Die Grenzen bleiben doch

ARCHIV – Ein Schild mit der Aufschrift «Staatsgrenze» steht am Grenzbahnhof in Bayerisch Eisenstein (Bayern) zwischen Deutschland und Tschechien, aufgenommen am 25.05.2016. Immer mehr tschechische Arbeitnehmer pendeln über die Grenze nach Deutschland zur Arbeit. (zu dpa «Immer mehr tschechische Arbeitnehmer in Bayern» vom 03.07.2017) Foto: Armin Weigel/dpa +++(c) dpa – Bildfunk+++ | Verwendung weltweit

Konturlosigkeit ist nur auf den ersten Blick ein Sieg der Freiheit über die Form, dahinter steht die gähnende Leere der Bedeutungslosigkeit. Eine Reflexion. Von Josef Bordat

Noch bevor die Grenze zum Urbegriff der Zivilisation werden konnte, weil sie Privateigentum und Staatlichkeit ermöglicht, ist sie ins Bewusstsein der menschlichen Natur gelangt: Mein und Dein, Unser und Euer, Wir und die Anderen, Leben und Tod. Das Bewusstsein der räumlichen und zeitlichen Begrenztheit führte zu Kulturtechniken des Umgangs mit Grenzen. Zugleich entsteht mit dem Menschsein die Religion, auch als Reaktion auf die Grenze. Dem Transzendenzbezug liegt Entgrenzungssehnsucht zugrunde. Sie prägt die Kulturgeschichte ebenso stark wie der Versuch, zwischen der Realität menschlicher Begrenztheit und dem Wunsch nach Entgrenzung zu vermitteln. Immer wieder neu. Auch heute.

Das Phänomen der Begrenztheit gehört zu den menschlichen Grunderfahrungen. Sieht man von den glücklichen Jahren einer unbeschwerten Kindheit ab, in denen das Empfinden einer Unendlichkeit in zeitlicher und räumlicher Dimension noch zum Alltag gehört, weiß der Mensch schon bald um seine Grenzen. Alles hat ein Ende, alles hat Grenzen. Grenzen sind universell. Es lohnt sich also, darüber nachzudenken. Grenzen des Lebens (Wo fängt es an? Wo hört es auf? Und: Wie sollte es zuende gehen?), Grenzen von Menschen und Menschengruppen, Grenzen zwischen Völkern.

Der Mensch in seiner Begrenztheit ist aufgerufen, Zeit und Raum aktiv zu gestalten. Er versucht seit jeher, die Grenzen immer weiter hinauszuschieben. Die Entdeckungsreisen der frühneuzeitlichen Seefahrer und die elektrifizierte 24-Stunden-Gesellschaft der Moderne sind zwei Seiten der einen Medaille: Grenzüberschreitung. Der Wille, Grenzen zu überschreiten, im Bewusstsein der menschlichen Begrenztheit, brachte Computer, Internet und Mobiltelefone hervor – Grenzenlosigkeit im Alltag.

Dabei wissen wir: Die Grenzen bleiben doch. Mehr noch: Der Mensch grenzt ganz bewusst ab (und aus) durch Definition, definiert sich über Grenzen, denkt in Grenzen. Sprachen bestimmen die Zugehörigkeit (Fachleute in den einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen erfinden sonderbare Wörter, um nicht von jedem auf Anhieb verstanden zu werden), Flüsse und Bergketten bestimmen die Siedlungsgebiete derer, die dazugehören. Das ist seit 5 000 Jahren so. Erst mit der Raumfahrt, die uns eine Globalperspektive des Planeten Erde ermöglicht hat, erst mit der bitteren Erfahrung von gewaltsamer Grenzüberschreitung in den Weltkriegen fangen wir an, grundsätzlicher zu fragen: Muss das so sein?

Wer Grenzen zieht, sichert sich ab. Bis hierhin und nicht weiter. Er schließt aus. Es gibt Grenzen, die unüberwindlich waren (die Berliner Mauer etwa) und Grenzen, die es nach wie vor sind, beispielsweise die zwischen Nord- und Südkorea. Es gibt willkürliche künstliche Grenzen (die Landesgrenzen in Nordafrika), es gibt natürliche Grenzen (die meisten Landesgrenzen in Europa).

Andere Grenzen verschwimmen: Mensch und Tier – wissen wir noch um den Unterschied? Mensch und Maschine – kennen wir noch die Differenz? Mann und Frau – war da was? Oder ist alles nur soziales Konstrukt? Alles nur ideologisch bösartige Abgrenzung zum Zweck der Unterdrückung? Wie dem auch sei: Es sind die „Grenzerfahrungen“ (Jaspers), die uns die fragilen Bedingungen unserer Existenz am deutlichsten vor Augen führen und damit den Menschen im weitesten Sinne religiös sein lassen. Hier ist der Mensch ganz auf sich zurückgeworfen – und findet nur noch Halt im Glauben an etwas, dass die Existenz übersteigt: an einen Sinn der Geschichte, an einen ordnenden Weltgeist, an Gott.

Wie gehen wir mit Grenzen und mit Grenzüberschreitungen um? In Zeiten, in denen über Genderideologie und „Ehe für alle“, Sterbehilfe und Flüchtlinge diskutiert wird, ist das keine akademische Frage. Die Antwort berührt den Alltag von Menschen, ganz konkret. So verschieden die Grenzen sind – die natürlichen, die künstlichen –, so klar ist, dass es immer um unser Selbstbild geht, das es zu schützen gilt: als Mann, als Mensch, als Deutscher (in meinem Fall). Grenzen braucht vor allem der Verunsicherte, der nicht mehr recht weiß, wer er ist. Und heute, in einer Epoche der umwerfenden Veränderungen, sind wir alle verunsichert – mehr oder weniger.

Als Christ muss ich zunächst eine Frage beantworten: Wie geht Jesus mit Grenzen um? Ganz klar: Er überschreitet sie! Jesus geht auf die Menschen zu, die jenseits der sozialen Grenzlinie stehen, sei es die Priesterschaft im Tempel, die sich auch räumlich abgrenzte, seien es die ausgegrenzten Gruppen, die Frauen, die Kinder, die Zöllner. Er überwindet die begrenzenden Mauern, die Menschen zwischen sich und Gott errichtet haben, oft genug im falschen Glauben daran, es handle sich um eine Brücke. Wir kennen die Effekte: Aus Samaritern werden dankbare und barmherzige Menschen. Aus Handwerkern und Fischern werden Prediger und Propheten. Aus verunsicherten Mädchen selbstbewusste Frauen wie Maria von Magdala, aus stolzen Pharisäern nachdenkliche Zweifler wie Nikodemus. Aus Tod entsteht Leben.

Gott entgrenzt. Gottes Liebe kennt gerade keine definierten raum-zeitlichen Gegebenheit, keine Grenzen, kein Bis-hierhin-und-nicht-weiter. Gott geht immer einen Schritt weiter, als es unsere begrenzte menschliche Vernunft erfassen könnte. Einschlägig ist hier die Stelle, an der die Pharisäer Jesus fragen, wer denn das sei: der Nächste, den sie lieben sollen (vgl. Lk 10, 29). Sie möchten von Jesus eine Definition hören, sie möchten hören: Der Nächste ist der, der diese und jene Eigenschaften hat. Und wer diese Eigenschaften nicht hat, ist nicht der Liebe wert. Jesus zerschlägt den (menschlich verständlichen) Wunsch nach Übersichtlichkeit und Ordnung. Er erzählt den grenzverliebten Gesetzeslehrern eine Liebesgeschichte voller Grenzüberschreitungen in Sachen Gewalt, Barmherzigkeit, Fürsorge (vgl. Lk 10, 30–37), an deren Ende es heißt, dass die Sorge des barmherzigen Samariters um den verletzten Nächsten so weit geht, dass er bereit ist, für ihn zu geben, was immer dieser braucht (vgl. Lk 10, 35) – über Budgetgrenzen hinweg: „quodcumque supererogaveris“.

Und doch zieht auch Jesus Grenzen: Er zieht damit Menschen vor (die, zu denen er gesandt ist, das Volk Israel) und schottet sich manchmal regelrecht ab, zieht sich zurück, geht in die Berge, die ihm räumliche Abgrenzung ermöglichen. Wir brauchen Grenzen – als Einzelne, als Gruppe, als Volk. Grenzen haben etwas Tröstliches, wie auch die Endlichkeit des Lebens uns Schmerz und Leid ertragen lässt. Wir brauchen Ordnung und eine Struktur mit Zugehörigkeit und Fremdheit.

Das wiederum darf jedoch nicht dazu führen, die Grenzziehungen als ewig gültige zu verstehen, sich hinter Stacheldraht zu verschanzen, weder tatsächlich noch emotional, sondern die Grenzen immer durchlässig zu halten, um für den Einzelfall, für die grenzüberschreitende Ausnahme gewappnet zu sein oder überhaupt ein Gespür für die Notwendigkeit von Grenzüberschreitungen entwickeln zu können. Wie Jesus. Er überschreitet Grenzen im Exempel. Das muss – wo es möglich ist – unsere Grenzpolitik bestimmen, im Umgang mit dem Anderen, auf welcher Ebene auch immer. Religion hilft, gerade im Hinblick auf die Entgrenzungseigenschaft des Transzendenzbezugs, die Begrenztheit des irdischen Daseins zu akzeptieren, einschließlich der Leistungs- und Wachstumsgrenzen. Religion hilft daher nicht nur, Grenzen im Blick auf das Jenseits zu überschreiten, sondern auch im Diesseits die Entgrenzung zu begrenzen. Auch das ist wichtig. Denn: Wir brauchen Grenzen. Und: Grenzen sind da, werden immer da sein. Auch, wenn Wissenschaft und Technik uns immer mehr ermöglichen, wenn die Evolution weiter voranschreitet, wenn Menschen in Zukunft zum Mars fliegen und die 100 Meter unter neun Sekunden laufen werden – es gibt Grenzen und es wird sie immer geben. Wir müssen lernen, unsere Grenzen zu akzeptieren, die Grenzen unserer Leistungsfähigkeit, die Grenzen des Wachstums. Mangelnde Anerkennung unserer prinzipiellen Begrenztheit hat Folgen: Wir landen beim Doping und bei der Zerstörung unserer natürlichen Umwelt. Das Wortfeld „Grenze“ kommt in Papst Franziskus‘ Enzyklika „Laudato si“ auffällig oft vor.

Schließlich: Auch Moral lebt von Grenzen. Es geht um Abgrenzung: gut und böse, erlaubt und verboten, richtig und falsch. Grenzen in der Moral zu verwischen, macht Begriffe unscharf und relativiert Grundeinsichten des Menschen. Die Debatte um die „Ehe für alle“ verdeutlicht dies. Die Unschärfe des Ehebegriffs in diesem willkürlichen Konstrukt hebt seine Bedeutung auf. Das Ignorieren natürlicher Grenzen löst die Gestalt des ehedem Wohldefinierten auf. Konturlosigkeit ist nur auf den ersten Blick ein Sieg der Freiheit über die Form, dahinter steht die gähnende Leere der Bedeutungslosigkeit. Andere Konzepte haben diese „Karriere“ bereits hinter sich: Liebe, Verantwortung, Freiheit. Je öfter sie herbeizitiert werden, desto seltener ist klar, wofür sie stehen. Es irritiert unsere Intuition von Sittlichkeit, wenn es plötzlich heißt, die Grenzen zwischen moralischem und amoralischem Handeln seien obsolet. Sie mögen in der Praxis fließend sein, doch umso wichtiger ist eine scharfe Grenzziehung in der Moraltheorie, in der Ethik. Und im Recht.

Wir müssen daher einerseits die Grenzziehungen begrenzen, aber auch die Grenzüberschreitungen. Ehe ist keine Lösung für alle, Migration ist kein Spiel ohne Grenzen. Auch, wenn es keinen Sinn hat, Mauern zu errichten und Grenzen gewaltsam zu schützen. Doch ist die Rede von Grenzenlosigkeit ein trügerisches Versprechen, wenn es zur politischen Utopie wird.

An eine solche grenzt das Menschenrecht auf Freizügigkeit und Migration mit den Komponenten Einwanderungs-, Niederlassungs- und Einbürgerungsrecht, das der Dominikaner Francisco de Vitoria, Vater der Rechtsschule von Salamanca, im 16. Jahrhundert entwickelt hat. Er hatte dabei freilich „seine“ Spanier im Blick, die sich in Lateinamerika niederlassen wollten – nicht umgekehrt. Vitoria geht dabei von dem naturrechtlichen Vernunftpostulat „communia sunt omnium“ aus, also von der unbestreitbaren Tatsache, dass zunächst alle Dinge allen gemeinsam waren, es jedem erlaubt gewesen sei, überall hinzugehen und sich überall niederzulassen. Vitoria schließt daraus, dass seitdem das ganze Menschengeschlecht eine Art universale Staatenrepublik bilde. Aus dieser Annahme, theologisch gestützt durch den Verweis auf das christliche Grundgebot der entgrenzten Liebe entsteht ein Migrationsrecht, dessen Prinzip es ist, dass „jedermann die von ihm angestrebten Regionen aufsuchen und dort so lange verweilen darf, wie es ihm beliebt“ (Vitoria).

Vitoria behauptet ferner, dass „kein Volk anderen Völkern den freien Handel verbieten und von der Benutzung der Meere, Häfen und Flüsse als Gemeingut des ganzen Menschengeschlechts ausschließen dürfe“. Er gesteht in seinem ius commercii den Spaniern Umgang mit und Beteiligung an gemeinschaftlich nutzbaren Dingen der Indios zu, wenn diese gleichfalls anderen Ausländern offenstünden. Ausdrücklich bezieht er hierbei die Nutzung kollektiver Naturschätze ein, die ohne Besitzer laut Völkerrecht ihrem Finder gehörten. Vitoria koppelt sein liberales Migrationsrecht also mit einem nicht minder liberalen Handelsrecht, das er aus einem allgemeinen Nutzungsrecht entwickelt. Ohne Ansehen der Nationen wird damit der freie Warenaustausch völkerrechtlich festgelegt. Vitorias Plädoyer für freie Migration, freie Nutzung der Ressourcen und freien Handel schließt die für uns heute entscheidende Überlegung mit ein, dass dies alles nicht zum Nachteil einer beteiligten Partei geschehen darf. So gelten die genannten Grundsätze nur, solange der Migrant die „Achtung des Gastrechts“ (Vitoria) nicht missbrauche, das heißt solange er in der Region seiner Wahl „keinen Schaden anrichtet und kein Unrecht begeht“ (Vitoria).

Grenzenlose Freiheit, schrankenlose Freizügigkeit ist eine schwärmerische, von daher besonders gefährliche Illusion des Anarchismus. Wir müssen uns beschränken, unsere Freiheit begrenzen. Es kann nur darum gehen, die richtige, weil vernünftige, sinnvolle, die Würde des Menschen achtende und schützende Begrenzung von Freiheit vorzunehmen. Aber Begrenzungen braucht es. Gerechtfertigte Grenzen. Unendlichkeit ist nur als religiöses Konzept sinnvoll. Im Glauben hat Grenzenlosigkeit einen legitimen Platz. Als Christen dürfen wir glauben, dass einst alle Grenzen von Raum und Zeit fallen, jede Schranke, jeder Schlagbaum, jede Trennung, jedes Ende. Zuvor gilt es, sinnvolle Grenzen zu ziehen und die Grenzüberschreitung nicht zur ungehemmten Entgrenzung geraten zu lassen.

_______

Quelle

Im Wortlaut: Franziskus an 27 EU- Staats- und Regierungschefs

Papst Franziskus bei seiner Ansprache an die EU-Spitzen im Vatikan, 24.03.2017

Radio Vatikan dokumentiert hier die Rede von Papst Franziskus an die Staats- und Regierungschefs von 27 EU-Ländern, gehalten am 24. März 2017 im Vatikan. Anlass der Begegnung ist der 60. Jahrestags der Unterzeichnung der Römischen Verträge.

Verehrte Gäste,

ich danke Ihnen für Ihre Anwesenheit heute Abend, am Vorabend des 60. Jahrestags der Unterzeichnung der Gründungsverträge der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und der Europäischen Atomgemeinschaft. Jedem möchte ich die Verbundenheit des Heiligen Stuhls mit Ihren jeweiligen Ländern und mit ganz Europa zum Ausdruck bringen, an dessen Geschick er durch Fügung der Vorsehung untrennbar gebunden ist. Mein besonderer Dank gilt dem Ministerpräsidenten der Republik Italien Paolo Gentiloni für die ehrerbietigen Worte, die er im Namen aller gesprochen hat, wie auch für die Bemühungen Italiens in der Vorbereitung dieses Treffens. Zudem danke ich dem Präsidenten des Europäischen Parlaments Antonio Tajani, der den Erwartungen der Völker der Europäischen Union bei diesem Anlass Ausdruck verliehen hat.

Sechzig Jahre später nach Rom zurückzukehren darf nicht bloß eine Reise in die Erinnerungen sein, sondern ist vielmehr das Verlangen, das lebendige Gedächtnis jenes Ereignisses wiederzuentdecken, um dessen Bedeutung in der Gegenwart zu verstehen. Man muss sich in die damaligen Herausforderungen hineinversetzen, um sich denen von heute und von morgen stellen zu können. Die Bibel bietet uns mit ihren an Bezügen reichen Erzählungen eine wesentliche pädagogische Methode: Man kann die Zeit, in der wir leben, nicht ohne die Vergangenheit begreifen, die nicht als die Gesamtheit ferner Tatsachen zu verstehen ist, sondern als der Lebenssaft, der die Gegenwart durchströmt. Ohne dieses Bewusstsein verliert die Realität ihre Einheit, die Geschichte ihren logischen Faden, und die Menschheit geht des Sinnes ihrer eigenen Taten sowie der Richtung der eigenen Zukunft verlustig.

Der 25. März 1957 war ein Tag voller Erwartungen, voller Hoffnung, Begeisterung und Bangen, und nur ein aufgrund seiner Tragweite und historischer Konsequenzen außergewöhnliches Ereignis konnte ihn zu einem einzigartigen Tag in der Geschichte machen. Das Gedenken jenes Tages verbindet sich mit den Hoffnungen von heute und den Erwartungen der Völker Europas, die ein Nachdenken über die Gegenwart fordern, um mit neuem Schwung zuversichtlich den eingeschlagenen Weg fortzusetzen.

Die Gründerväter und die Verantwortungsträger, die durch die Unterzeichnung der zwei Verträge jene politische, wirtschaftliche, kulturelle, aber vor allem menschliche Wirklichkeit ins Leben gerufen haben, die wir heute Europäische Union nennen, waren sich dessen wohl bewusst. Andererseits ging es, wie der belgische Außenminister Spaak sagte, »gewiss um den materiellen Wohlstand unserer Völker, um die Ausweitung unserer Wirtschaft, um den sozialen Fortschritt, um völlig neue Industrie- und Handelsmöglichkeiten, aber vor allem […] um eine Lebenshaltung nach menschlichem Maß, brüderlich und gerecht«[1].

Nach den dunklen und blutigen Jahren des Zweiten Weltkrieges haben die Verantwortungsträger damals an die Möglichkeit einer besseren Zukunft geglaubt, »ihnen hat es nicht an Wagemut gefehlt und sie haben nicht zu spät gehandelt. Die Erinnerung an das vergangene Unheil und […] an ihre Schuld scheint sie angeregt und ihnen den notwendigen Mut verliehen zu haben, um die alten Auseinandersetzungen zu vergessen […] und in einer wahrhaft neuen Weise zu denken und zu handeln, um die größte […] Veränderung […] Europas zu verwirklichen«[2].

Die Gründerväter erinnern uns daran, dass Europa nicht eine Summe von einzuhaltenden Regeln, nicht ein Handbuch von zu befolgenden Protokollen und Verfahrensweisen ist. Es ist ein Leben; eine Art, den Menschen ausgehend von seiner transzendenten und unveräußerlichen Würde zu begreifen und nicht nur als eine Gesamtheit von zu verteidigenden Rechten oder einzufordernden Ansprüchen. Am Ursprung der Idee Europa steht »die Gestalt und die Verantwortlichkeit der menschlichen Person samt dem Ferment einer im Evangelium gegründeten Brüderlichkeit, […] mit ihrem Willen zur Wahrheit und zur Gerechtigkeit, der von einer tausendjährigen Erfahrung geschärft wurde«[3]. Rom ist mit seiner Berufung zur Universalität[4] Symbol dieser Erfahrung und wurde deswegen als Ort für die Unterzeichnung der Verträge ausgewählt. Denn hier – wie der niederländische Außenminister Luns ins Gedächtnis rief – »wurden die politischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Fundamente unserer Kultur gelegt«[5].

Von Anfang an war klar, dass das pulsierende Herz des politischen Projekts Europa nur der Mensch sein konnte. Zugleich bestand offenkundig das Risiko, dass die Verträge toter Buchstabe bleiben könnten. Diese mussten mit lebendigem Geist erfüllt werden. Und das erste Element europäischer Lebenskraft ist die Solidarität. »Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft«, bekräftigte der luxemburgische Premierminister Bech, »wird nur dann leben und erfolgreich sein, wenn sie in ihrem Bestehen dem Geist europäischer Solidarität, der sie geschaffen hat, treu bleibt und wenn der gemeinsame Wille des entstehenden Europas mächtiger ist als die nationalen Willensbestrebungen«[6]. Dieser Geist ist angesichts der zentrifugalen Kräfte wie auch der Versuchung, die Gründungsideale der Union auf produktive, wirtschaftliche und finanzielle Erfordernisse zu reduzieren, heute höchst notwendig.

Aus der Solidarität entspringt die Fähigkeit, sich für die anderen zu öffnen. »Unsere Pläne sind nicht eigensüchtiger Natur«[7], sagte der deutsche Kanzler Adenauer. »Ohne Zweifel beabsichtigen die Länder, die im Begriff sind, sich zu vereinen, […] nicht, sich von der restlichen Welt zu isolieren und um sich herum unüberwindliche Schranken aufzurichten«[8], pflichtete der französische Außenminister Pineau bei. In einer Welt, der das Drama der Mauern und Teilungen wohl vertraut war, war man sich der Bedeutung überaus bewusst, für ein geeintes und offenes Europa zu arbeiten, und man hatte den gemeinsamen Willen, sich für die Beseitigung jener unnatürlichen Schranke einzusetzen, die von der Ostsee bis zur Adria den Kontinent teilte. So viele Mühen hat man aufgewendet, um jene Mauer zu Fall zu bringen! Und doch ist heute die Erinnerung an die Mühen verloren gegangen. Ebenso ist das Bewusstsein des Dramas getrennter Familien, von Armut und Elend, die jene Teilung hervorrief, abhandengekommen. Dort, wo Generationen sich sehnlichst wünschten, die Symbole einer aufgezwungenen Feindschaft fallen zu sehen, diskutiert man heute, wie man die jetzigen „Gefahren“ fernhalten kann: angefangen von dem langen Treck von Frauen, Männern und Kindern, die auf der Flucht vor Krieg und Armut sind und nur um die Möglichkeit einer Zukunft für sich und die ihnen nahestehenden Personen bitten.

In dem Erinnerungsvakuum, das unsere heutige Zeit kennzeichnet, vergisst man oft auch eine weitere große Errungenschaft, die Frucht der am 25. März 1957 sanktionierten Solidarität ist: die längste Friedensära der letzten Jahrhunderte. »Völker, die im Lauf der Zeit sich oftmals in gegensätzlichen Lagern befunden und sich gegenseitig bekämpft haben, […] finden sich jetzt hingegen durch den Reichtum ihrer nationalen Besonderheiten geeint wieder«[9]. Der Friede wird immer durch die freie und bewusste Mitwirkung eines jeden begründet. Dennoch »[erscheint] heute für viele der Friede in gewisser Weise als ein selbstverständliches Gut«[10], und so ist es einfach, ihn schließlich gar als überflüssig zu erachten. Der Friede ist hingegen ein kostbares und wesentliches Gut, da man ohne ihn nicht in der Lage ist, für jemanden eine Zukunft aufzubauen, und am Ende „in den Tag hineinlebt“.

Das geeinte Europa entsteht in der Tat aus einem klaren, wohl definierten und sachgemäß durchdachten Projekt, auch wenn zunächst nur in einem Anfangsstadium. Jedes gute Projekt schaut auf die Zukunft, und die Zukunft sind die Jugendlichen, die dazu berufen sind, die Verheißungen der kommenden Zeit zu verwirklichen[11]. Den Gründervätern war demnach klar bewusst, Teil eines gemeinsamen Werkes zu sein, das nicht nur Staats-, sondern auch Zeitgrenzen überschritt, um die Generationen untereinander zu verbinden, die alle am Aufbau des gemeinsamen Hauses ebenbürtig beteiligt sind.

Verehrte Gäste,

den Vätern Europas habe ich diesen ersten Teil meiner Ansprache gewidmet, damit wir uns von ihren Worten herausfordern lassen, von der Aktualität ihres Denkens, vom leidenschaftlichen Einsatz für das Gemeinwohl, der sie auszeichnete, von der Gewissheit, Teil eines Werkes zu sein, das größer ist als sie selbst, und von der Weite des Ideals, das sie beseelte. Ihr gemeinsamer Nenner war der Geist des Dienens. Damit verbunden war die politische Leidenschaft und das Bewusstsein, dass »am Ursprung der europäischen Kultur das Christentum steht«[12], ohne das die westlichen Werte der Würde, Freiheit und Gerechtigkeit zumeist nicht verständlich erscheinen. »Auch in unserer Zeit«, erklärte der heilige Johannes Paul II., »bleibt die Seele Europas geeint, weil es über seinen gemeinsamen Ursprung hinaus von den gleichen christlichen und humanen Werten lebt, wie beispielsweise der Würde der menschlichen Person, dem echten Gefühl für Gerechtigkeit und Freiheit, der Arbeitsamkeit, dem Unternehmungsgeist, der Liebe zur Familie, der Achtung vor dem Leben, der Toleranz, dem Wunsch zur Zusammenarbeit und zum Frieden, die seine charakteristischen Merkmale sind und es kennzeichnen«[13]. In unserer multikulturellen Welt werden diese Werte weiterhin volles Heimatrecht finden, wenn sie ihre lebensnotwendige Verbindung mit der Wurzel, aus der sie hervorgegangenen sind, aufrecht zu erhalten wissen. In dieser fruchtbaren Verbindung liegt die Möglichkeit, authentisch laikale Gesellschaften aufzubauen, die frei von ideologischen Gegensätzen sind und in denen Fremde und Einheimische, Gläubige und Nichtgläubige gleichermaßen Platz finden.

In den letzten sechzig Jahren hat sich die Welt sehr verändert. Wenn die Gründerväter, die einen verheerenden Konflikt überlebt hatten, von der Hoffnung auf eine bessere Zukunft beseelt und von dem Willen bestimmt waren, diese zu verfolgen, indem sie das Aufkommen neuer Konflikte zu verhindern suchten, so wird unsere Zeit mehr von der Vorstellung der Krise beherrscht. Es gibt die Wirtschaftskrise, die das letzte Jahrzehnt gekennzeichnet hat, es gibt die Krise der Familie und von gefestigten gesellschaftlichen Formen, es gibt eine verbreitete „Krise der Institutionen“ und die Flüchtlingskrise: viele Krisen, welche die Angst und die tiefe Verwirrung des heutigen Menschen verbergen, der nach einer neuen Hermeneutik für die Zukunft verlangt. Dennoch hat der Begriff „Krise“ an und für sich keine negative Bedeutung. Er zeigt nicht bloß einen schlimmen Augenblick an, der zu überwinden ist. Das Wort Krise hat seinen Ursprung im griechischen Verb crino (κρίνω), das untersuchen, prüfen, entscheiden bedeutet. Unsere Zeit ist also eine Zeit der Entscheidung, die dazu einlädt, das Wesentliche zu prüfen und darauf aufzubauen: es ist somit eine Zeit von Herausforderungen und Möglichkeiten.

Welche ist also die Hermeneutik, der Interpretationsschlüssel, mit dem wir die Schwierigkeiten der Gegenwart lesen und Antworten für die Zukunft finden können? Die Erinnerung an das Denken der Väter wäre nämlich unfruchtbar, wenn sie nicht dazu diente, einen Weg aufzuzeigen, wenn sie nicht zu einem Ansporn für die Zukunft und einer Quelle der Hoffnung würde. Jedes Wesen, das den Sinn seines Weges verliert und dem dieser nach vorwärts gerichtete Blick abhandenkommt, erleidet zunächst eine Rückbildung und läuft auf lange Sicht Gefahr zu sterben. Was ist also die Hinterlassenschaft der Gründerväter? Welche Perspektiven zeigen sie uns auf, um uns den Herausforderungen zu stellen, die auf uns warten? Welche Hoffnung geben sie uns für das Europa von heute und morgen?

Die Antworten finden wir eben genau in den Pfeilern, auf denen sie die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft errichten wollten und an die ich schon erinnert habe: die Zentralität des Menschen, eine tatkräftige Solidarität, die Offenheit für die Welt, das Verfolgen des Friedens und der Entwicklung, die Offenheit für die Zukunft. Es ist Aufgabe der Regierenden, die Straßen der Hoffnung zu erkennen, die konkreten Pfade ausfindig zu machen, damit die bisher vollbrachten bedeutenden Schritte sich nicht zerstreuen, sondern Unterpfand eines langen und fruchtbaren Weges werden.

Europa findet wieder Hoffnung, wenn der Mensch die Mitte und das Herz seiner Institutionen ist. Ich meine, dies muss das aufmerksame und vertrauensvolle Anhören der Anliegen miteinschließen, die sowohl von den Einzelnen vorgebracht werden als auch von der Gesellschaft und den Völkern, welche die Union bilden. Leider hat man oft den Eindruck, dass eine „affektive Kluft“ zwischen den Bürgern und Institutionen Europas besteht, die häufig als fern wahrgenommen werden und unaufmerksam gegenüber den verschiedenen Sensibilitäten, welche die Gemeinschaft bestimmen. Der Zentralität des Menschen Geltung zu verschaffen bedeutet auch, den Familiengeist wiederzufinden, in dem jeder frei entsprechend den eigenen Fähigkeiten und Gaben seinen Beitrag zum gemeinsamen Haus leistet. Es ist angebracht, sich vor Augen zu halten, dass Europa eine Familie von Völkern[14] ist und dass es – wie in jeder guten Familie – unterschiedliche Sensibilitäten gibt, aber alle in dem Maße wachsen können, wie sie geeint sind. Die Europäische Union entsteht als eine Einheit der Verschiedenheiten und Einheit in den Verschiedenheiten. Die Eigenheiten dürfen deshalb nicht erschrecken und man darf auch nicht denken, dass Einheit durch Uniformität bewahrt würde. Diese ist vielmehr die Harmonie einer Gemeinschaft. Die Gründerväter wählten gerade diesen Begriff als Angelpunkt für die Einrichtungen, die aus den Verträgen entstehen sollten, indem sie betonten, dass die Ressourcen und Talente jedes Einzelnen gemeinsam genutzt werden sollten. Heute muss die Europäische Union wieder den Sinn dafür entdecken, „Gemeinschaft“ von Menschen und Völkern zu sein, die sich bewusst ist, dass »das Ganze […] mehr [ist] als der Teil, und es […] auch mehr [ist] als ihre einfache Summe«[15] und dass man also »immer den Blick weiten [muss], um ein größeres Gut zu erkennen, das uns allen Nutzen bringt«[16]. Die Gründerväter suchten jene Harmonie, in der das Ganze in jedem der Teile ist, und die Teile – jedes mit seiner eigenen Originalität – im Ganzen sind.

Europa findet wieder Hoffnung in der Solidarität, die auch das wirksamste Heilmittel gegen die modernen Formen des Populismus ist. Die Solidarität bringt das Bewusstsein mit sich, Teil eines einzigen Körpers zu sein, und schließt gleichzeitig die Fähigkeit eines jeden Gliedes mit ein, mit dem anderen und dem Ganzen zu „sympathisieren“. Wenn einer leidet, leiden alle (vgl. 1 Kor 12,26). So betrauern auch wir heute zusammen mit dem Vereinigten Königreich die Opfer des Attentats in London vor zwei Tagen. Die Solidarität ist nicht ein guter Vorsatz: Sie ist gekennzeichnet durch konkrete Taten und Handlungen, die einem den Mitmenschen näher bringen unabhängig von seiner momentanen Lage. Die Formen von Populismus hingegen sind eben Blüten des Egoismus, der in einen engen und erdrückenden Kreis einschließt und nicht zulässt, die Enge der eigenen Gedanken zu überwinden und darüber hinaus zu sehen. Man muss wieder beginnen, europäisch zu denken, um die gegensätzliche Gefahr einer grauen Uniformität oder des Triumphs der Partikularismen abzuwehren. Eine solche Führungsrolle der Ideen ist Sache der Politik; diese soll vermeiden, Emotionen auszunutzen, um Zustimmung zu gewinnen, sondern vielmehr im Geist der Solidarität und Subsidiarität politische Handlungsweisen erarbeiten, welche die gesamte Union in einer harmonischen Entwicklung wachsen lassen. So mag, wer schneller zu laufen fähig ist, dem langsameren die Hand reichen, und wer mehr Mühe hat, sei bestrebt, den an der Spitze zu erreichen.

Europa findet wieder Hoffnung, wenn es sich nicht in die Angst falscher Sicherheiten einschließt. Im Gegenteil, seine Geschichte ist sehr von der Begegnung mit anderen Völkern und Kulturen bestimmt und seine Identität »ist und war immer eine dynamische und multikulturelle Identität«[17]. Es besteht in der Welt Interesse für das europäische Projekt. Es bestand vom ersten Tag an, wie die dicht gedrängte Menge auf dem Kapitolsplatz und die Glückwunschschreiben aus anderen Staaten zeigten. Noch mehr besteht es heute angefangen von den Ländern, die um Aufnahme in die Union bitten, wie auch von den Staaten, welche die Hilfeleistungen erhalten, die ihnen sehr großzügig angeboten werden, um die Folgen der Armut, der Krankheiten und der Kriege bekämpfen zu können. Die Öffnung für die Welt schließt die Fähigkeit des »Dialog[s] als Form der Begegnung«[18] auf allen Ebenen mit ein, von der Begegnung zwischen den Mitgliedsstaaten und zwischen den Institutionen und den Bürgern bis hin zur Begegnung mit den zahlreichen Immigranten, die an den Küsten der Union landen. Man kann sich nicht darauf beschränken, die schwerwiegende Flüchtlingskrise dieser Jahre so zu bewältigen, als sei sie nur ein zahlenmäßiges, wirtschaftliches oder ein die Sicherheit betreffendes Problem. Die Migrationsproblematik stellt eine tiefere Frage, die vor allem kultureller Natur ist. Welche Kultur bietet Europa heute an? Die Angst, die man häufig wahrnimmt, findet nämlich ihren tieferen Grund im Verlust der Ideale. Ohne eine echte Perspektive der Ideen wird man am Ende von der Angst beherrscht, dass der andere uns aus den festen Gewohnheiten herausreißt, uns die erworbenen Annehmlichkeiten nimmt, auf gewisse Weise einen Lebensstil in Frage stellt, der allzu oft nur aus materiellem Wohlstand besteht. Der Reichtum Europas ist hingegen immer seine geistige Offenheit gewesen und die Fähigkeit, sich grundlegende Fragen über den Sinn des Daseins zu stellen. Der Offenheit für den Sinn des Ewigen entspricht zudem eine positive – wenn auch nicht spannungsfreie und fehlerlose – Öffnung gegenüber der Welt. Der erworbene Wohlstand scheint ihm hingegen die Flügel gestutzt und ihn dazu gebracht zu haben, den Blick zu senken. Europa hat ein ideelles und geistiges Erbe, das einzigartig ist auf der Welt. Dieses ist es wert, mit Leidenschaft und neuer Frische wieder aufgegriffen zu werden. Es stellt das beste Heilmittel gegen das Vakuum an Werten unserer Zeit dar, jenen fruchtbaren Boden für Extremismen aller Art. Diese Ideale haben Europa, jene „Halbinsel Asiens“, die vom Ural bis zum Atlantik reicht, hervorgebracht.

Europa findet wieder Hoffnung, wenn es in die Entwicklung und den Frieden investiert. Die Entwicklung ist nicht durch eine Gesamtheit von Produktionstechniken gegeben. Sie betrifft den ganzen Menschen: die Würde durch seine Arbeit, angemessene Lebensbedingungen, die Möglichkeit des Zugangs zu Bildung und der notwendigen medizinischen Versorgung. »Die Entwicklung [ist] gleichbedeutend […] mit Frieden«[19], sagte Paul VI., da es keinen wahren Frieden gibt, wenn Menschen ausgegrenzt oder zu einem Leben im Elend gezwungen werden. Es gibt keinen Frieden, wo Arbeit oder die Aussicht auf einen menschenwürdigen Lohn fehlen. Es gibt keinen Frieden in den Peripherien unserer Städte, in denen Drogen und Gewalt grassieren.

Europa findet wieder Hoffnung, wenn es sich der Zukunft öffnet; wenn es sich den jungen Menschen öffnet und ihnen ernsthafte Perspektiven zur Bildung sowie reale Möglichkeiten zur Eingliederung in die Arbeitswelt bietet; wenn es in die Familie, die erste und grundlegende Zelle der Gesellschaft, investiert; wenn es das Gewissen und die Ideale seiner Bürger respektiert; wenn es die Möglichkeit garantiert, Kinder zu bekommen, ohne Angst haben zu müssen, nicht für ihren Unterhalt sorgen zu können; wenn es das Leben in seiner ganzen Unantastbarkeit schützt.

Verehrte Gäste,

aufgrund der allgemein längeren Lebenserwartung sieht man sechzig Jahre heute als die Zeit der vollen Reife an. Ein entscheidendes Alter, in dem man nochmals gerufen ist, sich zu prüfen. Auch die Europäische Union ist heute gerufen, sich zu prüfen sowie die unvermeidlichen Beschwerden, die mit den Jahren einhergehen, zu behandeln und neue Pfade zu finden, um den eigenen Weg fortzusetzen. Im Unterschied zu einem sechzigjährigen Menschen aber hat die Europäische Union nicht ein unausweichliches Altwerden vor sich, sondern die Möglichkeit einer neuen Jugend. Ihr Erfolg wird vom Willen abhängen, weiter zusammenzuarbeiten, und von der Lust, auf die Zukunft zu setzen. Es ist Ihre Aufgabe als Verantwortungsträger, den Weg zu einem »neuen europäischen Humanismus«[20] auszumachen, der aus Idealen und konkreter Umsetzung besteht. Dies bedeutet, keine Angst davor zu haben, wirksame Entscheidungen zu übernehmen, die auf die realen Probleme der Menschen Antwort geben und der Erprobung durch die Zeit standhalten können.

Meinerseits kann ich nur versichern, dass der Heilige Stuhl und die Kirche ganz Europa nahe ist. An seinem Aufbau hat die Kirche stets mitgewirkt und wird immer mitwirken. Dazu bittet sie für Europa um den Segen des Herrn, damit er es beschütze und ihm Frieden und Fortschritt schenke. Ich mache mir deshalb die Worte zu eigen, die Joseph Bech auf dem Kapitol gesprochen hat: Ceterum censeo Europam esse aedificandam. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Europa es wert ist, aufgebaut zu werden.

Vielen Dank.

 

 

[1] P. H. Spaak, Außenminister Belgiens, Ansprache anlässlich der Unterzeichnung der Römischen Verträge, 25. März 1957.

[2] P. H. Spaak, Ansprache, ebd.

[3] A. De Gasperi, La nostra patria Europa. Discorso alla Conferenza Parlamentare Europea, 21 aprile 1954, in: Alcide De Gasperi e la politica internazionale, Cinque Lune, Rom 1990, Vol. III, 437-440.

[4] Vgl. P.H. Spaak, Ansprache, ebd.

[5] J. Luns, Außenminister der Niederlande, Ansprache anlässlich der Unterzeichnung der Römischen Verträge, 25. März 1957.

[6] J. Bech, Premierminister Luxemburgs, Ansprache anlässlich der Unterzeichnung der Römischen Verträge, 25. März 1957.

[7] K. Adenauer, Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Ansprache anlässlich der Unterzeichnung der Römischen Verträge, 25. März 1957.

[8] C. Pineau, Außenminister Frankreichs, Ansprache anlässlich der Unterzeichnung der Römischen Verträge, 25. März 1957.

[9] P.H. Spaak, Ansprache, ebd.

[10] Franziskus, Ansprache an die Mitglieder des beim Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomatischen Korps, 9. Januar 2017.

[11] P.H. Spaak, Ansprache, ebd.

[12] A. De Gasperi, La nostra patria Europa, ebd.

[13] Johannes Paul II., Europa-Feier, Santiago de Compostela, 9. November 1982: AAS 75/I (1983), 329.

[14] Vgl. Franziskus, Ansprache an das Europaparlament, Straßburg, 25. November 2014: AAS  106 (2014), 1000.

[15] Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 235.

[16] Ebd.

[17] Franziskus, Ansprache anlässlich der Verleihung des Karlspreises, 6. Mai 2016: L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 46, Nr. 19 (13. Mai 2016), S. 7.

[18] Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 239.

[19] Paul VI., Enzyklika Populorum progressio, 26. März 1967, 87: AAS 59 (1967), 299.

[20] Franziskus, Ansprache anlässlich der Verleihung des Karlspreises, 6. Mai 2016: L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 46, Nr. 19 (13. Mai 2016), S. 8.

 

(rv 24.03.2017 gs)

Franziskus: Europa ist eine Lebenshaltung – brüderlich und gerecht

Waren in Audienz beim Papst: Die Spitzen der EU sowie der 27 Mitgliedstaaten ohne Großbritannien

Die europäische Staatengemeinschaft ist kein Handbuch von zu befolgenden Protokollen, sondern sie verkörpert eine „Lebenshaltung nach menschlichem Maß, brüderlich und gerecht“: Daran hat Papst Franziskus die 27 europäischen Staats- und Regierungschefs erinnert, die er an diesem Freitagabend in einer feierlichen Zeremonie im Apostolischen Palast im Vatikan empfing. Anlass der Europa-Grundsatzrede des Papstes war der Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge vor 60 Jahren, am 25. März 1957 – der Tag gilt als Geburtsdatum der Europäischen Union.

Europa scharte sich einmal mehr um den lateinamerikanischen Papst. Aus allen EU-Hauptstädten mit Ausnahme Londons, das sich auf seinen EU-Austritt vorbereitet, waren die Staats- und Regierungschef der Union angereist und hörten Franziskus zu. In der prachtvollen Sala Regia im Apostolischen Palast hielt der Papst seine vierte große Europa-Rede. Von Anfang an war es das Anliegen der Gründerväter, in Europa nicht bloß Wohlstand und Fortschritt zu schaffen, sondern es ging „um eine Lebenshaltung nach menschlichem Maß, brüderlich und gerecht“, zitierte der Papst den damaligen belgischen Außenminister Paul-Henri Spaak aus dessen Rede zur Unterzeichnung der Römischen Verträge.Das neue Europa, das sich nach den blutigen Jahren des Kriegs zu einer besseren Zukunft aufmachte, war von seinen Gründervätern nicht gedacht als „eine Summe von einzuhalten Regeln“, betonte der Papst. Vielmehr liegt Europa ein besonderes Menschenbild zugrunde, sagte Franziskus durchaus anerkennend: Europa, das sei „ein Leben; eine Art, den Menschen ausgehend von seiner transzendenten und unveräußerlichen Würde zu begreifen und nicht nur als eine Gesamtheit von zu verteidigenden Rechten oder einzufordernden Ansprüchen“. Von Anfang an, sagte der Papst, „war klar, dass das pulsierende Herz des politischen Projekts Europa nur der Mensch sein konnte.“

Unter ausgiebigem Zitieren der Gründerväter, darunter Konrad Adenauer, legte Franziskus die europäischen Kerngedanken frei, auf denen der Zusammenschluss der Nationen damals aufbaute – und die heute noch Gültigkeit haben müssen, wie der Papst hinzufügte. Beispiel: Solidarität und „die Fähigkeit, sich für die anderen zu öffnen“. Die Gründungsväter wollten ein „geeintes und offenes Europa“, das heutige Bild präsentiere sich anders, so Franziskus unter Verweis auf die zwiespältigen Debatten über Flucht und Migration, die Europa auf eine schwere Probe stellen.

„Dort, wo Generationen sich sehnlichst wünschten, die Symbole einer aufgezwungenen Feindschaft fallen zu sehen, diskutiert man heute, wie man die jetzigen ,Gefahren´ fernhalten kann: angefangen von dem langen Treck von Frauen, Männern und Kindern, die auf der Flucht vor Krieg und Armut sind und nur um die Möglichkeit einer Zukunft für sich und die ihnen nahestehenden Personen bitten.“

Dabei ist Europa ein außerordentlich erfolgreiches Friedensprojekt, erinnerte der Papst. Freilich habe sich die Welt in diesen 60 Jahren sehr verändert. In Europa herrsche heute, anders als damals, nicht Hoffnung, sondern die Wahrnehmung von Krise: Wirtschaftskrise, Krise der Familie, Krise der Institutionen, Flüchtlingskrise. Das biete aber auch Chancen, betonte Franziskus: „Unsere Zeit ist eine Zeit der Entscheidung, die dazu einlädt, das Wesentliche zu prüfen und darauf aufzubauen“.

Genau die Pfeiler, auf denen die Gründungsväter damals die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft errichten wollten, seien dazu in der Lage, Europa heute wieder aus der Krise führen, sagte der Papst und nannte: „die Zentralität des Menschen, eine tatkräftige Solidarität, die Offenheit für die Welt, das Verfolgen des Friedens und der Entwicklung, die Offenheit für die Zukunft“.

Wie findet Europa wieder Hoffnung? Ein Fahrplan in fünf Punkten

Wie Europa wieder Hoffnung finden kann, dazu legte der Papst in seiner Rede an die EU-Staaten fünf Punkte vor.

Zunächst: Der Mensch müsse „die Mitte und der Herz“ der europäischen Institutionen sein. Da sei verlorener „Familiengeist“ wiederzufinden, regte der Papst an. Europa sei „eine Familie von Völkern“, und da gebe es wie in jeder Familie „unterschiedliche Sensibilitäten“. Franziskus hielt ein Plädoyer für Einheit in der Verschiedenheit. Nicht alle müssten gleich sein, der zentrale Punkt sei „Harmonie“. „Heute muss die Europäische Union wieder den Sinn dafür entdecken, ,Gemeinschaft´ von Menschen und Völkern zu sein, die sich bewusst ist, dass ,das Ganze mehr [ist] als der Teil, und es […] auch mehr [ist] als ihre einfache Summe´“, und dass sich der Blick weiten müsse, „um ein größeres Gut zu erkennen, das uns allen Nutzen bringt“, zitierte der Papst aus seiner Ansprache an das Europaparlament in Straßburg sowie aus seinem Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium.

Zweitens finde Europa wieder Hoffnung in der tätlichen Solidarität, „die auch das wirksamste Heilmittel gegen die modernen Formen des Populismus” sei. Der Politik schrieb der Papst eine „Führungsrolle der Ideen“ zu: Sie muss „vermeiden, Emotionen auszunutzen, um Zustimmung zu gewinnen, sondern vielmehr im Geist der Solidarität politische Handlungsweisen erarbeiten, welche die Union in einer harmonischen Entwicklung wachsen lassen“. Hier müssten dann die „Schnelleren“ den „Langsameren“ die Hand reichen, „und wer Mühe hat, sei bestrebt, den an der Spitze zu erreichen“.

Drittens solle Europa sich nicht „in die Angst falscher Sicherheiten“ einschließen, riet der Papst. Stichwort Flüchtlingskrise: Die dürfe man nicht allein als wirtschaftliches oder Sicherheitsproblem angehen, sondern als kulturelle Herausforderung begreifen. Der Wohlstand habe offenbar Europa heute „die Flügel gestutzt“, dabei sei der Reichtum des Kontinents „immer seine geistige Offenheit gewesen“, betonte Franziskus. „Europa hat ein ideelles und geistiges Erbe, das einzigartig ist auf der Welt. Dieses ist es wert, mit Leidenschaft und neuer Frische wieder aufgegriffen zu werden. Es stellt das beste Heilmittel gegen das Vakuum an Werten unserer Zeit dar, jenen fruchtbaren Boden für Extremismen aller Art.“

Viertens finde Europa wieder Hoffnung, „wenn es in die Entwicklung und den Frieden investiert“. Franziskus nannte als Hindernisse zum sozialen Frieden ein Leben im Elend, ohne Arbeit oder Aussicht auf menschenwürdigen Lohn. Es gebe auch „keinen Frieden in den Peripherien unserer Städte, in denen Drogen und Gewalt grassieren“.

Fünftens gebe es Europa wieder Hoffnung, wenn es auf die Jugend setzt. Europa müsse seinen jungen Menschen Bildung garantieren und ihnen ermöglichen, Familien zu gründen und Kinder zu bekommen, „ohne Angst haben zu müssen, nicht für ihren Unterhalt sorgen zu können“.

60 Jahre, das sei heutzutage mit der langen Lebenserwartung „die Zeit der vollen Reife“, sagte der Papst in Anspielung auf seine Rede vor dem EU-Parlament in Straßburg, bei der er den Kontinent als „Großmutter“, bezeichnet hatte, die „nicht mehr fruchtbar und lebendig“ sei. Diesmal bemühte sich der Papst darum, das Bild ins Positive zu wenden: „Im Unterschied zu einem sechzigjährigen Menschen hat die Europäische Union nicht ein unausweichliches Altwerden vor sich, sondern die Möglichkeit einer neuen Jugend. Ihr Erfolg wird vom Willen abhängen, weiter zusammenzuarbeiten, und von der Lust, auf die Zukunft zu setzen.“ Und der Papst widerholte seine Bitte an die Verantwortungsträger Europas, wie er sie bei seiner Karlspreisrede geäußert hatte: Es gelte, einen „neuen europäischen Humanismus“ zu finden, der aus Idealen und konkreter Umsetzung besteht.

Wer alles da war

Neben den Staats- und Regierungschefs von 27 europäischen Staaten, darunter die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, waren auch die Granden der Europäischen Union als solcher gekommen: Antonio Tajani, der neue Präsident des Europaparlaments, Donald Tusk, soeben im Amt bestätigter Präsident des Europäischen Rates, und Jean-Claude Juncker, Präsident der europäischen Kommission.

Die Staaten, die vor 60 Jahren im Senatorenpalast auf dem römischen Kapitol die Römischen Verträge unterzeichneten, waren die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich und Italien sowie die Benelux-Staaten, also Belgien, die Niederlande und Luxemburg. Der Kreis hat sich inzwischen auf 28 minus eins erweitert: Großbritannien tritt aus.

(rv 24.03.2017 gs)

Premier Szydło: Lehren aus dem Besuch des Papstes in Polen

AFP5575098_Articolo

Premier und Papst: Beata Szydło und Franziskus

Auch nach dem Besuch von Papst Franziskus scheint die Regierung Polens keinen Anlass zur Änderung ihrer Flüchtlingspolitik zu sehen. Das Migrationsproblem müsse außerhalb der Europäischen Union gelöst werden, sagte Ministerpräsidentin Beata Szydło am späten Sonntagabend in Krakau. Bei einer Pressekonferenz zum Abschluss des 31. Weltjugendtages rief sie zugleich dazu auf, die Äußerungen des Papstes bei seinem fünftägigen Aufenthalt nun zu analysieren.

Gegenüber Radio Vatikan betonte Szydło anschließend, das Thema der Migranten sei wichtig und schmerzlich, jedoch ein nicht einfach zu lösendes Problem: „Der Heilige Vater lehrt uns, uns den Notleidenden gegenüber zu öffnen“, so Szydło. „Wir müssen also versuchen, es auf die bestmögliche Weise zu tun, um es zu ermöglichen, dass diejenigen, die sich heute in Not befinden unsere Hilfe erhalten können.“ Dabei gehe es um Menschen, deren Leben bedroht ist, weil sie aus Ländern kommen, in denen Krieg herrsche, gleichzeitig müsse die Politik Sicherheit garantieren, um zu verhindern, dass diese Situation ausgenutzt werde, etwa von Terroristen. „Ich denke, dass der Papst uns eine große Lehre hinterlassen hat, die noch für lange Zeit weiter vertieft werden muss: Worte und Ideen, die sehr wichtig für uns bleiben.“

Vor Repräsentanten von Politik und Gesellschaft Polens hatte Franziskus am Mittwoch „Solidarität gegenüber denen, die ihrer Grundrechte beraubt sind, darunter des Rechtes, in Freiheit und Sicherheit den eigenen Glauben zu bekennen“ gefordert. Beim Kreuzweg am Freitag im Błonia-Park hatte der Papst ausdrücklich die syrischen Teilnehmer am Weltjugendtag gegrüßt.

Wert der Familie

Szydło hatte bei der allgemeinen Pressekonferenz betont, ihre Regierung engagiere sich bereits sehr stark für Menschen, die Hilfe bräuchten, unter anderem im Mittleren Osten, und werde die humanitäre Hilfe im kommenden Jahr noch verstärken. Am Mikrofon von Radio Vatikan ging sie besonders ausführlich auf den Schutz der traditionellen Familie ein, der ihrer Regierung wie auch Papst Franziskus ein großes Anliegen sei:

„Die Tatsache, dass Papst Franziskus immer wieder den Wert der Familie betont, ist wunderbar, denn in unserer heutigen Welt ist dieser Wert der traditionellen Familie, die also auf Werten gründet, etwas verloren gegangen.“ Statistiken zeigten, betonte Szydło, dass in Polen derzeit wieder mehr Hochzeiten geschlossen würden, sowie weniger Scheidungen eingereicht würden, als das in vorher gehenden Statistiken der Fall gewesen sei. „Das freut uns sehr, denn für meine Regierung und mich persönlich ist das sehr wichtig. Ich freue mich, dass der Heilige Vater darüber besonders zu den jungen Leuten gesprochen hat, die sich an der Schwelle zum Erwachsensein befinden und sicherlich darüber nachdenken müssen, eine Familie zu gründen.“

Auschwitz/Birkenau

Besonders berührt sei sie vom Besuch des Papstes in Auschwitz-Birkenau gewesen, ging Szydło im Interview noch auf einzelne Stationen der Papstreise ein. Sie selbst sei gebürtig aus Oświęcim, so dass sie von klein auf mit dem Grauen der Konzentrations- und Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten in Berührung gekommen sei. „Ich habe Personen kennengelernt, die Zeugen dieser Geschichte sind – oder besser, ich kenne sie“, erzält sie. „Ich war in Auschitz-Birkenau auch anlässlich der Besuche der anderen beiden Päpste, und nun für den von Papst Franziskus. Jedes Mal handelte es sich um eine andere Art, diese Geschichte wieder zu leben, aber es war immer ein sehr berührender Moment.“

 

(rv 02.08.2016 cs)

Schlüsselworte für die Europäische Union: Kreativität und Fruchtbarkeit

S08_ob

Apostolische Reise von Papst Franziskus nach Armenien

Auf dem Rückflug von Jerewan nach Rom fand die übliche Pressekonferenz mit dem Heiligen Vater und den mitreisenden Journalisten statt. Pater Lombardi, der Pressesprecher des Heiligen Stuhls, sagte als Einleitung:

Heiliger Vater, danke, dass Sie am Ende dieser ziemlich kurzen aber sehr intensiven Reise hier sind. Es war uns eine Freude, Sie zu begleiten, und jetzt möchten wir Ihnen wie gewöhnlich noch ein paar Fragen stellen, indem wir von Ihrer Liebenswürdigkeit profitieren. Wir haben eine Liste von denen, die ihre Wortmeldung vorgemerkt haben, und wir können wie üblich mit den Kollegen aus Armenien beginnen, weil wir ihnen den Vortritt lassen. Der erste ist Arthur Grygorian vom öffentlichen armenischen Fernsehen.

Papst Franziskus: Guten Abend! Ich danke Ihnen sehr für Ihre Hilfe auf dieser Reise und für all Ihre Arbeit, die den Menschen gut tut: Dinge gut vermitteln, das bedeutet gute Nachrichten, und gute Nachrichten tun immer gut. Vielen Dank!

(Arthur Grygorian, auf Englisch)
Heiliger Vater, es ist bekannt, dass Sie armenische Freunde haben. Sie hatten bereits Kontakte zu den armenischen Gemeinden in Argentinien. In den letzten drei Tagen sind Sie schließlich sozusagen in unmittelbare Berührung mit dem armenischen Geist gekommen. Was sind Ihre Gefühle, Ihre Eindrücke, und was ist Ihre Botschaft für die Zukunft, was sind Ihre Gebete für uns Armenier?

Papst Franziskus: Gut, denken wir an die Zukunft und kommen dann zur Vergangenheit. Ich wünsche diesem Volk Gerechtigkeit und Frieden. Und ich bete dafür, denn es ist ein mutiges Volk. Und ich bete, dass es Gerechtigkeit und Frieden finden möge. Ich weiß, dass viele dafür arbeiten. Und ich war in der vergangenen Woche auch sehr froh, als ich ein Foto von Präsident Putin und den beiden Präsidenten von Armenien und Aserbaidschan gesehen habe: Sie sprechen wenigstens miteinander. Und auch mit der Türkei: Der Präsident der [armenischen] Republik hat in seiner Willkommensrede deutlich gesprochen. Er hat den Mut gehabt zu sagen: »Einigen wir uns, vergeben wir einander und blicken wir in die Zukunft.« Das ist sehr mutig! Ein Volk, das so sehr gelitten hat! Das Bild des armenischen Volkes – und dieser Gedanke kam mir heute, als ich ein wenig betete – ist ein steinhartes Leben und eine mütterliche Zärtlichkeit. Es hat Kreuze getragen, aber Kreuze aus Stein – man sieht sie auch [die charakteristischen Steinkreuze, die sogenannten »Chatschkar«] – doch es hat nicht die Zärtlichkeit verloren, die Kunst, die Musik, jene so schwer zu verstehenden Vierteltöne, und das mit großer Genialität… Ein Volk, das in seiner Geschichte so sehr gelitten hat, und allein der Glaube, der Glaube hat es aufrechterhalten. Denn die bloße Tatsache, dass es die erste christliche Nation war, reicht nicht aus; es war die erste christliche Nation, weil der Herr es gesegnet hat, weil es die Heiligen gehabt hat, heilige Bischöfe, Märtyrer… Und darum hat sich in seinem Durchhaltevermögen diese – sagen wir – »Haut aus Stein« gebildet; doch es hat nicht die Zärtlichkeit eines mütterlichen Herzens verloren. Und Armenien ist auch Mutter.

Soweit zur zweiten Frage, und jetzt kommen wir zur ersten: Ja, ich hatte viele Kontakte zu Armeniern, ich ging oft zu ihnen in die Messe; viele armenische Freunde. Es gibt etwas, das ich gewöhnlich nicht gerne zur Entspannung tue, aber zu ihnen ging ich zum Abendessen – und ihr bereitet schwer verdauliche Abendessen! Aber ich bin sehr, sehr befreundet sowohl mit Erzbischof Kissag Mouradian von der Apostolischen Kirche als auch mit dem katholischen Bischof Boghossian. Aber wichtiger als die Zugehörigkeit zur Apostolischen oder zur Katholischen Kirche ist für euch das »Armenier-Sein«, und das habe ich in jenen Zeiten begriffen. Heute hat mich ein Argentinier armenischer Herkunft begrüßt, den der Erzbischof, wenn ich zur Messe kam, immer neben mich setzte, damit er mir einige Zeremonien oder einige Worte erklärte, die ich nicht verstand.

(Pater Lombardi)
Vielen Dank, Heiliger Vater. Jetzt erteilen wir das Wort einer anderen Vertreterin Armeniens, Frau Jeanine Paloulian von Nouvelles d’Arménie.

(Jeanine Paloulian, auf Französisch)
Danke, Heiliger Vater. Gestern Abend haben Sie bei dem ökumenischen Gebetstreffen die Jugendlichen aufgefordert, Urheber der Versöhnung mit der Türkei und mit Aserbaidschan zu sein. Ich möchte Sie einfach fragen – da Sie ja in einigen Wochen nach Aserbaidschan reisen –: Was können Sie, was kann der Heilige Stuhl konkret tun, um uns zu helfen, voranzukommen? Was sind die konkreten Zeichen – in Armenien haben Sie solche gesetzt –, welches sind die Zeichen, die Sie morgen in Aserbaidschan setzen werden?

Papst Franziskus: Ich werde zu den Aserbaidschanern von der Wahrheit sprechen, von dem, was ich gesehen habe, von dem, was ich empfinde. Und ich werde auch sie ermutigen. Ich hatte eine Begegnung mit dem aserbaidschanischen Präsidenten und habe mit ihm gesprochen. Und ich werde auch sagen, dass es eine dunkle Angelegenheit ist, wegen eines Stückchen Landes – denn es ist ja nicht viel – keinen Frieden zu schließen… Aber das sage ich beiden: den Armeniern und den Aserbaidschanern. Vielleicht einigen sie sich nicht über die Modalitäten des Friedenschlusses, und daran muss man eben arbeiten. Aber darüber hinaus weiß ich nichts zu sagen. Ich werde das sagen, was mir zum gegebenen Moment spontan kommt, aber immer im Positiven und im Bemühen, Lösungen zu finden, die gangbar sind, die weiterführen.

(Pater Lombardi)
Vielen Dank. Und jetzt geben wir das Wort an Jean-Louis de la Vaissière von France Presse. Ich glaube, es ist die letzte Reise, die er mit uns macht. So sind wir froh, ihm das Wort zu erteilen.

(Jean-Louis de la Vaissière)
Heiliger Vater, vor allem möchte ich Ihnen – auch im Namen von Sébastien Maillard von La Croix – danken. Wir werden Rom verlassen und möchten von Herzen danken für diesen Frühlingshauch, der über die Kirche weht. Und dann habe ich eine Frage: Warum haben Sie entschieden, in ihrer Ansprache im Präsidentenpalast offen das Wort »Völkermord« hinzuzufügen? Bei einem schmerzlichen Thema wie diesem – meinen Sie, dass es dienlich ist für den Frieden in dieser komplizierten Region?

S09_obre Papst Franziskus: Danke. Wenn in Argentinien von der Vernichtung der Armenier die Rede war, wurde immer das Wort »Völkermord« verwendet. Ich kannte kein anderes. Und in der Kathedrale von Buenos Aires haben wir auf den dritten Altar auf der linken Seite ein steinernes Kreuz gestellt als Erinnerung an den »armenischen Völkermord«. Es sind die beiden armenischen Bischöfe gekommen – der katholische und der apostolische – und haben es eingeweiht. Außerdem hat der apostolische Erzbischof in der katholischen Bartholomäus-Kirche einen Altar zu Ehren des heiligen Bartholomäus (des Glaubensboten Armeniens) errichtet. Doch von jeher kannte ich kein anderes Wort. Ich komme mit diesem Wort. Als ich nach Rom kam, hörte ich diese andere Bezeichnung – »das große Übel« oder »die schreckliche Tragödie«, [Metz Yeghern], die ich in Armenisch nicht aussprechen kann. Und man sagt mir, dass die Bezeichnung »Völkermord« beleidigend ist und dass man die andere gebrauchen muss.

Ich habe immer von den drei Völkermorden des vergangenen Jahrhunderts gesprochen – immer drei. Der erste war der armenische; dann der von Hitler und zuletzt der von Stalin. Diese drei. Es gibt weitere, kleinere. Einen anderen gab es in Afrika [Ruanda]. Aber im Bereich der beiden großen Kriege sind es diese drei. Und ich habe nach dem Warum gefragt. Die einen sagen: »Manche sind der Meinung, dass es nicht wahr ist, dass es keinen Völkermord gegeben hat.« Ein anderer sagte mir – es war ein Rechtsanwalt, der mir das sagte, und ich fand das sehr interessant : »Das Wort Völkermord ist ein terminus technicus und kein Synonym für Vernichtung. Man kann von Vernichtung sprechen, aber wenn wir sie zum Völkermord erklären, zieht das Wiedergutmachungs-Aktionen und Ähnliches nach sich.« Das hat mir ein Rechtsanwalt gesagt. Als ich im vergangenen Jahr die Ansprache vorbereitete [für die Feier am 12. April 2015 in Rom], habe ich gesehen, dass der heilige Johannes Paul II. das Wort gebraucht hat – er hat beide gebraucht: »das große Übel« und »Völkermord« – und ich habe das mit Anführungszeichen zitiert. Und es ist nicht gut gegangen: Die türkische Regierung hat eine Erklärung abgegeben, und bald darauf hat die Türkei den Botschafter nach Ankara zurückgerufen – einen tüchtigen Mann; die Türkei hatte uns einen »Luxus«-Botschafter gesandt – vor zwei oder drei Monaten ist er zurückgekehrt… Das war ein »diplomatisches Fasten«… Doch sie hat das Recht: das Recht, zu protestieren, haben wir alle. Und in dieser Ansprache [in Armenien] stand anfangs dieses Wort nicht, das stimmt, und ich antworte, warum ich es hinzugefügt habe: Nachdem ich den Stil der Rede des Präsidenten gehört hatte, hätte es – auch angesichts meines früheren Umgangs mit diesem Wort und nachdem ich es im vergangenen Jahr in St. Peter öffentlich gebraucht hatte – zumindest sehr merkwürdig geklungen, jetzt nicht dasselbe zu sagen. Doch dort wollte ich etwas anderes unterstreichen, und ich glaube – wenn ich nicht irre – dass ich gesagt habe: »Bei diesem Völkermord wie bei den anderen beiden haben die großen Weltmächte weggeschaut.« Und das war die Anklage. Im Zweiten Weltkrieg hatten einige Mächte die Fotos von den Eisenbahnlinien, die nach Auschwitz führten: Sie hätten die Möglichkeit gehabt, zu bombardieren, und sie haben es nicht getan. Das ist ein Beispiel.

Im Zusammenhang des Ersten Krieges, in dem es das Problem der Armenier gab, und in Zusammenhang des Zweiten Krieges, in dem es das Problem von Hitler und Stalin gab, und nach Jalta die Lager und all das… und niemand sagte etwas? Man muss das unterstreichen und die historische Frage stellen: Warum habt ihr das nicht getan, ihr Mächte? Ich klage nicht an, ich stelle eine Frage. Es ist interessant: Man schaute sehr wohl auf den Krieg, auf viele Dinge, aber jenes Volk… Und ich weiß nicht, ob es wahr ist, aber ich würde gerne wissen, ob es stimmt, dass Hitler, als er so sehr die Juden verfolgte, unter anderem gesagt haben soll: »Aber wer erinnert sich heute noch an die Armenier? Tun wir dasselbe mit den Juden!« Ich weiß nicht, ob es wahr ist, vielleicht ist es ein Gerücht, aber ich habe davon gehört. Mögen die Historiker forschen und nachsehen, ob es stimmt. Ich glaube, damit habe ich [Ihre Frage] beantwortet. Aber dieses Wort habe ich niemals in beleidigender Absicht gebraucht, vielmehr im objektiven Sinn.

(Pater Lombardi)
Vielen Dank, Heiligkeit. Sie haben ein heikles Argument angesprochen, in großer Aufrichtigkeit und Tiefe. Jetzt geben wir das Wort an Elisabetta Piqué, die – wie Sie wissen – aus Argentinien ist, von La Nación.

(Elisabetta Piqué, auf Spanisch)
Zu allererst meine Gratulation für die Reise. Ich möchte Sie fragen: Wir wissen, dass Sie der Papst sind, aber es gibt auch Papst Benedikt, den emeritierten Papst. Kürzlich hat es Stimmen gegeben, eine Erklärung des Präfekten des Päpstlichen Hauses, Erzbischof Georg Gänswein, der gesagt haben soll, es gebe ein geteiltes Petrusamt – wenn ich nicht irre – mit einem aktiven und einem kontemplativen Papst. Gibt es zwei Päpste?

Papst Franziskus auf Spanisch: Es hat eine Zeit in der Kirche gegeben, da gab es drei! [er wiederholt auf Italienisch]. Zu einer gewissen Zeit gab es in der Kirche drei! Ich habe diese Erklärung nicht gelesen, denn ich hatte keine Zeit. Benedikt ist emeritierter Papst. Er hat an jenem 11. Februar, an dem er seinen Rücktritt für den 28. Februar verkündete, klar gesagt, er werde sich zurückziehen, um der Kirche mit dem Gebet zu helfen. Und Benedikt ist im Kloster und betet. Ich habe ihn viele Male besucht oder mit ihm telefoniert… Vor ein paar Tagen hat er mir einen kurzen Brief geschrieben – er unterzeichnet noch mit seiner Unterschrift – und hat mir seine Glückwünsche für diese Reise übermittelt. Und einmal – nicht einmal, sondern viele Male – habe ich gesagt, dass es eine Gnade ist, den weisen »Großvater« im Hause zu haben. Auch ihm selbst gegenüber habe ich das gesagt, und er hat gelacht. Aber für mich ist er der emeritierte Papst, der weise »Großvater, der Mann, der mir die Schultern freihält und den Rücken deckt mit seinem Gebet«. Nie werde ich jene Ansprache vergessen, die er uns Kardinälen am 28. Februar gehalten hat: »Einer von euch wird mit Sicherheit mein Nachfolger sein. Ich verspreche ihm Gehorsam.« Und er hat es getan. Später habe ich gehört – aber ich weiß nicht, ob es wahr ist; ich unterstreiche: ich habe gehört, vielleicht sind es Gerüchte, aber sie stimmen mit seinem Charakter überein – dass einige dorthin gegangen sind, um sich zu beklagen, denn »dieser neue Papst…«, und er hat sie fortgejagt! Im besten bayerischen Stil: wohlerzogen, aber er hat sie fortgejagt. Und wenn es nicht wahr ist, dann ist es gut erfunden, denn dieser Mann ist so: Er ist ein Mann, der Wort hält; ein ganz, ganz gerad­liniger Mann! Der emeritierte Papst. Außerdem – ich weiß nicht, ob Sie sich daran erinnern – habe ich Benedikt öffentlich gedankt – ich weiß nicht, wann, aber ich glaube, es war auf einem Flug – dass er die Tür geöffnet hat für emeritierte Päpste.

Vor siebzig Jahren gab es noch keine emeritierten Bischöfe, heute gibt es sie. Aber mit dieser Verlängerung des Lebens, kann man da in einem gewissen Alter mit all seinen Gebrechen die Kirche regieren oder nicht? Und er hat mit Mut – mit Mut! – und mit Gebet und auch mit Wissen, mit Theologie entschieden, diese Türe zu öffnen. Und ich glaube, dass das gut ist für die Kirche. Aber es gibt nur einen Papst. Der andere… oder vielleicht – wie für die emeritierten Bischöfe – wird es einmal, ich sage nicht viele, aber zwei oder drei geben können; sie werden Emeritierte sein. Sie sind [Papst] gewesen, [nun] sind sie Emeritierte. Übermorgen wird der 65. Jahrestag seiner Priesterweihe gefeiert. Sein Bruder Georg wird zugegen sein [sein Kommen wurde im Nachhinein nicht bestätigt], denn beide sind zusammen geweiht worden. Und es wird eine kleine Feier geben, mit den Obersten der Dikasterien und wenigen Leuten, weil er das vorzieht… Er hat zugesagt, aber sehr bescheiden; und auch ich werde dort sein. Und ich werde etwas sagen zu diesem großen Mann des Gebetes und des Mutes, der dieser emeritierte Papst – nicht der zweite Papst – ist, der seinem Wort treu ist, ein Mann Gottes. Er ist sehr intelligent, und für mich ist er der weise Großvater im Hause.

(Pater Lombardi)
Und jetzt erteilen wir Alexej Bukalov das Wort. Er ist einer unserer Dekane und – wie Sie wissen – vertritt er Itar-Tass und somit die russische Kultur unter uns.

Papst Franziskus: Haben Sie in Armenien russisch gesprochen?

(Alexej Bukalov)
Ja, mit großem Vergnügen. Ich danke Ihnen immer… Danke, Heiligkeit, danke für diese Reise, die die erste Reise auf ehemals sowjetischen Boden war. Für mich war es sehr wichtig, sie zu verfolgen… Meine Frage fällt ein wenig aus diesem Thema heraus: Ich weiß, dass Sie sehr zu diesem Panorthodoxen Konzil ermutigt haben, sogar bei dem Treffen mit Patriarch Kyrill auf Kuba ist es als Hoffnung erwähnt worden. Welches ist nun Ihr Urteil über dieses – sagen wir – Forum?

Papst Franziskus: Ein positives Urteil! Es ist ein Schritt vorwärts getan worden, nicht hundertprozentig, aber ein Schritt vorwärts. Die Dinge, die [die Abwesenheit einiger] sagen wir »gerechtfertigt« haben, sind von ihnen aus aufrichtig, es sind Dinge, die sich mit der Zeit lösen lassen. Die vier, die nicht gekommen sind, wollten es ein wenig später veranstalten. Doch ich denke, dass man den ersten Schritt halt so tut, wie man kann. Wie die Kinder; wenn sie laufen lernen, tun sie es so wie sie können: zuerst gehen sie wie die Katzen, und dann tun sie die ersten Schritte [auf zwei Beinen]. Ich bin zufrieden. Sie haben über vieles gesprochen. Ich glaube, das Ergebnis ist positiv. Die bloße Tatsache, dass diese autokephalen Kirchen sich im Namen der Orthodoxie versammelt haben, um einander in die Augen zu sehen, miteinander zu beten und zu sprechen und vielleicht irgendeinen kurzen Disput zu halten, ist äußerst positiv. Ich danke dem Herrn. Beim nächsten werden es mehr sein. Gepriesen sei der Herr!

(Pater Lombardi)
Danke, Heiligkeit. Jetzt geben wir Edward Pentin das Mikrofon, der ein wenig die englische Sprachgruppe vertritt: dieses Mal National Catholic Register.

(Edward Pentin)
Heiliger Vater, wie Johannes Paul II. scheinen Sie ein Verfechter der Europäischen Union zu sein: Sie haben das europäische Projekt gelobt, als Sie kürzlich den Karlspreis erhalten haben. Sind Sie besorgt darüber, dass Brexit zur Auflösung Europas und eventuell zum Krieg führen könnte?

Papst Franziskus: Krieg gibt es bereits in Europa! Außerdem liegt eine Atmosphäre der Spaltung in der Luft, und nicht nur in Europa, sondern in den Ländern selbst. Erinnern Sie sich an Katalonien, im vergangenen Jahr Schottland… Diese Spaltungen, ich sage nicht, dass sie gefährlich sind, aber wir müssen sie gut untersuchen, und bevor wir einen Schritt zur Trennung tun, gut miteinander reden und gangbare Lösungen suchen. Ich weiß wirklich nicht, habe mich nicht damit befasst, welches die Gründe sind, warum das Vereinte Königreich diese Entscheidung getroffen hat. Aber es gibt Entscheidungen für die Unabhängigkeit – und ich glaube, ich habe schon einmal darüber gesprochen, ich weiß nicht, wo, aber ich habe es gesagt –, die man um der Emanzipation willen trifft. So haben sich zum Beispiel alle unsere lateinamerikanischen Länder und auch die Länder Afrikas von den Königshäusern in Madrid und Lissabon emanzipiert – auch in Afrika: von Paris, London; von Amsterdam, vor allem Indonesien… Die Emanzipation ist verständlicher, weil eine Kultur dahintersteht, eine Denkweise.

Dagegen ist die Sezession eines Landes – ich spreche noch nicht vom Brexit; denken wir an Schottland – etwas, das den Namen »Balkanisierung« angenommen hat – und ich sage das, ohne zu beleidigen, indem ich das Wort gebrauche, das die Politiker gebrauchen, ohne damit etwas Negatives über die Balkanstaaten zu sagen! Es ist ein wenig eine Sezession, nicht eine Emanzipation, und dahinter liegen Geschichten, Kulturen, Miss­verständnisse; auch sehr viel guter Wille bei anderen. Das muss einem klar sein. Für mich steht die Einheit immer über dem Konflikt, immer! Aber es gibt verschiedene Formen von Einheit.

Und auch die Brüderlichkeit – und damit komme ich zur Europäischen Union – ist besser als die Feindschaft oder das Abstandnehmen. Im Vergleich zum Abstandnehmen – sagen wir – ist die Brüderlichkeit besser. Und die Brücken sind besser als die Mauern. All das muss uns zu denken geben. Es stimmt, ein Land [sagt]: »Ich bin in der Europäischen Union, aber ich möchte einige Dinge haben, die mir, meiner Kultur eigen sind…« Und der Schritt – und damit komme ich zum Karlspreis –, den die Europäische Union tun muss, um die Kraft wiederzufinden, die sie in ihren Wurzeln hatte, ist ein Schritt der Kreativität und auch einer »heilsamen Uneinigkeit«: Das heißt, den Ländern der Union mehr Unabhängigkeit, mehr Freiheit gewähren. Eine andere Form von Union erdenken, kreativ sein. Kreativ in Bezug auf die Arbeitsplätze, auf die Wirtschaft.

Es besteht heute in Europa eine »verflüssigte« Wirtschaft, die zum Beispiel in Italien dazu führt, dass die Jugend unter 25 Jahren keine Arbeit hat: vierzig Prozent! Es gibt etwas, das in dieser fülligen Union nicht geht… Doch schütten wir das Kind nicht mit dem Bade aus! Versuchen wir, die Dinge zu befreien und neu zu schaffen… Denn die Neuschaffung der menschlichen Dinge – auch unserer Persönlichkeit – ist ein Weg, der ständig zu beschreiten ist. Ein Heranwachsender ist nicht derselbe wie der Erwachsene oder der alte Mensch; er ist derselbe und doch nicht derselbe, ständig schafft er sich neu. Und das gibt ihm Leben und Lebenswillen, und es schenkt ihm Fruchtbarkeit. Und das unterstreiche ich: Heute sind die beiden Schlüsselworte für die Europäische Union Kreativität und Fruchtbarkeit. Das ist die Herausforderung. Ich weiß nicht, das ist meine Meinung.

 

S09_unli

Privates Mittagessen mit dem Heiligen Vater. Hohe Würdenträger aus Armenien und der Römischen Kurie haben sich vor der Abreise nach Rom bei Tisch getroffen.

(Pater Lombardi)
Danke Heiligkeit. Jetzt erteilen wir Tilmann Kleinjung von der ARD, dem deutschen öffentlich-rechtlichen Sender, das Wort. Auch für ihn ist es, glaube ich, die letzte Reise. So sind wir froh, ihm diese Gelegenheit zu geben.

(Tilmann Kleinjung)
Ja, auch ich bin auf Abreise nach Bayern. Danke, dass ich diese Frage stellen darf. »Zu viel Bier, zu viel Wein.« Heiliger Vater, ich wollte Sie fragen: Sie haben heute von den miteinander geteilten Gaben der Kirchen gesprochen. Da Sie in vier Monaten nach Lund gehen, um des fünfhundertsten Jahrestags der Reformation zu gedenken, meine ich, dass das vielleicht auch der richtige Moment ist, um nicht nur an die Verwundungen beider Seiten zu erinnern, sondern auch die Gaben der Reform anzuerkennen und eventuell sogar – und das ist eine häretische Frage – um die Exkommunizierung Luthers aufzuheben oder zurückzuziehen bzw. ihn irgendwie zu rehabilitieren.

Papst Franziskus: Ich glaube, dass die Absichten Martin Luthers nicht falsch waren: Er war ein Reformer. Vielleicht waren einige Methoden nicht die richtigen, aber in jener Zeit… wenn wir zum Beispiel die Geschichte von Pastor lesen [vgl. Ludwig von Pastor, Geschichte der Päpste seit dem Ausgang des Mittelalters], sehen wir, dass die Kirche wirklich kein nachahmenswertes Vorbild war: Es gab Korruption in der Kirche, es gab Weltlichkeit, Anhänglichkeit ans Geld und an die Macht. Dagegen hat er protestiert. Außerdem war er intelligent; er hat einen Schritt vorwärts getan und sich für sein Tun gerechtfertigt. Und heute sind wir – Lutheraner und Katholiken, mit allen Protestanten – einig über die Rechtfertigungslehre: In diesem so wichtigen Punkt hatte er sich nicht geirrt. Er hat eine »Medizin« für die Kirche geschaffen, dann hat sich diese Medizin verfestigt in einem Stand der Dinge, in einer Disziplin, in einer Art zu glauben, in einer Art zu handeln, in einer Art der Liturgie. Aber es war nicht er allein: Da war Zwingli, da war Calvin. Und hinter ihnen, wer war da? Die Fürsten. »Cuius regio, eius religio«.

Wir müssen uns in die Geschichte jener Zeit versetzen; sie ist nicht leicht zu verstehen. Dann haben sich die Dinge weiterentwickelt. Heute besteht ein sehr guter Dialog, und dieses Dokument über die Rechtfertigung ist, meine ich, eines der reichsten und tiefsten ökumenischen Dokumente. Einverstanden? Es gibt Spaltungen, aber die hängen auch von den Kirchen ab. In Buenos Aires gab es zwei lutherische Kirchen; eine dachte in einer Weise, die andere in einer anderen. Auch in der lutherischen Kirche selbst herrscht keine Einheit. Sie respektieren einander, sie lieben sich… Die Verschiedenheit ist das, was wohl uns allen viel geschadet hat, und heute versuchen wir, den Weg wieder aufzunehmen, um uns nach fünfhundert Jahren zu begegnen. Ich glaube, wir müssen gemeinsam beten. Für dieses Anliegen ist das Gebet wichtig.

Zweitens: arbeiten für die Armen, für die Verfolgten, für so viele Leidenden, für die Flüchtlinge… gemeinsam arbeiten und gemeinsam beten. Und die Theologen sollen gemeinsam studieren und suchen… Aber das ist ein langer Weg, ein sehr langer… Einmal habe ich im Scherz gesagt: »Ich weiß, wann der Tag der vollkommenen Einheit sein wird.« – »Wann?« – »Der Tag nach der Wiederkunft des Menschensohns!« Denn man weiß es nicht… Der Heilige Geist wird diese Gnade bewirken. Doch inzwischen muss man beten, einander lieben und gemeinsam arbeiten, vor allem für die Armen, für die Menschen, die leiden, für den Frieden und vieles andere, gegen die Ausbeutung der Menschen… Viele Dinge, für die man gemeinsam an der Arbeit ist.

(Pater Lombardi)
Danke. Jetzt geben wir das Wort an Cécile Chambraud von Le Monde, die noch einmal die französische Sprachgruppe vertritt.

(Cécile Chambraud, auf Spanisch)
Heiliger Vater, vor einigen Wochen haben Sie von einer Kommission gesprochen, die über das Diakonat der Frau nachdenken soll. Ich möchte wissen, ob diese Kommission bereits existiert und welches die Fragen sein werden, über deren Lösung sie nachdenken wird. Und schließlich dient eine Kommission manchmal dazu, die Probleme zu vergessen: Ich möchte wissen, ob das für diesen Fall zutrifft.

Papst Franziskus: Es gab einen Präsidenten Argentiniens, der sagte und auch den Präsidenten der anderen Ländern riet: Wenn du willst, dass etwas keine Lösung findet, dann bilde eine Kommission! Der Erste, der von dieser Nachricht überrascht war, war ich selbst, denn das Gespräch mit den Ordensfrauen, das aufgezeichnet und dann vom L’Osservatore Romano veröffentlicht wurde, verlief ganz anders, und zwar auf dieser Linie: »Wir haben gehört, dass es in den ersten Jahrhunderten Diakoninnen gegeben hat. Kann man das mal untersuchen? Eine Kommission bilden?…« Und nichts weiter. Sie haben gefragt, sie waren höflich, und nicht nur höflich, sondern sie lieben auch die Kirche, diese gottgeweihten Frauen.

Ich habe erzählt, dass ich einen Syrer kannte, einen inzwischen verstorbenen syrischen Theologen, der die italienische kritische Ausgabe der Werke des heiligen Ephräm besorgt hat. Wenn ich nach Rom kam, stieg ich in der Via della Scrofa ab, und er wohnte dort. Als wir beim Frühstück einmal über Diakoninnen sprachen, sagte er mir: »Ja, aber man weiß nicht genau, was sie waren, ob sie die Weihe hatten…«. Sicher gab es diese Frauen; sie halfen dem Bischof in drei Dingen: erstens bei der Taufe der Frauen, denn es gab die Taufe durch Eintauchen; zweitens bei den Salbungen der Frauen vor und nach der Taufe; und drittens – das ist zum Lachen – wenn eine Frau zum Bischof kam, um sich zu beklagen, dass ihr Mann sie schlug, dann rief der Bischof eine der Diakoninnen, den Körper der Frau zu untersuchen nach Striemen, die das bestätigten. Das habe ich gesagt. »Kann man das einmal untersuchen?« – »Ja, ich werde der Kongregation für die Glaubenslehre sagen, dass sie eine Kommission bilden sollen.« Und tags darauf [in den Zeitungen]: »Die Kirche öffnet die Tür für Diakoninnen!« Ich habe mich wirklich ein bisschen über die Medien geärgert, denn das bedeutet, den Leuten nicht in Wahrheit zu sagen, wie die Dinge stehen. Ich habe mit dem Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre gesprochen, und er hat mir gesagt: »Es gibt bereits eine Studie, die die Internationale theologische Kommission in den achtziger Jahren gemacht hat.« Dann habe ich mit der Präsidentin [der Generaloberinnen] gesprochen und ihr gesagt: »Lassen Sie mir bitte eine Liste von Personen zukommen, die ihrer Meinung nach für die Bildung dieser Kommission geeignet sind.« Und sie hat mir die Liste geschickt. Auch der Präfekt hat mir die Liste geschickt, und jetzt liegt sie auf meinem Schreibtisch für die Bildung der Kommission.

Ich glaube, über das Thema ist in der Zeit der achtziger Jahre viel geforscht worden und es wird nicht schwer sein, Licht in diese Angelegenheit zu bringen. Aber es gibt noch etwas anderes. Vor anderthalb Jahren habe ich eine Kommission von Theologinnen gebildet, die mit Kardinal Rylko [dem Präsidenten des Päpstlichen Laienrates] zusammengearbeitet haben. Sie haben eine gute Arbeit geleistet, denn das Denken der Frauen ist sehr wichtig. Für mich ist die Stellung der Frau nicht so wichtig wie das Denken der Frau: Die Frau denkt anders als wir Männer. Und man kann keine gute Entscheidung treffen – keine gute und rechte Entscheidung – ohne die Frauen zu hören. Einige Male habe ich in Buenos Aires eine Besprechung mit meinen Konsultoren gehalten und sie zu einem Thema angehört. Danach ließ ich einige Frauen kommen, und sie sahen die Dinge in einem anderen Licht, und das war eine sehr große Bereicherung. Und dann war die Entscheidung sehr, sehr fruchtbar und sehr schön. Ich muss diese Theologinnen treffen, die eine gute Arbeit geleistet haben, die aber leider zum Stillstand gekommen ist. Warum? Weil das Dikasterium für die Laien sich jetzt verändert, umstrukturiert wird. Und ich warte ein wenig, dass das erst einmal durchgeführt wird, um dann diese zweite Arbeit bezüglich der Diakoninnen fortzusetzen.

Und in Bezug auf die Theologinnen möchte ich noch einmal unterstreichen, dass die Art und Weise, wie die Frauen die Dinge verstehen, wie sie denken, wie sie die Dinge sehen, wichtiger ist als die Stellung der Frau. Und außerdem wiederhole ich, was ich immer sage: Die Kirche ist Frau, sie ist »die« Kirche. Und sie ist nicht eine alte Jungfer, sie ist eine mit dem Sohn Gottes verheiratete Frau, Ihr Bräutigam ist Jesus Christus. Denken Sie darüber nach, und dann sagen Sie mir, was Sie denken…

(Pater Lombardi)
Nun, da Sie über die Frauen gesprochen haben, lassen wir eine Frau eine letzte Frage stellen; dann stelle ich eine und wir schließen… So lassen wir Sie nach einer Stunde in Frieden. Cindy Wooden, die Verantwortliche für CNS, die katholische Nachrichtenagentur der Vereinigten Staaten.

S10_ob

(Cindy Wooden)
Danke, Heiligkeit. In den vergangenen Tagen hat der deutsche Kardinal Marx, als er vor einer großen, sehr bedeutenden Konferenz in Dublin über die Kirche in der Welt von heute sprach, gesagt, dass die katholische Kirche die Gemeinschaft der Homosexuellen um Verzeihung bitten muss, weil sie diese Menschen ausgegrenzt hat. In den Tagen nach dem Massaker von Orlando haben viele gesagt, die christliche Gemeinschaft habe etwas mit diesem Hass gegen diese Menschen zu tun. Was denken Sie?

Papst Franziskus: Ich werde dieselbe Sache wiederholen, die ich bei meiner ersten Reise gesagt habe, und ich wiederhole das, was im Katechismus der Katholischen Kirche steht: dass sie nicht diskriminiert werden dürfen, dass sie respektiert werden müssen, dass man sie seelsorglich begleiten soll. Man kann sie verurteilen, nicht aus ideologischen Gründen, sondern – sagen wir – wegen ihres politischen Verhaltens, wegen gewisser Ausdrucksformen, die für die anderen etwas zu anstößig sind. Aber diese Sachen haben mit dem Problem nichts zu tun: Wenn das Problem darin besteht, dass eine Person diese Veranlagung hat – wenn sie guten Willen hat und Gott sucht, wer sind wir, dass wir über sie urteilen? Wir müssen gut begleiten, so wie es der Katechismus sagt. Der Katechismus ist klar! Zudem gibt es Traditionen in einigen Ländern, einige Kulturen haben eine andere Mentalität in dieser Frage. Ich glaube, dass die Kirche nicht nur um Entschuldigung bitten muss – wie es jener Kardinal-»Marxist« [Kardinal Marx] gesagt hat – gegenüber jener Person, die homosexuell ist, die sie beleidigt hat, sondern dass sie sich auch bei den Armen und bei den im Arbeitsleben ausgebeuteten Frauen und Kindern entschuldigen muss; dass sie um Entschuldigung bitten muss, weil sie so viele Waffen gesegnet hat… Die Kirche muss sich entschuldigen, weil sie sich oft und so oft nicht benehmen konnte… – und wenn ich Kirche sage, meine ich die Christen; die Kirche ist heilig, aber die Sünder sind wir! – Die Christen müssen sich dafür entschuldigen, dass sie so viele Entscheidungen nicht begleitet haben und so viele Familien im Stich gelassen haben. … Ich erinnere mich an die Mentalität im Buenos Aires meiner Kindheit, diese verschlossene katholische Kultur – ich komme von dort! –: Bei einer Familie von Geschiedenen durfte man nicht ins Haus gehen! Ich spreche von der Zeit vor achtzig Jahren.

Die Kultur hat sich Gott sei Dank geändert. Als Christen müssen wir uns für vieles entschuldigen, nicht nur für das. Wir müssen um Vergebung bitten, nicht nur um Entschuldigung! »Vergib, Herr!« ist ein Wort, das wir leicht vergessen – jetzt spiele ich den Pfarrer und halte eine Predigt! Nein, das ist wahr, oft verhalten wir uns wie der »Herr Pfarrer« und nicht wie ein väterlicher Priester; wir machen es wie ein Priester, der »Hiebe austeilt« und nicht wie ein Priester, der umarmt, vergibt, tröstet… Doch auch davon gibt es viele! Viele Krankenhausgeistliche, Gefängnispfarrer, viele Heilige! Aber die sieht man nicht, weil die Heiligkeit Scham empfindet und sich verbirgt. Dagegen drängt sich die Schamlosigkeit ein biss­chen auf; sie ist unverschämt und stellt sich zur Schau. Es gibt viele Organisationen mit guten Leuten und mit weniger guten; oder Zeitgenossen, denen du einen etwas dickeren Umschlag zuschiebst und die dann in eine andere Richtung schauen – so wie die Weltmächte bei den drei Völkermorden. Auch wir Christen – Priester, Bischöfe – haben so etwas gemacht; aber wir Christen haben auch eine Teresa von Kalkutta, ja wir haben viele Teresas von Kalkutta! Schauen wir auf viele Schwestern in Afrika, auf viele Laien, auf viele heiligmäßige Ehepaare. Es ist der Weizen mit Unkraut dazwischen, der Weizen und das Unkraut. Jesus sagt, dass so das Reich Gottes aussieht. Wir dürfen nicht daran Anstoß nehmen, so zu sein. Wir müssen dafür beten, dass dieses Unkraut vergehe und es mehr Weizen gebe. Doch das ist das Leben der Kirche. Man kann ihm nicht eine Grenze setzen. Wir alle sind heilig, weil wir alle den Heiligen Geist in uns haben, aber wir alle sind auch Sünder. Ich als Erster. Nicht wahr? Danke. Ich weiß nicht, ob ich die Frage beantwortet habe… Jedenfalls, nicht nur Entschuldigung, sondern Vergebung!

(Pater Lombardi)
Heiliger Vater, erlauben Sie mir, eine letzte Frage zu stellen, und dann lassen wir Sie in Frieden gehen…

Papst Franziskus: Bringen Sie mich nicht in Schwierigkeiten…

(Pater Lombardi)
Schauen wir auf die nächste Reise nach Polen, auf die wir uns schon langsam vorbereiten. Sie werden sich in diesem Monat Juli der Vorbereitung widmen. Könnten Sie uns etwas über Ihre Empfindungen sagen, mit denen Sie auf diesen Weltjugendtag im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit zugehen.

Und eine andere, mehr spezifische Frage ist diese: Wir haben mit Ihnen in Armenien das Mahnmal von Zizernakaberd aufgesucht, und Sie werden auf Ihrer Reise nach Polen auch Auschwitz und Birkenau sehen. Ich habe gehört, dass Sie wünschen, diese Momente schweigend zu erleben und keine Reden zu halten – wie Sie es hier gemacht habe, so vielleicht auch in Birkenau. Ich möchte Sie daher bitten, uns mitzuteilen, ob Sie dort eine Ansprache halten wollen oder es vorziehen, einen Moment des stillen Gebets in einem besonderen Anliegen Ihrerseits zu halten.

Papst Franziskus: Vor zwei Jahren habe ich dasselbe in Redipuglia gemacht beim hundertsten Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs. Nach Redpuglia bin ich schweigend gegangen. Danach fand die heilige Messe statt, wo ich gepredigt habe; aber das war eine andere Sache. Das Schweigen. Heute haben wir es erlebt – heute Morgen – dieses Schweigen. War es heute? [Pater Lombardi: Nein, gestern.] Ich möchte an jenen Ort des Schreckens gehen ohne Reden, ohne Menschen, nur mit denen, die nötig sind… Aber die Journalisten werden selbstverständlich dabei sein! Aber ich will keinen begrüßen, diesen oder jenen… Nein, nein. Allein, hineingehen und beten… Und der Herr möge mir die Gnade geben zu weinen.

(Pater Lombardi)
Danke, Heiliger Vater. Nun wollen wir Sie auch bei der Vorbereitung der nächsten Reise begleiten. Und wir danken Ihnen vielmals für die Zeit, die Sie sich für uns genommen haben. Jetzt ruhen Sie sich etwas aus und gehen auch Sie essen… Und dann erholen Sie sich gut im Juli.

Papst Franziskus: Vielen Dank! Nochmals danke. Danke auch für Ihre Arbeit und Ihr Wohlwollen.

_______

Quelle: Osservatore Romano 46/27, 8. Juli 2016

Die Papst-Ansprache im Wortlaut: Was ist mit dir los, Europa?

OSSROM121589_Articolo

Die Ansprache des Papstes
bei der Verleihung des Karlspreises,
am 6. Mai 2016, im Vatikan im Wortlaut:

 

Sehr verehrte Gäste,

herzlich heiße ich Sie willkommen und danke Ihnen, dass Sie da sind. Ein besonderer Dank gilt den Herren Marcel Philipp, Jürgen Linden, Martin Schulz, Jean-Claude Juncker und Donald Tusk für ihre freundlichen Worte. Ich möchte noch einmal meine Absicht bekräftigen, den ehrenvollen Preis, mit dem ich ausgezeichnet werde, Europa zu widmen: Wir wollen die Gelegenheit ergreifen, über dieses festliche Ereignis hinaus gemeinsam einen neuen kräftigen Schwung für diesen geliebten Kontinent zu wünschen.

Die Kreativität, der Geist, die Fähigkeit, sich wieder aufzurichten und aus den eigenen Grenzen hinauszugehen, gehören zur Seele Europas. Im vergangenen Jahrhundert hat es der Menschheit bewiesen, dass ein neuer Anfang möglich war: Nach Jahren tragischer Auseinandersetzungen, die im furchtbarsten Krieg, an den man sich erinnert, gipfelten, entstand mit der Gnade Gottes etwas in der Geschichte noch nie dagewesenes Neues. Schutt und Asche konnten die Hoffnung und die Suche nach dem Anderen, die im Herzen der Gründerväter des europäischen Projekts brannten, nicht auslöschen. Sie legten das Fundament für ein Bollwerk des Friedens, ein Gebäude, das von Staaten aufgebaut ist, die sich nicht aus Zwang, sondern aus freier Entscheidung für das Gemeinwohl zusammenschlossen und dabei für immer darauf verzichtet haben, sich gegeneinander zu wenden. Nach vielen Teilungen fand Europa endlich sich selbst und begann sein Haus zu bauen.

Diese »Familie von Völkern«[1], die in der Zwischenzeit lobenswerterweise größer geworden ist, scheint in jüngster Zeit die Mauern dieses gemeinsamen Hauses, die mitunter in Abweichung von dem glänzenden Projektentwurf der Väter errichtet wurden, weniger als sein Eigen zu empfinden. Jenes Klima des Neuen, jener brennende Wunsch, die Einheit aufzubauen, scheinen immer mehr erloschen. Wir Kinder dieses Traumes sind versucht, unseren Egoismen nachzugeben, indem wir auf den eigenen Nutzen schauen und daran denken, bestimmte Zäune zu errichten. Dennoch bin ich überzeugt, dass die Resignation und die Müdigkeit nicht zur Seele Europas gehören und dass auch die »Schwierigkeiten zu machtvollen Förderern der Einheit werden können«[2].

Im Europäischen Parlament habe ich mir erlaubt, von Europa als Großmutter zu sprechen. Zu den Europaabgeordneten sagte ich, dass von verschiedenen Seiten der Gesamteindruck eines müden und gealterten Europa, das nicht fruchtbar und lebendig ist, zugenommen hat, wo die großen Ideale, welche Europa inspiriert haben, ihre Anziehungskraft verloren zu haben scheinen; ein heruntergekommenes Europa, das seine Fähigkeit, etwas hervorzubringen und zu schaffen, verloren zu haben scheint. Ein Europa, das versucht ist, eher Räume zu sichern und zu beherrschen, als Inklusions- und Transformationsprozesse hervorzubringen; ein Europa, das sich „verschanzt“, anstatt Taten den Vorrang zu geben, welche neue Dynamiken in der Gesellschaft fördern – Dynamiken, die in der Lage sind, alle sozialen Handlungsträger (Gruppen und Personen) bei der Suche nach neuen Lösungen der gegenwärtigen Probleme einzubeziehen und dazu zu bewegen, auf dass sie bei wichtigen historischen Ereignissen Frucht bringen. Ein Europa, dem es fern liegt, Räume zu schützen, sondern das zu einer Mutter wird, die Prozesse hervorbringt (vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 223).

Was ist mit dir los, humanistisches Europa, du Verfechterin der Menschenrechte, der Demokratie und der Freiheit? Was ist mit dir los, Europa, du Heimat von Dichtern, Philosophen, Künstlern, Musikern, Literaten? Was ist mit dir los, Europa, du Mutter von Völkern und Nationen, Mutter großer Männer und Frauen, die die Würde ihrer Brüder und Schwestern zu verteidigen und dafür ihr Leben hinzugeben wussten?

Der Schriftsteller Elie Wiesel, Überlebender der Nazi-Vernichtungslager, sagte, dass heute eine „Transfusion des Gedächtnisses“ grundlegend ist. Es ist notwendig, „Gedächtnis zu halten“, ein wenig von der Gegenwart Abstand zu nehmen, um der Stimme unserer Vorfahren zu lauschen. Das Gedächtnis wird uns nicht nur erlauben, nicht dieselben Fehler der Vergangenheit zu begehen (vgl. Evangelii gaudium, 108), sondern gibt uns auch Zutritt zu den Errungenschaften, die unseren Völkern geholfen haben, die historischen Kreuzungswege, denen sie begegneten, positiv zu beschreiten. Die Transfusion des Gedächtnisses befreit uns von der oft attraktiveren gegenwärtigen Tendenz, hastig auf dem Treibsand unmittelbarer Ergebnisse zu bauen, die »einen leichten politischen Ertrag schnell und kurzlebig erbringen [könnten], aber nicht die menschliche Fülle aufbauen« (ebd., 224).

Zu diesem Zweck wird es uns gut tun, die Gründerväter Europas in Erinnerung zu rufen. Sie verstanden es, in einem von den Wunden des Krieges gezeichneten Umfeld nach alternativen, innovativen Wegen zu suchen. Sie hatten die Kühnheit, nicht nur von der Idee Europa zu träumen, sondern wagten, die Modelle, die bloß Gewalt und Zerstörung hervorbrachten, radikal zu verändern. Sie wagten, nach vielseitigen Lösungen für die Probleme zu suchen, die nach und nach von allen anerkannt wurden.

Robert Schuman sagte bei dem Akt, den viele als die Geburtsstunde der ersten europäischen Gemeinschaft anerkennen: »Europa lässt sich nicht mit einem Schlage herstellen und auch nicht durch eine einfache Zusammenfassung: Es wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine Solidarität der Tat schaffen.«[3] Gerade jetzt, in dieser unserer zerrissenen und verwundeten Welt, ist es notwendig, zu dieser Solidarität der Tat zurückzukehren, zur selben konkreten Großzügigkeit, der auf den Zweiten Weltkrieg folgte, denn – wie Schuman weiter ausführte – »Der Friede der Welt kann nicht gewahrt werden ohne schöpferische Anstrengungen, die der Größe der Bedrohung entsprechen.«[4] Die Pläne der Gründerväter, jener Herolde des Friedens und Propheten der Zukunft, sind nicht überholt: Heute mehr denn je regen sie an, Brücken zu bauen und Mauern einzureißen. Sie scheinen einen eindringlichen Aufruf auszusprechen, sich nicht mit kosmetischen Überarbeitungen oder gewundenen Kompromissen zur Verbesserung mancher Verträge zufrieden zu geben, sondern mutig neue, tief verwurzelte Fundamente zu legen. Wie Alcide De Gasperi sagte: »Von der Sorge um das Gemeinwohl unserer europäischen Vaterländer, unseres Vaterlandes Europa gleichermaßen beseelt, müssen alle ohne Furcht eine konstruktive Arbeit wieder neu beginnen, die alle unsere Anstrengungen einer geduldigen und dauerhaften Zusammenarbeit erfordert.«[5]

Diese Übertragung des Gedächtnisses macht es uns möglich, uns von der Vergangenheit inspirieren zu lassen, um mutig dem vielschichtigen mehrpoligen Kontext unserer Tage zu begegnen und dabei entschlossen die Herausforderung anzunehmen, die Idee Europa zu „aktualisieren“ – eines Europa, das imstande ist, einen neuen, auf drei Fähigkeiten gegründeten Humanismus zur Welt zu bringen: Fähigkeit zur Integration, Fähigkeit zum Dialog und Fähigkeit, etwas hervorzubringen.

OSSROM121584_Articolo

Fähigkeit zur Integration

Erich Przywara fordert uns mit seinem großartigen Werk Idee Europa heraus, sich die Stadt als eine Stätte des Zusammenlebens verschiedener Einrichtungen auf unterschiedlichen Ebenen vorzustellen. Er kannte jene reduktionistische Tendenz, die jedem Versuch, das gesellschaftliche Gefüge zu denken und davon zu träumen, innewohnt. Die vielen unserer Städte innewohnende Schönheit verdankt sich der Tatsache, dass es ihnen gelungen ist, die Unterschiede der Epochen, Nationen, Stile, Visionen in der Zeit zu bewahren. Es genügt, auf das unschätzbare kulturelle Erbe Roms zu schauen, um noch einmal zu bekräftigen, dass der Reichtum und der Wert eines Volkes eben darin wurzelt, alle diese Ebenen in einem gesunden Miteinander auszudrücken zu wissen. Die Reduktionismen und alle Bestrebungen zur Vereinheitlichung – weit entfernt davon, Wert hervorzubringen – verurteilen unsere Völker zu einer grausamen Armut: jene der Exklusion. Und weit entfernt davon, Größe, Reichtum und Schönheit mit sich zu bringen, ruft die Exklusion Feigheit, Enge und Brutalität hervor. Weit entfernt davon, dem Geist Adel zu verleihen, bringt sie ihm Kleinlichkeit.

Die Wurzeln unserer Völker, die Wurzeln Europas festigten sich im Laufe seiner Geschichte. Dabei lernte es, die verschiedensten Kulturen, ohne sichtliche Verbindung untereinander, in immer neuen Synthesen zu integrieren. Die europäische Identität ist und war immer eine dynamische und multikulturelle Identität.

Die Politik weiß, dass sie vor dieser grundlegenden und nicht verschiebbaren Arbeit der Integration steht. Wir wissen: »Das Ganze ist mehr als der Teil, und es ist auch mehr als ihre einfache Summe.« Dafür muss man immer arbeiten und »den Blick ausweiten, um ein größeres Gut zu erkennen, das uns allen Nutzen bringt« (Evangelii gaudium, 235). Wir sind aufgefordert, eine Integration zu fördern, die in der Solidarität die Art und Weise findet, wie die Dinge zu tun sind, wie Geschichte gestaltet werden soll. Es geht um eine Solidarität, die nie mit Almosen verwechselt werden darf, sondern als Schaffung von Möglichkeiten zu sehen ist, damit alle Bewohner unserer – und vieler anderer – Städte ihr Leben in Würde entfalten können. Die Zeit lehrt uns gerade, dass die bloß geographische Eingliederung der Menschen nicht ausreicht, sondern dass die Herausforderung in einer starken kulturellen Integration besteht.

Auf diese Weise wird die Gemeinschaft der europäischen Völker die Versuchung überwinden können, sich auf einseitige Paradigmen zurückzuziehen und sich auf „ideologische Kolonialisierungen“ einzulassen. So wird sie vielmehr die Größe der europäischen Seele wiederentdecken, die aus der Begegnung von Zivilisationen und Völkern entstanden ist, die viel weiter als die gegenwärtigen Grenzen der Europäischen Union geht und berufen ist, zum Vorbild für neue Synthesen und des Dialogs zu werden. Das Gesicht Europas unterscheidet sich nämlich nicht dadurch, dass es sich anderen widersetzt, sondern dass es die Züge verschiedener Kulturen eingeprägt trägt und die Schönheit, die aus der Überwindung der Beziehungslosigkeit kommt. Ohne diese Fähigkeit zur Integration werden die einst von Konrad Adenauer gesprochenen Worte heute als Prophezeiung der Zukunft erklingen: »Die Zukunft der abendländischen Menschheit [ist] durch nichts, aber auch durch gar nichts, durch keine politische Spannung so sehr gefährdet wie durch die Gefahr der Vermassung, der Uniformierung des Denkens und Fühlens, kurz, der gesamten Lebensauffassung und durch die Flucht aus der Verantwortung, aus der Sorge für sich selbst.«[6]

Die Fähigkeit zum Dialog

Wenn es ein Wort gibt, das wir bis zur Erschöpfung wiederholen müssen, dann lautet es Dialog. Wir sind aufgefordert, eine Kultur des Dialogs zu fördern, indem wir mit allen Mitteln Instanzen zu eröffnen suchen, damit dieser Dialog möglich wird und uns gestattet, das soziale Gefüge neu aufzubauen. Die Kultur des Dialogs impliziert einen echten Lernprozess sowie eine Askese, die uns hilft, den Anderen als ebenbürtigen Gesprächspartner anzuerkennen, und die uns erlaubt, den Fremden, den Migranten, den Angehörigen einer anderen Kultur als Subjekt zu betrachten, dem man als anerkanntem und geschätztem Gegenüber zuhört. Es ist für uns heute dringlich, alle sozialen Handlungsträger einzubeziehen, um »eine Kultur, die den Dialog als Form der Begegnung bevorzugt,« zu fördern, indem wir »die Suche nach Einvernehmen und Übereinkünften [vorantreiben], ohne sie jedoch von der Sorge um eine gerechte Gesellschaft zu trennen, die erinnerungsfähig ist und niemanden ausschließt« (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 239). Der Frieden wird in dem Maß dauerhaft sein, wie wir unsere Kinder mit den Werkzeugen des Dialogs ausrüsten und sie den „guten Kampf“ der Begegnung und der Verhandlung lehren. Auf diese Weise werden wir ihnen eine Kultur als Erbe überlassen können, die Strategien zu umreißen weiß, die nicht zum Tod, sondern zum Leben, nicht zur Ausschließung, sondern zur Integration führen.

Diese Kultur des Dialogs, die in alle schulischen Lehrpläne als übergreifende Achse der Fächer aufgenommen werden müsste, wird dazu verhelfen, der jungen Generation eine andere Art der Konfliktlösung einzuprägen als jene, an die wir sie jetzt gewöhnen. Heute ist es dringend nötig, „Koalitionen“ schaffen zu können, die nicht mehr nur militärisch oder wirtschaftlich, sondern kulturell, erzieherisch, philosophisch und religiös sind. Koalitionen, die herausstellen, dass es bei vielen Auseinandersetzungen oft um die Macht wirtschaftlicher Gruppen geht. Es braucht Koalitionen, die fähig sind, das Volk vor der Benutzung durch unlautere Ziele zu verteidigen. Rüsten wir unsere Leute mit der Kultur des Dialogs und der Begegnung aus.

Die Fähigkeit, etwas hervorzubringen

Der Dialog und alles, was er mit sich bringt, erinnern uns daran, dass keiner sich darauf beschränken kann, Zuschauer oder bloßer Beobachter zu sein. Alle, vom Kleinsten bis zum Größten, bilden einen aktiven Part beim Aufbau einer integrierten und versöhnten Gesellschaft. Diese Kultur ist möglich, wenn alle an ihrer Ausgestaltung und ihrem Aufbau teilhaben. Die gegenwärtige Situation lässt keine bloßen Zaungäste der Kämpfe anderer zu. Sie ist im Gegenteil ein deutlicher Appell an die persönliche und soziale Verantwortung.

In diesem Sinne spielen unsere jungen Menschen eine dominierende Rolle. Sie sind nicht die Zukunft unserer Völker, sie sind ihre Gegenwart. Schon heute schmieden sie mit ihren Träumen und mit ihrem Leben den europäischen Geist. Wir können nicht an ein Morgen denken, ohne dass wir ihnen eine wirkliche Teilhabe als Träger der Veränderung und des Wandels anbieten. Wir können uns Europa nicht vorstellen, ohne dass wir sie einbeziehen und zu Protagonisten dieses Traums machen.

Kürzlich habe ich über diesen Aspekt nachgedacht, und ich habe mich gefragt: Wie können wir unsere jungen Menschen an diesem Aufbau teilhaben lassen, wenn wir ihnen die Arbeit vorenthalten? Wenn wir ihnen keine würdige Arbeiten geben, die ihnen erlauben, sich mit Hilfe ihrer Hände, ihrer Intelligenz und ihren Energien zu entwickeln? Wie können wir behaupten, ihnen die Bedeutung von Protagonisten zuzugestehen, wenn die Quoten der Arbeitslosigkeit und der Unterbeschäftigung von Millionen von jungen Europäern ansteigen? Wie können wir es vermeiden, unsere jungen Menschen zu verlieren, die auf der Suche nach Idealen und nach einem Zugehörigkeitsgefühl schließlich anderswohin gehen, weil wir ihnen hier in ihrem Land keine Gelegenheiten und keine Werte zu vermitteln vermögen?

»Die gerechte Verteilung der Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit ist keine bloße Philanthropie. Es ist eine moralische Pflicht«[7]. Wenn wir unsere Gesellschaft anders konzipieren wollen, müssen wir würdige und lukrative Arbeitsplätze schaffen, besonders für unsere jungen Menschen.

Das erfordert die Suche nach neuen Wirtschaftsmodellen, die in höherem Maße inklusiv und gerecht sind. Sie sollen nicht darauf ausgerichtet sein, nur einigen wenigen zu dienen, sondern vielmehr dem Wohl jedes Menschen und der Gesellschaft. Und das verlangt den Übergang von einer „verflüssigten“ Wirtschaft zu einer sozialen Wirtschaft. Ich denke zum Beispiel an die soziale Marktwirtschaft, zu der auch meine Vorgänger ermutigt haben (vgl. Johannes Paul II. Ansprache an den Botschafter der Bundesrepublik Deutschland, 8. November 1990). Es ist nötig, von einer Wirtschaft, die auf den Verdienst und den Profit auf der Basis von Spekulation und Darlehen auf Zinsen zielt, zu einer sozialen Wirtschaft überzugehen, die in die Menschen investiert, indem sie Arbeitsplätze und Qualifikation schafft.

Von einer „verflüssigten“ Wirtschaft, die dazu neigt, Korruption als Mittel zur Erzielung von Gewinnen zu begünstigen, müssen wir zu einer sozialen Wirtschaft gelangen, die den Zugang zum Land und zum Dach über dem Kopf garantiert. Und dies mittels der Arbeit als dem Umfeld, in dem die Menschen und die Gemeinschaften »viele Dimensionen des Lebens ins Spiel [bringen können]: die Kreativität, die Planung der Zukunft, die Entwicklung der Fähigkeiten, die Ausübung der Werte, die Kommunikation mit den anderen, eine Haltung der Anbetung. In der weltweiten sozialen Wirklichkeit von heute ist es daher über die begrenzten Interessen der Unternehmen und einer fragwürdigen wirtschaftlichen Rationalität hinaus notwendig, ‚dass als Priorität weiterhin das Ziel verfolgt wird, allen Zugang zur Arbeit zu verschaffen‘[8]« (Enzyklika Laudato si‘, 127).

Wenn wir eine menschenwürdige Zukunft anstreben wollen, wenn wir eine friedliche Zukunft für unsere Gesellschaft wünschen, können wir sie nur erreichen, indem wir auf die wahre Inklusion setzen: »die, welche die würdige, freie, kreative, beteiligte und solidarische Arbeit gibt«[9]. Dieser Übergang (von einer „verflüssigten“ zu einer sozialen Wirtschaft) vermittelt nicht nur neue Perspektiven und konkrete Gelegenheiten zur Integration und Inklusion, sondern eröffnet uns von neuem die Fähigkeit von jenem Humanismus zu träumen, dessen Wiege und Quelle Europa einst war.

Am Wiederaufblühen eines zwar müden, aber immer noch an Energien und Kapazitäten reichen Europas kann und soll die Kirche mitwirken. Ihre Aufgabe fällt mit ihrer Mission zusammen, der Verkündigung des Evangeliums. Diese zeigt sich heute mehr denn je vor allem dahin, dass wir dem Menschen mit seinen Verletzungen entgegenkommen, indem wir ihm die starke und zugleich schlichte Gegenwart Christi bringen, seine tröstende und ermutigende Barmherzigkeit. Gott möchte unter den Menschen wohnen, aber das kann er nur mit Männern und Frauen erreichen, die – wie einst die großen Glaubensboten des Kontinents – von ihm angerührt sind und das Evangelium leben, ohne nach etwas anderem zu suchen. Nur eine Kirche, die reich an Zeugen ist, vermag von neuem das reine Wasser des Evangeliums auf die Wurzeln Europas zu geben. Dabei ist der Weg der Christen auf die volle Gemeinschaft hin ein großes Zeichen der Zeit, aber auch ein dringendes Erfordernis, um dem Ruf des Herrn zu entsprechen, dass alle eins sein sollen (vgl. Joh 17,21).

Mit dem Verstand und mit dem Herz, mit Hoffnung und ohne leere Nostalgien, als Sohn, der in der Mutter Europa seine Lebens- und Glaubenswurzeln hat, träume ich von einem neuen europäischen Humanismus: »Es bedarf eines ständigen Weges der Humanisierung«, und dazu braucht es »Gedächtnis, Mut und eine gesunde menschliche Zukunftsvision«[10]. Ich träume von einem jungen Europa, das fähig ist, noch Mutter zu sein: eine Mutter, die Leben hat, weil sie das Leben achtet und Hoffnung für das Leben bietet. Ich träume von einem Europa, das sich um das Kind kümmert, das dem Armen brüderlich beisteht und ebenso dem, der Aufnahme suchend kommt, weil er nichts mehr hat und um Hilfe bittet. Ich träume von einem Europa, das die Kranken und die alten Menschen anhört und ihnen Wertschätzung entgegenbringt, auf dass sie nicht zu unproduktiven Abfallsgegenständen herabgesetzt werden. Ich träume von einem Europa, in dem das Migrantsein kein Verbrechen ist, sondern vielmehr eine Einladung zu einem größeren Einsatz mit der Würde der ganzen menschlichen Person. Ich träume von einem Europa, wo die jungen Menschen die reine Luft der Ehrlichkeit atmen, wo sie die Schönheit der Kultur und eines einfachen Lebens lieben, die nicht von den endlosen Bedürfnissen des Konsumismus beschmutzt ist; wo das Heiraten und der Kinderwunsch eine Verantwortung wie eine große Freude sind und kein Problem darstellen, weil es an einer hinreichend stabilen Arbeit fehlt. Ich träume von einem Europa der Familien mit einer echt wirksamen Politik, die mehr in die Gesichter als auf die Zahlen blickt und mehr auf die Geburt von Kindern als auf die Vermehrung der Güter achtet. Ich träume von einem Europa, das die Rechte des Einzelnen fördert und schützt, ohne die Verpflichtungen gegenüber der Gemeinschaft außer Acht zu lassen. Ich träume von einem Europa, von dem man nicht sagen kann, dass sein Einsatz für die Menschenrechte an letzter Stelle seiner Visionen stand.

___

[1] Ansprache an das Europäische Parlament, Straßburg, 25. November 2015.

[2] Ebd.

[3] Erklärung am 9. Mai 1950 im Salon de l’Horloge, Quai d’Orsay, Paris.

[4] Ebd.

[5] Vgl. Rede auf der Europäischen Parlamentarischen Konferenz, Paris, 21. April 1954.

[6] Ansprache auf dem Deutschen Handwerkertag, Düsseldorf, 27. April 1952.

[7] Ansprache beim Welttreffen der Volksbewegungen, Santa Cruz de la Sierra, 9. Juli 2015.

[8] Benedikt XVI., Enzyklika Caritas in veritate (29. Juni 2009), 32: AAS 101 (2009), 666.

[9] Ansprache beim Welttreffen der Volksbewegungen, Santa Cruz de la Sierra, 9. Juli 2015.

[10] Ansprache an den Europarat, Straßburg, 25. November 2014.

_______

Quelle

SCHWEIZ – GEGEN DEN SCHLEICHENDEN EU-BEITRITT

Ein anschauliches Informationsvideo des „Komitees gegen den schleichenden EU-Beitritt„, veröffentlicht zum sog. Rahmenvertrag, der in Wahrheit ein Unterwerfungsvertrag ist. Darin werden die Pläne des Bundesrates entlarvt, der die Schweiz an die Strukturen der EU fesseln will.