Paul VI., Maritain und der Glaube der Apostel

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Am 30. Juni 1968 zeigte Papst Montini mit dem feierlichen, auf dem Petersplatz verkündeten Glaubenbekenntnis einen einfachen Weg auf, den Schatz zu bewahren, den der Herr seiner Kirche geschenkt hat. 40 Jahre später erzählt Kardinal Georges Cottier 30Tage, wie sich die uneigennützige Freundschaft, die den Papst mit dem französischen Philosophen und mit Kardinal Charles Journet verband, auf die Abfassung jenes wertvollen Dokuments augewirkt hat. Interview.

Interview mit Kardinal Georges Cottier von Gianni Valente

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Paul VI. küsst den Fels, wo Jesus dem Petrus den Primat auftrug.

„Unser Amt ist das Petri, dem Christus den Auftrag gegeben hat, die Brüder zu stärken.“ Paul VI. hatte nur noch wenige Wochen zu leben. Jener 29. Juni 1978, Hochfest Peter und Paul, war sein letzter öffentlicher Auftritt. In seiner Predigt blickte der alte, über den Tod seines Freundes Aldo Moro untröstliche Papst noch einmal auf all die Jahre zurück, „in denen Uns der Herr Seine Kirche anvertraut hat“, jetzt, wo „sich der natürliche Lauf Unseres Lebens seinem Ende zuneigt“. Auch in der teilweise erbarmungslosen Bilanz seines Dienstes als Bischof von Rom wollte Giovanni Battista Montini das Glaubensbekenntnis erwähnen, das er 10 Jahre zuvor, am 30. Juni 1968, „im Namen der ganzen Kirche und für sie verpflichtend“ auf dem Petersplatz feierlich verkündet hatte: jenen „wichtigen Akt“ seines Pontifikats, den er als eine Art „Rückkehr zu den Quellen“ neu vorschlagen hatte wollen. In einem Moment, in dem „eine allzu leichtfertige Experimentierfreudigkeit die Sicherheiten vieler Priester und Gläubigen zu erschüttern drohte.“
Das Credo des Gottesvolkes ist eine der prophetischsten Gesten, die im vergangenen Jahrhundert von einem Nachfolger Petri gesetzt wurden. Das passiert oft, vor allem, wenn sich ein Papst darauf beschränkt, seine Arbeit zu tun. Über die Umstände und Fakten, die den Papst der Enzykliken Ecclesiam Suam und Populorum progressio veranlasst haben, „die wichtigsten Punkte des von den bedeutendsten ökumenischen Konzilien proklamierten Glaubens der Kirche“ zu wiederholen, ist nur wenig bekannt.
Welche konkrete Dynamik steckt hinter der Abfassung dieses wertvollen Textes? Heute, vierzig Jahre später, kann der Lauf der Dinge anhand von Archivdokumenten bis ins Detail nachvollzogen werden. Dokumenten, die auch erkennen lassen, wie sehr die Entstehung und Abfassung dieser professio fidei von der unentgeltlichen Freundschaft beeinflusst war, die Papst Montini, den Schweizer Kardinal Charles Journet und den französischen Philosophen Jacques Maritain verband.
Erzählt wird uns das detailgetreu aus dem lebhaften Briefwechsel zwischen dem Genfer Theologen, der 1965 Kardinal wurde, und dem Verfasser von Humanisme intégral und Le paysan de la Garonne. Kardinal Georges Cottier, emeritierter Theologe des Päpstlichen Hauses, war bereit, mit 30Tage eine Rekonstruktion der damaligen Ereignisse zu versuchen. Auf der Grundlage der Briefe des 4. Bandes der Correspondance Journet-Maritain, einer Sammlung von 303 Briefen, die sich die beiden in den Jahren 1965 – 1973 geschrieben haben. Die Veröffentlichung ist noch für das Jahr 2008 vorgesehen. Der ebenfalls in der Nähe von Genf geborene Cottier war ein Schüler Journets, der ihn auch als seinen „Experten“ zum II. Vatikanischen Konzil mitnahm. Cottier ist Mitglied der Fondation du Cardinal Journet, die – gemeinsam mit den Éditions Saint Augustin – mit der Veröffentlichung der Korrespondenz zwischen dem 1975 verstorbenen Theologen Journet und Maritain betraut ist.

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Charles Journet mit Jacques Maritain.

„Mir ist da eine Idee gekommen“
Es war Anfang 1967, das Konzil war gerade ein Jahr zuvor zu Ende gegangen. Und doch herrschte – wie der Theologe Joseph Ratzinger schon im Juli 1966 auf dem Bamberger Katholikentag festgestellt hatte – ein gewisses Unbehagen, eine Atmosphäre der Kühle und auch der Enttäuschung, wie sie normalerweise auf Momente der Feststimmung folgt. Vor diesem Hintergrund – das Apostolische Schreiben Petrum et Paulum war am 22. Februar 1967 veröffentlicht worden – läutete Paul VI. das Jahr des Glaubens ein: vom 29. Juni 1967 bis zum 29. Juni 1968 war die ganze Kirche gerufen, die 1900-Jahr-Feier des Martyriums der Apostel Petrus und Paulus zu begehen, „erste Lehrmeister des Glaubens.“
Der Papst wollte, dass das Jahr des Glaubens ganz auf das Credo konzentriert war. Schon in dem Schreiben Petrum et Paulum werden die Bischöfe gebeten, mehrmals in diesem besonderen Jahr eine feierliche Verkündigung des Credo vorzunehmen, und zwar „mit den Priestern und den Gläubigen, nach der einen oder anderen in der katholischen Kirche gebräuchlichen Formel.“ In seinen damaligen Katechesen und Predigten machte Papst Montini die Kirche mehrmals darauf aufmerksam, wie wichtig es wäre, den Akt des Glaubens zu erneuern. „Glaubt nicht, dass ihr den Glauben habt, wenn ihr nicht dem Credo folgt, dem Symbol des Glaubens, kurzum: der schematischen Synthese der Glaubenswahrheiten,“ gemahnte er bei der Generalaudienz vom 31. Mai 1967. Und doch: am Anfang schien er sich nicht mit dem Gedanken zu tragen, das Jahr des Glaubens mit der Verkündigung einer neuen professio fidei ausklingen zu lassen. Nur ein alter Freund des Papstes konnte in seinen Gedanken eine erste, embryonale Intuition dessen erkennen, was dann tatsächlich geschehen sollte.
Jacques Maritain war damals 85 Jahre alt. Seit 1961, dem Todesjahr seiner geliebten Frau Raïssa, lebte er in der Gemeinschaft der Petits frères von Charles de Foucauld in Toulouse. Den großen Intellektuellen verband eine jahrzehntelange Freundschaft mit Montini, der ihn sogar öffentlich verteidigt hatte, als man ihn des „integralen Naturalismus“ bezichtigte. In seinem Buch Le paysan de la Garonne hatte Maritain aus seiner Kritik an den Verzerrungen der Lehre und den kulturellen Pseudoanpassungen keinen Hehl gemacht, die unter dem Vorwand der Öffnung zur Welt in Laien- und Kirchenkreisen so sehr an Boden gewinnen konnten. Das Motto besagten Buches ist ein chinesisches Sprichwort: „Nehmt die Dummheit nie zu ernst.“ In einem Brief an seinen anderen Freund und Vertrauten Journet gab er der Hoffnung Ausdruck, die Reaktion Roms („das den schrecklichen Ernst der Krise letztendlich ganz einfach sehen muss“) mögen nicht nur disziplinare Maßnahmen sein, die man nicht verstehen würde und die die Revolte letztendlich nur noch anschüren würden: „Was wir brauchen, ist das Licht der Freiheit.“ Kardinal Cottier erzählt uns heute: „Paul VI. war für ihn ein schrecklich einsamer Mensch. Maritain betete für ihn und sagte allen, dasselbe zu tun. In einem Brief vom Dezember 1966 schrieb er an Journet: ‚Ich denke oft an den Papst, der so furchtbar einsam ist. Ich glaube, man müsste die kontemplativen Seelen viel für ihn beten lassen‘.“
Ein paar Tage später, am 12. Januar 1967, im post scriptum eines seiner Briefe, berichtete Journet Maritain, dass er von Paul VI. nach Rom zitiert worden wäre. Maritain erschien das providentiell. Seine unverzügliche Antwort an den Freund lautete: „Ich habe da schon seit ein paar Tagen eine Idee, die mir einfach nicht aus dem Kopf gehen will, ja mir so klar vor Augen steht, dass ich sie wohl kaum ignorieren kann. Sie kam mir wie ein Lichtstrahl, als ich gerade für den Papst betete und über die schreckliche Krise nachdachte, die die Kirche durchmacht.“ Angesichts einer solchen Krise – erklärte Maritain in seinem Brief – „kann nur eines die Geister rühren und das absolut wesentliche Gut bewahren, das die Integrität des GLAUBENS ist“: weder „ein disziplinärer Akt, noch Ermahnungen oder Richtlinien, sondern ein DOGMATISCHER AKT, auf der Ebene des Glaubens selbst“; ein souveräner Akt der obersten AUTORITÄT: der des Stellvertreters Jesu Christi.“ „Maritain,“ betont Kardinal Cottier, „hebt seine wichtigsten Konzepte durch Grossbuchstaben hervor: seiner Meinung nach ist es im Moment notwendig, dass ‚der Papst ein vollständiges, detailliertes GLAUBENSBEKENNTNIS verfasst, in dem all das zum Ausdruck kommt, was wirklich im Symbol von Nizäa enthalten ist – und dieses wird als das ‚Glaubensbekenntnis‘ von Paul VI. in die Kirchengeschichte eingehen‘.“

Paul VI. betet vor der Grotte Unserer Lieben Frau von Lourdes in den Vatikanischen Gärten.

Paul VI. betet vor der Grotte Unserer Lieben Frau von Lourdes in den Vatikanischen Gärten.

Die Harmonie des sensus fidei
Die Idee Maritains war keine vollkommen neue in jenen Jahren. Ähnliche Hypothesen waren schon vor und während des Konzils laut geworden. „Auch ein anderer großer dominikanischer Theologe, Yves Congar,“ erinnert sich Cottier heute, „war überzeugt davon, dass es der Tradition entspräche, ein neues Glaubenssymbol zu verkünden, nachdem ein ökumenisches Konzil abgehalten wurde. Im Juni 1964 hatte der Papst Congar auf dessen Druck hin gebeten, einen Text vorzubereiten. Aber das Ergebnis war nicht überzeugend: Paul VI. hatte zwar den ‚biblischen Ton‘ des Entwurfes Congars geschätzt, das Projekt aber dann doch fallen gelassen.“
Als Maritain Journet von seiner Idee einer neuen professio fidei schrieb, bat er den Freund nicht, den Vorschlag in seinem Namen dem Bischof von Rom zu unterbreiten. Sich selbst bezeichnete er als „alten Narren“: „Ich bin nicht einer dieser erleuchteten Laien, die sich anmaßen, dem Papst Ratschläge erteilen zu wollen,“ schrieb er in seinem Brief vom 14. Januar 1967. Journet war es dann, der die Initiative ergriff: er fotokopierte für Paul VI. jene Teile des Briefes, in denen der Philosophenfreund seine Ideen darlegte und übergab sie dem Papst bei ihrem Treffen am 18. Januar. Paul VI. bat Journet bei dieser Gelegenheit um ein Urteil über die Lage der Kirche, die der Schweizer Kardinal als „tragisch“ bezeichnete. Erst in diesem Moment vertraute Papst Montini dem Theologenfreund seine Absicht mit, das Jahr des Glaubens auszurufen, was ca. einen Monat später öffentlich bekannt gegeben werden sollte (mit der Veröffentlichung des Schreibens Petrum et Paulum). Am 24. Februar, als Kommentar zur ersten Ankündigung des Jahrs des Glaubens seitens Pauls VI., schrieb Maritain in sein Tagebuch: „Ist das vielleicht der erste Schritt zu einem Glaubensbekenntnis, das er selbst verkünden wird?“.
Kardinal Cottier merkt an: „Paul VI. hatte damals noch kein neues Glaubensbekenntnis im Sinn. Maritain dagegen wusste nichts von der Absicht des Papstes, ein Jahr des Glaubens auszurufen. Er erfuhr es erst, als es bereits beschlossene Sache war, im Moment der öffentlichen Ausrufung. Aber die beiden Initiativen gehen sozusagen in ein und dieselbe Richtung, sind beide von der Wahrnehmung der Krise getragen, in der die Kirche versunken ist.“
Im selben Jahr, vom 29. September bis 29. Oktober, wurde in Rom die erste Bischofssynode abgehalten. Der Schlussbericht der Kommission für Glaubensfragen, in dem es um die Probleme ging, denen sich die Kirche in der Nachkonzilszeit stellen musste, schlug vor, dem Papst auch das votum bezüglich der Abfassung einer Erklärung über die Glaubenfragen zu unterbreiten. Der Erzbischof von Quito, Pablo Muñoz Vega, verwies bei einer Pressekonferenz auf die mögliche Ausarbeitung eines Glaubenssymbols und die Abfassung eines universalen Katechismus, was einige Synodenväter vorgeschlagen hätten. Der Bischof von Pittsburgh, John Wright, der 1969 Präfekt der Kongregation für den Klerus und Kardinal werden sollte, präzisierte, dass bei den Bischöfen „kein großer Enthusiasmus für Lösungsvorschläge (der Krise) wie einfache Fehlerlisten oder Syllaben“ festzustellen sei, dass man aber ein weit verbreitetes Interesse „an einer ‚Glaubensregel‘“ erkennen könne, „die sich als eine für das Volk verständliche Regel definieren ließe“ und dank der das Christenvolk das, was zum katholischen Glauben gehört, deutlich von dem unterscheiden könne, „was wiederum theologische Spekulation oder einfache persönliche Meinung ist.“ Paul VI. hat in seiner Eröffnungsansprache zur Synode auf die Versuche aufmerksam gemacht, „das Glaubenserbe der Kirche einer Revision zu unterziehen, um dem Christentum neue ideologische Dimensionen zu geben.“ „Beeinflusst wurde das Klima auch von dem Fall des Holländischen Katechismus,“ erinnert sich Pater Cottier heute, „den Kardinal Alfrink im Oktober 1966 vorgestellt hatte. Auch Kardinal Journet war Mitglied der vom Papst ernannten Kardinalskommission, die dieses von den holländischen Bischöfen approbierte kontroverse Verständnis untersuchen sollte. In seinem Schlussbericht sprach Journet davon wie von einem organischen Ganzen, einem Werkzeug, das dazu gebraucht wird, um ‚im Innern der Kirche selbst, eine Orthodoxie mit einer anderen zu ersetzen, eine moderne Orthodoxie mit der traditionellen Orthodoxie‘.“
Gerade die Arbeit der Kommission zur Überprüfung des Holländischen Katechismus brachte Journet wieder nach Rom. Am 14. Dezember 1967 wurde der Schweizer Kardinal erneut von Paul VI. empfangen und nutzte die Gelegenheit, um den Anfang des Jahres von Maritain erhaltenen Vorschlag erneut zu unterbreiten. Kardinal Cottier erzählt: „Journet fragte Paul VI., ob er sich zum Ende des Jahrs des Glaubens mit der Absicht trüge, ein bedeutendes Dokument zu veröffentlichen als Orientierung für jene, die in der Kirche bleiben wollten. Der Papst antwortete ihm, dass man ihm etwas Ähnliches schon am Ende des Konzils unterbreitete hatte und verwies auf das – fallen gelassene – Projekt Congars. Dann richtete er an Journet eine überraschende und folgenschwere Bitte. Er sagte zu dem Kardinal: ‚Setzen Sie für mich doch einen Entwurf darüber auf, was Ihrer Meinung nach getan werden muss‘.“
In diese päpstliche Forderung bezog Journet, kaum nach Fribourg zurückgekehrt, sofort Maritain mit ein. In seinem Brief vom 17. Dezember schreibt er an den Freund und Philosophen: „Nun, Jacques, wie hätte ich Sie nicht sofort um Hilfe bitten sollen? Die Frage des richtigen Tons, und der Dinge, die gesagt werden sollen, ist nur schwer zu lösen. Man sagt, ein neuer Syllabus würde nichts nützen […] Könnten Sie vielleicht ein wenig darüber nachdenken und mir mitteilen, was Ihrer Meinung nach angemessen wäre, um die Seelen zu erleuchten? Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir das so präzise wie möglich mitteilen könnten.“ Kardinal Cottier berichtet: „Anfang Januar, als er sich gerade in Paris aufhielt, verfasste Maritain den Entwurf einer professio fidei. Er beendete ihn am 11. Januar und schickte den Text am 20. an Journet. In dem Begleitbrief heißt es: ‚Ich bin zufrieden darüber, dass ich es getan habe und kann es kaum erwarten, zu erfahren, was Sie darüber denken; gleichzeitig bin ich aber auch untröstlich und verwirrt über das, was ich da tun musste: um diese Seiten schreiben zu können, hat sich ein armer Teufel wie ich ein paar Momente lang an die Stelle des Heiligen Vaters versetzen müssen! Kann man sich eine dümmere Situation vorstellen?.‘ Dann fügt er noch an: ‚Charles, machen Sie damit, was Sie wollen, verbrennen Sie es, wenn Sie meinen. Ich fühle mich elender denn je; und doch bin ich immer mehr der Meinung, dass das Dokument, um das Sie der Papst gebeten hat, wichtig, ja, was sage ich: von äußerster Wichtigkeit ist‘!“.
In seinem Antwortschreiben gab Journet zu, beim Lesen des Schreibens von Maritain „übergroße Dankbarkeit“ empfunden zu haben. Einen Tag später schickte er den Text, so wie er ihn erhalten hatte, an Paul VI.: „Die Frage ist angesichts der derzeitigen Geisteslage derart schwierig,“ schrieb Journet an den Papst als Rechtfertigung dafür, den gemeinsamen Philosophenfreund mit einbezogen zu haben, „dass ich mit Jacques Maritain darüber sprechen wollte. Er betet ja schon seit geraumer Zeit für diese Angelegenheit und verfügt über große Erfahrung in den Dingen der Welt. Ich habe soeben eine Antwort von ihm erhalten und möchte sie Ihnen auf diesem Wege zukommen lassen.“ Er fügte dem Schreiben zwei Auszüge des Briefes an, den er am 20. Januar von Maritain erhalten hat. In einem davon schlägt Maritain vor, das neue Glaubensbekenntnis auf den „alten Glaubensbekenntnissen zu begründen, aber in einem einfacheren Stil.“
Aus den Briefen geht deutlich hervor, dass der von Maritain ausgearbeitete Text nur der Versuch eines Entwurfes sein wollte, eine Hilfe für den Freund Journet. Journet war es dann, der den Text ohne weitere Absprache auf Eigeninitiative sine glossa an Paul VI. weiterleitete. Und wenn er das tat, so nicht, um Maritain in den Augen des Papstes „gut dastehen zu lassen“, sondern, weil ihm der von Maritain aufgesetzte Text tatsächlich die erschöpfende Antwort auf die Erwartungen des Augenblicks zu sein schien. „Das Wunder,“ schreibt Journet am 24. Januar an Maritain, „ist, dass alle wichtigen Punkte erleuchtend behandelt und beantwortet worden sind.“ Kardinal Cottier meint: „Was die wesentlichen Daten des Glaubens waren, die es angesichts der damaligen theologischen Verwirrung zu bekennen galt, hatte Journet in dem am 21. September 1967 nach Rom geschickten Bericht dargelegt, in dem er jene Punkte des holländischen Katechismus auflistete, in denen man sich seiner Meinung nach von der Lehre der Kirche entfernt hatte: ‚Der Sündenfall, der Sinn der Erlösung, die Natur des Messopfers, die leibliche Präsenz Christi in der Eucharistie, die Erschaffung der Welt und einer jeden menschlichen Seele aus dem Nichts, der Primat Petri […]. Die Lehre der Taufe und der Sakramente des Neuen Gesetzes […]; die Rolle der Jungfrau Maria, ihre jungfräuliche Mutterschaft […], ihre Wissenschaft der göttlichen Dinge, ihre Unbefleckte Empfängnis und ihre Aufnahme in den Himmel‘.“

 

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Paul VI. und Maritain bei der Abschlussfeier des II. Vatikanischen Konzils (8. Dezember 1965).

Eine einfache confessio
In der Einführung zu dem auf Bitte Journets aufgesetzten Text hatte Maritain auch einige methodische Vorschläge gegeben. Er hielt es für angebracht, dass sich der Papst einer neuen Prozedur bediene, sein Glaubensbekenntnis ein reines, einfaches Zeugnis sei: „Das Zeugnis unseres Glaubens: das ist es, was wir vor Gott und vor die Menschen tragen wollen.“ Maritain war der Meinung, dass eine reine und einfache confessio fidei den vielen geplagten Seelen sehr viel besser helfen würde, dass es nicht notwendig wäre, das Glaubensbekenntnis als reinen Akt der Autorität zu präsentieren: „Wenn der Papst den Eindruck erwecken würde, sein Glaubensbekenntnis im Namen seines Lehramts vorschreiben oder aufzwingen zu wollen, oder die ganze Wahrheit sagen sollte, was so manchen Sturm auslösen würde, oder wenn er Rücksichten nehmen und es vermeiden sollte, die am meisten bedrohten Punkte zu behandeln, dann wäre das das Schlimmste von allem.“ Am Effizientesten und Notwendigsten war es, die Integrität des Glaubens der Kirche klar und mit Nachdruck zu bekennen, ohne auch nur irgendjemanden mit dem Anathema zu belegen.
Die erste Antwort aus Rom erging am 6. April durch einen an Journet adressierten Brief des Dominikaners Benoît Duroux, damaliger Mitarbeiter des Sekretärs des ehemaligen Heiligen Offiziums, Paul Philippe. Duroux fand, auch im Namen von Bischof Philippe, lobende Worte für den von Maritain „wunderbar konzepierten“ Entwurf. Er hatte ein paar Präzisierungen parat – die Journet als von Paul VI. kommend interpretierte – bezüglich der Art und Weise, wie die professio fidei der Welt präsentiert werden sollte. Der Dominikaner aus der Römischen Kurie war der Meinung, dass man vermeiden müsste, dass es von den einander bekämpfenden kirchlichen Parteien als eine Art persönliches Glaubensbekenntnis von Giovanni Battista Montini abgewertet werde – was dem Ganzen natürlich jede Effizienz genommen hätte. Es musste „unter Vermeidung jeglicher Anspielung auf die anathematische Form“ proklamiert werden. „Aber im Namen dessen, der derzeit den Stuhl des Apostels Petrus innehat. Dergestalt, dass jegliche Ambiguität ausgeschlossen ist.“ Laut Duroux sollte auch die Präzisierung angefügt werden, dass die Kirche, wenn sie sich mit zeitlichen Fragen befasst, nicht den Zweck verfolgt, ein Paradies auf Erden einzurichten, sondern einfach nur die derzeitige Befindlichkeit der Menschen weniger unmenschlich gestalten will. Eine Anfügung, die zweideutigen Interpretationen bezüglich den Haltungen zuvor kommen sollte, die viele kirchliche Sektoren, vor allem in Südamerika, zu politischen und sozialen Ungerechtigkeiten eingenommen hatten.
In dem nachfolgenden Briefwechsel mit Journet erklärte sich Maritain mit den aus Rom ergangenen Überlegungen einverstanden. Bezüglich der Beurteilung und der Aktion der Kirche in Sachen zeitlicher Belange schlug er vor, in dem neuen Credo die Enzyklika Populorum progressio zu zitieren. Ein Rat, der zwar unbeachtet bleiben sollte, aber auch zeigt, in welcher Kontinuität und Harmonie das Credo des Gottesvolkes mit der 1967 entstandenen Enzyklika Montinis stand, die wegen ihrer realistischen Beurteilung der weltlichen Dinge so viel Kritik ausgelöst hatte.
Am Gründonnerstag des Jahres 1968 antworteten Journet und Maritain und versicherten Duroux der vollen Zustimmung bezüglich der aus Rom ergangenen Präzisierungen zu Modalität und Ton, die bei einem eventuellen Glaubensbekenntnis von Paul VI. angewandt werden müssten. Montini wiederum antwortete mit einem knappen Dankesschreiben an Journet. Dann hörte man aus Rom nichts mehr.

 

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Paul VI. beim Festessen für die Kinder, die beim „Krippenwettbewerb” gewonnen haben (30. Januar 1966).

Ein „außergewöhnliches Abenteuer“
Am 30. Juni verkündete Paul VI. auf dem Petersplatz das Credo des Gottesvolkes. Erst am 2. Juli stieß Maritain, als er wie jeder andere gewöhnliche Sterbliche die Zeitung las, in der dort veröffentlichten Zusammenfassung auf breite Teile des Textes, den er Anfang des Jahres an Journet geschickt hatte.
Das Credo des Gottesvolkes ist größtenteils mit dem von Maritain aufgesetzten Entwurf identisch (siehe Kasten S. 57). Der benediktinische Gelehrte Michel Cagin, der in Kürze die Text-Synopse veröffentlichen wird, bestätigt in einer Anmerkung zum 4. Band der Correspondance, dass die vom Papst gezeichnete professio fidei „seine Grundauffassung wieder aufgreift“ – unter Integrierung des Gerüsts des Symbols von Nizäa-Konstantinopel mit den späteren homogenen Entwicklungen des Dogmas –, wie auch die Formulierung, die zum Teil wörtlich übernommen, zum Teil ein wenig gekürzt wird, unter Vermeidung gewisser Erläuterungen, um dem Text den knappen Stil eines Glaubenssymbols zu geben.“ Handelt es sich also um das Credo von Paul VI. oder um das Credo Maritains?
Pater Cottier hat keinen Zweifel. Jeglicher Versuch, die professio fidei von Paul VI. als Übung eines alten Philosophenfreundes des Papstes abzutun, scheint unpassend: „Papst Montini hatte schon andere Projekte verworfen, das von Congar beispielsweise. Der ihm nun vorgelegte Text war eigentlich gar nicht für ihn, sondern für Journet bestimmt gewesen. Papst Montini erkannte in Inhalt und Formulierung dieses Entwurfes ganz einfach das, was im Namen aller Priester und aller Gläubigen zu bekennen seine Hirtenpflicht war. Bei der Abfassung seines Textes war Maritain fast schon instinktiv dem sensus fidei gefolgt, demselben, der aus den Forderungen der Bischofssynode hervorging und der Paul VI. zur Ausrufung des Jahrs des Glaubens inspiriert hatte. Mit jener Freiheit, die die Belange der Kirche stets begleitet, wenn der Herr es ist, der die Führung übernimmt. Der Nachfolger Petri musste nichts weiter tun als jene Formeln anzuerkennen und zu autentifizieren, die ganz einfach nur die von Christus empfangene Lehre wiederholten, der die Herzen mit seiner Gnade anzieht.“
Nachdem er die Zeitungen vom 2. Juli gelesen hatte brachte der alte Philosoph in seinem Notizbuch mit ergreifenden Worten seine Emotion zu Papier und schrieb alles der himmlischen Hilfe seiner Frau zu: „Ich bin verwirrt. Überwältigt von der Tatsache, von einem Geheimnis verschlungen worden zu sein, das soviel größer ist als ich selbst. Zum Glück war Raïssa es, die das alles in die Bahnen gelenkt, die alles getan hat, als dieses außergewöhnliche Abenteuer begann.“

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Quelle: 30 Giorni