Papst zum Welttag der Armen: Gelegenheit zur Neuevangelisierung

Der Papst beim gemeinsamen Essen mit Bedürftigen (Servizio Fotografico „Osservatore Romano“ @L’Osservatore Romano)

Eine Einladung, die Begegnung mit den Armen als besondere Gelegenheit zur Neuevangelisierung zu leben, kommt von Papst Franziskus in seiner Botschaft zum Welttag der Armen. Diese hat der Vatikan an diesem Donnerstag veröffentlicht. „Da ist ein Armer; er rief und der Herr erhörte ihn“ (Ps 34,7) ist das Psalmwort, anhand dessen Franziskus seine Überlegungen entfaltet.

Christine Seuss – Vatikanstadt

Dieser Psalm, so der Papst, ermögliche es heute auch uns, zu verstehen, wer die wahrhaft Armen seien. Man habe sich mittlerweile daran gewohnt, die vielen Brüder und Schwestern, die in Not lebten, allgemein als „arm“ zu bezeichnen. Gott, so erinnert Franziskus, hat eine besondere Zuneigung zu den Menschen, die im irdischen Leben mit Füßen getreten, verfolgt und ausgegrenzt werden.

Drei Worte des Psalms seien es, die die Beziehung zwischen Gott und den Armen in besonderer Weise charakterisierten, führt Franziskus weiter aus. Diese Worte seien: „schreien“, „antworten“ und „befreien“.

“ An einem Welttag wie diesem sind wir zu einer ernsthaften Gewissenserforschung aufgerufen, um uns darüber klar zu werden, ob wir wirklich fähig sind, auf die Armen zu hören ”

Der Schrei, den der Arme in seiner Verzweiflung und Einsamkeit zum Himmel richte, werde von Gott erhört. Doch, so die Mahnung des Papstes, wir selbst müssten Gewissenserforschung darüber vornehmen, weshalb ein Schrei, der bis zu Gott dringe, von uns ignoriert werden könne. Zum Hinhören gehörten auch die Stille, das Schweigen, das auch im Getöse einiger „verdienstvoller und notwendiger Initiativen“ untergehen könne, die „häufig mehr darauf ausgerichtet sind, uns selbst zu gefallen, als darauf, den Schrei des Armen wirklich wahrzunehmen“.

Man sei allzu gefangen in einer Kultur, die der Selbstbeschau diene, so dass man fälschlicherweise das Gefühl haben könne, eine „Geste der Selbstlosigkeit“ entpflichte einen von seiner Verantwortung, ohne sich vertieft einzubringen.

“ Der Welttag der Armen will eine kleine Antwort sein, die sich von der Kirche, die über die ganze Welt verstreut ist, an die Armen jeder Art und jeden Landes richtet, damit sie nicht denken, ihr Schrei sei auf taube Ohren gestoßen. ”

Die „Antwort“ des Herrn auf den Ruf des Armen sei hingegen eine „Anteilnahme voller Liebe“ an dessen Situation. Gleichzeitig sei sie ein Appell an jeden Gläubigen, „innerhalb der Grenzen des menschlich Möglichen“ ebenso zu handeln. Hierbei sei es mit Almosen nicht getan, erinnert der Papst, denn es sei das persönliche Engagement, das wirklich wertvoll für die Geschwister in Not sei.

Eine Absage an rein materielle karitative Unterstützung also, während die Notwendigkeit von „liebevoller Zuwendung“ (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 199) betont wird, „die den anderen als Person ehrt und sein Wohl sucht“.

“ Die Armut wird nicht gesucht, sondern vom Egoismus, vom Stolz, von der Gier und von der Ungerechtigkeit erzeugt. ”

Ein drittes Wort, „befreien“: Das Eingreifen Gottes, das in zahlreichen Bibelstellen geschildert wird, befreit den Armen aus seiner Situation und gibt ihm die Möglichkeit, „zügig“ voranzuschreiten und „die Welt mit klaren Augen“ zu sehen.

Doch es dürfe nicht beim Eingreifen Gottes bleiben, vielmehr sei „jeder Christ und jede Gemeinschaft“ berufen, „Werkzeug Gottes für die Befreiung und die Förderung der Armen zu sein, so dass diese sich vollkommen in die Gesellschaft einfügen können“, zitierte Franziskus abermals aus seinem Programmschreiben Evangelii gaudium (187).

“ Wie viele Wege führen auch heute noch zu Formen der mangelnden Absicherung! ”

Es sei leider die herrschende Tendenz, eine Distanz zwischen sich und dem Armen, den man als störendes Element wahrnehme, zu schaffen, beklagt Franziskus. Er weist darauf hin, dass man „sich auf diese Weise vom Herrn Jesus distanziert, der sie nicht zurückweist, sondern sie zu sich ruft und sie tröstet“.

Anschließend geht der Papst auf konkrete Initiativen ein, die mit dem Welttag des Armen in Verbindung stehen können. Unter ihnen, an erster Stelle, das gemeinsame Mahl, das neben der Sättigung des hungrigen Magens auch eine echte Form der Gemeinschaft und des Dialogs mit den benachteiligten Menschen darstelle.

“ Oft gelingt es in der Zusammenarbeit mit anderen Akteuren, die zwar nicht vom Glauben, aber von der menschlichen Solidarität bewegt sind, eine Hilfe zu bringen, die wir alleine nicht verwirklichen könnten. ”

Dabei warnt der Papst davor, den Glauben als Alleinstellungsmerkmal für solidarisches und karitatives Handeln zu sehen. Die Begrenztheit der menschlichen Mittel mache es nötig, Formen der Zusammenarbeit zu suchen, während der evangelische Auftrag der Nächstenliebe nicht darauf ausgerichtet sei, sich selbst und sein Handeln in den Vordergrund zu rücken, so die päpstliche Mahnung.

„Wir sind bewegt vom Glauben und vom Gebot der Nächstenliebe“, führt Franziskus in seiner Botschaft aus, „doch wissen wir andere Formen der Hilfe und der Solidarität anzuerkennen, die sich teilweise dieselben Ziele setzen; wenn wir nur nicht das vernachlässigen, was uns eigen ist, nämlich alle zu Gott und zur Heiligkeit zu führen.“ Der „Dialog zwischen den verschiedenen Erfahrungen“ und die „Demut, unsere Mitarbeit zu leisten ohne irgendeine Art von Geltungsdrang“, sei eine „angemessene und völlig evangeliumsgemäße Antwort“, die wir verwirklichen könnten.

“ In dem Maß, in dem man fähig ist, dem Reichtum seinen rechten und wahren Sinn zu geben, wächst man in der Menschlichkeit und wird fähig, zu teilen ”

Gleichzeitig helfe uns der „Schrei des Armen“, uns aus unserer Gleichgültigkeit aufzurütteln, „welche die Frucht eines zu sehr immanenten und an die Gegenwart gebundenen Lebens ist“. Der Einsatz für die Armen wird so zu einer Wohltat, die nicht nur dem Armen, sondern auch dem Wohltäter zugutekommt und Hoffnung schafft.

Er lade nun alle Mitglieder der Gemeinschaft, Bischöfe, Priester, Diakone, aber auch alle Personen des geweihten Lebens und Laien dazu ein, den Welttag des Armen als einen „bevorzugten Moment der Neuevangelisierung zu leben“, so Franziskus abschließend. Es seien die Armen, die uns evangelisierten, „indem sie uns helfen, jeden Tag die Schönheit des Evangeliums zu entdecken“. Diese Gelegenheit der Gnade dürfe nicht auf taube Ohren stoßen, betont Franziskus in seiner Botschaft, die auf den 13. Juni 2018, den liturgischen Gedenktag des hl. Antonius von Padua, datiert ist.

Sorge um die Armen schon bei der Namenswahl

Seit seinem Amtsantritt hat Papst Franziskus eine besondere Sorge um Arme und Ausgegrenzte erkennen lassen. Bereits bei seiner Wahl zum Papst, so erzählte Franziskus später selbst, habe ihn ein befreundeter Mitkardinal, der betagte Brasilianer Claudio Hummes, umarmt und ihm zugeraunt: ,Vergiss die Armen nicht´! Dies habe ihn auch dazu bewogen, im Andenken an den großen Heiligen aus Assisi den Namen Franziskus zu wählen, ließ der Papst anschließend verlauten.

Während seines Pontifikates hat er sich immer wieder darum bemüht, auf die Situation von Benachteiligten aufmerksam zu machen, und diverse Initiativen zu diesem Zweck auf den Weg gebracht. Den Welttag der Armen hat der Papst im Jahr 2016 ausgerufen. Im Rahmen des Welttages sind Diözesen, Caritaseinrichtungen und Private aufgerufen, spezielle Aktionen zugunsten armer Menschen zu organisieren. Er findet seit 2017 am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres, also dem Sonntag vor Christkönig, statt. In diesem Jahr fällt der Welttag auf den 18. November.

 

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Botschaft von Papst Franziskus zum Ersten Welttag der Armen
Volltext

Wir dokumentieren im Folgenden die offizielle deutsche Übersetzung der Botschaft von Papst Franziskus zum Ersten Welttag der Armen, der am 33. Sonntag im Jahreskreis, dem 19. November 2017, begangen wird. Der Text wurde am heutigen Dienstag, dem 13. Juni 2017, im Laufe einer Pressekonferenz im Vatikan der Öffentlichkeit vorgestellt.

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Liebt nicht mit Worten sondern in Taten

1. „Meine Kinder, wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit“ (1 Joh 3,18). Diese Worte des Apostels Johannes stellen einen Imperativ dar, dem sich kein Christ entziehen kann. Die Ernsthaftigkeit, mit der der “Lieblingsjünger” bis in unsere Tage hinein das Gebot Jesu verkündet, wird besonders deutlich durch den Gegensatz zwischen den leeren Worten, die wir oftmals im Mund führen, und den konkreten Taten, an denen wir eigentlich gerufen sind, uns zu messen. Die Liebe erlaubt kein Alibi: Wer lieben will, wie Jesus geliebt hat, muss ganz und gar seinem Beispiel folgen. Das gilt besonders, wenn es um die Armen geht. Die Art und Weise, wie der Sohn Gottes geliebt hat, ist wohl bekannt, und Johannes ruft uns mit klaren Worten ihre tragenden Säulen in Erinnerung: Gott hat uns zuerst geliebt (vgl. 1 Joh 4,10.19); und er hat uns so geliebt, dass er sein Leben für uns hingegeben hat (vgl. 1 Joh 3,16).

Eine solche Liebe kann nicht ohne Antwort bleiben. Auch wenn sie einseitig und bedingungslos geschenkt wird, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, entzündet sie doch die Herzen derart, dass diese trotz aller persönlichen Grenzen und Sünden dazu geführt werden, diese Liebe zu erwidern. Das gelingt, wenn wir die Gnade Gottes, seine barmherzige Liebe, im Rahmen unserer Möglichkeiten in unseren Herzen aufnehmen, so dass unser Wille und auch unsere Gefühle zur Liebe zu Gott selbst und zum Nächsten bewegt werden. Auf diese Weise kann die Barmherzigkeit, die sozusagen aus dem Herzen der Dreifaltigkeit entspringt, unser Leben in Bewegung bringen und Mitgefühl und Werke der Barmherzigkeit für unsere Brüder und Schwestern in Not hervorbringen.

2. „Da rief ein Armer und der Herr erhörte ihn“ (Ps 34,7). Immer schon hat die Kirche die Bedeutung eines solchen Schreis begriffen. Die ersten Seiten der Apostelgeschichte geben Zeugnis davon, wenn Petrus aufruft, sieben Männer auszuwählen „voll Geist und Weisheit“ (6,3), um ihnen den Dienst an den Armen zu übertragen. Das ist gewiss eines der ersten Zeichen, durch das die christliche Gemeinschaft auf der Bühne dieser Welt in Erscheinung tritt: der Dienst an den Ärmsten. All dies war ihr möglich, weil sie begriffen, dass das Leben der Jünger Jesu in einer solchen Brüderlichkeit und Solidarität Ausdruck finden musste, die der grundsätzlichen Lehre des Meisters entsprechen, der die Armen selig und zu Erben des Himmelreiches erklärt hatte (vgl. Mt 5,3).

„Sie verkauften Hab und Gut und teilten davon allen zu, jedem so viel, wie er nötig hatte“ (Apg 2,45). Hier wird die aufrichtige Sorge der ersten Christen deutlich. Der Evangelist Lukas, jener biblische Autor, der mehr als alle anderen dem Thema der Barmherzigkeit Raum gegeben hat, macht nicht etwa nur schöne Worte, wenn er berichtet, wie die ersten Christen ihre Güter geteilt haben. Ganz im Gegenteil, wenn er davon erzählt, beabsichtigt er, zu den Gläubigen aller Zeiten zu sprechen, und damit auch zu uns, um uns im Zeugnis zu ermutigen und uns zum Einsatz für die Bedürftigsten anzuspornen. Das Gleiche lehrt uns der Apostel Jakobus mit ebensolcher Überzeugung. In seinem Brief wählt er starke und eindrückliche Worte: „Hört, meine geliebten Brüder und Schwestern! Hat nicht Gott die Armen in der Welt zu Reichen im Glauben und Erben des Reiches erwählt, das er denen verheißen hat, die ihn lieben? Ihr aber habt den Armen entehrt. Sind es nicht die Reichen, die euch unterdrücken und euch vor die Gerichte schleppen? […] Was nützt es, meine Brüder und Schwestern, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Werke? Kann etwa der Glaube ihn retten? Wenn ein Bruder oder eine Schwester ohne Kleidung sind und ohne das tägliche Brot und einer von euch zu ihnen sagt: Geht in Frieden, wärmt und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was sie zum Leben brauchen – was nützt das? So ist auch der Glaube für sich allein tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat“ (Jak 2,5-6.14-17).

3. Allerdings gab es auch Momente, in denen die Christen diesen Aufruf nicht wirklich bis in die Tiefe befolgt haben und sich stattdessen von einer weltlichen Denkweise anstecken ließen. Aber der Heilige Geist hat es nie versäumt, sie daran zu erinnern, den Blick auf das Wesentliche gerichtet zu halten. Denn er hat immer wieder Männer und Frauen erweckt, die ihr Leben für den Dienst an den Armen hingegeben haben. Wie viele Seiten Geschichte wurden in den letzten 2000 Jahren von Christen geschrieben, die in aller Schlichtheit und Demut sowie mit dem großzügigen Erfindungsreichtum, wie sie nur die Nächstenliebe schenken kann, ihren ärmsten Brüdern und Schwestern gedient haben!

Unter ihnen sticht das Beispiel des Heiligen Franz von Assisi hervor, dem zahllose andere heilige Männer und Frauen durch die Jahrhunderte gefolgt sind. Er gab sich nicht damit zufrieden, die Aussätzigen zu umarmen und ihnen Almosen zu geben, sondern er entschied sich, nach Gubbio zu gehen und mit ihnen zu leben. Er selbst sieht in dieser Begegnung sein großes Bekehrungserlebnis: „Als ich in Sünden war, kam es mir sehr bitter vor, Aussätzige zu sehen. Und der Herr selbst hat mich unter sie geführt, und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen. Und da ich fortging von ihnen, wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süßigkeit der Seele und des Leibes verwandelt“ (Testament 1-3). Dieses Zeugnis bringt die verwandelnde Kraft der Nächstenliebe und auch den christlichen Lebensstil zum Ausdruck.

Denken wir also an die Armen nicht nur als Empfänger eines wohltätigen, einmal in der Woche zu verrichtenden Freiwilligendienstes oder von improvisierten Gesten des guten Willens, um unser Gewissen zu beruhigen. Diese Taten sind zwar wertvoll und helfen uns durchaus, auf die Bedürfnisse unserer Brüder und Schwestern sowie auch auf die Ungerechtigkeiten, die oftmals zu ihrer Situation führt, zu achten. Letztendlich sollten sie uns jedoch zu einer wirklichen Begegnung mit den Armen führen und der Haltung desTeilens Raum geben, die zum Lebensstil werden soll. Das Gebet, der Weg der Jüngerschaft und die Bekehrung finden in der Nächstenliebe, die bereit ist zu teilen, eine Bestätigung ihrer evangelischen Glaubwürdigkeit. Aus dieser Lebensweise kommen Freude und Seelenfrieden, denn sie erlaubt uns, mit den eigenen Händen das Fleisch Christi zu berühren. Wenn wir wirklich Christus begegnen wollen, dann müssen wir seinen Leib auch im gemarterten Leib der Armen berühren – gleichsam als Antwort auf die sakramentale Kommunion in der Eucharistie. Der Leib Christi, der in der Eucharistie gebrochen wird, lässt sich, wenn wir die Liebe weiterschenken, im Angesicht und in den Personen der schwächsten Brüder und Schwestern wiederfinden. Zeitlos gültig erklingen die Worte des heiligen Bischofs Johannes Chrysostomos: „Willst du den Leib Christi ehren? Dann übersieh nicht, dass dieser Leib nackt ist. Ehre den Herrn nicht im Haus der Kirche mit seidenen Gewändern, während du ihn draußen vernachlässigst, wo er unter Kälte und Blöße leidet“ (Predigt zum Matthäusevangelium, 50, 3: PG 58).

Wir sind also gerufen,  den Armen die Hand zu reichen, ihnen zu begegnen, in ihre Augen zu schauen, sie zu umarmen, sie die Wärme der Liebe spüren zu lassen, die den Teufelskreis der Einsamkeit zerbricht. Die Hand, die sie ihrerseits uns entgegenstrecken, ist eine Einladung, aus unserer Sicherheit und Bequemlichkeit auszubrechen. Sie lädt uns ein, den Reichtum zu erkennen, den die Armut in sich selbst bereithält.

4. Vergessen wir nicht, dass für die Jünger Christi die Armut vor allem in der Berufung besteht, dem armen Christus nachzufolgen. Sie ist der Weg, auf dem wir ihm nachfolgen und auf dem wir mit ihm unterwegs sind, ein Weg, der zur Seligkeit des Himmelreiches führt (vgl. Mt 5,3; Lk 6,20). Wahre Armut bedeutet, ein demütiges Herz zu haben, das als Geschöpf um die eigene Begrenztheit und Sündhaftigkeit weiß und darum der Versuchung von Allmachtsvorstellungen, die Unsterblichkeit vortäuscht, widerstehen kann. Die Armut ist eine Herzenshaltung, die verhindert, dass wir Geld, Karriere und Luxus als Lebensziel und Grundvoraussetzungen des Glücks betrachten. Es ist vielmehr die Armut, die die Voraussetzungen schafft, um trotz unserer Grenzen im Vertrauen auf die Nähe Gottes und getragen von seiner Gnade in Freiheit die persönliche und gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen. Die so verstandene Armut wird zum Maßstab, der es erlaubt, den korrekten Umgang mit den materiellen Dingen einzuschätzen und auch in selbstloser und nicht besitzergreifender Weise die eigenen Beziehungen und Willensantriebe zu leben (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche Nr. 2545).

Folgen wir also dem Beispiel des heiligen Franziskus, dem Zeugen der wahren Armut. Gerade weil er die Augen auf Christus gerichtet hatte, war er in der Lage, diesen in den Armen zu erkennen und ihm zu dienen. Wenn wir also einen Beitrag leisten wollen, um die Geschichte wirksam zu verändern und wirkliche Entwicklung zu ermöglichen, dann müssen wir auf den Schrei der Armen hören und uns einsetzen, um sie aus der Ausgrenzung herauszuholen. Gleichzeitig erinnere ich die Armen in unseren Städten und in unseren Gemeinden, dass sie nicht den Sinn für die Armut des Evangeliums verlieren, der ihrem Leben eingeprägt ist.

5. Uns ist die große Schwierigkeit bekannt, in der heutigen Welt die Armut auf klare Weise zu identifizieren. Und doch fordert sie uns tagtäglich heraus, indem sie uns mit tausenden Gesichtern anschaut, die gezeichnet sind von Schmerz, Ausgrenzung, Missbrauch, Gewalt, Folter, Gefängnis, von Krieg, vom Entzug von Freiheit und Würde, fehlenden Bildungschancen und Analphabetismus, Gesundheitsnotlagen und Arbeitslosigkeit, Menschenhandel, Sklaverei, Exil, Elend und erzwungener Migration. Die Armut hat das Gesicht von Frauen, Männern und Kindern, die aus niederträchtigen Interessen ausgebeutet werden, niedergetrampelt von der perversen Logik der Macht und des Geldes. Diese grausame und nie vollständige Liste ist man gezwungen, angesichts einer Armut zusammenzustellen, die die Frucht sozialer Ungerechtigkeit sowie moralischen Elends, der Habgier weniger und der allgemein verbreiteten Gleichgültigkeit ist.

Wenn heutzutage immer mehr ein unverschämter Reichtum zutage tritt, der sich in den Händen weniger Privilegierter ansammelt und der nicht selten mit Illegalität und der beleidigenden Ausbeutung der menschlichen Würde einhergeht, erregt die Ausbreitung der Armut in großen Teilen der weltweiten Gesellschaft Ärgernis. Angesichts dieser Entwicklung ist es unmöglich, untätig zu bleiben oder gar aufzugeben. Auf eine Armut, die den Unternehmungsgeist so vieler Jugendlicher auslöscht und verhindert, dass sie Arbeit finden; auf eine Armut, die den Verantwortungssinn einschläfert und die zu einem System des Abwälzens von Verantwortung und der Suche nach Begünstigung führt; auf eine Armut, die die gemeinschaftlichen Brunnen vergiftet und die Räume der Arbeitswelt eingrenzt und damit das Verdienst derjenigen schmälert, die arbeiten und produzieren; – auf all das gilt es mit einer neuen Sicht des Lebens und der Gesellschaft zu antworten.

All diese Armen gehören – wie der selige Paul VI. zu sagen pflegte – aufgrund des „evangeliumsgemäßen Rechts“ zur Kirche (Ansprache zur Eröffnung der zweiten Session des Zweiten Vatikanischen Konzils, 29. September 1963) und sie verpflichten auf eine grundlegende Option für sie. Gepriesen sind also die Hände, die sich den Armen entgegenstrecken, um zu helfen, denn es sind Hände, die Hoffnung bringen. Gepriesen die Hände, die jegliche Schranke der Kultur, der Religion und der Nationalität überwinden, indem sie das Öl des Trostes in die Wunden der Menschheit gießen. Gepriesen die Hände, die sich öffnen ohne eine Gegenleistung zu erwarten, ohne Wenn und Aber und ohne Vielleicht: Solche Hände lassen über die Brüder und Schwestern den Segen Gottes herabkommen!

6. Zum Abschluss des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit wollte ich der Kirche den Welttag der Armen schenken, damit in der ganzen Welt die christlichen Gemeinden immer mehr und immer besser zum konkreten Zeichen der Liebe Christi für die Letzten und Bedürftigsten werden. Ich möchte, dass dieser Welttag zur Liste der anderen hinzugefügt wird, die meine Vorgänger eingerichtet haben und die zu einer Tradition in unseren Gemeinden geworden sind. Er vervollständigt das Gesamtbild, indem er ein zutiefst evangeliumsgemäßes Element hinzufügt: die besondere Vorliebe Jesu für die Armen.

Ich lade die gesamte Kirche sowie alle Menschen guten Willens ein, an diesem Tag ihren Blick auf die zu richten, die mit ausgestreckter Hand um Hilfe bitten und auf unsere Solidarität hoffen. Es sind unsere Brüder und Schwestern, geschaffen und geliebt vom einzigen Vater im Himmel. Dieser Welttag will zuerst die Gläubigen anspornen, damit sie der Wegwerfkultur und der Kultur des Überflusses eine wahre Kultur der Begegnungentgegenstellen. Gleichzeitig ist die Einladung an alle Menschen gerichtet, unabhängig von der religiösen Zugehörigkeit, damit sie sich als konkretes Zeichen der Brüderlichkeit für das Teilen mit den Armen in jeder Form der Solidarität öffnen. Gott hat den Himmel und die Erde für alle geschaffen. Es sind die Menschen, die leider Grenzen, Mauern und Absperrungen aufgerichtet haben, und die dabei die ursprüngliche für die ganze Menschheit bestimmte Gabe ohne jeden Ausschluss verraten haben.

7. Der Welttag der Armen fällt dieses Jahr auf den 19. November, den 33. Sonntag im Jahreskreis. Ich wünsche, dass die christlichen Gemeinden sich in der vorausgehenden Woche dafür einsetzen, viele Gelegenheiten zur Begegnung und zur Freundschaft, aber auch zur Solidarität und zur konkreten Hilfe zu schaffen. Anschließend können sie die Armen gemeinsam mit den Ehrenamtlichen, die sich um diese kümmern, zur Eucharistiefeier an diesem Sonntag einladen, so dass die Feier des darauffolgenden Christkönigssonntags noch authentischer wird. Die Bedeutung des Königtums Christi tritt nämlich gerade auf dem Berg Golgota zutage, wo der Unschuldige ans Kreuz genagelt, arm, nackt und von allem beraubt, die Fülle der Liebe Gottes Fleisch werden lässt und offenbart. Seine völlige Hingabe an den Vater bringt einerseits seine völlige Armut zum Ausdruck; andererseits wird dadurch die Macht dieser Liebe deutlich, die ihn am Ostertag zu neuem Leben auferweckt.

Wenn in unserer Nachbarschaft Arme leben, die Schutz und Hilfe suchen, gehen wir an diesem Sonntag auf sie zu: Dies wird eine günstige Gelegenheit sein, um dem Gott zu begegnen, den wir suchen. Laden wir sie gemäß der Lehre der Heiligen Schrift (vgl. Gen18,3-5; Heb 13,2) als Ehrengäste an unseren Tisch. Sie können zu Lehrmeistern werden, die uns helfen, unseren Glauben konsequenter zu leben. Mit ihrem Vertrauen und der Bereitschaft Hilfe anzunehmen, zeigen sie uns auf nüchterne, aber oft frohe Weise, wie wichtig es ist, aus dem Wesentlichen zu leben und sich ganz der Vorsehung Gottes zu überlassen.

8. Die Grundlage der vielen Initiativen zu diesem Welttag soll stets das Gebet sein. Vergessen wir nicht, dass das Vaterunser das Gebet der Armen ist. Die Bitte um das Brot bringt das Vertrauen auf Gott in den Grundbedürfnissen unseres Lebens zum Ausdruck. Wie Jesus uns mit diesem Gebet gelehrt hat, bringt sie den Schrei derer zum Ausdruck und nimmt ihn auf, die unter ihrer mangelnden Existenzsicherung leiden und denen es am Lebensnotwendigen fehlt. Als die Jünger Jesus baten, er möge sie beten lehren, hat er ihnen mit den Worten der Armen geantwortet, die sich an den einen Vater richten, vor dem alle sich als Geschwister erkennen. Das Vaterunser ist ein Gebet im Plural: Das Brot, um das wir bitten, ist „unser“ Brot und dies bringt Teilen, Teilhabe und gemeinsame Verantwortung mit sich. In diesem Gebet erkennen wir alle die Forderung, jede Form von Egoismus zu überwinden, um so zur Freude der gegenseitigen Aufnahme zu gelangen.

9. Ich bitte die Brüder im bischöflichen, priesterlichen und diakonalen Dienst – deren besondere Berufung es ist, den Armen beizustehen –, die Ordensleute, die Vereinigungen und Bewegungen sowie die weite Welt der Ehrenamtlichen, sich dafür einzusetzen, damit dieser Welttag der Armen eine Tradition werde, die ganz konkret zur Evangelisierung der Welt von heute beiträgt. Dieser neue Welttag möge daher ein starker Aufruf für unser gläubiges Gewissen werden, damit wir immer mehr überzeugt sein mögen, dass das Teilen mit den Armen es uns ermöglicht, das Evangelium in seiner tiefsten Wahrheit zu verstehen. Die Armen sind kein Problem. Sie sind vielmehr eine Ressource, aus der wir schöpfen können, um das Wesen des Evangeliums in uns aufzunehmen und zu leben.

Aus dem Vatikan, am 13. Juni 2017,
Gedenktag des heiligen Antonius von Padua

FRANZISKUS

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