Bischof Voderholzer an den Katholikentag: Kirchenpolitische Katholikentagsforderungen wären ein falsches Signal

Bischof Voderholzer an den Katholikentag: Ich erwarte mir von diesem Forum klare Signale in den Bereichen, in denen Katholiken Einfluss nehmen können auf das gesellschaftliche Leben, etwa beim Lebensschutz, in der Familienpolitik.

Regensburg (kath.net)
Der Bischof von Regensburg, Rudolf Voderholzer, erwartet vom Katholikentag in Münster klare politische Signale „etwa beim Lebensschutz, in der Familienpolitik, beim Verständnis von Ehe als Verbindung von Mann und Frau, beim Einsatz für soziale Gerechtigkeit und vieles mehr.“ Das sagte er in seiner Predigt anlässlich der Regensburger Bittprozession am Vorabend von Christi Himmelfahrt im Regensburger Dom. Gleichzeitig weist er jeden Versuch zurück, den Katholikentag zu nutzen, um Druck aufzubauen in der aktuellen Debatte um den Kommunionempfang für evangelische Ehepartner in konfessionsverschiedenen Ehen. Laute Forderungen zu erheben in Fragen der Sakramentenlehre, zähle nicht zu den Aufgaben des Katholikentages.

Papst Franziskus hatte die deutschen Bischöfe am 3. Mai informiert, dass die umstrittene Handreichung der Deutschen Bischofskonferenz zur Zulassung protestantischer Ehepartner zur Kommunion überarbeitet werden solle. Er beauftragte sie, „im Geist kirchlicher Gemeinschaft eine möglichst einmütige Regelung zu finden.“

Bischof Voderholzer: „Diese Aufgabe wird nicht leicht zu erfüllen sein, weil die kirchliche Gemeinschaft die Grenzen der Kirche Deutschlands überschreitet. Es kann die möglichst einmütige Regelung nur geben in Gemeinschaft mit dem gesamten Weltepiskopat, mit der gesamten Weltkirche, mit der Bischofskonferenz von Canada genauso wie mit der von Indonesien.“

Bei dieser Aufgabe sei öffentlicher Druck, der den Tiefgang der Debatte gar nicht wahrnehme, wenig hilfreich. In der gleichen Predigt unterstützte Bischof Voderholzer den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder und den Erlass der Bayerischen Staatsregierung, dass in staatlichen Behörden öffentlich ein Kreuz angebracht werden solle. Der Bischof: „„Der Ministerpräsident hat sich in einem guten Sinne weltchristlich verhalten (…). Da ist es nicht gut, wenn ihm ausgerechnet von kirchlicher Seite auch noch Kritik widerfährt. Dass ein Politiker immer auch auf die nächsten Wahlen schielen muss, darf man ihm nicht ankreiden. Aufgabe der Kirche muss in diesem Fall sein, eine Argumentation gegebenenfalls noch zu vertiefen. Das haben wir versucht.“

Bereits am 2. Mai hatte Bischof Voderholzer zusammen mit dem evangelisch-lutherischen Regensburger Regionalbischof, Dr. Hans-Martin Weiss, eine ökumenische Erklärung zur Kreuzdebatte in Bayern veröffentlicht. Der Regensburger Bischof wird am Freitag auf dem Katholikentag in Münster unter anderem an dem Forum teilnehmen, das dem im KZ Dachau geweihten Münsteraner Priester Karl Leisner gewidmet ist.

Predigt im WORTLAUT:

Liebe Mitbrüder im Bischofs-, Priester- und Diakonenamt,
liebe Schwestern und Brüder im Herrn! Zur Stunde wird in Münster der 101. Katholikentag eröffnet. Bis zum Sonntag werden 50.000 Dauergäste erwartet und darüber hinaus viele Interessierte aus ganz Deutschland und darüber hinaus.
Auch ich werde am Freitag nach Münster fahren und an einem Forum teilnehmen, wo es um den im KZ Dachau geweihten Priester Karl Leisner gehen wird. Karl Leisner ist ein Münsteraner Priester und strahlender Zeuge des Glaubens im Kontext der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

Der Katholikentag, Sie erinnern sich an meine steten Aussagen von vier Jahren, ist das Treffen der katholischen Laien, der Verbände und Vereine, die sich bei diesem Treffen ihrer Grundlagen vergewissern und sich stärken für das gesellschaftspolitische Engagement in den verschiedenen Ebenen von Politik, Wissenschaft, Kunst und Kultur.

Sie wissen auch, dass ich in diesem Zusammenhang Vorbehalte habe gegenüber dem Begriff des „Laien“, der mir diskriminierend erscheint, weil er ein abgrenzender Begriff ist. Der Alternativbegriff „Weltchrist“ scheint mir immerhin positiv formuliert zu sein und die Aufgabe auf den Punkt zu bringen, nämlich durch Taufe und Firmung berufen und bestellt zu sein, in der Welt für das Reich Gottes zu wirken und das Evangelium im Alltagsgeschäft zu bezeugen.
Ein solches „weltchristliches“ Engagement hat vor ein paar Tagen der neue, übrigens evangelisch-lutherische, Bayerische Ministerpräsident an den Tag gelegt, wenn er mit der Bayerischen Staatsregierung den Erlass herausgegeben hat, dass in den staatlichen Behörden öffentlich ein Kreuz angebracht werden soll. Ich sehe darin den Auftrag an alle Christinnen und Christen verwirklicht, unsere Gesellschaft positiv aus dem Geist des Evangeliums mitzugestalten.

Es ist für mich eine große Freude, dass ich in ökumenischer Verbundenheit zusammen mit dem evangelisch-lutherischen Regionalbischof Dr. Hans-Martin Weiss erklären konnte: „Wir begrüßen und unterstützen, wenn das Kreuz im öffentlichen Raum präsent ist – auch und erst recht dort, wo politische und/oder administrative Verantwortung für unser Gemeinwesen wahrgenommen wird.“

Und unsere Begründung lautete unter anderem:„Die Väter und Mütter der Bayerischen Verfassung haben nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und unter dem Eindruck der Selbstvergötzung des Staates mit den bekannten verheerenden Folgen für Europa und die ganze Welt dem Verfassungstext eine ‚Invocatio Dei‘ (Anrufung Gottes) vorangestellt und darüber hinaus die Ehrfurcht vor Gott als Bildungsziel formuliert. Dies geschah in der Überzeugung, dass eine freiheitlich-demokratische Gesellschaft von Voraussetzungen lebt und auf Fundamenten aufbaut, die sie selbst nicht garantieren kann, um es mit Ernst-Wolfgang Böckenförde zu formulieren.

Historisch und sachlich betrachtet ist in unserer bayerischen Heimat die christliche Religion das Fundament der staatsbildenden Grundwerte. Das im christlichen Glauben gründende Wertesystem prägt und formt unsere Gesellschaft positiv, und zwar auch dort, wo ihr dies längst nicht mehr bewusst ist.
An die Botschaft des Kreuzes erinnert zu werden ist nicht nur zumutbar, sondern auch hilfreich, auch für jene, die diesen Glauben nicht teilen.

Das Kreuz steht stellvertretend und symbolisch für das vor-staatliche Fundament der freiheitlich-demokratischen Grundordnung.
Das Kreuz bewahrt den Staat vor der Versuchung, sich totalitär des Menschen zu bemächtigen.“

Soweit die wichtigsten Passagen aus der gemeinsamen ökumenischen Stellungnahme. Der Ministerpräsident hat sich in einem guten Sinne weltchristlich verhalten und in eigener Verantwortung aus der in der Taufe gründenden Berufung gehandelt. Da ist es nicht gut, wenn ihm ausgerechnet von kirchlicher Seite auch noch Kritik widerfährt. Dass ein Politiker immer auch auf die nächsten Wahlen schielen muss, darf man ihm nicht ankreiden. Aufgabe der Kirche muss in diesem Fall sein, eine Argumentation gegebenenfalls noch zu vertiefen.

Das haben wir versucht.
Zurück zum Katholikentag. Ich erwarte mir von diesem Forum klare Signale in den Bereichen, in denen Katholiken Einfluss nehmen können auf das gesellschaftliche Leben, etwa beim Lebensschutz, in der Familienpolitik, beim Verständnis von Ehe als Verbindung von Mann und Frau, beim Einsatz für soziale Gerechtigkeit und vieles mehr.

Was nicht Aufgabe des Katholikentages ist, sind laute Forderungen in Glaubensfragen, insbesondere in Fragen der Sakramentenlehre und der sie begründenden Theologie.
Es wäre ein seltsames, ja ein falsches Signal, wenn vom Katholikentag aus nur oder vor allem die altbekannten kirchenpolitischen Forderungen in die Öffentlichkeit getragen würden.
Insbesondere warne ich davor, jetzt aus aktuellem Anlass Druck aufzubauen in der Debatte um den Kommunionempfang für evangelische Ehepartner in konfessionsverschiedenen Ehen.

Wie Sie wissen, gibt es in der Deutschen Bischofskonferenz einen Dissens. Ich gehöre zu den sieben Bischöfen, die unter Führung des Erzbischofs von Köln, Kardinal Rainer Maria Woelki, einen Brief nach Rom geschrieben haben, worin wir um Klärung von ein paar Fragen gebeten haben.

Wir sind erstens davon überzeugt, dass es sich bei der zur Debatte stehenden Frage um ein Thema handelt, das die Glaubenslehre betrifft. Eine pastorale Frage wäre, wann das richtige Alter für die Erstkommunion ist, mit 7, mit 14 oder, wie es jetzt die Regel ist, mit 9 Jahren. Eine pastorale Frage ist, wie der Beichtspiegel und die Beichtvorbereitung aussehen sollten. Eine pastorale Frage im Zusammenhang mit der Eucharistie ist die äußere Form beim Kommunionempfang: Handkommunion und/oder Mundkommunion, kniend oder stehend. Wo es aber um die Glaubensüberzeugung und die Kirchenzugehörigkeit des Empfängers geht, steht mehr auf dem Spiel, nämlich das Verständnis von Kirche und Bekenntnis insgesamt. Eine so weit reichende Änderung der bisherigen Lehre kann, so unsere Anfrage, doch nicht auf der Ebene nur einer Bischofskonferenz vorgenommen werden. Was bei uns gilt, muss auch in Chicago, Shanghai und Johannesburg gelten.

Zur Klärung dieser strittigen Fragen war ich vorige Woche zusammen mit den Kardinälen Marx und Woelki und weiteren Bischöfen in Rom zum Gespräch eingeladen. Der Papst hat unsere Fragen dahingehend beantwortet, dass er uns den infrage stehenden Text zurückgegeben und uns mitteilen hat lassen, dass wir als deutsche Bischöfe, wörtlich, „im Geist kirchlicher Gemeinschaft eine möglichst einmütige Regelung zu finden“ hätten. Diese Aufgabe wird nicht leicht zu erfüllen sein, weil die kirchliche Gemeinschaft die Grenzen der Kirche Deutschlands überschreitet. Es kann die möglichst einmütige Regelung nur geben in Gemeinschaft mit dem gesamten Weltepiskopat, mit der gesamten Weltkirche, mit der Bischofskonferenz von Canada genauso wie mit der von Indonesien. Es geht um ein wirkliches theologisches Ringen, um eine Frage, die uns im Gewissen bindet.
Dabei ist der Druck einer Öffentlichkeit, die den Tiefgang der Debatte um unser „Allerheiligstes“, und um das handelt es sich bei dieser Frage, gar nicht wahrnimmt und die die Thematik nur auf der Ebene bürgerlicher Anständigkeit, persönlicher Animositäten oder politischer Strategien ansiedelt, nicht hilfreich. Es handelt sich nicht um eine Frage der Höflichkeit oder Nettigkeit, sondern um die Bedingungen und Voraussetzungen der Begegnung mit dem Allerheiligsten.

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn! Wir feiern Christi Himmelfahrt. Der Herr kehrt nach Vollendung seines Heilswerkes heim zu seinem und unserem Vater, nicht um uns zu verlassen, sondern um auf neue Weise bei uns zu sein bis ans Ende der Tage.

Er ist bei uns in seinem Wort; er ist bei uns in jedem Menschen, der uns und unsere Hilfe und Zuwendung braucht. Was ihr dem geringsten meiner Schwestern und Brüder getan habt, habt ihr mir getan. Er ist bei uns im Zeichen des Kreuzes, das uns so lieb geworden ist und in dem unser ganzer Glaube in so wunderbar einfacher Weise zusammengefasst ist.

In der dichtesten Form freilich ist und bleibt der Herr bei uns in der Feier der Eucharistie. In der Eucharistie baut er immer wieder aufs Neue die Kirche auf als seinen Leib in den vielen Gliedern.
Vom gekreuzigt-auferstandenen Herrn, gegenwärtig in der Eucharistie, geht Segen aus, und diesen Segen erbitten wir heute und am Fronleichnamsfest, wenn wir unseren Kirchenraum verlassen und singend und beten durch die Straßen unserer Stadt ziehen.

Ja, Herr segne unsere Stadt, segne alle ihre Bewohner, und schenke ihr und der Kirche Deinen Frieden, Amen.

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„Ohne Weihnachten kein Vaterunser“

„Das Vaterunser als weihnachtliches Gebet“ stellt der Bischof von Regensburg in den Mittelpunkt seiner Predigten.

Was wir im zurückliegenden Advent erlebt haben, hatte man in unserer säkularisierten Gesellschaft kaum mehr für möglich gehalten. Bis in die Boulevardblätter hinein wird über das zentrale Gebet der Christenheit und den Sinn seiner Worte diskutiert. Allein das ist schon eine Gute Nachricht!

Das Vaterunser: ein weihnachtliches Gebet? Gewiss, die Engel singen das „Gloria in excelsis Deo“, die Hirten beten an, die Weisen aus dem Morgenland bringen Geschenke. Die Bitte der Jünger, sie beten zu lehren, wird Jesus erst als Erwachsener im Rahmen der Bergpredigt erfüllen: Wenn Ihr betet, so sprecht: „Vater unser im Himmel …“

….einer von uns

Dennoch: Ohne Weihnachten kein Vaterunser! Die Weihnachtsbotschaft lautet: Der ewige Sohn des Vaters wird Mensch, einer von uns. Er geht in die Geschichte ein und teilt unser aller Menschenlos. So nimmt er uns hinein in seine Beziehung zu Gott. Er erneuert unsere Gotteskindschaft. In ihm sind wir Söhne und Töchter Gottes und miteinander Schwestern und Brüder.

Die Geschwisterlichkeit der Menschheitsfamilie wird nicht erreicht durch die Abschaffung der Väter, sondern allererst ermöglicht durch den gemeinsamen Bezug auf den himmlischen Vater. In seiner Hand sind wir geborgen.

Beterinnen und Beter

Das Vaterunser braucht keine neue Übersetzung. Es braucht Beterinnen und Beter, Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer, die sich an der Krippe neu als Kinder Gottes erfahren und täglich neu aus dieser Beziehung leben. So schenken wir uns und den Menschen unserer Nähe auch ganz nebenbei ein im eigentlichen Sinne der Worte frohes und gesegnetes Weihnachtsfest.

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Bischof Voderholzer: „Bonifatius war ein echter Bote des Evangeliums“

Msgr. Rudolf Voderholzer / Quelle: Copyright: Pressestelle Bistum Regensburg

Predigt vom Regensburger Bischof
in der Schlussvesper am 28. September 2017
in Fulda — Volltext

Wir dokumentieren im Folgenden die Predigt von Bischof Rudolf Voderholzer in der Schlussvesper mit Bonifatiussegen am 28. September 2017 anlässlich der Herbst-Vollversammlung der deutschen Bischofskonferenz in Fulda

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Liebe Mitbrüder im Bischofs-, Priester- und Diakonenamt,
ehrwürdige Schwestern,
liebe Vertreter der kirchlichen Vereine und Verbände,
liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

Seit 150 Jahren kommen die deutschen Bischöfe zu ihrer Herbst-Vollversammlung in Fulda zusammen. Die Lage ziemlich in der Mitte Deutschlands ist verkehrstechnisch sehr praktisch. Aber der wahre Grund liegt tiefer. Wir treffen uns in Fulda, weil wir hier das Grab des hl. Bonifatius verehren, des „Apostels der Deutschen“. Die Verlautbarungen der Vollversammlung der Deutschen Bischöfe, früher bisweilen einfach „Fuldaer Bischofskonferenz“ genannt, wurden stets mit der Wendung eingeleitet bzw. lokalisiert: „Am Grab des hl. Bonifatius versammelt, … tun die deutschen Bischöfe kund …“

Zur Verehrung des hl. Bonifatius gehört nicht zuletzt die Bitte um Gottes Segen auf seine Fürsprache hin, die zeichenhaft durch die Auflegung der Bonifatius-Reliquie ihren Ausdruck findet. Auch wir werden uns nachher mit dem Reliquiar segnen lassen und somit gleichsam hautnah in Berührung bringen mit dem Mann, der für seinen Glauben sein Leben hingegeben hat. Der damit durch die Gnade Gottes sein außergewöhnliches Lebenswerk der vertieften Einpflanzung des Christentums in unserem Heimatland krönen konnte.

Als Bischof von Regensburg darf ich einem Bistum vorstehen, das im Jahr 739 vom hl. Bonifatius kanonisch errichtet wurde und so treiben auch mich besonders Fragen um wie diese: Was gibt uns das Vorbild des hl. Bonifatius heute mit? Was können wir von ihm lernen, wo fordert er uns heraus?

Wenn wir sein Leben und Wirken betrachten, dann begegnet uns ein Organisationsgenie und ein Kommunikationsgenie; jemand, der die Kirche in Deutschland geordnet und fest mit Rom verbunden hat und damit ein wesentliches Fundament des Abendlandes gelegt hat. Aber diese sozusagen politischen Fähigkeiten allein begründen noch nicht seine Bedeutung. Bonifatius war ein echter Bote des Evangeliums. Davon zeugen seine Briefe. In ihnen begegnet uns manch Zeitbedingtes, aber auch viel zeitlos Gültiges für uns.

Im ältesten uns erhaltenen Bonifatius-Brief an einen gewissen Sigeberht erläutert der Heilige die Bedeutung des sogenannten Kreuzgedichtes. Das ist ein kunstvolles Figurengedicht in Ellipsenform, dessen Mitte das zweimal mit der Inschrift „Jesus Christus“ versehene Kreuz bildet: „Du sollst wissen, dass Du die einzelnen Bestimmungen des Alten und Neuen Testamentes dann in der den Kirchensatzungen entsprechenden Weise verstanden hast, wenn Du in der Mitte mit geistigen Augen betrachtend den Christus am Kreuz erblicken kannst, der das Bauwerk der bösen Begierden zerstört und den Tempel der gütigen Liebe erbaut“ (Briefe des hl. Bonifatius, hg. von Reinhold Rau, Darmstadt 1969, 365; vgl. Lutz E. von Padberg, Bonifatius. Missionar und Reformer, München 2003, 24).

Bonifatius, der sich selbst auf seinen missionarischen Dienst mit einem intensiven Studium der Heiligen Schrift vorbereitet hat – vermutlich konnte er die Bibel über weite Strecken auswendig – verpflichtet uns auf die Urkunde unseres Glaubens. Bemerkenswert sein Hinweis auf die Einheit der Heiligen Schrift. Altes und Neues Testament als Offenbarungszeugnis sind eine Einheit, die christologisch, letztlich durch das Kreuzesgeschehen, vermittelt ist; Einsichten, die von höchster Aktualität sind und von der Bibelhermeneutik unserer Tage wieder eingeholt werden.

Angesichts einer immer mehr schwindenden Bibelkenntnis selbst in kirchlichen Kreisen und eines Relevanz-Verlustes der biblischen Botschaft erinnert uns Bonifatius durch sein Vorbild und seine Predigt an die Weisungen des Zweiten Vatikanischen Konzils: die Kenntnis der Heiligen Schrift zu fördern, die Liebe zur Heiligen Schrift zu entfachen und das Schriftstudium als „Seele der Theologie“ hochzuhalten (vgl. Vat. II, Dei verbum, 6. Kapitel, v. a. DV 24).

Mit der Heiligen Schrift im Herzen hat der hl. Bonifatius unsere Heimat evangelisiert. Ich bin froh, dass er die Donar-Eiche – Symbol und Kultstätte des germanischen Heidentums – gefällt, aus ihrem Holz eine Peterskirche gebaut und an ihre Stelle das Kreuz gesetzt hat. Die Propagandisten einer Re-Germanisierung haben ihm das immer übel genommen und die vermeintliche „Verweichlichung“ der hehren germanischen Natur durch die jüdisch-christliche Ethik der Schwachen und Zu-kurz-Gekommenen vorgeworfen. Erst aus der Perspektive der Umkehr und der Kreuzesnachfolge freilich ist der wahre und wahrhaftig humane Mehrwert der Botschaft des Evangeliums zu erfassen. Das Kreuz ist das Zeichen gewaltloser Toleranz, das uns zeigt, dass der Glaube in höchstem Maße eine Sache der Freiheit ist. Das Kreuz zeigt, dass Gott uns leiden mochte und leiden mag bis zur letzten Konsequenz und ist deshalb der Inbegriff der froh und selig machenden Botschaft. Woher, so frage ich, woher schließlich sollte Hoffnung kommen auf Frieden und Versöhnung unter den Völkern, wenn nicht vom Kreuz her, an dem der Herr gewalt- und wehrlos den Hass der Welt an sich hat austoben lassen und so dem unseligen Kreislauf von Tun und Vergeltung in die Speichen gefahren ist; vom Kreuz her, unter dem sich gerade auch noch einmal Opfer und Täter versöhnen können?

Dank des überlieferten Brief-Corpus haben wir auch ganz konkrete Aussagen und Ermahnungen des hl. Bonifatius an Bischöfe. Ich erinnere nur an eines der berühmtesten Worte, gerichtet an Bischof Cuthberht: „Wir wollen nicht stumme Hunde sein, nicht schweigende Späher, nicht Mietlinge, die vor dem Wolf fliehen, sondern besorgte Hirten, die über die Herde Christi wachen, die dem Großen und dem Kleinen, dem Reichen und dem Armen, jedem Stand und Alter, ob gelegen oder ungelegen, jeden Rat Gottes verkünden“ (Brief 78, ed. Rau, 251 und 253; zitiert nach Padberg, 31).

Es ist beachtlich, mit welchem Nachdruck Bonifatius die Verantwortlichkeit jedes Einzelnen betont (vgl. Hubertus Lutterbach, Mit Axt und Evangelium. Eine Biographie in Briefen, Freiburg 2. Auflage 2005, 273). Lutterbach spricht davon, Bonifatius habe das Christentum als „Gewissensreligion“ gelehrt und verkündet! Nur wer mit seiner ganzen Person für den Glauben einsteht, nur wer zu erkennen gibt, dass er sich als Bote dem sendenden Gott und nicht dem Zeitgeist, den Erwartungen der Medien oder sonstigen vorläufigen Instanzen verantwortlich weiß, wird bei anderen Glauben wecken. Kirchliches Leben braucht mehr als nur Sympathisanten. Leitbilder sind gefragt. Menschen die brennen und so das Feuer des Glaubens weitergeben können.

Deshalb scheint mir, dass uns Bonifatius, der Glaubenszeuge, ermutigt, im Voraus zu einer Theologie der Gemeinschaft und der Kollegialität – so wichtig und notwendig sie ist –, noch deutlicher eine Theologie der Personalität und der personalen Verantwortung in den Blick zu nehmen. Eine solche Theologie der Personalität entspricht ganz dem biblischen Gottes- und Menschenbild. „Zur Struktur der Bibel gehört nicht nur die Gemeinschaftlichkeit der von Gott geschaffenen Geschichte“, sagt Joseph Ratzinger, „sondern ebenso die persönliche Haftbarkeit, die Verantwortung der Person. Das Wir ist nicht Auflösung von Ich und Du, sondern deren Bestätigung und Stärkung ins Endgültige hinein.“ Ein sprechender Beleg dafür ist die Bedeutung, die schon im Alten und erst recht im Neuen Testament, der Name hat – der Name Gottes und der Name des Menschen. Der Name, der Gott und mich und dich ansprechbar, identifizierbar und unterscheidbar macht, bezeichnet in der Sprache der Bibel dasselbe, was dann die philosophische Reflexion mit dem Wort „Person“ bezeichnen wird. „Dem Gott, der einen Namen hat, d. h. ansprechen und angesprochen werden kann, korrespondiert der Mensch, der namentlich und in namentlicher Verantwortung in der Offenbarungsgeschichte steht.“ (Joseph Ratzinger, Der Primat des Papstes und die Einheit des Gottesvolkes, JRGS 8, 660–675, hier: 663) Deshalb ist es auch wichtig, dass im eucharistischen Hochgebet, wenn die Einheit des Gottesvolkes mit der Hierarchie der Kirche aufgerufen wird, der Papst und der Ortsbischof mit ihren Namen genannt werden. Das hat nichts mit Personenkult zu tun, sondern erinnert an die Tatsache, dass der formale Kern des Glaubens die „persönlich verantwortete Zeugenschaft“ ist. Es kann in der Kirche keine anonyme Leitung geben. Die personale Inpflichtnahme darf nicht durch Gremien oder Synoden aufgehoben werden, durch letztlich anonyme Größen, hinter der die persönliche Zeugenschaft und auch die persönliche Verantwortlichkeit zu verschwinden droht. Bonifatius erinnert uns durch sein Wirken und sein Beispiel an die „martyrologische“, das heißt auf das persönliche Bekenntnis und die Zeugnis verpflichtende Sendung des apostolischen Dienstes. Die Kollegialität der Bischöfe hebt die Personalität und persönliche Verantwortung des einzelnen nicht auf, sondern setzt sie voraus.

Noch einmal mit Joseph Ratzinger gesprochen:

Dem Zeugen Jesus Christus entsprechen die Zeugen, die, eben weil sie Zeugen sind, mit Namen für ihn einstehen. Das Martyrium als Antwort auf das Kreuz Jesu Christi ist nichts anderes als die letzte Bekräftigung dieses Prinzips der unabtretbaren Namentlichkeit, der namentlich haftenden Person.“

Hl. Bonifatius, Apostel der Deutschen und Blut-Zeuge für das Evangelium, bitte für uns! Amen.

(Quelle: DBK)

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Bischof Voderholzer: Statio zur Messfeier in Mindelstetten zum Anna-Schäffer-Gebetstag am 26. Juli 2017

Mindelstetten, Pfarrkirche St. Nikolaus / Wikimedia Commons – Rensi, Public Domain

 

Liebe Mitbrüder im Priester- und Diakonenamt, liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

die Sie sich auch vom regnerischen Wetter nicht haben abhalten lassen, heute am Festtag der heiligen Joachim und Anna wieder in so großer Zahl zum Anna-Schäffer-Gebetstag nach Mindelstetten zu kommen.

Beim Wettersegen beten wir um „gedeihliches Wetter“, und der Regen war ja so notwendig, so wollen und dürfen wir uns nicht beklagen, auch wenn wir deshalb heute unter Regenschirmen die Heilige Messe feiern. Es soll unserer Andacht und der Inständigkeit unserer Gebete keinen Abbruch tun. Danken wir vielmehr auch für den Regen, der der Natur, vor allem den Wäldern, so gut tut.

Ich danke Ihnen allen für Ihr Glaubenszeugnis, danke auch allen, die den Anna-Schäffer-Gebetstag organisatorisch gestalten und tragen, danke den Geistlichen, den Beichtvätern usw.

Wir ehren am heutigen Tag die Eltern der Gottesmutter Maria und somit die Großeltern Jesu, Joachim und Anna, und wir danken Gott für die Gnade, die er der heiligen Anna Schäffer geschenkt hat, dass er sie durch das Leiden zur Heiligkeit geführt und so uns allen eine Fürsprecherin im Himmel, aber auch ein Vorbild der Glaubensstärke und Treue geschenkt hat.

Wir wollen den Herrn bitten, dass er auch uns erneuere im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe. Deshalb bitten wir zu Beginn dieser Feier um Vergebung und Erbarmen:

Erbarme Dich, Herr unser Gott, erbarme Dich, …

Predigt

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

Am vergangenen Freitag, den 21. Juli, wurden die statistischen Zahlen für die katholische Kirche und die evangelische Kirche in Deutschland für das Jahr 2016 veröffentlicht. Sie haben wahrscheinlich das eine oder andere davon in Rundfunk und Fernsehen oder über die Zeitungen mitbekommen.

Das Ergebnis war wenig überraschend. Die Kirchenaustrittszahlen liegen nach wie vor besorgniserregend hoch, auch wenn sie in der katholischen Kirche gegenüber dem Vorjahr 2015 um etwa 11 Prozent zurückgegangen sind. Die Zahl der Taufen ist sogar leicht gestiegen, die der Trauungen ein wenig gesunken. In Hamburg und Berlin steigen die Katholikenzahlen, bedingt durch den Zuzug von katholischen Ausländern; insgesamt ist die Zahl der Katholiken in Deutschland aber rückläufig.

Liebe Schwestern und Brüder, ich will sie heute am Anna-Schäffer- Gedenktag nicht mit Zahlen und Statistiken langweilen. Aber die Reaktionen in der Öffentlichkeit auf diese Zahlen sind doch bemerkenswert und führen uns dann doch in die Tiefe.

Da wird uns als Heilmittel zur Umkehr dieses Trends und zur Wahrung unserer gesellschaftlichen Relevanz immer wieder geraten, dass wir uns – wörtlich – „weiter öffnen und von starren konservativen Dogmen verabschieden“.

Näherin heißt das dann:

  • Abschaffung der Ehelosigkeit der Priester;
  • Verzicht auf unterschiedliche Aufgaben und Berufungen von Frauen und Männern in der Kirche und Zulassung von Frauen zum apostolischen Dienstamt;
  • Zustimmung zur Forderung nach völliger rechtlicher Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften mit der Ehe;
  • Öffnung der Kommunionzulassung für alle usw.

Sie kennen diesen Katalog der Forderungen so gut wie ich.

Liebe Schwestern und Brüder! Wie problematisch diese Ratschläge sind, lehrt aber doch bereits ein kurzer Blick auf die Statistik der evangelischen Kirche. Wenn die Umsetzung der genannten Ratschläge wirklich ein Weg zu einer Verbesserung der kirchlichen Lage wäre, dann müsste in der evangelischen Kirche doch das blühende Leben zu beobachten sein.

Was aber sagt die Statistik? Aus der evangelischen Kirche, in der alle diese Forderungen doch im Grunde erfüllt sind und wo es alle diese vermeintlichen Erschwernisse des Kircheseins nicht oder nicht mehr gibt, aus der evangelischen Kirche treten – und zwar mit Ausnahme von 2014 schon seit Jahren – mehr Menschen aus als aus der katholischen Kirche. Darüber aber wird in der Öffentlichkeit weitgehend sehr vornehm geschwiegen, obwohl die Zahlen am selben Tag der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Wird darüber vielleicht auch deshalb vornehm geschwiegen, weil andernfalls die eklatante Schwäche, ja die Widersprüchlichkeit und Widersinnigkeit der „guten“ Ratschläge an die katholische Kirche offenkundig würde?! Kann man uns denn allen Ernstes den Weg der evangelischen Kirche als Heilmittel empfehlen, der so offenkundig zu einer noch größeren Entfremdung von Glaube und Kirche geführt hat? Ich sage das ohne Häme! Ich kenne evangelische Mitchristen, die mir in dieser Einschätzung der Lage vollkommen zustimmen und die uns Katholiken warnen, dieselben Fehler zu machen.

Wir müssen in der ganzen Debatte viel tiefer ansetzen. In der Kirchenstatistik wird eine seit Jahren fortschreitende Säkularisierung, eine Verweltlichung sichtbar, ein Schwund an Kirchenbindung und letztlich ein Rückgang an Glaubenssubstanz, eine Verflüchtigung des Gottesbewusstseins. Deshalb haben wir auch nicht eigentlich einen Priestermangel, sondern einen viel fundamentaleren Glaubensmangel. Der Priestermangel ist ein Symptom, wie das Fieber. Das Fieber ist ja nicht selbst die Krankheit, sondern das Fieber weist auf einen Entzündungsherd hin. Ich bin mir sicher: Das Fieber des Priestermangels weist auf die Krankheit des Glaubensmangels hin. Übrigens kennt auch die evangelische Kirche längst das Phänomen des „Pfarrermangels“, weil es zu wenig junge Leute gibt, die Theologie studieren und sich auch beruflich ganz in den Dienst des Evangeliums stellen wollen; das alles ohne Zölibat und trotz der Möglichkeit auch für Frauen, das Pfarramt zu übernehmen! Das sollte uns doch zu denken geben hinsichtlich der wahren Gründe für den Schwund an Kirchlichkeit.

Liebe Schwestern und Brüder, versammelt am Grab der heiligen Anna Schäffer! Uns allen liegen das Erscheinungsbild und das Geschick der Kirche am Herzen. Aber nicht deshalb, weil wir zu ihr wie zu einem Verein gehören, dessen öffentliches Ansehen und dessen Stärke oberstes Ziel wären; sondern um der Botschaft willen und um der Menschen willen, um derentwillen Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist. In der Kirche nimmt er uns in Dienst für sein Evangelium. Dabei hat uns der Herr nicht verheißen, dass wir immer die Mehrheit sein würden; er hat uns vielmehr Gegenwind und Widerstand vorausgesagt.

Deshalb sollten wir uns auch gar nicht so viel mit Zahlen und Statistiken beschäftigen. Uns muss es darum gehen, dass durch unser Leben aus dem Glauben das Evangelium in unserer Umgebung leuchten kann.

Überall, wo wir das Evangelium durch Unaufmerksamkeit, Lieblosigkeit und Hartherzigkeit verdunkeln, sind wir aufgerufen, umzukehren und dem Herrn wieder Raum zu geben.

Statt ständig an den Strukturen, auch und gerade den sakramentalen Strukturen der Kirche herumzumäkeln, statt die Botschaft des Evangeliums zu verdünnen und statt eine Light-Version von Jesus zu verkünden, ist Evangelisierung angesagt, eine Durchdringung der Gesellschaft mit dem Geist Jesu. Und der erste und alles entscheidende Schritt auf diesem Weg ist das tägliche Bemühen um Heiligkeit, das tägliche Hören auf Gottes Wort und die Bereitschaft, mit der Reform der Kirche bei mir selbst anzufangen. Denn das heißt Reformation: Erneuerung aus dem Glauben, Wiederherstellung des Bildes Christi, das uns in Taufe und Firmung eingeprägt ist. Wo uns das in der Gnade Gottes geschenkt wird, wo uns das gelingt, da werden wir die Menschen auch unserer Tage wieder neugierig machen auf den Glauben, der uns trägt. Und dann werden wir auch Rechenschaft geben können, über die Hoffnung die uns erfüllt.

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn! Die heilige Anna Schäffer ist uns bei dem für unsere Zeit angesagten Bemühen um Evangelisierung in jeder Hinsicht ein Vorbild und auch eine Fürsprecherin.

Sie wollte ihr Leben drangeben für die Mission in der Ferne. Der Herr aber hatte sie bestimmt für die Mission in der Heimat. Bevor sie freilich für viele zur Trösterin und Quelle von Glaubensfreude werden konnte, musste sie sich selbst noch einmal neu und radikal evangelisieren lassen. Die Annahme ihres Leidens als Teilhabe am Kreuz Christi war alles andere als leicht. Ans Bett gefesselt und den Blick aufs Kreuz gerichtet, hat sie sich diesem Prozess der inneren Heilung und Verwandlung gestellt. So wurde sie zu einem leuchtenden Zeichen des Wirkens Gottes, zur Glaubensbotin für ungezählte Menschen und schließlich zur Heiligen der katholischen Kirche.

Und so bitten wir sie heute um ihre Fürsprache, dass der Herr jedem und jeder von uns die Gnade schenke, mit der Reform der Kirche bei sich selbst anzufangen; dass wir den Mut aufbringen, uns täglich neu selbst evangelisieren zu lassen und auf diese Weise bereitet werden, der Sendung der Kirche zu dienen – zum Heil für die Menschen, und zur Verherrlichung des dreifaltigen Gottes, dem die Ehre sei, heute, alle Tage, und in Ewigkeit, Amen.

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Bischof Voderholzer bittet um Vergebung — „Wer diese Schilderungen liest, kann nur Entsetzen und Betroffenheit spüren“

AL-00202-10 / Portrait Portraet Professor Dr. Rudolf Voderholzer Theologe designierter Bischof von Regensburg Leiter Papst-Institut Papst-Benedikt-Institut Regensburg Professor fuer Dogmatik und Dogmengeschichte Katholisch-Theologische Fakultaet Trier

Msgr. Rudolf Voderholzer / Quelle: Copyright: Pressestelle Bistum Regensburg

Hirtenbrief zum Abschlussbericht über Gewaltausübung
bei den Regensburger Domspatzen

Im Hirtenwort zum 16. Sonntag des Jahreskreises am 23. Juli 2017 dankte Bischof Rudolf Voderholzer vor allem den Betroffenen für ihre wichtige und für den Abschlussbericht grundlegende Mitarbeit und sprach dem vom Bistum Regensburg beauftragten und unabhängig arbeitenden Rechtsanwalt Ulrich Weber seinen Dank für den „Abschlussbericht zur Aufklärung der Vorfälle von Gewaltausübung an Schutzbefohlenen bei den Regensburger Domspatzen“ aus.

Bischof Voderholzer fasste die Aufgabenstellung des Anwalts zusammen: „Er sollte die Gewalttaten, die Kindern und Jugendlichen bei den Domspatzen in der Vergangenheit angetan wurden, dokumentieren, die Strukturen und Zusammenhänge, die diese Taten ermöglicht oder gar noch gefördert haben, durchleuchten und die Aufklärungsarbeit der Diözese seit 2010 betrachten.“

Der Großteil des Berichts enthält die Schilderungen der Opfer, die körperliche Gewalt erlitten und teilweise auch Opfer sexueller Übergriffe sind. Hauptsächlich relevanter Zeitraum sind die 60er und 70er Jahre. Die jüngsten Fälle reichen in das Jahr 1992.

„Wer diese Schilderungen liest, kann nur Entsetzen und Betroffenheit spüren“, stellte Bischof Voderholzer fest und präzisierte „dass Buben – zum großen Anteil in der Vorschule in Etterzhausen und Pielenhofen – Körperverletzungen ausgesetzt waren, die deutlich über das damals allgemein hingenommene Maß einer Ohrfeige hinausgehen, dass Kinder und Jugendliche in beiden Einrichtungen Opfer von sexuellem Missbrauch wurden, dass sich viele in einer dauernden Angst vor drohenden willkürlichen Strafmaßnahmen fühlten und viele bis heute unter den erlittenen Demütigungen leiden. All das macht mich zutiefst zerknirscht und erfüllt mich mit Scham.“ Besonders schwer wiege der Umstand, dass die Kinder „in gutem Glauben Priestern und kirchlichen Angestellten anvertraut wurden“.

Bischof Voderholzer bittet um Vergebung: „Liebe Mitchristen, angesichts der obigen Schilderungen kann ich nur in Demut um Entschuldigung bitten. Als Bischof der Kirche von Regensburg bitte ich anstelle der Täter, von denen die meisten verstorben sind, um Vergebung und bitte, dass diese Entschuldigung von den Betroffenen angenommen werde.“

Der Bischof stellt fest, dass „unter anderem die Abschottung der verschiedenen Einrichtungen, Kommunikationsbarrieren nach innen und außen und Versäumnisse der kirchlichen und staatlichen Aufsichtsbehörden“ ursächlich waren.

Die diözesane Aufarbeitung der Vorfälle seit 2010 bestand in „der Schaffung entsprechender Strukturen für die Aufarbeitung“, einem „Beauftragten für sexuellen Missbrauch“ und einem „Beauftragten für Körperverletzung“. Eingehende Hinweise wurden verfolgt. „Die Personalakten wurden durchsucht, Ergebnisse dokumentiert und sich um Hilfe für die Opfer bemüht. Dieses Vorgehen mit Blick auf die Einzelfälle entsprach den Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz, ebenso die Anerkennungszahlungen, die ab 2011 erfolgten.“

Nach Gesprächen mit einzelnen Opfern wurde deutlich, dass ein gemeinsames Vorgehen mit den Betroffenen wichtig sei. „ein Hinhören auf ihre Erwartungen und Nöte“, „ein unabhängiger Blick auf die Strukturen und Zusammenhänge“. „Hilfe von außen und von unabhängiger Seite“ wurde für das Bistum erforderlich. „Zur Aufarbeitung und zur Hilfe für die Betroffenen sind nun weitere Anerkennungszahlungen und Therapieangebote vorgesehen. Zudem sind zwei weitere Studien, die die geschichtlichen und soziologischen Zusammenhänge genauer erhellen sollen, in Auftrag gegeben.“

Bischof Voderholzer ruft dazu auf: „Ich erneuere meine Bitte: Helfen Sie mit, dass alle, die in anderen kirchlichen Einrichtungen Opfer von Misshandlungen oder sexueller Gewalt geworden sind und die sich bislang nicht gemeldet haben, den Mut aufbringen, sich uns anzuvertrauen. Wir wollen, dass sie Anerkennung und Gerechtigkeit erfahren, und ihnen geholfen wird.“

Der Bischof sprach seinen Dank für Präventionsmaßnahmen aus, die ergriffen wurden. „Dabei kann uns auch die Hoffnung motivieren, dass unser Vorgehen auch andere Teile unserer Gesellschaft, die Familien, Vereine, Schulen und Einrichtungen beeinflusst und so dazu beiträgt, dass junge Menschen ihre Persönlichkeit positiv entwickeln können. […] Kinder und Jugendliche zu fördern, ihnen den Glauben durch Wort und Beispiel vorzuleben, aber auch von ihnen zu lernen – das ist unser Auftrag für die Zukunft.“

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Quelle

„Für wen halten die Leute den Menschensohn?“ (Mt 16,13)

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Grundfragen der Christologie1

von Bischof Dr. Rudolf Voderholzer

I. Die Nichtselbstverständlichkeit der Selbstbezeichnung als „Christen“

Wir halten es für selbstverständlich, uns Christen zu nennen. Und wir dürfen diesen Namen ja auch tragen, wissend, was für einen Anspruch er birgt.

1. Die erste Verwendung der Bezeichnung „Christen“ in Antiochia (Apg 11, 26) Schon in der ersten Generation, so berichtet die Apostelgeschichte (11,26), wurden die Anhänger Jesu nach ihrem Meister benannt und als „Christen“ bezeichnet. Christ ist, wer Jesus als den „Christus“ (= „Messias“), den „Sohn Gottes“ erkennt und bekennt und in der Taufe mit ihm und seinen Schwestern und Brüdern gemeinschaftlich verbunden wurde.

2. Die Taufe als Eingliederung in den Leib Christi (Gal 3, 26–29)

Paulus deutet im Galaterbrief (Gal 3, 26–29) das Taufkleid christologisch. In der Taufe zieht der Mensch Christus an, und alle Unterschiede, die die Natur und die Geschichte aufstellt, zählen nicht mehr in diesem einen Leib, in den er hineingetauft wird, Christus, in dem alle „einer“ geworden sind.

3. Die Benennung nach dem Stifter als religionsgeschichtliche Besonderheit

Die Tatsache, dass Christen sich nach ihrem Herrn benennen, ist übrigens ein bemerkenswerter Unterschied zu den Muslimen. Diese wehren sich mit Recht, nach ihrem Religionsstifter „Mohammedaner“ genannt zu werden. Mohammed nämlich ist nur Überbringer der Rechtweisung Gottes, „Sprachrohr“ sozusagen. Der offenbarungstheologische Unterschied liegt darin, dass Jesus selbst der Inhalt des Evangeliums ist. Jesu Botschaft ist nicht etwas von ihm verschiedenes, er ist nicht wie ein Straßenschild, das sagt: dort, in diese Richtung, geht’s nach Salzburg. Aber kümmere Dich nicht weiter um dieses Zeichen. Nein, in ihm, in der Begegnung mit ihm, in der Freundschaft mit ihm vor allem besteht christlicher Glaube, und die Liebe zu ihm ist grundlegend für das Christsein.

Deshalb ist es entscheidend wichtig, sich im Klaren darüber zu sein, wer er ist.

[1] Vortrag gehalten bei der Ordenstagung des Souveränen Malteser-Ritter-Ordens am 13. Februar 2016 in Salzburg anlässlich der Ausstellung „Wer ist der Mann auf dem Tuch?“.

Interessanterweise heißen wir nicht Jesuaner. Wir heißen Christen, weil wir glauben, dass dieser Jesus – so sein Name, den Maria und Joseph ihm gemäß jüdischem Brauch am 8. Tag zur Beschneidung gegeben haben – der Christus ist, der von Gott gesandte Mittler des Heils, der Versöhner, der, in dem wir Gott selbst begegnen.

Christus ist zunächst ein Titel, der Jesu Bedeutung aussagt, und der dann wie zu einem Namen geworden ist.

 

II. „Für wen halten die Leute den Menschensohn?“ (Mt 16, 13)

Es ist entscheidend wichtig zu wissen, wer er ist. Merkwürdigerweise fragen nicht die Jünger. Jesus selbst ergreift die Initiative, er hat selbst größtes Interesse daran, dass seine Jünger Klarheit über ihn haben. Er ist es, der die Frage stellt.

1. Die falschen Alternativen: Johannes der Täufer, Elias, Jeremias (vgl. Mt 16, 14)

Nach Auskunft der Jünger versuchen die „Leute“, Jesus in die ihnen bekannten Kategorien einzuordnen. Sie halten ihn für einen der religiös begabten Gestalten ihrer Geschichte, vom älteren Mose bis zum jüngst erst hingerichteten Johannes den Täufer, deren mögliche Wiederkehr vorausgesetzt

Charakteristisch für die berichteten Antworten ist, dass sie Jesus auf das Altbekannte zurückführen. Er ist, so beeindruckend seine Worte und Taten auch sein mögen, einer unter anderen. Ins Heute übersetzt könnte eine solche Rückführung lauten: Sie halten ihn für einen Weisheitslehrer, für einen Moralprediger, für einen Sozialreformer oder sonst einen der vielen Religionsstifter. Doch damit ist Jesus nicht wirklich erfasst.

2. Das Bekenntnis des Simon: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes“ (Mt 16, 16)

Jesu zweite Frage ist an die Jünger selbst gerichtet, und Simon ist es, der – wie immer! – für alle das Wort ergreift. Simon erkennt und bekennt stellvertretend für die übrigen Apostel: Du bist der Messias Gottes! D.h. Du bist der Gesalbte Gottes, Du bist der Christus. So berichten es die synoptischen Evangelien mit leichten Differenzen in der Mitte des Wirkens Jesu (vgl. Mt 16,16, Mk 8, 29, Lk 9, 20).

Somit ist Simon Petrus im wahrsten Sinne des Wortes der erste Christ, der erste, der Jesus als den Christus bekennt.

3. Die Reaktion Jesu: das Messiasgeheimnis (vgl. Mt 16, 20)

Warum aber in aller Welt verbietet Jesus den Aposteln, darüber zu reden, es anderen weiter zu sagen und den Messias-Titel zu verbreiten?

Müsste man nicht erwarten, dass er sie im Gegenteil damit beauftragt, dies jetzt allen zu verkünden, es auf die Marktplätze, in die Synagogen und überall dorthin zu tragen, wo Menschen suchen und fragen nach dem Sinn des Lebens? Aber das sagt Jesus nicht, sondern er verbietet es geradezu, ihn in der Öffentlichkeit als den Messias zu proklamieren. Warum nur?

Alle Titel wären vor Ostern, vor Kreuz und Leiden missverständlich gewesen. Man spricht in der Exegese vom sogenannten „Messiasgeheimnis“. Jesus wollte vor dem Ende seines Weges nicht, dass er in irgendeiner Weise mit einem Hoheitstitel belegt und in das bisher Bekannte eingeordnet und damit auf das Alte herabgezogen wird. Das Messiasgeheimnis ist die jesuanische Legitimierung der Unterscheidung in vor- österlich und nach-österlich im Blick auf die Lehre von Jesus dem Christus.

Unter dem Messias, also unter dem Christus hätten die allermeisten jemanden verstanden, der sich zum Anführer eines Aufstandes gegen die Römer macht und das besetzte und gedemütigte Israel von seiner Besatzungsmacht befreit. Doch dazu war Jesus nicht gekommen. Er war kein politischer Messias. Sein Auftrag geht tiefer. Er kam nicht, um nur ein Volk von seinen Besatzern zu befreien, sondern die Menschheit insgesamt mit Gott zu versöhnen. Er war gesandt, den ärgsten Feind zu besiegen, den Tod, der aus der Sünde und Gottferne aufsteigt. Dies aber ist ein schwerer Weg, den erst einmal nur wenige verstehen und den man wohl überhaupt nur versteht, wenn man sich auf diesen Weg einlässt. Auch Petrus hat dies mühsam und langsam lernen müssen.

Jesus fügt an das Messiasbekenntnis des Petrus dann auch die erste Leidensweissagung an.

Und so werden dann auch Jesu Nachfolgeworte verständlich. Denn der Messias Jesus ist nicht vom Vater gesandt, um dem Leiden aus dem Weg zu gehen, sondern die Welt dadurch zu retten, dass er seiner Sendung treu bleibt bis ans Kreuz. Gerade auch Simon Petrus wird noch lernen müssen: erst dem geht das Geheimnis Jesu ganz auf, der sich in die Bewegung der Hingabe und der Preisgabe seines Lebens für die anderen einlässt und so die Quelle göttlichen Lebens entdeckt; wer sich nicht an sein Leben, wer sich nicht an seine engen und kleinen Glückserwartungen klammert, sondern wer sein Leben investiert, mit Jesus drangibt, verschenkt, der wird spüren, wie er innerlich reich und wahrhaft glücklich wird.

Erst nachdem der Herr gezeigt hat, dass er als der Messias Gottes die Welt nicht anders als durch das Kreuz erlösen wollte, und nachdem der Vater ihn von den Toten auferweckt hat, kann der Herr die Jünger aussenden (siehe Mt 28, 18–20; Mk 16, 14–16; Joh 20, 19–21). Jetzt dürfen sie nicht mehr schweigen, jetzt sollen und müssen es alle erfahren.

 

III. Implizite Christologie: das göttliche Selbstbewusstsein im Lehren und Handeln Jesu

In der systematischen Christologie hat sich für den Weg, dem Persongeheimnis Jesu durch eine Analyse seines vorösterlichen Lehrens und Handelns auf die Spur zu kommen, der Begriff „implizite Christologie“ eingebürgert. Man versteht darunter eine „eingewickelte“, verborgene Christologie, die das Persongeheimnis an seinem Handeln, an seinem vollmächtigen Wirken und Auftreten abliest.[2]

Einige dieser vorösterlichen, historisch greifbaren Elemente sollen nun exemplarisch betrachtet werden.

1.  Die Reich-Gottes-Verkündigung in Wort und Tat (Wunder, Zeichen)

Jesus verstand sich als der Künder der nahe herbei gekommenen „Königsherrschaft Gottes“ (basileia tou theou), im deutschen zumeist mit „Reich“ oder „Herrschaft Gottes“ wiedergegeben. Bei Matthäus ist im Unterschied zu Markus und Lukas meist vom „Reich der Himmel“ oder „Himmelreich“ die Rede.

Der Markusevangelist hat daher das Wirken Jesu im Sammelbericht zu Beginn seines Evangeliums treffend zusammengefasst.

14 Nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes 15 und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium! (Mk 1,14–15)

Jesus hat nirgendwo definiert, was er unter Reich Gottes versteht. Der Begriff war seinen Zeitgenossen nicht ganz fremd, er spielte jedoch in ihrer Vorstellungswelt keine herausragende Rolle[4].

Das Gottesvolk Israel wusste sich in seiner geschichtlichen Existenz ganz dem Befreiungshandeln Gottes verdankt. Doch angesichts der politischen

[2] Vgl. ausführlich dazu: Rudolf VODERHOLZER, Vom verkündigenden Jesus zum verkündigten Christus (= Theologie im Fernkurs. Der christliche Glaube: Grundkurs, Lehrbrief 10), Würzburg 2010, 21 f.

[3] Vgl. Joachim GNILKA, Jesus von Nazaret. Botschaft und Geschichte, Freiburg 1990, Sonderausgabe 2007, 88.2 Vgl. ausführlich dazu: Rudolf VODERHOLZER, Vom verkündigenden Jesus zum verkündigten Christus (= Theologie im Fernkurs. Der christliche Glaube: Grundkurs, Lehrbrief 10), Würzburg 2010, 21 f.

[4]  Vgl. Rolf BAUMANN, „Gottesherrschaft“ oder „Reich Gottes“, in: Orientierung 54 (1990) 74–78.

Bedeutungslosigkeit Israels und der römischen Fremdherrschaft war von einer Königsherrschaft Gottes kaum etwas zu spüren. In den so genannten apokalyptischen Kreisen des damaligen Judentums hatte man aufgehört, sich von der elenden Gegenwart noch irgendetwas zu erwarten, und so setzte man alle Hoffnung auf eine bald hereinbrechende Wende der Geschichte und die Heraufkunft eines neuen Äons (= Zeitalters). Die Zeloten, religiös motivierte, auf die irdische Königsherrschaft Gottes ausgerichtete Freiheitskämpfer, waren bereit, sich auch mit Waffengewalt für die Beseitigung der neuerlichen Fremdherrschaft durch eine heidnische Besatzungsmacht und die Vorbereitung einer so verstandenen Königsherrschaft Gottes einzusetzen.

Doch in diesen Erwartungshorizont fügt sich Jesu Reich-Gottes-Botschaft nicht ein. Ausgeschlossen werden müssen Verstehensweisen, die darunter die Aufrichtung einer irdisch-politischen Herrschaft im Sinne des politischen Messianismus verstehen. Als ein politischer Freiheitskämpfer ist Jesus nicht aufgetreten.

Wenn Jesus den Reich-Gottes-Begriff ins Zentrum seiner Botschaft stellt, dann wird alle Hoffnung auf das Handeln Gottes gerichtet, der in seinem Gott- und Herrsein allein Heil und Zukunft schaffen kann. Diese Herrschaft Gottes aber schafft einen Be- Reich, in dem Menschen und Welt „richtig“ und heil werden können[5].

Entscheidend für das Verständnis der Reich-Gottes-Botschaft Jesu ist, dass er sie mit seiner Person selbst verknüpft. Zwar ist auch für Jesus das Reich Gottes noch etwas Ausstehendes und zu Erbetendes. Die Jünger lehrt er, zu beten: „Vater, […] Dein Reich komme“ (Lk 11,2). Doch ist das Reich Gottes letztlich nicht etwas nur Zukünftiges und von Jesus Verschiedenes, sondern es ist mit ihm und seiner Person, seinem Wirken zum Heil für die Menschen, auch schon mitten unter den Menschen da. Trotz des endzeitlichen Charakters des Reiches Gottes hat Jesus es also mit einem eigentümlichen Gegenwartsbewusstsein verbunden, worin sein Sendungsanspruch gründet[6]:

Wenn ich aber die Dämonen mit dem Finger Gottes [= Geist Gottes] austreibe, dann ist doch das Reich Gottes schon zu euch gekommen (Lk 11,20).

[5] BAUMANN, „Gottesherrschaft“ oder „Reich Gottes“, 74f.

[6] Vgl. Jörg FREY, Der historische Jesus und der Christus der Evangelien, in: Jens Schröter / Ralph Brucker (Hg.), Der historische Jesus. Tendenzen und Perspektiven der gegenwärtigen Forschung (= Beihefte zur Zeitschrift für die neutestamentliche Wissenschaft und die Kunde der älteren Kirche, Bd. 114), Berlin 2002, 273–336, 316.5  BAUMANN, „Gottesherrschaft“ oder „Reich Gottes“, 74f.

 

Der frühchristliche Theologe Origenes (180/85 – 253/54) hat diese im Neuen Testament nachweisbare Identifizierung Jesu und seiner heilbringenden Gegenwart mit dem Reich Gottes auf die Formel gebracht: Jesus ist die „autobasileia“[7], das heißt, Jesus ist das Reich Gottes selbst, das Reich Gottes in Person.

Eine weitere inhaltliche Füllung des Reich-Gottes-Begriffs ist am gesamten Wirken Jesu, seiner Wortverkündigung, seinem in seinem Handeln zutage tretenden Anspruch und seiner Lebenspraxis abzulesen.

Eine indirekte und doch unmissverständliche Antwort auf das Wesen der Königsherrschaft Gottes ist in der Antwort Jesu enthalten, die er den Johannesjüngern mit auf den Weg gibt. Johannes sitzt im Gefängnis und beginnt an seiner Sendung, der Wegbereiter des kommenden Größeren zu sein, irre zu werden. Jesus antwortet auf die Täuferzweifel mit dem Hinweis auf die durch ihn geschehenen Zeichen und Wunder:

Mt 11,2–6: Johannes hörte im Gefängnis von den Taten Christi. Da schickte er seine Jünger zu ihm 3 und ließ ihn fragen: Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen andern warten? 4 Jesus antwortete ihnen: Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht: 5 Blinde sehen wieder und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium verkündet. 6 Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt. (vgl. die darin anklingenden Motive aus Jes 29,35 mit ihrer Beschreibung der messianischen Heilszeit).

Die Heilungen Jesu und seine Wunder sind die Zeichen der anbrechenden Gottesherrschaft. Im Einflussbereich Jesu werden die Menschen heil, wird aller Mangel beseitigt, wird überwunden, was den Menschen erniedrigt und in seiner schöpfungsmäßigen Würde beraubt. Hatte die klassische Apologetik vor allem den Charakter des Außergewöhnlichen und alle Vernunft und Erwartbarkeit Übersteigenden der Zeichen und Wunder Jesu hervorgehoben, so erkennt eine das Gesamtzeugnis der Schrift berücksichtigende biblische Theologie deutlicher, dass Jesu Soteriopraxis (= Heilshandeln) selbst zum Inhalt der Selbstmitteilung Gottes als Leben gehören und Verheißungen der endgültigen Heilung der Schöpfung darstellen.

[7] ORIGENES, In Mattaeum tomus XIV 7 (zu Mt 18,23), (Die griechischen christlichen Schriftsteller 40,289).

2. Jesu Anspruch göttlicher Autorität in seiner Schriftauslegung und Sündenvergebungspraxis

In den Antithesen der Bergpredigt kommt dieses Selbstverständnis Jesu vielleicht am deutlichsten zum Ausdruck. Jesu Haltung zur Heiligen Schrift unterscheidet sich radikal von der der Pharisäer und Schriftgelehrten. Seine Auslegung stellt er nicht neben die anderer vorausgehender Autoritäten, sondern er beansprucht Letztgültigkeit für seine den inneren Kern des Gesetzes freilegende Auslegung. Vor allem die ersten beiden der bei Matthäus überlieferten Antithesen dokumentieren Jesu außergewöhnlichen Anspruch im Umgang mit der religiösen Tradition:

Vom Töten: 5,21: Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemand tötet, soll dem Gericht verfallen sein. 22 Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein; und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein; wer aber zu ihm sagt: Du (gottloser) Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein.

Vom Ehebruch: 5,27f. Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. 28 Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.

Jesus hat nicht einen Bibelkreis gegründet, wo jeder seine Erfahrungen und Deutungen einbringt. Nichts gegen Bibelkreise! Es ist wichtig, dass wir Christen die Heilige Schrift studieren, gemeinsam lesen und bedenken. Aber in allen Bibelkreisen geht es um die durch Jesus bekräftigte und in Jesus kulminierende biblische Botschaft. Jesus selbst hat seine eigene Schriftauslegung nie eingeordnet in die der anderen Pharisäer und Schriftgelehrten. Er kann es sich sogar herausnehmen, Mose, die höchste Autorität, zu relativieren, beispielsweise wenn es im Streitgespräch mit den Pharisäern um die Möglichkeit der Ehescheidung geht. Dort stellt Jesus die Scheidungsmöglichkeiten dar als ein Zugeständnis des Gesetzes an die Hartherzigkeit und Unbarmherzigkeit der Menschen. Er sagt: „Am Anfang war es nicht so“ (Mt 19, 8), und rekurriert damit auf den Schöpfungswillen Gottes.

Ganz typisch für Jesus ist auch, wie er sein eigenes Wirken in Beziehung setzt zu Jona und Salomo: „Hier“ sei „mehr als Jona“ (Mt 12,41) und „mehr als Salomo“ (Mt 12,42; Lk 11,31). Mit dieser aktualisierenden Aufnahme des Schriftzeugnisses bringt Jesus zum Ausdruck, dass mit seinem Kommen Höhepunkte der alttestamentlichen Offenbarungsgeschichte noch einmal überboten werden, die sowohl die Größe Jesu als auch die Dringlichkeit seines Umkehrrufes deutlich machen[8].

Charakteristisch für die Jesusüberlieferungen ist die Bekräftigung seines Wortes durch ein vorangestelltes „Amen, ich sage euch“ (Mt 5,18; 5,26; 6,2 u.ö.; für den johanneischen Christus ist das doppelte „Amen, amen“ charakteristisch: Joh 1,51; 3,3; 5,19 u.ö.). Wenn das „Amen“ nicht als Bekräftigung eines Gebetes an dessen Schluss oder als Antwort auf die Rede eines Anderen benutzt, sondern vorangestellt wird, spricht man von seiner „nicht-responsorischen“ Verwendung. Eine solche Beteuerungs- oder Bekräftigungsformel ist ohne Parallele und dürfte eine Sprachschöpfung Jesu sein. Das nicht-responsorische Amen erfüllt dieselbe Funktion wie die alttestamentliche Botenformel „So spricht der Herr“ und bringt zum Ausdruck: Hier spricht ein Prophet oder mehr als ein Prophet.

Wenigstens einmal ist im Neuen Testament bei Mk 2,1–12 von Jesu ausdrücklichem Sündenvergebungszuspruch die Rede (vgl. aber auch Lk 7,36–50). Trotz der nur geringen Bezeugung ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass historisch zuverlässiges Jesusgut überliefert ist, denn die Sündenvergebung ist Thema auch zahlreicher Gleichnisse und Mahnworte Jesu und deckt sich darüber hinaus mit seiner Zuwendung zu den „Zöllnern und Sündern“. Jesus erbittet nicht nur die Sündenvergebung, sondern er spricht sie dem gelähmten Mann, den seine Freunde angesichts des überfüllten Raumes und der belegten Eingänge kurzerhand durch ein ins Dach geschlagenes Loch zu Jesus herablassen, aus eigener Vollmacht zu. Die sich anschließende Heilung des Gelähmten (als das vermeintlich „schwerere“) wird darüber hinaus zur Bestätigung für die Vollmacht zum wahrhaft „schwereren“, nämlich der Sündenvergebung.[9]

[8] Vgl. Gerd THEISSEN / Anette MERZ, Der historische Jesus. Ein Lehrbuch, Göttingen ³2001, 243 und 320; vgl. FREY, Der historische Jesus und der Christus der Evangelien, 317.

[9] 1 Als er einige Tage später nach Kafarnaum zurückkam, wurde bekannt, dass er (wieder) zu Hause war. 2 Und es versammelten sich so viele Menschen, dass nicht einmal mehr vor der Tür Platz war; und er verkündete ihnen das Wort. 3 Da brachte man einen Gelähmten zu ihm; er wurde von vier Männern getragen. 4 Weil sie ihn aber wegen der vielen Leute nicht bis zu Jesus bringen konnten, deckten sie dort, wo Jesus war, das Dach ab, schlugen (die Decke) durch und ließen den Gelähmten auf seiner Tragbahre durch die Öffnung hinab. 5 Als Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben! 6 Einige Schriftgelehrte aber, die dort saßen, dachten im Stillen: 7 Wie kann dieser Mensch so reden? Er lästert Gott. Wer kann Sünden vergeben außer dem einen Gott? 8 Jesus erkannte sofort, was sie dachten, und sagte zu ihnen: Was für Gedanken habt ihr im Herzen? 9 Ist es leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben!, oder zu sagen: Steh auf, nimm deine Tragbahre und geh umher? 10 Ihr sollt aber erkennen, dass der Menschensohn die Vollmacht hat, hier auf der Erde Sünden zu vergeben. Und er sagte zu dem Gelähmten: 11 Ich sage dir: Steh auf, nimm deine Tragbahre, und geh nach Hause! 12 Der Mann …

Sündenvergebung ist ein göttliches Privileg. Nur der Schöpfer, der alle Wunden der Schuld (sowohl beim Opfer wie auch beim Täter) heilen kann, kann auch die Vergebung zusprechen. Wenn nun nicht einmal der Priester im Jerusalemer Tempelkult durch sein Wort die Sündenvergebung zusprechen konnte, und man sie Gott wohl zutraute, sie aber nicht an Gottes Stelle persönlich zusprach10, dann ist es nur konsequent, wenn die Gegner Jesu im Anschluss an das Geschehene fragen: Wie kann dieser sich das herausnehmen? Sie erkennen in diesem Zuspruch einen das Menschliche übersteigenden Anspruch. Weil sie sich aber diesem Anspruch gegenüber verschließen, fassen sie wenig später den Entschluss, Jesus aufgrund von Gotteslästerung (in diesem Fall frevlerischer Inanspruchnahme göttlicher Privilegien) zu beseitigen.

3. Jesu Lebensstil (Armut, Ehelosigkeit, Gehorsam) als Ausdruck seiner Sendung

Ausdruck von Jesu Reich Gottes Verkündigung ist auch sein Lebensstil. Jesus hat auf die Gründung einer eigenen Familie verzichtet. Nach Joachim Gnilka überliefert der so genannte „Eunuchenspruch“ in Mt 19,12 authentisch Jesu Antwort auf den Spott, aber auch den Vorwurf seiner Gegner, durch die Ehelosigkeit dem Gebot Gottes zur Zeugung von Nachkommenschaft (vgl. Gen 1,28) und zur Vermehrung des messianischen Gottesvolkes zuwider zu handeln.

Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht und manche haben sich selbst dazu gemacht – um des Himmelreiches willen. Wer das erfassen kann, der erfasse es. (Mt 19,12f.)

Jesu Lebensform in Armut, Gehorsam und Ehelosigkeit kann nur verstanden werden als ein ganzheitliches, Leib und Seele umfassendes Zeugnis für die Größe der Gottesherrschaft, die heraufzuführen er gekommen war. „Innerhalb des zeitgenössischen Judentums musste dieses Verhalten anstößig, schockierend wirken. […] Wiederum ist der vom Gewohnten sich abhebende Lebensstil auf die Gottesherrschaft gerichtet. Der Verzicht auf Ehe und Familie erfolgt nicht um eines asketischen Ideals willen, auch nicht um die Gottesherrschaft zu erlangen, sondern um ungeteilt und mit allen Kräften für die Basileia wirken zu können. Sie erfolgt auch um der Menschen willen. Jesus schenkte seine Liebe gerade auch jenen, in die sich niemand verliebte.“11 Die Ehelosigkeit ist dabei nicht isoliert, sondern in Einheit zu sehen mit Jesu Armut und seinem Gehorsam zum Vater.

[10]  Vgl. THEISSEN / MERZ, Der historische Jesus, 460.stand sofort auf, nahm seine Tragbahre und ging vor aller Augen weg. Da gerieten alle außer sich; sie priesen Gott und sagten: So etwas haben wir noch nie gesehen. (Mk 2 1–12).

[11]  GNILKA, Jesus von Nazaret, 178f.

 

4.  Die Jüngerberufung und die Problematik der „Kirchengründung“ (implizite Ekklesiologie)

Jesus lässt sich keiner der im zeitgenössischen Judentum etablierten religiösen Gruppen zuordnen. Religionssoziologisch betrachtet war er kein Priester und gehörte nicht der Jerusalemer Tempelaristokratie an. Die Sadduzäer waren im Gegenteil seine wohl erbittertsten Gegner. Aber auch den „Pharisäern“ mit ihrer strengen Gesetzesobservanz gehörte er nicht an, wenngleich er ihnen näher gestanden haben dürfte, als es der Eindruck vermittelt, den die späteren neutestamentlichen Zeugnisse geben. Auch die Hypothese, Jesus könnte wenigstens zeitweise der „Mönchsgemeinschaft“ von Qumran oder den Essenern angehört haben, kann als widerlegt gelten. Jesu Ziel war ferner nicht die Gründung einer neuen partikularen Bewegung etwa von Armen (anawim). Jesus wusste sich zum ganzen Volk Israel gesandt. Und er wandte sich mit seiner Botschaft an das ganze Volk. Er wollte Gehör finden, Glauben wecken, Umkehr bewirken. Wenn er gerade zwölf Jünger als engsten Kreis um sich scharte, hat dies seinen Grund auch in der Absicht, das Zwölfstämmevolk Israel zu erneuern. Angesichts der Berufung von ausgerechnet Zwölf steht die Frage auf: Wer muss der sein, der dieses Zwölfstämmevolk, das heilige Volk Gottes, neu aufzustellen antritt? Er gründet nicht eine neue Partei oder eine neue religiöse Bewegung, sondern das Gottesvolk soll neu aufgestellt werden. Die Wahl und Berufung der Zwölf ist ein sprechendes Element der impliziten Christologie und zugleich auch impliziter Ekklesiologie.

Nach dem Zeugnis der Evangelien beginnt Jesus sein öffentliches Wirken damit, Jünger in seine Nachfolge zu rufen. Der Gottmensch ist zugleich Mitmensch, der nichts alleine tun will. Im Johannesevangelium nennt er die Jünger seine Freunde, denen er alles mitteilt.

Anders als beim Anschluss an eine zeitgenössische Rabbinenschule (vgl. etwa Paulus, der ein Schüler des Rabbi Gamaliel war), ist für den Eintritt in die Nachfolge Jesu nicht der Entschluss des Jüngers entscheidend, sondern der souveräne Wille Jesu, der in die Nachfolge ruft. Während sich bei einem rabbinisch-jüdischen Lehrer- Schüler-Verhältnis der Schüler seinen Lehrer aussuchte – in der Regel jenen, bei dem er die beste Ausbildung zu erhalten hoffte – und von dem er auch zu einem anderen Lehrer überwechseln konnte, geht die Initiative hier von Jesus aus. Der besondere charismatische Charakter der jesuanischen Nachfolge kommt darin zum Ausdruck, dass Jesus die Initiative ergreift und den berufenen Jünger gewissermaßen lebenslang in die persönliche Beziehung mit ihm einbezieht. Ein Jünger Jesu bleibt immer ein „Jünger“, auch wenn er zum Rabbi, zum Lehrer oder zum Verkünder als Apostel wird. Es wird eine lebenslange Beziehung gestiftet. Während Ziel einer Rabbinatsausbildung ist, selbst Rabbi zu werden, bleibt der von Jesus in die Nachfolge Gerufene immer der „Jünger“.

Vergleicht man weiter das Verhältnis der Jünger Jesu zu ihrem Meister mit dem, was von Rabbinen und ihren Schülern berichtet wird, so zeigt sich, dass das Neue Testament nirgends von gelehrten Disputationen zwischen Jesus und den Jüngern berichtet. „Das Ziel der Jüngerschaft ist nicht die Vermittlung von Tradition, sondern Teilhabe an der Proklamation der Herrschaft Gottes, Teilhabe auch an der Vollmacht Jesu, die Nähe der Gottesherrschaft mit Kraft anzusagen und die bösen Geister auszutreiben.“[12]

Die Jüngerberufungen machen den Vollmachtsanspruch Jesu deutlich und sind ein wichtiges Element der impliziten Christologie. Jesus ist mehr und anderes als die Propheten oder Rabbinen. Er beruft mit Vollmacht und übernimmt Verantwortung für das Leben der ihm Nachfolgenden. Die Apostel, die er am See Genesareth von ihren Netzen und von ihren Familien wegholt, werden für diese ihre Entscheidung, ihm zu folgen, in den Tod gehen.

5.  Jesu Abba-Relation und sein Sohnes-Bewusstsein

Jesus hat wohl keinen der ihm nachösterlich zugesprochenen Hoheitstitel vor Ostern zu seiner Selbstvorstellung gebraucht. Dem Messiastitel gegenüber war er sehr reserviert, weil er nicht im Sinne eines politischen Freiheitskämpfers missverstanden werden wollte. Auch hat er sich nicht als „Sohn Gottes“ in einem titularen Sinn präsentiert. Der spätere dogmatische Gebrauch von Sohn Gottes hat jedoch im vorösterlich nachweisbaren Sohnes-Bewusstsein Jesu in einem absoluten Sinne seinen historischen Anhaltspunkt.

Im so genannten „messianischen Jubelruf“, der sowohl bei Matthäus und bei Lukas überliefert ist und dementsprechend der Quelle Q entstammt, spricht Jesus von sich als dem „Sohn“ in einem absoluten Sinne:

25 In jener Zeit sprach Jesus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast. 26 Ja, Vater, so hat es dir gefallen.

 

[12] Walter KASPER, Jesus der Christus, Mainz 1974 [mehrere Aufl., zuletzt in: Walter Kasper Gesammelte Schriften, Bd. 3, Freiburg 2007], 121.

 

27 Mir ist von meinem Vater alles übergeben worden; niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will. (Mt 11,25–27; vgl. Lk 10,21–22)

Zwischen Vater und Sohn besteht eine Offenbarungseinheit. Und in dieser Offenbarungseinheit liegt auch begründet, weshalb sein Wirken solchen Anstoß erregte.

Jesus hat sich gewiss nicht, gleichsam egozentrisch, selbst ins Zentrum seiner Reich- Gottes-Verkündigung gestellt. Seine Speise ist es, den Willen des Vaters zu erfüllen, der ihn gesandt hat (Joh 4,34). Seine Verkündigung ist theozentrisch, also ganz auf Gott den Vater ausgerichtet. Aber diese Theozentrik der Verkündigung ereignet sich doch in der Person des Mittlers. Jesus weiß sich als der Mittler der Gottesherrschaft, und insofern gehört er mit seiner ganzen Existenz in die Reich-Gottes-Botschaft hinein und verweist zugleich ganz auf den Vater. Alle späteren trinitätstheologischen Reflektionen und der Glaube der Kirche an Gott, den Dreifaltigen, haben in dieser innigen Beziehung, die sich schon vorösterlich in der Abba-Relation Jesu ausdrückt ihren Grund.[13]

Jesus sprach Gott mit dem intim-vertraulichen Wort „Abba“ („Papa“, „lieber Vater“) an (Mk 14,36; vgl. Lk 23,46; vgl. das auch von Paulus überlieferte aramäische Original in Gal 4,6 und Röm 8,15). Von ihm wusste er sich in ganz exklusiver Weise gesandt, Exponent und Repräsentant Gottes zu sein, und zwar einmal seinem Bundesvolk gegenüber, zum anderen auch stellvertretend für dieses Volk, um gegenüber Gott den Bundes-Gehorsam zu vollziehen. Mit dieser seiner Abba- Beziehung korrespondiert Jesu Sohnesbewusstsein. Als der, der ganz auf diesen Abba hin und von ihm her lebte, wusste sich Jesus als „der Sohn“ (Mk 13,32) des Vaters schlechthin. Die Abba-Beziehung, die sich in der Anrede „mein Vater“ (Mk 14,36; Mt 7,21; 11,25–27 u.ö.; Lk 2,49; 22,29; 23,34.46.49; vgl. Mk 8,38; vgl. auch bei Joh

durchgängig) ausdrückt, ist dabei mehr als ein Aspekt der privaten Frömmigkeit Jesu, so als habe er sich von selbst in die Vertraulichkeit zu Gott hineingebetet. Dies widerspräche ganz der Erhabenheit und Transzendenz Gottes, wie sie vom Alten Testament her zum Glaubensbewusstsein Israels gehört. Den Anspruch, der Mittler der Gottesherrschaft und damit die Selbstvermittlung Gottes in der Gestalt des menschlichen Mittlers zu sein, konnte Jesus sich nicht einfach angemaßt haben. Sein

[13] Vgl. Gerhard Ludwig MÜLLER, Christologie. Die Lehre von Jesus dem Christus, in: Wolfgang Beinert (Hg.), Glaubenszugänge. Lehrbuch der Katholischen Dogmatik (Bd. 2), Paderborn u. a. 1995, 1–297; vgl. Gerhard Ludwig MÜLLER, Katholische Dogmatik. Für Studium und Praxis der Theologie, Freiburg 1995, 92012, 254–387.

Bewusstsein „der Sohn“ (Mk 13,32) zu sein, kann nur als Antwort auf den Ruf Gottes des Vaters gedeutet werden, der sich durch ihn, den Sohn, den Menschen offenbaren will. Insofern korrespondieren bei Jesus seine Theozentrik, und andererseits die Christozentrik des Vaters, der sich in seinem Sohn endgültig als Heil und Leben der Menschen offenbart.

Erst dieses Sendungsbewusstsein macht verständlich, warum für die Gegner Jesu sein Wirken und seine Verkündigung von der kommenden Herrschaft Gottes so anstößig war. Allein die Umkehrpredigt und die Erinnerung an die Einhaltung der Weisungen der Thora als Bundesgesetz sprengte den Rahmen des jüdisch Möglichen nicht. „Entscheidend war vielmehr die Vollmacht und Sendungsautorität, die er für sich beanspruchte, so daß die Stellungnahme zu ihm, d.h. der Glaube an sein Evangelium und die Bereitschaft zu seiner persönlichen Nachfolge das Gottesverhältnis der Menschen definitiv entscheiden sollte.“[14]

Papst Benedikt hat in seinem Jesus-Buch auch einen jüdischen Gesprächspartner einbezogen, Jacob Neusner. Der amerikansich-jüdische Theologe bestätigt diese Beobachtungen alle bestätigt, insbesondere Jesu vollmächtige Schriftauslegung in der Bergpredigt. Nur kommt Neusner zu der Überzeugung, dass ihm das zu weit geht und dass er diesen Anspruch Jesu, die Thora in Person zu sein, nicht mitgehen kann. Im Modus der Ablehnung ist das noch einmal die Bestätigung, dass uns das Neue Testament implizit, vorösterlich diesen unerhörten Anspruch Jesu bezeugt.[15]

Das Kapitel über die „implizite Christologie“ abschließend kann gesagt werden: Jesus war gegenüber den Titeln, gegenüber einem expliziten, also ausdrücklichen Hoheitsanspruch bei seinem vorösterlichen Wirken äußerst zurückhaltend. Dieser Anspruch ist aber ablesbar an seinem Lehren, Leben und Handeln. Erst dort, wo kein Missverständnis mehr möglich ist, erst wo er mit gefesselten Händen vor dem Hohen Rat verhört wird, gibt er die Zurückhaltung und Vorsicht auf und widerspricht nicht mehr (Mk 14, 60f.). Auf das zweite Nachfragen des Hohenpriesters, „bist Du der Messias, der Sohn des Hochgelobten?“, antwortet Jesus:

„Du sagst es“. Darauf antwortet der Hohepriester vollkommen konsequent: „Was brauchen wir noch weitere Zeugen? Wir haben es ja selbst gehört, dieser Mann muss als Gotteslästerer beseitigt werden“. Erst wie jegliches Missverständnis bezüglich eines politischen Messianismus ausgeschlossen war angesichts der offenkundigen

[14] MÜLLER, Katholische Dogmatik, 286.
[15] Vgl. Joseph RATZINGER / BENEDIKT XVI., Jesus von Nazareth, in: Ders., Jesus von Nazareth. Beiträge zur Christologie (= JRGS 6), 216 ff.14  MÜLLER, Katholische Dogmatik, 286.

Machtlosigkeit und der (politischen) Vergeblichkeit seines Wirkens, kann er den Messias-Titel für sich beanspruchen – paradox genug.

 

IV. Explizite Christologie: das Bekenntnis der Kirche als Antwort auf das göttliche Selbstbewusstsein nach Kreuz und Auferstehung Jesu

Das Neue Testament bezeugt uns nun nachösterlich Jesus als den Christus, den Sohn Gottes, der für das Heil der Menschen selber Mensch wurde. Das ganze Neue Testament ist aus der nachösterlichen Perspektive geschrieben. Die Auferweckung Jesu von den Toten ist die Initialzündung der kirchlichen Entwicklung bis in unsere Zeit. Ohne sie gäbe es keine Hl. Schrift des Neues Testamentes. In der Auferweckung seines Sohnes aus Grab und Tod bestätigt der Vater den Anspruch Jesu von Nazareth und er bestätigt somit auch alles, was in seinem Selbstanspruch mitgegeben war.

Zugleich setzt der Vater mit diesem Auferweckungshandeln alle ins Unrecht, die meinten, Jesus als Gotteslästerer überliefern und zum Tode verurteilen zu müssen. Die Ostererfahrung ist nicht eine subjektive Befindlichkeit, sondern ein Widerfahrnis, das nach allen Quellen sich gegen den Zweifel und den anfänglichen Unglauben durchsetzen musste. Im Licht der Ostererfahrung kann nun aber auch mit letzter Klarheit jeder der großen Titel auf Jesus angewendet werden. Im Licht der Ostererfahrung wird deutlich: Jesus ist Messias in der Weise, dass er auch das Leiden mit einbezieht. Das ist das große Thema des „Schriftgespräches“ auf dem Weg nach Emmaus, wo Jesus – wie ein alttestamentlicher Theologe einmal gesagt hat – „ein alttestamentliches Kolleg über sich selbst“ hält.[16] „Musste nicht der Messias all das erleiden, um auf diese Weise in seine Herrlichkeit einzugehen?“ (Lk 24, 26) Das war die große Frage, die bewältigt werden musste.

Im Licht der Ostererfahrung kann nun der Gottestitel „Kyrios“ auf ihn angewendet werden, der Herr Jesus ist der Herr! Im Licht der Ostererfahrung kann Thomas gewissermaßen das ganze Bekenntnis der Kirche zusammenfassen, wenn er am zweiten Sonntag der Kirchengeschichte, „acht Tage darauf“, noch einmal dem Auferstandenen begegnen darf, vor ihm auf die Knie fällt und sagt: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20, 28). Im Lichte der Auferstehungserfahrung können all die Titel auf ihn angewendet werden: „Messias“, „Erlöser“, „Soter“. Vorösterlich hätte man

[16] Hans HÜBNER, Biblische Theologie des Neuen Testamentes, Bd. III, Hebräerbrief, Evangelien und Offenbarung. Epilegomena, Göttingen 1995, 142; vgl. Rudolf VODERHOLZER, Die Einheit der Schrift und ihr geistiger Sinn. Der Beitrag Henri de Lubacs zur Erforschung von Geschichte und Systematik christlicher Bibelhermeneutik (= Sammlung Horizonte, Neue Folge, Bd. 31) Freiburg 1998, 251–254.

noch gar nicht wissen können, wodurch die Erlösung geschieht, was sie kostet, wie weit Gott in Jesus dem Christus gehen würde! Nachösterlich aber sind alle diese Titel legitim und notwendig. Aber die Wirklichkeit ist noch viel größer als sie durch alle möglichen Titel zum Ausdruck gebracht werden könnte. Darauf hat Romano Guardini einmal hingewiesen und man kann das gar nicht dick genug unterstreichen. Die nachösterliche Kirche hat Jesus nicht zu etwas hochstilisiert, was er gar nicht gewesen sei – so eine gelegentlich vorgebrachte aber unhaltbare These.

Vielmehr reichen all‘ die Hoheitstitel, die diesem Jesus von Nazareth im Licht von Tod und Auferstehung zu Recht gegeben werden, niemals aus, um die Fülle des Heils und des göttlichen Lebens auszuschöpfen, die er in seiner Person verwirklicht.[17]

 

V. „Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm; durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jes 53, 5)

1.  Christus bringt nicht nur das Heil, sondern er ist es

Jesus bringt nicht nur einfach das Heil. Er ist es. Eine Beziehung zu ihm ist der Dreh- und Angelpunkt aller christlichen Existenz.

In der theologischen Fachsprache hat sich in den letzten Jahrzehnten zur Bezeichnung eines wesentlichen Zuges von Jesu Sein und Wirken ein kurzes prägnantes Fachwort eingebürgert, nämlich „Proexistenz“. „Proexistenz“ ist ein weiterer Begriff, der auf der Reflexionsebene Sein und Wesen Jesu Christi unter der Rücksicht des Daseins-für-uns zum Ausdruck bringt. Es handelt sich bei diesem Wort „Proexistenz“ um eine sprachliche Anlehnung einerseits an den Begriff

„Koexistenz“ sowie andererseits auch an ein schon älteres theologisches Fachwort von der „Präexistenz“, womit die Existenz des Sohnes im ewigen Sein des Dreifaltigen Gottes bezeichnet wird. Schöpfer der Formulierung „proexistent“ oder

„Proexistenz“ scheint nach ähnlichen hinführenden Formulierungen bei den reformierten Theologen Bonhoeffer und Karl Barth aber der katholische Exeget

[17] Romano GUARDINI, Die menschliche Wirklichkeit des Herrn. Beiträge zu einer Psychologie Jesu, Mainz ³1991 [Erstauflage Würzburg 1958], 85: „Der Christus, den der ernsthaft Glaubende meint, ist jener der ursprünglichen Wirklichkeit. Die Verkündigungen der Apostel aber sind Hinführungen zu Ihm und bleiben hinter seiner gottmenschlichen Fülle stets zurück. Die Apostel sagen niemals mehr, als der historische Jesus war, sondern immer nur weniger. Daher denn auch jeder, der das Neue Testament richtig liest, hinter jedem seiner Sätze eine Wirklichkeit vorleuchten fühlt, die das Gesagte übersteigt. Die echte biblische Theologie muss also gegenüber der rationalistischen Einstellung geradezu eine ‚kopernikanische Wendung‘ vollziehen.“ Vgl. Josef KREIML, Die Selbstoffenbarung Gottes und der Glaube des Menschen. Eine Studie zum Werk Romano Guardinis (= MThS II/60), St. Ottilien 2002, 233.

Heinz Schürmann gewesen zu sein.[18] Und er greift damit die Aussage der Abendmahlworte „für euch“ und „für die vielen“ auf, die ihrerseits im großen Glaubensbekenntnis anklingen, wo es heißt: „Qui propter nos homines et propter nostram salutem descendit de caelis“ – „Für uns und um unseres Heiles willen, ist er vom Himmel herabgekommen“. Der Begriff ist mittlerweile sogar lehramtlich aufgegriffen worden. In einer Predigt während seines Deutschlandbesuches ging Papst Benedikt XVI. auf Christus und seine Proexistenz für uns ein.[19]

Wenn die an der Kreuzigung als Schaulustige Beteiligten Jesus verspotten als denjenigen, der anderen geholfen hat, nun aber sich selbst nicht helfen könne (vgl. Lk 23, 35), bringen sie ungewollt ein Wesensmoment des Wirkens Jesu zum Ausdruck. Denn er ist tatsächlich nicht für sich, sondern für andere, für die vielen gekommen. Die Hingabe ist dabei sowohl vertikal als auch horizontal zu verstehen. Jesus überliefert sich (vertikal) im Gehorsam restlos dem Willen des Vaters. „Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir. Aber nicht was ich will, sondern was du willst, soll geschehen“ (Mk 14,36). Und vom Vater her gesendet gibt sich Jesus ganz in den Dienst an den Menschen. Jesu Verkündigung wie sein Handeln stehen im Dienst am Heil der Menschen. Er weiß sich gesandt zu den Kranken, zu den vielfältig Geschundenen, zu denen, die sich in der Sünde und damit in die Gottferne verrannt haben. „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken“ (Mk 2, 17). In besonderer Weise ist Jesu Dienst Einladung, Tischgemeinschaft, ein Suchen, eine Annahme der Sünder, Schulderlass. Er gilt als Freund der Sünder und Zöllner. Zusammenfassend stellt er sein Wirken als Tischdienst dar. „Ich bin in eurer Mitte wie der, der bei Tisch bedient“ (Lk 22, 27).

Für die Jünger gilt die Regel, die er selbst vorlebt. „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein“ (Mk 9, 35). Nach dem Johannesevangelium fasst Jesus im Abendmahlssaal seine „Proexistenz“, sein „Dasein für“ in der beispielgebenden Zeichenhandlung der Fußwaschung zusammen (vgl. Joh 13, 1–17).

Eine Schlüsselstelle im Markusevangelium überliefert ein Jesuswort, das sein „Für- Sein“ im Licht der Gestalt des leidenden Gottesknechtes deutet. „Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld hinzugeben für die vielen“ (Mk 10, 45). Damit ist nun auch schon

[18] Vgl. Heinz SCHÜRMANN, „Pro-Existenz“ als christologischer Grundbegriff, in: Analecta Cracoviensia 17 (1985) 345–372
[19] „Christliche Existenz ist Pro-Existenz: Dasein für den andern, demütiger Einsatz für den Nächsten und für das Gemeinwohl.“ (BENEDIKT XVI., Predigt bei der Eucharistiefeier in Freiburg am 25.18 Vgl. Heinz SCHÜRMANN, „Pro-Existenz“ als christologischer Grundbegriff, in: Analecta Cracoviensia 17 (1985) 345–372. September 2011, online auf http://www.vatican.va)

die Lebenshingabe Jesu in Verbindung mit seiner Proexistenz gebracht. Denn Jesu Passion ist nicht ein Fremdkörper in einer sonst von Erfolg verwöhnten Lebensgeschichte. In Jesu Passion wird der Sinn seiner Sendung offenbar. In Jesu Tod erfüllt sich das Leben Jesu, das in allen seinen Dimensionen Dienst am Gottesreich war. Der Tod Jesu am Kreuz gehört zu den unbestreitbaren, historischen Tatsachen im Leben Jesu. Alle neutestamentlichen Zeugen bestätigen ihn. Jesus war unschuldig verurteilt worden und erlitt die schändlichste Todesart „mors turpissima crucis“. Der Kreuzestod war die römische Hinrichtungsart für rechtlose Sklaven und Staatsverbrecher; schändlich wegen des sich oft lange hinziehenden Erstickungstodes, der mit der Kreuzigung oft verbundenen vielfach bezeugten sadistischen Peinigungen durch die Henker und vor allem wegen des vollends entwürdigenden Öffentlichkeitscharakters. Aus der nachösterlichen Perspektive sprechen die neutestamentlichen Zeugen dem Tod Jesu am Kreuz seine universale Heilsbedeutsamkeit zu. Durch den Tod am Kreuz wurde Jesus zum Retter und Erlöser der Welt! Er habe den Tod im Gehorsam gegenüber dem Willen des Vaters als ein Opfer auf sich genommen, durch das die Sünde gesühnt und der Neue Bund als eine ewige Lebensgemeinschaft der Menschen mit Gott geschlossen wird für jeden, der im Glauben und in der Liebe sich für die Herrschaft Gottes öffnet.

Lässt sich auch dafür ein historischer Anhaltspunkt im Selbstverständnis Jesu benennen? Wiederum ist ein Ansatz zur Klärung dieses Sachverhalts Jesu zentrales Anliegen der Verkündigung und Vergegenwärtigung der Gottesherrschaft. Rudolf Bultmann, Sie wissen es vielleicht, hat vermutet, Jesus habe selbst nicht von der Heilsbedeutsamkeit seines Todes gesprochen und seinem Tod auch keine Heilsbedeutsamkeit beigemessen. Es sei damit zu rechnen, so Bultmann, dass Jesus seinen Tod ganz einfach als ein Scheitern verstanden hat, so sinnlos wie jedes andere Sterben auch in dieser Welt.[20] Ist Jesus gar – wie auch schon vermutet worden ist – von seinem Tod völlig überrascht worden? Oder ist er in heldenhafter Treue zu seiner Überzeugung untergegangen, während dann die Jünger später im Licht des Osterglaubens eine Erlösungsdimension hineingedeutet haben? Diese Extrempositionen sind heute längst aufgegeben. Davon auszugehen, Jesus sei von seinem Ende in Jerusalem überrascht worden, hieße ihm jeglichen Realitätssinn absprechen. Jesus hatte das gewaltsame Ende Johannes des Täufers vor Augen und er wusste auch um das Schicksal vieler Propheten. Seinen Jüngern verschwieg er nicht, dass ihm nachzufolgen gefährlich sei. Ganz offen hatte er vom Kreuztragen und sogar von der Möglichkeit, sein Leben zu verlieren, gesprochen. Und sollte er,

[20] Vgl. Rudolf BULTMANN, Das Verhältnis der urchristlichen Christusbotschaft zum historischen Jesus, in: Ders., Exegetika, Tübingen 1967, 445–469.

dessen ganzes Reden und Wirken erfüllt war von der Ansage des Reiches Gottes, nun ausgerechnet seinen auf Grund der Reich-Gottes-Proklamation zu erwartenden Tod nicht damit in Verbindung gebracht haben? Wenn schon sein ganzes Wirken Ausdruck der Reich-Gottes-Verkündigung und der Reich-Gottes- Vergegenwärtigung war, musste dann nicht auch der Tod als Konsequenz dieses Wirkens ein sogar entscheidendes Element der Reich-Gottes-Proklamation sein? „Ich sage ich euch, von nun an werde ich nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken bis das Reich Gottes kommt“ (Mk 14, 25). Dieses Wort, gesprochen unmittelbar vor der Einsetzung der Eucharistie, verbindet die Ankündigung seines Todes mit dem Ausdruck der festen Zuversicht, dass auch sein gewaltsames Sterben- Müssen die Heraufkunft des Reiches Gottes nicht aufhalten kann, mehr noch, es ist außerordentlich wahrscheinlich, dass er seinen Tod in einen ursächlichen Zusammenhang mit der ausstehenden und erwarteten Vollendung des Reiches Gottes gesetzt hat. In der Stunde der Entscheidung, in der Jesus bewusst werden musste, dass er mit seiner Sendung an Israel nicht erfolgreich war, hat er nicht resigniert und ist nicht verzweifelt. Er bleibt seiner Sendung treu gegen alle menschlichen Widerstände und ist bereit, sein Sterben aus der Hand des Vaters entgegenzunehmen und es auch dem Vater zu überlassen, wie aus seinem Todesgeschick Heil und Leben erwachsen würden. Wenn Jesus sein Todesgeschick als Reich-Gottes-Geschick verstanden hat, konnte er zuversichtlich hoffen, dieses würde Heil wirken. Das nähere Wissen, wie der Vater diese seine Hingabe heilseffizient machen würde, mag auch für ihn in der Todesstunde nur ein existenziell dunkles Verstehen gewesen sein. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15, 34) Ostern sollte dann deutlich werden, wie sehr hier letztlich alle überlieferten soteriologischen Redeweisen versagten, weil Jesus proexistent die Sünderliebe, die proexistente Liebe Gottes präsentierte, die alle Sünde in sich aufnahm und im Herzen Jesu überwand. Zusammenfassend kann man auch hier noch einmal sagen: Die Abendmahlsworte, „das ist mein Leib“ für euch und „dieser Kelch ist der Bund in meinem Blut. Tut dies sooft ihr daraus trinkt zu meinem Gedächtnis“ (vgl. Lk 22, 19; 1 Kor 11, 25) ist Zusammenfassung der gesamten Proexistenz Jesu – vorösterlich – und nach vorne blickend, der Ort seiner sakramentalen Gegenwart bis ans Ende der Zeiten.

2.  Das Grabtuch von Turin als mögliche Brücke zum historischen Jesus

Das Grabtuch von Turin soll nun abschließend betrachtet werden. Man wollte es im Jahre 1898 endgültig verräumen, auf die Müllhalde der frommen Fälschungen und der dem Glauben nicht dienlichen gefälschten Reliquien werfen. Es sollte noch einmal mit der neu aufstrebenden Fotografietechnik festgehalten, dokumentiert und dann weggesperrt werden. Und dann diese Sensation: Im Foto-Negativ kommt deutlicher ein Antlitz zum Vorschein. 1900 Jahre lang hatte man nur ein schwaches Abbild davon sehen können. Seit dieser denkwürdigen Fotosensation ist das Turiner Grabtuch zum am besten erforschten Objekt der Geschichte geworden. Es gibt eine eigene Wissenschaft, die Sinologie, wo in Interdisziplinarität Naturwissenschaftler, insbesondere Chemiker, aber auch Botaniker, Literaturwissenschaftler, Byzantinisten, Historiker, Gerichtsmediziner, Anatomen und Textilkundler zusammenwirken. Es gibt kaum einen Wissensbereich, der nicht berührt ist in der Wissenschaft vom Grabtuch von Turin. Diejenigen, die sich damit zu beschäftigen beginnen, können in aller Regel nicht mehr aufhören, so fasziniert sind sie von den Geheimnissen, die es birgt.

Es werden sieben Besonderheiten des Grabtuchs von Turin benannt, vor allem in Bezug auf das Antlitz, aber auch der übrigen Körperpartien, die es außerordentlich wahrscheinlich machen, dass es das Tuch ist, in das Jesus gelegt worden ist. Fest steht, dass es kein Gemälde ist. Man weiß einfach nicht, wie der Abdruck in dieses Tuch gekommen ist. Es ist ein Geheimnis. Fest steht auch, dass die Radiocarbon- Untersuchung des Jahres 1988 sehr schlampig gemacht worden ist. Es vertritt heute auch kaum mehr einer der Wissenschaftler diese Behauptung, dass es von daher zwingend ins Mittelalter zu datieren sei. Viel bemerkenswerter ist die Pollenanalyse. Es ist nachgewiesen, dass das Tuch Spuren von Blütenstaub hat, wie er in dieser Zusammensetzung nur in Palästina vorkommt. Nimmt man nun die näheren Punkte[21] noch dazu, die ich hier noch nennen darf, steht man wirklich vor einer außerordentlich großen Herausforderung.

Erstens ist die Existenz eines solchen Tuches selbst schon erstaunlich. Die meisten Gekreuzigten wurden zur Abschreckung am Kreuz belassen und dann eben dem Fraß der wilden Tiere überlassen. Dass überhaupt ein Gekreuzigter eine geordnete Kreuzabnahme erfuhr und in ein kostbares Leinentuch gelegt wurde, spricht für ein außerordentlich intaktes und aktives soziales Umfeld, was man wahrscheinlich nur von sehr, sehr wenigen Gekreuzigten sagen kann.

Absolut einzigartig sind die Kopfverletzungen, die der Gekreuzigte, der in diesem Tuch gelegen hat, aufweist. Eine Dornenhaube – der ganze Kopf ist mit Wunden übersät. Es gibt kein Beispiel aus der Geschichte, das bezeugt, dass ein Gekreuzigter

[21] Ich fasse hier frei zusammen, was Bruno BARBERIS, Die Identifizierung des Mannes auf dem Grabtuch. Ein Aspekt der Authentizitätsfrage, in: Elisabeth Maier (Hg.), Das Turiner Grabtuch, Wien 2005, 183–196, ausgeführt hat.

auf diese Weise zusätzlich gequält wurde, wie wir es von Jesus wissen, der ja als vermeintlicher Messias und politischer König verspottet wurde.

Auch die Schulterverletzung, die für das Kreuztragen spricht, ist Jesus spezifisch, wenngleich wir wissen, dass es wohl viele gegeben hat, die ihr Kreuz auch zum Richtplatz tragen mussten. Aber es ist durchaus nicht bei allen Gekreuzigten so gewesen. Manchmal waren bei Massenhinrichtungen einfach gar nicht genügend Kreuze vorhanden, so dass Kreuze oft auch wieder verwendet wurden.

Auch die Nagelwunden, die für eine Annagelung ans Kreuz sprechen, stimmen mit der Jesusüberlieferung überein. Gegen eine Fälschung spricht in diesem Zusammenhang, dass die Nagelwunden nicht, wie es in der Ikonografie üblich ist, in die Handflächen getrieben sind, sondern hinter der Handwurzel. Das ist historisch sehr viel wahrscheinlicher, weil das Handgewebe das Gewicht des Gekreuzigten gar nicht hätte tragen können.

Wiederum außergewöhnlich ist, dass die Beine des Mannes, der ins Turiner Grabtuch gelegt wurde, nicht gebrochen sind. Man hat, um den Erstickungstod zu beschleunigen, das Sich-immer-wieder-Aufrichten des Körpers der Gekreuzigten dadurch unterbunden, dass man die Beine zerbrochen hat. Das hat dann das Aufrichten unmöglich gemacht und den Erstickungstod beschleunigt. Der Mann, der in diesem Tuch gelegen hat, hat keine gebrochenen Beine, dafür eine geöffnete Herzwunde.

Auch handelt es sich um eine provisorische Bestattung. Der Leichnam ist nicht gewaschen worden. Und er kann nur sehr kurz in diesem Tuch gelegen haben. Es gibt zwar eindeutige Zeichen einer Totenstarre, zugleich aber keine Spuren von Verwesung.

Alles das stimmt meines Erachtens sehr, sehr nachdenklich. Das kirchliche Lehramt hat sich klugerweise nie zur Authentizität des Turiner Grabtuches geäußert.

Niemand muss „daran“ glauben. Selbst wenn die Authentizität erwiesen wäre, wäre es noch immer kein Beweis für den Glauben. Für den Glauben gibt es keinen Beweis im mathematisch-naturwissenschaftlichen Sinne. Auf jeden Fall ist es ein Zeichen für die Erfindungskraft menschlicher Grausamkeit einen anderen Menschen zu Tode zu bringen. Die Abgründe menschlicher Brutalität begegnen einem, wenn man sich auf dieses Tuch einlässt. Aber es ist auch durchaus möglich – und ich halte es für außerordentlich wahrscheinlich – dass wir in diesem Tuch tatsächlich unserem Herrn begegnen. Sollte es wirklich das Grabtuch Jesu sein, dann zeigt es uns, was es wirklich und konkret geheißen hat, was Paulus sagt: Dass Gott ihn für uns zur Sünde gemacht hat (vgl. 2 Kor 5, 21), wie er allen Hass der Welt gleichsam auf sich gezogen hat, an sich hat austoben lassen, indem er das Böse nicht mit Bösem vergolten, sondern für seine Peiniger noch gebetet hat und auf diese Weise seine eigene Lebenshingabe zur letzten Realisierung seiner Reich-Gottes-Botschaft hat werden lassen. Setzen wir uns diesem Antlitz aus, das das Antlitz der Barmherzigkeit Gottes ist. Lassen wir uns von ihm bewegen, auch in der Tiefe anrühren, damit wir ihm ähnlicher werden und dann die durch ihn geschenkte Barmherzigkeit auch weiterschenken. Das wäre die Botschaft gerade auch jetzt in diesem von Papst Franziskus ausgerufenen „Jahr der Barmherzigkeit“.

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Quelle

Bischof Rudolf Voderholzer: Predigt bei der Ausstellungseröffnung zum Turiner Grabtuch

fotografisches-negativ-turiner-grabtuch

Bischof Rudolf Voderholzer hielt einen Gottesdienst anlässlich der Eröffnung der Ausstellung zum Turiner Grabtuch „Wer ist der Mann auf dem Tuch? Eine Spurensuche“ am 19. August 2016. Hier  die komplette Predigt.

Statio und Predigt zur Messfeier mit Eröffnung der Ausstellung des Turiner Grabtuches im Dom zu Regensburg am Freitag 19. August  2016

Statio

Liebe Mitbrüder im Bischofs-, Priester- und Diakonenamt! Liebe Verantwortliche und Mitglieder des Malteserordens ! Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

Ohne zu zögern und mit großer Freude habe ich die Einladung angenommen, mit Ihnen im Regensburger Dom die Eucharistie zu feiern anlässlich der Eröf fnung der Ausstellung zum Turiner  Grabtuch.

Ich habe, wie Sie wissen, selbst ein solches sehr getreues und ausdrucks­ starkes Faksimile des Turiner Grabtuches erworben. Und zum Jahr der Barmherzigkeit ist es seit der Fastenzeit durch das Bistum unterwegs.

Und so fügt es sich großartig, dass ergänzend und vertiefend dazu nun auch Ihre, der Malteser Ausstellung in Regensburg gezeigt wird. Ich habe sie schon in Altötting und auch in Salzburg gesehen, finde sie sehr gelungen und ich kann nur allen von Herzen danken, die sich um die Ausstellung in Regensburg verdient gemacht haben. Der Malteser­ Hilfsdient, dessen Wirken man für gewöhnlich mit den leiblichen Werken der Barmherzigkeit  verbindet -und wir haben ja  die Vorstellung gerade gehört, tut mit der Organisation dieser Ausstellung auch hier in Regensburg ein wichtiges Werk der geistlichen Barmherzigkeit, weil es uns informiert und uns hilft zur Begegnung mit dem Antlitz des barmherzigen  Gottes.

Bei all dem ist uns klar: diese Ikone ersetzt nicht die Begegnung mit dem Herrn in seinem Wort und im Sakrament der Eucharistie, führt aber hin: Und so bereiten wir uns vor auf das heilige Tun, indem wir den Herrn, gegenwärtig in unserer Mitte, darum bitten, uns würdig und bereit zu machen für die Begegnung mit ihm:

Predigt

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

„Sie werden auf den schauen, den sie durchbohrt haben“, mit diesem Schriftwort aus dem Alten Testament begründet der Johannesevangelist den besonderen Umstand, dass man Jesus am Kreuz mit der Lanze ins Herz bohrte, so dass Blut und Wasser herausströmten. Und mit einem anderen Schriftwort wird die Besonderheit erklärt, dass man Jesus -weil er schon tot war – die Beine nicht zertrümmerte . Beide Besonderheiten, die bei einer Kreuzigung so gut wie nie vorkamen, uns aber in der Johannespassion, wie wir gerade gehört haben, überliefert sind, bezeugt auch das Turiner Grabtuch. Aber nicht nur dies! Auf wen schauen wir, wir dieses Tuch betrachten?

Eigentlich hätte es im Jahr 1898 endgültig verräumt werden sollen, noch einmal fotografisch – mit der damals neuen und  aufstrebenden  Technik – dokumentiert werden und dann endgültig auf der Müllhalde frommer Fälschungen und dem Glauben nicht dienlicher Pseudo-Reliquien verschwinden sollen.

Und dann die Sensation: Das Negativ der Fotoplatte zeigt ein viel deutlicheres Bild eines von dem Grabtuch ganz umhüllten Gekreuzigten, und die Gesichtsabdrücke des Toten blicken einen -paradox – geradezu durchdringend an. Sie haben eine Reproduktion dieses Negativs vom Antlitz des Gekreuzigten – nur ein kleiner Teil natürlich des ganzen Grabtuches – ausgeteilt bekommen.

Das Grabtuchbild wirkt also, das war die Sensation, selbst wie eine Art Fotonegativ, ohne es freilich zu sein. Vorbei war es mit dem ruhigen Wegräumen. Im Gegenteil! Seit dieser Entdeckung hält das Tuch, das seit dem 16. Jahrhundert in der Kathedrale von Turin aufbewahrt wird, Naturwissenschaftler, insbesondere Botaniker und Chemiker, Textilkundler, Ikonographen, Byzantinisten, Kunsthistoriker und Kunstmaler, Gerichtsmediziner, Historiker und nicht  zuletzt Bibelwissenschaf tler in Atem. Es gilt mittlerweile als das am besten untersuchte Objekt der Geschichte.

Papst Franziskus hat mit dem Schreiben „Misericordiae vultus“, Christus ist das Antlitz der Barmherzigkeit Gottes, dieses Jahr zum Heiligen Jahres der Barmherzigkeit ausgerufen. Ich bin mehr denn je überzeugt, dass in der Begegnung mit dem Antlitz, das sich in dieses Tuch eingeprägt hat und das möglicherweise das getreue Abbild von Christi Antlitz birgt, dem barmherzigen Gott in einzigartiger Weise begegnen kann.

Was das Grabtuch betrifft: Es ist ganz offenkundig kein von Menschen gemachtes Kunstwerk, hat aber wohl die Ikonographie der Christus­-Ikone und auch der westlichen Christusdarstellungen geprägt bis hin zum Selbstporträt Albrecht Dürers aus dem Jahre 1500, dem so genannten Selbstbildnis im Pelzrock, bei dem er ja sein eigenes Bild mit dem Christi in eins malt.

Das so genannte Turiner Grabtuch ist über vier Meter lang und über  einen Meter breit. Während es in Turin der ganzen Länge nach  ausgestellt wird, präsentieren Sie es so, dass man es umschreiten und so die Vorder- und Rückseite sehen kann. Die längste Zeit seiner Geschichte war das Tuch aber wohl zusammengefaltet. Man kann es so zusammenlegen , dass es -ca. 2,5 kg schwer -bequem in einer Aktentasche Platz hat. So zusammengelegt hat das Tuch auch etliche brenzlige Situationen überstanden. Man sieht darauf Wasserflecken, aber auch, ganz dominant, die symmetrisch angeordneten Stellen, an denen bei einem Brand flüssiges Metall durch die einzelnen Lagen hindurchtropfte. Man hat diese Brandlöcher dann zunächst mit Flecken übernäht, bei einer der letzten Ausstellungen aber wurden sie abgenommen, so dass jetzt die dreieckigen Löcher zu sehen sind.

Alle Versuche, das Tuch als eine Fälschung, etwa als ein frommes Gemälde zu entlarven, sind gescheitert. Die Datierung durch eine nicht sehr sorgfältig durchgeführte Radio-Carbon-Untersuchung im Jahre 1988, die das Tuch in das Mittelalter stellt, ist unhaltbar. Eine Pollenuntersuchung hingegen hat Spuren von Blütenstaub zutage gefördert, wie er so und in dieser Zusammensetzung nur in Palästina vorkommt. Das Zustandekommen ist nicht geklärt. Wir stehen vor einem Geheimnis.

Folgende Gründe werden für die hohe Wahrscheinlichkeit genannt, dass es sich bei dem Turiner Grabtuch tatsächlich um das Leinen handelt, in das der gekreuzigte und vom Kreuz abgenommene Jesus am Karfreitag auf die Schnelle eingehüllt und in dem er bestattet wurde – wie wir es vorhin aus dem Johannesevangelium gehört haben, in dem er aber nur kurz gelegen sein kann.

Da ist zunächst die Tatsache, dass der Gekreuzigte, dessen anatomisch exakte Züge sich in dem Leinentuch abgebildet haben, überhaupt in ein solches kostbares, nach dem Fischgrat-Muster gewebtes, Tuch gehüllt wurde. Das war selten. Die meisten Leichen wurden zur Abschreckung am Kreuz belassen und wilden Tieren zum Fraß überlassen. Dass eine geordnete Kreuzabnahme und eine Bestattung überhaupt stattfanden, spricht für ein tatkräftiges soziales Umfeld des Mannes.

Geradezu einzigartig sind die Kopfverletzungen, die der Mann in dem Grabtuch von Turin aufweist und die von einer Art Dornenhaube herrühren. Es gibt kein Zeugnis dafür, dass dies bei der Kreuzigung eines Verbrechers üblich gewesen wäre, weder bei den Römern noch anderswo. Von Jesus aber wird überliefert, dass ihm die Soldaten zum Spott eine solche Krone geflochten und aufgedrückt haben. Der Rücken weist darüber hinaus Spuren von über 100 Geiselhieben auf. Üblich waren weit weniger. Bei Jesus wissen wir, dass Pontius Pilatus ihn eigentlich zur Erziehung und Besserung nur hätte geißeln lassen und dann freilassen wollen, bevor er sich dann doch zum Todesurteil entschloss. So aber ging Jesu Kreuzigung eine besonders heftige Geißelung voraus, die ihn dann ja auch so geschwächt hatte, dass er am Kreuz nicht mehr lange aushielt.

Ein dritter Gesichtspunkt: Der Mann auf dem Grabtuch muss ein schweres Objekt auf den Schultern getragen haben. Davon zeugen die entsprechenden Schürfwunden. Es stimmt, dass oft Delinquenten ihr Kreuz zum Hinrichtungsplatz tragen mussten. Aber gerade auch bei Massenhinrichtungen waren gar nicht genügend neue Folterwerkzeuge parat. Der Mann gehörte, so wie wir es auch von Jesus überliefert haben, zu denen, die wohl den 40 bis 50 kg schweren Querbalken selbst zur Hinrichtungsstätte schleppen mussten.

Der Mann wurde darüber hinaus mit Nägeln am Kreuz befestigt. Auch dies war nachweislich nur offiziellen Kreuzigungen vorbehalten. Bei Massenkreuzigungen wurden Hände und Füße oft nur mit Seilen angebunden, so dass nach dem Brechen der Gebeine die Hingerichteten qualvoll erstickten.

Ein außerordentlich sprechendes Zeichen des Turiner Grabtuches ist, dass die Beine des darin eingehüllten gerade keine Spuren des Zerschlagens zeigen, dafür aber eine Stichwunde an der Seite. Diese beiden Aspekte in einem gehören zu den Besonderheiten des Turiner Grabtuches. Sie entsprechen aber exakt dem Bericht, den uns der Johannesevangelist überliefert hat.

Ferner zeugen die erhaltenen Spuren für eine eilige und nur provisorische Bestattung, der Leichnam war nicht gewaschen worden.

Und schließlich kann der Leichnam nur kurz im Leinentuch gelegen haben. Es zeigt keine Anzeichen von Verwesung, während aufgrund der nachgewiesenen Totenstarre am wahren Tod des Bestatteten kein  Zweifel besteht.

„Der Mathematiker Bruno Barberis hat berechnet, dass alle genannten ,jesustypischen‘ Merkmale des Grabtuchs nur auf einen einzigen unter 200 Milliarden Gekreuzigten wieder zuträfen. Selbstverständlich ist das kein zwingender Beweis, aber es sei doch angemerkt, dass in den letzten 2 000 Jahren maximal 200 Milliarden Menschen gelebt haben.“ So Prof. Dietz, einer der besten Kenner der Grabtuschforschung (in der DT vom Karsamstag letzten Jahres).

Das kirchliche Lehramt, liebe Schwestern und Brüder, hat gut daran getan, sich nicht zur Authentizität des Grabtuches zu äußern. Und es ist klar festzuhalten: Niemand ist verpflichtet, an die Echtheit des Grabtuches zu glauben. Und selbst wenn die Authentizität erwiesen wäre, würde es den Glauben noch nicht beweisen,  der ein personaler Akt und ein Akt der Freiheit ist.

Papst Benedikt hat im Sinne eines persönlichen Glaubenszeugnisses einmal darauf hingewiesen, ,,dass das heilige Grabtuch wie  ein ,fotografisches‘ Dokument ist, das ein ,Positiv‘ und ein ,Negativ‘ hat. Es ist wirklich so: Das dunkelste Geheimnis des Glaubens ist zur gleichen Zeit das hellste Zeichen einer Hoffnung, die keine Grenzen hat. Der Karsamstag ist das ,Niemandsland‘ zwischen Tod und Auferstehung, aber dieses ,Niemandsland‘ hat einer, der Einzige betreten, der es durchquert hat mit den Zeichen seines Leidens für den Menschen.“

Sollte das Turiner Grabtuch nicht dasjenige sein, in das der gekreuzigte Jesus gehüllt worden ist, dann stellt es uns zumindest die Grausamkeit  vor Augen, den Erfindungsreichtum menschlicher Grausamkeit, wenn es darum geht, einen anderen Menschen auf entwürdigende Weise zu Tode zu quälen.

,,Sie werden auf  den schauen, den sie durchbohrt haben!“

Sollte es wirklich das Grabtuch Jesu sein, dann zeigt es uns, was es wirklich und konkret geheißen hat, was Paulus im Zweiten Korintherbrief heute sagt, dass Gott ihn für uns zur Sünde gemacht hat. Wie er allen Hass der Welt gleichsam auf sich gezogen hat, an sich hat austoben lassen, indem er das Böse nicht mit Bösem vergolten sondern für seine Peiniger noch gebetet hat. Als der einzige, der das Niemandsland des Todes durchschritten und zum Jemandsland gemacht hat, ist Er Grund für eine Hoffnung, die stärker ist als Grab und  Tod.

Setzen wir uns seinem Antlitz aus, das das Antlitz der Barmherzigkeit Gottes ist. Lassen wir uns von diesem Antlitz bewegen, in der Tiefe anrühren, damit wir ihm immer ähnlicher werden und die empfangene Barmherzigkeit weiterschenken. Amen.

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Quelle

Siehe dazu ferner: