Papst Pius X.: Seine erste Enzyklika, 1903

Antrittsenzyklika

E SUPREMI APOSTOLATUS

unseres Heiligen Vaters Pius X. durch göttliche Vorsehung Papst

an alle Ehrwürdigen Brüder, die Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe
und die anderen Oberhirten die in Gnade und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle leben,
über die Wiederherstellung aller Dinge in Christus
4. Oktober 1903.

(Offizieller lateinischer Text: ASS XXXVI [1903-1904] ca. 129-138)(Quelle: Rundschreiben unseres Heiligen Vaters Pius X., Autorisierte Ausgabe, Erste Sammlung (1909), Lateinischer und deutscher Text [in deutscher Sprache mit gebrochenen Buchstaben] S. 1-27. Die Nummerierung folgt der englischen Fassung [1])

Ehrwürdige Brüder! Gruß und apostolischen Segen

Einleitung

Ergebung in den Willen Gottes

1 Nachdem Gottes unerforschlichen Ratschluss Uns auf der obersten Apostolischen Stuhl erhoben hat und Wir nun zum erstenmal von ihm aus zu euch sprechen, soll Uns nichts abhalten, daran zu erinnern, wie Wir mit Tränen und vielen Bitten die furchtbare Bürde des päpstlichen Amtes von Uns abzuwenden gesucht haben. Wir wollen Unsere Verdienste in keiner Weise mit denen des heiligen Anselmus vergleichen. Aber Wir glauben doch auf unsere Berufung die Klageworte anwenden zu können, in welche dieser heilige Mann ausbrach, als er trotz seines heftigsten Widerstrebens gezwungen wurde, die bischöfliche Würde anzunehmen. Dieselben Verweise schmerzlicher Betrübnis, die er seinerseits vorbrachte, sind auch die Zeichen der Seelenkämpfe und Herzensstimmung, mit welcher Wir die schweren Amtspflichten des Hirten der Herde Christi übernommen haben. „Meine Tränen“, so sagte er(1), „sind Zeugen, die Rufe und die Seufzer meines Herzens, wie ich niemals zuvor mich ihrer erinnere, wie sie nie ein Schmerz mir ausgepresst hat vor dem Tage, an welchem ich das schwere Los, die Kirche von Canterbury als Erzbischof zu regieren, auf mich fallen sah. Jeder, der an jedem Tage mein Antlitz sah, musste es bemerken… Mein Aussehen war mehr das eines Toten als das eines Lebenden. Ich war bleich vor Überraschung und Schmerz. Meiner Wahl oder vielmehr der Gewalt, die mir angetan wurde, habe ich bisher in treuer Wahrhaftigkeit, soweit ich konnte, Widerstand geleistet. Nun aber muss ich, ob ich will oder nicht, gestehen, dass die Wege Gottes täglich mehr meine Bemühungen durchkreuzen, und ich kein Mittel mehr weiß, wie ich denselben entfliehen könne. Ich habe gebetet, so gut ich konnte, und mich bemüht, den Kelch, wenn es möglich wäre, von mir abzuwenden, ohne dass ich ihn trinke. Nun aber sehe ich ein: Gegen Gott muss die menschliche Klugheit verstummen; mehr durch seine als durch Menschengewalt besiegt, bleibt mir nur der eine Entschluss übrig, meine Pläne und Neigungen zu opfern und mich ganz in die Pläne und Fügungen Gottes zu ergeben.“

2 Wahrlich, auch Wir hatten viele und guten Gründe, Uns zu sträuben. Bei Unserer Schwachheit konnten Wir in keiner Weise Uns des päpstlichen Amtes für würdig erachten. Wen sollte es überdies nicht aufs tiefste bewegen, zum Nachfolger dessen sich erkoren zu sehen, der fast 26 Jahre die Kirche mit größter Weisheit regierte, dessen rüstige Geisteskraft und reicher, makelloser Tugendglanz selbst den Feinden Bewunderung abnötigte und den Ruhm seines Namens durch glänzende Erfolge verklärte?

Gründe der Zögerung und Zustimmung

3 Dann schreckte uns, um die andern Gründe zu übergehen, auf das allerheftigste die gegenwärtige so schwere Bedrängnis des menschlichen Geschlechtes. Es ist ja allen bekannt, dass die menschliche Gesellschaft heute an einer schweren, tiefeingesessenen Krankheit leidet, wie sie die früheren Zeiten nicht gekannt haben. Tag für Tag wächst dieselbe und schleppt ihre Opfer in gänzlicher Zerrüttung dem Untergange zu. Ihr wisst, Ehrwürdige Brüder, welches diese Krankheit ist. Der Abfall, die Trennung von Gott, dieser engste Bundesgenosse des Verderbens, nach dem Wort des Propheten: „Siehe die sich weit von dir machen, kommen um.“(2) Diesem schweren Unheil entgegenzuwirken, erkannten Wir als Pflicht des päpstlichen Amtes, das man Uns übertrug; wir glaubten auf Uns den Befehl beziehen zu müssen: „Siehe, ich setze dich heute über die Völker und Reiche, dass du ausreißest und niederreißest, aufbauest und pflanzest“(3); aber eingedenk unserer Schwachheit bebten Wir vor der Übernahme einer Aufgabe zurück, die keine Verzögerung duldet und mit den größten Schwierigkeiten erfüllt ist.

Wahlspruch des Pontifikates: „in Christus alles erneuern“

4 Doch nachdem es der göttlichen Weisheit gefallen hat, Uns aus Unserer Niedrigkeit zu diesem Reichtum der Gewalt zu erheben, richten Wir uns auf „in dem, der Uns stärkt“. Im Vertrauen auf Gottes Kraft legen Wir Hand ans Werk und erklären, dass das leitende Ziel Unseres päpstlichen Waltens das ist: „in Christus alles zu erneuern“(4), auf dass, Christus alles in allen sei“(5). Es wird gewiss nicht ausbleiben, dass man das Göttliche mit dem Maßstabe des Menschlichen misst, die Absichten Unseres Innern zu ergründen und im Sinne weltlicher Bestrebungen und Parteiziele zu deuten sucht. Solche eitle Hoffnungen möchten Wir von vornherein mit der allerbestimmtesten Versicherung abschneiden, dass Wir nichts sein wollen und mit Gottes Hilfe vor der menschlichen Gesellschaft nichts sein werden als der Diener Gottes, in dessen Namen Wir walten. Gottes Sache ist Unsere Sache, ihr gehören Unsere Kräfte, für sie setzen Wir selbst Unser Leben ein. Wenn daher jemand von Uns einen Wahlspruch verlangt, der die Ziele Unseres Innern offenbart, so werden Wir Uns immer zu dem einen bekennen: „Alles zu erneuern in Christus“.

Die gegenwärtige Lage

Krieg gegen Gott wird geschürt

Indem Wir nun dieses herrliche Werk auszuführen beginnen, gereicht uns, Ehrwürdige Brüder, die Zuversicht zum größten Troste, dass Wir in euch allen tatkräftige Helfer bei seiner Durchführung besitzen. Wollten Wir daran zweifeln, dann müssten Wir glauben, dass ihr von dem frevelhaften Kriege, der jetzt fast überall gegen Gott entbrannt ist und geschürt wird, in offenem Widerspruch zu euerer Pflicht nichts wisset oder ihn bedeutungslos haltet. Dem fürwahr, gegen ihren Schöpfer „knirschen die Völker und sinnen Eitles die Nationen“(6), so dass der Ruf der Gottesfeinde: „Geh weg von uns!“(7) fast allgemein geworden ist. In sehr vielen hat er die Ehrfurcht vor dem lebendigen Gott gänzlich ertötet, und man kümmert sich in den Vorkehrungen des öffentlichen und privaten Lebens nicht um den höchsten Herrn. Ja man spart keine Kraft und versäumt kein Mittel, um die Erinnerung an Gott und die Kenntnis von ihm gänzlich zu verwischen.

Verderbnis der Herzen – Vorbote für das Ende der Zeiten

5 Die Betrachtung dieser Zustände ruft unwillkürlich die Befürchtung wach, als hätten wir in dieser Verderbnis der Herzen die Vorboten, ja den Anfang jener Übel vor uns, welche am Ende der Zeiten zu erwarten sind, oder als weilte „der Sohn des Verderbens“, von dem der Apostel spricht(8), schon jetzt auf Erden. Wird doch überall mit solcher Verwegenheit und solchem Ungestüm versucht, die Ehrfurcht vor der Religion zu erschüttern, und die Beweisführung für die geoffenbarten Glaubenswahrheit bekämpft und auf die völlige Aufhebung jeder pflichtmäßigen Beziehung des Menschen zu Gott mit aller Kraft hingearbeitet. Anderseits – und das ist nach demselben Apostelwort das Merkmal des Antichrists – stellt der Mensch in größter Vermessenheit sich an die Stelle Gottes und erhebt sich „über alles, was Gott genannt wird“. Wohl kann er den Gedanken an Gott nicht gänzlich in sich austilgen, doch treibt er die Überhebung so weit, dessen Hoheit zu verleugnen und sich selbst diese sichtbare Welt wie als Tempel zu weihen, um sich von den andern anbeten zu lassen. „In Gottes Tempel setzt er sich (so) und gibt sich für Gott aus.“(9)

6 Welches der Ausgang dieses Kampfes der Sterblichen wider Gott sein wird, darüber kann allerdings kein Einsichtiger in Zweifel sein. Gott lässt den Menschen wohl seine Freiheit missbrauchen und Recht und Ehre des Schöpfers aller Dinge antasten, der Sieg aber ist immer auf seiner Seite. Die Niederlage der Menschen rückt nur um so näher, je frecher sie in stolzer Siegeshoffnung sich auflehnen. Warnend erklärt Gott selbst von sich in der Heiligen Schrift(10); „Er ist nachsichtig gegen die Sünden der Menschen“, als gedächte er seiner göttlichen Macht und Hoheit nicht; bald aber ist das scheinbare Zurückweichen zu Ende, und „wie ein Held trunken von Wein aufwachen“(11), „wird er die Häupter seiner Feinde zerschmettern“(12), damit alle erkennen, „dass Gott der König ist über die ganze Erde“(13), „und damit die Völker wissen, dass sie Menschen sind“(14).

Die Heilmittel

Wo Gott verworfen wird, sucht man vergeblich nach Frieden

7 Darauf, Ehrwürdige Brüder, bauen wir unseren zuversichtlichen Glauben, darauf unsere Erwartungen. Doch hindert uns das nicht, dass jeder für seinen Teil das Werk Gottes zu fördern suche. Beharrlich beten wir: „Steh auf, o Herr, es erstarke nicht der Mensch!“(15) und nicht das allein, wir wollen, was viel wichtiger ist, die Oberherrschaft Gottes über die Menschen und die übrigen Wesen in Wort und Tat anerkennen und offen verteidigen, auf dass alle seinem Herrschaftsrecht mit Ehrerbietung sich beugen. – Damit erfüllen wir nicht nur eine natürliche Verpflichtung, sondern auch eine Forderung des gemeinsamen Wohles der Menschheit. Wen, Ehrwürdige Brüder, sollte nicht Bangigkeit und Trauer befallen, wenn er in einer Zeit so verdienstlichen und rühmlichen Kulturforschrittes die Menschen größtenteils einander so bitter bekämpfen sieht, dass man vom Kriege aller gegen alle reden kann? Die Sehnsucht nach Frieden bewegt wahrlich jede Menschenbrust, und alle rufen angelegentlich nach ihm. Doch wo Gott verworfen wird, sucht man vergeblich nach Frieden; denn wo kein Gott ist, da hat auch die Gerechtigkeit keine Stätte, und wo keine Gerechtigkeit ist, ist die Hoffnung auf Frieden umsonst. „Das Werk der Gerechtigkeit ist der Friede.“(16) – Wir wissen es wohl, dass das Verlangen nach Frieden, der da ist „die Ruhe der Ordnung“, sehr viele zum Zusammenschluss in Vereinen und Parteien angetrieben hat, die man Ordnungsparteien nennt. Doch ach, diese Hoffnungen und Sorgen sind eitel! Der Ordnungsparteien, welche wirklich Frieden in unsere gestörten Verhältnisse bringen können, gibt es nur eine Art, die Partei der Anhänger Gottes. Diese also müssen wir fördern, die Zahl ihrer Anhänger nach Möglichkeit verstärken, wenn wir von Liebe zu ruhig geordneten Verhältnissen getragen sind.

Nötig ist der Beistand Jesu Christi, der zum Gehorsam gegen Gott zurückführt

8 All unsere Versuche und Anstrengungen, die Völker unter Gottes Majestät und Herrschaft zurückzuführen, würden jedoch gänzlich vergeblich ohne den Beistand Jesu Christi. Denn hier gilt die Erinnerung des Apostels: „Einen andern Grund kann niemand legen, als der gelegt ist, welcher ist Christus Jesus.(17) Er allein ist es, „welchen der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat.“(18) „der Abglanz des Vaters und das Ebenbild seines Wesens“(19), wahrer Gott und wahrer Mensch, ohne den niemand zur heilnotwendigen Erkenntnis Gottes gelangen kann; „denn niemand kennt den Vater als der Sohn und wem ihn der Sohn offenbaren will“.(20) Daraus folgt, dass „alles in Christus erneuern“ soviel heißt, als die Menschen zum Gehorsam gegen Gott zurückführen. Es muss demgemäss unsere Sorge sein, das Menschengeschlecht Christus untertan zu machen. Ist das gelungen, dann ist es auch schon zu Gott zurückgekehrt. Dabei verstehen Wir unter Gott nicht ein träges, um die menschlichen Angelegenheiten unbekümmertes Wesen, wie die Wahngebilde der Materialisten ihn darstellen, sondern den lebendigen, wahren Gott, einfach in seinem Wesen und dreifaltig in den Personen, den Schöpfer der Welt und weisen Lenker des All, endlich den gerechten Geber der Gesetze, der die Schuldigen straft und der Tugend den versprochenen Lohn gibt.

Die Menschen zum kirchlichen Geist zurückführen

9 Wo nun uns der Weg zu Christus sich öffnet, ist klar erkennbar, nämlich in der Kirche. Deswegen sagt der heilige Chrysostomus mit Recht: „Deine Hoffnung ist die Kirche, dein Heil die Kirche, deine Zuflucht die Kirche.“(21) Dazu hat Christus um den Preis seines Blutes sie gegründet, ihr seine Lehre und die Weisungen seiner Gesetze übergehen und sie mit den reichsten göttlichen Gnadengaben ausgestattet, welche den Menschen Rettung und Heiligung haben.

So seht ihr also, Ehrwürdige Brüder, welche Aufgabe Uns und euch gleichmäßig gestellt ist. Wir müssen die menschliche Gesellschaft, welche den Pfad der Weisheit Christi verloren hat, zum kirchlichen Geist zurückzuführen. Die Kirche wird sie Christus unterwerfen, Christus aber Gott. Wenn wir das mit Gottes Gnade erreichen, dann werden wir uns freudig sagen dürfen, dass die Bosheit der Gerechtigkeit Platz gemacht hat. Unser Ohr wird „die starke Stimme vom Himmel“ beglücken, „die da spricht: Jetzt ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes und die Macht seines Gesalbten erfüllt worden“.(22) – Die Erfüllung dieser Wünsche setzt aber die bis zur Wurzel dringende Ausrottung des ungeheuerlichen und verabscheuungswürdigen Frevels unserer Zeit, der Selbsterhebung des Menschen als Gott, voraus. An jener müssen wir mit Anspannung aller Kräfte arbeiten. Ferner muss den heiligen Satzungen und Räten des Evangeliums die alte Würde zurückgegeben und die kirchlich überlieferte Wahrheit, die Lehre von der Heiligkeit der Ehe, von der Jugenderziehung und -schulung, vom Eigentum und Gebrauch der irdischen Güter und von den Untertanenpflichten, gegen die Staatslenker gründlich dargestellt werden. Endlich ist jenes Gleichgewicht unter den verschiedenen Ständen des Staates wiederherstellen, welches christlicher Sitte und Satzung entspricht. – Das sind die Ziele, die Wir im Gehorsam gegen Gottes Willen Unserer päpstlichen Amtswaltung gesteckt, und Wir werden sie tatkräftig erstreben. Euch aber, Ehrwürdige Brüder, kommt es nunmehr zu, Uns bei Unsern Absichten mit euerer verehrungswürdigen, gelehrten und erfahrenen Unterstützung und vor allem mit eurem Eifer für Gottes Ehre beizustehen, indem ihr auf nichts anderes absehet, als dass in allen „Christus gestaltet werde“(23).

Zuerst muss der Priester „Alter Christus“ werden

10 Welche Mittel wir für unsere große Sache anzuwenden haben, bedarf kaum der Erwähnung, denn sie sind allbekannt. – Die erste Sorge soll die sein, dass wir Christus in denen gestalten, welche durch ihr Amt berufen sind, Christus in den übrigen zu gestalten. Die Priester meinen Wir, Ehrwürdige Brüder. Alle, welche die heiligen Weihen empfangen haben, sollen wissen, dass sie für das Volk, unter dem sie leben, jene Aufgabe haben, die Paulus mit jenen herzgewinnenden Worten als seine Obliegenheit bekundet: „O meine Kindlein, für die ich abermals Geburtsschmerzen habe, bis dass Christus in euch gestaltet wird!“(24) Wie vermöchten sie nur die Obliegenheiten eines solchen Amtes erfüllen, wenn sie nicht selbst zuvor Christus angezogen hätten, und zwar in jener Weise, dass sie das Wort des Apostels von sich gebrauchen können: „Ich lebe, aber doch nicht ich, sondern Christus lebt in mir“(25), „Christus ist mein Leben!“(26) Zwar geht an allen Gläubigen die Mahnung: „zur vollkommenen Mannheit, zum Maße des vollen Alters Christi zu gelangen“(27), aber dennoch gilt sie dem Priester in ganz bevorzugter Weise. Er wird ein „zweiter Christus“ genannt nicht bloß wegen der Teilnahme an seiner Gewalt, sondern auch mit Beziehung auf die Nachahmung desselben im Leben, in welchen er sich als getreues Abbild Christi darstellen soll.

11 Welch ernste Sorge, Ehrwürdige Brüder, müsst ihr demgemäss dafür tragen, dass der Klerus zum heiligen Wandel erzogen werde! Sie muss allen anderen Angelegenheiten vorangestellt werden. Deshalb sei die vorschriftsmäßige Einrichtung und Leitung der geistlichen Seminarien, der Glanz reinen, unverkürzter Glaubenslehre und die Blüte heiliger Sitten in denselben eure Hauptsorge. Das Seminar sei die Freude eures Herzens, und nichts fehle darin, was das Konzil von Trient weise angeordnet hat und jenem zum Gedeihen dient. – Ist dann aber die Zeit gekommen, wo die Kandidaten die heiligen Weihen empfangen sollen. Dann aber beherzigt wohl, was Paulus an Timotheus geschrieben: „Lege niemand voreilig die Hände auf.“(28) Denn das müsst ihr wohl beachten: wie diejenigen beschaffen sind, welche ihr zur priesterlichen Würde erhebt, so werden auch größtenteils die Gläubigen sein. Lasset euch keineswegs von persönlichen Rücksichten beeinflussen. Gott, die Kirche und das ewige Heil der Seelen allein habt ihr ins Auge zu fassen, damit ihr, der Warnung des Apostels getreu, „euch nicht fremder Sünden schuldig macht“(29).

Die Neugeweihten Priester

Die neugeweihten, aus dem Seminar entlassenen Priester müssen eure Hirtensorge auch weiterhin erfahren. Euer Herz muss für sie, so mahnen Wir aus innerster Seele, von himmlischen Feuer glühen. Zieht sie oft an euch, gebet ihnen Anregung, begeistert sie, Gott und dem Heile der Seelen allein zu leben. Wir hienieden werden gewiss, Ehrwürdige Brüder, mit aller Umsicht darauf achten, dass kein Mitglied des Klerus von den hinterlistigen Trugschlüssen einer neuen wissenschaftlichen Richtung umgarnt werde, die den Geist Christi nicht atmet und unter dem Aufputz schlauer Scheingründe die Irrtümer des Rationalismus und Semirationalismus wieder zu beleben betrachtet. Schon der Apostel Paulus suchte solcher Gefahr vorzubeugen, als er an Timotheus die Mahnung schrieb: „Bewahre, was dir anvertraut ist, hüte dich vor unheiligen Wortneuerungen und den Streitigkeiten der fälschlich so genannten Wissenschaft, zu welcher einige sich bekannten und vom Glauben abgefallen sind.“(30) Das hindert Uns nicht, nützliche Studien in den verschiedenen Zweigen der Wissenschaft, betrieben von den jungen Priestern, um sich zur Verteidigung der Wahrheit und zur Entkräftung gehässiger Verleumdungen des Glaubens besser auszubilden, für lobenswert zu erachten. Aber wir verhehlen nicht, sondern geben es ganz offen kund, dass Wir es immer als Hauptsache betrachten, dass der Priester, ohne die natürliche und übernatürliche Wissenschaft zu vernachlässigen, sich dennoch zunächst der Seelsorge widmet und jene Aufgaben in Angriff nimmt, welche einen für Gottes Ehre eifernden Priester zieren. „Große Trauer und beständigen Schmerz tragen Wir immer in Unserem Herzen“(31), wenn Wir sehen müssen, dass die Klage des Jeremias auch auf die heutige Zeit passt: „Die Kindlein heischen Brot, und niemand ist, der es ihnen bricht.“(32) Auch im Klerus gibt es Männer, welche, von ihren Neigungen fortgerissen, sich gerne mit Angelegenheiten von mehr scheinbaren als wirklichem Nutzen befassen. Dagegen ist die Zahl jener nicht zu groß, welche nach Christi Beispiel das Wort des Propheten zum Grundsatz wählen: „Der Geist des Herrn hat mich gesalbt und mich gesendet, den Armen das Evangelium zu verkünden, zu heilen, die zerknirschten Herzens sind, und den Gefangenen Erlösung und den Blinden das Gesicht zu verkünden.“(33)

Kenntnis des Glaubenslichtes

12 Ist nicht unverkennbar, Ehrwürdige Brüder, der Unterricht in der Religion hauptsächlich der Weg, die Menschen, die eben von Vernunft und Freiheit sich leiten lassen, unter Gottes Herrschaft zurückzuführen? Zahlreiche hassen Christus und schrecken vor Evangelium und Kirche mehr aus Unwissenheit als innerer Verkehrtheit zurück. Man kann von ihnen mit Recht sagen: „Sie lästern, was sie nicht verstehen.“(34) Nicht allein im Volk oder gar in den untersten Schichten kommt dies vor, wo der Irrtum unter den obwaltenden Verhältnissen leicht obsiegt, sondern auch bei den gebildeten Ständen, sogar bei solchen, die im übrigen über ein hervorragendes Wissen verfügen. Aus diesen Ursachen ist bei den meisten das Daniederliegen des Glaubens zu erklären. Kein Fortschritt der Wissenschaft werde als Gefahr für das Glaubenslicht betrachtet, sondern vielmehr der Mangel an Kenntnissen; je größer deshalb irgendwo die Unwissenheit ist, desto weiter greift der offene Abfall vom Glauben um sich. Aus diesem Grunde ist den Aposteln von Christus der Auftrag gegeben worden: „Gehet und lehret alle Völker.“(35)

13 Die erhoffte Frucht eifriger Lehrtätigkeit zur Reife zu bringen und „Christus in allen zu gestalten“, dazu ist nun, wie man, Ehrwürdige Brüder, warm beherzigen muss, nichts so mächtig wie die Liebe. Denn „nicht im Schrecken des Erdebebens ist der Herr“(36) Umsonst hoffte man die Herzen durch ein strengeres Auftreten für Gott zu gewinnen. Es bringt sogar manches Mal mehr Schaden als Nutzen, wenn man die Irrtümer mit harten Vorwürfen zurückweist und die Fehler zu scharf tadelt. Den Timotheus mahnte der Apostel wohl: „Überführe, bitte, strafe!“ aber er fügte noch bei: „in aller Geduld“(37). – Gewiss will Christus hier unser Vorbild sein. „Kommet“, so sprach er nach der Schrift(38), „kommet zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ Unter den Mühseligen und Beladenen verstand er aber keine anderen als jene, welche die Banden der Sünde und des Irrtums tragen. Welche Sanftmut im göttlichen Lehrmeister! Welche Milde, welches Erbarmen gegen die Bedrängten jeder Art! Das ist das Herz desjenigen, dessen Bild Isaias mit den Worten gezeichnet hat: „Ich will meinen Geist auf ihn legen. … Er wird nicht zanken noch schreien. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den rauchenden Docht nicht auslöschen.“(39) – Diese Liebe muss „geduldig und gütig“(40) auch jene umfasse, welche unsere Widersacher sind oder uns feindselig verfolgen. „Man schmäht uns, und wir segnen,“ bekannte Paulus(41) von sich, „man verfolgt uns, und wir dulden, man lästert uns, und wir beten.“ Sie scheinen vielleicht schlechter, als sie sind. Der Umgang, Vorurteile, Zureden und Beispiele anderer, zuletzt verführerische Menschenfurcht hat sie in das Lager der Gottlosen hinübergeführt. Doch ihr Wille ist nicht so verdorben, wie sie glauben machen möchten. Sollen wir nicht hoffen, dass die Flamme christlicher Liebe von ihren Seelen die Finsternis vertreiben und Gottes Licht und Frieden ihnen bringen werde? Die Frucht unserer Arbeit wird vielleicht manchmal lange auf sich warten lassen. Doch Liebe wird durch Aufschub niemals ermüdet; sie weiß, dass der Lohn von Gott nicht den Früchten unserer Mühen, sondern dem guten Willen verheißen ist.

Leitung durch die Bischöfe

14 Diese Worte nun, Ehrwürdige Brüder, sollt ihr nicht so verstehen, als sollten euch und eurem Klerus in diesem ganzen und schweren Werke der Erneuerung der Völker in Christus keine Helfer zur Seite stehen. Wir wissen, dass Gott das Gebot der Nächstenliebe für alle gegeben hat(42). Nicht nur jenen, welche dem Heiligtum sich geweiht, sondern allen Gläubigen obliegt die Pflicht, Gott und der Seele zu dienen, natürlich nicht nach eigenen Ermessen und Belieben, sondern immer unter Führung und Gutheißung der Bischöfe; denn niemand ist befugt, in der Kirche vorzustehen, zu lehren, zu leiten, als ihr, „die der Heilige Geist gesetzt hat, die Kirche Gottes zu regieren“(43). –

Wo Katholiken zu verschiedenen Zeiten, aber immer im Interesse der Religion, sich zu Vereinen zusammenschließen, haben sie längst die Billigung und den Segen Unserer Vorgänger erhalten. Auch Wir sprechen zu diesen trefflichen Veranstaltungen Unsere Anerkennung unumwunden aus, und wünschen, dass ihnen in Stadt und Land weite Verbreitung und reiche Blüte beschieden sei. Doch sei es als Unser Wille bekannt gegeben, dass diese Vereinigungen in erster Linie und hauptsächlich auf einen beharrlichen christlichen Lebenswandel ihrer Mitglieder sehen sollen. Denn es hilft wahrlich wenig, wenn über alle möglichen Dinge weitgehende Erörterungen gepflogen werden und über Recht und Pflicht mit dem Aufwand besonderer Beredsamkeit gesprochen wird, aber die Betätigung derselben ausbleibt. Die Zeit verlangt Taten, Taten ehrfurchtsvoller und ausnahmsloser Beobachtung des göttlichen und kirchlichen Gesetzes, Taten des freien und offenen Glaubensbekenntnisses, Taten allumfassender lebendiger Nächstenliebe ohne Rücksicht auf persönlichen und zeitlichen Nutzen. Die rühmlichen Beispiele der Tat auf seiten der vielen Streiter Christi werden zur Belebung und Begeisterung der Herzen weit mehr beitragen als Worte und noch so wohlgebaute Abhandlungen. Leicht werden jene die Furcht bannen, Vorurteile und Zweifel niederschlagen und scharenweise zum Anschluss an Christus führen, seine Kenntnis und Liebe, welche den Weg zu echtem und beständigen Glück bilden, überall verbreiten. Wahrlich, wenn in allen Städten und Dörfern die Gebote Gottes treu beobachtet werden, wenn man das Heilige ehrt, die Sakramente oft empfängt und alles beobachtet, was zu christlichen Lebensweise gehört, dann Ehrwürdige Brüder, wird zur Erneuerung in Christus fast nichts mehr fehlen. Man möge auch nicht glauben, dass der Gewinn der himmlischen Güter allein als der Erfolg dieser Haltung zu betrachten sei; das Gedeihen der zeitlichen und staatlichen Wohlfahrt wird dadurch auch auf das wirkungsvollste Beförderung finden. Die Herrschaft dieses Geistes wird die Hochstehenden und Begüterten zum billigen und liebevollen Beistand der Schwächeren vermögen, diese hinwieder werden die Lasten ihres sorgenvollen Loses ruhig und geduldig tragen. Die Bürger werden nicht den Leidenschaften, sondern den heiligen Gesetzen folgen; die Fürsten und alle Staatslenker, „deren Gewalt nur von Gott ist“(44), zu ehren und zu lieben, wird heilige Pflicht sein. Sollen Wir noch mehr anführen?

Die Kirche Christi hat volle und ganze Freiheit

In allen wird die Überzeugung erwachen, dass die Kirche als Gründung Christi volle und ganze Freiheit genießen müsse und keiner andern Herrschaft unterworfen sein dürfe; dass Unser Kampf für diese Freiheit nicht nur die Verteidigung der heiligsten Rechte der Religion bedeutet, sondern auch für das gemeine Wohl und die Sicherheit der Völker ein Schutz ist. Die Gottseligkeit ist nämlich zu allem nützlich“(45), und wo sie unangetastet ihre Kraft entfaltet, da „wohnt wirklich ein Volk in der Fülle des Friedens“(46).

Schluss und Segen

15 Gott, „der reich ist an Erbarmen“47, wolle in seiner Güte diese Erneuerung der Völker in Christus bald sich erfüllen lassen; denn sie ist nicht „das Werk des Wollens oder des Laufens, sondern des göttlichen Erbarmens“(48). Wir aber, Ehrwürdige Brüder, wollen im Geiste der Demut(49) um der Verdienste Christi willen in täglichem und beharrlichen Gebete dies von ihm erflehen. Wir wollen zudem die so bereite Fürbitte Marias anrufen. Da Wir dieses Rundschreiben am Festtage des heiligen Rosenkranzes erlassen, so verordnen und bestätigen Wir, um ihre Milde zu gewinnen, gleichermaßen alles, was Unser Vorgänger über die Weihe des Oktober an die himmlische Jungfrau und über die öffentliche Abhaltung des Rosenkranzgebetes in den Gotteshäusern verordnet hat; überdies ermahnen Wir, auch die Fürbitte des Patrons der Kirche, des reinsten Bräutigams der Gottesmutter, und der heiligen Apostelfürsten Petrus und Paulus anzurufen.

16 Die segensreiche Erfüllung aller dieser Erwartungen und die glückliche Befriedigung eurer Wünsche erbitten Wir vom Beistand reichlicher Gnade Gottes. Zum Zeugnis Unserer herzlichen Liebe, mit der Wir euch und alle Uns von der Vorsehung anvertrauten Gläubigen umfassen, erteilen Wir euch, Ehrwürdige Brüder, eurem Klerus und Volk mit größtem Wohlwollen den apostolischen Segen im Herrn.

Gegeben zu Rom, bei Sankt Peter, am 4. Oktober 1903, im ersten Jahr Unseres Pontifikates

Pius X. PP.

Anmerkungen

  • (1) Briefe. 3. Buch, 1. Brief.
  • (2) Ps 72, 27.
  • (3) Jer 1, 10.
  • (4) Eph 1, 10.
  • (5) Kol 3, 11.
  • (6) Ps 2, 1.
  • (7) Job 21, 14.
  • (8) 2 Thess 2, 3.
  • (9) 2 Thess 2, 4.
  • (10) Weish 11, 24.
  • (11) Ps 77, 65.
  • (12) Ps 67, 22.
  • (13) Ps 46, 8.
  • (14) Ps 9, 21.
  • (15) Ps 9, 20.
  • (16) Is 32, 17.
  • (17) 1 Kor 3, 11.
  • (18) Jo 10, 36.
  • (19) Hebr 1, 3: Splendor gloriae, der Abglanz der Herrlichkeit.
  • (20) Mt 11, 27.
  • (21) Homilie über die Gefangenschaft des Eutrop. Nr. 6.
  • (22) Offb 12, 10.
  • (23) Gal 4, 10.
  • (24) Gal 4, 19.
  • (25) Gal 2, 20.
  • (26) Phil 1, 21.
  • (27) Eph 4, 3.
  • (28) 1 Tim 5, 22.
  • (29) Ebd.
  • (30) 1 Tim 6, 20 f.
  • (31) Röm 9, 2.
  • (32) Klgl 4, 4.
  • (33) Lk 4, 18-19.
  • (34) Jud 2, 10.
  • (35) Mt 28, 19.
  • (36) Kg 19, 11.
  • (37) 2 Tim 4, 2.
  • (38) Mt 11, 28.
  • (39) Mt 12, 20; vgl. Is 42, 1 ff.
  • (40) 1 Kor 13, 4.
  • (41) 1 Kor 4, 12 f.
  • (42) Sir 17, 12.
  • (43) Apg 20, 28.
  • (44) Röm 13, 1.
  • (45) 1 Tim 4, 8.
  • (46) Is 32, 18; In pulchritudine pacis, in der Schönheit des Friedens.
  • (47) Eph 2, 4.
  • (48) Röm 9, 16.
  • (49) Dtn 3, 39.

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Quelle: Kathpedia