Was ist dran an den Vorwürfen gegen die heilige Mutter Teresa?

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Mutter Teresa von Kalkutta im Jahr 1980. Foto: L’Osservatore Romano

Die heilige Mutter Teresa wurde „Botin der Liebe Christi“ genannt. 1979 erhielt sie den Friedensnobelpreis. Nun wurde sie, am 4. September 2016, von Papst Franziskus im Vatikan heilig gesprochen. Trotzdem haben seit einigen Jahrzehnten Kritiker, darunter der bekannte Atheist Christopher Hitchens, versucht, ihren Namen in den Dreck zu ziehen.

Und das ohne jeglichen stichhaltigen Beweis – so der Experte William Doino, der unter anderem Mitarbeiter beim Magazin „Inside the Vatican“ ist, und in der renommierten Publikation „First Things“ dazu geschrieben hat.

Doino antwortet auf die schweren – und, wie er betont, falschen – Vorwürfe gegen die beliebte Heilige.

Im Jahr 1910 geboren, als Agnes Bojaxhiu im heutigen Mazedonien, erhielt die heilige Teresa erst relativ spät in ihrem Leben die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit – aber als sie sie erhielt, war ihre Wirkung enorm. 1969 machte Malcom Muggeridge einen Dokumentarfilm der BBC über sie – Something Beautiful for God (Etwas Schönes für Gott) – und veröffentlichte später ein gleichnamiges Buch, das zu einem Klassiker wurde.

Die Dokumentation berührte die Menschen tief und inspirierte eine neue Generation aktiver Christen; viele Frauen entschieden sich, sich den von Mutter Teresa gegründeten Missionarinnen der Nächstenliebe anzuschließen, um den Ärmsten der Armen zu dienen.

In den 1990ern dann schlug der Schriftsteller und Journalist Christopher Hitchens zu: Er griff Mutter Teresa mit dem Dokumentarfilm Hell’s Angel („Engel der Hölle“) und dem Buch The Missionary Position („Die Missionarsstellung“) aggressiv an.

Was in dem Dokumentarfilm Hell’s Angel am meisten hervorsticht, ist, dass er behauptet, er würde die Armen gegen die angebliche Ausbeutung durch Mutter Teresa verteidigen. Doch Hitchens interviewte keine einzige Person, die von den Missionarinnen der Nächstenliebe betreut worden wäre. Statt dessen verurteilte er die Heilige aus der Ferne.

Hitchens vermied auch die Personen, die im Mittelpunkt des Dienstes von Mutter Teresa standen, und richtete die Kamera und den Angriff auf die Ordensfrau, indem er Argumente ad hominem in Stellung brachte – oder gleich Anklagen ohne jegliche Grundlage präsentierte.

Hitchens nannte auch Muggeridge, einen der anerkanntesten Journalisten des 20. Jahrhunderts, einen „alten Betrüger und Scharlatan“ und machte sich über seine religiösen Überzeugungen lustig; Mutter Teresa bezeichnete er sogar als eine „angebliche Jungfrau“.

Mutter Teresa wurde beschuldigt, sich mit Politikern und Geschäftsleuten schlechten Rufs getroffen zu haben, um den Armen zu helfen. Dabei nutzt Hitchens seine Dokumentation auch, um  Jean-Bertrand Aristide zu fördern, einen bekannten ehemaligen Priester und Sprecher der marxistischen Befreiungstheologie, dessen Wirken als Präsident Haitis von Korruption und Missbrauch geprägt war.

Über die Reisen Mutter Teresas ins Ausland sagte Hitchens, dass sie „die Betrübten getröstet haben kann oder auch nicht, aber sicher war sie nie dafür bekannt, die Wohlhabenden anzuklagen“; die Dokumentation selbst hingegen zeigt sie freilich dabei, die Abtreibung anzuprangern.

In ihrer Rede beim Empfang des Nobelpreises 1979 sagte Mutter Teresa, dass „der größte Zerstörer des Friedens heute der Schrei des unschuldigen ungeborenen Kindes ist“.

Ein „Bericht“ dreier Kanadier

Eine weitere Anklage gegen Mutter Teresa besteht in einem 27-seitigen „Bericht“ der drei Akademiker Serge Larivee, Genevieve Chenard und Carole Senechal, die 2013 Mother Teresa: Anything but a Saint („Mutter Teresa: Alles außer einer Heiligen“) veröffentlichten, in welchem sie eine Reihe angeblicher „Probleme“ in Stellung brachten, die vom Vatikan im Seligsprechungsprozess nicht berücksichtigt worden seien. Wie sich herausstellte, waren die meisten Vorwürfe jedoch ungeprüft von Hitchens übernommen worden.

Worum es ging: Einige davon betrafen die „zweifelhafte“ Art, die Kranken in erbärmlichen Aufnahmezentren zu pflegen, während sie selbst eine bessere Pflege erhielte; schlechte Verwaltung von Spendengeldern und ihren „Fanatismus, der sie die Armut mehr als die Armen lieben liess“.

Wie diese Behauptungen zustande kamen, und was dahinter steckte, das prüfte schließlich William Doino selber nach. Er suchte Personen auf, die Mutter Teresa gut kannten, um sie zu diesen Vorwürfen zu befragen. Jede von ihnen gab an, dass Mutter Teresa von den drei kanadischen Forschern auf nicht wiederzuerkennende Weise dargestellt worden war. Und um dies zu beweisen, antworteten sie Punkt für Punkt auf die Anklagen.

Das „mächtigste“ Zeugnis ist, laut Doino, jenes von Susan Conroy, die 1986 als freiwillige Helferin mit Mutter Teresa in Kalkutta arbeitete und das BuchMother Teresa’s Lessons of Love and Secrets of Sanctity („Mutter Teresas Lektionen der Liebe und Geheimnisse der Heiligkeit“) schrieb.

„Als ich die Kritiken über die Betreuung der Patienten las, die in den Sterbehäusern aufgenommen wurden, dachte ich erneut an meine persönlichen Erfahrungen dort… Ich weiß, mit welcher Zärtlichkeit und Aufmerksamkeit sie für jeden der bedürftigen Patienten sorgte. Die Art und Weise, wie sie sie wusch, ihr Bett reinigte, ihnen zu Essen oder Medizin gab“.

Der Ort, erläutert Conroy, „wurde gründlich und regelmäßig von oben bis unten saubergemacht und jeder Patient wurde so oft es nötig war gewaschen, auch mehrmals am Tag.“

Pater Peter Gumpel, ein Mitglied der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechunsprozesse im Vatikan, hat seinerseits gesagt, dass „Fehler gemacht wurden, auch in den modernsten medizinischen Einrichtungen“. „Aber jedes Mal, wenn eine Korrektur nötig war, zeigten sich Mutter Teresa und die Missionarinnen aufmerksam und offen für eine konstruktive Änderung und Verbesserung.“

„Was viele nicht verstehen, ist die verzweifelte Situation, in der Mutter Teresa ständig lebte und dass ihr besonderes Charisma nicht war, Krankenhäuser zu gründen, sondern jene zu retten, die keine Überlebenschancen hatten und sonst auf der Straße gestorben wären.“

Das Geld

Was die Anklage gegen Mutter Teresa betrifft, sie hätte die Spenden schlecht oder betrügerisch verwaltet, erklärte Pater Gumpel, die Heilige habe „enorme Summen an Geld“ für die Armen gesammelt und ausgegeben; sie gab aber auch dem Heiligen Stuhl, der es seinerseits an katholische Krankenhäuser und Werke der Nächstenliebe verteilte.

Pater Leo Maasburg, ein österreichischer Priester, der ein persönlicher Freund von Mutter Teresa und ihr geistlicher Berater war und ein Buch über sie geschrieben hat, gibt an, dass die Ordensfrau trotz der Reisen – die einzig und allein dazu dienten, ihre Aktivitäten der Nächstenliebe zu verbreiten – ein sehr bescheidenes Leben in Kalkutta führte.

Er legte besonderen Wert darauf, dass sie nie besondere Gefälligkeiten oder medizinische Versorgung erbeten hatte, was andere Personen, die in ihrer Nähe waren, bestätigt haben – darunter die Ärzte, die sie während ihrer letzten Krankheit betreut hatten.

Pater Leo Maasburg versicherte auch, dass die Idee, Mutter Teresa hätte die Armut anstatt der Armen geliebt, eine „diabolische Verdrehung“ ihrer echten Überzeugungen – „den Armen zu helfen und ihr Leid, so gut es nur irgend geht, zu lindern“ – sei.

Der „Fanatismus“ Mutter Teresas, auf den sich ihre Verleumder beziehen, ist letztendlich die Form, in der sie die Werte des Christentums auf heroische Weise lebte. Sie war katholisch, und lebte dementsprechen ihren Glauben.

William Doino nahm schlussendlich Kontakt mit den Verfassern des Berichtes auf und konnte ein Interview mit Dr. Genevieve Chenard führen: „Sie bestätigte mir, dass ihr Team nicht mit einem einzigen Patienten, medizinischen Experten, Mitglied oder Mitarbeiter von Mutter Teresa gesprochen habe, bevor der Bericht gegen die Heilige geschrieben wurde“.

„Es wurde auch nicht untersucht, wie ihre finanziellen Mittel ausgegeben wurden; ebenso sprachen sie mit niemandem im Vatikan, der mit ihrer Seligsprechung zu tun hatte und konsultierten auch niemanden aus der Kommission der Ärzte, die das Wunder zertifizierten, das mit ihrer Seligsprechung verbunden ist.“

Die Forscher, so Doino, „fuhren nicht einmal nach Kalkutta, während sogar Hitchens, der falsch lag, zumindest das tat.“

William Doino bezeichnete die Arbeit der drei Forscher als eine „Untersuchung von Literatur“, als eine „Neuverpackung dessen, was andere geschrieben hatten“. Darunter Hitchens, Hemley González oder der Arzt Aroup Chatterjee.

„Es war, mit anderen Worten, eine Anklage, die auf keinerlei echter Recherche gründet; und der am meisten zitierte Autor war Christopher Hitchens. Und doch wurden diese ‘Enthüllungen’ zu internationalen Schlagzeilen und von vielen ohne Einwände angenommen“ schloss der Experte.

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VATIKANSTADT , 07 September, 2016 / 10:27 AM (CNA Deutsch).-

Neue Horizonte der Freude und der Hoffnung

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Eucharistiefeier zum Jubiläum der Haupt- und Ehrenamtlichen im Dienst der Barmherzigkeit mit Heiligsprechung der seligen Mutter Teresa von Kalkutta

Homilie von Papst Franziskus am 4. September

Vatikanstadt. Mutter Teresa ist jetzt offiziell heilig. Papst Franziskus erklärte die Ordensgründerin und Friedensnobelpreisträgerin, die durch ihren Einsatz in den Slums von Kalkutta bekannt wurde, am Sonntag, 4. September, auf dem Petersplatz zum verehrungswürdigen Vorbild für Katholiken. Zu der festlichen Zeremonie versammelten sich mehr als 100.000 Gläubige. 13 Staats- und Regierungschefs waren angereist, unter ihnen Indiens Ministerpräsident Narendra Modi.

Nach der Heiligsprechung lud der Papst 1500 Obdachlose und Arme aus ganz Italien zum Mittagessen in den Vatikan ein. 250 Mutter-Teresa-Schwestern servierten den Gästen im Vorraum der Audienzhalle Pizza Napoletana. Unterstützt wurden sie von 50 Angehörigen des männlichen Ordenszweigs. Gebacken wurde die neapolitanische Spezialität von 20 Pizzabäckern aus der süd­italienischen Stadt, die mit drei Pizzaöfen angereist waren. Der Gottesdienst mit der Heilig­sprechung fand unter starken Sicherheitsvorkehrungen statt. Rund 1000 Polizisten und Spezialkräfte waren im Einsatz. Weltweit übertrugen 120 Sendeanstalten die Heiligsprechung. In seiner Predigt sagte der Papst:

»Wer begreift, was der Herr will?« (Weish 9,13). Diese Frage aus dem Buch der Weisheit, die wir in der ersten Lesung gehört haben, stellt uns unser Leben als ein Geheimnis vor Augen, dessen Interpretationsschlüssel wir nicht besitzen. Die Protagonisten der Geschichte sind immer zwei: Gott auf der einen Seite und die Menschen auf der anderen. Unsere Aufgabe besteht darin, den Ruf Gottes wahrzunehmen und dann seinen Willen anzunehmen. Um ihn aber ohne Zögern anzunehmen, fragen wir uns: Was ist Gottes Wille?

Im selben Abschnitt aus dem Buch der Weisheit finden wir die Antwort: »Die Menschen lernten, was dir gefällt« (V. 18). Um den Ruf Gottes zu prüfen, müssen wir uns fragen und begreifen, was ihm gefällt. Viele Male verkünden die Propheten, was dem Herrn wohlgefällig ist. Ihre Botschaft findet eine wunderbare Zusammenfassung in dem Satz: »Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer« (Mt 9,13; vgl. Hos 6,6). Gott gefällt jedes Werk der Barmherzigkeit, denn in dem Mitmenschen, dem wir helfen, erkennen wir das Angesicht Gottes, das niemand sehen kann (vgl. Joh 1,18).

Und jedes Mal, wenn wir uns den Bedürfnissen der Brüder und Schwestern zuneigen, haben wir Jesus zu essen und zu trinken gegeben, haben wir den Sohn Gottes bekleidet, unterstützt und besucht (vgl. Mt 25,40). Kurzum, wir haben das Fleisch Christi berührt.

Wir sind also aufgerufen, konkret umzusetzen, was wir im Gebet erbitten und im Glauben bekennen. Es gibt keine Alternative zur Nächstenliebe: Alle, die sich in den Dienst der Mitmenschen stellen, lieben Gott, selbst wenn sie es nicht wissen (vgl. 1 Joh 3,16-18; Jak 2,14-18). Das christliche Leben besteht jedoch nicht bloß darin, im Moment der Not Hilfe zu leisten. Wenn es so wäre, handelte es sich gewiss schon um eine schöne Gesinnung menschlicher Solidarität, die eine unmittelbare Wohltat auslöst, aber es wäre steril, weil es keine Wurzeln hätte. Der Einsatz, den der Herr verlangt, ist dagegen eine Berufung zur Nächstenliebe, mit der jeder Jünger Christi sein Leben in Jesu Dienst stellt, um jeden Tag in der Liebe zu wachsen.

Im Evangelium haben wir gehört: »Viele Menschen begleiteten ihn [Jesus]« (Lk 14,25). Heute sind diese »vielen Menschen« vertreten durch die weite Welt des Volontariats, die aus Anlass des Jubiläums der Barmherzigkeit hier zusammengeströmt ist.

Ihr seid jene Menschenmenge, die dem Meister folgt und seine konkrete Liebe zu jedem Menschen sichtbar macht. So richte ich an euch die Worte des Apostels Paulus: »Es hat mir viel Freude und Trost bereitet, dass durch dich, Bruder, und durch deine Liebe die Herzen der Heiligen ermutigt worden sind« (Phlm 7). Wie viele Herzen werden durch die freiwilligen Helfer ermutigt! Wie viele Hände unterstützt, wie viele Tränen getrocknet; wie viel Liebe wird im verborgenen, demütigen und selbstlosen Dienst ausgegossen! Dieser lobenswerte Dienst lässt den Glauben sprechen – lässt den Glauben sprechen – und drückt die Barmherzigkeit des himmlischen Vaters aus, der den Notleidenden nahekommt.

Jesus nachzufolgen ist ein ernstes und zugleich frohes Unterfangen; es verlangt Radikalität und Mut, um den göttlichen Meister im Ärmsten und in dem, der vom Leben Ausgeschlossenen zu erkennen und ihm zu Diensten zu sein. Darum erwarten die Freiwilligen, die aus Liebe zu Jesus den Letzten und Bedürftigsten dienen, keinerlei Dank und keinen Lohn, sondern verzichten auf all das, weil sie die wahre Liebe entdeckt haben. Und jeder von uns kann sagen: Wie der Herr im Moment der Not auf mich zugekommen ist und sich mir zugeneigt hat, so gehe auch ich auf ihn zu und neige mich denen zu, die den Glauben verloren haben oder leben, als gäbe es Gott nicht. Ebenso widme ich mich den jungen Menschen ohne Werte und Ideale, den Familien in einer Krise, den Kranken und Gefangenen, den sich selbst überlassenen Minderjährigen wie auch den alleingelassenen alten Menschen. Wo immer eine ausgestreckte Hand um Hilfe bittet, um wieder aufzustehen, da müssen unsere Gegenwart und die Gegenwart der Kirche Unterstützung und Hoffnung geben. Und dies muss ich in lebendiger Erinnerung an die mir gegenüber ausgestreckte Hand des Herrn tun, als ich am Boden lag.

Mutter Teresa war in ihrem ganzen Leben eine großherzige Ausspenderin der göttlichen Barmherzigkeit, indem sie durch die Aufnahme und den Schutz des menschlichen Lebens – des ungeborenen wie des verlassenen und ausgesonderten – für alle da war. Sie setzte sich für den Schutz des Lebens ein und betonte immer wieder, dass »der ungeborene Mensch der schwächste, der kleinste und der ärmlichste ist«. Sie beugte sich über die Erschöpften, die man am Straßenrand sterben ließ, weil sie die Würde erkannte, die Gott ihnen verliehen hatte. Sie erhob ihre Stimme vor den Mächtigen der Welt, damit sie angesichts der Verbrechen – angesichts der Verbrechen! – der Armut, die sie selbst geschaffen hatten, ihre Schuld erkennen sollten. Die Barmherzigkeit war für sie das »Salz«, das jedem ihrer Werke Geschmack verlieh, und das »Licht«, das die Dunkelheit derer erhellte, die nicht einmal mehr Tränen hatten, um über ihre Armut und ihr Leiden zu weinen.

Ihre Mission in den Randzonen der Städte und den Randzonen des Lebens bleibt in unserer Zeit ein beredtes Zeugnis für die Nähe Gottes zu den Ärmsten der Armen. Heute übergebe ich diese beispielhafte Gestalt einer Frau und einer gottgeweihten Person der ganzen Welt des Volontariats: Möge sie euer Vorbild an Heiligkeit sein! Ich denke, dass wir vielleicht ein bisschen Schwierigkeiten haben werden, sie heilige Teresa zu nennen. Ihre Heiligkeit ist uns so nah, so zärtlich und fruchtbar, dass wir wohl spontan weiter »Mutter Teresa« sagen werden. Diese unermüdliche Arbeiterin der Barmherzigkeit helfe uns, immer besser zu begreifen, dass das einzige Kriterium für unser Handeln die gegenleistungsfreie Liebe ist, die unabhängig von jeder Ideologie und jeder Bindung ist und sich über alle ergießt, ohne Unterscheidung der Sprache, der Kultur, der Ethnie oder der Religion. Mutter Teresa sagte gern: »Vielleicht spreche ich nicht ihre Sprache, aber ich kann lächeln.« Tragen wir ihr Lächeln in unserem Herzen und schenken wir es allen, denen wir auf unserem Weg begegnen, besonders den Leidenden.

Auf diese Weise werden wir einer entmutigten Menschheit, die Verständnis und Zärtlichkeit braucht, Horizonte der Freude und der Hoffnung eröffnen.

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Quelle: Osservatore Romano 36/2016

„Ich verdanke Mutter Teresa alles“

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Heiligsprechung Mutter Teresa, 4. September 2016 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Die unglaubliche Geschichte von Emmanuel Leclercq,
Autor mehrerer Bücher, darunter „Meditieren mit Mutter Teresa“

Mutter Teresa rettete ihm einst das Leben: Wenige Tage nach seiner Geburt am 9. September 1982 im Slum von Amravaki in Mumbai (damals Bombay) deponierte Emmanuel Leclercqs Mutter ihn in einem Mülleimer vor einem Waisenhaus der Kongregation der Missionare der Nächstenliebe. Nun hat er in Moralphilosophie promoviert und ist Autor mehrerer Bücher, darunter „Meditieren mit Mutter Teresa“ („Méditer avec Mère Teresa“). An der Heiligsprechung am Sonntag in Rom nahm er teil. Gegenüber einem französischen Radiosender berichtete er: An dem Tag, an der sie ihn von seiner Mutter aufgegeben in der Tonne fand, war sie gerade zu Besuch in dieser Einrichtung ihres Ordens. „Ich verdanke Mutter Teresa alles“, betonte er. Ohne sie würde er nicht auf dem Petersplatz stehen und dem Herrn danken.

Nachdem er einige Zeit mit Schwestern von Mutter Teresa gelebt hatte, adoptierte ihn eine französische Familie, wo er vier Geschwister gefunden: einen Inder, einen Haitianer und zwei Franzosen. „Eine Gemeinschaft der Liebe“, beschrieb er sie. Vor einiger Zeit arbeitete er auch mit den Missionarinnen der Nächstenliebe und besuchte das Haus, in dem er aufgenommen worden war. Dabei traf er eine ältere Ordensfrau, die Zeugin seiner Aufnahme im Haus gewesen war. Es ist ihr zu verdanken, dass Emmanuel Näheres über seine Geschichte und die Geste der Liebe Mutter Teresas erfuhr.

Emmanuel Leclercq ist nun ein Seminarist der Diözese Avignon und hat den Glauben zum zentralen Motiv seines Lebens gemacht. Mit dem Wort Aufgeben sei das Wort Gabe verwandt und auf außergewöhnliche Weise sei er Mutter Teresa gegeben worden, die ihn des Lebens für würdig erachtete. (mk)

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Quelle

„Heilige Teresa von Kalkutta, bete für uns!“

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Heiligsprechung Mutter Teresa, 4. September 2016 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Zusammenfassung der Dankeshomilie von
Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin

Als einen Stift in den Händen Gottes habe sich Mutter Teresa von Kalkutta selbst gern bezeichnet, erklärte Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin während der heutigen Dankesmesse auf dem Petersplatz anlässlich der gestrigen Kanonisation Mutter Teresas.

Die Gläubigen sollten für das heldenhafte Zeugnis der Heiligen, für Mutter Teresa von Kalkutta, Spiegel und Beipiel der Liebe Gottes, danken. Kardinal Parolin hob die Liebe, Barmherzigkeit, Freude und Unterstützung hervor, die Mutter Teresa den Ärmsten und Ausgestoßenen geschenkt habe, seitdem sie 1946 ihre Berufung vernommen hatte. Sie habe ihre Augen für das Elend geöffnet und sich in den Dienst der Ärmsten gestellt. Die Gläubigen seien aufgerufen ihrem Beispiel zu folgen und ihre Augen nicht vor der Not des Nächsten zu verschließen.

Mutter Teresa habe im Antlitz der Armen das Antlitz Christi erblickt und mit grenzenloser Liebe geantwortet. Sie habe erkannt, dass die härteste Form der Armut sei, sich nicht geliebt, nicht erwünscht und verachtet zu fühlen. Einsamkeit ziehe sich durch alle sozialen Schichten, erklärte der Kardinalstaatssekretär.

Kardinalstaatssekretär Parlolin legte dar, wie sehr sich Mutter Teresa für den Schutz des ungeborenen Lebens eingesetzt habe. Demütig und unermüdlich habe die Heilige gewirkt, so dass es schmerze. In ihrer Ansprache zur Verleihung des Friedensnobelpreises am 11. Dezember 1979 erklärte sie, wahre Liebe schmerze; auch Jesus habe gelitten. In ihren Häusern habe sie in englischer Sprache den Satz „I thirst“ (Ich dürste) anbringen lassen.

Kardinalstaatssekretär Parolin erinnerte zum Abschluss seiner Homilie daran, dass am Todestag der Heiligen, dem 5. September 1997, in Kalkutta für einige Minuten alle Lichter gelöscht worden seien. „Mutter Teresa war auf dieser Erde ein transparentes Zeichen, das den Himmel anzeigte. … Heilige Teresa von Kalkutta, bete für uns!“

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Quelle

Dankmesse für Mutter Teresa: „Sie war innerlich frei“

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Mutter Teresas Mitschwestern in Rom

Dank für die Heiligsprechung und Würdigung an ihrem 19. Todestag: An diesem Montag feierte der Vatikan noch einmal Mutter Teresa von Kalkutta, auf dem Petersplatz stand Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin einer Dankmesse vor, noch einmal waren zehntausende gekommen, um die große Heilige zu würdigen.

„Sie hat sehr deutlich von ihrer „Berufung innerhalb der Berufung” gesprochen, die sie im September 1946 erhalten hat,“ so Parolin in seiner Predigt. Er zitierte die Heilige, die selber von dieser zweiten Berufung berichtet: „Öffne die Augen für das Leiden und begreife das Wesen meines Rufes (…) ich spürte, wie der Herr mich darum bat, das Leben in der Ruhe meine Kongregation aufzugeben um auf die Straßen hinaus zu gehen und den Ärmsten zu dienen. Es war ein Befehl. Es war kein Rat, kine Einladung oder Vorschlag.” Mutter Teresa hat ihre Augen geöffnet und wurde durch das Leiden des Menschen berührt, der unfähig ist, sich selber wieder aufzurichten“, legte Parolin die Worte Teresas aus. Man könne gar nicht anders, als diese Geschichte durch die Brille des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit sehen, verband der Kardinal die Geschichte Teresas mit dem großen Anliegen Papst Franziskus’.

Gleichzeitig habe die Heilige aber auch gewusst, dass eine der schlimmsten Formen der Armut die ist, nicht geliebt, gewollt, angenommen zu sein. „Das ist eine Form von Armut, die es auch in den nicht so armen Ländern und Familien gibt. Deswegen hat sie auch die ungeborenen Kinder und die in ihrem Leben gefährdeten Kinder als die ‚Ärmsten unter den Armen’ bezeichnet.“ Bei der Verleihung des Friedensnobelpreises 1979 hatte sie etwa Abtreibung als „größten Zerstörer des Friedens“ bezeichnet, was damals wie heute noch Anstoß erregt. „Sie verteidigte mutig das werdende Leben, mit einer Offenheit in ihren Worten, welche ein Zeichen für Propheten und Heilige ist, die sich vor niemandem nieder knien außer vor dem Allmächtigen. Sie sind innerlich frei“, so Kardinal Parolin.

„Mutter Teresa hat sich gerne als ‚Stift in der Hand des Herrn’ bezeichnet. Aber was für Gedichte der Nächstenliebe und des Mitleids, des Trostes und der Freude hat dieser kleine Stift geschrieben! Gedichte der Liebe und der Zärtlichkeit für die Ärmsten der Armen, denen sie ihr Leben geschenkt hat.“

 

(rv 05.09.2016 ord)

Der Engel der Armen am Ölberg. Ein Kommentar zur Mystik der heiligen Mutter Teresa

Die Welt zu retten ist zu wenig. Es geht um jede Seele!

Mutter Teresa, die seit gestern als Heilige weltweit verehrt werden darf, wird vielleicht zur lebendigen Ikone dieses Jahres der Barmherzigkeit. Als Krankenschwester wusste sie um das Leiden der Menschen, kannte sie körperliche und seelische Not. Sie ist bekannt und verehrt für Ihren selbstlosen Einsatz unter den Leidenden und findet dafür Anerkennung bei fast allen.

Mutter Teresa war aber keine Sozialarbeiterin oder Entwicklungshelferin. Das wollte sie nie sein. Sie wollte Christus dienen. Sie verstand, dass Jesus der Ärmste der Armen ist, der gelitten hat und, in geheimnisvoller Weise, noch immer in den Kranken und Hungernden leidet.

Am Ölberg und auf Golgotha standen ihm alle Menschen vor Augen – keine anonyme Masse, sondern jeder einzelne. Und weil er, wahrer Gott und wahrer Mensch, in den Stunden des Leidens alle sah, schmerzten ihn alle bösen Taten, trösteten ihn jedes fromme Gebet, mag es auch 2000 Jahre später gesprochen worden sein. Jedes gute Werk, das heute getan wird, war damals ein Tropfen Wasser auf seinen ausgedörrten Lippen. Mutter Teresa hörte seinen Schrei „Mich dürstete“ und gab ihm zu trinken, indem sie den Notleidenden zärtliche Liebe zeigte. „Mich dürstet“ schreit Christus und sehnt sich nach dem Wasser unserer Hingabe. Die Heiligen haben verstanden, dass es der Herr sich selbst zum dürstenden Bettler gemacht hat, damti wir ihm etwas schenken können, um seine Not zu lindern. So sagt zum Beispiel die heilige Katharina von Siena: „O süsseste liebste Liebe! Es war Dein unendlicher Hunger und Durst für unsere Erlösung, das Dich ausriefen liess mich dürstet! Obwohl Deine Todesqualen einen grossen körperlichen Durst verursachten, Dein Durst für unsere Erlösung war noch grösser! Es ist niemand da, der dir irgendwas geben könnte, ausgenommen die Bitterkeit von übergrosser Sünde! Wie wenige sind es, die Dir zu trinken geben mit einer reinen gefühlsvollen Liebe!“

Der Engel der Armen am Ölberg

Mutter Teresa wusste, dass sie in den kranken Leibern der Armen Christus berührte. Sie hat verstanden, dass sie ihn pflegt, bekleidet, füttert und tröstet. Ja,  sie hat erkannt, dass wir Christen an einen Gott glauben, der hungert und dürstet. Sie wollte, als „Engel der Armen“, in Wirklichkeit jener himmlische Bote sein, der den Herrn am Ölberg tröstet als die Freunde schlafen. Mutter Teresas Werke der Barmherzigkeit waren mehr als soziales Engagement. Es war gelebte Mystik, die sich immer wieder darum drehte, wie der Durst Christi nach Liebe, nach Seelen, die seine Rettung annehmen wollen, gestillt werden kann. Immer war es für sie ein Fest, einen Verlorenen auf der Straße zu finden und in die Arme zu schließen – weil sie in ihm den verlassenen Herrn am Kreuz umarmt hat. Mutter Teresa ahmte Christus nach, der den Leidenden sucht, und gleichzeitig fand sie Christus, der Schmerz und Sünde auf sich geladen hatte.

Mystikerin und Missionarin

Mutter Teresa zum Vorbild zu nehmen bedeutet mehr als ein soziales Gewissen zu entwickeln, das achtsam ist für die Nöte der Menschen. Vielmehr geht es um eine tiefe Christusmystik, die versucht in Werken den leidenden Herrn zu trösten. Die Barmherzigkeit, die sie lehrt, gilt auch und vor allem Jesus, in dem Sinne dass sie mit Ihm Mitleid hatte, mit Ihm leiden und seine Leiden lindern wollte. Die vielen Bewunderer Mutter Teresas wissen oft nicht um diese geistliche Mission, die der wahre Grund all ihrer karitativen Werke war.

Kann Gott leiden? Sucht der Allmächtige Trost und Hilfe?

Bitten wir Mutter Theresa um unsere Gesundheit. Bitten wir sie, dass der göttliche Arzt kommen und uns, ein beleibtes Wort von Papst Franziskus, ins Feldlazaret tragen möge, aber dann gehen auch wir hinaus – nicht nur um Menschen in Not zu trösten, sondern in dem wir das tun, Jesus selbst zu trinken zu geben. Das ist die tiefere Mystik der Barmherzigkeit: „Gott trösten“ – Ein herausforderndes Paradox, das in der Menschwerdung des Gottes Sohnes begründet ist. Der selige Francisco von Fatima war fasziniert von dem Gedanken, den verborgenen Jesus zu trösten. Er meinte den Herrn im Tabernakel. Der Herr selbst spricht zur heiligen Maria Magarethe Alacoque von seiner Sehnsucht nach liebender Anbetung:“Ich habe Durst, einen so brennenden Durst, von den Menschen im Allerheiligsten Altarsakrament geliebt zu werden, dass dieser Durst mich verzehrt, und ich finde niemanden, der sich bemüht, mich nach meiner Sehnsucht zu sättigen, indem er meine Liebe erwidert.“Auch das war fester Bestandteil im Alltag von Mutter Theresa: Jesus zu trinken zu geben – in der eucharitsischen Anbetung, in der hingebungsvollen Pflege der Leidenden. Ja, auch mit Jesus die dunkle Nacht der Verlassenheit teilen, um nicht am Ölberg zu schlafen, sondern zu wachen.

Eine geistliche Lehrerin

„Mich dürstet!“ – Mutter Theresa lehrt uns, wie wir den unendlichen Durst eines Gottes stillen können, der am Kreuz sterben wollte. Die vielen Wochen und Monate, die Mutter Teresa ohne geistlichen Trost lebte, ertrug sie, um bei Jesus auszuhalten, der am Kreuz schrie: „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen“. Krankenpflege, Eucharistische Anbetung, Ausharren in seelischer Einsamkeit und Angst – auf diese Weise hat die Heilige von Kalkutta Jesus zu trinken gegeben. Sie ist eine Mystikerin in der Schule ihrer Namenspatronin der heiligen Teresa von Lisieux und in der Reihe all der anderen großen Teresen: Teresa von Avila, Teresa Benedicta a Cruce (Edith Stein), Teresa de los Andes und Teresa von Dijon. Sie alle wollten Jesus durch Gebet und Opfer trösten und lieben.

Immer wieder taucht das Wort „Mich dürstet“ in ihren Schriften und Gebeten auf, so wie in diesem, das an Maria gerichtet ist. Die Frau, deren Brust dem Jesuskind zu trinken gab, war es die unter dem Kreuz den Durst ihres Sohnes nach Liebe durch ihre Hingabe stillen wollten:

Maria, Mutter Jesu und unsere Mutter,
Du warst die Erste,
die gehört hat wie Jesus rief:
„Mich dürstet“
Du weisst, wie wahr und tief
Seine Sehnsucht ist nach mir
Und nach den Armen.
Ich bin Dein.

Mutter Maria, unterweise mich,
lass mich ganz persönlich
die Liebe im Herzen Jesu,
des Gekreuzigten erfahren.
Mit Deiner Hilfe werde ich
Auf Jesu Durst achten,
und dieses Wort „Durst“
wird für mich
ein Wort des Lebens sein.

An Deiner Seite möchte ich Ihm
All meine Liebe geben,
ich möchte Ihm die Gelegenheit geben,
mich zu lieben,
und so die Ursache Deiner Freude sein,
indem ich Jesu Durst nach Liebe
für alle Seelen stille

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Quelle

Radio Vatikan: Heilige Messe und Heiligsprechung von Mutter Teresa von Kalkutta

Il libretto della canonizzazione

Conferenza Stampa per la Canonizzazione della Beata Teresa di Calcutta, 02.09.2016
Homily by H.E. Card. Angelo Sodano at the Funeral Mass
for Mother Teresa of Calcutta, 13 September 1997