Im Wortlaut: Die Osterbotschaft von Papst Franziskus

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Papst Franziskus am Ostersonntag auf dem Petersplatz

Im Wortlaut: Osterbotschaft von Papst Franziskus
auf dem Petersplatz am Ostersonntag, 27. März 2016.

Danket dem Herrn, denn er ist gütig, denn seine Huld währt ewig! (Ps 136,1).

Liebe Brüder und Schwestern, Frohe Ostern!

Jesus Christus, die menschgewordene Barmherzigkeit Gottes, ist aus Liebe gestorben und aus Liebe auferstanden. Deshalb rufen wir heute aus: Jesus ist der Herr!

Seine Auferstehung verwirklicht vollkommen die Prophezeiung des Psalms: Die Huld Gottes währt ewig, seine Liebe gilt für immer, sie stirbt nie. Wir können völlig auf ihn vertrauen, und wir sagen ihm Dank, weil er für uns ganz bis in den Abgrund hinabgestiegen ist.

Angesichts der geistigen und moralischen Abgründe der Menschheit, angesichts der Leere, die sich in den Herzen zeigt und Hass und Tod hervorbringen, kann nur eine unendliche Barmherzigkeit uns Rettung bringen. Nur Gott kann mit seiner Liebe diese Leere, diese Abgründe auffüllen. Nur Gott kann es uns gewähren, dass wir nicht versinken, sondern unseren Weg fortsetzen in Richtung auf das Land der Freiheit und des Lebens hin.

Die österliche Freudennachricht lautet: Jesus, der Gekreuzigte, ist nicht hier, er ist auferstanden (vgl. Mt 28,5-6). Sie bietet uns die tröstende Gewissheit, dass der Abgrund des Todes überschritten ist und damit die Trauer, die Klage und die Mühsal überwunden sind (vgl. Offb 21,4). Der Herr, der erlitten hat, dass seine Jünger ihn verlassen, dass ihm eine ungerechte Verurteilung und die Schande eines Verbrechertods aufgebürdet wurde, er lässt uns jetzt teilhaben an seinem unsterblichen Leben und er schenkt uns seinen Blick voll Zärtlichkeit und Mitgefühl gegenüber den Hungernden und Dürstenden, den Heimatlosen und Gefangenen, den Ausgegrenzten und Weggeworfenen, den Opfern des Missbrauchs und der Gewalt. Die Welt ist voll von Menschen, die an Leib und Seele leiden, während die Nachrichten sich mit Meldungen über grausame Verbrechen füllen, die sich nicht selten in häuslichen Mauern zutragen, wie auch über bewaffnete Konflikte größeren Maßstabs, die ganze Bevölkerungen unsäglichen Prüfungen unterziehen.

Der auferstandene Christus zeigt Wege der Hoffnung für das geliebte Syrien auf, ein Land, das von einem langen Konflikt zerrissen ist und eine traurige Folge der Zerstörung, des Todes, der Verachtung der humanitären Gesetze und des Zerfalls des bürgerlichen Zusammenlebens erfahren hat. Der Macht des auferstandenen Herrn vertrauen wir die laufenden Gespräche an, auf dass man mit dem guten Willen und der Zusammenarbeit aller Früchte des Friedens ernten und die Errichtung einer brüderlichen Gesellschaft auf den Weg bringen kann, die die Würde und die Rechte jedes Bürgers achtet. Die Botschaft des Lebens, die aus dem Mund des Engels beim weggerollten Stein des Grabes erklang, möge die Herzenshärte besiegen und eine fruchtbare Begegnung der Völker und der Kulturen auch in den anderen Gebieten des Mittelmeerraumes und des Nahen Ostens fördern, besonders im Irak, in Jemen und in Libyen.

Das Bild des neuen Menschen, das auf dem Antlitz Christi erstrahlt, fördere im Heiligen Land das Zusammenleben zwischen Israelis und Palästinensern. Es lasse auch die geduldige Verfügbarkeit und den täglichen Einsatz dafür wachsen, dass man danach strebt, eine Grundlage für einen gerechten und dauerhaften Frieden mittels direkter und aufrichtiger Verhandlungen zu schaffen. Der Herr des Lebens begleite auch die zielführenden Bemühungen um das Erreichen einer endgültigen Lösung angesichts des Krieges in der Ukraine, indem auch die Initiativen für humanitäre Hilfe angeregt und unterstützt werden, nicht zuletzt auch die Freilassung festgehaltener Personen.

Der Herr Jesus, unser Friede (Eph 2,14), der durch seine Auferstehung das Böse und die Sünde besiegt hat, lasse uns an diesem Osterfest Nähe zu den Opfern des Terrorismus verspüren, jener blinden und grausamen Form von Gewalt, die nicht aufhört, unschuldiges Blut in vielen Teilen der Erde zu vergießen, wie zuletzt bei den Attentaten in Belgien, in der Türkei, in Nigeria, Tschad, Kamerun und Elfenbeinküste. Mögen die Hoffnungsansätze und Friedensaussichten in Afrika – ich denke besonders an Burundi, an Mosambik, an die Demokratische Republik Kongo und an den Südsudan, die durch politische und soziale Spannungen gezeichnet sind – zu einem guten Ausgang führen.

Mit den Waffen der Liebe hat Gott den Egoismus und den Tod besiegt. Sein Sohn Jesus ist die Tür der Barmherzigkeit, die allen weit offen steht. Seine österliche Botschaft breite sich immer mehr über das geliebte Volk Venezuelas aus angesichts der schwierigen Verhältnisse, unter denen es zu leben hat, wie auch über die, welche die Geschicke des Landes in den Händen halten. Man möge im Blick auf das Gemeinwohl arbeiten und Räume des Dialogs und der Zusammenarbeit mit allen suchen. Überall setze man sich dafür ein, eine Kultur der Begegnung, der Gerechtigkeit und des gegenseitigen Respekts zu ermöglichen, die allein das geistige und materielle Wohl der Bürger garantieren.

Der auferstandene Christus, die Botschaft des Lebens für die gesamte Menschheit, spiegelt sich in den Jahrhunderten wieder und lädt uns ein, die Männer und Frauen nicht zu vergessen, die in eine bessere Zukunft unterwegs sind, die immer größer werdende Schar der Migranten und Flüchtlinge – unter ihnen viele Kinder – auf der Flucht vor Krieg, Hunger, Armut und sozialer Ungerechtigkeit. Diese unsere Brüder und Schwestern begegnen zu oft dem Tod auf ihren Wegen oder erfahren ohnedies die Zurückweisung derer, die Aufnahme und Hilfe anbieten könnten. Die bevorstehende Veranstaltung des Welthumanitätsgipfels möge es nicht versäumen, den Menschen mit seiner Würde in den Mittelpunkt zu stellen und politische Konzepte zu erarbeiten, die geeignet sind, den Opfern von Konflikten und anderen Notlagen beizustehen und sie zu schützen. Dies gilt besonders für die Schwächsten und für die aus ethnischen oder religiösen Gründen Verfolgten.

An diesem herrlichen Tag „lobsinge die Erde, überstrahlt vom Glanz aus der Höhe“ (vgl. Österlicher Lobgesang Exsultet), obwohl sie durch eine geldgierige Ausbeutung so misshandelt und herabgewürdigt wird, so dass die Gleichgewichte der Natur sich verschieben. Ich denke besonders an die Bereiche, die von den Wirkungen des Klimawandels betroffen sind, wo nicht selten Dürren oder heftige Überschwemmungen mit daraus resultierenden Nahrungsmittelkrisen in verschiedenen Teilen der Welt hervorgerufen werden.

Mit unseren Brüdern und Schwestern, die um ihres Glaubens und ihrer Treue zu Christus willen verfolgt werden, und angesichts des Bösen, das die Oberhand im Leben vieler Menschen zu haben scheint, hören wir wieder das tröstende Wort des Herrn: „Habt Mut: Ich habe die Welt besiegt“ (Joh 16,33). Heute ist der glanzvolle Tag dieses Sieges; denn Christus hat dem Tod die Macht genommen und mit seiner Auferstehung das Licht des unvergänglichen Lebens gebracht (vgl. 2 Tim 1,10). „Er hat uns von der Abhängigkeit zur Freiheit, vom Jammer zur Freude, von der Trauer zum Fest, von der Finsternis zum Licht, von der Knechtschaft zur Erlösung schreiten lassen. Deshalb rufen wir vor Ihm Halleluja!“ (Meliton von Sardes, Osterpredigt).

An alle, die in unserer Gesellschaft jede Hoffnung und jeden Lebensmut verloren haben, an die älteren geschwächten Menschen, die in der Einsamkeit spüren, dass ihre Kräfte abnehmen, an die jungen Menschen, denen es scheinbar an Zukunftsperspektiven mangelt, an alle richte ich noch einmal die Worte des Auferstandenen: „Seht, ich mache alles neu. … Wer durstig ist, den werde ich umsonst aus der Quelle trinken lassen, aus der das Wasser des Lebens strömt“ (Offb 21,5-6). Diese tröstende Botschaft Jesu möge jedem von uns helfen, mit neuem Mut wieder aufzubrechen, um Wege der Versöhnung mit Gott und mit den Geschwistern zu aufzubauen.

(rv 27.03.2016 cz)

PÄPSTLICHE OSTER-BOTSCHAFTEN

Anastasis

BOTSCHAFT VON PAPST JOHANNES PAUL II.

VOR DEM SEGEN „URBI ET ORBI“ 1997

OSTERN 1997

1. „Victimae paschali laudes / immolent Christiani …“.
„Dem Osterlamm, das geopfert ward, / weihet, ihr Christen,
das Opfer des Lobes!
Das Lamm erlöste die Schafe; / Christus, der ohne Schuld, / versöhnte die
schuldige Welt mit dem Vater.“

Ich wende mich an euch, Christen! Ich wende mich an euch,
Katholiken, Orthodoxe, Anglikaner, Protestanten!
Ich wende mich an euch mit der wunderbaren Nachricht:
Christus ist auferstanden!

Er, der von Johannes dem Täufer
als Lamm Gottes bezeichnet wurde (vgl. Joh 1,29.36),
hat seine Herde gerettet: „Agnus redemit oves.“
Christus hat die Herde der gesamten Menschheit gerettet,
alle Menschen, ohne Ausnahme.
Christus, das unschuldige Opfer am Kreuz,
hat uns Sünder mit dem Vater versöhnt.
Er, der ohne Sünde war,
hat uns Sünder zum Vater zurückgeführt.
An diesem hochheiligen Osterfest
verkünden wir die Versöhnung der Menschheit mit dem Vater
durch Christus, der für uns gehorsam war
bis zum Tod: „Victima paschalis.“

2. „Mors et vita / duello conflixere mirando …“.
„Tod und Leben stritten im Kampfe, wie nie einer war; /
der Fürst des Lebens erlag dem Tod; /
zum Leben erstanden, triumphiert er als König.“
Der Mensch, der gegen das Böse kämpft,
der sich immer gegen den Tod auflehnt,
der das Leben vor jeder Gefahr schützen und retten will,
dieser Mensch möge heute innehalten. Er möge innehalten und staunen.
Ja, heute wurde der Tod besiegt.
Der Sohn Gottes, geboren von der Jungfrau,
Gott von Gott, Licht vom Licht,
der Sohn Gottes, eines Wesens mit dem Vater,
hat den schmachvollen Tod am Kreuz auf sich genommen.
Am Karfreitag war er ins Grab gelegt worden,
und heute vor Sonnenaufgang
hat er den Stein vom Grab weggewälzt
und ist mit eigener Kraft auferstanden:
„Dux vitae mortuus regnat vivus.“

3. „Dic nobis, Maria, / quid vidisti in via? …“
„Maria, sage uns an: / Was hast du auf dem Wege gesehen?“
„Ich sah das Grab, / und Christus sah ich, der lebt! / …
Ich sah das Tuch und die Linnen / und sah die Engel,
die sagten mir sichere Kunde.“
Die Auferstehung Christi ist von den Zeugen bestätigt,
durch diejenigen, die in der Morgendämmerung am ersten Tag
nach dem 
Sabbat, das heißt heute, zum Grab gingen.
Zuerst die Frauen und nach ihnen die Apostel.
Die alte liturgische Sequenz
richtet sich an Maria von Magdala,
denn ihr war es gegeben,
nicht nur das leere Grab zu entdecken,
sondern den Aposteln das Ereignis zu verkünden.
Petrus und Johannes eilten herbei und stellten fest,
daß das, was die Frauen gesagt hatten, wahr war.

4. Wir wenden uns an dich, Maria von Magdala,
die du, unter dem Kreuz kniend,
die Füße des sterbenden Christus geküßt hast.
Unter dem Antrieb der Liebe bist du zum Grab gelaufen
und hast es leer gefunden;
Als erste hast du den Auferstandenen gesehen und mit ihm gesprochen.
Reuige Sünderin,
Christus hat dich in gewisser Weise den Aposteln gleichgestellt,
indem er dir die Nachricht von der Auferstehung in den Mund legte.
Freu dich, Maria von Magdala!
Freut euch, Petrus und Johannes!
Freut euch, Apostel alle!
Freue dich, Kirche, denn das Grab ist leer.
Christus ist erstanden!
Dort, wo man ihn hingelegt hatte,
lagen nur die Leinenbinden,
lag nur das Schweißtuch,
in das man ihn am Karfreitag gewickelt hatte.
Verkündet zusammen mit uns und mit der ganzen Menschheit:
„Surrexit Christus spes mea – Surrexit Christus spes nostra!“

5. Verkündet mit uns, daß Christus die Hoffnung
auch derer ist, die das Dasein und die Zukunft
durch Krieg und Haß gefährdet sehen,
besonders im Herzen des afrikanischen Kontinents.
Das Licht Christi leite die Verantwortlichen der Nationen,
die gerufen sind, durch ihre Entscheidungen
das Zusammenleben unter verschiedenen Völkern, Kulturen und Religionen,
wie im Heiligen Land, zu lenken.
Die Kraft des Auferstandenen stütze
diejenigen, die den Frieden und die Demokratie zu festigen suchen,
die oft um den Preis so vieler Opfer,
wie in den Balkanländern und insbesondere
im geliebten Albanien, erzielt wurden.
Die Liebe Christi, die stärker ist als Sünde und Tod,
schenke allen den Mut zur Vergebung und Versöhnung,
ohne die es keine menschenwürdige Lösungen gibt:
Wir denken dabei ganz besonders an die Personen,
die in Lima, in Peru, seit vielen Monaten
als Geiseln festgehalten werden.
Möge ihnen endlich die langersehnte Freiheit gewährt werden!

6. An der Osterfreude
mögen alle unsere Brüder und Schwestern im Glauben teilhaben,
die in verschiedenen Teilen der Welt
Opfer von Unterdrückung und Verfolgung sind.
Sie können leider dieses Fest der Erlösung
nicht so feiern, wie sie es gewollt hätten.
Sie sollen nicht den Mut verlieren,
Sie sollen sich nicht verlassen fühlen!
Christus ist mit ihnen, die Kirche ist mit ihnen!
„Surrexit Christus spes mea.“
Christus ist wahrhaft erstanden!
In ihm können wir heute die Macht des Bösen überwinden.
Er bietet uns allen ein neues Leben an.
Ihm ist es zu verdanken, daß jeder sich von jetzt an
den Brüdern und Schwestern in Liebe öffnen kann
durch Annahme, Dienst und Vergebung.
Ja, Christus ist auferstanden,
Alles bekommt einen neuen Sinn und Wert.

7. Scimus Christum / surrexisse a mortuis vere.“
„Wir wissen: Christus ist auferstanden! / Wahrhaft erstanden vom Tode!“
Das Zeugnis der Frauen und der Apostel,
das Zeugnis der Kirche,
erreicht nicht nur Jerusalem und das Gebirge von Galiläa.
Es verbreitet sich bis an die äußersten Grenzen der Erde.
Am Ende des zweiten Jahrtausends,
während das Große Jubiläum des Jahres 2000 näherrückt,
erklingt überall dieses Zeugnis:
Christus ist erstanden!
„Scimus Christum surrexisse a mortuis vere!“
Wir glauben, weil wir wissen: scimus.
Und aus der Tiefe dieser höchsten Gewißheit,
in der das Wort Gottes und die Vernunft des Menschen zusammentreffen,
rufen wir zu dir, dem gekreuzigten und auferstandenen Christus:
„Tu nobis, victor Rex, miserere!“
Amen. Halleluja!

Ostern, 30. März 1997

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Quelle


 

BOTSCHAFT UND SEGEN „URBI ET ORBI“

VON PAPST BENEDIKT XVI.

OSTERN 2012

Sonntag, 8. April 2012

 Fotogalerie

 

Liebe Brüder und Schwestern aus Rom und der ganzen Welt!

»Surrexit Christus, spes mea« – »Auferstanden ist Christus, meine Hoffnung« (Ostersequenz).

Möge euch alle die jubelnde Stimme der Kirche erreichen, mit den Worten, die der alte Hymnus Maria Magdalena in den Mund legt, der ersten, die dem auferstandenen Jesus begegnete. Sie eilte zu den anderen Jüngern, und während ihr das Herz im Halse schlug, verkündete sie ihnen: „Ich habe den Herrn gesehen!“ (Joh 20,18). Auch wir, die wir die Wüste der Fastenzeit und die schmerzlichen Tage der Passion durchlebt haben, geben heute dem Siegesruf Raum: „Er ist auferstanden! Er ist wahrhaft auferstanden!“

Für jeden Christen wiederholt sich die Erfahrung, die Maria Magdalena machte. Es ist eine Begegnung, die das Leben verwandelt: die Begegnung mit einem einzigartigen Menschen, der uns die ganze Güte und Wahrheit Gottes spüren läßt, der uns nicht oberflächlich und vorübergehend, sondern tiefgreifend vom Bösen befreit, uns völlig heilt und uns unsere Würde zurückgibt. Das ist es, warum Maria Magdalena Jesus „meine Hoffnung“ nennt: weil er es war, der sie zu neuem Leben erweckte, ihr eine neue Zukunft schenkte, ein gutes Leben, frei vom Bösen. „Christus, meine Hoffnung“ bedeutet, daß all meine Sehnsucht nach dem Guten in ihm eine reale Möglichkeit findet: Mit ihm kann ich hoffen, daß mein Leben gut sei, daß es erfüllt und ewig sei, denn Gott selbst ist uns so nahegekommen, daß er sich in unser Menschsein hineinbegeben hat.

Doch Maria Magdalena hat wie die anderen Jünger mit ansehen müssen, wie Jesus von den führenden Männern des Volkes abgelehnt wurde, gefangengenommen, gegeißelt, zum Tode verurteilt und gekreuzigt wurde. Es muß unerträglich gewesen sein zu sehen, wie die Güte in Person der menschlichen Schlechtigkeit unterworfen wurde, die Wahrheit von der Lüge verhöhnt und die Barmherzigkeit von der Rache geschmäht wurde. Mit dem Tod Jesu schien die Hoffnung aller, die auf ihn vertrauten, zu scheitern. Doch gänzlich verlöschte jener Glaube nie: Vor allem im Herzen der Jungfrau Maria, der Mutter Jesu, brannte das Flämmchen auch im Dunkel der Nacht lebendig weiter. Die Hoffnung muß in dieser Welt unweigerlich mit der Härte des Bösen rechnen. Nicht nur die Mauer des Todes steht ihr im Weg, mehr noch behindern sie die spitzen Stiche von Neid, Hochmut, Lüge und Gewalt. Jesus hat dieses tödliche Flechtwerk durchquert, um uns den Weg in das Reich des Lebens zu bahnen. Einen Moment gab es, in dem er besiegt zu sein schien: Finsternis war über die Welt hereingebrochen, Gott hatte sich völlig in Schweigen gehüllt, Hoffnung schien nur noch ein leeres Wort zu sein.

Aber siehe da, im Morgengrauen des Tages nach dem Sabbat ist das Grab leer. Und dann zeigt sich Jesus der Maria Magdalena, den anderen Frauen und den Jüngern. Da flammt der Glaube wieder auf, lebendiger und stärker denn je, jetzt unbezwingbar, denn er gründet sich auf eine ausschlaggebende Erfahrung: »Tod und Leben rangen / in wundersamem Zweikampf. / Der Fürst des Lebens starb, / als Lebender herrscht er jetzt.« Die Zeichen der Auferstehung bestätigen den Sieg des Lebens über den Tod, der Liebe über den Haß, der Barmherzigkeit über die Rache: »das Grab des auferstandenen Christus / die Herrlichkeit des Auferstandenen / und die Engel als Zeugen, / das Schweißtuch und die Leinentücher«.

Liebe Brüder und Schwestern! Wenn Jesus auferstanden ist, dann – und nur dann – ist etwas wirklich Neues geschehen, das die Lage des Menschen und der Welt verändert. Dann ist er – Jesus – jemand, dem wir unumschränkt vertrauen können, nicht nur seiner Botschaft, sondern ihm selbst, denn der Auferstandene gehört nicht der Vergangenheit an, sondern er ist gegenwärtig, heute, und lebt. Christus ist Hoffnung und Ermutigung besonders für die christlichen Gemeinschaften, die aufgrund des Glaubens am meisten unter Diskriminierung und Verfolgung zu leiden haben. Und als Kraft der Hoffnung ist er durch seine Kirche gegenwärtig, ist er jeder menschlichen Situation von Leid und Ungerechtigkeit nahe.

Möge der auferstandene Christus dem Mittleren Osten Hoffnung geben, damit alle ethnischen, kulturellen und religiösen Gemeinschaften jener Region für das Gemeinwohl und für die Achtung der Menschenrechte zusammenarbeiten. Besonders in Syrien sollte das Blutvergießen enden und unverzüglich der Weg der Achtung, des Dialogs und der Versöhnung eingeschlagen werden, was auch dem Wunsch der Internationalen Gemeinschaft entspricht. Mögen die zahlreichen Flüchtlinge, die aus jenem Land kommen und humanitärer Hilfe bedürfen, die Aufnahme und die Solidarität erfahren, die imstande sind, ihre schmerzlichen Leiden zu mindern. Der österliche Sieg ermutige das irakische Volk, keine Anstrengung zu scheuen, um auf dem Weg der Stabilität und der Entwicklung voranzuschreiten. Im Heiligen Land mögen Israeliten und Palästinenser mutig den Friedensprozeß wieder aufnehmen.

Der Herr, der über das Böse und den Tod gesiegt hat, stehe den christlichen Gemeinschaften des afrikanischen Kontinents bei, er schenke ihnen Hoffnung, um die Schwierigkeiten zu bewältigen, mache sie zu Friedensstiftern und lasse sie entscheidend zur Entwicklung der Gesellschaften beitragen, denen sie angehören.

Der auferstandene Jesus stärke die leidenden Bevölkerungen am Horn von Afrika und begünstige ihre Versöhnung; er helfe der Region der ostafrikanischen Seen, dem Sudan und dem Süd-Sudan, indem er den jeweiligen Einwohnern die Kraft zum Verzeihen schenke. Dem Staat Mali, der einen politisch heiklen Moment erlebt, schenke der glorreiche Christus Frieden und Stabilität. Nigeria war in letzter Zeit Schauplatz blutiger terroristischer Überfälle; möge die österliche Freude ihm die nötigen Energien spenden, um den Aufbau einer friedlichen Gesellschaft wieder aufzunehmen, die die Religionsfreiheit aller ihrer Bürger respektiert.

Allen wünsche ich frohe Ostern!

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Quelle

Fides christianorum resurrectio Christi est

37-03-012

Der auferstandene Jesus und der Apostel Thomas, Detail, Freske aus dem 14. Jh., Oberkirche des Klosters Sacro Speco, Subiaco (Rom).

Ansprache Pauls VI.

an die Teilnehmer des Symposiums über die Auferstehung Jesu,
Rom, 4. April 1970.

Sehr geehrte Herren,

Wir sind sehr gerührt über die warmherzigen, zuversichtlichen Worte, die der ehrwürdige Pater Dhanis in Ihrem Namen für Uns gefunden hat, und wir danken dem Herrn, der uns dieses Treffen mit hochrangigen Experten im Bereich der Exegese, der Theologie und der Philosophie bescherte, die gekommen sind, um sich brüderlich über ihre Arbeiten zum Geheimnis der Auferstehung Christi auszutauschen. Groß ist Unsere Freude über dieses Symposium, das dank der großherzigen Gastfreundschaft des Instituts „San Domenico“ in der Via Cassia veranstaltet werden konnte. Wir möchten den Verantwortlichen und allen Teilnehmern, die Wir hier begrüßen dürfen, Unseren herzlichen Dank aussprechen, vereint mit Unserer tiefen Wertschätzung, Unserem besonderen Wohlwollen und Zuspruch.

Wir wollen Ihnen hier in aller Einfachheit einige Denkanstöße geben, die uns dieses so bedeutungsvolle Thema der Auferstehung Jesu nahelegt, das Sie lobenswerterweise zum Thema Ihrer Arbeiten machen wollten.

1. Man muss wohl kaum betonen, welch große Bedeutung Wir – wie übrigens alle unsere christlichen Kinder, Brüder und Schwestern – dieser Studie beimessen. Ja, Wir möchten fast zu sagen wagen: die meiste Bedeutung messen Wir ihr bei – schon aufgrund der Rolle, die uns der Herr im Schoße Seiner Kirche zugedacht hat und die Uns zum privilegierten Zeugen und Glaubenshüter macht! Und dreht sich vielleicht nicht die ganze Evangeliengeschichte um die Auferstehung: was wären die Evangelien, die die Frohbotschaft des Herrn Jesus verkünden, ohne sie? Liegt vielleicht nicht gerade darin die Quelle der gesamten christlichen Verkündigung, angefangen beim ersten Kerygma, das ja gerade dem Zeugnis der Auferstehung erwächst (vgl. Apg 2, 32)?

Ist es nicht vielleicht der Angelpunkt der gesamten Epistemologie des Glaubens, ohne den dieser seine Konsistenz verlieren würde, wie schon die Worte des Apostels Paulus besagen: „Ist aber Christus nicht auferweckt worden […] dann ist euer Glaube sinnlos“ (vgl. 1 Kor 15, 14)?

Ist es vielleicht nicht allein die Auferstehung Jesu, die der ganzen Liturgie, allen unseren „Eucharistiefeiern“ Sinn gibt, mit der Versicherung der Präsenz des Auferstandenen, den wir in der Danksagung feiern: „Deinen Tod, oh Herr, verkünden wir und Deine Auferstehung preisen wir, bis Du kommst in Herrlichkeit“ (Anamnesis)?

Ja, die ganze christliche Hoffnung gründet sich auf die Auferstehung Christi, in der unsere eigene Auferstehung mit Ihm „verankert“ ist. Ja, wir sind bereits mit Ihm auferweckt (vgl. Kol 3, 1): in den Stoff unseres christliches Lebens ist diese unerschütterliche Gewissheit und diese verborgene Wirklichkeit eingewoben, mit aller Freude und Dynamik, die sich daraus ergibt.

2. Und ist es vielleicht nicht erstaunlich, dass ein derartiges Geheimnis – so grundlegend für unseren Glauben, so bereichernd für unseren Geist – im Laufe der Geschichte verschiedene Formen angenommen hat und nicht nur das leidenschaftliche Interesse seitens der Exegeten, sondern auch vielfältige Proteste hervorrief? Dieses Phänomen hatte sich schon zu Lebzeiten des Evangelisten Johannes gezeigt, der meinte, präzisieren zu müssen, dass der ungläubige Thomas aufgefordert worden war, die Male der Nägel zu berühren und seine Hand in die verwundete Seite des auferstandenen Wortes des Lebens zu legen(vgl. Joh 20, 24-29).

Wie sollte man hier nicht an die seither angestellten Versuche jener Gnosis denken, die in vielfältigen Formen immer wieder in Erscheinung tritt und die dieses Geheimnis mit allen Ressourcen des menschlichen Verstandes zu durchdringen und auf die Dimensionen rein menschlicher Kategorien zu verkürzen suchte? Eine mehr als verständliche Versuchung, und zweifellos eine unvermeidliche, aber mit der gefährlichen Tendenz, den Reichtum und die Tragweite dessen zu entleeren, was vor allem ein Fakt ist: die Auferstehung des Retters.

Noch heute – und das müssen Wir Ihnen gewiss nicht in Erinnerung rufen – haben wir die letzten dramatischen Folgen dieser Tendenz vor Augen, die nicht selten dazu führt, dass Gläubige, die sich Christen nennen, den historischen Wert des inspirierten Zeugnisses leugnen oder, in jüngerer Zeit, die leibliche Auferstehung Jesu in rein mythischer, spiritueller oder moralischer Weise interpretieren. Wie soll man die unleugbar zerstörerischen Auswirkungen nicht wahrnehmen, die diese schädlichen Diskussionen auf viele Gläubige haben? Aber Wir sehen das alles – wie Wir hier mit Nachdruck betonen – ohne Furcht: Heute wie gestern gelingt es dem Zeugnis „der Elf und der anderen Jünger“ nämlich, mit der Anmut des Heiligen Geistes den wahren Glauben zu erwecken: „Der Herr ist wirklich auferstanden und dem Simon erschienen“ (Lk 24, 34-35).

40-03-012

Paul VI. betet am Heiligen Grab

3. Mit diesen Gefühlen verfolgen Wir also mit großem Respekt die hermeneutische und exegetische Arbeit, die so qualifizierte Männer der Wissenschaft wie Sie zu diesem wichtigen Thema leisten. Diese Haltung entspricht den Prinzipien und Normen, die die katholische Kirche für die Bibelstudien festgelegt hat; man muss nur an die bekannten Enzykliken Unserer Vorgänger denken: Providentissimus Deus von Leo XIII. aus dem Jahr 1893, und Divino afflante Spiritu von Pius XII. aus dem Jahr 1943 – oder an die dogmatische Konstitution Dei Verbum des II. Vatikanischen Konzils: Darin wird nicht nur die rechte Freiheit der Forschung anerkannt, sondern auch daran gemahnt, dass das Studium der Heiligen Schrift den heutigen Erfordernissen angepasst sein muss und es gilt, „sorgfältig zu erforschen, was die heiligen Schriftsteller wirklich zu sagen beabsichtigten“ (vgl. Dei Verbum, Nr. 12).Diese Perspektive weckt auch in der Welt der Kultur Interesse und stellt eine Quelle neuer Bereicherung für die Bibelstudien dar. Wir freuen Uns, dass dem so ist. Wie immer zeigt sich die Kirche als gestrenge Hüterin der schriftlichen Offenbarung; und heute zeigt sie sich beseelt von einer berechtigten Sorge: Alles zu wissen, alles mit Unterscheidungsvermögen abzuwägen und den Bibeltext kritisch zu interpretieren. Auf diese Weise ist die Kirche, während sie sucht, das Denken der anderen zu kennen, darum bemüht, das zu überprüfen, was ihr eigen ist und den vielen aufrechten Geistern, die auf der Suche sind, die Gelegenheit offener und tröstlicher Begegnungen zu geben. Ja, die Kirche selbst kennt die Schwierigkeiten bei der Exegese von zweifelhaften und schwierigen Texten und weiß um die Nützlichkeit verschiedener Meinungen. So konnte schon Augustinus sagen: „Utile est autem ut de obscuritatibus divinarum Scripturarum, quas exercitationis nostrae causa Deus esse voluit, multae inveniantur sententiae, cum aliud alii videtur, quae tamen omnes sanae fidei doctrinaeque concordent“ (Ep. ad Paulinum 149, 3, 34: PL 33, 644) [Es ist überdies nützlich, dass hinsichtlich unklarer Stellen der Heiligen Schrift – durch die uns Gott ermöglicht, in Übung zu bleiben – viele Urteile gehört werden, solange diese nicht im Kontrast zur gesunden Glaubenslehre stehen].

Und die Kirche gemahnt ihre Kinder, stets unter Leitung des Augustinus, daran, die Lösung durch die Einheit von Gebet und Studium zu suchen: „Non solum admonendi sunt studiosi venerabilium Litterarum, ut in Scripturis sanctis genera locutionum sciant […], verum etiam, quod est praecipuum et maxime necessarium, orent ut intelligant“ (De doctrina christiana III, 37, 56: PL 34, 89).

[Was nun die Schrifterklärer angeht, sollten sie nicht nur dazu angehalten werden, die in der Heiligen Schrift gebrauchten literarischen Gattungen zu kennen […], sondern auch, und das ist das Wichtigste und Notwendigste, zu beten, um zu verstehen].

4. Aber kommen wir wieder auf das Thema Ihres Symposiums zurück. Uns scheint, dass das Ganze der Analysen und Reflexionen letztendlich mit Hilfe neuer Forschungen die Lehre bestätigt, die die Kirche bezüglich des Geheimnisses der Auferstehung anerkennt und bekennt. Wie schon Romano Guardini seligen Angedenkens in einer eindringlichen Glaubensmeditation so treffend erkannte, betonen die Evangelienberichte „oft und mit Nachdruck, dass der auferstandene Christus anders ist als er vor dem Pascha war, anders als die anderen Menschen. Seine Natur hat in den Erzählungen etwas Merkwürdiges. Sein Sich-Nähern erstaunt, erschreckt. Während er vorher ‚kam‘ und ‚ging‘, heißt es nun, dass er ‚auch den Elf erschien‘, als sie bei Tisch waren, dass er ‚verschwand‘“ (vgl. Mk 16, 9-14; Lk 24, 31-36). Körperliche Barrieren gibt es für ihn nicht mehr. Er ist nicht mehr an die Grenzen von Raum und Zeit gebunden. Er bewegt sich mit einer neuen, auf Erden nicht gekannten Freiheit, gleichzeitig aber wird mit Nachdruck bekräftigt, dass Er Jesus von Nazareth ist, in Fleisch und Blut – der, der vorher mit den Seinen gelebt hatte, kein Gespenst.“ Ja, „der Herr ist verwandelt. Er lebt in anderer Weise als zuvor. Seine gegenwärtige Existenz ist für uns unverständlich. Doch ist sie leiblich, umfasst den ganzen Jesus […] ja, durch seine Wundmale umfasst sie sein ganzes gelebtes Leben, das Los, das ihn getroffen hat, sein Leiden und seinen Tod.“ Es handelt sich also nicht nur um das Überleben in Herrlichkeit seines „Ichs“. Wir haben es hier mit der Präsenz einer tiefen und komplexen Realität zu tun, einem neuen, vollkommen menschlichen Leben: „Das Durchdringen, die Verwandlung des ganzen Lebens, einschließlich des Leibes, durch die Präsenz des Heiligen Geistes […] Wir realisieren diese Umpolung, die sich Glaube nennt und die, statt Christus in Funktion der Welt zu denken, bewirkt, dass man die Welt und alle Dinge in Funktion Christi denkt […] Die Auferstehung lässt einen Keim erblühen, der schon immer in Ihm war.“ So können wir mit Romano Guardini sagen: „Wir brauchen die Auferstehung und die Verklärung, um wirklich verstehen zu können, was der menschliche Leib ist […] in Wahrheit hat nur das Christentum gewagt, den Leib in den tiefsten Geheimnissen Gottes anzusiedeln“ (R. Guardini, Le Seigneur, Übersetzung: R. P. Lorson, Bd. II, Alsatia, Paris 1945, SS. 119-126).

Angesichts dieses Geheimnisses sind wir alle von Bewunderung erfüllt, voller Staunen, genauso wie angesichts der Geheimnisse der Fleischwerdung und der jungfräulichen Geburt (vgl. Gregor, der Große,Hom. 26 in Ev., Brevierlesung am 1. Sonntag nach Ostern). Lassen wir uns also – mit den Aposteln – in den Glauben an den auferstandenen Christus einführen, der uns allein das Heil schenken kann (vgl. Apk 4, 12). Und wir sind auch zuversichtlich hinsichtlich der Gewissheit der vom Lehramt der Kirche garantierten Überlieferung, die auch zur wissenschaftlichen Forschung ermutigt und zugleich weiterhin den Glauben der Apostel proklamiert.

Meine lieben Herren, diese wenigen einfachen Worte zum Ausklang Ihrer gelehrten Arbeiten sollten Sie eigentlich nur ermutigen, in diesem Glauben damit weiterzumachen, ohne je den Dienst am Gottesvolk aus den Augen zu verlieren, das vollends neu geschaffen wurde, „damit wir durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten eine lebendige Hoffnung haben“ (1Pt 1, 3). Und wir, im Namen Dessen „der tot war und wieder lebendig wurde“, dieses „treuen Zeugen und Erstgeborenen der Toten“ (Apk 2, 8; 1, 5), erteilen Ihnen als Unterpfand Unseres herzlichen Dankes für Ihre Forschungen Unseren tief empfundenen apostolischen Segen.

PAPST PAUL VI.: FIDES CHRISTIANORUM RESURRECTIO CHRISTI EST

37-03-012

Der auferstandene Jesus und der Apostel Thomas, Detail, Freske aus dem 14. Jh., Oberkirche des Klosters Sacro Speco, Subiaco (Rom).

Ansprache Pauls VI.
an die Teilnehmer des Symposiums über die Auferstehung Jesu,
Rom, 4. April 1970

 

Sehr geehrte Herren,

Wir sind sehr gerührt über die warmherzigen, zuversichtlichen Worte, die der ehrwürdige Pater Dhanis in Ihrem Namen für Uns gefunden hat, und wir danken dem Herrn, der uns dieses Treffen mit hochrangigen Experten im Bereich der Exegese, der Theologie und der Philosophie bescherte, die gekommen sind, um sich brüderlich über ihre Arbeiten zum Geheimnis der Auferstehung Christi auszutauschen. Groß ist Unsere Freude über dieses Symposium, das dank der großherzigen Gastfreundschaft des Instituts „San Domenico“ in der Via Cassia veranstaltet werden konnte. Wir möchten den Verantwortlichen und allen Teilnehmern, die Wir hier begrüßen dürfen, Unseren herzlichen Dank aussprechen, vereint mit Unserer tiefen Wertschätzung, Unserem besonderen Wohlwollen und Zuspruch.

Wir wollen Ihnen hier in aller Einfachheit einige Denkanstöße geben, die uns dieses so bedeutungsvolle Thema der Auferstehung Jesu nahelegt, das Sie lobenswerterweise zum Thema Ihrer Arbeiten machen wollten.

1. Man muss wohl kaum betonen, welch große Bedeutung Wir – wie übrigens alle unsere christlichen Kinder, Brüder und Schwestern – dieser Studie beimessen. Ja, Wir möchten fast zu sagen wagen: die meiste Bedeutung messen Wir ihr bei – schon aufgrund der Rolle, die uns der Herr im Schoße Seiner Kirche zugedacht hat und die Uns zum privilegierten Zeugen und Glaubenshüter macht! Und dreht sich vielleicht nicht die ganze Evangeliengeschichte um die Auferstehung: was wären die Evangelien, die die Frohbotschaft des Herrn Jesus verkünden, ohne sie? Liegt vielleicht nicht gerade darin die Quelle der gesamten christlichen Verkündigung, angefangen beim ersten Kerygma, das ja gerade dem Zeugnis der Auferstehung erwächst (vgl. Apg 2, 32)?

Ist es nicht vielleicht der Angelpunkt der gesamten Epistemologie des Glaubens, ohne den dieser seine Konsistenz verlieren würde, wie schon die Worte des Apostels Paulus besagen: „Ist aber Christus nicht auferweckt worden […] dann ist euer Glaube sinnlos“ (vgl. 1Kor 15, 14)?

Ist es vielleicht nicht allein die Auferstehung Jesu, die der ganzen Liturgie, allen unseren „Eucharistiefeiern“ Sinn gibt, mit der Versicherung der Präsenz des Auferstandenen, den wir in der Danksagung feiern: „Deinen Tod, oh Herr, verkünden wir und Deine Auferstehung preisen wir, bis Du kommst in Herrlichkeit“ (Anamnesis)?

Ja, die ganze christliche Hoffnung gründet sich auf die Auferstehung Christi, in der unsere eigene Auferstehung mit Ihm „verankert“ ist. Ja, wir sind bereits mit Ihm auferweckt (vgl. Kol 3, 1): in den Stoff unseres christliches Lebens ist diese unerschütterliche Gewissheit und diese verborgene Wirklichkeit eingewoben, mit aller Freude und Dynamik, die sich daraus ergibt.

2. Und ist es vielleicht nicht erstaunlich, dass ein derartiges Geheimnis – so grundlegend für unseren Glauben, so bereichernd für unseren Geist – im Laufe der Geschichte verschiedene Formen angenommen hat und nicht nur das leidenschaftliche Interesse seitens der Exegeten, sondern auch vielfältige Proteste hervorrief? Dieses Phänomen hatte sich schon zu Lebzeiten des Evangelisten Johannes gezeigt, der meinte, präzisieren zu müssen, dass der ungläubige Thomas aufgefordert worden war, die Male der Nägel zu berühren und seine Hand in die verwundete Seite des auferstandenen Wortes des Lebens zu legen(vgl.Joh 20, 24-29).

Wie sollte man hier nicht an die seither angestellten Versuche jener Gnosis denken, die in vielfältigen Formen immer wieder in Erscheinung tritt und die dieses Geheimnis mit allen Ressourcen des menschlichen Verstandes zu durchdringen und auf die Dimensionen rein menschlicher Kategorien zu verkürzen suchte? Eine mehr als verständliche Versuchung, und zweifellos eine unvermeidliche, aber mit der gefährlichen Tendenz, den Reichtum und die Tragweite dessen zu entleeren, was vor allem ein Fakt ist: die Auferstehung des Retters.

Noch heute – und das müssen Wir Ihnen gewiss nicht in Erinnerung rufen – haben wir die letzten dramatischen Folgen dieser Tendenz vor Augen, die nicht selten dazu führt, dass Gläubige, die sich Christen nennen, den historischen Wert des inspirierten Zeugnisses leugnen oder, in jüngerer Zeit, die leibliche Auferstehung Jesu in rein mythischer, spiritueller oder moralischer Weise interpretieren. Wie soll man die unleugbar zerstörerischen Auswirkungen nicht wahrnehmen, die diese schädlichen Diskussionen auf viele Gläubige haben? Aber Wir sehen das alles – wie Wir hier mit Nachdruck betonen – ohne Furcht: Heute wie gestern gelingt es dem Zeugnis „der Elf und der anderen Jünger“ nämlich, mit der Anmut des Heiligen Geistes den wahren Glauben zu erwecken: „Der Herr ist wirklich auferstanden und dem Simon erschienen“ (Lk 24, 34-35).

40-03-012

Paul VI. betet am Heiligen Grab

3. Mit diesen Gefühlen verfolgen Wir also mit großem Respekt die hermeneutische und exegetische Arbeit, die so qualifizierte Männer der Wissenschaft wie Sie zu diesem wichtigen Thema leisten. Diese Haltung entspricht den Prinzipien und Normen, die die katholische Kirche für die Bibelstudien festgelegt hat; man muss nur an die bekannten Enzykliken Unserer Vorgänger denken: Providentissimus Deus von Leo XIII. aus dem Jahr 1893, und Divino afflante Spiritu von Pius XII. aus dem Jahr 1943 – oder an die dogmatische Konstitution Dei Verbum des II. Vatikanischen Konzils: Darin wird nicht nur die rechte Freiheit der Forschung anerkannt, sondern auch daran gemahnt, dass das Studium der Heiligen Schrift den heutigen Erfordernissen angepasst sein muss und es gilt, „sorgfältig zu erforschen, was die heiligen Schriftsteller wirklich zu sagen beabsichtigten“ (vgl. Dei Verbum, Nr. 12).Diese Perspektive weckt auch in der Welt der Kultur Interesse und stellt eine Quelle neuer Bereicherung für die Bibelstudien dar. Wir freuen Uns, dass dem so ist. Wie immer zeigt sich die Kirche als gestrenge Hüterin der schriftlichen Offenbarung; und heute zeigt sie sich beseelt von einer berechtigten Sorge: Alles zu wissen, alles mit Unterscheidungsvermögen abzuwägen und den Bibeltext kritisch zu interpretieren. Auf diese Weise ist die Kirche, während sie sucht, das Denken der anderen zu kennen, darum bemüht, das zu überprüfen, was ihr eigen ist und den vielen aufrechten Geistern, die auf der Suche sind, die Gelegenheit offener und tröstlicher Begegnungen zu geben. Ja, die Kirche selbst kennt die Schwierigkeiten bei der Exegese von zweifelhaften und schwierigen Texten und weiß um die Nützlichkeit verschiedener Meinungen. So konnte schon Augustinus sagen: „Utile est autem ut de obscuritatibus divinarum Scripturarum, quas exercitationis nostrae causa Deus esse voluit, multae inveniantur sententiae, cum aliud alii videtur, quae tamen omnes sanae fidei doctrinaeque concordent“ (Ep. ad Paulinum 149, 3, 34: PL 33, 644) [Es ist überdies nützlich, dass hinsichtlich unklarer Stellen der Heiligen Schrift – durch die uns Gott ermöglicht, in Übung zu bleiben – viele Urteile gehört werden, solange diese nicht im Kontrast zur gesunden Glaubenslehre stehen].

Und die Kirche gemahnt ihre Kinder, stets unter Leitung des Augustinus, daran, die Lösung durch die Einheit von Gebet und Studium zu suchen: „Non solum admonendi sunt studiosi venerabilium Litterarum, ut in Scripturis sanctis genera locutionum sciant […], verum etiam, quod est praecipuum et maxime necessarium, orent ut intelligant“ (De doctrina christiana III, 37, 56: PL 34, 89).

[Was nun die Schrifterklärer angeht, sollten sie nicht nur dazu angehalten werden, die in der Heiligen Schrift gebrauchten literarischen Gattungen zu kennen […], sondern auch, und das ist das Wichtigste und Notwendigste, zu beten, um zu verstehen].

4. Aber kommen wir wieder auf das Thema Ihres Symposiums zurück. Uns scheint, dass das Ganze der Analysen und Reflexionen letztendlich mit Hilfe neuer Forschungen die Lehre bestätigt, die die Kirche bezüglich des Geheimnisses der Auferstehung anerkennt und bekennt. Wie schon Romano Guardini seligen Angedenkens in einer eindringlichen Glaubensmeditation so treffend erkannte, betonen die Evangelienberichte „oft und mit Nachdruck, dass der auferstandene Christus anders ist als er vor dem Pascha war, anders als die anderen Menschen. Seine Natur hat in den Erzählungen etwas Merkwürdiges. Sein Sich-Nähern erstaunt, erschreckt. Während er vorher ‚kam‘ und ‚ging‘, heißt es nun, dass er ‚auch den Elf erschien‘, als sie bei Tisch waren, dass er ‚verschwand‘“ (vgl. Mk 16, 9-14; Lk 24, 31-36). Körperliche Barrieren gibt es für ihn nicht mehr. Er ist nicht mehr an die Grenzen von Raum und Zeit gebunden. Er bewegt sich mit einer neuen, auf Erden nicht gekannten Freiheit, gleichzeitig aber wird mit Nachdruck bekräftigt, dass Er Jesus von Nazareth ist, in Fleisch und Blut – der, der vorher mit den Seinen gelebt hatte, kein Gespenst.“ Ja, „der Herr ist verwandelt. Er lebt in anderer Weise als zuvor. Seine gegenwärtige Existenz ist für uns unverständlich. Doch ist sie leiblich, umfasst den ganzen Jesus […] ja, durch seine Wundmale umfasst sie sein ganzes gelebtes Leben, das Los, das ihn getroffen hat, sein Leiden und seinen Tod.“ Es handelt sich also nicht nur um das Überleben in Herrlichkeit seines „Ichs“. Wir haben es hier mit der Präsenz einer tiefen und komplexen Realität zu tun, einem neuen, vollkommen menschlichen Leben: „Das Durchdringen, die Verwandlung des ganzen Lebens, einschließlich des Leibes, durch die Präsenz des Heiligen Geistes […] Wir realisieren diese Umpolung, die sich Glaube nennt und die, statt Christus in Funktion der Welt zu denken, bewirkt, dass man die Welt und alle Dinge in Funktion Christi denkt […] Die Auferstehung lässt einen Keim erblühen, der schon immer in Ihm war.“ So können wir mit Romano Guardini sagen: „Wir brauchen die Auferstehung und die Verklärung, um wirklich verstehen zu können, was der menschliche Leib ist […] in Wahrheit hat nur das Christentum gewagt, den Leib in den tiefsten Geheimnissen Gottes anzusiedeln“ (R. Guardini, Le Seigneur, Übersetzung: R. P. Lorson, Bd. II, Alsatia, Paris 1945, SS. 119-126).

Angesichts dieses Geheimnisses sind wir alle von Bewunderung erfüllt, voller Staunen, genauso wie angesichts der Geheimnisse der Fleischwerdung und der jungfräulichen Geburt (vgl. Gregor, der Große,Hom. 26 in Ev., Brevierlesung am 1. Sonntag nach Ostern). Lassen wir uns also – mit den Aposteln – in den Glauben an den auferstandenen Christus einführen, der uns allein das Heil schenken kann (vgl. Apk 4, 12). Und wir sind auch zuversichtlich hinsichtlich der Gewissheit der vom Lehramt der Kirche garantierten Überlieferung, die auch zur wissenschaftlichen Forschung ermutigt und zugleich weiterhin den Glauben der Apostel proklamiert.

Meine lieben Herren, diese wenigen einfachen Worte zum Ausklang Ihrer gelehrten Arbeiten sollten Sie eigentlich nur ermutigen, in diesem Glauben damit weiterzumachen, ohne je den Dienst am Gottesvolk aus den Augen zu verlieren, das vollends neu geschaffen wurde, „damit wir durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten eine lebendige Hoffnung haben“ (1Pt 1, 3). Und wir, im Namen Dessen „der tot war und wieder lebendig wurde“, dieses „treuen Zeugen und Erstgeborenen der Toten“ (Apk 2, 8; 1, 5), erteilen Ihnen als Unterpfand Unseres herzlichen Dankes für Ihre Forschungen Unseren tief empfundenen apostolischen Segen.

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Quelle