Wilhelm Schamoni: Benigna Consolata Ferrero

* 6. August 1885 zu Turin, † 1. September 1916 zu Como

In ihrem Kloster von der Heimsuchung Mariens in Como wußte niemand außer der Oberin von den Gnadengaben der Dienerin Gottes. Auch außerhalb ihres Klosters kannte man sie nicht. Das wur­de plötzlich anders, als kurz nach ihrem Tode ein Schriftchen herausgegeben war: «Vademecum für gottgeweihte See­len von einem frommen Verfasser» (Ka­nisiuswerk Fribourg, Schweiz.)

Das Schriftchen berührt tief die Her­zen der Lesenden, weil sie das Empfin­den haben, es sei Jesus selbst, der zu ihnen spreche. In vielen Sprachen und immer neuen Auflagen wurde es ver­breitet. Ähnlich dem Rosenregen der kleinen hl. Theresia ergoß sich eine Fül­le von Segnungen auf die Beter. Der 1936 gedruckte vierte Band (320 Seiten) «Fiori di Riconoscenza» (Blumen der Dankbarkeit) ist, wie die vorausgegan­gene, ergreifende Einladung zu einem grenzenlosen Vertrauen auf die uner­meßliche Barmherzigkeit des gott­menschlichen (nicht eines arianischen menschlichen) Herzens Jesu. Darüber sollten sich besonders jene freuen, die aus ihrem Desaster herauskommen möchten, in das sie sich durch jahrelan­ges Nichtbeichten oder Schlechtbeich­ten hereingebracht haben. Zum Vertrau­en könnte auch sehr verhelfen eine Sammlung von Gedanken, die anderen Schriften Benigna Consolatas entnom­men und 1979 vom Kloster der Heimsu­chung in Como veröffentlicht wurden. (Rimanete nel mio amore. Pater Julius Knichel, Johanneskloster Niederlahn­stein/Rhein, hat daraus einiges über­setzt, das folgende stammt aus seinem Manuskript).

Der schon 1923 begonnene Seligspre­chungsprozeß ist, wie bei so manchen Mystikern und Mystikerinnen, abgebro­chen worden. Er wurde vor einigen Jah­ren wieder aufgenommen und geht jetzt seiner Vollendung entgegen.

Die beiden folgenden Texte sind ent­nommen der deutschen Ausgabe des Vademecum.

 

Zehn Gebote des Vertrauens auf Gott

(11. September 1915)

  1. Ich habe einen Gott, der mir ganz angehört.
  2. Dieser Gott, der mir ganz angehört, ist mein Vater.
  3. Dieser Gott, der mir ganz gehört, will, daß ich für immer ganz Ihm ge­höre.
  4. Um mich zu suchen, ist dieser Gott der Liebe vom Himmel auf die Erde herabgekommen.
  5. Dieser Gott der Liebe verlangt mein Herz.
  6. Dieser Gott der Liebe will mein Bru­der, mein Freund und Tröster sein.
  7. Dieser Gott der Liebe geht in seiner Zärtlichkeit so weit, daß er mir Arzt, Arznei und noch mehr als alles, Bräutigam sein will.
  8. Dieser Gott der Liebe will sich alles nehmen lassen wie ein Baum, von dem alle Früchte gepflückt werden, und der, anstatt sich zu beklagen, neue hervorbringt. Der Baum war­tet bis zum nächsten Jahre; Ich aber bringe sie sogleich hervor.
  9. Diesem Gott der Liebe ist es nur darum zu tun, Armseligkeiten zu verzehren, Unvollkommenheiten zu vernichten, den schwachen Willen zu stärken, guten Vorsätzen zur Ausführung zu verhelfen.
  10. Dieser Gott der Liebe sucht das auf, was die Welt verachtet, verabscheut und im Stiche läßt, nämlich die ar­men Sünder. Nachdem Er sie mit der ganzen Zärtlichkeit Seiner Liebe bekehrt, macht Er mit den sinnrei­chen Erfindungen Seiner Barmher­zigkeit aus ihnen, sofern sie dersel­ben entsprechen, Meisterwerke der Heiligkeit.

Zehn Gebote der göttlichen Barmherzigkeit

(12. September 1915)

Es lebe das göttliche Herz Jesu, die Quelle aller Barmherzigkeit.

  1. Ich bin der Gott aller Barmherzig­keit.
  2. Ich suche nichts so sehr, als immer Barmherzigkeit zu üben.
  3. Wenn Ich von Meiner Gerechtigkeit Gebrauch machen muß, so ist es Mir, als müßte Ich gegen den Strom schwimmen; Ich muß mir Gewalt antun.
  4. Die Türe Meiner Barmherzigkeit ist nie verschlossen, sie ist nur ange­lehnt. Man braucht nur ein wenig an sie zu stoßen, so öffnet sie sich, – ein kleines Kind und ein schwacher Greis vermögen sie zu öffnen.
  5. Dagegen ist die Türe Meiner Ge­rechtigkeit fest verschlossen, und Ich öffne sie nur, wenn Ich dazu ge­zwungen werde; aus eigenem An­trieb öffne Ich sie nie.
  6. Wenn eine Seele die Schwelle der Türe Meiner Barmherzigkeit über­schritten hat, so fällt sie der Macht der Liebe anheim, die nur daran denkt, ihre Flucht zu verhindern, und sie auf jede Weise zu ergötzen sucht, damit sie ihre neue Wohnung liebgewinne.
  7. Ist die Seele eine glückliche Gefan­gene der Liebe geworden, so gibt die Liebe ihr die Freiheit, doch nur in den Grenzen der Liebe; denn wenn die Seele diese Grenzen überschritte, wäre es ihr Tod. Die Liebe macht das Überschreiten der Grenzen zwar nicht unmöglich, denn die Seele ist frei; aber die Liebe warnt die Seele, und insofern setzt sie ihr Schranken.
  8. Je mehr sich eine Seele der Herr­schaft der Liebe anheimgibt, mag ihr Zustand infolge der zuvor erlitte­nen Übel, die sie sich durch Unord­nungen und Leidenschaften zugezo­gen hat, noch so schlecht sein, um so mehr freut sich die Liebe, daß sie so viel zu tun hat.
  9. Die elendsten, die schwächsten und entstelltesten Seelen sind die besten Kunden der göttlichen Barmherzig­keit und werden von ihr am aller­meisten geliebt.
  10. Diese von Gott so sehr geliebten Seelen werden gleichsam lebendige Denkmäler zur Verherrlichung der Größe der göttlichen Erbarmungen; sie werfen auf Gott helle Strahlen je­nes Lichtes zurück, das ihnen im Laufe ihres irdischen Lebens von der Fülle der göttlichen Zärtlichkeit gegeben wurde, um sie zum ewigen Heil zu führen. Diese Seelen werden wie Edelsteine glänzen und die Kro­ne der göttlichen Barmherzigkeit bilden.

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Quelle: DZM 20/7 November 1986

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