Mitleid und Bewunderung

Eine neue Bildform der »Werke der Barmherzigkeit« bei Pieter Bruegel d. Ä. (1559)

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Die sieben Werke der Barmherzigkeit, um 1616, Gemälde, Pieter Brueghel der Jüngere (Ulm, Museum der Brotkultur)

Das Thema der »Werke der Barmherzigkeit« wurde vom 12. bis 16. Jahrhundert als Zyklus in einzelnen Medaillons oder rechteckigen Bildfeldern dargestellt. Dagegen fassten die Künstler der Spätrenaissance die Barmherzigkeitswerke im einzelnen Bild zusammen. Niederländische Künstler der Druckgraphik entwickelten diesen neuen Kompositionstyp zwischen 1550 und 1560.

Das Interesse an der Simultandarstellung zeigt sich auch in der Zeichnung »Caritas und die sieben Werke der Barmherzigkeit« von Pieter Bruegel dem Älteren (um 1525-1569). Unten links ist das Blatt mit »BRVEGEL 1559« bezeichnet und datiert (Rotterdam, Museum Boymans-van Beuningen).

Pieter Bruegel stellte das Thema als figurenreiches Treiben auf einem Dorfplatz dar. Die Szene ist sehr lebhaft und erweckt den Eindruck, als ob die ganze Ortschaft gleichzeitig die Barmherzigkeit ausübe. Dabei sind die einzelnen Barmherzigkeitswerke räumlich gruppiert. Auf dem weiten Platz im Vordergrund vollziehen sich die meisten Handlungen. Einige Werke erblickt man im Hintergrund vor Häusern oder in Gebäuden (von links nach rechts: Nackte bekleiden, Hungrige speisen, Kranke besuchen, Fremde beherbergen, Durstige tränken, Gefangene besuchen und Tote begraben).

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Caritas und die sieben Werke der Barmherzigkeit, 1559, Zeichnung, Pieter Bruegel der Ältere (Rotterdam, Museum Boymans-van Beuningen)

Deutung in christlicher Perspektive

Auf den ersten Blick vermittelt die Bilderzählung den Eindruck eines einfachen Sozialeinsatzes. Die übernatürliche Bedeutung scheint zu fehlen, denn – anders als im Mittelalter – stellte Bruegel das Thema ohne das Jüngste Gericht dar. Im Zentrum des Geschehens steht allerdings eine weibliche Gestalt. Sie ist inschriftlich mit »CAYRITAS« bezeichnet und legt eine Deutung in christlicher Perspektive nahe. Als traditionsreiche Personifikation der christlichen Liebe, einer theologischen Tugend, verkörpert diese rhetorische Figur das Grundthema der einzelnen Werke: son actos exteriores de la caridad o benevolencia cristiana.

Die Caritas hält ein brennendes Herz in ihrer Hand, denn die Barmherzigen nehmen sich die materielle Not ihrer Mitmenschen zu Herzen. Als Metapher für die fürsorgende Liebe der Caritas nähern sich ihr zwei Kinder. Auf ihrem Kopf öffnet sich der Pelikan die Brust – ein aus dem »Physiologus« abgeleitetes Symbol für die barmherzige Liebe Christi, der am Kreuze und in der Eucharistie seinen Leib für die Menschen hingibt.

Bruegels Simultandarstellung sämtlicher Werke auf einem Dorfplatz war eine neue Bildform, für die es keine Vorläufer gab. In seiner Zeichnung »Werke der Barmherzigkeit« (1571, Kopenhagen) entwickelte Maerten van Heems­kerck die innovative Komposition Bruegels zur Straßenflucht weiter.

Flämische und holländische Maler des 17. Jahrhunderts schätzten diese Simultankomposition auf einem Platz oder einer Straße sehr. Bei Künstlern in Antwerpen (Frans I Francken, Frans II Francken und Hieronymus III Francken) und Utrecht (Joost Cornelisz Droochsloot) beauftragten bürgerliche Sammler und öffentliche Armenhäuser zahlreiche Gemälde nach diesem Vorbild. Manche Bilder entstanden auch für den freien Kunstmarkt.

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Caritas und die sieben Werke der Barmherzigkeit, 1559, Kupferstich, Philipp Galle

Rhetorische Motivation des Publikums

Die breite Rezeption der Handzeichnung Pieter Bruegels des Älteren (1559) ermöglichte der Kupferstich, der im gleichen Jahr im Antwerpener Verlag »Aux quatres vents« bei Hieronymus Cock erschienen war. Der Künstler war Philipp Galle (1537–1612), der während der fünfziger Jahre bei Cock als Stecher angestellt war. Philipp Galle arbeitete 1558–1560 an einer Serie der Sieben Tugenden und Laster (nach Vorlage Bruegels), zu der sein Kupferstich als drittes Blatt gehörte.

Pieter Brueghel der Jüngere (1564–1638) war ein Sohn Pieter Bruegels des Älteren und ist besonders durch Kopien der Bilder seines Vaters bekannt. In Antwerpen malte er das Thema mehrfach. In den »Werken der Barmherzigkeit« aus der Zeit um 1616 (Ulm, Museum der Brotkultur) verzichtete Pieter Brueghel der Jüngere allerdings auf die Caritas-Personifikation, ebenso in weiteren Gemälden (Antwerpen, Koninklijk Museum voor Schone Kunsten; Brüssel, Privatsammlung). Zugleich reduzierte Brueghel die Nacktheit der Figuren im Vordergrund, auch betonte er die individuelle Vielfalt der Gesichter und die Zerlumptheit der Gewänder. Diese Bildrhetorik sollte die Betrachter zum Mitleid mit den Armen bewegen.

Als rhetorisches Stilprinzip zeigt das Gemälde des jüngeren Pieter eine anschauliche Bilderzählung, ähnlich wie die Zeichnung (1559) seines Vaters. Allerdings besitzt diese Zeichnung eine moralisierende Aufschrift am unteren Rand, die im Gemälde fehlt: »Speres tibi accidere qvod alteri accidit, ita demvm excitaberis ad opem ferendam. Si svmpseris eivs animvm qvi opem tvnc in malis constitvtvs implorat.«

Der Text spricht also direkt zum Betrachter, der das Elend der Armen als potentiell eigenes Schicksal emotional nachvollziehen soll (»Hoffe, dass du dasselbe durchmachen musst, was anderen zustößt, denn dadurch kannst du angeregt werden, deine Hilfe anzubieten, indem du dich oft in die Lage des Hilfesuchenden, der im Elend lebt, versetzt und seine Schwierigkeiten teilst«).

Damit es aber zu einem solchen Mitleid kommen kann, musste Pieter Bruegel der Ältere jene Affekte, die er beim Betrachter erregen wollte, im Bilde selbst darstellen. Das ist ihm gelungen. Als barmherzige Wohltäter erscheinen Angehörige der Bauernschaft und des städtischen Bürgertums inmitten der Bettler und Krüppel, die sich auf drastische Weise gebärden – man beachte das schreiende und zubeißende Volk am Brotkorb, die gierig schlürfenden Durstigen, das bedrückende Elend der Krankenstube. Bild und Text wollen beim Betrachter Mitleid für die Elenden und Bewunderung für die Wohltäter erzeugen. Die christlich inspirierte Kunst erinnert also daran, dass die Tugend nur in der guten Handlung ihre Erfüllung findet.

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Pieter Bruegel der Ältere zählt zu den bedeutendsten niederländischen Künstlern des 16. Jahrhunderts. Er ist besonders als Maler und Zeichner des Bauerngenres bekannt. Daneben schuf Bruegel auch religiöse und mythologische Historien sowie Landschaften mit satirischen Darstellungen. Sein Gesamtwerk umfasst etwa 45 Gemälde und 80 Handzeichnungen. Der große Einfluss Bruegels auf die flämische und holländische Kunst des 17. Jahrhunderts ist auch in der Ikonografie der Barmherzigkeit erkennbar.

Von Ralf van Bühren,

Päpstliche Universität Santa Croce, Rom

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Quelle: Osservatore Romano 48/2016

Generalaudienz: Gottes Liebe hat keinen Rückwärtsgang

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Generalaudienz mit Papst Franziskus

„Das Heilige Jahr ist zu Ende, kehren wir zurück zur Normalität“: So begrüßte der Papst an diesem Mittwoch die Teilnehmer an seiner Generalaudienz, drei Tage nachdem er die Heilige Pforte des Petersdoms feierlich geschlossen hatte. „Nicht verschlossen“ habe sich allerdings „das barmherzige Herz Gottes für uns Sünder“, bemerkte Franziskus: „Und genauso mögen sich auch unsere Herzen niemals schließen und mögen auch wir nicht aufhören, Werke der Barmherzigkeit zu tun!“

Um solche Werke der Barmherzigkeit drehte sich ansonsten alles, was der Papst den Pilgern sagte. Über zwei Werke speziell sprach Franziskus: Zweifelnden recht raten und Unwissende lehren – beide seien eng miteinander verbunden. „Denken wir doch zum Beispiel daran, wieviele Kinder heutzutage noch Analphabeten sind – das ist nicht zu begreifen, dass es in einer so fortgeschrittenen Welt immer noch Kinder gibt, die nicht lesen und schreiben können! Das lässt sich nicht begreifen, es ist eine Ungerechtigkeit!“

Seit jeher habe sich die Kirche im Bereich der Bildung engagiert. Ihr Auftrag, das Evangelium zu verkünden, schließe nämlich mit ein, den Armen und Benachteiligten ihre Würde zurückzugeben, und dazu gehörten gerade auch Schule und Erziehung. „Wieviele Christen, ob Laien, Ordensleute oder Priester, haben doch ihr ganzes Leben dem Unterrichten, dem Erziehen von Kindern und jungen Leuten verschrieben! Das ist großartig! Ich lade Sie ein, Ihnen einmal zu applaudieren!“ Franziskus selbst war früher selbst einmal Lehrer an Jesuitenschulen in Argentinien.

Viele Heilige zu allen Zeiten, etwa Don Bosco, seien „Pioniere der Bildung“ gewesen und hätten so die Gesellschaft selbst verändert. Die Bildung sei, so formulierte der Papst, „eine besondere Form der Evangelisierung“.

Zweites Werk der Barmherzigkeit, das an diesem Mittwoch im Fokus stand: Zweifelnden recht raten. Das bedeute, „Schmerz und Leid zu lindern, die von der Angst und Furcht als Folge des Zweifels kommen, und den Mitmenschen in seiner Schwäche und Unsicherheit zu unterstützen“. Franziskus kam hier auch auf Zweifel am Glauben zu sprechen: Das lasse sich „positiv als Zeichen annehmen, dass wir Gott und seine Geheimnisse besser kennen lernen wollen“.

„Jemand könnte mich fragen: Padre, aber ich habe soviele Zweifel am Glauben, was soll ich tun? Zweifeln Sie denn niemals? – Na ja… Ich habe auch viele solcher Zweifel, viele… In bestimmten Momenten beschleichen doch jeden Zweifel! Zweifel, die an den Glauben rühren… Ich suche, studiere, frage um Rat… Solche Zweifel lassen einen wachsen. Es ist etwas Gutes, wenn wir uns Fragen zu unserem Glauben stellen, denn dadurch werden wir gedrängt, ihn zu vertiefen. Allerdings muss man die Zweifel dann auch überwinden. Dazu ist es nötig, auf das Wort Gottes zu hören und zu begreifen, was er uns lehrt.“

Dabei solle der Zweifelnde aber nicht stehenbleiben; Franziskus riet zum Sprung ins Praktische. „Machen wir den Glauben nicht zu einer abstrakten Theorie, bei der sich die Zweifel vervielfältigen – machen wir aus dem Glauben lieber unser Leben! Versuchen wir ihn zu praktizieren, indem wir unseren Geschwistern helfen, vor allem den Bedürftigen. Dann werden sich viele Zweifel verflüchtigen, weil wir in der Liebe, die wir mit anderen teilen, die Präsenz Gottes spüren und die Wahrheit des Evangeliums.“

Da sehe man doch, dass auch diese zwei Werke der Barmherzigkeit „nicht weit weg sind von unserem Leben“, fuhr der Papst fort. Jeder könne sie tun. „Die tiefste Lehre, die wir anderen also weitergeben können, ist die Liebe Gottes – eine große, unentgeltliche Liebe. Aber Gott legt bei seiner Liebe nie den Rückwärtsgang ein, nie!“

(rv 23.11.2016 sk)

„Die Sünder warnen und die Unwissenden lehren“

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Generalaudienz, 16. November 2016

Generalaudienz von Mittwoch, dem 16. November 2016 — Volltext

Wir dokumentieren im Folgenden in einer eigenen Übersetzung die vollständige Ansprache von Papst Franziskus bei der heutigen Generalaudienz auf dem Petersplatz.

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36. Geduldig die Lästigen ertragen

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Die heutige Katechese widmen wir einem Werk der Barmherzigkeit, das uns allen gut bekannt ist, das wir aber vielleicht nicht so in die Praxis umsetzen, wie wir sollten: die Lästigen geduldig ertragen. Wir alle sind sehr gut darin, eine Gegenwart zu erkennen, die uns stören kann: Dies geschieht, wenn wir jemandem auf der Straße begegnen oder wenn wir einen Anruf erhalten … Manchmal sind lästige Menschen die, die uns am nächsten stehen: Unter den Verwandten ist stets jemand darunter; am Arbeitsplatz und nicht einmal in der Freizeit fehlen sie. Wie sollen wir mit den lästigen Menschen umgehen? Aber auch wir sind anderen gegenüber oft lästig. Warum wurde das geduldige Ertragen der Lästigen unter die Werke der Barmherzigkeit gereiht?

In der Bibel sehen wir, dass Gott selbst barmherzig sein muss, um das Klagen seines Volkes zu ertragen. Beispielsweise war das Volk im Buch Exodus tatsächlich unerträglich: Zuerst weinte es über seine Knechtschaft in Ägypten und wurde von Gott befreit; in der Wüste beklagte es sich dann, weil keine Nahrung vorhanden war (vgl. 16,3) und Gott speiste es mit Wachteln und Manna (vgl. 16,13-16). Dennoch hörte das Klagen nicht auf. Moses fungierte als Mediator zwischen Gott und dem Volk und auch er war dem Herrn gegenüber manchmal lästig. Gott hatte jedoch Geduld und so lehrte er Moses und dem Volk diese wesentliche Dimension des Gebetes.

In diesem Zusammenhang drängt sich eine erste Frage aus: Führen wir jemals eine Gewissensprüfung durch um zu sehen, ob auch wir manchmal den anderen gegenüber lästig sind? Es ist einfach, mit dem Finger auf die Fehler und Mängel anderer zu zeigen, aber wir müssen auch lernen, uns in die Lage der anderen hineinzuversetzen.

Blicken wir vor allem auf Jesus: Wie viel Geduld musste er in den drei Jahren seines öffentlichen Lebens an den Tag legen! Einmal wurde er, während er mit seinen Jüngern ging, von der Mutter des Jakobus und des Johannes aufgehalten, die zu ihm sagte: „Versprich, dass meine beiden Söhne in deinem Reich rechts und links neben dir sitzen dürfen“ (Mt 20,21). Die Mutter vertrat die Interessen ihrer beiden Kinder, doch sie war ihre Mutter … Auch diese Situation verwendet Jesus als Ausgangspunkt einer grundlegenden Lehre: Sein Reich ist kein Reich der Macht, es ist kein Reich der Herrlichkeit wie die irdischen, sondern des Dienstes und des Schenkens zugunsten der anderen. Jesus lehrt, stets zum Wesentlichen vorzudringen und den Blick zu weiten, um Verantwortung für die eigene Sendung zu übernehmen. Wir könnten hier den Aufruf zu anderen Werken der geistlichen Barmherzigkeit erkennen: die Sünder zu warnen und die Unwissenden zu lehren. Denken wir an den großen Einsatz, den man anwenden kann, wenn man den Menschen hilft, im Glauben und im Leben zu wachsen. Ich denke beispielsweise an die Katecheten – unter denen sich viele Mütter und viele Ordensfrauen befinden -, die Zeit dafür verwenden, um den jungen Menschen die Grundbausteine des Glaubens zu vermitteln. Wie viel Mühe kostet dies, vor allem, wenn die jungen Menschen lieber spielen würden, als den Katechismus zu vernehmen!

Auf der Suche nach dem Wesentlichen zu begleiten ist schön und wichtig, denn es lässt uns die Freude am Auskosten des Lebenssinns teilen. Oft kommt es zur Begegnung mit Menschen, die auf oberflächlichen, flüchtigen und banalen Dingen verweilen; oft, weil sie niemandem begegnet sind, der sie dazu anregte, nach anderem zu suchen, die wahren Kostbarkeiten zu schätzen. Zu lehren, den Blick auf das Wesentliche zu richten, ist eine entscheidende Hilfe, vor allem in einer Zeit wie der unseren, die die Orientierung verloren zu haben scheint und kurzlebigen Formen der Befriedigung nachgeht. Zu lehren zu erkennen, was der Herr von uns will und wie wir dem entsprechen können bedeutet, den Weg des Wachstum  in der persönlichen Berufung einzuschlagen, den Weg der wahren Freude. So zeigen die Worte Jesu an die Mutter des Jakobus und des Johannes und an die gesamte Gruppe von Jüngern den Weg der Vermeidung des Verfalls in den Neid, den Ehrgeiz, die Schmeichelei, die Versuchung, die stets auch unter uns Christen auf der Lauer sind. Die Notwendigkeit des Beratens, der Warnung und der Lehre darf uns nicht dazu veranlassen, uns den anderen überlegen zu fühlen, sondern verpflichtet uns vor allem dazu, in uns selbst zurückzukehren um zu überprüfen, ob wir all unseren Ansprüchen an die anderen entsprechen. Vergessen wir in diesem Zusammenhang nicht auf die folgenden Worte Jesu: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht?“ (Lk 6,41). Möge uns der Heilige Geist dabei helfen, geduldig im Ertragen  und demütig und einfach im Beraten zu sein.

[Übersetzt aus dem Italienischen von Sarah Fleissner]

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Quelle

„Die Werke der Barmherzigkeit bilden das Antlitz Jesu“

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Generalaudienz, 12. Oktober 2016

Generalaudienz von Mittwoch, dem 12. Oktober 2016 — Volltext

Wir dokumentieren im Folgenden in einer eigenen Übersetzung die vollständige Ansprache von Papst Franziskus bei der heutigen Generalaudienz auf dem Petersplatz.

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32. Die leiblichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

In den vorangegangenen Katechesen wurden wir nach und nach in das große Geheimnis der Barmherzigkeit Gottes eingeführt. Wir betrachteten das Wirken des Vaters im Alten Testament. Anschließend haben uns die Erzählungen in den Evangelien vor Augen geführt, dass Jesus durch seine Worte und Gesten die Barmherzigkeit verkörpert. Seinerseits hat er seinen Jüngern die folgende Lehre erteilt: „Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!“ (Lk 6,36). Dieser Einsatz richtet Fragen an das Gewissen und das Handeln eines jeden Christen. So genügt es nicht, die Barmherzigkeit Gottes im eigenen Leben zu erfahren; jeder, der sie empfängt, muss auch deren Zeichen und Werkzeug für die anderen Menschen werden. Darüber hinaus ist die Barmherzigkeit nicht besonderen Momenten vorbehalten. Vielmehr umschließt sie unsere gesamte tägliche Erfahrung.

Wie können wir daher als Zeugen der Barmherzigkeit wirken? Lasst uns nicht denken, dass dazu große Anstrengungen oder übermenschliche Gesten vollbracht werden müssen. Nein, so ist es nicht. Der Herr weist uns einen viel einfacheren Weg der kleinen Gesten, die in seinen Augen jedoch von derart großem Wert sind, dass er uns gesagt hat, dass wir nach ihnen beurteilt werden. So zeigt uns eine der schönsten Schilderungen im Matthäusevangelium die Lehre, die wir gewissermaßen als „Testament Jesu“ seitens des Evangelisten betrachten könnten, der das Wirken der Barmherzigkeit direkt an sich selbst erfahren hat. Jedes Mal, wenn wir Hungrige speisen, Durstigen zu trinken geben, Nackte kleiden, Fremde aufnehmen und Kranke oder Gefangene besuchen, tun wir dies Jesus zufolge für ihn (vgl. Mt 25,31-46). Die Kirche nannte diese Gesten „leibliche Werke der Barmherzigkeit“, denn sie helfen den Menschen in ihren Materiellen Nöten.

Ebenso existieren weitere sieben Werke der Barmherzigkeit, die als die „geistigen“ bezeichnet werden. Diese betreffen andere, vor allem heute ebenso wichtige Bedürfnisse, denn sie berühren das Innere der Person und lassen oft mehr leiden. Sicherlich erinnern wir uns alle an eine, die in den allgemeinen Sprachgebrauch Eingang gefunden hat: „Lästige geduldig ertragen“. Und diese gibt es; es gibt lästige Menschen! Dabei handelt es sich scheinbar um einen wenig wichtigen Sachverhalt, der uns ein Lächeln entlockt. Allerdings ist darin eine Gesinnung tiefer Nächstenliebe enthalten; ebenso verhält es sich mit den verbleibenden sechs Werken, die wir uns gut merken sollen: Zweifelnden recht raten, Unwissende lehren, Sünder zurechtweisen, Trauernde trösten, Beleidigern verzeihen, für Lebende und Verstorbene zu Gott beten. Es sind alltägliche Dinge! „Aber ich trauere …“ – „Aber Gott wird dir helfen, ich habe keine Zeit …“. Nein, Ich halte inne, höre zu, nehme mir die Zeit um ihn zu trösten, das ist eine Geste der Barmherzigkeit und sie gilt nicht nur ihm, sondern Jesus!

In den nächsten Katechesen widmen wir uns der Betrachtung dieser Werke, die die Kirche uns als eine konkrete Weise des Lebens der Barmherzigkeit vorlegt. Im Laufe der Jahrhunderte haben sie viele einfache Menschen in die Tat umgesetzt und so ein authentisches Glaubenszeugnis abgelegt. Im Übrigen nährt die Kirche in Treue zu ihrem Herrn eine besondere Liebe zu den Schwächsten. Oft brauchen die uns an nächsten stehenden Menschen unsere Hilfe. Wir müssen uns nicht auf die Suche nach großen zu verwirklichenden Unternehmungen machen. Besser ist es, mit den einfachsten zu beginnen, die der Herr uns als die dringendsten zu erkennen gibt. In einer bedauerlicherweise mit dem Virus der Gleichgültigkeit infizierten Welt sind die Werke der Barmherzigkeit das beste Gegenmittel. Tatsächlich erziehen sie uns zur Aufmerksamkeit den grundlegendsten Bedürfnissen unserer „geringsten Brüder“ gegenüber (Mt 25,40), in denen Jesus gegenwärtig ist. Jesus ist stets in ihnen gegenwärtig. Wo ein Bedürfnis vorliegt, wo ein Mensch ein materielles oder geistiges Bedürfnis hat, ist Jesus. Sein Antlitz in jenem zu erkennen, der bedürftig ist, ist eine wahre Herausforderung gegen die Gleichgültigkeit. Sie verleiht uns die Fähigkeit, stets wachsam zu sein, zu vermeiden, dass Jesus an uns vorbeigeht, ohne dass wir ihn erkennen. Dies ruft uns den folgenden Satz des hl. Augustinus in Erinnerung: „Timeo Iesum transeuntem” (Serm. 88, 14, 13). „Ich habe Angst davor, dass der Herr vorbeigeht” und ich ihn nicht erkenne, dass der Herr in einem dieser geringen, bedürftigen, Menschen vor mir vorbeigeht und ich nicht bemerke, dass es Jesus ist. Ich habe Angst davor, dass Jesus vorbeigeht und ich ihn nicht erkenne! Ich fragte mich, warum der hl. Augustinus von der Angst vor dem Vorbeigehen Jesu gesprochen hat. Die Antwort findet sich leider in unserem Verhalten: Oft sind wir zerstreut, gleichgültig, und wenn der Herr und nahe kommt, lassen wir die Gelegenheit einer Begegnung mit ihm aus.

Die Werke der Barmherzigkeit erwecken in uns das Bedürfnis und die Fähigkeit, den Glauben mit der Nächstenliebe lebendig und wirksam zu machen. Ich bin überzeugt davon, dass wir durch diese einfachen täglichen Gesten eine wahre kulturelle Revolution wie in der Vergangenheit vollbringen können. Wenn ein jeder von uns jeden Tag eine davon ausführt, können wir die Welt revolutionieren! Wir alle, ein jeder von uns, muss sich jedoch daran beteiligen. An wie viele Heilige erinnern wir uns heute noch nicht aufgrund ihrer großen Werke, sondern aufgrund der Nächstenliebe, die sie zu vermitteln vermochten! Denken wir an Mutter Teresa, die vor kurzem heiliggesprochen wurde: An sie erinnern wir uns nicht wegen der vielen Häuser, die sie in aller Welt eröffnet hat, sondern da sie sich über jeden Menschen beugte, den sie auf der Straße fand, um ihm seine Würde zurückzugeben. Wie viele verlassene Kinder hat sie in die Arme genommen; wie viele Sterbende begleitete sie an der Schwelle zur Ewigkeit und hielt sie an der Hand! Diese Werke der Barmherzigkeit bilden das Antlitz Jesu, der sich seiner geringsten Brüder annimmt, um einem jeden die Zärtlichkeit und die Nähe Gottes zu bringen. Möge der Heilige Geist uns helfen, möge der Heilige Geist in uns den Wunsch entzünden, mit diesem Lebensstil zu leben: zumindest ein Werk pro Tag zu vollbringen! Lasst uns die leiblichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit wieder auswendig lernen und den Herrn darum bitten, uns bei der täglichen praktischen Umsetzung und dann zu helfen, wenn wir in einem bedürftigen Menschen Jesus sehen.

[Übersetzt aus dem Italienischen von Sarah Fleissner]

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Quelle

Generalaudienz: Weltrevolution durch kleine Gesten

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Papst trinkt Mate während der Generalaudienz

„Von Herzen grüße ich die deutschsprachigen Pilger, vor allem die Gruppen aus den Bistümern Köln, Essen, Münster und Speyer“: Auf dem Petersplatz war bei der Generalaudienz viel Deutsch zu hören, allein aus dem Erzbistum Köln waren 1.300 Pilger anlässlich ihrer Diözesanwahlfahrt gekommen. Hinzu kamen außerdem Jugendliche aus Trier, Priesteramtskandidaten aus Mainz und die Neupriester samt Familien des Päpstlichen deutschsprachigen Kollegs hier in Rom, des Collegium Germanicum.

In seiner Katechese öffnete der Papst ein neues Unterkapitel in seiner Reihe zum Thema Werke der Barmherzigkeit. Die Ansprache bildete so etwas wie ein Scharnier zwischen den beiden Typen der Werke der Barmherzigkeit, den leiblichen und den geistigen. Jesu Auftrag, barmherzig zu sein, wie der Vater barmherzig ist, appelliere an das Bewusstsein aller Christen, so der Papst. „Es reicht tatsächlich nicht aus, die Barmherzigkeit Gottes im eigenen Leben zu erfahren, sie muss auch zu einem Zeichen und zur Hilfe für die Anderen werden.“

Wie das ginge? Durch den Weg, den der Herr selber vorgegangen sei und der sehr einfach sei – er bestehe aus kleinen Gesten. „Denken wir nicht, dass es darum ginge, geradezu übermenschliche Anstrengungen zu unternehmen. Nein, darum geht es nicht!“

Er zitierte erneut eine seiner Lieblingsstellen in der Schrift (Mt 25, 31-46), das „Testament Jesu, wie es vom Evangelisten überliefert ist“, in dem Jesus erklärt, dass alles, was an den Geringsten getan werde, an ihm selbst getan sei. Das seien erst einmal das Besuchen von Kranken oder Gefangenen, das Geben von Essen an Hungrige und die anderen Dinge, die im Evangelium von Jesus selbst genannt werden und die als leibliche Werke der Barmherzigkeit bekannt sind. „Es gibt aber auch weitere sieben geistige Werke der Barmherzigkeit, bei denen es um andere gleichermaßen wichtige Bedürfnisse geht, und die das Innerste der Menschen berühren“, so der Papst. Es geht um das Trösten, das Ermahnen, das Unterrichten, das Beraten, das Vergeben und das Beten für die Lebenden und die Verstorbenen. „Das sind alltägliche Dinge! ‚Mir geht es schlecht …. Gott wird dir schon helfen, ich hab’ jetzt keine Zeit…’ Nein! Ich halte inne, ich höre zu, ich verliere Zeit und rate und tröste, das sind alles Zeichen der Barmherzigkeit, die nicht nur diesem Menschen getan werden, sondern Jesus selbst!” Und er fügte auch gleich eine Mahnung an: „Es sind oft die uns am nächsten Stehenden, die unsere Hilfe brauchen. Wir brauchen uns nicht auf die Suche zu machen, wer denn die Hilfe am nötigsten habe, es ist besser, mit denen zu beginnen, die Jesus uns als die Wichtigsten vorstellt, die ‚Kleinen’.“

In den kommenden Katechesen wolle er sich ausführlich mit diesen geistlichen Werken beschäftigen, kündigte der Papst an. Für alle, die heute vom „Virus der Gleichgültigkeit“ infiziert seien, bedeuteten diese Werke das beste Gegenmittel. „Ich habe Angst, dass Jesus vorüber geht und ich ihn nicht erkenne“: Dieses Zitat des heiligen Augustinus betonte der Papst an dieser Stelle. Alle Werke der Barmherzigkeit würden letztlich dem Herrn selbst getan. Er nähere sich dem Menschen, der sei aber abgelenkt, gleichgültig, und beim sich Nähern des Herrn werde oft eine Möglichkeit der Begegnung mit ihm verpasst. „Wenn jeder von uns, jeden Tag, nur eine dieser Gesten, dieser Werke tun würde, wäre das eine echte Weltrevolution! Aber alle, nicht wahr? Jeder von uns!“ Die Werke der Barmherzigkeit seien die Spuren des Angesichts Jesu Christi in der Welt. „Möge der Heilige Geist uns helfen, uns einen solchen Lebensstil zu wünschen, jeden Tag mindestens ein Werk zu tun, mindestens!“

(rv 12.10.2016 ord)

Papst Franziskus an die Jugendlichen: Seid „Vorkämpfer im Dienen“

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Kreuzweggebet in Krakau

Papst Franziskus hat die Jugendlichen dazu aufgerufen, „Vorkämpfer im Dienen“ zu sein. Die Menschheit brauche heute junge Leute, die bereit seien, die ihr Leben nicht „halb“ leben wollten, sondern es „gegenleistungsfrei“ für den Dienst an den Ärmsten und Schwächsten geben, so der Papst im Anschluss an einen Kreuzweg der Teilnehmer des Weltjugendtags im Krakauer Błonia-Park.

Jesus selbst habe sein Leben am Kreuz hingegeben und fordere nun die Menschen auf, es ihm nachzutun: „Um diesen Auftrag zu erfüllen, weist er euch den Weg des persönlichen Engagements und der Selbsthingabe: Es ist der Weg des Kreuzes. Der Weg des Kreuzes ist der Weg des Glücks, Christus bis zum Äußersten nachzufolgen, in den oft dramatischen Umständen des Alltagslebens. Es ist der Weg, der keine Misserfolge, Ausgrenzungen oder Einsamkeiten fürchtet, weil er das Herz des Menschen mit der Fülle Jesu sättigt. Der Weg des Kreuzes ist der Weg des Lebens, der Weg im Stile Gottes – ein Weg, den Jesus uns auch auf den Pfaden einer manchmal gespaltenen, ungerechten und korrupten Welt gehen lässt.“

Angesichts des Bösen, das in der Welt existiere, angesichts von Hunger, Krieg, Terror und dem Tod Unschuldiger komme immer wieder die Frage auf: „Wo ist Gott?“ Die Antwort Jesu laute wie folgt: „Er ist in uns.“ Am Kreuz trage Jesus die physischen, moralischen und spirituellen Wunden der gesamten Menschheit. „Heute Abend umfasst Jesus – und wir mit ihm – mit besonderer Liebe unsere syrischen Brüder und Schwestern, die vor dem Krieg geflohen sind. Wir grüßen sie und nehmen sie mit geschwisterlicher Liebe und mit Sympathie auf“, hob Franziskus hervor.

Der Kreuzweg mit Jugendlichen aus der ganzen Welt bestand aus vierzehn Stationen zu jeweils einem Werk der Barmherzigkeit, etwa „Fremde beherbergen“, die „Kranken besuchen“ und die „Lästigen geduldig ertragen“. Jede Station wurde von einer christlichen Hilfseinrichtung begleitet, etwa der Gemeinschaft Sant’Egidio, den Missionarinnen der Barmherzigkeit, Hospizeinrichtungen und Obdachlosenhilfen.

Werke der Barmherzigkeit

Franziskus ging in seiner Ansprache auf die zwei verschiedenen Formen der Barmherzigkeit ein: Die leiblichen und der geistlichen Werke. Die leibliche Barmherzigkeit bestehe im Hungernde speisen, Durstigen zu trinken geben, Nackte bekleiden, Fremde beherbergen, Gefangene besuchen. „Dort finden wir unseren Gott, dort berühren wir den Herrn“, so Franziskus. Des Weiteren sollten die Gläubigen „geistliche Werke der Barmherzigkeit“ tätigen, indem sie Zweifelnde beraten, die Unwissenden lehren, die Sünder zurechtweisen, Beleidigungen verzeihen.

„Mit der Aufnahme des Ausgegrenzten, der leiblich verwundet ist, und mit der Aufnahme des Sünders, der seelisch verwundet ist, steht unsere Glaubwürdigkeit als Christen auf dem Spiel,“ so Franziskus. „Wenn jemand, der sich Christ nennt, nicht lebt, um zu dienen, dient er nicht für das Leben. Mit seinem Leben verleugnet er Jesus Christus.“

Und er entließ die Jugendlichen mit den Worten: „Liebe junge Freunde, an jenem Karfreitag kehrten viele Jünger traurig nach Hause zurück, andere zogen es vor, zu ihrem Haus auf dem Lande zu gehen, um das Kreuz zu vergessen. Ich frage euch: Wie wollt ihr heute Abend in eure Häuser, in Eure Herbergen zurückkehren? Wie wollt ihr heute Abend zur Begegnung mit euch selbst zurückkehren? Es liegt bei jedem von euch, auf die Herausforderung dieser Frage zu reagieren.“

(rv 29.07.2016 cz)

Opus Dei: Brief des Prälaten (Juli 2016)

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„Der besondere Ausweis des Christen ist die Freude“, sagt Bischof Echevarria in seinem Brief, indem er einen Ausdruck des Heiligen Vaters wiederholt. Und er lädt uns dazu ein, dass geistige Werk der Barmherzigkeit „die Trauernden zu trösten“ in die Tat umzusetzen.

Ihr Lieben: Jesus möge meine Töchter und Söhne beschützen!

Im Laufe dieser Monate bemühen wir uns, die Werke der Barmherzigkeit in die Mitte unseres Lebens zu stellen. Wir wollen heute eins dieser Werke betrachten, auf das sich Jesus Christus ausdrücklich bezieht, wenn er den christlichen Weg der Seligpreisungen beschreibt: „Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.“[1]

Es handelt sich um ein Werk der Barmherzigkeit, das – wie die Vergebung von Beleidigungen – uns Gott ähnlicher macht, uns ihn nachahmen lässt. Schon im Alten Testament hatte Gott angekündigt: „Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, so tröste ich euch.“[2] Beim letzten Abendmahl verspricht Jesus diesen Trost auf vollkommene Weise, indem er den Heiligen Geist verspricht, die göttliche Person, der als personifizierte Liebe die Aufgabe zukommt, die Christen in ihren Schmerzen zu trösten und die Bedrückten in allen Schwierigkeiten zu stärken.

Meine Kinder, wenn wir uns die Lage der Welt vor Augen führen, stellen wir fest, dass viele Menschen weinen und leiden. Die vom Krieg ausgelösten Dramen verursachen große Katastrophen, die uns nicht gleichgültig lassen können; das Aufkommen der Migranten und himmelschreiende Ungerechtigkeiten verursachen viele Tränen. Ich denke besonders an jene, die leiden, weil sie ihren Glauben unter Einsatz ihres Lebens verteidigen.

Wenn ich Eure Briefe lese oder mich mit Euch unterhalte, teile ich von ganzem Herzen Eure Freuden und auch Eure Leiden und Schmerzen. Wie viele Familien leiden sehr, weil ein Familienmitglied sich von Gott entfernt hat oder weil sie einen Kranken leiden sehen und seine Schmerzen nicht lindern können. Wir leben mitten in der Welt und daher ist es nur logisch, dass die heutigen Dramen – die Geißel der Drogen, die Krise der Familie, die Kälte des Individualismus, die Wirtschaftskrise – uns ganz unmittelbar berühren.

Angesichts dieser Wirklichkeit dürfen wir nicht traurig werden. Wir können sicher sein: Wenn wir mit dem Herzen Jesu vereint bleiben, werden wir getröstet, nicht erst im ewigen Leben. Schon hier auf der Erde bietet uns der Herr den Trost durch seine Nähe. Wie ein liebevoller Vater lässt er uns niemals alleine. Wie uns immer der hl. Josefmaria gelehrt hat, liegt die Wurzel der übernatürlichen Freude der Christen im Bewusstsein unserer Gotteskindschaft. „Die Sicherheit der Kinder Gottes zu wissen, dass wir nie alleine sind, weil er immer bei uns ist, schenkt mir ungeheuren Trost. Rührt Euch nicht diese zärtliche Liebe der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, die ihre Geschöpfe niemals im Stich lässt?“[3]

In den ersten Zeiten des Christentums war das Beispiel unserer Vorfahren, der ersten getauften Gläubigen, einer der Gründe für die Bekehrung der heidnischen Welt. Sie verloren nicht die übernatürliche Freude angesichts der Strafen und Verfolgungen, die sie aus Liebe zu Christus erlitten. In der Apostelgeschichte wird ausdrücklich erzählt, wie die Apostel, nachdem sie wegen der Verkündigung des Evangeliums ausgepeitscht worden waren, „vom Hohen Rat weggingen und sich freuten, dass sie gewürdigt worden waren, für seinen Namen Schmach zu erleiden“[4].

Auch heute muss die übernatürliche und menschliche Freude derer, die Christus nachfolgen, selbst inmitten der größten Widerwärtigkeiten, wie ein Magnet sein, der jene anzuziehen vermag, die in Traurigkeit oder Verzweiflung eingetaucht leben, weil sie nicht wissen, wie sehr sie Gott liebt. „Der Christ lebt in der Freude und im Staunen über die Auferstehung Jesu Christi. Wie wir im ersten Brief des heiligen Petrus lesen (1, 3-9), kann niemand uns die Freude darüber, was Gott in uns gewirkt hat, nehmen, auch wenn wir durch Prüfungen bedrängt werden … Der besondere Ausweis des Christen ist die Freude: die Freude des Evangeliums, die Freude, durch Jesus erwählt zu sein, durch Jesus gerettet zu sein, durch Jesus erneuert zu sein. Die Freude, aus der Hoffnung, dass Jesus uns erwartet, die Freude – selbst in den Kreuzen und in den Leiden dieses Lebens –, die sich auf andere Weise ausdrückt: sie ist der Frieden aus der Sicherheit, dass Jesus uns begleitet, dass er an unserer Seite ist. Im Chris­ten wächst diese Freude mit dem Vertrauen auf Gott.“[5]

Auf der Grundlage der göttlichen Tugenden des Glaubens und der Hoffnung versteht man die Sicherheit, mit der unser Vater zum Ausdruck brachte, dass „die Freude ein christliches Gut ist, das wir solange besitzen, wie wir kämpfen, denn sie ist Frucht des Friedens …“[6] und „hat ihre Wurzeln in Kreuzform“[7].

Ein Christ, der sich als Kind Gottes weiß, dürfte sich nicht von Traurigkeit einschüchtern lassen. Er kann zwar an Leib und Seele leiden. Aber selbst dann verleiht ihm das in ihm durch das Handeln des Heiligen Geistes hervorgerufene Bewusstsein seiner Gotteskindschaft neue Kräfte, um semper in laetitia! voranzukommen. Der hl. Josefmaria erteilte den folgenden Ratschlag: „Solange wir beharrlich kämpfen, schreiten wir auf unserem Weg fort, und wir heiligen uns. Die Heiligen mussten ausnahmslos hart kämpfen. Unsere Fehler dürfen uns nicht in Traurigkeit und Niedergeschlagenheit fallen lassen. Denn die Traurigkeit kann vom Stolz oder von der Müdigkeit verursacht werden. In beiden Fällen findet jedoch derjenige, der sich an den Guten Hirten wendet und mit Klarheit redet, das passende Heilmittel. Es gibt immer eine Lösung, selbst wenn jemand eine überaus schwere Verfehlung begangen hätte![8]

Das sichere Mittel, um die Traurigkeit zu meiden oder um sich aus ihrer Umklammerung zu befreien, besteht darin, vor dem Tabernakel Jesus das Herz zu öffnen, und ebenso demjenigen, der als Jesu Werkzeug auf den unwegsamen Wegen des geistlichen Lebens Orientierung bietet. Wir sollen uns den Ratschlag des hl. Josefmaria stets vor Augen führen und ihn in die Tat umsetzen: „Erhebt das Herz zu Gott, wenn sich der harte Augenblick des Tages einstellt, wenn sich die Traurigkeit in unser Herz einschleichen will, wenn wir die Last der Arbeit spüren. Dann sollen wir sagen: miserere mei Domine, quoniam ad te clamavi tota die: laetifica animam servi tui, quoniam ad te Domine anima meam levavi (Psalm 86 (85) 3–4): Du bist mein Gott. Sei mir gnädig, o Herr! Den ganzen Tag rufe ich zu dir. Herr, erfreue deinen Knecht; denn ich erhebe meine Seele zu dir.[9]

Was für eine wunderbare Arbeit verrichten die Christen, wenn sie Menschen trösten, die sich wegen einer kleinen oder großen Widrigkeit, die ihnen den Frieden raubt, quälen! Über die Gebete hinaus, die sie für sie sprechen, tut es not, eine herzliche Annahme zu fördern. Denn viele Menschen suchen lediglich jemanden, der ihnen geduldig zuhört, wenn sie von ihrem Leiden erzählen. Wie vielen traurigen Gesichtern begegnen wir auf unserem irdischen Weg, weil niemand diese Menschen gelehrt hat, sich dem Herrn zu überlassen! Mit wie viel brüderlichem Trost sollen wir sie annehmen! „Wie viele Tränen werden vergossen in jedem Augenblick in der Welt – eine verschieden von der anderen –, und zusammen bilden sie gleichsam einen Ozean der Trübsal, der nach Erbarmen, Mitleid und Tröstung ruft. Die bittersten sind die, welche von der menschlichen Bosheit verursacht werden: die Tränen dessen, dem ein geliebter Mensch gewaltsam entrissen wurde; Tränen von Großeltern, von Müttern und Vätern, von Kindern (…). Wir brauchen Barmherzigkeit, wir brauchen den Trost, der vom Herrn kommt. Wir alle brauchen ihn; das ist unsere Armut, aber auch unsere Größe: den Trost Gottes zu erflehen, der mit seiner zärtlichen Liebe kommt, um die Tränen von unserem Gesicht abzuwischen“[10]

So verfuhr der Herr in seinem Leben inmitten der Menschen. Von seiner Barmherzigkeit bewegt, hielt er auf seinem Weg, um die Witwe von Naim zu trösten, die den Tod ihres einzigen Sohnes beweinte. Auf dieselbe Art und Weise verhielt er sich gegenüber Marta und Maria in Bethanien, die wegen des Tods ihres Bruders Lazarus betrübt waren. Ebenfalls weinte er über das Schicksal, das die Stadt Jerusalem ereilen sollte.[11] Zu Beginn seiner Passion litt er am Ölberg so sehr, dass er Blut schwitzte und zuließ, das ein Engel – eine Kreatur – ihm Trost spendete (vgl. Lk 22, 39-46). Kann es einen größeren Beweis für sein Menschsein geben, als dass er den Trost zulässt, die Kraft, die uns jemand anderes gibt, um unsere Niedergeschlagenheit, unsere Schwäche, unsere Verzagtheit zu überwinden?[12]

Wir wollen den Schritten Jesu folgen und diejenigen trösten, die des Trostes bedürfen. Dies gehört zum innersten Kern der christlichen Geisteshaltung. Mit folgendem, später von vielen Generationen wiederholtem Gebet wandte sich Franz von Assisi an den Herrn: „Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens. Wo Hass herrscht, lass mich Liebe entfachen. Wo Beleidigung herrscht, lass mich Vergebung entfachen. Wo Zerstrittenheit herrscht, lass mich Einigkeit entfachen. Wo Irrtum herrscht, lass mich Wahrheit entfachen. Wo Zweifel herrscht, lass mich Glauben entfachen. Wo Verzweiflung herrscht, lass mich Hoffnung entfachen. Wo Finsternis herrscht, lass mich Dein Licht entfachen. Wo Kummer herrscht, lass mich Freude entfachen“[13].

Am 22. des Monats werden wir Maria Magdalena gedenken. Vor wenigen Tagen hat der Papst ihren liturgischen Gedenktag zum Fest erhoben. Ihre Tränen aus Reue haben sämtliche Verfehlungen ihres vergangenen Lebens gelöscht. Sie erlaubten ihr, sich später dem Herrn in seinem Leiden anzuschließen wie sonst keine andere der heiligen Frauen – selbstverständlich mit Ausnahme der Gottesmutter. Wenden wir uns an die Mutter Gottes, die auch unsere Mutter ist, in allen unseren Nöten. Sie ist Trösterin der Betrübten, Zuflucht der Sünder, Hilfe der Christen. Sie hört nicht auf, uns zu beschützen. „Mutter! – Rufe es laut, laut. – Sie hört dich, sieht dich vielleicht bedroht, und sie – deine heilige Mutter – bietet dir mit der Gnade ihres Sohnes ihre mütterliche Hilfe, ihre liebende Zärtlichkeit an: dann bist du gestärkt zu neuem Kampfe“[14].

Beten wir weiter für den Papst und seine Anliegen. Wir wollen ihn auf seiner apostolischen Reise nach Polen aus Anlass des Weltjugendtages in Krakau geistlich begleiten.

In Liebe segnet Euch

Euer Vater

+ Javier

Aix-en-Provence


[1]Mt 5.4

[2]Is 66, 13

[3]Hl. Josefmaria, Allein mit Gott, 143

[4]Apg 5, 41

[5]Papst Franziskus, Homilie in Santa Marta, 23.5. 2016

[6]Im Feuer der Schmiede, 105

[7]Im Feuer der Schmiede, 28

[8]Hl. Josefmaria, Brief 28.3.1955, Nr. 25.

[9]Hl. Josefmaria, Brief 9.1.1932, Nr. 15.

[10]Papst Franziskus, Gebetswache „um die Tränen zu trocknen“, 5.5.2016.

[11]Vgl. Lk 7, 11-13; Joh 11, 17 ff.; Lk 19, 41-44.

[12]Hl. Josefmaria, Brief 29.9.1957, Nr. 34.

[13]Dem hl. Franz von Assisi zugeschriebenes Friedensgebet.

[14]Hl. Josefmaria, Der Weg, 516.