Teamgeist und Mut bei Reform des Kommunikationswesens

Generalversammlung Des Sekretariats Für Kommunikation, 4 Maggio 2017 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Audienzansprache vor erster Generalversammlung
des Sekretariats für Kommunikation

Papst Franziskus legte in seiner Audienzansprache vor den Teilnehmern der ersten Generalversammlung des Sekretariats für Kommunikation am Morgen des 4. Mai 2017 dar, dass er das neue Dikasterium gewünscht habe, um die Kommunikationsstruktur des Heiligen Stuhls zu erneuern und zu vereinheitlichen. Die Generalversammlung des Dikasteriums, das am 27. Mai 2015 gegründet wurde, tagt vom 3. bis 5. Mai 2017.

Die Tagung diene dazu, so führte der Papst aus, sich gegenseitig besser kennenzulernen, die ersten Arbeitsschritte zu analysieren und über die digitale Kultur zu reflektieren. Im Zentrum stehe die Frage, neue Möglichkeiten der Evangelisierung zu untersuchen und zu erarbeiten.

Papst Franziskus ermutigte die Mitarbeiter, dass eine Reform Vorhandenem eine andere Form gebe und mit Intelligenz, Milde, aber auch Nachdruck umzusetzen sei. Ziel seien Integration und Einheitlichkeit; daher seien alle Organe, die sich mit der Kommunkation des Heiligen Stuhls befassten, in einem Dikasterium zusammengefaßt worden.

Papst Franziskus sprach an, dass im nächsten Jahr der „Osservatore Romano“, „Radio Vatikan“ und die „Editrice Libreria Vaticana“ eine neue und andere Form finden müssten, um in Zukunft höhere Adressatenzahlen zu verzeichnen. Die bestehenden Institutionen bezeichnete der Papst als kostbares Patrimonium, das es zu bewahren und in die Zukunft zu führen gelte.

Jeder sei aufgerufen, zu dieser Reform beizutragen, ermutigte Papst Franziskus die Audienzteilnehmer und erinnerte sie Leid, Armut und Schwierigkeiten nicht aus den Augen zu verlieren. So könne das Evangelium allen zugänglich gemacht werden. Papst Franziskus rief zu Teamgeist und Mut auf. Abschließend erteilte er den apostolischen Segen.

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Quelle

Papst: Das Evangelium in der Sprache von heute verkünden

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Papst traf Ordensleute

Das Evangelium muss den Menschen von heute „in einer Sprache und auf eine Weise verkündet werden, die sie verstehen können“. Das sagte Papst Franziskus an diesem Samstag zu Ordensleuten. Die Menschen seien heute umgeben von „Prozessen rascher sozialer und kultureller Veränderung“. Das sei eine Herausforderung zur Kreativität für alle, die das Evangelium wirklich in unserer Zeit einheimisch machen wollten.

„Den Menschen nahe sein, die wie wir sind, den einfachen Menschen… Mir gefällt dieser Abschnitt aus dem Brief des Paulus an Timotheus, in dem er ihn an den Glauben erinnert, den er von seiner Mamma und seiner Oma empfangen hat. Die Einfachheit der Mamma, der Oma… Das ist das Fundament, nicht wahr? Wir sind keine Prinzen, Söhne von Prinzen oder Grafen oder Baronen, wir sind einfache Leute, Volk. Und darum gehen wir mit dieser Einfachheit zu den Einfachen und den Leidenden, den Kranken, den Kindern, den alleingelassenen Alten, den Armen, zu allen. Und diese Armut ist im Zentrum des Evangeliums, weil sie die Armut Jesu ist. Keine soziologische Armut – die Armut Jesu.“

Auch die Mittel der Evangelisierer seien „ganz kleine, einfache“, fuhr der Papst fort. Wir seien doch alle nur „klein“ und „unwürdig“: „Aber wir haben einen großen Horizont, das ist unser Glaube an die Macht des Herrn.“ Mit unserem Kleinsein verhalte es sich wie mit dem Samen aus dem biblischen Gleichnis, der immer größer werde und den der Herr wachsen lasse.

„Die Horizonte der Evangelisierung und die dringende Notwendigkeit, die Botschaft des Evangeliums allen ohne Ausnahme zu bringen, sind ein weites Feld für das Apostolat. So viele Menschen warten heute noch darauf, Jesus kennenzulernen, den einzigen Erlöser des Menschen, und viele ungerechte oder prekäre Situationen können glaubende Menschen nicht ruhig lassen!“

Die Evangelisierung sei heute eine „sehr dringende Mission“, und Voraussetzung für sie sei „die eigene Umkehr und die Umkehr der Gemeinschaft“. „Nur Herzen, die völlig offen sind für die Gnade, können die Zeichen unserer Zeit deuten und den Schrei der Menschheit nach Hoffnung und Frieden aufnehmen!“ Mut und Risikobereitschaft brauche es heute, „um auf die neuen Herausforderungen zu antworten und die Mission neu anzupacken“.

(rv 18.02.2017 sk)

Das Licht Christi verbreitet sich vom Randgebiet aus

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Caravaggio; Szene aus dem Evangelium nach Matthäus, in der ein junger, bartloser Jesus die deutlich älteren Brüder Simon (Petrus) und Andreas beruft (um 1605).

Ansprache von Papst Franziskus beim Angelusgebet
am 22. Januar

 

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag!

Der heutige Abschnitt aus dem Evangelium (vgl. Mt 4,12-23) berichtet vom Beginn der Verkündigung Jesu in Galiläa. Er verlässt Nazaret, ein Dorf in den Bergen, und lässt sich in Kafarnaum nieder, einem wichtigen Zentrum am Ufer des Sees. Die Stadt wurde überwiegend von Heiden bewohnt und war ein Knotenpunkt zwischen dem Mittelmeerraum und dem mesopotamischen Hinterland. Diese Entscheidung zeigt, dass die Adressaten seiner Verkündigung nicht nur seine Landsleute sind, sondern alle, die in das kosmopolitische »Galiläa der Heiden« kommen (V. 15; vgl. Jes 8,23): so wurde es genannt. Von der Hauptstadt Jerusalem aus gesehen ist jener Landstrich ein geographisches Randgebiet und im religiösen Sinne unrein, da dort viele Heiden lebten, aufgrund der Vermengung mit all jenen, die nicht zu Israel gehörten. Von Galiläa erwartete man sich gewiss nichts Großes für die Heilsgeschichte. Hingegen verbreitet sich gerade von dort – ja gerade von dort – jenes »Licht«, über das wir an den vergangenen Sonntagen nachgedacht haben: das Licht Christi. Es verbreitet sich gerade vom Randgebiet aus.

Die Botschaft Jesu nimmt die Botschaft des Täufers auf, da sie das »Himmelreich« verkündet (V. 17). Dieses Reich bringt nicht die Errichtung einer neuen politischen Macht mit sich, sondern die Erfüllung des Bundes zwischen Gott und seinem Volk, die eine Zeit des Friedens und der Gerechtigkeit eröffnen wird. Um diesen Bund mit Gott zu schließen, ist ein jeder aufgerufen, umzukehren und so seine Denk- und Lebensart zu verwandeln. Das ist wichtig: sich bekehren heißt nicht nur, seine Lebensweise zu verändern, sondern auch seine Denkweise. Es ist eine Verwandlung des Denkens. Es geht nicht darum, das Gewand zu wechseln, sondern die Gewohnheiten! Das, was Jesus von Johannes dem Täufer unterscheidet, sind der Stil und die Methode. Jesus entscheidet sich dafür, ein Wanderprediger zu sein. Er wartet nicht einfach auf die Leute, sondern er geht ihnen entgegen. Jesus ist immer auf der Straße!

Zu seinen ersten missionarischen Unternehmen kommt es entlang des Sees von Galiläa, im Kontakt mit der Menschenmenge, besonders mit den Fischern. Dort verkündet Jesus nicht nur das Kommen des Reiches Gottes, sondern sucht Gefährten, um sie an seiner Sendung des Heils zu beteiligen. An diesem selben Ort begegnet er zwei Paaren von Brüdern: Simon und Andreas sowie Jakobus und Johannes. Er ruft sie mit den Worten: »Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen« (V. 19). Der Ruf ergeht an sie mitten in ihrer alltäglichen Arbeit: der Herr offenbart sich uns nicht auf außergewöhnliche oder aufsehenerregende Weise, sondern in der Alltäglichkeit unseres Lebens. Dort müssen wir den Herrn finden; und dort offenbart er sich und lässt unser Herz seine Liebe verspüren; und dort – durch diesen Dialog mit ihm in der Alltäglichkeit des Lebens – verändert er unser Herz. Die Antwort der vier Fischer ist unmittelbar und spontan: »Sofort ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm« (V. 20). Wir wissen nämlich, dass sie Jünger des Täufers waren und dass sie dank seines Zeugnisses bereits begonnen hatten, an Jesus als den Messias zu glauben (vgl. Joh 1,35-42).

Für uns Christen von heute ist es eine Freude, unseren Glauben zu verkündigen und zu bezeugen, weil es jene erste Verkündigung gegeben hat, weil da jene einfachen und mutigen Männer gewesen sind, die großherzig dem Ruf Jesu entsprochen haben. Am Ufer des Sees, in einem unscheinbaren Landstrich, ist die erste Gemeinschaft der Jünger Christi entstanden. Das Bewusstsein dieser Anfänge möge in uns das Verlangen wecken, das Wort, die Liebe und die Zärtlichkeit Jesu in jeden Bereich zu bringen, auch in den unwegsamsten und abweisendsten. Das Wort in alle Randgebiete bringen! Alle Räume des menschlichen Lebens sind ein Boden, in den der Same des Evangeliums gesät werden muss, damit er Früchte des Heils bringe.

Die Jungfrau Maria stehe uns mit ihrer mütterlichen Fürsprache bei, voller Freude auf den Ruf Jesu zu antworten, uns in den Dienst des Reiches Gottes zu stellen.

Nach dem Angelusgebet sagte der Papst:

Liebe Brüder und Schwestern, wir begehen derzeit die Gebetswoche für die Einheit der Chris­ten. Dieses Jahr hat sie ein Wort zum Thema, das dem heiligen Paulus entnommen ist, der uns den zu beschreitenden Weg weist. Es lautet: »Versöhnung – die Liebe Christi drängt uns« (vgl. 2 Kor 5,14). Am kommenden Mittwoch werden wir die Gebetswoche mit der Feier der Vesper in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern beschließen, an der die Brüder und Schwestern der anderen christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften hier in Rom teilnehmen werden. Ich lade euch ein, beharrlich im Gebet zu sein, damit das Verlangen Jesu zur Erfüllung gelange: »Alle sollen eins sein« (Joh 17,21).

In den vergangenen Tagen haben Erdbeben und schwere Schneefälle erneut viele unserer Brüder und Schwestern in Mittelitalien einer schweren Prüfung unterzogen, besonders in den Abruzzen, in den Marken und in Latium. Ich stehe den Familien, die Opfer unter ihren Lieben zu betrauern haben, mit meinem Gebet und meiner Zuneigung nahe. Ich ermutige alle, die sich so großherzig bei den Rettungseinsätzen und Hilfsmaßnahmen engagieren, wie auch die Ortskirchen, die ihr Bestes tun, um die Leiden und Schwierigkeiten zu lindern. Vielen Dank für diese Nähe, für eure Arbeit und die konkrete Hilfe, die ihr leistet. Danke! Ich lade euch ein, gemeinsam zur Gottesmutter für die Opfer und auch für jene zu beten, die sich so großherzig bei den Hilfsmaßnahmen einsetzen. [Der Papst betet zusammen mit den Pilgern und Besuchern auf dem Petersplatz ein »Gegrüsset seist du Maria«.]

Im Fernen Osten und in verschiedenen Teilen der Welt bereiten sich Millionen von Männern und Frauen vor, am 28. Januar das Mond-Neujahr zu feiern. Mein herzlicher Gruß möge alle ihre Familien erreichen, verbunden mit dem Wunsch, dass sie immer mehr zu einer Schule werden, in der man lernt, den anderen zu achten, sich miteinander zu verständigen und auf selbstlose Weise füreinander zu sorgen. Die Freude der Liebe möge sich in den Familien ausbreiten und von ihnen aus auf die ganze Gesellschaft ausstrahlen.

Ich grüße euch, die Gläubigen aus Rom und die Pilger aus verschiedenen Ländern, besonders die Gruppe von Mädchen aus Panama und die Schüler des Instituts »Diego Sánchez de Talavera la Real« (Spanien). Ich grüße die Mitglieder des Katholischen Verbandes der Lehrer, Schulleiter, Erzieher und Ausbilder, der seinen 25. Nationalen Kongress beendet hat, und ich wünsche ihnen ein fruchtbares Arbeiten in der Erziehung, in Zusammenarbeit mit den Familien, immer in Zusammenarbeit mit den Familien!

Allen wünsche ich einen schönen Sonntag. Und bitte vergesst nicht, für mich zu beten. Gesegnete Mahlzeit und auf Wiedersehen!

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Quelle: Osservatore Romano 4/2017

Erzbischof Joachim Kardinal Meisner: „Europa und seine Lebenswerte“

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Vortrag in der Standpunktsendung
von Domradio und Radio Horeb

am 1. November 2001 in Köln

Grüß Gott , liebe Hörerinnen und Hörer!

„Europa und seine Lebenswerte“ ist das heutige abendliche Thema. In Europa ist Gott weithin abhanden gekommen. Da unsere Zivilisation und Kultur in Europa nur vom Evangelium und vom Dasein der Kirche her verstehbar ist, macht sich dieser Entgottungsvorgang, d.h. dieser Säkularisationsprozess auf allen Ebenen des Lebens innerhalb und außerhalb der Kirche schmerzlich bemerkbar.

Im gegenwärtigen gesellschaftlichen Kontext in Europa herrscht ein düsteres Bild vom Menschen vor. Das Große und das Heilige ist von vornherein verdächtig und muss vom Sockel gerissen und durchschaut werden. Moral gilt als Heuchelei und Glück als Selbstbetrug. Wer einfach dem Schönen und Guten traut, ist entweder von sträflicher Ahnungslosigkeit oder verfolgt böse Absichten. Der Verdacht ist die eigentliche moralische Grundkategorie, die eigentliche Haltung. Die Entlarvung ist der größte gesellschaftliche Erfolg. Gesellschaftskritik hat die erste Pflicht zu sein. Die Gefahren, die uns bedrohen, können gar nicht grell und grausam genug gezeichnet werden. Seit dem elften September bekommen diese Unheilspropheten ein neues Gewicht.

Allerdings ist die Lust am Negativen nicht unbegrenzt. Gleichzeitig gibt es nämlich eine Pflicht zum Optimismus, die nicht ungestraft verletzt werden darf. Wer etwa die Meinung äußern wollte, nicht alles in der geistigen Entwicklung der Neuzeit sei richtig gewesen; in einigen wesentlichen Punkten sei eine Rückbesinnung auf die gemeinsame Weisheit der großen Weltkulturen erforderlich, hat offenbar die falsche Art von Kritik gewählt. Er findet sich einer entschlossenen Verteidigung der neuzeitlichen Grundentscheidungen gegenüber und der Überzeugung, dass die Grundlinien der geschichtlichen Entwicklung „Fortschritt “ heißen. Das Gute liege daher in der Zukunft und nirgendwo sonst; das darf bei aller Lust am Negativen nicht bestritten werden.

Eine der folgenreichsten, falschen Grundentscheide der Neuzeit, verehrte Hörerinnen und Hörer, ist der Verzicht auf Transzendenz, das heißt: der Verzicht auf Gott . Unser Europa wurde bis in die jüngste Vergangenheit hinein mit dem Eigenschaftswort „christlich“ definiert. Wir sprachen immer von einem christlichen Europa bzw. von einem christlichen Abendland. Die Kultur und die Zivilisation Europas tragen eine Vielzahl grundlegender menschlicher Werte in ihrem Schoß, die ihre Quelle eindeutig im Evangelium Jesu Christi haben.

Da ist zunächst die Einmaligkeit eines jeden Menschen im europäischen Wertekanon zu erkennen. Biologisch, psychologisch und soziologisch ist jedes Menschenwesen absolut einmalig und darum unvergleichbar. Daraus folgt dann die Würde jedes Menschen und mithin das Recht auf Achtung vonseiten des Einzelnen und der Gesellschaft. Sodann, verehrte Hörerinnen und Hörer, ergibt sich aus dieser Einmaligkeit die Freiheit eines jeden Einzelnen und das Recht, die konkrete Gestaltung seiner Existenz selbst zu wählen und selbst zu bestimmen, oder die Gleichheit aller Menschen untereinander, die jede Diskriminierung ausschließt. Diese Werte – etwa Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Geschwisterlichkeit, würden wir letzteres heute benennen – prägen das soziale und das moralische Bild des Abendlandes und sind gleichsam der Ausdruck des europäischen Humanismus.

Dazu gehört eine wesentliche Grundkategorie des Christentums, das sich darin eins weiß mit der gesamten „vormodernen“ Menschheit, nämlich, dass im Sein des Menschen immer ein Sollen liegt, dass der Mensch nicht selbst aus Zweckmäßigkeitsberechnungen Moral erfindet, sondern er Moral im Wesen der Dinge vorfindet. Menschliche Vernunft beruht auf der Fähigkeit, diese Botschaft der Dinge zu vernehmen und danach sein Handeln auszurichten. Vernunft, verehrte Hörerinnen und Hörer, hat etwas mit „vernehmen“ zu tun. Das Gesetz Israels als Glaubensnorm verband den Kosmos mit der Geschichte und war Ausdruck der Wahrheit des Menschen wie der Wahrheit der Welt überhaupt. Damit verband sich die Überzeugung von den objektiven Werten, die sich im Sein der Welt aussagen, der Glaube, dass es Haltungen gibt, die der Botschaft der Schöpfung entsprechend wahr und daher immer in sich gut sind und dass es ebenso andere Haltungen gibt, die – weil dem Dasein widersprechend – in sich falsch und darum immer schlecht sind. Es verband sich damit die Überzeugung, dass uns der Wille des Schöpfers darin anruft und dass im Einklang unseres Willens mit dem Seinen unser eigenes Wesen recht und gut ist.

Alle diese humanistischen Werte, die unser Europa geprägt haben, sind bei näherer Analyse – ich habe es schon angedeutet – typisch christliche Werte. Der europäische Humanismus, verehrte Hörerinnen und Hörer, ist heute jedoch kaum mehr in einer christlichen Sicht der Welt begründet, wo Gott der Schöpfer und höchste Garant dieser eben genannten Werte und Norm ist. Es fehlt in der europäischen Gegenwart der Bezugspunkt, den das Absolute – nämlich Gott – für diese Werte darstellt. Wenn nun aber die humanistischen Werte und Ideen Europas auf sich selbst gestellt sind und nicht mehr um diesen gemeinsamen Bezugspunkt, um diese Verbindung mit dem transzendenten Absoluten mit Gott wissen, dann ist dies nicht einfach nur bedauerlich, sondern das ist höchst gefährlich. Diese Werte scheiden dann nämlich gleichsam auf natürliche Weise giftige Stoffe aus, die langsam das lebendige Gewebe unseres christlichen Abendlandes verseuchen und vergifen und schließlich zerstören, so dass die abendländische Gesellschaftsordnung kollabieren muss. Hier gilt das biblische Wort: „Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich; wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut“ (Mt 12,30).

Die Entkoppelung der Werte von dem transzendenten Bezugspunkt, von Gott , ist also nicht eine neutrale Erscheinung, sondern eine große Bedrohung. Unsere europäische Gegenwart trägt darum auf vielfältige Weise solche Todeskeime in sich, die den gesunden Organismus vergiften, ja zum Kollabieren kommen lassen. Man sollte sich nicht beeindrucken lassen von dem Wort: „Du bist ein Kulturpessimist“. „Die Wahrheit wird euch freimachen“ (Joh 8,32), sagt die Heilige Schrift und darum müssen wir uns der Analyse der Gegenwart stellen, wie sie nun einmal ist. Ich möchte für diese These einige Beispiele anführen.

Verehrte Hörerinnen und Hörer, der Wille, die angestammten Rechte eines jeden einzelnen Menschen anzuerkennen und zu gewähren, umfasst die entsprechenden Verpflichtungen von Seiten der anderen und der Gesellschaft bzw. des Staates. Diese Garantie der Rechte einer jeden Person kann jedoch zu einem hemmungslosen und grenzenlosen Individualismus führen, in dem dann der Einzelne so lebt, als sei er seiner Familie, seinem Land, seinem Staat, seiner Gesellschaft, seiner Kirche nichts mehr schuldig. Vielmehr, so meint er, seien es immer die Anderen – die Familie, die Gesellschaft, die Kirche, der Staat –, die ihm etwas schulden. Ein solcher Personalismus gleitet oft in Zügellosigkeit, Anarchie und Narzissmus ab.

Ein anderes Beispiel: Man will eine Gesellschaft schaffen, in der jeder und alles wirklich „gleich“ sei. Nicht selten führt dies jedoch in eine nivellierende Utopie, wo jede Differenzierung mit Bedacht ausgelöscht und eingeebnet wird. Ein solches Streben nach Gleichheit endet oftmals in einer Art Gleichmacherei, die schließlich alle Impulse, die einer Gesellschaft Profil zu geben vermögen, schwächt und alles in ein langweiliges, tödliches Grau eingießt, einwalzt und einbetoniert. Das war ja dann ja auch das Profil der sogenannten sozialistischen Gesellschaften. Das Recht auf Anderssein als einer Quelle der Inspiration, des Fortschritts wird hier praktisch nicht anerkannt.

Wieder ein weiteres Beispiel ist die Drogensucht. Das Drogenproblem ist ein Phänomen der Neuzeit. In dem Augenblick, in dem Lenin die Religionen als „Opium für das Volk“ diffamierte, griffen die Menschen im gleichen Augenblick zur Droge. Verehrte Hörerinnen und Hörer, die Versuchung zur Droge ist z.B. aus dem Mittelalter nirgendwo berichtet, weil damals der Durst der menschlichen Seele, des inneren Menschen, eine Antwort fand, die die Droge erübrigte. Im Drogenproblem wird der Protest gegen ein Dasein deutlich, das als Gefängnis empfunden wird. „Die große Reise“, die die Menschen in der Droge versuchen, ist die Pervertierungsform der christlichen Mystik, die Pervertierung des menschlichen Unendlichkeitsbedürfnisses, das Nein zur Unübersteigbarkeit der Immanenz und der Versuch, die Grenzen des eigenen Daseins ins Unendliche hinein zu entschränken. Verehrte Hörerinnen und Hörer, das geduldige und demütige Abenteuer der Askese, die sich in kleinen Schritten des Aufstiegs dem absteigenden Gott nähert, wird durch die magische Macht der Droge ersetzt, der sittliche und religiöse Weg durch die Technik der Gefühle. Die Droge ist so die Pseudo-Mystik einer Welt, die nicht glaubt, aber dennoch den Drang der Seele nach dem Unendlichen nicht abschütteln kann. Insofern ist die Droge ein Warnzeichen: Sie deckt nicht nur ein Vakuum in unserer Gesellschaft auf, dem ihre Instrumente nicht abhelfen können; sie verweist auf den inneren Anspruch des menschlichen Wesens, der sich in pervertierter Form zur Geltung bringt, wenn er die rechte Antwort nicht findet.

Verehrte Hörerinnen und Hörer, hier gehört auch der Terrorismus als Beispiel her. Ich meine hier nicht den islamischen Terrorismus, wie wir ihn seit September diesen Jahres kennen, und ich möchte ihn ausdrücklich ausklammern, weil das Ereignis noch zu nahe vor uns liegt. Es fehlt die nötige Distanz. Denn nur Abstand bringt die Dinge näher. Ich beschränke mich auf unseren europäischen Terrorismus, und wenn Sie Vergleiche daraus zum islamischen Terrorismus der Gegenwart ziehen können, dann ist das nicht verboten. Der Ausgangspunkt des Terrorismus ist dem der Droge nahe verwandt: Auch hier steht am Anfang der Protest gegen die Welt, wie sie ist und das heiße Verlangen nach einer besseren Welt. Der Terrorismus ist von seiner Wurzel her ein Moralismus, allerdings ein fehlgeleiteter, der zur grausamen Parodie auf die wahren Ziele des Moralischen wird.

Es ist kein Zufall, dass der Terrorismus damals in Deutschland seinen Anfang an den Universitäten genommen hat und hier wieder im Umkreis moderner Theologie bei ursprünglich stark vom Religiösen herkommenden jungen Menschen. Sie dürfen nicht vergessen, dass ein Teil der Terroristen aus evangelischen Pfarrhäusern kam. Der Terrorismus der ersten Stunde war ein ins Irdische umgeleiteter religiöser Enthusiasmus, eine in politischen Fanatismus transportierte messianische Erwartung. Der Glaube ans Jenseits war zerbrochen oder er war belanglos geworden. Der Maßstab der jenseitigen Erwartung wurde aber nicht preisgegeben, sondern nun an die gegenwärtige irdische Welt angelegt. Gott wurde nicht mehr als wirklich Handelnder angesehen, aber die Erfüllung seiner Verheißung nach wie vor – und erst recht – verlangt. „Gott hat keine anderen Arme und Hände als die unsrigen“, – das bedeutet nun, dass die Einlösung dieser Verheißung von uns selbst besorgt werden kann und muss. Gott hat ja keine anderen Hände. Darum gebe ich ihm meine, ergreife das Maschinengewehr und versuche mit Waffengewalt das Reich Gott es auf Erden zu verwirklichen.

Der Ekel an der geistigen und seelischen Leere unserer Gesellschaft, der Anspruch auf das unbedingte Heil ohne Schranken ist die sogenannte religiöse Komponente im Terrorismus, die ihm die Schwungkraft und die Leidenschaft des Idealistischen gab. Dies alles wird so gefährlich aufgrund der entschiedenen Diesseitigkeit der messianischen Hoffnung. Vom Bedingten wird das Unbedingte, vom Endlichen das Unendliche verlangt. Dieser innere Widerspruch zeigt die eigentliche Tragik des Phänomens auf, in dem die große Berufung des Menschen zum Instrument der großen Lüge wird.

Nun ein weiteres Beispiel: Eine omnipotente Naturwissenschaft wird zur großen Gefährdung des Menschen. Warum? Die Wissenschaft hat in Europa dazu geführt, die Verfahrensmethoden der experimentellen Forschung auch auf die Gebiete des menschlichen Lebens, der Kultur, der Religion, der Ethik, der Moral, der Künste, der Erziehung und der Menschenführung auszudehnen. Hierbei kam es zur unheilvollsten Übertragung. Denn um leben, um als Mensch leben und überleben zu können, bedarf das Menschliche von Natur aus der Dauer, der Stabilität, der Gewissheit des Absoluten, ja der Gewissheit des Heiligen.

Nun aber wird der Bereich der Wissenschaft und der Technologie von Folgendem geprägt: Rasches Veralten des Erreichten, vom Wesen her ständiges Infragestellen der Grundsätze selbst, der Hypothesen und der Ideen. Es zeigt sich hier ein Relativismus und ein Pluralismus, die nicht einfach auf den Menschen übertragen werden können, ohne dass dieser selbst an Leib und Seele verkümmert und schließlich stirbt.

Verehrte Hörerinnen und Hörer, unsere Frage lautet deshalb: Kann der europäische Mensch aus eigener Kraft all diese Gifte ausschwitzen oder überwinden? Oder kann man berechtigterweise nur dann auf eine Tiefenheilung hoffen, wenn die europäischen Werte wieder ihre Quelle finden, ihren gemeinsamen Bezugspunkt: das transzendentale Absolute, das wir Gott nennen?

Christus wird in der Theologie, genauer in der Christologie, als „ecce Deus“ und „ecce homo“ definiert. Als Gott und Mensch. Unsere europäische Anthropologie ist darum christologisch in der dogmatischen Formel des Konzils von Chalzedon verwurzelt, wo das Konzil erklärt: Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich. Dieses christologische Dogma betont damit die enge Verwandtschaft zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen, ihre wesensgemäße Übereinstimmung, die es dem göttlichen Wort ermöglicht, Träger der menschlichen Natur zu werden. Deswegen sagte z.B. Romano Guardini in seinem berühmten Vortrag auf dem ersten Berliner Katholikentag: „Nur wer Gott kennt, der kennt auch den Menschen.“ Die Gottähnlichkeit des Menschen, der ja nach dem Bilde Gottes erschaffen ist, vollendet sich in der Menschwerdung Gottes. Nirgends ist der Mensch in seiner Würde deshalb höher definiert als im Christentum. Die orthodoxen Theologen haben sogar den Mut, von der Gottwerdung des Menschen durch die Menschwerdung Gottes zu sprechen.

Verehrte Hörerinnen und Hörer, so wie ein Spiegel keinen nichtexistierenden Gegenstand widerzuspiegeln vermag, so wäre in der Tat die menschliche Person in ihrem Hunger und Durst nach dem Absoluten und dem Unendlichen ohne einen absoluten Archetyp, ohne Gott , unerklärlich.

Erlauben Sie, dass ich dies noch an einem anderen Beispiel zu verdeutlichen suche. Ich musste einmal für ein halbes Jahr zu einer stationären Behandlung in ein staatliches Krankenhaus in der ehemaligen DDR. Ich hatte mein Zimmer mit einem handfesten Atheisten zu teilen, der darüber hinaus noch Mitglied der SED war. Wenn man dann so gemeinsam buchstäblich auf dem Kreuz liegt und an die Decke des Krankenzimmers schaut, da sagt man sich schon einmal Dinge, die man sich vielleicht von Angesicht zu Angesicht nicht so unbedingt sagen würde.

Eines Tages fragte mich dieser Atheist: „Eigentlich bist du doch ein ganz ‚normaler Typ’. Wie kannst du noch an Gott glauben? Das ist doch etwas von vorgestern.“ Ich überlegte, wie ich diesem Mann eine Brücke zu der Welt Gottes bauen könnte. Mir kam ein Gedanke, und gab zur Antwort: „Ich möchte dir jetzt zwei Fragen stellen, die dich vielleicht ein wenig verwundern, aber die es in sich haben. Frage Nummer eins: Möchtest du schlecht sein, und zwar so schlecht, dass die anderen sagen: Der da taugt keinen Schuss Pulver?“ Die Antwort: „das möchte ich natürlich nicht!“ „Aber“, so antwortete ich wieder, „du sagst doch als Materialist, dass jede Wirkung eine Ursache haben muss. Und darum frage ich dich jetzt: „Warum möchtest du nicht schlecht sein? Das muss doch einen Grund haben, das muss doch eine Ursache haben?“ Da gab er mir nach einigen Überlegungen die Antwort: „Das weiß ich nicht.“ Ich konnte ihm entgegnen: „Aber ich weiß es. Du und ich, wir sind gar keine Urbilder, keine Originale, sondern wir sind Abbilder. Das Urbild, das wir Gott nennen ist das höchste Gut und weil Gott absolut gut ist kann der Mensch als Abbild Gottes nicht ungut sein wollen, dass geht nicht. Und wenn wir es aber doch gelegentlich sind und werden dabei ertappt, dann bäumt sich das besudelte Ebenbild Gottes in uns auf, so dass sich das bis ins Gesicht hinein zeigen kann, dann wird man rot und man fängt an zu schwitzen.“

Und ich habe eine zweite Frage gestellt. Die zweite Frage lautete: „Möchtest du ungeliebt sein? Glaubst du, das jemand den Satz über seine Lippen bringt ‚Ich möchte niemanden haben, der mich liebt’?“ Da gab er mir die erschrockene Antwort: „Das wäre ja die Hölle“. Verehrte Hörerinnen und Hörer, ich frage Sie nun, woher kennt dieser Atheist, ohne Religionsunterricht und ohne religiöse Unterweisung, die präzise theologische Definition dessen, was die Hölle ist. ‚Ich habe niemand der mich liebt, das wäre ja die Hölle’. Woher weiß der das? Er weiß es, weil er auch als Atheist Ebenbild Gottes ist und damit eine gottmenschliche Struktur aufweist.

Selbst ein so radikaler Denker wie Friedrich Nietzsche, der – wie ich meine – der ehrlichste und damit aber auch zugleich der gefährlichste aller Atheisten war, der das Christentum bis ins Mark hinein getroffen hat, der hatte Stunden, in denen das Ebenbild Gottes in ihm aufschrie und aufjammerte. In einer solchen Situation schreibt er ein Gedicht in dem er sein Leben vergleicht mit einer trostlosen Wanderung durch ödes Winterland. Und der Refrain der Strophen lautet immer: „Und über mir ziehen die Raben zur Stadt, weh dem, der keine Heimat hat!“ Einige Jahre später geht in Turin ein Mann auf eine Pferdekutsche zu, um sein umnachtetes Haupt hilfesuchend an den Kopf des Pferdes zu legen. Es ist der Dichter der Verse: „weh dem, der keine Heimat hat“. Da er nicht das Haupt voll Blut und Wunden kannte, musste er sich den Kopf eines Pferdes aussuchen.

Ich meine, diese Szene ist eine erschütternde Blitzaufnahme der europäischen Situation. Ich sage es noch einmal: Gerade in der gottesgestaltigen und gottmenschlichen Struktur der menschlichen Person entdeckt der Mensch die Gottesvorstellung. Dies zeigt sich zum Beispiel eben darin, daß ein SED-Genosse intuitiv die Definition der Hölle kannte.

Verehrte Hörerinnen und Hörer, was haben wir nun zu tun? Nicht den Glauben auf das rein Religiöse zu reduzieren – das ist immer unkatholisch –, sondern – um das biblische Bild vom Salz zu verwenden –, den Glauben in die irdischen Wirklichkeiten hineinzumengen, ohne ihn zu vermischen. So wie Gottheit und Menschheit in Jesus Christus unvermischt sind, so müssen wir den Glauben hineinmengen in unsere Gesellschaft, ohne ihn zu vermischen.

Der Wille zu einer rein religiösen Verwirklichung des Evangelium unter Ausklammerung des politischen, sozialen und kulturellen Raumes wird nicht der weltlichen Verantwortung des Glaubens gerecht. Echte Glaubenspraxis, d.h. richtiges Handeln, geht aus der Wahrheit hervor, und um sie muss gerungen werden. Wir sagen: Alle Theorie ist grau. Praxis ohne Theorie ist aber gräulich. Es muss um die Wahrheit gerungen werden. Es soll weniger dabei um unmittelbare Wirkung gehen. Wir sollen einfach die Wahrheit zum Leuchten bringen. Und diese Wahrheit ist eine Macht; die andere fasziniert, aber nur dann, wenn man von ihr keine unmitt elbare Wirkung verlangt.“

Hier liegt im Hinblick auf den sogenannten Reevangelisierungsprozess die Aufgabe der Kirche in der Gegenwart. Die Kirche sollte zunächst einmal sie selbst sein. Sie darf sich nicht einfach zu einem bloßen Mittel der Moralisierung oder Ethisierung der Gesellschaft , wie sich das heute viele wünschen, instrumentalisieren lassen. Ganz besonders darf sich die Kirche nicht selbst durch die Nützlichkeit ihrer Sozialwerke rechtfertigen wollen. Je intensiver die Kirche das tut, was ihr gleichsam zusätzlich hinzugegeben worden ist, je intensiver sie das als Hauptziel angeht, desto mehr wird sie gerade darin versagen. Wir haben, so meine ich, verehrte Hörerinnen und Hörer, dafür ausreichend Anschauungsmaterial.

Je mehr sich die Kirche vor allem als Institut sozialen Fortschritts definiert, desto mehr trocknen die sozialen Berufungen aus, die Berufe des Dienens für Alte, Kranke und Kinder, die doch in Blüte standen, als der Blick der Kirche noch wesentlich auf Gott hin ausgerichtet war. Aus Erfahrung erkennen wir die Richtigkeit des Herrenwortes: „Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit; dann wird euch alles andere dazugegeben werden“ (Mt 6, 33). Suchen wir jedoch zuerst das Dazugegebene, bekommen wir es doch nicht und verlieren schließlich auch noch das Reich Gottes.

Zeitgenössische ungläubige Philosophen, wie etwa Max Horkheimer, haben den Versuch von Theologieprofessoren angeprangert, sich am Glaubenskern des Christentums vorbeizumogeln, die Heiligste Dreifaltigkeit, den Himmel, die Hölle, die Engel, den Teufel und die Erzählungen der Bibel unanstößig zu machen, indem sie ins rein Bildhafte, ins rein Symbolische zurückgestuft werden. Diese ungläubigen Philosophen sagen: Klammern die Theologen das Dogma aus, ist die Geltung ihrer Rede nichtig. Sie beugen sich dann jener Furcht vor der Wahrheit, in der die geistige Verflachung der Gegenwart wurzelt.

So also kann man die Kirche und die Kirche die Welt nicht retten. Vielmehr muss sie ihr Ureigenes tun, den Auftrag erfüllen, auf dem ihre Identität gründet: Gott verkünden und das Reich Gottes bekannt machen!

Gerade und nur so entsteht der geistige Raum, in dem das Moralische und das Ethische seine Existenz zurückgewinnen kann, und zwar weit über den Kreis der Glaubenden hinaus. Ihre Verantwortung für die Gesellschaft muss die Kirche in dem Sinne wahrnehmen, dass sie das Göttliche und das daraus folgende Moralische einsichtig werden lässt. Die Kirche muss überzeugen. Indem sie Überzeugung schafft , öffnet sie den Raum für das, was ihr anvertraut ist und immer nur über Verstand, Wille und Gefühl zugänglich gemacht werden kann. Die Kirche muss dabei leidensbereit sein; nicht durch institutionelle Stärke, sondern durch Zeugnis, durch Liebe, durch Leben, durch Leiden muss sie dem Göttlichen den Raum bereiten und so der Gesellschaft helfen, ihre moralische Identität zu finden. Unsere deutsche Sprache bringt das sehr schön zum Ausdruck. Danach ist Leid nur ein anderer Name für Liebe. Wenn ich jemand sehr gern mag, kann ich sagen: „Ich mag dich leiden“. Und wenn ich etwas sehr gerne habe, ist das meine große Passion, meine Leidenschaft.

Verehrte Hörerinnen und Hörer, das Ringen um die Reevangelisierung Europas ist in Zusammenhang mit der Überzeugung des hl. Augustinus zu sehen, der in der Weltgeschichte den Kampf der Selbstliebe bis hin zur Gottesverachtung und der Gottesliebe bis hin zur Selbstverachtung sieht. Die Geschichte ist geprägt von der Auseinandersetzung zwischen Liebe und der Unfähigkeit zu lieben, sprich von der Unfähigkeit zu leiden. Die Geschichte ist geprägt von jener Verödung der Seelen und Herzen, die dort eintritt – wie Kardinal Ratzinger einmal meisterhaft gesagt hat –, „wo der Mensch nur noch die quantifizierbaren Werte überhaupt als Werte und als Wirklichkeiten anzuerkennen vermag. Die Liebesfähigkeit, d.h. die Fähigkeit, auf das Unverfügbare in Geduld zu warten und sich von ihm beschenken zu lassen, wird erstickt durch die schnellen Erfüllungen, in denen ich auf niemanden angewiesen bin, aber auch nie aus mir heraustreten muss und darum auch nie in mich hineinfinde. Diese Zerstörung der Liebesfähigkeit gebiert die tödliche Langeweile. Sie ist die Vergiftung des Menschen.“ – soweit Kardinal Ratzinger. Verehrte Hörerinnen und Hörer, der Mensch bringt sich eher durch tödliches Gähnen vor Langeweile um als durch Stress. Deshalb sollte die Kirche auch in Gelassenheit und Vertrauen versuchen, sie selbst zu bleiben und die Wahrheit zu verkünden, die in sich eine Kraft ist, die andere ansteckt und verwandelt.

Ein russischer Verwaltungsbeamter aus der Zarenzeit zeigte sich erstaunt über die Weigerung eines orthodoxen Missionspriesters, die Heiden eiligst und schnell zu taufen. Der Priester wies alle administrativen und insbesonderealle statistischen Besorgnisse zurück und ließ die Ungläubigen in sehr bescheidenen Diensten die Liebe Christi fühlen: „Sie sollen nur einmal anfangen, den Saum des Kleides Christi zu berühren“, sagte er, „sie sollen seine unermessliche Liebe spüren, und dann wird der Herr ihre Herzen selbst verzaubern“. Nicht wir können den Glauben weitergeben, das macht Gott selbst. Wir müssen diesen Gott aber berührbar machen, so dass die Menschen den Saum seines Kleides zu packen bekommen, und wenn es nur von hinten ist. Dann wird er selbst die Herzen und die Gesichter der Menschen verzaubern. Christus in dieser Weise berührbar zu machen ist uns aufgetragen. Für mich sind hier zwei Schriftstellen so wichtig und trostvoll. Das ist zum einen die soeben von mir zitierte kranke Frau, die von hinten den Saum des Gewandes Jesus berührte und geheilt wird (Mt 9, 20) und die zweite Stelle ist in der Apostelgeschichte zu finden. Die Apostel gehen nach der Erhöhung des Herrn in den Tempel um zu beten. Die Bewohner von Jerusalem legen ihre Kranken an den Weg, den die Apostel gehen, damit wenigstens ihre Schatten auf die Kranken fällt, der sie alle heilt (Apg 5.12-16). Als europäische Bischöfe, Priester und Christen werden wir uns dann nur zufrieden geben dürfen, wenn Europa von solchen heilenden, schattenspendenden Menschen flächendeckend überspannt ist. Dass wir wirklich mit ihm in Berührung kommen, wenn wir die Kirche berühren, das muss unsere permanente Sorge sein.

+ Joachim Kardinal Meisner Erzbischof von Köln

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BENEDIKT XVI.: DAS JAHR DES GLAUBENS: WIE KÖNNEN WIR VON GOTT SPRECHEN?

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GENERALAUDIENZ

Aula Paolo VI
Mittwoch, 28. November 2012

 

Liebe Brüder und Schwestern!

Die zentrale Frage, die wir uns heute stellen, ist folgende: Wie können wir in unserer Zeit von Gott sprechen? Wie können wir das Evangelium verkündigen, um in den oft verschlossenen Herzen unserer Zeitgenossen und in ihrem Verstand, der oft von vielen Blendungen der Gesellschaft abgelenkt ist, Wege zu seiner Heilswahrheit zu öffnen? Jesus selbst hat sich das, wie die Evangelisten uns sagen, bei der Verkündigung des Reiches Gottes gefragt: »Womit sollen wir das Reich Gottes vergleichen, mit welchem Gleichnis sollen wir es beschreiben?« (Mk 4,30). Wie können wir heute von Gott sprechen? Die erste Antwort ist, daß wir von Gott sprechen können, weil er mit uns gesprochen hat. Die erste Voraussetzung für das Sprechen von Gott ist also das Hören dessen, was Gott selbst gesagt hat. Gott hat mit uns gesprochen!

Gott ist also keine ferne Hypothese über den Ursprung der Welt; er ist keine weit von uns entfernte mathematische Intelligenz. Gott kümmert sich um uns, er liebt uns, er ist persönlich in die Wirklichkeit unserer Geschichte eingetreten, er hat sich selbst mitgeteilt und ist sogar Mensch geworden. Gott ist also eine Wirklichkeit in unserem Leben, er ist so groß, daß er auch Zeit für uns hat, für uns sorgt. In Jesus von Nazaret begegnen wir dem Antlitz Gottes, der vom Himmel herabgekommen ist, um sich in die Welt der Menschen, in unsere Welt hineinzubegeben und die »Kunst des Lebens«, den Weg zum Glück zu lehren; um uns von der Sünde zu befreien und uns zu Söhnen Gottes zu machen (vgl. Eph 1,5; Röm 8,14). Jesus ist gekommen, um uns zu retten und uns das gute Leben des Evangeliums zu zeigen.

Von Gott sprechen heißt zunächst, sich darüber im klaren sein, was wir den Männern und Frauen unserer Zeit bringen sollen: keinen abstrakten Gott, keine Hypothese, sondern einen konkreten Gott, einen Gott, der existiert, der in die Geschichte eingetreten und in der Geschichte gegenwärtig ist; den Gott Jesu Christi als Antwort auf die grundsätzliche Frage des Warum und Wie unseres Lebens. Von Gott sprechen verlangt daher einen vertrauten Umgang mit Jesus und seinem Evangelium, es setzt unsere persönliche, wirkliche Erkenntnis Gottes voraus und eine große Leidenschaft für seinen Heilsplan, ohne der Versuchung des Erfolgs nachzugeben, sondern der Methode Gottes folgend. Gottes Methode ist die der Demut – Gott wird einer von uns –, es ist die Methode, die in der Menschwerdung im einfachen Haus von Nazaret und in der Grotte von Betlehem verwirklicht wurde, die Methode aus dem Gleichnis vom Senfkorn. Man darf die Demut der kleinen Schritte nicht fürchten und muß auf den Sauerteig vertrauen, der den Teig durchdringt und ihn langsam wachsen läßt (vgl. Mt 13,33). Beim Sprechen von Gott, bei der Evangelisierungstätigkeit unter der Führung des Heiligen Geistes, bedarf es einer Wiedererlangung der Einfachheit, einer Rückkehr zum Wesentlichen der Verkündigung: zur Frohen Botschaft von einem Gott, der wirklich und konkret ist, einem Gott, der sich um uns kümmert, einem Gott, der die Liebe ist und uns in Jesus Christus nahekommt bis zum Kreuz und der uns in der Auferstehung die Hoffnung schenkt und uns öffnet zu einem Leben, das kein Ende hat, zum ewigen Leben, zum wahren Leben. Der hl. Paulus, der ein hervorragender Kommunikator war, erteilt uns eine Lehre, die das Verständnis des Problems, wie man mit großer Einfachheit »von Gott sprechen« kann, mitten ins Herz trifft. Im Ersten Brief an die Korinther schreibt er: »Als ich zu euch kam, Brüder, kam ich nicht, um glänzende Reden oder gelehrte Weisheit vorzutragen, sondern um euch das Zeugnis Gottes zu verkündigen. Denn ich hatte mich entschlossen, bei euch nichts zu wissen außer Jesus Christus, und zwar als den Gekreuzigten « (2,1–2). Die erste Wirklichkeit ist also die, daß Paulus nicht über eine Philosophie spricht, die er selbst entwickelt hat, daß er nicht über Ideen spricht, die er irgendwo gefunden oder erfunden hat, sondern daß er von einer Wirklichkeit seines Lebens spricht, von dem Gott spricht, der in sein Leben eingetreten ist, daß er von einem wirklichen Gott spricht, der lebt, der mit ihm gesprochen hat und der mit uns sprechen wird, daß er vom gekreuzigten und auferstandenen Christus spricht.

Die zweite Wirklichkeit ist die, daß Paulus nicht sich selbst sucht, keine Bewunderer um sich scharen will, nicht in die Geschichte eingehen will als Oberhaupt einer Schule großer Erkenntnisse. Der hl. Paulus sucht nicht sich selbst, sondern verkündigt Christus und will die Menschen für den wahren und wirklichen Gott gewinnen. Paulus spricht nur mit dem Wunsch, das verkündigen zu wollen, was in sein Leben eingetreten und das wahre Leben ist, das ihn auf dem Weg nach Damaskus erobert hat. Von Gott sprechen heißt also, demjenigen Raum zu geben, der uns ihn kennenlernen läßt, der uns sein liebevolles Antlitz offenbart; es heißt, das eigene Ich zu entäußern und es Christus darzubringen, im Bewußtsein, daß nicht wir die anderen für Gott gewinnen können, sondern daß wir sie vielmehr von Gott selbst erwarten, von ihm erbitten müssen. Das Sprechen von Gott entsteht also aus dem Hören, aus unserer Erkenntnis Gottes, die im vertrauten Umgang mit ihm verwirklicht wird, im Leben des Gebets und nach den Geboten.

Den Glauben mitteilen bedeutet für den hl. Paulus nicht, sich selbst zu bringen, sondern offen und öffentlich zu sagen, was er bei der Begegnung mit Christus gesehen und gehört hat, was er in seinem nunmehr von jener Begegnung veränderten Leben erfahren hat: Es bedeutet, jenen Jesus zu bringen, den er in sich gegenwärtig spürt und der zur wahren Orientierung seines Lebens geworden ist, um allen zu verstehen zu geben, daß er notwendig für die Welt und entscheidend für die Freiheit eines jeden Menschen ist. Der Apostel begnügt sich nicht damit, Worte zu verkündigen, sondern bindet sein ganzes Leben in das große Werk des Glaubens ein. Um von Gott zu sprechen, muß man ihm Raum schaffen, im Vertrauen darauf, daß er in unserer Schwachheit wirkt: ihm Raum schaffen ohne Furcht, mit Einfachheit und Freude, in der tiefen Überzeugung, daß unsere Verkündigung umso fruchtbarer sein wird, je mehr wir ihn und nicht uns selbst in den Mittelpunkt stellen. Und das gilt auch für die christlichen Gemeinschaften: Sie sind aufgerufen, das verwandelnde Wirken der Gnade Gottes aufzuzeigen, indem sie Individualismen, Verschlossenheit, Egoismen, Gleichgültigkeit überwinden und die Liebe Gottes in den täglichen Beziehungen leben. Fragen wir uns, ob unsere Gemeinschaften wirklich so sind. Wir müssen uns in Bewegung setzen, um immer und wirklich so zu werden, Verkünder Christi und nicht unserer selbst.

An diesem Punkt müssen wir uns fragen, wie Jesus selbst seine Verkündigung mitgeteilt hat. Jesus in seiner Einzigartigkeit spricht von seinem Vater – »Abba« – und vom Reich Gottes, mit dem Blick voll Barmherzigkeit für die Mühen und Schwierigkeiten des menschlichen Lebens. Er spricht mit großem Realismus. Ich würde sagen, das Wesentliche der Verkündigung Jesu ist, daß sie die Welt transparent macht und daß unser Leben für Gott wertvoll ist. Jesus zeigt, daß in der Welt und in der Schöpfung das Antlitz Gottes durchscheint, und er zeigt uns, daß Gott im täglichen Geschehen unseres Lebens gegenwärtig ist, er zeigt uns dies sowohl in Gleichnissen der Natur – das Senfkorn, der Acker mit den verschiedenen Samen –, als auch in unserem Leben: Denken wir an das Gleichnis vom verlorenen Sohn, an Lazarus und an andere Gleichnisse Jesu. Aus den Evangelien sehen wir, daß Jesus sich für jede menschliche Situation interessiert, die ihm begegnet, daß er eintaucht in die Wirklichkeit der Männer und Frauen seiner Zeit, mit vollem Vertrauen auf den Beistand des Vaters, und daß Gott in dieser Geschichte wirklich im Verborgenen gegenwärtig ist: Wenn wir aufmerksam sind, können wir ihm begegnen. Und die Jünger, die bei Jesus leben, die Menge, die ihm begegnet, sehen seine Reaktion auf die verschiedensten Probleme. Sie sehen, wie er spricht, wie er sich verhält; sie sehen in ihm das Wirken des Heiligen Geistes, das Wirken Gottes. In ihm sind Verkündigung und Leben miteinander verwoben: Jesus handelt und lehrt immer von einer engen Beziehung zu Gott, dem Vater, ausgehend.

Dieser Stil wird zu einem wichtigen Hinweis für uns Christen: Unser Leben im Glauben und in der Liebe wird zu einem Sprechen von Gott im Heute, weil es durch ein in Christus gelebtes Dasein die Glaubwürdigkeit, den Realismus dessen aufzeigt, was wir mit Worten sagen, die nicht nur Worte sind, sondern die Wirklichkeit aufzeigen, die wahre Wirklichkeit. Und dabei müssen wir darauf achten, die Zeichen der Zeit in unserer Epoche zu begreifen, das heißt die Möglichkeiten, die Wünsche, die Hindernisse, denen man in der gegenwärtigen Kultur begegnet, erkennen, insbesondere den Wunsch nach Wahrhaftigkeit, das Verlangen nach Transzendenz, die Sensibilität für die Wahrung der Schöpfung, und wir müssen furchtlos die Antwort weitergeben, die der Glaube an Gott schenkt. Das Jahr des Glaubens gibt uns Gelegenheit, mit vom Heiligen Geist beseelter Phantasie neue Wege auf persönlicher und gemeinschaftlicher Ebene zu entdecken, damit die Kraft des Evangeliums überall Lebensweisheit und Orientierung der Daseins sein möge.

Auch in unserer Zeit ist der vorrangige Ort, um von Gott zu sprechen, die Familie, die erste Schule der Weitergabe des Glaubens an die jungen Generationen. Das Zweite Vatikanische Konzil spricht von den Eltern als ersten Glaubensboten (vgl. Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 11; Dekret Apostolicam actuositatem, 11), die berufen sind, diese ihre Sendung wiederzuentdecken und die Erziehungsverantwortung wahrzunehmen, das Gewissen der Kinder für die Liebe Gottes zu öffnen, als grundlegender Dienst für ihr Leben, die ersten Katecheten und Glaubenslehrer für ihre Kinder zu sein. Und bei dieser Aufgabe ist vor allem die Wachsamkeit wichtig. Das bedeutet, günstige Gelegenheiten zu ergreifen, um in der Familie das Glaubensgespräch einzuführen und eine kritische Reflexion über die zahlreichen Einflüsse, denen die Kinder ausgesetzt sind, heranreifen zu lassen. Diese Aufmerksamkeit der Eltern besteht auch in der Sensibilität, religiöse Fragen, die im Herzen der Kinder – manchmal deutlich sichtbar und manchmal verborgen – vorhanden sein mögen, aufzugreifen.

Dann die Freude: Die Weitergabe des Glaubens muß immer einen freudigen Ton haben. Es ist die österliche Freude, die die Wirklichkeit des Schmerzes, des Leidens, der Mühe, der Schwierigkeit, des Unverständnisses und auch des Todes nicht verschweigt oder verbirgt, sondern die Kriterien anzubieten weiß, um alles in der Perspektive der christlichen Hoffnung auszulegen. Das gute und rechte Leben des Evangeliums ist gerade dieser neue Blick, diese Fähigkeit, jede Situation mit den Augen Gottes zu betrachten. Es ist wichtig, allen Mitgliedern der Familie verstehen zu helfen, daß der Glaube keine Last ist, sondern eine Quelle tiefer Freude, daß er die Wahrnehmung des Wirkens Gottes ist, die Erkenntnis der Gegenwart des Guten, das keinen Lärm macht; und daß er wertvolle Orientierungen bietet, um das eigene Dasein recht zu leben. Schließlich die Fähigkeit zum Zuhören und zum Dialog: Die Familie muß ein Umfeld sein, in dem man lernt, zusammenzusein; Gegensätze im gemeinsamen Dialog zu überwinden, der aus Zuhören und Worten besteht; einander zu verstehen und zu lieben, um füreinander Zeichen der barmherzigen Liebe Gottes zu sein.

Von Gott sprechen heißt also, mit dem Wort und mit dem Leben zu vermitteln, daß Gott nicht der Konkurrent unseres Lebens ist, sondern vielmehr sein wahrer Garant, der Garant der Größe der menschlichen Person. So kehren wir zum Anfang zurück: Von Gott sprechen bedeutet, mit Nachdruck und Einfachheit, mit dem Wort und mit dem Leben das Wesentliche mitzuteilen: den Gott Jesu Christi, jenen Gott, der uns eine so große Liebe gezeigt hat, daß er Mensch geworden, für uns gestorben und auferstanden ist; jenen Gott, der darum bittet, ihm nachzufolgen und sich von seiner unermeßlichen Liebe verwandeln zu lassen, um unser Leben und unsere Beziehungen zu erneuern; jenen Gott, der uns die Kirche geschenkt hat, um den Weg gemeinsam zu gehen und durch das Wort und die Sakramente die ganze Stadt der Menschen zu erneuern, damit sie zur Stadt Gottes werden kann.

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Papst Franziskus und Patriarch Bartholomaios: Neuevangelisierung wichtiges Ökumene-Thema

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Vatikanstadt/Athen. Die Neuevangelisierung der Christen, die sich »des Geschenks des Glaubens nicht mehr bewusst sind«, muss ein Thema der ökumenischen Diskussion in Europa sein. Dies betonte Papst Franziskus in einer Grußbotschaft an die Teilnehmer des 14. Interchristlichen Symposions der römischen Franziskaner-Universität »Antonianum« und der orthodoxen Theologischen Fakultät der Aristoteles- Universität Saloniki in der nordgriechischen Metropole. Auch der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. richtete eine Grußbotschaft an die Teilnehmer.

In dem Schreiben von Franziskus, das von Kardinal Kurt Koch, dem Präsidenten des Päpstlichen Einheitsrates, am Beginn des Symposions verlesen wurde, heißt es u.?a. wörtlich: »Die lobenswerte Initiative der beiden Universitäten fördert die theologische und kulturelle Begegnung zwischen Katholiken und Orthodoxen, um sich der Herausforderung zu stellen, die Verbindung mit den christlichen Wurzeln des Kontinents zu erneuern, die leider immer weniger gesehen wird.«

Der Dialog zwischen katholischen und orthodoxen Theologen solle dabei helfen, hofft der Papst. Es gelte, »neue Wege und kreative Methoden« zu erschließen, um eine Sprache zur Verkündigung der Botschaft Jesu »in all ihrer Schönheit« an den europäischen Mensch von heute zu ermöglichen.

Patriarch Bartholomaios I. betonte in seiner Grußbotschaft die »entscheidende« Rolle der gläubigen Christen in einer Zeit, in der Zusammenarbeit und Einheit immer notwendiger würden. Der Patriarch bezog sich dabei auch auf die Verwundungen durch die jüngsten terroristischen Attacken. Gerade diese Verbrechen seien ein Hinweis auf die »absolute Notwendigkeit«, den europäischen Kontinent neu zu evangelisieren. Denn das Problem bestehe nicht so sehr in der Entwicklung des Terrorismus durch die Mitglieder einer bestimmten Religion, sondern in der ausgedehnten Entchristlichung Europas, das in den letzten Jahrzehnten »einen Weg der Entfremdung von den christlichen Werten und Traditionen« eingeschlagen habe und sich neuen Theorien und Gewohnheiten zuwende, die »dem Gesetz Gottes diametral entgegengesetzt sind«.

Die Liebe zum Dialog, zur friedlichen Überwindung der Gegensätze und zur Versöhnung würden die Christen vereinen, unterstrich Bartholomaios I. abschließend. Zugleich seien die Christen gemeinsam überzeugt, dass Christus »die große und einzige Hoffnung der Welt« sei; diese Überzeugung müsse von allen durch »Wort und Werk« gelebt werden.

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Quelle: Osservatore Romano 36/2016

PAPST FRANZISKUS: ZUM ANGELUS AM 31. AUGUST 2014

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Liebe Brüder und Schwestern,
guten Tag!

Auf dem sonntäglichen Weg mit dem Matthäusevangelium gelangen wir heute zu einem entscheidenden Punkt: Nachdem Jesus sich vergewissert hatte, dass Petrus und die anderen Elf an ihn als den Messias und Sohn Gottes glaubten, »begann er, [ihnen] zu erklären, er müsse nach Jerusalem gehen und […] vieles erleiden; er werde getötet werden, aber am dritten Tag werde er auferstehen« (16,21). Es ist ein kritischer Augenblick, in dem der Gegensatz zwischen der Denkweise Jesu und der seiner Jünger hervortritt.

Petrus fühlt sich sogar verpflichtet, den Meister zu tadeln, da er dem Messias kein derart unwürdiges Ende zuschreiben kann. Daraufhin tadelt Jesus seinerseits Petrus sehr heftig, er »weist ihn zurecht«, weil er »nicht das im Sinn [hat], was Gott will, sondern was die Menschen wollen« (V. 23) und – ohne es zu bemerken – die Rolle Satans, des Versuchers, spielt. Diesen Punkt unterstreicht in der Liturgie des heutigen Sonntags auch der Apostel Paulus, der in seinem Brief an die Christen von Rom schreibt: »Gleicht euch nicht dieser Welt an« – nicht die Denkmuster dieser Welt übernehmen –, »sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist« (Röm 12,2).

Tatsächlich leben wir Christen in der Welt, ganz eingefügt in die gesellschaftliche und kulturelle Wirklichkeit unserer Zeit, und das ist richtig so; doch dies bringt die Gefahr mit sich, dass wir »weltlich« werden, die Gefahr, dass »das Salz seinen Geschmack verliert«, wie Jesus sagen würde (vgl. Mt 5,13), also dass der Christ »verwässert« wird, die Kraft der Neuheit verliert, die vom Herrn und vom Heiligen Geist kommt. Das Gegenteil müsste der Fall sein: Wenn in den Christen die Kraft des Evangeliums lebendig bleibt, dann kann sie »die Urteilskriterien, die bestimmenden Werte, die Interessenpunkte, die Denkgewohnheiten, die Quellen der Inspiration und die Lebensmodelle« umwandeln (Paul VI., Evangelii nuntiandi, 19). Es ist traurig, »verwässerte« Christen zu finden, die wie gestreckter Wein zu sein scheinen, und man weiß nicht, ob sie Christen oder weltlich sind, wie man beim gestreckten Wein nicht weiß, ob das nun Wein oder Wasser ist! Das ist traurig. Es ist traurig, dass es Christen gibt, die nicht mehr das Salz der Erde sind, und wir wissen, dass das Salz zu nichts mehr dient, wenn es seinen Geschmack verloren hat. Ihr Salz hat den Geschmack verloren, weil sie sich dem Geist der Welt ergeben haben, das heißt weil sie weltlich geworden sind.

Deshalb ist es notwendig, sich beständig zu erneuern und dabei aus der Lebenskraft des Evangeliums zu schöpfen. Und wie kann man das praktisch bewerkstelligen? Vor allem gerade durch das tägliche Lesen und Betrachten des Evangeliums, so dass das Wort Jesu in unserem Leben immer gegenwärtig ist. Denkt daran: Das Evangelium immer bei euch zu haben, wird euch dabei eine Hilfe sein – ein kleines Evangelium in der Jackentasche, in der Handtasche, und während des Tages einen Abschnitt daraus lesen. Immer aber mit dem Evangelium, denn das heißt, das Wort Jesu bei sich zu haben und es lesen zu können. Außerdem hören wir durch die Teilnahme an der Sonntagsmesse, wo wir dem Herrn in der Gemeinschaft begegnen, sein Wort und empfangen die Eucharistie, die uns mit ihm und untereinander vereint; und für die geistliche Erneuerung sind die Einkehrtage und die Exerzitien sehr wichtig. Evangelium, Eucharistie und Gebet.

Nicht vergessen: Evangelium, Eucharistie, Gebet. Dank dieser Gaben des Herrn ist es uns möglich, uns nicht an die Welt anzugleichen, sondern an Christus und ihm auf seinem Weg nachzufolgen, dem Weg des »Verlierens des eigenen Lebens«, um es dann neu zu gewinnen (vgl. V. 25). »Es verlieren « im Sinne, es zu verschenken, es aus Liebe und in Liebe hinzugeben – und das bringt das Opfer mit sich, auch das Kreuz –, um es wieder zurückzuerhalten: gereinigt, befreit vom Egoismus und von der Hypothek des Todes, ganz erfüllt von der Ewigkeit. Die Jungfrau Maria geht uns auf diesem Weg immer voran; wir wollen uns von ihr führen und begleiten lassen.

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