Premiere: Eine ökumenische Doppel-Audienz

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Heinrich Bedford-Strohm beim Papst

Es war ein besonderer Moment für die Ökumene: Eine Delegation der evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) war an diesem Montag bei Papst Franziskus zu Gast – und der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, nahm ebenfalls an der Papstaudienz teil. Eine Premiere und ein Highlight des Jahres, in dem an den Beginn der Reformation vor fünfhundert Jahren erinnert wird.

Franziskus würdigte in seiner Ansprache die „langjährige Zusammenarbeit“ und „gereifte ökumenische Beziehung“ der deutschen Kirchen. „Ich wünsche Ihnen, dass Sie auf diesem segensreichen Weg des geschwisterlichen Miteinanders vorankommen und mutig und entschlossen auf eine immer vollkommenere Einheit hin fortschreiten. Wir haben die gleiche Taufe: Wir müssen zusammen gehen, ohne müde zu werden!“

Es sei „bedeutsam“, dass sich evangelische und katholische Christen im Jahr des Reformationsgedenkens vorgenommen hätten, „Christus erneut ins Zentrum ihrer Beziehungen zu stellen“, sagte der Papst. Martin Luthers Frage nach dem gnädigen Gott sei – damit zitierte er seinen Vorgänger Benedikt XVI. – „die tiefe Leidenschaft und Triebfeder“ von Luthers Denken und Handeln gewesen. „Was die Reformatoren beseelte und beunruhigte, war im Grunde der Wunsch, den Weg zu Christus zu weisen. Das muss uns auch heute am Herzen liegen, nachdem wir dank Gottes Hilfe wieder einen gemeinsamen Weg eingeschlagen haben.“

„Nicht grollend auf die Vergangenheit schauen“

Das Gedenkjahr biete die Chance, „einen weiteren Schritt vorwärts zu tun“, fuhr Franziskus fort. Statt „grollend auf die Vergangenheit zu schauen“, sollten die Kirchen „den Menschen unserer Zeit wieder die radikale Neuheit Jesu und die grenzenlose Barmherzigkeit Gottes vor Augen stellen“. Das sei doch „genau das, was die Reformatoren in ihrer Zeit anregen wollten“.

„Dass ihr Ruf zur Erneuerung Entwicklungen auslöste, die zu Spaltungen unter den Christen führten, war wirklich tragisch. Die Gläubigen erlebten einander nicht mehr als Brüder und Schwestern im Glauben, sondern als Gegner und Konkurrenten. Allzu lange haben sie Feindseligkeiten gehegt und sich in Kämpfe verbissen, die durch politische Interessen und durch Machtstreben genährt wurden…“

Zum Glück sei das heute vorbei, urteilte Papst Franziskus. Allerdings müsse man die schmerzhafte Vergangenheit „in Demut und mit Freimut angehen“; darum sei es richtig, dass die Kirchen bald einen Buß- und Versöhnungsgottesdienst feiern wollten, um die „Erinnerung zu heilen“.

„So werden Sie – Katholiken und Protestanten in Deutschland – betend auf den starken Ruf antworten können, den Sie im Ursprungsland der Reformation gemeinsam vernehmen: in Gott das Gedächtnis zu reinigen, um innerlich erneuert und vom Heiligen Geist ausgesandt, dem Menschen von heute Jesus zu bringen.“

Der Papst lobte die gemeinsamen Initiativen von EKD und katholischer Kirche in Deutschland im Jahr des Reformationsgedenkens. Dabei erwähnte er u.a. die gemeinsame Pilgerreise von Bischöfen verschiedener Konfessionen ins Heilige Land. „Mögen die Wiederentdeckung der gemeinsamen Glaubensquellen, die Heilung der Erinnerung in Gebet und Nächstenliebe sowie die praktische Zusammenarbeit bei der Verbreitung des Evangeliums und dem Dienst an den Mitmenschen Impulse sein, um noch rascher auf dem Weg voranzukommen!“

„Wir wissen die Gaben der Reformation zu schätzen“

Jahrzehnte des „ökumenischen Miteinanders“ in Deutschland haben nach Ansicht des Papstes eine „geistliche Verbundenheit gefestigt“. Das mache es heute möglich, „das beiderseitige Versagen an der Einheit im Kontext der Reformation und der nachfolgenden Entwicklungen heute gemeinsam zu beklagen“. „Zugleich wissen wir – in der Wirklichkeit der einen Taufe, die uns zu Brüdern und Schwestern macht, und im gemeinsamen Hören auf den Geist – in einer bereits versöhnten Verschiedenheit die geistlichen und theologischen Gaben zu schätzen, die wir von der Reformation empfangen haben.“

Versöhnte Verschiedenheit ist eine Formulierung des reformierten Theologen und Konzils-Beobachters Oscar Cullmann, die das Ziel einer christlichen Einheit beschreibt. Der Lutherische Weltbund hat sich die „versöhnte Verschiedenheit“ als ökumenisches Leitbild auf die Fahnen geschrieben, und Franziskus hat sich schon in seiner Zeit als Erzbischof von Buenos Aires dazu bekannt.

Der Papst erinnerte an seine Teilnahme am Start des offiziellen Reformations-Gedenkjahres im schwedischen Lund Ende Oktober letzten Jahres. Er habe dort „für die Vergangenheit um Vergebung gebeten“, erinnerte er. „Für die Zukunft möchte ich unsere unwiderrufliche Verpflichtung bekräftigen, gemeinsam das Evangelium zu bezeugen und auf dem Weg zur vollen Einheit voranzuschreiten. Indem wir dies gemeinsam tun, kommt auch der Wunsch auf, neue Wege einzuschlagen. Immer mehr lernen wir, uns zu fragen: Können wir diese Initiative mit unseren Brüdern und Schwestern in Christus teilen? Können wir zusammen eine weitere Wegstrecke zurücklegen?“

„Dialog und Zusammenarbeit intensivieren“

Auf den Wunsch vieler Christen, vor allem konfessionsverschiedener Ehepaare, nach einer eucharistischen Gastfreundschaft (Interkommunion) ging Franziskus nicht ausdrücklich ein. Er erwähnte aber die „weiter bestehenden Differenzen in Fragen des Glaubens und der Ethik“, die eine „sichtbare Einheit“ immer noch blockierten – zum Frust vieler Gläubiger.

„Der Schmerz wird besonders von den Eheleuten empfunden, die verschiedenen Konfessionen angehören. Besonnen müssen wir uns mit inständigem Gebet und all unseren Kräften darum bemühen, die noch bestehenden Hindernisse zu überwinden durch eine Intensivierung des theologischen Dialogs und durch eine Stärkung der praktischen Zusammenarbeit unter uns,  vor allem im Dienst an denen, die am meisten leiden, und in der Fürsorge für die bedrohte Schöpfung.“

Zum Abschluss der Audienz betete der Papst mit seinen Besuchern aus Deutschland ein Vaterunser: auch das ein Zeichen dafür, was schon geht unter Christen verschiedener Konfessionen.

(rv 06.02.2017 sk)


Im Wortlaut:
Franziskus an deutsche ökumenische Delegation

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Radio Vatikan dokumentiert im vollen Wortlaut die Ansprache von Papst Franziskus an eine deutsche ökumenische Delegation, die anlässlich des Luther-Gedenkens nach Rom kommt.

Liebe Brüder und Schwestern,

mit Freude heiße ich Sie willkommen und begrüße Sie herzlich. Ich danke Herrn Landesbischof Bedford-Strohm für seine freundlichen Worte und freue mich über die Anwesenheit von Kardinal Marx: Dass der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz die Delegation der evangelischen Kirche in Deutschland begleitet, ist eine Frucht langjähriger Zusammenarbeit und Ausdruck einer im Laufe der Jahre gereiften ökumenischen Beziehung. Ich wünsche Ihnen, dass Sie auf diesem segensreichen Weg des geschwisterlichen Miteinanders vorankommen und mutig und entschlossen auf eine immer vollkommenere Einheit hin fortschreiten. Wir haben die gleiche Taufe: Wir müssen zusammen gehen, ohne müde zu werden!

Es ist bedeutsam, dass anlässlich des 500. Jahrestags der Reformation  evangelische und katholische Christen das gemeinsame Gedenken der geschichtsträchtigen Ereignisse der Vergangenheit zum Anlass nehmen, um Christus erneut ins Zentrum ihrer Beziehungen zu stellen. Gerade » die Frage nach Gott «, die Frage: » Wie kriege ich einen gnädigen Gott? «  war » die tiefe Leidenschaft und Triebfeder [des] Lebens und [des] ganzen Weges « von Martin Luther (Benedikt XVI., Begegnung mit den Vertretern der evangelischen Kirche in Deutschland, 23. September 2011). Was die Reformatoren beseelte und beunruhigte, war im Grunde der Wunsch, den Weg zu Christus zu weisen. Das muss uns auch heute am Herzen liegen, nachdem wir dank Gottes Hilfe wieder einen gemeinsamen Weg eingeschlagen haben. Dieses Gedenkjahr bietet uns die Gelegenheit, einen weiteren Schritt vorwärts zu tun, indem wir nicht grollend auf die Vergangenheit schauen, sondern im Sinne Christi und in der Gemeinschaft mit ihm, um den Menschen unserer Zeit wieder die radikale Neuheit Jesu und die grenzenlose Barmherzigkeit Gottes vor Augen zu stellen: genau das, was die Reformatoren in ihrer Zeit anregen wollten. Dass ihr Ruf zur Erneuerung Entwicklungen auslöste, die zu Spaltungen unter den Christen führten, war wirklich tragisch. Die Gläubigen erlebten einander nicht mehr als Brüder und Schwestern im Glauben, sondern als Gegner und Konkurrenten. Allzu lange haben sie Feindseligkeiten gehegt und sich in Kämpfe verbissen, die durch politische Interessen und durch Machtstreben genährt wurden, und scheuten bisweilen nicht einmal davor zurück, einander Gewalt anzutun, Bruder gegen Bruder. Heute hingegen sagen wir Gott Dank, dass wir endlich » alle Last […] abwerfen« und brüderlich » mit Ausdauer in dem Wettkampf laufen, der uns aufgetragen ist, und dabei auf Jesus blicken « (Hebr 12,1-2).

Ich bin Ihnen dankbar, weil Sie vorhaben, mit diesem Blick gemeinsam in Demut und mit Freimut eine Vergangenheit anzugehen, die uns schmerzt, und in Kürze miteinander einen bedeutenden Akt der Buße und der Versöhnung zu vollziehen: einen ökumenischen Gottesdienst unter dem Leitwort „Erinnerung heilen – Jesus Christus bezeugen“. So werden Sie – Katholiken und Protestanten in Deutschland – betend auf den starken Ruf antworten können, den Sie im Ursprungsland der Reformation gemeinsam vernehmen: in Gott das Gedächtnis zu reinigen, um innerlich erneuert und vom Heiligen Geist ausgesandt, dem Menschen von heute Jesus zu bringen. Mit diesem Zeichen und weiteren für dieses Jahr vorgesehenen Initiativen – der gemeinsamen Pilgerreise ins Heilige Land, der gemeinsamen Bibeltagung zur Vorstellung der neuen Bibelübersetzungen und dem ökumenischen Tag zum Thema der gesellschaftlichen Verantwortung der Christen – beabsichtigen Sie, dem Christusfest, das Sie anlässlich des Reformationsgedenkens gemeinsam feiern wollen, eine konkrete Gestalt zu verleihen. Mögen die Wiederentdeckung der gemeinsamen Glaubensquellen, die Heilung der Erinnerung in Gebet und Nächstenliebe sowie die praktische Zusammenarbeit bei der Verbreitung des Evangeliums und dem Dienst an den Mitmenschen Impulse sein, um noch rascher auf dem Weg voranzukommen.

Dank der geistlichen Verbundenheit, die sich in diesen Jahrzehnten des ökumenischen Miteinanders gefestigt hat, können wir das beiderseitige Versagen an der Einheit im Kontext der Reformation und der nachfolgenden Entwicklungen heute gemeinsam beklagen. Zugleich wissen wir – in der Wirklichkeit der einen Taufe, die uns zu Brüdern und Schwestern macht, und im gemeinsamen Hören auf den Geist – in einer bereits versöhnten Verschiedenheit die geistlichen und theologischen Gaben zu schätzen, die wir von der Reformation empfangen haben. In Lund habe ich am vergangenen 31. Oktober dem Herrn dafür gedankt und für die Vergangenheit um Vergebung gebeten. Für die Zukunft möchte ich unsere unwiderrufliche Verpflichtung bekräftigen, gemeinsam das Evangelium zu bezeugen und auf dem Weg zur vollen Einheit voranzuschreiten. Indem wir dies gemeinsam tun, kommt auch der Wunsch auf, neue Wege einzuschlagen. Immer mehr lernen wir, uns zu fragen: Können wir diese Initiative mit unseren Brüdern und Schwestern in Christus teilen? Können wir zusammen eine weitere Wegstrecke zurücklegen?

Die weiter bestehenden Differenzen in Fragen des Glaubens und der Ethik bleiben Herausforderungen auf dem Weg zur sichtbaren Einheit, nach der sich unsere Gläubigen sehnen. Der Schmerz wird besonders von den Eheleuten empfunden, die verschiedenen Konfessionen angehören. Besonnen müssen wir uns mit inständigem Gebet und all unseren Kräften darum bemühen, die noch bestehenden Hindernisse zu überwinden durch eine Intensivierung des theologischen Dialogs und durch eine Stärkung der praktischen Zusammenarbeit unter uns,  vor allem im Dienst an denen, die am meisten leiden, und in der Fürsorge für die bedrohte Schöpfung. In einer Zeit, in der die Menschheit durch tiefe Risse verwundet ist und neue Formen von Ausschließung und Ausgrenzung erfährt,  ruft die dringende Aufforderung Jesu zur Einheit (vgl. Joh 17,21) uns wie auch die gesamte Menschheitsfamilie auf den Plan. Auch daher ist unsere Verantwortung groß!

In der Hoffnung, dass diese Begegnung die Gemeinschaft zwischen uns weiter stärkt, bitte ich den Heiligen Geist, der Einheit schafft und erneuert, Sie auf Ihrem gemeinsamen Weg mit dem Trost, der von Gott kommt (vgl. 2 Kor 1,4), zu kräftigen und Ihnen seine prophetischen und kühnen Wege aufzuzeigen. Von Herzen rufe ich den Segen Gottes auf Sie alle und auf Ihre Gemeinschaften herab und bitte Sie, im Gebet an mich zu denken. Ich danke Ihnen sehr [und möchte Sie einladen, jetzt zusammen das Vaterunser zu sprechen].

(rv 06.02.2017 gs)

Was man zum Lutherjahr 2017 nicht ausblenden darf!

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Kurt Kardinal Koch:

„Martin Luther hat sehr viel Positives gebracht. Er war ein leidenschaftlicher Gottsucher und ganz von Christus angetan. Aber Martin Luther wollte keine Spaltung. Er wollte die Erneuerung der ganzen Kirche.“

Dazu ein paar Zitate aus dem Buch „Lutherpsychologie als Schlüssel zur Lutherlegende – Denifles Untersuchungen kritisch nachgeprüft – von Albert Maria Weiß O.P., Mainz 1906:

Wir haben Luther so oft zu entschuldigen und von der günstigsten Seite zu erklären gesucht, dass es angezeigt ist, hier, wo sich sein wahres Wesen ohne Umschweife zu erkennen gibt, der rohen Wirklichkeit ihr Recht zuzugestehen und einige der erträglichsten Ausbrüche seines Hasses gegen die Kirche zusammenzustellen. Selbstverständlich unterdrücken wir alle Stellen, die durch Gemeinheit oder durch Schmutz das sittliche Gefühl allzusehr beleidigen. Nur eine kleine Sammlung von Ausdrücken, mit denen er den Papst bedenkt, und zwar, wie das sein Brauch ist, nie zu vereinzelten Malen, sondern fast jedesmal seitenlang immer und immer wieder, bis ihm ein neues Schimpfwort einfällt.

Der Papst ist ihm …

  • der höllisch Vater (Erl. 26, 83, 128; 29, 304), der allerhöllischst Vater (Erl. 26, 77. 110), Ew. Höllischeit (Erl. 26, 111 – auf 15 Zeilen 6 mal),
  • Satanitas (Erl. 26, 215), Satanissimus (ebend.),
  • ärger denn alle Teufel (Weim. 7, 373; Erl. 24, 96), des Satanas Apostel (Weim. 7, 378; Erl. 24, 100), des Teufels Apostel (Erl. 26, 134), Knecht Satanä (Erl. 31, 412),
  • besessen und voller Teufel (Erl. 26, 148. 180. 212), des Satans leibhaftige Wohnung (Erl. 26, 125),
  • der heidnische Teufel zu Rom (Erl. 26, 218), der greuliche Greuel zu Rom, der sich Papst nennt (Erl. 110),
  • Wolf der Christenheit (Weim. 7, 360; Erl. 24, 88), der römische Schalk (Erl. 26, 121),
  • der Spitzbube zu Rom (Erl. 26, 131), der verzweifelte Spitzbube und Erzspitzbube (Erl. 26, 123 ff.),
  • Meister aller Lügen (Erl. 26, 173),
  • Seelenmörder und Weltfresser (Erl. 26, 175),
  • der schändliche Lecker (Erl. 26, 111), dieses Leckerin (Erl. 26, 115),
  • der verzweifelte, gotteslästerliche Bösewicht (Erl. 26, 180),
  • der ärgste Bube aller Buben auf Erden (Erl. 26, 191),
  • der hochmüthige Wanst zu Rom (Erl. 26, 199),
  • der muthwillige Bube zu Rom (Erl. 26, 222),
  • das unverschampte Lügenmaul, Lästermaul, Teufelsmaul, Teufelskopf, Schandlügner (Erl. 26, 147. 200; 29, 302. 305. 306. 311),
  • der sein unverschamptes Lästermaul in den Himmel erhebt (Weim. 7, 394; Erl. 24, 111; 26, 200),
  • das verstockte, verblendete Teufelskind, der Feind aller Wahrheit (Erl. 31, 413),
  • der rasende, unsinnige Narr, der tolle Papstesel (Erl. 26, 128. 202. 213),
  • F..zesel (Erl. 26, 184 f.), Eselsf..zpapst (Erl. 26, 185), Papstf..z (Erl. 26, 186), Eselskopf (Erl. 26, 223),
  • Bauchknecht (Erl. 26, 212), Doktor in der Bubenschule (ebend.)
  • Lügengeist, Gotteslästerer (Erl. 29, 305),
  • des Teufels Sau, der Papst mit seinem Rüssel (Weim. 8, 540; Erl. 28, 109),
  • kein Christ, ein verdampter Heide, der verteufelte Mensch der Sünde (Erl. 26, 218),
  • wer ihm folgt, kann nicht selig werden, wer selig werden will, der verdamme den Papst wie den Teufel (Erl. 26, 213).
  • Die Kirche, die es mit dem Papst hält, ist die römische, die päpstliche, die heilige Bubenschule zu Rom (Erl. 26, 115. 143. 159. 192; 27, 92),
  • die verzweifelte (Erl. 26, 115), verfluchte (Erl. 26, 171), verdammte Bubenschule (Erl. 31, 395),
  • die Grundsuppe aller Buben zu Rom (Erl. 26, 117), die höllische Grundsuppe (Erl. 26, 117, 130. 179),
  • die Grundsuppe des Teufels (Erl. 26, 127),
  • die Heidenkirche (Erl. 26, 22), des Teufels Kirche, die Teufels-Synagoge (Erl. 26, 19. 24. 26. 43. 45. 158),
  • aller Teufel Kirche (Erl. 26, 34),
  • die Satansschule, die Pforten der Hölle (Erl. 31, 122)

Die es mit dem Papste halten, die Bischöfe und die Theologen insbesondere, sind …

  • wüthige Gottes Feinde (Erl. 25, 4), unsere Teufel, zehnmal tiefer verdammt denn alle Türken, Tatern, Heiden und Jüden (Erl. 25, 31),
  • zweifüßige Büffel (Erl. 26, 204),
  • Bluthunde (Erl. 25, 13. 14. 221), Plattenhengste und Heuchler (Erl. 25, 29), unbußfertige Erzbösewichter (Erl. 25, 45),
  • Nachteulen, Fledermäuse, Maulwürfe, Uhuhen, Nachtraben (Erl. 25, 19; 26, 41), Erzlästerer (Erl. 27, 88),
  • Schnecken, Maulworffen, Eidechsen, Frösch, Hewschrecken, Rosskesser, Nattern, die all ir Tag in iren Sawlacken kriechen und vederben in iren sophistischen Unflat (Weim. 11, 305).
  • verdammte Gottesräuber und Himmelsaufrührer (Erl. 26, 46),
  • Wölfe, Seelenmörder (Erl. 28, 148),
  • verzweifelte, abgefeimte Rotten, die der Teufel reitet (Erl. 31, 396, 399),
  • Teufelsapostel (Erl. 53, 78; De Wette II, 56),
  • Baalpfaffen (Weim. 8, 482; Erl. 28, 28. 189),
  • unsaubere Widehopffen (Erl. 28, 320),
  • grobe Säue und Esel (Weim. 8, 553; 15, 115. 125; Erl. 28, 127; 29, 82. 88. 92; 31, 399);
  • Larven und Maulaffen (Erl. 28, 192),
  • Eselköpfe (Weim. 8, 550; 15, 116; Erl. 28, 31. 123; 29, 83);
  • Säutheologen und Eseljuristen (Erl. 31, 397),
  • so aller Sinne beraubt, dass Säue, Ochsen und Esel klüger sind denn sie (Erl. 28, 192),
  • denen man höchstens darum antworten kann, damit der Sau der Bauch nicht zu gross werde (Weim. 7, 271; De Wette I, 547; Erl. 27, 206; 53, 55), usw. usw.

* * *

Wer so redet, der mag alles, sein, aber ein Mann, ein großer und ein edler Charakter ist er nicht. Da muss sich Luther schon gefallen lassen, dass ihm Cochläus (der überhaupt aus seinen eigenen Schriften viel bedeutender und achtungswerter erscheint als aus den Schriften über ihn) die Worte zuruft: „Wenn du ein Mann bist, dann kämpfe mit Waffen, nicht mit Schimpfworten… Muliebre est, rem tantam conviciis, ludis, scenis, scommatis, imaginibus monstrosis et fictis agere. Viros arma decent. » (In 18 articulos M. Buceri, s. 1. 1546 fol. 6a.)

Der Ablass – Den gibt’s doch gar nicht mehr! Ein Kommentar zum Reformationsfest

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François Marius Granet malte 1825 diese Darstellung einer jungen Bäuerin, die einen Ablass kauft. Foto: Gemeinfrei

Galileo Galilei habe aus Protest gegenüber der Zensur seiner These, die Erde kreise um die Sonne und nicht umgekehrt, ausgerufen: „Und sie bewegt sich doch!“ Am Ende des Heiligen Jahres, in dem es Papst Franziskus gelungen ist, den Ablass wieder „salonfähig zu machen“, möchte man sagen: „Es gibt ihn doch! Den Nachlass zeitlicher Sündenstrafen.“

Wie in keinem anderen Heiligen Jahr zuvor hat der Heilige Vater nicht nur die Bedeutung der Beichte, sondern auch des Ablasses hervorgehoben, der nicht nur an den Heiligen Pforten Roms, sondern an unzähligen Orten der Welt gewonnen werden konnte. So viele Türen, deren frommes Durchschreiten den Gläubigen Nachlass ihrer zeitlichen Sündenstrafen gewährte. Nie zuvor gab es das in dieser Form! Selbst Sträflinge, denen es ja unmöglich ist, das Gefängnis zu verlassen, erhielten – wiederum dank einer großherzigen Entscheidung des Papstes – beim Überschreiten ihrer Zellentür einen Ablass.

Heute gedenken Protestanten in aller Welt des berühmten, wohl eher legendären Thesenanschlag Martin Luthers. Die heilige Pforte evangelischer Christen ist die Tür der Schloßkirche von Wittenberg. An ihr begann die Reformation, die im kommenden Jahr groß gefeiert werden wird. Und so steht auch in den kommenden Monaten wieder der Ablass im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit vieler Christen und Nicht-Christen.

Der Wittenberger Mönch wollte sich gegen den Missbrauch dieser biblisch fundierten und frühkirchlichen Praxis wenden, beginnt aber schon im Jahr 1517 – später wird das noch viel deutlicher werden – die Mittlerrolle der Kirche zwischen Gott und den Menschen zu kritisieren.

Wieso braucht es eine Gemeinschaft, durch die ich Vergebung finde? Genügt es nicht, dass ich Gott um Verzeihung bitte? Ja, ist es nicht sogar schädlich für meine Freundschaft mit Christus, wenn ich Papst und Priester als Mittler seines Heils brauche? Mit Luthers Kritik am Missbrauch des Ablass hebt seine Zurückweisung der sakramentalen Beichte an, als einzigem ordentlichen Weg der Sündenvergebung und der Kirche als „heilsnotwendige“ Gesellschaft, in die ich durch die Taufe und den Glauben eingegliedert werde.

Jedes Schulkind hört von dem reißerischen Werbespruch der damaligen Ablassprediger: „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt!“ Zweifellos war das ein Missbrauch und Ärgernis, das auch von hohen Würdenträgern, etwa dem berühmten Kardinal Cajetan, schon damals kritisiert wurde.

Der Missbrauch einer guten Sache stellt sie selbst nicht in Frage. Niemand würde scharfe Küchenmesser verbieten, obwohl nicht selten damit scheußliche Morde verübt werden. Es kommt auf den rechten und achtsamen Gebrauch an – bei Schneidewerkzeugen nicht weniger als beim Ablass, der ein großartiges Geschenk der Kirche an uns Christen ist.

„Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt“

Wir stehen inmitten zweier Jahre, die uns mit dem Thema Ablass – in seiner katholischen Renaissance während der vergangenen Monate und in seiner bekannten Kritik in den kommenden – konfrontieren werden. Was ist aber eigentlich der „Ablass“, diese scheinbar mittelalterliche Frömmigkeitsform, die längst überwunden schien und doch durch Papst Franziskus in ungeahnter Weise gefördert wurde? Das erste, bereits angedeutete Missverständnis ist die Meinung, ein Katholik könnte durch den Ablass, und das heißt in der Vorstellung vieler Menschen, durch eine bestimmte Summe Geld, die Verzeihung seiner Sünden „erkaufen“. Manche denken sogar, er erhalte dann, falls sein Portemonnaie dick genug ist, einen Freibrief zu sündigen, da er ja immer wieder die Münzen im Kasten klingen lassen kann. Ja in manchen Köpfen herrscht die Vorstellung als könne man sich dann geradezu den Preis ausrechnen, der zu begleichen sei, wenn man dreimal nicht in die Kirche geht, einmal den Ehepartner betrügt und immer wieder mal die Kartoffeln aus Nachbars Acker klaut. – „Macht 89,50 Euro. Als guter Kunde bekommen sie beim nächsten Mal eine schwere Sünde gratis erlassen.“ – So ein Blödsinn!  Eine solche Praxis gab es in der Kirche nie! Vergebung der Sünde geschieht – abgesehen von Notsituationen wie etwa Krieg, Seuche oder auch ein persönlicher Unfall – nur im Sakrament der Beichte. Dazu braucht es aber immer Reue und Bekenntnis. Vergebung gegen Barzahlung – nein, das gibt es nicht.

Ablass? – Was ist denn das?

Leider teilen nicht alle die offensichtliche Euphorie des Papstes, die heilige Pforten, und damit „Tore zum Nachlass zeitlicher Sündenstrafe“, wie Pilze aus dem Boden hat sprießen lassen. Es fehlt an Katechesen und Predigten, in denen man versucht,  Katholiken den Ablass zu erklären und ihnen Möglichkeiten zu geben, ihn häufig und gerne zu empfangen. Die meisten Katholiken haben nur vage, oft auch falsche Vorstellungen von dieser Wirklichkeit. Selbst gute Christen, die oft beichten, fragen sich, warum denn Reue, Bekenntnis nicht genügen, alles wieder in Ordnung zu bringen. Ein einfaches Beispiel erklärt, warum der Ablass nicht unwichtig und nebensächlich, geschweige denn falsch und überholt ist.

„Und wer bitte bezahlt die Rechnung?“

Peter und Franz sind Freunde, aber eines Tages kommen sie doch in Streit. Erst beleidigen sich die Jungen, dann beginnen sie zu raufen, wälzen sich über den Boden und schlagen zu. Dabei trifft Peter den Franz so unglücklich, dass er ihm einen Zahn ausschlägt. Autsch! Schlagartig endet der Streit und die beiden laufen verärgert nach Hause. Daheim angekommen, bereut Peter seinen üblen Schlag in das Gesicht des Freundes. Er fährt zu seiner Wohnung und bittet um Verzeihung. Er erkennt ohne lange Diskussion an, dass er zu weit gegangen ist, und dass alles schon damit begann, dass er sich wegen einer Kleinigkeit über den Freund geärgert und ihn darum beleidigt habe. Franz lässt sich von diesem Bekenntnis rühren und erkennt die Reue des Freundes an. Mit blutendem Taschentuch vor dem Mund, stammelt er: „Ist schon wieder gut. Freunde?“ – „Freunde!“

Das, was hier zwischen Peter und Franz geschieht, das ereignet sich in der Beichte. Aus Feinden werden wieder die alten Freunde. Gott vergibt. Immer und immer wieder. Freilich bleibt der Schaden, die Folge der Sünde – in unserem Fall – der ausgeschlagene Zahn. Peter begleitet seinen neu gewonnenen, alten Freund zum Arzt, der die Sache recht schnell in Ordnung bringt.

Wer bezahlt aber nun für die medizinische Hilfe? Eigentlich muss Peter dafür bezahlen, aber so viel Geld bringt er nur bei monatelangem Sparen seines Taschengeldes zusammen. Nehmen wir an, er erzählt die Geschichte ehrlich seiner Mutter, die – als sie sieht, dass Peter schon „gebeichtet“ hat und ehrlich bereut, was er getan hat – sofort bereit ist, die Rechnung zu übernehmen und den Schaden im Namen ihres Sohnes wieder gut zu machen. Freilich stellt sie eine kleine Bedingung: Peter muss als Strafe – er soll ja doch auch irgendwie spüren, dass das kein harmloser Vorfall war, bei dem man mal ein Auge zudrücken kann – einen Monat lang den Müll raustragen. Peter atmet erleichtert auf: „Gerne mach ich das! Das hätte viel schlimmer für mich ausgehen können.“

Sünden provozieren kein schlechtes Karma, aber haben Konsequenzen

Was hier beschrieben wird, ist der Ablass, der Nachlass zeitlicher Sündenstrafen. Alles, was wir tun, hat Folgen – für die schlechten müssen wir geradestehen. Weil wir das aber oft nicht schaffen, greift „Mutter Kirche“ ein. Sie bezahlt für uns aus dem „Schatz der guten Werke Christi und der Heiligen“. Das Bankkonto dieser Frau ist voll – wieder einmal scheint sich alles „nur“ um’s Geld zu drehen! – weil sie so viel von Christus, Maria, den Aposteln und allen Heiligen bis heute geerbt hat mit dem Auftrag, damit Gutes zu tun. Die Kirche, das heißt in der Regel der Papst, verfügt über dieses Konto und teilt davon an alle aus, die darum bitten, das heißt einen Ablass gewinnen wollen. Freilich erwartet sie eine geradezu symbolische Gegenleistung, ein „kleines“ gutes Werk, einen Pfennigbetrag, den wir auf ihr Konto – man könnte auch sagen das Solidaritätskonto – aller Christen einzahlt. Einen vollkommen Ablass, also die volle Übernahme der Folgen meiner Sünde, gibt es daher nur unter fünf Bedingungen:

  1. Beichte – und das bedeutet, wie schon gesagt, Reue und Bekenntnis.
  2. Kommunion –ich muss zu Jesus laufen bzw. ihn zu mir einladen, damit die alte Freundschaft neu und vielleicht sogar noch stärker wieder auflebt.
  3. Vollkommene Reue – das bedeutet, dass ich aus Liebe alle meine Sünden bereue, also nicht nur aus Angst vor Strafe. Peter könnte fürchten, dass Franz‘ Vater ihn beschimpft, und deshalb die Sache bereinigen wollen. Er bittet jedoch um Verzeihung, weil er einsichtig ist und wieder seines Freundes Freund sein will.
  4. Gebet nach Meinung des Heiligen Vaters – Der Papst verwaltet das „Bankkonto der Heiligen“. Er teilt im Ablass davon aus und bittet, gleichsam als kleine Gegenleistung, dass man, in der Regel ein Vater unser und ein Ave Maria, in seinen monatlich bekanntgegeben Anliegen betet. Diese muss man nicht kennen, sondern es genügt „in der Meinung des Heiligen Vaters“ zu beten)
  5. Ein gutes Werk – Das ist die kleine „Strafe“, die die Mutter zur Besserung auferlegt). Solche Werke sind zum Beispiel den Rosenkranz in Gemeinschaft beten, eine halbe Stunde Bibellesen, eine halbe Stunde Anbetung, etc. Oder wie im Heiligen Jahr das Durchschreiten einer Heiligen Pforte. An Allerseelen und den folgenden acht Tagen kann ein Ablass, allerdings nur für die Verstorbenen, gewonnen werden, wenn man als „gutes Werk“ einen Friedhof besucht, und dort für die Seelen der Verstorbenen betet.

Weder Hölle, noch Himmel – ein „Vorzimmer“ zur ewigen Seligkeit

Der Ablass ist die Vergebung zeitlicher Sündenstrafen. Was heißt das? Die Folge der schweren Sünde ist die ewige Trennung von Gott. Das nennen wir „Hölle“. Die Beichte befreit uns von der schweren Schuld und dieser entsetzlichen Konsequenz, das heißt mit der Absolution erlischt auch die ewige Strafe. Es bleibt eine zeitliche Strafe, das heißt eine Folge der Sünde, die irgendwann wieder gut gemacht ist; sei es in diesem Leben, in dem ich mich bemühe als guter Christ zu leben; oder im anderen, das heißt im Fegefeuer. Dort freilich kann der Mensch aktiv nichts mehr für sich tun. Er wird gereinigt. Die Lebenden können aber, so glauben wir Katholiken, den Seelen der Verstorbenen durch unser Gebet und auch durch den Ablass helfen. Wir sind nicht völlig von unseren Lieben getrennt, denn der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, so Jesus selbst, ist ein Gott der Lebenden und nicht der Toten.

Katholiken können singen „We are family“

Für Martin Luther steht der Mensch allein vor Gott. Für uns Katholiken stehen neben uns die Engel und Heiligen im Himmel aber auch die Menschen auf Erden, die für uns beten. Die „Freiheit eines Christenmenschen“ von allen Mittlern, ist nur schwer durchzustehen und kann manchmal zur schmerzhaften Einsamkeit werden. Die Kirche aber ist eine Familie, deren Mitglieder füreinander einstehen. Sie ist eine Solidargemeinschaft, ein Leib, wie der heilige Paulus sagt, in dem alle leiden, wenn einer leidet; alle sich freuen, wenn einer sich freut. Unsere Gebete sind oft im Plural, weil wir immer mit und für unsere Brüder und Schwestern vor Gott stehen. Diese Dimension wird im Ablass deutlich. Er ist die Versicherung, in die alle einzahlen, und diejenigen davon profitieren, die aufgrund ihrer Sünden und Fehler in Not geraten.

Was ein Ferrari in der Waschstraße mit dem Fegefeuer zu tun hat

Der heutige Reformationstag – Luther wählte bewusst den Vorabend des Allerheiligenfestes, an dem zahlreiche Menschen zum Gottesdienst strömten und damit an der Kirchentüre Halt machten, um seine Thesen zu lesen –  mehr aber noch der 2. November als der Gedenktat „Allerseelen“, das heißt all jener, die sicher in den Himmel kommen werden und dann zu allen Heiligen gehören, jetzt aber noch im Fegefeuer leidvoll erkennen, erinnern uns an den Ablass. Er ist das große Geschenk der Kirche an ihre Kinder, die sie um Hilfe bitten. Wir müssen es nicht alleine schaffen, wieder alles in Ordnung zu bringen. Freilich versteht man ihn nur, wenn man an die Realität des Fegefeuers glaubt, in dem die Seelen schmerzvoll leiden, weil sie angesichts der Schönheit Gottes, all die vielen Flecken erkennen, die sie noch beschmutzen. Das tut weh.

Stellen Sie sich vor, ihr kostbares Auto, ein prächtiger Ferrari, der vollkommen verdreckt ist und daher unmöglich als „Hochzeitswagen“ genutzt werden kann; nein, besser noch – ein Auto empfindet keinen Schmerz – Sie selbst wären voller Ölflecken. Unmöglich, so zu seiner eigenen Hochzeit zu gehen. Kein Wasser, keine Seife, nichts in Sicht. Sie „müssen“ selbst in die Autowaschanlage, in der die harten Bürsten und die brennende Seife sie sauber reibt. Ein hinkender Vergleich, aber es geht darum, dass diese Reinigung im Fegefeuer notwendig (wie sollte man sonst zum Fest gehen?), leidvoll und passiv ist, das heißt die Seele nichts mehr für sich selbst tun kann. Sie kann sich nicht selbst waschen, aber doch erträgt Sie „gerne“ die schmerzhafte Prozedur, um endlich sauber zum Hochzeitsmahl gehen zu können. Sie werden „gefegt“, besser gesagt, gereinigt.

Wir können den Seelen der Verstorbenen helfen. Die „armen Seelen“ können nichts mehr für sich selbst tun. Sie sind Bettler, die von unseren Gebeten profitieren. Sie werden gerettet, wie der heilige Paulus über das Fegefeuer sagt, aber nur wie durch Feuer hindurch (vgl. 1 Kor 3, 12).

Beten wir für die armen Seelen in diesen Tagen, damit sie – die sicher in den Himmel kommen werden – auch für uns vor Gott eintreten. „We are family“ – eine große Familie, die auf Erden streitet, im Fegefeuer leidet und im Himmel triumphiert und feiert.

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Papst gibt Interview zum Thema Reformation

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Papst Franziskus, einladende Geste

„Reform“ und „Schrift“ seien die zwei wichtigsten Elemente, die die Katholiken mit Blick auf die lutheranische Tradition vertiefen können, sagte der Papst in dem Interview des schwedischen Jesuiten Ulf Jonsson. Luthers Umgang mit der Heiligen Schrift findet die ausdrückliche Wertschätzung von Papst Franziskus. Der Reformator habe „einen großen Schritt getan, als er das Wort Gottes in die Hände des Volkes legte“.

Zum Thema der historischen Abspaltung der Reformierten sagte Franziskus, Luther habe eine Geste der Reform in einer für die Kirche schwierigen Zeit gesetzt, er habe „in einer komplexen Situation einen Ausweg“ gesucht. Diese Abhilfe sei dann aber gleichsam erstarrt, erklärte der Papst. Luthers Geste der Reform „ist ein ,Status´ der Trennung geworden und nicht ein ,Prozess´ der Reform der ganzen Kirche, der hingegen grundlegend ist, denn die Kirche reformiert sich immer“. Franziskus verwies an diesem Punkt auf die Versammlung der Kardinäle vor der letzten Papstwahl, in der „die Forderung nach Reform lebendig und präsent in unseren Diskussionen“ gewesen sei.

Um die Ökumene heute voranzutragen, müssen die Christen nach Ansicht von Papst Franziskus „ihren Enthusiasmus verlegen“. Der theologische Dialog sei zwar bedeutsam, wichtiger aber sei es, gemeinsam zu beten und gemeinsam Werke der Barmherzigkeit zu tun. „Etwas gemeinsam zu tun, ist eine hohe und wirksame Form des Dialogs.“ Über diese Ökumene der Tat hinaus gebe es auch eine Ökumene des Blutes. Franziskus verwies hier auf das Beispiel der Lübecker Märtyrer, die selig gesprochen wurden mit einem besonderen Gedenken an den evangelischen Pastor, der mit ihnen am Schafott der Nationalsozialisten starb. Der Pfarrer von Sankt Joseph in Hamburg-Wandsbek, so erzählte der Papst, habe ihm beschrieben, wie sich unter der Guillotine das Blut der Hingerichteten vermischte, sodass es ihm nicht mehr möglich gewesen sei, das Seligsprechungsverfahren weiter zu betreiben, ohne nicht auch den Pastor zu berücksichtigen.

In Lund und in Malmö wolle er sich den evangelischen Christen „nähern“. „Die Nähe tut uns allen gut. Die Distanz hingegen macht uns krank“, so der Papst. Der Besuch nach Schweden betreffe ein Land, das von der Säkularisierung geprägt sei. Wer an Gott nicht mehr glaube, verliere aber die Fähigkeit zum Transzendenten. „Für mich besteht dann die Schwierigkeit darin, dass man sich zurückzieht und dann das eigene Leben in sich als perfekt betrachtet“, so der Papst. Wer im Wohlstand lebe, habe jedoch Schwierigkeiten dieses Problem nachzuvollziehen. Gegen Atheismus und der Verschließung gegenüber dem Transzendenten helfe nur das Gebet und das Zeugnis der Gläubigen.

Zur Lage der Katholiken in Schweden, die eine kleine Minderheit bilden, sagte der Papst, es sei entscheidend, im Dialog mit der Gesellschaft zu bleiben und nicht als „Sekte“ aufzutreten. Gerade die Jesuiten, die in dem skandinavischen Land seit 1879 aktiv sind, könnten und sollten dabei helfen, den Dialog zu stärken.

Ein großes Lob en passant äußerte Papst Franziskus für die lutherische Kirche in Rom, ihren Pfarrer und für die Fragen, die er bei seinem Besuch dort gestellt bekam. Diese Fragen hätten ihn „sehr berührt“, besonders jene des Jungen sowie jene einer evangelischen Frau, die ihn nach der Mahlgemeinschaft gefragt habe. „Schöne und tiefe Fragen“, erinnerte sich Franziskus. „Und auch der Pastor dieser Kirche ist wirklich gut!“

(pm/rv 28.10.2016 mg)

Botschaft von Johannes Paul II. zum 500. Geburtstag von Dr. Martin Luther aus Eisleben [1983]

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Luther Memorial in Worms from „The life of Martin Luther in Pictures“

AN KARDINAL JOHANNES WILLEBRANDS,
PRÄSIDENT DES SEKRETARIATS FÜR DIE EINHEIT DER CHRISTEN

 

Meinem ehrwürdigen Bruder
Johannes Kardinal Willebrands
Präsident des Sekretariates für die Einheit der Christen

Am 10. November 1983 jährt sich der 500. Geburtstag von Doktor Martin Luther aus Eisleben. Viele Christen, im besonderen evangelisch-lutherischen Bekenntnisses, erinnern sich aus diesem Anlaß jenes Theologen, der auf der Schwelle zur Neuzeit wesentlich zu den tiefgreifenden Veränderungen der kirchlichen und säkularen Wirklichkeit des Abendlandes mit beigetragen hat. Unsere Welt erfährt auch heute noch seine Geschichtsmächtigkeit.

Für die katholische Kirche ist mit dem Namen Martin Luther durch die Jahrhunderte hindurch die Erinnerung an eine leidvolle Zeit verbunden, vor allem aber das Wissen um den Beginn großer kirchlicher Spaltungen. Der 500. Geburtstag von Martin Luther soll daher für uns eine Gelegenheit sein, in Wahrhaftigkeit und christlicher Liebe über die geschichtsträchtigen Ereignisse der Reformationszeit nachzudenken. Gerade aus der zeitlichen Distanz heraus lassen sich historische Vorgänge oft besser verstehen und darstellen.

Namhafte Persönlichkeiten und Gremien in der lutherischen Christenheit haben sich dafür ausgesprochen, das Luther-Gedenkjahr in echt ökumenischem Geiste zu gestalten und Martin Luther besonders in einer Weise zu Wort kommen zu lassen, die förderlich für die Einheit der Christen sein soll. Ich begrüße diese Intention und erkenne darin eine brüderliche Einladung für ein gemeinsames Bemühen sowohl um ein vertieftes und vollkommeneres Bild der historischen Ereignisse als auch um eine kritische Auseinandersetzung mit dem mannigfachen Erbe Luthers.

In der Tat haben die wissenschaftlichen Bemühungen evangelischer wie katholischer Forscher, die sich in ihren Ergebnissen inzwischen weitgehend begegnen, zu einem vollständigeren und differenzierteren Bild von der Persönlichkeit Luthers wie auch von dem komplizierten Geflecht der historischen Gegebenheiten in Gesellschaft, Politik und Kirche der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts geführt. Überzeugend sichtbar geworden ist dabei die tiefe Religiosität Luthers, der von der brennenden Leidenschaft für die Frage nach dem ewigen Heil getrieben war. Deutlich geworden ist freilich auch, daß sich der Bruch der Kircheneinheit weder auf Unverständnis seitens der Hirten der katholischen Kirche noch auf mangelndes Verstehen des wahren Katholizismus auf seiten Luthers allein zurückführen läßt, so sehr solches mitgespielt haben mag. Die Entscheide, um die es ging, reichten tiefer. Bei dem Streit um das Verhältnis von Glaube und Überlieferung waren Grundfragen der rechten Auslegung und Aneignung des christlichen Glaubens im Spiel, deren kirchentrennende Wirkung durch bloßes historisches Verstehen nicht zu überwinden ist.

So ist im Blick auf Martin Luther und in der Suche nach Wiederherstellung der Einheit ein zweifaches Bemühen nötig. Zunächst ist das Fortgehen sorgfältiger historischer Arbeit wichtig. Es geht darum, durch unvoreingenommene, allein von der Suche nach Wahrheit geleitete Forschung ein gerechtes Bild des Reformators wie der ganzen Epoche der Reformation und der in ihr wirkenden Personen zu gewinnen. Wo Schuld ist, muß sie anerkannt werden, gleich welche Seite sie trifft; wo Polemik die Sicht verzerrt hat, muß sie richtiggestellt werden, wiederum unabhängig davon, um welche Seite es sich handelt. Dabei kann uns nicht die Absicht leiten, uns zu Richtern der Geschichte aufzuwerfen, sondern das Ziel darf einzig sein, besser zu erkennen und damit wahrheitsfähiger zu werden. Nur in einer solchen Haltung, die sich der Reinigung durch die Wahrheit ohne Vorbehalte stellt, können wir zu einem gemeinsamen Verstehen des Damaligen finden und so auch neue Ausgangspunkte für das Gespräch von heute gewinnen.

Dies aber ist das Zweite, was nötig ist: Die historische Klärung, die sich dem Damaligen in seiner weiterwirkenden Bedeutung zuwendet, muß Hand in Hand gehen mit dem Dialog des Glaubens, in dem wir hier und jetzt nach Einheit suchen. Er findet seine feste Grundlage in dem, was uns gemäß den evangelisch-lutherischen Bekenntnisschriften auch nach der Trennung verbindet: im Wort der Schrift, in den Glaubensbekenntnissen, in den Konzilien der alten Kirche. Ich vertraue darauf, daß das Einheitssekretariat unter Ihrer Leitung, sehr verehrter Herr Kardinal, diesen in Deutschland schon vor dem 2. Vatikanischen Konzil mit großem Ernst begonnenen Dialog fortführt in dem Geiste, der seinen Grundlagen entspricht: in der Treue zum geschenkten Glauben, die Bußfertigkeit und Bereitschaft hörenden Lernens in sich schließt.

In der anbetenden Demut vor dem Mysterium der göttlichen Vorsehung und im ehrfürchtigen Hinhorchen auf das, was der Geist Gottes uns heute in der Erinnerung an die Vorgänge der Reformationszeit lehrt, strebt so die Kirche danach, die Grenze ihrer Liebe weiterzuziehen und auf die Einheit aller zuzugehen, die als Getaufte den Namen Jesu Christi tragen. Ich begleite die Arbeit Ihres Sekretariates und alle ökumenischen Bemühungen für das große Anliegen der Einheit aller Christen mit meinem besonderen Gebet und Segen.

Aus dem Vatikan, am 31. Oktober 1983

IOANNES PAULUS PP. II

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Ansprache von Papst Benedikt XVI. im Augustinerkloster Erfurt [2011]

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Papst Benedikt XVI. in Erfurt

Augustinerkloster Erfurt

Freitag, 23. September 2011

 

Liebe Brüder und Schwestern!

Wenn ich hier das Wort ergreife, möchte ich zunächst von Herzen danken, daß wir da zusammenkommen können. Mein besonderer Dank gilt Ihnen, lieber Bruder Präses Schneider, daß Sie mich willkommen geheißen und mich durch Ihre Worte in Ihre Runde aufgenommen haben. Sie haben Ihr Herz geöffnet, den wirklich gemeinsamen Glauben, die Sehnsucht nach Einheit offen ausgedrückt. Und wir freuen uns auch, denn ich glaube, daß diese Sitzung, unsere Begegnungen auch als das Fest der Gemeinsamkeit des Glaubens begangen werden. Ich möchte allen noch danken für das Geschenk von Ihnen, daß wir hier, an diesem historischen Ort miteinander als Christen sprechen dürfen.

Für mich als Bischof von Rom ist es ein tief bewegender Augenblick, hier im alten Augustinerkloster zu Erfurt mit Ihnen zusammenzutreffen. Wir haben es eben gehört: Hier hat Luther Theologie studiert. Hier hat er seine erste heilige Messe gefeiert. Gegen den Wunsch seines Vaters ist er nicht beim Studium der Rechte geblieben, sondern hat Theologie studiert und sich auf den Weg zum Priestertum in der Ordensgemeinschaft des heiligen Augustinus gemacht. Und auf diesem Weg ging es ihm ja nicht um dieses oder jenes. Was ihn umtrieb, war die Frage nach Gott, die die tiefe Leidenschaft und Triebfeder seines Lebens und seines ganzen Weges gewesen ist. „Wie kriege ich einen gnädigen Gott“: Diese Frage hat ihn ins Herz getroffen und stand hinter all seinem theologischen Suchen und Ringen. Theologie war für Luther keine akademische Angelegenheit, sondern das Ringen um sich selbst, und dies wiederum war ein Ringen um Gott und mit Gott.

„Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ Daß diese Frage die bewegende Kraft seines ganzen Weges war, trifft mich immer wieder ins Herz. Denn wen kümmert das eigentlich heute noch – auch unter Christenmenschen? Was bedeutet die Frage nach Gott in unserem Leben? In unserer Verkündigung? Die meisten Menschen, auch Christen, setzen doch heute voraus, daß Gott sich für unsere Sünden und Tugenden letztlich nicht interessiert. Er weiß ja, daß wir alle nur Fleisch sind. Und sofern man überhaupt an ein Jenseits und ein Gericht Gottes glaubt, setzen wir doch praktisch fast alle voraus, daß Gott großzügig sein muß und schließlich mit seiner Barmherzigkeit schon über unsere kleinen Fehler hinwegschauen wird. Die Frage bedrängt uns nicht mehr. Aber sind sie eigentlich so klein, unsere Fehler? Wird nicht die Welt verwüstet durch die Korruption der Großen, aber auch der Kleinen, die nur an ihren eigenen Vorteil denken? Wird sie nicht verwüstet durch die Macht der Drogen, die von der Gier nach Leben und nach Geld einerseits, von der Genußsucht andererseits der ihr hingegebenen Menschen lebt? Wird sie nicht bedroht durch die wachsende Bereitschaft zur Gewalt, die sich nicht selten religiös verkleidet? Könnten Hunger und Armut Teile der Welt so verwüsten, wenn in uns die Liebe zu Gott und von ihm her die Liebe zum Nächsten, zu seinen Geschöpfen, den Menschen, lebendiger wäre? Und so könnte man fortfahren. Nein, das Böse ist keine Kleinigkeit. Es könnte nicht so mächtig sein, wenn wir Gott wirklich in die Mitte unseres Lebens stellen würden. Die Frage: Wie steht Gott zu mir, wie stehe ich vor Gott – diese brennende Frage Luthers muß wieder neu und gewiß in neuer Form auch unsere Frage werden, nicht akademisch sondern real. Ich denke, daß dies der erste Anruf ist, den wir bei der Begegnung mit Martin Luther hören sollten.

Und dann ist wichtig: Gott, der eine Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, ist etwas anderes als eine philosophische Hypothese über den Ursprung des Kosmos. Dieser Gott hat ein Gesicht, und er hat uns angeredet. Er ist im Menschen Jesus Christus einer von uns geworden – wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich. Luthers Denken, seine ganze Spiritualität war durchaus christozentrisch: „Was Christum treibet“, war für Luther der entscheidende hermeneutische Maßstab für die Auslegung der Heiligen Schrift. Dies aber setzt voraus, daß Christus die Mitte unserer Spiritualität und daß die Liebe zu ihm, das Mitleben mit ihm unser Leben bestimmt.

Nun könnte man vielleicht sagen: Schön und gut, aber was hat dies alles mit unserer ökumenischen Situation zu tun? Ist dies alles vielleicht nur ein Versuch, sich an den drängenden Problemen vorbeizureden, in denen wir auf praktische Fortschritte, auf konkrete Ergebnisse warten? Ich antwortete darauf: Das Notwendigste für die Ökumene ist zunächst einmal, daß wir nicht unter dem Säkularisierungsdruck die großen Gemeinsamkeiten fast unvermerkt verlieren, die uns überhaupt zu Christen machen und die uns als Gabe und Auftrag geblieben sind. Es war der Fehler des konfessionellen Zeitalters, daß wir weithin nur das Trennende gesehen und gar nicht existentiell wahrgenommen haben, was uns mit den großen Vorgaben der Heiligen Schrift und der altchristlichen Bekenntnisse gemeinsam ist. Es ist für mich der große ökumenische Fortschritt der letzten Jahrzehnte, daß uns diese Gemeinsamkeit bewußt geworden ist, daß wir sie im gemeinsamen Beten und Singen, im gemeinsamen Eintreten für das christliche Ethos der Welt gegenüber, im gemeinsamen Zeugnis für den Gott Jesu Christi in dieser Welt als unsere gemeinsame, unverlierbare Grundlage erkennen.

Freilich, die Gefahr, daß wir sie verlieren, ist nicht irreal. Ich möchte zwei Gesichtspunkte kurz notieren. Die Geographie des Christentums hat sich in jüngster Zeit tiefgehend verändert und ist dabei, sich weiter zu verändern. Vor einer neuen Form von Christentum, die mit einer ungeheuren und in ihren Formen manchmal beängstigenden missionarischen Dynamik sich ausbreitet, stehen die klassischen Konfessionskirchen oft ratlos da. Es ist ein Christentum mit geringer institutioneller Dichte, mit wenig rationalem und mit noch weniger dogmatischem Gepäck, auch mit geringer Stabilität. Dieses weltweite Phänomen – von dem ich von Bischöfen aus aller Welt immer wieder höre – stellt uns alle vor die Frage: Was hat diese neue Form von Christentum uns zu sagen, positiv und negativ? Auf jeden Fall stellt es uns neu vor die Frage, was das bleibend Gültige ist und was anders werden kann oder muß – vor die Frage unserer gläubigen Grundentscheidung.

Tiefgehender und in unserem Land brennender ist die zweite Herausforderung an die ganze Christenheit, von der ich sprechen möchte: der Kontext der säkularisierten Welt, in dem wir heute als Christen unseren Glauben leben und bezeugen müssen. Die Abwesenheit Gottes in unserer Gesellschaft wird drückender, die Geschichte seiner Offenbarung, von der uns die Schrift erzählt, scheint in einer immer weiter sich entfernenden Vergangenheit angesiedelt. Muß man dem Säkularisierungsdruck nachgeben, modern werden durch Verdünnung des Glaubens? Natürlich muß der Glaube heute neu gedacht und vor allem neu gelebt werden, damit er Gegenwart wird. Aber nicht Verdünnung des Glaubens hilft, sondern nur ihn ganz zu leben in unserem Heute. Dies ist eine zentrale ökumenische Aufgabe, in der wir uns gegenseitig helfen müssen: tiefer und lebendiger zu glauben. Nicht Taktiken retten uns, retten das Christentum, sondern neu gedachter und neu gelebter Glaube, durch den Christus und mit ihm der lebendige Gott in diese unsere Welt hereintritt. Wie uns die Märtyrer der Nazizeit zueinander geführt und die große erste ökumenische Öffnung bewirkt haben, so ist auch heute der in einer säkularisierten Welt von innen gelebte Glaube die stärkste ökumenische Kraft, die uns zueinander führt, der Einheit in dem einen Herrn entgegen. Und darum bitten wir Ihn, daß wir neu den Glauben zu leben lernen und daß wir so dann eins werden.

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Ansprache von Papst Johannes Paul II. an den Rat der Evangelischen Kirche [1980]

Vom 15. bis 19. November 1980 besuchte Seine Heiligkeit Papst Johannes Paul II. die Bundesrepublik Deutschland. Auf Einladung von Bundespräsident Karl Carstens hat der Papst seinen pastoralen Besuch mit einem offiziellen in Bonn verbunden. Am 15. November gab der Bundespräsident einen Empfang zu Ehren Seiner Heiligkeit auf Schloß Augustusburg in Brühl bei Bonn. Dort führte Papst Johannes Paul II. auch ein Gespräch mit Bundeskanzler Helmut Schmidt. Gleichzeitig traf Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher mit Kardinal-Staatssekretär Casaroli zusammen. Im Anschluß an den offiziellen Teil begab sich der Papst auf den Bonner Münsterplatz, um dort eine Ansprache zu halten. Ferner bestand der pastorale Teil aus Besuchen in Köln, Osnabrück, Mainz, Fulda, Altötting und München. In allen diesen Städten hielt Papst Johannes Paul II. die Heilige Messe. Eigentlicher Anlaß seines Aufenthaltes in der Bundesrepublik war der 700. Todestag von Albertus Magnus (1193-1280), dessen Grab der Papst in Köln besuchte. Bundespräsident Karl Carstens und Papst Johannes Paul II. auf Schloß Augustusburg in Brühl.

Bundespräsident Karl Carstens und Papst Johannes Paul II. auf Schloß Augustusburg in Brühl.

Mainz, 17. November 1980

Sehr geehrter Herr Ratsvorsitzender,
verehrte Mitglieder des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland,
liebe Mitchristen!

„Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!“. Mit diesem Worten des Völkerapostels grüße ich Sie und alle, die Sie vertreten. Von Herzen danke ich allen, die diese Begegnung im Lande, in dem die Reformation ihren Anfang nahm, ermöglicht haben.

Besonderen Dank schulde ich Ihnen, Herr Ratsvorsitzender, für Ihr hilfreiches Wort, das uns die Dimension dieser Stunde und noch mehr die unserer christlichen Sendung vergegenwärtigt hat. Im Wissen um diese Gegebenheiten dürfen wir – wie einst Paulus – hoffen, daß wir „miteinander Zuspruch empfangen“.

Unser Zusammensein in dieser Morgenstunde ist für mich ein tiefgründiges Symbol, so daß ich mit den Worten eines alten Hymnus sprechen möchte: „Das Morgenrot steigt höher schon, wie Morgenrot geh’ Er uns auf; in seinem Vater ganz der Sohn und ganz der Vater in dem Wort“. Daß Christus in unserer Mitte und in diesem Lande als das Licht des Lebens und der Wahrheit leuchten möge, ist unser gemeinsamer Wunsch.

Ich erinnere mich in dieser Stunde daran, daß Martin Luther 1510-11 als Pilger, aber auch als Suchender und Fragender zu den Gräbern der Apostelfürsten in Rom kam. Heute komme ich zu Ihnen, zu geistlichen Erben Martin Luthers; ich komme als Pilger. Ich komme, um mit dieser Begegnung in einer gewandelten Welt ein Zeichen der Verbundenheit in den zentralen Geheimnissen unseres Glaubens zu setzen.

Vieles drängt sich bei unserer brüderlichen Begegnung auf, viel mehr als wir in der knappen Zeit und mit unseren begrenzten Kräften zu sagen vermögen. Lassen Sie mich zu Beginn unseres Gespräches vorab zum Ausdruck bringen, was mich besonders bewegt. Ich tue es im Anschluß an das Zeugnis des Römerbriefes, jener Schrift, die für Martin Luther schlechterdings entscheidend war. „Diese Epistel ist das rechte Hauptstück des Neuen Testaments und das allerlauterste Evangelium“, schreibt er 1522.

In der Schule des Völkerapostels kann uns bewußt werden, daß wir alle der Umkehr bedürfen. Es gibt kein christliches Leben ohne Buße. „Es gibt keinen echten Ökumenismus ohne innere Bekehrung“. „Wir wollen uns nicht gegenseitig richten“. Wir wollen aber einander unsere Schuld eingestehen. Auch hinsichtlich der Gnade der Einheit gilt: „Alle haben gesündigt“. Das müssen wir in allem Ernst sehen und sagen und unsere Konsequenzen daraus ziehen. Wichtiger ist, daß wir immer tiefer erkennen, welche Konsequenzen der Herr aus dem menschlichen Versagen zieht. Paulus bringt das auf den Nenner: „Wo die Sünde mächtig wurde, ist die Gnade übergroß geworden“.

Gott hört nicht auf, „sich aller zu erbarmen“. Er schenkt seinen Sohn, er schenkt sich, er schenkt Verzeihung, Rechtfertigung, Gnade, ewiges Leben. Miteinander dürfen wir dies bekennen.
Sie wissen, daß Jahrzehnte meines Lebens von Erfahrungen mit den Herausforderungen des Christentums durch Atheismus und Unglauben geprägt worden sind. Um so deutlicher steht mir vor Augen, was unser gemeinsames Bekenntnis zu Jesus Christus, seinem Wort und Werk in dieser Welt bedeutet und wie wir durch das Gebot der Stunde zur Überwindung unserer noch kirchentrennenden Unterschiede und zum Zeugnis von unserer wachsenden Einheit gedrängt werden.

Jesus Christus ist unser aller Heil. Er ist der eine Mittler. „Ihn hat Gott dazu bestimmt, Sühne zu leisten mit seinem Blut, Sühne, wirksam durch Glauben“. Durch ihn haben wir „Frieden mit Gott“ und untereinander. Kraft des Heiligen Geistes werden wir seine Geschwister, wahrhaft und wesentlich Kinder Gottes. „Sind wir alle Kinder, dann auch Erben; wir sind Erben Gottes und sind Miterben Christi“.

Daß wir dieses miteinander glauben und bekennen, ist bei der Besinnung auf die Confessio Augustana und in zahlreichen Kontakten neu bewußt geworden. Die deutschen Bischöfe haben in ihrem Hirtenwort „Dein Reich komme“ (20.1.1980) davon Zeugnis gegeben. Sie haben den katholischen Gläubigen gesagt: ”Freuen wir uns, daß wir nicht nur einen Teilkonsens in einigen Wahrheiten entdecken können, sondern eine Übereinstimmung in zentralen Grundwahrheiten. Das läßt uns die Einheit auch in den Bereichen unseres Glaubens und Lebens erhoffen, in denen wir bis zur Stunde noch getrennt sind“.

Alle Dankbarkeit für das uns Verbleibende und uns Verbindende darf uns nicht blind machen für das, was immer noch trennend zwischen uns steht. Wir müssen es möglichst miteinander ins Auge fassen, nicht um Gräben zu vertiefen, sondern um sie zu überbrücken. Wir dürfen es nicht bei der Feststellung belassen: „Also sind und bleiben wir ewiglich geschieden und wider einander“.

Miteinander sind wir gerufen, im Dialog der Wahrheit und der Liebe die volle Einheit im Glauben anzustreben. Erst die volle Einheit gibt uns die Möglichkeit, uns eines Sinnes und eines Glaubens an dem einen Tisch des Herrn zu versammeln. Um was es bei diesem Bemühen vor allem geht, können wir uns von Luthers Römerbriefvorlesungen 1516-1517 sagen lassen. Er lehrt, daß der „Glaube an Christum, durch den wir gerechtfertigt werden, nicht allein darinnen besteht, daß man an Christus oder genauer an die Person Christi, sondern an das glaubt, was Christi ist“. „Wir müssen an ihn glauben und an das, was sein ist“. Auf die Frage: „Was ist denn dies?“ verweist Luther auf die Kirche und ihre authentische Verkündigung. Wenn es bei den Dingen, die zwischen uns stehen, lediglich um die „von Menschen eingesetzten kirchlichen Ordnungen“ ginge, könnten, müßten die Schwierigkeiten alsbald ausgeräumt sein. Nach katholischer Überzeugung betrifft der Dissens das, „was Christi ist“, „was sein ist“; seine Kirche und ihre Sendung, ihre Botschaft und ihre Sakramente sowie die Ämter, die in den Dienst von Wort und Sakrament gestellt sind. Der seit dem Konzil geführte Dialog hat uns diesbezüglich ein gutes Stück weitergeführt. Gerade in Deutschland ist mancher wichtige Schritt getan worden. Das kann uns zuversichtlich machen angesichts der noch unbewältigten Probleme.

Wir müssen im Gespräch und Kontakt bleiben. Die Fragen, die wir miteinander anzusprechen haben, fordern ihrer Natur nach noch eine umfassendere Behandlung, als sie hier und heute möglich ist. Ich hoffe, daß wir gemeinsam Wege finden, unser Gespräch fortzusetzen. Gewiß werden die deutschen Bischöfe und die Mitarbeiter des Sekretariates für die Einheit der Christen dabei mithelfen.

Wir dürfen nichts unversucht lassen. Wir müssen tun, was eint. Wir schulden es Gott und der Welt.

„Laßt uns nach dem streben, was dem Frieden und dem Aufbau dient!“. Jeder von uns muß sich mit Paulus sagen: „Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde“. Wir sind gerufen, Zeugen des Evangeliums, Zeugen Christi zu sein. Seiner Botschaft entspricht, daß wir gemeinsam Zeugnis geben. Lassen Sie mich wiederholen, was ich am 25. Juni dieses Jahres anläßlich des Confessio-Augustana-Jubiläums gesagt habe: „Der Wille Christi und die Zeichen der Zeit drängen uns zu einem gemeinsamen Zeugnis in wachsender Fülle der Wahrheit und Liebe“.

Groß und schwer sind die Aufgaben, die vor uns liegen. Wären wir allein auf unsere Kraft angewiesen, müßten wir verzweifeln. Gott sei Dank hilft „der Geist unserer Schwachheit auf“. Im Vertrauen auf ihn können wir unser Gespräch fortsetzen, können wir die Taten angehen, die von uns gefordert sind. Lassen Sie uns mit dem wichtigsten Gespräch, mit der notwendigsten Tat beginnen, lassen Sie uns beten! Angesichts der unfaßbaren Gnade Gottes beten wir mit dem Völkerapostel:

„O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege! Denn wer hat die Gedanken des Herrn erkannt?

Oder wer ist sein Ratgeber gewesen? Wer hat ihm etwas gegeben, so daß Gott ihm etwas zurückgeben müßte? Denn aus ihm und durch ihn und auf ihn hin ist die ganze Schöpfung. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen“.

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Zum Bild: Vom 15. bis 19. November 1980 besuchte Seine Heiligkeit Papst Johannes Paul II. die Bundesrepublik Deutschland. Auf Einladung von Bundespräsident Karl Carstens hat der Papst seinen pastoralen Besuch mit einem offiziellen in Bonn verbunden. Am 15. November gab der Bundespräsident einen Empfang zu Ehren Seiner Heiligkeit auf Schloß Augustusburg in Brühl bei Bonn. Dort führte Papst Johannes Paul II. auch ein Gespräch mit Bundeskanzler Helmut Schmidt. Gleichzeitig traf Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher mit Kardinal-Staatssekretär Casaroli zusammen. Im Anschluß an den offiziellen Teil begab sich der Papst auf den Bonner Münsterplatz, um dort eine Ansprache zu halten. Ferner bestand der pastorale Teil aus Besuchen in Köln, Osnabrück, Mainz, Fulda, Altötting und München. In allen diesen Städten hielt Papst Johannes Paul II. die Heilige Messe. Eigentlicher Anlaß seines Aufenthaltes in der Bundesrepublik war der 700. Todestag von Albertus Magnus (1193-1280), dessen Grab der Papst in Köln besuchte. Bundespräsident Karl Carstens und Papst Johannes Paul II. auf Schloß Augustusburg in Brühl.