JOHANNES XXIII. (1958-1963): DAS LEBEN DES KONZILSPAPSTES

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Weltweite Anerkennung errang der „gütige Papst“ („il Papa buono“) auch als Vorkämpfer für friedliche Konfliktlösungen, insbesondere während der bedrohlichen Kuba-Krise zwischen den USA und der Sowjetunion.

 

In seinem kurzen Pontifikat setzte Johannes XXIII. Dinge in Bewegung, die kaum jemand erwartet hatte.

(1958-1963) hat die Kirchengeschichte vor allem durch die Ankündigung und Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils geprägt. Der Papst eröffnete es im Oktober 1962 nach dreijähriger Vorbereitung, konnte es aber nicht mehr zu Ende führen. Mit seiner Forderung nach einem „Aggiornamento“ („Verheutigung“) in der Kirche gab er das Leitmotiv für eine neue Ära vor. Durch seine Menschenfreundlichkeit und Bescheidenheit wurde er zu einer weit über Kirchengrenzen hinaus anerkannten und beliebten Persönlichkeit.

Angelo Roncalli stammt aus armen Verhältnissen

Toleranz und Gesprächsbereitschaft des Papstes waren Ergebnis einer harten Lebensschule. Aus seiner Herkunft aus einem armen Bauernhaus in Sotto il Monte in der Gegend von Bergamo machte er nie ein Hehl. Hier wurde Johannes XXIII. wurde am 25. November 1881 als Angelo Giuseppe Roncalli geboren.

Nach der Priesterweihe 1904 förderte sein damaliger Bischof die soziale Ader Angelo Roncallis; für seinen Einsatz für Arbeiter und Gewerkschaften und wegen seiner aufgeschlossenen Haltung wurde er bald in Rom angeschwärzt, in seinen Akten fand sich der Vermerk „des Modernismus verdächtig“.

Als Diplomat in Istanbul

Nach kurzer Tätigkeit in Rom wurde Roncalli auf die unbedeutendsten und entlegendsten Posten der damaligen päpstlichen Diplomatie abgeschoben, nach Bulgarien und Istanbul. Er selbst fühlte sich „kaltgestellt“, lernte aber zugleich den Katholizismus in einer Situation der Minderheit, in einem laizistischen Staat sowie den Überlebenskampf der von den Nazis geflohenen Juden kennen.

Roncalli wurde in dieser „Verbannung“ 63 Jahre alt, bis er 1944 von Pius XII. überraschend zum Nuntius in Paris bestellt wurde – zu dieser Zeit die wichtigste Drehscheibe der vatikanischen Diplomatie. Die Regierung in Paris mockierte sich – wie neue Archivforschungen ergaben – über seinen unkonventionellen Amtsstil und seine vielen Reisen durch das Land, die Christdemokraten warfen ihm seine guten Kontakte zu Sozialisten und „Radikalen“ vor.

Er machte Türen und Fenster der Kirche auf

Mit 71 Jahren wurde Roncalli 1953 Patriarch von Venedig und Kardinal. Auch hier mischte er sich unters Volk und zeigte keinerlei Angst vor Kontakten mit Menschen unterschiedlichster Weltanschauung. Nach dem Tod von Pius XII. wurde Roncalli am 28. Oktober 1958 zum Papst gewählt. Als die 51 Kardinäle den Patriarchen von Venedig zum neuen Papst kürten, kam bald das Wort vom „Übergangspapst“ auf. Man hatte erwartet, dass der damals fast 77-Jährige seinen Lebensabend kaum mit großen Konflikten belasten würde.

Die Amtszeit Johannes XXIII. war tatsächlich kurz: vier Jahre und sieben Monate. Doch der Roncalli-Papst setzte in dieser kurzen Zeit Dinge in Bewegung, die kaum jemand erwartet hatte.

Der neue Papst wusste mit dem ausgefeilten protokollarischen Stil seines langjährigen asketischen Vorgängers Pius XII. nichts anzufangen. Dem Diplomaten und Kirchenrechtler Pacelli war mit Roncalli ein Seelsorger gefolgt. Er suchte die Nähe der Gläubigen und des Volkes, in der Seelsorge sah er seine Hauptaufgabe.

Johannes XXIII. erklärte offen die Zeit der „vatikanischen Gefangenschaft“ der Päpste für beendet und besuchte deshalb auch demonstrativ die römischen Kirchen und Pfarren, ja sogar das Gefängnis „Regina Coeli“.

Weltweites Aufsehen erregte er, als er als erster Papst seit 1870 wieder Rom verließ und Wallfahrten nach Assisi und Loreto unternahm. Damit leitete er die „Reisepastoral“ seiner Nachfolger Paul VI. und Johannes Paul II.

„Der Menschheitsfamilie ein Konzil schenken“

Mit einer Einladung an alle Bischöfe der Weltkirche erfolgte zu Weihnachten 1961 die Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils. „Wir hielten die Zeit für reif“, schrieb der Papst in seiner Konstitution „Humanae salutis“ vom 25. Dezember 1961, „der katholischen Kirche und der Menschheitsfamilie die Möglichkeit eines neuen Ökumenischen Konzils zu schenken“.

Johannes XXIII. wollte kein Verurteilungs- oder Lehrkonzil mit neuen Dogmen, sondern ein von der Seelsorge geprägtes, dialogisches, nicht-autoritäres: eine Denkfabrik für die Fragen, die die Christen im 20. Jahrhunderts bewegten.

Am 11. Oktober 1962 eröffnete der Papst die bisher letzte beschlussfassende Versammlung der rund 2.800 katholischen Bischöfe, die nach seinem Tod 1963 durch seinen Nachfolger Papst Paul VI. fortgesetzt und am 8. Dezember 1965 abgeschlossen wurde. Bei der Eröffnung erklärte Johannes XXIII., er wolle den „Unglückpropheten“ der Zeit „entschieden widersprechen“ und sich furchtlos an die Aufgaben begeben, die das Jahrhundert an die Kirche stelle.

Noch bevor das Konzil begann, zeigten sich die Konfliktlinien zwischen „Bewahrern“ und „Reformern“, die sich später bei den entscheidenden Sitzungen des Konzils vertiefen sollten. Wohl niemand – auch nicht Johannes XXIII. selbst – konnte ahnen, wie viel Aktenstudium, wie viel theologisches und kirchenpolitisches Ringen und wie viel Gebet und „Wehen des Heiligen Geistes“ d8afür noch notwendig sein würden.

Anfang der Ökumene

Auch Vertreter der anderen christlichen Kirchen waren als Beobachter eingeladen. Damit wurde ein ökumenischer Dialog eröffnet, den die katholische Kirche bis dahin auf höchster offizieller Ebene verweigert hatte. Als erster Papst seit Jahrhunderten empfing er orthodoxe, protestantische und anglikanische Kirchenführer.

Die Sozialenzykliken

Zum Pontifikat Johannes‘ XXIII. gehören aber auch sieben Enzykliken, darunter „Mater et Magistra“ (1961) über die katholische Soziallehre sowie „Pacem in Terris“ (1963). In letzterer, die er „an alle Menschen guten Willens“ richtete, rief er zur internationalen Zusammenarbeit für Frieden und Gerechtigkeit auf.

„Meine Koffer sind gepackt“

Mit zunehmender Amtsdauer wurde immer deutlicher, dass Johannes XXIII. an ein schweres Krebsleiden hatte. Bei seinem letzten öffentlichen Auftritt rund zehn Tage vor seinem Tod sagte er zu den Hunderttausenden Menschen auf dem Petersplatz in Rom: „Sorgt euch doch nicht so sehr um mich. Ich bin bereit, die große Reise anzutreten. Meine Koffer sind gepackt. Ich kann jederzeit abfahren.“ Johannes XXIII. starb am Pfingstmontag, 3. Juni 1963, um 19.49 Uhr im Apostolischen Palast im Vatikan. Am 3. September 2000 wurde Johannes XXIII. von Johannes Paul II. seliggesprochen.

Erstellt von: KAP (23.4.2014)

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Quelle

Joachim Kardinal Meisner – Predigt zur Dankfeier der Heiligsprechung der Päpste Johannes XXIII. und Johannes Paul II. am 10. Mai 2014 im Kölner Dom

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Liebe Schwestern, liebe Brüder!

1. „Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht erlischt. Und wenn du dich wieder bekehrt hast, stärke deine Brüder“ (Lk 22,32), sind die nüchternen Worte des Herrn vor der Berufung des Petrus als Leiter der Universalkirche. Eine solche Berufung muss den Menschen, und wenn es der genialste wäre, immer überfordern. Wenn man die Paulusbriefe liest, wird man der Schwierigkeiten schon in den einzelnen wenigen Gemeinden des Anfangs ansichtig. Wie sollte das dann erst werden, wenn das Evangelium auf dem ganzen Erdkreis Fuß gefasst hat! Wenn in allen Ländern der Erde Jünger Jesu leben und in Gemeinden, kleinen und großen, das Evangelium sichtbar machen, dann werden die Probleme des Anfangs gewiss nicht kleiner geworden sein. Der Herr wusste, was er mit dem Petrusamt einem Menschen zumutet. Und er kann das nur, indem er ihm seinen absoluten Beistand verspricht, nämlich sein Gebet. Hier schon zeigt sich die Mächtigkeit des Gebetes.

2. Dass uns in der Wende vom zweiten ins dritte Jahrtausend zwei Petrusnachfolger geschenkt worden sind, die von der Kirche am 27. April heiliggesprochen wurden, ist eine Garantie dafür, dass der Herr wirklich bei uns bleibt, bis zur Vollendung der Welt. Das 20. Jahrhundert, dessen Geschichte wohl nur mit Blut und Tränen zu schreiben ist, ließ diese beiden Päpste über sich selbst hinauswachsen. Papst Johannes Paul II. hat mit größter Intensität die Jahrhundert- bzw. Jahrtausendwende vorbereitet und war überzeugt, dass mit dem 21. Jahrhundert ein neuer, friedlicherer Abschnitt der Weltgeschichte beginnen würde. Als dann das furchtbare Ereignis in New York am 11. September 2001 passierte, war Papst Johannes Paul II. zutiefst erschüttert. Ich konnte ihn am Tag danach in Castel Gandolfo besuchen, und erlebte ihn, wie er fassungslos vor dem Fernsehapparat saß und dieses grausame 2/5 Ereignis zur Kenntnis nehmen musste. Die Welt wird kein Land des Lächelns werden! Sie bleibt Herausforderung und Auftrag für das Evangelium und damit für die Kirche, sei es gelegen oder ungelegen! Johannes Paul II. wollte seine ganze, ihm noch verbliebene Kraft einsetzen, um diese Herausforderung anzunehmen.

3. Papst Johannes XXIII. folgte dem großen Papst Pius XII., der ebenfalls in schwieriger Zeit während des Nationalsozialismus die Kirche zu leiten hatte. Ihn löste – zunächst zur Enttäuschung vieler Gläubigen – der unbekannte Patriarch von Venedig, Giovanni Roncalli, ab, der mit seiner gar nicht fortteilhaften Figur zunächst viele in Erstaunen versetzte. Johannes XXIII. lernt man erst dann richtig kennen, wenn man sein geistliches Tagebuch aufschlägt, um auch für seine eigene Christusnachfolge Hilfe, Ideen und Ermutigung zu erlangen. Die tägliche Treue in der Nachfolge Christi ließ in der Verborgenheit seines Dienstes in der Türkei einen Mann heranwachsen, den Gott für den Petrusdienst bestimmt hatte. Hier legte der Herr selbst Hand an, um ihm das notwendige Format für seinen kommenden Petrusdienst zu geben. Die tägliche gewissenhafte Verrichtung des Breviergebetes, die tägliche Zelebration der hl. Messe, die wöchentliche Beichte, die jährlichen Exerzitien, die geistliche Lektüre, die Anbetung des Allerheiligsten Tag für Tag, die Nachbarschaftshilfe an Arme waren die Bauelemente, mit denen der Geist Gottes den künftigen Papst erstehen ließ. Papst Johannes XXIII. verstand sich gleichsam als „Pfarrer der ganzen Welt“. Und wie in den Pfarreien noch vor Jahrzehnten öfter Volksmissionen fällig waren. So wollte er als Papst eine weltweite Volksmission durchführen, indem er das II. Vatikanische Konzil einberufen hatte, das nach seinem Willen ein Pastoralkonzil werden sollte, in dem es also darum ging, auf die Nöte der Zeit in der Kirche und außerhalb der Kirche eine vom Evangelium gültige und hilfreiche Antwort zu geben.

Ich selbst bin davon ein Mitbetroffener, indem ich, bzw. unser Priester-Weihekurs 1962 auf unseren Spiritual im Priesterseminar Neuzelle als unmittelbaren Inspirator für die Priesterweihe verzichten mussten. Unser Spiritual wurde als theologischer Begleiter für Kardinal Bengsch aus Berlin mit nach Rom berufen. Unsere Priesterweihe war dann am 22. Dezember 1962, sodass wir die letzte Etappe der Vorbereitung mit einem Ersatzmann auskommen musste, der es übrigens auch gut gemacht hat. So hat mich und uns damals das II. Vatikanische Konzil schon sehr deutlich tangiert.

Papst Johannes XXIII. hat das Konzil eröffnet und konnte nur die erste Sitzungsperiode leiten, nachdem ihm Gott durch sein vorbildliches Sterben abberufen hat. Vielleicht war sein gläubiges Sterben gleichsam vor aller Welt eines seiner wesentlichsten Beiträge zum Konzil. Denn alles wahrhaftige Leben als Menschen und Christen muss sich im Tod vollenden können. Johannes XXIII. hat das Konzil eröffnet, beschlossen hat es dann drei Jahre später Papst Paul VI.. Und man sagt mit Recht, Papst Paul VI. hätte in seiner intel- 3/5 lektuellen Art und reichen diplomatischen Erfahrung das Konzil nicht beginnen können, und Papst Johannes XXIII. hätte es in seiner Einfachheit nicht beenden können. So hat also die göttliche Vorsehung – wie immer in der Kirche – deutlich Regie geführt.

Das Konzil sollte nach Papst Johannes XXIII. eine Erneuerung an Haupt und Gliedern bringen. Er war überzeugt, dass alle Schwierigkeiten, Gegenargumente, Zeitströmungen und weltlichen Verhältnisse durch das Evangelium eine Verwandlung zum Guten erfahren könnten, nicht aus der Kraft menschlicher Vernunft, sondern aus der Kraft des Heiligen Geistes. „Sende aus deinen Geist, und alles wird neu geschaffen, und du wirst das Angesicht der Erde erneuern“, war ein Lieblingsgebet von Papst Johannes XXIII.. Darauf wollte er die Probe aufs Exempel machen. Und er war überzeugt von dem Schriftwort, dass es die Freude Gottes ist, bei den Menschen zu sein. Darum sollte das Konzil auch eine große Freude für den lebendigen Gott in seiner Kirche sein.

Nun hat die Kirche diesen Pfarrer im Weltmaßstab zur Ehre der Altäre erhoben. Wir wissen ihn nun als eine normative Gestalt des Evangeliums in unserer Zeit neben uns und als unseren Anwalt im himmlischen Jerusalem bei uns. Er kennt die Nöte der modernen Welt aus eigener Erfahrung und weiß als heiliger Papst Johannes XXIII. ein helfendes Wort bei Gott, dem Geber aller guten Gaben, für uns einzulegen.

4. Papst Johannes Paul II. ist der Nach-Nachfolger vom heiligen Papst Johannes XXIII.. Auf Letzteren folgte Papst Paul VI., und nach ihm begann dann das 30-tägige Pontifikat von Johannes Paul I. Am 16. Oktober 1978 darauf trat der Erzbischof von Krakau, Karel Woityła, den Petrusdienst als Papst Johannes Paul II. an. Schon wie der Name zeigt, wollte er – wie Johannes Paul I. – die beiden großartigen Pontifikate von Johannes XXIII. und Papst Paul VI. weiterführen.

Der heilige Papst Johannes Paul II. war beschenkt mit einer Genialität des Herzens, aber auch mit einer Genialität des Kopfes. Er war ein typisch Intellektueller, und er war dabei – was selten vorkommt – ein großartiger Mystiker. Die göttliche Vorsehung hat ihn uns gerade für diese Zeit des Jahrtausendwechsels mit allen Schwierigkeiten und Chancen geschenkt. Der heilige Johannes Paul II. kommt aus der Bewährung der großen Christenverfolgungen der Nazis und der Kommunisten. Diese Ideologien haben ihn zutiefst davon überzeugt, dass nur das Evangelium imstande ist, intellektuell und vital die narzistische und die marxistische Ideologien zu überwinden und dass weiter nur das Evangelium, das Christus selbst in der Welt gegenwärtig setzt, die Kraft hat, die Menschheit von diesen dunklen Mächten zu befreien.

Mir persönlich bleiben zwei Ereignisse mit dem heiligen Papst Johannes Paul II. unvergesslich, die ganz unterschiedlich sind. Die erste Erfahrung 4/5 war im Jahre 1975. Erzbischof, Kardinal Woityła, hatte uns in Erfurt besucht, um die große Herbstwallfahrt im September mit dem Volke Gottes in Thüringen zu feiern. Er war schon am Samstag angereist. Um 8.00 Uhr war das Frühstück angesetzt, aber seit 5.00 Uhr war Karol Woityła in der Bischofshauskapelle tief im Gebet versunken. Nach Erfurt besuchte er dann noch die Bischofsstädte Berlin, Dresden und Görlitz. Von dort wurde das Gleiche berichtet, dass der Krakauer Erzbischof, auch wenn es am Abend vorher sehr spät geworden ist, früh um 5.00 Uhr auf den Knien vor dem Tabernakel lag, tief versunken in die Gegenwart des lebendigen Gottes. Der heilige Papst Johannes Paul II. war wirklich ein großer Beter. Auf manchen Bildern wird er gezeigt, wie er mit seinem päpstlichen Kreuzstab gleichsam zu einer Gestalt verschmolzen war. Das aber ist der hl. Johannes Paul II., wie er war und jetzt als Heiliger ist. Und darum konnte er die Menschen mit dem Evangelium berühren, konnte er sie in Kontakt bringen mit Christus, dem Sohn des lebendigen Gottes.

Und das zweite Ereignis, das mir unvergesslich blieb, war der erste Besuch nach seiner Papstwahl 1979 in Warschau, wo er zum ersten Mal als Papst aus Polen seine polnische Heimat besuchte. Er predigte über das Gebet der Kirche zum Heiligen Geist: „Sende aus deinen Geist, und alles wird neu geschaffen. Und du wirst das Angesicht der Erde erneuern!“. Und dann sagte er darauf: „Du wirst das Angesicht der Erde erneuern, und zwar dieser Erde! Hier, wo wir stehen, im Zentrum von Warschau, auf dem Heldenplatz. Du wirst das Angesicht dieser Erde hier erneuern! Dazu ist er willens, und dazu ist er vor allen Dingen in der Lage“. Und das hat er mit einer solchen Selbstverständlichkeit und Eindringlichkeit den Menschen ans Herz legen können, dass die Hörer der Überzeugung waren: „Ja, die Erneuerung ist ja schon jetzt ein großes Stück passiert“. Und dann entwickelte sich ja daraus die Bewegung, die den Kommunismus überwunden hat. Der Papst hat es nicht mit politischen Aktionen oder mit politischen Mitteln bewirkt, sondern rein durch die Verkündigung des Evangeliums, die den Menschen als Kind Gottes seine Freiheit und seine Rechte garantiert, die kein menschliches System verletzen darf.

Johannes Paul II. war ein Gigant des Glaubens und der Liebe. Und weil er die Versklavung des Menschen in der Nazi-Ideologie und bei den Kommunisten erlebt hat, hat er sich so leidenschaftlich und so kompetent für den Menschen eingesetzt, den Gott als sein Abbild, als Mann und Frau geschaffen und in der Ehe berufen hat, aus dieser Zweiheit eine Trinität zu schaffen, nämlich die Familie. Darum war die Sorge um die Heiligkeit von Ehe und Familie das Herzstück seines theologischen Denkens und Tuns. – Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Dafür ist Papst Johannes Paul II. gegen alle Relativierungen in- und außerhalb der Kirche eingetreten, um der Würde der Menschen willen. Papst Benedikt XVI. bezeugt, dass der hl. Johannes Paul II. bei seiner Audienz am 13. März 1981 auf dem Petersplatz in 5/5 Rom die Gründung eines Päpstlichen Institutes für Ehe und Familie verkünden wollte. Dabei trafen ihn die Kugeln des Attentates, sodass die Gründung erst später erfolgen konnte. Wie überaus wichtig Ehe und Familie für das Heil des Menschen in der Welt ist, zeigt dieses Attentat. Die Hölle wollte den Herold der Heiligkeit von Ehe und Familie töten. Sie ist auf diesem Gebiet bis heute wirksam geblieben.

Nicht nur wir als katholische Kirche, sondern die gesamte Christenheit, ja die Menschheit, hat diesen beiden neuen Heiligen sehr viel zu verdanken. Sie haben zwar keine Nobelpreise empfangen, aber die Heiligsprechung ist ein Nobelpreis, den Gott selbst verleiht. Und sie ist ein Geschenk an uns, denn wir haben die beiden neuen Heiligen nicht nur als Giganten vor uns, sondern als freundliche und zuverlässige Wegbegleiter neben uns, als Fürsprecher über uns und als lockendes Ziel vor uns. Heiliger Papst Johannes XXIII., heiliger Papst Johannes Paul II., ihr seid für viele von uns noch Zeitgenossen. Bittet für uns, jetzt und in der Stunde unseres Todes! Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner Erzbischof em. von Köln

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Quelle

DIE HEILIGSPRECHUNG JOHANNES XXIII. UND JOHANNES PAUL II.

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Siehe dazu auch folgende Dokumente:

Johannes XXIII. und Johannes Paul II: zwei heilige Päpste, zwei marianische Heilige

(Nachträglich – zur Dokumentation:)

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Johannes Paul II. und Johannes XXIII.

Worte des Prälaten des Opus Dei, Mons. Javier Echevarría,
vor der Heiligsprechung von Johannes XXIII. und Johannes Paul II.

Die Heiligsprechung von Johannes XXIII. und Johannes Paul II. ist ein großes kirchliches Ereignis und ein Zeichen der Hoffnung für die Welt, denn wo Heiligkeit blüht, haben Krisen nicht das letzte Wort.

Wenn es Heiligkeit gibt, existiert ein festes Fundament, auf dem sich Zukunft aufbauen lässt. Im Christentum, und ganz besonders in den Heiligen, finden wir Antworten auf die tiefsten Probleme des Menschen und der Gesellschaft, die ihren Ursprung häufig darin haben, dass sie sich von Gott entfernt haben.

Ein starkes Motiv für unsere Dankbarkeit gegenüber Gott liegt darin, dass wir sehen konnten, wie während der letzten Jahrzehnte (in denen so viel von wirtschaftlichen, kulturellen, politischen, sozialen, religiösen “Krisen” gesprochen wurde) die Kirche von der Heiligkeit geführt wurde, das heißt, durch heilige Menschen: zwei der drei schon verstorbenen Päpste (Johannes XXIII. und Johannes Paul II.) werden diesen Sonntag [27.4.2014] heilig gesprochen werden, und der Seligsprechungsprozess für den dritten (Paul VI.) ist bereits sehr weit fortgeschritten.

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Johannes XXIII. bei seinem Besuch in Loreto

Johannes XXIII. ist vor allem jener Papst, der das Zweite Vatikanische Konzil einberufen hat. Als Nachfolger Petri hat er die Kirche mit fester und väterlicher Hand zu dieser außerordentlichen Glaubenserfahrung und zur persönlichen sowie gemeinschaftlichen Erneuerung geführt, die dieses kirchliche Ereignis war und ist: es ging darum, zum Herzen des Menschen unserer Zeit zu sprechen, wie es die Konstitution Gaudium et Spes unterstrich. Papst Roncalli trug dazu bei, die Berufung zur Heiligkeit direkt in den Ursprung des Christseins zu legen. Wir können ihn heute als Fürsprecher anrufen, um den Herrn zu bitten, dass Er diese durch das 2. Vatikanum verkündete Wahrheit tief in das Gewissen jeder Christin und jedes Christen einsenkt: dass die Heiligkeit von jedem Christen erreicht werden kann und nicht ein Lebensziel für einige wenige Privilegierte darstellt.

Für die Menschheit ist Johannes XXIII. auch der Papst des Friedens, denn in einem sehr heiklen historischen Augenblick zweifelte er – nach dem Beispiel seiner Vorgänger – nicht daran, welche die geeigneten Mittel sind, um den Krieg zu verhindern, indem er seine moralische und religiöse Autorität in die Ausarbeitung einer universellen Lehre über die Voraussetzungen des Friedens und über die Würde des Menschen einbrachte.

Johannes Paul II. liebte als Priester Gott und die nach dem Bild Gottes in Christus geschaffenen Menschen. Angetrieben von der Nächstenliebe rief er die ganze Kirche zu einer “Neuevangelisierung” auf und hob dabei die Rolle hervor, die den Laien bei dieser Aufgabe zukommt, Gott im Leben der Menschen und der Völker zu vergegenwärtigen. Während der Jahre seines Pontifikates sind wir tiefer und mit neuem Licht in die Güte und Barmherzigkeit Gottes eingedrungen. Seine Worte, seine Gesten, seine Schriften, seine persönliche Hingabe – ob als Gesunder oder Kranker – waren die Wege, deren sich der Heilige Geist bediente, um sehr viele Menschen an die Quelle der Gnade heranzuführen und auch dafür, dass Tausende Jugendliche auf den Ruf Christi zum Priestertum, zum Ordensleben, zur Ehe und zum apostolischen Zölibat im Laienstand mit Zustimmung antworteten.

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Johannes Paul II. in Fatima

Der polnische Papst führte uns vom zweiten ins dritte Jahrtausend, er hinterließ uns ein eindrucksvolles Erbe über die Würde der menschlichen Person, über den Wert des Lebens und der Familie, über den Dienst an den Armen und Notleidenden, über die Förderung der Rechte der Arbeiter, über die menschliche Liebe und die Würde der Frau, und über so viele andere für die Entwicklung einer Existenz in Würde entscheidende Aspekte. Seine Schriften und seine Ansprachen bilden insgesamt ein Lehrgebäude von großer Bedeutung für die Zukunft. Ich bin überzeugt, dass seine gesellschaftliche und menschliche Botschaft – die aus einer tiefen Gott gegebenen geistlichen Antwort hervorgeht – im Laufe der Zeit noch eine riesige Bedeutung erlangen wird.

Die Heiligsprechung dieser zwei großen Hirten erfolgt an den Pforten des Monats Mai, dem Monat Mariens. Die zärtliche und tiefe Liebe zur Jungfrau Maria ist diesen zwei neuen Heiligen gemeinsam. Johannes XXIII. suchte häufig Zuflucht bei der “universellen Mutterschaft” der Jungfrau, “der gemeinsamen Mutter, Haupt aller Menschen, der Geschwister Christi, des Erstgeborenen selbst” (12. Oktober 1961). In Johannes Paul II. stellte das Bewusstsein der Nähe und der Fürsprache unserer Mutter einen beständigen Anziehungspol auf seinem eigenen spirituellen und menschlichen Weg dar, und er lud die anderen dazu ein, die “marianische Dimension” der Jünger Christi zu entdecken. Die Kindschaft der Heiligsten Jungfrau gegenüber, – sagte er – ist “ein Geschenk, das Christus selbst jedem Menschen persönlich macht” (vgl. Redemptoris Mater, Nr. 45).

Die Heiligste Jungfrau nimmt einen hervorragenden Platz im geistlichen Leben eines jeden Gläubigen ein, aber auch bei der Errichtung der Kirche selbst. Daher erinnere ich im Zusammenhang mit den Heiligsprechungen am Sonntag gerne an die Worte des hl. Josefmaria Escrivá de Balaguer: “Es ist kaum möglich, die Gottesmutter wirklich zu verehren, ohne sich den übrigen Gliedern des mystischen Leibes enger verbunden zu fühlen, enger verbunden auch mit dem sichtbaren Haupt dieses Leibes, dem Papst. Deshalb wiederhole ich gern: omnes cum Petro ad Iesum per Mariam, alle mit Petrus zu Jesus durch Maria!” (Christus begegnen, Nr. 139). Es macht mir Freude, dass es Papst Franziskus, gleichfalls ein marianischer Papst, ist, der den Entschluss zu diesen zwei Heiligsprechungen gefasst hat. Alle drei haben bewiesen, dass der Inhalt der Liebe nicht nur menschlich ist, sondern dass es darum geht, den anderen Christus zu geben, was die heilige Maria zum Dienst an der ganzen Menschheit vollführte.

In Kürze werden wir uns daran gewöhnen, uns an diese zwei Hirten als dem heiligen Johannes XXIII. und dem hl. Johannes Paul II. zu wenden. Indem Papst Franziskus, der Stellvertreter Christi, sie heiligspricht, hilft er uns zu sehen, dass für Gott Angelo Roncalli und Karol Wojtyla vor allem zwei heilige Menschen sind: Heiligkeit als fundamentaler Faktor im Leben eines jeden Mannes, einer jeden Frau. Der heilige Johannes XXIII. und der heilige Johannes Paul II. waren zwei Priester von großer Herzlichkeit, von brennender Liebe zu Gott und zu allen menschlichen Geschöpfen. Heilige aus einem Guss, geeint durch eine zärtliche Liebe zu Maria, der Mutter Gottes und unserer Mutter.

+Javier Echevarría

Prälat des Opus Dei

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Quelle

Siehe dazu auch: