Staatspräsident Bolsonaro weihte Brasilien dem Unbefleckten Herzen Mariens

Zur weiteren Dokumentation zu meinem gestrigen Artikel: (Quelle, 21. Mai 2019)

Genau in diesem Augenblick findet in Brasilia, die Weihe des größten lateinamerikanischen Landes an das Unbefleckte Herz Mariens statt.

(Brasilia) Brasilien erlebt heute einen großen Tag. Das wird aber nicht überall so gesehen. Wenn nicht im Apostolischen Palast, so zumindest in Santa Marta gehen im Vatikan andere Sorgen um: die universale Brüderlichkeit, der Klimawandel, ein Recht auf grenzenlose Migration und neuerdings vor allem die Ablehnung der Souveränitätsbewegung. Das betrifft nicht nur die USA und wegen der bevorstehenden Wahlen vor allem die EU, sondern auch Brasilien. Dort weiht heute Staatspräsident Bolsonaro das Land dem Unbefleckten Herz Mariens. Doch die Bischofskonferenz und Santa Marta signalisierten Desinteresse und die offiziellen katholischen Medien schweigen die Weihe tot.

Papst Franziskus hätte in Brasilien gerne weiterhin die Arbeiterpartei (PT) an der Macht gesehen, die aber an ihrer eigenen Korruption gescheitert ist. Zum neuen Staats- und Regierungschef wurde im vergangenen Herbst Jair Bolsonaro gewählt. Seine Koalition besteht aus mehreren dezidiert christlichen Parteien, manche aus dem evangelikalen Bereich. Er selbst ist Katholik, aber mit einer Freikirchlerin verheiratet. In Brasilien kann es daher vorkommen, daß der Staats- und Regierungschef auf Twitter einen Bibelvers zitiert. Heute morgen Ortszeit begrüßte Staatspräsident Bolsonaro die Brasilianer mit dem Tweet:

„Und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen“ Johannes 8:32. Diese Botschaft geht unserer Mission immer voraus. Guten Morgen allerseits!

Marienweihe Brasiliens, 21. Mai 2019

Diese Twitter-Nachricht hängt mit der Besonderheit des heutigen Tages zusammen. Heute fand um 19 Uhr Mitteleuropäischer Zeit in der Bundeshauptstadt Brasilia die Weihe Brasiliens an das Unbefleckte Herz Mariens statt. Sie fand nicht nur in Anwesenheit von Staatspräsident Bolsonaro, sondern direkt im Präsidentenpalast statt. Präsident Bolsonaro verlieh dem Weiheakt durch seine Unterschrift die höchste staatliche Autorität.

Die Weihe ist, bedauerlichweise, kein Akt der Brasilianischen Bischofskonferenz, sondern geht auf die Initiative katholischer Laien zurück. Vorgenommen wurde die Weihe von Don Fernando Areas Rifan, dem Apostolischen Administrator der Apostolischen Personaladministration Sankt Johannes Maria Vianney. Die Apostolische Personaladministration ist die weltweit einzige De-facto-Diözese im überlieferten Ritus.

Treibende Kraft der Weihe sind die Marianische Kongregation und andere katholischen Organisationen sowie der Frente Parlamentario Catolico, in dem sich katholische Bundesabgeordnete zusammengeschlossen haben.

Initiative von zwei Parlamentsabgeordneten

Die Idee selbst stammt von den beiden Abgeordneten Chris Tonietto und Eros Biondini. Sie betonten, daß es bei der Weihe auch und gerade um einen Staatsakt gehe, mit dem das ganze Land dem Herzen Marien geweiht wurde.

Der Tierarzt Biondini, der an der Päpstlichen Katholischen Universität von Minas Gerais, auch ein Studium der Politikwissenschaften absolvierte, wurde in Brasilien bekannt durch die größte, katholische Musikveranstaltung des Landes, die er ins Leben rief und organisierte. Der heute 48-Jährige moderierte einige Jahre eine Musiksendung des katholischen Fernsehsenders TV Canção Nova. 2006 wurde er zum Abgeordneten seines Heimatstaates Minas Gerais gewählt. Seit 2010 gehört er dem brasilianischen Bundesparlament an. Zu den Schwerpunkten seiner parlamentarischen Arbeit gehören die politische Erneuerung Brasiliens, der Widerstand gegen Versuche, die Hypothese eines angeblich menschenverschuldeten Klimawandels, bzw. die Vorstellung, „das Klima“ kontrollieren zu können, zur Grundlage der Politik zu machen, die Stärkung der Familie und der Schutz der ungeborenen Kinder. 2017 stimmte er für das Gesetz, das die Tötung ungeborener Kinder strafrechtlich belangt.

Chris Tonietto mit Präsident Bolsonaro

Christine „Chris“ Nogueira do Reis Tonietto ist Rechtsanwältin und Mitglied des Katholischen Kulturzentrums Don Bosco. Bekannt wurde sie 2017 durch ihre Initiative gegen die Beleidigung der katholischen Kirche und des katholischen Glaubens in der brasilianischen YouTube-Komödie Port dos Fundos. Bei den Parlamentswahlen im Oktober 2018 wurde sie zur Abgeordneten des Bundesparlaments gewählt. Ihre Aussendungen und Twitter-Nachrichten beendete sie meist mit „Viva Cristo Rei!“ (Hoch lebe Christus König).

Tonietto schrieb heute auf Twitter:

„Wir werden mit der gesamten Gruppe der katholischen Parlamentsabgeordneten da sein, der ich angehöre. Wir drücken unsere innigste Unterstützung aus und beten zu Gott, daß er unser geliebtes Brasilien, das Land des Heiligen Kreuzes, segnet!“

Als die Gouverneurin von Alabama das Gesetz zur Abschaffung der Abtreibung unterzeichnete, schrieb Tonietto am 16. Mai auf Twitter:

„Ein großer Tag für das Lebensrechtsanliegen.“

Am 17. Mai konnte sie bereits die nächste Stärkung des Lebensrechts der ungeborener Kinder weiterverbreiten:

„Mit 66 Stimmen Vorsprung stimmte das Staatsparlament von Missouri für mehrere Gesetze gegen die Abtreibung, die diese schändliche Praxis in diesem Staat massiv einschränken.“

Tonietto unterstützt die Initiative von Staatspräsident Bolsonaro, der den „Antikommunistischen Katechismus“ des 1999 verstorbenen Steyler Missionars und Erzbischofs von Diamantina, Geraldo de Proença Sigaud, jenen „empfiehlt, die sagen katholisch zu sein, aber den Kommunismus verteidigen“. Während des Zweiten Vatikanischen Konzils gehörte Erzbischof Sigaud dem Coetus Internationalis Patrum an und galt in Brasilien als der schärfste Gegner von Helder Camara, dem Erzbischof von Olinda und Recife.

Kühle Distanz durch Bischofskonferenz und Santa Marta

Die Brasilianische Bischofskonferenz, seit langem befreiungstheologisch angehaucht, verhält sich distanziert gegenüber dem neuen Staatsoberhaupt, erst recht, da von Papst Franziskus seine Sympathien (und Antipathien) klar bekundet wurden. Zur Marienweihe herrscht Schweigen. Nichts ist aus Rom von der Herzlichkeit zu vernehmen, mit der Franziskus die beiden vorigen Präsidenten Luis Inacio Lula da Silva und Dilma Rousseff von der Arbeiterpartei bedachte. Lula da Silva, der wegen Korruption zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt wurde, sandte er eine Solidaritätsbekundung sogar ins Gefängnis.

Anstatt sich zu freuen, katholische Ansprechpartner unter den Abgeordneten zu haben, versetzten der Bischofskonferenz und Santa Marta nahestehe Journalisten der Initiative Nadelstiche. Die Rede war, offen oder andeutungsweise, von „politischem Mißbrauch“ der Religion.

Weil der Staatspräsident sein Land dem Unbefleckten Herzen Mariens weiht? Weil katholische Parlamentsabgeordnete die Idee zu dieser Weihe hatten und sie auch in die Tat umsetzen?

Die Politisierung der Kirche führt in bedenkliche Sackgassen, wie bischöfliche Reaktionen auf die Weihe Brasiliens an Maria zeigt.

Dessen ungeachtet ist die Weihe ein großer Tag für Brasilien.

Wer sich über die Weihe informieren möchte, hat die Möglichkeit dazu unter anderem über den Twitter-Hashtag #OrePeloBrasil (Bete für Brasilien).

Text: Giuseppe Nardi/Andreas Becker
Bild: Twitter/Chris Tonietto (Screenshots)

WEITER: ZUR BESCHÄMUNG DES PAPSTES (FRANZISKUS)

Johannes Paul II. zur Verkündigung des Dogmas der unbefleckten Empfänis Mariens

Johannes Paul II. an der Grotte von Lourdes am 15. August 2004

EUCHARISTIEFEIER ANLÄSSLICH DES 150. JAHRESTAGES DER VERKÜNDIGUNG DES DOGMAS
VON DER UNBEFLECKTEN EMPFÄNGNIS MARIENS

PREDIGT VON JOHANNES PAUL II.

Hochfest der Unbefleckten Empfängnis der Sel. Jungfrau Maria
Mittwoch, 8. Dezember 2004

1. »Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir« (Lk1,28).

Mit diesen Worten des Erzengels Gabriel wenden wir uns mehrmals am Tag an die Jungfrau Maria. Wir wiederholen sie heute am Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria mit besonders großer Freude, weil wir des 8. Dezember 1854 gedenken, an dem der selige Pius IX. dieses wunderbare Dogma des katholischen Glaubens in dieser vatikanischen Basilika verkündet hat.

Ich grüße herzlich alle, die heute hier versammelt sind, insbesondere die Vertreter der Nationalen Mariologischen Gesellschaften, die am Internationalen Marianisch-mariologischen Kongreß teilgenommen haben, der von der Päpstlichen Marianischen Akademie veranstaltet wurde.

Ferner grüße ich euch, liebe anwesende Brüder und Schwestern, die ihr gekommen seid, um die Unbefleckte Jungfrau in kindlicher Liebe zu verehren. Allen voran grüße ich Kardinal Camillo Ruini und erneuere meine herzlichsten Glückwünsche zu seinem Priesterjubiläum, wobei ich ihm meinen aufrichtigen Dank für den Dienst ausspreche, den er mit großmütiger Hingabe für die Kirche als mein Generalvikar für die Diözese Rom und als Vorsitzender der Italienischen Bischofskonferenz geleistet hat und weiterhin leistet.

2. Wie tief ist das Geheimnis der Unbefleckten Empfängnis, das uns die heutige Liturgie vorstellt! Ein Geheimnis, das die Kontemplation der Gläubigen immer wieder anregt und das Nachdenken der Theologen inspiriert. Das Thema des zuvor erwähnten Kongresses – »Maria von Nazaret nimmt den Sohn Gottes in die Geschichte auf« – ermöglichte eine Vertiefung der Lehre von Marias Unbefleckter Empfängnis als Voraussetzung für die Aufnahme des Wortes Gottes in ihrem jungfräulichen Schoß, des Erlösers des Menschengeschlechtes, der von ihr Fleisch angenommen hat.

»Voll der Gnade«, »κεχαριτωµευη«: Nach dem griechischen Original des Lukasevangeliums wendet sich der Engel mit diesem Beinamen an Maria. Es ist der Name, mit dem Gott die Jungfrau durch seinen Boten bezeichnen wollte. So hat er sie von Ewigkeit her, »ab aeterno«, erdacht und gesehen.

3. In dem soeben verkündeten Hymnus des Briefes an die Epheser preist der Apostel Gott, den Vater, denn er hat »uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel« (1,3).Mit welch außerordentlichem Segen hat Gott am Anfang der Zeit Maria bedacht! Du bist wirklich mehr gesegnet als alle anderen Frauen, Maria (vgl.Lk 1,42)!

Gott, der Vater, hat sie in Christus vor der Erschaffung der Welt erwählt, damit sie heilig und untadelig lebe vor Gott; er hat sie aus Liebe im voraus dazu bestimmt, Erstlingsfrucht der Gotteskindschaft zu werden durch Jesus Christus« (vgl. Eph 1,4–5).

4. Marias Vorausbestimmung wie auch die eines jeden von uns bezieht sich auf die Vorausbestimmung des Sohnes. Christus ist jener »Nachwuchs«, der gemäß dem Buch Genesis die alte Schlange »am Kopf trifft« (vgl. Gen 3,15); er ist das »fehlerfreie« Lamm (vgl. Ex 12,5; 1 Petr 1,19), das geopfert wurde, um die Menschheit von der Sünde zu erlösen.

Im Hinblick auf seinen Erlösungstod wurde seine Mutter Maria vor der Erbsünde und vor jeder anderen Sünde bewahrt. Im Sieg des neuen Adam ist auch der Sieg der neuen Eva, der Mutter der Erlösten, enthalten. So ist die Immaculata Zeichen der Hoffnung für alle Lebenden, die den Satan durch das Blut des Lammes besiegt haben (vgl. Offb 12,11).

5. Wir betrachten heute die demütige junge Frau von Nazaret, die heilig und untadelig vor Gott in der »Liebe«lebte (vgl. Eph 1,4), deren Ursprung der Dreifaltige Gott selbst ist.

Welch erhabenes Werk der Heiligsten Dreifaltigkeit ist die Unbefleckte Empfängnis der Mutter des Erlösers! In der Bulle Ineffabilis Deus weist Pius IX. darauf hin, daß Gott, der Allmächtige, »durch ein und denselben Ratschluß die Herkunft Marias und die Fleischwerdung der göttlichen Weisheit« festgesetzt hat (Pii IX Pontificis Maximi Acta, Pars prima, S. 559).

Das »Ja« der Jungfrau bei der Verkündigung des Engels verbindet sich mit unserem konkreten irdischen Dasein, in demütigem Gehorsam gegenüber dem göttlichen Willen, die Menschheit nicht vor der Geschichte, sondern in der Geschichte zu retten. Denn die »neue Eva« hat, von jedem Makel der Erbsünde bewahrt, in einzigartiger Weise das Wirken Christi als vollkommener Mittler und Erlöser erfahren. Als erste von ihrem Sohn Erlöste hat sie in Fülle an seiner Heiligkeit teil; sie ist bereits das, was die ganze Kirche zu sein wünscht und hofft. Sie ist die eschatologische Ikone der Kirche.

6. Die Immaculata, die Anfang der Kirche, der makellosen Braut Christi, ist (vgl. Präfation), geht dem Volk Gottes immer den »Pilgerweg des Glaubens« ins Himmelreich voran (vgl. Lumen gentium, 58; Redemptoris Mater, 2).

In der Unbefleckten Empfängnis Mariens sieht die Kirche, wie sich, vorweggenommen in ihrem hervorragendsten Mitglied, bereits die österliche Gnade der Erlösung abzeichnet.

Im Ereignis der Menschwerdung findet sie den Sohn und die Mutter untrennbar miteinander verbunden: denjenigen, »der ihr Herr und Haupt ist, und diejenige, die durch das erste ›Fiat‹ des Neuen Bundes ein Vorbild für ihre Aufgabe als Braut und Mutter darstellt« (Redemptoris Mater, 1).

7. Dir, Unbefleckte Jungfrau, die du von Gott über alle anderen Geschöpfe hinaus als Fürsprecherin der Gnade und als Vorbild der Heiligkeit für sein Volk vorherbestimmt bist,vertraue ich heute erneut in besonderer Weise die ganze Kirche an.

Führe du ihre Kinder auf dem Pilgerweg des Glaubens, und mache sie dem Wort Gottes immer gehorsamer und treuer.

Begleite du jeden Christen auf dem Weg der Umkehr und der Heiligkeit, im Kampf gegen die Sünde und in der Suche nach der wahren Schönheit, die immer Abglanz und Widerschein der göttlichen Schönheit ist.

Erwirke du allen Völkern Frieden und Heil. Der Ewige Vater, der dich als Unbefleckte Mutter des Erlösers gewollt hat, erneuere auch in unserer Zeit durch dich die Wunder seiner barmherzigen Liebe. Amen.

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Quelle

Pius IX. zur Erklärung des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis Mariens

Dogmatische Bulle „Ineffabilis Deus“

zur Erklärung des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis Mariens (8. Dezember 1854)

Pius IX.

Hinweis/Quelle: Heilslehre der Kirche. Dokumente von Pius IX. bis Pius XII. Deutsche Ausgabe des französischen Originals von P. Cattin O.P. und H. Th. Conus O.P. besorgt von Anton Rohrbasser, Paulusverlag Freiburg/Schweiz 1953, S. 306–325, Rnr. 510–545; Imprimatur Friburgi Helv., die 22. maii 1953 L. Waeber V. G). Das lateinische Original von „Ineffabilis Deus“ findet sich in: Pii IX Acta, pars 1a, vol. I, p.597. Elektronische Fassung für http://www.stjosef.at digitalisiert von Armin Jauch. Irrtum vorbehalten.

 

510 Der über alle Worte erhabene Gott, dessen Wege Erbarmen und Wahrheit[1], dessen Wille die Allmacht ist, dessen Weisheit machtvoll wirkt von einem Ende bis zum anderen[2] und in Milde alles lenkt, sah von Ewigkeit her das unheilvolle Verderben des ganzen Menschengeschlechtes infolge der Sünde Adams voraus. In seinem geheimnisvollen, der Welt verborgenen Ratschluß beschloß er aber, das erste Werk seiner Güte durch die Menschwerdung des Wortes auf eine noch unbegreiflichere Weise zu ergänzen. Denn der Mensch, der entgegen seinen liebevollen Absichten durch die List des Teufels in Schuld geraten war, sollte nicht zugrundegehen, und das, was durch den ersten Adam gefallen war, sollte durch den zweiten weit glücklicher wieder aufgerichtet werden. 511 Darum wählte er von Anfang an und vor aller Zeit schon für seinen eingeborenen Sohn eine Mutter aus, und bestimmte, daß er von ihr in der seligen Fülle der Zeiten als Mensch geboren werden sollte; ihr wandte er mehr als allen anderen Geschöpfen seine besondere Liebe zu und fand an ihr allein sein höchstes Wohlgefallen. So überhäufte er sie weit mehr als alle Engel und Heiligen mit einer Fülle himmlischer Gnadengaben, die er aus der Schatzkammer seiner Gottheit nahm, begnadete sie so wunderbar, daß sie allzeit frei blieb von jeder Makel der Sünde, daß sie ganz schön und vollkommen wurde und eine solche Fülle von Reinheit und Heiligkeit besaß, daß man, außer in Gott, eine größere sich nicht denken kann und dass niemand außer Gott sie begreifen kann. 512 Und es war auch ganz entsprechend, daß sie stets im Glanze vollkommenster Heiligkeit strahlte, daß sie sogar frei blieb von der Makel der Erbsünde und so über die alte Schlange einen vollen Sieg errang, sie, die verehrungswürdige Mutter, der Gott Vater seinen einzigen Sohn, der aus seinem Schoße ihm wesensgleich hervorgeht und den er liebt wie sich selbst, voll und ganz anvertrauen wollte. So sollte auf Grund natürlicher Bande ein und dieselbe Person das gemeinsame Kind Gott Vaters und der Jungfrau werden. Der Sohn selber aber erwählte sich diese Mutter, und der Heilige Geist wollte und bewirkte, daß der von ihr empfangen und geboren wurde, aus dem er selbst hervorgeht.

513 Diese Reinheit der hochheiligen Jungfrau von der Erbsünde, die ja mit ihrer wunderbaren Heiligkeit und ihrer erhabenen Würde als Gottesmutter zusammenhängt, hat die heilige katholische Kirche, die vom Heiligen Geiste belehrt wird und stets eine Säule und Grundfeste der Wahrheit ist, als eine von Gott mitgeteilte und im Glaubensgut der göttlichen Offenbarung enthaltene Lehre stets festgehalten. Sie hat diese Lehre fortwährend und ohne Unterlaß in vielfacher, glänzender Weise von Tag zu Tag immer klarer entwickelt, verkündigt und immer mehr gefördert. Dieser Glaube war nämlich schon von ältester Zeit an vorhanden; er war in den Herzen der Gläubigen fest verwurzelt und wurde durch die eifrigen Bemühungen der Bischöfe in der katholischen Welt wunderbar verbreitet. Die Kirche selbst hat diese Lehre ganz klar zum Ausdruck gebracht, als sie ohne Bedenken die Empfängnis der Jungfrau den Gläubigen zur öffentlichen Verehrung und Andacht vorlegte. Durch diese auffallende Tatsache hat sie offen bekundet, daß die Empfängnis der Jungfrau ganz eigenartig und wunderbar ist, daß sie ganz anders vor sich ging als bei den übrigen Menschen, daß sie ganz heilig und verehrungswürdig ist; denn die Kirche nimmt nur heilige Dinge zum Gegenstand ihrer Feste. Deshalb verwendet ja auch die Kirche die gleichen Worte, mit denen die Heilige Schrift von der ungeschaffenen göttlichen Weisheit spricht und ihren ewigen Ursprung schildert, im kirchlichen Stundengebet und bei der Feier des hochheiligen Opfers und überträgt sie auf den Ursprung dieser Jungfrau; deren Erschaffung wurde ja auch zugleich mit der Menschwerdung der göttlichen Weisheit beschlossen. Dies alles wurde von den Gläubigen überall gern aufgenommen. 514 Es ist dies ein Beweis dafür, mit welchem Eifer diese Lehre von der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau auch von der Römischen Kirche, der Mutter und Lehrerin aller Kirchen, gepflegt wurde. Dennoch verdienen die wichtigsten Schritte dieser Kirche einzeln aufgezählt zu werden; denn die Würde und das Ansehen dieser Kirche ist so groß, ihr kommt es auch voll und ganz zu, da sie der Zentralpunkt der katholischen Wahrheit und Einheit ist; in ihr allein wurde der Glaube unverfälscht bewahrt; von ihr müssen alle übrigen Kirchen den Glauben übernehmen.

Der Römischen Kirche lag also nichts so sehr am Herzen, als mit den beredtesten Worten die Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau vorzutragen, die Andacht zu ihr und die Lehre über sie zu schützen, zu verbreiten und zu verteidigen. Dies beweisen zur Genüge so viele und hervorragende Maßnahmen Unserer Vorgänger, der römischen Päpste, denen in der Person des Apostelfürsten von Christus dem Herrn selber auf göttliche Weise das hohe sorgenvolle Amt anvertraut wurde, die Lämmer und Schafe zu weiden, die Brüder zu stärken und die gesamte Kirche zu leiten und zu regieren.

515 So haben es sich Unsere Vorgänger zum besonderen Ruhme angerechnet, kraft ihrer apostolischen Vollmacht das Fest der Empfängnis in der Römischen Kirche einzuführen; sie haben es mit einem eigenen Stundengebet und einer eigenen Messe, worin das Vorrecht der Bewahrung von der Erbschuld ganz deutlich zum Ausdruck kommt, ausgezeichnet und so das Fest feierlicher gestaltet; 516 sie suchten dann die bereits vorhandene Verehrung mit allen Mitteln zu fördern und zu verbreiten, sei es durch die Gewährung von Ablässen, sei es dadurch, daß sie Städten, Provinzen und Ländern gestatteten, die Gottesmutter unter dem Titel der Unbefleckten Empfängnis als Patronin sich zu erwählen, oder daß sie Vereinigungen, Kongregationen und fromme Bruderschaften bestätigten, die zur Verehrung der Unbefleckten Empfängnis gegründet wurden, oder daß sie den frommen Sinn derer lobten, die Ordenshäuser, Krankenhäuser, Altäre und Gotteshäuser unter dem Titel der Unbefleckten Empfängnis errichteten oder unter einem Eide sich verpflichteten, für die Unbefleckte Empfängnis der Gottesmutter nach Kräften einzutreten. 517 Mit ganz besonderer Freude verordneten sie auch, daß das Fest der Empfängnis von jeder Kirche mit der gleichen Feierlichkeit und in dem gleichen Rang zu feiern sei wie das Fest ihrer Geburt, daß das Fest der Empfängnis auch mit einer Oktav von der ganzen Kirche begangen und von allen als ein gebotener Feiertag gehalten werden soll, daß jedes Jahr an dem der Empfängnis der heiligen Jungfrau geweihten Tage in Anwesenheit des Papstes der Gottesdienst in der Patriarchal-Basilika des Liberius stattfinden solle.

518 Beseelt von dem Wunsche, in den Herzen der Gläubigen diese Lehre von der Unbefleckten Empfängnis von Tag zu Tag immer mehr zu verankern und ihren frommen Sinn zur Verehrung und Hochschätzung der unbefleckt empfangenen Jungfrau immer mehr anzuregen, haben sie auch mit großer Freude bereitwilligst gestattet, daß in der Lauretanischen Litanei und selbst in der Präfation der Messe die Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau erwähnt werde, damit die Regel für den Glauben durch die Regel für das Beten festgelegt sei. 519 Wir aber sind den Fußstapfen dieser Unserer ausgezeichneten Vorgänger gefolgt und haben nicht nur ihre frommen und weisen Verordnungen gutgeheißen und angenommen, sondern auch eingedenk der Verfügung Sixtus’ IV. ein eigenes Offizium von der Unbefleckten Empfängnis autoritativ bestätigt und dessen Gebrauch mit freudigem Herzen der ganzen Kirche gestattet.

520 Weil das, was zum Gottesdienst gehört, in inniger Verbindung mit seinem Gegenstand steht und nicht Bestand haben kann, wenn der Gegenstand ungewiß und zweifelhaft ist, deshalb haben Unsere Vorgänger, die Päpste, mit allem Eifer die Andacht zur Empfängnis gefördert und sich angelegentlichst bemüht, ihren Gegenstand und ihren Inhalt zu erklären und den Gläubigen einzuprägen. Sie haben klar und deutlich gelehrt, daß das Fest die Empfängnis der Jungfrau zum Gegenstand habe, und sie haben als falsch und mit der Meinung der Kirche unvereinbar die Ansicht jener zurückgewiesen, die meinten und behaupteten, daß nicht die Empfängnis selbst, sondern nur die Heiligung von der Kirche gefeiert werde. Nicht weniger streng gingen sie gegen jene vor, die zur Abschwächung der Lehre von der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau einen Unterschied zwischen dem ersten und dem zweiten Augenblick machten und behaupteten, es werde zwar die Empfängnis gefeiert, aber nicht die, welche im ersten Augenblick erfolgte. 521 So haben es Unsere Vorgänger als ihre Aufgabe betrachtet, das Fest der Empfängnis der allerseligsten Jungfrau und ihrer Empfängnis vom ersten Augenblick an als den wahren Gegenstand der Verehrung mit allem Eifer in Schutz zu nehmen und zu verteidigen. Darum sprach Unser Vorgänger Alexander VII. die geradezu entscheidenden Worte, und er brachte damit die richtige Auffassung der Kirche zum Ausdruck: „Von altersher ist es die fromme Meinung der Christgläubigen, daß die Seele der allerseligsten Jungfrau und Mutter Maria im ersten Augenblick ihrer Erschaffung und ihrer Vereinigung mit dem Leib auf Grund einer besonderen Gnade Gottes und eines besonderen Vorzuges im Hinblick auf die Verdienste ihres Sohnes Jesus Christus, des Erlösers des Menschengeschlechtes, von aller Makel der Erbsünde rein bewahrt wurde; in diesem Sinne begeht man in feierlicher Weise das Fest ihrer Empfängnis.“[3]

522 Vor allem betrachteten es Unsere Vorgänger als ihre heilige Pflicht, die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter mit aller Sorgfalt, mit Eifer und Entschiedenheit unversehrt zu bewahren. So haben sie in keiner Weise geduldet, daß die Lehre selbst von jemandem irgendwie angegriffen oder lächerlich gemacht wurde. Ja, sie sind noch viel weiter gegangen und haben zu wiederholten Malen ganz deutlich erklärt und verkündet, die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau stimme voll und ganz mit den Andachtsformen der Kirche überein, sie sei altehrwürdig und fast allgemein verbreitet, die Römische Kirche habe es sich zur Aufgabe gesetzt, sie zu fördern und zu schützen, ja sie verdiene es wirklich, in der heiligen Liturgie und bei feierlichen Bittandachten erwähnt zu werden. Und damit nicht zufrieden, haben sie, damit die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau selbst unangetastet bleibe, strengstens verboten, die entgegengesetzte Ansicht öffentlich oder geheim zu verteidigen, und haben erklärt, sie sei aus verschiedenen Gründen unhaltbar. Damit aber diese wiederholten und offenkundigen Erklärungen nicht als unwirksam angesehen werden, gaben sie ihnen auch die nötige Sanktion bei. All dies faßte Unser schon erwähnter Vorgänger Alexander VII. in folgende Worte zusammen:

523 „Wir erneuern hiermit die Bestimmungen und Beschlüsse, die von Unseren Vorgängern, den römischen Bischöfen, besonders von Sixtus IV., Paul V. und Gregor XV. ergangen sind. Dabei lassen wir Uns von der Erwägung leiten, dass die heilige Römische Kirche die Empfängnis der stets makellosen Jungfrau feierlich als Fest begeht und daß einst Unser Vorgänger Sixtus IV. auf Grund einer frommen, andächtigen und lobenswerten Verordnung eigene Tagzeiten für dieses Fest angeordnet hat. Es ist auch Unser Wunsch, diesen Frömmigkeitssinn und diese Andacht zu begünstigen, so wie es Unsere Vorgänger, die römischen Päpste, taten, und zwar in der gleichen Weise, wie das Fest und die Feier begangen wird und wie sich beides seit ihrer Einsetzung in der Römischen Kirche unverändert erhalten hat. Diese Begünstigung bedeutet zugleich auch einen Schutz dieser Andacht, die darauf abzielt, die seligste Jungfrau zu verehren und zu verherrlichen, nachdem sie durch die zuvorkommende Gnade des Heiligen Geistes vor der Erbsünde bewahrt geblieben ist. Wir versprechen Uns auch von dieser Verehrung die Einheit des Geistes in der Herde Christi, den Frieden durch die Beseitigung von Zwisten und Streitigkeiten und die Tilgung von Ärgernissen. Endlich wollen Wir damit auch den inständigen Bitten der genannten Bischöfe mit den Kapiteln ihrer Kirchen entgegenkommen, sowie auch des Königs Philipp und seiner Länder. Wir schließen Uns also den Bestimmungen Unserer Vorgänger an, nach denen die Seele der seligsten Jungfrau bei ihrer Erschaffung und bei ihrer Vereinigung mit dem Körper von der Gnade des Heiligen Geistes erfüllt und vor der Erbsünde bewahrt wurde; Wir genehmigen deshalb auch die Festfeier von der Empfängnis der unbefleckten Gottesmutter, so wie Wir es eben darlegten, und verhängen gegen Zuwiderhandelnde die gleichen Strafen, wie sie in der genannten Konstitution ausgesprochen sind.“

524 „Damit wenden Wir Uns gegen alle jene, die entgegen den genannten Bestimmungen und Beschlüssen diese Gunstbezeigung, wie sie dem Festgedanken und der Verehrung zugrundeliegt, nach wie vor zu leugnen wagen. Es fehlt ja leider nicht an solchen, die diese Unsere Ansicht, das Fest und die Verehrung bezweifeln. Man verschanzt sich dabei hinter dem Vorwand, die Frage ja nur untersuchen zu wollen, oder die Heilige Schrift, die Väter und die Gottesgelehrten zu erklären und auszulegen. Ganz gleich nun, ob dies schriftlich oder bloß mündlich geschieht, ob in Predigten, Abhandlungen oder auf Konferenzen und Gesprächen, ob mit oder ohne Beweise. Wir verhängen über alle diese jene Strafen, die schon Sixtus IV. ausgesprochen hat, und entziehen ihnen die Erlaubnis zu predigen, Unterricht zu erteilen, die Heilige Schrift zu erklären und Vorlesungen zu halten, sowie das aktive und passive Wahlrecht in geistlichen Wahlhandlungen. Und zwar tritt die Strafe ipso facto in Kraft, so daß sie ohne weitere Erklärung jener genannten Handlungen unfähig sind. Die Lösung von dieser Strafe behalten Wir Uns selbst und Unseren Nachfolgern vor. Wir erklären sie ferner auch jenen Strafen für verfallen, die nach Unserem Ermessen und dem der römischen Päpste, Unserer Nachfolger, über sie verhängt werden, und Wir unterwerfen sie hiermit gerade jenen Strafbestimmungen der obenangeführten Konstitutionen Pauls V. und Gregors XV., die Wir deshalb erneuern.“

525 „Dasselbe gilt auch von Büchern, die nach dem genannten Dekret Pauls V. herausgegeben wurden oder in Zukunft erscheinen, wenn sie die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis, das Fest oder die Verehrung in Zweifel ziehen oder sich dagegen aussprechen und Gespräche, Predigten, Abhandlungen und Erörterungen dieser Art enthalten. Solche Druckerzeugnisse verbieten Wir und belegen sie mit jenen Zensuren und Strafen, die in dem Verzeichnis der verbotenen Bücher enthalten sind. Wir ordnen deshalb an, daß solche Bücher ohne weiteres schon als verboten anzusehen sind.“[4]

526 Wir alle aber wissen, mit welchem Eifer diese Lehre über die Unbefleckte Empfängnis der jungfräulichen Gottesmutter von den angesehensten Ordensgenossenschaften, von den berühmtesten theologischen Hochschulen und den hervorragendsten Lehrern der göttlichen Wissenschaft vertreten, dargelegt und verteidigt wurde. Ebenso ist bekannt, wie sehr die Bischöfe besorgt waren, auch bei den Kirchenversammlungen öffentlich und vor der ganzen Welt zu bekennen, dass die allerseligste Jungfrau und Gottesmutter Maria schon im voraus im Hinblick auf die Verdienste unseres Herrn und Erlösers niemals der Erbschuld unterworfen wurde, sondern voll und ganz von der Makel der Erbsünde bewahrt blieb und so auf eine besonders hehre Weise erlöst wurde. 527 Dazu kommt noch eine überaus wichtige und bedeutsame Tatsache. Das Konzil von Trient hatte bei der Verkündigung des Glaubenssatzes von der Erbsünde auf Grund der Zeugnisse der Heiligen Schrift, der Kirchenväter und der rechtmäßigen Kirchenversammlungen festgelegt und entschieden, daß alle Menschen mit der Erbsünde behaftet zur Welt kommen; das gleiche Konzil erklärte indessen ebenso feierlich, es sei nicht seine Absicht, in dieses Dekret und in diese allgemeine Entscheidung die heilige und unbefleckte Jungfrau und Gottesmutter Maria miteinzuschließen[5]. Durch diese Erklärung haben die Väter von Trient auf die Freiheit der allerseligsten Jungfrau von der Erbsünde den damaligen Verhältnissen entsprechend deutlich genug hingewiesen und ganz klar zum Ausdruck gebracht, daß aus der Heiligen Schrift, aus der Überlieferung und den Zeugnissen der Väter nichts vorgebracht werden kann, was diesem erhabenen Vorzug der Jungfrau irgendwie entgegensteht.

528 So herrscht denn in der Kirche bezüglich dieser Lehre von der Unbefleckten Empfängnis der allerseligsten Jungfrau eine völlige Übereinstimmung in ihrer Lehrverkündigung und in ihrer sorgfältigen und weise abgewogenen wissenschaftlichen Arbeit. Von Tag zu Tag aber tritt immer deutlicher in Erscheinung, und dies zeigt sich bei allen katholischen Völkern und Nationen auf dem ganzen Erdkreis in staunenswerter Weise, daß diese Lehre wirklich in der Kirche stets als eine von den Vätern überlieferte und mit den Kennzeichen einer geoffenbarten Wahrheit ausgestattete Lehre betrachtet wurde; und dies bestätigen die wichtigsten Denkmäler des ehrwürdigen Altertums aus der östlichen und westlichen Kirche in ganz überzeugender Weise.

Die Kirche Christi ist nämlich nur die treue Bewahrerin und Verteidigerin der in ihr niedergelegten Glaubenswahrheiten, an denen sie nichts ändert, an denen sie keine Abstriche macht und denen sie nichts hinzufügt. Mit aller Sorgfalt, getreu und weise behandelt sie das Überlieferungsgut der Vorzeit. Ihr Streben geht dahin, die Glaubenswahrheiten, die ehedem gelehrt wurden und im Glauben der Väter gleichsam noch im Keim niedergelegt waren, so auszusondern und zu beleuchten, daß jene Wahrheiten der himmlischen Lehre Klarheit, Licht und Bestimmtheit empfangen, zugleich aber auch ihre Fülle, Unversehrtheit und Eigentümlichkeit bewahren und nur in ihrem eigenen Bereich, d. h. in ein- und derselben Lehre, in ein- und demselben Sinn und in ein- und demselben Gehalt, ein Wachstum aufzuweisen haben.

529 Denn die in der himmlischen Offenbarung wohl bewanderten Väter und Schriftsteller der Kirche hielten nichts für wichtiger, als in den Werken, die sie zur Erklärung der Schrift, zur Verteidigung des Glaubens und zur Belehrung der Gläubigen verfaßten, die höchste Heiligkeit und Würde der Jungfrau, ihr Freisein von jeder Sündenmakel und ihren herrlichen Sieg über den schlimmsten Feind des Menschengeschlechtes in vielfacher und bewundernswerter Weise wie in edlem Wettstreit zu verkünden und hervorzuheben. Sie kommen immer wieder auf die Worte zu sprechen, mit denen Gott das zur Erneuerung der Menschheit von seiner Güte vorgesehene Rettungsmittel am Anfang der Welt ankündigte und damit einerseits den Übermut der verführerischen Schlange zurückwies, anderseits aber auch die Hoffnung unseres Geschlechtes in wunderbarer Weise wieder aufrichtete; es war damals, als Gott sprach: Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau, zwischen deinen Nachkommen und ihren Nachkommen[6]; sooft also die Väter darauf zu sprechen kamen, erklärten sie, daß durch diesen Ausspruch Gottes klar und deutlich auf den barmherzigen Erlöser des Menschengeschlechtes, auf den eingeborenen Sohn Gottes, Christus Jesus, hingewiesen werde und damit auch auf seine heiligste Mutter, die Jungfrau Maria, und daß damit zugleich die unerbittliche Feindschaft beider mit dem Teufel klar angedeutet werde. Wie also Christus, der Mittler zwischen Gott und den Menschen, nach der Annahme der menschlichen Natur die Urkunde, die gegen uns zeugte, zerriß und sie als Sieger an das Kreuz heftete, so hatte auch die heiligste Jungfrau, die ganz innig und unzertrennlich mit ihm verbunden ist, mit ihm und durch ihn ewige Feindschaft mit der giftigen Schlange; sie triumphierte über sie in vollkommenster Weise und zertrat so ihren Kopf mit ihrem makellosen Fuß.

530 Diesen herrlichen und ganz einzigartigen Triumph der allerseligsten Jungfrau, ihre ganz ausgezeichnete Unschuld, Reinheit, Heiligkeit und Unversehrtheit von jeder Sünde, diese unaussprechliche Fülle und Erhabenheit aller himmlischen Gnaden, Tugenden und Vorzüge haben die Väter schon in der Arche Noes vorgebildet gesehen, die auf Gottes Anordnung erbaut wurde und dem allgemeinen Untergang der ganzen Welt heil und unversehrt entging. Sie sahen ein Vorbild auch in jener Leiter, die Jakob von der Erde bis in den Himmel reichen sah, auf der die Engel Gottes auf- und niederstiegen und auf deren oberster Sprosse der Herr selbst ruhte. Auch der Dornbusch gehört hierher, den an heiliger Stätte Moses ringsum brennen sah, der jedoch in den lodernden Flammen des Feuers nicht bloß nicht verzehrt oder im geringsten verletzt wurde, sondern gar anmutig grün aufblühte. Maria gleicht jenem von dem Feind unüberwindlichen Turm, von dem tausend Schilde, Schutzwehr und Rüstung für Helden herabhängen. Sie gleicht dem verschlossenen Garten, den die Tücke des Nachstellers weder zertreten noch schädigen kann. Maria ist die glänzende Stadt Gottes, deren Grundfeste auf dem heiligen Berge ruht; sie ist der hehre Tempel Gottes, der leuchtend im göttlichen Strahlenglanz erfüllt ist von der Herrlichkeit Gottes. Außer diesen Bildern zählen die Väter noch viele andere auf, die die erhabene Würde der Gottesmutter, ihre unversehrte Unschuld und ihre nie von einer Makel getrübte Heiligkeit bedeutungsvoll versinnbilden.

531 Um diese unstreitig höchste unter allen Gottesgaben, eben diese ursprüngliche Unversehrtheit der allerseligsten Jungfrau, von der Jesus geboren wurde, zu erklären, haben die gleichen Kirchenväter sich auch der Aussprüche der Propheten bedient. Und diese wiederum meinen Maria, wenn sie sprechen von der reinen Taube, dem heiligen Jerusalem, dem erhabenen Thron Gottes, der Bundeslade der Heiligung, dem Haus, das die ewige Weisheit sich geschaffen, der Königin, die von Wonnen überfließend und geschmiegt an ihren Geliebten aus dem Munde des Allerhöchsten hervorging, ganz vollkommen, schön und Gott überaus angenehm und nie von einer Makel der Sünde befleckt.

532 Und schließlich fiel der Blick der Väter und der kirchlichen Schriftsteller auf die Worte des Erzengels Gabriel, der Maria die erhabene Würde einer Mutter Gottes verkündete und sie auf Befehl Gottes selber als die Gnadenvolle[7] bezeichnete. Und so lehrten sie denn, es werde durch diesen einzigartigen, feierlichen und noch nie vernommenen Gruß schon gezeigt, daß die Mutter Gottes der Sitz, die Stätte aller göttlichen Gnaden sei, daß sie mit allen Gaben des Heiligen Geistes geziert sei; in gewissem Sinn sei sie sogar ein unendlicher Schatz und unergründlicher Abgrund eben dieser Gaben, und da sie nie dem Fluch unterworfen war, wurde sie mit ihrem Sohn ewigen Preises würdig. Deswegen durfte sie aus dem Munde der vom Gottesgeist erleuchteten Elisabeth die Worte vernehmen: Gebenedeit bist du unter den Weibern, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes[8].

533 So sind denn die Aussprüche der heiligen Väter über Maria nicht bloß zahlreich, sondern auch einstimmig. Die glorwürdigste Jungfrau, an der Gott in seiner Macht Großes getan hat[9], besitzt Gottes Gnaden und Gaben und die Unschuld in einer solch leuchtenden Fülle, daß sie dadurch gleichsam selber zu einem unaussprechlichen Wunder Gottes oder viel mehr zum Gipfelpunkt aller Wundertaten Gottes geworden ist, wie es sich eben für die Mutter Gottes geziemte. So steht sie Gott am nächsten, soweit dies überhaupt einem geschaffenen Wesen möglich ist, und ihre Würde kann weder ein Lob aus Menschen-, noch aus Engelsmund erreichen. Das ist auch der Grund, warum die Väter Maria auf jede erdenkliche Weise noch höher stellen als Eva, selbst wenn wir diese in ihrem Zustand der Jungfräulichkeit und der unversehrten Unschuld betrachten, als sie noch nicht von den todbringenden Nachstellungen der betrügerischen Schlange hintergangen war. Eva hörte leider auf die Schlange, verlor ihre ursprüngliche Unschuld und wurde die Sklavin der Schlange, während die allerseligste Jungfrau gerade dieses ursprüngliche Geschenk Gottes noch bereicherte, indem sie der Schlange kein Gehör gab und deren Macht mit Gewalt durch göttliche Kraft vollends zu Fall brachte.

534 Deshalb werden die Väter der Kirche nicht müde, die Gottesgebärerin zu nennen: die Lilie unter den Dornen, die ganz Unberührte, Jungfräuliche, Unbefleckte, Makellose, die immer Gesegnete; sie nennen sie das von aller Ansteckung der Sünde freigebliebene Erdreich, aus dem der neue Adam gebildet wurde; sie nennen sie das untadelhafte, helleuchtende, liebliche Paradies der Unschuld, der Unsterblichkeit und Wonne, das Gott selbst gepflanzt und gegen alle Nachstellungen der giftigen Schlange verteidigt hat; sie heißen sie das unverwesliche Holz, das der Sünde Wurm nie benagte, den stets ungetrübten Born, besiegelt durch die Kraft des Heiligen Geistes, den Tempel Gottes, den Schatz der Unsterblichkeit, die einzige Tochter des Lebens und nicht des Todes und des göttlichen Zornes, sondern die Knospe der Gnade, die immer grünt und, behütet von der Vorsehung Gottes, aufsproßt gegen alle bisher geltenden Gesetze und Gewohnheiten aus einer verdorbenen und von der Sünde angesteckten Wurzel.

535 Doch als wären diese schon an sich überschwenglichen Lobeserhebungen noch ungenügend, erklärten die heiligen Väter in neuen, ganz bestimmten Wendungen, daß dort, wo von der Sünde die Rede ist, dies auf Maria nicht zutreffe, weil gerade ihr, um die Sünde allseits zu besiegen, größere Gnade mitgeteilt worden sei. Daher bekannten sie, Maria sei die Wiederherstellerin unserer Stammeltern, die Lebensspenderin für deren Nachkommen; der Allerhöchste habe sie von Anfang an auserwählt und sie sich vorbereitet, als er zur Schlange sprach: Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau[10]. Und zweifellos hat ja Maria der Schlange das giftige Haupt zertreten. Und so sagen wiederum die heiligen Väter, daß die allerseligste Jungfrau durch die Gnade von aller Sündenmakel rein bewahrt geblieben sei, frei von aller Ansteckung des Leibes, der Seele und des Verstandes, immer mit Gott vereint, durch ein ewiges Bündnis mit ihm verbunden, niemals in der Finsternis, sondern immer im Lichte; dadurch aber wurde sie zu einer würdigen Wohnung für Christus, nicht so sehr wegen der Beschaffenheit ihres Leibes, als vielmehr wegen dieser einzigartigen Gnade ihres Ursprungs.

Dazu kommen dann noch die herrlichen Aussprüche der Väter, mit denen sie Zeugnis von der Empfängnis der heiligen Jungfrau ablegen, so wenn sie sagen, daß bei Maria die Natur vor der Gnade gewichen sei. Die Natur habe in ihrem Unvermögen voranzuschreiten gleichsam furchtsam stillgehalten; denn es war ja bestimmt, daß die jungfräuliche Gottesmutter nicht eher von Anna empfangen wurde, als bis die Gnade ihre Frucht gebracht hatte; sollte doch die Erstgeborene empfangen werden, die selber wieder den Erstgeborenen der ganzen Schöpfung empfangen sollte.

536 Weiterhin bezeugen die Väter, daß Maria, obwohl sie dem Leibe nach von Adam stammte, doch die Sünde Adams nicht mitangenommen habe; in dieser Hinsicht sei Maria das von Gott selbst erschaffene Zelt, das vom Heiligen Geiste gebildet und aus Purpur gearbeitet sei; ein neuer Beseleel habe es bunt und mit Gold durchwirkt verfertigt, und so sei sie wirklich die, als die wir sie feiern, Gottes eigenstes und erstes Werk, das von den brennenden Pfeilen des Bösen nicht erreicht worden sei. Schön von Natur und von aller Makel frei, wie die Morgenröte in ihrem vollkommenen Glanze, so sei Maria in ihrer Unbefleckten Empfängnis in der Welt erschienen. Denn es geziemte sich nicht, daß jenes Gefäß der AuserwähIung an dem sonst allen Menschen gemeinsamen Übel Anteil hatte; von den übrigen weit verschieden, habe sie wohl an ihrer Natur, nicht aber an ihrer Schuld teilgenommen. Im Gegenteil; es geziemte sich in jeder Weise, daß der Eingeborene, wie er im Himmel einen Vater hat, den die Seraphim dreimal heilig preisen, so auch auf Erden eine Mutter habe, die nie des Glanzes der Herrlichkeit entbehrte.

537 Somit ist es also nicht verwunderlich, daß diese Lehre so sehr Verstand und Herz unserer Vorfahren ergriff, daß sie in einzigartiger Weise zu Worten und Ausdrücken greifen, die häufig die Gottesmutter gerade als die Unbefleckte feiern, als die Unschuldige und Unschuldigste, die Makellose und gänzlich Makellose, die Heilige und die von aller Unreinheit der Sünde vollkommen Freie, die ganz Reine und ganz Unversehrte, als die Wesensgestalt sozusagen der Schönheit und Unschuld selbst. Sie nennen Maria schöner als die Heiligkeit, die allein Heilige, die ganz Reine an Seele und Leib, die, welche alle Unschuld und Jungfräulichkeit übertroffen hat, die allein ganz die Wohnung aller Gnaden des Heiligen Geistes geworden ist, die Gott allein aufgenommen hat, die über allen steht, die von Natur aus schöner, vollendeter und heiliger ist als selbst die Cherubim und Seraphim und das ganze Heer der Engel, die zu preisen die Zungen des Himmels und der Erde keineswegs genügen. Diese Ausdrucksweisen sind, wie hinlänglich bekannt sein dürfte, sogar in die heilige Liturgie und in die kirchlichen Tagzeiten wie von selbst eingegangen. An vielen Stellen finden wir sie da, ja diese sind sogar vorherrschend. Die Gottesmutter wird darin angerufen und gepriesen als die einzige, unversehrte Taube der Schönheit, als die immer blühende, gänzlich reine, stets unbefleckte und immer selige Rose; sie wird gepriesen als die Unschuld selber, die niemals verletzt wurde, als die zweite Eva, die den Emmanuel gebar.

538 Kein Wunder, wenn die Hirten der Kirche und das gläubige Volk die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis der jungfräulichen Gottesmutter mit immer größerer Frömmigkeit, Verehrung und Liebe auszeichnen. Ist doch diese Lehre nach dem Urteil der Väter in den heiligen Schriften niedergelegt und in so vielen wichtigen Zeugnissen von diesen überliefert; in vielen herrlichen Denkmälern der verehrungswürdigen Vergangenheit kommt sie zum Ausdruck, und zudem hat sie durch das höchste und gewichtigste Urteil der Kirche ihre Verkündigung und Bestätigung erfahren. Hirten und Herde rühmen sich, daß ihnen nichts angenehmer und lieber wäre, als mit tiefster Inbrunst die ohne Erbsünde empfangene jungfräuliche Gottesmutter überall zu verehren, anzurufen und zu preisen. Deshalb haben schon in früheren Zeiten Bischöfe, Priester, Ordensgenossenschaften und sogar Kaiser und Könige den Apostolischen Stuhl gebeten, die Unbefleckte Empfängnis der allerseligsten Gottesmutter als Glaubenssatz zu erklären. Diese Bitten wurden auch in der Gegenwart wiederholt, und sie wurden besonders Unserem Vorgänger Gregor XVI. seligen Angedenkens und Uns selbst von Bischöfen, von Weltpriestern, von Ordensgenossenschaften, von hochstehenden Fürsten und vom gläubigen Volke vorgetragen.

539 Dies alles wußten Wir sehr wohl und erwogen es ernstlich, und es machte Unserem Herzen besondere Freude. Sobald Wir also ohne Unser Verdienst nach dem unerforschlichen Ratschluß der göttlichen Vorsehung auf diesen erhabenen Lehrstuhl des heiligen Petrus erhoben wurden und das Steuer der ganzen Kirche übernahmen, betrachteten Wir es als Unsere heiligste Pflicht, entsprechend Unserer großen, von früher Kindheit an gehegten Verehrung, Andacht und Liebe zur allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria, alles durchzuführen, was die Kirche wünscht, damit die Ehre der allerseligsten Jungfrau vermehrt werde und deren Vorzüge in noch hellerem Lichte erglänzen.

Zur reiferen Prüfung dieser ganzen Angelegenheit haben Wir eine besondere Kongregation aus Unseren ehrwürdigen Brüdern, den Kardinälen der heiligen Römischen Kirche, bestellt. Neben diesen durch Religiosität, Klugheit und Wissen in göttlichen Dingen hervorragenden Männern haben Wir aus dem Welt- und Ordensklerus in der Theologie bewanderte Männer ausgewählt, damit sie alles, was die Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau betrifft, reiflich erwägen und Uns ihre Ansicht darüber mitteilen. Obwohl Uns auf Grund der erhaltenen Gesuche um die endgültige Entscheidung der Lehre von der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau die Ansicht der meisten Oberhirten schon bekannt war, so sandten Wir trotzdem am 2. Februar 1849 von Gaëta aus ein Rundschreiben an alle ehrwürdigen Brüder, die kirchlichen Oberhirten der ganzen katholischen Welt, mit der Aufforderung, sie sollten nach Anrufung des Beistandes Gottes Uns schriftlich kundtun, wie die Andacht ihrer Gläubigen zur Unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter beschaffen sei und was besonders sie selber, die Oberhirten, von einer solchen Entscheidung hielten und ob sie ihnen erwünscht sei, damit Wir so auf eine möglichst feierliche Weise Unser letztes Urteil darüber fällen könnten[11].

540 Es erfüllte Uns mit nicht geringem Trost, als Wir die Antwortschreiben Unserer ehrwürdigen Brüder erhielten. Denn diese Antworten zeugten von ihrer ungemeinen Freude und einer Uns völlig zustimmenden Gesinnung. Sie bestätigten nicht bloß neuerdings ihren eigenen Andachtseifer für die Unbefleckte Empfängnis der allerseligsten Jungfrau, sowie den ihrer Geistlichkeit und ihres gläubigen Volkes, sondern sie richteten einstimmig an Uns die Bitte, die Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau durch unsere höchste Autorität und Unseren Schiedsspruch zu definieren. Von ebenso großer Freude wurden Wir erfüllt, als Unsere ehrwürdigen Brüder, die Kardinäle der heiligen Römischen Kirche, die Mitglieder der erwähnten besonderen Kongregation und die obengenannten zur Beratung gewählten Theologen mit gleichem Eifer nach dem Abschluß ihrer sorgsamen Untersuchung Uns um die Definierung der Lehre von der Unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter baten.

541 Folgend nun dem erlauchten Beispiel Unserer Vorgänger und von dem Wunsch beseelt, mit Sicherheit und so, wie es recht ist, vorzugehen, hielten Wir ein Konsistorium ab. Hier richteten Wir eine Rede an Unsere ehrwürdigen Brüder, die Kardinäle der heiligen Römischen Kirche, und vernahmen zu Unserer großen Befriedigung aus ihrem Munde den Wunsch, die Unbefleckte Empfängnis der jungfräulichen Gottesmutter von Uns dogmatisch definiert zu sehen[12]. So sind Wir denn der festen Überzeugung im Herrn, daß jetzt der günstigste Zeitpunkt gekommen ist, die Unbefleckte Empfängnis der allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria als Glaubenssatz zu verkünden; durch die Aussprüche der Heiligen Schrift, die ehrwürdige Überlieferung, die ständige Überzeugung der Kirche, die einzigartige Übereinstimung der katholischen Bischöfe und der Gläubigen, die feierlichen Entscheidungen und Verordnungen Unserer Vorgänger wird sie ja in ganz wunderbarer Weise beleuchtet und erklärt. Nach reiflicher Überlegung all dieser Dinge und nach langen, heißen Gebeten zu Gott glauben Wir auf keinen Fall länger zögern zu dürfen, kraft Unserer höchsten Lehrvollmacht die Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau als Glaubenssatz zu erklären und so den frommen Wünschen der katholischen Welt und Unserer eigenen Zuneigung zur allerseligsten Jungfrau entgegenzukommen und zugleich mit ihr ihren eingeborenen Sohn, unsern Herrn Jesus Christus, mehr und mehr zu ehren; denn auf den Sohn geht über, was der Mutter an Ehre und Lob erwiesen wird.

542 Nachdem Wir also ohne Unterlaß in Demut und mit Fasten Unsere persönlichen und auch die gemeinsamen Gebete der Kirche Gott dem Vater durch seinen Sohn dargebracht haben, auf daß er durch den Heiligen Geist Unseren Sinn leite und stärke, nachdem Wir auch den ganzen himmlischen Hof um seine Hilfe angefleht und inständigst den Heiligen Geist angerufen haben, erklären, verkünden und entscheiden Wir nun unter dem Beistand des Heiligen Geistes zur Ehre der heiligen und ungeteilten Dreifaltigkeit, zum Ruhme und zur Verherrlichung der jungfräulichen Gottesmutter, zur Auszeichnung des katholischen Glaubens und zur Förderung der christlichen Religion, kraft der Autorität Unseres Herrn Jesus Christus, der heiligen Apostel Petrus und Paulus und Unserer eigenen:

Die Lehre, daß die allerseligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis auf Grund einer besonderen Gnade und Auszeichnung vonseiten des allmächtigen Gottes im Hinblick auf die Verdienste Jesu Christi, des Erlösers der ganzen Menschheit, von jeder Makel der Erbsünde bewahrt blieb, ist von Gott geoffenbart und muß deshalb von allen Gläubigen fest und unabänderlich geglaubt werden.

Wenn also jemand, was Gott verhüten wolle, anders, als von Uns entschieden ist, im Herzen zu denken wagt, der soll wissen und wohI bedenken, daß er sich selbst das Urteil gesprochen hat, daß er im Glauben Schiffbruch erlitten hat und von der Einheit der Kirche abgefallen ist.

Alle diese verfallen außerdem durch ihre Tat schon den vom kirchlichen Rechte bestimmten Strafen, wenn sie das, was sie im Herzen sinnen, mündlich oder schriftlich oder auf was immer für eine Weise nach außen hin zur Kenntnis zu geben wagen.

543 So ist denn von Freude Unser Herz erfüllt und voll von Jubel Unsere Zunge. Wir sagen jetzt und immerdar Unserem Herrn Jesus Christus den demütigsten und höchsten Dank, daß er entgegen Unseren Verdiensten Uns die Gnade verliehen hat, diese Ehre, diesen Ruhm und diesen Lobpreis seiner heiligsten Mutter darzubringen und zu beschließen. Auf sie setzen wir Unsere ganze Hoffnung und Unser vollstes Vertrauen. Ist sie doch ganz schön und ohne Makel; sie hat das giftige Haupt der grausamen Schlange zertreten und der Welt das Heil gebracht; sie ist der Ruhm der Propheten und Apostel, die Ehre der Blutzeugen, die Freude und Krone der Heiligen, die sicherste Zuflucht und treue Helferin aller Gefährdeten des ganzen Erdkreises, die mächtige Mittlerin und Versöhnerin bei ihrem eingeborenen Sohne, der herrlichste Schmuck, die Zierde der heiligen Kirche und ihre unüberwindliche Schutzwehr; sie hat stets alle Irrlehren vernichtet und die gläubigen Völker und Nationen den größten Drangsalen entrissen und Uns selbst aus so manchen drohenden Gefahren befreit. Und so erwarten Wir denn von ihr, sie werde durch ihre mächtige Fürbitte bewirken, daß unsere heilige Mutter, die Kirche, nach Beseitigung aller Hindernisse, nach Überwindung aller Irrtümer unter allen Völkern und an allen Orten von Tag zu Tag an Kraft gewinne, blühe und herrsche von Meer zu Meer, vom großen Strom bis zu den Grenzen des Erdenrundes[13], daß sie des Friedens, der Ruhe und der Freiheit sich erfreue. Wir erwarten, daß sie den Schuldigen Verzeihung, den Kranken Heil, den Kleinmütigen Starkmut, den Betrübten Trost, den Gefährdeten Hilfe bringe und alle Irrenden nach Aufhellung der Finsternis des Geistes auf den Pfad der Wahrheit und Gerechtigkeit zurückführe, auf daß ein Hirt und eine Herde werde[14].

544 Diese Unsere Worte sollen vernehmen die Uns so teuern Söhne der katholischen Kirche; sie sollen fortfahren mit stets glühenderem Eifer der Frömmigkeit, der Liebe und Hingabe die seligste Gottesgebärerin und Jungfrau Maria, die ohne Makel der Erbsünde empfangen wurde, zu verehren, anzurufen und anzuflehen; sie sollen zur süßen Mutter der Barmherzigkeit und Gnade in jeglicher Gefahr, Angst und Not ihre Zuflucht nehmen und in Zweifeln und Furcht mit allem Vertrauen sich ihr nahen. Keine Furcht und kein Zweifel braucht den zu schrecken, den sie leitet, über dem sie schwebt, dem sie gnädig ist und den sie beschützt. Zweifellos ist sie von Mutterliebe gegen uns erfüllt, sie sorgt für unser Heil und ist für das ganze Menschengeschlecht besorgt. Sie ist gesetzt vom Herrn als Königin des Himmels und der Erde, über alle Chöre der Engel erhaben und über alle Heiligen und steht zur Rechten ihres eingeborenen Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus. Wenn sie ihn mit ihren mütterlichen Bitten bestürmt, so hat sie Erfolg; sie findet, was sie von ihm zu erlangen sucht, und ihre Wünsche bleiben nicht unerfüllt.

545 Damit endlich die ganze Kirche zur Kenntnis dieser Unserer Definition über die Unbefleckte Empfängnis der allerseligsten Jungfrau gelange, so verordnen Wir, daß dieses Unser apostolisches Schreiben zum ewigen Gedächtnis aufbewahrt werde. Wir befehlen ferner, daß den abgeschriebenen oder gedruckten Exemplaren, die von einem öffentlichen Notar unterzeichnet und mit dem Siegel einer in kirchlichen Würden stehenden Person versehen sind, von allen jene Glaubwürdigkeit beigemessen wird, die man dem Original selbst beimessen würde, falls es zur Einsichtnahme dargeboten oder vorgelesen würde.

Niemandem sei es also gestattet, die Urkunde dieser Erklärung, Unseres Entscheides und Unserer Definition zu verletzen, noch sich ihr mit vermessenem Ansinnen zu widersetzen oder ihr entgegenzutreten. Wer sich aber erkühnen sollte, solches zu versuchen, der wisse, daß er den Zorn des Allmächtigen und seiner Apostel Petrus und Paulus auf sich ladet.

Gegeben zu Rom bei St. Peter im Jahr der Menschwerdung des Herrn 1854, am 8. Dezember, im 9. Jahre Unseres Pontifikates.

PAPST PlUS IX.


[1] Tob. 3,2.

[2] Weish. 8,1.

[3] Alexander VII., Konst. Sollicitudo, 8. Dezember 1661, BR XVI 739.

[4] Alexander VII, Konst. Sollicitudo, 8. Dezember 1661, BR XVI 740f.

[5] Vgl. Konzil von Trient, Sess. V., 17. Juni 1546, Denzinger Nr.792.

[6] Gen. 3,15.

[7] Luk. 1,28.

[8] Luk. 1,42.

[9] Luk. 1,49.

[10] Gen. 3,15.

[11] Vgl. Pius IX., Rundschreiben Ubi primum, 2. Februar 1849. Pii IX Acta, pars la, vol. I, p. 162. Typ. Bonarum Artium.

[12] Vgl. Pius IX., Ansprache Inter graves beim geheimen Konsistorium vom 1. Dez. 1854. Acta, Pars la, vol. I, p. 594. Typ. Bonarum Artium.

[13] Ps. 71,8.

[14] Joh. 10,16.

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Quelle

Benedikt XVI. zum Hochfest der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau und Gottesmutter Maria – 2005

EUCHARISTIEFEIER ANLÄSSLICH DES 40. JAHRESTAGES DES
ABSCHLUSSES DES II. ÖKUMENISCHEN VATIKANISCHEN KONZILS

PREDIGT VON BENEDIKT XVI.

Hochfest der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau und Gottesmutter Maria
Donnerstag, 8. Dezember 2005

Liebe Mitbrüder im Bischofs- und Priesteramt,
liebe Brüder und Schwestern!

Vor 40 Jahren, am 8. Dezember 1965, vollzog Papst Paul VI. auf dem Vorplatz dieser Petersbasilika den feierlichen Abschluß des II. Vatikanischen Konzils. Es war nach dem Wunsch von Johannes XXIII. am 11. Oktober 1962, damals Fest der Mutterschaft Mariens, eröffnet worden und fand seinen Abschluß am Tag der Unbefleckten Empfängnis. Ein marianischer Rahmen umgibt also das Konzil. Tatsächlich ist es aber viel mehr als ein Rahmen: Es ist eine Orientierung für den ganzen Verlauf des Konzils. Ebenso wie seinerzeit die Konzilsväter verweist es auch uns auf das Bild der Jungfrau, die zuhört, die im Wort Gottes lebt, die die Worte, die von Gott zu ihr gelangen, in ihrem Herzen bewahrt und die sie begreifen lernt, indem sie sie gleichsam zu einem Mosaik zusammenfügt (vgl. Lk 2,19.51); es verweist uns auf die große Glaubende, die sich demütig und vertrauensvoll in die Hände Gottes übergibt, indem sie sich seinem Willen überläßt; es verweist uns auf die demütige Mutter, die, wenn es die Sendung des Sohnes verlangt, in den Hintergrund tritt, und zugleich auf die mutige Frau, die unter dem Kreuz steht, während die Jünger die Flucht ergreifen. In seiner Ansprache anläßlich der Promulgation der Konzilskonstitution über die Kirche hatte Paul VI. Maria als »tutrix huius Concilii« – »Beschützerin dieses Konzils« – bezeichnet (vgl. Oecumenicum Concilium Vaticanum II, Constitutiones Decreta Declarationes, Vatikanstadt 1966, S. 986) und mit unverkennbarer Bezugnahme auf den von Lukas überlieferten Pfingstbericht (Apg 1,12–14) gesagt, die Konzilsväter hätten sich »cum Maria, Matre Iesu« – »mit Maria, der Mutter Jesu« – in der Konzilsaula versammelt und würden nun auch in ihrem Namen aus ihr hinausgehen (ebd., S. 985).

Unauslöschlich bleibt in meinem Gedächtnis der Augenblick, in dem sich die Konzilsväter, als sie seine Worte hörten: »Mariam Sanctissimam declaramus Matrem Ecclesiae« – »Wir erklären die seligste Jungfrau Maria zur Mutter der Kirche« –, spontan von ihren Sitzen erhoben und stehend applaudierten und auf diese Weise der Gottesmutter, unserer Mutter, der Mutter der Kirche huldigten. In der Tat faßte der Papst mit diesem Titel die marianische Lehre des Konzils zusammen und bot den Schlüssel zu deren Verständnis. Maria steht nicht nur in einer einzigartigen Beziehung zu Christus, dem Sohn Gottes, der als Mensch ihr Sohn werden wollte. Indem sie vollkommen mit Christus verbunden ist, gehört sie auch vollkommen zu uns. Ja, wir können sagen, Maria ist uns so nahe wie kein anderer Mensch, weil Christus Mensch für die Menschen ist und sein ganzes Sein ein »Sein für uns« ist. Christus als Haupt ist, wie die Konzilsväter sagen, nicht von seinem Leib, der Kirche, zu trennen; er bildet zusammen mit ihr sozusagen ein einziges lebendiges Subjekt. Die Mutter des Hauptes ist auch die Mutter der ganzen Kirche; sie wird sozusagen sich selbst vollkommen entzogen; sie gibt sich ganz Christus hin und wird mit ihm uns allen geschenkt. Denn je mehr sich die menschliche Person hingibt, um so mehr findet sie sich selbst.

Das Konzil wollte uns sagen: Maria ist so in das große Geheimnis der Kirche eingewoben, daß sie und die Kirche ebenso wenig voneinander zu trennen sind wie sie und Christus. Maria ist Spiegelbild der Kirche, sie nimmt sie in ihrer Person vorweg und bleibt in allen Turbulenzen, die die leidende und sich abmühende Kirche heimsuchen, immer der Stern des Heils. Sie ist ihre wahre Mitte, der wir vertrauen, auch wenn uns ihre Randbereiche so oft schwer auf der Seele lasten. Dies alles hat Papst Paul VI. bei der Verkündigung der Konstitution über die Kirche mittels eines neuen, tief in der Überlieferung verwurzelten Titels in der Absicht herausgestellt, die innere Struktur der auf dem Konzil entwickelten Lehre über die Kirche zu erhellen. Das II. Vaticanum sollte über die institutionellen Glieder der Kirche sprechen: über die Bischöfe und über den Papst, über die Priester, die Laien und die Ordensleute in ihrer Gemeinschaft und in ihren Beziehungen zueinander; es sollte die pilgernde Kirche beschreiben, »die in ihrem eigenen Schoß Sünder umfaßt; die zugleich heilig und stets der Reinigung bedürftig ist…« (Lumen gentium, 8). Aber diese »petrinische« Dimension der Kirche ist in jener »marianischen« Dimension enthalten. In Maria, der unbefleckt Empfangenen, begegnen wir dem unentstellten Wesen der Kirche. Von ihr sollen wir lernen, selber zu »kirchlichen Seelen« zu werden, wie sich die Konzilsväter ausdrückten, damit auch wir, nach dem Wort des hl. Paulus, »schuldlos« vor den Herrn treten können, so wie er uns von Anfang an haben wollte (vgl. Kol 1,22; Eph 1,4).

Aber nun müssen wir uns fragen: Was bedeutet »Maria, die unbefleckt Empfangene«? Hat uns dieser Titel etwas zu sagen? Die Liturgie des heutigen Tages erklärt uns den Inhalt dieses Wortes in zwei großartigen Bildern. Da ist zuerst der wundervolle Bericht von der Ankündigung des Kommens des Messias an Maria, die Jungfrau aus Nazaret. Der Gruß des Engels ist aus Fäden des Alten Testaments, besonders aus dem Buch des Propheten Zefanja, gewoben. Er zeigt, daß Maria, die einfache Frau aus der Provinz, die aus einem priesterlichen Geschlecht stammt und das große priesterliche Erbe Israels in sich trägt, der »heilige Rest« Israels ist, auf den sich die Propheten zu allen Zeiten der Drangsal und Finsternis bezogen haben. In ihr ist das wahre, das reine Zion, die lebendige Wohnstatt Gottes, gegenwärtig. In ihr wohnt der Herr, in ihr findet er seinen Ort der Ruhe. Sie ist das lebendige Haus Gottes, der nicht in steinernen Häusern wohnt, sondern im Herzen des lebendigen Menschen. Sie ist der Sproß, der in der dunklen Winternacht der Geschichte aus dem Baumstumpf Davids hervorsprießt. In ihr erfüllt sich das Psalmwort: »Das Land gab seinen Ertrag« (Ps 67,7). Sie ist der junge Trieb, aus dem der Baum der Erlösung und der Erlösten heranwächst. Gott ist nicht gescheitert, wie es gleich am Anfang der Geschichte mit Adam und Eva oder während des Babylonischen Exils vielleicht scheinen mochte und wie es sich zur Zeit Mariens neuerlich abzuzeichnen schien, als Israel zu einem bedeutungslosen Volk in einem besetzten Land geworden war, wo kaum Zeichen seiner Heiligkeit zu erkennen waren. Gott ist nicht gescheitert. In der Schlichtheit des Hauses von Nazaret lebt das heilige Israel, der lautere Rest. Gott hat sein Volk gerettet und rettet es auch weiterhin. Seine Geschichte beginnt von neuem zu leuchten von dem Baumstumpf aus, der zu einer neuen lebendigen Kraft wird, die Orientierung gibt und die Welt durchdringt. Maria ist das heilige Israel; sie sagt »Ja« zum Herrn, sie stellt sich ihm voll zur Verfügung und wird so zum lebendigen Tempel Gottes.

Das zweite Bild ist viel schwieriger und dunkler. Diese Metapher aus dem Buch Genesis spricht zu uns aus einer großen historischen Distanz und läßt sich nur mühsam erklären; erst im Laufe der Geschichte war es möglich, ein tieferes Erfassen des dort Berichteten zu entwickeln. Es wird vorausgesagt, daß während der ganzen Geschichte der Kampf zwischen dem Menschen und der Schlange, das heißt zwischen dem Menschen und den Mächten des Bösen und des Todes, weitergehen wird. Es wird jedoch auch vorhergesagt, daß »die Nachkommenschaft« der Frau eines Tages siegen und der Schlange, dem Tod, den Kopf zertreten wird; es wird vorhergesagt, daß die Nachkommenschaft der Frau – und in ihr die Frau und Mutter – siegen wird und daß auf diese Weise, nämlich durch den Menschen, Gott siegen wird. Wenn wir zusammen mit der glaubenden und betenden Kirche hörend an diesen Text herangehen, dann können wir beginnen zu verstehen, was die Ursünde, die Erbsünde ist, und auch, was der Schutz vor dieser Erbsünde ist, was die Erlösung ist.

Was für ein Bild wird uns in diesem Abschnitt vor Augen geführt? Der Mensch vertraut nicht auf Gott. Von den Worten der Schlange verführt, hegt er den Verdacht, daß Gott letzten Endes ihm etwas von seinem Leben wegnehme, daß Gott ein Konkurrent sei, der unsere Freiheit einschränke, und daß wir erst dann im Vollsinn Menschen sein würden, wenn wir Gott zurückgesetzt haben; kurz, daß wir nur auf diese Weise unsere Freiheit voll verwirklichen können. Der Mensch lebt in dem Verdacht, die Liebe Gottes erzeuge eine Abhängigkeit und er müsse sich von dieser Abhängigkeit befreien, um vollkommen er selbst zu sein. Der Mensch will seine Existenz und die Fülle seines Lebens nicht von Gott empfangen. Er will selber vom Baum der Erkenntnis die Macht dazu erlangen, die Welt zu formen, Gott zu werden, indem er sich auf eine Stufe mit Ihm erhebt, und den Tod und die Finsternis mit eigener Kraft zu besiegen. Er will nicht auf die Liebe zählen, die ihm nicht zuverlässig erscheint; er zählt einzig und allein auf die Erkenntnis, da sie ihm die Macht verleiht. Anstatt auf die Liebe setzt er auf die Macht, mit der er sein Leben selbständig in die Hand nehmen möchte. Und indem er das tut, vertraut er der Lüge statt der Wahrheit und stürzt so mit seinem Leben ins Leere, in den Tod. Liebe ist nicht Abhängigkeit, sondern Geschenk, das uns leben läßt. Die Freiheit eines Menschen ist die Freiheit eines begrenzten Wesens und ist daher selbst begrenzt. Wir können sie nur als geteilte Freiheit, in der Gemeinschaft der Freiheiten, besitzen: Nur wenn wir in rechter Weise miteinander und füreinander leben, kann sich die Freiheit entfalten. Aber wir leben in rechter Weise, wenn wir gemäß der Wahrheit unseres Seins, das heißt nach dem Willen Gottes leben. Denn der Wille Gottes ist für den Menschen nicht ein ihm von außen auferlegtes Gesetz, das ihn einengt, sondern das seiner Natur wesenseigene Maß, ein Maß, das in ihn eingeschrieben ist und ihn zum Abbild Gottes und somit zum freien Geschöpf macht. Wenn wir gegen die Liebe und gegen die Wahrheit – also gegen Gott – leben, zerstören wir uns gegenseitig und zerstören die Welt. Dann finden wir nicht das Leben, sondern handeln im Interesse des Todes. Das alles wird mit den unvergänglichen Bildern in der Geschichte vom Sündenfall und von der Vertreibung des Menschen aus dem irdischen Paradies erzählt.

Liebe Brüder und Schwestern! Wenn wir über uns und über unsere Geschichte aufrichtig nachdenken, müssen wir sagen, daß mit diesem Bericht nicht nur die Geschichte des Anfangs, sondern die Geschichte aller Zeiten beschrieben wird und daß wir alle einen Tropfen des Giftes von jener Denkweise in uns tragen, wie sie in den Bildern aus dem Buch Genesis veranschaulicht wird. Diesen Gifttropfen nennen wir Erbsünde. Gerade am Hochfest der Unbefleckten Empfängnis taucht in uns der Verdacht auf, daß eine Person, die gar nicht sündigt, im Grunde genommen langweilig sei; daß etwas in ihrem Leben fehle, nämlich die dramatische Dimension, autonom zu sein; daß die Freiheit, nein zu sagen, hinabzusteigen in die Dunkelheiten der Sünde und des Selber-machen-Wollens zum wahren Menschsein gehöre; daß man nur dann die ganze Weite und Tiefe unseres Menschseins, des wahren Wir-selbst-Seins bis zum Letzten ausnützen könne; daß wir diese Freiheit auch gegen Gott auf die Probe stellen müssen, um wirklich voll und ganz wir selbst zu werden. Mit einem Wort, wir meinen, daß das Böse im Grunde genommen gut sei, daß wir es, zumindest ein wenig, brauchen, um die Fülle des Seins zu erleben. Wir meinen, daß Mephistopheles – der Versucher – Recht habe, wenn er sagt, daß er die Kraft sei, die »stets das Böse will und stets das Gute schafft« (J. W. von Goethe, Faust I, 3). Wir meinen, ein wenig mit dem Bösen zu paktieren, sich ein wenig Freiheit gegen Gott vorzubehalten, sei im Grunde genommen gut, vielleicht sogar notwendig.

Wenn wir uns allerdings die Welt um uns herum anschauen, können wir sehen, daß es sich eben nicht so verhält; daß vielmehr das Böse den Menschen immer vergiftet, ihn nicht erhöht, sondern ihn erniedrigt und demütigt, ihn nicht größer, reiner und reicher macht, sondern ihm schadet und ihn kleiner werden läßt. Das müssen wir vor allem am Tag der Unbefleckt Empfangenen lernen: Der Mensch, der sich vollkommen in die Hände Gottes übergibt, wird keine Marionette Gottes, keine langweilige, angepaßte Person; er verliert seine Freiheit nicht. Nur der Mensch, der sich ganz Gott anvertraut, findet die wahre Freiheit, die große und schöpferische Weite der Freiheit des Guten. Der Mensch, der sich zu Gott hinwendet, wird nicht kleiner, sondern größer, denn durch Gott und zusammen mit Ihm wird er groß, wird er göttlich, wird er wirklich er selbst. Der Mensch, der sich in die Hände Gottes übergibt, entfernt sich nicht von den anderen, indem er sich in sein privates Heil zurückzieht; im Gegenteil, nur dann erwacht sein Herz wirklich und er wird zu einer einfühlsamen und daher wohlwollenden und offenen Person.

Je näher der Mensch Gott ist, desto näher ist er den Menschen. Das sehen wir an Maria. Der Umstand, daß sie ganz bei Gott ist, ist der Grund dafür, daß sie auch den Menschen so nahe ist. Deshalb kann sie die Mutter jeden Trostes und jeder Hilfe sein: Jeder kann es in seiner Schwachheit und Sünde wagen, sich in jeder Art von Not an diese Mutter zu wenden, denn sie hat Verständnis für alles und ist die für alle offene Kraft der schöpferischen Güte. Ihr hat Gott sein Bild aufgeprägt, das Bild dessen, der dem verlorenen Schaf bis in die Berge und bis in die Stacheln und Dornen der Sünden dieser Welt nachgeht, indem er sich von der Dornenkrone dieser Sünden verwunden läßt, um das Schaf auf seine Schultern zu nehmen und es nach Hause zu tragen. Als Mutter, die mitleidet, ist Maria die vorweggenommene Gestalt und das bleibende Bildnis des Sohnes. Und so sehen wir, daß auch das Bild der Schmerzensmutter, der Mutter, die das Leiden und die Liebe des Sohnes teilt, ein wahres Bild der Immaculata ist. Ihr Herz hat sich durch das Mit-Gott-Leben und Mit-Gott-Fühlen geweitet. In ihr ist uns Gottes Güte sehr nahe gekommen. So steht Maria vor uns als Zeichen des Trostes, der Ermutigung und der Hoffnung. Sie wendet sich an uns und sagt: »Hab’ Mut, es mit Gott zu wagen! Versuche es! Hab’ keine Angst vor Ihm! Hab’ Mut, das Wagnis des Glaubens einzugehen! Hab’ Mut, dich auf das Wagnis der Güte einzulassen! Laß dich für Gott gewinnen, dann wirst du sehen, daß gerade dadurch dein Leben weit und hell wird, nicht langweilig, sondern voll unendlicher Überraschungen, denn Gottes unendliche Güte erschöpft sich niemals!«

Wir wollen an diesem Festtag dem Herrn danken für das große Zeichen seiner Güte, das er uns in Maria, seiner Mutter und der Mutter der Kirche, geschenkt hat. Wir wollen ihn bitten, Maria auf unserem Weg Raum zu geben – als Licht, das uns hilft, unsererseits zum Licht zu werden und dieses Licht in die Nächte der Geschichte hineinzutragen. Amen.

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Der hl. Petrus Canisius: Die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel

Die leibliche Aufnahme Mariä
in den Himmel.*

1. Alle Menschen streben nach Glückseligkeit, den Christen aber ist es eigen, nicht bloß auf die Glückseligkeit der Seele zu hoffen, sondern auch auf die ihres Leibes, um auch auf diese Weise ihrem Haupte Christus gleichförmig zu werden. Der heilige Paulus verlangt aufgelöst zu werden und mit Christus zu sein, aber nicht bloß dies, sondern er erwartete den Erlöser, der seinen Leib gleichförmig machen werde dem Leibe seiner Herrlichkeit und er seufzte darnach, es möge das, was an ihm sterblich war, umgewandelt werden in Unsterblichkeit (Phil. 12. Kor. 5). So wird gewiß auch Maria immer darnach verlangt haben und sie um so mehr, weil sie aus dem vertrauten Umgang mit dem auferstandenen Sohn die Herrlichkeit eines verklärten Leibes kannte und weil sie gestützt auf ihre innige Verbindung mit ihrem Sohne großes Vertrauen auf Gott hatte, bat sie vor ihrem Tode Gott oft und inständig, daß sie bald mit Leib und Seele dorthin komme, wo ihr Sohn ist; der Heilige Geist wird ihr dieses Verlangen ins Herz gegeben haben, denn er ist es ja, der mit unaussprechlichen Seufzern in uns betet.

2. Die Kirche glaubt, daß Maria nebst vielen andern Privilegien auch dieses von Gott erhielt, daß ihr Leib nach ihrem Tode auferweckt und mit Unsterblichkeit bekleidet wurde. So erlangte also Maria auch die Seligkeit des Leibes und herrscht nun im himmlischen Reiche mit Leib und Seele. So lehren Antoninus von Florenz1, Thomas von Aquin2, der Fürst aller Kirchenlehrer, Albertus der Große3, der sagt, daß nicht bloß Maria sondern auch andere, die mit Christus von den Toten auferstanden, mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurden. Ebenso Bonaventura4 und Durandus. Letzterer sagt: „Zu Staub werden ist die allgemeine Strafe der Erbsünde und besteht darin, daß die menschliche Natur sich selbst überlassen wird, denn in diesem Falle muß der Leib von selbst zu Staub werden. Bei Maria aber wurde eine Ausnahme gemacht, weil Christi Leib auch nicht der Verwesung anheimfiel nach dem Worte des Propheten im Ps. 15: ‚Du wirst deinen Heiligen die Verwesung nicht schauen lassen‘, sein Leib ist aber aus dem Leibe der Jungfrau genommen, dieser durfte mithin auch nicht verwesen.“5 Auch Richard von St. Victor6 lehrt so. Bernhard7 aber beschreibt die Freude aller Himmelsbewohner, die sie hatten, als sie die Stimme Marias hörten, ihr Antlitz schauten, ihre Gegenwart genießen konnten, also glaubte er an ihre leibliche Auferstehung. Ebenso Augustin: „Christus, der sie auf Erden mehr als alle andern liebte durch Verleihung von Gnaden, ehrte sie auch nach dem Tode mehr als alle andern, indem er sie nicht den Würmern, dem Staub und der Fäulnis überließ, sie, die den geboren hat, der ihr und aller Menschen Erlöser ist.8 Amadeus: „Weil sie Christus mehr liebte als alle andern, deswegen sieht sie ihn auch besser, sieht ihn nicht bloß als Gott mit den Augen des Geistes, sondern auch als Menschen mit den Augen des Leibes.“9 Nicephorus: „Sie wurde zwar begraben, aber dann ins Paradies versetzt als Baum des Lebens. Wie, das weiß Gott, der dies getan.“10 Michael Glykas: „Sie war den allgemeinen Gesetzen der Natur unterworfen, starb und wurde begraben, ist aber dann lebendig vom Grabe auferstanden wie Christus; nur die Linnen, in denen sie begraben wurde, fanden sich vor.“11 Andreas von Jerusalem, Erzbischof von Kreta: „Weil sie den Urheber des Lebens geboren hat, wurde sie auch dorthin versetzt, wo die Quelle des ewigen Lebens war, wo nichts flüchtig und vorübergehend ist, wo es keine Beschwerden und Leiden dieses Lebens, keinen unangenehmen Wechsel der Dinge mehr gibt.“12 Der hl. Germanus, Patriarch von Konstantinopel: „Der Leib der Jungfrau wurde von den Toten auferweckt und wurde ganz geistig, unsterblich, unverweslich. Es ist ein menschlicher Leib, aber ein solcher, der zum unsterblichen Leben gelangte, absolut voll Leben, der nicht mehr sterben kann, denn er war das Gefäß, das Gott enthielt.“13Johannes Damascenus bezeugt, „sie sei am dritten Tage auferstanden und zu ihrem Sohne aufgenommen worden. Als Tochter der alten Eva ist sie zwar gestorben, wie auch Christus, obwohl das Leben selber, den Tod nicht von sich gewiesen hat, allein weil Mutter des lebendigen Gottes, wurde  sie zu ihm aufgenommen.“14 Seine Predigt über Marias Aufnahme in den Himmel nahm die Kirche in das Brevier des Festes auf. Juvenal, Erzbischof von Jersalem, ist ein gewichtigerer Zeuge als alle andern, weil er in allem, was die Kirche von Jerusalem betrifft, durchaus glaubwürdig ist. Vor dem Kaiser Marcian und der Kaiserin Pulcheria erklärte er auf dem Konzil von Chalcedon, er wisse es aus der langjährigen und wahrhaften Überlieferung der Vorfahren, daß die Apostel drei Tage beim Grabe der Mutter Gottes blieben und als sie es aufmachten, sei ihr Leib nicht mehr dort gewesen, sondern nur die Leintücher, ebenso wie es bei der Auferstehung Christi war.15 Kaiser Leo bezeugte auch dasselbe in einer Rede.16 Alle diese bezeugen die Auferstehung und die Aufnahme Mariä in den Himmel dem Leibe nach. Athanasius sagt, „Maria sitze zur Rechten ihres Sohnes, des ewigen Königs, im Himmel und zwar auch leiblich, nämlich mit unsterblichem und unverweslichem Leibe. Sie ist also bereits selig im Himmel nicht bloß der Seele nach, sondern auch im Leibe und herrscht dort mit Christus. Das sei gemeint unter dem Kleide der Königin, die zu seiner Rechten sitzt, nämlich ihr Leib angetan mit Unsterblichkeit, Unverweslichkeit Glanz und Herrlichkeit.“17

Die griechische Kirche singt schon seit Jahrhunderten am Feste der Himmelfahrt Mariä: „Die Heerscharen der Engel schützten den Leib der Jungfrau mit ihren Flügeln und trugen ihn in den Himmel als die lebendige Bundeslade des Herrn.“ Wie hätte aber die griechische Kirche dieses Fest unter so großem Zulauf des Volkes und mit solchen Gebeten und Gesängen feiern können, wenn ihr Glaube nicht in der Überlieferung der vorausgegangenen Jahrhunderte begründet gewesen wäre?

Die lateinische Kirche betet: Assumpta est Maria…: Aufgenommen ist Maria in den Himmel, es freuen sich die Engel und lobpreisen Gott“ und wieder: „Maria Virgo assumpta est…: Die Jungfrau Maria ist aufgenommen zum himmlischen Brautgemach, in welchem der König der Könige auf dem Throne sitzt, den die Sterne bilden“ und „Exaltata est…: Erhöht wurde die heilige Gottesgebärerin über alle Chöre der Engel in die himmlischen Gefilde.“ Schon in der Liturgie des heiligen Ambrosius finden wir dieses Fest. Von jeher wurde dieses Fest das Fest der assumptio genannt und wurde nur von ihr aber von keinem andern Heiligen gefeiert. Es bedeutet also die leibliche Aufnahme Mariä, denn die der Seele nach kommt allen Heiligen zu. Wir verehren aber nicht die ascensio, die Himmelfahrt, sondern nur die assumptio, die Aufnahme, weil nur Christus aus eigener Kraft aus dem Grabe stieg, Maria aber nur kraft der Gnade ihres Sohnes. Diese Anschauung, daß Maria mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurde, ist also schon Jahrhunderte alt und sitzt den Gläubigen so tief im Herzen, daß man jene, die dieses leugnen, gar nicht hören will und sie fürverwegene Streiter, ja eher für Ketzer als für Katholiken hält. Sogar einige von den Führern der Protestanten zur Zeit Luthers glaubten daran, hatten wenigstens nichts dagegen einzuwenden. Die Worte des königlichen Propheten: „Erhebe dich, o Herr, du und die Lade deiner Heiligkeit“ (Ps. 131) wenden die Väter auf die Auferstehung und Himmelfahrt Christi und seiner Mutter an; ebenso die Worte: „Es stand die Königin zu deiner Rechten“ usw. (Ps. 44) und verstehen unter diesem königlichen Kleid den verklärten Leib Marias. Was alle Gerechten erst bei der allgemeinen Auferstehung erhalten werden, das erhielt der König und die Königin des Himmels gleich nach ihrem Tode, damit die Himmlischen alle die leibliche Gegenwart beider genießen, bewundern und betrachten können.

3. Das göttliche Gesetz lehrt: „Ehre deinen Vater und deine Mutter.“ Wenn nun irgendein Sohn, dann hat Christus dieses Gebot gegen Maria aufs genaueste erfüllt, als sie noch auf Erden lebte; er ehrte sie noch besonders bei seinem Tode, also gewiß auch nach ihrem Tode, indem er ihren Leib vor der Verwesung bewahrte und ihm Unsterblichkeit verlieh.

In ihrem Leibe wurde er empfangen und bei seiner Geburt verletzte er ihre Jungfräulichkeit nicht, verdarb sie nicht, also ehrte er diesen Leib auch nach dem Tode durch eine ganz besondere Gnade, indem er ihren Leib nicht der Fäulnis überließ. Allerdings ist dies ein gewöhnliches, natürliches Ereignis, „aber das Fleisch Mariä ist ausgenommen, weil es das Fleisch Jesu ist“, sagt Augustin.18 Ihr Leib war zu gut für diese Erde, nur der Himmel war seiner würdig. Der Fluch, der über die erste Eva erging, lautete: ‚Ich will vermehren deine Leiden und deine Empfängnisse, in Schmerzen sollst du Kinder gebären und unter der Herrschaft des Mannes sein.‘ „Aber Christus nahm Maria aus von allen diesen Folgen der Erbsünde, von diesen allgemein geltenden Strafen, denn sie empfing von keinem Mann, sondern vom Heiligen Geist und blieb Jungfrau in der Geburt. Dies verdiente sie sich durch ihre ganz einzige Heiligkeit und durch ihre Gnadenfülle. So mußte es sein bei der Mutter eines Gottmenschen; sie gebar auch ohne alle Schmerzen. Also wird sie Christus auch vom andern Fluch bewahrt haben: ‚Staub bist du und zu Staub sollst du wieder werden.‘ Er ließ also ihren Leib nicht Staub werden, nicht der Verwesung anheimfallen. Dies geziemte sich für einen solchen Sohn, denn Jesus kann alles. Er sagte von sich: ‚Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden.‘ Wenn er sie also als Jungfrau unversehrt bewahren sollte, warum sollte er sie nicht auch vor Fäulnis und Verwesung bewahren?“19

Daß jener heiligste Leib, aus dem Christus sein Fleisch, die menschliche Natur annahm und mit seiner göttlichen Natur vereinigte, der Leib, in welchem also das Wort Fleisch, das heißtGott Mensch wurde, den Würmern zum Fraße hingegeben worden sei, das zu denken getraue ich mich nicht, das auszusprechen fürchte ich mich. Um dies zu behaupten, müßte jemand entweder Christi Macht oder Christi Liebe zu Maria leugnen wollen. Die Schrift sagt von Henoch, er sei der Erde entrückt worden und Elias im feurigen Wagen gegen Himmel geführt worden (Eccli. 44 u. 48); sie sind also nicht gestorben, sind von Gott nur aus der Welt hinweggenommen worden und führen irgendwo ein Leben ohne Leid, ohne Fehl, ohne Beschwerde; sie bewahren ihr Leben durch göttliche Kraft. Warum sollen wir also bei Maria zweifeln, daß, wenn sie auch gestorben ist, durch göttliche Kraft wieder zum Leben kam?

Maria muß man alles zuerkennen, was irgend einem Freund und Diener Gottes zuteil wurde. Nun berichtet aber Matthäus, es seien beim Tode Jesu die Leiber vieler Heiligen, die gestorben waren, aus dem Grabe auferstanden und die Auferstandenen seien in die Stadt Jerusalem gegangen und dort vielen Bewohnern lebendig erschienen (Mat. 27). Alle diese wurden gewiß mit Christus, als er zum Himmel auffuhr, in den Himmel aufgenommen, denn es wäre doch verwegen zu sagen, sie seien wieder zu Staub geworden; es lehren auch viele Theologen20, sie seien nicht mehr gestorben. Christus wollte nämlich, daß sie Zeugen seiner Auferstehung, aber auch Herolde und Genossen derselben seien. Sie wären aber keine wahren Zeugen, wenn sie nicht wirklich auferstanden wären. Gott tat dies zur größeren Ehre Christi, der sie auferweckte: damit sie nämlich noch bessere Zeugen Christi des Auferstandenen seien, machte er sie Christo dem Erstgeborenen unter den Toten gleichförmig. Zum Beispiel David wird auch unter diesen sein, weil Petrus (Apostelgesch. 2) von ihm nur bemerkt, sein Grab sei hier bei ihnen, er wagt nicht zu sagen, auch sein Leib. Sein Grab war leer, wie das der Mutter Gottes. Warum sollte nun dies nicht auch von Maria gelten, da Gott doch nichts unmöglich ist? Die drei Jünglinge im Feuerofen bewahrte Gott auch unversehrt, so daß nicht bloß ihr Körper vom Feuer nicht angegriffen wurde, sondern nicht einmal ihre Kleider, und der Prophet Jonas war im Bauche des Fisches und wurde dann unversehrt von ihm ans Land gespien und Daniel, der Prophet, wurde von den grimmigen Löwen nicht aufgefressen, alles durch Gottes Allmacht. Also konnte er auch den Leib Marias wunderbar erhalten. Und hat er schon bei jenen so große Wunder gewirkt, dann um so mehr bei Maria, seiner Mutter. Wie also Maria bei ihrer Entstehung und bei der Geburt Jesu vom allgemeinen Fluche der Menschheit durch ein ganz besonderes Privileg Gottes ausgenommen war, so auch bei ihrem glücklichen Hinscheiden. Gott gefiel es, bald nach der Trennung der Seele vom Leibe diesen zu einem herrlichen und unsterblichen Leben aufzuerwecken, mit der Seele wieder zu vereinigen und den mit der Seele wieder verbundenen Leib zu den himmlischen Wohnungen zu übertragen. Dies beweist Augustin mit vielen Gründen21, dies bekennt die ganze Kirche, dies legt der fromme Glaube von selbst nahe.

4. Wenn einige Väter22 sich scheinbar abweisend oder zweifelhaft über die leibliche Aufnahme Mariä in den Himmel ausdrücken, so wollen sie eigentlich nur verschiedeneunechte Bücher zurückweisen, die damals über das Hinscheiden Mariä geschrieben wurden und die manche Ungereimtheiten enthielten, wogegen sich die Väter scharf aussprechen. Sie sagen aber auch ausdrücklich, daß auch zu ihrer Zeit viele an die leibliche Aufnahme Mariä in den Himmel glauben und daß die, welche daran glauben, sagen, man finde den Leib des Apostels Johannes und Mariä nirgends. Sie bemerken auch, daß ja auch viele andere bei der Auferstehung Christi auferstanden seien und Gott nichts unmöglich sei, sie auch nichts dagegen hätten. Nur wollten sie die leibliche Aufnahme nicht ausdrücklich behaupten, weil zu ihrer Zeit dies noch nicht so klar erkannt wurde. Diese Väter heißen deswegen dieses Fest nicht assumpio Mariae: Aufnahme Mariä, sondern dormitio: Entschlafung oder dormitatio, weil sie nicht sicher waren, ob ihr Leib im Grabe blieb oder in den Himmel aufgenommen wurde. Solche Zweifel bestanden zur Zeit des heiligen Sophronius und Hieronymus. Wir aber erkennen jetzt dies klar und deutlich, unsere Glaubensvorfahren haben uns dies teils schriftlich, teils mündlich überliefert. Zweifelhafte Worte von Vätern müssen immer anders taxiert werden als Behauptungen, die sie aufstellen. Augustin, einer der größten Kirchenlehrer, erklärt es für ganz sicher, daß Maria mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurde. Er sagt: „Gott machte Maria sich freuen an Leib und Seele, und zwar unaussprechlich sich freuen an ihrem eigenen Sohn, mit ihrem eigenen Sohn und durch ihren eigenen Sohn. Sie blieb immer ungeschwächt und unversehrt, weil er sie mit Gnade ganz erfüllte; sie war vollkommen lebendig, weil sie das vollständige und vollkommene Leben aller gebar.“23 Die Kirche hat in der Vergangenheit über die leibliche Aufnahme Mariä in den Himmel nichts Bestimmtes zu glauben vorgeschrieben, weil die Apostel und Väter der nachfolgenden Jahrhunderte damit beschäftigt waren, die Grundlagen des wahren Glaubens in der Welt zu legen und deshalb lehrten und schärften sie die Himmelfahrt Christi, nicht Mariä, allen Gläubigen ein. Auch vieles andere, was in späteren Jahrhunderten nützlicherweise geglaubt wurde und geglaubt wird, haben sie noch nicht ausdrücklich berührtoder wenigstens nicht zu glauben vorgeschrieben. Die Kirche ging wie die Morgenröte auf und benimmt sich verschieden je nach Personen und Zeiten, wobei aber das Glaubensgut, das Christus und die Apostel ihr übergaben, natürlich immer vollständig und unversehrt bewahrt bleibt und das Fundament von allem ist, was man in der Kirche glaubt. Es gibt nämlich drei Gattungen von Wahrheiten in der Kirche: Solche, die ausdrücklich als Glaubenswahrheiten erklärt sind, von denen niemand ohne Gottlosigkeit abweichen darf. Andere, die gewiß sind kraft langjjährigen Glaubens der Gläubigen und Gebrauches der Kirche; ihnen zu widersprechen, wären Vermessenheit. Endlich gibt es Wahrheiten, die ebenfalls im öffentlichen Kult der Kirche enthaltensind, aber so, daß sie nur als frommer und wahrscheinlicher Glaube gelten. Diese werden immer um so wahrscheinlicher, je mehr Theologen sie verteidigen und je größer die Zustimmung der Gläubigen wird. Zu dieser dritten Klasse gehört die Wahrheit von der leiblichen Aufnahme Mariä in den Himmel. Denn viele ausgezeichnete Lehrer in der Kirche halten daran fest, der ganze christliche Erdkreis glaubt dies und zwar mit wunderbarer Übereinstimmung, der öffentliche Gottesdienst lehrt dasselbe und alle Rechtgläuigen sind davon überzeugt.

b) Aber es steht nichts davon in der Heiligen Schrift, könnte jemand sagen. Ich antworte: Nicht alles, was wahr ist, steht in der Heiligen Schrift, nicht alle Glaubens- und Sittenwahrheiten. Auch Augustin sagt, wo er von der Himmelfahrt Mariä spricht: „Auch vieles andere ist nicht ausdrücklich in der Heiligen Schrift enthalten. Vieles haben die heiligen Schriften uns selbst überlassen, zu finden, es aus den Aussprüchen der Heiligen Schrift zu schließen und wenn man es gefunden hat, sind dies keine unnützen, überflüssigen Dinge. Vieles ist in der Heiligen Schrift übergangen, was aber zu glauben seine guten Gründe hat.“24 Solche Einwürfe machen nur die Ketzer.25 Wie die Arianer sich immer auf die Heilige Schrift beriefen, so auch die Lutheraner. Und wie schon gesagt, wenn auch einige heilige Väter in den ersten Jahrhunderten daran zweifelten, so steht die Sache doch heute so, daß wir schon viel gewisser darüber sind, kühner sie verteidigen und offen gegen jene protestieren können, die sie leugnen wollen, mehr als dies in den ersten Jahrhunderten des Christentums möglich war. Die Kirche wächst mit den Jahrhunderten an Weisheit unter dem Einfluß des Heiligen Geistes, der ihr heiliger Führer ist, der sie lenkt und erzieht, denn aus den späteren Konzilien und der größeren Übereinstimmung der Theologen empfängt sie auch größeres Licht über die Wahrheiten und zeigt sie dann auch auf. Von andern Heiligen feiert man in der Kirche keine assumpio (Aufnahme), sondern nur ihren Todestag als Namenstag; nur bei Christus und Maria sagt man, sie hätten das Privileg ihrer leiblichen Aufnahme in den Himmel; von Christus sagt es das Evangelium, von Maria die Kirche. Die von Maria dieses leugnen, verstoßen zwar nicht gegen die Worte der Heiligen Schift, aber non sapiunt ad sobrietatem, sie sind nicht weise, sie widersprechen den gefeiertsten und besten Kichenvätern, entfernen sich nicht ohne Gefahr vom allgemeinen Glauben und vom Bekenntnis der Guten, das bereits die Kraft eines Gesetzes erlangt hat und vermindern die Ehre der würdigsten Junfrau.

 

Anmerkung: Der hl. Petrus Kanius verfaßte diesen Text um 1560, also lange vor der Dogmatisierung der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel. Seit dieser Dogmatisierung (1950) ist es keinem Glied der katholischen Kirche ohne schwere Verfehlung mehr erlaubt, an dieser Wahrheit zu zweifeln.

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Siehe auch: