DAS II. VATIKANISCHE KONZIL(1962-1965) UND SEINE FOLGEN

„An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“ (Matthäus 7,20)

Ich bin überzeugt, dass der ganze gegenwärtige (immer noch) anhaltende Niedergang und Zerfall der Christenheit und damit der abendländischen Gesellschaft hauptsächlich zurückzuführen ist auf das Großereignis der Römisch-Katholischen Kirche genannt II. Vaticanum. Dieses jüngste Konzil der höchsten Repräsentanten der Kirche Christi (Papst und Bischöfe) war der Auslöser gewaltiger und folgendschwerer geistig-geistlicher Erschütterungen und Zerstörungen. Was an diesem Konzil und darauf folgend geschah, wurde nicht ohne Grund „die französische Revolution in der Kirche“ oder sogar „die kopernikanische Wende“ geheißen. Das, was anfänglich als „Aggiornamento“, als „Updating“, als „zeitgemäße Erneuerung“, als „Retouche“ der Kirche bezeichnet wurde, entartete in der Folge schnell zu einem abbruchbegleiteten, umstürzlerischen Umbau und Neubau mit „unkontrolliertem Wildwuchs“. Viel Fassadenhaftes ließ man dabei bestehen, aber es wurde zum bloßen Stabilisierungsgerüst einer von vielen einflussreichen Kräften gewollten, geplanten Re-Konstruktion. Nach dem Konzil war die katholische Kirche nach innen und nach außen nicht mehr dieselbe, die sie vorher während rund 2000 Jahren war. Die Gestalt und die innere und äußere Haltung, die sie von da an annahm, war eine andere, eine weltoffene, weltfreundliche, ja geradezu welteuphorische. Sie wollte sich ganz bewusst modern und aufgeschlossen zeigen gegenüber dem Zeitgeist. Sie wollte auch modern sein. Sie wollte nicht mehr ausschließen und ausgegrenzt sein, nicht mehr moralisieren, nicht mehr mit Extra-Autorität auftreten, keine Dogmen verkünden, nicht mehr verurteilen, sondern einfach ihren demütigen, schlichten pastoralen Beitrag anbieten, ihren wohlwollenden, brüderlichen Beistand leisten einer Welt, die (ohnehin) grundsätzlich nach Gott sucht. Sie wollte die ganze Welt mit sich versöhnen. Sie wollte ihre Güte und Menschenfreundlichkeit zelebrieren. Sie wollte im Forum aller humanistischen Werke als humanistisch(st)e Institution anerkannt sein.

Sie hatte mit ihrer Pastoralkonstitution „über die Kirche in der Welt von heute“, mit „Erklärungen“ wie jener „über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen – ‚Nostra aetate‚“ und „über die Religionsfreiheit – ‚Dignitatis humanae‚, bisher Undenkbares und stets Bekämpftes als „neue Gebote“, als neue „Verpflichtungen“ für ihre Gläubigen aufgestellt. Sie hatte die jahrhundertealte heilige Liturgie radikal neu geordnet und ziemlich rücksichtslos verordnet. Sie hatte den Ökumenismus (mit den vom römischen Apostolischen Stuhl getrennten Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften) neu, dem bisher Geltenden entgegengesetzt definiert.

Noch während des Konzils und vor allem darauf folgend teilten sich die Geister in Progressive und Traditionstreue, in Konservative und Neuerer, und später die Traditionstreuen in (dennoch) „papstverbundene“ und „pastplose“, letztere genannt „Sedisvakantisten“.

Bis rund 1960, kann man sagen, war die römisch-katholische Kirche, insbesondere was ihre Führung betrifft, eine zuverlässige, einheitliche, sich selbst treue, der Welt gegenüber unbeugsame Vertreterin unseres HERRN und GOTTES JESUS CHRISTUS in allen Belangen der Lehre und der Moral. Dann geschah der große Dammbruch. Sie gab die Verteidigung, die Abwehr, den Widerstand, den sie bisher heroisch geleistet hatte, urplötzlich auf. Sie wollte sich eines Besseren besinnen. Sie wollte neue Wege gehen, sie wollte „ins Freie der weiten Welt“. Sie öffnete ihre Hochburg; sie riss Fenster und Tore auf. Sie ließ ihre Fallbrücken herunter und lud die Welt ein – zu einem „Tag der offenen Türe“. Und „die Welt“ samt dem kamufflierten Teufel drang ein. Und sie (und er mit ihr) blieb drinnen und drängte die guten, besten, wachsamsten und darum protestierenden, Ungemach prophezeienden Geister in düstere Nebenkammern und finstere Verliese und aus ihrem Haus hinaus. Das Sagen und Bestimmen hatten fortan die Modernen, die Modernisten, die Fortschreitenden, die Fortschrittlichen, die Anti-Konservativen, die Traditions-Überdrüssigen, die Reformer, die „Revisionisten“. Sofort forderten sie den vorbehaltlosen, unbedingten bis blinden Gehorsam ein, den sie selber vorher gegenüber der wahren Autorität nicht (mehr) leisten wollten. Und die gehorsamsgewohnte Herde stutzte, zögerte zwar anfänglich, protestierte auch da und dort, ergab sich aber schließlich den Weisungen von oben in der (unerleuchteten) Annahme, es sei doch alles von bestem Licht, vom Lichte des Heiligen Geistes, Frucht eines neuen pfingstlichen Wehens.

Und unterdessen sind die Früchte dieses „Sacrosanctum Conciliums“ gereift, sichtbar(er) geworden, aufgegangen. Schon allein die einschlägigen Statistiken offenbaren es: seither ging es mit fast allem das Herz und Wesen des Katholischen Ausmachenden (nur oder schwergewichtig) abwärts: Priester, Ordensleute, Missionare, Gottesdienst, Kirchen(gebäuden), Ehe, Familie, Werke, Schule, Parteien, Politik, Medien! Vieles ist unwiederbringlich zerstört. Die Geister, die man rief, wird man jetzt nicht mehr los!

Dieses Konzil wollte kein typisches, dogmatisches Konzil, sondern ein „Pastoral-Konzil“ sein. Es enthält zwar auch „dogmatische Komponenten“, durchaus auch Richtiges, Gutes, Echt-Vertiefendes. Aber es ist nun einmal eine unbestreitbare und unwiderlegbare Tatsache, dass es auch schwach bis total falsch Formuliertes, Missverständliches, ja mit der Vergangenheit Unvereinbares enthält! Es ist also nicht alles einfach „sakrosankt“, unantastbar, unhinterfragbar, unwiderruflich!

Paul Otto Schenker

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PAPST PAUL VI.: WORT UND WEISUNG IM JAHR 1975 – 01

Paul VI. Silbermedaille 1975, von E. Greco. Auf den Heiligen Geist. Brustbild / Taube

Bei der Generalaudienz am 15. Januar 1975

EIN MISSTRAUEN GEGEN DIE AMTSKIRCHE?

Wir müssen wieder zu einer christlichen Geisteshaltung kom­men: so sagten wir beim letzten Mal über die Erneuerung unseres ganzen Lebens, besonders aber unseres christlichen, unseres katholischen Lebens. Um diese Geisteshaltung zurückzugewinnen, um ihr Glanz und Sicherheit zu geben, sie fruchtbar zu machen in praktischen Taten und sittlicher Kraft, könnte das Ereignis des Heiligen Jahres für alle heilsam sein.

Wir wissen ganz gut, daß es eine dauernde Einladung ist, die ihren Ursprung in dem hat, was uns die Bibel lehrt und was den Mittelpunkt der Taufkatechetik bildet, die Wiedergeburt des Men­schen in einer existentiell andersartigen, paradoxen, höheren und neuen Weise (wir erinnern an das nächtliche Gespräch Jesu mit Nikodemus: Joh 3,3 ff und an den Vergleich, ja die Gegenüber­stellung, die Verwandlung des „alten Menschen“, des Menschen dieser natürlichen Welt, in den aus einem übernatürlichen Prinzip lebenden „neuen Menschen“, von dem der hl. Paulus so oft spricht: siehe Eph 4, 24; Kol 3, 10; 2 Kor 5,17 usw.). Wir müßten es aber noch besser wissen, wenn unser Bewußtsein wirklich den Gedanken an unsere christliche Berufung bewahrt hätte. Der Christ ist ein neues, ein ursprüngliches, ein glückliches Wesen, wie Pascal richtig sagt: „Niemand ist so glücklich wie ein wirklicher Christ, niemand so vernünftig, so tugendhaft und liebenswert wie er“ (Pensées, 541). Wir Modernen, auch wenn wir uns zur Gemein­schaft der christlichen Religion bekennen (oft in versteckter, ver­kürzter und säkularisierter Form), entwickeln nur selten oder un­vollkommen den Sinn für das Neue an diesem unserem Lebensstil. Wir zeigen uns oft konformistisch und „vorurteilslos“ gegenüber dem „Ansehen bei den Menschen“, statt einfach als das aufzutre­ten, was wir sind, nämlich Christen. Also Menschen, die ihre ebenso freie und souveräne wie konsequente und ernsthafte Art zu leben haben.

Deshalb fordert uns die Kirche auf und mahnt uns: Christ, sei dir deiner selbst bewußt! Christ, halte etwas auf dich! Christ, bleib deinem Glauben treu! Christ, sei tapfer! Mit einem Wort: Christ, sei Christ!

Es wäre hier nützlich, die Hindernisse zu untersuchen, die es vereiteln, daß wir unserem Leben ein christliches Gesicht geben. Eine Diagnose dieser äußeren und inneren Hindernisse würde eine Abhandlung über spirituelle Pathologie ergeben, und das auf we­nigen Seiten zu machen, wäre schwierig. Das gilt übrigens auch für unsere gesamte religiöse und moralische Wiedergesundung. Wir können uns hier darauf beschränken, einen unerläßlichen Faktor der erhofften christlichen Erneuerung zu nennen. Er ist gar nicht so schwer zu erkennen, auch wenn es vielen schwer fällt, ihn anzu­nehmen. Wir meinen die Gnade, das Wirken des Heiligen Geistes, jenes Licht und jene Kraft, die allein der Kontakt mit dem gött­lichen Quell unserer Wiedergeburt im Geiste herstellen kann.

Dies ergibt sich klar aus dem Wort des hl. Paulus, das wir als Beispiel für die von uns erstrebte Erneuerung gewählt haben. Der Apostel sagt: „Erneuert euren Geist und Sinn“ (Eph 4, 23), wobei sich das Wort „spiritu“ griechisch „pneumati“ im Originaltext, wie uns die Bibelwissenschaftler sagen, eben auf die Gnade bezieht, also auf den Heiligen Geist (vgl. J. Knabenbauer, Comm. ad Eph. S. 132). Dies ist die Wirkkraft, die für uns vom Leiden Christi, von seinem Erlösungswerk, ausgeht und sich uns, wie der hl. Thomas lehrt, vor allem auf zweifache Weise mitteilt: durch den Glauben und durch die Sakramente; also durch einen geistigen Akt, eben den Glauben, und durch den sichtbaren Empfang der Sakramente (S. Th. III, 62, 6). Hier haben nun auch die religiösen Übungen des Heiligen Jahres für uns ihren Platz. Sie sollen gewiß nicht nur diese besondere Feier kennzeichnen, aber sie werden dabei doch mit besonderem Eifer und, bewußt unterstützt durch. das Amt der Kir­che, gepflegt: Wir bekennen unseren Glauben, und wir empfangen die Sakramente.

Dies läßt uns an ein anderes typisches Hindernis für die ge­wünschte Erneuerung denken. Wir meinen die innere Einstellung, die sich in letzter Zeit immer weiter verbreitet und verstärkt hat: das Mißtrauen gegen die sogenannte Amtskirche, die reale, mensch­liche Kirche, die Kirche als Dienerin, Hüterin und Spende­rin göttlicher Geheimnisse (vgl. 1 Kor 4, 1). Wir erinnern hier an einen großartigen Gedanken des berühmten deutschen katholischen Denkers Johann Adam Möhler ( 1 7 96-1 83 8 ), der ein Vorläu­fer der ökumenischen Bewegung war. Die Vermittlung der Kirche ist nach ihm unbedingt notwendig, um Christus kennenzulernen und aus seinem Leben zu leben (vgl. Die Einheit in der Kirche, 1, 7). So wird unsere christliche Erneuerung in Geist und Leben nicht davon absehen können, unsere Zugehörigkeit zum mystischen und sozialen Leib Christi wiederzuentdecken, der eben die katho­lische Kirche ist. Zugleich müssen wir uns von der heute leider so modernen Versuchung freimachen, Christus und Kirche zu tren­nen, so als könnte man dadurch, daß man die Kirche bekämpft und bei der Erklärung religiöser Wahrheiten jede, auch willkür­liche Kritik an dieser Kirche zuläßt, zu einer echteren und leben­digeren Gemeinschaft mit Jesus, dem Herrn, gelangen, der doch gerade durch seine Kirche Quelle unseres Heiles ist. Mit dem hl. Ignatius von Antiochia wollen wir daher sagen: „Lernen wir, wahrhaft christlich zu leben“ (ad Magnesios, X). Das ist Erneuerung im Sinn des Konzils, Erneuerung im Sinn des Heiligen Jahres! „Wer Ohren hat, der höre“ (Mt 13, 9).

 

Bei der Generalaudienz am 22. Januar 1975

„SUCHET ZUERST DAS REICH GOTTES…“

Sprechen wir noch einmal von der Erneuerung, die das Heilige Jahr in den Menschen und den Völkern mit sich bringen sollte. „Erneuerung“: das Wort ist klar, der Sinn ist dunkel. Er ist dun­kel, weil es nicht leicht ist, klarzustellen, was hier erneuert werden soll. Man könnte meinen: alles; alles, was die Welt ausmacht, alles, über das sie verfügt, alles, was sie tut, sollte erneuert werden. Eine herrliche Vision, aber sie bietet nicht wenig Grund zur Beun­ruhigung. Weil das heißen würde, daß alles unvollkommen, alles in Unordnung ist. Weil es bedeuten würde, daß alles, was der Mensch an großartigen Werken zuwegegebracht hat, vor allem in den letzten Jahrhunderten, der ganze moderne Fortschritt, der die Erde mit erstaunlichen Errungenschaften auf allen Gebieten menschlicher Aktivität überschwemmt hat, daß das alles die Bedürf­nisse und Sehnsüchte der Menschen nur teilweise erfüllt, dafür aber unermeßliches Elend, unermeßliches Unrecht und unermeßliche Not offenbar werden läßt. Dieser Fortschritt hat aber auch das Gewissen wachgerüttelt für die soziale Ungleichheit, für die Zu­rücksetzung eines großen Teils der Menschheit, den Hunger nach Brot, nach Kultur, nach Rechten, einen Hunger, der bisher ge­duldig und stumm ertragen wurde, jetzt aber grausam und uner­träglich geworden ist. Hier zeigt sich ein überraschendes Phäno­men: das Bedürfnis nach mehr, nach einer neuen und höheren Lebensqualität äußert sich gieriger und unersättlicher in den vom Fortschritt begünstigten Kreisen als bei den einfachen Leuten, so sehr auch bei ihnen sich Unruhe bemerkbar macht. Eine Flut von Protesten und Forderungen scheint beweisen zu wollen, daß kein Wohlstand die unersättliche Sucht nach Geltung, Besitz und Genuß befriedigen kann, und daß er nur ein noch quälenderes Verlangen nach anderen Dingen, nach neuen Erfahrungen weckt. Auf der anderen Seite beweisen sie, daß die sogenannte Ordnung, die sich aus dem wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt ableitet, in Wirk­lichkeit Unordnung und Ungerechtigkeit ist, weil sie die Errungen­schaften ungleichmäßig verteilt, weil sie absolut unzulänglich ist quantitativ, und wohlgemerkt auch qualitativ, alle Menschen glück­lich zu machen, und nicht einmal für gewisse Grundbedürfnisse ausreicht, die zum Rechtsanspruch geworden sind, angefangen bei der Würde der menschlichen Person — jeder Person — bis hin zur Freiheit und einem ausreichenden Wohlstand.

Aus diesen gigantischen und bitteren Erfahrungen heraus kommt es dann zu befremdlichen und negativen Phänomenen: dem Miß­trauen, bis hin zu Protest und Revolution; dem sozialen Haß, bis hin zu seiner institutionellen Verfestigung in Klassen, Parteien, Stämmen, Völkern und. Zivilisationen; der Langeweile und dem zynischen Lebensüberdruß; der ideologischen Gleichgültigkeit; dem Skeptizismus, der als Liberalismus ausgegeben wird; dem raffinier­ten, totalen, kosmischen Pessimismus, einer Art vorbedachten Selbstmords des idealisierten Menschen, Entlarvung einer Lüge und gefährlichen Utopie; schließlich die pseudo-kluge, in Wirklichkeit wahnsinnige und verzweifelte Flucht in das momentane Vergnügen, zum egoistischen Genuß und damit in die Kalkulation menschenun­würdiger Mittel zur Planung und Begrenzung der Statistiken zum menschlichen Wachstum.

Ist das unsere Welt? Wir meinen, das sind leider gewisse Aspek­te dieser Welt. Aber das ist nicht die ganze Welt. Diese ist noch immer von einer großen, dynamischen Hoffnung durchdrungen, welche eine Verheißung der Geschichte auszulegen scheint: die Welt kann sich erneuern, immer noch und immer wieder. Aber wie? Auf diese Frage gibt es eine Fülle von Antworten. Diese Antworten sind aber zugleich eine Quelle neuer Qualen und Enttäuschungen.

Gibt es überhaupt einen Weg zur Lösung? Eine Theorie, die den Vorzug verdient? Eine Deutung, die den Idealplan für das menschliche Leben wiederherstellt und es seinen wahren und höch­sten Zielen entgegenführt?

Wir glauben, ja. Wir sagen das ohne jede polemische Absicht. Wir greifen auch nicht auf magische oder triumphalistische Formeln zurück. Wir glauben an das Evangelium Jesu Christi, und wir wissen, daß wir ihm das Grundprinzip echter Erneuerung entneh­men können. Deshalb predigen wir die Frohbotschaft in dieser gesegneten Zeit des Heiligen Jahres. Das Grundprinzip aller Er­neuerung wird in dem alten und stets lebendigen Wort Jesu verkün­det: „Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, dann wird euch alles andere dazugegeben“ (Mt 6, 33).

Ein bekanntes Wort, das im Bewußtsein nachdenklicher und bereitwilliger Menschen immer noch Widerhall findet. Es ist auch ein aktuelles Wort. Ein Wort, das — wenn auch vielleicht ver­gebens — gerade die führenden Häupter anspricht, welche an den Schalthebeln der Macht die eigentlichen Entscheidungen für die Führung der Völker fällen. Das Wesentliche und Zwingende an diesem Wort scheint uns zu sein: Wir müssen eine Rangordnung jener Ziele aufstellen, die der Mensch anstreben kann und muß. An der Spitze dieser Wertskala steht „das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit“. Wird dieses Ziel mißachtet oder geleugnet, gerät die ganze Wertskala in Unordnung. Man weiß dann nicht mehr wirklich, für wen und wozu der Mensch eigentlich lebt. An die Stelle des obersten Zieles, das für uns auch den höchsten Wert bedeutet, treten andere Ziele und andere Werte. Diese können zwar die menschliche Aktivität steigern und sie zu großen Leistun­gen auf vielen Gebieten befähigen. Doch am Ende bleibt gerade das aus, was mehr gilt: wahre Ordnung, Weisheit, Glück und Friede; vor allem bleibt aus das unschätzbare Geschenk des Aus­gleichs für jeden Mangel an Sicherheit, an Arbeits- und Lebens­freude, die eschatologische Hoffnung, das heißt die Gewißheit des ewigen Lebens.

Wenn er zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit sucht, vollzieht der Mensch in seinem Gewissen immer wieder einen Ver­gleich zwischen den Gütern, nach denen er streben kann; er korri­giert beständig die Grundausrichtung seiner wichtigsten Interessen und Absichten. Diese Grundausrichtung beginnt im Herzen des Menschen und endet beim strahlenden Geheimnis der Vaterschaft Gottes; das Leben aber läuft ab zwischen beiden Angelpunkten in der Gerechtigkeit, das heißt, der Mensch lernt überzeugend die Kunst, so als Mensch in Liebe und Opferbereitschaft zu leben, wie es uns Christus gelehrt hat.

Wenn wir die Erneuerung unserer Lebensphilosophie so auffassen, ergibt sich als erste Folgerung ein Abstand, eine Befreiung, eine relative Entwertung der irdischen Güter, zumal des Reichtums, des „verruchten Hungers nach Gold“, der die Menschen oft zu gierigen und grausamen Egoisten macht, sie untereinander verfein­det und zu unsozialen Ausbeutern werden läßt. Als zweite Folge­rung ergibt sich aber auch die „Armut im Geiste“, von der das Evangelium spricht. Sie findet zwar auf Erden keinen angemessenen Ausgleich, doch sie erlaubt dem, der sie besitzt, den maßvollen Genuß der Dinge dieser Welt und läßt diese zugleich zu einem Weg des Aufstiegs zum höchsten Gut werden, das letztlich allein würdig ist, von Menschen erstrebt und besessen zu werden: das Himmel­reich. Es ist jene „Armut im Geiste“, die uns reich und wach macht für die Nöte und Leiden unserer Brüder, aber auch aufgeschlossen für jene Änderungen im wirtschaftlichen und sozialen Bereich, die geeignet sind, zu mehr Gerechtigkeit und Brüderlichkeit auf Erden zu führen.

Wer aber vermag die Weisheit solcher Erneuerung heute zu begreifen? Wer will sie begreifen? Das läßt sich schwer sagen. Die Welt möchte oft davon nichts hören. Doch die „Kinder des Rei­ches“ können es, jawohl, und sie wollen es auch! Ist es nicht so, liebe Brüder und Schwestern?

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Quelle: PAPST PAUL VI. WORT UND WEISUNG IM JAHR 1975