„Die Mühe der Überquerung der Wüste

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Wir dokumentieren in einer eigenen Übersetzung die Ansprache von Papst Franziskus bei der Generalaudienz von Mittwoch, dem 1. März 2017, auf dem Petersplatz.

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Die christliche Hoffnung – 13. Die Fastenzeit – Weg der Hoffnung

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Am heutigen Aschermittwoch treten wir in die liturgische Fastenzeit ein. Da unsere Katechesenreihe der christlichen Hoffnung gewidmet ist, möchte ich heute die Fastenzeit als einen Weg der Hoffnung beschreiben.

Tatsächlich tritt diese Perspektive klar hervor, wenn wir bedenken, dass die Fastenzeit in der Kirche als Zeit der Vorbereitung auf Ostern eingerichtet wurde. Daher wird der gesamte Sinn dieser vierzig Tage vom österlichen Geheimnis erleuchtet, auf das sie ausgerichtet sind. Wir können uns den auferstandenen Herrn vorstellen, der uns dazu aufruft, aus unserer Dunkelheit auszutreten, und wir gehen auf ihn, das Licht, zu. Die Fastenzeit ist ein Weg zum auferstandenen Herrn. Sie ist eine Zeit der Buße und auch der Kasteiung, jedoch kein Selbstzweck. Vielmehr zielt sie auf unsere Auferstehung mit Christus ab, auf die Erneuerung unseres Taufbekenntnisses, d.h. darauf, dass wir wieder neu „von oben“ – von der Liebe Gottes – geboren werden (vgl. Joh 3.3). Insofern ist die Fastenzeit ihrem Wesen nach Zeit der Hoffnung.

Zum besseren Verständnis der Bedeutung des zuvor Gesagten müssen wir auf die grundlegende Erfahrung des Auszugs des Volkes Israel aus Ägypten Bezug nehmen, von der die Bibel im Buch Exodus berichtet. Ausgangspunkt ist die Situation der Knechtschaft in Ägypten, die Unterdrückung, die Zwangsarbeit. Der Herr hat sein Volk und seine Verheißung jedoch nicht vergessen: Er ruft Mose  und lässt das Volk Israel unter der Führung eines starken Armes ausbrechen und führt sie durch die Wüste in das Land der Freiheit. Während dieses Weges aus der Knechtschaft in die Freiheit gibt der Herr den Israeliten das Gesetz, damit sie ihn, ihren einzigen Herrn, zu lieben lernen und auch untereinander geschwisterliche Liebe üben. Die Heilige Schrift beschreibt den Auszug als lang und beschwerlich: Symbolisch dauert er 40 Tage; dies entspricht der Lebenszeit einer Generation, die angesichts der Prüfungen des Weges stets der Versuchung unterliegt, Ägypten nachzutrauern und zurückzukehren. Auch wir kennen die Versuchung, zurückzukehren, alle. Der Herr bleibt diesen armen von Mose geführten Menschen, die in das verheißene Land kommen, jedoch treu. Der gesamte Weg wird in der Hoffnung zurückgelegt: der Hoffnung, das Land zu erreichen und gerade in diesem Sinne handelt es sich um einen „Auszug“, den Austritt aus der Knechtschaft in die Freiheit. Diese 40 Tage sind auch für uns alle ein Austritt aus der Knechtschaft, aus der Sünde in die Freiheit, in die Begegnung mit dem auferstandenen Christus. Jeder Schritt, jede Mühe, jede Prüfung, jedes Fallen und jede Wiederaufnahme – alles hat nur im Heilsplan Gottes einen Sinn, der für sein Volk das Leben will und nicht den Tod, die Freude und nicht den Schmerz.

Das Paschaopfer Jesu und sein Exodus haben uns den Weg zum vollen, ewigen und seligen Leben geöffnet. Um diesen Weg zu gehen musste sich Jesus seiner Herrlichkeit entäußern, sich erniedrigen, bis zum Tod und bis zum Tod am Kreuz gehorsam sein. Damit er uns den Weg zum ewigen Leben eröffnen könnte, vergoss er sein gesamtes Blut und dank ihm sind wir von der Knechtschaft der Sünde befreit. Dies bedeutet jedoch nicht, dass er alles getan hat und wir nichts tun müssen, dass er durch das Kreuz ging und wir „mit der Kutsche ins Paradies fahren“ So ist es nicht. Unsere Rettung ist gewiss ein Geschenk von ihm, doch da es sich um eine Liebesgeschichte handelt, sind unser „ja“ und unsere Teilhabe an seiner Liebe erforderlich, wie es uns von seiner Mutter Maria und nach ihr von allen Heiligen gezeigt wird.

Die Fastenzeit lebt von der folgenden Dynamik: Christus geht mit seinem Exodus voraus und wir durchqueren die Wüste dank ihm und hinter ihm. Er wird für uns versucht und hat den Versucher für uns besiegt, aber auch wir müssen mit ihm die Versuchungen bewältigen und überwinden. Er schenkt uns das lebendige Wasser seines Geistes und es ist an uns, aus seiner Quelle zu schöpfen und zu trinken; in den Sakramenten, im Gebet, in der Anbetung: Er ist das Licht, das die Finsternis überwindet und wir werden gebeten, die kleine uns am Tag unserer Taufe anvertraute Flamme zu nähren.

In diesem Sinne ist die Fastenzeit „sakramentales Zeichen unserer Umkehr“ (ital. Quelle: Messale Romano, Oraz. Colletta I Dom. Di Quar.; eigene Übersetzung). Wer den Weg der Fastenzeit geht, ist immer auf dem Weg der Umkehr. Die Fastenzeit ist stets zu erneuerndes sakramentales Zeichen unseres Weges aus der Knechtschaft in die Freiheit. Dieser Weg ist gewiss anspruchsvoll, wie es auch sein soll, denn die Liebe ist anspruchsvoll, doch dieser Weg ist voller Hoffnung. Ich würde sogar sagen: Der Exodus der Fastenzeit ist der Weg, auf dem die Hoffnung selbst entsteht. Die Mühe der Überquerung der Wüste – alle Herausforderungen, Versuchungen, Illusionen, Trugbilder …-, all dies formt eine starke und feste Hoffnung nach dem Beispiel der Jungfrau Maria, die inmitten der Finsternis der Passion und des Todes ihres Sohnes nicht aufhört an seine Auferstehung, an den Sieg der Liebe Gottes, zu glauben und darauf zu hoffen.

Mit auf diesen Horizont hingeöffnetem Herzen treten wir heute in die Fastenzeit ein. Uns als Teil des heiligen Volkes Gottes empfindend, beginnen wir mit Freude diesen Weg der Hoffnung.

[Übersetzt aus dem Italienischen von Sarah Fleissner]

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Quelle

Papst Franziskus: Inklusion heißt aktive Teilhabe

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Papst Franziskus bei der Audienz für die Gemeinschaft von Capodarco – RV

Die Vertreter eines italienweiten Projektes zur Inklusion von Menschen mit körperlichem Handicap, Suchtproblemen oder mentalen Krankheiten waren an diesem Samstag im Vatikan zu Gast. Papst Franziskus würdigte in seiner Ansprache die 50-jährige Erfolgsgeschichte der „Comunità di Capodarco“, die sich von einem Projekt in den Marken mittlerweile über ganz Italien ausgebreitet hat. Nur eine Gesellschaft, die sich auch der schwächeren Mitglieder annehme, könne von sich selbst behaupten, auf den Prinzipien wie Recht und Gerechtigkeit zu basieren, betonte der Papst: „Die Lebensqualität innerhalb einer Gesellschaft misst man in großem Maße durch die Fähigkeit, diejenigen einzubeziehen, die am schwächsten und hilfsbedürftigsten sind, mit effektivem Respekt für ihre Würde als Männer und Frauen. Und die Reife erreicht man, wenn diese Inklusion nicht als etwas Außergewöhnliches wahrgenommen wird, sondern als normal. Auch der Mensch mit körperlichen, geistigen oder moralischen Behinderungen muss am Leben der Gesellschaft teilhaben können und ihm muss dabei geholfen werden, sein Potential, je nach seinen Möglichkeiten, zu entfalten.“

Formen der Diskriminierung

Eine Diskriminierung, die aufgrund der Fähigkeit erfolge, inwieweit man in der Gesellschaft produktiv wirken könne, sei nicht weniger gravierend als eine Diskriminierung aufgrund des Glaubens, der Hautfarbe oder des Gesellschaftlichen Status, fuhr der Papst fort. Es zeichne die Gemeinschaft von Capodarco aus, dass sie in ihrer langjährigen Tätigkeit auf italienischem Terrain stets die Nöte und Anliegen ihrer Schützlinge im Auge behalten habe und sie bei der Ausbildung ihrer Fähigkeiten kundig unterstütze – dieser Ansatz sorge dafür, dass die betreuten Menschen am Leben der Gesellschaft aktiv teilhaben könnten und nicht innerhalb der engen Grenzen ihrer Gemeinschaft zu verbleiben hätten, würdigte Franziskus den Einsatz der Priester und Laien, die sich in der Gemeinschaft engagieren.

Ermutigung

„Ich ermuntere euch, auf diesem Weg weiter zu gehen, der in erster Linie den persönlichen Einsatz der Menschen mit Behinderung selbst vorsieht. Angesichts der wirtschaftlichen Probleme und negativen Folgen der Globalisierung versucht eure Gemeinschaft, denjenigen zu helfen, die in Gefahr geraten sich ausgeschlossen oder an den Rand gedrängt zu fühlen. Ihr helft ihnen, im Gegenteil, dabei, an vorderster Front zu gehen.“

Gerade die Kirchengemeinschaft müsse diesen „Kleinen“ einen besonderen Platz einräumen, denn sie seien besondere Zeugen der Zärtlichkeit Gottes, von denen alle anderen viel zu lernen hätten, so Franziskus. Der Papst erinnerte auch an die Ursprünge der Gemeinschaft, die in den Pilgerfahrten nach Lourdes und Loreto lagen. Die Gottesmutter Maria, so schloss der Papst seine Ansprache, sei in den Werken der Gemeinschaft stets präsent gewesen und werde auch weiterhin präsent sein, „indem sie euch hilft, jedes Mal neue Energien zu finden und stets den Stil des Evangeliums, die Zärtlichkeit, die Fürsorge, die Nähe und auch den Mut sowie den Geist der Aufopferung zu bewahren – denn es ist nicht einfach, auf dem Gebiet der persönlichen und sozialen Härtefälle zu arbeiten.“

(rv 25.02.2017 cs)

Die Hoffnung lässt nicht zugrunde gehen

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Generalaudienz in der »Aula Paolo VI« am 15. Februar

Lesung: Röm 5,1-5

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Schon in der Kindheit wird uns beigebracht, dass es nicht schön ist, sich selbst zu rühmen. In meinem Land bezeichnen wir jene, die prahlen, als »Pfauen«. Und das ist richtig, denn sich dessen zu rühmen, was man ist oder was man hat, lässt außer einem gewissen Hochmut auch einen Mangel an Respekt gegenüber den anderen erkennen, besonders gegenüber jenen, die uns gegenüber benachteiligt sind. In diesem Abschnitt aus dem Brief an die Römer überrascht uns jedoch der Apostel Paulus damit, dass er uns gleich zweimal auffordert, uns zu rühmen. Wessen sollen wir uns also rühmen? Denn wenn er dazu auffordert, sich zu rühmen, dann ist es richtig, sich wegen etwas zu rühmen. Und wie ist es möglich, das zu tun, ohne die anderen zu beleidigen, ohne jemanden auszuschließen?

Im ersten Fall sind wir eingeladen, uns der Fülle der Gnade zu rühmen, von der wir in Jesus Christus durch den Glauben durchdrungen sind. Paulus will uns zu verstehen geben, dass wir, wenn wir lernen, alles im Licht des Heiligen Geistes zu betrachten, erkennen, dass alles Gnade ist! Alles ist Geschenk! Bei genauerer Betrachtung sind es nämlich nicht nur wir, die – in der Geschichte ebenso wie in unserem Leben – handeln, sondern es ist vor allem Gott. Er ist der absolute Protagonist, der alles als eine Liebesgabe schafft, der das Gewebe seines Heilsplans knüpft und ihn für uns zur Vollendung bringt, durch seinen Sohn Jesus. Von uns wird verlangt, all das anzuerkennen, es mit Dankbarkeit anzunehmen und es zum Grund von Lobpreis und großer Freude zu machen. Wenn wir das tun, sind wir im Frieden mit Gott und machen die Erfahrung der Freiheit. Und dieser Friede greift dann auf alle Bereiche und alle Beziehungen unseres Lebens über: Wir sind im Frieden mit uns selbst, wir sind im Frieden in der Familie, in unserer Gemeinschaft, am Arbeitsplatz und mit den Menschen, denen wir täglich auf unserem Weg begegnen.

Paulus fordert uns jedoch auf, uns auch unserer Bedrängnis zu rühmen. Das ist nicht leicht zu verstehen. Damit tun wir uns schwerer, und es kann den Anschein haben, dass es mit dem soeben beschriebenen Zustand des Friedens nichts zu tun hat. Aber es ist die reinste, die wahrste Voraussetzung dafür. Denn der Friede, den uns der Herr schenkt und gewährt, darf nicht als Abwesenheit von Sorgen, von Enttäuschungen, von Not, von Leid verstanden werden. Wenn es so wäre, dann würde, falls es uns gelänge, im Frieden zu sein, dieser Augenblick schnell enden und wir würden unvermeidlich der Niedergeschlagenheit anheimfallen. Der Friede, der dem Glauben entspringt, ist vielmehr ein Geschenk: Er ist die Gnade zu erfahren, dass Gott uns liebt und dass er immer bei uns ist und uns keinen Augenblick unseres Lebens allein lässt. Und das bewirkt, wie der Apostel sagt, Geduld, denn wir wissen, dass auch in den schwersten und erschütterndsten Augenblicken die Barmherzigkeit und die Güte des Herrn größer sind als alles andere und niemand uns seinen Händen und seiner Gemeinschaft entreißen wird.

Darum also ist die christliche Hoffnung festgefügt, darum lässt sie nicht zugrunde gehen. Nie lässt sie zugrunde gehen. Die Hoffnung lässt nicht zugrunde gehen! Sie gründet nicht auf dem, was wir tun oder sein können, und auch nicht auf dem, an das wir glauben können. Ihre Grundlage, also die Grundlage der christlichen Hoffnung, ist das Treueste und Sicherste, was es geben kann: die Liebe, die Gott selbst einem jeden von uns entgegenbringt. Das sagt sich leicht: Gott liebt uns. Wir alle sagen es. Aber denkt ein wenig nach: Ist jeder von uns in der Lage zu sagen: Ich bin sicher, dass Gott mich liebt? Das ist die Wurzel unserer Sicherheit, die Wurzel der Hoffnung. Und der Herr hat in unsere Herzen den Heiligen Geist – der die Liebe Gottes ist – in Überfülle ausgegossen, als Schöpfer, als Garant, damit er in uns den Glauben nähren und diese Hoffnung lebendig erhalten kann. Und diese Sicherheit: Gott liebt mich. »Aber dieser schlimme Augenblick?« – Gott liebt mich. »Und mich, der ich diese schlimme und böse Sache getan habe?« – Gott liebt mich. Diese Sicherheit nimmt uns keiner. Und wir müssen es wiederholen als Gebet: Gott liebt mich. Ich bin sicher, dass Gott mich liebt. Ich bin sicher, dass Gott mich liebt.

Jetzt verstehen wir, warum der Apostel Paulus uns auffordert, uns stets all dieser Dinge zu rühmen. Ich rühme mich der Liebe Gottes, weil er mich liebt. Die Hoffnung, die uns geschenkt ist, trennt uns nicht von den anderen, und sie bringt uns schon gar nicht dazu, sie zu diskreditieren oder auszugrenzen. Es handelt sich vielmehr um ein wunderbares Geschenk, zu dessen »Kanälen« wir uns machen sollen, mit Demut und Einfachheit, für alle. Und daher wird unser größter Ruhm darin bestehen, als Vater einen Gott zu haben, der niemanden vorzieht, der keinen ausschließt, sondern der sein Haus allen Menschen öffnet, begonnen bei den Letzten und bei den Fernstehenden, damit wir als seine Kinder lernen, einander zu trösten und zu stützen. Und vergesst nicht: Die Hoffnung lässt nicht zugrunde gehen.

(Orig. ital. in O.R. 16.2.2017)

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Quelle: Osservatore Romano 8/2017

Judit – Der Mut einer Frau gibt dem Volk neue Hoffnung

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Judith; August Riedel (1840).

Generalaudienz in der »Aula Paolo VI« am 25. Januar

 

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Unter den Frauengestalten, die das Alte Testament uns vor Augen führt, ragt die einer großen Heldin des Volkes heraus: Judit. Das biblische Buch, das ihren Namen trägt, berichtet von der gewaltigen Militärkampagne des Königs Nebukadnezzar, der in Ninive herrscht und die Grenzen des Reiches erweitert, indem er alle Nachbarvölker besiegt und unterwirft. Der Leser versteht, dass er einem großen, unschlagbaren Feind gegenübersteht, der Tod und Zerstörung sät, der bis zum Heiligen Land gelangt und so das Leben der Kinder Israels in Gefahr bringt.

Das Heer des Nebukadnezzar belagert nämlich unter der Führung des Generals Holofernes eine Stadt in Judäa, Betulia. Es schneidet die Wasserversorgung ab und schwächt so den Widerstand der Bevölkerung.

Warten auf Rettung

Die Lage wird so dramatisch, dass die Einwohner der Stadt sich an die Ältesten wenden und bitten, sich den Feinden zu ergeben. Ihre Worte sind verzweifelt: »Jetzt gibt es für uns keine Rettung mehr; denn Gott hat uns an sie verkauft. Darum müssen wir verdursten und vor ihren Augen elend zugrunde gehen.« Sie sagen sogar: »Gott hat uns verkauft«; die Verzweiflung dieser Menschen war groß. »Ruft sie also jetzt herbei, und liefert die ganze Stadt den Soldaten des Holofernes und seinem Heer zur Plünderung aus!« (Jdt 7,25-26). Das Ende scheint nunmehr unumgänglich zu sein, die Fähigkeit, auf Gott zu vertrauen, ist erschöpft. Die Fähigkeit, auf Gott zu vertrauen, ist erschöpft. Und wie oft geraten wir an unsere Grenzen, wo wir nicht einmal die Fähigkeit spüren, auf den Herrn zu vertrauen. Das ist eine schlimme Versuchung! Um dem Tod zu entgehen, scheint paradoxerweise nichts anderes übrig zu bleiben, als sich in die Hände derer zu begeben, die töten. Sie wissen, dass die Soldaten in die Stadt eindringen und sie plündern werden, dass sie die Frauen als Sklavinnen nehmen und dann alle anderen töten werden. Das ist wirklich »das Ende«.

Und angesichts so großer Verzweiflung versucht das Stadtoberhaupt, eine Hoffnung anzubieten, um sich daran zu klammern: noch fünf Tage aushalten und auf das rettende Eingreifen Gottes warten. Es ist jedoch eine schwache Hoffnung, die ihn abschließend sagen lässt: »Sollten aber diese Tage vergehen, ohne dass uns geholfen wird, dann will ich tun, was ihr gefordert habt« (7,31). Der arme Mann: Er hatte keinen Ausweg. Fünf Tage werden Gott zugestanden – und hier liegt die Sünde –, fünf Tage werden Gott zugestanden, um einzugreifen: fünf Tage warten, aber das Ende ist schon absehbar. Sie geben Gott fünf Tage Zeit für ihre Rettung, aber sie wissen, dass sie kein Vertrauen haben, und erwarten das Schlimmste. In Wirklichkeit ist im Volk niemand mehr fähig zu hoffen. Sie waren verzweifelt.

Und in dieser Situation erscheint Judit auf der Bildfläche. Die Witwe und Frau von großer Schönheit und Weisheit spricht zum Volk mit der Sprache des Glaubens. Mutig weist sie das Volk zurecht, indem sie ihm ins Gesicht sagt: »Ihr wollt den Herrn, den Allmächtigen, auf die Probe stellen […] Nein, meine Brüder, reizt den Herrn, unseren Gott, nicht zum Zorn! Auch wenn er nicht gewillt ist, uns in diesen fünf Tagen Hilfe zu schaffen, so hat doch er zu bestimmen, zu welcher Zeit er uns helfen oder uns vor den Augen unserer Feinde vernichten will […] Darum wollen wir die Rettung von ihm erwarten und ihn um Hilfe anrufen. Er wird unser Flehen erhören, wenn es seinem Willen entspricht« (8,13.14-15.17). Das ist die Sprache der Hoffnung. Klopfen wir an die Tür des Herzens Gottes, er ist der Vater, er kann uns retten. Diese Frau, eine Witwe, nimmt sogar die Gefahr auf sich, vor den anderen schlecht dazustehen! Aber sie ist mutig! Sie geht voran! Das ist meine Meinung: Frauen sind mutiger als Männer [Beifall in der Audienzhalle].

Papst Franziskus begrüßte vor Beginn der Generalaudienz die Mitglieder des anglikanischen »Westminster-Abbey-Choir«. Der weltbekannte Chor sang bei der ökumenischen Vesper in der Basilika St. Paul vor den Mauern zum Abschluss der Gebetswoche für die Einheit der Christen.

Mit der Kraft eines Propheten tadelt Judit die Männer ihres Volkes, um sie wieder zum Vertrauen auf Gott zurückzuführen. Mit dem Blick eines Propheten sieht sie über den engen Horizont hinaus, den die führenden Männer vorgeschlagen hatten und den die Angst noch beschränkter macht. Gott wird gewiss handeln – sagt sie –, aber der Vorschlag, fünf Tage zu warten, bedeutet, ihn zu versuchen und sich seinem Willen zu entziehen. Der Herr ist der Gott des Heils – und sie glaubt daran –, welche Form auch immer dieses annimmt. Vor den Feinden zu retten und am Leben zu lassen ist Heil, aber in seinen unergründlichen Plänen kann das Heil auch bedeuten, sie dem Tod zu übergeben. Als Frau des Glaubens weiß sie das. Wir kennen das Ende und wissen, wie die Geschichte ausging: Gott rettet.

Liebe Brüder und Schwestern, wir dürfen Gott niemals Bedingungen stellen und müssen vielmehr unsere Ängste durch die Hoffnung überwinden. Auf Gott vertrauen heißt, in seine Pläne einzutreten, ohne etwas zu verlangen, sondern anzunehmen, dass sein Heil und seine Hilfe anders zu uns kommen können, als wir es erwarten. Wir bitten den Herrn um Leben, Gesundheit, Liebe, Glück: Es ist richtig, das zu tun, aber im Bewusstsein, dass Gott Leben aus dem Tod hervorbringen kann, dass man Frieden auch in der Krankheit erfahren kann, und dass es innere Ruhe auch in der Einsamkeit und Glückseligkeit in der Trauer geben kann. Wir können Gott nicht lehren, was er tun soll, was wir brauchen. Er weiß es besser als wir, und wir müssen darauf vertrauen, denn seine Wege und seine Gedanken sind anders als unsere.

Weg des Vertrauens

Der Weg, den Judit uns aufzeigt, ist der Weg des Vertrauens, des friedlichen Wartens, des Gebets und des Gehorsams. Es ist der Weg der Hoffnung. Ohne einfach aufzugeben, sondern alles zu tun, was uns möglich ist, aber immer dem Willen des Herrn folgend. Denn – das wissen wir – sie hat viel gebetet, sie hat viel zum Volk gesprochen und ist dann mutig hingegangen, hat einen Weg gesucht, sich dem Heerführer zu nähern und ihm den Kopf abzuschlagen, ihn niederzumetzeln. Sie ist mutig im Glauben und in den Werken. Und sie sucht immer den Herrn! Denn Judit hat einen eigenen Plan, setzt ihn erfolgreich um und führt das Volk zum Sieg, aber immer in der gläubigen Haltung derer, die alles aus der Hand Gottes annimmt und sich seiner Güte sicher ist.

So gibt eine Frau voll Glauben und Mut ihrem Volk wieder Kraft in Todesgefahr, führt es auf die Wege der Hoffnung und zeigt sie auch uns auf. Und wenn wir ein wenig zurückdenken: Wie oft haben wir weise, mutige Worte gehört, von einfachen Menschen, von einfachen Frauen, von denen man meint – ohne sie zu verachten –, dass sie unwissend seien… Aber es sind Worte der Weisheit Gottes! Die Worte der Großmütter… Wie oft wissen die Großmütter das rechte Wort zu sagen, das Wort der Hoffnung, weil sie Lebens­erfahrung haben, viel gelitten haben, sich Gott anvertraut haben, und der Herr macht das Geschenk, uns den Rat der Hoffnung zu geben. Und wenn wir auf diesen Wegen gehen, wird es Freude und Osterlicht sein, sich dem Herrn anzuvertrauen mit den Worten Jesu: »Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen« (Lk 22,42). Und das ist das Gebet der Weisheit, des Vertrauens und der Hoffnung.

(Orig. ital. in O.R. 26.1.2017)

Papst gegen Menschenhandel: „Beschämend und inakzeptabel“

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Papst Franziskus bei der Generalaudienz

Franziskus hat zur Befreiung Minderjähriger von Sklaverei und Menschenhandel aufgerufen. Am internationalen Gebetstag gegen den Menschenhandel, der an diesem Mittwoch begangen wird, wandte sich der Papst erneut an Regierungen und politische Verantwortungsträger, „mit Entschiedenheit diese Plage zu bekämpfen“. Es müsse „jede Anstrengung“ unternommen werden, „um dieses beschämende und inakzeptable Verbrechen zu bezwingen“, sagte er bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz. An diesem Mittwoch begeht die katholische Kirche den dritten Weltgebetstag gegen Menschenhandel, den Franziskus seinerzeit einführte und auf den 8. Februar legte.

Iana Mafei ist Gründerin und Präsidentin der Hilfsorganisation „Reaching out Romania“, die sich seit 1998 in Rumänien um die Befreiung von Mädchen aus den Fängen von Menschenhändlern kümmert. Sie war in diesen Tagen auf einer Konferenz in Rom, die das Ordensnetzwerk gegen Menschenhandel „Talitha Kum“ ausgerichtet hat. Im Interview mit Radio Vatikan zieht die engagierte Helferin eine ernüchternde Bilanz über die Situation der Opfer von Sklaverei und Menschenhandel in ihrem Heimatland Rumänien:

„Die Situation ist dieselbe wie vor 20 Jahren, der einzige Unterschied ist nur, dass das Alter der Mädchen dramatisch gesunken ist. Wir haben jetzt Opfer schon ab elf Jahren, das sind alles Minderjährige, sie werden jünger und jünger.“

Staat und Polizeibehörden kennen das Phänomen aufgrund internationaler Bemühungen etwa der Vereinten Nationen inzwischen, sagt die Menschenrechtlerin, trotzdem aber erfahren die gehandelten und versklavten Kinder nur selten Hilfe: „In all den Jahren haben die Autoritäten gelernt, sich politisch korrekt zu verhalten, sie haben die Sprache gelernt, aber die Mentalität ist die alte“, urteilt Mafei.

Sie selbst wurde vor Jahren gegen Zwangsprostitution und Menschenhandel aktiv, als sie auf einer Polizeistation drei minderjährige Zwangsprostituierte kennenlernte, die die Beamten einfach wieder auf die Straße schicken wollten. Kurzerhand mietete Mafei eine Wohnung und nahm die Mädchen auf – und entwickelte daraus nach und nach eine gut funktionierende Hilfsorganisation, die bereits hunderten Mädchen wieder zu einem halbwegs normalen Leben verhalf. „Reaching out Romania“ bietet den Opfern medizinische und psychologische Betreuung sowie Rechtsberatung an, organisiert Ausbildungsprojekte und unterhält landesweit drei Schutzhäuser, ein weiteres wird derzeit gebaut.

Zuhälter und Menschenhändler machten auch heute in Rumänien noch reiche Beute, berichtet Mafei: „Die Anwerber der Mädchen gehen zu den Waisenhäusern, das ist ihr Aktionsfeld. Diese Kinder haben niemanden, der sich um sie kümmert und sie großzieht oder sie unterrichtet, und da kommt dann der Händler und sagt: ich kümmere mich um dich. Viele von ihnen werden durch die Loverboy-Methode angeworben, ein junger Mann macht den Mädchen den Hof, sagt ihnen, ich liebe dich und will dich heiraten.“

Ursachen des Missbrauchs lägen dabei weniger in der Armut als vielmehr in sozialer Verwahrlosung: „Es gibt diesen Mangel an Liebe, den diese Kinder haben, deshalb landen die Mädchen auf der Straße, es ist nicht die Armut. Es geht um Familien, die nicht funktionieren, fehlende Liebe. Einige werden auch von ihren eigenen Eltern verkauft oder auf die Straße geschickt, um Geld zu verdienen. Das ist mangelnde Bildung; die kriegen Kinder, weil es passiert, nicht, weil sie das wollten. Und das Kind wird dann benutzt, um etwas zu verdienen.“

Handlungsbedarf sieht Mafei im Kontext des Phänomens vor allem im Bereich der Kinderrechte. An der Gedankenlosigkeit der Behörden beiße sie sich, erzählt die Menschenrechtlerin, die Zähne aus. Selten nähmen die Beamten die Perspektive der minderjährigen Opfer ein, es fehle an Fingerspitzengefühl und auch an gutem Willen – das sei für sie „das härteste“ an ihrer Arbeit:

„Es geht immer um Autoritäten und darum, der Perspektive des Kindes zum Durchbruch zu verhelfen. Diese Menschen nehmen die Bedürfnisse des Kindes einfach nicht wahr. Sie denken, es gibt doch die Gesetzgebung, wir müssen die Familien neu integrieren, das Recht der Mutter ist es, in Kontakt mit ihrem Sohn zu sein, aber wenn man das umdreht und sagt, was ist denn mit dem Recht des Kindes, die Mutter war doch diejenige, die missbraucht hat, wo können wir das festmachen? Das macht mich so wütend, denn die Behörden bringen die Kinder zurück in die Hände derjenigen, die sie missbraucht haben, einfach um sie loszuwerden. Denn es ist ja nicht einfach, diese Kinder zu betreuen, man muss sie zur Schule schicken etc. Ihr Mut aber ist atemberaubend – sie sind dazu bereit, ihr Leben wieder auf die Reihe zu kriegen, wenn man sie nur ein kleines bisschen unterstützt. Und das kostet kein Geld – es braucht nur Seele, ein Herz.“

(rv 08.02.2017 pr)

„Wir Christen sind Frauen und Männer der Hoffnung“

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Generalaudienz, 1. Februar 2017 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Generalaudienz von Mittwoch, dem 1. Februar 2017 — Volltext

Wir dokumentieren im Folgenden in einer eigenen Übersetzung die vollständige Ansprache von Papst Franziskus bei der Generalaudienz von Mittwoch, dem 1. Februar 2017, in der Audienzhalle „Paul VI.“.

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Die christliche Hoffnung – 9. Der Helm der Hoffnung (1 Thess 5,4-11)

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

In den vergangenen Katechesen begann unser Weg zum Thema der Hoffnung durch eine neue Betrachtung einiger Teile des Alten Testamentes aus dieser Perspektive. Nun wollen wir dazu übergehen, die außergewöhnliche Tragweite zu beleuchten, die diese Tugend im Neuen Testament bei der Begegnung mit der von Jesus Christus verkörperten Neuheit und dem Osterereignis annimmt: die christliche Hoffnung. Wir Christen sind Frauen und Männer der Hoffnung.

Dies tritt bereits mit dem ersten geschriebenen Text – dem ersten Brief des hl. Paulus an die Thessalonicher –  mit großer Klarheit hervor. Aus der vernommenen Passage tritt die gesamte Frische und Schönheit der ersten christlichen Ankündigung  hervor. Die Thessalonicher sind eine junge und kürzlich gegründete Gemeinde; dennoch ist sie trotz der Schwierigkeiten und zahlreichen Prüfungen im Glauben verankert und feiert die Auferstehung des Herrn Jesus mit Begeisterung und Freude. Der Apostel freut sich somit von Herzen über alle, denn die zu Ostern Neugeborenen werden tatsächlich „Söhne des Lichts und Söhne des Tages“ (5,5) kraft der vollen Gemeinschaft mit Christus.

Zum Zeitpunkt der Entstehung Paulus‘ Brief wurde die Gemeinde von Thessalonich soeben gegründet und nur wenige Jahre trennen sie vom Ostern Christi. Aus diesem Grund versucht der Apostel, alle Wirkungen und Folgen dieses einzigartigen und entscheidenden Ereignisses – die Auferstehung des  Herrn – für die Geschichte und das Leben eines jeden Einzelnen begreiflich zu machen. Insbesondere bestand die Schwierigkeit der Gemeinde nicht so sehr in der Anerkennung der Auferstehung Jesu – alle glaubten daran -, sondern vielmehr im Glauben an die Auferstehung der Toten. Ja, Jesus ist auferstanden, doch die Schwierigkeit lag darin zu glauben, dass die Toten auferstehen. In diesem Sinne offenbart sich dieser Brief als höchst aktuell. Jedes Mal, wenn wir unserem Tod oder jenem eines lieben Menschen gegenüberstehen, spüren wir, dass unser Glaube auf den Prüfstand gebracht wird. All unsere Zweifel und unsere gesamte Schwachheit treten hervor und wir fragen uns: „Aber gibt es tatsächlich ein Leben nach dem Tod …? Werde ich die Menschen, die ich geliebt habe, noch sehen und umarmen können …?“. Diese Frage hat mir vor einigen Tagen eine Frau im Rahmen einer Audienz gestellt. Sie hat den folgenden Zweifel geäußert: „Werde ich meiner Familie begegnen?“ Im aktuellen Kontext haben es auch wir eine Rückkehr zu den Wurzeln und Fundamenten unseres Glaubens vonnöten, sodass uns bewusst wird, was Gott für uns in Jesus Christus bewirkt hat und was unser Tod bedeutet. Wir alle haben ein wenig Angst vor dieser Unsicherheit des Todes. Ich erinnere mich an einen guten alten Mann, der sagte: „Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich habe ein wenig Angst davor, ihn kommen zu sehen“. Davor hatte er Angst.

Paulus lädt uns angesichts der Furcht und der Verblüffung der Gemeinde dazu ein, „die Hoffnung des Heils“ vor allem in den Prüfungen und schwierigsten Momenten unseres Lebens wie einen Helm fest auf dem Haupt zu tragen. Sie ist ein Helm. Das ist die christliche Hoffnung. Wenn von Hoffnung die Rede ist, können wir dazu bewogen werden, sie der gewöhnlichen Bedeutung des Begriffs entsprechend zu verstehen, d.h. in Bezug auf etwas Schönes, das wir uns wünschen, das sich jedoch verwirklichen kann oder auch nicht. Wir hoffen, dass es geschieht, es ist wie ein Wunsch. Man sagt beispielsweise: „Ich hoffe, dass das Wetter morgen schön sein wird!“; wobei wir jedoch wissen, dass das Wetter am nächsten Tage auch schlecht sein kann … Die christliche Hoffnung ist anders. Die christliche Hoffnung ist die Erwartung auf etwas schon Vollendetes; dort ist die Türe und ich hoffe, dass ich bei der Türe ankomme. Was muss ich tun? Auf die Türe zugehen! Ich bin mir sicher, dass ich bei der Türe ankomme. So ist die christliche Hoffnung: die Gewissheit haben, dass ich auf etwas zugehe, das ist und von dem ich möchte, dass es ist. Das ist die christliche Hoffnung. Die christliche Hoffnung ist die Erwartung auf etwas schon Vollendetes und das sich mit Sicherheit für jeden von uns verwirklicht. Auch unsere Auferstehung und jene unserer lieben Verstorbenen ist daher nicht etwas, das geschehen kann oder auch nicht, sondern insofern eine sichere Realität, als sie im Ereignis der Auferstehung verwurzelt ist. Hoffen bedeutet daher zu lernen, im der Erwartung zu leben, in der Erwartung leben zu lernen und das Leben zu finden. Wenn eine Frau erkennt, dass sie schwanger ist lernt sie jeden Tag, in der Erwartung zu leben, dem Blick des kommenden Kindes zu begegnen. Daher müssen auch wir leben und von diesen menschlichen Erwartungen lernen und in der Erwartung leben, den Herrn zu sehen und ihm zu begegnen. Dies ist nicht einfach, doch man lernt: in der Erwartung leben. Hoffen bedeutet und impliziert ein demütiges und armes Herz. Nur ein Armer kann warten. Wer schon voll von sich selbst und seinem Besitz ist, vermag es nicht, sein Vertrauen auf einen anderen zu setzen.

Ebenso schreibt der hl. Paulus: „Er [Jesus] ist für uns gestorben, damit wir vereint mit ihm leben, ob wir nun wachen oder schlafen“ (1 Thess 5,10). Diese Wortegeben uns stets Grund für großen Trost und Frieden. Wir sind dazu berufen, auch für die geliebten Menschen, die uns verlassen haben, zu beten, damit sie in Christus und in voller Gemeinschaft mit uns leben. In besonderer Weise berührt mich ein Satz des hl. Paulus an die Gemeinde von Thessalonich. Ich werde davon mit der Sicherheit der Hoffnung erfüllt. Der Satz lautet folgendermaßen: „Dann werden wir immer beim Herrn sein“ (1 Thess 4,17). Sehr schön ist dieser Gedanke: Alles vergeht, doch nach dem Tod werden wir immer beim Herrn sein. Das ist die totale Gewissheit der Hoffnung, dieselbe, die lange Zeit früher Hiob den folgenden Ausruf tätigen ließ: „Doch ich, ich weiß: mein Erlöser lebt, […] Ihn selber werde ich dann für mich schauen; meine Augen werden ihn sehen, nicht mehr fremd“ (Hiob 19,25.27). Und so werden wir immer beim Herrn sein. Glaubt ihr daran? Ich frage euch: glaubt ihr daran? Um etwas Kraft zu bekommen lade ich euch ein, dies dreimal gemeinsam mit mir zu sagen: „So ist es. Wir werden immer beim Herrn sein“. Und dort, mit dem Herrn, werden wir uns begegnen.

[Übersetzt aus dem Italienischen von Sarah Fleissner]

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Quelle

Jona – ein Prophet im Aufbruch

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»Jona und der Wal«, Gemälde von Pieter Lastman, 1621.

Generalaudienz in der »Aula Paolo VI« am 18. Januar

 

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

In der Heiligen Schrift hebt sich unter den Propheten Israels eine etwas ungewöhnliche Gestalt ab: ein Prophet, der versucht, sich dem Ruf des Herrn zu entziehen, indem er sich weigert, sich in den Dienst des göttlichen Heilsplans zu stellen. Es handelt sich um den Propheten Jona, dessen Geschichte in einem kleinen Buch mit nur vier Kapiteln erzählt wird: eine Art Gleichnis, das eine große Lehre enthält, die Lehre der Barmherzigkeit Gottes, der vergibt.

Jona ist ein Prophet »im Aufbruch« und auch ein Prophet auf der Flucht! Er ist ein Prophet im Aufbruch, den Gott in ein »Randgebiet« sendet, nach Ninive, um die Bewohner jener großen Stadt zu bekehren. Ninive war jedoch für einen Israeliten wie Jona eine bedrohliche Realität: der Feind, der Jerusalem selbst in Gefahr brachte und daher zerstört und gewiss nicht gerettet werden sollte. Als Gott ihn also zum Predigen in jene Stadt sendet, versucht der Prophet, der die Güte des Herrn und seinen Wunsch nach Vergebung kennt, sich der Aufgabe zu entziehen, und flieht.

Flucht und Todesgefahr

Auf seiner Flucht kommt der Prophet in Kontakt mit einigen Heiden, den Seeleuten des Schiffes, auf dem er sich eingeschifft hatte, um sich von Gott und von seiner Sendung zu entfernen. Er flieht weit weg, denn Ninive lag im Gebiet des Irak, und er flieht nach Spanien, er flieht ernsthaft. Und gerade das Verhalten dieser heidnischen Männer, ebenso wie später das der Bewohner von Ninive, gestattet uns heute, etwas über die Hoffnung nachzudenken, die angesichts der Todesgefahr im Gebet zum Ausdruck kommt.

Denn auf der Überfahrt über das Meer bricht ein gewaltiger Sturm los, und Jona steigt in den Laderaum des Schiffes hinab und legt sich schlafen. Die Seeleute dagegen sehen sich verloren, und »jeder schrie zu seinem Gott um Hilfe«: Sie waren Heiden (Jona 1,5). Der Kapitän des Schiffes weckt Jona und sagt zu ihm: »Wie kannst du schlafen? Steh auf, ruf deinen Gott an; vielleicht denkt dieser Gott an uns, so dass wir nicht untergehen« (Jona 1,6).

Die Reaktion dieser »Heiden« ist die richtige Reaktion angesichts des Todes, angesichts der Gefahr: denn dann erfährt der Mensch in ganzer Fülle seine eigene Schwäche und seine Heilsbedürftigkeit. Der instinktive Schauder vor dem Tod offenbart die Notwendigkeit, auf den Gott des Lebens zu hoffen. »Vielleicht denkt dieser Gott an uns, so dass wir nicht untergehen«: Es sind Worte der Hoffnung, die zum Gebet wird, zu jenem ängstlichen Flehen, das dem Menschen angesichts einer unmittelbaren Todesgefahr über die Lippen kommt.

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Vor der Generalaudienz segnete der Papst zwei mobile Krankenstationen, die künftig in den Randgebieten Roms zur medizinischen Versorgung von Kindern und alten Menschen eingesetzt werden sollen. Die Initiative wurde vom Vikariat Rom und der römischen Kinder­klinik »Bambino Gesù« in Zusammenarbeit mit der Katholischen Universität »Sacro Cuore« ins Leben gerufen. Finanziert wird das Projekt durch Spendengelder des Peterspfennigs. Die mobilen Krankenstationen bieten medizinische Erstversorgung und Vorsorgemaßnahmen an. Vor allem benachteiligten Familien und Arbeitslosen soll geholfen werden. Im Laufe dieses Jahres werden die beiden mobilen Kranken­stationen in rund zwanzig römischen Pfarreien zum Einsatz kommen und dabei zwölf Vorsorgeinitiativen anbieten.

 

Zu leicht verschmähen wir die Anrufung Gottes in der Not, so als sei es nur ein eigennütziges und daher unvollkommenes Gebet. Aber Gott kennt unsere Schwäche, er weiß, dass wir uns an ihn erinnern, um Hilfe zu erbitten, und mit dem milden Lächeln eines Vaters gibt Gott eine gütige Antwort.

Als Jona die eigene Verantwortung erkennt und sich ins Meer werfen lässt, um seine Reisegefährten zu retten, legt sich der Sturm. Der bevorstehende Tod hat jene heidnischen Männer zum Gebet gebracht, er hat dafür gesorgt, dass der Prophet trotz allem seine Berufung im Dienst der anderen lebt und bereit ist, sich für sie zu opfern. Jetzt führt er die Überlebenden zur Erkenntnis des wahren Herrn und zum Lobpreis. Die Seeleute, die von Angst ergriffen gebetet und sich an ihre Götter gewandt hatten, erkennen jetzt mit aufrichtiger Gottesfurcht den wahren Gott, bringen Opfer dar und machen ihm Gelübde. Die Hoffnung, die sie dazu gebracht hatte zu beten, um nicht zu sterben, erweist sich als noch mächtiger und bringt eine Wirklichkeit hervor, die über das, was sie gehofft hatten, sogar hinausgeht: Sie kommen nicht nur nicht im Sturm um, sondern öffnen sich für die Erkenntnis des wahren und einzigen Herrn des Himmels und der Erde.

Gebet und Hoffnung

Später werden auch die Bewohner von Ninive angesichts der Gefahr, vernichtet zu werden, beten, getrieben von der Hoffnung auf die Vergebung Gottes. Sie werden Buße tun, werden den Herrn anrufen und sich zu ihm bekehren, begonnen beim König, der – wie der Kapitän des Schiffes – der Hoffnung die Stimme verleiht, indem er sagt: »Wer weiß, vielleicht reut es Gott wieder […] so dass wir nicht zugrunde gehen« (Jona 3,9). Auch Sie, ebenso wie die Schiffsbesatzung im Sturm, hat die Tatsache, dass sie sich dem Tod gestellt haben und heil herausgekommen sind, zur Wahrheit geführt. So kann in der göttlichen Barmherzigkeit und noch mehr im Licht des Ostergeheimnisses der Tod zu »unserem Bruder Tod« werden, wie für den heiligen Franz von Assisi, und für alle Menschen und einen jeden von uns die überraschende Gelegenheit darstellen, die Hoffnung kennenzulernen und dem Herrn zu begegnen.

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Am Ende der Generalaudienz begegnete der Papst wie immer jungen Brautpaaren aus aller Welt.

Möge der Herr uns diese Verbindung zwischen Gebet und Hoffnung verstehen lassen. Das Gebet bringt dich voran in der Hoffnung, und wenn die Dinge dunkel werden, braucht man mehr Gebet! Und es wird mehr Hoffnung da sein. Danke.

(Orig. ital. in O.R. 19.1.2017)