EINE HOFFNUNG DER HOFFNUNGSLOSEN

UNSERE LIEBE FRAU VON POMPEI

Alle jene, welche die Zeichen der Zeit verstehen, blicken mit Bangen in die Zukunft und sind übereinstimmend der Ansicht, dass wir schweren Prüfungen entgegengehen. Die heilige Kirche, die von Gott die Bestimmung erhalten hat, alle Völker zu allen Zeiten zu beglücken, hat auch stets das richtige Heilmittel in Bereitschaft, um die Übel einer Zeitepoche zu heilen. Wir brauchen nur die Arznei zu nehmen, die sie uns anbietet, und eine solche Arznei ist in unseren Tagen der Rosenkranz. Unsere Zeit hat in mancher Hinsicht große Ähnlichkeit mit jenen stürmischen Tagen, in denen der heilige Dominikus den Rosenkranz predigte, als letztes Mittel, um der Menschheit den Frieden wieder zu bringen.

Das Rosenkranzgebet war die Rettung der damaligen Zeit. Aber die Aufgabe des heiligen Dominikus war mit seinem Tode noch nicht vollendet. Der heiligen Katharina von Siena wurde einst die Größe und Herrlichkeit des heiligen Dominikus gezeigt und ihr geoffenbart, dass er bis ans Ende der Welt predigen werde.

Im Jahre 1878 gab Gott der Kirche in Leo XIII. einen Papst ganz im Geiste des heiligen Dominikus. Schon bei seiner Wahl wollte es Gott offenbaren. Eine hoch begnadete Nonne sah in einem Gesichte den neugewählten Papst und den heiligen Dominikus neben ihm. Zwanzig Rundschreiben über den Rosenkranz hat Papst Leo XIII an die Bischöfe der Welt gerichtet und die Christenheit zu diesem Gebet aufgefordert. Das ist die Waffe, die der große Papst den Kindern der Kirche gab gegen die Wut der Hölle, die die Kirche Christi vernichten will.

Aber auch die wunderbaren Ereignisse in Valle di Pompei bei Neapel in Italien riefen gleich der Stimme des heiligen Dominikus durch die ganze Welt und haben alle Nationen und Völker der Erde zum Rosenkranzgebet aufgefordert. Maria hat daselbst ein Heiligtum, einen Gnadenort vom heiligen Rosenkranz gegründet, der die ganze Welt in Staunen setzt. Sie hat dadurch der Welt zu erkennen gegeben, wie sie als Königin des Rosenkranzes verehrt werden will und was für Gnaden jene erlangen, die sie unter diesem Titel anrufen. Das beweisen die vielen Wunder, Bekehrungen, Krankenheilungen und Gebetserhörungen in der ganzen Welt.

Die Novene zur Rosenkranzkönigin in Pompei, in verzweifelten Anliegen, wurde in sechzehn Jahren in 21 Sprachen übersetzt, 184 Auflagen gaben 2 280 000 Exemplare. So sehr ist die Andacht zur Königin des Rosenkranzes in Pompei in der ganzen Welt verbreitet. Maria blickt mit besonderer Huld auf jene, die sie unter ihrem bevorzugten Titel „Königin des heiligen Rosenkranzes im Tale von Pompei“ anrufen, und, sei es auch von Ferne, ihre Werke an diesem Gnadenort unterstützen. In der Erscheinung der Muttergottes von Pompei, die sich im Jahre 1884 in Neapel im Hause des Commentatoren Agrelli ereignete, würdigte sich die himmlische Mutter zu offenbaren, wie sie angerufen werden wolle. Sie sagte zu der leidenden Fortuna Agrelli: „Wer immer Gnaden von mir will, halte drei Novenen mit dem Gebete des Rosenkranzes von fünfzehn Gesetzen, und drei Novenen zur Danksagung.“

Unzählige Gnaden sind schon durch diese Andachten erlangt worden. Es ist aber nicht verlangt, dass man alle Tage drei Rosenkränze bete, sondern zum Beispiel am ersten Tag den freudenreichen, am zweiten den schmerzhaften, am dritten Tag den glorreichen. So betet man in den drei Novenen neunmal alle drei Rosenkränze. Man muss sie aber mit Andacht und mit Betrachtung der 15 Geheimnisse beten, wenn möglich vor einem Bilde unserer Lieben Frau von Pompei. Dieses Bild ist an sehr vielen Orten aufgestellt und bringt viele Gnaden wie die Lourdgrotten, die überall errichtet sind. Damit die Gläubigen immer mehr zum heiligen Rosenkranz entflammt werden und mit Vertrauen zu unserer Lieben Frau von Pompei in ihren Anliegen flüchten, sollen im folgenden die Herrlichkeiten dieses Gnadenortes geschildert werden. Möge die Rosenkranzkönigin dazu ihren Segen geben!

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Fortsetzung (12.1.2020):

Das Heiligtum der Rosenkranzkönigin

Im Rosenkranzmonat des Jahres 1872 ging ein angesehener Rechtsgelehrter, namens Bartolo Longo durch das einsame Tal von Pompei. Trostlosigkeit, fast eine Art Verzweiflung umgab seine Seele. In dieser peinlichen Gemütsstimmung hörte er eine innere Stimme: „Wenn du gerettet werden willst, so tue etwas für die Verbreitung des Rosenkranzes!“ Das ist eine Verheißung, welche die Muttergottes dem heiligen Dominikus gab. Der Gedanke: wenn ich den Rosenkranz verbreite, bin ich gerettet, war wie ein Blitz in finsterer Nacht. In großer Aufregung, Gesicht und Hände zum Himmel erhoben, richtete er an die allerseligste Jungfrau die Worte: „Wenn es wahr ist, was du dem heiligen Dominikus versprochen hast, dass jener, der deinen Rosenkranz verbreitet, so leicht selig wird, so werde ich meine Seele retten, und ich werde diese Gegend nicht verlassen, ohne hier den Rosenkranz eingeführt zu haben.“ Da wurde es ruhig in seiner Seele, er hörte das Ave-Glöcklein, fiel auf seine Knie und betete das Ave Maria. Bald nach diesem Vorfall fing er an, bei den armen Leuten des Tales, es waren ungefähr 300 Bauern, das Rosenkranzgebet zu verbreiten, und schenkte ihnen Rosenkränze und Medaillen. Aber er hatte große Schwierigkeiten, die Leute waren sehr unwissend und viele kannten nicht einmal das Ave Maria. Drei Jahre lang wirkte er so unter ihnen, sah aber wenig Früchte. Im Jahre 1876, am 13. Februar, gelang es ihm, die Bruderschaft des Heiligen Rosenkranzes einzuführen. Darum wollte er in dem armen Parrkirchlein einen Rosenkranzaltar errichten. Der Bischof von Nola, in dessen Sprengel die Pfarrgemeinde lag, bat ihn jedoch, armen Leuten eine neue Kirche zu bauen und versprach ihm 500 Fr. Zu diesem Zwecke fing er an, Beiträge zu sammeln; es gab jedoch berghohe Hindernisse, aber Maria kam ihm zu Hilfe. In Neapel wurde ein krankes Mädchen plötzlich geheilt, nachdem es der Gottesmutter versprochen hatte, einen Beitrag zur neuen Rosenkranzkirche in Valle di Pompei zu geben. Dieses Wunder geschah am Tag, an dem daselbst die Rosenkranzbruderschaft errichtet wurde, und machte in Neapel großes Aufsehen. Ein Wunder für ein Landkirchlein, für Bauern! Bald geschah ein anderes Wunder. An einer Kranken, nachdem sie versprochen hatte, etwas für die neue Kirche zu opfern. Zahlreiche Gebetserhörungen fanden statt, wenn man eine Gabe für diese Kirche versprach. Auf diesem Wege sandte die Himmelskönigin ihrem verehrten Bartolo Longo Millionen. Maria gab durch fortgesetzte Wunder zu erkennen, dass sie an dieser Stelle keine neue Pfarrkirche sondern ein Weltheiligtum wolle, wo sie als Rosenkranzkönigin verehrt und angerufen werde. Fünfzehn Jahre wurde an dem herrlichen Tempel gebaut, der in Gold und Marmor glänzt.

Im Mai 1891 wurde diese Rosenkranzkirche durch Kardinal La Vallette, umgeben von 74 Bischöfen, Erzbischöfen und Kardinälen, eingeweiht. Weil diese Basilika aus den Opfern der Gläubigen der ganzen Welt gebaut wurde, hat der Gründer, Bartolo Longo, alles dem Heiligen Vater Leo XIII. geschenkt; es ist Eigentum des Apostolischen Stuhles. Leo XIII. hat dieses Heiligtum wie keine andere Kirche der ganzen Welt mit Ablässen und Privilegien bereichert. In dieser Kirche darf die heilige Messe bis 2:00 Uhr nachmittags gelesen werden. Jeder Priester darf täglich die Messe von Rosenkranz lesen, damit so das Rosenkranzfest wiederholt werde. Leo XIII. hat den Gründer Bartolo Longo mit einem herrlichen Schreiben beehrt und so vor der ganzen Welt seine Billigung ausgesprochen.

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Fortsetzung folgt!

Das Heilige Haupt Christi als Sitz der göttlichen Weisheit

Die Verehrung des Heiligen Hauptes Christi als Sitz der göttlichen Weisheit geht zurück auf Offenbarungen des Heilandes an Theresia Higginson († 1905).

Es würde jedoch über den bescheidenen Rahmen dieser Schrift hinausgehen, wenn wir das Leben dieser englischen Mystikerin ausführlich darlegen wollten. Wir verweisen dafür auf die Lebensbeschreibung der Theresia Higginson von Cecil Kerr. Nur kurz zusammenfassend sei hier das Wichtigste aus ihrem Leben und von ihren Offenbarungen wiedergegeben.

Theresia Helena Higginson wurde am 27. Mai 1844 zu Holywell in England geboren. Ihr Vater stammte aus einer tiefkatholischen Familie; ihre Mutter, von Geburt aus protestantisch, war in ihrer Jugend zur katholischen Kirche übergetreten.

Theresia war von den acht Kindern der Familie Higginson das dritte; es war unter anderem das lebhafteste und fröhlichste. Aber schon von frühester Kindheit an übte Theresia im geheimen Buße und Abtötung. Ihren ersten Unterricht erhielt die Kleine im elterlichen Hause. Im Alter von zwölf Jahren kam sie ins Kloster von Nottingham, wo sie neun Jahre lang studierte und mit großem Eifer Fortschritte machte in der Frömmigkeit und in der opferbereiten Liebe zu Jesus. Im Jahre 1865 kehrte sie in ihr Elternhaus zurück. Hier unterstützte sie ihre Angehörigen mit dem Erlös feiner Handarbeiten.

Bald aber kam die Zeit, da der Heiland diese auserwählte Seele ins öffentliche Leben führen wollte. Im Jahre 1871 brach in der Pfarrei St. Alexander in Bootle eine ansteckende Krankheit aus, die viele Opfer forderte. Pfarrer Powell, Rektor der dortigen Pfarrschule, musste wegen Mangel an Lehrkräften seine Unterrichtsanstalt schließen. In dieser Verlegenheit wandte er sich an die Leiterin der Normalschule von Mount Pleasant in Liverpool, die ihm Theresia Higginson als Lehrerin empfahl.

Theresia Higginson begann gleich den Unterricht zu erteilen; da sie jedoch keinen pädagogischen Unterricht genossen hatte, sollte sie auf Anraten der Oberin noch ein Jahr Spezialstudien machen. Darnach erst könnte sie eine endgültige Anstellung als Lehrerin erhalten. Pfarrer Powell aber drängte Theresia, sofort an den gerade stattfindenden Prüfungen teilzunehmen. Sie gehorchte und bestand das Examen glänzend.

Die Eltern waren jedoch mit dem Lehrerinnenberuf ihrer Tochter nicht recht einverstanden. In ihrer Gewissensnot fragte deshalb Theresia den heiligmäßigen Ignatius Spencer um Rat. Dieser bestärkte jedoch Theresia in ihrem Vorhaben, Lehrerin zu werden. Jedoch kam Theresia nicht nach Bootle, sondern 1872 zunächst zur Dorfschule von Orrell bei Wigan, und im folgenden Jahre zur Marienschule in Wigan. Mit warmem Aposteleifer widmete sie sich ihrem neuen Berufe. Von allen Schülerinnen war sie geachtet und geliebt. Zugleich aber zog der Heiland sie immer inniger an sich. Am Karfreitag 1874 schenkte der Heiland ihr während der Passionsschauung, die sie von jetzt ab fast jeden Freitag erlebte, Seine heiligen Wundmale. Jedoch betete Theresia, der Heiland möge ihr die sichtbaren Wundmale wegnehmen, ihr aber stattdessen noch größere Schmerzen gewähren. Ihr Wunsch ging in Erfüllung. Jedoch haben manche Priester und andere ihre nahstehende Personen die Stigmen, besonders an ihren Händen, sehen dürfen.

Aus Gesundheitsrücksichten kehrte Theresia 1875 nach Hause zurück, übernahm aber 1877 wieder eine Anstellung an der von Jesuiten errichteten Schule in Sabden bei Clitheroe.

Trotz aller Arbeiten und Sorgen als Lehrerin vertiefte sie hier ihr inneres Leben noch immer mehr. Schon als Kind hatte sie oft Engelscharen gesehen, die, in Andacht versunken, das hochheilige Sakrament umgaben. Dieses Schauspiel genoss sie jetzt noch öfters. Auch erfreute sie sich der wirklichen fühlbaren Gegenwart ihres geliebten Herrn. Jedoch litt Theresia auch oft unter quälenden, lästigen Angriffen der höllischen Geister.

In Sabden, wo nur einmal in der Woche die hl. Messe gefeiert und die hl. Kommunion ausgeteilt wurde, erhielt Theresia zum ersten Male die heilige Kommunion aus der Hand des göttlichen Heilandes. Manchmal geschah dies von jetzt ab sogar drei- oder viermal am selben Tag. Im Jahre 1875, am Feste des Hl. Herzens Jesu, empfing sie eine der größten Gnaden des mystischen Lebens: der Heiland erwählte sie in einer wunderbaren Anschauung zu seiner Braut und steckte ihr ein Dornenringlein an die Hand. Dadurch wollte der Heiland sie vorbereiten zur Sendung, die Er ihr bald anvertrauen würde.

Wegen Krankheit musste Theresia zu Beginn des Jahres 1879 Sabden verlassen. Die Sommermonate verbrachte sie bei ihrer Mutter und Schwester zu Neston in Cheshire. Hier wurde ihr erstmalig am Herz-Jesu-Fest 1879 während der Hl. Messe die Offenbarung über die göttliche Weisheit Jesu Christi und die vom Heiland gewünschte Verehrung seines Hl. Hauptes als Sitz der göttlichen Weisheit zuteil. Theresia schaute die göttliche Weisheit als einen leuchtenden Kristall mit unzähligen Augen, in dem sich das ganze Weltall spiegelte und der ein strahlendes Licht aussandte gleich „tausend Sonnen“. Es wurde ihr mitgeteilt, dass das göttliche Herz in all seinen Regungen und Handlungen ganz unter dem Einflusse dieser Weisheit stehe, und dass die Verehrung des Hl. Herzens durch die Verehrung des Hl. Hauptes als Sitz der ewigen Weisheit, vollendet werden müsse.

Als dann noch im selben Jahre Theresia, auf Wunsch des ihr gut bekannten Pfarrers Powell eine Stelle als Lehrerin zu Bootle übernahm, war es vor allem in der St. Alexanderkirche dortselbst, dass sie vom Heiland immer wieder aufgefordert wurde, die Andacht zum Hl. Haupte Christi, als dem Sitz der göttlichen Weisheit bekannt zu machen und zu verbreiten. – Theresia schreibt über eine dieser Visionen im Gehorsam ihrem Seelenführer Pfarrer Powell wie folgt:

„Es ist der Wille unseres vielgeliebten und göttlichen Herrn, dass sein heiliges Haupt als Sitz der göttlichen Weisheit angebetet werde; nicht nur das Haupt (ich will sagen, wie wir seine heiligen Hände und Füße anbeten) sondern das Haupt als Heiligtum der Seelenkräfte und der intellektuellen Fähigkeiten und in ihnen die Weisheit, die alle Liebe des heiligsten Herzens und alle Handlungen des ganzen Herzens Jesu unseres Herrn und Gottes geleitet hat … Dieses Haupt ist eine Welt von unendlicher Weite, ein Meer von ungeheuren Tiefen, eine Sonne von unerreichbarem Lichte, die nie untergeht, und es sind unermessliche Höhen unausgesprochene Geheimnisse der Vollkommenheit und Schönheit. – Unser vielgeliebter und gütiger Herr gab jedoch die Zeit nicht genau an, da diese Andacht öffentlich werden wird; doch ließ er mich erkennen dass jeder, der sein Hl. Haupt in dieser Weise verehre, auf sich selbst die auserwähltesten Gaben des Himmels herabziehe.“

In einem anderen Briefe berichtet Theresia von einer Vision am Himmelfahrtstage.

„Es war am frühen Morgen des Himmelfahrtstages, als ich unseren göttlichen Herrn sah, wie man ihn auf den Bildern des Hl. Herzens darstellt, ausgenommen, dass um sein Hl. Haupt noch ein Licht von unvergleichlichem Glanze und unvergleichlicher Schönheit strahlte. Es war wie eine Sonne, in der zwölf prächtige Edelsteine funkelten, die alle Farben des Regenbogens wiedergaben. Und in dem Haupte sah ich einen Ozean von unendlicher, klarer und ruhiger Tiefe, und die glänzenden Strahlen der Sonne durchdrangen ihn in seiner ganzen Tiefe, und es spiegelten sich in ihm alle Schönheiten der Sonne. Die zwölf Steine strahlten gleich Diamanten, ihre grünen, grünlichgelben, purpurnen, roten Lichter und alle Regenbogenfarben aus. Und in der Mitte des Lichtmeeres gewahrte ich ein (alles durchdringendes) Auge. Die Majestät dieses Schauspiels brachte mich derart außer mir, dass ich mehrere Stunden unfähig war, mich auch nur zu bewegen. Der Geist des Menschen ist zu schwach, seinen Verstand zu schwerfällig, um diese gewaltige Größe der Gottheit zu verstehen, zu fassen oder zu beschreiben, und es dünkt mich ein Wunder, nach einem kleinen Blick darein, noch zu leben … Das Licht verbreitete sich von allen Teilen seiner heiligen Person aus. Und aus seinem Hl. Herzen, das von Dornen umgeben und von einem Kreuze überragt war, sah ich Flammen hervorbrechen. Darüber schwebte ein silberweißes Licht in Gestalt einer Taube, und die Strahlen der Sonne umgaben das ganze mit einer außerordentlichen Lichtfülle.“

Über eine andere Heilanderscheinung am 27. Mai 1880 berichtet Theresia wie folgt:

„An diesem Morgen sah ich während der hl. Messe, da die geweihte Hostie bei der Wandlung emporgehoben wurde, sozusagen den ganzen himmlischen Hof in Anbetung niedergesunken; alsdann verschwand alles in eine Lichtflut, deren leuchtende Pracht von der Hl. Person unseres Herrn Jesus Christus herrührte.

Eine strahlende Sonne von wunderbarer Schönheit und Klarheit glänzte um sein Hl. Haupt und warf ihr Licht in die Tiefen seines Hl. Herzens. Hierauf ließ der Heiland mich sehr deutlich erkennen, dass die Zeit nahe, da Er der Welt den Wunsch, der Ihn sozusagen verzehrt, offenbare, Sein Hl. Haupt als Sitz der göttlichen Weisheit angebetet und verehrt zu sehen.“

Am 2. Juni 1880 teilte ihr der Heiland den Tag mit, an dem das Fest zu Ehren seines Hl. Hauptes gefeiert werden soll. Sie schrieb darüber ihrem Seelenführer u. a.:

„Unser geliebter göttlicher Herr verlangte von mir, Ihnen in seinem Auftrage mitzuteilen, Er wünsche, dass Sein Hl. Haupt als Sitz der göttlichen Weisheit öffentlich angebetet und verehrt werde; Er bestimmte auch, dass der Freitag in der Oktav des Festes des Hl. Herzens als Fest zu Seiner Ehre genannt werde, um Ihm an diesem Tage ganz besonders Genugtuung zu leisten und Seine Verzeihung zu erflehen; denn Er sagt: „Sieh, Meine geliebte Tochter, man bekleidet Mich als Narr und spottet Meiner in der Wohnung Meiner Freunde. Man krönt mich zum Hohne, Mich, der Ich der Gott der Weisheit und aller Wissenschaft bin, Mich den König der Könige, den Allmächtigen, den Unwiderstehlichen; man reicht Mir ein Zepter, um Mich zu verhöhnen. Ich wünsche, dass man diese Andacht, über die Ich Mich so oft mit dir unterhalten habe, bekannt mache, und Ich will, dass der erste Freitag nach dem Feste Meines Hl. Herzens als Tag des Festes zur Ehre Meines Hl. Hauptes als Sitz der göttlichen Weisheit vorbehalten werde und dass man Mir für alle Beleidigungen und für alle Sünden, die fortwährend gegen Mich begangen werden, öffentliche Anbetung darbringe.“ Er sagte auch, dass man wegen der Schwierigkeiten; die eintreten könnten und die sich gewiss einstellen, sich nicht entmutigen lassen soll, und dass die Kreuze zahlreich sein werden. „Jeder, der helfen wird, diese Andacht zu verbreiten, wird tausendmal gesegnet sein … Unser geliebter Herr sagt, dass all das, was er denen verheißen hat, die Sein Hl. Herz würdig lieben und verehren, auch jenen im Überfluss zuteil werde, die Ihn durch diese Andacht verehrten oder andere zu dieser Verehrung aneiferten.“

Einige Zeit später schreibt Theresia: „Als ich Freitag dem Hl. Sakramente meine gewöhnliche Besuchung machte, sah ich mit den Augen des Geistes Jesus gleichsam durch ein glühendes Feuer verzehrt; … und unser Herr ließ mich nun wieder etwas von dem innigen Wunsche empfinden, Sein Hl. Haupt verehrt zu sehen, so wie ich es schon erklärt habe. Ich sah, wie die göttliche Weisheit die Erlösung des Menschen geleitet hat, wie die hl. Seele Jesu Christi dabei mitwirkte, und ich verlor mich in Staunen und Bewunderung über das, was ich sah. Ich weiß selbst nicht mehr die Hälfte dessen, was ich wahrnahm; aber der brennende Wunsch Jesu prägte sich in mir äußerst tief ein.“

 

Und weiter schreibt Theresia Higginson:
„Ich sehe auch, wie durch die Andacht zum Sitze der göttlichen Weisheit der Heilige Geist sich unserem Verstand zu erkennen gibt, oder wie seine Eigenschaften sich in der Person des Sohnes Gottes offenbaren. Je mehr wir die Andacht zum Hl. Haupt üben, desto mehr werden wir das Wirken des Heiligen Geistes in der Seele bemerken, und desto besser werden wir den Vater, den
Sohn und den Heiligen Geist, die, obgleich dreifach in der Person, doch nur ein Wesen sind, erkennen und lieben. Ich denke, dass unser geliebter Herr unsere Gebete erhören müsste, falls wir
anfingen, ihn dreimal täglich durch sein kostbares Blut, sein Kreuz und sein Leiden zu bitten, die Entwicklung dieser Andacht beschleunigen zu wollen; denn unser Wunsch ist im Vergleich zu der brennenden Glut seines Wunsches nur ein winzig kleiner Funke. Oh, ich kann nicht verstehen, wie Er so sehr wünschen kann, Sich in dieser Weise verehrt zu sehen, Er, der Allmächtige, und dennoch die Erfüllung seines intensiven Wunsches in die Länge ziehen lässt. Gleichwohl
weiss ich, dass seine Wege unerforschlich sind, und dass alles, was Er will, notwendigerweise geschehen muss und sich gewiss ereignen wird.“

Am 15. Juni 1880 hatte Theresia wieder eine Offenbarung des Heillandes. Sie schreibt darüber:

„Unser gütiger und geliebter Herr zeigte mir, welch große Verherrlichung der anbetungswürdigen Dreifaltigkeit und seiner Hl. Menschheit durch diese Andacht zuteil werde, und er sagte zu mir, mich nicht zu entmutigen, wenn andere sie nicht sofort aufnehmen; denn jene, die jetzt die größten Gegner zu schein seien, ersetzten dies durch ihren Eifer in der Zukunft; dass sein Wille allmächtig ist, und dass er aus allem, dessen sich die Menschen bedienen könnten und sich
bedienten, um den Fortschritt dieser Andacht aufzuhalten, Mittel machen werde, sie zu verbreiten.
Am Himmelfahrtsfeste 1881 berichtet Theresia Higginson wieder folgendes über
ihre Schauungen:
„Als ich mich niederkniete, um die dreimal Hl. Dreifaltigkeit für die große Glorienerfahrung der Hl. Menschheit an diesem Tage anzubeten, fand ich mich von der höchsten Glut und Herrlichkeit der Sonne der göttlichen Gerechtigkeit ergriffen und aufgelöst, und ich hörte Lobpreisungen, Freudengesänge, die sich wiederholten und auf der Erde widerhalten; es erschallten Hymnen der
Dankbarkeit und der Bewunderung angesichts des Sitzes der göttlichen Weisheit. Ich sah alsdann in dem großen Kristall sich die Glorie, die der dreimal Hl. Dreifaltigkeit durch die Andacht zum Hl. Haupte zuteil werden wird, widerspiegeln, und ich sah die unberechenbare Zahl der Seelen, die ihr Licht inden Schoß der wahren Kirche und schließlich zum Throne Gottes führen wird.

Ich sah auch, dass dies ein Hauptmittel für die Bekehrung unseres armen, so geliebten Englands sein wird, und dass der Tag nicht mehr fern sei, an dem es seinen Verstand dem Glauben unterwerfen und durch diese Andacht die große Sünde des Abfalls vom Glauben bis zu einem gewissen Grad wieder gut machen wird, und dass der Name Mariä und ihres Sohnes durch unser Volk mehr geehrt werden, als es sie jemals entehrt hat.“

Am Fronleichnamsfest (19. Juni 1881) erschien ihr wieder der Heiland und belehrte sie abermals über seine Wünsche:

„Alsdann kam Er wirklich und zog mich an sich wie einen Regentropfen in den Ozean. Er stellte mir wieder Seinen großen Wunsch vor, den Sitz der göttlichen Weisheit verehrt zu sehen, und unterwies mich folgendermaßen: dass die unerschaffene Weisheit, Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist ist, und dass Gott der Sohn, das Bild der unerschaffenen Weisheit Gottes, da Er Mensch wurde, für sich selbst das Hl. Haupt als Wohnung errichtet hat; denn „die Weisheit hat sich ein Haus gebaut“. Und wie Jesus uns versprochen hat, immer bei uns zu bleiben, so werden Er und der Geist der Wahrheit Seine Kirche bis zum Ende der Zeiten führen, regieren und erleuchten.

Und ich sah Ihn einer Sonne gleich; die den Dampf von der Erde an sich zog; so werden auch Seelen, von den Strahlen dieser Sonne der Gerechtigkeit erwärmt und durch ihr Licht geleitet, emporsteigen zum großen, glänzenden Thron, um die Allerheiligste Dreifaltigkeit und Einheit Gottes anzubeten … Jesus aber schien eine Krone von Feuer zu tragen, die sein Hl. Haupt verzehrte und bis in Sein Gehirn hineinbrannte, und Er sagte: „Sieh, welch brennenden Wunsch Ich habe, Mein Hl. Haupt in der Weise verehrt zu sehen wie Ich es dir offenbart habe“.

„Am 16. Juni 1881 ließ mich unser göttlicher Herr ahnen, dass es sich mit dieser besonderen Andacht wie mit dem Senfkorn verhält, obgleich so wenig bekannt und so wenig geübt wird sie doch die größte Andacht der Kirche in der Zukunft sein …

Er ermunterte mich zu beten, auf das alle, besonders die Andersgläubigen und alle armen Sünder, das wahre Licht, den wahren Glauben und die Ware Weisheit empfangen. Er ließ mich wahrnehmen, dass jene, welche diese Andacht üben, durch den Glanz dieses wahren Lichtes leuchten und durch dieselben mehr Seelen zu Gott zurückführen werden, als solche durch ihre Untreue verloren gingen. Und es schien mir das Maria mit mir zu ihrem Sohne betete, und dass er ihre Hände mit Gnaden und Segnungen für uns fühlte; dass um Maria eine neue Glorie erstrahlte, die der Widerschein der Glorie ist, die den Sitz der göttlichen Weisheit umgibt. Unser geliebter und gütiger Herr erneuerte darauf abermals alle durch ihn gemachten Versprechungen, jene, die diese Andacht pflegen oder in irgendeiner Weise verbreiten helfen, zu segnen.“

Bei ihren Anschauungen und mystischen Erlebnissen hatte Theresia Higginson auch schwere Prüfungen und Leiden zu erdulden. Auch teuflische Angriffe quälten sie recht oft. Der göttliche Meister aber wachte über seine Treueleidensbraut und stärkte sie durch den vertrautesten Umgang sowie durch die heilige Kommunion, die er ihr oft eigenhändig brachte.

In der Schule aber blieb Theresia die kleine, liebevolle Lehrerin. Hier merkte man nicht, dass sie so oft in der Ekstase mit dem Heiland reden durfte, dass sie seine Passion miterlebte und ganz in ihrer Sendung aufging, die Verehrung des Hauptes Christi zu verbreiten. Selbst die Gnade der Bilokation hatte ihr der Heiland verliehen. Während sie unter ihren Kindern wirkte oder auf inniger Weise im Gebet beim Heiland war, weilte sie des öfteren als Missionarin bei Negerstämmen in Südafrika oder bei Indianern in Amerika. Dies geschah nicht dem Geiste nach, sondern in leiblicher Wirklichkeit.

Theresia hatte manchmal auch schwere Seelenkämpfe zu bestehen. Ihre Seele war dann wie in Dunkelheit gehüllt; sie befand sich in der dunklen, läuternden Nacht, von der der heilige Johannes vom Kreuz in seinen mystischen Werken schreibt. In großer Geistesdürre und unter vielen Anstrengungen verrichtete sie dann ihre religiösen Übungen, die früher ihre höchste Wonne waren.

So geläutert durfte Theresia Higginson in der Nacht vom 23. Oktober 1887 die Gnade der mystischen Vermählung mit dem Heiland erleben. Dies geschah zu Clitheroe, wo sie bei ihrer Freundin Elisabeth Dawson zu Besuch weilte. Sie teilte dieses mystische Erlebnis gehorsamst ihrem Seelenführer mit. Trotz allem aber blieb sie immer die einfache, demütige Lehrerin, die in ihrer tiefen Vereinigung mit dem Heiland nach dem Vorbild der heiligen Jungfrau Maria in dankbarer Demut täglich das Magnificat jubelte. Ihr Durst nach Leiden und Opfer ging in dem großen Leitmotiv ihres Lebens auf: „Was Er will!“ 

Nach ihrer mystischen Vermählung war ihre Seele von Ruhe und Frieden erfüllt. Durch die Vermittlung des Pfarrers Snow fand Theresia nun Aufnahme im Kloster der heiligen Katharina in Edinburg (1887-1899). Hier lebte sie schlicht und einfach, stets bereit, allen zu helfen. Bald war sie in der Schule tätig, dann in der Sakristei, ja selbst in der Kirche. Mit feurigem Eifer machte sie das Kloster und die Umgebung mit der Verehrung des Hl. Hauptes bekannt.

Ihr letzter Wirkungskreis war seit 1904 Chudleigh im südwestlichen England. Jedoch brach hier ihre schwache Gesundheit zusammen. Zusehends nahmen ihre Kräfte ab. Der Heiland ließ sie nochmals Sein Leiden miterleben und holte sie am 15. Februar 1905 zur ewigen Heimat ab.

Ihr Leichnam, der nach dem Tode eine fast überirdische Schönheit aufwies, wurde nach Neston überführt und dort in der Familiengruft neben Mutter Higginson beigesetzt.

Theresia Higginson war eine hervorragende Mystikerin. Pater Wilberforce O.P., aus dem Heilig-Kreuz-Kloster von Leicester, legt in einem Memorandum, das Cecil Kerr als Anhang ihrer Lebensbeschreibung veröffentlicht hat, Zeugnis ab für die heldenhafte Demut und Geduld, und für den hervorragenden Gehorsam und Opfergeist der Theresia. Generalvikar Snow, der 22 Jahre ihr Seelenführer war, wagt sogar den Ausspruch: „Ich erachte es als meine Pflicht, zu behaupten, dass Theresia nicht nur eine Heilige war, sondern auch eine der größten Heiligen, die der allmächtige Gott je in seiner Kirche erstehen ließ.“ Übrigens beweist ja auch die Tatsache, dass ihr Seligsprechungsprozess, der im Jahre 1932 in Rom eingeleitet worden ist, eindeutig, dass der Bischof, der ihn eingeleitet hat, und alle, die dazu mitgeholfen haben, von ihrer Heiligkeit überzeugt sind.

Dass Theresia Higginson noch nicht seliggesprochen worden ist, beweist nicht gegen ihre Heiligkeit und I die Glaubwürdigkeit ihrer Offenbarungen. Wir dürfen hier keine Parallele ziehen mit Theresia vom Kinde Jesu. Letztere hatte in ihrem Leben keine aussergewöhnlichen Anschauungen, Offenbarungen und Ekstasen. Ganz anders Theresia Higginson. Bei einer Person aber, die mit den Stigmen und mit so wichtigen und weittragenden Offenbarungen, die eine neue Andacht betreffen, begnadigt war, wäre es gerade jetzt zu verwundern, wenn die Seligsprechung jetzt schon erfolgt wäre. In derartigen komplizierten Fällen lässt sich die Kirche meistens sehr lange Zeit instruktive Beispiel dafür ist das grosse, ganz gleich geartete Vorbild von Theresia Higginson: Margareta Alacoque († 1690). Es wird doch jetzt niemand mehr bezweifeln, dass Margareta Alacoque eine wirklich grosse, ganz einzig begnadeter Heilige war. Und doch wurde sie erst 1864, also 174 Jahre nach ihrem Tode, seliggesprochen, und erst 1920 also 230 Jahre nach ihrem Tode kanonisiert. Ebenso muss der heilige Johannes Eudes († 1680), der als erster den liturgischen Kult des Heiligen Herzens Jesu einführte und im Brevier jetzt so ruhmvoll „Vater, Lehrer rund Apostel“ der Herz-Jesu -Andacht genannt wird, 229 Jahre auf seine Seligsprechung warten.                                   .

Wann wird der mystisch begnadeten Seele von Neston diese Ehre zuteil? Gott allein weiß es. Uns aber genügt zu wissen, dass sie eine außergewöhnlich reich begnadete Mystikerin war und dass die ihr zuteil gewordenen Offenbarungen um den einen Kerngedanken kreisen: die Verehrung des Hauptes Christi, als Sitz der göttlichen Weisheit.

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Quelle: Robert Ernst: Das Heilige Haupt Christi als Sitz der göttlichen Weisheit; Heiland, Mai-Juni 1956

PAPST JOHANNES PAUL II. (1920-2005)

Gebet zum 35. Weltgebetstag um geistliche Berufungen, 3. Mai 1998

Geist der ewigen Liebe,
der Du vom Vater und vom Sohne ausgehst,
wir danken Dir für alle Berufungen an Aposteln und Heiligen,
die die Kirche fruchtbar machten.
Wir bitten Dich, führe auch heute Dein Werk fort.
Gedenke, wie Du einst am Pfingstfest
auf die Apostel herabkamst, die zum Gebet versammelt waren
mit Maria, der Mutter Jesu,
und schau auf Deine Kirche, die heute ganz besonders
heiligmäßige Priester braucht,
treue und vollmächtige Zeugen Deiner Gnade,
die Ordensmänner und Ordensfrauen braucht,
welche die Freude derer sichtbar machen, die nur für den Vater leben,
derer, die sich die Sendung und Hingabe Christi zu eigen machen,
und derer, die in Liebe an der neuen Welt bauen.
Heiliger Geist, immerwährender Quell der Freude und des Friedens,
Du bist es, der Herz und Sinn für den göttlichen Anruf öffnet;
Du bist es, der jeden Antrieb zum Guten, zur Wahrheit
und zur Liebe wirksam werden lässt.
Dein „unausprechliches Seufzen“ steigt
aus dem Herzen der Kirche zum Vater empor,
der Kirche, die für das Evangelium leidet und kämpft.
Öffne die Herzen und Sinne der jungen Männer und Mädchen,
damit ein neues Aufblühen heiligmäßiger Berufungen
die Treue Deiner Liebe zeige
und alle Christus erkennen können,
das wahre Licht, das in die Welt gekommen ist,
um jedem Menschen die sichere Hoffnung
auf ewiges Leben zu schenken. Amen!

Quelle

Siehe dazu auch:

Der hl. Petrus Canisius: Die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel

Die leibliche Aufnahme Mariä
in den Himmel.*

1. Alle Menschen streben nach Glückseligkeit, den Christen aber ist es eigen, nicht bloß auf die Glückseligkeit der Seele zu hoffen, sondern auch auf die ihres Leibes, um auch auf diese Weise ihrem Haupte Christus gleichförmig zu werden. Der heilige Paulus verlangt aufgelöst zu werden und mit Christus zu sein, aber nicht bloß dies, sondern er erwartete den Erlöser, der seinen Leib gleichförmig machen werde dem Leibe seiner Herrlichkeit und er seufzte darnach, es möge das, was an ihm sterblich war, umgewandelt werden in Unsterblichkeit (Phil. 12. Kor. 5). So wird gewiß auch Maria immer darnach verlangt haben und sie um so mehr, weil sie aus dem vertrauten Umgang mit dem auferstandenen Sohn die Herrlichkeit eines verklärten Leibes kannte und weil sie gestützt auf ihre innige Verbindung mit ihrem Sohne großes Vertrauen auf Gott hatte, bat sie vor ihrem Tode Gott oft und inständig, daß sie bald mit Leib und Seele dorthin komme, wo ihr Sohn ist; der Heilige Geist wird ihr dieses Verlangen ins Herz gegeben haben, denn er ist es ja, der mit unaussprechlichen Seufzern in uns betet.

2. Die Kirche glaubt, daß Maria nebst vielen andern Privilegien auch dieses von Gott erhielt, daß ihr Leib nach ihrem Tode auferweckt und mit Unsterblichkeit bekleidet wurde. So erlangte also Maria auch die Seligkeit des Leibes und herrscht nun im himmlischen Reiche mit Leib und Seele. So lehren Antoninus von Florenz1, Thomas von Aquin2, der Fürst aller Kirchenlehrer, Albertus der Große3, der sagt, daß nicht bloß Maria sondern auch andere, die mit Christus von den Toten auferstanden, mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurden. Ebenso Bonaventura4 und Durandus. Letzterer sagt: „Zu Staub werden ist die allgemeine Strafe der Erbsünde und besteht darin, daß die menschliche Natur sich selbst überlassen wird, denn in diesem Falle muß der Leib von selbst zu Staub werden. Bei Maria aber wurde eine Ausnahme gemacht, weil Christi Leib auch nicht der Verwesung anheimfiel nach dem Worte des Propheten im Ps. 15: ‚Du wirst deinen Heiligen die Verwesung nicht schauen lassen‘, sein Leib ist aber aus dem Leibe der Jungfrau genommen, dieser durfte mithin auch nicht verwesen.“5 Auch Richard von St. Victor6 lehrt so. Bernhard7 aber beschreibt die Freude aller Himmelsbewohner, die sie hatten, als sie die Stimme Marias hörten, ihr Antlitz schauten, ihre Gegenwart genießen konnten, also glaubte er an ihre leibliche Auferstehung. Ebenso Augustin: „Christus, der sie auf Erden mehr als alle andern liebte durch Verleihung von Gnaden, ehrte sie auch nach dem Tode mehr als alle andern, indem er sie nicht den Würmern, dem Staub und der Fäulnis überließ, sie, die den geboren hat, der ihr und aller Menschen Erlöser ist.8 Amadeus: „Weil sie Christus mehr liebte als alle andern, deswegen sieht sie ihn auch besser, sieht ihn nicht bloß als Gott mit den Augen des Geistes, sondern auch als Menschen mit den Augen des Leibes.“9 Nicephorus: „Sie wurde zwar begraben, aber dann ins Paradies versetzt als Baum des Lebens. Wie, das weiß Gott, der dies getan.“10 Michael Glykas: „Sie war den allgemeinen Gesetzen der Natur unterworfen, starb und wurde begraben, ist aber dann lebendig vom Grabe auferstanden wie Christus; nur die Linnen, in denen sie begraben wurde, fanden sich vor.“11 Andreas von Jerusalem, Erzbischof von Kreta: „Weil sie den Urheber des Lebens geboren hat, wurde sie auch dorthin versetzt, wo die Quelle des ewigen Lebens war, wo nichts flüchtig und vorübergehend ist, wo es keine Beschwerden und Leiden dieses Lebens, keinen unangenehmen Wechsel der Dinge mehr gibt.“12 Der hl. Germanus, Patriarch von Konstantinopel: „Der Leib der Jungfrau wurde von den Toten auferweckt und wurde ganz geistig, unsterblich, unverweslich. Es ist ein menschlicher Leib, aber ein solcher, der zum unsterblichen Leben gelangte, absolut voll Leben, der nicht mehr sterben kann, denn er war das Gefäß, das Gott enthielt.“13Johannes Damascenus bezeugt, „sie sei am dritten Tage auferstanden und zu ihrem Sohne aufgenommen worden. Als Tochter der alten Eva ist sie zwar gestorben, wie auch Christus, obwohl das Leben selber, den Tod nicht von sich gewiesen hat, allein weil Mutter des lebendigen Gottes, wurde  sie zu ihm aufgenommen.“14 Seine Predigt über Marias Aufnahme in den Himmel nahm die Kirche in das Brevier des Festes auf. Juvenal, Erzbischof von Jersalem, ist ein gewichtigerer Zeuge als alle andern, weil er in allem, was die Kirche von Jerusalem betrifft, durchaus glaubwürdig ist. Vor dem Kaiser Marcian und der Kaiserin Pulcheria erklärte er auf dem Konzil von Chalcedon, er wisse es aus der langjährigen und wahrhaften Überlieferung der Vorfahren, daß die Apostel drei Tage beim Grabe der Mutter Gottes blieben und als sie es aufmachten, sei ihr Leib nicht mehr dort gewesen, sondern nur die Leintücher, ebenso wie es bei der Auferstehung Christi war.15 Kaiser Leo bezeugte auch dasselbe in einer Rede.16 Alle diese bezeugen die Auferstehung und die Aufnahme Mariä in den Himmel dem Leibe nach. Athanasius sagt, „Maria sitze zur Rechten ihres Sohnes, des ewigen Königs, im Himmel und zwar auch leiblich, nämlich mit unsterblichem und unverweslichem Leibe. Sie ist also bereits selig im Himmel nicht bloß der Seele nach, sondern auch im Leibe und herrscht dort mit Christus. Das sei gemeint unter dem Kleide der Königin, die zu seiner Rechten sitzt, nämlich ihr Leib angetan mit Unsterblichkeit, Unverweslichkeit Glanz und Herrlichkeit.“17

Die griechische Kirche singt schon seit Jahrhunderten am Feste der Himmelfahrt Mariä: „Die Heerscharen der Engel schützten den Leib der Jungfrau mit ihren Flügeln und trugen ihn in den Himmel als die lebendige Bundeslade des Herrn.“ Wie hätte aber die griechische Kirche dieses Fest unter so großem Zulauf des Volkes und mit solchen Gebeten und Gesängen feiern können, wenn ihr Glaube nicht in der Überlieferung der vorausgegangenen Jahrhunderte begründet gewesen wäre?

Die lateinische Kirche betet: Assumpta est Maria…: Aufgenommen ist Maria in den Himmel, es freuen sich die Engel und lobpreisen Gott“ und wieder: „Maria Virgo assumpta est…: Die Jungfrau Maria ist aufgenommen zum himmlischen Brautgemach, in welchem der König der Könige auf dem Throne sitzt, den die Sterne bilden“ und „Exaltata est…: Erhöht wurde die heilige Gottesgebärerin über alle Chöre der Engel in die himmlischen Gefilde.“ Schon in der Liturgie des heiligen Ambrosius finden wir dieses Fest. Von jeher wurde dieses Fest das Fest der assumptio genannt und wurde nur von ihr aber von keinem andern Heiligen gefeiert. Es bedeutet also die leibliche Aufnahme Mariä, denn die der Seele nach kommt allen Heiligen zu. Wir verehren aber nicht die ascensio, die Himmelfahrt, sondern nur die assumptio, die Aufnahme, weil nur Christus aus eigener Kraft aus dem Grabe stieg, Maria aber nur kraft der Gnade ihres Sohnes. Diese Anschauung, daß Maria mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurde, ist also schon Jahrhunderte alt und sitzt den Gläubigen so tief im Herzen, daß man jene, die dieses leugnen, gar nicht hören will und sie fürverwegene Streiter, ja eher für Ketzer als für Katholiken hält. Sogar einige von den Führern der Protestanten zur Zeit Luthers glaubten daran, hatten wenigstens nichts dagegen einzuwenden. Die Worte des königlichen Propheten: „Erhebe dich, o Herr, du und die Lade deiner Heiligkeit“ (Ps. 131) wenden die Väter auf die Auferstehung und Himmelfahrt Christi und seiner Mutter an; ebenso die Worte: „Es stand die Königin zu deiner Rechten“ usw. (Ps. 44) und verstehen unter diesem königlichen Kleid den verklärten Leib Marias. Was alle Gerechten erst bei der allgemeinen Auferstehung erhalten werden, das erhielt der König und die Königin des Himmels gleich nach ihrem Tode, damit die Himmlischen alle die leibliche Gegenwart beider genießen, bewundern und betrachten können.

3. Das göttliche Gesetz lehrt: „Ehre deinen Vater und deine Mutter.“ Wenn nun irgendein Sohn, dann hat Christus dieses Gebot gegen Maria aufs genaueste erfüllt, als sie noch auf Erden lebte; er ehrte sie noch besonders bei seinem Tode, also gewiß auch nach ihrem Tode, indem er ihren Leib vor der Verwesung bewahrte und ihm Unsterblichkeit verlieh.

In ihrem Leibe wurde er empfangen und bei seiner Geburt verletzte er ihre Jungfräulichkeit nicht, verdarb sie nicht, also ehrte er diesen Leib auch nach dem Tode durch eine ganz besondere Gnade, indem er ihren Leib nicht der Fäulnis überließ. Allerdings ist dies ein gewöhnliches, natürliches Ereignis, „aber das Fleisch Mariä ist ausgenommen, weil es das Fleisch Jesu ist“, sagt Augustin.18 Ihr Leib war zu gut für diese Erde, nur der Himmel war seiner würdig. Der Fluch, der über die erste Eva erging, lautete: ‚Ich will vermehren deine Leiden und deine Empfängnisse, in Schmerzen sollst du Kinder gebären und unter der Herrschaft des Mannes sein.‘ „Aber Christus nahm Maria aus von allen diesen Folgen der Erbsünde, von diesen allgemein geltenden Strafen, denn sie empfing von keinem Mann, sondern vom Heiligen Geist und blieb Jungfrau in der Geburt. Dies verdiente sie sich durch ihre ganz einzige Heiligkeit und durch ihre Gnadenfülle. So mußte es sein bei der Mutter eines Gottmenschen; sie gebar auch ohne alle Schmerzen. Also wird sie Christus auch vom andern Fluch bewahrt haben: ‚Staub bist du und zu Staub sollst du wieder werden.‘ Er ließ also ihren Leib nicht Staub werden, nicht der Verwesung anheimfallen. Dies geziemte sich für einen solchen Sohn, denn Jesus kann alles. Er sagte von sich: ‚Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden.‘ Wenn er sie also als Jungfrau unversehrt bewahren sollte, warum sollte er sie nicht auch vor Fäulnis und Verwesung bewahren?“19

Daß jener heiligste Leib, aus dem Christus sein Fleisch, die menschliche Natur annahm und mit seiner göttlichen Natur vereinigte, der Leib, in welchem also das Wort Fleisch, das heißtGott Mensch wurde, den Würmern zum Fraße hingegeben worden sei, das zu denken getraue ich mich nicht, das auszusprechen fürchte ich mich. Um dies zu behaupten, müßte jemand entweder Christi Macht oder Christi Liebe zu Maria leugnen wollen. Die Schrift sagt von Henoch, er sei der Erde entrückt worden und Elias im feurigen Wagen gegen Himmel geführt worden (Eccli. 44 u. 48); sie sind also nicht gestorben, sind von Gott nur aus der Welt hinweggenommen worden und führen irgendwo ein Leben ohne Leid, ohne Fehl, ohne Beschwerde; sie bewahren ihr Leben durch göttliche Kraft. Warum sollen wir also bei Maria zweifeln, daß, wenn sie auch gestorben ist, durch göttliche Kraft wieder zum Leben kam?

Maria muß man alles zuerkennen, was irgend einem Freund und Diener Gottes zuteil wurde. Nun berichtet aber Matthäus, es seien beim Tode Jesu die Leiber vieler Heiligen, die gestorben waren, aus dem Grabe auferstanden und die Auferstandenen seien in die Stadt Jerusalem gegangen und dort vielen Bewohnern lebendig erschienen (Mat. 27). Alle diese wurden gewiß mit Christus, als er zum Himmel auffuhr, in den Himmel aufgenommen, denn es wäre doch verwegen zu sagen, sie seien wieder zu Staub geworden; es lehren auch viele Theologen20, sie seien nicht mehr gestorben. Christus wollte nämlich, daß sie Zeugen seiner Auferstehung, aber auch Herolde und Genossen derselben seien. Sie wären aber keine wahren Zeugen, wenn sie nicht wirklich auferstanden wären. Gott tat dies zur größeren Ehre Christi, der sie auferweckte: damit sie nämlich noch bessere Zeugen Christi des Auferstandenen seien, machte er sie Christo dem Erstgeborenen unter den Toten gleichförmig. Zum Beispiel David wird auch unter diesen sein, weil Petrus (Apostelgesch. 2) von ihm nur bemerkt, sein Grab sei hier bei ihnen, er wagt nicht zu sagen, auch sein Leib. Sein Grab war leer, wie das der Mutter Gottes. Warum sollte nun dies nicht auch von Maria gelten, da Gott doch nichts unmöglich ist? Die drei Jünglinge im Feuerofen bewahrte Gott auch unversehrt, so daß nicht bloß ihr Körper vom Feuer nicht angegriffen wurde, sondern nicht einmal ihre Kleider, und der Prophet Jonas war im Bauche des Fisches und wurde dann unversehrt von ihm ans Land gespien und Daniel, der Prophet, wurde von den grimmigen Löwen nicht aufgefressen, alles durch Gottes Allmacht. Also konnte er auch den Leib Marias wunderbar erhalten. Und hat er schon bei jenen so große Wunder gewirkt, dann um so mehr bei Maria, seiner Mutter. Wie also Maria bei ihrer Entstehung und bei der Geburt Jesu vom allgemeinen Fluche der Menschheit durch ein ganz besonderes Privileg Gottes ausgenommen war, so auch bei ihrem glücklichen Hinscheiden. Gott gefiel es, bald nach der Trennung der Seele vom Leibe diesen zu einem herrlichen und unsterblichen Leben aufzuerwecken, mit der Seele wieder zu vereinigen und den mit der Seele wieder verbundenen Leib zu den himmlischen Wohnungen zu übertragen. Dies beweist Augustin mit vielen Gründen21, dies bekennt die ganze Kirche, dies legt der fromme Glaube von selbst nahe.

4. Wenn einige Väter22 sich scheinbar abweisend oder zweifelhaft über die leibliche Aufnahme Mariä in den Himmel ausdrücken, so wollen sie eigentlich nur verschiedeneunechte Bücher zurückweisen, die damals über das Hinscheiden Mariä geschrieben wurden und die manche Ungereimtheiten enthielten, wogegen sich die Väter scharf aussprechen. Sie sagen aber auch ausdrücklich, daß auch zu ihrer Zeit viele an die leibliche Aufnahme Mariä in den Himmel glauben und daß die, welche daran glauben, sagen, man finde den Leib des Apostels Johannes und Mariä nirgends. Sie bemerken auch, daß ja auch viele andere bei der Auferstehung Christi auferstanden seien und Gott nichts unmöglich sei, sie auch nichts dagegen hätten. Nur wollten sie die leibliche Aufnahme nicht ausdrücklich behaupten, weil zu ihrer Zeit dies noch nicht so klar erkannt wurde. Diese Väter heißen deswegen dieses Fest nicht assumpio Mariae: Aufnahme Mariä, sondern dormitio: Entschlafung oder dormitatio, weil sie nicht sicher waren, ob ihr Leib im Grabe blieb oder in den Himmel aufgenommen wurde. Solche Zweifel bestanden zur Zeit des heiligen Sophronius und Hieronymus. Wir aber erkennen jetzt dies klar und deutlich, unsere Glaubensvorfahren haben uns dies teils schriftlich, teils mündlich überliefert. Zweifelhafte Worte von Vätern müssen immer anders taxiert werden als Behauptungen, die sie aufstellen. Augustin, einer der größten Kirchenlehrer, erklärt es für ganz sicher, daß Maria mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurde. Er sagt: „Gott machte Maria sich freuen an Leib und Seele, und zwar unaussprechlich sich freuen an ihrem eigenen Sohn, mit ihrem eigenen Sohn und durch ihren eigenen Sohn. Sie blieb immer ungeschwächt und unversehrt, weil er sie mit Gnade ganz erfüllte; sie war vollkommen lebendig, weil sie das vollständige und vollkommene Leben aller gebar.“23 Die Kirche hat in der Vergangenheit über die leibliche Aufnahme Mariä in den Himmel nichts Bestimmtes zu glauben vorgeschrieben, weil die Apostel und Väter der nachfolgenden Jahrhunderte damit beschäftigt waren, die Grundlagen des wahren Glaubens in der Welt zu legen und deshalb lehrten und schärften sie die Himmelfahrt Christi, nicht Mariä, allen Gläubigen ein. Auch vieles andere, was in späteren Jahrhunderten nützlicherweise geglaubt wurde und geglaubt wird, haben sie noch nicht ausdrücklich berührtoder wenigstens nicht zu glauben vorgeschrieben. Die Kirche ging wie die Morgenröte auf und benimmt sich verschieden je nach Personen und Zeiten, wobei aber das Glaubensgut, das Christus und die Apostel ihr übergaben, natürlich immer vollständig und unversehrt bewahrt bleibt und das Fundament von allem ist, was man in der Kirche glaubt. Es gibt nämlich drei Gattungen von Wahrheiten in der Kirche: Solche, die ausdrücklich als Glaubenswahrheiten erklärt sind, von denen niemand ohne Gottlosigkeit abweichen darf. Andere, die gewiß sind kraft langjjährigen Glaubens der Gläubigen und Gebrauches der Kirche; ihnen zu widersprechen, wären Vermessenheit. Endlich gibt es Wahrheiten, die ebenfalls im öffentlichen Kult der Kirche enthaltensind, aber so, daß sie nur als frommer und wahrscheinlicher Glaube gelten. Diese werden immer um so wahrscheinlicher, je mehr Theologen sie verteidigen und je größer die Zustimmung der Gläubigen wird. Zu dieser dritten Klasse gehört die Wahrheit von der leiblichen Aufnahme Mariä in den Himmel. Denn viele ausgezeichnete Lehrer in der Kirche halten daran fest, der ganze christliche Erdkreis glaubt dies und zwar mit wunderbarer Übereinstimmung, der öffentliche Gottesdienst lehrt dasselbe und alle Rechtgläuigen sind davon überzeugt.

b) Aber es steht nichts davon in der Heiligen Schrift, könnte jemand sagen. Ich antworte: Nicht alles, was wahr ist, steht in der Heiligen Schrift, nicht alle Glaubens- und Sittenwahrheiten. Auch Augustin sagt, wo er von der Himmelfahrt Mariä spricht: „Auch vieles andere ist nicht ausdrücklich in der Heiligen Schrift enthalten. Vieles haben die heiligen Schriften uns selbst überlassen, zu finden, es aus den Aussprüchen der Heiligen Schrift zu schließen und wenn man es gefunden hat, sind dies keine unnützen, überflüssigen Dinge. Vieles ist in der Heiligen Schrift übergangen, was aber zu glauben seine guten Gründe hat.“24 Solche Einwürfe machen nur die Ketzer.25 Wie die Arianer sich immer auf die Heilige Schrift beriefen, so auch die Lutheraner. Und wie schon gesagt, wenn auch einige heilige Väter in den ersten Jahrhunderten daran zweifelten, so steht die Sache doch heute so, daß wir schon viel gewisser darüber sind, kühner sie verteidigen und offen gegen jene protestieren können, die sie leugnen wollen, mehr als dies in den ersten Jahrhunderten des Christentums möglich war. Die Kirche wächst mit den Jahrhunderten an Weisheit unter dem Einfluß des Heiligen Geistes, der ihr heiliger Führer ist, der sie lenkt und erzieht, denn aus den späteren Konzilien und der größeren Übereinstimmung der Theologen empfängt sie auch größeres Licht über die Wahrheiten und zeigt sie dann auch auf. Von andern Heiligen feiert man in der Kirche keine assumpio (Aufnahme), sondern nur ihren Todestag als Namenstag; nur bei Christus und Maria sagt man, sie hätten das Privileg ihrer leiblichen Aufnahme in den Himmel; von Christus sagt es das Evangelium, von Maria die Kirche. Die von Maria dieses leugnen, verstoßen zwar nicht gegen die Worte der Heiligen Schift, aber non sapiunt ad sobrietatem, sie sind nicht weise, sie widersprechen den gefeiertsten und besten Kichenvätern, entfernen sich nicht ohne Gefahr vom allgemeinen Glauben und vom Bekenntnis der Guten, das bereits die Kraft eines Gesetzes erlangt hat und vermindern die Ehre der würdigsten Junfrau.

 

Anmerkung: Der hl. Petrus Kanius verfaßte diesen Text um 1560, also lange vor der Dogmatisierung der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel. Seit dieser Dogmatisierung (1950) ist es keinem Glied der katholischen Kirche ohne schwere Verfehlung mehr erlaubt, an dieser Wahrheit zu zweifeln.

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Quelle

Siehe auch:

Papst Paul VI. Enzyklika CHRISTI MATRI ROSARII (Wortlaut)

SOSTA DI S.S. PAOLO VI A D ANAGNI «CITTÀ PAPALE» (Giovedì, 1° settembre 1966)

an die Ehrwürdigen Brüder. die Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe
und die anderen Oberhirten, die in Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle
über das Gebet zur Mutter Gottes im Oktobermonat für den Frieden 
15. September 1966
(Offizieller lateinischer Text: AAS LVIII [1966] 745-747)

(Quelle: Vatikanische Polyglott Druckerei. Die Abschnittsseinteilung mit Nummerierung folgt der englischen Fassung)

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist

Ehrwürdige Brüder,Gruß und Apostolischen Segen

1 Der Mutter Christi im Rosenkranz während des Monats Oktober gleichsam einen mystischen Strauss zu winden, gehört zu den Feiern des christlichen Volkes. Dem Vorbild unserer Vorgänger entsprechend heißen Wir dieses Gebet gut, und Wir rufen dieses Jahr alle Söhne und Töchter der Kirche zu besonderen Bitten zur Mutter Gottes auf: denn es wächst die Gefahr eines noch größeren und weiter um sich greifenden Unheils, das die Menschheit bedroht: noch immer wütet im Fernen Osten ein schwerer Krieg und noch immer wird grausam gekämpft. Das gemahnt Uns, für die Aufrechterhaltung des Friedens, soweit es in Unserer Macht liegt, aufs neue und noch eindringlicher einzutreten. Auch die Geschehnisse in anderen Ländern sind nicht weniger wirrend: das steigende Bemühen Kernwaffen, ein oft maßloses Nationalbewusstsein, ein ungezügeltes Herausstellen der eigenen Abstammung, die Sucht nach Revolutionen, Rassendiskrimination, meuchlerische Umtriebe, Mord an Schuldlosen. Das alles kann Anlass zu schlimmstem Übel werden .

2 Wie Unseren Vorgängern hat auch Uns Gott einen besonderen Auftrag erteilt: Wir sollen Uns geduldig und unverzagt um die Erhaltung und Festigung des Friedens mühen. Das ist unsere Pflicht, weil Uns die Regierung der Kirche anvertraut ist. Sie, «das Zeichen unter den Völkern»[1] treibt keine Politik, sie muss vielmehr die Wahrheit und Gnade Jesu Christi, ihres göttlichen Stifters, den Menschen bringen.

3 Wir haben von Anfang Unseres Apostolischen Amtes an nichts unterlassen, um der Sache des Friedens in der Welt durch Beten und Bitten und Mahnen zu dienen. Wie ihr euch erinnert, haben Wir sogar eine Flugreise nach Nordamerika unternommen, um am Sitz der UNO vor der auserlesenen Versammlung von Vertretern aus fast allen Nationen über den Frieden als das heißersehnte Gut zu sprechen. Dabei wiesen Wir darauf hin, dass die einen die andern nicht im Zustand des Elends lassen sollten, dass man einander nicht bekämpfe, sondern dass sich alle für die Festigung des Friedens gemeinsam einsetzen sollten. Auch später, gedrängt aus apostolischer Sorge, haben Wir nicht aufgehört, diejenigen, auf denen die Last der Verantwortung liegt, zu ermahnen, die drohende unheimliche Katastrophe von den Menschen abzuhalten.

4 In dieser Stunde rufen Wir wiederum «unter Klagen und Tränen»[2] die Lenker der Staaten innig bittend, sich mit aller Kraft zu bemühen, den Brand zu löschen, damit er nicht weiter um sich greife. Wir sind fest davon überzeugt, dass alle Menschen, gleich welcher Nation, Rasse, Religion oder Standes, wenn sie nur recht und ehrenhaft denken, Unserer Ansicht sind.

5 Alle also, denen sichtlich daran liegt, sollen jene Voraussetzungen schaffen, die es ermöglichen, einen Waffenstillstand zu schließen, bevor durch den Druck der Ereignisse diese Möglichkeit vorüber ist. Alle, die für das Wohl der Menschheit verantwortlich sind, sollen wissen, welch schwere Gewissenspflicht auf ihnen liegt. Sie sollen bedenken, dass ihr Name gesegnet sein wird, wenn sie diesen Unseren Anruf in Weisheit befolgt haben.

6 Im Namen Gottes rufen Wir: Haltet ein! Wir müssen zusammenfinden und ohne Vorbehalte zu gegenseitigen Abmachungen kommen. Jetzt muss Friede werden, auch unter Nachteilen und Unannehmlichkeiten; denn später ist der Friede vielleicht nur mit ungeheuren Verlusten und mit einem grauenhaften Zusammenbruch zu erkaufen, wie man es sich heute nicht einmal vorstellen kann. Aber es muss ein Friede zustande kommen, der auf Gerechtigkeit und Freiheit beruht, der Rücksicht nimmt auf Menschen- und Völkerrecht, sonst wird er zerrinnen und zerbrechen.

7 Während Wir dies voll banger Sorge und Bewegung aussprechen, erflehen Wir, durch Unser Hirtenamt dazu berufen, Gottes Hilfe: denn der Friede, der «ein so großes Gut ist, dass sogar In irdischen und vergänglichen Dingen nichts Angenehmeres, nichts Ersehnenswerteres erstrebt, und schließlich nichts Besseres gefunden werden kann»[3] muss von dem erbeten werden, der «der Fürst des Friedens»[4] ist. Da die Kirche in schweren und drangvollen Zeiten ihre Zuflucht stets bei der immer für sie eintretenden Fürsprecherin, ihrer Mutter Maria, sucht, wenden Wir Uns zu Recht mit euch, Ehrwürdige Brüder, und mit dem ganzen christlichen Volke an sie. Denn sie ist nach dem heiligen Irenäus «dem ganzen Menschengeschlechte Ursache des Heils geworden ».[5]

8 Nichts scheint Uns zeitgemäßer, nichts besser, als dass sich die ganze Christenheit im Gebet an die Mutter Gottes wende, an die «Königin des Friedens», damit sie in dieser übergroßen Not und Bedrängnis ihre Gaben gnädig und reich uns schenke. Zu ihr, die Wir während des II. Vatikanischen Konzils mit Zustimmung der Bischöfe und Gläubigen der ganzen Welt und in Übereinstimmung mit der überlieferten Lehre zur Mutter der Kirche erklärt haben, zur geistlichen Mutter der Kirche, zu ihr sollen wir innig und inständig beten. Denn die Mutter des Erlösers ist nach der Lehre des heiligen Augustinus «ganz die Mutter seiner Glieder»[6] Mit ihm stimmt, ohne noch andere zu erwähnen, der heilige Anselm überein: «Was kann wertvoller erachtet werden, als dass du die Mutter derer bist, für die Christus sich herabgelassen hat, Vater und Bruder zu sein».[7] Leo XIII., Unser Vorgänger, hat sie sogar «Mutter der Kirche in wahrstem Sinne» genannt.[8] Wir setzen also nicht vergeblich unsere Hoffnung auf sie, in dieser schrecklichen Verwirrung.

9 Wenn das Übel wächst, muss auch des Volkes Gottes Frömmigkeit wachsen. Darum wünschen Wir sehr, dass unter Eurer Führung, Anleitung und Ermunterung, Ehrwürdige Brüder, die gütige Gottesmutter Maria – wie Wir schon angedeutet haben – im Oktober durch das Rosenkranzgebet noch inniger angerufen werde. Entspricht doch diese Art zu beten dem gläubigen Sinn des Volkes Gottes. Es ist der Mutter Gottes willkommen und es ist wirksam zur Erlangung göttlicher Gnade. Das II. Vatikanische Konzil hat den Rosenkranz zwar nicht ausdrücklich, aber doch ganz klar den Gläubigen der Kirche mit dem Hinweis empfohlen: «die Gebräuche und Übungen der Andacht zu ihr (Maria), die im Laufe der Jahrhunderte vom Lehramt empfohlen wurden, hochzuschätzen».[9]

10 Solch fruchtbringendes Beten vermag Böses abzuwenden und Unglück zu verhindern, wie die Kirchengeschichte zur Genüge zeigt. Darüber hinaus stärkt es das christliche Leben, «vor allem nährt es den katholischen Glauben, der durch die Betrachtung der heiligen Geheimnisse neu belebt wird und den Geist zu den göttlichen Wahrheiten erhebt »[10]

11 Deshalb sollen im Oktober, der der Allerseligsten Jungfrau Maria vom Rosenkranz geweiht ist, die Gebete vermehrt und die Bitten inständiger werden. Dann wird das Licht des wahren Friedens für die Menschheit aufleuchten, auch für die Religion, die leider heute nicht alle in Freiheit bekennen können. Ganz besonders wünschen Wir, dass der 4. Oktober, der Tag, an dem Wir vor einem Jahr, wie schon erwähnt, um des Friedens willen zum Sitz der Vereinten Nationen geflogen sind, in der gesamten Welt als Tag des Friedens gefeiert werde. Eure Sache ist es, Ehrwürdige Brüder, angeregt durch Eure Frömmigkeit und aus Einsicht in die Wichtigkeit der Sache, religiöse Feiern vorzuschreiben, damit die Mutter Gottes und der Kirche von – den Priestern, Ordensleuten, Gläubigen, vor allem von der Jugend, die noch schuldlos ist, von den Kranken und allen, die an irgendeiner Not leiden, zusammen ganz innig an diesem Tag angefleht werde.

12 Wir selbst werden am gleichen Tag im Petersdom am Grab des Apostelfürsten die jungfräuliche Gottesmutter, die Hüterin der Christenheit und die Mittlerin des Friedens, besonders anrufen. So wird in allen Teilen der Welt die eine Stimme der Kirche erklingen und den Himmel bestürmen; denn nach Augustinus ist «in der Verschiedenheit der menschlichen Sprache die Sprache des Herzens eins im Glauben».[11]

13 In deiner mütterlichen Güte, Seligste Jungfrau, schau herab auf all deine Kinder! Siehe die Sorge der Hirten, die fürchten, dass die Herde, die ihnen anvertraut ist, von schrecklichem Unheil heimgesucht werde. Siehe die Angst so vieler Menschen, der Väter und Mütter, die besorgt über ihr und der Ihren Los, von bitterem Kummer gequält werden. Stimme die Kriegführenden um und schenke ihnen «Gedanken des Friedens». Mache, dass Gott, der das Unrecht bestraft, seine Barmherzigkeit zeigt und den Völkern die ersehnte Ruhe wiederherstelle und sie für lange Zeit zu wahrem Wohlergehen führe.

14 Voller Hoffnung, dass die Hohe Frau, Maria, die Gottesmutter, unsere demütige Bitte gütig erhöre, erteilen Wir aus ganzem Herzen Euch, Ehrwürdige Brüder, dem ganzen Volk, dem Klerus und allen, die Euch anvertraut sind, den Apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom, bei St. Peter, am 15. September 1966
Paul VI. PP.

Anmerkungen

  1.  Vgl. Jes 11,12 EU
  2.  Hebr 5,7 EU
  3.  S. Aug., De Civ. Dei 19, 11; PL 41,6 37.
  4.  Jes 9,6 EU
  5.  Adv. Haer. 3. 22; PG 7. 959.
  6.  De sanct. virg. 6; PL 40, 399.
  7.  Or. 47; PL 158, 945.
  8.  Epist. Enc. Adiutricem populi christiani, 5 sept. 1895; Acta Leon. 15, 1896, p. 302.
  9.  Const. dogm. De Ecclesia, 67.
  10.  Pii XI, Litt. Enc. Ingravescentibus malis, 29 sept, 1937; AAS 29 (1937) 378.
  11.  Enarr. in Ps 54,11 EU; PL 36, 636.

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Quelle – Englisch / Italienisch

Predigt von Bischof Vitus Huonder am Pfingstsonntag, 20. Mai 2018, in der Kathedrale in Chur

Brüder und Schwestern im Herrn

Kampf, Wachsamkeit und Unterscheidung! Das tönt ganz kriegerisch. Ist es aber nicht. Denn die Worte stammen aus dem jüngsten Apostolischen Schreiben Gaudete et exultate von Papst Franziskus über den Ruf zur Heiligkeit in der Welt von heute. Papst Franziskus ist alles andere als ein Befürworter von Krieg und Gewalt. Deshalb müssen wir die Worte Kampf, Wach­samkeit und Unterscheidung richtig einordnen.

Was meint der Heilige Vater mit Kampf? Um das zu erfahren, müssen wir das fünfte Kapitel des Apostolischen Schreibens lesen. Gleich zu beginn lesen wir: „Das Leben des Christen ist ein ständiger Kampf. Es bedarf Kraft und Mut, um den Versuchungen des Teufels zu widerstehen und das Evangelium zu verkünden“ (158). Mit Kampf meint der Heilige Vater den Widerstand gegen den Teufel. Einige Zeilen später bekräftigt er nämlich: „Es ist auch ein beständiger Kampf gegen den Teufel, welcher der Fürst des Bösen ist“ (159). Nochmals einige Zeilen später lesen wir: „Als Jesus uns das Vaterunser lehrte, wollte er tatsächlich, dass wir am Ende den Vater bitten, er möge uns von dem Bösen erlösen. Der dort benutzte Ausdruck bezieht sich nicht auf etwas Böses im abstrakten Sinn, sondern lässt sich genauer mit ‘der Böse’ übersetzen. Er weist auf ein personales Wesen hin, das uns bedrängt. Jesus lehrt uns, täglich um diese Befreiung zu bitten, damit die Macht Satans uns nicht beherrsche“ (160). Und, darf ich nochmals den Papst zitieren. Deutlich sagt er: „Wir sollen also nicht denken, dass dies ein Mythos, ein Schauspiel, ein Symbol, ein Bild oder eine Idee ist“ (161). Mit anderen Worten sagt der Heilige Vater, dass Satan existiert und sein Unwesen in unserer Welt treibt. Der Kampf, von welchem der Papst spricht, ist daher ein Kampf gegen Satan und seine Anhänger.

Nun werdet Ihr fragen: Ist das ein Thema für Pfingsten? Sehr wohl ist dies ein Thema für Pfingsten. Denn im Kampf mit dem Satan brauchen wir das Gegengewicht. Da Satan nicht ein körperliches Wesen ist, sondern ein geistiges, brauchen wir im Kampf gegen Satan ein geistiges Gegengewicht. Nochmals zum Wort des Papstes zum Vaterunser: „Als Jesus uns das Vaterunser lehrte, wollte er tatsächlich, dass wir am Ende den Vater bitten, er möge uns von dem Bösen erlösen“. Der Papst macht uns eigens auf diese letzte Bitte des Gebetes unseres Herrn aufmerksam. Wir dürfen sagen, an Pfingsten hat sich diese Bitte erfüllt, genauer ausgedrückt, sie hat sich in einem besonderen Maß erfüllt: Das Kommen des Heiligen Geistes am Tag von Pfingsten bedeutet in besonderer Weise die Erlösung vom Bösen, die Erlösung von Satan. Denn die Kirche hat den Geist der Wahrheit empfangen, wie es Jesus im heutigen Evangelium verheißen hat: „Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wann aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganze Wahrheit leiten“ (Joh 16,12-13).

Die Wahrheit ist das Gegenteil des Bösen, des Verderblichen, der Lüge. Deshalb macht sie uns frei (vgl. Joh  8,32). Sie befreit uns. Sie erlöst uns. Denn Wahrheit ist an und für sich ein anderer Begriff für die Wirklichkeit Gottes, für alles, was Gott ist und was Gott tut. In Gott und durch Gottes Wirken sind wir frei. Durch den Geist der Wahrheit sind wir frei, befreit, oder werden wir frei, sofern wir die Wahrheit zur Grund­lage unseres Lebens nehmen.

Ist Ostern der Anfang unserer Erlösung und unserer Freiheit, die sich vor allem im auferstandenen Herrn erweisen, so ist Pfingsten deren Vollendung in der von Gott neu geschaffenen Menschheit, im Volk Gottes, in der Kirche. Aber es ist noch eine Erlösung und eine Freiheit unter dem Banner des Kampfes, der Wachsamkeit und der Unterscheidung. Deshalb dürfen wir die Hände nicht in den Schoß legen und nachlässig werden (vgl. Gaudete et exultate 161). Das bedeutet: Wir müssen uns immer wieder in den Schutz des Heiligen Geistes begeben und unser Leben unter diesem Schutz gestalten, im Schut­z des Geistes der Wahr­heit, im Schutz seiner Liebe und seiner Lehre. Beten wir daher mit der Pfingstsequenz häufig: O lux beatissima, reple cordis intima tuorum fidelium. Sine tuo numine nihil est in homine, nihil est innoxium. – Komm, o du glückselig Licht, fülle Herz und Angesicht, dring bis auf der Seele GrundOhne dein lebendig Wehn kann im Menschen nichts bestehn , kann nichts heil sein noch gesund.  Amen.

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Papst Franziskus: Die Kraft der Veränderung des Heiligen Geistes

Papst Franziskus – Heilige Messe am Pfingstfest 20.5.2018

Franziskus an Pfingsten: der Geist ist die Ruhe in der Unrast; der Trost in Leid und Tod. Er ist die Seele der Kirche, er beseelt sie immer neu mit Hoffnung, erfüllt sie mit Freude, befruchtet sie mit Neuem, schenkt ihr Knospen neuen Lebens

Rom (kath.net) Am Hochfest Pfingsten feierte Papst Franziskus die heilige Messe in der Petersbasilika.

„Der Geist befreit die von der Angst versiegelten Seelen. Er überwindet Widerstände. Diejenigen, die sich mit dem Mittelmäßigen begnügen, konfrontiert er mit einem Überschwang an Gaben. Er weitet die engen Herzen. Er drängt diejenigen zum Dienst, die es sich bequem gemacht haben. Er bringt die zum Gehen, die meinen, sie seien am Ziel angekommen. Er lässt diejenigen träumen, die von Lauheit befallen sind. Darin also besteht die Verwandlung der Herzen.

Viele versprechen Zeiten der Veränderung, Neuanfänge, grandiose Neuerungen, aber die Erfahrung zeigt, dass kein irdischer Versuch, die Dinge zu verändern, das menschliche Herz vollständig befriedigt. Die Verwandlung durch den Geist ist anders: Er revolutioniert nicht das Leben um uns herum, sondern verändert unser Herz; er befreit uns nicht mit einem Schlag von unseren Problemen, sondern er macht uns im Innern frei, damit wir sie in Angriff nehmen; er gibt uns nicht alles auf einmal, aber er lässt uns zuversichtlich weitergehen, ohne jemals des Lebens müde zu werden. Der Geist hält das Herz jung.“

„Außer den Herzen verändert der Geist das Zeitgeschehen. Wie der Wind überall weht, so bahnt auch er sich seinen Weg in die unwahrscheinlichsten Situationen hinein. In der Apostelgeschichte – einem Buch, das es wirklich zu entdecken gilt und in dem der Geist die Hauptrolle spielt – erleben wir eine kontinuierliche Dynamik voller Überraschungen.“

„Er wird seine Kraft der Veränderung mit sich bringen, eine einzigartige Kraft, die sozusagen gleichzeitig zentripetal als auch zentrifugal ist. Sie ist zentripetal, d.h. sie ist auf das Zentrum hin ausgerichtet, weil sie im Inneren des Herzens wirkt. Sie führt zu Einheit in der Zersplitterung, zu Frieden in der Not, zu Standhaftigkeit in der Versuchung. Paulus erinnert in der Zweiten Lesung daran, wenn er schreibt, dass die Frucht des Geistes Freude, Friede, Treue und Selbstbeherrschung ist (vgl. Gal 5,22). Der Geist schenkt Intimität mit Gott, die innere Kraft um weiterzukommen. Aber gleichzeitig ist er eine Zentrifugalkraft, die nach außen wirkt. Derjenige, der zum Zentrum führt, ist derselbe, der an die Peripherie sendet, an jede menschliche Peripherie. Er, der uns Gott offenbart, drängt uns zu unseren Brüdern und Schwestern. Er sendet uns, er macht uns zu Zeugen und dazu gießt er uns – wie Paulus schreibt – Liebe, Wohlwollen, Güte und Sanftmut ein.

Nur im Geist, der unser Beistand ist, sagen wir Worte des Lebens und ermutigen wir andere wirklich. Wer nach dem Geist lebt, steht in dieser geistlichen Spannung: er steht gleichzeitig in Beziehung zu Gott und zur Welt.“

„Heiliger Geist, Gottes heftiger Sturm, erfasse uns. Wehe in unseren Herzen und lass uns die Zärtlichkeit des Vaters atmen. Erfasse die Kirche und treibe sie bis zu den Enden der Erde, damit sie von dir getragen, nichts Anderes bringe als dich. Hauche der Welt die sanfte Frühlingswärme des Friedens und die frische Erquickung der Hoffnung ein. Komm, Heiliger Geist, verwandle unser Inneres und erneuere das Antlitz der Erde.“

kath.net veröffentlicht die Predigt von Papst Franziskus bei der heiligen Messe in der Petersbasilika am Hochfest Pfingsten 2018: 

In der ersten Lesung wird das Kommen des Heiligen Geistes an Pfingsten mit einem heftigen Sturm (vgl. Apg 2,2) verglichen. Was sagt uns dieses Bild? Der heftige Sturm lässt uns an eine große Kraft denken, die aber nicht um ihrer selbst willen da ist: Es ist eine Kraft, die die Wirklichkeit verändert. Der Wind bringt tatsächlich Veränderung: warme Strömungen bei Kälte, kühle Strömungen bei Hitze, Regen bei Trockenheit… Auch der Heilige Geist bewirkt solches, wenn auch auf einer anderen Ebene: Er ist die göttliche Kraft, die die Welt verwandelt. Die Sequenz hat uns daran erinnert. Der Geist ist die Ruhe in der Unrast; der Trost in Leid und Tod; und so bitten wir ihn: »Was befleckt ist, wasche rein, Dürrem gieße Leben ein, heile du, wo Krankheit quält«. Er begibt sich in Situationen hinein und verwandelt sie; er verwandelt die Herzen und verändert das Zeitgeschehen.

Er verwandelt die Herzen. Jesus hatte zu seinen Aposteln gesagt: Ihr »werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen […] und ihr werdet meine Zeugen sein« (Apg 1,8). Und genau so ist es geschehen: Die Jünger, die anfangs ängstlich waren und sich auch nach der Auferstehung des Meisters hinter verschlossenen Türen versteckt hielten, werden vom Geist verwandelt und, wie Jesus im heutigen Evangelium verkündet, »legen für ihn Zeugnis ab« (vgl. Joh 15,27). Aus zaudernden werden mutige Jünger, und von Jerusalem aus machen sie sich auf bis zu den Enden der Erde. Als Jesus unter ihnen war, waren sie furchtsam, ohne ihn nun sind sie mutig, denn der Geist hat ihre Herzen verwandelt.

Der Geist befreit die von der Angst versiegelten Seelen. Er überwindet Widerstände. Diejenigen, die sich mit dem Mittelmäßigen begnügen, konfrontiert er mit einem Überschwang an Gaben. Er weitet die engen Herzen. Er drängt diejenigen zum Dienst, die es sich bequem gemacht haben. Er bringt die zum Gehen, die meinen, sie seien am Ziel angekommen. Er lässt diejenigen träumen, die von Lauheit befallen sind. Darin also besteht die Verwandlung der Herzen. Viele versprechen Zeiten der Veränderung, Neuanfänge, grandiose Neuerungen, aber die Erfahrung zeigt, dass kein irdischer Versuch, die Dinge zu verändern, das menschliche Herz vollständig befriedigt. Die Verwandlung durch den Geist ist anders: Er revolutioniert nicht das Leben um uns herum, sondern verändert unser Herz; er befreit uns nicht mit einem Schlag von unseren Problemen, sondern er macht uns im Innern frei, damit wir sie in Angriff nehmen; er gibt uns nicht alles auf einmal, aber er lässt uns zuversichtlich weitergehen, ohne jemals des Lebens müde zu werden. Der Geist hält das Herz jung.

Früher oder später vergeht die Jugendzeit trotz aller Versuche, sie zu verlängern; der Geist hingegen ist es, der das einzig ungesunde Altern, nämlich das innere, verhindert. Wie macht er das? Indem er das Herz erneuert und dem sündigen Herzen Vergebung zuteilwerden lässt.

Das ist die große Veränderung: Uns Schuldige macht er zu Gerechten, und so ändert sich alles, denn aus Sklaven der Sünde werden wir zu freien Menschen, aus Knechten zu Söhnen, aus Verworfenen zu geschätzten Freunden, aus Enttäuschten zu Hoffenden. Auf diese Weise lässt der Heilige Geist die Freude neu erstehen und im Herzen den Frieden erblühen.

Wir lernen also heute, was zu tun ist, wenn wir echter Veränderungen bedürfen. Wer von uns braucht sie nicht? Vor allem, wenn wir am Boden sind, wenn wir unter der Last des Lebens stöhnen, wenn unsere Schwächen uns bedrücken, wenn es schwierig ist vorwärts zu gehen und wenn es unmöglich erscheint zu lieben. Dann brauchen wir einen kräftiges „Stärkungsmittel“: Und das ist Er, das ist die Kraft Gottes. Der Geist ist es, der „Leben gibt“, wie wir im „Credo“ bekennen. Wie gut täte es uns, jeden Tag dieses Stärkungsmittel des Lebens zu uns zu nehmen und etwa beim Aufwachen zu sagen: „Komm, Heiliger Geist, komm in mein Herz, komm in meinen Tag“.

Außer den Herzen verändert der Geist das Zeitgeschehen. Wie der Wind überall weht, so bahnt auch er sich seinen Weg in die unwahrscheinlichsten Situationen hinein. In der Apostelgeschichte – einem Buch, das es wirklich zu entdecken gilt und in dem der Geist die Hauptrolle spielt – erleben wir eine kontinuierliche Dynamik voller Überraschungen.

Als die Jünger es nicht erwarten, sendet der Geist sie zu den Heiden. Er eröffnet neue Wege, wie in der Begebenheit mit dem Diakon Philippus. Der Geist führt ihn auf eine verlassene Straße zwischen Jerusalem und Gaza – Was für einen traurigen Klang dieser Name heute hat! Der Geist verändere die Herzen und die Verhältnisse und bringe Frieden ins Heilige Land –. Auf diesem Weg predigt Philippus dem äthiopischen Beamten und tauft ihn; dann führt ihn der Geist nach Aschdot und nach Cäsarea: immer in neue Situationen, damit er Gottes Botschaft verbreite. Dann ist da auch Paulus, der »gebunden durch den Geist« (Apg 20,22), bis an die Enden der Erde reist und Völkern das Evangelium bringt, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Wenn der Geist da ist, geschieht immer etwas; wenn er weht, gibt es keine Flaute.

Wenn das Leben unserer Gemeinschaften durch Zeiten der „Mattheit“ geht, in denen die häusliche Idylle der Neuheit Gottes vorgezogen wird, ist das ein schlechtes Zeichen. Es bedeutet nämlich, dass man Schutz vor dem Wind des Geistes sucht. Wenn man für die Selbsterhaltung lebt und darüber nicht hinauskommt, ist das kein schönes Zeichen. Der Geist weht, aber wir holen die Segel ein. Und doch haben wir viele Male gesehen, wie er Wunderbares bewirkt.

Oft, gerade in den dunkelsten Zeiten, hat der Geist die strahlendste Heiligkeit hervorgebracht! Er ist die Seele der Kirche, er beseelt sie immer neu mit Hoffnung, erfüllt sie mit Freude, befruchtet sie mit Neuem, schenkt ihr Knospen neuen Lebens. Es ist, wie wenn in einer Familie ein Kind geboren wird: Es bringt den Zeitplan durcheinander, lässt einen nicht schlafen, schenkt dafür aber eine Freude, die das Leben erneuert, die ihm Antrieb verleiht und es in der Liebe weit macht. Ja, der Geist bringt ein „Aroma“ von Kindheit in die Kirche. Er bewirkt ein beständiges Wiederaufleben. Er frischt die Liebe des Anfangs wieder auf.

Der Geist erinnert die Kirche daran, dass sie trotz ihrer jahrhundertealten Geschichte immer eine zwanzigjährige ist, die junge Braut, in die der Herr hoffnungslos verliebt ist. So lasst uns nicht müde werden, den Geist in unser Lebensumfeld einzuladen, und ihn vor jeder Tätigkeit unsererseits anzurufen: „Komm, Heiliger Geist!“.

Er wird seine Kraft der Veränderung mit sich bringen, eine einzigartige Kraft, die sozusagen gleichzeitig zentripetal als auch zentrifugal ist. Sie ist zentripetal, d.h. sie ist auf das Zentrum hin ausgerichtet, weil sie im Inneren des Herzens wirkt. Sie führt zu Einheit in der Zersplitterung, zu Frieden in der Not, zu Standhaftigkeit in der Versuchung. Paulus erinnert in der Zweiten Lesung daran, wenn er schreibt, dass die Frucht des Geistes Freude, Friede, Treue und Selbstbeherrschung ist (vgl. Gal 5,22). Der Geist schenkt Intimität mit Gott, die innere Kraft um weiterzukommen. Aber gleichzeitig ist er eine Zentrifugalkraft, die nach außen wirkt.

Derjenige, der zum Zentrum führt, ist derselbe, der an die Peripherie sendet, an jede menschliche Peripherie. Er, der uns Gott offenbart, drängt uns zu unseren Brüdern und Schwestern. Er sendet uns, er macht uns zu Zeugen und dazu gießt er uns – wie Paulus schreibt – Liebe, Wohlwollen, Güte und Sanftmut ein. Nur im Geist, der unser Beistand ist, sagen wir Worte des Lebens und ermutigen wir andere wirklich. Wer nach dem Geist lebt, steht in dieser geistlichen Spannung: er steht gleichzeitig in Beziehung zu Gott und zur Welt.

Bitten wir ihn darum, so sein zu dürfen. Heiliger Geist, Gottes heftiger Sturm, erfasse uns. Wehe in unseren Herzen und lass uns die Zärtlichkeit des Vaters atmen. Erfasse die Kirche und treibe sie bis zu den Enden der Erde, damit sie von dir getragen, nichts Anderes bringe als dich. Hauche der Welt die sanfte Frühlingswärme des Friedens und die frische Erquickung der Hoffnung ein. Komm, Heiliger Geist, verwandle unser Inneres und erneuere das Antlitz der Erde. Amen.

 

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