Klare Unterscheidung zwischen Gerechtigkeit und Rache

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Ansprache von Papst Franziskus beim Angelusgebet am 19. Februar

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag!

Im Evangelium des heutigen Sonntags (Mt 5,38-48) – eine jener Stellen, die am besten die christliche »Revolution« zum Ausdruck bringen – zeigt Jesus den Weg der wahren Gerechtigkeit durch das Gesetz der Liebe, welches das Gesetz des »Auge für Auge, Zahn für Zahn« überwindet. Diese antike Regel verlangte, den Gesetzesbrechern dem verursachten Schaden entsprechende Strafen aufzuerlegen: den Tod für den, der gemordet hatte, die Amputation für den, der jemanden verletzt hatte, und so weiter. Jesus fordert von seinen Jüngern nicht, das Übel hinzunehmen. Im Gegenteil: Er fordert auf zu reagieren, aber nicht mit einem weiteren Übel, sondern mit dem Guten. Nur auf diese Weise wird die Kette des Übels gebrochen: ein Übel führt zu einem weiteren Übel, ein weiteres führt zu anderen… Es wird diese Kette des Übels durchbrochen, und die Dinge werden wirklich anders. Das Übel nämlich ist eine »Leere«, eine Leere ohne Gutes, und ein Leerraum kann man nicht mit einer weiteren Leere füllen, sondern nur mit einer »Fülle«, das heißt mit dem Guten. Die Vergeltung führt nie zur Lösung der Konflikte. »Du hast mir das angetan, ich tue es dir auch an«: das löst nie einen Konflikt, und es ist auch nicht christlich.

Für Jesus kann die Ablehnung von Gewalt auch einen Verzicht auf ein legitimes Recht mit sich bringen; und er führt einige Beispiele dafür an: die andere Wange hinhalten, seine Kleidung oder sein Geld überlassen, weitere Opfer auf sich nehmen (vgl. V. 39-42). Dieser Verzicht jedoch will nicht besagen, dass die Erfordernisse der Gerechtigkeit ignoriert werden oder man ihnen widerspricht. Nein, im Gegenteil, die christliche Liebe, die sich in besonderer Weise in der Barmherzigkeit offenbart, stellt eine höhere Verwirklichung von Gerechtigkeit dar. Was Jesus uns lehren will, ist die klare Unterscheidung, die wir zwischen Gerechtigkeit und Rache machen müssen. Zwischen Gerechtigkeit und Rache unterscheiden. Rache ist nie gerecht. Es ist uns gestattet, Gerechtigkeit einzufordern; es ist unsere Pflicht, Gerechtigkeit zu üben. Es ist uns dagegen untersagt, uns zu rächen oder auf irgendeine Weise Rache zu schüren, insofern dies Ausdruck des Hasses und der Gewalt ist.

Jesus will keine neue bürgerliche Ordnung vorschlagen, sondern vielmehr das Gebot der Nächstenliebe, das auch die Feindesliebe umfasst: »Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen« (V. 44). Und das ist nicht leicht. Dieses Wort darf nicht als Billigung des vom Feind zugefügten Übels missverstanden werden, sondern ist als Aufforderung zu einer höheren Perspektive zu verstehen, zu einer großmütigen Perspektive, die jener des himmlischen Vaters ähnlich ist. Er, so sagt Jesus, »lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte« (V. 45). Denn auch der Feind ist eine menschliche Person, die als solche nach dem Bild Gottes geschaffen ist, auch wenn dieses Bild gegenwärtig durch ein unwürdiges Verhalten getrübt wird.

Wenn wir von »Feinden« sprechen, dürfen wir nicht an irgendwelche Personen denken, die anders und fern von uns sind; wir sprechen auch von uns selbst, die wir mit unserem Nächsten in Konflikt geraten können, bisweilen mit unseren Familienangehörigen. Wie viele Feindseligkeiten in den Familien, wie viele! Denken wir daran. Feinde sind auch jene, die schlecht über uns reden, die uns verleumden und uns Unrecht antun. Und es ist nicht leicht, das wegzustecken. Wir sind dazu aufgerufen, all diesen mit dem Guten zu antworten, das seine eigenen, von der Liebe inspirierten Strategien hat.

Die Jungfrau Maria stehe uns bei, Jesus auf diesem anspruchsvollen Weg zu folgen, der wirklich die menschliche Würde in den Vordergrund stellt und uns als Kinder unseres Vaters im Himmel leben lässt. Sie möge uns helfen, uns in der Geduld, im Dialog, in der Vergebung zu üben und Handwerker der Gemeinschaft, Handwerker der Brüderlichkeit in unserem alltäglichen Leben zu sein, vor allem in unserer Familie.

Nach dem Angelusgebet sagte der Papst:

Liebe Brüder und Schwestern, leider erreichen uns weiter Nachrichten von gewalttätigen und brutalen Zusammenstößen in der Region Zentral-Kasai, Demokratische Republik Kongo. Es schmerzt mich sehr für die Opfer, besonders für die vielen Kinder, die ihren Familien und der Schule entrissen werden, um als Soldaten benutzt zu werden. Der Einsatz von Kindersoldaten ist eine Tragödie. Ich sichere meine Nähe und mein Gebet zu, auch für die Hilfskräfte aus religiösen und humanitären Einrichtungen, die in diesen schwierigen Regionen tätig sind. Und ich erneuere meinen eindringlichen Aufruf an das Gewissen und die Verantwortung der nationalen Obrigkeiten sowie der internationalen Gemeinschaft, damit angemessene und unverzügliche Entscheidungen getroffen werden, um diesen unseren Brüdern und Schwestern zu helfen. Wir wollen für sie und für alle Bevölkerungen beten, die auch in anderen Teilen des afrikanischen Kontinents und der Welt aufgrund von Gewalt und Kriegen leiden. Ich denke im Besonderen an die geliebten Völker Pakistans und des Irak, die in den vergangenen Tagen von grausamen Terroranschlägen getroffen wurden. Wir wollen für die Opfer, die Verletzten und ihre Familienangehörigen beten. Beten wir innig dafür, dass sich jedes durch Hass verhärtete Herz dem Willen Gottes entsprechend zum Frieden bekehre. Beten wir einen Moment in Stille. [Der Papst betete mit den Gläubigen ein Gegrüßet seist du, Maria…]

Ich grüße euch alle, die Familien, Vereinigungen, Pfarrgruppen sowie die einzelnen Pilger aus Italien und verschiedenen Teilen der Welt.

Mein besonderer Gruß geht an die Schüler aus Armagh (Irland), die Gläubigen der Bistümer Asidonia-Jerez, Cádiz y Ceuta und Madrid in Spanien; die Jugendbewegung »Don Guanella«, die Firmlinge aus Castelnuovo di Prato und die Pilger aus Modena und Viterbo.

Allen wünsche ich einen schönen Sonntag – ein schöner Tag! [Der Papst zeigt auf den blauen Himmel]. Und bitte vergesst nicht, für mich zu beten. Gesegnete Mahlzeit und auf Wiedersehen!

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Quelle: Osservatore Romano 8/2017

„Das ist eine Tragödie, die Kindersoldaten!

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Flüchtlinge, Nord-Kivu (Photo: 2012) / Wikimedia Commons – © MONUSCO/Sylvain Liechti, CC BY-SA 2.0

Worte von Papst Franziskus nach dem Angelus von Sonntag, dem 19. Februar 2017

Nach dem Angelusgebet am Sonntag, dem 19. Februar 2017, lenkte Papst Franziskus die Aufmerksamkeit der Pilger auf die dramatische Lage in der Demokratischen Republik Kongo (ex Zaire), insbesondere auf die ‪„gewalttätigen und brutalen Auseinandersetzungen“ in der der Region Zentral-Kasai.

‪„Ich spüre einen starken Schmerz für die Opfer, besonders für die vielen betroffenen Kinder, die ihren Familien und den Schulen entrissen wurden, um als Kindersoldaten verwendet zu werden“, sagte Franziskus, der das Phänomen der Kindersoldaten als eine ‪„Tragödie“ bezeichnete.

„Ich versichere ihnen meine Nähe und mein Gebet, auch dem religiösen und humanitären Personal, das in dieser schwierigen Region tätig ist, und richte erneut einen eindringlichen Appell an das Gewissen und an die Verantwortlichkeit der nationalen Autoritäten und der internationalen Gemeinschaft, damit sie unverzüglich angemessene Entscheidungen treffen, um diesen unseren Brüdern und Schwestern beizustehen“, so fuhr der Papst fort.

„Beten wir für sie und für alle Völker, die auch in anderen Teilen des afrikanischen Kontinents und der Welt unter Gewalt und Krieg leiden“, sagte der Papst, der an dieser Stelle die jüngste Anschlagswelle in Pakistan und Irak erwähnte.

„Beten wir für die Opfer, für die Verletzten und die Angehörigen. Beten wir sehnlich, dass jedes von Hass verhärtete Herz sich in Frieden umwandele nach dem Willen Gottes“, bat der Papst, der gemeinsam mit den Gläubigen ein Ave-Maria rezitierte.

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Quelle

„Der Weg der ‪wahren Gerechtigkeit“

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Angelus, 22. Januar 2017 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Angelus am Sonntag, dem 19. Februar 2017

Um 12 Uhr genau zeigte sich Papst Franziskus am Sonntag, dem 19. Februar, am Fenster seines Arbeitszimmers, um den sonntäglichen Angelus mit den Pilgern auf dem Petersplatz zu beten.

Am Beginn seiner Betrachtung unterstrich der Papst, dass die heutige Perikope, Matthäus 5,38-48, eine der Seiten des Evangeliums sei, die „am besten die christliche ‚Revolution’“ ausdrücke.

Im Tagesevangelium zeige Jesus den Weg der ‪„wahren Gerechtigkeit“ durch das Gesetz der Liebe, die das Talionsprinzip „Auge um Auge und Zahn um Zahn“ überwinde.

„Jesus fragt seine Jünger nicht, das Böse zu erleiden, sondern zu reagieren, aber nicht mit einem anderen Übel, sondern mit dem Guten“, so erklärte Franziskus. Nur so zerbreche man die Kette des Bösen, betonte er.

‪„‪Das Böse ist tatsächlich eine ‚Leere’‪‪, eine Leere des Guten, und eine Leere füllt man nicht mit einer anderen Leere, sondern nur mit einer ‚Fülle’‪‪, das heißt mit dem Guten“, so erläuterte der Papst. ‪„Die Vergeltung führt nie zur ‪Lösung von Konflikten“, so warnte er ausdrücklich.

Für Jesus könne die Ablehnung von Gewalt auch den Verzicht auf ein legitimes Recht beinhalten, so fuhr Franziskus fort. ‪„Dieser Verzicht bedeutet aber nicht, dass die Ansprüche der Gerechtigkeit übersehen oder widersprochen werden, nein, im Gegenteil, die christliche Liebe, die sich in besonderer Weise in der Barmherzigkeit zeigt, stellt eine höhere Verwirklichung der Gerechtigkeit dar“, betonte Papst Franziskus.

‪„Das was Jesus uns lehren will“, erklärte er, ‪„ist der klare Unterschied, den wir zwischen Gerechtigkeit und Vergeltung machen müssen.“ Die Vergeltung sei nie gerecht, so sagte er. Sie sei nur Ausdruck des Hasses und der Gewalt.

‪„Jesus möchte kein neue Zivilordnung vorschlagen — so Franziskus –, sondern eher das Gebot der Liebe zum Nächsten, die auch die Feindesliebe umfasst: ‚Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen’ (V. 44).“

Dies — so erklärte der Papst weiter — solle nicht verstanden werden, als ob Jesus das vom Feind begangenen Übel billige, sondern als eine Einladung zu einer höheren Perspektive, zu einer großmütigen Perspektive, die der des himmlischen Vaters ähnlich sei.

‪Auch der Feind sei eine menschliche Person, als solche nach dem Bild Gottes geschaffen, obwohl dieses Bild durch ein unwürdiges Verhalten getrübt sei, erläuterte Franziskus.

Bei ‪„Feinden‪“  solle man nicht an völlig andere oder weit entfernte Personen denken, sondern auch an uns selbst, weil auch wir mit unserem Nächsten in Konflikt geraten können, sogar mit unseren nächsten Verwandten.

‪„Feinde sind auch diejenigen, die über uns schlecht reden, die uns verleumden und die uns Unrecht antun“, fuhr der Papst fort. Wir seien dazu aufgerufen, all jenen zu antworten mit dem Guten, „das auch seine eigene von der Liebe inspirierten Strategien hat“, so sagte Franziskus, während er die Jungfrau bat, sie möge uns helfen, Jesus auf diesem anspruchsvollen Weg zu folgen.

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Quelle

„Dem Leben ‚Geschmack’‪‪ verleihen“

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Angelus, 22. Januar 2017 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Angelus am Sonntag, dem 5. Februar 2017

 In der Katechese vor dem Angelus am Sonntag, dem 5. Februar 2017, ging Papst Franziskus auf das Tagesevangelium ein, und insbesondere auf die Einladung, Salz der Erde und Licht der Welt zu sein (Matthäus 5,13-16).

Mit den Metaphern des Salzes und des Lichtes wende sich Jesus an die Jünger von jeder Epoche, ‪„damit auch an uns“, so betonte Franziskus zu Beginn seiner Betrachtung.

„Jesus lädt uns ein, durch das Zeugnis der guten Werke ein Widerschein seines Lichtes zu sein“, so der Papst, der an dieser Stelle den Schlussvers der heutigen Perikope zitierte: „So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen“ (Mt 5,16).

Dies bedeute, dass Christen als wahre Jünger Jesu, der das Licht ist, nicht durch ihre Worte, sondern durch ihre Werke erkennbar seien.„Tatsächlich, es ist vor allem unser Verhalten, das — im Guten wie im Bösen — ein Zeichen in den anderen zurücklässt“, erläuterte der Papst.

Es sei die Aufgabe und die Verantwortung eines Christen, die empfangene Gabe nicht zu behalten, als sei es sein Eigentum, sondern er sei dazu aufgerufen, das Licht des Glaubens durch die guten Werke den anderen weiterzugeben. ‪„Und wie sehr braucht die Welt das Licht des Evangeliums, das verwandelt, heilt und jenem, der es aufnimmt, das Heil versichert“,  so unterstrich Franziskus.

Christus sollen nicht nur Licht der Welt, sondern auch Salz der Erde sein, erinnerte der Papst, weil das Salz nicht nur würze, sondern zugleich die Lebensmittel vor dem Verderben bewahre. ‪„Zur Zeit Jesu gab es keine Kühlschränke“, so erinnerte Franziskus mit Sinn für Humor.

Deshalb sei es die Aufgabe der Christen in der Gesellschaft, nicht nur mit dem Glauben und der Liebe, die Christus uns gegeben hat, dem Leben „Geschmack“‪‪ zu verleihen, sondern auch die schädlichen Keime des Egoismus, des Neids, der Verleumdung usw. fern zu halten, so der Papst.

‪„Diese Keime verderben das Gewebe unserer Gemeinden, die stattdessen als Orte der Aufnahme, der Solidarität und der Versöhnung leuchten sollen“, sagte der Papst. Um aber diese Sendung erfüllen zu können, sollen Christen zunächst selbst befreit sein vom verderbenden Degenerieren durch die weltlichen Einflüsse, so erinnerte Franziskus, der weiter betonte, dieses sich Reinigen ende niemals, solle ständig fortgesetzt, täglich getan werden.

Maria, „die erste Jüngerin Jesu und Modell der Gläubigen“, könne uns dabei helfen, so sagte der Papst. ‪„Möge unsere Mutter uns helfen, uns immer vom Herrn reinigen und erleuchten zu lassen, damit auch wir ‚Salz der Erde’ und ‪‚Licht der Welt‪’‪‪ werden“, so betete er am Ende seiner Betrachtung.

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Quelle

Papst: „Gemeinsam beten für Sterbende und Ungeborene“

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Papst Franziskus beim Angelus

Gemeinsam für Sterbende und für Ungeborene beten, denen die Abtreibung droht: dazu hat Papst Franziskus eingeladen. Beim Angelusgebet an diesem Sonntag, an dem Italien den „Tag des Lebens“ begeht, rief der Papst dazu auf, eine „Kultur des Lebens“ zu fördern, als Antwort auf die Logik des Wegwerfens und des Bevölkerungsrückgangs. Niemand dürfe alleingelassen werden, die Liebe müsse „den Sinn für das Leben verteidigen“, sagte Franziskus und erinnerte an Worte Mutter Teresas: „Das Leben ist schön, bewundere es; das Leben ist Leben, verteidige es!“ Das gelte für Ungeborene wie für Sterbende: „jedes Leben ist heilig“, schärfte der Papst den Gläubigen ein.

(rv 05.02.2017 gs)

Das Licht Christi verbreitet sich vom Randgebiet aus

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Caravaggio; Szene aus dem Evangelium nach Matthäus, in der ein junger, bartloser Jesus die deutlich älteren Brüder Simon (Petrus) und Andreas beruft (um 1605).

Ansprache von Papst Franziskus beim Angelusgebet
am 22. Januar

 

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag!

Der heutige Abschnitt aus dem Evangelium (vgl. Mt 4,12-23) berichtet vom Beginn der Verkündigung Jesu in Galiläa. Er verlässt Nazaret, ein Dorf in den Bergen, und lässt sich in Kafarnaum nieder, einem wichtigen Zentrum am Ufer des Sees. Die Stadt wurde überwiegend von Heiden bewohnt und war ein Knotenpunkt zwischen dem Mittelmeerraum und dem mesopotamischen Hinterland. Diese Entscheidung zeigt, dass die Adressaten seiner Verkündigung nicht nur seine Landsleute sind, sondern alle, die in das kosmopolitische »Galiläa der Heiden« kommen (V. 15; vgl. Jes 8,23): so wurde es genannt. Von der Hauptstadt Jerusalem aus gesehen ist jener Landstrich ein geographisches Randgebiet und im religiösen Sinne unrein, da dort viele Heiden lebten, aufgrund der Vermengung mit all jenen, die nicht zu Israel gehörten. Von Galiläa erwartete man sich gewiss nichts Großes für die Heilsgeschichte. Hingegen verbreitet sich gerade von dort – ja gerade von dort – jenes »Licht«, über das wir an den vergangenen Sonntagen nachgedacht haben: das Licht Christi. Es verbreitet sich gerade vom Randgebiet aus.

Die Botschaft Jesu nimmt die Botschaft des Täufers auf, da sie das »Himmelreich« verkündet (V. 17). Dieses Reich bringt nicht die Errichtung einer neuen politischen Macht mit sich, sondern die Erfüllung des Bundes zwischen Gott und seinem Volk, die eine Zeit des Friedens und der Gerechtigkeit eröffnen wird. Um diesen Bund mit Gott zu schließen, ist ein jeder aufgerufen, umzukehren und so seine Denk- und Lebensart zu verwandeln. Das ist wichtig: sich bekehren heißt nicht nur, seine Lebensweise zu verändern, sondern auch seine Denkweise. Es ist eine Verwandlung des Denkens. Es geht nicht darum, das Gewand zu wechseln, sondern die Gewohnheiten! Das, was Jesus von Johannes dem Täufer unterscheidet, sind der Stil und die Methode. Jesus entscheidet sich dafür, ein Wanderprediger zu sein. Er wartet nicht einfach auf die Leute, sondern er geht ihnen entgegen. Jesus ist immer auf der Straße!

Zu seinen ersten missionarischen Unternehmen kommt es entlang des Sees von Galiläa, im Kontakt mit der Menschenmenge, besonders mit den Fischern. Dort verkündet Jesus nicht nur das Kommen des Reiches Gottes, sondern sucht Gefährten, um sie an seiner Sendung des Heils zu beteiligen. An diesem selben Ort begegnet er zwei Paaren von Brüdern: Simon und Andreas sowie Jakobus und Johannes. Er ruft sie mit den Worten: »Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen« (V. 19). Der Ruf ergeht an sie mitten in ihrer alltäglichen Arbeit: der Herr offenbart sich uns nicht auf außergewöhnliche oder aufsehenerregende Weise, sondern in der Alltäglichkeit unseres Lebens. Dort müssen wir den Herrn finden; und dort offenbart er sich und lässt unser Herz seine Liebe verspüren; und dort – durch diesen Dialog mit ihm in der Alltäglichkeit des Lebens – verändert er unser Herz. Die Antwort der vier Fischer ist unmittelbar und spontan: »Sofort ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm« (V. 20). Wir wissen nämlich, dass sie Jünger des Täufers waren und dass sie dank seines Zeugnisses bereits begonnen hatten, an Jesus als den Messias zu glauben (vgl. Joh 1,35-42).

Für uns Christen von heute ist es eine Freude, unseren Glauben zu verkündigen und zu bezeugen, weil es jene erste Verkündigung gegeben hat, weil da jene einfachen und mutigen Männer gewesen sind, die großherzig dem Ruf Jesu entsprochen haben. Am Ufer des Sees, in einem unscheinbaren Landstrich, ist die erste Gemeinschaft der Jünger Christi entstanden. Das Bewusstsein dieser Anfänge möge in uns das Verlangen wecken, das Wort, die Liebe und die Zärtlichkeit Jesu in jeden Bereich zu bringen, auch in den unwegsamsten und abweisendsten. Das Wort in alle Randgebiete bringen! Alle Räume des menschlichen Lebens sind ein Boden, in den der Same des Evangeliums gesät werden muss, damit er Früchte des Heils bringe.

Die Jungfrau Maria stehe uns mit ihrer mütterlichen Fürsprache bei, voller Freude auf den Ruf Jesu zu antworten, uns in den Dienst des Reiches Gottes zu stellen.

Nach dem Angelusgebet sagte der Papst:

Liebe Brüder und Schwestern, wir begehen derzeit die Gebetswoche für die Einheit der Chris­ten. Dieses Jahr hat sie ein Wort zum Thema, das dem heiligen Paulus entnommen ist, der uns den zu beschreitenden Weg weist. Es lautet: »Versöhnung – die Liebe Christi drängt uns« (vgl. 2 Kor 5,14). Am kommenden Mittwoch werden wir die Gebetswoche mit der Feier der Vesper in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern beschließen, an der die Brüder und Schwestern der anderen christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften hier in Rom teilnehmen werden. Ich lade euch ein, beharrlich im Gebet zu sein, damit das Verlangen Jesu zur Erfüllung gelange: »Alle sollen eins sein« (Joh 17,21).

In den vergangenen Tagen haben Erdbeben und schwere Schneefälle erneut viele unserer Brüder und Schwestern in Mittelitalien einer schweren Prüfung unterzogen, besonders in den Abruzzen, in den Marken und in Latium. Ich stehe den Familien, die Opfer unter ihren Lieben zu betrauern haben, mit meinem Gebet und meiner Zuneigung nahe. Ich ermutige alle, die sich so großherzig bei den Rettungseinsätzen und Hilfsmaßnahmen engagieren, wie auch die Ortskirchen, die ihr Bestes tun, um die Leiden und Schwierigkeiten zu lindern. Vielen Dank für diese Nähe, für eure Arbeit und die konkrete Hilfe, die ihr leistet. Danke! Ich lade euch ein, gemeinsam zur Gottesmutter für die Opfer und auch für jene zu beten, die sich so großherzig bei den Hilfsmaßnahmen einsetzen. [Der Papst betet zusammen mit den Pilgern und Besuchern auf dem Petersplatz ein »Gegrüsset seist du Maria«.]

Im Fernen Osten und in verschiedenen Teilen der Welt bereiten sich Millionen von Männern und Frauen vor, am 28. Januar das Mond-Neujahr zu feiern. Mein herzlicher Gruß möge alle ihre Familien erreichen, verbunden mit dem Wunsch, dass sie immer mehr zu einer Schule werden, in der man lernt, den anderen zu achten, sich miteinander zu verständigen und auf selbstlose Weise füreinander zu sorgen. Die Freude der Liebe möge sich in den Familien ausbreiten und von ihnen aus auf die ganze Gesellschaft ausstrahlen.

Ich grüße euch, die Gläubigen aus Rom und die Pilger aus verschiedenen Ländern, besonders die Gruppe von Mädchen aus Panama und die Schüler des Instituts »Diego Sánchez de Talavera la Real« (Spanien). Ich grüße die Mitglieder des Katholischen Verbandes der Lehrer, Schulleiter, Erzieher und Ausbilder, der seinen 25. Nationalen Kongress beendet hat, und ich wünsche ihnen ein fruchtbares Arbeiten in der Erziehung, in Zusammenarbeit mit den Familien, immer in Zusammenarbeit mit den Familien!

Allen wünsche ich einen schönen Sonntag. Und bitte vergesst nicht, für mich zu beten. Gesegnete Mahlzeit und auf Wiedersehen!

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Quelle: Osservatore Romano 4/2017

„Immer das Herz und die Hände offen haben“

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Angelus, 29. Januar 2017 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Angelus am Sonntag, dem 29. Januar 2017

Das Herz der Katechese von Papst Franziskus vor dem Angelusgebet am Sonntag, dem 29. Januar 2017, war die Perikope aus dem Matthäus-Evangelium über die Bergpredigt und die Seligpreisungen (5,1-12a), die Papst Franziskus als die ‪„Magna Charta“ des Neuen Testamentes bezeichnete. Es sei die Offenbarung des Willens Gottes, die Menschen zum Glück zu führen, so der Papst.

Diese Botschaft sei schon von den Propheten verkündet worden, betonte er: Gott sei den Armen und Unterdrückten nahe und befreie sie von ihren Peinigern. In der Bergpredigt verfolge Jesus aber einen Sonderweg, so Franziskus. Er beginne mit dem Begriff „selig“, d.h. „glücklich“, erkläre danach die Voraussetzung, um glücklich zu sein, und ende mit einer Verheißung.

Wie Franziskus betonte, handele es sich nicht um einen automatischen Mechanismus, sondern um einen Lebensweg in der Nachfolge des Herrn. Dieser verlange aber eine Bekehrung. „Man ist nicht selig, wenn man keine Bekehrung gemacht hat, fähig die Gaben Gottes zu schätzen und zu leben“, erklärte der Papst, der sich in der heutigen Katechese mit der ersten Seligpreisung befasste: ‪„Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich“.

Arm vor Gott sein, bedeute die Gefühle und die Haltung jener Armen anzunehmen, die in ihrer Lage nicht rebellisch seien, sondern demütig, gehorsam und bereit für die Gnade Gottes, erklärte Franziskus.

Das Glück der ‪„Armen vor Gott“ habe eine zweifache Dimension. Er sei einerseits „mäßig“ gegenüber den Gütern der Welt. Dies bedeute nicht notwendig Verzicht, erläuterte Franziskus, sondern die Fähigkeit, das Wesentliche zu kosten, des Teilens, die Fähigkeit, jeden Tag das Staunen über die Güte der Dinge zu erneuern.

Gegenüber Gott bedeute dies andererseits Lobpreis und die Anerkennung, dass die Welt ein Segen sei und dass ihr Ursprung die schöpfende Liebe des Vaters sei.

Er sei auch offen gegenüber Gott und seiner Herrschaft. ‪„Er ist es, der Herr, er ist der Große, nicht ich bin groß, weil ich so viele Dinge habe!“, betonte der Papst.

Der Arme vor Gott sei der Christ, der nicht auf sich selbst vertraue, auf materielle Reichtümer, der nicht auf seiner eigenen Meinung beharre, sondern respektvoll zuhöre und sich bereitwillig den Entscheidungen anderer füge. „Wenn es in unseren Gemeinden mehr Arme vor Gott gäbe, dann würde es weniger Spaltungen, Kontraste und Auseinandersetzungen geben‪“, so Franziskus.‪

„Die Demut, wie die Nächstenliebe, ist eine wesentliche Tugend für das Zusammenleben in den christlichen Gemeinden“, so erklärte der Papst, der die Gläubige dazu einlud, das Teilen dem Besitz vorzuziehen. ‪„Immer das Herz und die Hände offen haben, nicht geschlossen“, so sagte er, während er seine Worte mit den entsprechenden Gesten unterstrich.

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Quelle