Bischof Voderholzer: Statio zur Messfeier in Mindelstetten zum Anna-Schäffer-Gebetstag am 26. Juli 2017

Mindelstetten, Pfarrkirche St. Nikolaus / Wikimedia Commons – Rensi, Public Domain

 

Liebe Mitbrüder im Priester- und Diakonenamt, liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

die Sie sich auch vom regnerischen Wetter nicht haben abhalten lassen, heute am Festtag der heiligen Joachim und Anna wieder in so großer Zahl zum Anna-Schäffer-Gebetstag nach Mindelstetten zu kommen.

Beim Wettersegen beten wir um „gedeihliches Wetter“, und der Regen war ja so notwendig, so wollen und dürfen wir uns nicht beklagen, auch wenn wir deshalb heute unter Regenschirmen die Heilige Messe feiern. Es soll unserer Andacht und der Inständigkeit unserer Gebete keinen Abbruch tun. Danken wir vielmehr auch für den Regen, der der Natur, vor allem den Wäldern, so gut tut.

Ich danke Ihnen allen für Ihr Glaubenszeugnis, danke auch allen, die den Anna-Schäffer-Gebetstag organisatorisch gestalten und tragen, danke den Geistlichen, den Beichtvätern usw.

Wir ehren am heutigen Tag die Eltern der Gottesmutter Maria und somit die Großeltern Jesu, Joachim und Anna, und wir danken Gott für die Gnade, die er der heiligen Anna Schäffer geschenkt hat, dass er sie durch das Leiden zur Heiligkeit geführt und so uns allen eine Fürsprecherin im Himmel, aber auch ein Vorbild der Glaubensstärke und Treue geschenkt hat.

Wir wollen den Herrn bitten, dass er auch uns erneuere im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe. Deshalb bitten wir zu Beginn dieser Feier um Vergebung und Erbarmen:

Erbarme Dich, Herr unser Gott, erbarme Dich, …

Predigt

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

Am vergangenen Freitag, den 21. Juli, wurden die statistischen Zahlen für die katholische Kirche und die evangelische Kirche in Deutschland für das Jahr 2016 veröffentlicht. Sie haben wahrscheinlich das eine oder andere davon in Rundfunk und Fernsehen oder über die Zeitungen mitbekommen.

Das Ergebnis war wenig überraschend. Die Kirchenaustrittszahlen liegen nach wie vor besorgniserregend hoch, auch wenn sie in der katholischen Kirche gegenüber dem Vorjahr 2015 um etwa 11 Prozent zurückgegangen sind. Die Zahl der Taufen ist sogar leicht gestiegen, die der Trauungen ein wenig gesunken. In Hamburg und Berlin steigen die Katholikenzahlen, bedingt durch den Zuzug von katholischen Ausländern; insgesamt ist die Zahl der Katholiken in Deutschland aber rückläufig.

Liebe Schwestern und Brüder, ich will sie heute am Anna-Schäffer- Gedenktag nicht mit Zahlen und Statistiken langweilen. Aber die Reaktionen in der Öffentlichkeit auf diese Zahlen sind doch bemerkenswert und führen uns dann doch in die Tiefe.

Da wird uns als Heilmittel zur Umkehr dieses Trends und zur Wahrung unserer gesellschaftlichen Relevanz immer wieder geraten, dass wir uns – wörtlich – „weiter öffnen und von starren konservativen Dogmen verabschieden“.

Näherin heißt das dann:

  • Abschaffung der Ehelosigkeit der Priester;
  • Verzicht auf unterschiedliche Aufgaben und Berufungen von Frauen und Männern in der Kirche und Zulassung von Frauen zum apostolischen Dienstamt;
  • Zustimmung zur Forderung nach völliger rechtlicher Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften mit der Ehe;
  • Öffnung der Kommunionzulassung für alle usw.

Sie kennen diesen Katalog der Forderungen so gut wie ich.

Liebe Schwestern und Brüder! Wie problematisch diese Ratschläge sind, lehrt aber doch bereits ein kurzer Blick auf die Statistik der evangelischen Kirche. Wenn die Umsetzung der genannten Ratschläge wirklich ein Weg zu einer Verbesserung der kirchlichen Lage wäre, dann müsste in der evangelischen Kirche doch das blühende Leben zu beobachten sein.

Was aber sagt die Statistik? Aus der evangelischen Kirche, in der alle diese Forderungen doch im Grunde erfüllt sind und wo es alle diese vermeintlichen Erschwernisse des Kircheseins nicht oder nicht mehr gibt, aus der evangelischen Kirche treten – und zwar mit Ausnahme von 2014 schon seit Jahren – mehr Menschen aus als aus der katholischen Kirche. Darüber aber wird in der Öffentlichkeit weitgehend sehr vornehm geschwiegen, obwohl die Zahlen am selben Tag der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Wird darüber vielleicht auch deshalb vornehm geschwiegen, weil andernfalls die eklatante Schwäche, ja die Widersprüchlichkeit und Widersinnigkeit der „guten“ Ratschläge an die katholische Kirche offenkundig würde?! Kann man uns denn allen Ernstes den Weg der evangelischen Kirche als Heilmittel empfehlen, der so offenkundig zu einer noch größeren Entfremdung von Glaube und Kirche geführt hat? Ich sage das ohne Häme! Ich kenne evangelische Mitchristen, die mir in dieser Einschätzung der Lage vollkommen zustimmen und die uns Katholiken warnen, dieselben Fehler zu machen.

Wir müssen in der ganzen Debatte viel tiefer ansetzen. In der Kirchenstatistik wird eine seit Jahren fortschreitende Säkularisierung, eine Verweltlichung sichtbar, ein Schwund an Kirchenbindung und letztlich ein Rückgang an Glaubenssubstanz, eine Verflüchtigung des Gottesbewusstseins. Deshalb haben wir auch nicht eigentlich einen Priestermangel, sondern einen viel fundamentaleren Glaubensmangel. Der Priestermangel ist ein Symptom, wie das Fieber. Das Fieber ist ja nicht selbst die Krankheit, sondern das Fieber weist auf einen Entzündungsherd hin. Ich bin mir sicher: Das Fieber des Priestermangels weist auf die Krankheit des Glaubensmangels hin. Übrigens kennt auch die evangelische Kirche längst das Phänomen des „Pfarrermangels“, weil es zu wenig junge Leute gibt, die Theologie studieren und sich auch beruflich ganz in den Dienst des Evangeliums stellen wollen; das alles ohne Zölibat und trotz der Möglichkeit auch für Frauen, das Pfarramt zu übernehmen! Das sollte uns doch zu denken geben hinsichtlich der wahren Gründe für den Schwund an Kirchlichkeit.

Liebe Schwestern und Brüder, versammelt am Grab der heiligen Anna Schäffer! Uns allen liegen das Erscheinungsbild und das Geschick der Kirche am Herzen. Aber nicht deshalb, weil wir zu ihr wie zu einem Verein gehören, dessen öffentliches Ansehen und dessen Stärke oberstes Ziel wären; sondern um der Botschaft willen und um der Menschen willen, um derentwillen Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist. In der Kirche nimmt er uns in Dienst für sein Evangelium. Dabei hat uns der Herr nicht verheißen, dass wir immer die Mehrheit sein würden; er hat uns vielmehr Gegenwind und Widerstand vorausgesagt.

Deshalb sollten wir uns auch gar nicht so viel mit Zahlen und Statistiken beschäftigen. Uns muss es darum gehen, dass durch unser Leben aus dem Glauben das Evangelium in unserer Umgebung leuchten kann.

Überall, wo wir das Evangelium durch Unaufmerksamkeit, Lieblosigkeit und Hartherzigkeit verdunkeln, sind wir aufgerufen, umzukehren und dem Herrn wieder Raum zu geben.

Statt ständig an den Strukturen, auch und gerade den sakramentalen Strukturen der Kirche herumzumäkeln, statt die Botschaft des Evangeliums zu verdünnen und statt eine Light-Version von Jesus zu verkünden, ist Evangelisierung angesagt, eine Durchdringung der Gesellschaft mit dem Geist Jesu. Und der erste und alles entscheidende Schritt auf diesem Weg ist das tägliche Bemühen um Heiligkeit, das tägliche Hören auf Gottes Wort und die Bereitschaft, mit der Reform der Kirche bei mir selbst anzufangen. Denn das heißt Reformation: Erneuerung aus dem Glauben, Wiederherstellung des Bildes Christi, das uns in Taufe und Firmung eingeprägt ist. Wo uns das in der Gnade Gottes geschenkt wird, wo uns das gelingt, da werden wir die Menschen auch unserer Tage wieder neugierig machen auf den Glauben, der uns trägt. Und dann werden wir auch Rechenschaft geben können, über die Hoffnung die uns erfüllt.

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn! Die heilige Anna Schäffer ist uns bei dem für unsere Zeit angesagten Bemühen um Evangelisierung in jeder Hinsicht ein Vorbild und auch eine Fürsprecherin.

Sie wollte ihr Leben drangeben für die Mission in der Ferne. Der Herr aber hatte sie bestimmt für die Mission in der Heimat. Bevor sie freilich für viele zur Trösterin und Quelle von Glaubensfreude werden konnte, musste sie sich selbst noch einmal neu und radikal evangelisieren lassen. Die Annahme ihres Leidens als Teilhabe am Kreuz Christi war alles andere als leicht. Ans Bett gefesselt und den Blick aufs Kreuz gerichtet, hat sie sich diesem Prozess der inneren Heilung und Verwandlung gestellt. So wurde sie zu einem leuchtenden Zeichen des Wirkens Gottes, zur Glaubensbotin für ungezählte Menschen und schließlich zur Heiligen der katholischen Kirche.

Und so bitten wir sie heute um ihre Fürsprache, dass der Herr jedem und jeder von uns die Gnade schenke, mit der Reform der Kirche bei sich selbst anzufangen; dass wir den Mut aufbringen, uns täglich neu selbst evangelisieren zu lassen und auf diese Weise bereitet werden, der Sendung der Kirche zu dienen – zum Heil für die Menschen, und zur Verherrlichung des dreifaltigen Gottes, dem die Ehre sei, heute, alle Tage, und in Ewigkeit, Amen.

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Quelle

Bischof Voderholzer bittet um Vergebung — „Wer diese Schilderungen liest, kann nur Entsetzen und Betroffenheit spüren“

AL-00202-10 / Portrait Portraet Professor Dr. Rudolf Voderholzer Theologe designierter Bischof von Regensburg Leiter Papst-Institut Papst-Benedikt-Institut Regensburg Professor fuer Dogmatik und Dogmengeschichte Katholisch-Theologische Fakultaet Trier

Msgr. Rudolf Voderholzer / Quelle: Copyright: Pressestelle Bistum Regensburg

Hirtenbrief zum Abschlussbericht über Gewaltausübung
bei den Regensburger Domspatzen

Im Hirtenwort zum 16. Sonntag des Jahreskreises am 23. Juli 2017 dankte Bischof Rudolf Voderholzer vor allem den Betroffenen für ihre wichtige und für den Abschlussbericht grundlegende Mitarbeit und sprach dem vom Bistum Regensburg beauftragten und unabhängig arbeitenden Rechtsanwalt Ulrich Weber seinen Dank für den „Abschlussbericht zur Aufklärung der Vorfälle von Gewaltausübung an Schutzbefohlenen bei den Regensburger Domspatzen“ aus.

Bischof Voderholzer fasste die Aufgabenstellung des Anwalts zusammen: „Er sollte die Gewalttaten, die Kindern und Jugendlichen bei den Domspatzen in der Vergangenheit angetan wurden, dokumentieren, die Strukturen und Zusammenhänge, die diese Taten ermöglicht oder gar noch gefördert haben, durchleuchten und die Aufklärungsarbeit der Diözese seit 2010 betrachten.“

Der Großteil des Berichts enthält die Schilderungen der Opfer, die körperliche Gewalt erlitten und teilweise auch Opfer sexueller Übergriffe sind. Hauptsächlich relevanter Zeitraum sind die 60er und 70er Jahre. Die jüngsten Fälle reichen in das Jahr 1992.

„Wer diese Schilderungen liest, kann nur Entsetzen und Betroffenheit spüren“, stellte Bischof Voderholzer fest und präzisierte „dass Buben – zum großen Anteil in der Vorschule in Etterzhausen und Pielenhofen – Körperverletzungen ausgesetzt waren, die deutlich über das damals allgemein hingenommene Maß einer Ohrfeige hinausgehen, dass Kinder und Jugendliche in beiden Einrichtungen Opfer von sexuellem Missbrauch wurden, dass sich viele in einer dauernden Angst vor drohenden willkürlichen Strafmaßnahmen fühlten und viele bis heute unter den erlittenen Demütigungen leiden. All das macht mich zutiefst zerknirscht und erfüllt mich mit Scham.“ Besonders schwer wiege der Umstand, dass die Kinder „in gutem Glauben Priestern und kirchlichen Angestellten anvertraut wurden“.

Bischof Voderholzer bittet um Vergebung: „Liebe Mitchristen, angesichts der obigen Schilderungen kann ich nur in Demut um Entschuldigung bitten. Als Bischof der Kirche von Regensburg bitte ich anstelle der Täter, von denen die meisten verstorben sind, um Vergebung und bitte, dass diese Entschuldigung von den Betroffenen angenommen werde.“

Der Bischof stellt fest, dass „unter anderem die Abschottung der verschiedenen Einrichtungen, Kommunikationsbarrieren nach innen und außen und Versäumnisse der kirchlichen und staatlichen Aufsichtsbehörden“ ursächlich waren.

Die diözesane Aufarbeitung der Vorfälle seit 2010 bestand in „der Schaffung entsprechender Strukturen für die Aufarbeitung“, einem „Beauftragten für sexuellen Missbrauch“ und einem „Beauftragten für Körperverletzung“. Eingehende Hinweise wurden verfolgt. „Die Personalakten wurden durchsucht, Ergebnisse dokumentiert und sich um Hilfe für die Opfer bemüht. Dieses Vorgehen mit Blick auf die Einzelfälle entsprach den Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz, ebenso die Anerkennungszahlungen, die ab 2011 erfolgten.“

Nach Gesprächen mit einzelnen Opfern wurde deutlich, dass ein gemeinsames Vorgehen mit den Betroffenen wichtig sei. „ein Hinhören auf ihre Erwartungen und Nöte“, „ein unabhängiger Blick auf die Strukturen und Zusammenhänge“. „Hilfe von außen und von unabhängiger Seite“ wurde für das Bistum erforderlich. „Zur Aufarbeitung und zur Hilfe für die Betroffenen sind nun weitere Anerkennungszahlungen und Therapieangebote vorgesehen. Zudem sind zwei weitere Studien, die die geschichtlichen und soziologischen Zusammenhänge genauer erhellen sollen, in Auftrag gegeben.“

Bischof Voderholzer ruft dazu auf: „Ich erneuere meine Bitte: Helfen Sie mit, dass alle, die in anderen kirchlichen Einrichtungen Opfer von Misshandlungen oder sexueller Gewalt geworden sind und die sich bislang nicht gemeldet haben, den Mut aufbringen, sich uns anzuvertrauen. Wir wollen, dass sie Anerkennung und Gerechtigkeit erfahren, und ihnen geholfen wird.“

Der Bischof sprach seinen Dank für Präventionsmaßnahmen aus, die ergriffen wurden. „Dabei kann uns auch die Hoffnung motivieren, dass unser Vorgehen auch andere Teile unserer Gesellschaft, die Familien, Vereine, Schulen und Einrichtungen beeinflusst und so dazu beiträgt, dass junge Menschen ihre Persönlichkeit positiv entwickeln können. […] Kinder und Jugendliche zu fördern, ihnen den Glauben durch Wort und Beispiel vorzuleben, aber auch von ihnen zu lernen – das ist unser Auftrag für die Zukunft.“

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„Für wen halten die Leute den Menschensohn?“ (Mt 16,13)

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Grundfragen der Christologie1

von Bischof Dr. Rudolf Voderholzer

I. Die Nichtselbstverständlichkeit der Selbstbezeichnung als „Christen“

Wir halten es für selbstverständlich, uns Christen zu nennen. Und wir dürfen diesen Namen ja auch tragen, wissend, was für einen Anspruch er birgt.

1. Die erste Verwendung der Bezeichnung „Christen“ in Antiochia (Apg 11, 26) Schon in der ersten Generation, so berichtet die Apostelgeschichte (11,26), wurden die Anhänger Jesu nach ihrem Meister benannt und als „Christen“ bezeichnet. Christ ist, wer Jesus als den „Christus“ (= „Messias“), den „Sohn Gottes“ erkennt und bekennt und in der Taufe mit ihm und seinen Schwestern und Brüdern gemeinschaftlich verbunden wurde.

2. Die Taufe als Eingliederung in den Leib Christi (Gal 3, 26–29)

Paulus deutet im Galaterbrief (Gal 3, 26–29) das Taufkleid christologisch. In der Taufe zieht der Mensch Christus an, und alle Unterschiede, die die Natur und die Geschichte aufstellt, zählen nicht mehr in diesem einen Leib, in den er hineingetauft wird, Christus, in dem alle „einer“ geworden sind.

3. Die Benennung nach dem Stifter als religionsgeschichtliche Besonderheit

Die Tatsache, dass Christen sich nach ihrem Herrn benennen, ist übrigens ein bemerkenswerter Unterschied zu den Muslimen. Diese wehren sich mit Recht, nach ihrem Religionsstifter „Mohammedaner“ genannt zu werden. Mohammed nämlich ist nur Überbringer der Rechtweisung Gottes, „Sprachrohr“ sozusagen. Der offenbarungstheologische Unterschied liegt darin, dass Jesus selbst der Inhalt des Evangeliums ist. Jesu Botschaft ist nicht etwas von ihm verschiedenes, er ist nicht wie ein Straßenschild, das sagt: dort, in diese Richtung, geht’s nach Salzburg. Aber kümmere Dich nicht weiter um dieses Zeichen. Nein, in ihm, in der Begegnung mit ihm, in der Freundschaft mit ihm vor allem besteht christlicher Glaube, und die Liebe zu ihm ist grundlegend für das Christsein.

Deshalb ist es entscheidend wichtig, sich im Klaren darüber zu sein, wer er ist.

[1] Vortrag gehalten bei der Ordenstagung des Souveränen Malteser-Ritter-Ordens am 13. Februar 2016 in Salzburg anlässlich der Ausstellung „Wer ist der Mann auf dem Tuch?“.

Interessanterweise heißen wir nicht Jesuaner. Wir heißen Christen, weil wir glauben, dass dieser Jesus – so sein Name, den Maria und Joseph ihm gemäß jüdischem Brauch am 8. Tag zur Beschneidung gegeben haben – der Christus ist, der von Gott gesandte Mittler des Heils, der Versöhner, der, in dem wir Gott selbst begegnen.

Christus ist zunächst ein Titel, der Jesu Bedeutung aussagt, und der dann wie zu einem Namen geworden ist.

 

II. „Für wen halten die Leute den Menschensohn?“ (Mt 16, 13)

Es ist entscheidend wichtig zu wissen, wer er ist. Merkwürdigerweise fragen nicht die Jünger. Jesus selbst ergreift die Initiative, er hat selbst größtes Interesse daran, dass seine Jünger Klarheit über ihn haben. Er ist es, der die Frage stellt.

1. Die falschen Alternativen: Johannes der Täufer, Elias, Jeremias (vgl. Mt 16, 14)

Nach Auskunft der Jünger versuchen die „Leute“, Jesus in die ihnen bekannten Kategorien einzuordnen. Sie halten ihn für einen der religiös begabten Gestalten ihrer Geschichte, vom älteren Mose bis zum jüngst erst hingerichteten Johannes den Täufer, deren mögliche Wiederkehr vorausgesetzt

Charakteristisch für die berichteten Antworten ist, dass sie Jesus auf das Altbekannte zurückführen. Er ist, so beeindruckend seine Worte und Taten auch sein mögen, einer unter anderen. Ins Heute übersetzt könnte eine solche Rückführung lauten: Sie halten ihn für einen Weisheitslehrer, für einen Moralprediger, für einen Sozialreformer oder sonst einen der vielen Religionsstifter. Doch damit ist Jesus nicht wirklich erfasst.

2. Das Bekenntnis des Simon: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes“ (Mt 16, 16)

Jesu zweite Frage ist an die Jünger selbst gerichtet, und Simon ist es, der – wie immer! – für alle das Wort ergreift. Simon erkennt und bekennt stellvertretend für die übrigen Apostel: Du bist der Messias Gottes! D.h. Du bist der Gesalbte Gottes, Du bist der Christus. So berichten es die synoptischen Evangelien mit leichten Differenzen in der Mitte des Wirkens Jesu (vgl. Mt 16,16, Mk 8, 29, Lk 9, 20).

Somit ist Simon Petrus im wahrsten Sinne des Wortes der erste Christ, der erste, der Jesus als den Christus bekennt.

3. Die Reaktion Jesu: das Messiasgeheimnis (vgl. Mt 16, 20)

Warum aber in aller Welt verbietet Jesus den Aposteln, darüber zu reden, es anderen weiter zu sagen und den Messias-Titel zu verbreiten?

Müsste man nicht erwarten, dass er sie im Gegenteil damit beauftragt, dies jetzt allen zu verkünden, es auf die Marktplätze, in die Synagogen und überall dorthin zu tragen, wo Menschen suchen und fragen nach dem Sinn des Lebens? Aber das sagt Jesus nicht, sondern er verbietet es geradezu, ihn in der Öffentlichkeit als den Messias zu proklamieren. Warum nur?

Alle Titel wären vor Ostern, vor Kreuz und Leiden missverständlich gewesen. Man spricht in der Exegese vom sogenannten „Messiasgeheimnis“. Jesus wollte vor dem Ende seines Weges nicht, dass er in irgendeiner Weise mit einem Hoheitstitel belegt und in das bisher Bekannte eingeordnet und damit auf das Alte herabgezogen wird. Das Messiasgeheimnis ist die jesuanische Legitimierung der Unterscheidung in vor- österlich und nach-österlich im Blick auf die Lehre von Jesus dem Christus.

Unter dem Messias, also unter dem Christus hätten die allermeisten jemanden verstanden, der sich zum Anführer eines Aufstandes gegen die Römer macht und das besetzte und gedemütigte Israel von seiner Besatzungsmacht befreit. Doch dazu war Jesus nicht gekommen. Er war kein politischer Messias. Sein Auftrag geht tiefer. Er kam nicht, um nur ein Volk von seinen Besatzern zu befreien, sondern die Menschheit insgesamt mit Gott zu versöhnen. Er war gesandt, den ärgsten Feind zu besiegen, den Tod, der aus der Sünde und Gottferne aufsteigt. Dies aber ist ein schwerer Weg, den erst einmal nur wenige verstehen und den man wohl überhaupt nur versteht, wenn man sich auf diesen Weg einlässt. Auch Petrus hat dies mühsam und langsam lernen müssen.

Jesus fügt an das Messiasbekenntnis des Petrus dann auch die erste Leidensweissagung an.

Und so werden dann auch Jesu Nachfolgeworte verständlich. Denn der Messias Jesus ist nicht vom Vater gesandt, um dem Leiden aus dem Weg zu gehen, sondern die Welt dadurch zu retten, dass er seiner Sendung treu bleibt bis ans Kreuz. Gerade auch Simon Petrus wird noch lernen müssen: erst dem geht das Geheimnis Jesu ganz auf, der sich in die Bewegung der Hingabe und der Preisgabe seines Lebens für die anderen einlässt und so die Quelle göttlichen Lebens entdeckt; wer sich nicht an sein Leben, wer sich nicht an seine engen und kleinen Glückserwartungen klammert, sondern wer sein Leben investiert, mit Jesus drangibt, verschenkt, der wird spüren, wie er innerlich reich und wahrhaft glücklich wird.

Erst nachdem der Herr gezeigt hat, dass er als der Messias Gottes die Welt nicht anders als durch das Kreuz erlösen wollte, und nachdem der Vater ihn von den Toten auferweckt hat, kann der Herr die Jünger aussenden (siehe Mt 28, 18–20; Mk 16, 14–16; Joh 20, 19–21). Jetzt dürfen sie nicht mehr schweigen, jetzt sollen und müssen es alle erfahren.

 

III. Implizite Christologie: das göttliche Selbstbewusstsein im Lehren und Handeln Jesu

In der systematischen Christologie hat sich für den Weg, dem Persongeheimnis Jesu durch eine Analyse seines vorösterlichen Lehrens und Handelns auf die Spur zu kommen, der Begriff „implizite Christologie“ eingebürgert. Man versteht darunter eine „eingewickelte“, verborgene Christologie, die das Persongeheimnis an seinem Handeln, an seinem vollmächtigen Wirken und Auftreten abliest.[2]

Einige dieser vorösterlichen, historisch greifbaren Elemente sollen nun exemplarisch betrachtet werden.

1.  Die Reich-Gottes-Verkündigung in Wort und Tat (Wunder, Zeichen)

Jesus verstand sich als der Künder der nahe herbei gekommenen „Königsherrschaft Gottes“ (basileia tou theou), im deutschen zumeist mit „Reich“ oder „Herrschaft Gottes“ wiedergegeben. Bei Matthäus ist im Unterschied zu Markus und Lukas meist vom „Reich der Himmel“ oder „Himmelreich“ die Rede.

Der Markusevangelist hat daher das Wirken Jesu im Sammelbericht zu Beginn seines Evangeliums treffend zusammengefasst.

14 Nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes 15 und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium! (Mk 1,14–15)

Jesus hat nirgendwo definiert, was er unter Reich Gottes versteht. Der Begriff war seinen Zeitgenossen nicht ganz fremd, er spielte jedoch in ihrer Vorstellungswelt keine herausragende Rolle[4].

Das Gottesvolk Israel wusste sich in seiner geschichtlichen Existenz ganz dem Befreiungshandeln Gottes verdankt. Doch angesichts der politischen

[2] Vgl. ausführlich dazu: Rudolf VODERHOLZER, Vom verkündigenden Jesus zum verkündigten Christus (= Theologie im Fernkurs. Der christliche Glaube: Grundkurs, Lehrbrief 10), Würzburg 2010, 21 f.

[3] Vgl. Joachim GNILKA, Jesus von Nazaret. Botschaft und Geschichte, Freiburg 1990, Sonderausgabe 2007, 88.2 Vgl. ausführlich dazu: Rudolf VODERHOLZER, Vom verkündigenden Jesus zum verkündigten Christus (= Theologie im Fernkurs. Der christliche Glaube: Grundkurs, Lehrbrief 10), Würzburg 2010, 21 f.

[4]  Vgl. Rolf BAUMANN, „Gottesherrschaft“ oder „Reich Gottes“, in: Orientierung 54 (1990) 74–78.

Bedeutungslosigkeit Israels und der römischen Fremdherrschaft war von einer Königsherrschaft Gottes kaum etwas zu spüren. In den so genannten apokalyptischen Kreisen des damaligen Judentums hatte man aufgehört, sich von der elenden Gegenwart noch irgendetwas zu erwarten, und so setzte man alle Hoffnung auf eine bald hereinbrechende Wende der Geschichte und die Heraufkunft eines neuen Äons (= Zeitalters). Die Zeloten, religiös motivierte, auf die irdische Königsherrschaft Gottes ausgerichtete Freiheitskämpfer, waren bereit, sich auch mit Waffengewalt für die Beseitigung der neuerlichen Fremdherrschaft durch eine heidnische Besatzungsmacht und die Vorbereitung einer so verstandenen Königsherrschaft Gottes einzusetzen.

Doch in diesen Erwartungshorizont fügt sich Jesu Reich-Gottes-Botschaft nicht ein. Ausgeschlossen werden müssen Verstehensweisen, die darunter die Aufrichtung einer irdisch-politischen Herrschaft im Sinne des politischen Messianismus verstehen. Als ein politischer Freiheitskämpfer ist Jesus nicht aufgetreten.

Wenn Jesus den Reich-Gottes-Begriff ins Zentrum seiner Botschaft stellt, dann wird alle Hoffnung auf das Handeln Gottes gerichtet, der in seinem Gott- und Herrsein allein Heil und Zukunft schaffen kann. Diese Herrschaft Gottes aber schafft einen Be- Reich, in dem Menschen und Welt „richtig“ und heil werden können[5].

Entscheidend für das Verständnis der Reich-Gottes-Botschaft Jesu ist, dass er sie mit seiner Person selbst verknüpft. Zwar ist auch für Jesus das Reich Gottes noch etwas Ausstehendes und zu Erbetendes. Die Jünger lehrt er, zu beten: „Vater, […] Dein Reich komme“ (Lk 11,2). Doch ist das Reich Gottes letztlich nicht etwas nur Zukünftiges und von Jesus Verschiedenes, sondern es ist mit ihm und seiner Person, seinem Wirken zum Heil für die Menschen, auch schon mitten unter den Menschen da. Trotz des endzeitlichen Charakters des Reiches Gottes hat Jesus es also mit einem eigentümlichen Gegenwartsbewusstsein verbunden, worin sein Sendungsanspruch gründet[6]:

Wenn ich aber die Dämonen mit dem Finger Gottes [= Geist Gottes] austreibe, dann ist doch das Reich Gottes schon zu euch gekommen (Lk 11,20).

[5] BAUMANN, „Gottesherrschaft“ oder „Reich Gottes“, 74f.

[6] Vgl. Jörg FREY, Der historische Jesus und der Christus der Evangelien, in: Jens Schröter / Ralph Brucker (Hg.), Der historische Jesus. Tendenzen und Perspektiven der gegenwärtigen Forschung (= Beihefte zur Zeitschrift für die neutestamentliche Wissenschaft und die Kunde der älteren Kirche, Bd. 114), Berlin 2002, 273–336, 316.5  BAUMANN, „Gottesherrschaft“ oder „Reich Gottes“, 74f.

 

Der frühchristliche Theologe Origenes (180/85 – 253/54) hat diese im Neuen Testament nachweisbare Identifizierung Jesu und seiner heilbringenden Gegenwart mit dem Reich Gottes auf die Formel gebracht: Jesus ist die „autobasileia“[7], das heißt, Jesus ist das Reich Gottes selbst, das Reich Gottes in Person.

Eine weitere inhaltliche Füllung des Reich-Gottes-Begriffs ist am gesamten Wirken Jesu, seiner Wortverkündigung, seinem in seinem Handeln zutage tretenden Anspruch und seiner Lebenspraxis abzulesen.

Eine indirekte und doch unmissverständliche Antwort auf das Wesen der Königsherrschaft Gottes ist in der Antwort Jesu enthalten, die er den Johannesjüngern mit auf den Weg gibt. Johannes sitzt im Gefängnis und beginnt an seiner Sendung, der Wegbereiter des kommenden Größeren zu sein, irre zu werden. Jesus antwortet auf die Täuferzweifel mit dem Hinweis auf die durch ihn geschehenen Zeichen und Wunder:

Mt 11,2–6: Johannes hörte im Gefängnis von den Taten Christi. Da schickte er seine Jünger zu ihm 3 und ließ ihn fragen: Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen andern warten? 4 Jesus antwortete ihnen: Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht: 5 Blinde sehen wieder und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium verkündet. 6 Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt. (vgl. die darin anklingenden Motive aus Jes 29,35 mit ihrer Beschreibung der messianischen Heilszeit).

Die Heilungen Jesu und seine Wunder sind die Zeichen der anbrechenden Gottesherrschaft. Im Einflussbereich Jesu werden die Menschen heil, wird aller Mangel beseitigt, wird überwunden, was den Menschen erniedrigt und in seiner schöpfungsmäßigen Würde beraubt. Hatte die klassische Apologetik vor allem den Charakter des Außergewöhnlichen und alle Vernunft und Erwartbarkeit Übersteigenden der Zeichen und Wunder Jesu hervorgehoben, so erkennt eine das Gesamtzeugnis der Schrift berücksichtigende biblische Theologie deutlicher, dass Jesu Soteriopraxis (= Heilshandeln) selbst zum Inhalt der Selbstmitteilung Gottes als Leben gehören und Verheißungen der endgültigen Heilung der Schöpfung darstellen.

[7] ORIGENES, In Mattaeum tomus XIV 7 (zu Mt 18,23), (Die griechischen christlichen Schriftsteller 40,289).

2. Jesu Anspruch göttlicher Autorität in seiner Schriftauslegung und Sündenvergebungspraxis

In den Antithesen der Bergpredigt kommt dieses Selbstverständnis Jesu vielleicht am deutlichsten zum Ausdruck. Jesu Haltung zur Heiligen Schrift unterscheidet sich radikal von der der Pharisäer und Schriftgelehrten. Seine Auslegung stellt er nicht neben die anderer vorausgehender Autoritäten, sondern er beansprucht Letztgültigkeit für seine den inneren Kern des Gesetzes freilegende Auslegung. Vor allem die ersten beiden der bei Matthäus überlieferten Antithesen dokumentieren Jesu außergewöhnlichen Anspruch im Umgang mit der religiösen Tradition:

Vom Töten: 5,21: Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemand tötet, soll dem Gericht verfallen sein. 22 Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein; und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein; wer aber zu ihm sagt: Du (gottloser) Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein.

Vom Ehebruch: 5,27f. Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. 28 Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.

Jesus hat nicht einen Bibelkreis gegründet, wo jeder seine Erfahrungen und Deutungen einbringt. Nichts gegen Bibelkreise! Es ist wichtig, dass wir Christen die Heilige Schrift studieren, gemeinsam lesen und bedenken. Aber in allen Bibelkreisen geht es um die durch Jesus bekräftigte und in Jesus kulminierende biblische Botschaft. Jesus selbst hat seine eigene Schriftauslegung nie eingeordnet in die der anderen Pharisäer und Schriftgelehrten. Er kann es sich sogar herausnehmen, Mose, die höchste Autorität, zu relativieren, beispielsweise wenn es im Streitgespräch mit den Pharisäern um die Möglichkeit der Ehescheidung geht. Dort stellt Jesus die Scheidungsmöglichkeiten dar als ein Zugeständnis des Gesetzes an die Hartherzigkeit und Unbarmherzigkeit der Menschen. Er sagt: „Am Anfang war es nicht so“ (Mt 19, 8), und rekurriert damit auf den Schöpfungswillen Gottes.

Ganz typisch für Jesus ist auch, wie er sein eigenes Wirken in Beziehung setzt zu Jona und Salomo: „Hier“ sei „mehr als Jona“ (Mt 12,41) und „mehr als Salomo“ (Mt 12,42; Lk 11,31). Mit dieser aktualisierenden Aufnahme des Schriftzeugnisses bringt Jesus zum Ausdruck, dass mit seinem Kommen Höhepunkte der alttestamentlichen Offenbarungsgeschichte noch einmal überboten werden, die sowohl die Größe Jesu als auch die Dringlichkeit seines Umkehrrufes deutlich machen[8].

Charakteristisch für die Jesusüberlieferungen ist die Bekräftigung seines Wortes durch ein vorangestelltes „Amen, ich sage euch“ (Mt 5,18; 5,26; 6,2 u.ö.; für den johanneischen Christus ist das doppelte „Amen, amen“ charakteristisch: Joh 1,51; 3,3; 5,19 u.ö.). Wenn das „Amen“ nicht als Bekräftigung eines Gebetes an dessen Schluss oder als Antwort auf die Rede eines Anderen benutzt, sondern vorangestellt wird, spricht man von seiner „nicht-responsorischen“ Verwendung. Eine solche Beteuerungs- oder Bekräftigungsformel ist ohne Parallele und dürfte eine Sprachschöpfung Jesu sein. Das nicht-responsorische Amen erfüllt dieselbe Funktion wie die alttestamentliche Botenformel „So spricht der Herr“ und bringt zum Ausdruck: Hier spricht ein Prophet oder mehr als ein Prophet.

Wenigstens einmal ist im Neuen Testament bei Mk 2,1–12 von Jesu ausdrücklichem Sündenvergebungszuspruch die Rede (vgl. aber auch Lk 7,36–50). Trotz der nur geringen Bezeugung ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass historisch zuverlässiges Jesusgut überliefert ist, denn die Sündenvergebung ist Thema auch zahlreicher Gleichnisse und Mahnworte Jesu und deckt sich darüber hinaus mit seiner Zuwendung zu den „Zöllnern und Sündern“. Jesus erbittet nicht nur die Sündenvergebung, sondern er spricht sie dem gelähmten Mann, den seine Freunde angesichts des überfüllten Raumes und der belegten Eingänge kurzerhand durch ein ins Dach geschlagenes Loch zu Jesus herablassen, aus eigener Vollmacht zu. Die sich anschließende Heilung des Gelähmten (als das vermeintlich „schwerere“) wird darüber hinaus zur Bestätigung für die Vollmacht zum wahrhaft „schwereren“, nämlich der Sündenvergebung.[9]

[8] Vgl. Gerd THEISSEN / Anette MERZ, Der historische Jesus. Ein Lehrbuch, Göttingen ³2001, 243 und 320; vgl. FREY, Der historische Jesus und der Christus der Evangelien, 317.

[9] 1 Als er einige Tage später nach Kafarnaum zurückkam, wurde bekannt, dass er (wieder) zu Hause war. 2 Und es versammelten sich so viele Menschen, dass nicht einmal mehr vor der Tür Platz war; und er verkündete ihnen das Wort. 3 Da brachte man einen Gelähmten zu ihm; er wurde von vier Männern getragen. 4 Weil sie ihn aber wegen der vielen Leute nicht bis zu Jesus bringen konnten, deckten sie dort, wo Jesus war, das Dach ab, schlugen (die Decke) durch und ließen den Gelähmten auf seiner Tragbahre durch die Öffnung hinab. 5 Als Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben! 6 Einige Schriftgelehrte aber, die dort saßen, dachten im Stillen: 7 Wie kann dieser Mensch so reden? Er lästert Gott. Wer kann Sünden vergeben außer dem einen Gott? 8 Jesus erkannte sofort, was sie dachten, und sagte zu ihnen: Was für Gedanken habt ihr im Herzen? 9 Ist es leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben!, oder zu sagen: Steh auf, nimm deine Tragbahre und geh umher? 10 Ihr sollt aber erkennen, dass der Menschensohn die Vollmacht hat, hier auf der Erde Sünden zu vergeben. Und er sagte zu dem Gelähmten: 11 Ich sage dir: Steh auf, nimm deine Tragbahre, und geh nach Hause! 12 Der Mann …

Sündenvergebung ist ein göttliches Privileg. Nur der Schöpfer, der alle Wunden der Schuld (sowohl beim Opfer wie auch beim Täter) heilen kann, kann auch die Vergebung zusprechen. Wenn nun nicht einmal der Priester im Jerusalemer Tempelkult durch sein Wort die Sündenvergebung zusprechen konnte, und man sie Gott wohl zutraute, sie aber nicht an Gottes Stelle persönlich zusprach10, dann ist es nur konsequent, wenn die Gegner Jesu im Anschluss an das Geschehene fragen: Wie kann dieser sich das herausnehmen? Sie erkennen in diesem Zuspruch einen das Menschliche übersteigenden Anspruch. Weil sie sich aber diesem Anspruch gegenüber verschließen, fassen sie wenig später den Entschluss, Jesus aufgrund von Gotteslästerung (in diesem Fall frevlerischer Inanspruchnahme göttlicher Privilegien) zu beseitigen.

3. Jesu Lebensstil (Armut, Ehelosigkeit, Gehorsam) als Ausdruck seiner Sendung

Ausdruck von Jesu Reich Gottes Verkündigung ist auch sein Lebensstil. Jesus hat auf die Gründung einer eigenen Familie verzichtet. Nach Joachim Gnilka überliefert der so genannte „Eunuchenspruch“ in Mt 19,12 authentisch Jesu Antwort auf den Spott, aber auch den Vorwurf seiner Gegner, durch die Ehelosigkeit dem Gebot Gottes zur Zeugung von Nachkommenschaft (vgl. Gen 1,28) und zur Vermehrung des messianischen Gottesvolkes zuwider zu handeln.

Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht und manche haben sich selbst dazu gemacht – um des Himmelreiches willen. Wer das erfassen kann, der erfasse es. (Mt 19,12f.)

Jesu Lebensform in Armut, Gehorsam und Ehelosigkeit kann nur verstanden werden als ein ganzheitliches, Leib und Seele umfassendes Zeugnis für die Größe der Gottesherrschaft, die heraufzuführen er gekommen war. „Innerhalb des zeitgenössischen Judentums musste dieses Verhalten anstößig, schockierend wirken. […] Wiederum ist der vom Gewohnten sich abhebende Lebensstil auf die Gottesherrschaft gerichtet. Der Verzicht auf Ehe und Familie erfolgt nicht um eines asketischen Ideals willen, auch nicht um die Gottesherrschaft zu erlangen, sondern um ungeteilt und mit allen Kräften für die Basileia wirken zu können. Sie erfolgt auch um der Menschen willen. Jesus schenkte seine Liebe gerade auch jenen, in die sich niemand verliebte.“11 Die Ehelosigkeit ist dabei nicht isoliert, sondern in Einheit zu sehen mit Jesu Armut und seinem Gehorsam zum Vater.

[10]  Vgl. THEISSEN / MERZ, Der historische Jesus, 460.stand sofort auf, nahm seine Tragbahre und ging vor aller Augen weg. Da gerieten alle außer sich; sie priesen Gott und sagten: So etwas haben wir noch nie gesehen. (Mk 2 1–12).

[11]  GNILKA, Jesus von Nazaret, 178f.

 

4.  Die Jüngerberufung und die Problematik der „Kirchengründung“ (implizite Ekklesiologie)

Jesus lässt sich keiner der im zeitgenössischen Judentum etablierten religiösen Gruppen zuordnen. Religionssoziologisch betrachtet war er kein Priester und gehörte nicht der Jerusalemer Tempelaristokratie an. Die Sadduzäer waren im Gegenteil seine wohl erbittertsten Gegner. Aber auch den „Pharisäern“ mit ihrer strengen Gesetzesobservanz gehörte er nicht an, wenngleich er ihnen näher gestanden haben dürfte, als es der Eindruck vermittelt, den die späteren neutestamentlichen Zeugnisse geben. Auch die Hypothese, Jesus könnte wenigstens zeitweise der „Mönchsgemeinschaft“ von Qumran oder den Essenern angehört haben, kann als widerlegt gelten. Jesu Ziel war ferner nicht die Gründung einer neuen partikularen Bewegung etwa von Armen (anawim). Jesus wusste sich zum ganzen Volk Israel gesandt. Und er wandte sich mit seiner Botschaft an das ganze Volk. Er wollte Gehör finden, Glauben wecken, Umkehr bewirken. Wenn er gerade zwölf Jünger als engsten Kreis um sich scharte, hat dies seinen Grund auch in der Absicht, das Zwölfstämmevolk Israel zu erneuern. Angesichts der Berufung von ausgerechnet Zwölf steht die Frage auf: Wer muss der sein, der dieses Zwölfstämmevolk, das heilige Volk Gottes, neu aufzustellen antritt? Er gründet nicht eine neue Partei oder eine neue religiöse Bewegung, sondern das Gottesvolk soll neu aufgestellt werden. Die Wahl und Berufung der Zwölf ist ein sprechendes Element der impliziten Christologie und zugleich auch impliziter Ekklesiologie.

Nach dem Zeugnis der Evangelien beginnt Jesus sein öffentliches Wirken damit, Jünger in seine Nachfolge zu rufen. Der Gottmensch ist zugleich Mitmensch, der nichts alleine tun will. Im Johannesevangelium nennt er die Jünger seine Freunde, denen er alles mitteilt.

Anders als beim Anschluss an eine zeitgenössische Rabbinenschule (vgl. etwa Paulus, der ein Schüler des Rabbi Gamaliel war), ist für den Eintritt in die Nachfolge Jesu nicht der Entschluss des Jüngers entscheidend, sondern der souveräne Wille Jesu, der in die Nachfolge ruft. Während sich bei einem rabbinisch-jüdischen Lehrer- Schüler-Verhältnis der Schüler seinen Lehrer aussuchte – in der Regel jenen, bei dem er die beste Ausbildung zu erhalten hoffte – und von dem er auch zu einem anderen Lehrer überwechseln konnte, geht die Initiative hier von Jesus aus. Der besondere charismatische Charakter der jesuanischen Nachfolge kommt darin zum Ausdruck, dass Jesus die Initiative ergreift und den berufenen Jünger gewissermaßen lebenslang in die persönliche Beziehung mit ihm einbezieht. Ein Jünger Jesu bleibt immer ein „Jünger“, auch wenn er zum Rabbi, zum Lehrer oder zum Verkünder als Apostel wird. Es wird eine lebenslange Beziehung gestiftet. Während Ziel einer Rabbinatsausbildung ist, selbst Rabbi zu werden, bleibt der von Jesus in die Nachfolge Gerufene immer der „Jünger“.

Vergleicht man weiter das Verhältnis der Jünger Jesu zu ihrem Meister mit dem, was von Rabbinen und ihren Schülern berichtet wird, so zeigt sich, dass das Neue Testament nirgends von gelehrten Disputationen zwischen Jesus und den Jüngern berichtet. „Das Ziel der Jüngerschaft ist nicht die Vermittlung von Tradition, sondern Teilhabe an der Proklamation der Herrschaft Gottes, Teilhabe auch an der Vollmacht Jesu, die Nähe der Gottesherrschaft mit Kraft anzusagen und die bösen Geister auszutreiben.“[12]

Die Jüngerberufungen machen den Vollmachtsanspruch Jesu deutlich und sind ein wichtiges Element der impliziten Christologie. Jesus ist mehr und anderes als die Propheten oder Rabbinen. Er beruft mit Vollmacht und übernimmt Verantwortung für das Leben der ihm Nachfolgenden. Die Apostel, die er am See Genesareth von ihren Netzen und von ihren Familien wegholt, werden für diese ihre Entscheidung, ihm zu folgen, in den Tod gehen.

5.  Jesu Abba-Relation und sein Sohnes-Bewusstsein

Jesus hat wohl keinen der ihm nachösterlich zugesprochenen Hoheitstitel vor Ostern zu seiner Selbstvorstellung gebraucht. Dem Messiastitel gegenüber war er sehr reserviert, weil er nicht im Sinne eines politischen Freiheitskämpfers missverstanden werden wollte. Auch hat er sich nicht als „Sohn Gottes“ in einem titularen Sinn präsentiert. Der spätere dogmatische Gebrauch von Sohn Gottes hat jedoch im vorösterlich nachweisbaren Sohnes-Bewusstsein Jesu in einem absoluten Sinne seinen historischen Anhaltspunkt.

Im so genannten „messianischen Jubelruf“, der sowohl bei Matthäus und bei Lukas überliefert ist und dementsprechend der Quelle Q entstammt, spricht Jesus von sich als dem „Sohn“ in einem absoluten Sinne:

25 In jener Zeit sprach Jesus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast. 26 Ja, Vater, so hat es dir gefallen.

 

[12] Walter KASPER, Jesus der Christus, Mainz 1974 [mehrere Aufl., zuletzt in: Walter Kasper Gesammelte Schriften, Bd. 3, Freiburg 2007], 121.

 

27 Mir ist von meinem Vater alles übergeben worden; niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will. (Mt 11,25–27; vgl. Lk 10,21–22)

Zwischen Vater und Sohn besteht eine Offenbarungseinheit. Und in dieser Offenbarungseinheit liegt auch begründet, weshalb sein Wirken solchen Anstoß erregte.

Jesus hat sich gewiss nicht, gleichsam egozentrisch, selbst ins Zentrum seiner Reich- Gottes-Verkündigung gestellt. Seine Speise ist es, den Willen des Vaters zu erfüllen, der ihn gesandt hat (Joh 4,34). Seine Verkündigung ist theozentrisch, also ganz auf Gott den Vater ausgerichtet. Aber diese Theozentrik der Verkündigung ereignet sich doch in der Person des Mittlers. Jesus weiß sich als der Mittler der Gottesherrschaft, und insofern gehört er mit seiner ganzen Existenz in die Reich-Gottes-Botschaft hinein und verweist zugleich ganz auf den Vater. Alle späteren trinitätstheologischen Reflektionen und der Glaube der Kirche an Gott, den Dreifaltigen, haben in dieser innigen Beziehung, die sich schon vorösterlich in der Abba-Relation Jesu ausdrückt ihren Grund.[13]

Jesus sprach Gott mit dem intim-vertraulichen Wort „Abba“ („Papa“, „lieber Vater“) an (Mk 14,36; vgl. Lk 23,46; vgl. das auch von Paulus überlieferte aramäische Original in Gal 4,6 und Röm 8,15). Von ihm wusste er sich in ganz exklusiver Weise gesandt, Exponent und Repräsentant Gottes zu sein, und zwar einmal seinem Bundesvolk gegenüber, zum anderen auch stellvertretend für dieses Volk, um gegenüber Gott den Bundes-Gehorsam zu vollziehen. Mit dieser seiner Abba- Beziehung korrespondiert Jesu Sohnesbewusstsein. Als der, der ganz auf diesen Abba hin und von ihm her lebte, wusste sich Jesus als „der Sohn“ (Mk 13,32) des Vaters schlechthin. Die Abba-Beziehung, die sich in der Anrede „mein Vater“ (Mk 14,36; Mt 7,21; 11,25–27 u.ö.; Lk 2,49; 22,29; 23,34.46.49; vgl. Mk 8,38; vgl. auch bei Joh

durchgängig) ausdrückt, ist dabei mehr als ein Aspekt der privaten Frömmigkeit Jesu, so als habe er sich von selbst in die Vertraulichkeit zu Gott hineingebetet. Dies widerspräche ganz der Erhabenheit und Transzendenz Gottes, wie sie vom Alten Testament her zum Glaubensbewusstsein Israels gehört. Den Anspruch, der Mittler der Gottesherrschaft und damit die Selbstvermittlung Gottes in der Gestalt des menschlichen Mittlers zu sein, konnte Jesus sich nicht einfach angemaßt haben. Sein

[13] Vgl. Gerhard Ludwig MÜLLER, Christologie. Die Lehre von Jesus dem Christus, in: Wolfgang Beinert (Hg.), Glaubenszugänge. Lehrbuch der Katholischen Dogmatik (Bd. 2), Paderborn u. a. 1995, 1–297; vgl. Gerhard Ludwig MÜLLER, Katholische Dogmatik. Für Studium und Praxis der Theologie, Freiburg 1995, 92012, 254–387.

Bewusstsein „der Sohn“ (Mk 13,32) zu sein, kann nur als Antwort auf den Ruf Gottes des Vaters gedeutet werden, der sich durch ihn, den Sohn, den Menschen offenbaren will. Insofern korrespondieren bei Jesus seine Theozentrik, und andererseits die Christozentrik des Vaters, der sich in seinem Sohn endgültig als Heil und Leben der Menschen offenbart.

Erst dieses Sendungsbewusstsein macht verständlich, warum für die Gegner Jesu sein Wirken und seine Verkündigung von der kommenden Herrschaft Gottes so anstößig war. Allein die Umkehrpredigt und die Erinnerung an die Einhaltung der Weisungen der Thora als Bundesgesetz sprengte den Rahmen des jüdisch Möglichen nicht. „Entscheidend war vielmehr die Vollmacht und Sendungsautorität, die er für sich beanspruchte, so daß die Stellungnahme zu ihm, d.h. der Glaube an sein Evangelium und die Bereitschaft zu seiner persönlichen Nachfolge das Gottesverhältnis der Menschen definitiv entscheiden sollte.“[14]

Papst Benedikt hat in seinem Jesus-Buch auch einen jüdischen Gesprächspartner einbezogen, Jacob Neusner. Der amerikansich-jüdische Theologe bestätigt diese Beobachtungen alle bestätigt, insbesondere Jesu vollmächtige Schriftauslegung in der Bergpredigt. Nur kommt Neusner zu der Überzeugung, dass ihm das zu weit geht und dass er diesen Anspruch Jesu, die Thora in Person zu sein, nicht mitgehen kann. Im Modus der Ablehnung ist das noch einmal die Bestätigung, dass uns das Neue Testament implizit, vorösterlich diesen unerhörten Anspruch Jesu bezeugt.[15]

Das Kapitel über die „implizite Christologie“ abschließend kann gesagt werden: Jesus war gegenüber den Titeln, gegenüber einem expliziten, also ausdrücklichen Hoheitsanspruch bei seinem vorösterlichen Wirken äußerst zurückhaltend. Dieser Anspruch ist aber ablesbar an seinem Lehren, Leben und Handeln. Erst dort, wo kein Missverständnis mehr möglich ist, erst wo er mit gefesselten Händen vor dem Hohen Rat verhört wird, gibt er die Zurückhaltung und Vorsicht auf und widerspricht nicht mehr (Mk 14, 60f.). Auf das zweite Nachfragen des Hohenpriesters, „bist Du der Messias, der Sohn des Hochgelobten?“, antwortet Jesus:

„Du sagst es“. Darauf antwortet der Hohepriester vollkommen konsequent: „Was brauchen wir noch weitere Zeugen? Wir haben es ja selbst gehört, dieser Mann muss als Gotteslästerer beseitigt werden“. Erst wie jegliches Missverständnis bezüglich eines politischen Messianismus ausgeschlossen war angesichts der offenkundigen

[14] MÜLLER, Katholische Dogmatik, 286.
[15] Vgl. Joseph RATZINGER / BENEDIKT XVI., Jesus von Nazareth, in: Ders., Jesus von Nazareth. Beiträge zur Christologie (= JRGS 6), 216 ff.14  MÜLLER, Katholische Dogmatik, 286.

Machtlosigkeit und der (politischen) Vergeblichkeit seines Wirkens, kann er den Messias-Titel für sich beanspruchen – paradox genug.

 

IV. Explizite Christologie: das Bekenntnis der Kirche als Antwort auf das göttliche Selbstbewusstsein nach Kreuz und Auferstehung Jesu

Das Neue Testament bezeugt uns nun nachösterlich Jesus als den Christus, den Sohn Gottes, der für das Heil der Menschen selber Mensch wurde. Das ganze Neue Testament ist aus der nachösterlichen Perspektive geschrieben. Die Auferweckung Jesu von den Toten ist die Initialzündung der kirchlichen Entwicklung bis in unsere Zeit. Ohne sie gäbe es keine Hl. Schrift des Neues Testamentes. In der Auferweckung seines Sohnes aus Grab und Tod bestätigt der Vater den Anspruch Jesu von Nazareth und er bestätigt somit auch alles, was in seinem Selbstanspruch mitgegeben war.

Zugleich setzt der Vater mit diesem Auferweckungshandeln alle ins Unrecht, die meinten, Jesus als Gotteslästerer überliefern und zum Tode verurteilen zu müssen. Die Ostererfahrung ist nicht eine subjektive Befindlichkeit, sondern ein Widerfahrnis, das nach allen Quellen sich gegen den Zweifel und den anfänglichen Unglauben durchsetzen musste. Im Licht der Ostererfahrung kann nun aber auch mit letzter Klarheit jeder der großen Titel auf Jesus angewendet werden. Im Licht der Ostererfahrung wird deutlich: Jesus ist Messias in der Weise, dass er auch das Leiden mit einbezieht. Das ist das große Thema des „Schriftgespräches“ auf dem Weg nach Emmaus, wo Jesus – wie ein alttestamentlicher Theologe einmal gesagt hat – „ein alttestamentliches Kolleg über sich selbst“ hält.[16] „Musste nicht der Messias all das erleiden, um auf diese Weise in seine Herrlichkeit einzugehen?“ (Lk 24, 26) Das war die große Frage, die bewältigt werden musste.

Im Licht der Ostererfahrung kann nun der Gottestitel „Kyrios“ auf ihn angewendet werden, der Herr Jesus ist der Herr! Im Licht der Ostererfahrung kann Thomas gewissermaßen das ganze Bekenntnis der Kirche zusammenfassen, wenn er am zweiten Sonntag der Kirchengeschichte, „acht Tage darauf“, noch einmal dem Auferstandenen begegnen darf, vor ihm auf die Knie fällt und sagt: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20, 28). Im Lichte der Auferstehungserfahrung können all die Titel auf ihn angewendet werden: „Messias“, „Erlöser“, „Soter“. Vorösterlich hätte man

[16] Hans HÜBNER, Biblische Theologie des Neuen Testamentes, Bd. III, Hebräerbrief, Evangelien und Offenbarung. Epilegomena, Göttingen 1995, 142; vgl. Rudolf VODERHOLZER, Die Einheit der Schrift und ihr geistiger Sinn. Der Beitrag Henri de Lubacs zur Erforschung von Geschichte und Systematik christlicher Bibelhermeneutik (= Sammlung Horizonte, Neue Folge, Bd. 31) Freiburg 1998, 251–254.

noch gar nicht wissen können, wodurch die Erlösung geschieht, was sie kostet, wie weit Gott in Jesus dem Christus gehen würde! Nachösterlich aber sind alle diese Titel legitim und notwendig. Aber die Wirklichkeit ist noch viel größer als sie durch alle möglichen Titel zum Ausdruck gebracht werden könnte. Darauf hat Romano Guardini einmal hingewiesen und man kann das gar nicht dick genug unterstreichen. Die nachösterliche Kirche hat Jesus nicht zu etwas hochstilisiert, was er gar nicht gewesen sei – so eine gelegentlich vorgebrachte aber unhaltbare These.

Vielmehr reichen all‘ die Hoheitstitel, die diesem Jesus von Nazareth im Licht von Tod und Auferstehung zu Recht gegeben werden, niemals aus, um die Fülle des Heils und des göttlichen Lebens auszuschöpfen, die er in seiner Person verwirklicht.[17]

 

V. „Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm; durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jes 53, 5)

1.  Christus bringt nicht nur das Heil, sondern er ist es

Jesus bringt nicht nur einfach das Heil. Er ist es. Eine Beziehung zu ihm ist der Dreh- und Angelpunkt aller christlichen Existenz.

In der theologischen Fachsprache hat sich in den letzten Jahrzehnten zur Bezeichnung eines wesentlichen Zuges von Jesu Sein und Wirken ein kurzes prägnantes Fachwort eingebürgert, nämlich „Proexistenz“. „Proexistenz“ ist ein weiterer Begriff, der auf der Reflexionsebene Sein und Wesen Jesu Christi unter der Rücksicht des Daseins-für-uns zum Ausdruck bringt. Es handelt sich bei diesem Wort „Proexistenz“ um eine sprachliche Anlehnung einerseits an den Begriff

„Koexistenz“ sowie andererseits auch an ein schon älteres theologisches Fachwort von der „Präexistenz“, womit die Existenz des Sohnes im ewigen Sein des Dreifaltigen Gottes bezeichnet wird. Schöpfer der Formulierung „proexistent“ oder

„Proexistenz“ scheint nach ähnlichen hinführenden Formulierungen bei den reformierten Theologen Bonhoeffer und Karl Barth aber der katholische Exeget

[17] Romano GUARDINI, Die menschliche Wirklichkeit des Herrn. Beiträge zu einer Psychologie Jesu, Mainz ³1991 [Erstauflage Würzburg 1958], 85: „Der Christus, den der ernsthaft Glaubende meint, ist jener der ursprünglichen Wirklichkeit. Die Verkündigungen der Apostel aber sind Hinführungen zu Ihm und bleiben hinter seiner gottmenschlichen Fülle stets zurück. Die Apostel sagen niemals mehr, als der historische Jesus war, sondern immer nur weniger. Daher denn auch jeder, der das Neue Testament richtig liest, hinter jedem seiner Sätze eine Wirklichkeit vorleuchten fühlt, die das Gesagte übersteigt. Die echte biblische Theologie muss also gegenüber der rationalistischen Einstellung geradezu eine ‚kopernikanische Wendung‘ vollziehen.“ Vgl. Josef KREIML, Die Selbstoffenbarung Gottes und der Glaube des Menschen. Eine Studie zum Werk Romano Guardinis (= MThS II/60), St. Ottilien 2002, 233.

Heinz Schürmann gewesen zu sein.[18] Und er greift damit die Aussage der Abendmahlworte „für euch“ und „für die vielen“ auf, die ihrerseits im großen Glaubensbekenntnis anklingen, wo es heißt: „Qui propter nos homines et propter nostram salutem descendit de caelis“ – „Für uns und um unseres Heiles willen, ist er vom Himmel herabgekommen“. Der Begriff ist mittlerweile sogar lehramtlich aufgegriffen worden. In einer Predigt während seines Deutschlandbesuches ging Papst Benedikt XVI. auf Christus und seine Proexistenz für uns ein.[19]

Wenn die an der Kreuzigung als Schaulustige Beteiligten Jesus verspotten als denjenigen, der anderen geholfen hat, nun aber sich selbst nicht helfen könne (vgl. Lk 23, 35), bringen sie ungewollt ein Wesensmoment des Wirkens Jesu zum Ausdruck. Denn er ist tatsächlich nicht für sich, sondern für andere, für die vielen gekommen. Die Hingabe ist dabei sowohl vertikal als auch horizontal zu verstehen. Jesus überliefert sich (vertikal) im Gehorsam restlos dem Willen des Vaters. „Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir. Aber nicht was ich will, sondern was du willst, soll geschehen“ (Mk 14,36). Und vom Vater her gesendet gibt sich Jesus ganz in den Dienst an den Menschen. Jesu Verkündigung wie sein Handeln stehen im Dienst am Heil der Menschen. Er weiß sich gesandt zu den Kranken, zu den vielfältig Geschundenen, zu denen, die sich in der Sünde und damit in die Gottferne verrannt haben. „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken“ (Mk 2, 17). In besonderer Weise ist Jesu Dienst Einladung, Tischgemeinschaft, ein Suchen, eine Annahme der Sünder, Schulderlass. Er gilt als Freund der Sünder und Zöllner. Zusammenfassend stellt er sein Wirken als Tischdienst dar. „Ich bin in eurer Mitte wie der, der bei Tisch bedient“ (Lk 22, 27).

Für die Jünger gilt die Regel, die er selbst vorlebt. „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein“ (Mk 9, 35). Nach dem Johannesevangelium fasst Jesus im Abendmahlssaal seine „Proexistenz“, sein „Dasein für“ in der beispielgebenden Zeichenhandlung der Fußwaschung zusammen (vgl. Joh 13, 1–17).

Eine Schlüsselstelle im Markusevangelium überliefert ein Jesuswort, das sein „Für- Sein“ im Licht der Gestalt des leidenden Gottesknechtes deutet. „Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld hinzugeben für die vielen“ (Mk 10, 45). Damit ist nun auch schon

[18] Vgl. Heinz SCHÜRMANN, „Pro-Existenz“ als christologischer Grundbegriff, in: Analecta Cracoviensia 17 (1985) 345–372
[19] „Christliche Existenz ist Pro-Existenz: Dasein für den andern, demütiger Einsatz für den Nächsten und für das Gemeinwohl.“ (BENEDIKT XVI., Predigt bei der Eucharistiefeier in Freiburg am 25.18 Vgl. Heinz SCHÜRMANN, „Pro-Existenz“ als christologischer Grundbegriff, in: Analecta Cracoviensia 17 (1985) 345–372. September 2011, online auf http://www.vatican.va)

die Lebenshingabe Jesu in Verbindung mit seiner Proexistenz gebracht. Denn Jesu Passion ist nicht ein Fremdkörper in einer sonst von Erfolg verwöhnten Lebensgeschichte. In Jesu Passion wird der Sinn seiner Sendung offenbar. In Jesu Tod erfüllt sich das Leben Jesu, das in allen seinen Dimensionen Dienst am Gottesreich war. Der Tod Jesu am Kreuz gehört zu den unbestreitbaren, historischen Tatsachen im Leben Jesu. Alle neutestamentlichen Zeugen bestätigen ihn. Jesus war unschuldig verurteilt worden und erlitt die schändlichste Todesart „mors turpissima crucis“. Der Kreuzestod war die römische Hinrichtungsart für rechtlose Sklaven und Staatsverbrecher; schändlich wegen des sich oft lange hinziehenden Erstickungstodes, der mit der Kreuzigung oft verbundenen vielfach bezeugten sadistischen Peinigungen durch die Henker und vor allem wegen des vollends entwürdigenden Öffentlichkeitscharakters. Aus der nachösterlichen Perspektive sprechen die neutestamentlichen Zeugen dem Tod Jesu am Kreuz seine universale Heilsbedeutsamkeit zu. Durch den Tod am Kreuz wurde Jesus zum Retter und Erlöser der Welt! Er habe den Tod im Gehorsam gegenüber dem Willen des Vaters als ein Opfer auf sich genommen, durch das die Sünde gesühnt und der Neue Bund als eine ewige Lebensgemeinschaft der Menschen mit Gott geschlossen wird für jeden, der im Glauben und in der Liebe sich für die Herrschaft Gottes öffnet.

Lässt sich auch dafür ein historischer Anhaltspunkt im Selbstverständnis Jesu benennen? Wiederum ist ein Ansatz zur Klärung dieses Sachverhalts Jesu zentrales Anliegen der Verkündigung und Vergegenwärtigung der Gottesherrschaft. Rudolf Bultmann, Sie wissen es vielleicht, hat vermutet, Jesus habe selbst nicht von der Heilsbedeutsamkeit seines Todes gesprochen und seinem Tod auch keine Heilsbedeutsamkeit beigemessen. Es sei damit zu rechnen, so Bultmann, dass Jesus seinen Tod ganz einfach als ein Scheitern verstanden hat, so sinnlos wie jedes andere Sterben auch in dieser Welt.[20] Ist Jesus gar – wie auch schon vermutet worden ist – von seinem Tod völlig überrascht worden? Oder ist er in heldenhafter Treue zu seiner Überzeugung untergegangen, während dann die Jünger später im Licht des Osterglaubens eine Erlösungsdimension hineingedeutet haben? Diese Extrempositionen sind heute längst aufgegeben. Davon auszugehen, Jesus sei von seinem Ende in Jerusalem überrascht worden, hieße ihm jeglichen Realitätssinn absprechen. Jesus hatte das gewaltsame Ende Johannes des Täufers vor Augen und er wusste auch um das Schicksal vieler Propheten. Seinen Jüngern verschwieg er nicht, dass ihm nachzufolgen gefährlich sei. Ganz offen hatte er vom Kreuztragen und sogar von der Möglichkeit, sein Leben zu verlieren, gesprochen. Und sollte er,

[20] Vgl. Rudolf BULTMANN, Das Verhältnis der urchristlichen Christusbotschaft zum historischen Jesus, in: Ders., Exegetika, Tübingen 1967, 445–469.

dessen ganzes Reden und Wirken erfüllt war von der Ansage des Reiches Gottes, nun ausgerechnet seinen auf Grund der Reich-Gottes-Proklamation zu erwartenden Tod nicht damit in Verbindung gebracht haben? Wenn schon sein ganzes Wirken Ausdruck der Reich-Gottes-Verkündigung und der Reich-Gottes- Vergegenwärtigung war, musste dann nicht auch der Tod als Konsequenz dieses Wirkens ein sogar entscheidendes Element der Reich-Gottes-Proklamation sein? „Ich sage ich euch, von nun an werde ich nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken bis das Reich Gottes kommt“ (Mk 14, 25). Dieses Wort, gesprochen unmittelbar vor der Einsetzung der Eucharistie, verbindet die Ankündigung seines Todes mit dem Ausdruck der festen Zuversicht, dass auch sein gewaltsames Sterben- Müssen die Heraufkunft des Reiches Gottes nicht aufhalten kann, mehr noch, es ist außerordentlich wahrscheinlich, dass er seinen Tod in einen ursächlichen Zusammenhang mit der ausstehenden und erwarteten Vollendung des Reiches Gottes gesetzt hat. In der Stunde der Entscheidung, in der Jesus bewusst werden musste, dass er mit seiner Sendung an Israel nicht erfolgreich war, hat er nicht resigniert und ist nicht verzweifelt. Er bleibt seiner Sendung treu gegen alle menschlichen Widerstände und ist bereit, sein Sterben aus der Hand des Vaters entgegenzunehmen und es auch dem Vater zu überlassen, wie aus seinem Todesgeschick Heil und Leben erwachsen würden. Wenn Jesus sein Todesgeschick als Reich-Gottes-Geschick verstanden hat, konnte er zuversichtlich hoffen, dieses würde Heil wirken. Das nähere Wissen, wie der Vater diese seine Hingabe heilseffizient machen würde, mag auch für ihn in der Todesstunde nur ein existenziell dunkles Verstehen gewesen sein. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15, 34) Ostern sollte dann deutlich werden, wie sehr hier letztlich alle überlieferten soteriologischen Redeweisen versagten, weil Jesus proexistent die Sünderliebe, die proexistente Liebe Gottes präsentierte, die alle Sünde in sich aufnahm und im Herzen Jesu überwand. Zusammenfassend kann man auch hier noch einmal sagen: Die Abendmahlsworte, „das ist mein Leib“ für euch und „dieser Kelch ist der Bund in meinem Blut. Tut dies sooft ihr daraus trinkt zu meinem Gedächtnis“ (vgl. Lk 22, 19; 1 Kor 11, 25) ist Zusammenfassung der gesamten Proexistenz Jesu – vorösterlich – und nach vorne blickend, der Ort seiner sakramentalen Gegenwart bis ans Ende der Zeiten.

2.  Das Grabtuch von Turin als mögliche Brücke zum historischen Jesus

Das Grabtuch von Turin soll nun abschließend betrachtet werden. Man wollte es im Jahre 1898 endgültig verräumen, auf die Müllhalde der frommen Fälschungen und der dem Glauben nicht dienlichen gefälschten Reliquien werfen. Es sollte noch einmal mit der neu aufstrebenden Fotografietechnik festgehalten, dokumentiert und dann weggesperrt werden. Und dann diese Sensation: Im Foto-Negativ kommt deutlicher ein Antlitz zum Vorschein. 1900 Jahre lang hatte man nur ein schwaches Abbild davon sehen können. Seit dieser denkwürdigen Fotosensation ist das Turiner Grabtuch zum am besten erforschten Objekt der Geschichte geworden. Es gibt eine eigene Wissenschaft, die Sinologie, wo in Interdisziplinarität Naturwissenschaftler, insbesondere Chemiker, aber auch Botaniker, Literaturwissenschaftler, Byzantinisten, Historiker, Gerichtsmediziner, Anatomen und Textilkundler zusammenwirken. Es gibt kaum einen Wissensbereich, der nicht berührt ist in der Wissenschaft vom Grabtuch von Turin. Diejenigen, die sich damit zu beschäftigen beginnen, können in aller Regel nicht mehr aufhören, so fasziniert sind sie von den Geheimnissen, die es birgt.

Es werden sieben Besonderheiten des Grabtuchs von Turin benannt, vor allem in Bezug auf das Antlitz, aber auch der übrigen Körperpartien, die es außerordentlich wahrscheinlich machen, dass es das Tuch ist, in das Jesus gelegt worden ist. Fest steht, dass es kein Gemälde ist. Man weiß einfach nicht, wie der Abdruck in dieses Tuch gekommen ist. Es ist ein Geheimnis. Fest steht auch, dass die Radiocarbon- Untersuchung des Jahres 1988 sehr schlampig gemacht worden ist. Es vertritt heute auch kaum mehr einer der Wissenschaftler diese Behauptung, dass es von daher zwingend ins Mittelalter zu datieren sei. Viel bemerkenswerter ist die Pollenanalyse. Es ist nachgewiesen, dass das Tuch Spuren von Blütenstaub hat, wie er in dieser Zusammensetzung nur in Palästina vorkommt. Nimmt man nun die näheren Punkte[21] noch dazu, die ich hier noch nennen darf, steht man wirklich vor einer außerordentlich großen Herausforderung.

Erstens ist die Existenz eines solchen Tuches selbst schon erstaunlich. Die meisten Gekreuzigten wurden zur Abschreckung am Kreuz belassen und dann eben dem Fraß der wilden Tiere überlassen. Dass überhaupt ein Gekreuzigter eine geordnete Kreuzabnahme erfuhr und in ein kostbares Leinentuch gelegt wurde, spricht für ein außerordentlich intaktes und aktives soziales Umfeld, was man wahrscheinlich nur von sehr, sehr wenigen Gekreuzigten sagen kann.

Absolut einzigartig sind die Kopfverletzungen, die der Gekreuzigte, der in diesem Tuch gelegen hat, aufweist. Eine Dornenhaube – der ganze Kopf ist mit Wunden übersät. Es gibt kein Beispiel aus der Geschichte, das bezeugt, dass ein Gekreuzigter

[21] Ich fasse hier frei zusammen, was Bruno BARBERIS, Die Identifizierung des Mannes auf dem Grabtuch. Ein Aspekt der Authentizitätsfrage, in: Elisabeth Maier (Hg.), Das Turiner Grabtuch, Wien 2005, 183–196, ausgeführt hat.

auf diese Weise zusätzlich gequält wurde, wie wir es von Jesus wissen, der ja als vermeintlicher Messias und politischer König verspottet wurde.

Auch die Schulterverletzung, die für das Kreuztragen spricht, ist Jesus spezifisch, wenngleich wir wissen, dass es wohl viele gegeben hat, die ihr Kreuz auch zum Richtplatz tragen mussten. Aber es ist durchaus nicht bei allen Gekreuzigten so gewesen. Manchmal waren bei Massenhinrichtungen einfach gar nicht genügend Kreuze vorhanden, so dass Kreuze oft auch wieder verwendet wurden.

Auch die Nagelwunden, die für eine Annagelung ans Kreuz sprechen, stimmen mit der Jesusüberlieferung überein. Gegen eine Fälschung spricht in diesem Zusammenhang, dass die Nagelwunden nicht, wie es in der Ikonografie üblich ist, in die Handflächen getrieben sind, sondern hinter der Handwurzel. Das ist historisch sehr viel wahrscheinlicher, weil das Handgewebe das Gewicht des Gekreuzigten gar nicht hätte tragen können.

Wiederum außergewöhnlich ist, dass die Beine des Mannes, der ins Turiner Grabtuch gelegt wurde, nicht gebrochen sind. Man hat, um den Erstickungstod zu beschleunigen, das Sich-immer-wieder-Aufrichten des Körpers der Gekreuzigten dadurch unterbunden, dass man die Beine zerbrochen hat. Das hat dann das Aufrichten unmöglich gemacht und den Erstickungstod beschleunigt. Der Mann, der in diesem Tuch gelegen hat, hat keine gebrochenen Beine, dafür eine geöffnete Herzwunde.

Auch handelt es sich um eine provisorische Bestattung. Der Leichnam ist nicht gewaschen worden. Und er kann nur sehr kurz in diesem Tuch gelegen haben. Es gibt zwar eindeutige Zeichen einer Totenstarre, zugleich aber keine Spuren von Verwesung.

Alles das stimmt meines Erachtens sehr, sehr nachdenklich. Das kirchliche Lehramt hat sich klugerweise nie zur Authentizität des Turiner Grabtuches geäußert.

Niemand muss „daran“ glauben. Selbst wenn die Authentizität erwiesen wäre, wäre es noch immer kein Beweis für den Glauben. Für den Glauben gibt es keinen Beweis im mathematisch-naturwissenschaftlichen Sinne. Auf jeden Fall ist es ein Zeichen für die Erfindungskraft menschlicher Grausamkeit einen anderen Menschen zu Tode zu bringen. Die Abgründe menschlicher Brutalität begegnen einem, wenn man sich auf dieses Tuch einlässt. Aber es ist auch durchaus möglich – und ich halte es für außerordentlich wahrscheinlich – dass wir in diesem Tuch tatsächlich unserem Herrn begegnen. Sollte es wirklich das Grabtuch Jesu sein, dann zeigt es uns, was es wirklich und konkret geheißen hat, was Paulus sagt: Dass Gott ihn für uns zur Sünde gemacht hat (vgl. 2 Kor 5, 21), wie er allen Hass der Welt gleichsam auf sich gezogen hat, an sich hat austoben lassen, indem er das Böse nicht mit Bösem vergolten, sondern für seine Peiniger noch gebetet hat und auf diese Weise seine eigene Lebenshingabe zur letzten Realisierung seiner Reich-Gottes-Botschaft hat werden lassen. Setzen wir uns diesem Antlitz aus, das das Antlitz der Barmherzigkeit Gottes ist. Lassen wir uns von ihm bewegen, auch in der Tiefe anrühren, damit wir ihm ähnlicher werden und dann die durch ihn geschenkte Barmherzigkeit auch weiterschenken. Das wäre die Botschaft gerade auch jetzt in diesem von Papst Franziskus ausgerufenen „Jahr der Barmherzigkeit“.

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Quelle

Bischof Rudolf Voderholzer: Predigt bei der Ausstellungseröffnung zum Turiner Grabtuch

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Bischof Rudolf Voderholzer hielt einen Gottesdienst anlässlich der Eröffnung der Ausstellung zum Turiner Grabtuch „Wer ist der Mann auf dem Tuch? Eine Spurensuche“ am 19. August 2016. Hier  die komplette Predigt.

Statio und Predigt zur Messfeier mit Eröffnung der Ausstellung des Turiner Grabtuches im Dom zu Regensburg am Freitag 19. August  2016

Statio

Liebe Mitbrüder im Bischofs-, Priester- und Diakonenamt! Liebe Verantwortliche und Mitglieder des Malteserordens ! Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

Ohne zu zögern und mit großer Freude habe ich die Einladung angenommen, mit Ihnen im Regensburger Dom die Eucharistie zu feiern anlässlich der Eröf fnung der Ausstellung zum Turiner  Grabtuch.

Ich habe, wie Sie wissen, selbst ein solches sehr getreues und ausdrucks­ starkes Faksimile des Turiner Grabtuches erworben. Und zum Jahr der Barmherzigkeit ist es seit der Fastenzeit durch das Bistum unterwegs.

Und so fügt es sich großartig, dass ergänzend und vertiefend dazu nun auch Ihre, der Malteser Ausstellung in Regensburg gezeigt wird. Ich habe sie schon in Altötting und auch in Salzburg gesehen, finde sie sehr gelungen und ich kann nur allen von Herzen danken, die sich um die Ausstellung in Regensburg verdient gemacht haben. Der Malteser­ Hilfsdient, dessen Wirken man für gewöhnlich mit den leiblichen Werken der Barmherzigkeit  verbindet -und wir haben ja  die Vorstellung gerade gehört, tut mit der Organisation dieser Ausstellung auch hier in Regensburg ein wichtiges Werk der geistlichen Barmherzigkeit, weil es uns informiert und uns hilft zur Begegnung mit dem Antlitz des barmherzigen  Gottes.

Bei all dem ist uns klar: diese Ikone ersetzt nicht die Begegnung mit dem Herrn in seinem Wort und im Sakrament der Eucharistie, führt aber hin: Und so bereiten wir uns vor auf das heilige Tun, indem wir den Herrn, gegenwärtig in unserer Mitte, darum bitten, uns würdig und bereit zu machen für die Begegnung mit ihm:

Predigt

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

„Sie werden auf den schauen, den sie durchbohrt haben“, mit diesem Schriftwort aus dem Alten Testament begründet der Johannesevangelist den besonderen Umstand, dass man Jesus am Kreuz mit der Lanze ins Herz bohrte, so dass Blut und Wasser herausströmten. Und mit einem anderen Schriftwort wird die Besonderheit erklärt, dass man Jesus -weil er schon tot war – die Beine nicht zertrümmerte . Beide Besonderheiten, die bei einer Kreuzigung so gut wie nie vorkamen, uns aber in der Johannespassion, wie wir gerade gehört haben, überliefert sind, bezeugt auch das Turiner Grabtuch. Aber nicht nur dies! Auf wen schauen wir, wir dieses Tuch betrachten?

Eigentlich hätte es im Jahr 1898 endgültig verräumt werden sollen, noch einmal fotografisch – mit der damals neuen und  aufstrebenden  Technik – dokumentiert werden und dann endgültig auf der Müllhalde frommer Fälschungen und dem Glauben nicht dienlicher Pseudo-Reliquien verschwinden sollen.

Und dann die Sensation: Das Negativ der Fotoplatte zeigt ein viel deutlicheres Bild eines von dem Grabtuch ganz umhüllten Gekreuzigten, und die Gesichtsabdrücke des Toten blicken einen -paradox – geradezu durchdringend an. Sie haben eine Reproduktion dieses Negativs vom Antlitz des Gekreuzigten – nur ein kleiner Teil natürlich des ganzen Grabtuches – ausgeteilt bekommen.

Das Grabtuchbild wirkt also, das war die Sensation, selbst wie eine Art Fotonegativ, ohne es freilich zu sein. Vorbei war es mit dem ruhigen Wegräumen. Im Gegenteil! Seit dieser Entdeckung hält das Tuch, das seit dem 16. Jahrhundert in der Kathedrale von Turin aufbewahrt wird, Naturwissenschaftler, insbesondere Botaniker und Chemiker, Textilkundler, Ikonographen, Byzantinisten, Kunsthistoriker und Kunstmaler, Gerichtsmediziner, Historiker und nicht  zuletzt Bibelwissenschaf tler in Atem. Es gilt mittlerweile als das am besten untersuchte Objekt der Geschichte.

Papst Franziskus hat mit dem Schreiben „Misericordiae vultus“, Christus ist das Antlitz der Barmherzigkeit Gottes, dieses Jahr zum Heiligen Jahres der Barmherzigkeit ausgerufen. Ich bin mehr denn je überzeugt, dass in der Begegnung mit dem Antlitz, das sich in dieses Tuch eingeprägt hat und das möglicherweise das getreue Abbild von Christi Antlitz birgt, dem barmherzigen Gott in einzigartiger Weise begegnen kann.

Was das Grabtuch betrifft: Es ist ganz offenkundig kein von Menschen gemachtes Kunstwerk, hat aber wohl die Ikonographie der Christus­-Ikone und auch der westlichen Christusdarstellungen geprägt bis hin zum Selbstporträt Albrecht Dürers aus dem Jahre 1500, dem so genannten Selbstbildnis im Pelzrock, bei dem er ja sein eigenes Bild mit dem Christi in eins malt.

Das so genannte Turiner Grabtuch ist über vier Meter lang und über  einen Meter breit. Während es in Turin der ganzen Länge nach  ausgestellt wird, präsentieren Sie es so, dass man es umschreiten und so die Vorder- und Rückseite sehen kann. Die längste Zeit seiner Geschichte war das Tuch aber wohl zusammengefaltet. Man kann es so zusammenlegen , dass es -ca. 2,5 kg schwer -bequem in einer Aktentasche Platz hat. So zusammengelegt hat das Tuch auch etliche brenzlige Situationen überstanden. Man sieht darauf Wasserflecken, aber auch, ganz dominant, die symmetrisch angeordneten Stellen, an denen bei einem Brand flüssiges Metall durch die einzelnen Lagen hindurchtropfte. Man hat diese Brandlöcher dann zunächst mit Flecken übernäht, bei einer der letzten Ausstellungen aber wurden sie abgenommen, so dass jetzt die dreieckigen Löcher zu sehen sind.

Alle Versuche, das Tuch als eine Fälschung, etwa als ein frommes Gemälde zu entlarven, sind gescheitert. Die Datierung durch eine nicht sehr sorgfältig durchgeführte Radio-Carbon-Untersuchung im Jahre 1988, die das Tuch in das Mittelalter stellt, ist unhaltbar. Eine Pollenuntersuchung hingegen hat Spuren von Blütenstaub zutage gefördert, wie er so und in dieser Zusammensetzung nur in Palästina vorkommt. Das Zustandekommen ist nicht geklärt. Wir stehen vor einem Geheimnis.

Folgende Gründe werden für die hohe Wahrscheinlichkeit genannt, dass es sich bei dem Turiner Grabtuch tatsächlich um das Leinen handelt, in das der gekreuzigte und vom Kreuz abgenommene Jesus am Karfreitag auf die Schnelle eingehüllt und in dem er bestattet wurde – wie wir es vorhin aus dem Johannesevangelium gehört haben, in dem er aber nur kurz gelegen sein kann.

Da ist zunächst die Tatsache, dass der Gekreuzigte, dessen anatomisch exakte Züge sich in dem Leinentuch abgebildet haben, überhaupt in ein solches kostbares, nach dem Fischgrat-Muster gewebtes, Tuch gehüllt wurde. Das war selten. Die meisten Leichen wurden zur Abschreckung am Kreuz belassen und wilden Tieren zum Fraß überlassen. Dass eine geordnete Kreuzabnahme und eine Bestattung überhaupt stattfanden, spricht für ein tatkräftiges soziales Umfeld des Mannes.

Geradezu einzigartig sind die Kopfverletzungen, die der Mann in dem Grabtuch von Turin aufweist und die von einer Art Dornenhaube herrühren. Es gibt kein Zeugnis dafür, dass dies bei der Kreuzigung eines Verbrechers üblich gewesen wäre, weder bei den Römern noch anderswo. Von Jesus aber wird überliefert, dass ihm die Soldaten zum Spott eine solche Krone geflochten und aufgedrückt haben. Der Rücken weist darüber hinaus Spuren von über 100 Geiselhieben auf. Üblich waren weit weniger. Bei Jesus wissen wir, dass Pontius Pilatus ihn eigentlich zur Erziehung und Besserung nur hätte geißeln lassen und dann freilassen wollen, bevor er sich dann doch zum Todesurteil entschloss. So aber ging Jesu Kreuzigung eine besonders heftige Geißelung voraus, die ihn dann ja auch so geschwächt hatte, dass er am Kreuz nicht mehr lange aushielt.

Ein dritter Gesichtspunkt: Der Mann auf dem Grabtuch muss ein schweres Objekt auf den Schultern getragen haben. Davon zeugen die entsprechenden Schürfwunden. Es stimmt, dass oft Delinquenten ihr Kreuz zum Hinrichtungsplatz tragen mussten. Aber gerade auch bei Massenhinrichtungen waren gar nicht genügend neue Folterwerkzeuge parat. Der Mann gehörte, so wie wir es auch von Jesus überliefert haben, zu denen, die wohl den 40 bis 50 kg schweren Querbalken selbst zur Hinrichtungsstätte schleppen mussten.

Der Mann wurde darüber hinaus mit Nägeln am Kreuz befestigt. Auch dies war nachweislich nur offiziellen Kreuzigungen vorbehalten. Bei Massenkreuzigungen wurden Hände und Füße oft nur mit Seilen angebunden, so dass nach dem Brechen der Gebeine die Hingerichteten qualvoll erstickten.

Ein außerordentlich sprechendes Zeichen des Turiner Grabtuches ist, dass die Beine des darin eingehüllten gerade keine Spuren des Zerschlagens zeigen, dafür aber eine Stichwunde an der Seite. Diese beiden Aspekte in einem gehören zu den Besonderheiten des Turiner Grabtuches. Sie entsprechen aber exakt dem Bericht, den uns der Johannesevangelist überliefert hat.

Ferner zeugen die erhaltenen Spuren für eine eilige und nur provisorische Bestattung, der Leichnam war nicht gewaschen worden.

Und schließlich kann der Leichnam nur kurz im Leinentuch gelegen haben. Es zeigt keine Anzeichen von Verwesung, während aufgrund der nachgewiesenen Totenstarre am wahren Tod des Bestatteten kein  Zweifel besteht.

„Der Mathematiker Bruno Barberis hat berechnet, dass alle genannten ,jesustypischen‘ Merkmale des Grabtuchs nur auf einen einzigen unter 200 Milliarden Gekreuzigten wieder zuträfen. Selbstverständlich ist das kein zwingender Beweis, aber es sei doch angemerkt, dass in den letzten 2 000 Jahren maximal 200 Milliarden Menschen gelebt haben.“ So Prof. Dietz, einer der besten Kenner der Grabtuschforschung (in der DT vom Karsamstag letzten Jahres).

Das kirchliche Lehramt, liebe Schwestern und Brüder, hat gut daran getan, sich nicht zur Authentizität des Grabtuches zu äußern. Und es ist klar festzuhalten: Niemand ist verpflichtet, an die Echtheit des Grabtuches zu glauben. Und selbst wenn die Authentizität erwiesen wäre, würde es den Glauben noch nicht beweisen,  der ein personaler Akt und ein Akt der Freiheit ist.

Papst Benedikt hat im Sinne eines persönlichen Glaubenszeugnisses einmal darauf hingewiesen, ,,dass das heilige Grabtuch wie  ein ,fotografisches‘ Dokument ist, das ein ,Positiv‘ und ein ,Negativ‘ hat. Es ist wirklich so: Das dunkelste Geheimnis des Glaubens ist zur gleichen Zeit das hellste Zeichen einer Hoffnung, die keine Grenzen hat. Der Karsamstag ist das ,Niemandsland‘ zwischen Tod und Auferstehung, aber dieses ,Niemandsland‘ hat einer, der Einzige betreten, der es durchquert hat mit den Zeichen seines Leidens für den Menschen.“

Sollte das Turiner Grabtuch nicht dasjenige sein, in das der gekreuzigte Jesus gehüllt worden ist, dann stellt es uns zumindest die Grausamkeit  vor Augen, den Erfindungsreichtum menschlicher Grausamkeit, wenn es darum geht, einen anderen Menschen auf entwürdigende Weise zu Tode zu quälen.

,,Sie werden auf  den schauen, den sie durchbohrt haben!“

Sollte es wirklich das Grabtuch Jesu sein, dann zeigt es uns, was es wirklich und konkret geheißen hat, was Paulus im Zweiten Korintherbrief heute sagt, dass Gott ihn für uns zur Sünde gemacht hat. Wie er allen Hass der Welt gleichsam auf sich gezogen hat, an sich hat austoben lassen, indem er das Böse nicht mit Bösem vergolten sondern für seine Peiniger noch gebetet hat. Als der einzige, der das Niemandsland des Todes durchschritten und zum Jemandsland gemacht hat, ist Er Grund für eine Hoffnung, die stärker ist als Grab und  Tod.

Setzen wir uns seinem Antlitz aus, das das Antlitz der Barmherzigkeit Gottes ist. Lassen wir uns von diesem Antlitz bewegen, in der Tiefe anrühren, damit wir ihm immer ähnlicher werden und die empfangene Barmherzigkeit weiterschenken. Amen.

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Quelle

Siehe dazu ferner:

Bruch oder Kontinuität? Zur Hermeneutik des II. Vatikanischen Konzils

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Vortrag von Prof. Dr. Rudolf Voderholzer,

Trier / Regensburg am 12. Oktober 2012 in Passau

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Sie haben mich eingeladen, anlässlich der 50. Wiederkehr der Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils zu Ihnen zu sprechen und ich habe vorgeschlagen, eines der gegenwärtig am heftigsten diskutierten Themen aufzugreifen, nämlich die Frage: Bedeutet das Konzil einen „Bruch“ oder ist vielmehr die „Kontinuität“ mit der vorausgehenden Geschichte bei der Interpretation zu beachten. Ich will meine Antwort einbetten in eine, notgedrungen, knappe Gesamtwürdigung des Konzils und abschließen mit der Benennung einiger „Hausaufgaben“ im Zusammenhang mit dem bevorstehenden „Jahr des Glaubens“ im Kontext der notwendigen Neuevangelisierung  Europas.

 

I.  Das Zweite Vatikanische Konzil – ein Konzil nicht wie die vorigen 

Am 11. Oktober 1962, gestern also vor 50 Jahren, wurde das Zweite Vatikanische Konzil nach einer Vorbereitungszeit von fast vier Jahren mit einem feierlichen Gottesdienst im Petersdom eröffnet.

An einem symbolträchtigen Festtag hatte Papst Johannes XXIII. die Einberufung des Konzils angekündigt: Es war der 25. Januar 1959 gewesen, das Fest der Bekehrung des Apostels Paulus und zugleich Ende und Höhepunkt der Gebetswoche für die Einheit der Christen – für viele nicht ganz zu Unrecht auch schon, was die inhaltliche Ausrichtung des Konzils angeht, ein Signal: das Konzil als Erfüllung der Gebete um die Einheit der Kirche!

Auch der Tag der feierlichen Eröffnung war damals, 1962, ein Feiertag: Das Fest der Gottesmutterschaft Mariens, von Papst Pius XI. 1931 anlässlich der 1500-Jahr-Feier des Konzils von Ephesus 431, das den Titel „theotokos“ für Maria definitiv für legitim und richtig erklärte, eingeführt. Es gehört paradoxerweise zu den Auswirkungen des Konzils, dass der Festtag, an dem es eröffnet wurde, im Zuge der Liturgiereform abgeschafft wurde. Der 11. Oktober ist heute auch in der Kirche ein normaler Werktag, es sei denn, er wird, wie in Passau, als Gedenktag für den seligen Papst Johannes XXIII. begangen.

Den Festtag freilich, an dem das Konzil 1965 feierlich beendet wurde, am 8. Dezember nämlich, den gibt es noch. Eingerahmt, hineingestellt zwischen diese zwei Marien-Feste vertraut sich die Kirche, das wird damit gesagt, der besonderen Fürsprache der Gottesmutter Maria an, die in der Kirchenkonstitution „Lumen gentium“ als Urbild der Kirche und des Glaubens neu vor Augen gestellt wird (LG, VIII. Kapitel).

Das Zweite Vatikanische Konzil, das als das 21. Ökumenische Konzil in der Liste der Konzilien geführt wird – ökumenisch im Sinne von „nicht nur eine Teilkirche“, sondern die ganze Weltkirche betreffend und weltweit in der katholischen Kirche rezipiert – unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht von den Konzilien früherer geschichtlicher Epochen:1

1.  „Verheutigung“ („Aggiornamento“) statt Verurteilung 

Anders als die allermeisten der vorangegangenen Konzilien war es nicht notwendig geworden, um einen innerkirchlichen Streitfall zu lösen, etwa eine Irrlehre zurückzuweisen oder einen umstrittenen theologischen Standpunkt zu klären. Nicht eine innerkirchliche Frage motivierte Johannes XXIII. zur Einberufung des Konzils, sondern die ihm notwendig scheinende „Aktualisierung“ der Botschaft, die „Verheutigung“, das „Aggiornamento“, der christlichen Botschaft in Bezug auf die sich rasant verändernde Welt als Adressatin ihrer Botschaft. Der Begriff „Aggiornamento“ kommt aus der Sprache der Buchhaltung; Rechnungsbücher auf den neuesten Stand bringen, ist ganz ursprünglich damit gemeint. Im theologischen Zusammenhang ist „Verheutigung“ wohl der beste Übersetzungsversuch. Es geht nicht um „Modernisierung“ (wie manchmal zu hören ist), schon gar nicht um „Anpassung“, sondern um ein Neu-Verkünden der Botschaft so, dass sie verstanden werden kann (ob sie geglaubt wird, hat der Verkünder nicht in der Hand).

2.  Das „Heilmittel der Barmherzigkeit“ (Johannes XXIII., Eröffnungsansprache)

Demgemäß sollte nach dem Willen Johannes XXIII. das Konzil eine ausdrücklich „pastorale“ Ausrichtung bekommen, nicht Irrtümer verurteilen – die es gewiss immer auch gegeben hat und gibt – und keine neuen Dogmen im strengen Sinne verkünden. Ich zitiere aus der Eröffnungsansprache Papst Johannes XXIII.:

„Die Kirche hat diesen Irrtümern zu allen Zeiten widerstanden, oft hat sie sie auch verurteilt, manchmal mit großer Strenge. Heute dagegen möchte die Braut Christi lieber das Heilmittel der Barmherzigkeit anwenden als die Waffe der Strenge erheben. Sie glaubt, es sei den heutigen Notwendigkeiten angemessener, die Kraft ihrer Lehre ausgiebig zu erklären, als zu verurteilen.“2

Diese „pastorale“ Ausrichtung des Konzils ist freilich bisweilen auch missverstanden worden. Denn es ist paradox: Ein Konzil – der Papst spricht es in der Rede selbst an – ist eben auch Organ des außerordentlichen Lehramtes der Kirche und seine Aussagen sind nicht bloß fromme Anmutungen. Die darin sich ausdrückende Spannung wird von verschiedenen Seiten interpretiert und instrumentalisiert: Die einen sagen, etwas salopp formuliert: „Kein Dogma!? Dann brauchen wir es auch nicht so ernst nehmen.“ Die anderen sagen: „Kein Dogma!! Aha, die Kirche hat endlich kapiert, dass Dogmen sowieso Unsinn sind und es auf die Pastoral ankommt.“ Beide Ansichten werden dem Konzil nicht gerecht! Auch das Zweite Vatikanische Konzil verkündet eine verbindliche Lehre, wenn auch nicht in den Formen der lehramtlichen Sprache des 19. Jahrhunderts.3

3.  Die Notwendigkeit einer „Verstehenslehre“ (Hermeneutik) 

Das Zweite Vatikanische Konzil hat, eine Folge des „Erklärens“ der Lehre, mehr Texte verabschiedet, als alle vorangehenden Konzilien zusammen. Die Theologen unter Ihnen haben vielleicht alle Texte schon gelesen, manche vielleicht sogar mehrmals, aber für den Laien ist es eine schier unlösbare und kaum zu bewältigende Aufgabe. Die Kirchenkonstitution LG und mehr noch die Pastoralkonstitution GS haben den Umfang jeweils eines kleinen Buches, Texte mit dichtem Inhalt, um die lange gerungen wurde, und wo man ohne Kommentar oft gar nicht erkennt, worauf es genau ankommt.

Andererseits zeigt schon ein erster Blick, dass die 16 Texte untereinander eine innere Zu- und Rangordnung aufweisen. Nicht alle Texte haben dasselbe Gewicht: Grundsätzlich sind zu unterscheiden die vier „Konstitutionen“ – die wichtigste Textgruppe4 – von den „Dekreten“, neun an der Zahl, die so etwas sind wie „Ausführungsbestimmungen“, Entfaltungen des in den Konstitutionen Gesagten. Und schließlich sind da drei „Erklärungen“, Texte mit einem nach „außen“ gerichteten Inhalt: Die „Erklärung über das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen“, die „Erklärung über die Religionsfreiheit“ und „über die Christliche Erziehung“.

Aus dieser inneren Rangordnung der Texte ergibt sich bereits ein erster Hinweis für die Interpretation: die Erklärungen und Dekrete müssen im Licht der Konstitutionen gelesen werden, nicht umgekehrt, zumal zwei der Konstitutionen auch noch ausdrücklich als „dogmatische“ Konstitutionen (diejenigen über die Offenbarung und über die Kirche) präsentiert werden.5

Und hier nun stellt sich das Problem der Interpretation der Texte, die Herausforderung einer „Hermeneutik“ der Konzilsaussagen, einer „Verstehenslehre“ für die große Fülle von Texten. Wie ordnen sich die Texte und ihre Lehren ein in die bisherige Lehre der Kirche. Worin besteht das Neue?

Bevor ich mich dieser Frage, die ja die Themafrage des Vortrags selbst ist, ausdrücklich zuwende, möchte ich wenigstens eine Beobachtung vorausschicken, die meines Erachtens bereits entscheidend Licht wirft auf die Lehre des Konzils.

 

4.   Ein erstes Signal: Christozentrik („Lumen gentium“ und „Dei Verbum“) überwindet Ekklesiozentrik 

Das I. Vatikanum war 1870 wegen des deutsch-französischen Krieges abgebrochen worden und hatte das Thema „Kirche“ nur fragmentarisch behandelt. Lediglich die Aussagen über den Jurisdiktionsprimat des Papstes und über die päpstliche Unfehlbarkeit waren zur Verabschiedung gekommen. Dies hatte manche zu dem Fehlschluss verleitet, über die Kirche gebe es darüber hinaus nichts zu sagen. So war dem Zweiten Vatikanischen Konzil von seiner Vorgeschichte her das Thema „Kirche“, also die Vollendung des Ersten Vatikanums und die Integration des Themas Papsttum in eine umfassende Sicht von Kirche, insbesondere die Lehre von den Bischöfen und dem Bischofskollegium, aber auch die Bestimmung des in Taufe und Firmung gründenden Christseins überhaupt, die Frage der Kirchenzugehörigkeit usw. vorgegeben. Und nicht wenige gingen wie selbstverständlich davon aus, dass das Zweite Vatikanische Konzil „ein Konzil der Kirche vornehmlich über die Kirche selbst“ werden würde. Doch hier gilt es genau hinzusehen! Denn wenn es auch richtig bleibt, dass das Zweite Vatikanum die vom I. Vatikanum übrig gelassenen Themen „aufgearbeitet“ hat und wenn wir der neuen Kirchenversammlung die erste umfassende Selbstpräsentation der Kirche verdanken, die Kirchenkonstitution „Lumen gentium“ nämlich, so ist auch zu beachten und gar nicht hoch genug zu veranschlagen, dass das erste Wort der Kirchenkonstitution ein Christusbekenntnis ist. Der erste Satz der Kirchenkonstitution, nach ihren Anfangsworten „Lumen gentium“ (vgl. Jes 42,6 und 49,6 in Lk 2,32) genannt, lautet vollständig: „Lumen gentium cum sit Christus – Christus ist das Licht der Welt.“6 Die Kirche verweist von sich weg auf Christus, „relativiert“ sich gewissermaßen selbst, „relativieren“ jetzt nicht im Sinn von Minderung ihrer Bedeutung, aber einer „In-Beziehungsetzung“. Erster Daseinszweck der Kirche ist, auf Christus zu verweisen, und jedes Kreisen um sich selbst, jede „Nabelschau“ steht im Widerspruch zur Sendung der Kirche.

Und dasselbe gilt auch für die Offenbarungskonstitution, die nach den programmatischen Anfangsworten „Dei Verbum“ heißt. „Dei Verbum“, also „Wort Gottes“ ist hier erst einmal nicht die Bibel, sondern das Fleisch gewordene Wort Gottes, Christus selbst. Es ist darum wichtig, das „Verbum“ hier groß zu schreiben. Die Botschaft lautet: Das Christentum ist keine „Buchreligion“, sondern eine „Personreligion“.7 Und das Christliche ist nicht in erster Linie eine Lehre oder eine Institution, sondern Gemeinschaft, Beziehung zwischen ihm und unter denen, die seinen Namen tragen dürfen.

Nach diesen ersten Hinweisen zur Deutung der Texte jetzt aber zur eigentlichen Frage:

 

II.  Bruch, Kontinuität – oder Reform?

Dass das Konzil etwas Neues zu sagen hatte, ist trivial. Wenn es nur das gesagt hätte, was die Kirche immer schon gesagt hat, wenn es nur dieselben Aussagen – vielleicht etwas neu formuliert – wiederholt hätte, die in den bisherigen Enzykliken und im Katechismus überall nachzulesen waren, hätte man kein neues Konzil gebraucht. Die Frage spitzt sich zu auf die Alternative: Hat das Zweite Vatikanische Konzil in wesentlichen Fragen mit der Lehr-Tradition der Kirche gebrochen, also einen kompletten „Neustart“ hingelegt oder steht die Lehre auch des Zweiten Vatikanischen Konzils in Kontinuität zur bisherigen Glaubens- und Lebensgeschichte der Kirche.

Eine (meist unreflektiert vorausgesetzte) Antwort – ob in diese oder in jene Richtung – auf diese Frage geht der Beschäftigung mit dem Konzil und seinen Text voraus und bedarf im Vorhinein einer bewussten Klärung.

 

1.  Eine Parallele in der Bibelhermeneutik – das Verhältnis von AT zu NT 

Diese Frage nach Kontinuität und/ oder Diskontinuität hat eine bemerkenswerte Parallele in der Bibelhermeneutik – was gerade in den letzten Jahren – und hier nicht zuletzt als eine Folge des Konzils – wieder besonders ins Bewusstsein getreten ist: die Frage nach dem Zueinander nämlich von Altem und Neuem Testament. Bringen das Auftreten Jesu Christi, seine Lehre, sein Tod und seine Auferstehung etwas vollkommen und komplett Neues, so dass man das Alte Testament auf die religionsgeschichtliche Müllhalde werfen müsste? Bekanntlich müssen Erwachsenenbildung und Verkündigung in der Bibelarbeit viel Mühe aufwenden, um Missverständnisse und Vorbehalte dem Alten Testament gegenüber abzubauen. Noch im 20. Jahrhundert hat ein so gelehrter Mann wie Adolph von Harnack die Tatsache, dass die Kirche das Alte Testament nicht endlich abgestoßen hat, als Ausdruck ihrer Lähmung und  Lebensuntüchtigkeit  gebrandmarkt.8

Heute wissen wir um die tiefe innere Beziehung zwischen Altem und Neuem Testament, verbunden durch die Geschichte ein und desselben Gottes mit seinem Volk. Denken Sie an das Evangelium vom vergangenen (27.) Sonntag (Lesejahr B): Mk 10,2 – 16. Auf die Fangfrage der Pharisäer nach der Ehescheidung lässt sich Jesus nicht auf die Kasuistik seiner Zeitgenossen ein, sondern er greift auf den Ursprung, den Schöpfungswillen Gottes, zurück und korrigiert eine mosaische Tradition – das Zugeständnis an die Hartherzigkeit der Menschen – von der ursprünglichen Schöpfungsabsicht Gottes her.

Ein bemerkenswertes Beispiel für Diskontinuität und Kontinuität im Hinblick auf Altes und Neues Testament.

Nun liegt es mir natürlich ferne, das Zweite Vatikanische Konzil mit dem Höhepunkt der Heilsgeschichte, dem Christusereignis selbst, auf ein- und dieselbe Stufe zu stellen. Aber wenn schon zwischen Altem und Neuem Testament eine viel größere Kontinuität herrscht – Jesus war ja nicht gekommen, um eine neue Religion zu gründen, sondern das Volk Israel, Gottes Braut und Eigentumsvolk neu zu sammeln und in ihm die ganze Menschheit zum Vater zu führen, dann kann erst recht nicht zwischen der kirchengeschichtlichen Phase vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil und nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine Zäsur angenommen oder behauptet werden, die es rechtfertigen würde, von vorkonziliar und nachkonziliar im Sinne eines Gegensatzes zu reden.

 

2.  In der Rede vom „Bruch“ treffen sich Progressisten und Traditionalisten

Einen solchen „Bruch“ unterstellen freilich bestimmte Kreise, und interessanter Weise sind es die Extreme auf der progressistischen wie auf der so genannten traditionalistischen Seite, die sich, wie so oft, berühren.

Vertreter der Priesterbruderschaft St. Pius X. unterstellen dem Zweiten Vatikanischen Konzil einen „Bruch“ in entscheidenden Lehrfragen und leiten daraus nicht nur das Recht, sondern geradezu die Pflicht ab, gegenüber diesen Lehren ungehorsam zu sein und den Bruch mit der Kirche um des wahren Glaubens willen zu wagen (wobei die Verantwortung für den „Bruch“ natürlich bei den anderen liegt). Dabei geht es gar nicht einmal in erster Linie um die konkrete Durchführung der Liturgiereform – der Liturgiekonstitution hatte Erzbischof Lefebvre bekanntlich ja sogar zugestimmt – sondern um die Erklärung zur Religionsfreiheit und zur Stellung den nichtchristlichen Religionen gegenüber. Auf der anderen Seite sind die „Progressisten“, für die der angebliche Bruch das entscheidende des Konzils gewesen ist, ja denen oft die Durchführung des „Neustarts“ gar nicht weit genug geht und die daher bereits ein Drittes Vatikanum gefordert haben, das diese noch nicht vollzogene Aufgabenstellung endlich durchführen solle. Mich erinnern solche Positionen manchmal an einen übertriebenen Paulinismus, eine Haltung also, die im Hinblick auf das Alte Testament nicht nur die Einhaltung des Zeremonialgesetzes, sondern die ganze alttestamentliche Heilsgeschichte als Familiengeschichte des Christentums in der Hochstimmung einer „Befreiungserfahrung“ meinen verabschieden zu sollen. Es bedarf aber wohl nicht eines allzu großen Begründungsaufwandes, um zu zeigen, dass diese Auffassung genauso verfehlt ist wie die negative Wertung eines angeblichen „Bruches“.

 

3.  Reform aus dem Ursprung

Kardinal Koch hat in dem jüngst veröffentlichten Buch, das er mit dem Schülerkreis des Papstes zusammen im St. Ulrich Verlag in Augsburg herausgebracht hat, mit Recht darauf hingewiesen, dass die Kategorien „Bruch“ bzw. Kontinuität und Diskontinuität überstiegen werden müssen hin auf die Rede von Reform der Kirche, die immer notwendig ist. Er verweist dabei auf Worte Papst Benedikts XVI. selbst, der in seinem Brief „in Sachen Aufhebung der Exkommunikation der vier von Erzbischof Lefebvre geweihten Bischöfe“ ausdrücklich sagt:

„Man kann die Lehrautorität der Kirche nicht im Jahre 1962 einfrieren – das muss der Bruderschaft ganz klar sein. Aber manchen von denen, die sich als Verteidiger des Konzils hervortun, muss auch in Erinnerung gerufen werden, dass das Zweite Vatikanum die ganze Lehrgeschichte der Kirche in sich trägt. Wer ihm gehorsam sein will, muss den Glauben der Jahrhunderte annehmen und darf nicht die Wurzeln abschneiden, von denen der Baum lebt.“9

Bereits 1975, also zehn Jahre nach Abschluss des Konzils, hat er in einem kurzen Beitrag, der jetzt in Band 7 der JRGS erstmals auf Deutsch veröffentlicht werden wird, eine Formulierung geprägt, die nun auch als Motto für die in zwei Teilbände aufgeteilte Edition dienen wird: „Es ist unmöglich, sich für das Vaticanum II und gegen Trient und Vaticanum I zu entscheiden. – Es ist ebenso unmöglich, sich für Trient und Vaticanum I, aber gegen das Vaticanum II zu entscheiden.“10

Dies ist nicht deshalb so, weil aus unerfindlichen Gründen die Kirchenoberen sich als zu borniert erweisen, eine „Modernisierung“ der Kirche zu betreiben, sondern weil die Kirche selbst ein Groß-Subjekt, eine Person ist, die die Zeiten und Räume überdauert. Es ist undenkbar, dass die Märtyrer des vierten Jahrhunderts, die Mönche des Mittelalters und die Märtyrer, die in den Konzentrationslagern für Christus ihr Leben hingegeben haben, für einen jeweils grundlegend anderen Glauben gestorben wären oder dass sie vollkommen anders gebetet oder die Heilige Messe in einer vollkommen anderen Weise und in einem gänzlich anderen Verständnis gefeiert hätten. Tradition sei Demokratie für und mit den schon Gestorbenen, hat sinngemäß einmal Josef Pieper gesagt.

Ich will die Hauptaufgabe des Konzils, eine Reform unter Maßnehmen am Ursprung anzuregen, exemplifizieren an dem von traditionalistischer Seite am meisten kritisierten Thema:

 

4.  Ein Fallbeispiel: die Erklärung über die Religionsfreiheit 

Bekanntlich war Erzbischof Marcel Lefebvre und seinen Anhängern nicht die Liturgiekonstitution, sondern vor allem die Erklärung zur Religionsfreiheit zum Stein des Anstoßes geworden.

In seiner Ansprache vom 22. Dezember 2005, die dem Thema der Konzilsinterpretation gewidmet ist, geht Benedikt XVI. implizit auf die Vorwürfe der Traditionalisten ein, das Konzil habe sich in der Frage der Religionsfreiheit dem modernen Zeitgeist ausgeliefert und dem „Recht auf Irrtum“ das Wort geredet. Ich zitiere:

„Das Zweite Vatikanische Konzil hat mit dem Dekret über die Religionsfreiheit einen wesentlichen Grundsatz des modernen Staates anerkannt und übernommen und gleichzeitig ein tief verankertes Erbe der Kirche wieder aufgegriffen. Diese darf wissen, daß sie sich damit in völligem Einvernehmen mit der Lehre Jesu befindet (vgl. Mt 22,21), ebenso wie mit der Kirche der Märtyrer, mit den Märtyrern aller Zeiten.“

Der christliche Märtyrer als der exemplarische Zeuge lässt sich – ganz in der Verähnlichung mit Christus – lieber für seinen Glauben totschlagen, als dass er ihn mit Gewalt anderen aufdrängt. Wir dürfen es in diesem Zusammenhang nicht zulassen, wenn ein aktueller Seitenblick gestattet ist, dass der Begriff des „Märtyrers“ auch nur im Ansatz für die „Selbstmordattentäter“ aus islamistischen Kreisen verwendet wird, die in verbrecherischer Weise andere unschuldige Menschen mit in den Tod reißen.

Zum Glauben kann niemand gezwungen werden. Er ist die freie Antwort des Menschen mit Verstand und Herz auf den Ruf Gottes. Und in seiner Ansprache fuhr Benedikt XVI. fort:

„Die frühe Kirche hat mit größter Selbstverständlichkeit für die Kaiser und die politisch Verantwortlichen gebetet, da sie dies als ihre Pflicht betrachtete (vgl. 1 Tim 2,2); während sie aber für den Kaiser betete, hat sie sich dennoch geweigert, ihn anzubeten und hat damit die Staatsreligion eindeutig abgelehnt. Die Märtyrer der frühen Kirche sind für ihren Glauben an den Gott gestorben, der sich in Jesus Christus offenbart hatte, und damit sind sie auch für die Gewissensfreiheit und für die Freiheit, den eigenen Glauben zu bekennen, gestorben – für ein Bekenntnis, das von keinem Staat aufgezwungen werden kann, sondern das man sich nur durch die Gnade Gottes in der Freiheit des eigenen Gewissens zu eigen machen kann.“

Die Traditionalisten dagegen trauern einem Staat nach, der seine Untergebenen zu einer bestimmten Form des Glaubens verpflichtet und ihnen gleichsam verbietet, einer „falschen Religion“ anzugehören. Dies aber entspricht weder der Lehre Jesu noch dem Wesen des religiösen Glaubensaktes noch der ursprünglichen Tradition der Kirche, sondern entspricht einer Staatsform, die in gewisser Weise modern genannt werden kann.

Schon der Konzilstheologe Joseph Ratzinger bemühte sich in einem Redeentwurf für Kardinal Frings um die Vertiefung einer bloß philosophisch begründeten Religionsfreiheit. Die Erklärung über die Religionsfreiheit solle vor allem mit dem Hinweis auf die Lehre und das Beispiel Jesu argumentieren!11 Es geht also um eine Reform aus dem Ursprung und in Treue zu den für alle Zeiten der Kirche maßgeblichen Quellen.

 

III.  Der Schlüssel zum Konzil: Jenseits von versteinerter Tradition und   Traditionslosigkeit

 

1.  Der „Geist des Konzils“ aus den Quellen der liturgischen, biblischen und patristischen Erneuerung (Henri de Lubac) 

Ich möchte den Hinweis auf den entscheidenden Schlüssel zum Konzil mit einem Konzils-Theologen in den Blick nehmen, der mir in meinen Studien sehr wichtig geworden ist (und von dem auch Papst Benedikt bekennt, dass er ihm maßgebliche Einsichten verdankt): Henri de Lubac, französischer Jesuit (1896 bis 1991). Er gehört zweifellos und anerkanntermaßen zu den geistigen Wegbereitern des Konzils. Noch in den 1950-er Jahren war er wegen vermeintlich modernistischer Auffassungen (man sprach damals von „Nouvelle théologie“) von seinen Ordensoberen von seinem Lehrstuhl in Lyon entfernt worden. Wenige Jahre nach dem Konzil sah sich derselbe Mann, den man gerade noch als „Modernist“ verdächtigt und schlecht gemacht hatte, in den Kreis der ewig Gestrigen abgeschoben. Wir haben ein ganz ähnliches Phänomen auch im Hinblick auf Joseph Ratzinger! Wie kommt das? Hat Henri de Lubac (und auch andere), haben sie nach dem Konzil eine „Rolle rückwärts“ gemacht?

Henri de Lubac hat mit Recht versichert: Nicht er habe sich gewandelt, sondern die Wahrnehmung, der Kontext, habe sich radikal verändert. In seinem Schriftenrückblick versuchte er dieses Phänomen verständlich zu machen durch eine Klärung des Traditionsverständnisses: Die römische Schule, die das Konzil anfangs meinte dominieren zu können und sich als Sachwalterin der Tradition und der wahren Lehre der Kirche betrachtete, eine Schule, die für gewöhnlich mit „Neuscholastik“ bezeichnet wird, hat sich eigentlich gar nicht wirklich auf die große, auch das 1. Jahrtausend und die Erfahrung der Ostkirche integrierende Tradition berufen, sondern auf eine sehr kurzatmige Tradition, die im Grunde nichts anderes war als eine gewisse Moderne des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.12 Wiederum Konzils-Peritus Joseph Ratzinger beklagt ein ums andere Mal, dass die von der römischen Schule vorbereiteten Schemata kaum die Kirchenväter, schon gar nicht die des Ostens, kaum die Heilige Schrift in einer verantwortbaren Weise, und auch nicht die Liturgie usw. zitieren, sondern die Enzyklikentheologie der zurückliegenden 50 bis maximal 100 Jahre. Das aber ist nicht die Tradition der Kirche. Das ist, in kirchlichen Maßstäben formuliert, die „Moderne“, nicht selten einfach nur die moderne rationalistische Theologie des späten 19. Jahrhunderts. Diese römische Schule aber war im Konzil grandios gescheitert. Zum Unglück der Kirche riss sie in ihren Untergang die Sache der Tradition selbst mit hinein. In der Wahrnehmung vieler Beobachter war mit dieser Schule die Tradition selbst gescheitert, eine Tradition, die sie wenn überhaupt nur bruchstückhaft repräsentierte. De Lubac kam zu dem Urteil, dass in den Jahren unmittelbar nach dem Konzil eine „versteinerte Moderne“, die sich für traditionsverbunden hielt, von einer „richtungslosen Moderne“13 abgelöst wurde. Mit Henri de Lubac weitergedacht wird man sagen können: Die so genannten Traditionalisten sind nicht etwa die Bewahrer der apostolischen Tradition als der Gegenwartsweise der göttlichen Offenbarung im Leben der Kirche, sondern Anhänger der Moderne des späten 19. Jahrhunderts.

Was fehlt und neu errungen werden muss und allein den hermeneutischen Schlüssel zum Verständnis von Buchstabe und Geist des Konzils liefert, ist ein vertieftes Verständnis von apostolischer Tradition. Sie ist in den theologischen Bewegungen, wie sie das Konzil maßgeblich vorbereitet haben, lebendig erarbeitet worden: Bibelbewegung, Liturgische Bewegung, patristische Bewegung – und durchzogen alle von der ökumenischen Bewegung. Die Zuwendung zu den wahren Quellen wird, das ist die Überzeugung auch schon des Professors Ratzinger gewesen, auch die Einheit der Kirche befördern, und zwar in nachhaltigerer Weise als es durch eine bloß administrative und letztlich äußere und äußerliche Einigungsbewegung je geschehen kann.

 

2.  „Vatikanum II birgt große Kraft für die stets notwendige Erneuerung der Kirche“ (Benedikt XVI., Porta fidei)

Angesichts dieser unfruchtbaren Alternative („versteinerte“ oder „richtungslose“ Moderne) und der noch nicht erledigten Wiedergewinnung des wahren Schlüssels zum Konzil verwundert es nicht, dass nach Auffassung mancher Interpreten die Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils noch gar nicht richtig begonnen habe.

In seinem Schreiben „Porta fidei“, mit dem Papst Benedikt das Gedenkjahr der Eröffnung des Konzils zum „Jahr des Glaubens“ erklärt, geht der Papst nicht ganz so weit, er drückt aber seine Überzeugung aus, dass die intensive Beschäftigung mit den Konzilstexten große Chancen für die Erneuerung des Glaubens berge:

„Ich war der Meinung, den Beginn des Jahres des Glaubens auf das Datum des fünfzigsten Jahrestags der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils zu legen, könne eine günstige Gelegenheit bieten, um zu begreifen, daß die von den Konzilsvätern als Erbe hinterlassenen Texte gemäß den Worten des seligen Johannes Paul II. ‚weder ihren Wert noch ihren Glanz verlieren. Sie müssen auf sachgemäße Weise gelesen werden, damit sie aufgenommen und verarbeitet werden können als qualifizierte und normgebende Texte des Lehramtes innerhalb der Tradition der Kirche […] Ich fühle mich mehr denn je dazu verpflichtet, auf das Konzil als die große Gnade hinzuweisen, in deren Genuss die Kirche im 20. Jahrhundert gekommen ist. In ihm ist uns ein sicherer Kompass geboten worden, um uns auf dem Weg des jetzt beginnenden Jahrhunderts zu orientieren.‘[…] Auch ich“ – und nun spricht Benedikt XVI. wieder in eigenem Namen, „möchte mit Nachdruck hervorheben, was ich wenige Monate nach meiner Wahl zum Nachfolger Petri in Bezug auf das Konzil gesagt habe: ‚Wenn wir es mit Hilfe der richtigen Hermeneutik lesen und rezipieren, dann kann es eine große Kraft für die stets notwendige Erneuerung der Kirche sein und immer mehr zu einer solchen Kraft werden.‘“

Diese notwendige Hermeneutik ist die Hermeneutik der Reform mit ihrem Maßnehmen an der ganzen Tradition: Bibel, Patristik, Liturgie.

Im Licht dieser Hermeneutik der Reform erschließen sich etliche noch unerledigte Punkte in der Konzilsrezeption bzw. auch Aspekte einer verzerrten Rezeption. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien zum Schluss wenigstens ein paar Aspekte genannte, „Hausaufgaben“ im Bezug auf die Konzilsrezeption für das kommende „Jahr des Glaubens“.

IV. Einige Aspekte der Lehre des Konzils, die noch einer vertieften Aneignung bedürfen

 

1.  Erfassung der „Sakramentalität der Kirche“ und „eucharistische Ekklesiologie“ 

Dass die Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils die Kategorie „Volk Gottes“ für die Kirche wieder neu betont und unterstrichen hat, ist eines der in der Wahrnehmung des Konzils fest verankerten Themen. Dass es dabei nicht um „Demokratisierung“ geht, sondern vor allem um die Kontinuität mit dem Volk des Alten Bundes und um den Charakter der Vorläufigkeit der Kirche, ist schon weniger bekannt. Dass aber die Kirche im ersten Artikel von LG von sich selbst sagt, sie sei gleichsam („veluti“) das Sakrament, d. h. „in Christus“ das sichtbare Zeichen der Vereinigung Gottes mit den Menschen und der Einheit der Menschen untereinander, ist außer vielleicht von einigen Theologen kaum wirklich verstanden, geschweige denn angenommen worden. Die Kirche selbst ist ein Sakrament. Nicht ein achtes Sakrament neben den sieben von Christus eingesetzten, sondern als deren Lebensgrund und Frucht zugleich. Die Kirche lebt aus der Feier der Sakramente, vor allem der Feier der Eucharistie, und sie wird von dort her selbst zu einem Zeichen.

„Volk Gottes vom Leib Christi her“ – ist die geniale Formel, auf die wiederum Professor Ratzinger schon vor dem Konzil und als Ergebnis seiner Augustinus-Studien das Wesen der Kirche auf den Punkt gebracht hat. Eine der zentralen Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils ist dementsprechend auch, was man „eucharistische Ekklesiologie“ nennt. Eucharistiefeier und Kirche gehören auf das engste zusammen und bilden den Hintergrund für die konziliare Rede von der Kirche selbst als Sakrament.

Wie weit wir im allgemeinen Bewusstsein von einem solchen Verständnis entfernt sind, zeigt eine Meinungsumfrage, die jüngst im Umfeld des Urteils des Bundesverwaltungsgerichts erstellt wurde. Das Gericht hatte ja entschieden, dass es einen Teilaustritt aus der Kirche nicht geben könne. Prompt wurde das Ergebnis der Meinungsumfrage der Öffentlichkeit und den Verantwortlichen in der Kirche hingerieben: Mehr als 80% der Befragten sind der Meinung, dass man Christ sein könne auch ohne die Kirche. Natürlich muss man hier genau hinsehen und fragen, was in diesem Kontext mit „Kirche“ gemeint ist: offenkundig die Körperschaft öffentlichen Rechts, der nach deutschem Recht die Kirchensteuer zukommt.

Im Licht der Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils und seinem Kirchenverständnis betrachtet ist die Rede vom „Christsein ohne Kirche“ aber vollends widersinnig. Kirche ist nämlich zuallererst die gottesdienstliche Versammlung; ihr Höhepunkt und größtmögliche Verdichtung ist die sonntägliche Eucharistiefeier als der Quell und Höhepunkt christlicher Existenz. Eucharistie ist nicht eine Frömmigkeitsform neben anderen, sondern der Ort, an dem Kirche zuallererst als sie selbst vom Herrn auferbaut wird. Eucharistie ist auch nicht eine Stufe auf dem Weg zur Wiedergewinnung der sichtbaren Einheit der Kirche, sondern ihre vollkommene Darstellung. In jeder Eucharistiefeier, gefeiert in der Einheit mit dem Papst, dem Ortsbischof, Bischofskollegium und allen Gläubigen – und wird sie noch so bescheiden und klein in einem Kirchlein in der Diaspora gefeiert – ist Darstellung und Verwirklichung der ganzen Kirche.

„Sine domenica non possumus“ – ohne den Sonntag, das heißt ohne die sonntägliche Eucharistiefeier, können wir nicht leben. Mit diesem Wort rechtfertigten sich frühchristliche Märtyrer, die beim vom Staat verbotenen sonntäglichen Herrenmahl erwischt worden waren. „Ohne den Sonntag können wir nicht leben.“ Ist das die Haltung der überwiegenden Mehrheit unserer Kirchenglieder?

Gewiss, der Priestermangel erlaubt nicht mehr überall die sonntägliche Eucharistiefeier. Aber Angesichts der heutigen Mobilität kann jeder und jede am Sonntag die Eucharistie mitfeiern, wenn nur der wirkliche Wille und die Sehnsucht danach bestehen. Aufs Ganze gesehen sind wir vom Angekommensein einer wirklich katholischen eucharistischen Ekklesiologie in den Herzen der Menschen noch weit entfernt; von einer inneren Beziehung zur Eucharistie, die darin sowohl die Darstellung des Höhepunktes des christlichen Lebens, die Quelle der Spiritualität, aber auch den Ausdruck der Anbetung des himmlischen Vaters, vermittelt durch den Sohn im Heiligen Geist, sieht.

Ein zweites Thema, das nach meiner Überzeugung im kommenden „Jahr des Glaubens“ besondere Aufmerksamkeit verdient,14 ist:

 

2.  Laienapostolat richtig verstanden

Das Zweite Vatikanische Konzil hat das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen nach einer Phase der kontroverstheologischen Vernachlässigung des Themas wieder ausdrücklich als Lehre der Kirche formuliert und über die grundsätzlichen Aussagen dazu in der Kirchenkonstitution (LG 30 – 38) dem „Laienapostolat“ auch ein Dekret gewidmet: „Apostolicam actuositatem“. Dies ist eine große Errungenschaft, die auf keinen Fall preisgegeben werden darf. Der Begriff „Laie“ im Sinne von „Nicht-Fachmann“ oder „Nicht-Fachfrau“ ist eigentlich vollkommen ungeeignet, die Existenz zu beschreiben, die durch Taufe und Firmung begründet wird.

Trotzdem scheint mir, dass dieser Aspekt in der aktuellen Debatte oft verkürzt wird auf die Frage der Mitwirkung der getauften und gefirmten Christen an der Leitung der Kirche selbst. Das Konzil hatte nicht im Sinn, dass sich jetzt plötzlich alle, Priester und die so genannten „Laien“, im Altarraum auf die Füße steigen. Das Konzil spricht vielmehr vor allem und zentral vom so genannten „Weltdienst“ der Laienchristen, die berufen sind, durch und mit ihrer beruflichen Kompetenz in den so genannten weltlichen Berufen für das Reich Gottes zu arbeiten. Um es an ein paar Beispielen zu verdeutlichen:

Wir können doch gar nicht genug Lehrerinnen und Lehrer haben in unseren Schulen, die als glaubwürdige Christen beispielsweise im Deutschunterricht oder im Geschichtsunterricht die Literatur und die Geschichte deuten unter der Rücksicht der Gottoffenheit und der Gottsuche des Menschen, die einen Unterricht geben, der dem Religionsunterricht zuarbeitet und ihn nicht untergräbt. Wir brauchen in den naturwissenschaftlichen Fächern Physik, Biologie etc. Frauen und Männer, die – jenseits der geistlosen Alternative Evolutionismus oder Fundamentalismus – die tiefe Vereinbarkeit von Glauben und Naturwissenschaft leben und lehren und an die junge Generation weitergeben.

Wir können in Naturwissenschaft und Medizin selbst gar nicht genug Frauen und Männer haben, die erfüllt sind von Ehrfurcht vor dem Leben, und die von vorneherein ausschließen, Menschen dadurch zu heilen, dass sie andere dafür umbringen.

Oder in den Altenheimen und Krankenhäusern: Wir können gar nicht genug Schwestern und Pfleger haben, die im Patienten nicht einfach nur einen Kostenfaktor sehen, sondern einen Menschen, letztlich Christus selbst, der uns nahe ist gerade auch im Kranken und Leidenden. Das Gleiche gilt für den Bereich der Politik und der Medienwelt. Dort, wo die Meinung gemacht und veröffentlicht wird, dort, wo die Entscheidungen für das Wohl und Wehe unseres Landes gefällt werden, dort vor allem auch braucht es Frauen und Männer, die sich vor Gott verantwortlich wissen und ihren Beruf als Berufung von Jesus Christus her verstehen.15

Oder denken Sie an den Bereich der Kunst. Welch großartige Werke sind im Laufe der Kirchengeschichte entstanden, die den Glauben zum Ausdruck bringen, feiern und vermitteln – sei es in der Musik, der Literatur oder der darstellenden Kunst! Wir können doch gar nicht genug Interpreten haben, die diese Schätze immer wieder neu heben und den Menschen erschließen und ihnen so den Glauben zu Herzen gehen lassen jenseits von Apologetik und Indoktrination. Die Kirche, die über viele Jahrhunderte lang Auftraggeber, Mäzen und Inspirator der Kunst in ihren verschiedenen Dimensionen gewesen ist, hat, wie es scheint, den Anschluss zur modernen Kunst verloren. Das muss nicht nur an der Kirche liegen. Zweifellos liegt aber doch auch darin ein höchst lohnendes und wichtiges Betätigungsfeld für die getauften und gefirmten Christen.

Bevor die Kirchenkonstitution nach der Behandlung der Themen „Hierarchische Ordnung“  und „Laienchristen“ zum Thema „Ordenschristen“ übergeht, betont sie die „Berufung aller Getauften zur Heiligkeit“ (LG 39 – 42).

Ein letzter Punkt, der mit den vorangegangenen in Verbindung steht, aber vielleicht doch eigens erwähnt zu werden verdient:

 

3.  Bibelspiritualität – eingebettet in ein Mitleben mit der Kirche 

Wenn das Christentum auch keine Buchreligion sondern eine „Person-Religion“ ist, dann heißt das nicht, dass die Bibel unwichtig wäre, im Gegenteil. Das Zweite Vatikanische Konzil hat in der Offenbarungskonstitution, die keine reine Bibelkonstitution ist, dennoch alle Weichen gestellt für eine Vertiefung der Bibelkenntnis und des Lebens aus der Heiligen Schrift. Die Bibel ist das wichtigste Buch auf dem Schreibtisch und auf dem Betschemel des Theologen. Das Evangelium muss das Hausbuch der christlichen Familie sein. Die Schrift nicht kennen, heißt mit einem viel zitierten Wort des heiligen Hieronymus: Jesus Christus nicht kennen! Gerade auch katholische Christen lassen sich in der Liebe zur Bibel und in der Bibelkenntnis von niemandem übertreffen! Das ist der Inhalt der letzten Kapitel der Offenbarungskonstitution. Das Studium der Heiligen Schrift ist die Seele der Theologie und auch Dreh- und Angelpunkt unseres geistlichen Lebens in unseren Pfarrgemeinden.

Wir brauchen eine neue Kultur des Bibellesens. Als Katholiken können wir da durchaus von den evangelischen Mitchristen lernen. Aber es gibt auch katholische Traditionen. Früher war es in vielen Familien üblich, am Samstagabend aus der Hauspostille des Pater Goffiné vorzulesen und sich so auf den Sonntag einzustimmen. Das war zwar nicht die Bibel, aber es war eine von der Liturgie geprägte, zur Sonntagsliturgie und ihren Schriftlesungen hinführende Weise, die Bibel kennenzulernen. Viele, die mit dem Goffiné groß geworden sind, haben, das ist meine Erfahrung, die Bibel besser gekannt als Heutige, die die Bibel zwar original lesen dürfen, denen aber oft der Zugang fehlt und der Kontext der kirchlichen Tradition. Wir brauchen wieder eine Kultur des gemeinsamen Bibellesens zu Hause, in den verschiedenen Gruppen und Kreisen, das Ganze eingebettet in das ganze kirchliche Leben! Dies wiederum würde mit Sicherheit auch die beiden vorangegangenen Bereiche befruchten. Ohne den lebendigen Kontakt mit der Urkunde des Glaubens wird dieser nicht gedeihen können. Auch die Ökumene wird davon nur profitieren können.

Der Themen also sind viele. Das Tor des Glaubens steht uns offen. An uns ist es, erst selbst hineinzugehen und dann andere mitzunehmen und zu begleiten. Ich wünsche uns allen dazu Glaubensmut, Zuversicht und viel Heiligen Geist. 

 


Fußnoten:

1  Peter Hünermann, … in mundo huius temporis … Die Bedeutung des Zweiten Vatikanischen Konzils im kulturellen Transformationsprozess der Gegenwart: Das Textcorpus des Zweiten Vatikanischen Konzils ist ein konstitutioneller Text des Glaubens, in: Jan- Heiner Tück (Hg.), Erinnerung an die Zukunft. Das Zweite Vatikanische Konzil, Freiburg 2012, 21 – 53, hier besonders 33f.

2  Johannes , Gaudet Mater Ecclesia, lat. AAS 54 (1962) 786 – 796, zitiert nach der in Her-Korr veröffentlichten Übersetzung: Her- Korr 17 (1962 / 1963) 85 – 96.

3  Vgl. dazu Jan-Heiner Tück, Ein reines „Pastoralkonzil“? Zur Verbindlichkeit des Vatikanum II, in: IKaZ 41 (2012) 441– 457.

4  Die von der Deutschen Post anlässlich des Konzilsjubiläums herausgegebene 45 Cent Sonderbriefmarke greift diese Einsicht in mustergültiger Weise auf! dazu das Titelbild sowie den erläuternden Text auf dem Umschlag.

5  Einen ersten Hinweis auf die Architektur des Konzils unter der Rücksicht der chronologischen Reihenfolge der Verabschiedung der Konstitution gibt auch Joseph Ratzinger, Die Ekklesiologie der Konstitution Lumen gentium [2002], in: JRGS 8, 573 – 596, hier 575 : „Das Vaticanum wollte durchaus die Rede von der Kirche der Rede von Gott ein- und unterordnen, es wollte eine im eigentlichen Sinn theologische Ekklesiologie vorlegen, aber die Rezeption des Konzils hat bisher dieses bestimmende Vorzeichen vor den einzelnen ekklesiologischen Aussagen übersprungen, sich auf einzelne Stichworte gestürzt und ist damit hinter der großen Perspektive der Konzilsväter zurückgeblieben. Etwas Ähnliches kann man übrigens gegenüber dem ersten Text feststellen, den das II. Vaticanum verabschiedete – gegenüber der Konstitution von der heiligen Liturgie. Dass sie am Anfang stand, hatte zunächst pragmatische Gründe. Aber rückschauend muss man sagen, dass dies in der Architektur des Konzils einen guten Sinn hat: Am Anfang steht die Anbetung. Und damit Gott. Dieser Anfang entspricht dem Wort der Benedikt-Regel (XLIII): Operi Dei nihil praeponatur. Die Kirchenkonstitution, die dann als zweiter Text des Konzils folgt, sollte man damit innerlich verklammert sehen. Die Kirche leitet sich aus der Anbetung her, aus dem Auftrag, Gott zu verherrlichen. Ekklesiologie hat von ihrem Wesen her mit Liturgie zu tun. Und so ist es dann auch logisch, dass die dritte Konstitution vom Wort Gottes spricht, das die Kirche zusammenruft und allzeit neu erschafft. Die vierte Konstitution zeigt, wie sich Verherrlichung Gottes im Ethos darstellt, wie das von Gott empfangene Licht in die Welt hineingetragen und erst so die Verherrlichung Gottes ganz wird.“

6  Tatsächlich hieß es in dem Textentwurf, der dann schließlich zur Kirchenkonstitution führte, zunächst „Lumen gentium cum sit ecclesia“, also: „Die Kirche ist das Licht der “ Im Karl-Rahner-Archiv befindet sich ein vom Jesuitentheologen und Berater des Erzbischofs von Wien, Kardinal Franz König, Karl Rahner korrigiertes Exemplar, worin das Wort „ecclesia“ an dieser Stelle durchgestrichen und durch „Christus“ ersetzt wird. Vgl. Günther Wassilowsky, Universales Heilssakrament Kirche. Karl Rahners Beitrag zur Ekklesio- logie des II. Vatikanums (= Innsbrucker Theologische Studien 59), Innsbruck 2001, 366, mit Abbildung der entsprechenden Seite.

7  Darauf macht durchgängig aufmerksam: Henri de Lubac, Die göttliche Kommentar zum Vorwort und zum ersten Kapitel der Offenbarungskonstitution Dei Verbum des Zweiten Vatikanischen Konzils (franz. Original: La révélation divine, 1968), übersetzt und eingeleitet von Rudolf Voderholzer, Freiburg 2001.

8  „[D]as AT im Jahrhundert zu verwerfen, war ein Fehler, den die große Kirche mit Recht abgelehnt hat; es im 16. Jahrhundert beizubehalten, war ein Schicksal, dem sich die Reformation noch nicht zu enthalten vermochte; es aber seit dem 19. Jahrhundert als kanonische Urkunde im Protestantismus noch zu konservieren, ist die Folge einer religiösen und kirchlichen Lähmung“ (Adolph von Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott, Leipzig ²1924, 217 [Hervorhebung von Harnack]).

9   Benedetto XVI, Lettera ai vescovi sulla remissione della scomunica ai quattro presuli consecrati dall’arcivescovo Lefebvre, in: Insegnamenti di Benedetto XVI, V,1, Città del Vaticano 2010, hier 358 –359.

10   JRGS 7, 1062.

11   Vgl. JRGS 7 (im Druck). Tatsächlich hat die Erklärung „Dignitatis humanae“ dann auch zwei Teile: Der erste argumentiert eher philosophisch von der Würde der menschlichen Person her und betont, dass die Wahrheit nur in Freiheit angenommen werden könne. Der zweite Teil „Die Religionsfreiheit im Licht der Offenbarung“: DH 9 – 15) rekurriert auf das Beispiel und die Lehre Jesu und der frühen Kirche.

12   Vgl. auch Joseph Ratzinger rückblickend in einer Würdigung von Frings zu dessen 80. Geburtstag, wo er davon spricht, der Kölner Kardinal sei auf dem Konzil einer „traditionsentfremdeten Enzyklikentheologie“ entgegengetreten, „die beinahe nur noch mit den päpstlichen Verlautbarungen der letzten hundert Jahre arbeitete und darüber die Tradition des ersten christlichen Jahrtausends fast ganz übersah“ (Joseph Ratzinger, Kardinal Frings. Zu seinem 80. Geburtstag [6.2.1967], in: CiG 19 (1967) 52. (Demnächst auch in JRGS 7.)

13  Vgl. Henri de Lubac, Meine Schriften im Rückblick, Freiburg 1996, 475; vgl. ders., Zwanzig Jahre danach, München / Zürich, 20.

14  Ich knüpfe im Folgenden an Überlegungen an, die ich 2003 aus Anlass des 40-jährigen Konzilsjubiläums vorgetragen habe: Rudolf Voderholzer, Christsein mit dem Vatikanischen Konzil. Sechs Fastenpredigten (= Predigten aus St. Peter in München, 10), München 2003, 14 f.

15   Ausdrücklich sagt das Dekret über die soialen Kommunikationsmittel: „Die mit den sozialen Kommunikationsmitteln arbeitenden Laien sollen vor allem durch Erfüllung ihrer jeweiligen Berufsaufgabe mit Sachverstand und in apostolischem Geiste bereitwillig für Christus Zeugnis ablegen“ (IM 13).

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Quelle

Zur Debatte um die aktive Sterbehilfe und den begleiteten Suizid

Rheinland-Pfalz/ Theologieprofessor Rudolf Voderholzer am Donnerstag (06.12.12) in der Kirche St. Nikolaus in Kasel bei Trier waehrend eines Gottesdienstes. Neuer Bischof von Regensburg wird Rudolf Voderholzer. Der 53-jaehrige Theologieprofessor wurde am Donnerstag von Papst Benedikt XVI. zum Nachfolger von Gerhard Ludwig Mueller ernannt, der vor wenigen Monaten zum obersten Glaubenshueter in den Vatikan berufen worden war. Voderholzer ist gebuertiger Muenchner und lehrt Dogmatik an der Universitaet Trier. Er leitet ausserdem das "Institut Papst Benedikt XVI." in Regensburg, das die Herausgabe des theologischen Gesamtwerks von Joseph Ratzinger betreut. (zu dapd-Text) Foto: Harald Tittel/dapd

Predigt von Bischof Dr. Rudolf Voderholzer

zum Wolfgangsfest 2014

  

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

Der heilige Wolfgang hat den Glauben in unserer Stadt und in unserem Bistum bezeugt und nachhaltig gestärkt, nicht nur durch sein Leben und Wirken, sondern auch durch seine Weise zu Sterben. Wenn wir uns nach dem Schluss-Segen dieser Messfeier unten in der Wolfgangskrypta versammeln, werden wir wieder seine letzten Worte vorgetragen bekommen. „Öffnet die Türen und lasst alle herein, die mich sterben sehen wollen“. Er wollte auch an seinem Sterben Anteil geben. Und: „Sterben ist keine Schande“, Schande bringt nur ein schlechtes Leben. Ich gestehe, dass mich diese Worte, als ich sie erstmals hörte, tief bewegt haben. Dem heiligen Wolfgang, und hier ist er dem heiligen Papst Johannes Paul II. nicht unähnlich, war gegeben, auch das Sterben noch zur Glaubensverkündigung zu machen. Zwei Meister der Kunst des Sterbens, Meister in der Kunst eines Aktes, bei dem wir alle einmal Anfänger sein werden, auf den wir uns aber vorbereiten und in die wir uns einüben können.

Ich erwähne dies deshalb, liebe Schwestern und Brüder, Sie können es sich vielleicht denken, weil die Kunst des Sterbens gerade in den letzten Wochen wieder ganz neu in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses geraten ist und wohl in den kommenden Jahren noch viel intensiver diskutiert werden wird. Das Thema wird uns künftig aufgrund der demographischen Entwicklung und der vergleichsweise großen Zahl alter Menschen als Herausforderung noch in viel größerer Wucht begegnen.

Was heißt, gerade auch im Licht des christlichen Glaubens, menschenwürdig zu sterben und menschenwürdig sterben zu lassen?

Es ist eine unbestreitbare Tatsache: „Viele Menschen fürchten sich davor, dass sie am Lebensende unnütz und einsam sind und nicht mehr über sich selbst bestimmen können. Sie fürchten sich vor Schmerzen und einem schwer ertragbaren Schwebezustand zwischen Leben und Tod. Sie möchten in Würde sterben können“ (DBK, Flyer „Sterben in Würde – Worum geht es eigentlich?“, Bonn 2014, 1).

Vor diesem Hintergrund hatte die ehemalige Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger im Sommer 2013 vorgeschlagen [, durch einen neuen § 217 StGB] allein die gewerbsmäßige Suizidbeihilfe zu verbieten, mit der fatalen Folge, diese Beihilfe durch Ärzte, Angehörige und gemeinnützige Vereine für rechtens zu erklären, um nicht zu sagen zu privilegieren. Mit  dem Ende der Legislaturperiode im Sommer 2013 hatte sich der Vorschlag zur Erleichterung vieler von selbst erledigt (Vgl. Manfred Spieker, Beihilfe zum Suizid? Probleme und Folgen ihrer Legalisierung, in: Rotary Magazin 3/2015, online auf: http://rotary.de/gesellschaft/beihilfe-zum-suizid-a-7171.html [02.07.2015]).

Mittlerweile ist die Diskussion aber wieder in vollem Gange. Bundesgesundheitsminister Gröhe will bekanntlich jegliche Suizidbeihilfe verbieten. Die Debatte ist im Bundestag entbrannt, und bis zum Herbst 2015 soll eine entsprechende Regelung beschlossen werden. Schon jetzt wurden die Abgeordneten vom Fraktionszwang befreit, so dass sie allein ihrem Gewissen folgen dürfen. Auf dem Tisch liegt ein Gesetzesvorschlag, der den assistierten Suizid unter dem Mantel eines generellen Verbots [in § 217 Abs. 1 in § 217 Abs. 2 und Abs. 3] eben doch legalisiert und den Ärzten und ihrem Gutachten die Last der Entscheidung über Leben und Tod aufbürdet – was diese ja auch prompt abgelehnt haben.

Was bei uns noch diskutiert wird, ist in anderen Ländern bereits gültiges Gesetz. Trauriger Vorreiter ist unser Nachbarland Belgien. Dort wurde im Februar dieses Jahres ein Gesetz beschlossen, das die aktive Sterbehilfe sogar bei Jugendlichen ermöglicht:

„Künftig wird es Kindern und Jugendlichen, die unheilbar krank sind und unerträgliche Schmerzen haben [erlaubt sein], über den Zeitpunkt ihres Todes zu entscheiden. Sie benötigen die Zustimmung der Eltern, zudem müssen der behandelnde Arzt, unabhängige Kollegen und ein Psychologe einwilligen – aber die grundsätzliche Entscheidung liegt  beim Kind“ (Gesetzesänderung: Belgien ebnet Weg für aktive Sterbehilfe für Minderjährige, in Spiegel Panorama, online auf: http://www.spiegel.de/panorama/gesetzesaenderung-belgien-ebnet-weg-fuer-aktive-sterbehilfe-fuer-minderjaehrige-a-953181.html [02.07.2015]).

Wer verhindert, so ist mit Weihbischof Dr. Anton Losinger (vgl. seine Predigt an Karfreitag [18. April 2014] im Hohen Dom zu Augsburg, online auf: http://www.bistum-augsburg.de [02.07.2015]) zu fragen, dass die Bewegung weiter geht? Wann wird sich die belgische Euthanasiedebatte auch auf andere nicht einwilligungsfähige Personenkreise ausdehnen? Wann wird sie zu einer realen Bedrohung für Menschen mit Behinderung und psychisch kranke Menschen? Weihbischof Losinger von Augsburg, unser Spezialist in der Bischofskonferenz für die damit zusammenhängenden sozialethischen Fragen und Mitglied im Deutschen Ethikrat, ist der begründeten Überzeugung, dass in der Sterbehilfedebatte unserer Tage ein Dammbruch nicht mehr nur bevorsteht, sondern  dass der Damm schon längst gebrochen ist. Wir bewegen uns auf einer schiefen Ebene, in der sich eine lebensfeindliche Initiative stetig beschleunigt!

Dieser damit gegebenen „Kultur der Todes“, liebe Schwestern und Brüder, muss aus christlicher Verantwortung und im Blick auf die Unverfügbarkeit des Lebens als eines Geschenkes Gottes mit aller Entschiedenheit begegnet werden.

Warum ist die Duldung oder gar Legalisierung der aktiven Sterbehilfe so gefährlich?

Abgesehen einmal von der grundsätzlichen Problematik, dass das Leben unverfügbar ist, muss hier die „Dialektik der Autonomie“ gesehen werden, also die Gefahr, dass das Pochen auf dem Selbstbestimmungsrecht des Menschen im Tod umschlägt in den Verlust der Selbstbestimmung bzw. in eine totalitäre Fremdbestimmung.

Das Recht auf begleiteten Suizid kann nicht mit dem Hinweis auf das Selbstbestimmungsrecht begründet werden, weil der Suizid das definitive Ende jeder Möglichkeit der Selbstbestimmung ist und sie somit aufhebt. Das hatte schon Immanuel Kant richtig festgestellt.

Aber die Gefahr besteht auch im Hinblick auf die anderen: Eine gesetzliche Regelung nämlich, die derartige Angebote zur organisierten Hilfe  zur Selbsttötung duldet, würde dazu führen, dass der Druck auf alle Alten, Schwerkranken und Pflegebedürftigen zunimmt, von derartigen Möglichkeiten doch auch Gebrauch zu machen und den Angehörigen nicht mehr lästig zu fallen. Sie fühlten sich nicht mehr von einer selbstverständlichen Solidarität und Hilfe ihrer Mitmenschen getragen, sondern müssten sich doch noch mehr als Last und als unnütz empfinden, wo sie doch freiwillig und legal ihren Platz räumen und der Gesellschaft auch künftige Kosten ersparen könnten. Die eingeklagte Selbstbestimmung würde umschlagen in eine Fremdbestimmung durch eine lebensfeindliche, von gesellschaftlichen und ökonomischen Sachzwängen diktierte Umgebung, die sich auf die rechtlichen Möglichkeiten berufen könnte.

Liebe Schwestern und Brüder! „Wer die Humanität schützen und die Freiheit des Sterbenden wahren will, muss dafür eintreten, dass die aktive Sterbehilfe ein Tabu bleibt. Dass sie unter keinen Umständen auch  nur in Frage kommt. Doch dabei dürfen wir nicht stehen bleiben:

„[Denn] Hier gewinnt die christliche Verantwortung für eine Kultur  des Lebens eine neue Dimension. Unser Einsatz muss doch darin bestehen, nicht Hilfe zum Suizid, sondern Hilfe zum Leben bereit zu stellen“ (Losinger). Denn viele Bitten um aktive Sterbehilfe sind in den allermeisten Fällen angstdiktiert! Angst vor Schmerzen. Angst vor dem Pflegefall. Angst vor dem Alleinsein.

Da ist wirkliche Menschlichkeit gefragt! Wir müssen hier all die guten Möglichkeiten der Palliativmedizin in der Schmerzlinderung ausschöpfen. Die Mediziner sagen uns, dass niemand unter Schmerzen sterben muss. Und auch die Hospizbewegung muss deutlicher bekannt gemacht und gefördert werden. Menschen sollten in ihrer letzten Lebensphase,  die vielleicht die wichtigste Phase ihres Lebens sein kann, eine Phase, in der sie mit sich und mit Gott ins Reine kommen sollten, in einer humanen Gesellschaft, in freiheitlicher und liebevoll begleiteter Umgebung verbringen können. Ich bin dankbar für alle Initiativen, denen ich hier schon in vielfältiger Weise begegnen durfte. Aber vermutlich kommt  hier auf uns Christen noch eine Aufgabe von geradezu historischer Dimension zu. Kardinal Marx erinnerte vor kurzem in diesem Zusammenhang an Mutter Teresa, die in Kalkutta einer Kultur des Todes widerstand, indem sie rief: Gebt uns die Kinder, bevor ihr sie wegschmeißt! – Müssten wir heute nicht sagen: Gebt uns die Todkranken, gebt uns die Sterbenden, bevor ihr sie beseitigt? Wir begleiten sie! Wir nehmen sie bei der Hand, damit sie an unserer Hand, nicht durch die Hand anderer sterben. Aber sind wir auf diese Aufgabe auch schon genug vorbereitet?

Von der aktiven Sterbehilfe und der Beihilfe zur Selbsttötung ist die passive Sterbehilfe zu unterscheiden. Darunter versteht man das Sterbenlassen durch Verzicht, Abbruch oder Reduzierung eingeleiteter lebensverlängernder Maßnahmen. Die Katholische Kirche plädiert keineswegs  für eine künstliche Lebensverlängerung um jeden Preis. Begründbar ist diese passive Sterbehilfe durch die Änderung des Therapiezieles, dass also – bei erwiesener Aussichtslosigkeit – nicht mehr die heilende Therapie, sondern die Schmerzlinderung im Mittelpunkt steht. Dass es dabei zu schwierigen Entscheidungssituationen kommen kann, ist bekannt, stellt aber die grundsätzliche Unterscheidung nicht in Frage.

Öl ins Feuer der Diskussion hat vor kurzem ausgerechnet der Theologe Hans Küng gegossen. Im Blick auf seinen erst kürzlich nach langer Phase geistiger Umnachtung gestorbenen Freund, den Tübinger Rhetorikprofessor Walter Jens, schreibt er, ihm, Küng, könne man nicht zumuten, im Alter völlig dement dahinzuvegetieren und ganz und gar auf Andere angewiesen zu sein. Dabei hätte ihm die Aussage von Frau Jens, der einfühlsamen Ehefrau seines Freundes, zu denken geben sollen. In einem Interview mit dem Zeit-Magazin sagte sie über ihren schwer demenzkranken Mann: „Als Gesunder hat er für Sterbehilfe plädiert, und als Kranker hat er leben wollen. Mit dieser Erkenntnis bin ich noch lange nicht fertig. Doch wer hätte das Recht gehabt, ihn umzubringen?“ So Frau Jens. Offenbar ist es auch gar nicht so einfach, die eigene Entscheidung in einem solchen Falle vorwegzunehmen. A propos abhängig sein: Gehört es nicht zum Menschsein, auch anzuerkennen, dass wir – biologisch gesehen als sekundäre Nesthocker – in den ersten Lebensjahren vollkommen abhängig sind von anderen, und es eben in den letzten Lebensjahren wieder werden können, wie kleine Kinder. Angewiesen auf Wohlwollen, Zuwendung, angewiesen auf Gnade. Es ist menschlich und beeinträchtigt nicht die Würde des Menschen, auf andere angewiesen zu sein.

Noch ein anderes Beispiel hat mich bewegt, das Losinger aus dem Ethikrat erzählt hat: Prof. Armin Schmidtke, der Leiter des Nationalen Suizidpräventionsprogrammes der Deutschen Bundesregierung, berichtete in einer Anhörung des Deutschen Ethikrates über schwerverletzte Jugendliche, die er im Krankenhaus begleitete. Viele von ihnen waren nach einem schweren Motorradunfall gerade noch einmal dem Tod von der Schippe gesprungen, zum Teil arm- oder beinamputiert und psychisch extrem  angegriffen. Über  seine  Erfahrung  im  Umgang  mit  diesen Jugendlichen berichtet er: Wenn diese jungen Menschen nach ihrer  schweren Verletzung aus dem Koma erwachen und ihren Zustand erfassen, die Amputation des Armes oder Beines registrieren, dann will innerhalb der ersten acht Tage die absolute Mehrheit von ihnen sterben. Wenn allerdings nach einem halben Jahr die Therapie umgesetzt ist, eine Prothese angepasst wurde, viele gute Gespräche möglich waren, dann will die absolute Mehrheit dieser jungen Menschen leben!

Keiner von uns weiß, welche Richtung der eigene Lebensweg nehmen wird und welchem Tod wir selber entgegen gehen. Zwei Geschenke, die in ihrer Größe unbezahlbar sind, möchte man sich in dieser Stunde für jeden Menschen wünschen: Das eine ist eine liebevolle Begleitung von Menschen, die einem die Hand reichen. Das lateinische Wort pallium, von dem sich die moderne Palliativmedizin ableitet bedeutet ja auf Deutsch: der Mantel. Solche Menschen und solche Begleiter benötigen wir, die die Sterbenden in einen bergenden Mantel einhüllen, wenn sie die wichtigste und entscheidende Phase am Ende des Lebens in Freiheit und Würde tragen sollen. Doch das zweite, noch viel wesentlichere Geschenk, ist der ewige Trost, der uns im Glauben gegeben ist, im Glauben an den lebendigen Gott und seine uns bis zum Kreuz nachgehende barmherzige Liebe.

Heiliger Wolfgang, Patron unseres Bistums und Meister in der Kunst des Sterbens, bitte für uns, Amen.

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