Premier Szydło: Lehren aus dem Besuch des Papstes in Polen

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Premier und Papst: Beata Szydło und Franziskus

Auch nach dem Besuch von Papst Franziskus scheint die Regierung Polens keinen Anlass zur Änderung ihrer Flüchtlingspolitik zu sehen. Das Migrationsproblem müsse außerhalb der Europäischen Union gelöst werden, sagte Ministerpräsidentin Beata Szydło am späten Sonntagabend in Krakau. Bei einer Pressekonferenz zum Abschluss des 31. Weltjugendtages rief sie zugleich dazu auf, die Äußerungen des Papstes bei seinem fünftägigen Aufenthalt nun zu analysieren.

Gegenüber Radio Vatikan betonte Szydło anschließend, das Thema der Migranten sei wichtig und schmerzlich, jedoch ein nicht einfach zu lösendes Problem: „Der Heilige Vater lehrt uns, uns den Notleidenden gegenüber zu öffnen“, so Szydło. „Wir müssen also versuchen, es auf die bestmögliche Weise zu tun, um es zu ermöglichen, dass diejenigen, die sich heute in Not befinden unsere Hilfe erhalten können.“ Dabei gehe es um Menschen, deren Leben bedroht ist, weil sie aus Ländern kommen, in denen Krieg herrsche, gleichzeitig müsse die Politik Sicherheit garantieren, um zu verhindern, dass diese Situation ausgenutzt werde, etwa von Terroristen. „Ich denke, dass der Papst uns eine große Lehre hinterlassen hat, die noch für lange Zeit weiter vertieft werden muss: Worte und Ideen, die sehr wichtig für uns bleiben.“

Vor Repräsentanten von Politik und Gesellschaft Polens hatte Franziskus am Mittwoch „Solidarität gegenüber denen, die ihrer Grundrechte beraubt sind, darunter des Rechtes, in Freiheit und Sicherheit den eigenen Glauben zu bekennen“ gefordert. Beim Kreuzweg am Freitag im Błonia-Park hatte der Papst ausdrücklich die syrischen Teilnehmer am Weltjugendtag gegrüßt.

Wert der Familie

Szydło hatte bei der allgemeinen Pressekonferenz betont, ihre Regierung engagiere sich bereits sehr stark für Menschen, die Hilfe bräuchten, unter anderem im Mittleren Osten, und werde die humanitäre Hilfe im kommenden Jahr noch verstärken. Am Mikrofon von Radio Vatikan ging sie besonders ausführlich auf den Schutz der traditionellen Familie ein, der ihrer Regierung wie auch Papst Franziskus ein großes Anliegen sei:

„Die Tatsache, dass Papst Franziskus immer wieder den Wert der Familie betont, ist wunderbar, denn in unserer heutigen Welt ist dieser Wert der traditionellen Familie, die also auf Werten gründet, etwas verloren gegangen.“ Statistiken zeigten, betonte Szydło, dass in Polen derzeit wieder mehr Hochzeiten geschlossen würden, sowie weniger Scheidungen eingereicht würden, als das in vorher gehenden Statistiken der Fall gewesen sei. „Das freut uns sehr, denn für meine Regierung und mich persönlich ist das sehr wichtig. Ich freue mich, dass der Heilige Vater darüber besonders zu den jungen Leuten gesprochen hat, die sich an der Schwelle zum Erwachsensein befinden und sicherlich darüber nachdenken müssen, eine Familie zu gründen.“

Auschwitz/Birkenau

Besonders berührt sei sie vom Besuch des Papstes in Auschwitz-Birkenau gewesen, ging Szydło im Interview noch auf einzelne Stationen der Papstreise ein. Sie selbst sei gebürtig aus Oświęcim, so dass sie von klein auf mit dem Grauen der Konzentrations- und Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten in Berührung gekommen sei. „Ich habe Personen kennengelernt, die Zeugen dieser Geschichte sind – oder besser, ich kenne sie“, erzält sie. „Ich war in Auschitz-Birkenau auch anlässlich der Besuche der anderen beiden Päpste, und nun für den von Papst Franziskus. Jedes Mal handelte es sich um eine andere Art, diese Geschichte wieder zu leben, aber es war immer ein sehr berührender Moment.“

 

(rv 02.08.2016 cs)

Schlüsselworte für die Europäische Union: Kreativität und Fruchtbarkeit

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Apostolische Reise von Papst Franziskus nach Armenien

Auf dem Rückflug von Jerewan nach Rom fand die übliche Pressekonferenz mit dem Heiligen Vater und den mitreisenden Journalisten statt. Pater Lombardi, der Pressesprecher des Heiligen Stuhls, sagte als Einleitung:

Heiliger Vater, danke, dass Sie am Ende dieser ziemlich kurzen aber sehr intensiven Reise hier sind. Es war uns eine Freude, Sie zu begleiten, und jetzt möchten wir Ihnen wie gewöhnlich noch ein paar Fragen stellen, indem wir von Ihrer Liebenswürdigkeit profitieren. Wir haben eine Liste von denen, die ihre Wortmeldung vorgemerkt haben, und wir können wie üblich mit den Kollegen aus Armenien beginnen, weil wir ihnen den Vortritt lassen. Der erste ist Arthur Grygorian vom öffentlichen armenischen Fernsehen.

Papst Franziskus: Guten Abend! Ich danke Ihnen sehr für Ihre Hilfe auf dieser Reise und für all Ihre Arbeit, die den Menschen gut tut: Dinge gut vermitteln, das bedeutet gute Nachrichten, und gute Nachrichten tun immer gut. Vielen Dank!

(Arthur Grygorian, auf Englisch)
Heiliger Vater, es ist bekannt, dass Sie armenische Freunde haben. Sie hatten bereits Kontakte zu den armenischen Gemeinden in Argentinien. In den letzten drei Tagen sind Sie schließlich sozusagen in unmittelbare Berührung mit dem armenischen Geist gekommen. Was sind Ihre Gefühle, Ihre Eindrücke, und was ist Ihre Botschaft für die Zukunft, was sind Ihre Gebete für uns Armenier?

Papst Franziskus: Gut, denken wir an die Zukunft und kommen dann zur Vergangenheit. Ich wünsche diesem Volk Gerechtigkeit und Frieden. Und ich bete dafür, denn es ist ein mutiges Volk. Und ich bete, dass es Gerechtigkeit und Frieden finden möge. Ich weiß, dass viele dafür arbeiten. Und ich war in der vergangenen Woche auch sehr froh, als ich ein Foto von Präsident Putin und den beiden Präsidenten von Armenien und Aserbaidschan gesehen habe: Sie sprechen wenigstens miteinander. Und auch mit der Türkei: Der Präsident der [armenischen] Republik hat in seiner Willkommensrede deutlich gesprochen. Er hat den Mut gehabt zu sagen: »Einigen wir uns, vergeben wir einander und blicken wir in die Zukunft.« Das ist sehr mutig! Ein Volk, das so sehr gelitten hat! Das Bild des armenischen Volkes – und dieser Gedanke kam mir heute, als ich ein wenig betete – ist ein steinhartes Leben und eine mütterliche Zärtlichkeit. Es hat Kreuze getragen, aber Kreuze aus Stein – man sieht sie auch [die charakteristischen Steinkreuze, die sogenannten »Chatschkar«] – doch es hat nicht die Zärtlichkeit verloren, die Kunst, die Musik, jene so schwer zu verstehenden Vierteltöne, und das mit großer Genialität… Ein Volk, das in seiner Geschichte so sehr gelitten hat, und allein der Glaube, der Glaube hat es aufrechterhalten. Denn die bloße Tatsache, dass es die erste christliche Nation war, reicht nicht aus; es war die erste christliche Nation, weil der Herr es gesegnet hat, weil es die Heiligen gehabt hat, heilige Bischöfe, Märtyrer… Und darum hat sich in seinem Durchhaltevermögen diese – sagen wir – »Haut aus Stein« gebildet; doch es hat nicht die Zärtlichkeit eines mütterlichen Herzens verloren. Und Armenien ist auch Mutter.

Soweit zur zweiten Frage, und jetzt kommen wir zur ersten: Ja, ich hatte viele Kontakte zu Armeniern, ich ging oft zu ihnen in die Messe; viele armenische Freunde. Es gibt etwas, das ich gewöhnlich nicht gerne zur Entspannung tue, aber zu ihnen ging ich zum Abendessen – und ihr bereitet schwer verdauliche Abendessen! Aber ich bin sehr, sehr befreundet sowohl mit Erzbischof Kissag Mouradian von der Apostolischen Kirche als auch mit dem katholischen Bischof Boghossian. Aber wichtiger als die Zugehörigkeit zur Apostolischen oder zur Katholischen Kirche ist für euch das »Armenier-Sein«, und das habe ich in jenen Zeiten begriffen. Heute hat mich ein Argentinier armenischer Herkunft begrüßt, den der Erzbischof, wenn ich zur Messe kam, immer neben mich setzte, damit er mir einige Zeremonien oder einige Worte erklärte, die ich nicht verstand.

(Pater Lombardi)
Vielen Dank, Heiliger Vater. Jetzt erteilen wir das Wort einer anderen Vertreterin Armeniens, Frau Jeanine Paloulian von Nouvelles d’Arménie.

(Jeanine Paloulian, auf Französisch)
Danke, Heiliger Vater. Gestern Abend haben Sie bei dem ökumenischen Gebetstreffen die Jugendlichen aufgefordert, Urheber der Versöhnung mit der Türkei und mit Aserbaidschan zu sein. Ich möchte Sie einfach fragen – da Sie ja in einigen Wochen nach Aserbaidschan reisen –: Was können Sie, was kann der Heilige Stuhl konkret tun, um uns zu helfen, voranzukommen? Was sind die konkreten Zeichen – in Armenien haben Sie solche gesetzt –, welches sind die Zeichen, die Sie morgen in Aserbaidschan setzen werden?

Papst Franziskus: Ich werde zu den Aserbaidschanern von der Wahrheit sprechen, von dem, was ich gesehen habe, von dem, was ich empfinde. Und ich werde auch sie ermutigen. Ich hatte eine Begegnung mit dem aserbaidschanischen Präsidenten und habe mit ihm gesprochen. Und ich werde auch sagen, dass es eine dunkle Angelegenheit ist, wegen eines Stückchen Landes – denn es ist ja nicht viel – keinen Frieden zu schließen… Aber das sage ich beiden: den Armeniern und den Aserbaidschanern. Vielleicht einigen sie sich nicht über die Modalitäten des Friedenschlusses, und daran muss man eben arbeiten. Aber darüber hinaus weiß ich nichts zu sagen. Ich werde das sagen, was mir zum gegebenen Moment spontan kommt, aber immer im Positiven und im Bemühen, Lösungen zu finden, die gangbar sind, die weiterführen.

(Pater Lombardi)
Vielen Dank. Und jetzt geben wir das Wort an Jean-Louis de la Vaissière von France Presse. Ich glaube, es ist die letzte Reise, die er mit uns macht. So sind wir froh, ihm das Wort zu erteilen.

(Jean-Louis de la Vaissière)
Heiliger Vater, vor allem möchte ich Ihnen – auch im Namen von Sébastien Maillard von La Croix – danken. Wir werden Rom verlassen und möchten von Herzen danken für diesen Frühlingshauch, der über die Kirche weht. Und dann habe ich eine Frage: Warum haben Sie entschieden, in ihrer Ansprache im Präsidentenpalast offen das Wort »Völkermord« hinzuzufügen? Bei einem schmerzlichen Thema wie diesem – meinen Sie, dass es dienlich ist für den Frieden in dieser komplizierten Region?

S09_obre Papst Franziskus: Danke. Wenn in Argentinien von der Vernichtung der Armenier die Rede war, wurde immer das Wort »Völkermord« verwendet. Ich kannte kein anderes. Und in der Kathedrale von Buenos Aires haben wir auf den dritten Altar auf der linken Seite ein steinernes Kreuz gestellt als Erinnerung an den »armenischen Völkermord«. Es sind die beiden armenischen Bischöfe gekommen – der katholische und der apostolische – und haben es eingeweiht. Außerdem hat der apostolische Erzbischof in der katholischen Bartholomäus-Kirche einen Altar zu Ehren des heiligen Bartholomäus (des Glaubensboten Armeniens) errichtet. Doch von jeher kannte ich kein anderes Wort. Ich komme mit diesem Wort. Als ich nach Rom kam, hörte ich diese andere Bezeichnung – »das große Übel« oder »die schreckliche Tragödie«, [Metz Yeghern], die ich in Armenisch nicht aussprechen kann. Und man sagt mir, dass die Bezeichnung »Völkermord« beleidigend ist und dass man die andere gebrauchen muss.

Ich habe immer von den drei Völkermorden des vergangenen Jahrhunderts gesprochen – immer drei. Der erste war der armenische; dann der von Hitler und zuletzt der von Stalin. Diese drei. Es gibt weitere, kleinere. Einen anderen gab es in Afrika [Ruanda]. Aber im Bereich der beiden großen Kriege sind es diese drei. Und ich habe nach dem Warum gefragt. Die einen sagen: »Manche sind der Meinung, dass es nicht wahr ist, dass es keinen Völkermord gegeben hat.« Ein anderer sagte mir – es war ein Rechtsanwalt, der mir das sagte, und ich fand das sehr interessant : »Das Wort Völkermord ist ein terminus technicus und kein Synonym für Vernichtung. Man kann von Vernichtung sprechen, aber wenn wir sie zum Völkermord erklären, zieht das Wiedergutmachungs-Aktionen und Ähnliches nach sich.« Das hat mir ein Rechtsanwalt gesagt. Als ich im vergangenen Jahr die Ansprache vorbereitete [für die Feier am 12. April 2015 in Rom], habe ich gesehen, dass der heilige Johannes Paul II. das Wort gebraucht hat – er hat beide gebraucht: »das große Übel« und »Völkermord« – und ich habe das mit Anführungszeichen zitiert. Und es ist nicht gut gegangen: Die türkische Regierung hat eine Erklärung abgegeben, und bald darauf hat die Türkei den Botschafter nach Ankara zurückgerufen – einen tüchtigen Mann; die Türkei hatte uns einen »Luxus«-Botschafter gesandt – vor zwei oder drei Monaten ist er zurückgekehrt… Das war ein »diplomatisches Fasten«… Doch sie hat das Recht: das Recht, zu protestieren, haben wir alle. Und in dieser Ansprache [in Armenien] stand anfangs dieses Wort nicht, das stimmt, und ich antworte, warum ich es hinzugefügt habe: Nachdem ich den Stil der Rede des Präsidenten gehört hatte, hätte es – auch angesichts meines früheren Umgangs mit diesem Wort und nachdem ich es im vergangenen Jahr in St. Peter öffentlich gebraucht hatte – zumindest sehr merkwürdig geklungen, jetzt nicht dasselbe zu sagen. Doch dort wollte ich etwas anderes unterstreichen, und ich glaube – wenn ich nicht irre – dass ich gesagt habe: »Bei diesem Völkermord wie bei den anderen beiden haben die großen Weltmächte weggeschaut.« Und das war die Anklage. Im Zweiten Weltkrieg hatten einige Mächte die Fotos von den Eisenbahnlinien, die nach Auschwitz führten: Sie hätten die Möglichkeit gehabt, zu bombardieren, und sie haben es nicht getan. Das ist ein Beispiel.

Im Zusammenhang des Ersten Krieges, in dem es das Problem der Armenier gab, und in Zusammenhang des Zweiten Krieges, in dem es das Problem von Hitler und Stalin gab, und nach Jalta die Lager und all das… und niemand sagte etwas? Man muss das unterstreichen und die historische Frage stellen: Warum habt ihr das nicht getan, ihr Mächte? Ich klage nicht an, ich stelle eine Frage. Es ist interessant: Man schaute sehr wohl auf den Krieg, auf viele Dinge, aber jenes Volk… Und ich weiß nicht, ob es wahr ist, aber ich würde gerne wissen, ob es stimmt, dass Hitler, als er so sehr die Juden verfolgte, unter anderem gesagt haben soll: »Aber wer erinnert sich heute noch an die Armenier? Tun wir dasselbe mit den Juden!« Ich weiß nicht, ob es wahr ist, vielleicht ist es ein Gerücht, aber ich habe davon gehört. Mögen die Historiker forschen und nachsehen, ob es stimmt. Ich glaube, damit habe ich [Ihre Frage] beantwortet. Aber dieses Wort habe ich niemals in beleidigender Absicht gebraucht, vielmehr im objektiven Sinn.

(Pater Lombardi)
Vielen Dank, Heiligkeit. Sie haben ein heikles Argument angesprochen, in großer Aufrichtigkeit und Tiefe. Jetzt geben wir das Wort an Elisabetta Piqué, die – wie Sie wissen – aus Argentinien ist, von La Nación.

(Elisabetta Piqué, auf Spanisch)
Zu allererst meine Gratulation für die Reise. Ich möchte Sie fragen: Wir wissen, dass Sie der Papst sind, aber es gibt auch Papst Benedikt, den emeritierten Papst. Kürzlich hat es Stimmen gegeben, eine Erklärung des Präfekten des Päpstlichen Hauses, Erzbischof Georg Gänswein, der gesagt haben soll, es gebe ein geteiltes Petrusamt – wenn ich nicht irre – mit einem aktiven und einem kontemplativen Papst. Gibt es zwei Päpste?

Papst Franziskus auf Spanisch: Es hat eine Zeit in der Kirche gegeben, da gab es drei! [er wiederholt auf Italienisch]. Zu einer gewissen Zeit gab es in der Kirche drei! Ich habe diese Erklärung nicht gelesen, denn ich hatte keine Zeit. Benedikt ist emeritierter Papst. Er hat an jenem 11. Februar, an dem er seinen Rücktritt für den 28. Februar verkündete, klar gesagt, er werde sich zurückziehen, um der Kirche mit dem Gebet zu helfen. Und Benedikt ist im Kloster und betet. Ich habe ihn viele Male besucht oder mit ihm telefoniert… Vor ein paar Tagen hat er mir einen kurzen Brief geschrieben – er unterzeichnet noch mit seiner Unterschrift – und hat mir seine Glückwünsche für diese Reise übermittelt. Und einmal – nicht einmal, sondern viele Male – habe ich gesagt, dass es eine Gnade ist, den weisen »Großvater« im Hause zu haben. Auch ihm selbst gegenüber habe ich das gesagt, und er hat gelacht. Aber für mich ist er der emeritierte Papst, der weise »Großvater, der Mann, der mir die Schultern freihält und den Rücken deckt mit seinem Gebet«. Nie werde ich jene Ansprache vergessen, die er uns Kardinälen am 28. Februar gehalten hat: »Einer von euch wird mit Sicherheit mein Nachfolger sein. Ich verspreche ihm Gehorsam.« Und er hat es getan. Später habe ich gehört – aber ich weiß nicht, ob es wahr ist; ich unterstreiche: ich habe gehört, vielleicht sind es Gerüchte, aber sie stimmen mit seinem Charakter überein – dass einige dorthin gegangen sind, um sich zu beklagen, denn »dieser neue Papst…«, und er hat sie fortgejagt! Im besten bayerischen Stil: wohlerzogen, aber er hat sie fortgejagt. Und wenn es nicht wahr ist, dann ist es gut erfunden, denn dieser Mann ist so: Er ist ein Mann, der Wort hält; ein ganz, ganz gerad­liniger Mann! Der emeritierte Papst. Außerdem – ich weiß nicht, ob Sie sich daran erinnern – habe ich Benedikt öffentlich gedankt – ich weiß nicht, wann, aber ich glaube, es war auf einem Flug – dass er die Tür geöffnet hat für emeritierte Päpste.

Vor siebzig Jahren gab es noch keine emeritierten Bischöfe, heute gibt es sie. Aber mit dieser Verlängerung des Lebens, kann man da in einem gewissen Alter mit all seinen Gebrechen die Kirche regieren oder nicht? Und er hat mit Mut – mit Mut! – und mit Gebet und auch mit Wissen, mit Theologie entschieden, diese Türe zu öffnen. Und ich glaube, dass das gut ist für die Kirche. Aber es gibt nur einen Papst. Der andere… oder vielleicht – wie für die emeritierten Bischöfe – wird es einmal, ich sage nicht viele, aber zwei oder drei geben können; sie werden Emeritierte sein. Sie sind [Papst] gewesen, [nun] sind sie Emeritierte. Übermorgen wird der 65. Jahrestag seiner Priesterweihe gefeiert. Sein Bruder Georg wird zugegen sein [sein Kommen wurde im Nachhinein nicht bestätigt], denn beide sind zusammen geweiht worden. Und es wird eine kleine Feier geben, mit den Obersten der Dikasterien und wenigen Leuten, weil er das vorzieht… Er hat zugesagt, aber sehr bescheiden; und auch ich werde dort sein. Und ich werde etwas sagen zu diesem großen Mann des Gebetes und des Mutes, der dieser emeritierte Papst – nicht der zweite Papst – ist, der seinem Wort treu ist, ein Mann Gottes. Er ist sehr intelligent, und für mich ist er der weise Großvater im Hause.

(Pater Lombardi)
Und jetzt erteilen wir Alexej Bukalov das Wort. Er ist einer unserer Dekane und – wie Sie wissen – vertritt er Itar-Tass und somit die russische Kultur unter uns.

Papst Franziskus: Haben Sie in Armenien russisch gesprochen?

(Alexej Bukalov)
Ja, mit großem Vergnügen. Ich danke Ihnen immer… Danke, Heiligkeit, danke für diese Reise, die die erste Reise auf ehemals sowjetischen Boden war. Für mich war es sehr wichtig, sie zu verfolgen… Meine Frage fällt ein wenig aus diesem Thema heraus: Ich weiß, dass Sie sehr zu diesem Panorthodoxen Konzil ermutigt haben, sogar bei dem Treffen mit Patriarch Kyrill auf Kuba ist es als Hoffnung erwähnt worden. Welches ist nun Ihr Urteil über dieses – sagen wir – Forum?

Papst Franziskus: Ein positives Urteil! Es ist ein Schritt vorwärts getan worden, nicht hundertprozentig, aber ein Schritt vorwärts. Die Dinge, die [die Abwesenheit einiger] sagen wir »gerechtfertigt« haben, sind von ihnen aus aufrichtig, es sind Dinge, die sich mit der Zeit lösen lassen. Die vier, die nicht gekommen sind, wollten es ein wenig später veranstalten. Doch ich denke, dass man den ersten Schritt halt so tut, wie man kann. Wie die Kinder; wenn sie laufen lernen, tun sie es so wie sie können: zuerst gehen sie wie die Katzen, und dann tun sie die ersten Schritte [auf zwei Beinen]. Ich bin zufrieden. Sie haben über vieles gesprochen. Ich glaube, das Ergebnis ist positiv. Die bloße Tatsache, dass diese autokephalen Kirchen sich im Namen der Orthodoxie versammelt haben, um einander in die Augen zu sehen, miteinander zu beten und zu sprechen und vielleicht irgendeinen kurzen Disput zu halten, ist äußerst positiv. Ich danke dem Herrn. Beim nächsten werden es mehr sein. Gepriesen sei der Herr!

(Pater Lombardi)
Danke, Heiligkeit. Jetzt geben wir Edward Pentin das Mikrofon, der ein wenig die englische Sprachgruppe vertritt: dieses Mal National Catholic Register.

(Edward Pentin)
Heiliger Vater, wie Johannes Paul II. scheinen Sie ein Verfechter der Europäischen Union zu sein: Sie haben das europäische Projekt gelobt, als Sie kürzlich den Karlspreis erhalten haben. Sind Sie besorgt darüber, dass Brexit zur Auflösung Europas und eventuell zum Krieg führen könnte?

Papst Franziskus: Krieg gibt es bereits in Europa! Außerdem liegt eine Atmosphäre der Spaltung in der Luft, und nicht nur in Europa, sondern in den Ländern selbst. Erinnern Sie sich an Katalonien, im vergangenen Jahr Schottland… Diese Spaltungen, ich sage nicht, dass sie gefährlich sind, aber wir müssen sie gut untersuchen, und bevor wir einen Schritt zur Trennung tun, gut miteinander reden und gangbare Lösungen suchen. Ich weiß wirklich nicht, habe mich nicht damit befasst, welches die Gründe sind, warum das Vereinte Königreich diese Entscheidung getroffen hat. Aber es gibt Entscheidungen für die Unabhängigkeit – und ich glaube, ich habe schon einmal darüber gesprochen, ich weiß nicht, wo, aber ich habe es gesagt –, die man um der Emanzipation willen trifft. So haben sich zum Beispiel alle unsere lateinamerikanischen Länder und auch die Länder Afrikas von den Königshäusern in Madrid und Lissabon emanzipiert – auch in Afrika: von Paris, London; von Amsterdam, vor allem Indonesien… Die Emanzipation ist verständlicher, weil eine Kultur dahintersteht, eine Denkweise.

Dagegen ist die Sezession eines Landes – ich spreche noch nicht vom Brexit; denken wir an Schottland – etwas, das den Namen »Balkanisierung« angenommen hat – und ich sage das, ohne zu beleidigen, indem ich das Wort gebrauche, das die Politiker gebrauchen, ohne damit etwas Negatives über die Balkanstaaten zu sagen! Es ist ein wenig eine Sezession, nicht eine Emanzipation, und dahinter liegen Geschichten, Kulturen, Miss­verständnisse; auch sehr viel guter Wille bei anderen. Das muss einem klar sein. Für mich steht die Einheit immer über dem Konflikt, immer! Aber es gibt verschiedene Formen von Einheit.

Und auch die Brüderlichkeit – und damit komme ich zur Europäischen Union – ist besser als die Feindschaft oder das Abstandnehmen. Im Vergleich zum Abstandnehmen – sagen wir – ist die Brüderlichkeit besser. Und die Brücken sind besser als die Mauern. All das muss uns zu denken geben. Es stimmt, ein Land [sagt]: »Ich bin in der Europäischen Union, aber ich möchte einige Dinge haben, die mir, meiner Kultur eigen sind…« Und der Schritt – und damit komme ich zum Karlspreis –, den die Europäische Union tun muss, um die Kraft wiederzufinden, die sie in ihren Wurzeln hatte, ist ein Schritt der Kreativität und auch einer »heilsamen Uneinigkeit«: Das heißt, den Ländern der Union mehr Unabhängigkeit, mehr Freiheit gewähren. Eine andere Form von Union erdenken, kreativ sein. Kreativ in Bezug auf die Arbeitsplätze, auf die Wirtschaft.

Es besteht heute in Europa eine »verflüssigte« Wirtschaft, die zum Beispiel in Italien dazu führt, dass die Jugend unter 25 Jahren keine Arbeit hat: vierzig Prozent! Es gibt etwas, das in dieser fülligen Union nicht geht… Doch schütten wir das Kind nicht mit dem Bade aus! Versuchen wir, die Dinge zu befreien und neu zu schaffen… Denn die Neuschaffung der menschlichen Dinge – auch unserer Persönlichkeit – ist ein Weg, der ständig zu beschreiten ist. Ein Heranwachsender ist nicht derselbe wie der Erwachsene oder der alte Mensch; er ist derselbe und doch nicht derselbe, ständig schafft er sich neu. Und das gibt ihm Leben und Lebenswillen, und es schenkt ihm Fruchtbarkeit. Und das unterstreiche ich: Heute sind die beiden Schlüsselworte für die Europäische Union Kreativität und Fruchtbarkeit. Das ist die Herausforderung. Ich weiß nicht, das ist meine Meinung.

 

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Privates Mittagessen mit dem Heiligen Vater. Hohe Würdenträger aus Armenien und der Römischen Kurie haben sich vor der Abreise nach Rom bei Tisch getroffen.

(Pater Lombardi)
Danke Heiligkeit. Jetzt erteilen wir Tilmann Kleinjung von der ARD, dem deutschen öffentlich-rechtlichen Sender, das Wort. Auch für ihn ist es, glaube ich, die letzte Reise. So sind wir froh, ihm diese Gelegenheit zu geben.

(Tilmann Kleinjung)
Ja, auch ich bin auf Abreise nach Bayern. Danke, dass ich diese Frage stellen darf. »Zu viel Bier, zu viel Wein.« Heiliger Vater, ich wollte Sie fragen: Sie haben heute von den miteinander geteilten Gaben der Kirchen gesprochen. Da Sie in vier Monaten nach Lund gehen, um des fünfhundertsten Jahrestags der Reformation zu gedenken, meine ich, dass das vielleicht auch der richtige Moment ist, um nicht nur an die Verwundungen beider Seiten zu erinnern, sondern auch die Gaben der Reform anzuerkennen und eventuell sogar – und das ist eine häretische Frage – um die Exkommunizierung Luthers aufzuheben oder zurückzuziehen bzw. ihn irgendwie zu rehabilitieren.

Papst Franziskus: Ich glaube, dass die Absichten Martin Luthers nicht falsch waren: Er war ein Reformer. Vielleicht waren einige Methoden nicht die richtigen, aber in jener Zeit… wenn wir zum Beispiel die Geschichte von Pastor lesen [vgl. Ludwig von Pastor, Geschichte der Päpste seit dem Ausgang des Mittelalters], sehen wir, dass die Kirche wirklich kein nachahmenswertes Vorbild war: Es gab Korruption in der Kirche, es gab Weltlichkeit, Anhänglichkeit ans Geld und an die Macht. Dagegen hat er protestiert. Außerdem war er intelligent; er hat einen Schritt vorwärts getan und sich für sein Tun gerechtfertigt. Und heute sind wir – Lutheraner und Katholiken, mit allen Protestanten – einig über die Rechtfertigungslehre: In diesem so wichtigen Punkt hatte er sich nicht geirrt. Er hat eine »Medizin« für die Kirche geschaffen, dann hat sich diese Medizin verfestigt in einem Stand der Dinge, in einer Disziplin, in einer Art zu glauben, in einer Art zu handeln, in einer Art der Liturgie. Aber es war nicht er allein: Da war Zwingli, da war Calvin. Und hinter ihnen, wer war da? Die Fürsten. »Cuius regio, eius religio«.

Wir müssen uns in die Geschichte jener Zeit versetzen; sie ist nicht leicht zu verstehen. Dann haben sich die Dinge weiterentwickelt. Heute besteht ein sehr guter Dialog, und dieses Dokument über die Rechtfertigung ist, meine ich, eines der reichsten und tiefsten ökumenischen Dokumente. Einverstanden? Es gibt Spaltungen, aber die hängen auch von den Kirchen ab. In Buenos Aires gab es zwei lutherische Kirchen; eine dachte in einer Weise, die andere in einer anderen. Auch in der lutherischen Kirche selbst herrscht keine Einheit. Sie respektieren einander, sie lieben sich… Die Verschiedenheit ist das, was wohl uns allen viel geschadet hat, und heute versuchen wir, den Weg wieder aufzunehmen, um uns nach fünfhundert Jahren zu begegnen. Ich glaube, wir müssen gemeinsam beten. Für dieses Anliegen ist das Gebet wichtig.

Zweitens: arbeiten für die Armen, für die Verfolgten, für so viele Leidenden, für die Flüchtlinge… gemeinsam arbeiten und gemeinsam beten. Und die Theologen sollen gemeinsam studieren und suchen… Aber das ist ein langer Weg, ein sehr langer… Einmal habe ich im Scherz gesagt: »Ich weiß, wann der Tag der vollkommenen Einheit sein wird.« – »Wann?« – »Der Tag nach der Wiederkunft des Menschensohns!« Denn man weiß es nicht… Der Heilige Geist wird diese Gnade bewirken. Doch inzwischen muss man beten, einander lieben und gemeinsam arbeiten, vor allem für die Armen, für die Menschen, die leiden, für den Frieden und vieles andere, gegen die Ausbeutung der Menschen… Viele Dinge, für die man gemeinsam an der Arbeit ist.

(Pater Lombardi)
Danke. Jetzt geben wir das Wort an Cécile Chambraud von Le Monde, die noch einmal die französische Sprachgruppe vertritt.

(Cécile Chambraud, auf Spanisch)
Heiliger Vater, vor einigen Wochen haben Sie von einer Kommission gesprochen, die über das Diakonat der Frau nachdenken soll. Ich möchte wissen, ob diese Kommission bereits existiert und welches die Fragen sein werden, über deren Lösung sie nachdenken wird. Und schließlich dient eine Kommission manchmal dazu, die Probleme zu vergessen: Ich möchte wissen, ob das für diesen Fall zutrifft.

Papst Franziskus: Es gab einen Präsidenten Argentiniens, der sagte und auch den Präsidenten der anderen Ländern riet: Wenn du willst, dass etwas keine Lösung findet, dann bilde eine Kommission! Der Erste, der von dieser Nachricht überrascht war, war ich selbst, denn das Gespräch mit den Ordensfrauen, das aufgezeichnet und dann vom L’Osservatore Romano veröffentlicht wurde, verlief ganz anders, und zwar auf dieser Linie: »Wir haben gehört, dass es in den ersten Jahrhunderten Diakoninnen gegeben hat. Kann man das mal untersuchen? Eine Kommission bilden?…« Und nichts weiter. Sie haben gefragt, sie waren höflich, und nicht nur höflich, sondern sie lieben auch die Kirche, diese gottgeweihten Frauen.

Ich habe erzählt, dass ich einen Syrer kannte, einen inzwischen verstorbenen syrischen Theologen, der die italienische kritische Ausgabe der Werke des heiligen Ephräm besorgt hat. Wenn ich nach Rom kam, stieg ich in der Via della Scrofa ab, und er wohnte dort. Als wir beim Frühstück einmal über Diakoninnen sprachen, sagte er mir: »Ja, aber man weiß nicht genau, was sie waren, ob sie die Weihe hatten…«. Sicher gab es diese Frauen; sie halfen dem Bischof in drei Dingen: erstens bei der Taufe der Frauen, denn es gab die Taufe durch Eintauchen; zweitens bei den Salbungen der Frauen vor und nach der Taufe; und drittens – das ist zum Lachen – wenn eine Frau zum Bischof kam, um sich zu beklagen, dass ihr Mann sie schlug, dann rief der Bischof eine der Diakoninnen, den Körper der Frau zu untersuchen nach Striemen, die das bestätigten. Das habe ich gesagt. »Kann man das einmal untersuchen?« – »Ja, ich werde der Kongregation für die Glaubenslehre sagen, dass sie eine Kommission bilden sollen.« Und tags darauf [in den Zeitungen]: »Die Kirche öffnet die Tür für Diakoninnen!« Ich habe mich wirklich ein bisschen über die Medien geärgert, denn das bedeutet, den Leuten nicht in Wahrheit zu sagen, wie die Dinge stehen. Ich habe mit dem Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre gesprochen, und er hat mir gesagt: »Es gibt bereits eine Studie, die die Internationale theologische Kommission in den achtziger Jahren gemacht hat.« Dann habe ich mit der Präsidentin [der Generaloberinnen] gesprochen und ihr gesagt: »Lassen Sie mir bitte eine Liste von Personen zukommen, die ihrer Meinung nach für die Bildung dieser Kommission geeignet sind.« Und sie hat mir die Liste geschickt. Auch der Präfekt hat mir die Liste geschickt, und jetzt liegt sie auf meinem Schreibtisch für die Bildung der Kommission.

Ich glaube, über das Thema ist in der Zeit der achtziger Jahre viel geforscht worden und es wird nicht schwer sein, Licht in diese Angelegenheit zu bringen. Aber es gibt noch etwas anderes. Vor anderthalb Jahren habe ich eine Kommission von Theologinnen gebildet, die mit Kardinal Rylko [dem Präsidenten des Päpstlichen Laienrates] zusammengearbeitet haben. Sie haben eine gute Arbeit geleistet, denn das Denken der Frauen ist sehr wichtig. Für mich ist die Stellung der Frau nicht so wichtig wie das Denken der Frau: Die Frau denkt anders als wir Männer. Und man kann keine gute Entscheidung treffen – keine gute und rechte Entscheidung – ohne die Frauen zu hören. Einige Male habe ich in Buenos Aires eine Besprechung mit meinen Konsultoren gehalten und sie zu einem Thema angehört. Danach ließ ich einige Frauen kommen, und sie sahen die Dinge in einem anderen Licht, und das war eine sehr große Bereicherung. Und dann war die Entscheidung sehr, sehr fruchtbar und sehr schön. Ich muss diese Theologinnen treffen, die eine gute Arbeit geleistet haben, die aber leider zum Stillstand gekommen ist. Warum? Weil das Dikasterium für die Laien sich jetzt verändert, umstrukturiert wird. Und ich warte ein wenig, dass das erst einmal durchgeführt wird, um dann diese zweite Arbeit bezüglich der Diakoninnen fortzusetzen.

Und in Bezug auf die Theologinnen möchte ich noch einmal unterstreichen, dass die Art und Weise, wie die Frauen die Dinge verstehen, wie sie denken, wie sie die Dinge sehen, wichtiger ist als die Stellung der Frau. Und außerdem wiederhole ich, was ich immer sage: Die Kirche ist Frau, sie ist »die« Kirche. Und sie ist nicht eine alte Jungfer, sie ist eine mit dem Sohn Gottes verheiratete Frau, Ihr Bräutigam ist Jesus Christus. Denken Sie darüber nach, und dann sagen Sie mir, was Sie denken…

(Pater Lombardi)
Nun, da Sie über die Frauen gesprochen haben, lassen wir eine Frau eine letzte Frage stellen; dann stelle ich eine und wir schließen… So lassen wir Sie nach einer Stunde in Frieden. Cindy Wooden, die Verantwortliche für CNS, die katholische Nachrichtenagentur der Vereinigten Staaten.

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(Cindy Wooden)
Danke, Heiligkeit. In den vergangenen Tagen hat der deutsche Kardinal Marx, als er vor einer großen, sehr bedeutenden Konferenz in Dublin über die Kirche in der Welt von heute sprach, gesagt, dass die katholische Kirche die Gemeinschaft der Homosexuellen um Verzeihung bitten muss, weil sie diese Menschen ausgegrenzt hat. In den Tagen nach dem Massaker von Orlando haben viele gesagt, die christliche Gemeinschaft habe etwas mit diesem Hass gegen diese Menschen zu tun. Was denken Sie?

Papst Franziskus: Ich werde dieselbe Sache wiederholen, die ich bei meiner ersten Reise gesagt habe, und ich wiederhole das, was im Katechismus der Katholischen Kirche steht: dass sie nicht diskriminiert werden dürfen, dass sie respektiert werden müssen, dass man sie seelsorglich begleiten soll. Man kann sie verurteilen, nicht aus ideologischen Gründen, sondern – sagen wir – wegen ihres politischen Verhaltens, wegen gewisser Ausdrucksformen, die für die anderen etwas zu anstößig sind. Aber diese Sachen haben mit dem Problem nichts zu tun: Wenn das Problem darin besteht, dass eine Person diese Veranlagung hat – wenn sie guten Willen hat und Gott sucht, wer sind wir, dass wir über sie urteilen? Wir müssen gut begleiten, so wie es der Katechismus sagt. Der Katechismus ist klar! Zudem gibt es Traditionen in einigen Ländern, einige Kulturen haben eine andere Mentalität in dieser Frage. Ich glaube, dass die Kirche nicht nur um Entschuldigung bitten muss – wie es jener Kardinal-»Marxist« [Kardinal Marx] gesagt hat – gegenüber jener Person, die homosexuell ist, die sie beleidigt hat, sondern dass sie sich auch bei den Armen und bei den im Arbeitsleben ausgebeuteten Frauen und Kindern entschuldigen muss; dass sie um Entschuldigung bitten muss, weil sie so viele Waffen gesegnet hat… Die Kirche muss sich entschuldigen, weil sie sich oft und so oft nicht benehmen konnte… – und wenn ich Kirche sage, meine ich die Christen; die Kirche ist heilig, aber die Sünder sind wir! – Die Christen müssen sich dafür entschuldigen, dass sie so viele Entscheidungen nicht begleitet haben und so viele Familien im Stich gelassen haben. … Ich erinnere mich an die Mentalität im Buenos Aires meiner Kindheit, diese verschlossene katholische Kultur – ich komme von dort! –: Bei einer Familie von Geschiedenen durfte man nicht ins Haus gehen! Ich spreche von der Zeit vor achtzig Jahren.

Die Kultur hat sich Gott sei Dank geändert. Als Christen müssen wir uns für vieles entschuldigen, nicht nur für das. Wir müssen um Vergebung bitten, nicht nur um Entschuldigung! »Vergib, Herr!« ist ein Wort, das wir leicht vergessen – jetzt spiele ich den Pfarrer und halte eine Predigt! Nein, das ist wahr, oft verhalten wir uns wie der »Herr Pfarrer« und nicht wie ein väterlicher Priester; wir machen es wie ein Priester, der »Hiebe austeilt« und nicht wie ein Priester, der umarmt, vergibt, tröstet… Doch auch davon gibt es viele! Viele Krankenhausgeistliche, Gefängnispfarrer, viele Heilige! Aber die sieht man nicht, weil die Heiligkeit Scham empfindet und sich verbirgt. Dagegen drängt sich die Schamlosigkeit ein biss­chen auf; sie ist unverschämt und stellt sich zur Schau. Es gibt viele Organisationen mit guten Leuten und mit weniger guten; oder Zeitgenossen, denen du einen etwas dickeren Umschlag zuschiebst und die dann in eine andere Richtung schauen – so wie die Weltmächte bei den drei Völkermorden. Auch wir Christen – Priester, Bischöfe – haben so etwas gemacht; aber wir Christen haben auch eine Teresa von Kalkutta, ja wir haben viele Teresas von Kalkutta! Schauen wir auf viele Schwestern in Afrika, auf viele Laien, auf viele heiligmäßige Ehepaare. Es ist der Weizen mit Unkraut dazwischen, der Weizen und das Unkraut. Jesus sagt, dass so das Reich Gottes aussieht. Wir dürfen nicht daran Anstoß nehmen, so zu sein. Wir müssen dafür beten, dass dieses Unkraut vergehe und es mehr Weizen gebe. Doch das ist das Leben der Kirche. Man kann ihm nicht eine Grenze setzen. Wir alle sind heilig, weil wir alle den Heiligen Geist in uns haben, aber wir alle sind auch Sünder. Ich als Erster. Nicht wahr? Danke. Ich weiß nicht, ob ich die Frage beantwortet habe… Jedenfalls, nicht nur Entschuldigung, sondern Vergebung!

(Pater Lombardi)
Heiliger Vater, erlauben Sie mir, eine letzte Frage zu stellen, und dann lassen wir Sie in Frieden gehen…

Papst Franziskus: Bringen Sie mich nicht in Schwierigkeiten…

(Pater Lombardi)
Schauen wir auf die nächste Reise nach Polen, auf die wir uns schon langsam vorbereiten. Sie werden sich in diesem Monat Juli der Vorbereitung widmen. Könnten Sie uns etwas über Ihre Empfindungen sagen, mit denen Sie auf diesen Weltjugendtag im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit zugehen.

Und eine andere, mehr spezifische Frage ist diese: Wir haben mit Ihnen in Armenien das Mahnmal von Zizernakaberd aufgesucht, und Sie werden auf Ihrer Reise nach Polen auch Auschwitz und Birkenau sehen. Ich habe gehört, dass Sie wünschen, diese Momente schweigend zu erleben und keine Reden zu halten – wie Sie es hier gemacht habe, so vielleicht auch in Birkenau. Ich möchte Sie daher bitten, uns mitzuteilen, ob Sie dort eine Ansprache halten wollen oder es vorziehen, einen Moment des stillen Gebets in einem besonderen Anliegen Ihrerseits zu halten.

Papst Franziskus: Vor zwei Jahren habe ich dasselbe in Redipuglia gemacht beim hundertsten Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs. Nach Redpuglia bin ich schweigend gegangen. Danach fand die heilige Messe statt, wo ich gepredigt habe; aber das war eine andere Sache. Das Schweigen. Heute haben wir es erlebt – heute Morgen – dieses Schweigen. War es heute? [Pater Lombardi: Nein, gestern.] Ich möchte an jenen Ort des Schreckens gehen ohne Reden, ohne Menschen, nur mit denen, die nötig sind… Aber die Journalisten werden selbstverständlich dabei sein! Aber ich will keinen begrüßen, diesen oder jenen… Nein, nein. Allein, hineingehen und beten… Und der Herr möge mir die Gnade geben zu weinen.

(Pater Lombardi)
Danke, Heiliger Vater. Nun wollen wir Sie auch bei der Vorbereitung der nächsten Reise begleiten. Und wir danken Ihnen vielmals für die Zeit, die Sie sich für uns genommen haben. Jetzt ruhen Sie sich etwas aus und gehen auch Sie essen… Und dann erholen Sie sich gut im Juli.

Papst Franziskus: Vielen Dank! Nochmals danke. Danke auch für Ihre Arbeit und Ihr Wohlwollen.

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Quelle: Osservatore Romano 46/27, 8. Juli 2016

Die Papst-Ansprache im Wortlaut: Was ist mit dir los, Europa?

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Die Ansprache des Papstes
bei der Verleihung des Karlspreises,
am 6. Mai 2016, im Vatikan im Wortlaut:

 

Sehr verehrte Gäste,

herzlich heiße ich Sie willkommen und danke Ihnen, dass Sie da sind. Ein besonderer Dank gilt den Herren Marcel Philipp, Jürgen Linden, Martin Schulz, Jean-Claude Juncker und Donald Tusk für ihre freundlichen Worte. Ich möchte noch einmal meine Absicht bekräftigen, den ehrenvollen Preis, mit dem ich ausgezeichnet werde, Europa zu widmen: Wir wollen die Gelegenheit ergreifen, über dieses festliche Ereignis hinaus gemeinsam einen neuen kräftigen Schwung für diesen geliebten Kontinent zu wünschen.

Die Kreativität, der Geist, die Fähigkeit, sich wieder aufzurichten und aus den eigenen Grenzen hinauszugehen, gehören zur Seele Europas. Im vergangenen Jahrhundert hat es der Menschheit bewiesen, dass ein neuer Anfang möglich war: Nach Jahren tragischer Auseinandersetzungen, die im furchtbarsten Krieg, an den man sich erinnert, gipfelten, entstand mit der Gnade Gottes etwas in der Geschichte noch nie dagewesenes Neues. Schutt und Asche konnten die Hoffnung und die Suche nach dem Anderen, die im Herzen der Gründerväter des europäischen Projekts brannten, nicht auslöschen. Sie legten das Fundament für ein Bollwerk des Friedens, ein Gebäude, das von Staaten aufgebaut ist, die sich nicht aus Zwang, sondern aus freier Entscheidung für das Gemeinwohl zusammenschlossen und dabei für immer darauf verzichtet haben, sich gegeneinander zu wenden. Nach vielen Teilungen fand Europa endlich sich selbst und begann sein Haus zu bauen.

Diese »Familie von Völkern«[1], die in der Zwischenzeit lobenswerterweise größer geworden ist, scheint in jüngster Zeit die Mauern dieses gemeinsamen Hauses, die mitunter in Abweichung von dem glänzenden Projektentwurf der Väter errichtet wurden, weniger als sein Eigen zu empfinden. Jenes Klima des Neuen, jener brennende Wunsch, die Einheit aufzubauen, scheinen immer mehr erloschen. Wir Kinder dieses Traumes sind versucht, unseren Egoismen nachzugeben, indem wir auf den eigenen Nutzen schauen und daran denken, bestimmte Zäune zu errichten. Dennoch bin ich überzeugt, dass die Resignation und die Müdigkeit nicht zur Seele Europas gehören und dass auch die »Schwierigkeiten zu machtvollen Förderern der Einheit werden können«[2].

Im Europäischen Parlament habe ich mir erlaubt, von Europa als Großmutter zu sprechen. Zu den Europaabgeordneten sagte ich, dass von verschiedenen Seiten der Gesamteindruck eines müden und gealterten Europa, das nicht fruchtbar und lebendig ist, zugenommen hat, wo die großen Ideale, welche Europa inspiriert haben, ihre Anziehungskraft verloren zu haben scheinen; ein heruntergekommenes Europa, das seine Fähigkeit, etwas hervorzubringen und zu schaffen, verloren zu haben scheint. Ein Europa, das versucht ist, eher Räume zu sichern und zu beherrschen, als Inklusions- und Transformationsprozesse hervorzubringen; ein Europa, das sich „verschanzt“, anstatt Taten den Vorrang zu geben, welche neue Dynamiken in der Gesellschaft fördern – Dynamiken, die in der Lage sind, alle sozialen Handlungsträger (Gruppen und Personen) bei der Suche nach neuen Lösungen der gegenwärtigen Probleme einzubeziehen und dazu zu bewegen, auf dass sie bei wichtigen historischen Ereignissen Frucht bringen. Ein Europa, dem es fern liegt, Räume zu schützen, sondern das zu einer Mutter wird, die Prozesse hervorbringt (vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 223).

Was ist mit dir los, humanistisches Europa, du Verfechterin der Menschenrechte, der Demokratie und der Freiheit? Was ist mit dir los, Europa, du Heimat von Dichtern, Philosophen, Künstlern, Musikern, Literaten? Was ist mit dir los, Europa, du Mutter von Völkern und Nationen, Mutter großer Männer und Frauen, die die Würde ihrer Brüder und Schwestern zu verteidigen und dafür ihr Leben hinzugeben wussten?

Der Schriftsteller Elie Wiesel, Überlebender der Nazi-Vernichtungslager, sagte, dass heute eine „Transfusion des Gedächtnisses“ grundlegend ist. Es ist notwendig, „Gedächtnis zu halten“, ein wenig von der Gegenwart Abstand zu nehmen, um der Stimme unserer Vorfahren zu lauschen. Das Gedächtnis wird uns nicht nur erlauben, nicht dieselben Fehler der Vergangenheit zu begehen (vgl. Evangelii gaudium, 108), sondern gibt uns auch Zutritt zu den Errungenschaften, die unseren Völkern geholfen haben, die historischen Kreuzungswege, denen sie begegneten, positiv zu beschreiten. Die Transfusion des Gedächtnisses befreit uns von der oft attraktiveren gegenwärtigen Tendenz, hastig auf dem Treibsand unmittelbarer Ergebnisse zu bauen, die »einen leichten politischen Ertrag schnell und kurzlebig erbringen [könnten], aber nicht die menschliche Fülle aufbauen« (ebd., 224).

Zu diesem Zweck wird es uns gut tun, die Gründerväter Europas in Erinnerung zu rufen. Sie verstanden es, in einem von den Wunden des Krieges gezeichneten Umfeld nach alternativen, innovativen Wegen zu suchen. Sie hatten die Kühnheit, nicht nur von der Idee Europa zu träumen, sondern wagten, die Modelle, die bloß Gewalt und Zerstörung hervorbrachten, radikal zu verändern. Sie wagten, nach vielseitigen Lösungen für die Probleme zu suchen, die nach und nach von allen anerkannt wurden.

Robert Schuman sagte bei dem Akt, den viele als die Geburtsstunde der ersten europäischen Gemeinschaft anerkennen: »Europa lässt sich nicht mit einem Schlage herstellen und auch nicht durch eine einfache Zusammenfassung: Es wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine Solidarität der Tat schaffen.«[3] Gerade jetzt, in dieser unserer zerrissenen und verwundeten Welt, ist es notwendig, zu dieser Solidarität der Tat zurückzukehren, zur selben konkreten Großzügigkeit, der auf den Zweiten Weltkrieg folgte, denn – wie Schuman weiter ausführte – »Der Friede der Welt kann nicht gewahrt werden ohne schöpferische Anstrengungen, die der Größe der Bedrohung entsprechen.«[4] Die Pläne der Gründerväter, jener Herolde des Friedens und Propheten der Zukunft, sind nicht überholt: Heute mehr denn je regen sie an, Brücken zu bauen und Mauern einzureißen. Sie scheinen einen eindringlichen Aufruf auszusprechen, sich nicht mit kosmetischen Überarbeitungen oder gewundenen Kompromissen zur Verbesserung mancher Verträge zufrieden zu geben, sondern mutig neue, tief verwurzelte Fundamente zu legen. Wie Alcide De Gasperi sagte: »Von der Sorge um das Gemeinwohl unserer europäischen Vaterländer, unseres Vaterlandes Europa gleichermaßen beseelt, müssen alle ohne Furcht eine konstruktive Arbeit wieder neu beginnen, die alle unsere Anstrengungen einer geduldigen und dauerhaften Zusammenarbeit erfordert.«[5]

Diese Übertragung des Gedächtnisses macht es uns möglich, uns von der Vergangenheit inspirieren zu lassen, um mutig dem vielschichtigen mehrpoligen Kontext unserer Tage zu begegnen und dabei entschlossen die Herausforderung anzunehmen, die Idee Europa zu „aktualisieren“ – eines Europa, das imstande ist, einen neuen, auf drei Fähigkeiten gegründeten Humanismus zur Welt zu bringen: Fähigkeit zur Integration, Fähigkeit zum Dialog und Fähigkeit, etwas hervorzubringen.

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Fähigkeit zur Integration

Erich Przywara fordert uns mit seinem großartigen Werk Idee Europa heraus, sich die Stadt als eine Stätte des Zusammenlebens verschiedener Einrichtungen auf unterschiedlichen Ebenen vorzustellen. Er kannte jene reduktionistische Tendenz, die jedem Versuch, das gesellschaftliche Gefüge zu denken und davon zu träumen, innewohnt. Die vielen unserer Städte innewohnende Schönheit verdankt sich der Tatsache, dass es ihnen gelungen ist, die Unterschiede der Epochen, Nationen, Stile, Visionen in der Zeit zu bewahren. Es genügt, auf das unschätzbare kulturelle Erbe Roms zu schauen, um noch einmal zu bekräftigen, dass der Reichtum und der Wert eines Volkes eben darin wurzelt, alle diese Ebenen in einem gesunden Miteinander auszudrücken zu wissen. Die Reduktionismen und alle Bestrebungen zur Vereinheitlichung – weit entfernt davon, Wert hervorzubringen – verurteilen unsere Völker zu einer grausamen Armut: jene der Exklusion. Und weit entfernt davon, Größe, Reichtum und Schönheit mit sich zu bringen, ruft die Exklusion Feigheit, Enge und Brutalität hervor. Weit entfernt davon, dem Geist Adel zu verleihen, bringt sie ihm Kleinlichkeit.

Die Wurzeln unserer Völker, die Wurzeln Europas festigten sich im Laufe seiner Geschichte. Dabei lernte es, die verschiedensten Kulturen, ohne sichtliche Verbindung untereinander, in immer neuen Synthesen zu integrieren. Die europäische Identität ist und war immer eine dynamische und multikulturelle Identität.

Die Politik weiß, dass sie vor dieser grundlegenden und nicht verschiebbaren Arbeit der Integration steht. Wir wissen: »Das Ganze ist mehr als der Teil, und es ist auch mehr als ihre einfache Summe.« Dafür muss man immer arbeiten und »den Blick ausweiten, um ein größeres Gut zu erkennen, das uns allen Nutzen bringt« (Evangelii gaudium, 235). Wir sind aufgefordert, eine Integration zu fördern, die in der Solidarität die Art und Weise findet, wie die Dinge zu tun sind, wie Geschichte gestaltet werden soll. Es geht um eine Solidarität, die nie mit Almosen verwechselt werden darf, sondern als Schaffung von Möglichkeiten zu sehen ist, damit alle Bewohner unserer – und vieler anderer – Städte ihr Leben in Würde entfalten können. Die Zeit lehrt uns gerade, dass die bloß geographische Eingliederung der Menschen nicht ausreicht, sondern dass die Herausforderung in einer starken kulturellen Integration besteht.

Auf diese Weise wird die Gemeinschaft der europäischen Völker die Versuchung überwinden können, sich auf einseitige Paradigmen zurückzuziehen und sich auf „ideologische Kolonialisierungen“ einzulassen. So wird sie vielmehr die Größe der europäischen Seele wiederentdecken, die aus der Begegnung von Zivilisationen und Völkern entstanden ist, die viel weiter als die gegenwärtigen Grenzen der Europäischen Union geht und berufen ist, zum Vorbild für neue Synthesen und des Dialogs zu werden. Das Gesicht Europas unterscheidet sich nämlich nicht dadurch, dass es sich anderen widersetzt, sondern dass es die Züge verschiedener Kulturen eingeprägt trägt und die Schönheit, die aus der Überwindung der Beziehungslosigkeit kommt. Ohne diese Fähigkeit zur Integration werden die einst von Konrad Adenauer gesprochenen Worte heute als Prophezeiung der Zukunft erklingen: »Die Zukunft der abendländischen Menschheit [ist] durch nichts, aber auch durch gar nichts, durch keine politische Spannung so sehr gefährdet wie durch die Gefahr der Vermassung, der Uniformierung des Denkens und Fühlens, kurz, der gesamten Lebensauffassung und durch die Flucht aus der Verantwortung, aus der Sorge für sich selbst.«[6]

Die Fähigkeit zum Dialog

Wenn es ein Wort gibt, das wir bis zur Erschöpfung wiederholen müssen, dann lautet es Dialog. Wir sind aufgefordert, eine Kultur des Dialogs zu fördern, indem wir mit allen Mitteln Instanzen zu eröffnen suchen, damit dieser Dialog möglich wird und uns gestattet, das soziale Gefüge neu aufzubauen. Die Kultur des Dialogs impliziert einen echten Lernprozess sowie eine Askese, die uns hilft, den Anderen als ebenbürtigen Gesprächspartner anzuerkennen, und die uns erlaubt, den Fremden, den Migranten, den Angehörigen einer anderen Kultur als Subjekt zu betrachten, dem man als anerkanntem und geschätztem Gegenüber zuhört. Es ist für uns heute dringlich, alle sozialen Handlungsträger einzubeziehen, um »eine Kultur, die den Dialog als Form der Begegnung bevorzugt,« zu fördern, indem wir »die Suche nach Einvernehmen und Übereinkünften [vorantreiben], ohne sie jedoch von der Sorge um eine gerechte Gesellschaft zu trennen, die erinnerungsfähig ist und niemanden ausschließt« (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 239). Der Frieden wird in dem Maß dauerhaft sein, wie wir unsere Kinder mit den Werkzeugen des Dialogs ausrüsten und sie den „guten Kampf“ der Begegnung und der Verhandlung lehren. Auf diese Weise werden wir ihnen eine Kultur als Erbe überlassen können, die Strategien zu umreißen weiß, die nicht zum Tod, sondern zum Leben, nicht zur Ausschließung, sondern zur Integration führen.

Diese Kultur des Dialogs, die in alle schulischen Lehrpläne als übergreifende Achse der Fächer aufgenommen werden müsste, wird dazu verhelfen, der jungen Generation eine andere Art der Konfliktlösung einzuprägen als jene, an die wir sie jetzt gewöhnen. Heute ist es dringend nötig, „Koalitionen“ schaffen zu können, die nicht mehr nur militärisch oder wirtschaftlich, sondern kulturell, erzieherisch, philosophisch und religiös sind. Koalitionen, die herausstellen, dass es bei vielen Auseinandersetzungen oft um die Macht wirtschaftlicher Gruppen geht. Es braucht Koalitionen, die fähig sind, das Volk vor der Benutzung durch unlautere Ziele zu verteidigen. Rüsten wir unsere Leute mit der Kultur des Dialogs und der Begegnung aus.

Die Fähigkeit, etwas hervorzubringen

Der Dialog und alles, was er mit sich bringt, erinnern uns daran, dass keiner sich darauf beschränken kann, Zuschauer oder bloßer Beobachter zu sein. Alle, vom Kleinsten bis zum Größten, bilden einen aktiven Part beim Aufbau einer integrierten und versöhnten Gesellschaft. Diese Kultur ist möglich, wenn alle an ihrer Ausgestaltung und ihrem Aufbau teilhaben. Die gegenwärtige Situation lässt keine bloßen Zaungäste der Kämpfe anderer zu. Sie ist im Gegenteil ein deutlicher Appell an die persönliche und soziale Verantwortung.

In diesem Sinne spielen unsere jungen Menschen eine dominierende Rolle. Sie sind nicht die Zukunft unserer Völker, sie sind ihre Gegenwart. Schon heute schmieden sie mit ihren Träumen und mit ihrem Leben den europäischen Geist. Wir können nicht an ein Morgen denken, ohne dass wir ihnen eine wirkliche Teilhabe als Träger der Veränderung und des Wandels anbieten. Wir können uns Europa nicht vorstellen, ohne dass wir sie einbeziehen und zu Protagonisten dieses Traums machen.

Kürzlich habe ich über diesen Aspekt nachgedacht, und ich habe mich gefragt: Wie können wir unsere jungen Menschen an diesem Aufbau teilhaben lassen, wenn wir ihnen die Arbeit vorenthalten? Wenn wir ihnen keine würdige Arbeiten geben, die ihnen erlauben, sich mit Hilfe ihrer Hände, ihrer Intelligenz und ihren Energien zu entwickeln? Wie können wir behaupten, ihnen die Bedeutung von Protagonisten zuzugestehen, wenn die Quoten der Arbeitslosigkeit und der Unterbeschäftigung von Millionen von jungen Europäern ansteigen? Wie können wir es vermeiden, unsere jungen Menschen zu verlieren, die auf der Suche nach Idealen und nach einem Zugehörigkeitsgefühl schließlich anderswohin gehen, weil wir ihnen hier in ihrem Land keine Gelegenheiten und keine Werte zu vermitteln vermögen?

»Die gerechte Verteilung der Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit ist keine bloße Philanthropie. Es ist eine moralische Pflicht«[7]. Wenn wir unsere Gesellschaft anders konzipieren wollen, müssen wir würdige und lukrative Arbeitsplätze schaffen, besonders für unsere jungen Menschen.

Das erfordert die Suche nach neuen Wirtschaftsmodellen, die in höherem Maße inklusiv und gerecht sind. Sie sollen nicht darauf ausgerichtet sein, nur einigen wenigen zu dienen, sondern vielmehr dem Wohl jedes Menschen und der Gesellschaft. Und das verlangt den Übergang von einer „verflüssigten“ Wirtschaft zu einer sozialen Wirtschaft. Ich denke zum Beispiel an die soziale Marktwirtschaft, zu der auch meine Vorgänger ermutigt haben (vgl. Johannes Paul II. Ansprache an den Botschafter der Bundesrepublik Deutschland, 8. November 1990). Es ist nötig, von einer Wirtschaft, die auf den Verdienst und den Profit auf der Basis von Spekulation und Darlehen auf Zinsen zielt, zu einer sozialen Wirtschaft überzugehen, die in die Menschen investiert, indem sie Arbeitsplätze und Qualifikation schafft.

Von einer „verflüssigten“ Wirtschaft, die dazu neigt, Korruption als Mittel zur Erzielung von Gewinnen zu begünstigen, müssen wir zu einer sozialen Wirtschaft gelangen, die den Zugang zum Land und zum Dach über dem Kopf garantiert. Und dies mittels der Arbeit als dem Umfeld, in dem die Menschen und die Gemeinschaften »viele Dimensionen des Lebens ins Spiel [bringen können]: die Kreativität, die Planung der Zukunft, die Entwicklung der Fähigkeiten, die Ausübung der Werte, die Kommunikation mit den anderen, eine Haltung der Anbetung. In der weltweiten sozialen Wirklichkeit von heute ist es daher über die begrenzten Interessen der Unternehmen und einer fragwürdigen wirtschaftlichen Rationalität hinaus notwendig, ‚dass als Priorität weiterhin das Ziel verfolgt wird, allen Zugang zur Arbeit zu verschaffen‘[8]« (Enzyklika Laudato si‘, 127).

Wenn wir eine menschenwürdige Zukunft anstreben wollen, wenn wir eine friedliche Zukunft für unsere Gesellschaft wünschen, können wir sie nur erreichen, indem wir auf die wahre Inklusion setzen: »die, welche die würdige, freie, kreative, beteiligte und solidarische Arbeit gibt«[9]. Dieser Übergang (von einer „verflüssigten“ zu einer sozialen Wirtschaft) vermittelt nicht nur neue Perspektiven und konkrete Gelegenheiten zur Integration und Inklusion, sondern eröffnet uns von neuem die Fähigkeit von jenem Humanismus zu träumen, dessen Wiege und Quelle Europa einst war.

Am Wiederaufblühen eines zwar müden, aber immer noch an Energien und Kapazitäten reichen Europas kann und soll die Kirche mitwirken. Ihre Aufgabe fällt mit ihrer Mission zusammen, der Verkündigung des Evangeliums. Diese zeigt sich heute mehr denn je vor allem dahin, dass wir dem Menschen mit seinen Verletzungen entgegenkommen, indem wir ihm die starke und zugleich schlichte Gegenwart Christi bringen, seine tröstende und ermutigende Barmherzigkeit. Gott möchte unter den Menschen wohnen, aber das kann er nur mit Männern und Frauen erreichen, die – wie einst die großen Glaubensboten des Kontinents – von ihm angerührt sind und das Evangelium leben, ohne nach etwas anderem zu suchen. Nur eine Kirche, die reich an Zeugen ist, vermag von neuem das reine Wasser des Evangeliums auf die Wurzeln Europas zu geben. Dabei ist der Weg der Christen auf die volle Gemeinschaft hin ein großes Zeichen der Zeit, aber auch ein dringendes Erfordernis, um dem Ruf des Herrn zu entsprechen, dass alle eins sein sollen (vgl. Joh 17,21).

Mit dem Verstand und mit dem Herz, mit Hoffnung und ohne leere Nostalgien, als Sohn, der in der Mutter Europa seine Lebens- und Glaubenswurzeln hat, träume ich von einem neuen europäischen Humanismus: »Es bedarf eines ständigen Weges der Humanisierung«, und dazu braucht es »Gedächtnis, Mut und eine gesunde menschliche Zukunftsvision«[10]. Ich träume von einem jungen Europa, das fähig ist, noch Mutter zu sein: eine Mutter, die Leben hat, weil sie das Leben achtet und Hoffnung für das Leben bietet. Ich träume von einem Europa, das sich um das Kind kümmert, das dem Armen brüderlich beisteht und ebenso dem, der Aufnahme suchend kommt, weil er nichts mehr hat und um Hilfe bittet. Ich träume von einem Europa, das die Kranken und die alten Menschen anhört und ihnen Wertschätzung entgegenbringt, auf dass sie nicht zu unproduktiven Abfallsgegenständen herabgesetzt werden. Ich träume von einem Europa, in dem das Migrantsein kein Verbrechen ist, sondern vielmehr eine Einladung zu einem größeren Einsatz mit der Würde der ganzen menschlichen Person. Ich träume von einem Europa, wo die jungen Menschen die reine Luft der Ehrlichkeit atmen, wo sie die Schönheit der Kultur und eines einfachen Lebens lieben, die nicht von den endlosen Bedürfnissen des Konsumismus beschmutzt ist; wo das Heiraten und der Kinderwunsch eine Verantwortung wie eine große Freude sind und kein Problem darstellen, weil es an einer hinreichend stabilen Arbeit fehlt. Ich träume von einem Europa der Familien mit einer echt wirksamen Politik, die mehr in die Gesichter als auf die Zahlen blickt und mehr auf die Geburt von Kindern als auf die Vermehrung der Güter achtet. Ich träume von einem Europa, das die Rechte des Einzelnen fördert und schützt, ohne die Verpflichtungen gegenüber der Gemeinschaft außer Acht zu lassen. Ich träume von einem Europa, von dem man nicht sagen kann, dass sein Einsatz für die Menschenrechte an letzter Stelle seiner Visionen stand.

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[1] Ansprache an das Europäische Parlament, Straßburg, 25. November 2015.

[2] Ebd.

[3] Erklärung am 9. Mai 1950 im Salon de l’Horloge, Quai d’Orsay, Paris.

[4] Ebd.

[5] Vgl. Rede auf der Europäischen Parlamentarischen Konferenz, Paris, 21. April 1954.

[6] Ansprache auf dem Deutschen Handwerkertag, Düsseldorf, 27. April 1952.

[7] Ansprache beim Welttreffen der Volksbewegungen, Santa Cruz de la Sierra, 9. Juli 2015.

[8] Benedikt XVI., Enzyklika Caritas in veritate (29. Juni 2009), 32: AAS 101 (2009), 666.

[9] Ansprache beim Welttreffen der Volksbewegungen, Santa Cruz de la Sierra, 9. Juli 2015.

[10] Ansprache an den Europarat, Straßburg, 25. November 2014.

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Quelle

SCHWEIZ – GEGEN DEN SCHLEICHENDEN EU-BEITRITT

Ein anschauliches Informationsvideo des „Komitees gegen den schleichenden EU-Beitritt„, veröffentlicht zum sog. Rahmenvertrag, der in Wahrheit ein Unterwerfungsvertrag ist. Darin werden die Pläne des Bundesrates entlarvt, der die Schweiz an die Strukturen der EU fesseln will.

PAPST PIUS XII.: VON DER EINHEIT DER WELT – Das Programm des Papstes für eine internationale Friedensordnung

PioXII

VIII

DIE EINIGUNG EUROPAS — MODELL DER
EINIGUNG DER WELT

Als eine Vorbedingung und zugleich als einen Modellfall der Einigung der Welt betrachtet Pius XII. die Einigung Europas. Wir werden im folgenden (S. 137 ff.) sehen, daß der Papst die Eu­roparesignation, die die Rolle Europas in der Welt für ausgespielt hält und einen „Abschied vom Abendland“ verkündet, nicht teilt. Da die in der ganzen Welt, in allen Ländern und Erdteilen, in Gang befindliche Umwälzung hauptsächlich durch das Vor­dringen und den Einbruch der westlichen Welt, namentlich ihrer technischen Zivilisation, verursacht ist, können diese Länder die Erfahrungen Europas zu ihrer Bewältigung und Lenkung nicht entbehren, kann sich Europa aber auch seiner Verantwortung nicht entziehen. Das setzt aber voraus, daß Europa selber seiner Krise Herr wird und zu einer Selbstfindung kommt, in der das Erbe seiner Kultur und die neuen Aufgaben eine fruchtbare Synthese bilden. Die Überwindung seiner Spaltung muß das Kernstück seiner Anstrengungen sein. Dazu drängen es aber auch die noch lebendige Erfahrung der schrecklichen Konsequen­zen, die seine Zwietracht, seine Konflikte, seine Selbstzerflei­schung gehabt haben, ebenso wie die Erkenntnis, daß seine Wohl­fahrt und seine Selbstbehauptung gegen die es von außen be­drohenden Gefahren von seiner Einigung und organisierten Zusammenarbeit abhängen.

So stützt der Papst seinen Aufruf zur Einigung Europas dar­auf, daß er die Einsicht und das Friedensbedürfnis der Völker anspricht und ihnen gleichzeitig die Notwendigkeit dieser Eini­gung vor Augen stellt. Er hält es für die geschichtliche Pflicht der europäischen Völker, diesen Sprung in die Zukunft zu tun; es ist ein „vernünftiges Wagnis“, die Forderung dieser unserer Geschichtsstunde.

Von den zahlreichen dieser Aufrufe seien hier drei besonders dringliche mitgeteilt, die in krisenschwere Stunden hineinge­sprochen wurden: der erste auf einem der Höhepunkte des zwei­ten Weltkrieges, der in einer solchen Situation wie eine prophe­tische Kühnheit anmutet; der zweite nach der bitteren Enttäu­schung, die das Scheitern der EVG den Hoffnungen auf Europa bereitete; der dritte nach den ungarischen Ereignissen und nach­dem der Suezkonflikt so heftige Gefühle der Enttäuschung und der Bitterkeit der europäischen Nationen gegeneinander ausge­löst hatte.

Wir stehen heute vor einer Tatsache von großer, bezeichnender Wichtigkeit. Aus den leidenschaftlichen Auseinandersetzungen der Kriegsparteien über die Ziele des Krieges und die Gestal­tung des Friedens schält sich immer mehr die gemeinsame Auf­fassung heraus, daß das Vorkriegs-Europa wie auch seine öffent­lichen Einrichtungen sich in einer so tiefgreifenden Umwand­lung befinden, daß sich der Anfang einer neuen Weltzeit ankün­det. Man behauptet, Europa und seine Staatenordnung werden nicht mehr so sein, wie sie früher waren. Etwas Neues, Besseres, Fortschrittlicheres, etwas organisch Gesunderes, Freieres, Stär­keres, müsse an die Stelle des Alten treten, um die Fehler, die Schwächen, die Mängel zu vermeiden, die, wie man sagt, im Lichte des neuen Geschehens offenbar geworden seien.

Solche Ansichten und Stimmungen lassen sich nicht genügend aus der bloßen Neuerungssucht erklären. Im Licht der Erfah­rungen dieser Umbruchszeit, unter dem lastenden Druck der von ihr geforderten und auferlegten Opfer erstehen neue Er­kenntnisse und neue Bestrebungen, die Geister und Herzen in ihren Bann ziehen. Es ist die sonnenklare Erkenntnis vom Ver­sagen des Heute. Es ist ein entschiedenes Streben nach einer Ordnung, welche die Rechtsgrundsätze des staatlichen und inter­nationalen Lebens sichert. Daß diese drängenden Bestrebungen besonders in den weiten Kreisen des werktätigen Volkes sich bemerkbar machen, kann keineswegs verwundern. Denn gerade sie müssen jeweils mehr als andere, in Kriegs- und Friedenszei­ten, die bitteren Folgen der wirtschaftlichen, staatlichen oder in­ternationalen Störungen an sich erfahren. Weniger noch als an­dere wundert sich die Kirche, die als gemeinsame Mutter aller den Aufschrei besser wahrnimmt und versteht, der aus der ge­quälten Volksseele hervorbricht1.

Die gegenwärtige Lage der Dinge wird sich nicht bessern, wenn nicht alle Völker die gemeinsamen geistigen und sittlichen Ziele der Menschheit anerkennen, wenn sie sich nicht helfen, sie zu verwirklichen und wenn sie sich folglich nicht miteinander verständigen, um sich der auflösenden Diskrepanz entgegenzu­stellen, die zwischen ihnen hinsichtlich des Lebensstandards und der Produktivität der Arbeit besteht.

Alles das kann in Europa geschehen, ja es muß dringend gesche­hen durch das Zustandekommen jener kontinentalen Union sei­ner Völker, die sich zwar voneinander unterscheiden, aber geogra­phisch und historisch miteinander verbunden sind. Eine gültige Ermutigung zu dieser Union besteht in dem offenkundigen Ver­sagen der entgegengesetzten Politik und in der Tatsache, daß die Völker selber in ihren breitesten Schichten ihre Verwirklichung erhoffen, weil sie sie für notwendig und für praktisch möglich halten. Die Zeit scheint also reif dafür, daß die Idee Wirklichkeit wird. Darum ermahnen Wir vor allem die christlichen Poli­tiker zur Tat, denen Wir nur in Erinnerung zu rufen brauchen, daß jede Art friedlicher Einigung der Völker immer ein Anlie­gen des Christentums gewesen ist. Warum noch zaudern? Das Ziel ist klar; die Bedürfnisse der Völker liegen offen vor aller Augen. Dem, der im voraus eine absolute Garantie für den glücklichen Ausgang haben wollte, müßte man antworten, daß es sich wohl um ein Wagnis, aber um ein notwendiges Wagnis handle; um ein Wagnis, das jedoch den gegenwärtigen Möglich­keiten entspreche; um ein vernünfliges Wagnis. Gewiß muß man vorsichtig vorgehen, mit wohlberechneten Schritten voranschrei­ten; aber warum soll man gerade hier nun mißtrauisch sein ge­genüber der hohen Stufe, die die politische Wissenschaft und Praxis erreicht hat, die doch die Hindernisse genügend im Vor­aus zu erkennen und die Abhilfe bereitzuhalten vermag? Zum Handeln drängt vor allem die ernste Lage, in der Europa sich befindet: es gibt für es keine Sicherheit ohne Wagnis. Wer abso­lute Gewißheit verlangt, beweist keinen guten Willen gegen­über Europa2!

So besteht denn eine der konkreten Forderungen dieser Stunde, eines der Mittel, der ganzen Welt den Frieden und ein fruchtbares Erbe an Hab und Gut zu sichern, eine Kraft, die auch die Völker Asiens und Afrikas, des Mittleren Orients und Palästinas mit den Heiligen Stätten einbezieht, darin, daß die Einheit Europas gefestigt wird. Sie kann jedoch nicht gestärkt werden, solange nicht jede der ihr angehörigen Nationen ver­steht, daß die politischen und wirtschaftlichen Niederlagen der einen auf die Dauer in keinem Teil der Welt einen wirklichen Gewinn für die anderen darstellen können. Sie wird nicht fester hinsichtlich der Bildung der öffentlichen Meinung, wenn in der Stunde der gemeinsamen Gefahr die Kritik an den Handlungen der einen, auch wenn sie berechtigt ist, von den andern unter so einseitigen Gesichtspunkten zum Ausdruck gebracht wird, daß man daran zweifeln könnte, ob noch irgendein Band zwischen ihnen besteht. Niemals, kann man gute Politik allein aus dem Gefühl machen; noch weniger eine echte Politik von heute aus den Gefühlen von gestern und vorgestern3.

Der Papst erkennt von allen Motiven, die es für die Einigung Europas gibt, dem der Furcht angesichts seiner äußeren Bedro­hung, die geringste Wirksamkeit und formende Kraft zu. Denn es kann allzuleicht in sein Gegenteil umschlagen. Er sucht also die Betrachtung der positiven Seiten der Einigung zu bestärken. Diese ihre Vorteile dürfen aber nicht rein wirtschaftlich gesehen werden. Nach der christlichen Soziallehre sind die wirtschaft­lichen Zwecke den sozialen unterworfen, (vgl. S. 23) von denen das in dem zweiten Text angeführte Beispiel der Förderung ge­sunder Familien das wichtigste ist.

Der Wille zum gemeinsamen Leben, der das Europa von mor­gen fest zusammenhalten wird, muß sich vor Mutlosigkeit an­gesichts der äußeren Gefahren hüten, die es bedrohen. Ist es nicht besser, daß jeder, statt sich ein wenig widerwillig auf die­ses Ziel zudrängen zu lassen, von ihm durch ein positives Ele­ment angezogen wird?

Derartige Elemente findet man schon im wirtschaftlichen und politischen Bereich. Das einige Europa nimmt sich vor, die Exi­stenz aller seiner Glieder und des Ganzen, das sie bilden, zu ga­rantieren, den wirtschafllichen Wohlstand zu begünstigen, so daß seine politische Macht sich die geziemende Achtung im Kon­zert der Weltmächte verschafft. Das ist sicher ein wertvolles positives Ziel der gegenwärtigen Bemühungen für ein einiges Europa4

Heute ist das Problem der Arbeit eine umfassendere Frage ge­worden, in der ganz Europa solidarisch ist. Die gegenwärtigen Bemühungen, Europa zu einer Einheit umzubilden — wie im­mer das geschehen mag, wenn es sich nur als wirksam erweist —, erfordern ebenfalls die Schaffung neuer Bedingungen für seinen wirtschaftlichen Fortschritt; nur dann kann man hoffen, das Problem der Arbeit zu lösen. Wer glaubt, den Interessen des Arbeiters mit den alten Methoden des Klassenkampfes zu die­nen, irrt sich; und noch mehr irrt sich, wer zudem noch glaubt, er müsse seine Bemühungen rechtfertigen als das einzige Mittel, noch einen religiösen Einfluß auf die Welt der Arbeiter aus­üben zu können.

Zweifellos besteht der Vorteil einer europäischen Wirtschafl nicht einfach in einem zusammengefaßten ausgedehnten Raum, in dem der sogenannte Marktmechanismus Produktion und Kon­sum regelt. Noch wichtiger ist es, daß zugleich mit dem Aufbau der europäischen Wirtschaft im Bereich der Konkurrenz die Sta­bilisierung eines wirklich sozialen Lebens, die gesunde Entwick­lung der Familie von Generation zu Generation angestrebt wird und daß in dieser Hinsicht und mit diesem Ziel die natürlichen Kriterien einer Organisation der Produktion in Raum und Zeit und eines vernünftigen Konsums zur Geltung gebracht werden.

Das ist die einzige Art und Weise, in der Völker mit einem Überschuß von kinderreichen Familien, wie Italien, der euro­päischen Wirtschafl den wichtigen Beitrag ihres Reichtums an Arbeitskräflen und ihres Potentials an Konsum eingliedern können5.

Das Abstellen auf die rein wirtschaftlichen, materiellen Vor­teile der Einigung Europas wäre nicht nur deshalb falsch, weil damit das Ziel einer sozialen Gesundung und Festigung Euro­pas, das für seinen Bestand vorrangig ist, verdeckt würde. (Der Papst warnt immer wieder vor einer allzu „materiellen Fas­sung des Friedensproblems“; vgl. den Abschnitt „Der techni­sche Geist und die Einheit der Menschheit“ S. 43 ff.). Sie sind auch nicht kurzfristig zu erwarten, der zur Einigung notwendige Ausgleich fordert vor allem von den begünstigteren Teilen Euro­pas sicher in mancher Hinsicht Opfer — solche Opfer materiel­ler Art, die sittlich am vertretbarsten sind, stoßen aber in der Wirklichkeit auf den härtesten Widerstand.

Man erkennt ohne Mühe, daß von allen Teilnehmern an einem geeinigten Europa ernsthafte Zugeständnisse verlangt werden müssen. Verlegung von Industrien, Anpassung der Arbeitslöhne, lokale Schwankungen und Schwierigkeiten in dem einen oder anderen Bereich der Produktion, das sind einige der Eventuali­täten, denen die Regierungen und die Völker ins Gesicht sehen müssen. Diese Unannehmlichkeiten können vorübergehender, können aber auch dauerhafter Natur sein. Es ist nicht sicher, daß sie immer kurzfristig durch wirtschaftliche Vorteile ausgeglichen werden können, so wie ja auch schon im Inneren eines Landes die ärmeren Gebiete nur mit Hilfe der glücklicheren Gegenden das gleiche Lebensniveau halten können. Man muß daher die Zustimmung der öffentlichen Meinung jeder Nation zu vielleicht dauerhaften Verzichten erreichen, muß ihr deren Notwendigkeit erklären, sie mit dem Wunsche erfüllen, trotzdem mit den an­deren vereinigt zu bleiben und ihnen weiter zu helfen6.

Man kann sich die natürliche Reaktion der Egoismen leicht vorstellen, den sozusagen instinktiven Rückzug auf sich selber, die in den Händen von Gegnern und aller derjenigen, deren zweideutige Ziele sich mit den Streitigkeiten anderer wohl ver­tragen, zur gefährlichen Waffe werden können. Man muß sich deshalb von Anfang an darüber klar sein: die Aussicht auf ma­teriellen Nutzen wird niemals den Willen zu den Opfern garan­tieren, die für den Erfolg unerläßlich sind. Früher oder später wird sie sich als Trug und Täuschung erweisen. Man kann weiter die Interessen der gemeinsamen Verteidigung anführen. Zwei­felsohne ruft Furcht eine zwar heftige, aber gewöhnlich auch kurze und jeder aufbauenden Kraft entbehrende Wirkung her­vor und ist nicht imstande, die verschiedenen Kräfte zum Dien­ste am selben Ziel zusammenzuführen.

Wenn man also feste Garantien für die Zusammenarbeit zwi­schen den Ländern — wie auch übrigens für jede menschliche Zusammenarbeit sowohl im öffentlichen wie im privaten Bereich, in kleinem Kreise wie auf internationaler Ebene — sucht, so werden sich nur die Werte der geistigen Ordnung als wirksam er­weisen. Nur sie werden es ermöglichen, über die Schwierigkeiten zu triumphieren, die aus unvorhergesehenen Umständen oder noch häufiger aus der Bosheit der Menschen früher oder später hervorgehen. Unter den Völkern wie unter den einzelnen Perso­nen kann ohne wahrhafte Freundschaft nichts von Bestand sein.7

Das Problem der Verschiedenartigkeit der Länder Europas nicht nur hinsichtlich ihres natürlichen Reichtums und ihres Le­bensstandards, sondern auch hinsichtlich der Stufe der technisch-industriellen und sozialen Entwicklung, die sie erreicht haben, fordert nach sorgfältigem Studium die Schaffung von überna­tionalen Einrichtungen, durch die der notwendige Ausgleich bzw. die notwendige Angleichung geschieht. Aber schon der Wille zu ihrer Errichtung und dazu, ihnen ausreichende Voll­machten zu geben, damit sie ihren Zweck auch wirklich erreichen können, ferner die wirkliche Überwindung der vielfachen Schwie­rigkeiten, die im Laufe ihrer Tätigkeit immer wieder entstehen, setzt eine tiefere Bereitschaft zum Zusammenwirken, zur Einheit und den notwendigen Verzichten voraus, die nur aus geistig-sittlichen, im letzten aber religiösen Kräften genährt werden kann: Sie setzen eine innere Umkehr, eine Abwendung von der materialistischen Lebensanschauung und Lebensform voraus und eine Rückkehr zu den geistigen Werten, die das Erbe seiner Ge­schichte sind und seine Größe und Kraft begründet haben. Von den Kräften, die dieses Erbe geformt haben, ist die stärkste und auch heute noch lebendige — weil unvergängliche — das Chri­stentum.

Wenn Wir die Bemühungen jener Staatsmänner [die für die Einheit Europas arbeiten] verfolgen, so können Wir uns eines bedrückenden Gefühls kaum erwehren. Unter dem Zwang der Not, die gebieterisch die schnelle Einigung Europas heischt, be­ginnen sie politische Ziele zu verwirklichen, die ein neues Den­ken von Volk zu Volk voraussetzen. Diese Voraussetzung ist aber leider nicht erfüllt oder jedenfalls nicht genügend erfüllt. Die Atmosphäre, ohne die jene politischen Neuschöpfungen auf die Dauer unmöglich Bestand haben könnten, ist noch nicht da. Und wenn es schon ein Wagnis darstellt, die europäische Neuordnung durch das Zwischenstadium durchretten zu wollen, das zwischen dem alten, zu einseitig nationalen, und dem neuen Denken liegt, so sollte wenigstens einem jeden das Gebot der Stunde klar vor Augen stehen, daß nämlich jene Atmosphäre so schnell wie nur immer möglich geschaffen werden muß8.

Europa wartet noch auf das Erwachen eines eigenen Bewußt­seins. In dem, was es als Erfahrung und Weisheit, als Organi­sation gesellschaftlichen Lebens und als Kultureinfluß darstellt, scheint es inzwischen in nicht wenigen Gebieten der Erde an Bo­den zu verlieren9.

Der praktischen Verwirklichung der europäischen Einheit …, deren Dringlichkeit alle fühlten und auf die hin sich die Anstrengungen instinktiv richteten, standen zwei große Hinder­nisse entgegen. Das eine lag im Aufbau des Staates, das andere war psychologischer und moralischer Natur. Das erste enthält in sich eine Reihe von wirtschaftlichen, sozialen, militärischen und politischen Problemen. Die Mitgliedstaaten, die den Wunsch haben, sich zusammenzutun, haben ein verschiedenes Niveau sowohl hinsichtlich der natürlichen Hilfsquellen und der indu­striellen Entwicklung wie hinsichtlich der sozialen Einrichtun­gen. Sie können ein gemeinsames Leben erst dann ins Auge fas­sen, nachdem sie sich der Mittel versichert haben, das Gleichgewicht des Ganzen aufrechtzuerhalten. Aber noch dringlicher stellt sich die Forderung nach dem, was man den europäischen Geist nennt, das Bewußtsein der inneren Einheit, das nicht so sehr auf der Befriedigung wirtschaftlicher Bedürfnisse gegründet ist, sondern auf der Sicht gemeinsamer geistiger Werte, und zwar einer so klaren Sicht, daß sie den festen Willen, in Einig­keit zu leben, rechtfertigen und lebendig erhalten kann10.

Über die wirtschaftlichen und politischen Ziele hinaus muß sich das einige Europa die Behauptung und Verteidigung der gei­stigen Werte zur Sendung machen, die einstmals die Grundlage und die Stütze seiner Existenz bildeten, die anderen Breiten der Erde und anderen Völkern zu übermitteln einstmals sein Beruf war, den sie heute mit mühsamer Anstrengung wieder suchen muß, um sich selbst zu retten, das heißt den wahren christlichen Glauben als Grundlage der Zivilisation und der Kultur, die die seinige ist, aber auch als Grundlage der Zivilisation und Kultur aller anderen. Wir sagen das deutlich, weil Wir fürchten, daß Europa ohne das nicht die innere Kraft besitzen wird, gegen­über seinen mächtigeren Gegnern nicht nur die Integrität seiner Ideale, sondern auch seine irdische Selbständigkeit zu bewah­ren11.

So betont der Papst also nachdrücklich, daß die Anerkennung des „Erbes der christlichen Kultur“, jener Tradition, deren Seele das Christentum war, ein leeres Wort sei, wenn diese Seele nicht mehr lebe, wenn ihr Leben vom Glauben abgetrennt werde. Nur ein lebendiges Christentum kann Europa die Kraft geben, seine Aufgabe der Einigung und seine Aufgabe in der Weltsituation von heute zu erfüllen.

Mit großer Freude haben Wir in der Resolution der kulturel­len Kommission des Kongresses der „Europäischen Union der Föderalisten“ im Haag im Mai dieses Jahres die Erwähnung der „gemeinsamen Erbschaft der christlichen Kultur“ gelesen. Aber das ist noch nicht genug, solange man nicht dahin kommt, die Rechte Gottes und seines Gesetzes ausdrücklich anzuerkennen, mindestens aber das Naturrecht als festen Grund, in dem die Menschenrechte verankert sind. Wie sollen diese Rechte und alle Freiheiten, losgelöst von der Religion, Einheit, Ordnung und Frieden sichern können12?

Die Seele [der abendländischen Kultur] bilden die christ­lichen Prinzipien, die die Kirche ihr übergeben und die sie leben­dig erhalten hat. Darum wird auch die abendländische Kultur fortbestehen und fruchtbar bleiben indem Maße, wie sie ihnen treu bleibt; — solange sie nicht ihre Seele verliert13.

Niemand, glauben Wir, wird sich weigern können, der Be­hauptung zuzustimmen, daß ein geeintes Europa, um sich im Gleichgewicht zu halten und die Verschiedenheit auf seinem eige­nen Kontinent auszugleichen — ganz zu schweigen von seinem Einfluß auf die Sicherheit des universellen Friedens — einer un­erschütterlichen sittlichen Grundlage bedarf, auf der es ruhen kann. Wo soll es diese Grundtage finden? Lassen wir die Ge­schichte antworten: es gab eine Zeit, in der Europa in seiner Gesamtheit ein kompaktes Ganzes darstellte, und inmitten all seiner Schwächen und trotz alles menschlichen Versagens war das für es eine Kraft; es vollbrachte dank dieser Einheit große Dinge. Die Seele dieser Einheit war die Religion, die die ganze Gesell­schaft bis zum Grund mit christlichem Glauben durchtränkte.

Als sich jedoch erst einmal die Kultur von der Religion ge­trennt hatte, hat sich die Einheit aufgelöst. Auf die Dauer hat die Irreligiosität, die sich wie ein Ölfleck langsam, aber unauf­haltsam ausgebreitet hat, das öffentliche Leben immer weiter durchdrungen, und ihr vor allem verdankt dieser Kontinent seine Zerrissenheit, sein Elend und seine Unruhe.

Wenn sich also Europa davon freimachen will, muß es dann nicht das Band zwischen Religion und Zivilisation bei sich wie­der herstellen14?

Wenn es wahr ist, daß die christliche Botschaft für Europa gleichsam die Hefe im Teig gewesen ist, die in ihm arbeitet und die ganze Masse hebt, so ist es nicht minder wahr, daß diese Botschaft heute wie je den kostbarsten der Werte darstellt, de­ren Hüter es ist; nur sie ist imstande, zugleich mit der Idee und der Ausübung der Grundfreiheiten der menschlichen Person, das Funktionieren der Familien- und Volksgemeinschaft unange­tastet und lebendig zu erhalten und in einer übernationalen Ge­meinschaft die Ehrfurcht vor den kulturellen Verschiedenheiten, den Geist der Versöhnung und der Zusammenarbeit zu sichern, zugleich mit der Bereitschaft zu den Opfern, die dies mit sich bringt, und der Hingabe, die es verlangt15.

Der Papst sieht, wie wir (S. 127) gesehen haben, den augen­blicklichen Zustand Europas, in dem trotz aller Schwierigkeiten doch schon starke Kräfte und viele Politiker auf die Europäische Gemeinschaft hinarbeiten, als ein »Zwischenstadium“ an, in dem sich dieser Bemühung vor allem zwei Aufgaben stellen:

Die Schaffung einer Atmosphäre der Bereitschaft zur Verstän­digung, Zusammenarbeit und Einigung.

Den Aufbau der Einrichtungen, die auf den verschiedenen Gebieten des Wirtschaftlichen, Sozialen, Kulturellen und Mili­tärischen die krönende politische Einheit vorbereiten.

Die Bereitung der rechten Atmosphäre besteht dabei zum nicht geringen Teil in der Beseitigung der Hemmungen, die die Geschichte zwischen den Völkern und in den Seelen ihrer Ange­hörigen aufgebaut hat.

Die meisten dieser Hemmungen — Überlegenheits- oder Un­terlegenheitsgefühle, alte Feindschaften, Ressentiments, Globalurteile über den andern — entstanden und entstehen im Grunde aus dem Übel, das das Europa der Neuzeit verheert hat: einem falschen Nationalismus.

Als erstes warnt der Papst vor einer falschen Selbsteinschät­zung der Nationen, die der heutigen Wirklichkeit nicht mehr angemessen ist. Stolz auf ihre Geschichte, fürchten sie ihre na­tionale Individualität in einer größeren Europäischen Gemein­schaft aufgeben zu müssen. Diese Furcht beruht auf einem Feh­ler, den der Papst schon bei einer anderen Stelle dargelegt hatte (vgl. S. 25 f.): der Verwechslung des Nationalen mit dem Natio­nalstaatlichen.

Die großen Nationen des Kontinents mit ihrer langen Ge­schichte voller Erinnerungen an Ruhm und Macht können das Zustandekommen einer europäischen Union auch dadurch zum Scheitern bringen, daß sie, ohne darauf zu achten, der Gefahr erliegen, sich am Maß ihrer eigenen Vergangenheit zu messen anstatt an dem der gegenwärtigen Wirklichkeit und der Vor­ausschau in die Zukunft. Eben darum erwartet man von ihnen, daß sie von ihrer einstigen Größe abzusehen verstehen, um sich einer höheren wirtschaftlichen und politischen Einheit einzufü­gen. Sie werden das um so bereitwilliger tun, wenn man sie nicht aus einer übertriebenen Sorge um Einheitlichkeit zu einer ge­waltsamen Nivellierung zwingt, während doch die Achtung vor dem kulturellen Charakter der einzelnen Völker durch deren harmonische Vielfalt eine leichtere und dauerhaftere Vereinigung zustande bringen würde16.

Man hört zwar oft die Meinung, bei dem heutigen Kräftever­hältnis hätten die europäischen Nationalstaaten nicht mehr die Stärke, den Frieden ernsthaft aufs Spiel zu setzen (obwohl der Suezkonflikt uns inzwischen darüber belehrt hat), aber selbst wenn dem so wäre, lähmt ihr allzu hartnäckiges Festhalten an einer nationalstaatlichen Interessen- oder Prestigepolitik auf je­den Fall den Willen zur Zusammenarbeit und bewirkt ein Fort­dauern der Zersplitterung, die Europa gegenüber der Gefahr von Osten hilflos macht. Daß ihr gegenüber das eine Volk sich auf Kosten des anderen retten könne, ist eine Illusion, die die Welt schon einmal an den Rand des Abgrunds gebracht hat.

Man sage nicht, daß unter den neuen Verhältnissen die Dy­namik des nationalistischen Staates keine Gefahr mehr darstelle für die übrigen Völker, weil ihm in der Mehrzahl der Fälle die entscheidende wirtschaftliche und militärische Kraft fehle; denn auch die Dynamik einer eingebildeten nationalstaatlichen Macht, die mehr in Gefühlen zum Ausdruck kommt als in Taten, weckt gleicherweise Widerwillen, nährt das Mißtrauen und den Ver­dacht bei den Bündnissen, verhindert das gegenseitige Verstehen und infolgedessen die ehrliche Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe nicht mehr und nicht weniger, als wäre sie im Besitz wirk­licher Macht17.

Wenn die europäische Gemeinschaft auf diesem Weg [des Nationalismus] weiterginge, so würde sich ihr Zusammenhalt als sehr schwach herausstellen im Vergleich zu dem jener Gruppe, die ihr gegenübersteht. Ihre Schwäche würde bestimmt offenbar werden am Tag eines zukünftigen Friedens, der die Aufgabe hätte, mit Klugheit und Gerechtigkeit die noch in der Schwebe gebliebenen Fragen zu regeln18.

Wir sind überzeugt, daß auch heute gegenüber einem Feind, der entschlossen ist, allen Völkern so oder so eine besondere und unerträgliche Lebensform aufzuerlegen, nur der einhellige und starke Zusammenhalt aller, die die Wahrheit und das Gute lie­ben, den Frieden retten kann und retten wird. Es wäre ein verhängnisvoller Irrtum, zu wiederholen, was unter ähnlichen Ver­hältnissen in den Jahren vor dem zweiten Weltkrieg geschah, als jede der bedrohten Nationen, und nicht nur die kleinsten, sich auf Kosten der anderen zu retten versuchte, indem sie diese gleichsam als Schild benutzte, ja sogar versuchte, aus der gefähr­deten wirtschaftlichen und politischen Lage der anderen sehr zweifelhafte Vorteile zu ziehen. Das Nachspiel bestand darin, daß alle zusammen in den Weltbrand hineingerissen wurden19.

Ein wesentliches Hemmnis der Freundschaft zwischen den europäischen Völkern ist die Tatsache, daß sie sich alle in der Vergangenheit nur zu oft kriegerisch gegenüberstanden und die in diesen Kriegen geschehenen Taten, Siege und Niederlagen tiefe Narben in der Seele der Völker zurückgelassen haben. Die Europäer haben ein langes geschichtliches Gedächtnis, das etwa bei Franzosen und Engländern auf den Hundertjährigen Krieg im 14./15. Jahrhundert, zwischen Spanien und dem übrigen Europa auf die Zeit Philipps II., bei den Deutschen gegenüber Frankreich zum mindesten auf die Raubkriege Ludwigs XIV. zurückgeht. Besonders tiefe Wunden hat der letzte Weltkrieg geschlagen, die noch, immer nicht verheilt sind. Aber der Papst mahnt, an die kommende Generation zu denken, um ihr zu ersparen, was wir erlitten haben. Das gilt auch hinsichtlich einer Kollektivschuld, die der Papst im übrigen — nicht nur hier, sondern auch in anderen Äußerungen ausdrücklich ablehnt.

Rückblickend in die Vergangenheit gehört zu jener Atmo­sphäre [der Einigungsbereitschaft] eine ruhige Beurteilung der nationalen Geschichte, der des eigenen Vaterlands wie der Ge­schichte des anderen oder der anderen ‚Länder. Die Ergebnisse einer sachlichen Geschichtsforschung, die von Fachmännern auf beiden Seiten anerkannt werden, mögen der Maßstab jener Be­urteilung sein. Siege und Niederlagen, Bedrückung, Gewalttaten und Grausamkeiten — wahrscheinlich auf der einen wie der an­deren Seite im Laufe der Jahrhunderte —, sie sind geschichtliche Tatsachen und bleiben es. Daß eine Nation auf ihre Siege stolz ist, wer wird es ihr verdenken? Daß sie Niederlagen als Unglück betrauert, ist ein natürliches Empfinden gesunder Vaterlandsliebe. Verlangt nichts Unmögliches voneinander, auch keine un­echten und unwahren Gesinnungen. Aber jeder kann für das Empfinden auch der anderen Nation Verständnis und Achtung aufbringen20

Daß die Errichtung einer europäischen Union ernstliche Schwie­rigkeiten bietet, wird niemand bestreiten. Auf den ersten Blick könnte man ins Feld führen, daß, um sie allen Völkern Euro­pas psychologisch erträglich zu machen, ein gewisser Abstand von den Erinnerungen an die Geschehnisse des letzten Krieges gewonnen werden müsse. Aber wir dürfen keine Zeit mehr ver­lieren.

 Und wenn man wünscht, daß diese Union ihr Ziel er­reicht, daß sie der Sache der europäischen Freiheit und Eintracht, der Sache des wirtschaftlichen Friedens und der interkontinen­talen Politik wirksam dient, so ist es höchste Zeit, daß sie zu­stande kommt21.

Warum dann also verlangen, daß die Erinnerung an den Krieg zuerst aus unserem Horizont verschwindet, während doch ge­rade umgekehrt dessen noch schmerzhaft empfundene Auswir­kungen für die Völker Europas eine Ermunterung sind, endlich einmal ihre egoistisch-nationalistischen Sorgen, diesen Quell so vieler Eifersüchteleien, so vielen Hasses aufzugeben, ein Antrieb, Vorsorge zu ihrer berechtigten Verteidigung gegen alle offene oder versteckte Gewaltpolitik zu treffen?22

Man kann Unrecht, Gewalttat und Grausamkeit rückhaltlos verurteilen, auch wenn sie zu Lasten des eigenen Volkes gehen. Vor allem aber soll ein jeder sich darüber klar sein: für die Ta­ten der Vergangenheit sind die heutigen Generationen nicht ver­antwortlich, nicht die eigene Nation und nicht die andere. Und was den Ablauf der Geschichte, auch das furchtbare Geschehen der Gegenwart angeht, so habt ihr es doch gesehen und erlebt es täglich, daß die Völker als Ganzes dafür nicht zur Verant­wortung gezogen werden können. Gewiß, sie müssen ihr Kol­lektivschicksal tragen; was aber die Verantwortung angeht, so erlauben der Aufbau der modernen Staatsmaschine und die fast unentwirrbare Verkettung der wirtschaftlichen und politischen Dinge es dem „kleinen Mann“ nicht, wirksam auf die Politik Einfluß zu nehmen. Er kann höchstens durch seinen freien Wahl­zettel die allgemeine Richtung der Politik mitbestimmen, und auch das nur in beschränktem Maße23.

Wir haben zu wiederholten Malen darauf bestanden: man ziehe möglichst die Schuldigen zur Verantwortung; man scheide jedoch gerecht und sauber zwischen ihnen und dem Volk als ganzem. Massenpsychosen sind auf beiden Seiten vorgekommen; man muß sie hinnehmen. Es ist dem Einzelnen sehr schwer, sich der Massenpsychose zu entziehen und seine Freiheit von ihr nicht antasten zu lassen. Jene aber, über welche die Massenpsy­chose eines anderen Volkes wie eine furchtbare Katastrophe her­einbricht, mögen sich immer fragen, ob jenes Volk nicht durch Übeltäter ihrer eigenen Nation bis zum Weißglühen in Wut versetzt worden war. Völkerhaß ist jedenfalls immer von grau­envoller Ungerechtigkeit, menschenunwürdig und sinnlos. Setzt ihm das Segenswort des heiligen Paulus entgegen: „Der Herr.. . lenke eure Herzen in der Liebe Gottes und der Geduld Christi“ (2 Thess. 3, 5)24.

Es scheint nach manchen Äußerungen des Papstes, daß er die Friedenssehnsucht und Einigungsbereitschaft der Völker höher einschätzt, als die Fähigkeit der Politiker sie in Taten auszu­drücken (vgl. auch S. 85). Zwar sind diese Gefühle der Völker häufig unartikuliert, aber es ist die Aufgabe der Menschen guten Willens, diese öffentliche Meinung nicht nur zu beleben, sondern sie auch auf konkrete Ziele hinzulenken. Das gilt auch für die klarsehenden Politiker; sie sind freilich oft dadurch behindert, daß ihnen der Mut, aber auch die Autorität fehlt, ihren Völkern die für die größere Gemeinschaft notwendigen Verzichte und Opfer aufzuerlegen. Viele Politiker leben zudem von den schar­fen Gegensätzen innerhalb ihrer Völker, indem sie die angeb­lichen Interessen der einen Gruppe gegen die der anderen aus­spielen, statt, wie es die echte Autorität tut, für ihren Ausgleich und ihre Ordnung zu sorgen. Die Bewältigung der Selbstsucht der inneren Interessengruppen ist aber die Voraussetzung auch für die Bewältigung der nationalen Selbstsucht. Wahre Ordnung und echte Autorität innerhalb der Staaten ist also auch eine Vor­bedingung Europas.

Es bleibt Uns übrig zu fragen, von woher der dringendste Ruf nach der europäischen Einheit kommt? Er kommt von den Men­schen, die aufrichtig den Frieden lieben, von den Menschen der Ordnung und der Ruhe, den Menschen, die — zum mindesten nach Intention und Willen — noch nicht entwurzelt sind und in einem ehrsamen und glücklichen Familienleben den ersten Ge­genstand ihres Denkens und ihrer Freude finden. Diese werden das Gebäude des Vereinten Europa auf ihren Schultern tragen. Solange man ihrem Ruf das Ohr verschließt, wird man nichts Dauerhaftes, nichts, das den gegenwärtigen Krisen gewachsen ist, bauen können25.

Diese heute noch zu undeutlichen Gefühle [der Verständi­gungsbereitschaft und Solidarität] gilt es zu beleben, sie bei al­len Gelegenheiten zu klären, sie in der Masse zu verbreiten und ihnen zu ermöglichen, sich in Gesten auszudrücken, die denen gleichwertig sind, die wir kürzlich bewundert haben [gemeint sind Unwetterkatastrophen, bei denen aus einem spontanen So­lidaritätsgefühl den betroffenen Völkern reiche Hilfe aus vielen Ländern zuteil wurde]26.

Wenn im inneren Leben der Völker keine Ordnung herrscht, ist es vergeblich, die Einigung Europas und die Sicherheit des Friedens für die Welt zu erwarten. In einer Zeit wie der unsern, in der die Irrtümer sich leicht in Katastrophen verwandeln, kann ein christlicher Politiker nicht — und heute weniger denn je — die inneren sozialen Spannungen steigern, indem er sie dramatisiert, indem er übersieht, was positiv ist, und die rich­tige Erkenntnis dessen, was vernünftigerweise möglich ist, verlo­ren gehen läßt. Von ihm wird Zähigkeit in der Verwirklichung der christlichen Soziallehre verlangt27.

Müssen Wir noch beweisen, daß die Schwäche der Autorität die Stärke eines Landes schwerer bedroht als alle anderen Schwie­rigkeiten und daß die Schwäche eines Landes eine Schwächung Europas nach sich zieht und den allgemeinen Frieden gefährdet?

Daher muß der irrigen Auffassung entgegengetreten werden, als ob die rechte Vormacht der Autorität und der Gesetze not­wendigerweise der Tyrannei den Weg öffne. Wir selber haben vor einigen Jahren bei der gleichen Gelegenheit [24.Dez.1944], als Wir von der Demokratie sprachen, festgestellt, daß in einem demokratischen Staat ebenso wie in jedem wohlgeordneten an­deren Staat die Autorität eine echte und wirksame sein müsse. Zweifellos will die Demokratie das Ideal der Freiheit verwirk­lichen; aber ideal ist nur jene Freiheit, die sich von jeder Zügel­losigkeit fernhält, jene Freiheit, die mit dem Bewußtsein des eigenen Rechts die Ehrfurcht vor der Freiheit, der Würde und dem Recht der andern verbindet und die sich ihrer Verantwor­tung gegenüber dem Gemeinwohl bewußt ist. Natürlich kann diese echte Demokratie nur in einer Atmosphäre der Ehrfurcht vor Gott und der Beobachtung seiner Gebote wie der christ­lichen Einigkeit und Brüderlichkeit leben und gedeihen28.

Die zweite der oben aufgeführten Aufgaben des „Zwischen­stadiums“ ist die Errichtung gemeinschaftlicher Institutionen zur Vorbereitung der europäischen Gemeinschaft. Ihre Krönung wäre die Errichtung einer übergeordneten »europäischen politischen Autorität“ mit echter Gesetzesgebungs- und Exekutivgewalt. Der Papst beurteilt die schon vorhandenenen Einrichtungen un­ter dem Gesichtspunkt, wie weit sie in ihrer Verfassung auf dies Ziel zugehen oder von ihm abweichen. Dabei kann er auch scharfe Worte der Ablehnung und Warnung äußern, wie die dritte der folgenden Äußerungen zeigt, die das Scheitern der EVG und die an ihre Stelle gesetzten Ersatzlösungen betrifft.

Sie wissen, wie angelegentlich Wir die Fortschritte der euro­päischen Idee und alle konkreten Bemühungen verfolgen, die darauf gerichtet sind, sie noch tiefer eindringen zu lassen in die Geister und je nach den aktuellen Möglichkeiten die Verwirk­lichung einzuleiten. Mag ihr Weg auch ein Wechsel von Erfolgen und Rückschlägen sein, so hat sie doch in diesen letzten Jahren viel an Boden gewonnen. Solange aber die europäische Idee sich nicht wirklich in gemeinsamen Institutionen verkörperte, die mit eigener Autorität ausgestattet und in einem gewissen Maße von den nationalen Regierungen unabhängig sind, handelte es sich zwar ohne Zweifel um ein sehr schönes, aber dennoch mehr oder minder unerreichbares Ideal29.

Der entscheidende Punkt, von dem die Konstituierung einer „Gemeinschaft“ im eigentlichen Sinne abhängt, ist die Begrün­dung einer europäischen politischen Autorität, die wirkliche Gewalt besitzt und sich ihrer Verantwortung gemäß einsetzt. Unter diesem Gesichtspunkt stellt die Exekutive der Europäi­schen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) einen Rückschritt dar im Vergleich zur Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, bei der die Hohe Behörde relativ umfassende Vollmachten hat und nicht vom Ministerrat abhängig ist, außer in gewissen genau bestimmten Fällen. Unter den Aufgaben, die Sie jetzt er­warten, steht im Vordergrund die Ratifikation der vorgenann­ten, am 25. März zu Rom unterzeichneten Verträge durch die verschiedenen Parlamente; ferner werden Sie die Mittel zu fin­den haben, um für eine Stärkung der Exekutive in den beste­henden Gemeinschaften zu sorgen und damit die Konstituierung eines einheitlichen politischen Organismus ins Auge zu fassen30.

Die jüngsten Vereinbarungen, von denen man hofft, daß sie den Weg zum kalten Frieden öffnen, haben den Leitgedanken einer umfassenderen Einigung Europas nicht mehr zur Grund­lage. Viele glauben in der Tat, daß die hohe Politik daran sei, zum Typ des Nationalstaates zurückzukehren, der, geschlossen in sich selbst, die Kräfte in sich zusammenballend, unruhig wech­selnd in der Wahl seiner Bündnisse, ebenso schädlich wäre wie der im vergangenen Jahrhundert herrschende Typ31.

Sie haben auch die Frage einer gemeinsamen Außenpolitik studiert und zu diesem Punkte festgestellt, daß er, um anwend­bar zu sein und glückliche Resultate zu schaffen, nicht notwen­digerweise zur Voraussetzung hat, daß die wirtschaftliche Inte­gration als bereits vollendete Tatsache im voraus besteht. Eine gemeinsame europäische Außenpolitik, die durchaus gewisse Differenzierungen einschließen kann, je nachdem sie im Kader der oder jener internationalen Organisation erfolgt, gründet sich ebenso auf das Bewußtsein gemeinsamer wirtschaftlicher, als auch gemeinsamer geistiger und kultureller Interessen. Sie wird unerläßlich in einer Welt, die sich in mehr oder minder kompakte Blöcke zu gruppieren neigt. Glücklicherweise fehlen auch die Ansatzpunkte nicht, um sie in den bestehenden europäischen Institutionen ins Werk zu setzen, aber sie bedarf noch eines wirksamen Instruments der Ausarbeitung und Anwendung32.

1952 haben die Parlamente der sechs Länder Westeuropas die Bildung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl der Montanunion gebilligt, deren Ergebnisse sich gegenwärtig ermutigend auf wirtschaftlicher und sozialer Ebene auswirken. Die Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG), die auf mi­litärischer und politischer Ebene die Bemühungen zur Einheit verbürgen sollte, stieß hingegen auf lebhafte Widerstände, die sie zum Scheitern brachten. Damals dachten viele, die früheren Hoffnungen, zur Einigung zu gelangen, würden lange Zeit bis zu ihrer Wiedergeburt brauchen. Auf jeden Fall war der Augen­blick, das Problem einer übernationalen Gemeinschaft offen in ganzer Breite anzugehen, noch nicht gekommen, und man mußte sich neu auf die Formel der Westeuropäischen Union (WEU) einigen, die außer dem militärischen Beistand eine Förderung der Zusammenarbeit auf sozialem, kulturellem und wirtschaft­lichem Gebiet zur Aufgabe stellte. Aber solange sie nach dem Prinzip der Mehrheitsentscheidung im Ministerrat darin Be­schränkungen von außen unterliegt und die Versammlung nicht in der Lage ist, ihren Willen durchzusetzen und die parlamen­tarische Kontrolle auszuüben, wird man sie nicht als tragfähiges Fundament für den Aufbau einer wahren Staatengemeinschaft betrachten können. Seit Frühjahr 1955 begann sich das, was man den zweiten europäischen Anlauf genannt hat, zu entwickeln, und es kam am 25. März 1957 zur Unterzeichnung der Verträge der Euratomgemeinschaft und des gemeinsamen Euro­päischen Marktes. Mag diese neue Gemeinschaft auch auf den wirtschaftlichen Bereich beschränkt sein, so kann sie doch, ge­rade durch den Umfang dieses Aufgabengebietes selbst, zur Fe­stigung des Bewußtseins der gemeinsamen Interessen zwischen den Mitgliedstaaten führen; zunächst allein auf materieller Ebene ganz gewiß, wenn aber der Erfolg den Erwartungen ent­spricht, wird sie sich in der Folge auch auf die Bereiche der mehr geistigen und moralischen Werte ausdehnen können33.

Es geht aus allen diesen Texten schon hervor, daß der Papst, wie in der Einleitung zu diesem Abschnitt schon gesagt wurde, Europa eine entscheidende Rolle in dem Ringen der Welt um eine neue Ordnung zuerkennt und weit entfernt von jedem Europapessimismus ist. Man muß allerdings beachten, daß alle seine Aussagen ein „wenn“ enthalten: sie gelten nur, wenn Europa sich selbst wiederfindet, wenn es seine Seele, den christ­lichen Glauben, nicht nur bewahrt, sondern zu neuem Leber erweckt, wenn es seine Idee glaubwürdig darlebt, wenn es seine alten Fehler, vor allem den Nationalismus — und im Ver­hältnis zur farbigen Welt den Kolonialismus — überwindet, wenn es nicht seiner vergangenen Größe nachtrauert, nicht müde und resigniert die Hände in den Schoß legt, sich nicht selbst aufgibt, sondern im Bewußtsein der Aufgaben, die es in der Welt hat, die neue Gestalt seiner Geschichte errichtet.

… die Katastrophe ohnegleichen, die wir gerade hinter uns haben, hat nicht nur unsere Kultur ins Wanken gebracht, son­dern auch bis zu den entferntesten der überseeischen Völker eine Erschütterung, eine Gärung getragen, deren Folgen unabsehbar sind. Viele sind zur Unabhängigkeit erwacht. Durch ihre Teil­nahme am zweiten Weltkrieg sind sie sich ihrer Möglichkeiten bewußt geworden. Aber dieser Durst nach Selbständigkeit, oft von Gewalttaten begleitet, ist nicht ungefährlich, wenn man den gleichzeitigen Schwächezustand bedenkt, in dem sich heute die Staaten des Abendlandes befinden, denen ihr Rang und ihre Berufung als Verkünder des Evangeliums die Aufgabe einer äl­teren Schwester gegenüber den Kontinenten, die noch „im Dun­kel und im Todesschatten sitzen“, auferlegt hatte. Wer sollte nicht fürchten, daß diese Umstände eine Gleichgewichtsstörung beschleunigen könnten, unter der die gesamte Welt auf lange Zeit zu leiden haben würde? Daß Entwicklungen nötig sind, wird gewiß niemand bestreiten. Aber wie sehr muß man wün­schen, daß sie sich in Ordnung, Gerechtigkeit, gegenseitigem Verständnis, kurz in Liebe vollziehen?

Gewiß ist niemals die Rede gewesen von Uniformierung und Nivellierung zwischen verschiedenen Kulturen, wie der Brief des Heiligen Stuhls an die 28. Soziale Woche von Versailles mit Recht betont hat: Die Geschichte, so hieß es dort, beweist, wie sehr die Kirche stets ihre unterscheidenden Merkmale, ihre be­sonderen legitimen Beiträge respektiert hat. Vielleicht nötigen die neuen Verhältnisse, unter welchen sich heute der abendlän­dische Einfluß auf die in voller Gärung befindlichen überseei­schen Völker auswirken muß, die verantwortlichen Stellen erst recht, ihre ethnischen Besonderheiten zu beachten und viel mehr, als eine oft von selbstsüchtigen materiellen Interessen geleitete Kolonisation es getan hat, das Verlangen der Eingeborenen nach gerechtem sozialem Fortschritt, der ja auch durch die Würde der menschlichen Person gefordert ist, in Rechnung zu stellen34.

Dies alte Europa, Mittelpunkt und Wiege der Katholizität, hat, so dürfen wir wohl hoffen, noch nicht aufgehört, eine her­vorragende Rolle beim Entstehen einer brüderlich nach den ewig gültigen Normen des Evangeliums erneuerten Welt zu spielen. Aber dazu müssen wir von den Lehren der Ereignisse profitieren und uns entschlossen zu den rettenden Tugenden des Christentums bekennen, die allein imstande sind, einen dauer­haften Sieg über die materialistischen Lehren zu erringen, deren Drohung heute so schwer auf der Welt lastet …35

Auf jeden Fall: das, was bleiben muß und zweifellos bleiben wird, ist das echte Europa, die Fülle der geistig-sittlichen und kulturellen Werte, die das Abendland aufgehäuft hat, aus den Reichtümern seiner einzelnen Nationen schöpfend, um sie der ganzen Welt auszuteilen. Europa wird nach den Fügungen der göttlichen Vorsehung auch noch weiterhin Hort und Spender dieser Werte sein können, wenn es versteht, sich auf sein eigenes geistiges Wesen zurückzubesinnen und der Vergötzung der Macht abzuschwören. Wie in der Vergangenheit die Quellen sei­ner Kraft und seiner Kultur im höchsten Grade christlich wa­ren, so muß es sich zur Rückkehr zu Gott und den christlichen Idealen entschließen, wenn es Grundlage und Band seiner Ein­heit und seiner wahren Größe wiederfinden will. Und wenn jene Quellen teilweise vertrocknet zu sein scheinen, wenn jenes Band zu zerreißen und das Fundament seiner Einheit zu zerbrechen droht, so fällt die geschichtliche oder gegenwärtige Ver­antwortung auf beide Parteien, die sich heute in angstvoller gegenseitiger Furcht gegenüberstehen36.

Europa allerdings müssen jene Völker [Asiens und Afrikas] das Verdienst ihres Fortschritts zuerkennen; Europa, ohne des­sen auf allen Gebieten wirksamen Einfluß sie von einem blin­den Nationalismus in einen Abgrund von Sklaverei und Chaos hinabgerissen werden können37.

Es scheint Uns notwendig, daß Europa in Afrika die Mög­lichkeit behält, seinen erzieherischen und bildenden Einfluß aus­zuüben, und daß es auf der Grundlage dieser Tätigkeit eine aus­gebreitete und verständnisvolle materielle Hilfe entfaltet, die dazu beitragen kann, den Lebensstandard der afrikanischen Völker zu heben und die natürlichen Reichtümer dieses Konti­nents zu erschließen. So wird es beweisen, daß sein Wille, eine Staatengemeinschaft zu gründen, kein egoistisches Sichabschlie­ßen bedeutet, daß er nicht aus einem Verteidigungstrieb gegen äußere Mächte hervorgeht, die seine Interessen bedrohen, son­dern vor allem aus konstruktiven und selbstlosen Gründen38.

Die Völker des Abendlandes und insbesondere Europas dür­fen in dem Komplex der angedeuteten Fragen nicht passiv in unnützem Der-Vergangenheit-Nachweinen oder im gegenseiti­gen Vorwurf von Kolonialismus verharren. Sie müßten sich statt dessen konstruktiv ans Werk machen, um dorthin, wo es noch nicht geschehen ist, die echten Werte Europas und des We­stens zu tragen, die in anderen Kontinenten so viele gute Früchte hervorgebracht haben. Je mehr sie nur auf dies bedacht sein werden, um so mehr werden sie den jungen Völkern eine Hilfe zu echter Freiheit sein39.

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VIII

1 Ansprache vom 24. 12. 1940 an das Kardinals16llegium (Weih­nachtsbotschaft 1940); U.-G. Nr. 3582, S. 1832.

2 Rundfunkansprache vom 24..12. 1953 (Weihnachtsbotschaft 1953); HK 8. Jhg., S. 171 f.; U.-G, Nr. 674, S. 318.

3 Rundfunkansprache vom 23. 12. 1956 (Weihnachtsbotschaft 1956); HK 11. Jhg., S. 178.

4 Ansprache vom 15. 3. 1953 an Professoren und Studenten des Europa-Kollegs von Brügge; HK 7. Jhg., S. 312; U.-G. Nr. 3896, 3897, S. 2004.

5 Ansprache zum 1. Mai 1953 an italienische Arbeiter; HK 7. Jhg., S. 408 f.; U.-G. Nr. 721, 722, S. 339 f.

6 wie 4; HK 7. Jhg., S. 311; U.-G. Nr. 3890, S. 2002.

7 wie 4; HK 7. Jhg., S. 311; U.-G. Nr. 3891, 3892, 3893, S. 2002 f.

8 Ansprache vom 13. 9. 1952 an Mitglieder der Pax-Christi“-Bewe­gung; HK 7. Jhg., S. 76; U.-G. Nr. 3875, S. 1995.

9 Weihnachtsbotschaft 1954 (wegen der Krankheit des Papstes ver­öffentlicht am 3. 1. 1955 im „Osservatore Romano“); HK 9. Jhg., S. 215.

10 wie 4; HK 7. Jhg., S. 311; U.-G. Nr. 3888, S. 2001.

11 wie 4; HK 7. Jhg., S. 312; U.-G. Nr. 3898, S. 2005.

12 Ansprache vom 11. 11. 1948 an Teilnehmer des 2. Internationalen Kongresses der Europäischen Union der Föderalisten; HK 3. Jhg., 167; U.-G. Nr. 3868, S. 1990.

13 Ansprache vom 9. 3. 1956 an Mitglieder der Internationalen Ver­einigung der Institute für Archäologie, Geschichte und Kunstge­schichte in Rom; HK 10. Jhg., S. 351.

14 wie 12; HK 3, Jhg., S. 167; U.-G. Nr. 3866, S. 1990.

15 Ansprache vom 13. 6. 1957 an Teilnehmer des Europa-Kongresses; HK 11. Jhg., S. 522.

16 wie 12; HK 7. Jhg., S. 167; U.-G. Nr. 3864, S. 1989.

17 wie 9; HK 9. Jhg., S. 215.

18 wie 9; HK 9. Jhg., S. 215.

19 wie 3; HK 11. Jhg., S. 178.

20 wie 8; HK 7. Jhg., S. 76; U.-G. Nr. 3877, S. 1996.

21 wie 12; HK. 3. Jhg., S. 167; U.-G. Nr. 3861, S. 1988.

22 wie 12; HK 3. Jhg., S. 167; U.-G. Nr. 3862, S. 1989.

23 wie 8; HK 7. Jhg., S. 76 f.; U.-G. Nr. 3878, S. 1996.

24 wie 8; HK 7. Jhg., S. 77; U.-G. Nr. 3879, S. 1996 f.

25 wie 12; HK 3. Jhg., S. 167; U.-G. Nr. 3870, S. 1999.

26 wie 4; HK 7. Jhg., S. 312; U.-G. Nr. 3895, S. 2004.

27 wie 2; HK 8. Jhg., S. 172; U.-G. Nr. 675, S. 314.

28 wie 2; HK 8. Jhg., S. 172; U.-G. Nr. 676, S. 314.

29 wie 15; HK 11. Jhg., S. 521.

30 wie 15; HK 11. Jhg., S. 521.

31 wie 9; HK 9. Jhg., S. 215.

32 wie 15; HK 11. Jhg., S. 522.

33 wie 15; HK 11.6Jhg., S. 521.

34 Brief vom 19. 7. 1948 des Unterstaatssekretärs Msgr. Montini im Namen des Hl. Vaters an die Sozialen Wochen von Frankreich; HK 2. Jhg., S. 563.

35 ebd.; HK 2. Jhg., S. 564

36 wie 9; HK 9. Jhg., S. 216.

37 Rundfunkansprache vom 24. 12. 1955 (Weihnachtsbotschaft 1955); HK 10. Jhg., S. 180.

38 wie 15; HK 11. Jhg., S. 522.

39 wie 37; HK 10. Jhg., S. 180.

Papst Franziskus an das EU-Parlament: Hoffnung und Zuversicht für Europa

Europa kann sich die eigenen religiösen Wurzeln zunutze machen, kann Mut gewinnen trotz Misstrauen und nachlassender Begeisterung für die europäische Idee. Das war die Botschaft, die Papst Franziskus an diesem Dienstag den Mitgliedern des Europaparlamentes, der demokratischen Vertretung der Europäischen Union, vortrug. Es war die erste von zwei Reden, die der Papst in Straßburg hielt. Der Papst begann mit einem weiten Blick: Er setzte Europa in die Perspektive einer Welt,…

„…die immer stärker vernetzt und global und daher auch immer weniger ,eurozentrisch‘ ist. Einer ausgedehnteren, einflussreicheren Union scheint sich jedoch das Bild eines etwas gealterten und erdrückten Europas zuzugesellen, das dazu neigt, sich in einem Kontext, der es oft nüchtern, misstrauisch und manchmal sogar argwöhnisch betrachtet, weniger als Protagonist zu fühlen.“

Das müde Europa – ein Gedanke, den Papst Franziskus schon mehrfach geäußert hat und der in seiner Rede in verschiedenen Formen wieder kehrte, etwa in der Klage über das mangelnde Vertrauen der Bürger in Europas Institutionen. Franziskus sprach aber ganz und gar nicht moralisch oder überheblich, er wolle als Hirte eine „Botschaft der Hoffnung und der Ermutigung“ an die versammelten Parlamentarier richten, so der Papst, basierend auf der Fähigkeit, „gemeinsam zu arbeiten, um die Teilungen zu überwinden und den Frieden und die Gemeinschaft unter allen Völkern des Kontinents zu fördern.“

Bei der Gründung der EU habe der Mensch im Mittelpunkt gestanden, nicht als wirtschaftliches Subjekt, sondern als eine mit Würde, ja transzendenter Würde begabte Person. Der Papst würdigte, was sich in Europa daraus entwickelt habe:

„Heute spielt die Förderung der Menschenrechte eine zentrale Rolle im Engagement der Europäischen Union, mit dem Ziel, die Würde der Person zu stützen, sowohl innerhalb Europas als auch in der Beziehung zu den anderen Ländern. Es handelt sich um ein wichtiges und bewundernswertes Engagement, denn es bestehen immer noch zu viele Situationen, in denen Menschen wie Objekte behandelt werden, deren Empfängnis, Gestaltung und Brauchbarkeit man programmieren und sie dann wegwerfen kann, wenn sie nicht mehr nützlich sind, weil sie schwach, krank oder alt geworden sind.“

Die Würde des Menschen zu fördern bedeute anzuerkennen, dass er unveräußerliche Rechte besitze, deren er nicht nach Belieben und noch weniger zugunsten wirtschaftlicher Interessen von irgendjemandem beraubt werden könne, so der Papst. Deswegen widmete er auch eine Passage dem Verständnis dieser Menschenrechte: Darunter seien nicht nur die individuellen Rechte zu verstehen, die sozialen Kontexte seien ebenfalls zu berücksichtigen. Später in seiner Rede führte der Papst auch den Umweltschutz an und generell eine „Ökologie des Menschen“, einen Begriff von Papst Benedikt XVI. aufgreifend.

„Ich meine daher, dass es überaus wichtig ist, heute eine Kultur der Menschenrechte zu vertiefen, die weise die individuelle, oder besser die persönliche Dimension mit der des Gemeinwohls – mit jenem ,Wir alle‘, das aus Einzelnen, Familien und kleineren Gruppen gebildet wird, die sich zu einer sozialen Gemeinschaft zusammenschließen – zu verbinden versteht. Wenn nämlich das Recht eines jeden nicht harmonisch auf das größere Wohl hin ausgerichtet ist, wird es schließlich als unbegrenzt aufgefasst und damit zur Quelle von Konflikten und Gewalt.“

Dieser positiven Sicht des Projekts „Europäische Union“ entgegen stehe ein nachlassendes Vertrauen der Bevölkerung. Das Misstrauen gegenüber Europa sei – besonders in Zeiten der Krise – gewachsen, man sehe nur noch lebensfremde Regeln, nicht mehr die Ideale. Der Papst nannte hier auch den Überfluss und den Primat technischer und wirtschaftlicher Fragen: Der Mensch sei in Gefahr, zu einem Konsumgut herabgewürdigt zu werden oder nach Zweck und Nützlichkeit bewertet zu werden. Franziskus sprach die Wegwerf-Kultur an, den Konsumismus, der die Gesellschaft zu sehr präge.

Wie kann man also der Zukunft wieder Hoffnung verleihen, fragte der Papst – mit diesem Anliegen war er ja nach Straßburg gekommen.

„Um diese Frage zu beantworten, gestatten Sie mir, auf ein Bild zurückzugreifen. Eine der berühmtesten Fresken Raffaels im Vatikan stellt die sogenannte Schule von Athen dar. In ihrem Mittelpunkt stehen Platon und Aristoteles. Der erste deutet mit dem Finger nach oben, zur Welt der Ideen, zum Himmel, könnten wir sagen; der zweite streckt die Hand nach vorne, auf den Betrachter zu, zur Erde, der konkreten Wirklichkeit. Das scheint mir ein Bild zu sein, das Europa und seine Geschichte gut beschreibt, die aus der fortwährenden Begegnung zwischen Himmel und Erde besteht (…) Die Zukunft Europas hängt von der Wiederentdeckung der lebendigen und untrennbaren Verknüpfung dieser beiden Elemente ab. Ein Europa, das nicht mehr fähig ist, sich der transzendenten Dimension des Lebens zu öffnen, ist ein Europa, das in Gefahr gerät, allmählich seine Seele zu verlieren und auch jenen ,humanistischen Geist‘, den es doch liebt und verteidigt.“

Papst Franziskus stellte klar, dass er damit nicht die Laizität der Staaten in Frage stellen wolle oder die Unabhängigkeit der Einrichtungen Europas. Er verwies auf die Bereitschaft der Kirche, einen „gewinnbringenden, offenen und transparenten Dialog“ mit der Europäischen Union zu pflegen.

„Ebenso bin ich überzeugt, dass ein Europa, das fähig ist, sich die eigenen religiösen Wurzeln zunutze zu machen, indem es ihren Reichtum und ihre inneren Möglichkeiten zu ergreifen versteht, auch leichter immun sein kann gegen die vielen Extremismen, die sich in der heutigen Welt verbreiten – auch aufgrund des großen ideellen Vakuums, das wir im sogenannten Westen erleben, denn es ist gerade die Gottvergessenheit und nicht seine Verherrlichung, die Gewalt erzeugt.“

Neben diesen geistigen Grundlagen sprach der Papst auch die Idee an, welche die EU seit ihrer Gründung bewegt und die auch heute die politische Debatte über Größe, Wachstum und Entwicklung der Union prägt: Die Einheit.

„Das Motto der Europäischen Union ist Einheit in der Verschiedenheit, doch Einheit bedeutet nicht politische, wirtschaftliche, kulturelle oder gedankliche Uniformität. In Wirklichkeit lebt jede authentische Einheit vom Reichtum der Verschiedenheiten (…). In diesem Sinn meine ich, dass Europa eine Familie von Völkern ist, welche die Institutionen der Union als nah empfinden können, falls diese es verstehen, das ersehnte Ideal der Einheit weise mit der je verschiedenen Eigenart eines jeden zu verbinden, indem sie die einzelnen Traditionen zur Geltung bringen, sich der Geschichte und der Wurzeln dieses Kontinents bewusst werden und sich von vielen Manipulationen und Ängsten befreien. Den Menschen ins Zentrum zu setzen bedeutet vor allem zuzulassen, dass er frei sein eigenes Gesicht und seine eigene Kreativität ausdrückt, sowohl auf der Ebene des Einzelnen als auch auf der des Volkes.“

Solidarität miteinander und Subsidiarität – also das Belassen der Entscheidung auf der Ebene, die sie betrifft – seien Prinzipien Europas, die eine solche Einheit möglich machten, so Franziskus. Die Einheit in Verschiedenheit habe aber noch einen weiteren positiven Effekt: Sie diene dazu, die Demokratie lebendig zu halten.

„Es ist kein Geheimnis, dass eine vereinheitlichende Auffassung der Globalität der Vitalität des demokratischen Systems schadet, indem es dem reichen fruchtbaren und konstruktiven Gegensatz der Organisationen und der politischen Parteien untereinander seine Kraft nimmt. So läuft man Gefahr, im Reich der Idee, des bloßen Wortes, des Bildes, des Sophismus zu leben… und schließlich die Wirklichkeit der Demokratie mit einem neuen politischen Nominalismus zu verwechseln. Die Demokratie in Europa lebendig zu erhalten erfordert, viele ,Globalisierungsarten‘ zu vermeiden, die die Wirklichkeit verwässern: die engelhaften Purismen, die Totalitarismen des Relativen, die geschichtswidrigen Fundamentalismen, die Ethizismen ohne Güte, die Intellektualismen ohne Weisheit.“

Worte, die der Papstschrift Evangelii Gaudium entnommen sind und die dort für die Kirche, hier für die Gesellschaft Europas die Bedeutung der Dynamik betonen.

Papst Franziskus wurde in seiner Rede auch konkret: Er würdigte den „lobenswerten Einsatz zugunsten der Ökologie“ in Europa. Er sprach die Arbeitslosigkeit an, besonders mit Blick auf die Jugend. Es sei auch nicht tolerierbar, dass Nahrungsmittel weggeworfen würden, während Menschen hungerten. Der Papst verwies weiter auf die Wichtigkeit der Bildung und Erziehung und auf die Bedeutung der Familie als grundlegende Zelle der Gesellschaft. Die Aufnahme von Flüchtlingen sei eine weitere Herausforderung für Europa: Darauf habe er selbst mit seiner ersten Reise als Papst auf die Insel Lampedusa, wo es Auffanglager für Migranten gibt, sehr deutlich hingewiesen. Franziskus.

„Man kann nicht hinnehmen, dass das Mittelmeer zu einem großen Friedhof wird! Auf den Kähnen, die täglich an den europäischen Küsten landen, sind Männer und Frauen, die Aufnahme und Hilfe brauchen.“

Am Umgang mit diesem konkreten Problem werde ein politisches Problem der EU deutlich, führte der Papst aus:

„Das Fehlen gegenseitiger Unterstützung innerhalb der Europäischen Union läuft Gefahr, partikularistische Lösungen des Problems anzuregen, welche die Menschenwürde der Einwanderer nicht berücksichtigen und Sklavenarbeit sowie ständige soziale Spannungen begünstigen. Europa wird imstande sein, die mit der Einwanderung verbundenen Problemkreise zu bewältigen, wenn es versteht, in aller Klarheit die eigene kulturelle Identität vorzulegen und geeignete Gesetze in die Tat umzusetzen, die fähig sind, die Rechte der europäischen Bürger zu schützen und zugleich die Aufnahme der Migranten zu garantieren.“

Aussagen wie diese bezeichnen den Schwerpunkt der Ausführungen des Papstes: Es geht nicht nur um konkrete Probleme und auch nicht nur um grundsätzliche Überlegungen, die beiden Dimensionen gehören zusammen. Kulturelle Identität und die Hilfe für Flüchtlinge müssten gemeinsam bedacht werden. Immer wieder wurde in der Rede deutlich, wie der Papst seine „Botschaft der Hoffnung und der Ermutigung“ versteht: Den Blick auf die konkreten Probleme geheftet und zugleich mit einer Würdigung der Errungenschaften der EU. Nur die Verbindung beider führe zu Lösungen.

„Ihnen, verehrte Mitglieder des Parlaments, kommt als gesetzgebende Instanz die Aufgabe zu, die europäische Identität zu bewahren und wachsen zu lassen, damit die Bürger wieder Vertrauen in die Institutionen der Union und in den Plan des Friedens und der Freundschaft gewinnen, der das Fundament der Union ist.“

Europa habe es dringend nötig, sein Gesicht wieder zu entdecken, so der Papst, um in Frieden und Eintracht wachsen zu können.

„Es ist der Moment gekommen, den Gedanken eines verängstigten und in sich selbst verkrümmten Europas fallen zu lassen, um ein Europa zu erwecken und zu fördern, das ein Protagonist ist, ein Träger von Wissenschaft, Kunst, Musik, menschlichen Werten, und auch ein Träger des Glaubens. Das Europa, das den Himmel betrachtet und Ideale verfolgt; das Europa, das auf den Menschen schaut, ihn verteidigt und schützt; das Europa, das auf sicherem, festem Boden voranschreitet – ein kostbarer Bezugspunkt für die gesamte Menschheit!“

(rv 25.11.2014 ord)

Lesen Sie ferner:

Bewahrung der gewachsenen Kultur der europäischen Völker gegen Massenzuwanderung und Multikulturalismus

Ein neues 1968?

Von Wolfgang Dvorak-Stocker

Zum ersten Mal seit Jahrzehnten hat es in Wien eine große Demonstration „von rechts“ gegeben. Die Identitäre Bewegung lud zum Marsch für die Bewahrung der gewachsenen Kultur der europäischen Völker gegen Massenzuwanderung und Multikulturalismus ein. Nicht nur aus Deutschland, auch aus Frankreich und Tschechien kamen kleine Gruppen angereist, um die – zu 90 % jugendlichen – Demonstranten aus Wien zu unterstützen. „Null Prozent Rassismus, 100 Prozent Identität“ lautet das Motto der Identitären Bewegung. Nicht Angst vor dem Fremden oder Abneigung dagegen, sondern Liebe zum Eigenen und der Einsatz für dessen Erhalt zeichnet diese europäische Jugendbewegung aus. Den gewalttätigen Angriffen der Antifa wurde mutig widerstanden, wobei sich die Polizei tadellos verhielt.

Der Wiener Polizeipräsident Gerhard Pürstl hat diesbezüglich in einem Gastkommentar für die Zeitung „Die Presse“ (3. Juni 2014) Stellung genommen und klar gesagt: „Die Polizei muß alle Menschen vor Angriffen Andersdenkender beschützen – gleichgültig, ob deren Meinung als rechts oder links, weit oder eng eingestuft wird, so lange sie sich im Bereich des rechtlich Zulässigen bewegt. … Ich werde als Polizeipräsident auch künftig nicht dem Druck einzelner Gruppen nachgeben.“ Der Rechtsstaat ist in Österreich also immer noch ein gutes Stück mehr intakt als in Deutschland. Und wenn Pürstl betont „mit der unkritischen Weitergabe von Unwahrheiten … wird die Sache einiger weniger Gewalttäter gefördert …“, dann war dies auch an die Adresse des Wiener Bürgermeisters Häupl gerichtet, der die Identitären als „neofaschistische Organisation, die eigentlich völlig klar unter das Verbotsgesetz fällt“ bezeichnet und behauptet hatte: „Diese Demo hätte gar nicht stattfinden dürfen.“ Damit hat sich Häupl über den Befund des Bundesamtes für Verfassungsschutz hinweggesetzt, das klargestellt hat, daß die Identitäre Bewegung weder mit dem Strafrecht, noch mit dem Verbotsgesetz auch nur in Berührung gekommen ist. Und Häupl hat seine verleumderische Behauptung offenbar nicht in Unkenntnis, sondern in bewußter Verdrehung der Tatsachen getätigt, hat er sie doch bis heute nicht zurückgenommen. Damit macht er gemeinsame Sache mit einer Gruppierung wie NOWKR, die aus dem Widerstand gegen den FPÖ-nahen Akademikerball hervorgegangen war und maßgeblich nicht nur gegen die Identitären, sondern auch gegen das Fest der Freiheit, das die Wiener Burschenschaften am 4. Juni organisierten, auftrat. Bei einer Kundgebung vor der Universität Wien machte ein Sprecher von NOWKR die ideologische Position dieser Gruppe unmißverständlich klar: „Die Freiheit, die wir meinen, heißt Kommunismus!“ Die Antwort der Burschenschaften war ebenso klar: „Die Freiheit, die wir meinen, heißt Demokratie!“, betonte ihr Sprecher am folgenden Tag.

Die Fronten könnten deutlicher nicht sein. Die Methoden sind es auch: Auf der einen Seite Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen, Demonstrationen und – im Falle der Identitären – Aktivismus auf der Straße, in der Universität und nach dem Muster der 68er Bewegung auch bei Veranstaltungen des politischen Feindes, immer jedoch auf friedliche Weise. Auf der anderen Seite tätliche Angriffe, Ausschreitungen, Gewalttaten und Bedrohung aller Andersdenkender. Nur die physische Vernichtung des Gegners durch Genickschuß und Gulaghaft kann der linke Mob, wohl zu seinem Bedauern, zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht in die Tat umsetzen. Es ist aber schon vorgekommen, daß einzelne Aktivisten der Identitären nach Brandmarkung ihrer Namen und Gesichter im Internet auf offener Straße attackiert wurden und zwar nicht nach einer eigenen Veranstaltung, sondern irgendwo bei durchaus privaten Aktivitäten. Und in Graz haben zwei Funktionäre der kommunistischen Partei ein Lokal, in dem die Identitären ihr Sommerfest halten wollten, mehrfach besucht, um die Eigentümer unter Druck zu setzen, denen sogar ein „Entglasen“ ihres Gasthauses angedroht wurde. In Wien wiederum wurde eine Kneipe, die einmal als Treffpunkt diente, mit Parolen beschmiert. Beides sind nicht „rechte Szenelokale“, sondern harmlose Gaststätten, die Gästen aller Art offen stehen.

Das politische Establishment der 68er und ihre gewalttätigen Kettenhunde der Antifa haben, man merkt es, Angst. So aktiv wie zur Zeit in Österreich waren rechte Jugendbewegungen jedenfalls schon lange nicht mehr. Und die Ergebnisse der Europawahlen haben in vielen Ländern gezeigt, daß der gesamtgesellschaftliche Zug nunmehr in eine andere Richtung fährt. Von einem „68 von Rechts“ kann bisher freilich keine Rede sein. Dazu ist das Pflänzchen des identitären Widerstands noch zu zart. Der Versuch, es mit aller zur Verfügung stehenden Brutalität auszutilgen, ist allerdings gescheitert. Die Identitäre Bewegung in Österreich hat durch die Ereignisse der letzten Wochen jedenfalls reichlich neuen Zulauf bekommen. Auch der Sohn eines österreichischen Staatssekretärs ist mit ihnen marschiert. Der Wind weht aus einer neuen Richtung. Vielleicht wird er zum Sturm.

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Quelle