Papst an Volksbewegungen: Ja zu Grundeinkommen für arbeitende Arme

Franziskus schreibt

Am Ostersonntag hat Papst Franziskus in einem Brief Angehörige von Volksbewegungen und ihre oft verborgene Arbeit gewürdigt. Viele von ihnen seien von der Coronakrise wirtschaftlich hart getroffen, verlören aber nicht den Mut und arbeiteten weiter, das sei ihm persönlich ein Vorbild, schrieb der Papst. Er unterstützte in seinem Brief die Idee eines Grundeinkommens für arbeitende Arme.

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Gudrun Sailer – Vatikanstadt

„Sie, die Arbeiterinnen und Arbeiter der informellen, selbständigen oder kleinteiligen Wirtschaft, haben kein fixes Gehalt, um diesem Moment standzuhalten”, schrieb Franziskus in seinem etwa drei Seiten langen Brief. „Vielleicht ist es an der Zeit, über einen universellen Lohn nachzudenken, der die edlen und unersetzlichen Aufgaben anerkennt und würdigt, die Sie verrichten.” Ein solches Grundeinkommen würde Franziskus zufolge eine Forderung einlösen, die „so menschlich und zugleich so christlich ist: kein Arbeiter ohne Rechte.”

Viele dieser Menschen lebten „ohne jede Form von rechtlichen Garantien, die sie schützen”, so Franziskus. Er nannte Straßenhändler, Müllsammler, Erntearbeiter, Kleinbauern, Bauarbeiter und Menschen in pflegender Tätigkeit. „Ich weiß, dass Sie oft nicht richtig anerkannt werden, weil Sie für dieses System wirklich unsichtbar sind”, schrieb der Papst ihnen. Die Wirtschaft mit ihren marktorientierten Mechanismen komme an den Rändern nicht an, der Staat schütze dort wenig.

[ Ihre Haltung hilft mir, sie stellt mich in Frage und lehrt mich vieles ]

Oft schlage diesen Menschen Misstrauen entgegen, wenn sie ihre Rechte einforderten statt passiv auf abfallende Krümel von den Tischen der Reichen zu warten, so der Papst weiter. All diese Arbeitenden seien ausgeschlossen vom Nutzen der Globalisierung. „Aber Sie halten sich nicht mit Klagen auf: Sie krempeln die Ärmel hoch und arbeiten weiter für Ihre Familien, für Ihre Nachbarschaft, für das Gemeinwohl”, lobte der Papst und fuhr fort: „Ihre Haltung hilft mir, sie stellt mich in Frage und lehrt mich vieles.”

Franziskus bedankte sich „von Herzen” für diesen Einsatz. Die Regierungen mögen endlich einsehen, dass technokratische Muster wie staatliche Lenkung oder das rein marktwirtschaftliche Modell nicht ausreichten, um die gegenwärtige Krise oder die anderen großen Probleme der Menschheit anzugehen. „Heute sind es mehr denn je Menschen, Gemeinschaften, Völker, die im Mittelpunkt stehen müssen, vereint, um zu heilen, zu pflegen und zu teilen”, so Franziskus.

Raus aus dem Autopilot

Er hoffe wirklich, dass die Corona-Krise, „dieser Moment der Gefahr, uns aus dem Autopiloten herausholt” und zu einer humanistischen und ökologischen Umkehr führt, „die den Götzendienst des Geldes beendet und die Würde und das Leben in den Mittelpunkt stellt”. Statt Wettbewerb, schnellem Konsum und Profit für wenige brauche es einen Wandel, der entschleunigt, zum Umdenken bringt und zur Regeneration führt.

Soziale Bewegungen, auch: Volksbewegungen, haben in Lateinamerika eine Tradition mit Wurzeln im frühen 20. Jahrhundert. Sie berufen sich auf Grundelemente, die jeder Mensch zu einem Leben in Würde braucht, zusammengefasst in den „drei T”, die Franziskus auch in seinem Brief an die Volksbewegungen nannte: tierra, techo, trabajo, zu Deutsch: Ackerboden, Dach, Arbeit. Inhaltlich gibt es manche Überschneidungen mit der katholischen Soziallehre. Der Papst hat zweimal im Vatikan Angehörige von Volksbewegungen empfangen und ein drittes Treffen bei seiner Reise nach Bolivien anberaumt.

(vatican news)

Papst Franziskus: Große Papstrede zum Thema Arbeit

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Papst Franziskus bei einer Audienz für die italienische Sozialversicherungsanstalt INPS – AP

Papst Franziskus bricht eine Lanze für die Sonntagsruhe. Da gehe es nicht nur um ein „soziales Recht“, sondern „vor allem um eine Dimension des Menschlichen“, sagte er am Samstag bei einer Audienz für die italienische Sozialversicherungsanstalt INPS. „Gott hat den Menschen zum Ruhen aufgefordert, und er selbst wollte am siebten Schöpfungstag daran teilhaben! In der Sprache des Glaubens ist das Ausruhen also gleichzeitig etwas Menschliches und etwas Göttliches. Mit einer Bedingung, allerdings: dass es da nicht einfach um Ausspannen von der täglichen Mühe geht, sondern um eine Gelegenheit, die eigene Kreatürlichkeit voll zu leben. Die Notwendigkeit, die Ruhe zu „heiligen“ (vgl. Ex 20,8), verbindet sich darum mit der Notwendigkeit eines Moments – eines Sonntags –, an dem man sich um das Familienleben, das kulturelle, soziale und religiöse Leben kümmern kann.“

Die heutige Gesellschaft sei allerdings von „heiklen Gleichgewichten“ gezeichnet, fuhr Franziskus fort; dazu gehörten Arbeitsplätze-Mangel und Lücken beim Arbeitsschutz. Abweichend von seinem vorbereiteten Redetext rief der Papst aus: „Wenn man so lebt, wie kann man denn dann mal ausruhen? Die Ruhe ist das Recht, das wir alle haben, wenn wir Arbeit haben – aber wenn es so viel Arbeitslosigkeit gibt, soviel soziale Ungerechtigkeit, Schwarzarbeit, prekäre Arbeitsverhältnisse, wie kann ich mich denn dann ausruhen? Was sagen wir dazu? Wir könnten – das wäre eine Schande! – sagen: Du willst arbeiten? Na gut! Machen wir einen Deal: Du fängst im September an und arbeitest bis Juli, aber von Juli bis in den September hinein isst du nicht und ruhst dich nicht aus… So etwas passiert heute! Und es passiert überall in der Welt, auch hier, sogar in Rom! Ruhen, weil man Arbeit hat. Sonst gibt es nämlich kein Ausruhen…“

Als nächstes Thema knöpfte sich der Papst das Recht auf Sozial- und Rentenversicherung vor. „Du arbeitest mal eine Weile nicht, und schon hast du keine Gesundheitsversorgung mehr“, sagte er, wieder abweichend vom Redetext. Und weiter, jetzt wieder wie im Text vorgesehen, zu den Versicherungsangestellten: „Zu Ihren nicht leichten Aufgaben gehört es, dass es Arbeitslosen und ihren Familien nicht an den nötigen finanziellen Subventionen fehlt! Machen Sie die Arbeit von Frauen zu einer Priorität – einschließlich der Mutterschaftshilfen… Schützen Sie die Frauen, die Arbeit der Frauen! Möge das Recht auf die Rente, ich unterstreiche: das Recht – die Rente ist ein Recht! – das Recht auf die Rente immer bestehen! Seien Sie sich immer der Würde jedes Arbeiters, dem Ihr Dienst gilt, bewusst!“

Arbeit sei, recht besehen, eine „Fortsetzung des göttlichen Schöpfungswerks in der Geschichte“: Wer für die Arbeit eintrete, baue mit an Gottes Plan für die Welt. Arbeit sei also nicht nur ein unwichtiges Rädchen in einem „perversen Mechanismus, der Ressourcen zermalmt, um immer höhere Profite einzustreichen“. „Vergesst nicht den Menschen – das ist der Imperativ. Den Menschen bewusst lieben, ihm dienen mit Gewissenhaftigkeit, Verantwortung und Verfügbarkeit. Arbeiten für die, die arbeiten – und auch für die, die gerne arbeiten würden, aber nicht können. Und das alles nicht als Werk der Solidarität, sondern als Pflicht der Gerechtigkeit… Die Schwachen unterstützen, damit jeder die Würde und Freiheit bekommt, ein wahrhaft menschliches Leben zu leben.“

(rv 07.11.2015 sk)