Der interreligiöse Dialog als Weg zum Frieden

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ERÖFFNUNG EINES KURSES FÜR DIPLOMATEN
AUS ISLAMISCHEN LÄNDERN AN DER
PÄPSTLICHEN UNIVERSITÄT GREGORIANA

ANSPRACHE VON KARDINAL TARCISIO BERTONE

Montag, 7. Mai 2007

Der interreligiöse Dialog als Weg zum Frieden

Hochwürdige Patres,
verehrte Autoritäten,
meine Damen und Herren!

Ich möchte die Organisatoren und die Teilnehmer an dem Kurs »Die katholische Kirche und die internationale Politik des Heiligen Stuhls« für Diplomaten aus den Ländern des Mittelmeerraumes und des Nahen Ostens ehrerbietig begrüßen. Besonders danke ich dem Hw. Pater Franco Imoda, Präsident der Stiftung »La Gregoriana«, in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Kurses, und Professor Roberto Papini, Generalsekretär des internationalen Instituts »Jacques Maritain«, als ausführendem Direktor des Kurses. Meine Anerkennung gilt auch dem Hw. P. Gianfranco Ghirlanda, Rector Magnificus der Päpstlichen Universität Gregoriana, die uns Gastfreundschaft gewährt. Schließlich richte ich an Sie alle einen herzlichen und freundschaftlichen Gruß. Diese Initiative, an der angesehene Institutionen mitwirken, erscheint in der aktuellen geschichtlichen Situation notwendiger denn je, um qualifizierte Vertreter der muslimischen Welt in angemessener Weise mit dem Denken und der Tätigkeit der katholischen Kirche bekannt zu machen. Das gegenseitige Kennenlernen ist in der Tat der erste und notwendige Schritt, um eine harmonische Entwicklung des Dialogs und eine dauerhafte und gewinnbringende Zusammenarbeit sicherzustellen.

Das mir vorgeschlagene Thema – »Der interreligiöse Dialog als Weg zum Frieden« – ist anregend und aktueller denn je bei der Suche nach dem Dialog zwischen den Religionen sowie für die Zukunftsperspektiven der Welt. Darum bewahrt der Heilige Stuhl ständiges und aufrichtiges Interesse am Dialog.

Das hat der Heilige Vater Benedikt XVI. bei der Begegnung mit den Vertretern einiger muslimischer Gemeinden am 20. August 2005 in Köln klar ausgesprochen: »Der interreligiöse und interkulturelle Dialog zwischen Christen und Muslimen darf nicht auf eine Saisonentscheidung reduziert werden. Tatsächlich ist er eine vitale Notwendigkeit, von der zum großen Teil unsere Zukunft abhängt.« Hier sehen wir den religiösen Dialog im Dienst des Friedens. Die Suche nach Frieden liegt bekanntlich dem Heiligen Stuhl sehr am Herzen. Ich werde mich darauf beschränken, einige ausdrückliche Bezugnahmen auf dieses Thema anzuführen, welche in den Botschaften enthalten sind, die der Papst seit über dreißig Jahren anläßlich des Weltfriedenstages an die Staatsoberhäupter, an die Katholiken und an die Menschen guten Willens sendet.

1. Der Dialog für den Frieden, eine Herausforderung für unsere Zeit

Das Thema der Botschaft zum Weltfriedenstag 1983 lautete: »Der Dialog für den Frieden: eine Herausforderung für unsere Zeit.« Darin sagte der verehrte Papst Johannes Paul II., er sei zutiefst davon überzeugt, daß der Dialog – ein echter Dialog – eine wesentliche Bedingung für den Frieden ist, und bemerkte: »Ja, dieser Dialog ist notwendig, nicht nur opportun; er ist schwierig, aber möglich, trotz der Hindernisse, die wir, realistisch gesehen, dabei beachten müssen. Er stellt deshalb eine echte Herausforderung dar, die ich euch bitte, anzunehmen« (Insegnamenti Giovanni Paolo II, 1982/III, S. 1542). Und er fügte hinzu: ein echter Dialog geht aus »von der Suche nach dem Wahren, dem Guten und dem Gerechten für jeden Menschen, für jede Gruppe und jede Gesellschaft« (ebd., S. 1545). Der Dialog verlangt daher eine wirkliche Öffnung und gegenseitige Annahme in Respekt und Verständnis für die Verschiedenheit und die Besonderheit des anderen. Zugleich ist der Dialog Suche nach dem, was den Menschen gemeinsam ist und ihnen, auch inmitten von Spannungen, Widerständen und Konflikten, gemeinsam bleibt. Alles in allem ist der wahre Dialog die Suche nach dem Guten mit friedlichen Mitteln; er ist eine Anerkennung der unveräußerlichen Würde der Menschen und stützt sich auf die Achtung vor dem menschlichen Leben.

2. Dialog zwischen den Kulturen für eine Zivilisation der Liebe und des Friedens

Im Jahr 2001 hatte die Botschaft zum Weltfriedenstag als Thema »Dialog zwischen den Kulturen für eine Zivilisation der Liebe und des Friedens.« In einer Analyse über den Dialog zwischen den verschiedenen Kulturen und Traditionen der Völker zeigte der Heilige Vater im Dialog den notwendigen Weg für den Aufbau einer versöhnten Welt auf, die fähig ist, mit Gelassenheit in ihre Zukunft zu blicken. Die Kultur – schrieb er – ist die qualifizierte Äußerung des Menschen und seiner Geschichte. Menschsein bedeutet notwendigerweise Leben in einer bestimmten Kultur. Wenn es daher einerseits darauf ankommt, daß man die Werte der eigenen Kultur zu schätzen weiß, so ist andererseits das Bewußtsein erforderlich, daß jede Kultur, da sie ein typisch menschliches und geschichtlich bedingtes Produkt ist, notwendigerweise auch Grenzen einschließt. Ein wirksames Mittel dagegen, daß das kulturelle Zugehörigkeitsgefühl zur Abschottung wird, ist das unparteiliche, nicht von negativen Vorurteilen bestimmte Kennenlernen der anderen Kulturen (vgl. Nr. 7) (Insegnamenti Giov. Paolo II, 2000/II, S. 1066–1067). Wir können somit sagen – wie kürzlich von Seiner Exzellenz Francesco Follo bei der 176. Sitzung des Exekutivrates der UNESCO betont wurde –, daß die verschiedenen Kulturen, auch wenn sie von unterschiedlichen Interpretationen der Wirklichkeit geprägt sind, in der Grunderfahrung der menschlichen Situation, wo es um Fragen über Geburt und Tod, über Arbeit, Krankheit, soziale Ungerechtigkeit, die Erhaltung unseres Planeten geht, tief miteinander verbunden sind.

Unter diesem Aspekt erweist sich der Dialog zwischen den Kulturen als ein inneres Erfordernis der Natur des Menschen und der Kultur; er trägt dazu bei, den Reichtum der Unterschiedlichkeit anzuerkennen, indem er die Herzen zur gegenseitigen Annahme bereit macht, im Ausblick auf eine echte Zusammenarbeit, wie sie der ursprünglichen Berufung der ganzen Menschheitsfamilie zur Einheit entspricht. Der Dialog als solcher ist ein hervorragendes Werkzeug, um die Zivilisation der Liebe und des Friedens zu verwirklichen, die Papst Paul VI. als das Ideal bezeichnete, von dem sich das kulturelle, soziale, politische und wirtschaftliche Leben unserer Zeit inspirieren lassen sollte.

Angesichts der wachsenden Ungleichheiten in der Welt ist der erste gemeinsame Wert, dessen Bewußtmachung stärker gefördert werden muß, sicher die Solidarität. Aber im Mittelpunkt einer authentischen Kultur der Solidarität steht die Förderung der Gerechtigkeit, die eng mit dem Wert des Friedens verbunden ist, dem Hauptziel jeder Gesellschaft und gemeinsamen Gut für ein wirkliches nationales und internationales Zusammenleben. Außerdem ist zu betonen, daß ein echter Dialog zwischen den Kulturen auch eine lebendige Sensibilität für den Wert des Lebens nähren muß, das niemals als willkürlich verfügbares Objekt betrachtet werden darf, sondern als die heiligste und unantastbare Wirklichkeit. Wenn der Schutz eines so grundlegenden Gutes vernachlässigt wird, kann es keinen Frieden geben; man kann nicht zum Frieden aufrufen und das Leben mißachten.

3. Die Gläubigen vereint im Aufbau des Friedens: Der interreligiöse Dialog als Weg zum Frieden

Was die Rolle der Religion und des interreligiösen Dialogs zugunsten des Friedens betrifft, scheint mir die Botschaft zum Weltfriedenstag 1992 von großem Interesse. In ihr hebt Johannes Paul II. mehrmals die Aufgabe der Gläubigen hervor, die »ja auf Grund ihres Glaubens – als einzelne und alle zusammen – dazu berufen sind, Boten und Baumeister des Friedens zu sein« (Insegnamenti G.P. II, 1991/II, S. 1332). Das ist nicht die Aufgabe einer Elite, einer »Nische«, wie man heute sagt, sondern »sie betrifft jeden Menschen guten Willens« (ebd.), auch wenn diese »Verpflichtung allen dringend auferlegt ist, die sich zum Glauben an Gott bekennen« (ebd.).

In den heiligen Büchern der verschiedenen Religionen nimmt der Bezug zum Frieden im Rahmen des Lebens des Menschen und seiner Beziehung zu Gott einen wichtigen Platz ein. In diesem Zusammenhang bemerkt Papst Wojtyla: »Religiöses Leben muß, wenn es authentisch gelebt wird, Früchte des Friedens und der Brüderlichkeit hervorbringen« (ebd., Nr. 2, S. 1333).

Man versteht also leicht die Bedeutung des Gebets für den Frieden als Faktor der Begegnung und Einheit, »wo Ungleichheiten, Unverständnis, Groll und Feindseligkeiten überwunden werden, nämlich vor Gott, dem Herrn und Vater aller« (ebd., Nr. 4, S. 1335). Zur Friedensförderung müssen zusammen mit dem Gebet die interreligiösen Kontakte und der ökumenische Dialog in Gang gebracht werden. »Dank diesen Formen der Gegenüberstellung und des Austausches« – schreibt Johannes Paul II. – »konnten sich die Religionen ihrer gewiß nicht leichten Verantwortung hinsichtlich des wahren Wohles der ganzen Menschheit klarer bewußt werden … Ein solches Vorgehen der Gläubigen kann entscheidend sein für die Befriedung der Völker und die Überwindung der immer noch bestehenden Spaltungen zwischen ›Zonen‹ und ›Welten‹« (ebd., Nr. 5, S. 1335–1336). Und er schließt: »Die interreligiösen Kontakte scheinen neben dem ökumenischen Dialog nunmehr die vorgeschriebenen Wege zu sein, damit so viele schmerzliche Verletzungen, die im Laufe der Jahrhunderte geschehen sind, nicht mehr vorkommen und die noch vorhandenen schnell geheilt werden« (ebd., Nr. 6, S. 1336).

4. Das interreligiöse Gebetstreffen von Assisi

Als historisches Ereignis, als Meilenstein im interreligiösen Dialog im Dienst des Friedens hat sich das Treffen vom 27. Oktober 1986 in Assisi erwiesen. Im Abstand von zwanzig Jahren hat Papst Benedikt XVI. am 2. September 2006 in einem Schreiben zur Erinnerung an jenes Ereignis ausgeführt, daß die Einladung an die Führer der Weltreligionen zu einem vielstimmigen Zeugnis für den Frieden damals dazu diente, unmißverständlich klarzustellen, daß die Religion nichts anderes sein könne als Verkünderin des Friedens. Das ist eine Auffassung, die in der Erklärung Nostra aetate des II. Vatikanischen Konzils über die Beziehungen der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen nachdrücklich unterstrichen wird, wo es in Nr. 5 heißt: »Wir können aber Gott, den Vater aller, nicht anrufen, wenn wir irgendwelchen Menschen, die ja nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind, die brüderliche Haltung verweigern«. Und der Papst fährt fort: »Trotz der Unterschiede, die die verschiedenen religiösen Wege kennzeichnen, muß die Erkenntnis der Existenz Gottes, zu der die Menschen auch dann gelangen können, wenn sie von der Erfahrung der Schöpfung ausgehen (vgl. Röm 1,20), die Gläubigen veranlassen, die anderen Menschen als Brüder zu betrachten. Niemand darf also religiöse Unterschiede als Voraussetzung oder Vorwand für eine feindselige Haltung anderen Menschen gegenüber nehmen«. Und die Religionskriege? »Derartige Gewaltakte« – signalisiert Benedikt XVI. – »sind nicht der Religion als solcher zuzuschreiben, sondern vielmehr der kulturellen Begrenzung, mit der sie gelebt wird und sich im Laufe der Zeit entwickelt.«

Aber kommen wir für einen Augenblick auf Assisi, auf jenen 27. Oktober 1986 zurück, als der Diener Gottes Johannes Paul II. den Wert des Gebets bei der Friedensstiftung betonte, weil »der Friede zuallererst in den Herzen entstehen muß. Das Herz des Menschen ist der Ort des Eingreifens Gottes«. In einem Klima großen Interesses bat er alle um ein glaubwürdiges Gebet, das begleitet sein soll von Fasten und Ausdruck findet in der Wallfahrt, dem Symbol des Weges zur Begegnung mit Gott, und er erklärte, daß »das Gebet unsererseits die Umkehr des Herzens einschließt« (Insegnamenti G.P. II, 1986/II, S. 1253).

Um kein Mißverständnis über den Sinn dessen aufkommen zu lassen, was man bei diesem Treffen realisieren wollte, um das richtig zu verstehen, was man den »Geist von Assisi« zu nennen pflegt, ist es wichtig, nicht zu vergessen, wie sehr man darauf bedacht war, daß jenes interreligiöse Gebetstreffen keinen Anlaß zu synkretistischen Interpretationen auf relativistischer Grundlage gäbe. Um diesem Risiko vorzubeugen, erklärte Johannes Paul II. gleich zu Beginn: »Die Tatsache, daß wir hierhergekommen sind, beinhaltet nicht die Absicht, unter uns selbst einen religiösen Konsens zu suchen oder über unsere religiösen Überzeugungen zu verhandeln. Es bedeutet weder, daß die Religionen auf der Ebene einer gemeinsamen Verpflichtung gegenüber einem irdischen Projekt, das sie alle übersteigen würde, miteinander versöhnt werden könnten. Noch ist es eine Konzession an einen Relativismus in religiösen Glaubensfragen« (ebd., S. 1252).

5. Die Absage an den Terrorismus

Der aufrichtige Dialog zwischen den Religionen muß eine klare Absage an die Gewalt und an jede Art von Terrorismus enthalten. Nach den Geschehnissen vom 11. September 2001 hat Johannes Paul II. am 24. Januar 2002 noch einmal die Religionsführer nach Assisi zum Gebet für den Frieden zusammengerufen. Bei jener Gelegenheit sagte er klar und deutlich: »Darum ist es Pflicht, daß die Personen und religiösen Gemeinschaften der Gewalt, jeder Form von Gewalt, eine ganz klare und radikale Absage erteilen, angefangen von der Gewalt, die den Anspruch erhebt, sich als Religiosität zu bemänteln, indem sie sogar den heiligen Namen Gottes anruft, um den Menschen zu beleidigen. Die Beleidigung des Menschen ist letztlich eine Beleidigung Gottes. Niemals kann eine religiöse Zielsetzung die Gewaltanwendung des Menschen gegen den Menschen rechtfertigen« (Insegnamenti G.P. II, 2002/I, S. 1011). Und in der Botschaft zum Weltfriedenstag jenes Jahres 2002 hatte er als Thema gewählt: »Kein Friede ohne Gerechtigkeit, keine Gerechtigkeit ohne Vergebung«. In der Botschaft zu diesem jährlichen Anlaß verkündete er mit Nachdruck: »Der Terrorismus basiert auf der Verachtung des Lebens des Menschen. Deshalb bildet er nicht allein den Grund für unerträgliche Verbrechen, sondern stellt selbst ein wirkliches Verbrechen gegen die Menschheit dar, insofern er auf den Terror als politische und wirtschaftliche Strategie zurückgreift« (Insegnamenti G.P. II, 2001/II, S. 1083). Und an die religiösen Führer gewandt, fügte er hinzu: »Kein Verantwortlicher der Religionen kann daher dem Terrorismus gegenüber Nachsicht üben und noch weniger kann er ihn predigen« (ebd., S. 1085).

Auf den Terrorismus bezog sich auch Benedikt XVI. in der Botschaft zum Weltfriedenstag des Jahres 2006: »Bis zum heutigen Tag« – so schrieb er – »ist die Wahrheit des Friedens immer noch auf dramatische Weise gefährdet und geleugnet durch den Terrorismus, der mit seinen Drohungen und seinen kriminellen Handlungen imstande ist, die Welt im Zustand der Angst und der Unsicherheit zu halten« (Insegnamenti Benedetto XVI, 2005/I, S. 958). Und er fügt hinzu: »Es ist zu wünschen, daß man sich bei der Analyse der Ursachen des zeitgenössischen Phänomens des Terrorismus außer den Gründen politischen und sozialen Charakters auch die kulturellen, religiösen und ideologischen Motive vor Augen hält« (ebd., S. 959).

6. Förderung und Achtung der Menschenrechte

Die letzten Überlegungen meines Vortrags möchte ich der Förderung und Achtung der Menschenrechte widmen, ein Bereich, in dem der interreligiöse Dialog für den Aufbau des Friedens nützlicher denn je ist. Tatsächlich entsteht und festigt sich der Friede dann, wenn die Menschenrechte vollständig beachtet und respektiert werden. Der Heilige Stuhl ist der Überzeugung, daß dann feste und dauerhafte Fundamente für den Aufbau des Friedens gelegt werden, wenn die Förderung der Würde der menschlichen Person das inspirierende Leitprinzip darstellt, wenn die Suche nach dem Gemeinwohl die vorherrschende Aufgabe bildet. Wenn hingegen die Menschenrechte ignoriert oder mißachtet werden, wenn die Verfolgung von Sonderinteressen ungerechterweise über das Gemeinwohl gestellt werden, dann verbreiten sich unvermeidlich die Keime der Instabilität, der Auflehnung und der Gewalt.

Die »Allgemeine Erklärung der Menschenrechte« hat als grundlegende Präambel die Feststellung, nach welcher die Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Menschheitsfamilie die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt bildet.

Papst Benedikt XVI. hat in der Botschaft zum Weltfriedenstag dieses Jahres, deren Thema »Der Mensch – Herz des Friedens« ist, bekräftigt, daß für den Aufbau einer friedlichen Gesellschaft und für die Gesamtentwicklung von Menschen, Völkern und Nationen die Verteidigung der Universalität und Unteilbarkeit der Menschenrechte wesentlich ist. Unter diesen Rechten möchte ich zwei herausgreifen, die heute besonders mehr oder weniger offenkundigen Verletzungen ausgesetzt sind: nämlich das Recht auf Leben und das Recht auf Religionsfreiheit. Das menschliche Leben ist heilig und muß von seiner Empfängnis bis zu seinem natürlichen Ende als solches betrachtet werden. Das ist ein unantastbares Recht, das die klare Ablehnung jeder Form von Gewalt einschließt.

Neben dem Recht auf Leben liegt der Kirche in gleicher Weise das Recht auf Religionsfreiheit am Herzen. In der Botschaft zum Weltfriedenstag 1999 schreibt Johannes Paul II.: »Die Religionsfreiheit bildet den Kern der Menschenrechte. Sie ist so unantastbar, daß sie fordert, daß der Person auch die Freiheit des Religionswechsels zuerkannt wird, wenn das Gewissen es verlangt. Denn jeder ist gehalten, dem eigenen Gewissen in jeder Situation zu folgen, und darf nicht gezwungen werden, gegen sein Gewissen zu handeln. Gerade deshalb darf niemand gezwungen werden, unbedingt eine bestimmte Religion anzunehmen, welche Umstände oder Beweggründe es auch immer dafür geben mag« (Insegnamenti G.P. II, 1998/II, S. 1218).

7. Schluß

In meinem Beitrag zur Eröffnung Ihrer Arbeiten wollte ich auf einige Stichworte aus den Überlegungen und der Aktivität des Heiligen Stuhls hinweisen, die den Lehren der Päpste über ein Thema von großer Aktualität entnommen sind.

Als Priester und jetzt als Kardinalstaatssekretär komme ich immer mehr zur Überzeugung, daß jedem Dialog zwischen Menschen das Einander- Zuhören und das gegenseitige Kennenlernen zugrunde liegen muß; es muß die Achtung vorhanden sein, die aus der Anerkennung des guten Willens des anderen und aus der Klarheit und Aufrichtigkeit bei der Darlegung der eigenen Positionen entsteht. Der interreligiöse Dialog im Dienst des Friedens macht eine »Reinigung« des Glaubens erforderlich, die das Herz für die Liebe öffnet; er erfordert letzten Endes eine ständige »Umkehr« zu Gott. Denn Gott allein kann das Herz des Menschen berühren und den Funken jener Liebe überspringen lassen, die zu Annahme und Vergebung und damit zur günstigen Voraussetzung für die Verteidigung und den Aufbau des Friedens wird.

Möge auch diese Begegnung zu einem gegenseitigen Kennenlernen und zur Achtung zwischen allen Teilnehmern werden und dazu dienen, die Tätigkeit des Heiligen Stuhls und den Geist, der ihn beseelt, besser kennenzulernen. Möge sie uns vor allem helfen, unermüdliche Friedensstifter in einer Welt zu werden, wo Gott nicht als fremd oder, schlimmer, als Feind des Glücks des Menschen gesehen wird, sondern als echter Freund der Menschheit, die er unter seinen Schutz nimmt. In der väterlichen Umarmung Gottes kann die Menschheitsfamilie nur zu einer freieren, gedeihlicheren und glücklicheren Menschheit wachsen.

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Quelle

Papst an Religionsvertreter: Verurteilt Gewalt im Namen Gottes!

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Keine Gewalt im Namen der Religion: Papst Franziskus – RV

Einen Aufruf an alle Religionen, sich klar von Gewalttaten zu distanzieren, die im Namen Gottes verübt werden, hat Papst Franziskus an rund 200 Teilnehmer eines interreligiösen Treffens gerichtet, die er an diesem Donnerstagvormittag im Vatikan empfing. Wenige Tage vor der feierlichen Schlusszeremonie des außerordentlichen Heiligen Jahres buchstabierte er vor den Religionsvertretern die universal gültige Bedeutung von Barmherzigkeit aus. Repräsentanten von Judentum, Islam, Buddhismus, Hinduismus und anderen Weltreligionen versammelten sich mit dem Papst fast auf den Tag genau 30 Jahre nach dem ersten Friedenstreffen der Religionen, das Papst Johannes Paul II. am 27. Oktober 1986 in Assisi veranstaltet hatte.

„Möge es nie mehr vorkommen, dass die Religionen aufgrund des Verhaltens einiger ihrer Gläubigen eine misstönende Botschaft aussenden, die in Kontrast zu derjenigen der Barmherzigkeit steht. Leider vergeht kein Tag, ohne dass man von Gewalttaten, Konflikten, Entführungen, terroristischen Attacken, Opfern und Zerstörungen hört. Und es ist schrecklich, dass diese barbarischen Akte teilweise im Namen einer Religion oder Gottes selbst verübt werden. Mögen diese unangemessenen Verhaltensweisen klar und deutlich verurteilt werden, die den Namen Gottes schänden und die religiöse Suche des Menschen verunreinigen,“ so der eindringliche Appell von Papst Franziskus.

Barmherzigkeit ein Thema für alle Religionen

Demgegenüber seien das friedliche Zusammentreffen von Gläubigen verschiedener Religionen und eine wirkliche Religionsfreiheit zu fördern, forderte der Papst seine Gäste auf. Das Heilig-Jahr-Motto Barmherzigkeit sei ein Thema, das allen Religionen gemein sein müsse, zeigte sich der Papst überzeugt. Es sei vor allem die tätige Barmherzigkeit, die aus „uneigennütziger Liebe, „geschwisterlichem Dienst“ und „ehrlichem Teilen“ bestehe. „Das ist der Stil, zu dem auch die Religionen aufgerufen sind, um speziell in unserer heutigen Zeit Botschafter des Friedens und Gemeinschaftsstifter zu sein; um im Gegensatz zu denjenigen, die Konflikte, Spaltungen und Abschottung fördern, zu verkünden, dass heute die Zeit der Geschwisterlichkeit ist.“

Dabei sei es unerlässlich, dass die einzelnen Religionen sich auf Augenhöhe und ohne Anbiederung begegneten, fuhr der Papst fort. Vielen Religionen und Kulturen sei das Streben nach Gewaltlosigkeit und Mitgefühl für den Nächsten gemein, genauso wie die Ablehnung der Ausbeutung von Mitmenschen und die Weigerung, Menschen nur als „Nummern“ und nicht als Geschwister zu betrachten: „Sich um diejenigen zu kümmern, die schwierige Situationen erleben, wie Krankheit, Behinderung, Armut, Ungerechtigkeit sowie die Konsequenzen von Konflikten und Migration, ist ein Ruf, der aus dem Herzen einer jeden wirklich religiösen Tradition kommt. Es ist das Echo der Stimme Gottes, der zum Gewissen eines jeden spricht und ihn einlädt, die Selbstbezogenheit zu überwinden und sich zu öffnen.“

Das Drama des Bösen

Allzu häufig käme es vor, dass die Menschen Gott vergäßen und ihn von ihrem Herzen fern hielten, bedauerte Papst Franziskus. Gemeinsam mit einer mangelnden Bereitschaft, sich an die Vergangenheit zu erinnern und auch den Mitmenschen nahe am Herzen zu tragen, führe dies dazu, dass bereits begangene Fehler der Menschheitsgeschichte, „auch auf noch grausamere Weise“ nochmals begangen würden. „Das ist das Drama des Bösen, der dunklen Tiefen, in die unsere Freiheit tauchen kann, versucht vom Bösen, das stets im Stillen auf der Lauer liegt, um uns zu treffen und zu versenken.“ Doch genau hier, gegenüber „dem großen Rätsel des Bösen, das jede religiöse Erfahrung in Frage stelle, liege der überraschendste Aspekt der barmherzigen Liebe: „Sie lässt nicht zu, dass der Mensch Spielball des Bösen oder seiner selbst bleibt; sie vergisst nicht, sondern erinnert, und beugt sich jeder Misere zu, um sie aufzurichten. Genau wie dies eine Mutter tut, die auch angesichts des schlimmsten Übels, das ihr Kind begangen hat, immer und jenseits der Sünde das Gesicht erkennt, das sie im Schoß getragen hat.“

Vergebung das „größte Geschenk“

Die heutige Welt brauche diese freie und uneigennützige Liebe, die über momentane Tröstungen hinausgeht und Vergebung und Versöhnung bringe. Um Vergebung zu erhalten, erklärte Franziskus seinen Gästen den katholischen Aspekt der Buße, sei es notwendig, selbst Vergebung zu gewähren. Denn die Vergebung, die Gott für uns bereit halte, müsse geteilt werden: „Die Vergebung ist sicherlich das höchste Geschenk, das wir dem Nächsten machen können, denn sie kostet uns am meisten, aber gleichzeitig ist sie es, die uns Gott am ähnlichsten macht.“ Die Sorge um das gemeinsame Haus war ein weiterer Punkt, den der Papst mit seinen Gästen teilen wollte. Es sei notwendig, so Franziskus, die Menschheit zu Genügsamkeit und Respekt zu erziehen, auf dass sie auch den Lebensraum der kommenden Generationen achte und nicht nur an die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse denke.

Hier können Sie die vollständige Papstansprache im englischen Wortlaut lesen.

(rv 03.11.2016 cs)

JOHANNES PAUL II.: DER DEKALOG VON ASSISI FÜR DEN FRIEDEN

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SCHREIBEN VON PAPST JOHANNES PAUL II.
AN DIE STAATS- UND REGIERUNGSCHEFS DER WELT

 

An Ihre Exzellenzen
die Staats- und Regierungschefs 

Vor genau einem Monat fand in Assisi der Gebetstag für den Frieden in der Welt statt. Heute gehen meine Gedanken spontan zu den Verantwortlichen des gesellschaftlichen und politischen Lebens jener Länder, die dort durch die religiösen Führer aus vielen Nationen vertreten waren.

Die tiefsinnigen Beiträge dieser Männer und Frauen, Vertreter verschiedener religiöser Bekenntnisse, sowie ihr aufrichtiger Wunsch, sich für Eintracht und die gemeinsame Suche nach wahrem Fortschritt und Frieden innerhalb der gesamten Menschheitsfamilie einzusetzen, fanden ihren erhabenen und zugleich konkreten Ausdruck in einem »Dekalog«, der zum Abschluß dieses einzigartigen Tages verkündet wurde.

Ich habe die Ehre, den Wortlaut dieser gemeinsamen Verpflichtung auch an Eure Exzellenz zu übermitteln in der Überzeugung, daß diese zehn Vorsätze als Anregung für das politische und soziale Handeln Ihrer Regierung dienen können.

Ich durfte feststellen, daß die Teilnehmer am Treffen in Assisi mehr denn je von einer gemeinsamen Überzeugung beseelt waren: Die Menschheit muß zwischen Liebe und Haß wählen. Alle fühlen sich als Mitglieder ein und derselben Menschenfamilie, und sie haben diese Vorstellung durch den obengenannten Dekalog zum Ausdruck gebracht in der Gewißheit, daß Haß zerstört, die Liebe hingegen aufbaut.

Mein Wunsch ist, daß der Geist und die Verpflichtung von Assisi alle Menschen guten Willens zur Suche nach Wahrheit, Gerechtigkeit, Freiheit und Liebe führen, damit sich jeder Mensch seiner unveräußerlichen Rechte und jedes Volk des Friedens erfreuen kann. Die katholische Kirche, die ihr Vertrauen und ihre Hoffnung auf den »Gott der Liebe und des Friedens« setzt (2 Kor3, ), wird sich ihrerseits auch in Zukunft dafür einsetzen, daß aufrichtiger Dialog, gegenseitige Vergebung und Eintracht den Weg der Menschen in diesem dritten Jahrtausend bestimmen.

Ich bin Eurer Exzellenz zu Dank verpflichtet für die Aufmerksamkeit, die Sie meiner Botschaft entgegenbringen, und nehme die mir gebotene Gelegenheit wahr, um Sie meiner tiefen Hochachtung zu versichern.

Aus dem Vatikan, 24. Februar 2002

JOHANNES PAUL II.


Der Dekalog von Assisi für den Frieden

1. Wir verpflichten uns, unsere feste Überzeugung kundzutun, daß Gewalt und Terrorismus dem authentischen Geist der Religion widersprechen. Indem wir jede Gewaltanwendung und den Krieg im Namen Gottes oder der Religion verurteilen, verpflichten wir uns, alles Mögliche zu tun, um die Ursachen des Terrorismus zu beseitigen.

2. Wir verpflichten uns, die Menschen zu gegenseitigem Respekt und gegenseitiger Hochachtung zu erziehen, damit sich ein friedliches und solidarisches Zusammenleben zwischen den Angehörigen unterschiedlicher ethnischer Gruppen, Kulturen und Religionen verwirklichen läßt.

3. Wir verpflichten uns, die Kultur des Dialogs zu fördern, damit gegenseitiges Verständnis und Vertrauen zwischen den einzelnen und den Völkern wachsen, die Voraussetzung für einen wahren Frieden sind.

4. Wir verpflichten uns, das Recht jeder menschlichen Person auf ein würdiges Leben gemäß seiner kulturellen Identität und auf die freie Gründung einer eigenen Familie zu verteidigen.

5. Wir verpflichten uns zum aufrichtigen und geduldigen Dialog, indem wir nicht darauf achten, was uns wie eine unüberwindbare Mauer trennt, sondern im Gegenteil erkennen, daß die Begegnung mit dem, was uns von anderen Menschen unterscheidet, zu einem besseren gegenseitigen Verständnis beitragen kann.

6. Wir verpflichten uns, einander die Irrtümer und Vorurteile in Vergangenheit und Gegenwart zu verzeihen und uns im gemeinsamen Bemühen zu unterstützen, Egoismus und Übergriffe, Haß und Gewalt zu besiegen und aus der Vergangenheit zu lernen, daß Friede ohne Gerechtigkeit kein wahrer Friede ist.

7. Wir verpflichten uns, an der Seite derer zu stehen, die unter Not und Verlassenheit leiden, und uns zur Stimme derer zu machen, die selber keine Stimme haben. Wir müssen konkret an der Überwindung solcher Situationen mitwirken, von der Überzeugung getragen, daß niemand allein glücklich sein kann.

8. Wir verpflichten uns, uns den Ruf all jener zu eigen zu machen, die nicht vor der Gewalt und dem Bösen resignieren. Wir wollen mit all unseren Kräften dazu beitragen, der Menschheit unserer Zeit eine wirkliche Hoffnung auf Gerechtigkeit und Frieden zu geben.

9. Wir verpflichten uns, jede Initiative zu ermutigen, die die Freundschaft zwischen den Völkern fördert, in der Überzeugung, daß der technologische Fortschritt eine zunehmende Gefahr von Zerstörung und Tod für die Welt mit sich bringt, wenn ein solidarisches Einverständnis zwischen den Völkern fehlt.

10. Wir verpflichten uns, die Verantwortlichen der Nationen dazu aufzufordern, auf nationaler wie internationaler Ebene alle Anstrengungen zu unternehmen, damit auf der Grundlage der Gerechtigkeit eine Welt der Solidarität und des Friedens erbaut und gefestigt wird.

24. Januar 2002

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Quelle

PAPST FRANZISKUS: „WIR SIND ALLE KINDER GOTTES“


Das erste Papstvideo: Wir sind alle Kinder Gottes: Papst Franziskus bittet in diesem Monat [Januar 2016] um Gebete für den interreligiösen Dialog.

 

Siehe dazu:

Zu diesem meinem oben verlinkten Artikel ist aber zu ergänzen:

Papst Paul VI. bezeugt:

DIE GLEICHHEIT DER MENSCHEN
Für den, der an Gott glaubt, sind alle menschlichen Wesen, auch die weniger begünstigten, Kinder des gemeinsamen Vaters, der sie nach seinem Bild geschaffen hat und ihre Geschicke in zuvorkom­mender Liebe leitet. Die Vaterschaft Gottes bedeutet die Brüder­schaft unter den Menschen, das ist nicht nur ein wesentlicher Ge­sichtspunkt des christlichen Universalismus, sondern auch die ge­meinsame Basis, auf der sich die großen Religionen treffen, und ein Grundsatz höchster menschlicher Weisheit seit allen Zeiten: näm­lich die Achtung der Würde des Menschen.

Papst Benedikt XVI. bezeugt:

GENERALAUDIENZ, Mittwoch, 3. Januar 2007
Der Lieblingsjünger des Herrn unterstreicht, daß wir Kinder Gottes heißen und es wirklich sind (vgl. 1 Joh 3,1): Wir sind nicht nur Geschöpfe, sondern wir sind seine Kinder; auf diese Weise ist Gott uns nahe; auf diese Weise zieht er uns im Augenblick seiner Menschwerdung, als er einer von uns wird, an sich. Wir gehören also wirklich zu der Familie, die Gott zum Vater hat, weil Jesus, der eingeborene Sohn, unter uns sein »Zelt« aufgeschlagen hat, das »Zelt« seines Fleisches, um alle Völker in einer einzigen Familie, der Familie Gottes, zu versammeln, die wirklich zum göttlichen Sein gehört, vereint in einem einzigen Volk, in einer einzigen Familie. Er ist gekommen, um uns das wahre Antlitz des Vaters zu enthüllen.

Papst Johannes Paul II. bezeugt:

Erste Radiobotschaft „Urbi et Orbi“ 17. Oktober 1978
Wir wenden uns auch an alle Menschen, die als Kinder des allmächtigen Gottes unsere Brüder und Schwestern sind: Wir müssen sie lieben und ihnen dienen. [Ad universos etiam homines convertimur, qui ut filii Dei omnipotentis fratres Nostri sunt…]


 

Ab Januar 2016

Videobotschaften von Papst Franziskus

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Aufzeichnung einer Videobotschaft im Vatikan

Jeden Monat veröffentlicht die Kirche die Gebetsanliegen des Papstes, ab 2016 gehen diese Anliegen auch neue Wege: Papst Franziskus wird sie jeweils in einer Videobotschaft präsentieren. Ab Mittwoch, 6. Januar geht es los. Die Videos werden in Zusammenarbeit mit dem vatikanischen Fernsehen CTV und der Kommunikationsagentur „La Machi“ produziert. Radio Vatikan sprach mit dem internationalen Leiter des Gebetsapostolats, dem Jesuitenpater Frederic Fornos„Das Gebetsapostolat ist ein weltweites Gebets-Netzwerk des Papstes. Die monatlichen Gebete des Papstes helfen uns, die Herausforderungen der Welt von heute besser zu verstehen und uns auch spirituell stärker mit einzubeziehen, wie Papst Franziskus am Weltfriedenstag sagte: Mit Solidarität, Barmherzigkeit und Mitgefühl für unsere Welt.“

Diesen Monat dreht sich das Video um den interreligiösen Dialog. „Papst Franziskus denkt, dass der Respekt vor dem Anderen heute wirklich wichtig ist für den Frieden in der Welt. Er fordert uns zu beten, damit der ehrliche Dialog zwischen Männern und Frauen unterschiedlicher Religion die Frucht des Friedens und der Gerechtigkeit bringen.“

Das Video wird hochqualitativ sein und von einem internationalen Team aus aller Welt zusammengestellt. Jedes Video wird in elf Sprachen präsentiert, damit Katholiken, aber auch alle anderen Menschen, die beten möchten und sich angesichts der Herausforderungen der Welt engagieren möchten, gemeinsam mit Papst Franziskus beten können. Das Video wird jeden Monat auch in den sozialen Netzwerken auf Facebook, Twitter, Instagram und YouTube zu sehen sein. Franziskus selbst wird in seinem Video in seiner Muttersprache Spanisch sprechen. „Ich denke das Video hilft uns unser Herz anderen zu öffnen und gegenüber den großen Herausforderungen der Menschheit. Es geht nicht um oberflächliche Dinge: Es geht um Männer, Frauen, Familien, Kinder. Und das hilft uns, uns selbst bei den Herausforderungen zu beteiligen, mit unserem Gebet, unseren Aktionen, damit die Welt mehr Solidarität und Mitgefühl erfährt und die Gleichgültigkeit dadurch besiegt wird,“ sagt Pater Fornos.

(rv 04.01.2016 cz)

Papst Franziskus: Interreligiöse Generalaudienz vom 28. Oktober 2015

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PAPST FRANZISKUS

INTERRELIGIÖSE GENERALAUDIENZ

ZUM 50. JAHRESTAG
DER PROMULGATION DER KONZILSERKLÄRUNG
NOSTRA AETATE

Mittwoch, 28. Oktober 2015

[Multimedia]

 

Grußworte des Heiligen Vaters an die in der Aula Paolo VI versammelten Kranken:

Guten Tag euch allen! Ihr seid heute  hier, nicht weil wir euch ins Gefängnis verbannt hätten, sondern weil das Wetter schlecht war und es geregnet hat. Ich glaube, jetzt hat es aufgehört, aber es ist unbeständig, so habt ihr es hier bequemer und ruhiger und könnt die Audienz auf der Großleinwand sehen. Und ich werde den Leuten auf dem Platz sagen, dass ihr hier seid, und so grüßen wir uns und sind alle zusammen. Ich bitte euch, für mich zu beten, und ich bete für euch.

Ihr könnt Jesus die Schmerzen der Krankheit aufopfern: Krankheiten sind alle schlimm, alle; wir können sie Jesus aufopfern und vorangehen und um die Gnade bitten, in Traurigkeit und Schmerz nicht die Hoffnung zu verlieren.

Die Hoffnung wird uns Freude schenken. Jetzt beten wir gemeinsam ein Gegrüßet seist du, Maria, und ich gebe euch den Segen. [Ave Maria…]

Eine gute Audienz von hier aus und betet für mich!

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Bei den Generalaudienzen sind oft Personen oder Gruppen anwesend, die anderen Religionen angehören. Heute ist diese Anwesenheit jedoch von ganz besonderer Art, um gemeinsam des 50. Jahrestages der Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils Nostra aetate über das Verhältnis der katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen zu gedenken. Dieses Thema lag dem seligen Papst Paul VI. sehr am Herzen. Bereits ein Jahr vor Abschluss des Konzils hatte er am Pfingstfest das Sekretariat für die Nichtchristen errichtet, heute der Päpstliche Rat für den Interreligiösen Dialog. Ich bringe daher den Personen und Gruppen verschiedener Religionen, die heute hier anwesend sind, meinen Dank zum Ausdruck und begrüße sie sehr herzlich – besonders jene, die von weit her gekommen sind.

Das Zweite Vatikanische Konzil war eine außerordentliche Zeit der Reflexion, des Dialogs und des Gebets, um den Blick der katholischen Kirche auf sich selbst und auf die Welt zu erneuern. Eine Deutung der Zeichen der Zeit im Hinblick auf ein »Aggiornamento«, das an einer zweifachen Treue ausgerichtet ist: Treue zur kirchlichen Überlieferung und Treue zur Geschichte der Männer und Frauen unserer Zeit. Denn Gott, der sich in der Schöpfung und in der Geschichte offenbart hat, der durch die Propheten gesprochen hat und in ganzer Fülle in seinem menschgewordenen Sohn (vgl. Hebr 1,1), wendet sich an das Herz und den Geist eines jeden Menschen, der die Wahrheit sucht und nach Wegen, sie umzusetzen.

Die Botschaft der Erklärung Nostra aetate ist immer noch zeitgemäß. Ich rufe kurz einige Punkte in Erinnerung:

– die wachsende Abhängigkeit der Völker untereinander (vgl. Nr. 1);

– die menschliche Suche nach einem Sinn des Daseins, des Leidens, des Todes: Fragen, die unseren Weg stets begleiten (vgl. Nr. 1);

– der gemeinsame Ursprung und das gemeinsame Ziel der Menschheit (vgl. Nr. 1);

– die Einzigartigkeit der Menschheitsfamilie (vgl. Nr. 1);

– die Religionen als Suche nach Gott oder nach dem Absoluten in den verschiedenen Völkern und Kulturen (vgl. Nr. 1); – der wohlwollende und aufmerksame Blick der Kirche auf die Religionen: Sie lehnt nichts von  alledem ab, was in ihnen schön und wahr ist (vgl. Nr. 2); – die Kirche betrachtet die Gläubigen aller Religionen mit Hochachtung und schätzt ihr geistliches und sittliches Bemühen (vgl. Nr. 3); – die Kirche ist offen für den Dialog mit allen, und gleichzeitig ist sie der Wahrheit treu, an die sie glaubt, angefangen bei jener Wahrheit, dass das allen angebotene Heil seinen Ursprung in Jesus, dem einzigen Erlöser, hat und dass der Heilige Geist als Quelle des Friedens und der Liebe wirkt.

In diesen letzten 50 Jahren gab es viele Ereignisse, Initiativen, institutionelle und persönliche Beziehungen zu den nichtchristlichen Religionen, und man kann sie schwerlich alle in Erinnerung rufen. Ein besonders bedeutsames Ereignis war die Begegnung in Assisi am 27. Oktober 1986. Sie wurde vom heiligen Johannes Paul II. ins Leben gerufen und gefördert. Ein Jahr vorher – also vor 30 Jahren – hatte er in einer Ansprache an die jungen Muslime in Casablanca den Wunsch zum Ausdruck gebracht, dass alle an Gott Glaubenden Freundschaft und Einheit zwischen Menschen und Völkern fördern mögen (19. August 1985). Die in Assisi entzündete Flamme hat sich über die ganze Welt ausgebreitet und stellt ein bleibendes Zeichen der Hoffnung dar.

Besonders müssen wir Gott danken für den echten Wandel, den die Beziehung zwischen Christen und Juden in diesen 50 Jahren erfahren hat. Gleichgültigkeit und Gegnerschaft haben sich in Zusammenarbeit und Wohlwollen verwandelt. Von Feinden und Fremden sind wir zu Freunden und Brüdern geworden. Das Konzil hat durch die Erklärung Nostra aetate den Weg aufgezeigt: »Ja« zur Wiederentdeckung der jüdischen Wurzeln des Christentums; »Nein« zu jeder Form von Antisemitismus, Verurteilung jeder Beleidigung, Diskriminierung und Verfolgung, die daraus hervorgehen. Gegenseitige Kenntnis, Achtung und Wertschätzung sind der Weg, der in besonderer Weise für die Beziehung mit den Juden gilt, aber ebenso auf die Beziehungen zu den anderen Religionen zutrifft. Ich denke insbesondere an die Muslime, die – wie das Konzil in Erinnerung ruft – »den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat« (Nostra aetate, 3). Sie nehmen Bezug auf die Vaterschaft Abrahams, verehren Jesus als Propheten, ehren seine jungfräuliche Mutter Maria, erwarten den Tag des Gerichts und üben Gebet, Almosen und Fasten (vgl. ebd.).

Der Dialog, den wir brauchen, muss offen und respektvoll sein: Dann erweist er sich als fruchtbar. Die gegenseitige Achtung ist die Voraussetzung und gleichzeitig das Ziel des interreligiösen Dialogs: das Recht des Anderen auf Leben achten, auf körperliche Unversehrtheit, auf die Grundfreiheiten, das heißt Gewissens-, Meinungs-, Gedanken- und Religionsfreiheit. Die Welt blickt auf uns Gläubige, sie mahnt uns, untereinander und mit den Männern und Frauen guten Willens, die sich zu keiner Religion bekennen, zusammenzuarbeiten. Sie bittet uns um konkrete Antworten zu zahlreichen Themen: Friede, Hunger, das Elend, von dem Millionen von Menschen betroffen sind, die Umweltkrise, die Gewalt – insbesondere jene, die im Namen der Religion ausgeübt wird –, die Korruption, der sittliche Verfall, die Krisen der Familie, der Wirtschaft, der Finanz und vor allem der Hoffnung. Wir Gläubige haben keine Patentrezepte für diese Probleme, aber wir haben eine große Ressource: das Gebet. Und wir Gläubige beten. Wir müssen beten. Das Gebet ist unser Schatz, aus dem wir den jeweiligen Traditionen gemäß schöpfen, um die Gaben zu erbitten, nach denen die Menschheit sich sehnt.

Aufgrund von Gewalt und Terrorismus hat sich eine Haltung des Misstrauens oder sogar der Verurteilung der Religionen verbreitet. Obgleich keine Religionsgemeinschaft vor der Gefahr fundamentalistischer oder extremistischer Verblendung bei Individuen oder Gruppen gefeit ist (vgl. Ansprache vor dem Kongress der Vereinigten Staaten von Amerika, 24. September 2015), muss  man auf die positiven Werte blicken, die sie leben und anbieten und die Quelle der Hoffnung sind. Es geht darum, den Blick zu erheben, um voranzukommen. Der auf vertrauensvolle Achtung gegründete Dialog kann Samen des Guten in sich tragen, die wiederum zu Keimen der Freundschaft und der Zusammenarbeit auf vielen Gebieten werden, vor allem im Dienst an den Armen, den Geringen, den alten Menschen, in der Aufnahme der Migranten, in der Aufmerksamkeit für die Ausgegrenzten. Wir können gemeinsam vorangehen, indem wir füreinander und für die Schöpfung Sorge tragen. Alle Glaubenden jeder Religion. Gemeinsam können wir den Schöpfer loben, dass er uns den Garten der Welt geschenkt hat, auf dass wir ihn als gemeinsames Gut bebauen und hüten. Wir können gemeinsame Pläne verwirklichen, um die Armut zu bekämpfen und jedem Mann und jeder Frau würdige Lebensbedingungen zu gewährleisten.

Das außerordentliche Jubiläum der Barmherzigkeit, das vor uns liegt, ist eine günstige Gelegenheit, um im Bereich der Werke der Nächstenliebe zusammenzuarbeiten. Und in diesem Bereich, in dem vor allem das Mitgefühl zählt, können sich uns viele Menschen anschließen, die sich nicht gläubig fühlen oder auf der Suche nach Gott und nach der Wahrheit sind – Menschen, die das Gesicht des Anderen, insbesondere das Gesicht des notleidenden Bruders oder der notleidenden Schwester, in den Mittelpunkt stellen. Die Barmherzigkeit, zu der wir berufen  sind, schließt jedoch die ganze Schöpfung ein, die Gott uns anvertraut hat, um ihre Hüter und nicht ihre Ausbeuter oder – noch schlimmer – ihre Zerstörer zu sein. Wir sollten uns stets vornehmen, die Welt besser zu hinterlassen, als wir sie vorgefunden haben (vgl. Enzyklika Laudato si’, 194), begonnen bei der Umwelt, in der wir leben, bei den kleinen Gesten unseres täglichen Lebens.

Liebe Brüder und Schwestern, was die Zukunft des interreligiösen Dialogs betrifft, so ist das Erste, was wir tun müssen: beten. Und füreinander beten: Wir sind Brüder! Ohne den Herrn ist nichts möglich; mit ihm wird alles möglich! Möge unser Gebet – jeder seiner eigenen Tradition gemäß –, möge es dem Willen Gottes vollkommen treu sein, der wünscht, dass alle Menschen einander als Brüder erkennen und als solche leben und in der Eintracht der Vielfalt die große Menschheitsfamilie bilden.

* * *

Einen herzlichen Gruß richte ich an die Pilger deutscher Sprache, besonders an die Offiziale der verschiedenen österreichischen, niederländischen, schweizerischen und deutschen Diözesen, die zu einer Konferenz nach Rom gekommen sind. Ich begrüße auch aus Bayern den Montinichor und die Schülerinnen und Schüler der Maria-Ward-Realschule aus Burghausen. Bitten wir den Herrn, dass eure Pilgerreise nach Rom euch eine lebendige Erfahrung der Menschheitsfamilie und ihrer Einheit in der Vielheit vermittle. Gott segne euch alle.

DAS CHRISTENTUM UND DIE RELIGIONEN

Luis Francisco Ladaria Ferrer

„Das Christentum und die Religionen“:
VORSTELLUNG des Dokuments der
Internationalen Theologischen Kommission

 

+ Luis F. Ladaria

 

1996 veröffentlichte die Internationale Theologische Kommission das Dokument „Das Christentum und die Religionen“. Als sich im Dezember 1992 die Mitglieder der Kommission trafen, sprachen sie sich mit großer Mehrheit für eine theologische Untersuchung des theologischen Problems der Religionen in ihrem Quinquennium (1992-1997) aus. Das Thema war zu dieser Zeit bereits in Diskussion. Ganz offensichtlich handelte es sich um eine theologische Frage, die einer weiteren Klärung bedurfte; so erklärt sich das Interesse der Theologischen Kommission. Auch wenn seit der Veröffentlichung des Dokumentes bereits einige Jahre vergangen sind, bleibt doch das Interesse an der Frage lebendig und der Text ist nach wie vor aktuell. Daher kommt es, dass er nach wie vor übersetzt und in verschiedenen Sprachen neu herausgegeben wird. Diese kurze Einführung möchte den Kontext des Dokumentes herausstellen und eine knappe Lesehilfe anbieten.

 

Historischer und lehramtlicher Kontext

Das Zweite Vatikanische Konzil stellt einen großen Fortschritt in der Vertiefung der katholischen Sicht auf andere Religionen dar. Deutlich mehr als zuvor wurden diese nun in einem positiven Licht gesehen, zumindest in den offiziellen kirchlichen Dokumenten. Das Konzil konnte nicht umhin, eine bessere Kenntnis der Kulturen und der verschiedenen religiösen Traditionen widerzuspiegeln, die offenbar dazu beigetragen hatte, die neue Mentalität herbeizuführen. Man braucht nur die Nummern 16 und 17 der dogmatischen Konstitution Lumen gentium zu lesen, sowie die Konzilserklärung Nostra aetate oder das Dekret Ad gentes 9 und 11. Ganz entgegen der Intention und dem tatsächlichen Wortlaut der Dokumente machte sich in der Folge allerdings ein gewisser religiöser Relativismus breit in einigen Umfeldern der nachkonziliaren Jahre, als ob alle Religionen im Bezug auf das Heil von gleichem Wert wären; der missionarische Eifer ließ nach, und die einzige und universale Mittlerschaft Christi wurde in Frage gestellt. In dieser Situation gab Papst Johannes Paul II. 1986, 25 Jahre nach Abschluß des Zweiten Vatikanischen Konzils und des Dekrets Ad gentes und 15 Jahre nach der Veröffentlichung des Nachsynodalen Apostolischen Schreibens Evangelii nuntiandi, die Enzyklika Redemptoris missio über die bleibende Gültigkeit des Missionsgebots heraus. Dieses Dokument bestätigt ebenso die Pflicht der Kirche, Christus zu verkünden, wie es auch eine tiefe Wertschätzung von Kulturen und Religionen im Kontext der einzigen und universalen Mittlerschaft Christi bezeugt. 1992 veröffentlichten der Päpstliche Rat für den interreligiösen Dialog und die Kongregation für die Evangelisation der Völker gemeinsam die Instruktion Dialog und Verkündigung. Wenn die Theologische Kommission ihrem Auftrag nachkommen wollte, musste sie notwendigerweise auf diese Bezugspunkte, besonders Redemptoris missio, eingehen. Die offenere und positivere Wertschätzung anderer Religionen musste unterdessen in keiner Weise dazu führen, die eigenen Glaubensinhalte zu relativieren. Eine aufmerksame Betrachtung der lehramtlichen Äußerungen zu diesem Thema seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil zeigt vielmehr, dass der Ausgangspunkt aller Überlegungen stets das unbezweifelbare Faktum von Gottes universalem Heilswillen und der einzigen und universalen Mittlerschaft Christi ist. Näherhin geht es darum zu überlegen, wie dieses Heil alle Menschen erreichen kann und auf welche Weise Christus und sein Geist in der ganzen Welt wirken. Im Ausgang dieser Überlegungen steht die Überzeugung, dass es keinen anderen Weg als Christus zum Vater gibt und dass nur in der Kirche, die in Christus Sakrament, das heißt Zeichen und Instrument der Einheit der Menschen mit Gott und miteinander (vgl. LG 1), ist und die in der Katholischen Kirche subsistiert (vgl. ebd. 8), die Fülle der Heilsmittel zu finden ist, die Gott den Menschen in seiner unendlichen Güte gewährt. Gegründet auf diese grundsätzlichen Wahrheiten begann die Internationale Theologische Kommission ihre Arbeit. Es ging ihr darum zu ergründen, ob sich in der Linie der lehramtlichen Hinweise ein positiver Beitrag anderer Religionen für das Heil ihrer Mitglieder finden ließe, in vollem Bewusstsein der Zweideutigkeit eines solchen Beitrags. Im Jahr 2000, vier Jahre nach der Veröffentlichung des Dokuments Das Christentum und die Religionen, gab die Kongregation für die Glaubenslehre die Erklärung Dominus Iesus über die Einzigkeit und Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche heraus. In direkter und klarer Sprache weist die Erklärung auf einige wesentliche und unwiderrufliche Punkte der katholischen Lehre zu diesen Fragen hin und zeigt verschiedene Studienfelder auf, die noch einer weiteren Vertiefung bedürfen. Der Text gehört literarisch zu einer anderen Gattung und unterscheidet sich deshalb im Stil vom Dokument der Internationalen Theologischen Kommission, das eine größere Menge an Daten sammelt, verschiedene Positionen diskutiert und sich erlaubt, einige Hypothesen anzubieten. Es ist selbstverständlich, dass ein lehramtliches Dokument nüchterner und direkterer Natur sein muss.

Nach diesen allgemeinen Überlegungen und der Darstellung des geschichtlichen Kontextes des Dokuments sollen nun die einzelnen Teile des Dokuments beleuchtet werden. Zuvor aber noch ein Gedanke zum Titel: Das Christentum und die Religionen. Die Formulierung umging die Schwierigkeit, ob das Christentum als eine mit anderen Religionen vergleichbare Religion behandelt werden kann oder nicht. Wenn hier dabei von „Religionen“ gesprochen wird, statt den Begriff „nicht-christliche Religionen“ zu verwenden, so sollte auf diese Weise eine „negative“ Definition vermieden werden, die sie über das definiert, was sie nicht sind.

 

Erster Teil: Status quaestionis

Bei der Erstellung des Dokumentes war es nötig, auf die verschiedenen Versuche einer Klassifikation der gängigen theologischen Positionen zum Problem der Religionen hinzuweisen. Einige sprachen von der Beziehung des Christentums zu den Religionen unter dem Aspekt der „Erfüllung“ der menschlichen Sehnsüchte und sahen so in ihnen sowohl Momente der Hoffnung wie auch Schwierigkeiten. Andere hingegen sprachen mit einem größeren Optimismus von der „Gegenwart“ von Elementen des Heils in den Religionen, sofern diese nämlich als sozialer Ausdruck von Gottesbeziehung gesehen werden, die auf ihre Weise die Annahme des Heils erleichtern können. Dieser größere „Optimismus“ verhinderte nicht, dass man nicht zugleich auch Elemente der Unwissenheit, der Sünde oder gar der Verderbnis (Nr. 4) benannte. Die besten Theologen waren sich einig, dass das Phänomen der Religion in all seinen Schattierungen immer zweideutig ist.

Die Mehrzahl der katholischen Theologen, neben den erwähnten Ausnahmen, bewegt sich auf einer christozentrischen Linie, das heißt sie haben als Ausgangspunkt die Überzeugung, dass Christus der Erlöser aller ist und dass sich nur in ihm der Heilswille Gottes erfüllt. Deshalb kann seine Mittlerschaft auch alle Menschen in jedweder, auch religiöser, Situation erreichen. Aus diesem Grund sprach man von einer „inklusivistischen“ Tendenz, insofern das Heil Christi prinzipiell allen Menschen zugänglich ist, weil Gottes Gnade in der einen oder anderen Weise alle erreicht (Nr. 11).

Dieser Tendenz steht die „exklusivistische“ Linie gegenüber, von anderen auch „ekklesiozentrische“ Linie genannt, die zu jener Zeit nicht von allen Theologen vertreten wurde, weil die lehramtlichen Äußerungen keine enge Interpretation des Prinzips extra Ecclesiam nulla salus erlaubten (Nr. 10). Als problematisch wurde allerdings auch die entgegengesetzte, „pluralistische“ Richtung erachtet, die in unterschiedlicher Weise eine Vielzahl von Heilswegen vertrat. Diese Auffassung wurde von jenen vertreten, die den Christozentrismus als unzureichend erachteten und meinten, dass daher nur ein „Theozentrismus“ der Unbegreiflichkeit und Transzendenz Gottes Rechnung tragen könne. Kein konkreter Heilsweg könne eine Exklusivität der Offenbarung für sich beanspruchen. Es gebe verschiedene Ausdrucksformen des göttlichen Logos, der sich aber in keiner Religion vollständig manifestiert habe (Nr. 12). Ganz offensichtlich trat man hier mitten ins Herz der christologischen und soteriologischen Diskussionen. Die Frage nach der Wahrheit (Nr. 13-15) und der ausdrücklichen Verkündigung Christi (Nr. 23-26) konnte nicht zugunsten einer momentären Dialogsituation beiseite gelegt werden.

Vor diesem Hintergrund entwickelte die Internationale Theologische Kommission drei grundlegende Aufgaben als Empfehlung für eine christliche Theologie der Religionen (vgl. Nr. 7): (a) das Christentum wird sich selbst im Kontext einer Vielzahl von Religionen verstehen und besonders über seinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit nachdenken müssen. (b) Es wird die Bedeutung und den Wert der anderen Religionen für die Heilsgeschichte zu bedenken haben. (c) Man wird die konkreten Inhalte der Religionen untersuchen müssen, um sie mit dem christlichen Glauben zu konfrontieren. Dieser dritten Empfehlung konnte das Dokument selbst nicht nachkommen, weil es an Experten in der Internationalen Theologischen Kommission fehlte, die diese tiefere Untersuchung hätten vornehmen können. Auch die anderen beiden Themen wurden nicht systematisch behandelt; man erarbeitete aber wesentliche Elemente für ein solches Studium. Beides, die Bedeutung der Universalität des Christentums und der Wert der anderen Religionen für die Heilsgeschichte, wird an verschiedenen Stellen der Ausführungen erwähnt.

 

Zweiter Teil: Die grundlegenden theologischen Voraussetzungen

Die Antwort auf die benannten Fragen zum Verhältnis des Christentums zur Vielzahl der Religionen und ihrer Wertung hängt von einer Reihe fundamentaltheologischer Fragestellungen ab. Das Dokument behandelt diese in folgender Reihenfolge: die Initiative des Vaters im Erlösungswerk, die Einzigkeit der Mittlerschaft Christi, die Universalität des Wirkens des Heiligen Geistes und die Kirche als universelles Sakrament des Heils.

Es ist an dieser Stelle nicht nötig, näher auf den ersten Punkt einzugehen, und auch das Dokument (Nr. 28-30) verzichtet darauf. Wir wollen daher nur auf die Wichtigkeit des biblischen Kontextes von 1 Tim 2,3-6 hinweisen: der erlösende Gott möchte, dass alle Menschen zum Heil und zur Wahrheit gelangen. Dieser universale Wille ist verknüpft mit der alleinigen Mittlerschaft Jesu Christi. Der Vater hat bereits vor der Erschaffung der Welt seinen Heilsplan in Christus entworfen und möchte alles in ihm neu beginnen (vgl. Eph 1,4-10). Der Vater zeigt sich nicht nur als Ursprung seines Heilswerkes, sondern auch als das Ziel, auf das es zuläuft (vgl. 1 Kor 15,28).

Das Thema der Mittlerschaft Christi nimmt einen größeren Platz ein (Nr. 32-49). Einige Tendenzen der 90er Jahre wiesen die universale Heilsmittlung nur dem ewigen Logos zu, nicht dem fleischgewordenen, gestorbenen und auferstandenen Sohn. Diese These steht im Widerspruch zu einigen zentralen Texten des Neuen Testaments (vgl. 1 Tim 2,5; Apg 4,12). So ist es notwendig, die universale Heilsmittlung Jesu, des fleischgewordenen Sohnes, festzuhalten. Die universale Bedeutung Christi wird auf verschiedenen Ebenen unterstrichen. Zunächst wendet sich das Heil Christi an alle Menschen: uns allen muss das Evangelium verkündet werden (vgl. Mt 28,16-20; Mk 16,15-18; Apg 1,8). Allerdings können wir fragen, ob diese Universalität auch noch auf einer anderen Ebene entdeckt werden kann, nämlich in den Menschen, denen die Botschaft verkündet werden soll, und zwar noch bevor sie die Botschaft annehmen. Im Neuen Testament lassen sich einige Hinweise darauf finden: Jesus ist nicht nur der Mittler der Erlösung, sondern auch der Schöpfung, und beide Dimensionen sind miteinander verbunden (vgl. Kol 1,15-20). Die paulinische Parallele von Christus und Adam zeigt die allgemeine Bedeutung Jesu (vgl. Röm 5,12-21; 1 Kor 15,20-22.44-49). Nach Joh 1,9 ist Jesus das Licht, das in die Welt gekommen ist, um jeden Menschen zu erleuchten. Auf 1 Tim 2,5 haben wir bereits hingewiesen. In einer Begrifflichkeit, die sicherlich noch zu definieren und zu präzisieren ist, spricht das Neue Testament über die Bedeutung Jesu von Nazareth, des fleischgewordenen Sohnes, für alle Menschen. Aus diesem Grund schließt das Dokument: „Weder die Einschränkung des Heilswillens Gottes noch die Annahme von Mittlerschaften parallel zu der Jesu, noch die Zuweisung dieser universalen Mittlerschaft an den ewigen und nicht mit Jesus identifizierten Logos ist mit der neutestamentlichen Botschaft verträglich“ (Nr. 39).

Das Dokument fährt fort, indem es einige Hinweise der patristischen Theologie wiedergibt, die das jüngere Lehramt, besonders das Zweite Vatikanum und der sel. Johannes Paul II., verschiedentlich aufgegriffen hat, um über die universale Gegenwart Christi zu sprechen: die semina Verbi. Wir finden das Prinzip beim hl. Justinus und dem hl. Clemens von Alexandrien. Es weist darauf hin, dass zu jedem Menschen stets nur ein Bruchstück jener Wahrheit gelangt ist, deren Fülle allein in Jesus, dem Logos, gefunden werden kann. Außerdem findet sich der Gedanke der Vereinigung des Gottessohnes mit allen Menschen durch seine Menschwerdung und die christologische Dimension der Gottebenbildlichkeit, die das Konzil in GS 22 mit einem bekannten Passus von Tertullian[1] wieder ins Gedächtnis ruft. All diese Hinweise der Überlieferung scheinen darauf hinzudeuten, dass die heilbringende Bedeutung Christi nicht auf jene beschränkt ist, die ihn kennen. Deshalb weist das Dokument darauf hin, dass nur im Kontext der universalen Wirkmacht Christi und des Geistes Wert und Bedeutung der anderen Religionen erfasst werden kann. In diesem Sinne unterstreicht es auch mit aller Deutlichkeit, dass das Heil für alle Menschen dasselbe ist, und dass es keine unterschiedliche Heilsökonomie gibt für diejenigen, die an Jesus glauben, und solche, die einer anderen Religion zugehören oder nicht an ihn glauben. Es gibt keinen gesonderten Weg zu Gott, der nicht über den Weg führt, der Christus selber ist (vgl. Joh 14,6) (vgl. Nr. 49).

Im Anschluss richtet die Internationale Theologische Kommission ihre Aufmerksamkeit auf die Universalität der Gabe des Heiligen Geistes (Nr. 50-61). Tatsächlich kann die universale Aufgabe Christi nicht verstanden werden ohne das Wirken des Geistes, durch das das Christi Werk erst universal wird. Der Heilige Geist war schon gegenwärtig im Alten Testament, aber erst als Gabe des auferstandenen Herrn wird er der Kirche und der Menschheit in seiner Fülle mitgeteilt. Bei Christi Taufe im Jordan war der Geist auf ihn als Haupt der Menschheit herabgekommen, damit er durch diese Salbung auch auf die Glieder seines Leibes übergehen konnte. Ohne den Geist erreicht Christi Heil die Menschen nicht. Die Kirche ist der privilegierte Ort für das Wirken des Geistes, aber bereits im Neuen Testament lässt sich sehen, dass dieses Wirken auch der Verkündigung vorausgeht (vgl. Apg 10,19.44-47). Betrachtet man das Pfingstfest (Apg 2,1ff.) in diesem Kontext, so zeigt es sich als Ereignis, das die Zerstreuung von Babel (vgl. Gen 11,54) überwindet und so als Hefeteig der Einheit unter den Völkern wirksam wird. Diese Gabe hat daher eine universale Bedeutung. Vor allem aber unterstreicht das Dokument nachdrücklich, dass die Gabe des Geistes vom auferstandenen Herrn stammt, der zur Rechten des Vaters aufgefahren ist. So lautet die beständige Lehre des Neuen Testaments. Der Geist wurde uns gegeben als Geist Christi, des gestorbenen und auferstandenen Sohnes. Der „Wirkungskreis“ des Geistes ist nicht größer als der Christi; man „kann also nicht an ein universales Wirken des Heiligen Geistes denken, das mit dem universalen Wirken Christi nicht in Verbindung stünde“ (Nr. 58). Auf diesem besonderen Punkt bestand auch die Erklärung Dominus Iesus. Der Geist kommt von Christus und führt jeden zu Christus. Die Menschheit Christi ist der Ort der Anwesenheit des Geistes in der Welt und der Beginn seiner Ausgießung. Das Wirken des Geistes in der Kirche und seine universale Gegenwart müssen zwar unterschieden, dürfen aber in keinem Fall getrennt werden.

Gerade diese Universalität erhebt die Kirche zum universalen Heilssakrament (Nr. 62-79). Es ergibt sich die Frage, ob sich die Bedeutung der Kirche auch auf jene erstreckt, die ihr nicht zugehören. Weil dies auf den ersten Blick verneint zu werden scheint, wird die Heilsnotwendigkeit der Kirche in zwei Weisen verstanden: die Notwendigkeit der Zugehörigkeit zu ihr und die Notwendigkeit ihres Dienstes für das Kommen des Gottesreiches. Erleuchtet durch die neuen Perspektiven des Zweiten Vatikanischen Konzils ergibt sich ein neuer Blickwinkel auf den alten Satz des extra Ecclesiam nulla salus: er betrifft die Frage nach der Zugehörigkeit aller Erlösten zur Kirche als Leib Christi und besonders ihren Heilsauftrag in seiner dreifachen Ausprägung als martyria, leitourgia und diakonia. Durch ihr Zeugnis verkündet die Kirche die Frohe Botschaft an alle Menschen. In der Liturgie, „der Feier des österlichen Geheimnisses, erfüllt die Kirche stellvertretend für das ganze Menschengeschlecht ihre Sendung eines priesterlichen Dienstes. Auf eine Art, die nach dem Willen Gottes für alle Menschen wirksam ist, macht sie Christus gegenwärtig, der für uns ‚zur Sünde gemacht“ wurde‘ (2 Kor 5,21)“ (Nr. 77). In der Diakonie ihrer Nächstenliebe bezeugt sie das Liebesgeschenk Gottes an die Menschen. Es ist offensichtlich, dass in der Darstellung dieser Aspekte des kirchlichen Wirkens als universales Heilssakrament nicht die gesamte Komplexität des Themas erschöpft werden kann.

 

Dritter Teil: Einige Folgerungen für eine christliche Theologie der Religionen

Bis hierhin wurde noch nichts Konkretes über den Wert der Religionen an sich gesagt. Indessen wurden die Grundlagen gelegt für die Behandlung des Problems. Von hier ausgehend möchte die Kommission Richtlinien zur Vertiefung anbieten, die noch nicht als definitive Lösungen verstanden werden wollen.

Die Frage, die in der Theologie der Religionen am meisten Aufmerksamkeit fand, drehte sich um den möglichen Heilswert, der ihnen zukommt. Dies ist daher der erste Punkt, dem sich die Internationale Theologische Kommission widmet (Nr. 81-87). Weder die Konzilsdokumente noch die Enzyklika Redemptoris missio hatten die Frage explizit behandelt, wenngleich die Anwesenheit von „Samen des Wortes“ in Kulturen und Religionen zur Sprache kam, und auch die „Strahlen der Wahrheit“ und das Wirken des Geistes diskutiert wurden. Die Internationale Theologische Kommission fragte, ob dieser Art der Gegenwart und des Wirkens Christi und des Geistes in ihnen eine Funktion zukommt, die über die Erfassung des letzten Ziels des Menschen, also über die Erkenntnis seiner Heilsbedürftigkeit hinausgeht. Zu dieser grundlegenden Überlegung zieht die Kommission vorsichtig einige Schlussfolgerungen. Wörtlich sollen einige bedeutungsvolle Absätze zitiert werden:

„Nach dieser ausdrücklichen Anerkennung der Gegenwart des Geistes Christi in den Religionen kann die Möglichkeit nicht ausgeschlossen werden, daß sie als solche eine gewisse Heilsfunktion haben, das heißt, daß sie den Menschen helfen, ihr letztes Ziel zu erreichen, und zwar trotz ihrer Ambiguität. In den Religionen wird die Beziehung des Menschen zum Absoluten, seine transzendente Dimension, thematisiert“ (Nr. 84). „In den Religionen ist derselbe Heilige Geist am Werk, der die Kirche lenkt. Doch darf die universale Gegenwart des Heiligen Geistes nicht mit seiner besonderen Gegenwart in der Kirche Christi gleich gestellt werden. Auch wenn die Heilsrelevanz der Religionen nicht ausgeschlossen werden kann, bedeutet dies nicht, daß alles in ihnen dem Heil dient. Man darf die Gegenwart des Geistes des Bösen, das Erbe der Sünde, die Unvollkommenheit der menschlichen Antwort auf das Handeln Gottes usw. nicht vergessen. Nur die Kirche ist der Leib Christi, und nur in ihr ist die Gegenwart des Geistes in ihrer ganzen Intensität gegeben. Daher kann niemandem die Zugehörigkeit zur Kirche Christi und die Teilnahme an der Fülle der Heilsmittel, die sich nur in ihr finden, gleichgültig sein (RM 55). Die Religionen können die Aufgabe einer ‚praeparatio evangelica‘ erfüllen, sie können die verschiedenen Völker und Kulturen auf die Annahme des Heilsereignisses vorbereiten, das bereits stattgefunden hat. In diesem Sinne läßt sich ihre Aufgabe nicht mit der des Alten Testamentes vergleichen, die ja in der Vorbereitung auf das Ereignis Christi selbst bestand (Nr. 85). „Das Heil wird erlangt durch die Gabe Gottes in Christus, aber nicht ohne die menschliche Antwort und Annahme. Die Religionen können auch zur menschlichen Antwort beitragen, sofern sie den Menschen zur Gottessuche bewegen, zum Handeln nach seinem Gewissen […]. In oben Gesagtem können die Religionen also ein Mittel sein, das zur Rettung ihrer Anhänger hilft, aber sie dürfen nicht mit der Funktion gleichgestellt werden, die die Kirche für die Rettung der Christen und der Nichtchristen wahrnimmt“ (Nr. 86). „Die Aussage über die Möglichkeit der Präsenz von Heilselementen in den Religionen schließt noch kein Urteil über die Gegenwart dieser Elemente in jeder einzelnen konkreten Religion ein“ (Nr. 87).

Wenn auf der einen Seite die lehramtlichen Äußerungen von einer möglichen Gegenwart des Geistes und der Samen des Wortes in den Religionen sprechen und so die Möglichkeit von Elementen des Heils in ihnen bestätigen, so bedarf es doch auf der anderen Seite der Vorsicht, die Ambivalenz des religiösen Phänomens nicht zu vergessen. In jedem Fall ist eine eindeutige Benennung dieser Elemente in den einzelnen Religionen zu vermeiden. Nur im besonderen Fall der Religion Israels, wo eine wahrhaft göttliche Offenbarung erkennbar ist, lässt sich die Anwesenheit solcher Elemente mit Sicherheit bestätigen.

Damit kommen wir zum Thema der Offenbarung, das eines der zentralen Themen einer Theologie der Religionen ist und mit der sich der dritte Teil des Dokuments befasst (Nr. 82-92). Die Grundposition lautet hier: „Nur in Christus und in seinem Geist hat sich Gott voll und ganz dem Menschen mitgeteilt; nur wenn sich diese Selbstmitteilung zu erkennen gibt, findet also die volle Offenbarung Gottes statt“ (Nr. 88). Neben den Büchern des Neuen Testaments gewähren nur die Bücher des Alten Testaments eine authentische Offenbarung. Sie sind „Wort Gottes“, gelangen aber nur im Lichte Christi zu ihrer vollen Bedeutung. Nur kanonische Bücher können daher als „inspiriert“ und „Wort Gottes“ gelten.

Die pluralistische Position, die bereits erwähnt wurde, nötigt dazu, sich mit dem Problem der „Wahrheit“ im Kontext der Beziehungen und des Dialogs der Religionen zu beschäftigen (Nr. 93-104). Sollte je der Eindruck aufgekommen sein, dass dieses Thema beiseite gedrängt worden wäre, so beharrt das vorliegende Dokument darauf, wie nötig es ist, diese Frage direkt in die Überlegungen miteinzubeziehen und jeden Relativismus zu vermeiden. Die kirchliche Lehre zur Frage der Religionen geht immer vom Zentrum der Wahrheit des christlichen Glaubens aus. Die Wertschätzung von Gutem in anderen Religionen gibt deren Anspruch auf Wahrheit nicht den gleichen Wert wie die Wahrheit des eigenen Glaubens. Im Bezug auf die „pluralistische“ Theologie ruft die Internationale Theologische Kommission die Sicht des Zweiten Vatikanischen Konzils in Erinnerung: auch wenn sich alle Religionen darin vereinen, Antworten auf die tiefsten Fragen des Menschen zu geben, so lassen sich doch die Unterschiede zwischen ihnen nicht einfach ignorieren. Auch wenn die Kirche nichts von dem verstößt, was wahr und heilig in den Religionen ist, hat sie doch die Pflicht, Christus als den Weg, die Wahrheit und das Leben (Joh 14,6) zu verkündigen, als den Einzigen, in dem die Menschen zur Fülle des religiösen Lebens gelangen können (vgl. Nr. 100). Die einzige Grundlage eines ernsthaften interreligiösen Dialogs kann nur eine differenzierte Theologie der Religionen sein. Die Inhalte des eigenen Glaubens und seine ethische Grundlage können nicht durch den Dialog ihrer Allgemeingültigkeit beraubt werden. Der Respekt vor der Verschiedenheit des Anderen führt den Christen nicht dazu, das Herz seines eigenen Glaubens an den dreieinen Gott zu vergessen, der sich in Christus offenbart hat. Manchmal wird diese Haltung als Dünkel und Arroganz missverstanden. Doch weil die Wahrheit Jesu Christi immer im Dienst des Menschen steht, kann sie eigentlich nie in dünkelhafter oder herrschsüchtiger Weise vertreten werden.

Als letztes widmet sich das Dokument dem interreligiösen Dialog (Nr. 105-113), der bereits implizit in den Überlegungen zur Wahrheitsfrage eine Rolle spielte. Er wird an dieser Stelle nicht ausführlich diskutiert, weil andere Dokumente sich bereits dazu geäußert hatten. Der Christ wird mit zwei Themen konfrontiert: Gott und Mensch. Im Bewusstsein um die Vielfältigkeit und Unterschiedlichkeit der Gottesvorstellungen oder des Absoluten in den verschiedenen Religionen geht es darum zu verstehen, wie Gott und sein Verhältnis zum Menschen bei anderen verstanden werden. Auch der Blick auf den Menschen kann dabei durchaus differieren. Dabei ist es jedoch wichtig festzuhalten, dass der Dialog immer eine Begegnung zwischen ganzen Menschen ist und mehr als ein bloß verbaler Austausch. Die Begegnung findet statt in der allgemein-menschlichen Situation auf der Suche nach Heil. So wird ein tieferes Verhältnis der Gleichheit erzeugt, das über den bloß menschlichen Dialog hinausgeht. Die Probleme des Menschen sind nämlich keineswegs eine Ablenkung vom interreligiösen Dialog, sondern vielmehr sein Nährboden. Als gemeinsamer Nenner aller Probleme der menschlichen Verfasstheit zeigt sich der Tod. Vor diesem Hintergrund hallt der Ruf des lebendigen Gottes besonders kraftvoll wider. Das grundlegende Zeugnis der Christen gilt dem auferstandenen Christus und der Hoffnung auf seine Wiederkehr.

 

Schlussfolgerung: Dialog und Sendung der Kirche

Der Dialog hat seinen Ort im Kontext des kirchlichen Sendungsauftrags (Nr. 114-117), dessen Ausgangs- und Zielpunkt die Heilige Dreifaltigkeit ist. In ihr manifestiert und verwirklicht sich die Sendung des ewigen Logos und des Heiligen Geistes in der Heilsökonomie. Der Sendungsauftrag ergeht nicht so sehr an die einzelnen Christen, sondern zunächst an die Kirche als ganze. Daher kann es auch nicht darum gehen, Meinungen mitzuteilen, sondern Jesus Christus anzubieten. Der Heilige Geist wird dabei stets die Herzen tiefer treffen als alle menschliche Überzeugungskraft. Auch wenn ein Unterschied gemacht werden muss zwischen dem Dialog und der Verkündigung des Evangeliums, darf doch auch der Dialog nie seines Zeugnischarakters beraubt werden. Auf diese Weise kann er praeparatio evangelica sein: „Das christliche Zeugnis ist hier noch nicht die Verkündigung des Evangeliums, aber es ist ein integraler Bestandteil der Sendung der Kirche als Ausstrahlung der in ihr durch den Heiligen Geist ausgegossenen Liebe“ (Nr. 117).

 

Abschließende Überlegungen

Das Dokument bewegt sich in zwei Richtungen: zum einen stellt es sich dar als eine respektvolle Annahme der Werte anderer Religionen, ganz auf der Linie der lehramtlichen Beispiele. Zum anderen geht es ihm darum, jeden Relativismus zu vermeiden, indem es diese Religionen eben nicht als Heilsweg bezeichnet – wenngleich die Möglichkeit nicht bestritten wird, dass einige ihrer Aspekte ihren Anhängern durchaus zu Hilfsmitteln auf dem Weg des Heils werden können. Dabei wird allerdings auch deutlich, dass es in den Religionen nicht nur Gutes gibt, sondern auch Mängel, Unklarheiten und Fehler. Mögen sie auch einige Strahlen der Wahrheit widerspiegeln, so sind sie doch nie von ihrer Fülle erleuchtet.

Letztlich geht es vor allem darum, deutlich zu machen, dass alles, was in ihnen gut und wertvoll ist, von Christus kommt und auf den Geist zurückzuführen ist, der nach seiner Auferstehung vergossen wurde. An der Einzigkeit der Mittlerschaft „des Menschen Jesus Christus“ (1 Tim 2,5) muss unter allen Umständen festgehalten werden. Er ist der einzige Weg zum Vater (vgl. Joh 14,6), und kein Weg, der nicht mit diesem konvergiert, kann wahr sein. Komplementäre oder parallele Wege gibt es nicht. Aus diesem Grund kann niemand gleichgültig bleiben vor der Begegnung mit Christus und der Eingliederung in seinen Leib, die Kirche. Und darum hat auch die Kirche die ungebrochene Pflicht, Christus denen zu verkünden, die ihn noch nicht kennen, bis zu seiner herrlichen Wiederkunft am Ende der Zeit, wenn er kommt, zu richten die Lebenden und die Toten.

 

 


[1] De res. mort. 6,3: „Quodcumque limus exprimebatur, Christus cogitabatur, homo futurus“.

Papst Franziskus in Colombo: Zur interreligiösen und ökumenischen Begegnung

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APOSTOLISCHE REISE VON PAPST FRANZISKUS NACH
SRI LANKA UND AUF DIE PHILIPPINEN

(12.-19. JANUAR 2015)

INTERRELIGIÖSE UND ÖKUMENISCHE BEGEGNUNG

ANSPRACHE DES HEILIGEN VATERS

Bandaranaike Memorial International Conference Hall, Colombo
Dienstag, 13. Januar 2015

[Multimedia]

 

Liebe Freunde,

ich bin dankbar für die Gelegenheit, an dieser Begegnung teilzunehmen, welche unter anderen die vier größten Religionsgemeinschaften zusammenführt, die für das Leben in Sri Lanka wesentlich sind: Buddhismus, Hinduismus, Islam und Christentum. Ich danke Ihnen für Ihre Anwesenheit und für Ihren herzlichen Empfang. Ich danke auch denen, die Gebete und Segenswünsche vorgebracht haben, und in besonderer Weise drücke ich Bischof Cletus Chandrasiri Perera und dem ehrwürdigen Vigithasiri Niyangoda Thero meinen Dank aus für ihre freundlichen Worte.

Ich bin auf den Spuren meiner Vorgänger, der Päpste Paul VI. und Johannes Paul II., nach Sri Lanka gekommen, um die große Liebe und das Interesse zu zeigen, welche die katholische Kirche für Sri Lanka hegt. Eine besondere Gnade ist es für mich, hier die katholische Gemeinschaft zu besuchen, sie in ihrem christlichen Glauben zu stärken, mit ihnen zu beten und ihre Freuden und Leiden zu teilen. Es ist ebenso eine Gnade, mit Ihnen allen, Männern und Frauen dieser großen religiösen Traditionen, zusammen zu sein, die Sie mit uns das Verlangen nach Weisheit, Wahrheit und Heiligkeit teilen.

Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat die katholische Kirche ihre hohe und beständige Achtung gegenüber anderen Religionen erklärt und betont, dass sie » nichts von alledem ablehnt, was in diesen Religionen wahr und heilig ist « (Nostra aetate 2). Sie hat eine hohe Wertschätzung für deren Lebens- und Handlungsweisen, für deren Gebote und Lehren. Meinerseits möchte ich die aufrichtige Ehrerbietung der Kirche Ihnen, Ihren Traditionen und Ihren Überzeugungen gegenüber nochmals bestätigen.

In diesem Geist der Ehrerbietung möchte die katholische Kirche mit Ihnen und allen Menschen guten Willens in dem Bemühen um das Wohl aller Bürger Sri Lankas zusammenarbeiten. Ich hoffe, dass mein Besuch dazu beitragen wird, die verschiedenen Formen interreligiöser und ökumenischer Zusammenarbeit, die in den letzten Jahren verwirklicht wurden, zu fördern und zu vertiefen.

Diese lobenswerten Initiativen haben Gelegenheiten zum Dialog geboten, der wesentlich ist, wenn wir einander kennen, verstehen und achten wollen. Wie jedoch die Erfahrung gezeigt hat, müssen dieser Dialog und diese Begegnung, um erfolgreich zu sein, auf eine vollständige und freimütige Darlegung der jeweiligen Überzeugungen gegründet sein. Gewiss wird dieser Dialog deutlich machen, wie verschieden unsere Glaubensüberzeugungen, Traditionen und Gewohnheiten sind. Doch wenn wir in der Darlegung unserer Überzeugungen ehrlich sind, werden wir deutlicher zu sehen vermögen, was wir gemeinsam haben. Neue Wege werden sich öffnen für gegenseitige Wertschätzung, Zusammenarbeit und sogar Freundschaft.

Solche positiven Entwicklungen in den interreligiösen und ökumenischen Beziehungen gewinnen in Sri Lanka eine besondere Bedeutung und Dringlichkeit. Zu viele Jahre lang sind die Menschen dieses Landes Opfer von inneren Unruhen und Gewalt gewesen. Was jetzt notwendig ist, sind Heilung und Einheit, nicht mehr Konflikt und Spaltung. Sicher ist die Förderung von Heilung und Einheit eine edle Aufgabe, zu der alle verpflichtet sind, denen das Wohl des Landes und letztlich der ganzen Menschheitsfamilie am Herzen liegt. Es ist meine Hoffnung, dass die interreligiöse und die ökumenische Zusammenarbeit zeigen wird, dass man weder seine ethnische noch seine religiöse Identität aufgeben muss, um mit den Brüdern und Schwestern in Harmonie zu leben.

Wie viele Wege gibt es für die Anhänger der verschiedenen Religionen, diesen Dienst zu leisten! Wie zahlreich sind die Bedürfnisse, die mit dem heilenden Balsam der brüderlichen Solidarität versorgt werden müssen! Ich denke besonders an die materiellen und spirituellen Bedürfnisse der Armen, der Notleidenden, derer, die sich nach einem Wort des Trostes und der Hoffnung sehnen. Hier denke ich auch an die vielen Familien, die immer noch um den Verlust ihrer Lieben trauern.

Vor allem, wie viele Menschen guten Willens sind in diesem Moment der Geschichte Ihres Landes darum bemüht, die moralischen Grundlagen der Gesellschaft als Ganzer wieder aufzubauen? Möge der sich ausweitende Geist der Zusammenarbeit zwischen den Verantwortlichen der verschiedenen Religionsgemeinschaften seinen Ausdruck finden in einem Engagement, die Versöhnung aller Bürger Sri Lankas in den Mittelpunkt jeder Bemühung um Erneuerung der Gesellschaft und der Institutionen zu stellen. Um des Friedens willen darf man niemals zulassen, dass religiöse Überzeugungen zur Rechtfertigung von Gewalt und Krieg missbraucht werden.  Wir müssen unsere Gemeinschaften klar und unzweideutig auffordern, die Grundsätze des Friedens und der Koexistenz, die sich in jeder Religion finden, uneingeschränkt zu leben und Gewalttaten zu verurteilen, wenn sei begangen werden.

Liebe Freunde, ich danke Ihnen noch einmal für Ihren großherzigen Empfang und für Ihre Aufmerksamkeit. Möge diese brüderliche Begegnung uns alle in unseren Bemühungen bestärken, in Harmonie zu leben und den Segen des Friedens zu verbreiten.