Brüder und Schwestern in Schwierigkeiten befinden, bereit und verfügbar sind, alle und jeden einzelnen von ihnen zu begleiten und anzunehmen – und uns nicht in ausgezeichnete Verweigerer verwandeln, weder aus Engstirnigkeit [2] oder schlimmer noch, weil wir darüber diskutieren und nachdenken, wer der Wichtigste sei.

Wenn wir nicht mehr an die Mission denken, wenn wir das konkrete Antlitz unserer Brüder und Schwestern aus den Augen verlieren, dann verschließt sich unser Leben in der Suche nach den eigenen Interessen und Sicherheiten. Und so beginnen Groll, Traurigkeit und Widerwillen zu wachsen. Nach und nach gibt es keinen Raum mehr für die anderen, für die kirchliche Gemeinschaft, für die Armen, für das Hören auf die Stimme des Herrn. So geht die Freude verloren und das Herz versiegt (vgl. Evangelii gaudium, 2).

»Bei euch aber soll es nicht so sein« – sagt uns der Herr – » […] wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein« (Mk 10, 43.44). Dies ist die Seligpreisung und das Magnificat, die wir jeden Tag gerufen sind anzustimmen. Dies ist die Einladung des Herrn an uns, damit wir nicht vergessen, dass die Autorität in der Kirche mit der Fähigkeit wächst, die Würde des anderen zu fördern, den anderen mit Salbe zu behandeln, um seine Verletzungen und seine oft verwundete Hoffnung zu heilen.

Dies ist eine Erinnerung daran, dass wir hier sind, weil wir gesandt sind, den Armen eine frohe Botschaft zu bringen, den Gefangenen die Entlassung zu verkünden und den Blinden das Augenlicht, die Zerschlagenen in Freiheit zu setzen und ein Gnadenjahr des Herrn auszurufen (vgl. Lk 4, 18-19).

Liebe Brüder Kardinäle und Neu-Kardinäle! Während wir auf dem Weg nach Jerusalem sind, geht der Herr uns voraus, um uns noch einmal daran zu erinnern, welche die einzig glaubwürdige Autorität ist: Es ist diejenige, die sich zu den Füßen des Nächsten herabbegibt, um Christus zu dienen; es ist diejenige, die nicht vergisst, dass Jesus, bevor er sein Haupt am Kreuz neigte, keine Angst hatte, sich vor den Jüngern niederzubeugen und ihnen die Füße zu waschen.

Das ist die höchste Ehre, die wir erlangen können, die größte Beförderung, die uns zuteilwerden kann: Christus zu dienen im gläubigen Volk Gottes, in den Hungrigen, in den Vergessenen, in den Gefangenen, in den Kranken, in den Drogenabhängigen, in den Verlassenen, in den konkreten Menschen mit ihren Geschichten und Hoffnungen, mit ihren Erwartungen und Enttäuschungen, mit ihren Leiden und Wunden.

Nur so wird die Autorität des Hirten den Geschmack des Evangeliums haben und nicht wie »dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke« sein (1 Kor 13, 1). Keiner von uns darf sich „für etwas Besseres“ halten. Keiner von uns darf auf die anderen herabschauen. So dürfen wir einen Menschen nur ansehen, um ihm aufzuhelfen.

Ich möchte uns nun noch einen Abschnitt des geistlichen Testaments des heiligen Johannes XXIII. in Erinnerung rufen, der in einem fortgeschrittenen Stadium seines Lebensweges sagen konnte:

»Arm, aber als Kind ehrbarer und bescheidener Leute geboren, bin ich besonders froh, arm zu sterben, nachdem ich das, was mir – übrigens in sehr bescheidenem Maß – im Laufe der Jahre als Priester und Bischof zur Verfügung stand, nach den verschiedenen Umständen und Erfordernissen meines einfachen und bescheidenen Lebens an die Armen und an die heilige Kirche, die mich ernährt hat, verteilt habe. Scheinbarer äußerer Wohlstand verbarg oft schmerzlich empfundene Armut und hinderte mich, mit der Freigebigkeit auszuteilen, wie ich gewollt hätte. Ich danke Gott für diese Gnade der Armut, die ich schon in meiner Jugend gelobt habe: Armut im Geiste, als Priester des Heiligsten Herzens, und wirkliche Armut. Sie hat mir die Kraft gegeben, nie etwas zu erbitten, weder Posten noch Geld, noch Gunsterweise, niemals, weder für mich noch für meine Angehörigen oder meine Freunde« (29. Juni 1954).

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[1] Das Verb proago ist dasselbe Wort, mit dem der auferstandene Jesus den Jüngern verkünden lässt, dass er ihnen nach Galiläa vorausgehen wird. (vgl. Mk 16, 7).
[2] Vgl.: Jorge Mario Bergoglio, Ejercicios Espirituales a los Obispos españoles, 2006.

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Quelle

Seligsprechungsverfahren modifiziert

Öffentliches Konsistorium, 20. April 2017 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Apostolisches Schreiben in Form eines Motu Proprio
„maiorem hac dilectionem“ vom 11. Juli 2017

Der Heilige Stuhl veröffentlichte am 11. Juli 2017 ein Apostolisches Schreiben von Papst Franziskus in Form eines Motu Proprio „maiorem hac dilectionem“ zum Seligsprechungsverfahren.

Nach den neuen Normen können Christen, die ihr Leben aus freier Entscheidung und willentlich aus Nächstenliebe geschenkt haben, seliggesprochen werden. Ihr Verhalten sei eine wahre, vollkommene und beispielhafte Nachahmung Jesu.

Der Fall wurde am 27. September 2017 von der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse aufmerksam studiert, und fünf Artikel dazu festgesetzt, die die bisher gültige Apostolische Verfassung modifizieren.

Artikel 1 fügt entsprechend den „iter“ [lat. iter, itineris n, der Weg] der freiwilligen Hingabe des eigenen Lebens hinzu. Bis dato waren die Anerkennung eines Martyriums oder christlicher Tugenden und eines Wunders auf Fürsprache die Voraussetzungen für die Seligsprechung. Während das Martyrium eine Verfolgung voraussetzt, kann die Hingabe des eigenen Lebens auch ohne diese bejaht werden. Ein Beispiel ist die aufopferungsvolle Pflege von Patienten mit hochinfektiösen gefährlichen Krankheiten.

Gemäß dem Johannesevangelium (Joh 15,13), „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt“, das in dem Schreiben zitiert wird, soll den Christen Ehre zuteil werden, die ihr Leben hingeben. Der Tod muss kurz danach eintreten und in Zusammenhang mit der Hingabe stehen. Ein Wunder ist – wie auch bei der Anerkennung christlicher Tugenden – erforderlich.

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Quelle

Konsistorium: „Ihr seid nicht zu Fürsten berufen“

Roter Hut für den Erzbischof von Barcelona

Fünf Kirchenmänner aus den verschiedensten Teilen der Welt sind jetzt Kardinäle. Papst Franziskus hat sie am Mittwochnachmittag mit einer Feier in das Kardinalskollegium aufgenommen. Unter den fünf Neulingen ist der Bischof von Stockholm: Anders Arborelius, erster Kardinal im mehrheitlich lutherischen Schweden.

„Du bist Petrus“, sang der Chor zu Beginn der Vesper. Franziskus betete zunächst am Grab des Petrus unter der Kuppel des Michelangelo, dann leitete er vor Tausenden von Menschen im Petersdom das mittlerweile vierte Konsistorium zur Schaffung von Kardinälen in seinem Pontifikat. Es war eine Feier der Weltkirche, denn die Kardinäle kommen aus Mali, Spanien, Laos, El Salvador und – wie gesagt – Schweden. Würde jetzt ein Konklave stattfinden, dann gäbe es zum ersten Mal unter den Wahlberechtigten keine europäische Mehrheit mehr. Das war beim letzten Konklave 2013 noch anders. Weltkirche, wir kommen!

Schwedischer Kardinal erhält prominente Titelkirche

Der Papst verlas selbst die Namen der von ihm für den Kardinalsstand Ausgesuchten: Jean Zerbo, Erzbischof von Bamako in Mali; Juan José Omella, Erzbischof von Barcelona in Spanien; Anders Arborelius, Bischof von Stockholm in Schweden; Louis-Marie Ling Mangkhanekoun aus Pakse in Laos; und schließlich Gregorio Rosa Chavez, Weihbischof von San Salvador in El Salvador. Franziskus wies seinen neuen Kardinälen auch Titelkirchen in Rom zu: Der Spanier wird dadurch Hausherr in der Basilika Santa Croce in Gerusalemme nicht weit vom Lateran, der Schwede wiederum in der Basilika Santa Maria degli Angeli an der zentralen Piazza della Repubblica.

Die neuen Kardinäle sprachen ein Glaubensbekenntnis und schworen dem Papst die Treue, dann erhielten sie als Zeichen ihrer neuen Würde aus seinen Händen die rote Kopfbedeckung und den Ring des Kardinalats. Es war eine relativ kurze Feier, mit der der „exklusivste Männerclub der Welt“ – so hat eine amerikanische Zeitung das Kardinalskollegium mal beschrieben – ein paar Neuzugänge erhalten hat.

„Die Wirklichkeit ist eine ganz andere…“

In seiner Predigt ging Franziskus von einer Bemerkung aus dem Matthäusevangelium aus, die zunächst eher nebensächlich klingt: „Jesus schritt ihnen voran.“ Dieses Voranschreiten habe einen dramatischen Hintergrund, denn Jesus gehe nach Jerusalem – im Wissen, dass man ihn dort ans Kreuz schlagen werde.

„Entlang des Weges sind die Jünger selbst durch Interessen abgelenkt, die nicht mit der „Richtung“ Jesu übereinstimmen, mit seinem Willen, der ganz eins ist mit dem Willen des Vaters. Zum Beispiel denken die zwei Brüder Jakobus und Johannes daran, wie schön es wäre, zur Rechten und zur Linken des Königs von Israel zu sitzen (vgl. V. 37). Sie schauen nicht auf die Wirklichkeit! Sie meinen zu sehen und sehen nicht, zu wissen und wissen nicht, besser als die anderen zu verstehen und verstehen nicht…“

Die Wirklichkeit sei in diesem Augenblick, den das Evangelium schildere, „eine ganz andere“, sinnierte der Papst. „Die Wirklichkeit ist das Kreuz, die Sünde der Welt, für die er gekommen ist, um sie auf sich zu nehmen und aus der Erde der Menschen auszureißen. Die Wirklichkeit sind die Unschuldigen, die aufgrund von Kriegen und Terrorismus leiden und sterben; sie ist die Sklaverei, die nicht aufhört, die Würde des Menschen auch im Zeitalter der Menschenreche zu leugnen; die Wirklichkeit ist jene der Flüchtlingslager, die zuweilen mehr einer Hölle als einem Fegefeuer ähneln; die Wirklichkeit ist die systematische Entsorgung all dessen, was nicht mehr gebraucht wird, und seien es Menschen. Das ist es, was Jesus sieht, während er nach Jerusalem geht.“

Entschlossen auf das Kreuz zugehen

Durch die Formulierungen des Papstes öffnete sich die Wirklichkeit der Zeit Jesu deutlich für die heutige Wirklichkeit – man nehme nur die Erwähnung von Flüchtlingslagern, die „einer Hölle ähneln“. Vor einigen Wochen hatte Franziskus pointiert formuliert, einige der heutigen Flüchtlingslager glichen „Konzentrationslagern“.

„Während seines öffentlichen Lebens hat Jesus die Zärtlichkeit des Vaters geoffenbart, indem er all diejenigen heilte, die in der Gewalt des Teufels waren (vgl. Apg 10,38). Jetzt weiß er, dass der Augenblick gekommen ist, bis auf den Grund zu gehen, die Wurzeln des Bösen auszureißen, und deshalb geht er entschlossen auf das Kreuz zu. Auch wir, Brüder und Schwestern, gehen mit Jesus auf diesem Weg.“

Dem Vater und den Brüdern dienen

Damit wandte sich der Papst speziell an die neuen Kardinäle. „Jesus „geht euch voran“ und bittet euch, ihm entschieden auf seinem Weg zu folgen. Er ruft euch auf, die Wirklichkeit anzuschauen, euch nicht von anderen Interessen, von anderen Sichtweisen ablenken zu lassen. Er hat euch nicht gerufen, „Fürsten“ in der Kirche zu werden, um „zu seiner Rechten oder zu seiner Linken zu sitzen“. Er ruft euch, so wie er und mit ihm zu dienen; dem Vater und den Brüdern zu dienen.“

Die Kardinäle sollten der Welt „mit der gleichen inneren Haltung“ entgegentreten wie Jesus, bat Franziskus. „Wenn ihr ihm folgt, geht auch ihr dem heiligen Volk Gottes voran, wobei ihr den Blick fest auf das Kreuz und die Auferstehung des Herrn gerichtet haltet.“

(rv 28.06.2017 sk)

Kommentar zum Konsistorium: Die Schuhe anlassen

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Aus dem Konsistorium

Feierliche Zeremonie im Petersdom, Franziskus kreiert 17 neue Kardinäle. Sie kommen aus aller Welt und werden das Gesicht des Kardinalskollegiums weiter verändern. Ein Kommentar von Anne Preckel.

Wie es der Ritus verlangt, schwören die Neuernannten dem Papst ihre Treue, im Notfall bis aufs Blut – deshalb die rote Farbe des Kardinalsbiretts, das der Pontifex seinen Kardinälen verleiht. Was auf den ersten Blick symbolträchtig und etwas überkommen erscheint, dem wird unter Papst Franziskus neues Leben eingehaucht: Vielen der Kirchenmännern, die der Papst an diesem trüben Novembertag in den Kardinalsstand hob, ist Blut ein Begriff, und zwar nicht nur als starkes Symbol.Er wolle seine normalen Schuhe anlassen, bekannte etwa der Apostolische Nuntius von Damaskus vor seiner Erhebung zum Kardinal. Mit Bescheidenheit hatte das nichts zu tun, eher mit Zeugnis: Daran klebe das Blut syrischer Kinder, das er vors Petrusgrab tragen wolle, führte Mario Zenari aus. Kein Moment, um plakativ zu sein, nein, ganz ernsthaft: Der Nuntius und seine Priester waren in Aleppo und Damaskus wenige Tage zuvor noch über Leichen gestiegen.

Bekanntschaft mit dem Blut hat auch der Erzbischof von Bangui in der Zentralafrikanischen Republik gemacht. Dieudonne Nzapalainga ist der jüngste Neuzugang im Kardinalskollegium und erste Kardinal seines Landes. Immer wieder brechen in dem Bürgerkriegsland Differenzen entlang ethnisch-religiöser Linien auf, Anschläge extremer Muslime, Vergeltungsschläge von Christen, eine perfide Spirale der Gewalt. Nzapalainga ging beherzt auf seine muslimischen Mitbürger zu und brachte eine interreligiöse Friedensinitiative auf den Weg. Und es war in Bangui, nicht in Rom, wo Papst Franziskus die erste der Heiligen Pforten aufstieß.

Einer, der schon vor Jahrzehnten bereit war, sein Blut für die Kirche zu geben, ist der albanische Märtyrerpriester Ernest Simoni. Er war von den Kommunisten aufgrund seines Glaubens zu 18 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden und entging mehrere Male nur knapp dem Tod. Franziskus lernte den drahtigen, wortkargen Mann vor zwei Jahren in Tirana besser kennen und entschied daraufhin, Simoni für sein „Überlebenszeugnis“ mit der Kardinalswürde zu krönen.

Zugegeben, nicht alle der neuen Kardinäle kommen aus solch extremen Kontexten, viele jedoch, wie es Franziskus gefällt, „vom anderen Ende der Welt“ und aus Krisenregionen, die in Europa wenig Beachtung finden: Würdenträger aus fünf Ländern und sieben Diözesen sind dabei, die niemals einen Kardinal stellten, engagierte Seelsorger wie etwa der erste Kardinal Papua-Neuguineas, Erzbischof John Ribat, der sich für Flüchtlinge, Aids- und Malaria-Kranke einsetzt, oder der neue Erzbischof der Diözese Newark in den USA, dem ethnische Vielfalt und Einwanderer keine Angst machen. Auch nicht die Rassenkonflikte in den USA, schon wieder Blut, die die Kirche dort aktuell umtreiben.

Die Liste lässt sich fortsetzen, doch das führte hier zu weit. Halten wir fest: Was Europa gern als „Ränder der westlichen Zivilisation“, Entwicklungsländer oder Risikozonen abstempelt, will dieser Papst ganz nah bei sich und im Herzen der Kirche wissen. Darum geht es, wenn man sich ansieht, wie Franziskus entscheidet, in Punkto Personal und Pastoral. Dass dieser Papst keine Mehrheiten für eine Papstwahl am Schreibtisch austüftelt, muss man wohl nicht noch unterstreichen. Das Kardinalskollegium wird mit ihm internationaler, bunter, weniger europäisch, ja, man könnte auch sagen: Wirklichkeit hält stärker Einzug im Vatikan.

Vor einer Woche waren es im Petersdom noch Obdachlose, die den Marmorboden traten, die Woche davor Häftlinge, an diesem Samstag umarmt der Papst eben Kardinäle – keine disparate Reihe für Franziskus. Er sieht in Barmherzigkeit den Auftrag eines jeden Christen sieht, mit oder ohne Birett.

(rv 19.11.2016 pr)

Papstpredigt zum Konsistorium: Auch Feind muss man lieben

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Papst Franziskus

Hier die Homilie des Heiligen Vaters beim Ordentlichen Öffentlichen Konsistorium für die Kreierung neuer Kardinäle in der römischen Basilika St. Peter von diesem Samstag, 19. November 2016:

 

Der Abschnitt aus dem Evangelium, den wir eben gehört haben (vgl. Lk 6,27-36), ist von vielen die „Feldpredigt“ genannt worden. Nach der Einsetzung der Zwölf stieg Jesus mit seinen Jüngern hinunter in die Ebene, wo eine Menschenmenge auf ihn wartete, um ihn zu hören und sich heilen zu lassen. Die Berufung der Apostel geht einher mit diesem „Sich-auf-den-Weg-Machen“ in die Ebene, zur Begegnung mit einer großen Anzahl von Menschen, die – wie der Evangelientext sagt – „geplagt“ waren (vgl. V. 18). Anstatt die Jünger oben auf dem Berg, auf dem Gipfel zu lassen, führt die Wahl sie ins Herz der Menge, stellt sie mitten in ihre Qualen hinein, auf die Ebene ihres Lebens. Auf diese Weise offenbart der Herr ihnen und uns, dass man den wahren Gipfel in der Ebene erreicht, und die Ebene erinnert uns daran, dass der Gipfel in einem Blick liegt und besonders in einem Aufruf: » Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist! « (V. 36).

Es ist eine Einladung, die von vier Imperativen, wir könnten sagen von vier Ermahnungen begleitet ist, die der Herr an sie richtet, um ihre Berufung in der Konkretheit, im Alltag des Lebens zu formen. Es sind vier Tätigkeiten, die dem Weg des Jüngers Form geben, Leibhaftigkeit verleihen und ihn greifbar machen sollten. Wir könnten sagen, dass es vier Abschnitte der Mystagogie der Barmherzigkeit sind: Liebt, tut Gutes, segnet und betet. Ich denke, dass wir über diese Aspekte alle einer Meinung sein können und dass sie uns auch als vernünftig erscheinen. Es sind vier Handlungen, die wir leicht verwirklichen mit unseren Freunden, mit den Menschen, die uns mehr oder weniger nahe stehen, nahe im Hinblick auf Zuneigung, Geschmack und Gewohnheiten.

Das Problem kommt auf, wenn Jesus uns die Zielgruppe dieser Handlungen vorstellt, und darin ist er ganz unmissverständlich, gebraucht er weder Umschweife, noch Beschönigungen. Liebt eure Feinde, tut Gutes denen, die euch hassen, segnet die, die euch verfluchen, betet für die, die euch misshandeln (vgl. V. 27-28).

Und das sind keine Handlungen, die gegenüber einem, der als Gegner, als Feind vor uns steht, selbstverständlich sind. Solchen gegenüber ist unsere erste, instinktive Haltung die, sie zu disqualifizieren, sie zu diskreditieren, sie zu verfluchen; in vielen Fällen versuchen wir, sie zu „verteufeln“, mit dem Ziel, eine „heilige“ Rechtfertigung zu haben, um sie uns vom Halse zu schaffen. Im Gegensatz dazu sagt uns Jesus in Bezug auf den Feind, auf den, der dich hasst, dich verflucht oder dich diffamiert: Liebe ihn, tu ihm Gutes, segne ihn und bete für ihn.

Wir stehen vor einer der ureigensten Charakteristiken der Botschaft Jesu, dort, wo sich seine Kraft und sein Geheimnis verbergen. Dort entspringt die Quelle unserer Freude, von dort kommen die Macht unserer Sendung und die Verkündigung der Frohen Botschaft. Der Feind ist einer, den ich lieben muss. Im Herzen Gottes gibt es keine Feinde, Gott hat nur Söhne und Töchter. Wir richten Mauern auf, bauen Barrieren und stufen die Menschen ein. Gott hat Söhne und Töchter, und zwar nicht, um sie sich vom Leibe zu halten. Die Liebe Gottes hat das Merkmal der Treue zu den Menschen, denn es ist eine leidenschaftliche Liebe, eine Mutter- und Vaterliebe zugleich, die sie nicht im Stich lässt, selbst wenn sie Fehler begangen haben. Unser Vater wartet nicht darauf, die Welt erst dann zu lieben, wenn wir gut sein werden, er wartet nicht darauf, uns erst dann zu lieben, wenn wir weniger ungerecht oder wenn wir vollkommen sein werden. Er liebt uns, weil er die Wahl getroffen hat, uns zu lieben; er liebt uns, weil er uns die Gotteskindschaft verliehen hat. Er hat uns sogar geliebt, als wir noch Feinde waren (vgl. Röm 5,10). Die bedingungslose Liebe des Vaters zu allen war und ist ein echtes Erfordernis der Umkehr für unser armseliges Herz, das dazu neigt, zu richten, zu trennen, Gegensätze zu schaffen und zu verurteilen. Das Wissen, dass Gott auch den, der ihn ablehnt, weiter liebt, ist eine unerschöpfliche Quelle der Zuversicht und ein Ansporn für die Mission. Keine schmutzige Hand kann verhindern, dass Gott in diese Hand das Leben legt, das er uns schenken möchte.

Unsere Epoche ist gekennzeichnet durch gewaltige Problemkomplexe und Fragen auf Weltebene. Wir erleben eine Zeit, in der in unseren Gesellschaften die Polarisierung und die Ausschließung als einzige Möglichkeit zur Lösung von Konflikten seuchenartig wieder aufleben. So sehen wir zum Beispiel, wie jemand neben uns rasch nicht nur als Unbekannter oder Immigrant oder Flüchtling eingestuft, sondern als Bedrohung wahrgenommen und als Feind eingestuft wird. Feind, weil er aus einem fernen Land kommt oder weil er andere Bräuche hat. Feind wegen seiner Hautfarbe, wegen seiner Sprache oder seiner gesellschaftlichen Stellung, Feind, weil er anders denkt und auch weil er einen anderen Glauben hat. Feind weil… Und ohne dass wir es merken, macht sich diese Logik in unserer Lebens-, Handlungs- und Vorgehensweise breit. Dann beginnen alle und alles den Beigeschmack der Feindschaft zu haben. Nach und nach verwandeln sich die Verschiedenheiten in Symptome von Feindseligkeit, Bedrohung und Gewalt. Wie viele Wunden vergrößern sich aufgrund dieser Seuche der Feindschaft und Gewalt, die im Fleisch vieler ihre Spuren hinterlässt, die keine Stimme haben, weil ihr Aufschrei schwächer geworden und schließlich verstummt ist aufgrund dieser Pathologie der Gleichgültigkeit! Wie viele Situationen der Unsicherheit und des Leidens werden durch diese Zunahme der Feindschaft unter den Völkern, unter uns, ausgesät! Ja, unter uns, in unseren Gemeinschaften, unseren Priesterkollegien, unseren Versammlungen. Das Virus der Polarisierung und der Feindschaft dringt in unsere Art zu denken, zu fühlen und zu handeln ein. Dagegen sind wir nicht immun, und wir müssen aufpassen, dass eine solche Haltung nicht unser Herz in Beschlag nimmt, denn das würde sich gegen den Reichtum der Universalität der Kirche wenden, den wir in diesem Kardinalskollegium mit Händen greifen können. Wir kommen aus fernen Ländern, haben unterschiedliche Bräuche, Hautfarben, Sprachen und gesellschaftliche Stellungen; wir haben unterschiedliche Denkweisen und feiern sogar den Glauben in verschiedenen Riten. Und nichts von alledem macht uns zu Feinden, im Gegenteil, es ist einer unserer größten Reichtümer.

Liebe Brüder, Jesus hört nicht auf, „vom Berg hinabzusteigen“, unaufhörlich möchte er uns in den Kreuzweg unserer Geschichte einfügen, um das Evangelium der Barmherzigkeit zu verkünden. Immer wieder ruft Jesus uns und sendet uns in die „Ebene“ unserer Völker, immer wieder lädt er uns ein, unser Leben damit zu verbringen, die Hoffnung unserer Leute zu unterstützen, als Zeichen der Versöhnung. Als Kirche sind wir immer wieder eingeladen, unsere Augen zu öffnen, um auf die Wunden so vieler Brüder und Schwestern zu schauen, die ihrer Würde beraubt sind, die in ihrer Würde beraubt sind.

Lieber Mitbruder und neuer Kardinal, der Weg zum Himmel beginnt in der Ebene, im Alltag des zerstückelten und miteinander geteilten Lebens, eines verausgabten und verschenkten Lebens. In der täglichen und stillschweigenden Gabe dessen, was wir sind. Unser Gipfel ist diese Qualität der Liebe; unser Ziel und unsere Bestrebung ist, zu versuchen, in der Ebene des Lebens gemeinsam mit dem Volk Gottes uns in Menschen zu verwandeln, die zu Vergebung und Versöhnung fähig sind.

Lieber Bruder, heute wird von dir verlangt, in deinem Herzen und in dem der Kirche diese Einladung zu bewahren, barmherzig wie der Vater zu sein und dabei dies im Bewusstsein zu haben: » Wenn uns etwas in heilige Sorge versetzen und unser Gewissen beunruhigen soll, dann ist es die Tatsache, dass so viele unserer Brüder und Schwestern ohne die Kraft, das Licht und den Trost der Freundschaft mit Jesus Christus leben, ohne eine Glaubensgemeinschaft, die sie aufnimmt, ohne einen Horizont von Sinn und Leben « (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium 49).

(rv 19.11.2016 mg)

Ernest Simoni: Der Märtyrer-Kardinal aus Albanien

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Der albanische Priester und bald Kardinal Ernest Simoni

Er ist einer der wohlverdienten Kleriker, den der Papst am Samstag in den Kardinalsstand heben wird, und er kommt sozusagen „vom Rande Europas“ in den Vatikan: der albanische Priester Ernest Simoni Troshani. Der heute 87-jährige Albaner erlebte im Kommunismus Jahrzehnte der Unterdrückung, saß im Gefängnis und leistete Zwangsarbeit ab. Sein Zeugnis bewegte den Papst, der Albanien im September 2014 besuchte. Simoni trug damals in der Paulus-Kathedrale von Tirana vor.

Bereit, für den Glauben zu sterben

Es war der 24. Dezember 1963, als die Häscher des „ersten atheistischen Staates der Welt“ den jungen Priester in Nordalbanien festnahmen. Er feierte gerade die Weihnachtsmesse im Dorf Barbullush südlich der Stadt Shkoder, aus der Region kamen viele der katholischen Märtyrer, die sich dem Regime damals widersetzten: „Sie legten mir Handschellen an, banden mir die Hände hinter dem Rücken zusammen und trieben mich mit Fußtritten in ihr Auto. Aus der Kirche brachten sie mich in eine Zelle, wo ich drei Monate unter menschenunwürdigen Bedingungen verbrachte. Gefesselt brachten sie mich zum Verhör. Ihr Anführer sagte mir: ,Du wirst als Feind erhängt, denn du hast dem Volk gesagt, dass wir alle für Christus werden sterben, wenn es nötig ist.‘ Sie zogen die Eisen an meinen Händen so sehr an, dass mein Herzschlag aufhörte und ich fast starb. Sie wollten, dass ich gegen die Kirche und deren Hierarchie aussagte. Ich habe das nicht akzeptiert. Nach der Folter war ich fast tot. Als sie mich so sahen, ließen sie mich frei. Der Herr wollte, dass ich weiterlebte.“

Schuften in der Hölle

Simonis Todesurteil wurde damals in Zwangsarbeit umgewandelt, 18 Jahre lang musste er als Mienenarbeiter schuften, tauchte buchstäblich ab in die Hölle. Über diese Grenzerfahrung berichtete der  Priester im Kontext des Papstbesuches in Tirana im Interview mit Radio Vatikan: „Das war bis zu 500 Metern unter der Erde, wo ich graben musste. Dort hat uns Gott jeden Tag vor dem Tode bewahrt, denn die Miene war nicht ausgerüstet oder abgesichert, es gab giftige Dämpfe und Wasser, das mit Schwefelsäure vermischt war – doch Gott hat uns alle gerettet.“

Um sich und andere zu schützen, isolierte er sich, kaum sprach er mit anderen Gefangenen. Kraft gab ihm das Gebet, so der Priester, einige im Lager hätten ihn für verrückt erklärt, sagt P. Simoni und – er lacht: „Das ist die Gnade Gottes. Ich habe mich nie beschwert, ich immer Hoffnung in Jesu Worte gesetzt: ich werde bei euch sein, bis zum Ende. Ich betete den Rosenkranz, und die anderen nicht-katholischen Gefangen wunderten sich manchmal, dachten wohl, ich sei verrückt geworden und würde mit mir selber sprechen.“

Verrückt zu werden – wohl das Naheliegendste unter solchen Umständen. Nicht so Pater Simoni: „Denn Jesus lebt mit all jenen, die ihn lieben.“

Nach fast zwei Jahrzehnten wurde Pater Simoni 1981 aus der Gefangenschaft entlassen, er hatte überlebt. Er musste fortan als Kanalarbeiter arbeiten und wurde weiter ständig überwacht. Seinen Glauben konnte er auch in den 80er Jahren nur im Untergrund praktizieren, erst mit dem Fall des kommunistischen Regimes im Jahr 1990 konnte er in Albanien wieder offen für die katholische Kirche wirken. So schlichtete er etwa seitdem vielfach Familienfehden, die in Albanien häufig blutig enden.

Sein Zeugnis bewegte den Papst

Es war im September 2014, als der Papst auf Simoni aufmerksam wurde. Die Abgründe der Religionsverfolgung in Albanien waren für Franziskus, so hat er das selbst gesagt auf seiner Albanien-Reise, „eine Überraschung“: „Ich wusste nicht, dass euer Volk so gelitten hat“, so der Papst wörtlich bei einer Vesperfeier mit Priestern, Orden und Laien in Tirana. Zwei Jahre später, im Oktober 2016, gab der Papst bekannt, Pater Ernest Simoni in den Kardinalsstand heben zu wollen. Papstwähler wird der über 80-Jährige nicht sein, eines aber hat er schon getan, was eines Kardinales würdig ist: sein Blut gegeben für die Kirche.

(rv 17.11.2016 pr)

Vatikan/Syrien: „Kardinalsrot bedeutet Blut“

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Erzbischof Mario Zenari, Nuntius in Syrien und bald Kardinal

Am Samstag kreiert Franziskus neue Kardinäle. Zum Kardinal erhoben zu werden hat vor allem mit Würde und Entscheidungsmacht zu tun, mag man denken – dieser Eindruck verstärkt sich nicht zuletzt durch die pompöse Zeremonie im Petersdom. Der diesjährige Kandidat aus Syrien setzt diesen Akzent: „Das scharlachrote Kardinalsrot bedeutet Blut, es bedeutet dazu bereit zu sein, sein Blut für die Treue zu Christus und seine Kirche zu geben“, erinnert der Nuntius von Damaskus im Interview mit Radio Vatikan. Erzbischof Mario Zenari ist gebürtiger Italiener und einer der 17 kirchlichen Würdenträger, denen der Papst am Samstag das rote Birett aufsetzen wird.

Er deutet seine Erhebung zum Kardinal als Zeichen der Solidarität mit der notleidenden syrischen Bevölkerung:

„Ich habe da direkt an Syrien gedacht: Diese Kardinalswürde enthält das Blut vieler Menschen, vor allem der Kinder. Ich werde also all diese Personen, all das Leid am Samstag und Sonntag zum Petersplatz tragen. Ich erinnere mich etwa an die zwei Kinder, vier und neun Jahre alt, die auf einem Balkon in Damaskus von eine Mörsergranate getroffen wurden, als sie dort auf ihre Mutter warteten. Sie waren auf der Stelle tot. Dann, vor ein paar Monaten, ein weiterer Fall in Aleppo: Eine Granate fiel auf ein Altenheim, das von einer Ordensgemeinschaft geführt wurde. Als ich in Eile dort ankam, sah ich das Blut auf der Erde, das Blut einer alten Frau, die voll getroffen worden war. Wenn ich jetzt zum Petersdom komme, behalte ich meine Schuhe an, an denen dieses Blut klebt. Ich trage es vor das Petrusgrab.“

Zum Ende des Heiligen Jahre der Barmherzigkeit feiert Erzbischof Zenari am kommenden Sonntag zusammen mit dem Papst und den anderen neuen Kardinälen eine Heilige Messe im Petersdom. Das Motto des Jubeljahres versteht der Nuntius in Syrien nicht als guten Vorsatz; es sei für die kirchlichen Helfer vor Ort sozusagen das tägliche Brot im Kriegsalltag – etwa wenn es um die Bestattung der Toten geht: „In Europa ruft man ein Unternehmen an und macht die Beerdigung. In Syrien gibt es Menschen, Priester, die unter Beschuss der Heckenschützen ihr Leben riskieren, um von den Straßen die Toten aufzulesen. Und wenn wir über die Bestattung sprechen: man geht von 400.000 Toten in Syrien aus.“

Von 400.000 Toten und 2 Millionen Verletzten, 5 Millionen Isolierten und tausenden Belagerten, die aufgrund der Kriegsgefechte nur schwer oder gar keine Hilfe erreicht, 4,5 Millionen Flüchtlingen und 7 Millionen Binnenflüchtlingen. Insgesamt seien 13,5 Millionen Menschen im Land dringend auf Hilfe angewiesen. Der Nuntius nennt ein paar Zahlen, zeichnet mit groben Strichen die Fratze des Krieges. Vor allem Essen und Trinkwasser seien ein Riesenproblem, da Zuleitungen zerstört worden seien. Das sei aber noch nicht alles, fügt Zenari dann an: „Das, was man nicht sieht, die größten Schäden, sind die Bomben, die in die Seele eingedrungen sind, in die Herzen der Kinder, die so viel Gewalt gesehen haben. In ein paar Jahren wird man diese Gebäude, die Infrastrukturen wieder aufbauen; wie aber kann man die Herzen, die Seelen dieser Kinder wieder heilen, die solch tiefe Wunden davongetragen haben? Das ist eine Herausforderung für alle Religionen in Syrien, dieser Wiederaufbau der Seelen.

(rv 17.11.2016 pr)