Was der scheidende US-Botschafter am Heiligen Stuhl über Trump und Franziskus sagt

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Niemand könne voraussagen, was Donald Trump macht, wenn er erst einmal am kommenden Freitag in sein Amt als Präsident der Vereinigten Staaten eingeschworen wird. Doch die Wahlkampf-Rhetorik wird er hinter sich lassen – meint zumindest der US-Botschafter am Heiligen Stuhl, Kenneth Hackett.

Im Interview mit CNA sprach Botschafter Hackett über die Präsidentschaft Trumps ebenso wie das Verhältnis mit dem Vatikan der kommenden US-Regierung.

Was von Donald Trumps Präsidentschaft zu erwarten sei? „Ich weiß es nicht“: So die lakonische Antwort des 2013 aus dem Ruhestand zurück in den Dienst gebetene Diplomaten, der seitdem als Vertreter der USA im Vatikan fungierte. Schließlich könne niemand die Zukunft vorhersagen.

Gleichzeitig rechne er jedoch damit, dass Trump die Rhetorik des Wahlkampfes hinter sich lassen werde, wenn ihn die Realität des Regierungsgeschäfts erst einmal eingeholt habe.

Eine Nation zu leiten „verlangt von dir, dein Bestes zu geben, Entscheidungen abzuwägen, Ratschläge zu hören, auf der Weltbühne die Rolle zu spielen, zu der die USA fähig ist, und die sie gespielt hat“, sagte er. Er selber sei optimistisch, dass „das Gute siegt“ und dass Trump „die beste Beratung annimmt, die ihm angeboten wird“.

Ein Thema, zu dem Trump während des Wahlkampfes besonders deutlich Stellung nahm, ist Migration. Dabei sparte er nicht mit provokativen und kontroversen Aussagen. Gleichzeitig ist das Thema auch ein Hauptanliegen von Papst Franziskus, der unter anderem mit seinem persönlichen Transport muslimischer Migranten aus Lesbos nach Rom Schlagzeilen machte.

Auf die Frage, ob das Thema zu einem Problem werden könnte für die Beziehungen zwischen der US-Regierung und dem Heiligen Stuhl, antwortete Hackett: „Zwei Regierungen haben nicht zu allen Themen die gleichen Ansichten“.

Und wenn Uneinigkeiten zur Sprache kommen sollten, so Botschafter Hackett, dann sei er zuversichtlich, dass jene, die er in der Kurie kenne, zwar zu ihrer Position stehen würden, aber gleichzeitig dialogfähig genug seien, um Lösungen zu finden, die für beide Seiten akzeptabel sind.

„Gerade am Heiligen Stuhl ist man nicht darauf fixiert zu sagen, ’nun, da sind wir eben getrennter Meinung‘. Es wird nach Lösungen gesucht, und hoffentlich wird die Regierung Trump auch einen Weg finden“, sagte er.

„Derzeit gibt es keine dynamischere moralische Führungsfigur auf der Welt als Papst Franziskus“, so Hackett. Er sei zuversichtlich, dass die Regierung Trump einen Weg finden werde, Beziehungen zum Heiligen Stuhl zu pflegen.

Der US-amerikanische Diplomat wird in Kürze seine Amtszeit am Vatikan beenden. Am Tag des Amtsantritts von Trump, dem 20. Januar, fliegt Hackett zurück in die Vereinigten Staaten.

Wer sein Nachfolger am Heiligen Stuhl sein wird, ist noch unklar. Sobald Präsident Trump die Personalie entschieden hat, muss diese Sicherheitsprüfungen unterzogen und vom Senat bestätigt werden. Das dauert mehrere Monate. In der Zwischenzeit hat Hacketts bisheriger Stellvertreter, Lous L. Bono, die Zügel in der Hand.

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Medienkampagne anlässlich des Weltflüchtlingstages 2017

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Papst Franziskus, Generalaudienz, 9. November 2016

Papst Franziskus wird vom 12. bis zum 15. Januar 2017 Twittereinträge zur Situation der Flüchtlinge und Migranten veröffentlichen

Mit einer Pressemitteilung informierte heute die Abteilung für Migranten und Flüchtlinge des Dikasteriums zur ganzheitlichen Entwicklung des Menschen, dass sie anlässlich des Weltflüchtlingstags am 19. Januar 2017 am 15. Januar eine Medienkampagne zum Thema starte. Der Weltflüchtlingstag wurde zum ersten 1914 begangen.

Wie die Abteilung für Migranten und Flüchtlinge verlauten ließ, werde in diesem Jahr insbeondere das Schicksal der minderjährigen Migranten, der schwachen Menschen und der Menschen ohne Stimme in den Blickpunkt gerückt. Damit folgt die Abteilung für Migranten und Flüchtlinge der von Papst Franziskus in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag 2017 vorgegebenen Linie: „Darum liegt es mir anlässlich des diesjährigen Welttags des Migranten und des Flüchtlings am Herzen, auf die Wirklichkeit der minderjährigen Migranten – besonders auf die, welche ganz allein unterwegs sind – aufmerksam zu machen und alle aufzurufen, sich um diese Kinder zu kümmern, die dreifach schutzlos sind: weil sie minderjährig, weil sie fremd und weil sie wehrlos sind, wenn sie aus verschiedenen Gründen gezwungen sind, fern von ihrer Heimat und getrennt von der Liebe in der Familie zu leben.“

Papst Franziskus selbst wird zusätzlich in Tweets auf seinem Account vom 12. bis 15. Januar 2017 das Schicksal und die Situation der Migranten und Flüchtlinge thematisieren.

Zu Verständnis und Barmherzigkeit forderte Papst Franziskus bereits in seiner Botschaft zum Weltflüchtlingstag auf, in der er die Umstände, die Menschen zu Migration und Flucht treiben, und die Gefahren vor allem für Kinder und Jugendliche darlegte: „Heute sind die Migrationen kein auf einige Gebiete des Planeten beschränktes Phänomen, sondern betreffen alle Kontinente und nehmen immer mehr die Dimension eines dramatischen weltweiten Problems an. Es handelt sich nicht nur um Menschen auf der Suche nach einer würdigen Arbeit oder nach besseren Lebensbedingungen, sondern auch um Männer und Frauen, alte Menschen und Kinder, die gezwungen sind, ihre Häuser zu verlassen, in der Hoffnung, ihr Leben zu retten und woanders Frieden und Sicherheit zu finden. Und an erster Stelle sind es die Minderjährigen, die den hohen Preis der Emigration zahlen, die fast immer durch Gewalt, durch Elend und durch die Umweltbedingungen ausgelöst wird – Faktoren, zu denen sich auch die Globalisierung in ihren negativen Aspekten gesellt. Die zügellose Jagd nach schnellem und leichtem Gewinn zieht auch die Entwicklung abnormer Übel nach sich wie Kinderhandel, Ausbeutung und Missbrauch Minderjähriger und ganz allgemein die Beraubung der Rechte, die mit der Kindheit verbunden und in der UN-Kinderrechtskonvention sanktioniert sind.“

Die Abteilung für Migranten und Flüchtlinge ist Teil des Dikasteriums für den Dienst für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen, das am 17. August 2016 durch ein „Motu proprio“ von Papst Franziskus gegründet wurde und seit dem 1. Januar 2017 seine Aufgaben wahrnimmt. In dem neuen Dikasterium wurden der Päpstliche Rat für Gerechtigkeit und Frieden, der Päpstlichn Rat „Cor Unum“, der Päpstliche Rat der Seelsorge für die Migranten und Menschen unterwegs sowie der Päpstliche Rat für die Pastoral im Krankendienst vereint.

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Seelsorge für katholische Migranten aus dem Christlichen Orient

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Piano Degli Albanesi, Provinz Palermo, Sizilien / Wikimedia Commons – Arbereshe (?), Public Domain (Cropped)

 

Begegnung der Bischöfe der katholischen Ostkirchen in Europa

Die jährliche Tagung der Bischöfe der katholischen Ostkirchen findet dieses Jahr auf Einladung des Patriarchen von Lissabon, Kardinal Manuel Clemente, Vorsitzender der portugiesischen Bischofskonferenz, in Fátima (Portugal) statt.

Im Laufe dieser Begegnung, die auch Wallfahrt zum Marienheiligtum Fátima ist, wo sich 2017 der Tag der Marienerscheinungen zum hundertsten Mal jährt, versammeln sich die bischöflichen Repräsentanten von 15 katholischen Ostkirchen und die Vertreter mehrerer Bischofskonferenzen aus westeuropäischen Ländern (Frankreich, Deutschland, Portugal, Vereinigtes Königreich und Spanien), um über die Herausforderung zu sprechen, die die Seelsorge für zu den katholischen Ostkirchen gehörende Migranten in ihren jeweiligen Ländern darstellt.

Seit dem Zusammenbruch der totalitären Regimes in den osteuropäischen Ländern strömen zahlreiche katholische Migranten in die westlichen Länder, um hier ein neues Leben zu beginnen; sie gehören den katholischen Ostkirchen, also mehrheitlich Kirchen sui iuris, an. Nach 20 Jahren, angesichts eines immer noch relativ konstanten Zustroms neuer Migranten und der Geburt der zweiten Generation unter den Erstankömmlingen, stehen die aufnehmenden Kirchen vor Ort, die mehrheitlich dem lateinischen Ritus der westlichen Länder folgen, vor neuen Herausforderungen bei der Bewahrung der kulturellen und kirchlichen Identität dieser Migranten.

Im Marien-Wallfahrtsort Fátima analysieren die Teilnehmer zusammen mit dem Präfekten für die Kongregation der Ostkirchen, Kardinal Leonardo Sandri, daher einige Fragen und Aufgaben, die sich im Zusammenhang mit dieser besonderen Art der Einwanderung stellen. Besprochen werden die zur Migration führende wirtschaftliche Situation in den osteuropäischen Ländern, mit einem Beitrag des Wirtschaftswissenschaftlers Prof. João Luís César das Neves, das Problem der Integration anhand der Aussagen einer rumänischen Familie und einer Lehrerin, die täglich mit Migrantenkindern arbeitet, sowie das Verhältnis zwischen der aufnehmenden Kirche und der Kirche des Herkunftslandes.

Die Tagung ist auch geprägt von der täglichen Eucharistiefeier in verschiedenen orientalischen Riten, die die Vielfalt der liturgischen Traditionen innerhalb der katholischen Kirche bezeugen. Vorgesehen sind außerdem ein Besuch der Wallfahrtsstätte Unserer Lieben Frau von Nazaré und ein Vertrauensgebet im Heiligtum von Fátima unter der Leitung des des slowakischen Erzbischofs Cyril Vasil‘, Sekretär des vatikanischen Dikasteriums für die Ostkirchen.

An der vom Rat der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) organsierten Tagung nimmt auch Kardinal Angelo Bagnasco in seiner Eigenschaft als neuer Präsident des CCEE teil.

Die Arbeiten schließen am Sonntag, 23. Oktober mit dem Durchschreiten der Heiligen Pforte der Barmherzigkeit und dem feierlichen Hochamt in der Dreifaltigkeitskirche unter der Leitung Seiber Seligkeit Swiatoslav Schewtschuk, Großerzbischof von Kiew-Halytsch.

Die Tagung findet im Haus Nossa Senhora das Dores in Fátima statt.

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Innerhalb der katholischen Kirche gibt es mehrere Teilkirchen eigenen Rechts (sui iuris) und mit eigenem Ritus, die ganz und gar zur römisch-katholischen Kirche gehören, sich aber von der lateinischen Kirche durch anders geartete Liturgieformen und Volksfrömmigkeit, sakramentale und kanonische Disziplinen (Spendung der Sakramente, Rechtsvorschriften), sowie durch Terminologie und theologische Tradition unterscheiden. Derzeit existieren weltweit 24 Kirchen sui iuris mit verschiedenem liturgischem Ritus, aber in vollkommener Glaubensgemeinschaft mit Rom; 15 davon folgen dem byzantinischen Ritus.

Die an der Begegnung teilnehmenden Kirche sui iuris:

• Italo-albanische katholische Kirche (Diözesen Lungro und Piana degli Albanesi, in Italien)
• Weißrussische griechisch-katholische Kirche (Weißrussland)
• Bulgarische katholische Kirche (Bulgarien)
• Erzdiözese Zypern der Maroniten und Maroniten in Europa (Zypern, Frankreich und westliche EU)
• Griechisch-katholische Kirche mit byzantinischem Ritus (Griechenland und Türkei)
• Griechisch-katholische Kirche in Polen
• Rumänische griechisch-katholische Kirche (Rumänien)
• Rutenische griechisch-katholische Kirche (Heparchie von Mukačevo, Ukraine)
• Slowakische griechisch-katholische Kirche (Slowakei, Tschechien)
• Ukrainische griechisch-katholische Kirche (Ukraine, Polen, USA, Kanada, ukrainische Gemeinschaften in der Welt)
• Ungarische griechisch-katholische Kirche (Ungarn)
• Armenische katholische Kirche (Europa)
• Chaldäische Kirche in Europa
• Syrisch-katholische Kirche
• Melkitische griechisch-katholische Kirche

Die erste Begegnung dieser Art fand 1997 in der ungarischen Diözese Hajdúdorog auf Anregung Kardinal Achille Silvestrinis statt, der damals Präfekt für die Kongregation der Ostkirchen war und einen Raum schaffen wollte, wo die Bischöfe dieser von den atheistischen Regierungen besonders getroffenen Kirchen „mit immer größerer Klarheit in ihre Rolle im heutigen Europa finden können und geliebt und geschätzt werden für ihre Geschichte und ihre Treue zum Papst und zur Kirche, die sie so teuer bezahlt haben“ (aus der Vorstellung der Unterlagen der ersten Begegnung durch Kardinal Silvestrini).

(Quelle: Pressemitteilung CCEE)

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„Verletzlich und ohne Stimme“: Papst Franziskus über minderjährige Migranten

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Papst Franziskus mit einer Gruppe behinderter Kinder am 29. Mai 2015. Foto: L’Osservatore Romano

Zum „Welttag der Migranten und Flüchtlinge“ hat Papst Franziskus eine Botschaft veröffentlichen lassen.

CNA dokumentiert den vollen Wortlaut, wie ihn der Heilige Stuhl zur Verfügung gestellt hat.

Liebe Brüder und Schwestern,

„Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat“ (Mk 9,37; vgl. Mt 18,5; Lk 9,48; Joh 13,20). Mit diesen Worten erinnern die Evangelisten die christliche Gemeinde an eine Lehre Jesu, die begeisternd und zugleich sehr verpflichtend ist. Diese Aussage zeichnet nämlich den Weg vor, der von den „Kleinsten“ ausgeht und in der Dynamik der Aufnahme über den Erlöser sicher zu Gott führt. Gerade die Aufnahme ist also die notwendige Bedingung, damit dieser Weg sich verwirklicht: Gott ist einer von uns geworden, in Jesus ist er als Kind zu uns gekommen, und die Offenheit für Gott im Glauben – der wiederum die Hoffnung nährt – findet ihren Ausdruck in der liebevollen Nähe zu den Kleinsten und den Schwächsten. Liebe, Glaube und Hoffnung – alle drei sind an den Werken der Barmherzigkeit beteiligt, die wir während des jüngsten Außerordentlichen Jubiläums wiederentdeckt haben.

Doch die Evangelisten gehen auch auf die Verantwortung dessen ein, der gegen die Barmherzigkeit verstößt: „Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals im tiefen Meer versenkt würde“ (Mt 18,6; vgl. Mk 9,42; Lk 17,2). Wie könnte man diese ernste Ermahnung vergessen, wenn man an die Ausbeutung denkt, die skrupellose Menschen auf Kosten so vieler Kinder betreiben, die in die Prostitution geführt oder für Pornographie verwendet werden; die zu Sklaven in der Kinder- und Jugendarbeit gemacht oder als Soldaten angeworben werden; die in Drogenhandel und andere Formen der Kriminalität verwickelt werden; die zur Flucht vor Konflikten und Verfolgungen gezwungen werden und Gefahr laufen, einsam und verlassen dazustehen?

Darum liegt es mir anlässlich des diesjährigen Welttags des Migranten und des Flüchtlings am Herzen, auf die Wirklichkeit der minderjährigen Migranten – besonders auf die, welche ganz allein unterwegs sind – aufmerksam zu machen und alle aufzurufen, sich um diese Kinder zu kümmern, die dreifach schutzlos sind: weil sie minderjährig, weil sie fremd und weil sie wehrlos sind, wenn sie aus verschiedenen Gründen gezwungen sind, fern von ihrer Heimat und getrennt von der Liebe in der Familie zu leben.

Heute sind die Migrationen kein auf einige Gebiete des Planeten beschränktes Phänomen, sondern betreffen alle Kontinente und nehmen immer mehr die Dimension eines dramatischen weltweiten Problems an. Es handelt sich nicht nur um Menschen auf der Suche nach einer würdigen Arbeit oder nach besseren Lebensbedingungen, sondern auch um Männer und Frauen, alte Menschen und Kinder, die gezwungen sind, ihre Häuser zu verlassen, in der Hoffnung, ihr Leben zu retten und woanders Frieden und Sicherheit zu finden. Und an erster Stelle sind es die Minderjährigen, die den hohen Preis der Emigration zahlen, die fast immer durch Gewalt, durch Elend und durch die Umweltbedingungen ausgelöst wird – Faktoren, zu denen sich auch die Globalisierung in ihren negativen Aspekten gesellt. Die zügellose Jagd nach schnellem und leichtem Gewinn zieht auch die Entwicklung abnormer Übel nach sich wie Kinderhandel, Ausbeutung und Missbrauch Minderjähriger und ganz allgemein die Beraubung der Rechte, die mit der Kindheit verbunden und in der UN-Kinderrechtskonvention sanktioniert sind.

Das Kindesalter hat aufgrund seiner besonderen Zartheit einzigartige Bedürfnisse und unverzichtbare Ansprüche. Vor allem hat das Kind das Recht auf ein gesundes und geschütztes familiäres Umfeld, wo es unter der Führung und dem Vorbild eines Vaters und einer Mutter aufwachsen kann; dann hat es das Recht und die Pflicht, eine angemessene Erziehung zu erhalten, hauptsächlich in der Familie und auch in der Schule, wo die Kinder sich als Menschen entfalten und zu eigenständigen Gestaltern ihrer eigenen Zukunft sowie der ihrer jeweiligen Nation heranwachsen können. Tatsächlich sind in vielen Teilen der Welt das Lesen, das Schreiben und die Beherrschung der Grundrechenarten noch ein Privileg weniger. Außerdem haben alle Kinder ein Recht auf Spiel und Freizeitbeschäftigung, kurz: ein Recht, Kind zu sein.

Unter den Migranten bilden die Kinder dagegen die verletzlichste Gruppe, denn während sie ihre ersten Schritte ins Leben tun, sind sie kaum sichtbar und haben keine Stimme: Ohne Sicherheit und Dokumente sind sie vor den Augen der Welt verborgen; ohne Erwachsene, die sie begleiten, können sie nicht ihre Stimme erheben und sich Gehör verschaffen. Auf diese Weise enden die minderjährigen Migranten leicht auf den untersten Stufen der menschlichen Verelendung, wo Gesetzlosigkeit und Gewalt die Zukunft allzu vieler Unschuldiger in einer einzigen Stichflamme verbrennen, während es sehr schwer ist, das Netz des Missbrauchs Minderjähriger zu zerreißen.

Wie soll man auf diese Realität reagieren?

Vor allem, indem man sich bewusst macht, dass das Migrations-Phänomen nicht von der Heilsgeschichte getrennt ist, sondern vielmehr zu ihr gehört. Mit ihm ist ein Gebot Gottes verbunden: „Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen“ (Ex 22.20); „ihr sollt die Fremden lieben, denn ihr seid Fremde in Ägypten gewesen“ (Dtn 10,19). Dieses Phänomen ist ein Zeichen der Zeit, ein Zeichen, das vom Werk der Vorsehung Gottes in der Geschichte und in der menschlichen Gemeinschaft spricht im Hinblick auf das universale Miteinander. Die Kirche verkennt durchaus nicht die Problematik und die häufig mit der Migration verbundenen Dramen und Tragödien und ebenso wenig die Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der würdigen Aufnahme dieser Menschen. Dennoch ermutigt sie, auch in diesem Phänomen den Plan Gottes zu erkennen, in der Gewissheit, dass in der christlichen Gemeinschaft, die Menschen „aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen“ (Offb 7,9) in sich vereint, niemand ein Fremder ist. Jeder ist wertvoll, die Menschen sind wichtiger als die Dinge, und der Wert jeder Institution wird an der Art und Weise gemessen, wie sie mit dem Leben und der Würde des Menschen umgeht, vor allem wenn er sich in Situationen der Verletzlichkeit befindet wie im Fall der minderjährigen Migranten.

Im Übrigen muss man auf Schutz, auf Integration und auf dauerhafte Lösungen setzen.

Vor allem geht es darum, jede mögliche Maßnahme zu ergreifen, um den minderjährigen Migranten Schutz und Verteidigung zu garantieren, denn „diese jungen Mädchen und Jungen enden häufig auf der Straße, sich selbst überlassen und Opfer von skrupellosen Ausbeutern, die sie viel zu oft zum Gegenstand physischer, moralischer und sexueller Gewalt werden lassen“ (Benedikt XVI., Botschaft zum Welttag des Migranten und des Flüchtlings 2008).

Im Übrigen kann es manchmal sehr schwer werden, die Abgrenzung zwischen Migration und Menschenhandel genau zu bestimmen. Zahlreich sind die Faktoren, die dazu beitragen, die Migranten, besonders wenn sie minderjährig sind, in einen Zustand der Verletzlichkeit zu versetzen: die Armut und der Mangel an Mitteln zum Überleben – verbunden mit unrealistischen Erwartungen, die von den Kommunikationsmitteln suggeriert werden –; das niedrige Niveau der Alphabetisierung; die Unkenntnis der Gesetze, der Kultur und häufig auch der Sprache der Gastländer. All das macht sie physisch und psychologisch abhängig. Doch der stärkste Antrieb für die Ausbeutung und den Missbrauch der Kinder kommt von der Nachfrage. Wenn keine Möglichkeit gefunden wird, mit größerer Strenge und Wirksamkeit gegen die Nutznießer vorzugehen, wird man den vielfältigen Formen der Sklaverei, denen die Minderjährigen zum Opfer fallen, keinen Einhalt gebieten können.

Es ist daher notwendig, dass die Immigranten gerade zum Wohl ihrer Kinder immer enger mit den Gemeinschaften zusammenarbeiten, die sie aufnehmen. Mit großer Dankbarkeit schauen wir auf die kirchlichen und zivilen Organismen und Institutionen, die mit starkem Engagement Zeit und Mittel zur Verfügung stellen, um die Minderjährigen vor verschiedenen Formen des Missbrauchs zu schützen. Es ist wichtig, dass immer wirksamere und durchgreifendere Arten der Zusammenarbeit geschaffen werden, die sich nicht nur auf den Austausch von Informationen stützen, sondern auch auf die Intensivierung von Netzen, die imstande sind, unverzügliches und engmaschiges Einschreiten sicherzustellen. Dabei soll nicht unterschätzt werden, dass die außerordentliche Kraft der kirchlichen Gemeinschaften sich vor allem dann zeigt, wenn eine Einheit des Gebetes besteht und ein brüderliches Miteinander herrscht.

An zweiter Stelle muss für die Integration der Kinder und Jugendlichen in Migrationssituationen gearbeitet werden. Sie hängen in allem von der Gemeinschaft der Erwachsenen ab, und häufig wird der Mangel an finanziellen Mitteln zum Hinderungsgrund, warum geeignete politische Programme zur Aufnahme, Betreuung und Eingliederung nicht zur Anwendung gelangen. Anstatt die soziale Integration der minderjährigen Migranten oder Pläne zu ihrer sicheren und betreuten Rückführung zu fördern, wird folglich nur versucht, ihre Einreise zu verhindern, und so begünstigt man den Rückgriff auf illegale Netze. Oder sie werden in ihr Herkunftsland zurückgeschickt, ohne zu klären, ob das wirklich von „höherem Nutzen“ für sie ist.

Noch ernster ist die Lage der minderjährigen Migranten, wenn sie sich in einer Situation der Irregularität befinden oder wenn sie von der organisierten Kriminalität angeworben werden. Dann landen sie oft zwangsläufig in Haftanstalten. Nicht selten werden sie nämlich festgenommen, und da sie kein Geld haben, um die Kaution oder die Rückreise zu bezahlen, können sie lange Zeit inhaftiert bleiben und dabei verschiedenen Formen von Missbrauch und Gewalt ausgesetzt sein. In diesen Fällen muss das Recht der Staaten, die Migrationsströme unter Kontrolle zu halten und das nationale Gemeinwohl zu schützen, mit der Pflicht verbunden werden, Lösungen für die minderjährigen Migranten zu finden und ihre Position zu legalisieren. Dabei müssen sie uneingeschränkt deren Würde achten und versuchen, ihren Bedürfnissen entgegenzukommen, wenn sie allein sind; zum Wohl der gesamten Familie müssen aber auch die Bedürfnisse ihrer Eltern berücksichtigt werden.

Grundlegend bleibt allerdings, dass geeignete nationale Verfahren und Pläne einer abgestimmten Zusammenarbeit zwischen den Herkunfts- und den Aufnahmeländern zur Anwendung gelangen, mit dem Ziel, die Ursachen der Zwangsemigration der Minderjährigen zu beseitigen.

An dritter Stelle appelliere ich von Herzen an alle, nach dauerhaften Lösungen zu suchen und diese konkret umzusetzen. Da es sich um ein komplexes Phänomen handelt, ist die Frage der minderjährigen Migranten an ihrer Wurzel anzugehen. Kriege, Verletzungen der Menschenrechte, Korruption, Armut sowie die Störung des Gleichgewichts in der Natur und Umweltkatastrophen gehören zu den Ursachen des Problems. Die Kinder sind die Ersten, die darunter leiden; manchmal erleiden sie Formen physischer Folter und Gewalt, die mit denen moralischer und psychischer Art einhergehen und in ihnen Spuren hinterlassen, die fast immer unauslöschlich sind.

Es ist daher absolut notwendig, in den Herkunftsländern den Ursachen entgegenzutreten, die die Migrationen auslösen. Das erfordert als ersten Schritt den Einsatz der gesamten Internationalen Gemeinschaft, um die Konflikte und Gewalttaten auszumerzen, die die Menschen zur Flucht zwingen. Außerdem ist eine Weitsicht notwendig, die fähig ist, geeignete Programme für die von schwerwiegenderen Ungerechtigkeiten und von Instabilität betroffenen Gebiete vorzuplanen, damit allen der Zugang zu authentischer Entwicklung gewährleistet wird, die das Wohl der Kinder fördert; sie sind ja die Hoffnung der Menschheit.

Zum Schluss möchte ich ein Wort an euch richten, die ihr den Weg der Emigration an der Seite der Kinder und Jugendlichen mitgeht: Sie brauchen eure wertvolle Hilfe, und auch die Kirche braucht euch und unterstützt euch in eurem großherzigen Dienst. Werdet nicht müde, mit eurem Leben mutig das gute Zeugnis für das Evangelium abzulegen, das euch ruft, Jesus, den Herrn, der in den Kleinsten und Verletzlichsten gegenwärtig ist, zu erkennen und aufzunehmen.

Ich vertraue alle minderjährigen Migranten, ihre Familien, ihre Gemeinschaften und euch, die ihr ihnen nahe seid, dem Schutz der Heiligen Familie von Nazareth an, damit sie über jeden wacht und alle auf ihrem Weg begleitet. Und mit meinem Gebet verbinde ich den Apostolischen Segen.

Aus dem Vatikan, am 8. September 2016

FRANZISKUS

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Quelle [VATIKAN , 13 October, 2016 / 12:42 AM (CNA Deutsch).-]

Mexiko: Kirche an der Grenze

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Februar 2016: Franziskus an der Grenze Mexikos zu den USA

Sieben Monate, nachdem der Papst in Ciudad Juarez eine Messe gefeiert hat, wollen Mexikaner und US-Bürger in El Punto direkt an der Grenze zwischen beiden Ländern eine Kirche bauen. Das entsprechende Projekt sei dem schweizerischen Architektenbüro Herzog und Meuron anvertraut worden, berichtet die Nachrichtenagentur kath.ch. Franziskus hatte in unmittelbarer Nähe der Grenzbefestigungen, über die jedes Jahr Tausende von Mittelamerikanern die USA zu erreichen versuchen, am 17. Februar eine Messe zelebriert. Dabei hatte er vor 250.000 Menschen für alle Migranten gebetet.

„Hier in Ciudad Juaréz wie in anderen Grenzgebieten kommen Tausende von Migranten aus Mittelamerika und anderen Ländern zusammen – nicht zu vergessen die vielen Mexikaner, die ebenfalls versuchen, „auf die andere Seite“ zu kommen“, so der Papst in seiner Predigt in Ciudad Juarez. „Ein Durchgang, ein Weg, der überhäuft ist mit schrecklichen Ungerechtigkeiten: Versklavt, verschleppt, erpresst, sind viele unserer Brüder und Schwestern die Ausbeute des Geschäftes des Menschentransports, des Menschenhandels.“

Man könne „die humanitäre Krise nicht leugnen, die in den letzten Jahren die Migration von Tausenden von Menschen bedeutet hat“. „Diese menschliche Tragödie, die die Zwangsmigration darstellt, ist heutzutage ein globales Phänomen. Diese Krise, die man in Zahlen messen kann, wollen wir anhand von Namen, Geschichten und Familien ermessen. Es sind Brüder und Schwestern, die aufbrechen, vertrieben durch Armut und Gewalt, durch Drogenhandel und organisierte Kriminalität. Vor den vielen Gesetzeslücken streckt sich ein Netz aus, das immer die Ärmsten einfängt und zugrunde richtet.“

Papst Franziskus hatte bei seinem Aufenthalt in der Grenzstadt auch direkt am Zaun zu den USA gebetet. Seine Messe war auch in ein Stadion auf der US-Seite des Grenzflusses übertragen worden. Jetzt also sollen nach dem Willen der Initiatoren aus beiden Staaten am Ort der Papstmesse eine Kirche und ein grenzüberschreitendes Begegnungszentrum direkt am Grenzfluss Rio Grande entstehen. Die Kirche soll Kreuzesform haben und etwa 2.500 Menschen fassen können. Die Arbeiten beginnen voraussichtlich nächstes Jahr und sollen nach drei Jahren abgeschlossen sein.

(rv/cath.ch 25.09.2016 sk)

Kardinal Woelki: „Populismus schürt Entsolidarisierung und braucht Sündenböcke“

Pressekonferenz zur Ernennung von Kardinal Woelki zum Erzbischof von Köln

Kardinal Woelki, Erzbischof von Köln

Predigt von Kardinal Rainer Maria Woelki
in der Eucharistiefeier am 21. September 2016 in Fulda
zur Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz 

 

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

„Gemeinsam mit Gott hören wir einen Schrei“, so lautet ein Wort unseres Papstes aus seinem Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium.

Es steht über dem heutigen Studientag von uns Bischöfen, an dem wir uns mit Armut und Ausgrenzung als einer Herausforderung für Kirche und Caritas beschäftigen wollen. Bei unserer Bischofsweihe – und übrigens auch schon zuvor bei unserer Diakonen- und Priesterweihe – wurden wir gefragt, ob wir um des Herrn willen bereit seien, den Armen und den Heimatlosen und allen Notleidenden gütig zu begegnen und zu ihnen barmherzig zu sein. So wichtig ist der Kirche die Sorge um die Armen, dass sie die Frage danach vor jeden Empfang einer Weihe stellt.

In Konsequenz dessen hat Papst Benedikt XVI. im Dezember 2012 in seinem Motu proprio zum „Dienst der Liebe“ die Rolle der Bischöfe als „erste Verantwortliche“ für den caritativen Dienst noch einmal festgeschrieben. Hier ist denn auch der Grund, weshalb wir Bischöfe nicht nur für unsere verbandliche Caritas Verantwortung tragen, weshalb wir nicht nur unsere Gemeinden zu caritativem Tun ermutigen sollen. Hier ist auch einer der Gründe, weshalb wir uns als Bischöfe immer wieder in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen haben, dort wo die Rechte der Armen aller Art verletzt und missachtet werden – gelegen oder ungelegen.

Unseren Studientag haben wir – vielleicht weil es die Fügung so will – am Fest des Apostels und Evangelisten Matthäus. Mit Blick auf das, was wir über diesen wissen, werden wir sicher zunächst sagen können, dass dessen Leben wohl ziemlich lange nach dem Gesetz des Stärkeren verlief. Von Beruf war er nämlich Zöllner. Als solcher verdiente er sein Auskommen auf Kosten anderer, ohne dafür wirklich etwas zu leisten. Wer von A nach B wollte, musste bei ihm zahlen. Auch heute müssen viele Menschen zahlen, wenn sie von A nach B wollen – wenn sie dafür bei Schleusern zahlen, ist der Preis nicht selten das eigene Leben. Auch heute leben viele Menschen auf Kosten anderer – ohne sich das wirklich bewusst zu machen. Wir sind keine Zöllner – aber sind wir so viel anders als Matthäus, wenn wir nicht fragen, wer die Kleider gefärbt und genäht hat, die wir am Leibe tragen; wenn wir nicht fragen, woher die Rohstoffe in unseren Smartphones stammen und wo sie wieder entsorgt werden; wenn wir nicht fragen, wer Durst leiden muss, während wir Mineralwasser multinationaler Konzerne in Plastikflaschen kaufen? Man gönnt sich ja sonst nichts – ein oft gehörter Spruch, um zu entschuldigen, dass man jetzt gerade auf Solidarität keine Rücksicht nehmen kann. Entsolidarisierung hat immer da ein leichtes Spiel, wo Menschen enttäuscht sind, wo sie sich zu kurz gekommen vorkommen, wo sie sich um Chancen gebracht fühlen, wo man sie zum „Schwarzer-Peter-Spielen“ instrumentalisieren kann.

Wir erleben in unserem Land zurzeit, was passiert, wenn Menschen an dieser Stelle politisch umworben werden. Populismus schürt Entsolidarisierung und braucht Sündenböcke. Menschen in ihrer Bedürftigkeit – so unterschiedlich diese sein mag – werden auf grausame Weise gegeneinander ausgespielt.

Solidarität hat demgegenüber ein anderes Fundament. Solidarität sieht die eigene und die fremde Bedürftigkeit, sieht die eigene Angewiesenheit und die des Gegenübers. Solidarität weiß darum, dass jede und jeder ein Geschöpf Gottes ist; weiß darum, dass jedem und jeder das Leben von Gott selbst geschenkt ist.

Solidarität speist sich aus einer Quelle, die nicht versiegen kann. Gottes Barmherzigkeit lebt und sprudelt in ihr unter uns Menschen. Solidarität bedeutet etwas von seiner Zeit, seiner Aufmerksamkeit, seinem Gewinn, seinem Erfolg, seinem Talent, seinem Lachen und seiner Zärtlichkeit mit einem anderen zu teilen – ohne Berechnung und ohne Hintergedanken; einfach deswegen, weil es ihn gibt; weil er oder sie da ist; weil er oder sie am Sterben ist; weil er oder sie bedürftig ist; weil er oder sie weniger hat als man selbst, weil er oder sie heimatlos ist, weil er oder sie alt wird und damit fertig werden muss, dass die Kräfte, die Kompetenz, die Selbstständigkeit schwinden – „Erosion des Könnens“ (Wilhelm Schmidt) … Wir alle werden lernen müssen, damit zu leben. Leben – ganz gleich wie anfänglich, wie alt, geboren oder ungeboren, gebrechlich oder unversehrt, getrieben von Angst und Verzweiflung, von Armut gezeichnet oder von Krankheit gebeugt, voller Kraft und Mut, behindert oder nicht behindert, mit legalem Aufenthaltsstatus oder ohne: es ist einmalig und kostbar! Es ist uns von Gott geschenkt, und wir? Wir haben es zu hüten! Das Lebensrecht ist das Grundrecht eines jeden Menschen – wie bedroht dieses Grundrecht ist, zeigen Menschen, die auf der Flucht vor menschenunwürdigen Bedingungen genau solche vorfinden; und bisweilen versuchen Menschen genau das vor anderen zu verstecken, wenn sie vor Armut nicht wissen, wie sie oder ihre Kinder über den Tag kommen sollen; wenn sie nicht wissen, wo das Geld für den Schulausflug oder das Pausenbrot herkommen soll. Und das ist keine ferne Realität – es ist die Realität vieler Tausender Menschen hier in unserem Land. Keine Gesellschaft kann sich menschlich nennen, wenn sie das Schicksal ihrer Armen aus dem Blick verliert oder die Schuld dafür bei anderen Armen sucht und diese zum Sündenbock macht. Wenn wir an die Würde des von Gott geschenkten Lebens glauben, ist es notwendig, für einander Sorge zu tragen. Dazu lädt Jesus den Zöllner Matthäus ein und nimmt selbst die Einladung in sein Haus an.

Er erbarmt sich dieses Zöllners, damit es anders wird untereinander und miteinander, damit von Matthäus keine Ausbeutung mehr ausgeht, sondern Gerechtigkeit. Das ist der Auftrag, den die Kirche hat: dazu beizutragen, diese Gerechtigkeit unter den Menschen zu leben. Immer wieder hat man der Kirche vorgeworfen, sie achte – aus welchen Gründen auch immer – zu sehr auf das ungeborene Leben und zu wenig auf Gerechtigkeit. Und dort, wo sie auf Gerechtigkeit pocht, wird ihr oft vorgeworfen, sie sei zu wenig bei ihrer Sache und der Religiosität und verliere sich im Politischen.

Aber: Ganz gleich an welchen Stellen das Leben von Menschen bedroht ist, es ist immer Aufgabe der Kirche im Namen Jesu Christi ihre Stimme zu erheben und den Schutz des Lebens in allen seinen Phasen und die Sorge füreinander anzumahnen und entsprechend zu handeln. Es ist unsere Aufgabe vorzuleben, was es bedeutet, dass bei Gott niemand abgewiesen wird.

Es ist unsere Aufgabe, dem Anbruch des Reiches Gottes unsere Hände und Herzen zu schenken. Es ist ein Mahl der Gerechtigkeit, das Jesus im Haus des Zöllners Matthäus hält; ein Mahl, mit dem es neu anfängt untereinander. Zu einem solchen Mahl sind auch wir heute eingeladen, wenn Jesus sich uns jetzt in der Feier der Heiligen Eucharistie schenkt. Er ist gekommen, die Sünder zu rufen – auch uns. Nehmen wir daher seine Einladung an, damit es anders wird unter uns und auf dieser Erde.

Amen.

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Jordanischer Bischof: „Stoppt endlich den Waffenhandel“

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Maroun Lahham – RV

„Stoppt endlich den Waffenhandel und lasst die Menschen im Nahen Osten selbst über ihre Zukunft entscheiden.“ Diesen Appell hat der katholische Patriarchalvikar für Jordanien, Erzbischof Maroun Lahham, an die Weltöffentlichkeit gerichtet. Würden die internationalen Akteure, angefangen bei den USA und Russland, ihre machtpolitischen Interessen hintanstellen, könnte es sehr rasch in der Region zum Frieden kommen. Der internationale Waffenhandel sei nichts anderes als ein schweres Verbrechen, so Lahham, der sich mit dieser Einstellung auf einer Linie mit Papst Franziskus sieht. In Syrien hat indes der Krieg wieder eingesetzt. Kurz nach dem erklärten Ende der von den USA und Russland ausverhandelten Waffenruhe wurden Lastwagen mit Hilfsgütern bombardiert.

Der Patriarchalvikar äußerte sich im „Kathpress“-Interview am Rande der Jahrestagung der „Initiative Christlicher Orient“ (ICO) in Salzburg, die am Dienstag zu Ende geht. „Lasst die Syrer allein, und sie werden eine Lösung für ihre Probleme finden, und genauso ist es auch mit dem Irak, dem Jemen oder Libyen“, so Erzbischof Lahham wörtlich.

Jordanien hat offiziell rund 660.000 syrische Flüchtlinge aufgenommen. Die Dunkelziffer liegt höher. Die jordanische Regierung tue was sie könne, doch das Land sei mit dieser hohen Zahl an Flüchtlingen einfach überfordert, so Lahham. Ein wesentlicher Anteil an der Hilfe für die Flüchtlinge komme dabei der jordanischen Caritas zu.

Die christlichen Flüchtlinge machten unter den rund 660.000 syrischen Flüchtlinge nur eine geringe Zahl aus. Fast alle Flüchtlinge stammten aus dem Süden Syriens, einer armen und fast ausschließlich muslimischen Region. Gerade einmal 200 syrische christliche Flüchtlingsfamilien lebten in Jordanien, also etwa 1.000 Personen. Sie seien die letzten von einigen Tausend, die es in den vergangenen Jahren nach Jordanien verschlagen habe die nun aber schon die Ausreise in ein westliches Land geschafft hätten, so der Erzbischof.

Dazu kämen noch bis zu 11.000 Christen, die aus dem Irak geflohen seien und nach wie vor in Jordanien lebten. Die Christen lebten aber nicht in Camps, sondern versuchten privat in den Städten unterzukommen. Waren sie in den vergangenen Jahren vor allem in größeren Lagern in Pfarren untergebracht, bemühe sich die Caritas nun, Wohnungen für sie anzumieten, berichtete der Erzbischof.

Wie Lahham betonte, gehe der weit überwiegende Teil der Caritas-Hilfe aber an Muslime. Von muslimischen Hilfsorganisationen komme hingegen keine Hilfe für Christen.

Schwarzmarkt und Prostitution

Jordanien stehe durch die vielen Flüchtlinge vor immensen Herausforderungen. Den syrischen Flüchtlingen sei es beispielsweise verboten, legal einer Arbeit nachzugehen, umso größer sei daher aber der Schwarzmarkt, was ein enormes wirtschaftliches und soziales Konfliktpotential beinhalte. Syrer seien in der Regel besser ausgebildet als Jordanier und würden zu einem viel geringeren Lohn (schwarz) arbeiten; eine Kombination mit extrem viel Zündstoff.

Durch die syrischen Flüchtlinge werde auch die Prostitution ein immer größeres Problem im Land. Viele syrische Mädchen würden zudem schon um 500 US-Dollar an Männer aus den Golfstaaten verkauft bzw. offiziell „verheiratet“. Das hinterlasse bei den betroffenen Mädchen und jungen Frauen schwere Traumatisierungen.

Kleine christliche Minderheit

Zwischen christlicher Minderheit und muslimischer Mehrheit bestehe in Jordanien ein gutes Auskommen, betonte der Erzbischof. Die Christen seien in die jordanische Gesellschaft integriert, das Haschemiten-Königshaus mit König Abdullah II. an der Spitze halte große Stücke auf die kleine christliche Minderheit, die nur rund drei Prozent der Bevölkerung ausmacht.

Die einheimischen jordanischen Christen seien jedenfalls zu hundert Prozent Araber und damit weitgehend in die arabische Gesellschaft integriert. „Und wir werden von den anderen auch als Araber angesehen“, so Lahham.

Wenn die Christen auch nur drei Prozent der Bevölkerung ausmachten, seien sie zugleich aber für 30 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes verantwortlich, unterstrich der Patriarchalvikar. Er begründete dies u.a. damit, dass Christen in der Regel besser ausgebildet und innovationsfreudiger seien.

Trotz der relativ guten Umstände in Jordanien nehme die Zahl der Christen auch in diesem Land ab. Waren 1960 noch zehn Prozent der Bevölkerung Christen, so sind es heute eben nur mehr drei Prozent. In absoluten Zahlen sind das aktuell rund 200.000, wobei es keine genauen Zahlen gibt.

Rund die Hälfte der jordanischen Christen ist griechisch-orthodox und gehört zum orthodoxen Patriarchat von Jerusalem, wobei die Sprache der orthodoxen Christen – auch in der Liturgie – Arabisch ist. Bis zu 65.000 Gläubige gehören der römisch-katholischen Kirche (Lateinisches Patriarchat von Jerusalem) an, 20.000 sind griechisch-katholisch. Der Rest der Christen entfällt auf andere orthodoxe, orientalische und evangelische Kirchen.

Die römisch-katholische Kirche betreut in Jordanien 35 Pfarren, 60 Schulen, vier Spitäler und eine Universität. Für die Seelsorge stehen Bischof Lahham rund 45 Priester und 100 Ordensschwestern zur Verfügung.

Patriarchalvikar Lahham sprach sich gegenüber „Kathpress“ eindeutig dafür aus, dass die Christen in ihrer Heimat bleiben sollen: „Wir Christen müssen dort leben und unseren Glauben bezeugen, wo Gott uns hingestellt hat.“

Gemischt-konfessionelle Familien

Vor allem im täglichen Leben gebe es keine Probleme zwischen den Konfessionen, sagte der Erzbischof. Heiraten zwischen Orthodoxen und Katholiken stünden auf der Tagesordnung. Es gebe kaum eine christliche Familie im Land, die nicht gemischt-konfessionell sei. Auf höherer hierarchischer Ebene seien die Beziehungen zwischen den Kirchen nicht mehr ganz so gut, räumte Lahham ein. Schließlich sei jeder Bischof bemüht, seine eigene Kirche zusammenzuhalten. Lahham musste zugleich zugeben, dass die Trennung der Christenheit für ein gemeinsames christliches Zeugnis in einem muslimischen Land wie Jordanien alles andere als förderlich sei.

Das Zusammenleben habe aber freilich auch Grenzen, so Lahham: „Ehen zwischen Christen und Muslimen werden von uns nicht akzeptiert.“ Das Eheverständnis und die Rolle der Frau seien in Christentum und Islam allzu unterschiedlich. Dazu kommt, dass es von Seiten des Islam zwar erlaubt sei, dass ein muslimischer Mann einen Christin heirate – wobei diese Christin bleiben kann -, ein christlicher Mann dürfe aber keine Muslima heiraten, ohne nicht zuvor zum Islam zu konvertieren.

Die Kinder sind aus Sicht des Islam in allen Fällen jedenfalls Muslime. „Deshalb segnen wir auf gar keinen Fall eine solche Mischehe“, zeigte sich Lahham kämpferisch.

Erzbischof Lahham hielt am Montagabend bei der ICO-Jahrestagung einen öffentlichen Vortrag über die Situation der Christen im Nahen Osten und im Besonderen in Jordanien. Die ICO-Jahrestagung im Bildungszentrum St. Virgil in Salzburg stand heuer unter dem Thema „Israel-Palästina-Jordanien. Leben im Konflikt und im Miteinander“.

(kap 20.09.2016 mg)