Papstansprache vor Priestern und Ordensleuten

Papst Franziskus beim Gebetratreffen mit Priestern, Ordensleuten und Seminaristen

Ansprache von Papst Franziskus
beim Gebet mit Priestern, Ordensleuten und Seminaristen.
(rv)

Seligkeiten,
liebe Brüder und Schwestern,
Al Salamò Alaikum! [Der Friede sei mit euch!]

„Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat; wir wollen uns über ihn freuen. Christus hat den Tod für immer besiegt, wir wollen uns über ihn freuen!“ (vgl.Ps 118,24).

Ich freue mich, bei euch an diesem Ort zu sein, an dem die Priester ausgebildet werden und der das Herz der katholischen Kirche in Ägypten bildet. Ich freue mich, in euch, den Priestern, Ordensmännern und Ordensfrauen der kleinen katholischen Herde in Ägypten, den „Sauerteig“ zu grüßen, den Gott für dieses gesegnete Land bereitet, damit in ihm – in Gemeinschaft mit unseren orthodoxen Brüdern – sein Reich wachse (vgl. Mt 13,13).

Ich möchte euch vor allem für euer Zeugnis und für all das Gute danken, das ihr jeden Tag mit eurer Tätigkeit inmitten vieler Herausforderungen und oft unter geringem Trost vollbringt. Ich möchte euch auch ermutigen! Habt keine Angst vor der Last des Alltags, vor der Last der schwierigen Umstände, die einige von euch ertragen müssen. Wir verehren das heilige Kreuz, Werkzeug und Zeichen unserer Erlösung. Wer vor dem Kreuz wegläuft, läuft vor der Auferstehung weg.

„Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben“ (Lk 12,32).

So geht es darum, zu glauben, die Wahrheit zu bezeugen, auszusäen und zu pflegen, ohne auf die Ernte zu spekulieren. Wir sammeln nämlich die Früchte einer Reihe von anderen Gottgeweihten und Laien, die großmütig im Weinberg des Herrn gearbeitet haben: Eure Geschichte ist voll davon!

Und inmitten vieler Gründe zur Entmutigung, inmitten vieler Propheten der Zerstörung und der Verdammung, inmitten vieler negativer und verzweifelter Stimmen sollt ihr eine positive Kraft, sollt ihr Licht und Salz dieser Gesellschaft sein; seid ihr die Lokomotive, die einen Zug vorwärts zieht, geradeaus, dem Ziel entgegen; seid ihr Aussäer der Hoffnung, Brückenbauer und Arbeiter des Dialogs und der Eintracht.

Dies ist möglich, wenn die Gottgeweihten den Versuchungen, denen sie tagtäglich auf ihrem Weg begegnen, nicht nachgeben. Ich will einige unter den bedeutsamsten hervorheben.

1. Die Versuchung, sich mitreißen zu lassen und nicht zu führen. Der Gute Hirt hat die Pflicht, die Herde zu leiten (vgl. Joh 10,3-4), sie auf die saftige Weide und zu den Wasserquellen zu führen (vgl. Ps 23). Er darf sich nicht von der Enttäuschung und vom Pessimismus mitreißen lassen: „Was kann ich schon tun?“ Er ist immer voller Entschlossenheit und Tatkraft, wie eine Quelle, die sprudelt, selbst wenn sie ausgetrocknet ist; er besitzt immer die Herzlichkeit zu trösten, selbst wenn sein Herz niedergeschlagen ist; er ist ein Vater, wenn ihn seine Kinder dankbar behandeln, aber vor allem auch, wenn sie ihm keine Anerkennung erweisen (vgl. Lk 15,11-32). Unsere Treue dem Herrn gegenüber darf nie von menschlicher Dankbarkeit abhängen. „Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten“ (Mt 6,4.6.18).

2. Die Versuchung, sich immerfort zu beklagen. Es ist leicht, stets die anderen anzuklagen – wegen der Versäumnisse der Vorgesetzten, wegen der kirchlichen und gesellschaftlichen Zustände, wegen des Mangels an Möglichkeiten… Die Gottgeweihten aber sind jene, die mit der Salbung des Heiligen Geistes jedes Hindernis in eine Gelegenheit verwandeln und nicht jede Schwierigkeit in eine Entschuldigung! Wer sich ständig beklagt, ist in Wirklichkeit einer, der nicht arbeiten will. Daher wandte sich der Herr an die Hirten mit den Worten: „Darum macht die erschlafften Hände und die wankenden Knie wieder stark“ (Hebr 12,12; vgl. Jes 35,3).

3. Die Versuchung der Geschwätzigkeit und des Neids. Die Gefahr ist ernst, wenn sich die Gottgeweihten vom Neid beherrschen lassen und zu solchen werden, die die anderen mit Geschwätz verletzen, anstatt den Kleinen behilflich zu sein zu wachsen und sich über die Erfolge der Brüder und Schwestern zu freuen. Wenn sie anfangen, jene zu niederzumachen, die gerade wachsen, anstatt sich selbst um das Wachstum zu bemühen; anstatt den guten Beispielen zu folgen, verurteilen sie diese und bringen ihnen Geringschätzung entgegen. Der Neid ist ein Krebsgeschwür, der in kurzer Zeit jeden Körper zerstört: „Wenn ein Reich in sich gespalten ist, kann es keinen Bestand haben. Wenn eine Familie in sich gespalten ist, kann sie keinen Bestand haben“ (Mk 3,24-25). In der Tat, „Durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt“ (Weish 2,24). Und das Geschwätz ist dabei das Mittel und die Waffe.

4. Die Versuchung, sich mit den anderen zu vergleichen. Der Reichtum besteht in der Verschiedenheit und der Einzigartigkeit eines jeden von uns. Das Vergleichen mit jenen, denen es besser geht, führt uns oft dazu, in Groll zu verfallen; das Vergleichen mit jenen, denen es schlechter geht, führt uns oft dazu, in Hochmut und Faulheit zu verfallen. Wer dazu neigt, sich immer mit den anderen zu vergleichen, lähmt sich am Ende selbst. Lernen wir vom heiligen Petrus und vom heiligen Paulus, die Verschiedenheit der Charaktere, der Charismen und der Meinungen im Hinhören und in der Fügsamkeit gegenüber dem Heiligen Geist zu leben.

5. Die Versuchung des „Pharaonismus“, das heißt das Herz zu verhärten und sich gegenüber dem Herrn sowie den Brüdern und Schwestern zu verschließen. Es ist die Versuchung zu denken, über den anderen zu stehen und sie sich so aus Geltungsbedürfnis unterzuordnen; die Überheblichkeit zu besitzen, sich bedienen zu lassen, statt zu dienen. Von Anfang an ist das eine allgemeine Versuchung unter den Jüngern, die – so sagt es das Evangelium – „auf dem Weg miteinander darüber gesprochen hatten, wer der Größte sei“ (Mk 9,34). Das Gegenmittel für dieses Gift ist: „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein“ (Mk 9,35).

6. Die Versuchung des Individualismus. Wie ein bekanntes ägyptisches Sprichwort sagt: „Ich, und nach mir die Sintflut“. Es ist die Versuchung der Egoisten, die auf dem Weg ihr Ziel verlieren und anstelle der anderen an sich selbst denken und dabei keinerlei Scham empfinden, ja vielmehr sich selbst rechtfertigen. Die Kirche ist die Gemeinschaft der Gläubigen, der Leib Christi, in dem die Rettung eines Gliedes mit der Heiligkeit aller verknüpft ist (vgl. 1 Kor 12,12-27; Lumen gentium, 7). Der Individualist hingegen gibt Grund zum Ärgernis und zum Konflikt.

7. Die Versuchung, ohne Kompass und ohne Ziel zu laufen. Die Gottgeweihten verlieren ihre Identität und beginnen „weder Fisch, noch Fleisch“ zu sein. Sie leben mit einem zwischen Gott und der Weltlichkeit geteiltem Herzen. Sie vergessen ihre erste Liebe (vgl. Offb 2,4). Ohne eine klare und feste Identität zu haben, laufen diese Gottgeweihten in Wirklichkeit ohne Orientierung und zerstreuen die anderen, anstatt sie zu führen. Eure Identität als Söhne und Töchter der Kirche ist jene, Kopten zu sein – das heißt, in euren ehrwürdigen und alten Wurzeln verankert zu sein – und Katholiken zu sein – das heißt, Teil der einen und universalen Kirche zu sein: wie ein Baum – je tiefer er in der Erde verwurzelt ist, desto höher ragt er in den Himmel!

 

Liebe Gottgeweihte, diesen Versuchungen zu widerstehen, ist nicht einfach, aber es ist möglich, wenn wir in Jesus eingepfropft sind: „Bleibt in mir und ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so auch ihr, wenn ihr nicht in mir bleibt“ (Joh 15,4). Je mehr wir in Christus verwurzelt sind, desto lebendiger und fruchtbarer sind wir! Nur so können die Gottgeweihten das Wunder, die Leidenschaft der ersten Begegnung bewahren, die Attraktivität und die Dankbarkeit in ihrem Leben mit Gott und in ihrer Mission. Von der Qualität unseres geistlichen Lebens hängt jene unserer Weihe ab.

Ägypten hat die Kirche mit dem unvergleichlichen Schatz des monastischen Lebens bereichert. Ich ermahne euch deshalb, euch ein Beispiel am heiligen Eremiten Paulus zu nehmen, am heiligen Antonius, an den heiligen Wüstenvätern, den zahlreichen Mönchen, die mit ihrem Leben und ihrem Beispiel die Tore des Himmels für viele Brüder und Schwestern geöffnet haben; und so könnt auch ihr Licht und Salz sein, das heißt Ursache des Heiles für euch selbst und für alle anderen, gläubig und nichtgläubig, insbesondere für die Geringsten, die Notleidenden, die Verlassenen und die Ausgegrenzten.

Die Heilige Familie beschütze und segne euch alle, euer Land und alle seine Bewohner. Aus der Tiefe meines Herzens wünsche ich einem jeden von euch alles Gute und durch euch grüße ich alle Gläubigen, die Gott eurer Sorge anvertraut hat. Der Herr gewähre euch die Früchte seines Heiligen Geistes: „Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Enthaltsamkeit“ (Gal 5,22-23).

Ihr werdet in meinem Herzen und in meinem Gebet immer gegenwärtig sein. Nur Mut und weiter mit dem Heiligen Geist! „Dies ist der Tag den der Herr gemacht hat, wir wollen uns an ihm freuen“ (Ps 118,24) Und vergesst bitte nicht, für mich zu beten!

_______

Quelle

„Ein Priester muss wie ein Vater sein“

preti-2-800x533

Papst Franziskus & Priester / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Papst Franziskus zu den Seminaristen Apuliens
erklärt die vier Säulen der Priesterausbildung:
geistliches Leben, Gemeinschaftsleben, Studium und Apostolatsleben

Papst Franziskus hat am Samstag die Priesteramtskandidaten des Päpstlichen Regionalseminars „Pius XI.“ in Molfetta, in der süditalienischen Provinz Bari (Apulien), in Audienz empfangen. Er ermahnte die Seminaristen dabei, ein Priester müsse wie ein Vater sein, sonst nütze er nichts.

Franziskus legte, wie so oft, die vorbereitete Ansprache zur Seite und sprach stattdessen frei. Er erinnerte die angehenden Priester daran, dass die Geschichte Italiens voller tüchtiger Priester sei. ‪„Sie geben uns das Beispiel, wie voranzugehen ist“, betonte er, während er die 180 Seminaristen und Begleiter dazu einlud, um die Gnade der Erinnerung zu beten, „der kirchlichen Erinnerung“.

Das Stichwort des priesterlichen Lebens, fuhr der Papst fort, sei Nähe. „Man kann nicht Priester mit Distanz zum Volk sein“, warnte er, während er vom Beispiel eines Pfarrers berichtete, der nicht nur allein die Namen aller seiner Gläubigen kannte, sondern auch die ihrer Hunde.

Ein guter Priester soll deswegen sein Leben hingeben, sogar „verbrennen“ für Christus, weil der Dienst am Gottesvolk „macht müde, müde“. ‪„Was eine schöne Sache ist es, einen Priester zu finden, der den Tag müde beendet und keine Schlaftabletten benötigt, um gut einzuschlafen“, betonte der Papst, der weiter die Priesterkandidaten daran erinnerte, dass die Kirche keine NGO und kein Pastoralplan sei, sondern ein Dialog, ein „kontinuierliches Gespräch“ mit den Menschen.

An erster Stelle im priesterlichen Leben sollte das Gebet stehen. Ein Priester solle Jesus nicht alleine im Tabernakel lassen, unterstrich Franziskus. Und vor dem Schlafengehen solle er „Jenen“ grüßen, der ihn zu den Menschen geschickt hat, und „ein Augenblickchen“ beim Tabernakel verweilen.

Wie Papst Franziskus erläuterte, ruhe die Priesterausbildung auf vier Pilastern: „das geistliche Leben und das Gebet, das Gemeinschaftsleben, das Studium und das Apostolatsleben“. Alle vier Punkte seien gleichermaßen wichtig. ‪„Wenn einer fehlt, ist die Ausbildung nicht ausgeglichen“, warnte er.

Franziskus erzählte den Priesterkandidaten eine weitere Anekdote. In Argentinien habe er eine aus Apulien stammende Ordensschwester Namens Bernadetta gekannt. Als er Probleme mit einem Seminaristen oder Novizen hatte, schickte er diesen zu Schwester Bernadetta, die dann zwei ‪„spirituelle Ohrfeigen“ erteilte, und damit sei die Sache erledigt gewesen, so der Papst, der die Weisheit der Gottesfrauen und Mütter lobte.

Der Volltext der freien sowie der vorbereiteten Papstansprache ist hier auf Italienisch abrufbar.

_______

Quelle

Papst an künftige Priester: „Seid bei euren Schäfchen“

epa2280536_articolo

Der Papst und die Seminaristen

Papst Franziskus hat angehende Priester aufgerufen, bei „ihren Schäfchen“ zu sein. In einer freigehaltenen Rede sagte der Papst am Samstag im Vatikan vor Priesteramtskandidaten aus der süditalienischen Region Apulien, dass ein guter Priester neben der Nähe auch den Zugang zu den Gläubigen aufrecht erhalten sollten.Am Anfang seiner Rede erinnerte er an eine Nonne, die er in Argentinien kennen gelernt hatte und aus Apulien stammte. „Wenn ich als Novizenmeister oder Ordensprovinzial mit jemanden Probleme hatte, dann sandte ich diese Person zu ihr und sie reichte ihm dann ein paar ,spirtuelle Schläge´ und die Sache war erledigt“, so der Papst. Die Kirche sei voll von solchen „weisen Frauen in Gott“, die Klartext sprechen und die richtige spirituelle Richtung vorweisen.

Ein angehender Priester müsse vor allem die Nähe zu den Gläubigen pflegen. Er müsse immer für sie da sein, Gott abends im Gebet danken und dies alles mit Mut und Zärtlichkeit tun. „Priester haben manchmal Probleme und machen Fehler. Wir haben von den Skandalen von Priestern schon oft gehört! Die Presse bezahlt dafür viel, für solche Nachrichten!“, mahnte der Papst. Es gehe also darum, solche Fehler zu vermeiden, indem eine gute Ausbildung angeboten werde. „Ein Priester, der nicht wie ein Vater ist, nützt nichts“, fügte Franziskus an. Konkret bedeute dies: sein Leben hinzugeben, das Leben der anderen fördern, das Gemeinschaftsleben nicht vernachlässigen. „Und das soll man mit Mut, Kraft und Zärtlichkeit tun“, so der Papst.

Etwa 180 angehende Priester gibt es in Apulien. Sie müssten auf die Spuren Jesu gehen und die Pforte der Barmherzigkeit nicht verschließen, sagte der Papst. Eine wichtige Frage, die er jeweils an Priestern stelle, sei die Frage nach dem Schlafengehen. „Was macht ihr beim Schlafgehen? Der eine sagt, ich ruhe mich aus, schaue TV. Schön, aber grüßt du denjenigen nicht, der dich eingeladen, zu den Menschen zu gehen? Vor dem Schlafgehen soll man immer beten und Gott dafür danken.“

(rv 10.12.2016 mg)

Wenn die Berufung stärker ist als jede Behinderung

Papa-Ratzinger-e-seminarista-Rosario-Vitale

Rosario Vitale und Benedikt XVI.

Rosario Vitale spricht über seinen Weg in das Priesteramt
und seine Begegnung mit Benedikt XVI.

Der Seminarist Rosario Vitale aus der Diözese Caltagirone (Sizilien) pflegt seine Berufung mit großer Entschlossenheit und Spontaneität seit seiner Kindheit. Im Alter von 8 Jahren wurde er von seinen Lehrerinnen ausgewählt, um dem Pfarrer bei einer Vorführung in der Kirche behilflich zu sein. Rosario, der trotz seiner Behinderung seine Berufung reifen ließ, ist einen langen Weg gegangen; seine Hartnäckigkeit und Liebe zu Gott haben ihn dazu bewogen, um die Aufnahme in das Priesterseminar anzusuchen und bis zu seinem Eintritt ein paar Jahre zu warten.

Seine Fügsamkeit, seine freundlichen Worte und seine Zähigkeit zeigen Tag für Tag, dass die physischen Grenzen kein Hindernis für die Herzensfreude darstellen. In seinem letzten Seminarjahr, wenige Prüfungen vor seinem Bachelorabschluss, begegnete Rosario dem emeritierten Benedikt XVI., dem er sich anvertraute und sein Herz öffnete. Mit Bewunderung und Begeisterung blickt Rosario auch auf Papst Franziskus, aufgrund des Mutes und seiner beständigen Reform der Kirche. In einem Gespräch mit ZENIT erzählt der sizilianische Seminarist seine in vielerlei Hinsicht einzigartige Geschichte.

***

Woraus entspringt Ihre Berufung?

Rosario Vitale: In meinem 8. Lebensjahr entstand der Entschluss, am Altar zu dienen. Die Berufung reifte in mir und entwickelte sich allmählich. Besonders stark spürte ich sie nach der Erfahrung einer Beziehung. In der zweiten Oberstufe begriff ich, zum priesterlichen Leben berufen zu sein. Ich trennte mich von meiner damaligen Freundin und in etwa im vierten Gymnasialjahr beschloss ich, den Weg des Seminars einzuschlagen. Es fehlte jedoch nicht an Schwierigkeiten: Laut den Gesetzen der Kirche konnte ein behinderter Mensch scheinbar nicht in das Seminar eintreten. Es bedurfte einer Freistellung seitens des Heiligen Stuhls, die einige Zeit später eintraf. Daher wartete ich ein Jahr auf die Zulassung zum Propädeutikum und die Aufnahme in das höhere Seminar.

Wie ist Ihr Weg seit diesem Zeitpunkt herangereift?

Rosario Vitale: Heute lebe ich mit Liebe und Leidenschaft den Willen Gottes in meinem Leben. Jeder Mensch, jeder Christ, jeder Getaufte, hat eine Mission für sich selbst und für die Kirche. Ich lebe meinen Auftrag mit Freude und er erfüllt mein Leben. Ich empfinde mich als Beispiel für die anderen und als Zeugen für alle: Gott beruft uns alle immer. Ein Leben ohne Werke ist wie ein Baum ohne Früchte. Ich glaube, dass sich jeder dafür einsetzen muss, so viel wie möglich aus seinem Leben herauszuholen, um ein Zeugnis für die anderen abzugeben. Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt. Oft werde ich gefragt, warum ich mich für die Weihe entschieden habe. Denn noch  bewegt sich die Welt in eine bestimmte Richtung, in die Richtung des Äußeren. Wer wie ich gegen den Strom schwimmt, wird gewöhnlich als verrückt oder tatsächlich verliebt bezeichnet. Der Herr hat mich dazu berufen, in seinem Weinberg und an seinem Tisch zu arbeiten und ich mache das mit großer Freude.

Wie kam es zu Ihrer Begegnung mit dem emeritierten Papst?

Rosario Vitale: Am vergangenen 16. Oktober gewährte mir Benedikt XVI. eine Audienz in den Vatikanischen Gärten. Er war sehr interessiert und fragte mich nach meiner Diözese, die in diesem Jahr ihr 200-jähriges Jubiläum feiert. Wir haben lange und heiter gesprochen und haben einander viel erzählt. Zum Schluss hat der Heilige Vater auch ein paar Witze gemacht, als ich ihn gefragt habe, ob wir uns bei meiner ersten und zweiten Messfeier treffen können. Danach hat er sehr breit gelächelt.

Was würden Sie Papst Franziskus bei einem Treffen mit ihm mitteilen?

Rosario Vitale: Ich möchte dem Heiligen Vater Franziskus sagen, welch große Emotionen er uns immer schenkt, und dass er seine Reform zum Wohl der Kirche fortsetzen soll. Ich würde ihn fragen, was einem Jungen, der in einer sich verändernden Welt in das Seminar eintreten will, gesagt werden soll. Die Entscheidung zur Weihe muss wohlüberlegt sein, sie bedarf gewiss aufmerksamen Nachdenkens. Man muss die Berufung reifen lassen und diesen Weg wählen, wenn man sehr stark davon überzeugt ist, ohne an das Ziel zu denken. Niemand kann auf dem Weg auf dieser Erde glauben, am Ziel angekommen zu sein.

___

5. MAI 2016  KIRCHE UND RELIGION

Papst Franziskus im Dialog mit den Rektoren und Alumnen der Päpstlichen Kollegien und Konvikte in Rom, 12.5.2014

El papa Francisco toca su crucifijo mientras lo conducen a través de la multitud durante su audiencia general inaugural, en la Plaza de San Pedro, en el Vaticano, el miércoles 27 de marzo de 2013. Francisco pidió el miércoles que se ponga fin a la violencia y los saqueos relacionados con el golpe de estado del fin de semana en la República Centroafricana, en su primera apelación de ese tipo por la paz desde que se convirtió en papa. (AP foto/Andrew Medichini)

Papst Franziskus am 27. März 2013 auf dem Petersplatz

ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS
AN DIE REKTOREN UND ALUMNEN
DER PÄPSTLICHEN KOLLEGIEN UND KONVIKTE IN ROM

Aula Paolo VI
Montag, 12. Mai 2014

Der Heilige Vater eröffnete das Treffen mit den Worten:

Ich wünsche euch einen guten Tag und danke euch sehr für eure Anwesenheit. Mein Dank gilt Kardinal Stella für seine freundlichen Worte, und ich entschuldige mich für die Verspätung. Ja, denn die mexikanischen Bischöfe sind hier zum »Ad-limina«-Besuch… und wenn man mit Mexikanern zusammen ist, geht es einem sehr gut – so gut, dass die Zeit vergeht und man es gar nicht merkt!

Den 146 von euch, die aus Ländern des Nahen Ostens kommen, und auch den Ukrainern unter euch möchte ich sagen, dass ich euch in diesem leidvollen Augenblick sehr nahe bin: wirklich sehr nahe, auch im Gebet. In der Kirche wird viel gelitten; die Kirche leidet viel, und die leidende Kirche ist auch die Kirche, die in einigen Teilen der Welt verfolgt wird, und ich bin euch nahe. Danke. Und jetzt möchte ich, dass… Es gab Fragen, ich habe sie gesehen, aber wenn ihr sie ändern oder sie etwas spontaner formulieren möchtet, dann ist das kein Problem, ihr habt da alle Freiheit!

Frage: Guten Tag, Heiliger Vater. Ich heiße Daniel und komme aus den Vereinigten Staaten. Ich bin Diakon und wohne im Nordamerikanischen Kolleg. Wir sind nach Rom gekommen, um eine akademische Ausbildung zu erhalten und dieser Verpflichtung treu zu bleiben. Wie schafft man es, die ganzheitliche Priesterausbildung, sowohl auf persönlicher als auch auf gemeinschaftlicher Ebene, nicht zu vernachlässigen? Danke.

Heiliger Vater: Danke für die Frage. Das ist wahr: euer Hauptziel hier ist die akademische Ausbildung – einen Hochschulabschluss zu machen in diesem oder jenem Bereich… Es besteht jedoch die Gefahr des Akademismus. Ja, die Bischöfe senden euch hierher, damit ihr einen Hochschulabschluss habt, aber auch, um in die Diözese zurückzukehren. In der Diözese müsst ihr jedoch im Presbyterium tätig sein, als Priester, als Priester mit Hochschulabschluss. Und wer in diese Gefahr des Akademismus hineingerät, kehrt nicht als Seelsorger zurück, sondern als »Gelehrter«. Und das ist gefährlich. Es gibt vier Pfeiler in der Priesterausbildung: Das habe ich oft gesagt, vielleicht habt ihr es gehört. Vier Pfeiler: die geistliche Ausbildung, die akademische Ausbildung, die gemeinschaftliche Ausbildung und die apostolische Ausbildung. Natürlich wird hier in Rom – denn dafür seid ihr hierher gesandt worden – die intellektuelle Ausbildung betont; aber die drei anderen Pfeiler müssen gepflegt werden, und alle vier wirken zusammen. Ich würde einen Priester, der hierher nach Rom kommt und kein Gemeinschaftsleben hat, nicht verstehen; das geht nicht. Oder der das geistliche Leben nicht pflegt – die tägliche heilige Messe, das tägliche Gebet, die »Lectio divina«, das persönliche Gespräch mit dem Herrn – oder das apostolische Leben: am Wochenende etwas tun, andere Luft atmen, aber auch apostolische Luft, dort etwas tun…

Es stimmt, dass das Studium eine apostolische Dimension ist; aber es ist wichtig, auch die anderen Pfeiler zu pflegen! Der akademische Purismus tut nicht gut, er tut nicht gut. Und daher hat mir deine Frage gefallen, weil sie mir Gelegenheit gibt, euch diese Dinge zu sagen. Der Herr hat euch berufen, Priester zu sein, Presbyter zu sein: Das ist die Grundregel. Und ich möchte noch etwas anderes betonen: Wenn man nur den akademischen Teil sieht, dann besteht die Gefahr, in Ideologien abzurutschen, und das macht krank. Es macht auch das Verständnis von Kirche krank. Um die Kirche zu verstehen, muss man sie vom Studium, aber auch vom Gebet, vom Gemeinschaftsleben und vom apostolischen Leben her verstehen. Wenn wir in eine Ideologie abrutschen und auf diesem Weg weitergehen, dann haben wir keine christliche Hermeneutik, sondern eine ideologische Hermeneutik der Kirche. Und das tut nicht gut, das ist eine Krankheit. Die Hermeneutik der Kirche muss die Hermeneutik sein, die die Kirche selbst uns anbietet, die die Kirche selbst uns schenkt. Die Kirche verstehen mit den Augen eines Christen; die Kirche verstehen mit dem Verstand eines Christen; die Kirche mit christlichem Herzen verstehen; die Kirche vom christlichen Handeln her verstehen. Sonst versteht man die Kirche nicht, oder man versteht sie schlecht. Es ist also schon wichtig, die akademische Tätigkeit zu betonen, weil ihr dafür gesandt worden seid; aber die anderen Pfeiler dürfen nicht vernachlässigt werden: das geistliche Leben, das gemeinschaftliche Leben und das apostolische Leben. Ich weiß nicht, ob das deine Frage beantwortet… Danke.

Frage: Guten Tag, Heiliger Vater. Ich bin Tommaso aus China. Ich bin Seminarist im »Collegio Urbano«. Manchmal ist es nicht leicht, in Gemeinschaft zu leben: Was raten Sie uns, auch von Ihrer Erfahrung her, um unsere Gemeinschaft zu einem Ort des menschlichen und geistlichen Wachstums und der Übung priesterlicher Nächstenliebe zu machen?

Heiliger Vater: Ein alter Bischof aus Lateinamerika hat einmal gesagt: »Das schlechteste Seminar ist viel besser als gar kein Seminar.« Wenn jemand sich allein, ohne Gemeinschaft, auf das Priesteramt vorbereitet, das tut nicht gut. Das Leben im Seminar, das Gemeinschaftsleben also, ist sehr wichtig. Es ist sehr wichtig, weil es den Austausch unter den Brüdern gibt, die auf das Priesteramt zugehen. Aber es gibt auch Probleme, es gibt Kämpfe: Machtkämpfe, Kämpfe um Ideen, auch heimliche Kämpfe. Und es kommen die Todsünden: der Neid, die Eifersucht… Und es kommen auch gute Dinge: Freundschaften, Meinungsaustausch, und das ist wichtig am Gemeinschaftsleben. Das Gemeinschaftsleben ist nicht das Paradies, es ist mindestens das Fegefeuer – nein, das ist es nicht … [die Alumnen lachen], aber es ist nicht das Paradies!

Ein heiliger Jesuit hat einmal gesagt, die größte Buße für ihn sei das Gemeinschaftsleben. Das stimmt, nicht wahr? Darum glaube ich, dass wir im Gemeinschaftsleben vorankommen müssen. Aber wie? Vier oder fünf Dinge können uns dabei sehr helfen. Nicht schlecht reden über die anderen, niemals! Wenn ich etwas gegen den anderen habe, oder wenn ich nicht mit ihm einverstanden bin, muss ich es ihm ins Gesicht sagen! Wir Kleriker sind versucht, anderen die Dinge nicht ins Gesicht zu sagen, zu diplomatisch zu sein, diese klerikale Sprache… Aber das tut uns nicht gut, es tut uns nicht gut! Ich erinnere mich an eine Sache vor 22 Jahren: Ich war gerade zum Bischof ernannt worden und hatte als Sekretär in jenem Vikariat – Buenos Aires ist in vier Vikariate unterteilt –, in jenem Vikariat hatte ich als Sekretär einen jungen Priester, der gerade erst geweiht worden war. Und in den ersten Monaten habe ich etwas getan: Ich habe eine etwas diplomatische – eine zu diplomatische – Entscheidung getroffen, mit den Folgen, die aus Entscheidungen kommen, die nicht im Herrn getroffen werden, nicht wahr? Und am Ende habe ich zu ihm gesagt: »Sieh nur, was für ein Problem.

Ich weiß nicht, wie ich es lösen soll…« Und er hat mir ins Gesicht geschaut – ein junger Mann! – und zu mir gesagt: »Weil Sie einen Fehler gemacht haben. Sie haben keine väterliche Entscheidung getroffen«. Und er hat mir drei, vier sehr harte Dinge gesagt! Sehr respektvoll, aber er hat sie mir gesagt. Und als er dann gegangen ist, habe ich gedacht: »Ich werde ihn nie aus seinem Posten als Sekretär entlassen: Er ist ein wahrer Bruder.« Andere dagegen sagen dir schöne Dinge ins Gesicht, und dann hintenrum nicht so schöne Dinge… Das ist wichtig… Der Klatsch ist die Pest für eine Gemeinschaft; man muss die Dinge immer direkt ins Gesicht sagen. Und wenn du nicht den Mut hast, jemandem die Dinge direkt ins Gesicht zu sagen, dann sprich mit dem Oberen oder dem Rektor, und er wird dir helfen. Aber gehe nicht bei den Gefährten ins Zimmer, um schlecht über andere zu reden. Man sagt, klatschen sei Frauensache, aber sie ist auch Männersache, auch unsere Sache! Wir klatschen recht viel! Und das zerstört die Gemeinschaft. Es ist etwas anderes zuzuhören, verschiedene Meinungen anzuhören und über verschiedene Meinungen zu diskutieren – aber im Guten, auf der Suche nach Wahrheit, auf der Suche nach Einheit: Das hilft der Gemeinschaft.

Einmal bin ich zu meinem Spiritual gegangen – ich war Student der Philosophie; er war ein Philosoph, ein Metaphysiker, aber er war ein guter Spiritual –, und es kam das Problem heraus, dass ich auf jemanden wütend war: »Auf den da, aus dem und dem und dem Grund…« Ich habe dem Spiritual alles gesagt, was ich auf dem Herzen hatte. Und er hat mir nur eine einzige Frage gestellt: »Sag mir, hast du für ihn gebetet?« Sonst nichts. Und ich habe gesagt: »Nein.« Und er hat geschwiegen. »Wir sind fertig«, hat er zu mir gesagt. Beten, für alle Mitglieder der Gemeinschaft beten, aber vor allem für jene beten, mit denen ich Probleme habe oder die ich nicht mag, denn eine Person nicht zu mögen ist manchmal etwas Natürliches, etwas Instinktives. Beten, und der Herr wird das Übrige tun, aber immer beten. Das gemeinschaftliche Gebet. Diese beiden Dinge – ich möchte nicht viel sagen –, aber wenn ihr diese beiden Dinge tut, dann – das versichere ich euch – macht die Gemeinschaft Fortschritte, kann man gut leben, kann man gut miteinander sprechen, kann man gut diskutieren, kann man gut miteinander beten. Zwei kleine Dinge: nicht über andere klatschen und für jene beten, mit denen ich Probleme habe. Ich könnte noch mehr sagen, aber ich glaube, das ist genug.

Seminarist: Guten Tag, Heiliger Vater.

Heiliger Vater: Guten Tag.

Frage: Ich heiße Charbel, bin ein Seminarist aus dem Libanon und werde im »Collegio Sedes Sapientiae« ausgebildet. Bevor ich die Frage stelle, möchte ich Ihnen danken für Ihre Nähe zu unserem Volk im Libanon und im gesamten Nahen Osten. Meine Frage ist folgende: Letztes Jahr haben Sie Ihr Land und Ihre Heimat verlassen. Was raten Sie uns, um mit unserer Ankunft und unserem Aufenthalt in Rom besser umzugehen?

Heiliger Vater: Das ist doch etwas anderes… eure Ankunft in Rom und meine Versetzung von einer Diözese zur anderen: Das ist etwas anders, aber nun gut… Ich erinnere mich, als ich das erste Mal [meine Heimat] verlassen habe, um zum Studium hierherzukommen… Zuerst ist es etwas Neues, die Dinge sind neu, und wir müssen Geduld haben mit uns selbst. In der ersten Zeit ist es wie eine Verlobungszeit: Alles ist schön – das Neue, die Dinge…; da gibt es nichts zu tadeln, es ist so! Das passiert allen, für alle ist es so. Und dann, um zu einem der Pfeiler zurückzukehren, sich vor allem sofort in das Leben der Gemeinschaft und in das Studienleben einfügen. Dafür bin ich gekommen, um das zu tun. Und dann ist es wichtig, sich eine Tätigkeit für das Wochenende zu suchen, eine apostolische Tätigkeit. Sich nicht verschließen und sich nicht in vielen Dingen verlieren. Aber die erste Zeit ist die Zeit der Neuheit: »Ich möchte dies und das tun, in jenes Museum gehen, oder in jenen Film oder dieses und jenes…« Nur voran, macht euch keine Sorgen, es ist normal, dass das geschieht. Aber man muss dabei ernsthaft sein. Wozu bin ich gekommen? Um zu studieren. Ernsthaft studieren! Und die vielen Gelegenheiten nutzen, die uns dieser Aufenthalt schenkt. Die Neuheit der Universalität: Menschen aus vielen verschiedenen Teilen der Welt kennenlernen, aus vielen verschieden Ländern, aus vielen verschiedenen Kulturen. Die Gelegenheit zum Dialog untereinander: »Wie ist denn das in deiner Heimat? Und wie ist jenes? Bei uns ist es so…«; dieser Austausch tut sehr gut, sehr gut. Ich meine, ich sollte nicht mehr sagen. Aber über die Freude an der Neuheit nicht erschrecken: Es ist die Freude der ersten Zeit der Verlobung, bevor die Probleme beginnen. Und vorwärts. Und außerdem ernsthaft sein.

Frage: Guten Tag, Heiliger Vater. Ich bin Daniele Ortiz, und ich bin Mexikaner. Hier in Rom wohne ich im »Collegio Maria Mater Ecclesiae«. Eure Heiligkeit, in der Treue zu unserer Berufung brauchen wir ständige Entscheidungsfindung, Wachsamkeit und persönliche Disziplin. Wie haben Sie das gemacht, als Seminarist, als Priester, als Bischof und jetzt als Papst? Und was raten Sie uns diesbezüglich? Danke.

Heiliger Vater: Danke. Du hast das Wort »Wachsamkeit« genannt. Das ist eine christliche Haltung: die Wachsamkeit. Die Wachsamkeit über sich selbst: Was geschieht in meinem Herzen? Denn wo mein Herz ist, dort ist mein Schatz. Was geschieht dort? Die östlichen Kirchenväter sagen, dass man gut erkennen muss, ob mein Herz im Aufruhr ist oder ob mein Herz ruhig ist. Erste Frage: Wachsamkeit über dein Herz: Ist es im Aufruhr? Wenn es im Aufruhr ist, kann man nicht sehen, was darin ist. Wie das Meer, nicht wahr? Man sieht die Fische nicht, wenn das Meer so aufgewühlt ist… Der erste Rat, wenn das Herz im Aufruhr ist, ist der Rat der russischen Väter: Sich unter den Schutzmantel der heiligen Mutter Gottes zu begeben. Erinnert euch, dass genau dies die erste lateinische Antiphon ist: in Zeiten der Aufruhr Zuflucht suchen unter dem Schutzmantel der allerseligsten Mutter Gottes. Es ist die Antiphon »Sub tuum praesidium confugimus, Sancta Dei Genitrix«: Es ist die erste lateinische Antiphon der Gottesmutter. Das ist interessant, nicht wahr? Wachen. Herrscht Aufruhr?

Zuallererst dorthin gehen und warten, dass ein wenig Ruhe einkehrt: mit dem Gebet, mit Vertrauen auf die Gottesmutter… Jemand von euch könnte mir sagen: »Aber Vater, in dieser Zeit mit so vielen guten modernen Dingen – mit Psychiatrie, Psychologie – wäre es in diesen Augenblicken der Aufruhr nicht besser, zum Psychiater zu gehen, damit er mir hilft…«. Ich schließe das nicht aus, aber zunächst sollte man vor allem zur Gottesmutter gehen: Denn ein Priester, der die Gottesmutter vergißt, und vor allem in Augenblicken der Aufruhr, dem fehlt etwas. Er ist ein verwaister Priester: Er vergißt seine Mutter! In schwierigen Augenblicken geht das Kind immer zur Mutter. Und wir sind Kinder im geistlichen Leben, das darf man niemals vergessen! Wachsam sein, wie es meinem Herzen geht. Zeit der Aufruhr, hingehen und Zuflucht suchen unter dem Schutzmantel der seligen Mutter Gottes. Das sagen die russischen Mönche, und es ist wirklich so. Was tue ich dann? Ich versuche zu verstehen, was geschieht, aber immer im Frieden. Im Frieden verstehen. Dann kehrt wieder Frieden ein, und ich kann die »discussio con – scientiae« vornehmen. Wenn ich im Frieden bin, kein Aufruhr vorhanden ist: »Was ist heute in meinem Herzen geschehen?« Das bedeutet zu wachen. Wachen bedeutet nicht, in die Folterkammer zu gehen, nein. Es bedeutet, das Herz anzuschauen. Wir müssen Herr über unser Herz sein. Was fühlt mein Herz, was sucht es? Was hat mich heute glücklich gemacht, und was hat mich nicht glücklich gemacht? Man soll den Tag nicht beenden, ohne das zu tun.

Eine Frage, die ich als Bischof den Priestern gestellt habe, lautet: »Sag mir, wie gehst du zu Bett?« Und sie verstanden nicht. »Was heißt das?« »Ja, wie beendest du den Tag?« »Ich bin erschöpft, Vater, weil es viel Arbeit gibt, die Pfarrei, viel Arbeit… Dann esse ich etwas zu Abend, nehme eine Kleinigkeit zu mir und gehe zu Bett, schaue Fernsehen und entspanne mich etwas…« »Und gehst du vorher nicht beim Tabernakel vorbei?« Es gibt Dinge, die uns erkennen lassen, wo unser Herz ist. Niemals, niemals – das ist Wachsamkeit – nie dürfen wir den Tag beenden, ohne dorthin zu gehen, zum Herrn. Wir müssen schauen und fragen: »Was ist in meinem Herzen geschehen?« In traurigen Augenblicken, in glücklichen Augenblicken: Wie war jene Traurigkeit? Wie war jene Freude? Das ist Wachsamkeit. Auch über Depressionen und über Begeisterung wachen. »Heute bin ich niedergeschlagen, ich weiß nicht, was geschieht.« Wachen: Warum bin ich niedergeschlagen? Vielleicht musst du zu jemandem gehen, der dir helfen kann?… Das ist Wachsamkeit. »Ich freue mich so!« Aber warum freue ich mich heute? Was ist in meinem Herzen geschehen?

Das ist keine unfruchtbare Selbstbetrachtung, nein, nein! Es heißt, den Zustand meines Herzens zu erkennen, mein Leben, wie ich auf dem Weg des Herrn gehe. Denn ohne Wachsamkeit geht das Herz überall hin; und die Phantasie folgt nach: »Geh, geh…«. Und das nimmt möglicherweise kein gutes Ende. Mir gefällt die Frage nach der Wachsamkeit. Das ist nichts Veraltetes, nichts Überholtes. Es ist etwas Menschliches, und wie alles Menschliche ist es ewig. Wir tragen es stets mit uns. Das Wachen über das Herz war die Weisheit der ersten christlichen Mönche, sie haben gelehrt, über das Herz zu wachen.

Darf ich einen Einschub machen? Warum habe ich über die Gottesmutter gesprochen? Ich rate euch das, was ich vorhin gesagt habe: Zuflucht suchen… Eine gute Beziehung zur Gottesmutter; die Beziehung zur Gottesmutter hilft uns, eine gute Beziehung zur Kirche zu haben: Beide sind Mütter… Ihr kennt den schönen Text des heiligen Abtes Isaak von Stella: Was man über Maria sagen kann, kann man über die Kirche sagen und auch über unsere Seele. Alle drei sind weiblich, alle drei sind Mütter, alle drei bringen Leben hervor. Die Beziehung zur Gottesmutter ist eine Sohnesbeziehung… Wacht darüber: Wenn man keine gute Beziehung zur Gottesmutter hat, ist im Herzen etwas verwaist. Ich muss daran denken, dass ich vor 30 Jahren einmal in Nordeuropa war. Ich musste dorthin gehen für das Ausbildungsprogramm der Universität von Córdoba, deren Vizekanzler ich damals war. Und eine Familie praktizierender Katholiken lud mich ein; es war ein etwas zu sehr säkularisiertes Land. Wir saßen beim Abendessen, sie hatten viele Kinder, waren praktizierende Katholiken, alle beide Universitätsprofessoren, alle beide auch Katecheten. Als wir an einem bestimmten Punkt über Jesus Christus sprachen – sie waren begeistert von Jesus Christus! Ich spreche von der Zeit vor 30 Jahren –, sagten sie: »Ja, gottlob haben wir die Phase der Gottesmutter überwunden…« »Und wie das?«, habe ich gefragt. »Ja, weil wir Jesus Christus entdeckt haben und sie nicht mehr brauchen.« Ich war etwas betrübt, habe es nicht gut verstanden. Und wir haben uns darüber unterhalten. Das ist keine Reife! Es ist keine Reife. Die Mutter zu vergessen ist etwas Schlimmes… Mit anderen Worten: Wenn du die Gottesmutter nicht als Mutter haben willst, dann wirst du sie sicher als Schwiegermutter haben! Und das ist nicht gut! Danke.

Frage: Es lebe Jesus, es lebe Maria! Danke, Heiliger Vater, für Ihre Worte über die Gottesmutter. Ich heiße Ignacio und komme aus Manila, von den Philippinen. Ich promoviere in Mariologie an der Päpstlichen Theologischen Hochschule »Marianum« und wohne im Päpstlichen Philippinischen Kolleg. Heiliger Vater, meine Frage lautet: Die Kirche braucht Hirten, die in der Lage sind zu leiten, zu führen, zu kommunizieren, wie die Welt von heute es braucht. Wie lernt man den Leitungsdienst im priesterlichen Leben und führt ihn aus, in der Nachfolge Christi, der sich erniedrigt hat und das Kreuz angenommen hat, den Tod am Kreuz? Der wie ein Sklave wurde bis zum Tod am Kreuz? Danke.

Heiliger Vater: Dein Bischof ist ja ein großer Kommunikator!

Seminarist: Es ist Kardinal Tagle…

Heiliger Vater: Der Leitungsdienst… er steht im Mittelpunkt der Frage… Es gibt nur einen Weg. Ich werde gleich über die Hirten sprechen, aber für den Leitungsdienst gibt es nur einen Weg: das Dienen. Es gibt keinen anderen. Wenn du viele gute Eigenschaften hast – kommunizieren und so weiter –, aber kein Diener bist, dann wird dein Leitungsdienst scheitern, ist nutzlos, unfähig, Menschen zusammenzubringen. Nur das Dienen: zu Diensten zu sein… Ich erinnere mich an einen sehr guten geistlichen Begleiter. Die Menschen gingen zu ihm, so dass er manchmal nicht das ganze Brevier beten konnte. Und nachts ging er zum Herrn und sagte: »Herr, schau, ich habe deinen Willen nicht getan, aber auch nicht meinen! Ich habe den Willen der anderen getan!« So waren beide – der Herr und er – getröstet. Dienen bedeutet oft, den Willen der anderen zu tun. Ein Priester, der in einem sehr armen Stadtteil tätig war – einem sehr armen! – in einem Elendsviertel, einer Favela, sagte einmal: »Ich müsste eigentlich die Fenster, die Türen, alles verschließen, denn immer werde ich um viel, sehr viel gebeten: diese geistliche Sache, jene materielle Sache, so dass ich am Ende am liebsten alles verschließen möchte. Aber das kommt nicht vom Herrn«, sagte er.

Das ist wahr: Ohne zu dienen kannst du kein Volk leiten. Der Hirtendienst. Der Hirte muss seinem Volk immer zur Verfügung stehen. Der Hirte muss dem Volk helfen zu wachsen, voranzugehen. Bei der gestrigen Lesung hat es mein Interesse erweckt, dass im Evangelium das Verb »hinausgetrieben « vorkam: Der Hirte treibt die Schafe hinaus, damit sie einen Weideplatz finden. Das fand ich interessant: Er treibt sie hinaus, er treibt sie mit Nachdruck hinaus! Das Original hat in etwa diesen Ton: Er treibt sie hinaus, aber mit  Nachdruck. Es ist wie »hinausjagen«: »Los, los!« Der Hirte, der sein Volk wachsen lässt und der stets mit seinem Volk geht. Manchmal muss der Hirte vorangehen, um den Weg zu weisen; manchmal in der Mitte, um zu erfahren, was geschieht; oft hinten, um den Letzten zu helfen und auch, um dem Spürsinn der Schafe zu folgen, die wissen, wo das gute Weideland ist. Der Hirte… Der heilige Augustinus sagt in Anlehnung an Ezechiel, dass er den Schafen dienen muss, und hebt zwei Gefahren hervor: der Hirte, der die Schafe ausbeutet, um zu essen, um Geld zu verdienen, aus wirtschaftlichem, materiellem Interesse, und der Hirte, der die Schafe ausbeutet, um sich gut zu kleiden. Das Fleisch und die Wolle. Das sagt der heilige Augustinus. Lest die schöne Predigt De pastoribus. Man muss sie immer wieder lesen. Ja, das sind die beiden Sünden der Hirten: das Geld, dass sie reich werden und die Dinge für Geld tun – geschäftstüchtige Hirten –, und die Eitelkeit. Das sind die Hirten, die meinen, ihrem Volk überlegen zu sein, ihm fernzustehen… denken wir an die »Kirchenfürsten«: Hirten, die Geschäftsmänner sind, und Hirten, die Fürsten sind. Diese beiden Versuchungen erwähnt der heilige Augustinus in Anlehnung an den Propheten Ezechiel in seiner Predigt.

Es ist wahr, ein Hirte, der sich selbst sucht – sei es auf dem Weg des Geldes, sei es auf dem Weg der Eitelkeit – ist kein Diener, führt keinen wahren Leitungsdienst aus. Die Demut muss die Waffe des Hirten sein: demütig, immer im Dienst. Er muss nach dem Dienen streben. Und es ist nicht einfach, demütig zu sein, nein, es ist nicht einfach! Die Wüstenväter sagen, dass die Eitelkeit gleichsam wie eine Zwiebel ist: Du nimmst eine Zwiebel zur Hand und beginnst, sie zu abzuschälen. Du bist eitel und beginnst, die Eitelkeit abzuschälen. Weiter, weiter, noch eine Schicht, und noch eine und noch eine und noch eine… Am Ende bleibt … nichts. »Gott sei Dank, ich habe die ganze Zwiebel abgeschält, ich habe die ganze Eitelkeit abgeschält.« Wenn du das tust, bleibt der Geruch der Zwiebel an dir haften! Das sagen die Wüstenväter. So ist es mit der Eitelkeit. Einmal habe ich einen Jesuiten gehört – er war gut, ein guter Mensch –, aber er war sehr eitel, sehr eitel… Und wir alle sagten zu ihm: »Du bist eitel!« Aber er war so gut, dass wir ihm alle verziehen. Und er ging, um geistliche Exerzitien zu machen, und als er zurückkehrte, sagte er zu uns in der Gemeinschaft: »Was für schöne Exerzitien! Acht Tage lang war ich im Paradies, und ich habe gemerkt, dass ich sehr eitel war! Aber Gott sei Dank habe ich alle Leidenschaften besiegt!« So ist die Eitelkeit! Es ist sehr schwierig, einem Priester die Eitelkeit zu nehmen. Aber das Gottesvolk vergibt dir viele Dinge: Es vergibt dir, wenn du im affektiven Leben einen Ausrutscher hattest, es vergibt ihn dir. Es vergibt dir, wenn du einen Ausrutscher mit etwas Wein hattest, es vergibt ihn dir.

Aber es vergibt dir nicht, wenn du ein Hirte bist, der am Geld klebt, wenn du ein eitler Hirte bist, der die Menschen nicht gut behandelt. Geld, Eitelkeit und Stolz. Die drei Stufen, die uns zu allen Sünden führen. Das Gottesvolk versteht alle unsere Schwächen und vergibt sie; aber diese beiden vergibt es nicht! Es vergibt einem Hirten nicht, der am Geld klebt. Und es vergibt ihm nicht, von ihm nicht gut behandelt zu werden. Das ist interessant, nicht wahr? Wir müssen uns darum bemühen, diese beiden Fehler nicht zu haben. Der Leitungsdienst muss zum Dienen werden, aber mit persönlicher Liebe zu den Menschen. Von einem Pfarrer habe ich einmal Folgendes gehört: »Dieser Mann kannte die Namen aller Menschen in seinem Stadtteil, sogar die Namen der Hunde.« Das ist schön, er war den Menschen nahe, er kannte die Geschichte jeder Familie, er wusste alles. Und er half. Er war ihnen so nahe… Nähe, Dienen, Demut, Armut und Opfer. Ich erinnere mich an die alten Pfarrer von Buenos Aires, als es noch keine Handys gab und keinen Anrufbeantworter: Sie schliefen mit dem Telefon neben dem Bett. Niemand starb ohne die Sakramente. Sie wurden zu jeder Tages- und Nachtzeit angerufen. Sie standen auf und gingen hin. Dienen, dienen. Und als Bischof habe ich darunter gelitten, wenn ich in einer Pfarrei anrief und mir der Anrufbeantworter antwortete… Das ist kein Leitungsdienst! Wie kannst du ein Volk leiten, wenn du es nicht hörst, wenn du ihm nicht dienst? Das fällt mir dazu ein, etwas ungeordnet, aber um deine Frage zu beantworten…

Seminarist: Guten Tag, Heiliger Vater.

Heiliger Vater: Guten Tag.

Frage: Ich heiße Sèrge und komme aus Kamerun. Meine Ausbildung findet im »Collegio San Paolo Apostolo« statt. Hier ist meine Frage: Wenn wir in unsere Diözesen und Gemeinschaften zurückkehren, werden wir dazu eingesetzt, neue Verantwortungen im priesterlichen Dienst und neue Aufgaben in der Ausbildung zu übernehmen. Wie können wir alle die Dimensionen des priesterlichen Lebens – das Gebet, die pastoralen Verpflichtungen, die Aufgaben in der Ausbildung – ausgewogen miteinander verbinden, ohne eine von ihnen zu vernachlässigen? Danke.

Heiliger Vater: Auf eine Frage habe ich nicht geantwortet: Vielleicht ist sie entgangen – Unbewusstsein trügt! –, und ich möchte sie mit dieser verbinden. Ich wurde gefragt: »Wie machen sie das als Papst?« Auch deine Frage… Ich werde auf deine Frage antworten, indem ich ganz einfach erzähle, was ich tue, um nichts zu vernachlässigen. Das Gebet. Morgens versuche ich, die Laudes zu beten und auch etwas mit dem Herrn zu sprechen, die »Lectio divina«. Wenn ich aufstehe. Erst lese ich die »chiffrierten Nachrichten«, und dann tue ich das. Und dann feiere ich die Messe. Danach beginnt die Arbeit: Die Arbeit ist von Tag zu Tag unterschiedlich… ich versuche, sie geordnet zu erledigen. Um zwölf Uhr esse ich zu Mittag, dann ein wenig Mittagsruhe; nach der Mittagsruhe, um drei – verzeiht mir – bete ich die Vesper, um drei… Wenn sie dann nicht gebetet wird, wird sie gar nicht mehr gebetet! Ja, und auch die Lesung, die Lesehore des folgenden Tages.

Dann die Nachmittagsarbeit, die Dinge, die zu erledigen sind… Dann verweile ich etwas in der Anbetung und bete den Rosenkranz; Abendessen, und dann ist Schluss. Das ist der Tagesablauf. Aber manchmal schafft man nicht alles, weil ich mich von Ansprüchen leiten lasse, die nicht klug sind: zuviel Arbeit, oder zu meinen, dass das, was ich heute nicht tue, auch morgen nicht getan wird… die Anbetung fällt weg, die Mittagsruhe fällt weg, dieses und jenes fällt weg… Und auch hier, die Wachsamkeit: Wenn ihr in die Diözese zurückkehrt, wird euch dasselbe passieren wie mir. Das ist normal. Die Arbeit, das Gebet, etwas Zeit, um auszuruhen, aus dem Haus gehen, etwas spazieren gehen, all das ist wichtig… aber ihr müsst es mit Wachsamkeit und auch mit Ratschlägen regeln… Ideal ist es, den Tag müde zu beenden: Das ist ideal. Keine Tabletten nehmen zu müssen: am Ende müde zu sein. Aber mit einer gesunden Müdigkeit, nicht mit einer Müdigkeit, die nicht klug ist, denn das schadet der Gesundheit, und es kommt auf lange Sicht teuer zu stehen. Ich schaue Sandro an. Der lacht und sagt: »Sie tun das aber nicht!« Das stimmt. Das ist das Ideal, aber ich tue es nicht immer, denn auch ich bin ein Sünder, und ich bin nicht immer so ordentlich. Aber das solltest du tun…

Frage: Guten Tag, Heiliger Vater, ich bin Fernando Rodriguez, ein Neupriester aus Mexiko. Ich bin vor einem Monat geweiht worden und wohne im Mexikanischen Kolleg. Heiliger Vater, Sie haben uns in Erinnerung gerufen, dass die Kirche eine neue Evangelisierung braucht. Im Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium haben sie sogar von der Predigtvorbereitung, von der Homilie und der Verkündigung als Form des leidenschaftlichen Dialogs zwischen dem Hirten und seinem Volk gesprochen. Könnten Sie auf dieses Thema der neuen Evangelisierung zurückkommen? Und, Eure Heiligkeit, wir fragen uns auch, wie ein Priester für die neue Evangelisierung sein sollte. Welche Eigenschaften sollte er besitzen? Danke.

Heiliger Vater: Der heilige Johannes Paul II. sprach 1992 auf Santo Domingo über die neue Evangelisierung. Ich hatte gemeint, es sei das erste Mal gewesen, aber dann wurde mir gesagt, dass es nicht das erste Mal war. Er sagte, dass sie neu sein müsse in der Methode, im apostolischen Eifer, und an das Dritte erinnere ich mich nicht… Wer erinnert sich? Der Ausdruck! Nach einem Ausdruck suchen, der zeitgemäß ist. Und für mich ist dies im Dokument von Aparecida sehr deutlich geworden. Im Dokument von Aparecida wird das gut dargelegt. Für mich erfordert die Evangelisierung, aus sich selbst herauszugehen. Sie erfordert die Dimension der Transzendenz: die Transzendenz in der Anbetung Gottes, in der Betrachtung, und die Transzendenz gegenüber den Brüdern, gegenüber den Menschen. Herausgehen aus, herausgehen aus! Für mich ist das gleichsam der Kern der Evangelisierung. Und herausgehen bedeutet, bei etwas ankommen, also Nähe. Wenn du nicht aus dir selbst herausgehst, wirst du nie Nähe haben! Nähe. Den Menschen nahe sein, allen nahe sein, allen, denen wir nahe sein sollen. Allen Menschen. Herausgehen. Nähe. Man kann nicht evangelisieren ohne Nähe. Nähe, aber herzliche Nähe; Nähe der Liebe, auch physische Nähe; jemandem nahe sein.

Und du hast die Predigt damit in Verbindung gebracht. Das Problem der langweiligen Predigten – um es einmal so zu sagen – das Problem der langweiligen Predigten ist, dass keine Nähe darin liegt. Gerade in der Predigt bemisst sich die Nähe des Hirten zu seinem Volk. Wenn du in der Predigt 20, 25 oder 30, 40 Minuten lang sprichst – das ist keine Phantasievorstellung, das passiert! – und von abstrakten Dingen sprichst, von Glaubenswahrheiten, dann hältst du keine Predigt, sondern eine Unterweisung! Das ist etwas anderes! Du bist den Menschen nicht nahe. Dazu ist die Predigt wichtig: um abzuwägen, um die Nähe des Priesters gut zu erfahren. Ich glaube, dass unsere Predigten generell nicht gut sind, nicht der Literaturgattung der Predigt entsprechen: Es sind Vorträge, oder es sind Unterweisungen, es sind Reflexionen.

Aber die Predigt – fragt die Theologieprofessoren – die Predigt in der Messe, das Wort ist der starke Gott, es ist ein Sakramentale. Für Luther war sie fast ein Sakrament: Das gepredigte Wort war »ex opere operato«; für andere ist es nur »ex opere operantis«. Aber ich  glaube, bei beiden steht es im Mittelpunkt. Die Theologie der Predigt ist fast so etwas wie ein Sakramentale. Es ist anders als wenn man einige Worte über ein Thema sagt. Es ist etwas anderes. Es erfordert Gebet, es erfordert Studium, es erfordert, die Menschen zu kennen, zu denen du sprichst, es erfordert Nähe. Für eine gute Evangelisierung müssen wir die Predigt verbessern, wir hängen nach. Sie ist einer der Punkte, in denen die Kirche heute der Umkehr bedarf: bessere Predigten halten, damit die Menschen verstehen. Und außerdem ist nach acht Minuten keine Aufmerksamkeit mehr vorhanden.

Eine Predigt, die länger als acht oder zehn Minuten dauert, ist nicht in Ordnung. Sie muss kurz sein, sie muss aussagekräftig sein. Ich empfehle euch zwei Bücher, aus meiner Zeit, aber sie sind unter diesem Aspekt der Predigt gut und werden euch sehr helfen. Das erste ist Eine Theologie der Verkündigung von Hugo Rahner. Nicht von Karl, von Hugo. Hugo liest sich gut, Karl ist schwierig zu lesen. Es ist ein Juwel: Eine Theologie der Verkündigung.

Und das andere ist das von Pater Domenico Grasso, das uns in das Wesen der Predigt einführt. Ich glaube, es trägt denselben Titel:Theologie der Verkündigung. Das wird euch recht gut helfen. Die Nähe, die Predigt… Ich wollte noch etwas anderes sagen… Herausgehen, Nähe, die Predigt als Maß dafür, wie nahe ich dem Gottesvolk bin. Und eine weitere Kategorie, die ich gerne benutze, ist die der Randgebiete. Wenn man herausgeht, darf man nicht auf halber Strecke bleiben, sondern muss bis zum Ende gehen. Einige sagen, dass man die Evangelisierung bei den Fernsten beginnen muss, wie der Herr es getan hat. Das ist es, was mir als Antwort auf deine Frage einfällt. Aber das mit der Predigt stimmt: Für mich ist es eines der Probleme, die die Kirche untersuchen muss und wo sie zur Umkehr gelangen muss. Die Predigten, die Predigten: Sie sind keine Unterweisungen, sie sind keine Vorträge, sie sind etwas anderes. Ich mag es, wenn Priester sich zwei Stunden zusammentun, um die Predigt des kommenden Sonntags vorzubereiten, denn man schafft eine Atmosphäre des Gebets, des Studiums, des Meinungsaustausches. Das ist gut, das tut gut. Sie mit einem anderen vorzubereiten, das ist sehr gut.

Frage: Gelobt sei Jesus Christus! Ich heiße Voicek, wohne im Päpstlichen Polnischen Kolleg und studiere Moraltheologie. Heiliger Vater, das Priesteramt im Dienst an unserem Volk nach dem Vorbild Christi und seiner Sendung – was empfehlen Sie uns, um fügsam und froh zu bleiben im Dienst am Gottesvolk? Welche menschlichen Eigenschaften raten Sie uns zu pflegen, um Abbild des guten Hirten zu sein und das zu leben, was Sie als »Mystik der Begegnung« bezeichnet haben?

Heiliger Vater: Ich habe hauptsächlich über einiges gesprochen, was man im Gebet tun soll. Aber ich greife dein letztes Wort auf, um etwas hinzuzufügen zu dem, was ich gesagt habe, was gesagt wurde und was genau zu deiner Frage führt. »Die Mystik der Begegnung« hast du gesagt. Die Begegnung. Die Fähigkeit, einander zu begegnen. Die Fähigkeit zu hören, anderen Menschen zuzuhören. Die Fähigkeit, gemeinsam den Weg, die Methode, viele Dinge zu suchen. Die Begegnung. Und es bedeutet auch, keine Angst zu haben, vor den Dingen keine Angst zu haben.

Der gute Hirte darf keine Angst haben. Vielleicht fürchtet er sich innerlich, aber er hat niemals Angst. Er weiß, dass der Herr ihm hilft. Die Begegnung mit den Menschen, die deiner Seelsorge anvertraut sind; die Begegnung mit deinem Bischof. Die Begegnung mit dem Bischof ist wichtig. Es ist auch wichtig, dass der Bischof sich begegnen lässt. Es ist wichtig… denn manchmal hört man: »Hast du das deinem Bischof gesagt? Ja, ich habe um eine Audienz gebeten, aber ich habe vor vier Monaten um eine Audienz gebeten. Ich warte noch immer!« Das ist nicht gut, nein. Hingehen, um dem Bischof zu begegnen, und der Bischof muss dafür sorgen, dass man ihm begegnen kann. Der Dialog.

Aber vor allem möchte ich eines erwähnen: die Begegnung zwischen den Priestern, zwischen euch. Die Freundschaft zwischen euch. Die priesterliche Freundschaft. Nicht alle können enge Freunde sein. Aber wie schön ist eine priesterliche Freundschaft! Wenn die Priester, wie zwei Brüder, drei Brüder, vier Brüder einander kennen, über ihre Probleme, ihre Freuden, ihre Erwartungen, viele Dinge sprechen… Priesterliche Freundschaft. Strebt danach, es ist wichtig.

Freunde sein. Ich glaube, das hilft sehr, um das priesterliche Leben zu leben, um das geistliche Leben zu leben, das apostolische Leben, das Gemeinschaftsleben und auch das intellektuelle Leben: die priesterliche Freundschaft. Wenn ich einem Priester begegnete, der zu mir sagen würde: »Ich hatte nie einen Freund«, dann würde ich denken, dass dieser Priester eine der schönsten Freuden des priesterlichen Lebens nicht gekannt hat. Das ist es, was ich euch wünsche. Ich wünsche euch, Freundschaft zu schließen mit denen, die der Herr dir gibt, um mit ihnen befreundet zu sein. Das wünsche ich euch im Leben. Die priesterliche Freundschaft ist eine Kraft der Beharrlichkeit, der apostolischen Freude, des Mutes, auch des Sinnes für Humor. Sie ist schön, wunderschön! Das ist es, was ich denke. Ich danke euch für die Geduld! Und jetzt können wir zur Gottesmutter beten und um den Segen bitten… Regina Caeli…

_______

Quelle

«Die Kirche kann jene nicht für das Priesterseminar und zu den heiligen Weihen zulassen, die Homosexualität praktizieren, tiefsitzende homosexuelle Tendenzen haben oder eine sogenannte homosexuelle Kultur unterstützen.»

10-1

KONGREGATION FÜR DAS KATHOLISCHE BILDUNGSWESEN

Instruktion
über Kriterien zur Berufungsklärung
von Personen mit homosexuellen Tendenzen
im Hinblick auf ihre Zulassung für das Priesteramt
und zu den heiligen Weihen

Einleitung

In Kontinuität mit der Lehre des II. Vatikanischen Konzils und insbesondere mit dem Dekret über die Priesterausbildung Optatam totius [1] hat die Kongregation für das Katholische Bildungswesen verschiedene Dokumente veröffentlicht, um eine angemessene und umfassende Ausbildung der künftigen Priester zu fördern. Zu ihren verschiedenen Aspekten wurden Orientierungshilfen und genaue Normen vorgelegt.[2] Inzwischen hat auch die Bischofssynode von 1990 über die Priesterausbildung unter den gegenwärtigen Bedingungen nachgedacht, um die Lehre des Konzils zu diesem Thema zu vervollständigen und für die Welt von heute deutlicher und wirksamer zu machen. Im Anschluß an diese Synode hat Johannes Paul II. das Nachsynodale Apostolische Schreiben Pastores dabo vobis [3]veröffentlicht.

Im Licht dieser reichhaltigen Lehre beabsichtigt die vorliegende Instruktion nicht, alle Fragen im affektiven und sexuellen Bereich zu behandeln, die eine aufmerksame Klärung während der ganzen Ausbildungszeit erfordern. Sie enthält Normen zu einer besonderen Frage, die durch die gegenwärtige Situation dringlicher geworden ist. Es geht darum, ob Kandidaten, die tiefsitzende homosexuelle Tendenzen haben, für das Priesterseminar und zu den heiligen Weihen zugelassen werden sollen oder nicht.

1. Affektive Reife und geistliche Vaterschaft

Gemäß der beständigen Überlieferung der Kirche empfängt die heilige Weihe gültig nur ein getaufter Mann.[4] Im Sakrament der Weihe wird der Kandidat durch den Heiligen Geist in neuer und spezifischer Weise Jesus Christus gleichgestaltet: In der Tat verkörpert der Priester sakramental Christus, das Haupt, den Hirten und den Bräutigam der Kirche.[5] Aufgrund dieser Gleichgestaltung mit Christus muß das ganze Leben des geweihten Dieners von der Hingabe seiner ganzen Person an die Kirche und von einer authentischen Hirtenliebe durchdrungen sein.[6]

Der Kandidat für das Weiheamt muß deshalb zur affektiven Reife gelangen. Eine solche Reife wird ihn befähigen, eine korrekte Beziehung zu Männern und zu Frauen zu pflegen, und in ihm einen wahren Sinn für die geistliche Vaterschaft gegenüber der kirchlichen Gemeinschaft, die ihm anvertraut wird, entwickeln.[7]

2. Homosexualität und Weiheamt

Vom II. Vatikanischen Konzil bis heute haben verschiedene lehramtliche Dokumente – insbesondere der Katechismus der Katholischen Kirche – die kirchliche Lehre über die Homosexualität bekräftigt. Der Katechismus unterscheidet zwischen homosexuellen Handlungen und homosexuellen Tendenzen.

Bezüglich der homosexuellen Handlungen lehrt er, daß sie in der Heiligen Schrift als schwere Sünden bezeichnet werden. Die Überlieferung hat sie stets als in sich unsittlich und als Verstoß gegen das natürliche Gesetz betrachtet. Sie können daher in keinem Fall gebilligt werden.

Die tiefsitzenden homosexuellen Tendenzen, die bei einer gewissen Anzahl von Männern und Frauen vorkommen, sind ebenfalls objektiv ungeordnet und stellen oft auch für die betroffenen Personen selbst eine Prüfung dar. Diesen Personen ist mit Achtung und Takt zu begegnen; man hüte sich, sie in irgendeiner Weise ungerecht zurückzusetzen. Sie sind berufen, den Willen Gottes in ihrem Leben zu erfüllen und die Schwierigkeiten, die ihnen erwachsen können, mit dem Kreuzesopfer des Herrn zu vereinen.[8]

Im Licht dieser Lehre hält es dieses Dikasterium im Einverständnis mit der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung für notwendig, mit aller Klarheit festzustellen, daß die Kirche – bei aller Achtung der betroffenen Personen [9] – jene nicht für das Priesterseminar und zu den heiligen Weihen zulassen kann, die Homosexualität praktizieren, tiefsitzende homosexuelle Tendenzen haben oder eine sogenannte homosexuelle Kultur unterstützen.[10]

Die genannten Personen befinden sich nämlich in einer Situation, die in schwerwiegender Weise daran hindert, korrekte Beziehungen zu Männern und Frauen aufzubauen. Die negativen Folgen, die aus der Weihe von Personen mit tiefsitzenden homosexuellen Tendenzen erwachsen können, sind nicht zu übersehen.

Falls es sich jedoch um homosexuelle Tendenzen handelt, die bloß Ausdruck eines vorübergehenden Problems, wie etwa einer noch nicht abgeschlossenen Adoleszenz sind, so müssen sie wenigstens drei Jahre vor der Diakonenweihe eindeutig überwunden sein.

3. Die Feststellung der Eignung der Kandidaten durch die Kirche

Jede Priesterberufung enthält zwei voneinander nicht trennbare Aspekte: die ungeschuldete Gabe Gottes und die verantwortliche Freiheit des Menschen. Die Berufung ist ein Geschenk der göttlichen Gnade, das durch die Kirche, in der Kirche und zum Dienst an der Kirche empfangen wird. Der Mensch schenkt sich Gott freiwillig, indem er in Liebe auf seinen Ruf antwortet.[11] Der bloße Wunsch, Priester zu werden, reicht nicht aus, und es besteht kein Recht darauf, die heilige Weihe zu empfangen. In ihrer Verantwortung, die notwendigen Voraussetzungen für den Empfang der von Christus eingesetzten Sakramente zu bestimmen, steht es der Kirche zu, die Eignung dessen festzustellen, der in das Priesterseminar eintreten will,[12] ihn während der Jahre der Ausbildung zu begleiten und ihn zu den heiligen Weihen zu rufen, wenn erwiesen ist, daß er über die erforderlichen Eigenschaften verfügt.[13]

Die Ausbildung des künftigen Priesters muß in der wesentlichen gegenseitigen Ergänzung der vier Ausbildungsdimensionen erfolgen: der menschlichen, der geistlichen, der wissenschaftlichen und der pastoralen.[14] In diesem Zusammenhang gilt es, die besondere Bedeutung der menschlichen Ausbildung zu unterstreichen, die das unverzichtbare Fundament der ganzen Ausbildung darstellt.[15] Um einen Kandidaten zur Diakonenweihe zuzulassen, muß die Kirche unter anderem feststellen, daß die affektive Reife des Kandidaten für das Priestertum erlangt wurde.[16]

Der Ruf zu den Weihen liegt in der persönlichen Verantwortung des Bischofs [17] oder des höheren Oberen. Unter Berücksichtigung des Gutachtens jener, denen sie die Verantwortung für die Ausbildung anvertraut haben, müssen der Bischof oder der höhere Obere vor der Zulassung eines Kandidaten zur Weihe zu einem moralisch sicheren Urteil über seine Eignung gelangen. Im Fall eines ernsten Zweifels daran dürfen sie ihn nicht zur Weihe zulassen.[18]

Die Prüfung der Berufung und der Reife des Kandidaten ist auch eine gewichtige Aufgabe des Rektors und der anderen Seminarerzieher. Vor jeder Weihe muß der Rektor sein Urteil über die von der Kirche verlangten Voraussetzungen des Kandidaten abgeben.[19]

Bei der Prüfung der Eignung für die Weihe fällt dem Spiritual eine wichtige Aufgabe zu. Wenngleich er an die Verschwiegenheit gebunden ist, vertritt er doch die Kirche im »Forum internum«. Im Rahmen der Gespräche mit dem Kandidaten muß der Spiritual vornehmlich an die kirchlichen Anforderungen bezüglich der priesterlichen Keuschheit und der für den Priester erforderlichen affektiven Reife erinnern. Auch muß er ihm unterscheiden helfen, ob er die nötigen Voraussetzungen hat.[20] Er hat die Pflicht, alle Eigenschaften der Persönlichkeit zu bewerten und sich zu vergewissern, daß der Kandidat keine Schwierigkeiten im sexuellen Bereich hat, die mit dem Priestertum unvereinbar sind. Wenn ein Kandidat Homosexualität praktiziert oder tiefsitzende homosexuelle Tendenzen hat, sind der Spiritual wie auch der Beichtvater im Gewissen verpflichtet, ihm abzuraten, weiter den Weg zur Weihe zu beschreiten.

Selbstverständlich gilt, daß der Kandidat selbst der erste Verantwortliche für seine eigene Ausbildung ist.[21] Er muß sich vertrauensvoll dem Urteil der Kirche, des Bischofs, der zu den Weihen ruft, des Seminarrektors, des Spirituals und der anderen Seminarerzieher überlassen, denen der Bischof oder der höhere Obere die Aufgabe der Ausbildung der künftigen Priester anvertraut hat. Es wäre in schwerwiegendem Maß unehrlich, wenn ein Kandidat die eigene Homosexualität verbergen würde, um – trotz allem – zur Weihe zu gelangen. Eine derart unaufrichtige Haltung entspricht nicht dem Geist der Wahrheit, der Zuverlässigkeit und der Verfügbarkeit, der die Persönlichkeit jener auszeichnen muß, die sich berufen fühlen, Christus und seiner Kirche im priesterlichen Amt zu dienen.

Schluß

Diese Kongregation bekräftigt die Notwendigkeit, daß die Bischöfe, die höheren Oberen und alle zuständigen Verantwortlichen eine aufmerksame Prüfung bezüglich der Eignung der Weihekandidaten von der Aufnahme in das Priesterseminar bis zur Weihe durchführen. Diese Prüfung muß im Licht eines Priesterbildes erfolgen, das der kirchlichen Lehre entspricht.

Die Bischöfe, die Bischofskonferenzen und die höheren Oberen haben darüber zu wachen, daß die Bestimmungen dieser Instruktion treu befolgt werden, zum Wohl der Kandidaten selbst und um der Kirche stets geeignete Priester und wahre Hirten nach dem Herzen des Herrn zu gewährleisten.

Papst Benedikt XVI. hat die vorliegende Instruktion am 31. August 2005 approbiert und ihre Veröffentlichung angeordnet.

Rom, am 4. November 2005, dem Gedenktag des hl. Karl Borromäus, des Patrons der Seminare.

Zenon Kard. Grocholewski
Präfekt

+ J. Michael Miller, CSB
Titularerzbischof von Vertara
Sekretär

[1] Zweites Vatikanisches Konzil, Dekret über die Priesterausbildung Optatam totius (28. Oktober 1965): AAS 58 (1966), 713–727.

[2] Vgl. Kongregation für das Katholische Bildungswesen, Ratio fundamentalis institutionis sacerdotalis (6. Januar 1970; Neuauflage, 19. März 1985); Das Philosophiestudium in den Seminarien (20. Januar 1972); Leitgedanken für die Erziehung zum priesterlichen Zölibat (11. April 1974); Das Kirchenrecht in der Priesterausbildung (2. April 1975); Die theologische Ausbildung der künftigen Priester (22. Februar 1976); Epistula circularis de formatione vocationum adultarum (14. Juli 1976); Instruktion über die liturgische Ausbildung der Priesteramtskandidaten (3. Juni 1979); Rundschreiben: Aktuelle Hinweise für die Einführung der Priesteramtskandidaten in das geistliche Leben (6. Januar 1980); Orientierung zur Erziehung in der menschlichen Liebe – Hinweise zur geschlechtlichen Erziehung (1. November 1983); La Pastorale della mobilità umana nella formazione dei futuri sacerdoti (25. Januar 1986); Leitlinien für die Ausbildung der künftigen Priester in den Medien der sozialen Kommunikation (19. März 1986); Lettera circolare riguardante gli studi sulle Chiese Orientali (6. Januar 1987); Maria in der intellektuellen und geistlichen Ausbildung (25. März 1988); Leitlinien für das Studium und den Unterricht der Soziallehre der Kirche in der Priesterausbildung (30. Dezember 1988); Instruktion über das Studium der Kirchenväter in der Priesterausbildung (10. November 1989); Richtlinien für die Vorbereitung der Seminarerzieher (4. November 1993); Richtlinien für die Ausbildung der Priesteramtskandidaten im Hinblick auf die Probleme von Ehe und Familie (19. März 1995); Instruktion an die Bischofskonferenzen über die Aufnahme ins Seminar von Kandidaten, die aus anderen Seminaren oder von Ordensfamilien kommen (9. Oktober 1986 und 8. März 1996); Der propädeutische Abschnitt (1. Mai 1998); Lettere circolari circa le norme canoniche relative alle irregolarità e agli impedimenti sia ›ad Ordines recipiendos‹, sia ›ad Ordines exercendos‹ (27. Juli 1992 und 2. Februar 1999).

[3] Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Pastores dabo vobis (25. März 1992): AAS 84 (1992), 657–864.

[4] Vgl. CIC, can. 1024 und CCEO, can. 754; Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Ordinatio sacerdotalis über die nur Männern vorbehaltene Priesterweihe (22. Mai 1994):AAS 86 (1994), 545–548.

[5] Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Dekret über Dienst und Leben der Priester Presbyterorum ordinis (7. Dezember 1965), 2: AAS 58 (1966), 991–993; Pastores dabo vobis, 16: AAS 84 (1992), 681–682.

In Bezug auf die Gleichgestaltung mit Christus, dem Bräutigam der Kirche, hält Pastores dabo vobis fest: »Der Priester ist berufen, lebendiges Abbild Jesu Christi, des Bräutigams der Kirche zu sein […]. Er ist also dazu berufen, in seinem geistlichen Leben die Liebe des Bräutigams Christus zu seiner Braut, der Kirche, wiederzubeleben. Sein Leben soll auch von diesem Wesensmerkmal erleuchtet und angeleitet werden, das von ihm verlangt, Zeuge der Liebe Christi als des Bräutigams seiner Kirche […] zu sein« (Nr. 22): AAS 84 (1992), 691.

[6] Vgl. Presbyterorum ordinis, 14: AAS 58 (1966), 1013–1014; Pastores dabo vobis, 23:AAS 84 (1992), 691–694.

[7] Vgl. Kongregation für den Klerus, Direktorium Dives Ecclesia für Dienst und Leben der Priester (31. März 1994), 58.

[8] Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche (Editio typica, 1997), 2357–2358.

Vgl. auch die verschiedenen einschlägigen Dokumente der Kongregation für die Glaubenslehre: Erklärung zu einigen Fragen der Sexualethik Persona humana (29. Dezember 1975); Schreiben an die Bischöfe der katholischen Kirche über die Seelsorge für homosexuelle Personen Homosexualitatis problema (1. Oktober 1986); Einige Erwägungen bezüglich der Antwort auf Gesetzesvorschläge über die Nicht-Diskriminierung homosexueller Personen (23. Juli 1992); Erwägungen zu den Entwürfen einer rechtlichen Anerkennung der Lebensgemeinschaften zwischen homosexuellen Personen (3. Juni 2003).

Bezüglich der homosexuellen Neigung stellt das Schreiben Homosexualitatis problema fest: »Die spezifische Neigung der homosexuellen Person ist zwar in sich nicht sündhaft, begründet aber eine mehr oder weniger starke Tendenz, die auf ein sittlich betrachtet schlechtes Verhalten ausgerichtet ist. Aus diesem Grunde muß die Neigung selbst als objektiv ungeordnet angesehen warden« (Nr. 3).

[9] Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche (Editio typica, 1997), 2358; vgl. auch CIC,can. 208 und CCEO, can. 11.

[10] Vgl. Kongregation für das Katholische Bildungswesen, A memorandum to Bishops seeking advice in matters concerning homosexuality and candidates for admission to Seminary (9. Juli 1985); Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, Schreiben vom 16. Mai 2002: Notitiae 38 (2002), 586.

[11] Vgl. Pastores dabo vobis, 35–36: AAS 84 (1992), 714–718.

[12] Vgl. CIC, can. 241, § 1: »In das Priesterseminar dürfen vom Diözesanbischof nur solche zugelassen werden, die aufgrund ihrer menschlichen, sittlichen, geistlichen und intellektuellen Anlagen, ihrer physischen und psychischen Gesundheit und auch ihrer rechten Absicht fähig erscheinen, sich dauernd geistlichen Ämtern zu widmen.« Vgl. auch CCEO,can. 342, § 1.

[13] Vgl. Optatam totius, 6: AAS 58 (1966), 717. Vgl. auch CIC, can. 1029: »Weihen sind nur jenen zu erteilen, die nach dem klugen Urteil des eigenen Bischofs bzw. des zuständigen höheren Oberen bei umfassender Würdigung einen ungeschmälerten Glauben haben, von der rechten Absicht geleitet sind, über die erforderlichen Kenntnisse verfügen, sich guter Wertschätzung erfreuen, über einen untadeligen Lebenswandel und erwiesene Charakterstärke sowie über andere der zu empfangenden Weihe entsprechende physische und psychische Eigenschaften verfügen. « Vgl. auch CCEO, can. 758.

Jene nicht zu den Weihen zuzulassen, die die erforderlichen Voraussetzungen dafür nicht haben, ist keine ungerechte Diskriminierung. Vgl. Kongregation für die Glaubenslehre,Einige Erwägungen bezüglich der Antwort auf Gesetzesvorschläge über die Nicht-Diskriminierung homosexueller Personen.

[14] Vgl. Pastores dabo vobis, 43–59: AAS 84 (1992), 731–762.

[15] Vgl. ebd., 43: »Der Priester, der dazu berufen ist, ›lebendiges Abbild‹ Jesu Christi, des Hauptes und Hirten der Kirche, zu sein, muß versuchen, im Maße des Möglichen in sich jene menschliche Vollkommenheit widerzuspiegeln, die im menschgewordenen Sohn Gottes aufleuchtet und mit einzigartiger Wirksamkeit in seinem Verhalten gegenüber den anderen […] durchscheint«: AAS 84 (1992), 732.

[16] Vgl. ebd., 44 und 50: AAS 84 (1992), 733–736 und 746–748. Vgl. auch Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, Rundschreiben Entre las más delicadas a los Exc.mos y Rev.mos Señores Obispos diocesanos y demás Ordinarios canónicamente facultados para llamar a las Sagradas Ordenes, sobre Los escrutinios acerca de la idoneidad de los candidatos (10. November 1997): Notitiae 33 (1997), 495–506, besonders Anlage V.

[17] Vgl. Kongregation für die Bischöfe, Direktorium für den Hirtendienst der Bischöfe Apostolorum Successores (22. Februar 2004), 88.

[18] CIC, can. 1052, § 3: »Wenn […] der Bischof aus bestimmten Gründen an der Eignung des Kandidaten für den Empfang der Weihen zweifelt, darf er ihm die Weihe nicht erteilen.« Vgl. auch CCEO, can. 770.

[19] Vgl. CIC, can. 1051: »Für das Skrutinium über die erforderlichen Eigenschaften eines Weihebewerbers […] muß ein Zeugnis des Rektors des Seminars bzw. der Ausbildungsstätte vorliegen über die für den Weiheempfang erforderlichen Eigenschaften, näherhin über die Rechtgläubigkeit des Kandidaten, seine echte Frömmigkeit, seinen guten Lebenswandel, seine Eignung für die Ausübung des Dienstes und ebenso, aufgrund einer gehörigen Untersuchung, über seinen physischen und psychischen Gesundheitszustand.«

[20] Vgl. Pastores dabo vobis, 50 und 66: AAS 84 (1992), 746–748 und 772–774. Vgl. auch Ratio fundamentalis institutionis sacerdotalis, 48.

[21] Vgl. Pastores dabo vobis, 69: AAS 84 (1992), 778.

_______

Quelle

«Wer Priester werden will, muss vor allem ein „GOTTESMENSCH“ sein»

p_seminartreffen_web

SCHREIBEN VON PAPST BENEDIKT XVI.

AN DIE SEMINARISTEN

 

Liebe Seminaristen!

Als ich im Dezember 1944 zum Soldatendienst eingezogen wurde, fragte der Kompaniechef jeden einzelnen von uns, welchen Beruf er für die Zukunft anstrebe. Ich antwortete, ich wolle katholischer Priester werden. Darauf der Leutnant: Da müssen Sie sich etwas anderes suchen. Im neuen Deutschland werden Priester nicht mehr gebraucht. Ich wußte, daß dieses „neue Deutschland“ bereits am Ende war und daß nach den ungeheuren Verwüstungen, die dieser Wahn über das Land gebracht hatte, erst recht wieder Priester nötig sein würden. Heute ist die Lage ganz anders. Aber in unterschiedlichen Weisen denken auch heute viele Leute, daß das katholische Priestertum kein Beruf für die Zukunft sei, sondern eher der Vergangenheit angehöre. Ihr, liebe Freunde, habt Euch entschieden, ins Priesterseminar einzutreten und habt Euch damit auf den Weg zum Dienst des Priesters in der katholischen Kirche gemacht, gegen solche Vorstellungen und Meinungen. Ihr habt gut daran getan. Denn die Menschen werden immer, auch in der Periode der technischen Beherrschung der Welt und der Globalisierung, Gott benötigen – den Gott, der sich uns gezeigt hat in Jesus Christus und der uns versammelt in der weltweiten Kirche, um mit ihm und durch ihn das rechte Leben zu erlernen und die Maßstäbe der wahren Menschlichkeit gegenwärtig und wirksam zu halten. Wo der Mensch Gott nicht mehr wahrnimmt, wird das Leben leer. Alles ist zu wenig. Er sucht dann seine Zuflucht im Rausch oder in der Gewalt, von der gerade die Jugend heute zunehmend bedroht wird. Gott lebt. Er hat jeden von uns geschaffen und kennt daher jeden. Er ist so groß, daß er Zeit hat für unsere Kleinigkeiten: „Alle Haare eures Hauptes sind gezählt.“ Gott lebt, und er braucht Menschen, die für ihn da sind und die ihn zu den anderen Menschen bringen. Ja, es hat Sinn, Priester zu werden: Die Welt braucht Priester, Hirten, heute, morgen und immer, so lange sie besteht.

Das Priesterseminar ist Weggemeinschaft auf den priesterlichen Dienst zu. Damit ist schon etwas sehr Wichtiges gesagt: Priester wird man nicht allein. Es braucht die „Jüngergemeinschaft“, das Miteinander derer, die der gemeinsamen Kirche dienen wollen. In diesem Brief möchte ich – auch rückschauend auf meine eigene Seminarzeit – ein paar Elemente herausstellen, die für diese Jahre des Unterwegsseins wichtig sind.

1. Wer Priester werden will, muß vor allem ein „Gottesmensch“ sein, wie der heilige Paulus es ausdrückt (1Tim 6,11). Gott ist für uns nicht eine ferne Hypothese, nicht ein Unbekannter, der sich nach dem Urknall zurückgezogen hat. Gott hat sich gezeigt in Jesus Christus. Im Gesicht Jesu Christi sehen wir das Gesicht Gottes. In seinen Worten hören wir Gott selbst mit uns reden. Deshalb ist das Allerwichtigste auf dem Weg zum Priestertum und das ganze Priesterleben hindurch die persönliche Beziehung zu Gott in Jesus Christus. Der Priester ist nicht der Verwalter irgendeines Vereins, dessen Mitgliederzahl er zu erhalten und zu vergrößern versucht. Er ist der Bote Gottes unter den Menschen. Er will zu Gott hinführen und so auch die rechte Gemeinschaft der Menschen untereinander wachsen lassen. Deshalb ist es so wichtig, liebe Freunde, daß Ihr im stetigen Kontakt mit Gott zu leben lernt. Wenn der Herr sagt: „Betet allezeit“, dann fordert er uns natürlich nicht dazu auf, dauernd Gebetsworte zu sprechen, sondern dazu, den inneren Kontakt mit Gott nie zu verlieren. In ihn uns einzuüben, ist der Sinn unseres Betens. Deshalb ist es wichtig, daß der Tag mit Gebet beginnt und mit Gebet endet. Daß wir in der Schriftlesung ihm zuhören. Daß wir ihm unsere Wünsche und Hoffnungen, unsere Freuden und Leiden, unsere Fehler und unseren Dank für alles Schöne mitteilen und so ihn als Bezugspunkt unseres Lebens immer vor Augen haben. So werden wir sensibel für unsere Fehler und lernen, an uns zu arbeiten; sensibel aber auch für all das Schöne und Gute, das wir wie selbstverständlich Tag um Tag empfangen, und so wächst Dankbarkeit. Mit der Dankbarkeit wächst die Freude, daß Gott uns nahe ist und daß wir ihm dienen dürfen.

2. Gott ist für uns nicht nur Wort. In den Sakramenten schenkt er sich uns leibhaftig, durch leibliche Dinge hindurch. Mitte unserer Gottesbeziehung und unserer Lebensgestaltung ist die Eucharistie. Sie von innen her mitzufeiern und so Christus leibhaftig zu begegnen, muß Zentrum aller unserer Tage sein. Der heilige Zyprian hat die Evangelienbitte „unser tägliches Brot gib uns heute“ unter anderem so ausgelegt, daß er sagt: „Unser“ Brot, das Brot, das wir als Christen in der Kirche empfangen dürfen, ist der eucharistische Herr selbst. In der Vaterunser-Bitte beten wir demnach darum, daß er uns dieses „unser“ Brot täglich schenkt; daß es immerfort die Nahrung unseres Lebens sei. Daß der auferstandene Christus, der sich uns in der Eucharistie gibt, wirklich unser ganzes Leben durchforme mit dem Glanz seiner göttlichen Liebe. Zur rechten Eucharistiefeier gehört es auch, daß wir die Liturgie der Kirche in ihrer konkreten Gestalt kennen, verstehen und lieben lernen. In der Liturgie beten wir mit den Gläubigen aller Jahrhunderte – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft berühren sich in einem einzigen großen Chor des Gebetes. Allmählich verstehen zu lernen, wie dies alles gewachsen ist, wie viel Erfahrung des Glaubens im Aufbau der Meßliturgie liegt, wie viele Generationen sie betend geformt haben, ist etwas Begeisterndes, wie ich von meinem persönlichen Weg her sagen darf.

3Auch das Bußsakrament ist wichtig. Es lehrt mich, mich von Gott her anzuschauen und zwingt mich zur Ehrlichkeit mir selbst gegenüber. Es führt mich zur Demut. Der Pfarrer von Ars hat einmal gesagt: Ihr findet es nicht sinnvoll, heute die Lossprechung zu empfangen, da ihr wißt, daß ihr morgen doch wieder die gleichen Sünden tun werdet. Aber – so sagt er: Gott selbst vergißt im Augenblick eure Sünden von morgen, um euch heute seine Gnade zu geben. Auch wenn wir immer wieder mit den gleichen Fehlern zu ringen haben, ist es wichtig, der seelischen Verwilderung entgegenzuwirken; der Gleichgültigkeit, die sich damit abfindet, daß ich nun einmal so bin. Es ist wichtig, auf dem Weg zu bleiben – ohne Skrupulosität, in dem dankbaren Bewußtsein, daß Gott mir immer neu vergibt. Aber auch ohne Gleichgültigkeit, die nicht mehr um die Heiligkeit und um das Besserwerden ringen würde. Und indem ich mir vergeben lasse, lerne ich auch, den anderen zu vergeben. Indem ich meine eigene Armseligkeit erkenne, werde ich auch toleranter und verständiger mit der Schwäche des Nächsten.

4. Bewahrt Euch auch den Sinn für die Volksfrömmigkeit, die in allen Kulturen verschieden und doch auch immer wieder ganz ähnlich ist, weil das Herz des Menschen letztlich immer dasselbe ist. Gewiß, die Volksfrömmigkeit tendiert zur Irrationalität, vielleicht auch manchmal zur Äußerlichkeit. Sie zu ächten ist dennoch ganz verkehrt. In ihr ist der Glaube in das Herz der Menschen eingetreten, ist Teil ihres Empfindens, ihrer Gewohnheiten, ihres gemeinsamen Fühlens und Lebens geworden. Deswegen ist die Volksfrömmigkeit ein großer Schatz der Kirche. Der Glaube hat Fleisch und Blut angenommen. Sie muß sicher immer wieder gereinigt, auf die Mitte hin bezogen werden, aber sie verdient unsere Liebe, und sie macht uns selber auf ganz reale Weise zu „Volk Gottes“.

5. Die Zeit im Seminar ist vor allem auch Zeit des Studiums. Der christliche Glaube hat eine rationale und eine intellektuelle Dimension, die ihm wesentlich ist. Ohne sie wäre er nicht er selber. Paulus spricht von einem „Typus der Lehre“, in den hinein wir in der Taufe übergeben worden sind (Röm 6,17). Ihr alle kennt das Wort des heiligen Petrus, das den mittelalterlichen Theologen als Begründung für eine rationale, wissenschaftlich ausgearbeitete Theologie galt: „Seid stets bereit, jedem Antwort zu geben, der euch nach der ‚Vernunft‘ (Logos) eurer Hoffnung fragt“ (1 Petr 3,15). Die Fähigkeit zu solchen Antworten zu lernen, ist eine Hauptaufgabe der Jahre im Priesterseminar. Ich kann Euch nur dringend bitten: Studiert eifrig! Nützt die Jahre des Studiums! Ihr werdet es nicht bereuen. Sicher, oft erscheinen Materien des Studiums weit von der Praxis des christlichen Lebens und des pastoralen Dienstes entfernt. Aber es ist trotzdem ganz verkehrt, immer sogleich die pragmatische Frage zu stellen: Kann ich das einmal brauchen? Hat das praktischen, pastoralen Nutzen? Es geht eben nicht bloß darum, das augenscheinlich Nützliche zu erlernen, sondern darum, das innere Gefüge des Glaubens so in seiner Ganzheit zu kennen und zu verstehen, daß es Antwort auf die Fragen der Menschen wird, die äußerlich gesehen von Generation zu Generation wechseln und doch in ihrem tiefsten Grund dieselben bleiben. Deswegen ist es wichtig, hinter die wechselnden Fragen des Augenblicks zu kommen, um die eigentlichen Fragen zu begreifen und so auch die Antworten als Antworten zu verstehen. Es ist wichtig, die Heilige Schrift als ganze, in ihrer Einheit aus Altem und Neuem Testament gründlich kennenzulernen – die Gestaltwerdung der Texte, ihre literarische Eigenart, ihr Zusammenwachsen zum Kanon der heiligen Bücher, die dynamische innere Einheit, die nicht auf der Oberfläche liegt, aber doch allen einzelnen Texten erst ihre volle Bedeutung gibt. Es ist wichtig, die Väter und die großen Konzilien kennenzulernen, in denen die Kirche sich die wesentlichen Aussagen der Schrift denkend und glaubend angeeignet hat. So könnte ich fortfahren: Was wir Dogmatik nennen, ist das Verstehen der einzelnen Inhalte des Glaubens in ihrer Einheit, ja, ihrer letzten Einfachheit: Alles Einzelne ist letztlich nur Entfaltung des Glaubens an den einen Gott, der sich uns gezeigt hat und zeigt. Daß es wichtig ist, die wesentlichen Fragen der Moraltheologie und der katholischen Soziallehre zu kennen, brauche ich nicht eigens zu sagen. Wie wichtig heute die ökumenische Theologie ist, das Kennenlernen der verschiedenen christlichen Gemeinschaften, liegt auf der Hand, desgleichen die Notwendigkeit einer Grundorientierung über die großen Religionen und nicht zuletzt die Philosophie: das Verstehen des menschlichen Suchens und Fragens, auf das der Glaube Antwort sein will. Lernt aber auch, das Kirchenrecht in seiner inneren Notwendigkeit und in seinen praktischen Anwendungsformen zu verstehen und – ich wage es zu sagen – zu lieben: Eine Gesellschaft ohne Recht wäre eine rechtlose Gesellschaft. Recht ist die Bedingung der Liebe. Ich will nun nicht weiter aufzählen, sondern nur noch einmal sagen: Liebt das Studium der Theologie, und folgt ihm mit dem wachen Sinn für die Verankerung der Theologie in der lebendigen Gemeinschaft der Kirche, die mit ihrer Autorität nicht etwa ein Gegenpol zur theologischen Wissenschaft, sondern ihre Voraussetzung ist. Ohne die glaubende Kirche hört Theologie auf, sie selber zu sein und wird zu einem Bündel verschiedener Disziplinen ohne innere Einheit.

6. Die Jahre im Priesterseminar müssen auch eine Zeit des menschlichen Reifens sein. Für den Priester, der andere auf dem Weg durchs Leben und bis zur Pforte des Todes begleiten soll, ist es wichtig, daß er selbst Herz und Verstand, Vernunft und Gefühl, Leib und Seele ins rechte Gleichgewicht gebracht hat und menschlich „intakt“ ist. Die christliche Überlieferung hat daher immer mit den „göttlichen Tugenden“ auch die von der Erfahrung des Menschseins, von der Philosophie her gefundenen „Kardinaltugenden“ und überhaupt die gesunde ethische Überlieferung der Menschheit verbunden. Paulus sagt das sehr deutlich zu den Philippern: „Schließlich, Brüder: Was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert ist, darauf seid bedacht!“ (4,8) In diesen Zusammenhang gehört auch die Integration der Sexualität ins Ganze der Persönlichkeit. Die Sexualität ist eine Gabe des Schöpfers, aber auch eine Aufgabe an das eigene Menschwerden. Wenn sie nicht in die Person integriert ist, dann wird sie banal und zerstörerisch zugleich. Wir sehen das heute an vielen Beispielen in unserer Gesellschaft. In letzter Zeit haben wir mit großem Bedauern feststellen müssen, daß Priester durch sexuellen Mißbrauch von Kindern und Jugendlichen ein Zerrbild ihres Amtes abgegeben haben. Statt Menschen zu reifer Menschlichkeit hinzuführen und sie ihnen selbst vorzuleben, haben sie durch ihren Mißbrauch Zerstörungen hervorgerufen, die wir mit tiefem Schmerz bedauern. Ob alledem kann bei vielen Menschen, wohl auch bei Euch selber, die Frage aufkommen, ob es gut sei, ein Priester zu werden; ob der Zölibat ein sinnvoller Weg menschlichen Lebens sei. Aber der zutiefst zu mißbilligende Mißbrauch kann die priesterliche Sendung nicht diskreditieren, die groß und rein bleibt. Gottlob kennen wir alle überzeugende, von ihrem Glauben geformte Priester, an denen uns sichtbar wird, daß man in diesem Stand und gerade auch im Leben des Zölibats zu wirklicher, reiner und reifer Menschlichkeit kommen kann. Das Geschehene muß uns freilich wacher und aufmerksamer machen, gerade auf dem Weg zum Priestertum sich selber vor Gott gründlich zu befragen, ob dies sein Wille für mich ist. Es ist Aufgabe der Beichtväter und Eurer Vorgesetzten, Euch auf dem Weg dieser Entscheidung zu begleiten und zu helfen. Es ist ein grundlegendes Element Eures Weges, im Aufblick zu dem in Christus offenbaren Gott die grundlegenden Tugenden des Menschseins zu üben und von ihm her immer neu reinigen zu lassen.

7. Die Anfänge priesterlicher Berufung sind heute vielfältiger und unterschiedlicher als in den früheren Jahren. Der Entscheid für das Priestertum bildet sich heute oft in den Erfahrungen eines schon erlernten weltlichen Berufes. Er wächst häufig in Gemeinschaften, besonders in den Movimenti, die einer gemeinsamen Begegnung mit Christus und seiner Kirche, einer spirituellen Erfahrung und der Freude am Dienst des Glaubens förderlich sind. Er reift auch in ganz persönlichen Begegnungen mit der Größe und der Not des Menschseins. So leben oft Priesterkandidaten auf ganz verschiedenen spirituellen Kontinenten. Es kann schwer sein, die Gemeinsamkeit des künftigen Auftrags und seines spirituellen Weges zu erkennen. Gerade deshalb ist das Priesterseminar wichtig als Weggemeinschaft über die verschiedenen Formen der Spiritualität hin. Die Movimenti sind eine großartige Sache. Ihr wißt, wie sehr ich sie als Gabe des Heiligen Geistes an die Kirche schätze und liebe. Aber sie müssen daran gemessen werden, wie sie alle auf das gemeinsame Katholische, auf das Leben der gemeinsamen Kirche Christi offen sind, die in aller Vielfalt doch nur eine ist. Das Priesterseminar ist die Zeit, in der Ihr miteinander und voneinander lernt. In dem manchmal vielleicht schwierigen Miteinander müßt Ihr die Großzügigkeit und Toleranz erlernen, einander nicht nur ertragen, sondern gegenseitig bereichern, so daß jeder seine spezifische Gabe ins Ganze einbringen kann, aber doch alle der gleichen Kirche, dem gleichen Herrn dienen. Diese Schule der Toleranz, mehr: des Sich-Annehmens und des Sich-Verstehens in der Einheit des Leibes Christi gehört zu den wichtigen Elementen der Jahre im Priesterseminar.

Liebe Seminaristen! Mit diesen Zeilen wollte ich Euch zeigen, wie sehr ich mit Euch gerade in diesen schwierigen Zeiten mitdenke und wie sehr ich Euch im Gebet nahe bin. Betet auch für mich, damit ich meinen Dienst recht zu tun vermag, solang der Herr es will. Ich vertraue Euch auf Eurem Weg der Vorbereitung auf das Priestertum dem mütterlichen Schutz Marias an, deren Haus eine Schule des Guten und Stätte der Gnade war. Es segne Euch alle der allmächtige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Aus dem Vatikan, am 18. Oktober 2010, dem Fest des heiligen Evangelisten Lukas.

Im Herrn Euer
BENEDIKT PP XVI.

_______

Quelle