Pfarrer Robert Mäder: Geistige Weltherrschaft

Hört eine Geschichte. Als zu Sao Paulo in Brasilien die Tren­nung von Kirche und Staat durchgeführt wurde, mussten auch alle äußeren Zeichen der Religion aus den öffentlichen Gebäu­den verschwinden. Die Katholiken erhoben Protest und ver­langten vor allem Wiedereinführung der Kruzifixe in den Ge­richtssälen. Eine ungeheure Bewegung bildete sich im Volke. Ein Widerstand gegen die öffentliche Meinung war nicht mehr möglich.

Der Tag der Wiedereinführung kam. 20 000 Männer ström­ten an diesem Tage in Sao Paulo zusammen. Der Bürgermeister nahm das Kreuz in Empfang, reichte es vielen vornehmen Her­ren und Damen zum Kusse und trug es dann hinab auf die Straße. Beim Erscheinen des Kreuzes entblößten alle das Haupt und aus Tausenden von Kehlen entrang sich der Ruf: Es lebe Jesus, der Gekreuzigte! Eine Prozession begann. Ein Triumphzug.

Schluchzend vor Rührung knieten die Leute am Wege. Die Soldaten salutierten ehrfurchtsvoll. 12 Musikkorps spielten. Aus den Fenstern ergoss sich ein förmlicher Blumenregen auf das Bild des Gekreuzigten. Unmittelbar hinter dem Kreuz kam die Nationalfahne. Die Begeisterung erreichte ihren Höhe­punkt, als man vor dem Gerichtsgebäude anlangte, wo auf einem Balkon die geistlichen und weltlichen Würdenträger den Zug erwarteten. In feierlicher Weise wurde das Kruzifix in das Gerichtsgebäude getragen. Ungeheures Beifallrufen der Menge begleitete den Akt. Zum Schluss zog das Volk in den Saal und defilierte ehrfurchtsvoll vor dem Kruzifix.

Altes Europa, wirst du auch noch einmal Zeuge eines so er­habenen Schauspieles sein? Wirst du auch eine Jugend finden, die das Kreuz im Triumph wieder zurückführt in die Parla­mente, in die Schulen, in die Gerichte, auf die öffentlichen Plätze? Und wenn der Tag dieser Kreuzerhöhung kommt, wer­det Ihr dabei sein? Darum dreht sich der Kampf. Jetzt meint man, dass es nur um die Futtertröge und die Weideplätze gehe. Aber je höher die Sündflut anschwillt, desto klarer wird es werden, dass der politische, soziale und religiöse Weltkrieg ein Kampf ums Ganze wird, ein Kampf um Gott und Teufel.

Das Thema der jungen katholischen Aktion, an deren Wiege der zehnte Pius stand, ist die Vorbereitung der großen Welt­offensive, die zum Zweck hat, die Welt dem, dem sie gehört, zurückzuerobern aus der Hand desjenigen, der sie gestohlen hat, des Liberalismus, seines Vaters, seiner Brüder und seiner Söhne.

Darin sehe ich die Bedeutung der katholischen Tagungen. Die Katholikentage sind entweder ausgesprochen katholische Tage oder sie sind nichts. Die Katholikentage beschäftigen sich entweder mit dem ewig jungen, großen Problem der gei­stigen Welteroberung oder sie sind überflüssig, und man muss mit ihnen aufräumen im Interesse der Sparsamkeit und der öffentlichen Ehrlichkeit. Wir betrachten es als die Aufgabe der Katholikentage, allüberall Larven herunterzureißen.

Also das Thema der katholischen Versammlungen: Mitar­beit und Vorbereitung der geistigen Weltherrschaft des katho­lischen Glaubens, Proklamierung einer geistigen Weltoffensive, die zum Ziel hat, das Kreuz des Meisters wieder aufzupflanzen auf allen Rathäusern, auf allen Schulen, auf allen Fabriken.

Wir sind klein und arm geworden. Wir haben Krone, Thron und Zepter verloren. Wir regieren nicht mehr. Wir haben das katholische Selbstbewusstsein und das Gefühl der einstigen Macht eingebüßt. Wir sind die unendlich Bescheidenen. Kein feuriges Erobererblut mehr in unsern Adern. Kein Wille zur Herrschaft mehr!

Einst regierte die Kirche. Wie ein Bienenstock durch die Bienen gebaut wird, so ist nach einem Ausspruch Gibbons Europa durch die Bischöfe gebaut worden. Das durch die Kir­che christianisierte Europa war kein Paradies, kein absolutes Ideal, aber es war unter der ernsten und mütterlichen Leitung der Kirche im allgemeinen eine Domäne des Friedens und der Wohlfahrt. Die Gesellschaft, das, was man die öffentliche Luft nennen kann, war katholisch. Die Kirche war zugleich die europäische Regierung, nicht die politische Regierung der Re­gierungen — das wollen wir nicht — aber die geistige Regie­rung der Völker. Diese Zeit ist vorbei! Wir regieren nicht mehr.

Wir waren einst Meister im Schweizerhaus. Wir haben es gezimmert. Wir, die alten katholischen Schweizer. Sie waren keine Heiligen. Sie hatten auch ihre Schwächen und Fehler. Aber die Geschichte beweist, dass die Barometer der Religion und des Patriotismus und der Vaterlandsgröße in der Schwei­zergeschichte immer gleichzeitig steigen und fallen. Je katholi­scher, desto vaterländischer. Die großen Tage der Schweizer­geschichte waren alles Tage, die im Zeichen der Kirche stan­den, wo man weder von Protestantismus noch Liberalismus etwas wusste. Wir haben das Schweizerhaus gezimmert

Jetzt ist der Liberalismus und das Freimaurertum, morgen vielleicht der Sozialismus Herr im Hause, und wir wohnen als Minderberechtigte droben in der Mansarde oder drunten im Keller. Wenn wir an unsere Ausnahmegesetze, an unsere Ent­rechtung und Zurücksetzung im öffentlichen Leben denken, müssen wir sagen: Wir tragen Ketten und Fesseln an Händen und Füßen. Wir regieren nicht mehr.

Allein wir wollen gerecht sein. Wir wollen nicht nur die der­zeitigen Machthaber anklagen. Wir regieren nicht einmal dort, wo wir die Mehrheit sind. Wir reden von blühendem kirch­lichem Leben, und es sei ferne von mir, zu bestreiten, dass See­leneifer und katholische Aktion an manchen Orten Großes ge­schaffen haben. Ich konstatiere nur die allgemeine Tatsache: Wir regieren nicht mehr.

Auf welchem Gebiete regieren wir in den katholischen Ge­genden? In der Presse, die vielleicht zu 90 Prozent in den Händen des Liberalismus, des Protestantismus, des Freimaurer­tums, des Judentums, des Sozialismus, des Interkonfessionalis­mus, des Modernismus, des Materialismus, des Geschäftska­tholizismus, der Charakterlosigkeit und der Feigheit liegt?

Wo regieren, wir in den katholischen Gegenden? In der Schule, wo wir zur Wahl der Lehrer und der Lehrmittel nichts oder wenig zu sagen haben, wenn wir vom Recht, Steuern zu zahlen, absehen; in der Schule, wo wir uns von liberaler Seite den modernen geistigen bethlehemitischen Kindleinmord stumpf und gewissenlos gefallen lassen, ohne dass wir aufste­hen, Boykott und Streik erklären und sagen: Das dulden wir nicht. Und dort, wo wir regieren sollten, wo es sich um ausge­sprochen katholische Schulen handelt, wie schüchtern und zurückhaltend sind wir vielfach, wie furchtsam im Unterricht und in der Beeinflussung der Jugend!

Wo regieren wir? In der Werkstatt und Fabrik, wo so oft nicht christliche Geschäfts- und Arbeitsmoral, die Grundsätze der Gerechtigkeit, der Liebe und des gegenseitigen Vertrauens herrschen, sondern Protzentum, schrankenlose Geldgier auf der einen, Hass, Neid, klassenkämpferische revolutionäre Ge­sinnung auf der andern Seite? Im modernen Erwerbsleben, wo es so wenig katholische Arbeitgeber gibt, die nicht vom wirt­schaftlichen Liberalismus, so wenig Arbeiter, die nicht vom Sozialismus und Materialismus verseucht sind? Seien wir ehr­lich: Wir regieren nicht mehr.

Der Katholizismus existiert noch in der Einsiedelei des Pri­vatkämmerchens individueller Frömmigkeit, aber er ist nicht mehr öffentliche Macht. Von der Politik wollen wir gar nicht reden, zu einer Zeit, wo kein einziger Staat der Erde von wirk­lich katholischen Ideen geleitet wird. Das Kreuz ist fort, wo man hinschaut.

Wir regieren nicht mehr. Das ist nicht das Schlimmste. Es gibt auch Könige mit Ketten an den Füßen, Könige, an die man glaubt und vor denen man sich verbeugt, trotzdem sie ihrer Herrschaft beraubt worden sind. Das Schlimmste ist, dass wir Katholiken ohne viel Protest zuschauten, wie der Thron der Kirche, der Herrin der Völker, ins Museum wanderte und dem Katholizismus Mantel und Zepter abgenommen wurde.

Das Schlimmste ist, dass wir Katholiken selber allmählich nicht mehr an das geistige Königtum der Kirche glauben, und dass uns der Gedanke einer geistigen Weltherrschaft so fremd und unerhört geworden ist, dass wir ob solch kühner und ex­tremer Sprache erschrecken und umschauen, ob es ja niemand anders gehört habe. Das ist das Verhängnisvolle, dass wir die geistige Weltherrschaft gar nicht mehr wollen. Wir wollen nur noch mitleben, mitreden, mitregieren. Wir wollen nicht mehr erobern und wollen nicht mehr siegen.

Der Gedanke der Parität und des Proporzes ist vom politi­schen Gebiet unbewusst auch auf das religiöse übertragen wor­den. Wir sehen das Heil der Welt in der Gleichberechtigung von Wahrheit und Irrtum, Glaube und Unglaube, Gerechtig­keit und Ungerechtigkeit, Autorität und Umsturz! Katholische Kirche und Sekten, Freimaurertum und Judentum, Liberalis­mus und Sozialismus sollen die Weltkarte brüderlich teilen. Wir wollen nicht mehr den Thron, auch wenn wir die Macht dazu hätten, wir wollen ihn grundsätzlich nicht mehr! Wir wollen nur noch einen grünen Sessel!

Wir wollen nicht mehr das Ganze. Wir wollen nur noch einen Teil. Wir glauben nicht mehr an einen Weltherrschafts­beruf der katholischen Wahrheit. So sehr ist uns die biblische Wahrheit fremd geworden, dass der, der den Himmel gemacht und die Erde, dessen Privateigentum die fünf Weltteile, der die Völker des Weltalls durch den Rechtstitel der Erlösung sich ein zweites Mal zu eigen gemacht, dass er und sein Wille, sein Wort und Gesetz mit Ausschluss jedes Mitregenten zur Allein­herrschaft und Weltherrschaft berufen ist. Das ist die große Sünde des liberalen Jahrhunderts — der öffentliche Abfall vom ersten Gebot, das will, dass keine fremden Götter neben Gott sitzen.

Die Kirche ist kein Geheimbund. Ihre Papiere liegen nicht in verborgenen Archiven. Was sie will, das soll und darf die ganze Welt erfahren. Ihr Regierungsprogramm birgt keine Hinter­gedanken, kennt aber auch keine Furcht: Wir wollen das Ganze. Wir wollen den Thron. Wenn man Freimaurer ist, dann will man, dass die Phrase der Loge die ganze Welt be­herrsche. Wenn man Freimaurer ist, ist es klar, dass man das will. Man kann grundsätzlich gegen die Freimaurerei sein und in ihr das Tier des Abgrundes sehen, wie es von der geheimen Offenbarung geschildert wird. Aber wenn man einmal der Loge das Recht der Existenz einräumt, muss man folgerichtig auch einverstanden sein, dass sie überall sein will. Wenn man liberal ist, will man, dass die ganze Welt liberal sei, und wenn man Sozialist ist, will man, dass der Sozialismus von der ge­samten Menschheit angenommen, geglaubt und verwirklicht werde.

Das liegt in der Natur jeden Programms. Wenn mir etwas, sei ich wer ich will, Evangelium ist, dann will ich, dass es in der ganzen Welt verkündet werde. Es ist somit klar, dass der über­zeugte Katholik Tag und Nacht nichts anderes denkt und nichts anderes will, als dass der Thron der Kirche zum Wohl und Heil der Menschheit wieder aus dem mittelalterlichen Museum herausgeholt werde. Daran arbeiten wir. Das will die junge katholische Bewegung.

Man sage nicht, das sei leere, unausführbare Theorie. Das ist nicht leere Theorie. Das ist katholisch. Was ist der Katholizis­mus? Die Allgemeinheit! Die Weltbeherrschung! So las ich auf dem ersten Blatt der Weltliteratur. Der Geist Gottes schwebte über den Wassern, über dem brausenden, rauschen­den Chaos der Urwelt. Er gab dem Leblosen das Leben, dem Ungeordneten Zahl und Maß, Gewicht und Gesetz. Auf den geheimnisvollen Kräften und Gesetzen, welche der Heilige Geist in jenen Urzeiten in den Stoff hineinsenkte, beruht die ganze jetzige Naturwissenschaft und Technik. Sie ist ein Nach­denken und Nachprobieren dessen, was der Geist Gottes vor Jahrtausenden vorgedacht und vorgemacht hat.

Unsere Lehrbücher der Astronomie, der Optik, der Akustik, der Elektrizität, der Mechanik und der Chemie sind kleine, schwache Auszüge aus dem Buche der Schöpfung, verfasst und herausgegeben von dem, der am Anfange schwebte über den Wassern. Also das Erste, das ist der Geist. Der Geist schuf den Stoff. Der Geist belebte den Stoff. Der Geist beherrschte den Stoff. Also Weltbeherrschung durch den Geist!

Wenn der Heilige Geist an der Pfingsten herabstieg über eine neue, geistige Schöpfung, dann tat er es, um eine neue Welt zu schaffen. Gottesreich ist Weltreich. Also über die Kirchtürme hinaus! Über die Landesmarken hinaus! Über die Sprach­grenzen hinaus! Kein Winkelchristentum! Kein Landes-Chri­stentum! Kein Nationalchristentum! Gottes Reich ist Welt­reich! Gottes Gesetz ist Weltgesetz! Gottes Kirche ist Welt­kirche! Weltmachtstellung der Gebote! Weltmachtstellung der Sakramente! Das ist der Katholizismus nach Bibel und Über­lieferung: Weltbeherrschung! Geistige Weltbeherrschung!

Das ist der Gedanke, den Pius X. zum Programm wählte: Alles erneuern in Christus! Hört: Alles! Benedikt XV. griff die Idee wieder auf und rief: Die soziale Herrschaft Christi! Also, was wir wollen, ist nicht leere Theorie, sondern uraltes, bibli­sches und katholisches Programm! Wir glauben nur an einen Gott! Proporz und Parität haben im ersten Gebot keine Gel­tung. Die geistige Weltherrschaft Christi, des Sohnes Gottes, durch Petrus und seine Kirche, das Ziel aller katholischen Her­zen und aller katholischen Geister!

Ich gebe es gerne zu: Diese Theorie klingt nicht modern. Sie widerspricht dem Geiste aller Verfassungen, die zur Stunde in Kraft sind. Sie ist im schärfsten Gegensatz zur herrschenden liberalen Phrase! Sie stimmt auch im allgemeinen nicht überein mit der Praxis. Das kümmert uns wenig. Die Theorie darf sich, wenn sie einmal wahr ist, niemals nach der Praxis richten, son­dern die Praxis muss sich immer nach der Theorie richten, wie sich die Sonne niemals nach den Uhren richtet, sondern die Uhren nach der Sonne.

Wenn Uhr und Sonne nicht übereinstimmen, so ist der Feh­ler immer bei den Uhren, nie bei der Sonne! Die Uhren müs­sen korrigiert werden, die Uhren allein. Die Sonne ist die ka­tholische Wahrheit. Die Uhr ist unser Gewissen. Die mensch­liche Praxis muss also nach der göttlichen Theorie umgestaltet werden, immer, überall, in allen Dingen.

Wir wissen, wie spät es ist nach der vatikanischen Stern­warte. Wir dürfen nicht ruhen und rasten, bis alle Uhren, die Privatuhren, die Familienuhren, die Rathausuhren, die Schul­uhren, die Fabrikuhren nach der ewigen Wahrheitssonne ge­richtet sind. Unbekümmert um Erfolg oder Misserfolg! Wir arbeiten aus Pflicht und nicht aus Spekulation oder einem ge­wissen katholischen Sport.

Ich weiß, dass die geistige Weltherrschaft der katholischen Kirche nicht das Werk eines Tages ist und auch nicht das Werk der Gewalt sein darf. Ich weiß es, dass sie vor allem das Werk der göttlichen Gnade, des Gebetes und des guten Bei­spieles sein wird. Aber das weiß ich auch, dass die Erneuerung der Welt mit der Erneuerung der Geister beginnen muss. Alle diejenigen, welche mit allen möglichen Reformvorschlägen, mit menschlicher Klugheit und menschlicher Tatkraft allein glauben die Welt retten zu können, irren sich und fallen von Täuschung zu Täuschung, von Misserfolg zu Misserfolg, bis zur vollendeten Verzweiflung.

Die Welt wird heute wie vor 1900 Jahren nur auf einem Wege gerettet: Man muss die volle ungeschmälerte katholische Wahrheit nehmen und unter die Geister werfen, schriftlich und mündlich, theoretisch und praktisch, bis alles durchsäuert ist. Zuerst müssen wir katholisch glauben, dann erst werden wir katholisch handeln. Zuerst müssen wir den Mut haben, den neunten Glaubensartikel von der heiligen, katholischen, alleinseligmachenden Kirche durchzudenken bis zu den letzten Fol­gerungen und Forderungen, religiös, öffentlich, politisch, so­zial.

Aber die Wahrheit bedarf nicht nur der Köpfe, die sie den­ken. Sie bedarf auch der Zungen, die sie aussprechen. Wir müssen, nachdem wir einmal in allen Fasern davon durchdrun­gen sind, von unserer herrlichen katholischen Sache überall und zu allen Zeiten, wo zwei oder drei von uns zusammenkom­men, davon reden. Sie muss die leitende Idee unserer Gesprä­che werden. So werden wir einander Mut machen, und es wird ein Gefühl heiliger Unbesiegbarkeit und froher Siegeszuver­sicht unsere Arbeit stählen, die darin besteht, das Zeichen der Erlösung auf den Zinnen der Zukunft aufzupflanzen. Das ist der Sinn der jungen katholischen Bewegung, des neuen Kreuz­zuges.

Im Vertrauen auf Gott wollen wir es uns noch einmal in den Kopf setzen: Die Sache unserer Kirche, welche die Sache der Menschheit ist, muss siegen. Vor Jahren erliess in Frankreich der Verein der katholischen Jugend eine Einladung an alle seine Mitglieder, in ganz Frankreich die Kreuzbilder an den Wegen wieder anzubringen. Der Aufruf hatte einen großarti­gen Erfolg. Das war katholische Arbeit! Das war das Wahr­zeichen katholischer Wiedergeburt.

Katholische Jugend! Die katholische Wahrheit bedarf, nach­dem sie Köpfe gefunden hat, die sie durchdenken, und Zun­gen, die sie verkünden, auch der Hände, die sie in die Tat um­setzen. Diese Köpfe, diese Zungen und diese Hände sollen die Eurigen sein. Eure Parole sei die des groß–en Pius X.: Unsere Politik das Kreuz!

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Quelle: Robert Mäder – DIE GANZEN – Ein Appell an die Jugend – Ein Appell an die Männer
(Die Artikel stammen aus den Jahen 1919 und 1921)

Papst Franziskus: Apostolische Konstitution „Veritatis gaudium“ über die kirchlichen Universitäten und Fakultäten

Einleitung

1. Die Freude der Wahrheit (Veritatis gaudium) verleiht dem brennenden Wunsch Ausdruck, der das Herz jedes Menschen unruhig macht, solange er nicht dem Licht Gottes begegnet ist, in ihm wohnt und es mit allen teilt[1]. Die Wahrheit ist nämlich keine abstrakte Idee, sondern sie ist Jesus, das Wort Gottes, in dem das Leben, das Licht der Menschen, ist (vgl.Joh 1,4); er ist der Sohn Gottes, der zugleich der Sohn des Menschen ist. Nur er »macht in der Offenbarung des Geheimnisses des Vaters und seiner Liebe dem Menschen den Menschen selbst voll kund und erschließt ihm seine höchste Berufung«[2].

In der Begegnung mit ihm, dem Lebendigen (vgl. Offb 1,18) und Erstgeborenen unter vielen Brüdern (vgl. Röm 8,29), erprobt das Herz des Menschen schon jetzt, im Auf und Ab der Geschichte, das unvergängliche Licht und Fest der Vereinigung mit Gott wie auch der Einheit mit den Brüdern und Schwestern im gemeinsamen Haus der Schöpfung, dessen es sich ohne Ende in der Fülle der Gemeinschaft mit Gott erfreuen wird. Im Gebet Jesu an den Vater – »Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein « (Joh 17,21) – ist das Geheimnis der Freude enthalten, die Jesus uns in Fülle mitteilen will (vgl. Joh 15,11) vom Vater durch die Gabe des Heiligen Geistes: Geist der Wahrheit und der Liebe, der Freiheit, der Gerechtigkeit und der Einheit.

Die Kirche wird von Jesus dazu angetrieben, eben diese Freude in ihrer Sendung ohne Unterlass und mit immer neuer Leidenschaft zu bezeugen und zu verkünden. Das Volk Gottes ist auf den Pfaden der Zeit pilgernd unterwegs, in ehrlichem und solidarische Umgang mit den Männern und Frauen aller Völker und aller Kulturen, um mit dem Licht des Evangeliums den Weg der Menschheit auf eine neue Kultur der Liebe hin zu erhellen. Die evangelisierende Sendung der Kirche geht aus ihrer eigenen Identität hervor, die ganz darauf angelegt ist, das authentische und ganzheitliche Wachstum der menschlichen Familie bis zu ihrer endgültigen Erfüllung in Gott zu fördern. Mit dieser Sendung eng verbunden ist das breite und vielgestaltige Programm der kirchlichen Studien, die durch die Jahrhunderte hindurch aus der Weisheit des Volkes Gottes unter der Leitung des Heiligen Geistes und im Dialog und in der Unterscheidung der Zeichen der Zeit wie auch der verschiedenen kulturellen Umstände erblüht sind.

Es verwundert also nicht, dass das Zweite Vatikanische Konzil, das kraftvoll und prophetisch die Erneuerung des Lebens der Kirche förderte, im Hinblick auf eine wirksamere Mission in dieser geschichtlichen Epoche mit dem Dekret Optatam totius eine treue und schöpferische Revision der kirchlichen Studien empfohlen hat (vgl. Nrn. 13-22). Nach genauem Studium und kluger Erprobung hat dieses Vorhaben in der Apostolischen Konstitution Sapientia christiana, die vom heiligen Johannes Paul II. am 15. April 1979 erlassen wurde, Ausdruck gefunden. Dank ihrer ist der Einsatz der Kirche zugunsten der »kirchlichen Fakultäten und Universitäten […], die sich insbesondere mit der christlichen Offenbarung befassen und mit solchen Fragestellungen, die mit dieser verbunden sind und deshalb im engeren Sinne zum eigentlichen Verkündigungsauftrag der Kirche gehören«, weiter gefördert und vollendet worden. Dies gilt in gleicher Weise für jene anderen Fächer, »die zwar keine direkte Verbindung mit der christlichen Offenbarung haben, aber doch eine gute Hilfestellung bei der Aufgabe der Verkündigung geben können«[3].

In Treue zum Geist und den Leitlinien des Zweiten Vatikanischen Konzils und als seine angemessene Aktualisierung ist nach fast vierzig Jahren heute ein aggiornamento jener Apostolischen Konstitution dringend notwendig. Auch wenn sie in ihrer prophetischen Vision und mit ihrem klaren Gedankengang ihre Gültigkeit völlig beibehält, muss sie doch durch die zwischenzeitlich erlassenen normativen Bestimmungen ergänzt werden. Zugleich ist hier der Entwicklung der letzten Jahrzehnte im Bereich der akademischen Studien Rechnung zu tragen, ebenso dem weltweit gewandelten soziokulturellen Kontext wie auch den Empfehlungen auf internationaler Ebene hinsichtlich der Ausführung der verschiedenen Initiativen, denen der Heilige Stuhl beigetreten ist.

Die Gelegenheit ist günstig, um mit überlegter und prophetischer Entschlossenheit eine Neubelebung der kirchlichen Studien auf allen Ebenen zu fördern, und zwar im Zusammenhang mit der neuen Phase der Sendung der Kirche, die durch das Zeugnis der Freude gekennzeichnet ist, die aus der Begegnung mit Jesus und der Verkündigung seines Evangeliums erwächst, wie ich es dem ganzen Volk Gottes im Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium programmatisch ausgeführt habe.

2. Die Apostolische Konstitution Sapientia christiana stellte in jeder Hinsicht die reife Frucht des großen Reformwerks der kirchlichen Studien dar, das durch das Zweite Vatikanische Konzil in Gang gesetzt wurde. Insbesondere nimmt sie die Ergebnisse auf, die in diesem entscheidenden Bereich der Sendung der Kirche unter der weisen und umsichtigen Leitung des seligen Paul VI. erreicht wurden. Zugleich gibt sie einen Ausblick auf den Beitrag, der dann in Kontinuität dazu vom Lehramt des heiligen Johannes Paul II. geleistet wurde.

Wie ich schon bei anderer Gelegenheit hervorheben konnte, war »einer der wichtigsten Beiträge des Zweiten Vatikanischen Konzils […] das Bestreben, diese Trennung zwischen Theologie und Pastoral, zwischen Glauben und Leben zu überwinden. Ich wage zu sagen, dass es die Grundordnung der Theologie – das Handeln und Denken aus dem Glauben heraus – gewissermaßen revolutioniert hat«[4]. Eben in diesem Licht lädt das Dekret Optatam totius die kirchlichen Studien mit Nachdruck ein, »harmonisch darauf hinzustreben, den Alumnen immer tiefer das Mysterium Christi zu erschließen, das die ganze Geschichte der Menschheit durchzieht [und] sich ständig der Kirche mitteilt«[5]. Um dieses Ziel zu erreichen, fordert das Konzilsdekret dazu auf, die Betrachtung und das Studium der Heiligen Schrift, der »Seele der ganzen Theologie«[6], mit der beständigen und bewussten Teilnahme an der heiligen Liturgie, der »erste[n] und notwendige[n] Quelle des wahrhaft christlichen Geistes«[7], sowie mit dem systematischen Studium der lebendigen Tradition der Kirche im Dialog mit den Menschen der heutigen Zeit, im genauen Hinhören auf ihre Probleme, ihre Verletzungen und ihre Erfordernisse[8] zu verbinden. Auf diese Weise – so unterstreicht Optatam totius – soll »die pastorale Sorge […] die gesamte Erziehung der Alumnen durchdringen«[9], um sie daran zu gewöhnen, »über die Grenzen der eigenen Diözese, der Nation oder des Ritus zu blicken und für die Bedürfnisse der ganzen Kirche einzustehen […], stets bereit, das Evangelium überall zu verkünden«[10].

Meilensteine auf dem Weg, der von diesen Leitlinien des Zweiten Vatikanischen Konzils bis zu Sapientia christiana führt, sind besonders das Apostolische Schreiben Evangelii nuntiandi und die Enzyklika Populorum progressio von Paul VI. und – nur ein Monat vor der Promulgation der Apostolischen Konstitution – die Enzyklika Redemptor hominis von Johannes Paul II. Die prophetische Eingebung des Apostolischen Schreibens Pauls VI. über die Evangelisierung in der Welt von heute hallt kraftvoll in der Einleitung von Sapientia christiana nach, und zwar dort, wo gesagt wird: »Der besondere Verkündigungsauftrag der Kirche fordert nicht nur, dass das Evangelium in immer größeren geographischen Räumen und für wachsende Zahlen von Menschen gepredigt wird, sondern auch, dass die Kraft dieser Frohbotschaft die Denkweisen, die Maßstäbe des Urteils und die Handlungsnormen prägt; kurz gesagt, die gesamte Kultur des Menschen soll vom Evangelium durchdrungen werden«[11]. Johannes Paul II. hat seinerseits, besonders in der Enzyklika Fides et ratio, für den Bereich des Dialogs zwischen Philosophie und Theologie die Überzeugung bekräftigt und untermauert, welche die Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils anregte, dass nämlich »der Mensch imstande ist, zu einer einheitlichen und organischen Wissensschau zu gelangen. Das ist eine der Aufgaben, deren sich das christliche Denken im Laufe des nächsten Jahrtausends christlicher Zeitrechnung wird annehmen müssen«[12].

Auch die Enzyklika Populorum progressio hat bei der Neustrukturierung der kirchlichen Studien im Lichte des Zweiten Vatikanums eine entscheidende Rolle gespielt. Gemeinsam mit Evangelii nuntiandi hat sie, wie es aus der Entwicklung der verschiedenen Ortskirchen ersichtlich ist, bedeutsame Impulse und konkrete Anleitungen für die Inkulturation des Evangeliums und für die Evangelisierung der Kulturen in den verschiedenen Regionen der Welt in Bezug auf die Herausforderungen der Gegenwart gegeben. Diese Sozialenzyklika Pauls VI. unterstreicht nämlich wirkungsvoll, dass die Entwicklung der Völker – als unabdingbarer Schlüssel zur weltweiten Verwirklichung von Gerechtigkeit und Frieden – »umfassend sein [muss], sie […] jeden Menschen und den ganzen Menschen im Auge haben«[13] muss. Zugleich macht sie darauf aufmerksam, dass »weise Menschen mit tiefen Gedanken, die nach einem neuen Humanismus Ausschau halten, der den Menschen von heute sich selbst finden lässt«[14], vonnöten sind. Populorum progressio deutet also mit prophetischer Vision die Soziale Frage als anthropologisches Problem, welches das Schicksal der gesamten Menschheitsfamilie berührt.

Dieser entscheidende Verständnisschlüssel hat die weiteren Dokumente zur Soziallehre der Kirche inspiriert: von Laborem exercens über Sollecitudo rei socialis und Centesimus annus von Johannes Paul II., Caritas in veritate von Papst Benedikt XVI. bis zu Laudato siʼ. Papst Benedikt XVI. griff die Anregung von Populorum progressio im Hinblick auf einen neuen Frühling des Denkens auf und wies auf die dringende Notwendigkeit hin, »die Globalisierung der Menschheit im Sinne von Beziehung, Gemeinschaft und Teilhabe zu leben und auszurichten«[15]. Er unterstrich dabei, dass Gott die Menschheit in jenes unaussprechliche Geheimnis von Gemeinschaft aufnehmen will, welche die Allerheiligste Dreifaltigkeit ist, während die Kirche in Jesus Christus Zeichen und Werkzeug dieser Gemeinschaft ist[16]. Um dieses Ziel realistisch zu erreichen, lädt er dazu ein, »die Vernunft auszuweiten und sie fähig zu machen, diese eindrucksvollen neuen Dynamiken zu erkennen und auszurichten«, die die Menschheitsfamilie bedrängen, »indem man sie im Sinn jener Kultur der Liebe beseelt, deren Samen Gott in jedes Volk und in jede Kultur gelegt hat«[17]. Zugleich soll man sich darum bemühen, »die verschiedenen Ebenen des menschlichen Wissens« – die theologische und die philosophische sowie die soziale und die wissenschaftliche Ebene – »interagieren zu lassen«[18].

3. Dieses reiche Erbe an Vertiefungen und Orientierungen wurde dank des beharrlichen Bemühens um eine kulturelle und soziale Vermittlung des Evangeliums durch das Volk Gottes in verschiedenen Kontinenten und im Dialog mit den verschiedenen Kulturen sozusagen „auf dem Feld“ geprüft und vermehrt. So ist nun die Zeit gekommen, dass es in die weise und mutige Erneuerung der kirchlichen Studien einmündet, wie sie die missionarische Neuausrichtung einer Kirche „im Aufbruch“ erfordert.

In der Tat steht heute als vordringlichste Aufgabe auf der Tagesordnung, dass das ganze Volk Gottes sich darauf vorbereitet, „mit Geist“[19] eine neue Etappe der Evangelisierung zu beschreiten. Dies verlangt »einen entschiedenen Prozess der Unterscheidung, der Läuterung und der Reform«[20]. In einem solchen Prozess spielt eine angemessene Erneuerung des kirchlichen Studiensystems eine strategische Rolle. Die kirchlichen Studien sind nämlich nicht nur dazu da, Orte und Programme qualifizierter Ausbildung für Priester, Personen des geweihten Lebens oder engagierte Laien anzubieten, sondern sie bilden eine Art günstiges kulturelles Laboratorium, in dem die Kirche jene performative Interpretation der Wirklichkeit ausübt, die dem Christusereignis entspringt und sich aus den Gaben der Weisheit und der Wissenschaft speist, durch die der Heilige Geist in verschiedener Weise das ganze Volk Gottes bereichert: vom sensus fidei fidelium zum Lehramt der Hirten, vom Charisma der Propheten zu dem der Lehrer und der Theologen.

Und das ist für eine Kirche „im Aufbruch“ ein unverzichtbarer Wert! Das gilt umso mehr heute, da wir nicht nur eine Zeit des Wandels, sondern einen regelrechten Zeitenwandel[21] erleben, der von einer umfassenden anthropologischen[22] und sozio-ökologischen Krise[23] gekennzeichnet ist, in der wir jeden Tag mehr »Symptome eines Bruchs […] bemerken, aufgrund der großen Geschwindigkeit der Veränderungen und der Verschlechterung. Diese zeigen sich sowohl in regionalen Naturkatastrophen als auch in Gesellschafts- oder sogar Finanzkrisen«[24]. Es geht schließlich darum, »das Modell globaler Entwicklung in eine [andere] Richtung [zu] lenken« und den »Fortschritt neu zu definieren«[25]: »Das Problem ist, dass wir noch nicht über die Kultur verfügen, die es braucht, um dieser Krise entgegenzutreten. Es ist notwendig, leaderships zu bilden, die Wege aufzeigen«[26].

Diese beachtliche und unaufschiebbare Aufgabe verlangt auf der kulturellen Ebene akademischer Bildung und wissenschaftlicher Forschung die großherzige und gemeinsame Anstrengung hinsichtlich eines radikalen Paradigmenwechsels, ja mehr noch – ich erlaube mir zu sagen – hinsichtlich einer »mutigen kulturellen Revolution«[27]. Hierbei ist das weltweite Netz kirchlicher Universitäten und Fakultäten berufen, als entscheidenden Beitrag den Sauerteig, das Salz und das Licht des Evangeliums Jesu Christi und der lebendigen Tradition der Kirche – immer offen für neue Situationen und Vorschläge – einzubringen.

Es wird heute immer deutlicher sichtbar, dass es »einer wahren Hermeneutik im Einklang mit dem Evangelium [bedarf], um das Leben, die Welt, die Menschen besser zu verstehen. Keine Synthese ist nötig, sondern eine geistige Atmosphäre der Suche und der Gewissheit, gegründet auf die Wahrheiten der Vernunft und des Glaubens. Philosophie und Theologie erlauben es, Überzeugungen zu erwerben, die die Intelligenz strukturieren und stärken sowie den Willen erhellen … aber all dies ist nur fruchtbar, wenn man es mit einem offenen Geist und auf Knien tut. Der Theologe, der sich an seinem vollständigen und abgeschlossenen Denken ergötzt, ist mittelmäßig. Der gute Theologe und Philosoph hat ein offenes Denken, das heißt es ist nicht abgeschlossen, immer offen für das „maius“ Gottes und der Wahrheit, immer in Entwicklung begriffen, jenem Gesetz entsprechend, das der heilige Vinzenz von Lérins folgendermaßen beschreibt: „annis consolidetur, dilatetur tempore, sublimetur aetate“ (Commonitorium primum, 23: PL50,668).«[28]

4. Vor diesem weiten und neuen Horizont, der sich vor uns auftut, stellt sich die Frage: Welche sind die Grundkriterien im Hinblick auf eine Erneuerung und Wiederbelebung des Beitrags der kirchlichen Studien für eine missionarische Kirche im Aufbruch? Mindestens vier solcher Kriterien können hier genannt werden, die sich aus der Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils und aus der Erfahrung der Kirche ergeben, die in diesen Jahrzehnten in ihrer Schule, im Hören auf den Heiligen Geist und auf die grundlegendsten Bedürfnisse und akutesten Fragen der Menschheitsfamilie, gereift ist.

a)Das erste und beständigste Kriterium ist das der Kontemplation und der geistlichen, intellektuellen und existentiellen Einführung ins Herz desKerygma, also der immer neuen und faszinierenden Frohbotschaft des Evangeliums Jesu [29], »das immer mehr und besser« im Leben der Kirche und der Menschheit »assimiliert wird«[30]. Dies ist das Heilsgeheimnis, dessen Zeichen und Werkzeug die Kirche in Christus mitten unter den Menschen ist[31]: »ein Geheimnis, das in der Heiligsten Dreifaltigkeit verwurzelt ist, dessen historisch konkrete Gestalt aber ein pilgerndes und evangelisierendes Volk ist, dass immer jeden, wenn auch notwendigen institutionellen Ausdruck übersteigt« und sein »letztes Fundament in der freien und umgeschuldeten Initiative Gottes hat«[32].

Aus dieser lebenswichtigen und freudigen Ausrichtung auf das in Jesus Christus geoffenbarte Antlitz Gottes des Vaters, der reich an Erbarmen ist (vgl. Eph 2,4),[33] ergibt sich die befreiende und verantwortliche Erfahrung, als Kirche eine »Mystik des Wir«[34] zu leben, die zum Sauerteig jener universalen Brüderlichkeit wird, »die die heilige Größe des Nächsten zu sehen weiß; die in jedem Menschen Gott zu entdecken weiß; die die Lästigkeiten des Zusammenlebens zu ertragen weiß, indem sie sich an die Liebe Gottes klammert; die das Herz für die göttliche Liebe zu öffnen versteht, um das Glück der anderen zu suchen, wie es ihr guter himmlischer Vater sucht«[35]. Von daher kommt der Imperativ, im Herzen auf den Schrei der Armen und der Erde zu hören[36] und ihn im Geiste nachklingen zu lassen, um der »sozialen Dimension des Evangelisierens«[37] als integralem Bestandteil der Sendung der Kirche konkrete Gestalt zu verleihen: denn »Gott erlöst in Christus nicht nur die einzelne Person, sondern auch die sozialen Beziehungen der Menschen untereinander«[38]. Es ist nämlich wahr: »Die eigene Schönheit des Evangeliums kann von uns nicht immer angemessen zum Ausdruck gebracht werden, doch es gibt ein Zeichen, dass niemals fehlen darf: die Option für die Letzten, für die, welche die Gesellschaft aussondert und wegwirft«[39]. Diese Option muss die Darstellung und die Vertiefung der christlichen Wahrheit durchdringen.

Von dort ergibt sich im Rahmen der Ausbildung zu einer christlich inspirierten Kultur der besondere Akzent, in der ganzen Schöpfung die trinitarische Prägung zu entdecken, die den Kosmos, in dem wir leben, zu einem »Gewebe von Beziehungen« macht: »Jedes Lebewesen« hat darin »die Eigenschaft, auf etwas anderes zuzustreben«, und so wird das Heranreifen einer »Spiritualität der globalen Solidarität« begünstigt, »die aus dem Geheimnis der Dreifaltigkeit entspringt«[40].

b)Ein zweites Leitkriterium, das aufs engste mit dem ersten zusammenhängt und aus ihm folgt, ist das des Dialogs auf allen Gebieten: nicht als rein taktische Vorgehensweise, sondern aus dem inneren Bedürfnis heraus, gemeinsam die Erfahrung der Freude der Wahrheit zu machen und ihre Bedeutung sowie die praktischen Auswirkungen gründlich zu untersuchen. Das, was das Evangelium und die Lehre der Kirche heute fördern sollen – und zwar in großzügiger und offener Synergie mit allen positiven Instanzen, die das Wachstum eines universalen menschlichen Bewusstseins nähren –, ist eine wahre Kultur der Begegnung[41], ja eine Kultur der Begegnung zwischen allen echten und vitalen Kulturen dank einem gegenseitigen Austausch der je eigenen Gaben in jenem lichtvollen Raum, den die Liebe Gottes allen seinen Geschöpfen eröffnet.

Wie Papst Benedikt XVI. betont hat, ist »die Wahrheit […] „lógos“, der „diá-logos“ schafft und damit Austausch und Gemeinschaft bewirkt«[42]. In diesem Lichte lädt Sapientia christiana unter Berufung auf Gaudium et spes dazu ein, den Dialog mit den Christen der anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften und mit jenen, die anderen Religionen oder humanistischen Überzeugungen angehören, zu fördern und gemeinsam »mit den Fachleuten der anderen Disziplinen in Verbindung [zu] bleiben, mit Gläubigen wie mit Nichtgläubigen, und deren Thesen zu verstehen, sie zu werten und im Licht der geoffenbarten Wahrheit zu beurteilen [zu] suchen«[43].

Daraus ergibt sich die günstige und unmittelbare Gelegenheit, in dieser Perspektive und in diesem Geist den Aufbau und die methodische Dynamik der vom kirchlichen Studiensystem vorgeschlagenen Lehrpläne im Hinblick auf ihre theologische Fragestellung, auf ihre Leitprinzipien und ihre unterschiedlichen Ebenen der fachlichen, pädagogischen und didaktischen Gliederung neu zu prüfen. Diese Gelegenheit konkretisiert sich in einer anspruchsvollen, aber äußerst fruchtbaren Aufgabe: Zielsetzung und Gliederung der Disziplinen und der in kirchlichen Studien erteilten Lehren in dieser spezifischen Logik und Intention überdenken und aktualisieren. In der Tat ist heute »eine Evangelisierung nötig, welche die neuen Formen, mit Gott, mit den anderen und mit der Umgebung in Beziehung zu treten, erleuchte und die grundlegenden Werte wachruft. Es ist notwendig, dorthin zu gelangen, wo die neuen Geschichten und Paradigmen entstehen«[44].

c)Daraus folgt das dritte Grundkriterium, das ich in Erinnerung rufen will: eine im Licht der Offenbarung mit Weisheit und Kreativität ausgeübte Inter- und Transdisziplinarität. Die Einheit des Wissens in aller Differenzierung und unter Achtung der vielfältigen, miteinander verbundenen und sich überschneidenden Ausdrucksformen ist das Lebens- und Vernunftprinzip, welches das akademische Bildungs- und Forschungsangebot des kirchlichen Studiensystems sowohl inhaltlich als auch methodisch auszeichnet.

Durch die verschiedenen Zweige der kirchlichen Studiengänge soll eine Pluralität an Wissensgebieten angeboten werden, die dem vielfältigen Reichtum der Wirklichkeit entsprechen, so wie sie vom Offenbarungsgeschehen erhellt wird. Dabei muss gleichzeitig auf harmonische und dynamische Weise die Einheit seines transzendenten Ursprungs erfasst werden, der sich in seiner historischen und metahistorischen Intentionalität eschatologisch in Jesus Christus entfaltet: »In ihm – sagt Paulus – sind alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen« (Kol 2,3). Dieses theologische, anthropologische, existenzielle und epistemologische Prinzip ist von zentraler Bedeutung und muss seine Wirkkraft sowohl innerhalb des kirchlichen Studiensystems zeigen, dem es Einheit zusammen mit Anpassungsfähigkeit, organische Gliederung zusammen mit Dynamik ermöglicht, als auch im Zusammenhang mit dem heute bruchstückhaften und nicht selten zersplitterten Panorama der Universitätsstudien und mit einem unsicheren, konfliktreichen oder relativistischen Pluralismus der Meinungen und kulturellen Angebote.

Schon Benedikt XVI. hat in Caritas in veritate in Vertiefung der kulturellen Botschaft Pauls VI. in Popolorum progressio betont: »dass es an Weisheit, an Reflexion, an einem Denken fehlt, das imstande ist, eine richtungsweisende Synthese aufzustellen«[45]. Genau hierum geht es bei der mission der kirchlichen Studiengänge. Diese präzise und Orientierung gebende Leitlinie macht nicht nur die innere Wahrheitsbezogenheit des kirchlichen Studiensystems deutlich, sondern unterstreicht auch, gerade heute, seine tatsächliche kulturelle und humanisierende Bedeutung. Deshalb ist die gegenwärtige Wiederentdeckung der Interdisziplinarität ohne weiteres positiv und vielversprechend[46]: nicht so sehr in der „schwachen“ Form einer einfachen Multidisziplinarität im Sinne eines Ansatzes, der einen Forschungsgegenstand zur besseren Erfassung unter verschiedenen Gesichtspunkten untersucht, sondern vielmehr in der „starken“ Form der Transdisziplinarität, bei der alles Wissen in den Raum des „Lichts und Lebens“, den die von der Offenbarung herkommende Weisheit bietet, gestellt wird und von diesem durchdrungen wird.

Wer im Rahmen von Einrichtungen des kirchlichen Studiensystems ausgebildet wurde, weiß darum – so erhoffte es der selige John Henry Newman –, »wo er und seine Wissenschaft ihren Platz haben; er ist sozusagen von einer Höhe zu ihr herabgekommen, er hat einen Überblick über alles Wissen gewonnen«[47]. Auch der selige Antonio Rosmini forderte schon im 19. Jahrhundert eine entschiedene Reform des christlichen Erziehungswesens durch eine Rückkehr zu den vier Säulen, die es in den ersten Jahrhunderten des christlichen Zeitalters sicher stützten: »Die Einheit des Wissens, die Vermittlung von Heiligkeit, das gemeinsame Leben, die wechselseitige Liebe«. Das Wesentliche ist ihm zufolge, der Wissenschaft die Einheit im Inhalt, in der Sichtweise und im Ziel wiederzugeben. Das geschieht vom Wort Gottes und seiner Vollendung in Jesus Christus, dem fleischgewordenen Logos, aus. Wenn diese lebendige Mitte fehlt, besitzt die Wissenschaft »weder Wurzeln noch Einheit« und bleibt nur »an das jugendliche Gedächtnis angeheftet und sozusagen angehängt«. Nur so kann die »unheilvolle Trennung von Theorie und Praxis« überwunden werden, denn die Einheit von Wissen und Heiligkeit ist »genau die wahre Eigenschaft der Lehre, welche die Welt retten wird« und deren »Vermittlung [in der früheren Zeit] sich nicht auf eine kurze tägliche Unterrichtsstunde beschränkte, sondern in einem ständigen Austausch der Schüler mit den Lehrern bestand«[48].

d)Ein viertes und letztes Kriterium betrifft die Notwendigkeit, ein „Netzwerk“ zwischen all den verschiedenen Einrichtungen zu bilden, die auf der ganzen Welt die kirchlichen Studien pflegen und fördern. Dabei sollen auch die geeigneten Synergien mit den akademischen Einrichtungen der verschiedenen Länder und den Studienzentren verschiedener kultureller und religiöser Traditionen entschieden gefördert werden. Gleichzeitig sollen Forschungseinrichtungen ins Leben gerufen werden, die sich auf das Studium der epochalen Probleme, welche die Menschheit heute bedrücken, spezialisieren und geeignete, realistische Lösungsvorschläge machen.

Wie ich in Laudato si’ betont habe, hat sich »seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts und nach Überwindung vieler Schwierigkeiten […] allmählich die Tendenz durchgesetzt, den Planeten als Heimat zu begreifen und die Menschheit als ein Volk, das ein gemeinsames Haus bewohnt«[49]. Das Bewusstsein dieser Interdependenz »verpflichtet uns, an eine einzige Welt, an einen gemeinsamen Plan zu denken«[50]. Hier soll gerade die Kirche im überzeugten und prophetischen Einklang mit der vom Zweiten Vatikanum geförderten Hinwendung zu einer erneuerten Präsenz und Sendung in der Geschichte erfahren, dass die Katholizität, welche sie als Sauerteig der Einheit in Vielfalt und der Gemeinschaft in Freiheit kennzeichnet, »diese Spannungspolarität zwischen dem Teil und dem Ganzen, zwischen dem Einen und dem Vielen, zwischen dem Einfachen und dem Komplexen« benötigt und fördert. »Diese Spannung aufzuheben widerspricht dem Leben des Geistes«[51]. Es muss daher eine Erkenntnisweise und eine Wirklichkeitsdeutung im »Geist Christi« (vgl. 1 Kor 2,17) zur Anwendung kommen, dessen Vorbild und Lösungsmodell nicht »die Kugel [ist], die den Teilen nicht übergeordnet ist, wo jeder Punkt gleich weit vom Zentrum entfernt ist und es keine Unterschiede zwischen dem einen und dem anderen Punkt gibt«, sondern »das Polyeder, welches das Zusammentreffen aller Teile wiedergibt, die in ihm ihre Eigenart bewahren«[52].

Tatsächlich »verfügt das Christentum, wie wir in der Geschichte der Kirche sehen können, nicht über ein einziges kulturelles Modell, sondern „es bewahrt voll seine eigene Identität in totaler Treue zur Verkündigung des Evangeliums und zur Tradition der Kirche und trägt auch das Angesicht der vielen Kulturen und Völker, in die es hineingegeben und verwurzelt wird“[53]. In den verschiedenen Völkern, die die Gabe Gottes entsprechend ihrer eigenen Kultur erfahren, drückt die Kirche ihre authentische Katholizität aus und zeigt die „Schönheit dieses vielseitigen Gesichtes“[54]. In den christlichen Ausdrucksformen eines evangelisierten Volkes verschönert der Heilige Geist die Kirche, indem er ihr neue Aspekte der Offenbarung zeigt und ihr ein neues Gesicht schenkt«[55].

Es ist offensichtlich, dass eine solche Sichtweise die Theologie wie auch – je nach ihren Fachkompetenzen – die weiteren Disziplinen der kirchlichen Studiengänge vor eine anspruchsvolle Aufgabe stellt. Mit einem schönen Bild hat Benedikt XVI. in Bezug auf die kirchliche Tradition unterstrichen, dass »die Tradition nicht die Weitergabe von Dingen oder Worten, keine Ansammlung toter Dinge ist. Die Tradition ist der lebendige Fluss, der uns mit den Ursprüngen verbindet, der lebendige Fluss, in dem die Ursprünge stets gegenwärtig sind«[56]. »Dieser Fluss bewässert unterschiedliche Länder, speist unterschiedliche geographische Zonen und lässt das Beste jenes Landes, das Beste jener Kultur aufkeimen. Auf diese Weise nimmt das Evangelium auch weiterhin in allen Teilen der Erde Gestalt an, auf immer neue Weise«[57]. Die Theologie muss zweifelsohne in der Heiligen Schrift und der lebendigen Tradition verwurzelt und auf sie gegründet sein. Genau deshalb muss sie aber gleichzeitig die kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungen begleiten, besonders die schwierigen Übergänge. Gerade »in dieser Zeit muss die Theologie sich auch der Konflikte annehmen: nicht nur jener, die wir innerhalb der Kirche erleben, sondern auch jener, die die ganze Welt betreffen«[58]. Wir müssen bereit sein »den Konflikt zu erleiden, ihn zu lösen und ihn zum Ausgangspunkt eines neuen Prozesses zu machen«, in einer Weise, die erlaubt, »Geschichte in einem lebendigen Umfeld zu schreiben, wo die Konflikte, die Spannungen und die Gegensätze zu einer vielgestaltigen Einheit führen können, die neues Leben hervorbringt. Es geht nicht darum, für einen Synkretismus einzutreten, und auch nicht darum, den einen im anderen zu absorbieren, sondern es geht um eine Lösung auf einer höheren Ebene, welche die wertvollen innewohnenden Möglichkeiten und die Polaritäten im Streit beibehält«[59].

5. Bei der Neubelebung der kirchlichen Studien ist es dringend notwendig, der wissenschaftlichen Forschung an unseren kirchlichen Universitäten und Fakultäten einen neuen Impuls zu geben. Die Apostolische Konstitution Sapientia christiana führte die Forschung als eine »grundlegende Aufgabe« in beständigem »Kontakt mit der Wirklichkeit« ein, die »Lehre den Menschen dieser Zeit weiterzugeben, die ja ganz verschiedenen Kulturen angehören«[60]. Aber in unserer Zeit, die durch multikulturelle und multiethnische Verhältnisse geprägt ist, verlangen neue soziale und kulturelle Dynamiken eine Ausweitung dieser Ziele. Um nämlich die Heilssendung der Kirche zu erfüllen, »[genügt] die Sorge des Evangelisierenden, jeden Menschen zu erreichen, nicht«, da »das Evangelium auch an die Kulturen im Ganzen verkündet wird«[61]. Die kirchlichen Studien können sich nicht darauf beschränken, Männern und Frauen unserer Zeit, die in ihrem christlichen Bewusstsein wachsen wollen, Wissen, Fähigkeiten und Erfahrungen zu vermitteln. Sie müssen sich vielmehr der dringenden Aufgabe stellen, intellektuelle Instrumente zu entwickeln, die sich als Paradigmen eines Handelns und Denkens erweisen, die für die Verkündigung in einer Welt, die von einem ethisch-religiösen Pluralismus geprägt ist, nützlich sind. Dies erfordert nicht nur ein fundiertes theologisches Bewusstsein, sondern auch die Fähigkeit, Systeme zur Darstellung der christlichen Religion zu entwerfen, auszuarbeiten und zu verwirklichen; eine Darstellung, die tief in verschiedene kulturelle Systeme eindringen kann. All dies fordert eine Anhebung der Qualität der wissenschaftlichen Forschung sowie einen fortschreitenden Anstieg des Niveaus des theologischen Studiums und der verwandten Wissenschaften. Es geht nicht nur darum, das Feld der Diagnose zu erweitern und die Datenmenge zu vermehren, die zur Verfügung steht, um die Wirklichkeit zu verstehen[62], sondern es geht um Vertiefung, um so »die Wahrheit des Evangeliums in einem bestimmten Kontext bestmöglich mitzuteilen, ohne auf die Wahrheit, das Gute und das Licht zu verzichten, die eingebracht werden können, wenn die Vollkommenheit nicht möglich ist«[63].

In erster Linie betraue ich die Forschung an den Universitäten, Fakultäten und kirchlichen Instituten mit der Aufgabe, jene »ursprüngliche Apologetik«, auf die ich in Evangelii gaudium hingewiesen habe, zu entwickeln und so »die Voraussetzungen zu schaffen, damit das Evangelium von allen gehört wird«[64].

In diesem Zusammenhang wird die Schaffung neuer qualifizierter Forschungszentren unerlässlich, in denen Wissenschaftler mit unterschiedlichem religiösen Hintergrund und aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen mit verantwortungsvoller Freiheit und gegenseitiger Transparenz interagieren können – wie ich es in der Enzyklika Laudato si’ gewünscht habe –, um »einen Dialog miteinander aufzunehmen, der auf die Schonung der Natur, die Verteidigung der Armen und den Aufbau eines Netzes der gegenseitigen Achtung und der Geschwisterlichkeit ausgerichtet ist«[65]. In allen Ländern stellen die Universitäten den primären Ort der wissenschaftlichen Forschung für den Fortschritt des Wissens und der Gesellschaft dar und spielen dabei eine entscheidende Rolle für die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung, besonders in einer Zeit wie der unseren, die geprägt ist von schnellen, ständigen und beachtlichen Veränderungen in Wissenschaft und Technologie. Auch in den internationalen Abkommen wird hervorgehoben, dass die Universität eine zentrale Verantwortung in der Forschungspolitik einnimmt und es notwendig ist, diese zu koordinieren, indem Netzwerke von Fachzentren geschaffen werden, um so unter anderem die Mobilität der Forscher zu erleichtern.

In diesem Sinne werden eben interdisziplinäre Leistungszentren und Initiativen geplant, um die Entwicklung fortgeschrittener Technologien, die Qualifizierung der Humanressourcen und die Integrationsprogramme zu begleiten. Auch kirchliche Studien im Geiste einer Kirche „im Aufbruch“ sollen mit Fachzentren ausgestattet werden, die den Dialog mit den verschiedenen Wissenschaftsbereichen vertiefen. Vor allem die gemeinsame und sich überschneidende Forschung von Fachleuten verschiedener Disziplinen bildet einen qualifizierten Dienst für das Volk Gottes, insbesondere für das Lehramt; ebenso unterstützt sie die Sendung der Kirche, allen die Frohbotschaft Christi zu verkünden im Dialog mit den verschiedenen Wissenschaften, die einer immer tieferen Durchdringung der Wahrheit und ihrer Umsetzung im persönlichen wie gesellschaftlichen Leben.

Die kirchlichen Studien werden so in der Lage sein, ihren besonderen und unersetzlichen Beitrag zur Inspiration und Orientierung zu erbringen. Sie werden ihre eigene Aufgabe auf neue, kritische und realistische Art herausarbeiten und ausdrücken. Es war und wird immer so sein! Die Theologie und die christlich inspirierte Kultur waren ihrer Sendung gewachsen, wenn sie kühn und treu an die Grenze zu gehen wussten. »Die Fragen unseres Volkes, seine Leiden, seine Auseinandersetzungen, seine Träume, seine Kämpfe, seine Sorgen besitzen einen hermeneutischen Wert, den wir nicht unbeachtet lassen dürfen, wenn wir das Prinzip der Menschwerdung ernst nehmen wollen. Seine Fragen tragen dazu bei, dass wir uns Fragen stellen, seine Probleme stellen uns vor Probleme. All das hilft uns, das Geheimnis des Wortes Gottes zu vertiefen: Dieses Wort erfordert und verlangt, dass man einen Dialog führt, dass man in Gemeinschaft eintritt«[66].

6. Vor unseren Augen zeichnet sich heute »eine große kulturelle, spirituelle und erzieherische Herausforderung ab, die langwierige Regenerationsprozesse beinhalten wird«[67], auch für die kirchlichen Universitäten und Fakultäten.

Der freudige und unerschütterliche Glaube an den gekreuzigten und auferstandenen Jesus, Mitte und Herr der Geschichte, leite, erleuchte und stütze uns in dieser anspruchsvollen und faszinierenden Zeit, die von der Verpflichtung zu einer neuen und weitblickenden Gestalt der kirchlichen Studien gekennzeichnet ist. Seine Auferstehung mit der überreichen Gabe des Heiligen Geistes »bringt überall Keime dieser neuen Welt hervor; und selbst wenn sie abgeschnitten werden, treiben sie wieder aus, denn die Auferstehung des Herrn hat schon das verborgene Treiben dieser Geschichte durchdrungen«[68].

Die selige Jungfrau Maria, die bei der Verkündigung des Engels das Wort der Wahrheit mit unaussprechlicher Freude empfangen hat, begleite unseren Weg. Sie erhalte uns vom Vater aller Gnade den Segen voll Licht und Liebe, den wir in kindlichem Vertrauen von seinem Sohn, unseren Herrn Jesus Christus, in der Freude des Heiligen Geistes hoffnungsvoll erwarten!


[1] Vgl. Augustinus, Bekenntnisse X,23.33; I,1,1.

[2] Zweites Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 22.

[3] Apostolische Konstitution Sapientia christiana, Einleitung, III. (vgl. unten, Anhang I).

[4] Videobotschaft anlässlich des Internationalen Theologischen Kongresses an der Päpstlichen Katholischen Universität von Argentinien „Santa Maria de los Buenos Aires“ (1.-3. September 2015).

[5]Nr. 14.

[6] Ebd., 16.

[7] Ebd.

[8] Vgl. ebd.

[9]Ebd., 19.

[10] Ebd., 20.

[11] I.

[12] Nr. 85.

[13] Nr. 14.

[14] Nr. 20.

[15] Enzyklika Caritas in veritate, 42.

[16] Vgl. ebd, 54; Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 1.

[17] Enzyklika Caritas in veritate, 33.

[18] Ebd., 30.

[19] Vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, Kap. 5.

[20] Ebd., 30.

[21] Vgl. Ansprache zum 5. Nationalen Kongress der Kirche in Italien (Florenz, 10. November 2015).

[22] Vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 55.

[23] Vgl. Enzyklika Laudato si, 139.

[24] Ebd., 61.

[25] Vgl. ebd., 194.

[26] Ebd., 53; vgl. Nr. 105.

[27] Ebd., 114.

[28] Ansprache an die Gemeinschaft der Päpstlichen Universität Gregoriana, des Päpstlichen Bibelinstituts und des Päpstlichen Ostkirchlichen Instituts (10. April 2014): AAS 106 (2014), 374.

[29] Vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 11; 34ff; 164-165.

[30] Ebd. 165.

[31] Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 1.

[32] Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 111.

[33] Vgl. Verkündigungsbulle des außerordentlichen Jubiläums der Barmherzigkeit Misericordiae Vultus (11. April 2015).

[34] Vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 87 u. 272.

[35] Ebd. 92.

[36] Vgl. Enzyklika Laudato si, 49.

[37] Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 176; vgl. Kap. 4.

[38] Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden, Kompendium der Soziallehre der Kirche, 52; vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 178.

[39] Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 195.

[40] Vgl. Enzyklika Laudato si, 240.

[41] Vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 239.

[42] Enzyklika Caritas in veritate, 4.

[43] Einleitung III.; vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 62.

[44] Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 74.

[45] Nr. 31.

[46] Vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 134.

[47] The Idea of a University, Discourse VII, 7.

[48] Vgl. Delle cinque piaghe della Santa Chiesa, Kap. II., passimOpere di Antonio Rosmini, a cura di A. Valle, vol. 56, Città Nuova Ed., Roma, 21998.

[49] Nr. 164.

[50] Ebd.

[51] Videobotschaft anlässlich des Internationalen Theologischen Kongresses an der Päpstlichen Katholischen Universität von Argentinien „Santa Maria de los Buenos Aires“ (1.-3. September 2015).

[52] Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 236.

[53] Johannes Paul II, Apostolisches Schreiben Novo Millennio ineunte (6. Januar 2001), 40

[54] Ebd.

[55] Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 116.

[57] Videobotschaft anlässlich des Internationalen Theologischen Kongresses an der Päpstlichen Katholischen Universität von Argentinien „Santa Maria de los Buenos Aires“ (1.-3. September 2015), hier mit Bezug auf Evangelii gaudium, 115.

[59] Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 227-228.

[60] Einleitung, III.

[61] Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 133.

[62] Vgl. Enzyklika Laudato si, 47; Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 50.

[63] Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 45.

[64] Ebd. 132.

[65] Nr. 201.

[66] Videobotschaft anlässlich des Internationalen Theologischen Kongresses an der Päpstlichen Katholischen Universität von Argentinien „Santa Maria de los Buenos Aires“ (1.-3. September 2015).

[67]Enzyklika Laudato si, 202.

[68] Enzyklika Evangelii gaudium, 278.

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Quelle

Im Wortlaut: Papstbrief zum Missionsmonat Oktober 2019

Papst Franziskus und Kardinal Filoni — 22/10/2017 11:30

​Hier lesen Sie den Brief des Papstes an den Präfekten der Evangelisierungskongregation, Kardinal Fernando Filoni, zum Monat der Missionen in einer offiziellen deutschen Übersetzung. (rv)

An den verehrten Bruder

Kardinal Fernando Filoni

Präfekt der Kongregation für die Evangelisierung der Völker

 

Am 30. November 2019 jährt sich zum hundertsten Mal die Promulgation des Apostolischen Schreibens Maximum illud, mit dem Papst Benedikt XV. der missionarischen Verantwortung, das Evangelium zu verkünden, neuen Schwung verleihen wollte. In jenem Jahr 1919, am Ende eines schrecklichen weltweiten Konfliktes, den er selbst als »unnötiges Blutbad«[1] bezeichnete, mahnte der Papst die Notwendigkeit an, die Weltmission auf der Grundlage des Evangeliums zu erneuern, damit sie von jeglicher kolonialer Verkrustung gereinigt würde und sich von den nationalistischen und expansionistischen Bestrebungen fernhielte, die so viel Unheil angerichtet hatten. Er schrieb, dass »die Kirche Gottes universal und damit keinem Volke fremd ist«[2], und forderte dabei auch, allem Eigennutz zu widersagen, weil der Sinn der Mission ausschließlich in der Botschaft und Liebe Jesu Christi, die durch die Heiligkeit des Lebens und Werke der Nächstenliebe verbreitet werden, besteht. Benedikt XV. gab so der missio ad gentes einen besonderen Impuls und setzte sich mit dem begrifflichen und kommunikativen Instrumentarium seiner Zeit dafür ein, vor allem beim Klerus das Bewusstsein für die Verpflichtung zur Mission wieder wachzurufen.

Diese Verpflichtung zur Mission ist Antwort auf die zeitlos gültige Aufforderung Jesu: »Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!« (Mk 16,15). Diesem Gebot des Herrn zu folgen ist nicht eine Option für die Kirche, sondern ihr »unumgänglicher Auftrag«, wie das Zweite Vatikanische Konzil[3] in Erinnerung ruft, da die Kirche »ihrem Wesen nach missionarisch«[4] ist. »Evangelisieren ist in der Tat die Gnade und eigentliche Berufung der Kirche, ihre tiefste Identität. Sie ist da, um zu evangelisieren.«[5] Um dieser Identität zu entsprechen und Jesus Christus als den für alle gekreuzigten und auferstandenen Herrn zu bekennen, als den lebendigen Heiland und die Barmherzigkeit, die rettet, »muss die Kirche« – sagt das Konzil weiter – »unter der Führung des Heiligen Geistes denselben Weg gehen, den Christus gegangen ist, nämlich den Weg der Armut, des Gehorsams, des Dienens und des Selbststopfers.«[6] Nur so verkündet sie wirklich den Herrn, das »Urbild jener erneuerten, von brüderlicher Liebe, Lauterkeit und Friedensgeist durchdrungenen Menschheit, nach der alle verlangen.«[7]

Das, was Benedikt XV. vor fast hundert Jahren so am Herzen lag und woran uns das Konzilsdokument seit mehr als fünfzig Jahren erinnert, ist von bleibender Aktualität. Heute wie damals ist die Kirche »von Christus gesandt, die Liebe Gottes allen Menschen und Völkern zu verkünden und mitzuteilen; sie ist sich bewusst, dass noch eine ungeheure missionarische Aufgabe vor ihr liegt.«[8] In diesem Sinn hat der heilige Johannes Paul II. festgestellt: »Die Sendung Christi, des Erlösers, die der Kirche anvertraut ist, ist noch weit davon entfernt, vollendet zu sein. Ein Blick auf die Menschheit insgesamt am Ende des zweiten Jahrtausends zeigt uns, dass diese Sendung noch in den Anfängen steckt und dass wir uns mit allen Kräften für den Dienst an dieser Sendung einsetzen müssen.« [9] Darum hat er mit Worten, auf die ich heute alle wieder neu aufmerksam machen möchte, die Kirche zu einer »Erneuerung des missionarischen Eifers« aufgerufen. Er war überzeugt: »Durch die Mission wird die Kirche tatsächlich erneuert, Glaube und christliche Identität werden bestärkt und erhalten neuen Schwung und neue Motivation. Der Glaube wird stark durch Weitergabe! Die neue Evangelisierung der christlichen Völker findet Anregung und Halt im Einsatz für die sich weltweit betätigende Mission.«[10]

Im Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium war es mein Anliegen, als Frucht der XIII. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode, die einberufen wurde, um über die Neuevangelisierung zur Weitergabe des christlichen Glaubens nachzudenken, der ganzen Kirche diese dringende Berufung neu vor Augen zu stellen: »Johannes Paul II. hat uns ans Herz gelegt anzuerkennen, dass „die Kraft nicht verlorengehen [darf] für die Verkündigung“ an jene, die fern sind von Christus, denn dies ist „die erste Aufgabe der Kirche“. „Die Missionstätigkeit stellt auch heute noch die größte Herausforderung für die Kirche dar“ und so „muss das missionarische Anliegen das erste sein“. Was würde geschehen, wenn wir diese Worte wirklich ernst nehmen würden? Wir würden einfach erkennen, dass das missionarische Handeln das Paradigma für alles Wirken der Kirche ist.«[11]

Was ich ausdrücken wollte, erscheint mir, um es noch einmal zu sagen, unaufschiebbar und ich meine, dass es »eine programmatische Bedeutung hat und wichtige Konsequenzen beinhaltet. Ich hoffe, dass alle Gemeinschaften dafür sorgen, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um auf dem Weg einer pastoralen und missionarischen Neuausrichtung voranzuschreiten, der die Dinge nicht so belassen darf, wie sie sind. Jetzt dient uns nicht eine „reine Verwaltungsarbeit.“ Versetzen wir uns also in allen Regionen der Erde in einen „Zustand permanenter Mission“.«[12] Haben wir mit Gottvertrauen und viel Mut keine Furcht vor einer »missionarischen Entscheidung, die fähig ist, alles zu verwandeln, damit die Gewohnheiten, die Stile, die Zeitpläne, der Sprachgebrauch und jede kirchliche Struktur ein Kanal werden, der mehr der Evangelisierung der heutigen Welt als der Selbstbewahrung dient. Die Reform der Strukturen, die für die pastorale Neuausrichtung erforderlich ist, kann nur in diesem Sinn verstanden werden: dafür zu sorgen, dass sie alle missionarischer werden, dass die gewöhnliche Seelsorge in all ihren Bereichen expansiver und offener ist, dass sie die in der Seelsorge Tätigen in eine ständige Haltung des „Aufbruchs“ versetzt und so die positive Haltung all derer begünstigt, denen Jesus seine Freundschaft anbietet. Wie Johannes Paul II. zu den Bischöfen Ozeaniens sagte, muss „jede Erneuerung in der Kirche […] auf die Mission abzielen, um nicht eine Art kirchlicher Introversion zu verfallen.“«[13]

Das Apostolische Schreiben Maximum illud hatte in prophetischem Geist und im Freimut des Evangeliums dazu aufgerufen, die Grenzen der Nationen zu verlassen, um den Heilswillen Gottes durch die universale Mission der Kirche zu bezeugen. Das Herannahen des hundertsten Jahrestages seiner Promulgation sei ein Ansporn, die ständige Versuchung zu überwinden, die sich hinter jeder kirchlichen Introversion verbirgt, hinter jedem selbstbezogenen Rückzug in die eigenen sicheren Grenzen, hinter jeder Form eines pastoralen Pessimismus, hinter jeder sterilen Nostalgie, um uns hingegen der freudvollen Neuheit des Evangeliums zu öffnen. Auch in diesen unseren Zeiten, die gequält sind von den Tragödien des Krieges und bedroht vom betrüblichen Willen, die Unterschiede zu betonen und Auseinandersetzungen zu schüren, sei allen mit neuem Eifer diese Gute Nachricht gebracht, die Vertrauen und Hoffnung schenkt: dass in Jesus Christus die Vergebung die Sünde besiegt, dass in ihm das Leben den Tod überwindet und die Liebe alle Furcht bezwingt.

Aus dieser Gesinnung heraus und auf Vorschlag der Kongregation für die Evangelisierung der Völker rufe ich für Oktober 2019 einen außerordentlichen Monat der Mission aus, um das Bewusstsein der missio ad gentes wieder stärker wachzurufen und mit neuem Schwung die missionarische Umgestaltung des Lebens und der Seelsorge wiederaufzunehmen. Darauf wird man sich gut vorbereiten können, auch durch den Missionsmonat Oktober des nächsten Jahres, damit es allen Gläubigen ein wahres Herzensanliegen sei, das Evangelium zu verkünden und ihre Gemeinschaften in missionarische und evangelisierende Wirklichkeiten zu verwandeln; damit die Liebe für die Mission wachse, die »eine Leidenschaft für Jesus, zugleich aber eine Leidenschaft für sein Volk«[14] ist.

Ihnen, verehrter Bruder, dem Dikasterium, das Sie leiten, und den Päpstlichen Missionswerken vertraue ich die Aufgabe an, die Vorbereitung auf dieses Ereignis auf den Weg zu bringen, besonders durch eine weit gestreute Sensibilisierung der Teilkirchen, der Institute gottgeweihten Lebens und der Gesellschaften apostolischen Lebens sowie der anderen kirchlichen Vereine, Bewegungen und Gemeinschaften. Der außerordentliche Monat der Mission möge eine intensive und fruchtbare Zeit der Gnade sein, um Initiativen zu fördern und in besonderer Weise das Gebet zu vertiefen, das die Seele aller Mission ist. Es sei eine intensive Zeit der Verkündigung des Evangeliums, der biblischen und theologischen Reflexion über die Mission, eine Zeit praktizierter christlicher Nächstenliebe und konkreter Aktionen der Zusammenarbeit und Solidarität unter den Kirchen, sodass die missionarische Begeisterung neu erwache und uns nie verloren gehe.[15]

 

Aus dem Vatikan, am 22. Oktober 2017

24. Sonntag im Jahreskreis

Gedenktag des heiligen Johannes Paul II.

Weltmissionssonntag

 


[2] Benedikt XV., Apost. Schreiben Maximum illud, 30. November 1919: AAS11 (1919), 445.

[3] Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche Ad gentes, 7. Dezember 1965, 7: AAS 58 (1966), 955.

[4] Ebd., 2: AAS 58 (1966), 948.

[5] Paul VI., Apost. Schreiben Evangelium nuntiandi, 8. Dezember 1975, 14: AAS 68 (1976), 13.

[6] Dekr. Ad gentes, 5: AAS 58 (1966), 952.

[7] Ebd., 8: AAS 58 (1966), 956-957.

[8] Ebd., 10: AAS 58 (1966), 959.

[9] Enzyklika Redemptoris missio, 7. Dezember 1990, 1: AAS 83 (1991), 249.

[10] Ebd., 2: AAS 83 (1991), 250-251.

[11] Nr. 15: AAS 105 (2013), 1026.

[12] Ebd., 25: AAS 105 (2013), 1030.

[13] Ebd., 27: AAS 105 (2013), 1031.

[14] Ebd., 268: AAS 105 (2013), 1128.

[15] Ebd., 80: AAS 105 (2013), 1053.

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Quelle

Teamgeist und Mut bei Reform des Kommunikationswesens

Generalversammlung Des Sekretariats Für Kommunikation, 4 Maggio 2017 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Audienzansprache vor erster Generalversammlung
des Sekretariats für Kommunikation

Papst Franziskus legte in seiner Audienzansprache vor den Teilnehmern der ersten Generalversammlung des Sekretariats für Kommunikation am Morgen des 4. Mai 2017 dar, dass er das neue Dikasterium gewünscht habe, um die Kommunikationsstruktur des Heiligen Stuhls zu erneuern und zu vereinheitlichen. Die Generalversammlung des Dikasteriums, das am 27. Mai 2015 gegründet wurde, tagt vom 3. bis 5. Mai 2017.

Die Tagung diene dazu, so führte der Papst aus, sich gegenseitig besser kennenzulernen, die ersten Arbeitsschritte zu analysieren und über die digitale Kultur zu reflektieren. Im Zentrum stehe die Frage, neue Möglichkeiten der Evangelisierung zu untersuchen und zu erarbeiten.

Papst Franziskus ermutigte die Mitarbeiter, dass eine Reform Vorhandenem eine andere Form gebe und mit Intelligenz, Milde, aber auch Nachdruck umzusetzen sei. Ziel seien Integration und Einheitlichkeit; daher seien alle Organe, die sich mit der Kommunkation des Heiligen Stuhls befassten, in einem Dikasterium zusammengefaßt worden.

Papst Franziskus sprach an, dass im nächsten Jahr der „Osservatore Romano“, „Radio Vatikan“ und die „Editrice Libreria Vaticana“ eine neue und andere Form finden müssten, um in Zukunft höhere Adressatenzahlen zu verzeichnen. Die bestehenden Institutionen bezeichnete der Papst als kostbares Patrimonium, das es zu bewahren und in die Zukunft zu führen gelte.

Jeder sei aufgerufen, zu dieser Reform beizutragen, ermutigte Papst Franziskus die Audienzteilnehmer und erinnerte sie Leid, Armut und Schwierigkeiten nicht aus den Augen zu verlieren. So könne das Evangelium allen zugänglich gemacht werden. Papst Franziskus rief zu Teamgeist und Mut auf. Abschließend erteilte er den apostolischen Segen.

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Quelle

Papst: Das Evangelium in der Sprache von heute verkünden

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Papst traf Ordensleute

Das Evangelium muss den Menschen von heute „in einer Sprache und auf eine Weise verkündet werden, die sie verstehen können“. Das sagte Papst Franziskus an diesem Samstag zu Ordensleuten. Die Menschen seien heute umgeben von „Prozessen rascher sozialer und kultureller Veränderung“. Das sei eine Herausforderung zur Kreativität für alle, die das Evangelium wirklich in unserer Zeit einheimisch machen wollten.

„Den Menschen nahe sein, die wie wir sind, den einfachen Menschen… Mir gefällt dieser Abschnitt aus dem Brief des Paulus an Timotheus, in dem er ihn an den Glauben erinnert, den er von seiner Mamma und seiner Oma empfangen hat. Die Einfachheit der Mamma, der Oma… Das ist das Fundament, nicht wahr? Wir sind keine Prinzen, Söhne von Prinzen oder Grafen oder Baronen, wir sind einfache Leute, Volk. Und darum gehen wir mit dieser Einfachheit zu den Einfachen und den Leidenden, den Kranken, den Kindern, den alleingelassenen Alten, den Armen, zu allen. Und diese Armut ist im Zentrum des Evangeliums, weil sie die Armut Jesu ist. Keine soziologische Armut – die Armut Jesu.“

Auch die Mittel der Evangelisierer seien „ganz kleine, einfache“, fuhr der Papst fort. Wir seien doch alle nur „klein“ und „unwürdig“: „Aber wir haben einen großen Horizont, das ist unser Glaube an die Macht des Herrn.“ Mit unserem Kleinsein verhalte es sich wie mit dem Samen aus dem biblischen Gleichnis, der immer größer werde und den der Herr wachsen lasse.

„Die Horizonte der Evangelisierung und die dringende Notwendigkeit, die Botschaft des Evangeliums allen ohne Ausnahme zu bringen, sind ein weites Feld für das Apostolat. So viele Menschen warten heute noch darauf, Jesus kennenzulernen, den einzigen Erlöser des Menschen, und viele ungerechte oder prekäre Situationen können glaubende Menschen nicht ruhig lassen!“

Die Evangelisierung sei heute eine „sehr dringende Mission“, und Voraussetzung für sie sei „die eigene Umkehr und die Umkehr der Gemeinschaft“. „Nur Herzen, die völlig offen sind für die Gnade, können die Zeichen unserer Zeit deuten und den Schrei der Menschheit nach Hoffnung und Frieden aufnehmen!“ Mut und Risikobereitschaft brauche es heute, „um auf die neuen Herausforderungen zu antworten und die Mission neu anzupacken“.

(rv 18.02.2017 sk)

Das Licht Christi verbreitet sich vom Randgebiet aus

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Caravaggio; Szene aus dem Evangelium nach Matthäus, in der ein junger, bartloser Jesus die deutlich älteren Brüder Simon (Petrus) und Andreas beruft (um 1605).

Ansprache von Papst Franziskus beim Angelusgebet
am 22. Januar

 

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag!

Der heutige Abschnitt aus dem Evangelium (vgl. Mt 4,12-23) berichtet vom Beginn der Verkündigung Jesu in Galiläa. Er verlässt Nazaret, ein Dorf in den Bergen, und lässt sich in Kafarnaum nieder, einem wichtigen Zentrum am Ufer des Sees. Die Stadt wurde überwiegend von Heiden bewohnt und war ein Knotenpunkt zwischen dem Mittelmeerraum und dem mesopotamischen Hinterland. Diese Entscheidung zeigt, dass die Adressaten seiner Verkündigung nicht nur seine Landsleute sind, sondern alle, die in das kosmopolitische »Galiläa der Heiden« kommen (V. 15; vgl. Jes 8,23): so wurde es genannt. Von der Hauptstadt Jerusalem aus gesehen ist jener Landstrich ein geographisches Randgebiet und im religiösen Sinne unrein, da dort viele Heiden lebten, aufgrund der Vermengung mit all jenen, die nicht zu Israel gehörten. Von Galiläa erwartete man sich gewiss nichts Großes für die Heilsgeschichte. Hingegen verbreitet sich gerade von dort – ja gerade von dort – jenes »Licht«, über das wir an den vergangenen Sonntagen nachgedacht haben: das Licht Christi. Es verbreitet sich gerade vom Randgebiet aus.

Die Botschaft Jesu nimmt die Botschaft des Täufers auf, da sie das »Himmelreich« verkündet (V. 17). Dieses Reich bringt nicht die Errichtung einer neuen politischen Macht mit sich, sondern die Erfüllung des Bundes zwischen Gott und seinem Volk, die eine Zeit des Friedens und der Gerechtigkeit eröffnen wird. Um diesen Bund mit Gott zu schließen, ist ein jeder aufgerufen, umzukehren und so seine Denk- und Lebensart zu verwandeln. Das ist wichtig: sich bekehren heißt nicht nur, seine Lebensweise zu verändern, sondern auch seine Denkweise. Es ist eine Verwandlung des Denkens. Es geht nicht darum, das Gewand zu wechseln, sondern die Gewohnheiten! Das, was Jesus von Johannes dem Täufer unterscheidet, sind der Stil und die Methode. Jesus entscheidet sich dafür, ein Wanderprediger zu sein. Er wartet nicht einfach auf die Leute, sondern er geht ihnen entgegen. Jesus ist immer auf der Straße!

Zu seinen ersten missionarischen Unternehmen kommt es entlang des Sees von Galiläa, im Kontakt mit der Menschenmenge, besonders mit den Fischern. Dort verkündet Jesus nicht nur das Kommen des Reiches Gottes, sondern sucht Gefährten, um sie an seiner Sendung des Heils zu beteiligen. An diesem selben Ort begegnet er zwei Paaren von Brüdern: Simon und Andreas sowie Jakobus und Johannes. Er ruft sie mit den Worten: »Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen« (V. 19). Der Ruf ergeht an sie mitten in ihrer alltäglichen Arbeit: der Herr offenbart sich uns nicht auf außergewöhnliche oder aufsehenerregende Weise, sondern in der Alltäglichkeit unseres Lebens. Dort müssen wir den Herrn finden; und dort offenbart er sich und lässt unser Herz seine Liebe verspüren; und dort – durch diesen Dialog mit ihm in der Alltäglichkeit des Lebens – verändert er unser Herz. Die Antwort der vier Fischer ist unmittelbar und spontan: »Sofort ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm« (V. 20). Wir wissen nämlich, dass sie Jünger des Täufers waren und dass sie dank seines Zeugnisses bereits begonnen hatten, an Jesus als den Messias zu glauben (vgl. Joh 1,35-42).

Für uns Christen von heute ist es eine Freude, unseren Glauben zu verkündigen und zu bezeugen, weil es jene erste Verkündigung gegeben hat, weil da jene einfachen und mutigen Männer gewesen sind, die großherzig dem Ruf Jesu entsprochen haben. Am Ufer des Sees, in einem unscheinbaren Landstrich, ist die erste Gemeinschaft der Jünger Christi entstanden. Das Bewusstsein dieser Anfänge möge in uns das Verlangen wecken, das Wort, die Liebe und die Zärtlichkeit Jesu in jeden Bereich zu bringen, auch in den unwegsamsten und abweisendsten. Das Wort in alle Randgebiete bringen! Alle Räume des menschlichen Lebens sind ein Boden, in den der Same des Evangeliums gesät werden muss, damit er Früchte des Heils bringe.

Die Jungfrau Maria stehe uns mit ihrer mütterlichen Fürsprache bei, voller Freude auf den Ruf Jesu zu antworten, uns in den Dienst des Reiches Gottes zu stellen.

Nach dem Angelusgebet sagte der Papst:

Liebe Brüder und Schwestern, wir begehen derzeit die Gebetswoche für die Einheit der Chris­ten. Dieses Jahr hat sie ein Wort zum Thema, das dem heiligen Paulus entnommen ist, der uns den zu beschreitenden Weg weist. Es lautet: »Versöhnung – die Liebe Christi drängt uns« (vgl. 2 Kor 5,14). Am kommenden Mittwoch werden wir die Gebetswoche mit der Feier der Vesper in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern beschließen, an der die Brüder und Schwestern der anderen christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften hier in Rom teilnehmen werden. Ich lade euch ein, beharrlich im Gebet zu sein, damit das Verlangen Jesu zur Erfüllung gelange: »Alle sollen eins sein« (Joh 17,21).

In den vergangenen Tagen haben Erdbeben und schwere Schneefälle erneut viele unserer Brüder und Schwestern in Mittelitalien einer schweren Prüfung unterzogen, besonders in den Abruzzen, in den Marken und in Latium. Ich stehe den Familien, die Opfer unter ihren Lieben zu betrauern haben, mit meinem Gebet und meiner Zuneigung nahe. Ich ermutige alle, die sich so großherzig bei den Rettungseinsätzen und Hilfsmaßnahmen engagieren, wie auch die Ortskirchen, die ihr Bestes tun, um die Leiden und Schwierigkeiten zu lindern. Vielen Dank für diese Nähe, für eure Arbeit und die konkrete Hilfe, die ihr leistet. Danke! Ich lade euch ein, gemeinsam zur Gottesmutter für die Opfer und auch für jene zu beten, die sich so großherzig bei den Hilfsmaßnahmen einsetzen. [Der Papst betet zusammen mit den Pilgern und Besuchern auf dem Petersplatz ein »Gegrüsset seist du Maria«.]

Im Fernen Osten und in verschiedenen Teilen der Welt bereiten sich Millionen von Männern und Frauen vor, am 28. Januar das Mond-Neujahr zu feiern. Mein herzlicher Gruß möge alle ihre Familien erreichen, verbunden mit dem Wunsch, dass sie immer mehr zu einer Schule werden, in der man lernt, den anderen zu achten, sich miteinander zu verständigen und auf selbstlose Weise füreinander zu sorgen. Die Freude der Liebe möge sich in den Familien ausbreiten und von ihnen aus auf die ganze Gesellschaft ausstrahlen.

Ich grüße euch, die Gläubigen aus Rom und die Pilger aus verschiedenen Ländern, besonders die Gruppe von Mädchen aus Panama und die Schüler des Instituts »Diego Sánchez de Talavera la Real« (Spanien). Ich grüße die Mitglieder des Katholischen Verbandes der Lehrer, Schulleiter, Erzieher und Ausbilder, der seinen 25. Nationalen Kongress beendet hat, und ich wünsche ihnen ein fruchtbares Arbeiten in der Erziehung, in Zusammenarbeit mit den Familien, immer in Zusammenarbeit mit den Familien!

Allen wünsche ich einen schönen Sonntag. Und bitte vergesst nicht, für mich zu beten. Gesegnete Mahlzeit und auf Wiedersehen!

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Quelle: Osservatore Romano 4/2017

Erzbischof Joachim Kardinal Meisner: „Europa und seine Lebenswerte“

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Vortrag in der Standpunktsendung
von Domradio und Radio Horeb

am 1. November 2001 in Köln

Grüß Gott , liebe Hörerinnen und Hörer!

„Europa und seine Lebenswerte“ ist das heutige abendliche Thema. In Europa ist Gott weithin abhanden gekommen. Da unsere Zivilisation und Kultur in Europa nur vom Evangelium und vom Dasein der Kirche her verstehbar ist, macht sich dieser Entgottungsvorgang, d.h. dieser Säkularisationsprozess auf allen Ebenen des Lebens innerhalb und außerhalb der Kirche schmerzlich bemerkbar.

Im gegenwärtigen gesellschaftlichen Kontext in Europa herrscht ein düsteres Bild vom Menschen vor. Das Große und das Heilige ist von vornherein verdächtig und muss vom Sockel gerissen und durchschaut werden. Moral gilt als Heuchelei und Glück als Selbstbetrug. Wer einfach dem Schönen und Guten traut, ist entweder von sträflicher Ahnungslosigkeit oder verfolgt böse Absichten. Der Verdacht ist die eigentliche moralische Grundkategorie, die eigentliche Haltung. Die Entlarvung ist der größte gesellschaftliche Erfolg. Gesellschaftskritik hat die erste Pflicht zu sein. Die Gefahren, die uns bedrohen, können gar nicht grell und grausam genug gezeichnet werden. Seit dem elften September bekommen diese Unheilspropheten ein neues Gewicht.

Allerdings ist die Lust am Negativen nicht unbegrenzt. Gleichzeitig gibt es nämlich eine Pflicht zum Optimismus, die nicht ungestraft verletzt werden darf. Wer etwa die Meinung äußern wollte, nicht alles in der geistigen Entwicklung der Neuzeit sei richtig gewesen; in einigen wesentlichen Punkten sei eine Rückbesinnung auf die gemeinsame Weisheit der großen Weltkulturen erforderlich, hat offenbar die falsche Art von Kritik gewählt. Er findet sich einer entschlossenen Verteidigung der neuzeitlichen Grundentscheidungen gegenüber und der Überzeugung, dass die Grundlinien der geschichtlichen Entwicklung „Fortschritt “ heißen. Das Gute liege daher in der Zukunft und nirgendwo sonst; das darf bei aller Lust am Negativen nicht bestritten werden.

Eine der folgenreichsten, falschen Grundentscheide der Neuzeit, verehrte Hörerinnen und Hörer, ist der Verzicht auf Transzendenz, das heißt: der Verzicht auf Gott . Unser Europa wurde bis in die jüngste Vergangenheit hinein mit dem Eigenschaftswort „christlich“ definiert. Wir sprachen immer von einem christlichen Europa bzw. von einem christlichen Abendland. Die Kultur und die Zivilisation Europas tragen eine Vielzahl grundlegender menschlicher Werte in ihrem Schoß, die ihre Quelle eindeutig im Evangelium Jesu Christi haben.

Da ist zunächst die Einmaligkeit eines jeden Menschen im europäischen Wertekanon zu erkennen. Biologisch, psychologisch und soziologisch ist jedes Menschenwesen absolut einmalig und darum unvergleichbar. Daraus folgt dann die Würde jedes Menschen und mithin das Recht auf Achtung vonseiten des Einzelnen und der Gesellschaft. Sodann, verehrte Hörerinnen und Hörer, ergibt sich aus dieser Einmaligkeit die Freiheit eines jeden Einzelnen und das Recht, die konkrete Gestaltung seiner Existenz selbst zu wählen und selbst zu bestimmen, oder die Gleichheit aller Menschen untereinander, die jede Diskriminierung ausschließt. Diese Werte – etwa Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Geschwisterlichkeit, würden wir letzteres heute benennen – prägen das soziale und das moralische Bild des Abendlandes und sind gleichsam der Ausdruck des europäischen Humanismus.

Dazu gehört eine wesentliche Grundkategorie des Christentums, das sich darin eins weiß mit der gesamten „vormodernen“ Menschheit, nämlich, dass im Sein des Menschen immer ein Sollen liegt, dass der Mensch nicht selbst aus Zweckmäßigkeitsberechnungen Moral erfindet, sondern er Moral im Wesen der Dinge vorfindet. Menschliche Vernunft beruht auf der Fähigkeit, diese Botschaft der Dinge zu vernehmen und danach sein Handeln auszurichten. Vernunft, verehrte Hörerinnen und Hörer, hat etwas mit „vernehmen“ zu tun. Das Gesetz Israels als Glaubensnorm verband den Kosmos mit der Geschichte und war Ausdruck der Wahrheit des Menschen wie der Wahrheit der Welt überhaupt. Damit verband sich die Überzeugung von den objektiven Werten, die sich im Sein der Welt aussagen, der Glaube, dass es Haltungen gibt, die der Botschaft der Schöpfung entsprechend wahr und daher immer in sich gut sind und dass es ebenso andere Haltungen gibt, die – weil dem Dasein widersprechend – in sich falsch und darum immer schlecht sind. Es verband sich damit die Überzeugung, dass uns der Wille des Schöpfers darin anruft und dass im Einklang unseres Willens mit dem Seinen unser eigenes Wesen recht und gut ist.

Alle diese humanistischen Werte, die unser Europa geprägt haben, sind bei näherer Analyse – ich habe es schon angedeutet – typisch christliche Werte. Der europäische Humanismus, verehrte Hörerinnen und Hörer, ist heute jedoch kaum mehr in einer christlichen Sicht der Welt begründet, wo Gott der Schöpfer und höchste Garant dieser eben genannten Werte und Norm ist. Es fehlt in der europäischen Gegenwart der Bezugspunkt, den das Absolute – nämlich Gott – für diese Werte darstellt. Wenn nun aber die humanistischen Werte und Ideen Europas auf sich selbst gestellt sind und nicht mehr um diesen gemeinsamen Bezugspunkt, um diese Verbindung mit dem transzendenten Absoluten mit Gott wissen, dann ist dies nicht einfach nur bedauerlich, sondern das ist höchst gefährlich. Diese Werte scheiden dann nämlich gleichsam auf natürliche Weise giftige Stoffe aus, die langsam das lebendige Gewebe unseres christlichen Abendlandes verseuchen und vergifen und schließlich zerstören, so dass die abendländische Gesellschaftsordnung kollabieren muss. Hier gilt das biblische Wort: „Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich; wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut“ (Mt 12,30).

Die Entkoppelung der Werte von dem transzendenten Bezugspunkt, von Gott , ist also nicht eine neutrale Erscheinung, sondern eine große Bedrohung. Unsere europäische Gegenwart trägt darum auf vielfältige Weise solche Todeskeime in sich, die den gesunden Organismus vergiften, ja zum Kollabieren kommen lassen. Man sollte sich nicht beeindrucken lassen von dem Wort: „Du bist ein Kulturpessimist“. „Die Wahrheit wird euch freimachen“ (Joh 8,32), sagt die Heilige Schrift und darum müssen wir uns der Analyse der Gegenwart stellen, wie sie nun einmal ist. Ich möchte für diese These einige Beispiele anführen.

Verehrte Hörerinnen und Hörer, der Wille, die angestammten Rechte eines jeden einzelnen Menschen anzuerkennen und zu gewähren, umfasst die entsprechenden Verpflichtungen von Seiten der anderen und der Gesellschaft bzw. des Staates. Diese Garantie der Rechte einer jeden Person kann jedoch zu einem hemmungslosen und grenzenlosen Individualismus führen, in dem dann der Einzelne so lebt, als sei er seiner Familie, seinem Land, seinem Staat, seiner Gesellschaft, seiner Kirche nichts mehr schuldig. Vielmehr, so meint er, seien es immer die Anderen – die Familie, die Gesellschaft, die Kirche, der Staat –, die ihm etwas schulden. Ein solcher Personalismus gleitet oft in Zügellosigkeit, Anarchie und Narzissmus ab.

Ein anderes Beispiel: Man will eine Gesellschaft schaffen, in der jeder und alles wirklich „gleich“ sei. Nicht selten führt dies jedoch in eine nivellierende Utopie, wo jede Differenzierung mit Bedacht ausgelöscht und eingeebnet wird. Ein solches Streben nach Gleichheit endet oftmals in einer Art Gleichmacherei, die schließlich alle Impulse, die einer Gesellschaft Profil zu geben vermögen, schwächt und alles in ein langweiliges, tödliches Grau eingießt, einwalzt und einbetoniert. Das war ja dann ja auch das Profil der sogenannten sozialistischen Gesellschaften. Das Recht auf Anderssein als einer Quelle der Inspiration, des Fortschritts wird hier praktisch nicht anerkannt.

Wieder ein weiteres Beispiel ist die Drogensucht. Das Drogenproblem ist ein Phänomen der Neuzeit. In dem Augenblick, in dem Lenin die Religionen als „Opium für das Volk“ diffamierte, griffen die Menschen im gleichen Augenblick zur Droge. Verehrte Hörerinnen und Hörer, die Versuchung zur Droge ist z.B. aus dem Mittelalter nirgendwo berichtet, weil damals der Durst der menschlichen Seele, des inneren Menschen, eine Antwort fand, die die Droge erübrigte. Im Drogenproblem wird der Protest gegen ein Dasein deutlich, das als Gefängnis empfunden wird. „Die große Reise“, die die Menschen in der Droge versuchen, ist die Pervertierungsform der christlichen Mystik, die Pervertierung des menschlichen Unendlichkeitsbedürfnisses, das Nein zur Unübersteigbarkeit der Immanenz und der Versuch, die Grenzen des eigenen Daseins ins Unendliche hinein zu entschränken. Verehrte Hörerinnen und Hörer, das geduldige und demütige Abenteuer der Askese, die sich in kleinen Schritten des Aufstiegs dem absteigenden Gott nähert, wird durch die magische Macht der Droge ersetzt, der sittliche und religiöse Weg durch die Technik der Gefühle. Die Droge ist so die Pseudo-Mystik einer Welt, die nicht glaubt, aber dennoch den Drang der Seele nach dem Unendlichen nicht abschütteln kann. Insofern ist die Droge ein Warnzeichen: Sie deckt nicht nur ein Vakuum in unserer Gesellschaft auf, dem ihre Instrumente nicht abhelfen können; sie verweist auf den inneren Anspruch des menschlichen Wesens, der sich in pervertierter Form zur Geltung bringt, wenn er die rechte Antwort nicht findet.

Verehrte Hörerinnen und Hörer, hier gehört auch der Terrorismus als Beispiel her. Ich meine hier nicht den islamischen Terrorismus, wie wir ihn seit September diesen Jahres kennen, und ich möchte ihn ausdrücklich ausklammern, weil das Ereignis noch zu nahe vor uns liegt. Es fehlt die nötige Distanz. Denn nur Abstand bringt die Dinge näher. Ich beschränke mich auf unseren europäischen Terrorismus, und wenn Sie Vergleiche daraus zum islamischen Terrorismus der Gegenwart ziehen können, dann ist das nicht verboten. Der Ausgangspunkt des Terrorismus ist dem der Droge nahe verwandt: Auch hier steht am Anfang der Protest gegen die Welt, wie sie ist und das heiße Verlangen nach einer besseren Welt. Der Terrorismus ist von seiner Wurzel her ein Moralismus, allerdings ein fehlgeleiteter, der zur grausamen Parodie auf die wahren Ziele des Moralischen wird.

Es ist kein Zufall, dass der Terrorismus damals in Deutschland seinen Anfang an den Universitäten genommen hat und hier wieder im Umkreis moderner Theologie bei ursprünglich stark vom Religiösen herkommenden jungen Menschen. Sie dürfen nicht vergessen, dass ein Teil der Terroristen aus evangelischen Pfarrhäusern kam. Der Terrorismus der ersten Stunde war ein ins Irdische umgeleiteter religiöser Enthusiasmus, eine in politischen Fanatismus transportierte messianische Erwartung. Der Glaube ans Jenseits war zerbrochen oder er war belanglos geworden. Der Maßstab der jenseitigen Erwartung wurde aber nicht preisgegeben, sondern nun an die gegenwärtige irdische Welt angelegt. Gott wurde nicht mehr als wirklich Handelnder angesehen, aber die Erfüllung seiner Verheißung nach wie vor – und erst recht – verlangt. „Gott hat keine anderen Arme und Hände als die unsrigen“, – das bedeutet nun, dass die Einlösung dieser Verheißung von uns selbst besorgt werden kann und muss. Gott hat ja keine anderen Hände. Darum gebe ich ihm meine, ergreife das Maschinengewehr und versuche mit Waffengewalt das Reich Gott es auf Erden zu verwirklichen.

Der Ekel an der geistigen und seelischen Leere unserer Gesellschaft, der Anspruch auf das unbedingte Heil ohne Schranken ist die sogenannte religiöse Komponente im Terrorismus, die ihm die Schwungkraft und die Leidenschaft des Idealistischen gab. Dies alles wird so gefährlich aufgrund der entschiedenen Diesseitigkeit der messianischen Hoffnung. Vom Bedingten wird das Unbedingte, vom Endlichen das Unendliche verlangt. Dieser innere Widerspruch zeigt die eigentliche Tragik des Phänomens auf, in dem die große Berufung des Menschen zum Instrument der großen Lüge wird.

Nun ein weiteres Beispiel: Eine omnipotente Naturwissenschaft wird zur großen Gefährdung des Menschen. Warum? Die Wissenschaft hat in Europa dazu geführt, die Verfahrensmethoden der experimentellen Forschung auch auf die Gebiete des menschlichen Lebens, der Kultur, der Religion, der Ethik, der Moral, der Künste, der Erziehung und der Menschenführung auszudehnen. Hierbei kam es zur unheilvollsten Übertragung. Denn um leben, um als Mensch leben und überleben zu können, bedarf das Menschliche von Natur aus der Dauer, der Stabilität, der Gewissheit des Absoluten, ja der Gewissheit des Heiligen.

Nun aber wird der Bereich der Wissenschaft und der Technologie von Folgendem geprägt: Rasches Veralten des Erreichten, vom Wesen her ständiges Infragestellen der Grundsätze selbst, der Hypothesen und der Ideen. Es zeigt sich hier ein Relativismus und ein Pluralismus, die nicht einfach auf den Menschen übertragen werden können, ohne dass dieser selbst an Leib und Seele verkümmert und schließlich stirbt.

Verehrte Hörerinnen und Hörer, unsere Frage lautet deshalb: Kann der europäische Mensch aus eigener Kraft all diese Gifte ausschwitzen oder überwinden? Oder kann man berechtigterweise nur dann auf eine Tiefenheilung hoffen, wenn die europäischen Werte wieder ihre Quelle finden, ihren gemeinsamen Bezugspunkt: das transzendentale Absolute, das wir Gott nennen?

Christus wird in der Theologie, genauer in der Christologie, als „ecce Deus“ und „ecce homo“ definiert. Als Gott und Mensch. Unsere europäische Anthropologie ist darum christologisch in der dogmatischen Formel des Konzils von Chalzedon verwurzelt, wo das Konzil erklärt: Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich. Dieses christologische Dogma betont damit die enge Verwandtschaft zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen, ihre wesensgemäße Übereinstimmung, die es dem göttlichen Wort ermöglicht, Träger der menschlichen Natur zu werden. Deswegen sagte z.B. Romano Guardini in seinem berühmten Vortrag auf dem ersten Berliner Katholikentag: „Nur wer Gott kennt, der kennt auch den Menschen.“ Die Gottähnlichkeit des Menschen, der ja nach dem Bilde Gottes erschaffen ist, vollendet sich in der Menschwerdung Gottes. Nirgends ist der Mensch in seiner Würde deshalb höher definiert als im Christentum. Die orthodoxen Theologen haben sogar den Mut, von der Gottwerdung des Menschen durch die Menschwerdung Gottes zu sprechen.

Verehrte Hörerinnen und Hörer, so wie ein Spiegel keinen nichtexistierenden Gegenstand widerzuspiegeln vermag, so wäre in der Tat die menschliche Person in ihrem Hunger und Durst nach dem Absoluten und dem Unendlichen ohne einen absoluten Archetyp, ohne Gott , unerklärlich.

Erlauben Sie, dass ich dies noch an einem anderen Beispiel zu verdeutlichen suche. Ich musste einmal für ein halbes Jahr zu einer stationären Behandlung in ein staatliches Krankenhaus in der ehemaligen DDR. Ich hatte mein Zimmer mit einem handfesten Atheisten zu teilen, der darüber hinaus noch Mitglied der SED war. Wenn man dann so gemeinsam buchstäblich auf dem Kreuz liegt und an die Decke des Krankenzimmers schaut, da sagt man sich schon einmal Dinge, die man sich vielleicht von Angesicht zu Angesicht nicht so unbedingt sagen würde.

Eines Tages fragte mich dieser Atheist: „Eigentlich bist du doch ein ganz ‚normaler Typ’. Wie kannst du noch an Gott glauben? Das ist doch etwas von vorgestern.“ Ich überlegte, wie ich diesem Mann eine Brücke zu der Welt Gottes bauen könnte. Mir kam ein Gedanke, und gab zur Antwort: „Ich möchte dir jetzt zwei Fragen stellen, die dich vielleicht ein wenig verwundern, aber die es in sich haben. Frage Nummer eins: Möchtest du schlecht sein, und zwar so schlecht, dass die anderen sagen: Der da taugt keinen Schuss Pulver?“ Die Antwort: „das möchte ich natürlich nicht!“ „Aber“, so antwortete ich wieder, „du sagst doch als Materialist, dass jede Wirkung eine Ursache haben muss. Und darum frage ich dich jetzt: „Warum möchtest du nicht schlecht sein? Das muss doch einen Grund haben, das muss doch eine Ursache haben?“ Da gab er mir nach einigen Überlegungen die Antwort: „Das weiß ich nicht.“ Ich konnte ihm entgegnen: „Aber ich weiß es. Du und ich, wir sind gar keine Urbilder, keine Originale, sondern wir sind Abbilder. Das Urbild, das wir Gott nennen ist das höchste Gut und weil Gott absolut gut ist kann der Mensch als Abbild Gottes nicht ungut sein wollen, dass geht nicht. Und wenn wir es aber doch gelegentlich sind und werden dabei ertappt, dann bäumt sich das besudelte Ebenbild Gottes in uns auf, so dass sich das bis ins Gesicht hinein zeigen kann, dann wird man rot und man fängt an zu schwitzen.“

Und ich habe eine zweite Frage gestellt. Die zweite Frage lautete: „Möchtest du ungeliebt sein? Glaubst du, das jemand den Satz über seine Lippen bringt ‚Ich möchte niemanden haben, der mich liebt’?“ Da gab er mir die erschrockene Antwort: „Das wäre ja die Hölle“. Verehrte Hörerinnen und Hörer, ich frage Sie nun, woher kennt dieser Atheist, ohne Religionsunterricht und ohne religiöse Unterweisung, die präzise theologische Definition dessen, was die Hölle ist. ‚Ich habe niemand der mich liebt, das wäre ja die Hölle’. Woher weiß der das? Er weiß es, weil er auch als Atheist Ebenbild Gottes ist und damit eine gottmenschliche Struktur aufweist.

Selbst ein so radikaler Denker wie Friedrich Nietzsche, der – wie ich meine – der ehrlichste und damit aber auch zugleich der gefährlichste aller Atheisten war, der das Christentum bis ins Mark hinein getroffen hat, der hatte Stunden, in denen das Ebenbild Gottes in ihm aufschrie und aufjammerte. In einer solchen Situation schreibt er ein Gedicht in dem er sein Leben vergleicht mit einer trostlosen Wanderung durch ödes Winterland. Und der Refrain der Strophen lautet immer: „Und über mir ziehen die Raben zur Stadt, weh dem, der keine Heimat hat!“ Einige Jahre später geht in Turin ein Mann auf eine Pferdekutsche zu, um sein umnachtetes Haupt hilfesuchend an den Kopf des Pferdes zu legen. Es ist der Dichter der Verse: „weh dem, der keine Heimat hat“. Da er nicht das Haupt voll Blut und Wunden kannte, musste er sich den Kopf eines Pferdes aussuchen.

Ich meine, diese Szene ist eine erschütternde Blitzaufnahme der europäischen Situation. Ich sage es noch einmal: Gerade in der gottesgestaltigen und gottmenschlichen Struktur der menschlichen Person entdeckt der Mensch die Gottesvorstellung. Dies zeigt sich zum Beispiel eben darin, daß ein SED-Genosse intuitiv die Definition der Hölle kannte.

Verehrte Hörerinnen und Hörer, was haben wir nun zu tun? Nicht den Glauben auf das rein Religiöse zu reduzieren – das ist immer unkatholisch –, sondern – um das biblische Bild vom Salz zu verwenden –, den Glauben in die irdischen Wirklichkeiten hineinzumengen, ohne ihn zu vermischen. So wie Gottheit und Menschheit in Jesus Christus unvermischt sind, so müssen wir den Glauben hineinmengen in unsere Gesellschaft, ohne ihn zu vermischen.

Der Wille zu einer rein religiösen Verwirklichung des Evangelium unter Ausklammerung des politischen, sozialen und kulturellen Raumes wird nicht der weltlichen Verantwortung des Glaubens gerecht. Echte Glaubenspraxis, d.h. richtiges Handeln, geht aus der Wahrheit hervor, und um sie muss gerungen werden. Wir sagen: Alle Theorie ist grau. Praxis ohne Theorie ist aber gräulich. Es muss um die Wahrheit gerungen werden. Es soll weniger dabei um unmittelbare Wirkung gehen. Wir sollen einfach die Wahrheit zum Leuchten bringen. Und diese Wahrheit ist eine Macht; die andere fasziniert, aber nur dann, wenn man von ihr keine unmitt elbare Wirkung verlangt.“

Hier liegt im Hinblick auf den sogenannten Reevangelisierungsprozess die Aufgabe der Kirche in der Gegenwart. Die Kirche sollte zunächst einmal sie selbst sein. Sie darf sich nicht einfach zu einem bloßen Mittel der Moralisierung oder Ethisierung der Gesellschaft , wie sich das heute viele wünschen, instrumentalisieren lassen. Ganz besonders darf sich die Kirche nicht selbst durch die Nützlichkeit ihrer Sozialwerke rechtfertigen wollen. Je intensiver die Kirche das tut, was ihr gleichsam zusätzlich hinzugegeben worden ist, je intensiver sie das als Hauptziel angeht, desto mehr wird sie gerade darin versagen. Wir haben, so meine ich, verehrte Hörerinnen und Hörer, dafür ausreichend Anschauungsmaterial.

Je mehr sich die Kirche vor allem als Institut sozialen Fortschritts definiert, desto mehr trocknen die sozialen Berufungen aus, die Berufe des Dienens für Alte, Kranke und Kinder, die doch in Blüte standen, als der Blick der Kirche noch wesentlich auf Gott hin ausgerichtet war. Aus Erfahrung erkennen wir die Richtigkeit des Herrenwortes: „Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit; dann wird euch alles andere dazugegeben werden“ (Mt 6, 33). Suchen wir jedoch zuerst das Dazugegebene, bekommen wir es doch nicht und verlieren schließlich auch noch das Reich Gottes.

Zeitgenössische ungläubige Philosophen, wie etwa Max Horkheimer, haben den Versuch von Theologieprofessoren angeprangert, sich am Glaubenskern des Christentums vorbeizumogeln, die Heiligste Dreifaltigkeit, den Himmel, die Hölle, die Engel, den Teufel und die Erzählungen der Bibel unanstößig zu machen, indem sie ins rein Bildhafte, ins rein Symbolische zurückgestuft werden. Diese ungläubigen Philosophen sagen: Klammern die Theologen das Dogma aus, ist die Geltung ihrer Rede nichtig. Sie beugen sich dann jener Furcht vor der Wahrheit, in der die geistige Verflachung der Gegenwart wurzelt.

So also kann man die Kirche und die Kirche die Welt nicht retten. Vielmehr muss sie ihr Ureigenes tun, den Auftrag erfüllen, auf dem ihre Identität gründet: Gott verkünden und das Reich Gottes bekannt machen!

Gerade und nur so entsteht der geistige Raum, in dem das Moralische und das Ethische seine Existenz zurückgewinnen kann, und zwar weit über den Kreis der Glaubenden hinaus. Ihre Verantwortung für die Gesellschaft muss die Kirche in dem Sinne wahrnehmen, dass sie das Göttliche und das daraus folgende Moralische einsichtig werden lässt. Die Kirche muss überzeugen. Indem sie Überzeugung schafft , öffnet sie den Raum für das, was ihr anvertraut ist und immer nur über Verstand, Wille und Gefühl zugänglich gemacht werden kann. Die Kirche muss dabei leidensbereit sein; nicht durch institutionelle Stärke, sondern durch Zeugnis, durch Liebe, durch Leben, durch Leiden muss sie dem Göttlichen den Raum bereiten und so der Gesellschaft helfen, ihre moralische Identität zu finden. Unsere deutsche Sprache bringt das sehr schön zum Ausdruck. Danach ist Leid nur ein anderer Name für Liebe. Wenn ich jemand sehr gern mag, kann ich sagen: „Ich mag dich leiden“. Und wenn ich etwas sehr gerne habe, ist das meine große Passion, meine Leidenschaft.

Verehrte Hörerinnen und Hörer, das Ringen um die Reevangelisierung Europas ist in Zusammenhang mit der Überzeugung des hl. Augustinus zu sehen, der in der Weltgeschichte den Kampf der Selbstliebe bis hin zur Gottesverachtung und der Gottesliebe bis hin zur Selbstverachtung sieht. Die Geschichte ist geprägt von der Auseinandersetzung zwischen Liebe und der Unfähigkeit zu lieben, sprich von der Unfähigkeit zu leiden. Die Geschichte ist geprägt von jener Verödung der Seelen und Herzen, die dort eintritt – wie Kardinal Ratzinger einmal meisterhaft gesagt hat –, „wo der Mensch nur noch die quantifizierbaren Werte überhaupt als Werte und als Wirklichkeiten anzuerkennen vermag. Die Liebesfähigkeit, d.h. die Fähigkeit, auf das Unverfügbare in Geduld zu warten und sich von ihm beschenken zu lassen, wird erstickt durch die schnellen Erfüllungen, in denen ich auf niemanden angewiesen bin, aber auch nie aus mir heraustreten muss und darum auch nie in mich hineinfinde. Diese Zerstörung der Liebesfähigkeit gebiert die tödliche Langeweile. Sie ist die Vergiftung des Menschen.“ – soweit Kardinal Ratzinger. Verehrte Hörerinnen und Hörer, der Mensch bringt sich eher durch tödliches Gähnen vor Langeweile um als durch Stress. Deshalb sollte die Kirche auch in Gelassenheit und Vertrauen versuchen, sie selbst zu bleiben und die Wahrheit zu verkünden, die in sich eine Kraft ist, die andere ansteckt und verwandelt.

Ein russischer Verwaltungsbeamter aus der Zarenzeit zeigte sich erstaunt über die Weigerung eines orthodoxen Missionspriesters, die Heiden eiligst und schnell zu taufen. Der Priester wies alle administrativen und insbesonderealle statistischen Besorgnisse zurück und ließ die Ungläubigen in sehr bescheidenen Diensten die Liebe Christi fühlen: „Sie sollen nur einmal anfangen, den Saum des Kleides Christi zu berühren“, sagte er, „sie sollen seine unermessliche Liebe spüren, und dann wird der Herr ihre Herzen selbst verzaubern“. Nicht wir können den Glauben weitergeben, das macht Gott selbst. Wir müssen diesen Gott aber berührbar machen, so dass die Menschen den Saum seines Kleides zu packen bekommen, und wenn es nur von hinten ist. Dann wird er selbst die Herzen und die Gesichter der Menschen verzaubern. Christus in dieser Weise berührbar zu machen ist uns aufgetragen. Für mich sind hier zwei Schriftstellen so wichtig und trostvoll. Das ist zum einen die soeben von mir zitierte kranke Frau, die von hinten den Saum des Gewandes Jesus berührte und geheilt wird (Mt 9, 20) und die zweite Stelle ist in der Apostelgeschichte zu finden. Die Apostel gehen nach der Erhöhung des Herrn in den Tempel um zu beten. Die Bewohner von Jerusalem legen ihre Kranken an den Weg, den die Apostel gehen, damit wenigstens ihre Schatten auf die Kranken fällt, der sie alle heilt (Apg 5.12-16). Als europäische Bischöfe, Priester und Christen werden wir uns dann nur zufrieden geben dürfen, wenn Europa von solchen heilenden, schattenspendenden Menschen flächendeckend überspannt ist. Dass wir wirklich mit ihm in Berührung kommen, wenn wir die Kirche berühren, das muss unsere permanente Sorge sein.

+ Joachim Kardinal Meisner Erzbischof von Köln

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