DIE HEILIGE MUTTER ANNA

Über die Lebensverhältnisse der heiligen Mutter Anna gibt die heilige Schrift keine Andeutung. Dasselbe Schweigen beobachten wir in dem Heilsplane Gottes öfter, wenn es sich um solche Persönlichkeiten handelt, welche bestimmt sind, eine hohe Stellung im Gnadenreiche einzunehmen. Reich aber ist das, was uns die Überlieferung mitteilt, und gar mannigfaltig sind die Blüten, welche ihre Verehrung im christlichen Volksleben getrieben hat.

Die heilige Anna gehörte dem Stamme Juda an, und vermählte sich mit dem heiligen Joachim, welcher aus gleichem Stamme war. Die Sehnsucht nach dem Messias war der Stern und Trost ihres frommen Lebens; in innigem Gebet bestürmten sie den Himmel, dass er den senden möchte, auf den die Völker harrten. Von jedermann geachtet wegen ihrer geläuterten Tugend und besonders von den Armen geliebt, wandelten sie vor Gott. Ihre Einkünfte pflegten sie in drei Teile zu zerlegen; den ersten und besten sandten sie nach dem Tempel in Jerusalem, den zweiten erhielten die Armen und mit dem dritten, dem schlechteren, begnügten sie sich. Zur Prüfung ihrer Unterwürfigkeit unter Gottes Pläne versagte der Himmel ihnen den Kindersegen. Israels Volk sah dies stets als ein Zeichen göttlichen Missfallens an. Tief kränkte es beide, als Joachim einst von einem Tempelpriester abgewiesen und ihm bedeutet wurde, er sei nicht würdig, ein Opfer zu bringen, da Gott in so auffälliger Weise ihm seinen Zorn bekunde. Allein ihre fromme Gesinnung wurde dadurch keineswegs getrübt; je mehr die Aussicht auf Erhörung ihres Flehens zu schwinden schien, um so fester wurde ihr Vertrauen und um so inniger ihr Versprechen, dass, wenn ihr Gebet Erhörung finden würde, sie das Kind dem Dienste des Allerhöchsten opfern wollten. Ihr Vertrauen ward belohnt; Gott legte ihr ein Kind in die Arme, auf welches Himmel und Erde mit innigster Liebe niederschauten. Doch dem Kinde war das Siegel des Opfers aufgedrückt, die Mutter hatte ja versprochen, es ganz dem Dienste des Allerhöchsten zu weihen. Als es daher drei Jahre zählte, führten sie ihr Kind zum Tempel, damit es dort unter den übrigen Tempeljungfrauen heranwachse zu einer Dienerin Gottes. Erfüllt mit großem Trost über die Nähe des Welterlösers, reich an Tugenden und Verdiensten, schlossen Anna und Joachim alsdann ihre Augen im Frieden des Herrn.

Aus Palästina kamen die Gebeine der heiligen Mutter Anna nach Konstantinopel, wo Kaiser Justinian I. und Justinian II. herrliche Kirchen ihr zu Ehren erbauten. Bald verbreitete sich ihre Verehrung im ganzen Morgen- und Abendland; durch den heiligen Apostel Jakobus soll sie zuerst nach Spanien gekommen sein. Die Kreuzfahrer brachten die Reliquien nach Frankreich, von wo sie den Kirchen der anstoßenden Länder zukamen. Eine mit auffallenden Inschriften und Darstellungen versehene Hand der Heiligen befindet sich im kaiserlichen Palaste zu Wien. Ihr Haupt wird in der St. Annakirche zu Düren von Pilgern aus nah und fern verehrt, welche zumal an ihrem Feste hinströmen. Dasselbe befand sich früher in der St. Stephanskirche zu Mainz; heimlich nahm ein Steinmetz es an sich, um es nach Kornelimünster zu bringen. Seine Mutter aber drang in ihn, es wieder an seinen Ort nach Mainz zu tragen. Da das Kloster Schwarzenbroich es nicht annahm, wandte er seine Schritte nach Düren zu den Franziskanern. Eine freudige Begeisterung bemächtigte sich der Stadt bei der Kunde, dass das Haupt der Mutter Anna sich in ihren Mauern befinde und unter großen Feierlichkeiten wurde es in die Hauptkirche übertragen. Seit dieser Zeit hat die Verehrung der heiligen Anna eine große Verbreitung im nördlichen Deutschland gefunden ; nicht weniger als 66 Gotteshäuser in Rheinland und Westfalen tragen ihren Namen. Christliche Eltern rufen sie an um ihren Beistand bei der Erziehung der Kinder. Auf Kirchhöfen findet man vielfach St. Anna-Kapellen. Sie ist die Patronin der Bergleute, wohl aus dem Grunde, dass ihre nächsten Angehörigen, der Heiland und Maria, in der heiligen Schrift oft mit Gold und Silber verglichen werden. In erzreichen Gegenden finden sich viele Gotteshäuser ihres Namens, ganze Ortschaften haben sich nach ihr benannt. Vielerorts knüpfen sich  schöne Volksfeste an ihre Verehrung. Die Kunst stellt sie dar als Matrone mit einem Buch, aus welchem ihr heiliges Kind liest; viel verbreitet waren früher Darstellungen, auf denen St. Anna die Mutter Gottes und diese wieder den Heiland auf dem Schoße trägt, man nannte diese Bilder mettertia, Selbdritt, daher wurde Anna auch oft die heilige Selbdritt genannt. Der  Maler gibt der Heiligen einen Mantel von grüner Farbe, weil sie uns die Hoffnung der Welt, Maria, geschenkt hat.

Lobsprüche auf St. Anna.

In den Schriften der heiligen Kirchenväter und anderer Heiligen finden wir folgende Lobsprüche auf die heilige Mutter Anna:

„Anna ist jener herrliche Baum, von dem ein abgelöster Zweige geblüht hat; sie ist das heilige Erdreich, welches den brennenden Dornbusch hervorgebracht, der nicht verbrannte; sie ist der erhabene Himmel, von dessen Höhe der Meeresstern sich seinem Aufgange genaht hat. Anna ist die gesegnete Unfruchtbare, die des Besuches der Engel sich erfreute; sie ist die Gesegnete unter den Frauen, glückliche Mutter unter den Müttern; aus ihrem reinen Schoße ging hervor der leuchtende Tempel des Herrn, das Heiligtum des Heiligen Geistes, die Mutter Gottes.“ „O keuscher Schoß Annas, o heiliger Leib, in welchem dieser lebendige Himmel, der über alle andern weit erhaben ist, empfangen wurde! Anna, Joachim, glückliches, fleckenloses Paar, von euch kann man mit dem Heilande sagen: Man kennt euch an der Frucht eurer Verbindung; ihr lebet heilig in einer schwachen, menschlichen Natur und habt uns dadurch eine Tochter gegeben, welche höher steht als die Engel, deren Königin sie ist.“

Gebet.

O Gott, der Du in Deiner Gütigkeit der seligen Anna die Gnade verliehen hast, die Mutter der allerseligsten Gottesgebärerin zu werden, gewähre uns gnädig, dass wir, die wir ihr Fest begehen, durch ihre Fürbitte unterstützt werden. Amen.

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Quelle: Leben der Heiligen nebst praktischen Lehren für das katholische Volk – mit besonderer Berücksichtigung der deutschen und neueren Heiligen – von Herm. Jos. Kamp, Dechant. – Dritte Auflage – Mit Erlaubnis der geistlichen Obrigkeit. – Verlag der A. Laumann’schen Buchhandlung, Dülmen i. W., Verleger des heiligen Apostolischen Stuhles. – Imprimatur, die 13. Februarii 1911.

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