Bischof Dr. Rudolf Graber von Regensburg (†) über die Unterwanderung und Umfunktionierung der katholischen Kirche zur Gegenkirche durch die Freimaurerei

Bischof Dr. Rudolf Graber bei der Kirchweihe der Stadtpfarrkirche St. Wolfgang in Landshut am 29. Juli 1962. Foto: http://www.swolfgang.de/archiv/kirchweih/index.shtml

 

Geheimgesellschaften

IN DER AUFKLÄRUNGSZEIT entstand eine Reihe von antikirchlichen Vereinigungen, von denen nur zwei genannt werden sollen, die Freimaurerei, 1717 in London gegründet, und der Illuminatenorden, gegründet am 1. Mai 1776 von dem Kirchenrechtsprofessor Adam Weishaupt in Ingolstadt (36). Damit berühren wir das Problem der geheimen Gesellschaften und ihren Einfluß auf Gesellschaft und Kirche. Immer wieder kann man lesen, daß die Französische Revolution auf das Konto der Freimaurerei zu setzen ist. Ein neues Werk jedoch stellt die Formel auf: “Die Freimaurerei macht nicht die Revolutionen; sie bereitet sie vor und setzt sie fort” (37). Wie dem auch sei, im Schoß dieser und ähnlicher Geheimgesellschaften wurden die Keime für das gelegt, was man später Synarchie nannte, d. h. einen einheitlichen Weltstaat mit einer einheitlichen Regierung, die als Gegenkirche geplant ist. Doch davon später. Jedenfalls stellt die Französische Revolution ein wichtiges Glied dar im luziferischen Plan. Es ist nicht zuviel behauptet, wenn man sagt, daß manche katholische Bereiche heute erst sich ihre Hauptideen zu eigen machen, die Freiheit in der Auflehnung gegen die Herrschaftsstrukturen in der Kirche, die Gleichheit in der Demokratisierung mit dem Rätesystem und die Brüderlichkeit in der horizontalen Mitmenschlichkeit, wo die Vertikale, Gott und überhaupt die Transzendenz, ausgeklammert ist. Wie sehr das 2. Vatikanische Konzil mit der Französischen Revolution in Verbindung gebracht wird, beweisen Äußerungen auf dem 11. Kongreß der Kommunistischen Partei Italiens 1964, auf die wir noch zu sprechen kommen.

John Joseph Kardinal O’Connor (New York) mit zwei beschürzten Freimaurern

Damit aber stehen wir schon dicht vor den unmittelbaren Ursachen der innerkirchlichen Krisis in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Hier ist zu beachten, daß “die großen Revolutionen – und wir stehen in einer solchen – nicht spontan erfolgen, sie haben ihre Vorläufer, oft nur im Geheimen, ihre Propheten säen um sich den Samen der Revolte, schließlich die Führer und die Ausführenden. Eine unterirdische Phase geht ihnen voraus, eine andere, die der Inkubation folgt darauf” (38), bis es dann zur Eruption kommt. Damit haben wir schon einen Einwand erledigt, der uns gemacht werden könnte, wenn wir nun auf gewisse Geheimgesellschaften und ihre Wortführer im 19. Jahrhundert zu sprechen kommen. Es ist richtig, daß viele dieser Namen nicht einmal in den Lexika zu finden sind (39), aber das ändert nichts an der Tatsache, daß der vergiftete Samen weiterwirkte und im Modernismus am Anfang des 20. Jahrhunderts zum erstenmal an die Oberfläche drang, allerdings vom heiligen Papst Pius X. sofort mit tatkräftiger Hand niedergehalten wurde.

Pierre Virion vor allem gebührt das Verdienst, auf diese Geheimgesellschaften in seinen Schriften aufmerksam gemacht zu haben. Wenn man nur einen Bruchteil dessen liest, was Virion aus all den heute so ziemlich verschwundenen Schriften der geheimen Wortführer zusammengetragen hat, so ist man überrascht, erstaunt und entsetzt, daß hier gegen Ende des vorigen [19.] Jahrhunderts bereits alle Ideen auftauchen, die heute in der nachkonziliaren Zeit die Kirche auf eine Zerreißprobe stellen. Dabei ist jedoch zu beachten, daß alle diese destruktiven Gedanken insgeheim auf ein einheitliches Ziel ausgerichtet sind, nämlich die Gegenkirche oder die “neue” Kirche zu schaffen, indem man die alte Kirche unterminiert und umfunktioniert und zwar weniger durch einen von außen kommenden Angriff, sondern, wie man heute im politischen Raume sagt, durch den “Marsch durch die Institutionen”. Wir haben den französischen Ausdruck für alle diese Bestrebungen schon einmal genannt, nämlich Synarchie. Es handelt sich hier um die Summe von geheimen Mächten aller “Orden” und Schulen, die sich zusammengetan haben, um eine unsichtbare Weltregierung zu bilden. Politisch gesehen erstrebt die Synarchie die Integration aller sozialen und finanziellen Mächte, die diese Weltregierung unter sozialistischer Führung natürlich zu tragen und zu fördern hat. Der Katholizismus würde folglich wie alle Religionen von einem universellen Synkretismus absorbiert werden. Er würde beileibe nicht unterdrückt, sondern integriert werden, wobei das Prinzip der Kollegialität dies bereits deutlich anvisiert. Man sieht gerade hier, welch unterirdische Konsequenzen die Prägung solcher neuer Worte hat. Im Letzten würde die Synarchie, voll verwirklicht, die Gegenkirche bedeuten (40). Wieder müssen wir dem Einwand begegnen, daß doch solche Beziehungen rein äußerlich auf einer Wortgleichheit beruhen und sachlich weit hergeholt sind. Aber hören wir, was Alphons Rosenberg dazu sagt: “… Alle diese (und andere) Gruppen üben, wenn auch zumeist auf unsichtbare Weise, Einfluß auf den Gang der kirchlichen Reform aus. Meist wird ihr Gedankengut, ohne daß es eigens genannt wird, auf dem Wege der Evolution und in vorsichtiger Siebung von den Theologen und Hirten (!) in den geistigen Blutkreislauf der Kirche aufgenommen …” (41). Diese Worte müßten als einer der stärksten und eindeutigsten Nachweise für die von der Feindseite her gezielten Infiltrationsmethoden gewertet und die notwendigen Konsequenzen daraus gezogen werden. Werden sie gezogen?

Stanislas de Guaita, abgefallener Priester und Schwarzmagier

Der Plan der Synarchie wurde in den Jahren 1880 – 1890 ausgearbeitet. Ohne auf die verschiedenen Gruppierungen, wie z. B. auf den kabbalistischen Orden der Rosenkreuzer, der Martinisten und der Symbolisten (42) näherhin einzugehen, sei nur erwähnt, daß der Jesuit Riquet und d’Alec Mellor (43), die für eine Annäherung der Kirche an die Freimaurer eintreten, enge Beziehungen mit diesen Gruppen unterhalten (44). Vom Gründer der ersten Gruppe, dem Expriester Stanislas de Guaita (1861 – 1897), stammt übrigens eine Satanshymne (45).

Eine besondere Erwähnung verdient indessen der Exkanonikus Roca (1830 – 1893), dessen Name weder im Lexikon für Theologie und Kirche, noch im Freimaurerlexikon zu finden ist. Er war zu Perpignan in Frankreich geboren, wo er die Schule der Karmeliter besuchte, 1858 zum Priester geweiht und 1869 zum Ehrenkanonikus ernannt wurde. Er machte Reisen nach Spanien, in die Vereinigten Staaten von Amerika, in die Schweiz und nach Italien. Sehr bewandert in den okkulten Wissenschaften entfaltete er eine ausgedehnte Propaganda vor allem unter der Jugend. Dadurch geriet er in Konflikt mit Rom. Trotz seiner Exkommunikation fuhr er in seiner Tätigkeit fort, predigte die Revolution, verkündete das Kommen der “göttlichen Synarchie” unter einem zum wissenschaftlichen Christentum bekehrten Papst. Er spricht von einer neuen erleuchteten Kirche, die vom Sozialismus Jesu und der Apostel beeinflußt ist. Roca ist nach dem Urteil von Virion “ein Apostat der stärksten Art”, und man möchte das, was er fordert und voraussagt fast für prophetisch halten (46).

Um seine Sprache einigermaßen zu verstehen, muß man wissen, daß er die gebräuchlichsten katholischen Begriffe beibehält, ihnen aber einen anderen Sinn unterlegt (übrigens wie heute). Unumwunden erklärt er: “Mein Christus ist nicht der des Vatikans.” Oder wenn er von Gott spricht, so meint er damit den Menschen, der eben an die Stelle Gottes tritt. Das Wort Reform bedeutet für ihn Revolution: “Keine Reform, sondern … ich wage es nicht recht zu sagen, weil das Wort so anrüchig ist …, eine Revolution.” “Die neue Sozialordnung wird (deshalb) außerhalb Roms, trotz und gegen Rom grundgelegt werden.” Aber nun folgt eine Feststellung, die uns, wie jemand gesagt hat, bis ins Innerste erschüttern und erstarren läßt: “Die neue Kirche, die vielleicht nichts mehr von der scholastischen Lehre und von der Urform der früheren Kirche bewahren wird können, wird nichtsdestoweniger von Rom die Weihe und die kanonische Jurisdiktion empfangen.” Noch vor wenigen Jahren konnten wir uns dies nicht vorstellen, aber heute …?

Wir zitieren im Folgenden verschiedene Sätze aus den Werken Rocas, die unsere gegenwärtige Krisis beleuchten. Bezüglich der zukünftigen Liturgie glaubt er, “daß der göttliche Kult, so wie ihn die Liturgie, das Zeremoniell, das Ritual und die Vorschriften der römischen Kirche regeln, demnächst auf einem ökumenischen Konzil (!) eine Umwandlung erfahren wird, die ihm die verehrungswürdige Einfachheit des goldenen apostolischen Zeitalters zurückgeben wird in Übereinstimmung mit dem Gewissen und der modernen Zivilisation” (47). Und Roca fährt fort: “Eine Opferung bahnt sich an, die eine feierliche Sühne darstellt … Das Papsttum wird fallen; es wird sterben unter dem geheiligten Messer, das die Väter des letzten Konzils schmieden werden. Der päpstliche Cäsar ist eine für das Opfer gekrönte Hostie” (48).

Rudolf Steiner, Okkultist und Begründer der Anthroposophie

Es fällt uns auf, daß damals schon von einem Konzil die Rede ist. Der Rosenkreuzer Dr. Rudolf Steiner, der Begründer der anthroposophischen Gesellschaft, erklärte im Jahr 1910: “Wir brauchen ein Konzil und einen Papst, der es ausruft.” Ob die Begeisterung, mit der die Welt das Konzil begrüßte, nicht auch von daher ihre Nahrung erhielt? – Der beherrschende Begriff ist das Wort “neu”. Roca verkündet eine “neue Religion”, ein “neues Dogma”, ein “neues Ritual”, “ein neues Priestertum”. Die neuen Priester bezeichnet er als “Progressisten”, er spricht von der “Unterdrückung” (suppression) der Soutane und von der Heirat der Priester (49) und versteigt sich zum Geständnis: “Der religiöse, politische und soziale Erlöser wird durch unpersönliche Institutionen (“institutions impersonelles”) über die Menschheit herrschen.” Im Anschluß an dieses Wort hat man mit Recht darauf hingewiesen, wie sich das heute allenthalben zeigt in der Kollegialität, in der Unsumme von “Konferenzen, Kommissionen, Komitees und Sitzungen” (50). Fast ist man versucht zu sagen, die Person ist zurückgedrängt, es herrscht das Anonyme. Hier tritt der luziferische Plan deutlich zu tage. Nichts mehr von der Person, die ihre höchste Weihe durch die Trinität und den Gottmenschen erhält, und die nun ausgelöscht ist durch das Kollektiv, ganz gleich in welcher Form.

Hier ist eine Zwischenbemerkung notwendig. Es wäre verfehlt zu meinen, es handle sich hier nur um die Gedanken eines Einzelgängers, wie Roca; nein, das alles wird von einer ganzen Reihe von geistesverwandten Personen ausgesprochen in einer Unmenge von Schriften, die wenigstens damals der ganzen Weltöffentlichkeit zugänglich waren. Und deshalb die Frage: Warum hat die Kirche von diesen Dingen keine Kenntnis genommen? Sicherlich hat es Pius X. getan. Aber das war auch alles. In dem Buch des Abbé Melinge (mehr bekannt unter seinem Pseudonym Dr. Alta) “L’évangile de l’Esprit-Saint, Jean traduit et commenté” (1907) ist das ganze Programm entwickelt, nach dem heute “gearbeitet” wird:

“Der Appell an den Esoterismus;
die Revolte gegen die Strukturen der Kirche;
die Ersetzung (substitution) des römischen Papsttums durch ein “pluri-konfessionelles” Pontifikat, das fähig ist, sich einem allseitigen (polyvalenten) Ökumenismus anzugleichen, den wir heute in der Interzelebration von Priestern und protestantischen Pastoren etabliert sehen.
die Verherrlichung Christi durch eine neue Menschheit;
die Umkehr (inversion) aller von Christus gelehrten Wahrheiten” (51).
Deutlicher kann man wohl nicht mehr sprechen. Dabei blieb Dr. Alta als Priester in der Kirche und es wurde von ihm gesagt: “Anstatt aus der Kirche zu fliehen wie Luther, blieb er, um im Schoß der Kirche (temple) zu reformieren” (52). Alles schon dagewesen.

Doch zurück zu Roca. Aus all den Zitaten, die sich zu Büchern erweitern ließen, ersieht man jetzt schon unschwer die Taktik: Die Kirche ihres übernatürlichen Charakters zu entkleiden, sie mit der Welt zu amalgieren, das konfessionelle Nebeneinander zu einem ökumenischen Ineinander zu machen und so die Welt-Einheits-Religion im einheitlichen Weltstaat vorzubereiten. Das Prädikat der Kirche “alleinseligmachend” ist aus dem Sprachschatz des Dialogs verschwunden, so wie ein gnostischer Vortragender es ausdrückte: “Wir bieten der Kirche noch einmal eine Chance, sie reihe sich ein unter die anderen Religionen.” Dazu gehört natürlich die “Déprêtrise” (53) der Kirche, die Entpriesterlichung zugunsten einer Laienkirche, und als Übergangsform – wiederum nach Roca – das Nebeneinander von zölibatären und verheirateten Priestern. Nun, die Entpriesterlichung der Kirche hat in erschreckendem Ausmaß bereits begonnen. Es erübrigt sich, all die Priester aufzuzählen, die in den Bahnen Rocas (und Loisy’s) wandelten. Virion stellt die Frage: ” Wieviele Priester mögen es gewesen sein, die ostentativ in der Kirche verblieben, aber nur deshalb, weil sie dort im Geheimen den Virus des Umsturzes säen konnten”? Roca, der zur Übertreibung neigt, antwortet “tausend”. Aber Saint-Yves sagte maßvoller: “Ich kenne viele, und sogar heilige Priester, die (aus Ignoranz) auf dem Weg zum synkretistischen Christentum wandelten” (54).

Eine andere moderne Idee, die damals allenthalben in diesen okkultistischen Kreisen vertreten wurde, war eine Art Mystik der Demokratie. Damals schon wurde ein Sozial-Christus gepredigt, und Roca schreibt: “Ich glaube, daß diese soziale Erlösung des Volkes in der neuen Gesellschaft durch die Thronbesteigung der Demokratie erfüllt wurde.” Und noch schärfer am 26. Juli 1891: “Das reine Christentum ist der Sozialismus (Le christianisme pur, c’est le socialisme)”. Deswegen erwartet er vom “Bekehrten des Vatikans” die kanonische Urbi- et Orbi-Erklärung, daß die gegenwärtige Zivilisation die legitime Tochter des heiligen Evangeliums der sozialen Erlösung ist” (55).

Papst Johannes XXIII.

Baron Yves Marsaudon, Malteserritter, Freimaurer des Schottischen Ritus vom 33. Grad
Das Ganze rundet sich ab durch das bedeutsame Werk des Freimaurers Yves Marsaudon “L’oecuménisme vu par un Franc-Maçon de Tradition” (56), das er mit einer überschwenglichen Widmung an Papst Johannes XXIII. versehen hat und das dem schon erwähnten Brückenschlag zwischen Kirche und Freimaurerei dienen soll. Bemerkenswert ist hier vor allem die Schwenkung in der Strategie, die man ungefähr in das Jahr 1908 setzen kann (57): “Nicht mehr die Vernichtung der Kirche ist das Ziel, sondern man sucht sie zu benützen, indem man in sie eindringt.” Mit Papst Johannes XXIII. glaubt man den Anfang gemacht zu haben: “Von ganzem Herzen wünschen wir den glücklichen Ausgang der Revolution Johannes’ XXIII.” (58). “Eines Tages muß die dogmatische Kirche verschwinden oder sich angleichen und, um sich anzugleichen, zu den Quellen zurückkehren” (59). Dies zeigt sich heute schon bei den Priestern: “Der Priester ist heute nicht mehr dieses besondere Wesen … im Gegenteil, er strebt (progressivement) danach, sich mit der modernen Gesellschaft zu vermischen” (60). In diesem Amalgamierungsprozess spielt die Freimaurerei die größte Rolle: “Wir Freimaurer der Tradition gestatten uns das Wort eines berühmten Staatsmannes zu verdeutlichen und zu akzentuieren (transposer), indem wir es den Umständen angleichen: Katholiken, Orthodoxe, Protestanten, Muselmanen, Hinduisten, Buddhisten, Freidenker und gläubige Denker sind bei uns nur Vornamen. Unser Familienname ist Freimaurerei” (61).

An diesem Punkt zeigt sich deutlich, wie nahe hier Echtes und Falsches beieinander liegen. Was gibt es für uns Erstrebenswerteres als den Ökumenismus in der Befolgung des Wortes Christi “auf daß alle eins seien” (Joh 17, 21). Aber nur hauchdünn ist die Grenze zum synkretistischen Ökumenismus hin, der die Wahrheit relativiert und im Letzten auf die Super-”Kirche” hinsteuert, das große Ziel der Geheimgesellschaften.

Wir sind indessen weit vorausgeeilt. Noch ein Phänomen unserer Tage müssen wir unter die Lupe nehmen, die sexuelle Ausschweifung und Zerrüttung. In einer Geheiminstruktion schon aus dem Jahr 1819, die wahrhaft luziferischen Geist atmet, steht die Anweisung: “Schmeichelt allen Leidenschaften, den schlechtesten ebenso wie den hochherzigsten…” (62). In einem Brief vom 9. August 1839 lesen wir die Worte: “Wir dürfen das Laster nicht individualisieren; damit es ansteigt zu den Proportionen des Patriotismus und des Hasses gegen die Kirche, müssen wir es verallgemeinern. Der Katholizismus hat nicht mehr Furcht vor einem spitzen Dolch als die Monarchie, aber diese beiden Grundfesten der sozialen Ordnung können unter der Korruption zusammenbrechen; wir jedenfalls lassen uns niemals verderben (corrompre). Machen wir also keine Martyrer, aber popularisieren wir das Laster in den Massen. Was nur immer sie mit den fünf Sinnen erstreben, das soll seine Befriedigung finden … Schafft Herzen voll Laster und ihr werdet keine Katholiken mehr haben. Das ist die Korruption, im Großen, die wir unternommen haben, die Korruption des Volkes durch den Klerus, die des Klerus durch uns, die Korruption, die uns dazu führt, der Kirche das Grab zu schaufeln” (63).

Msgr. Claude Dagens, in der französischen Bischofskonferenz zuständig für den Dialog mit den Freimaurern
In diesem Zeitraum wurde ein Gedanke ausgesprochen, der heute erst seine volle Verwirklichung erlebt. Um all diese Ziele zu erreichen, von denen die Rede war, muß eine “neue Generation geschaffen werden, würdig des Reiches, das wir erträumen. Laßt das Greisenalter und das reifere Alter beiseite; geht zur Jugend und wenn es möglich ist zu den Kindern. Hat sich einmal euer Ruf (réputation) festgesetzt in den Kollegien, Gymnasien, in den Universitäten und Gymnasien, habt ihr einmal das Vertrauen der Professoren und Studierenden gewonnen, dann sorgt dafür, daß diejenigen, die sich in erster Linie im klerikalen Dienst engagieren, gerne zu euren Zusammenkünften kommen. Dieser gute Ruf wird euch den Zugang verschaffen zu den Lehrmeinungen im Schoß des jungen Klerus genau so wie im Innern der Klöster. In einigen Jahren wird dieser junge Klerus dank der Kraft der Dinge alle Funktionen übernehmen … So verkündet ihr eine Revolution an der Tiara und beim Chorrock … eine Revolution, die nur ein ganz klein wenig angestachelt werden muß, um das Feuer an vier Winkeln der Welt anzuzünden ” (64).

__________

(36) Max Spindler, Handbuch der Bayerischen Geschichte Band II, 1028-1032 (München 1966) S. 1028: “Die Geschichte des Illuminatenordens ist ein Phänomen von europäischer Bedeutung und Wirkung”; vgl. Serge Hutin, Gouvernants invisibles et sociétés secrètes (Editions J’ai lu 1971) kommt immer wieder auf das Illumintatentum zu sprechen.
(37) Bernhard Fay, La Franc-Maçonnerie et la Révolution intellectuelle du XVIIIe siècle (Paris 1961) S. 203.
(38) Pierre Virion, Le Complot (Paris o. J.) S. 46.
Serge Hutin, aaO, S. 4 zitiert Pierre Mariel, L’Europe païenne du XXe siècle, p. 170: “En réalité, de tous temps – et maintenant plus que jamais -, les sociétés secrètes mènent le monde”.
(39) Eugen Lennhoff/Oscar Posner, Internationales Freimaurerlexikon (unveränderter Nachdruck der Ausgabe 1932), Amalthea-Verlag München-Zürich-Wien; – Horst E. Miers, Lexikon des Geheimwissens (Freiburg i. Breisgau 1970); – Kurt Seligmann, Das Weltreich der Magie (Stuttgart 1958).
(40) Pierre Virion, Mystère d’iniquité (Editions St. Michel, St.-Céneré [53] o. J.) S. 2 ff; vgl. auch Virion, Bientôt un gouvernement mondial?, im gleichen Verlag 1968; vgl. auch Léon de Poncins, Christianisme et F… M… (L’Ordre Français, Décembre 1969); La F… M… d’après ses documents secrets Diffusion de la Pensée Française 1972).

(64)

***

_______

Aus: Bischof Dr. Rudolf Graber, Athanasius und die Kirche unserer Zeit … – kopiert aus dem Blog von  GMM (Dr. Gunther Maria Michel)

Papst Franziskus: Demut und Gehorsam der Bischöfe

Audienz Neue Bischöfe, 14. September 2017 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Ansprache vor Bischöfen am 14. September 2017

Papst Franziskus richtete sich am gestrigen Donnerstag, dem 14. September 2017, mit einer Ansprache an die im Laufe des letzten Jahres ernannten Bischöfe und rief ihnen ihre Aufgaben und Verantwortung in Erinnerung.

Die Menschen bedürften einer väterlichen Begleitung, stellte der Papst fest. Nur wer von Gott geleitet sei, habe den Titel und die Autorität, um die Nächsten zu leiten. Diese Gnade dürfe ein Bischof nicht als selbstverständlich betrachten, sondern sie müsse beständig neu erbeten werden, um den Nächsten auf ihrem Weg zur Seite stehen zu können.

Das Gebet bezeichnete Papst Franziskus als Imperativ. Im Gebet erinnere man sich, vor Gott ein ewiger Junge zu sein und keine Gaben wie ein langes Leben, Reichtümer oder dergleichen zu wünschen. Ohne diese Gnade sei es den Bischöfen unmöglich, „gute Meteologen“ zu werden und das „Wetter Gottes zu bewerten“.

Die Unterscheidung sei eine Gabe des Heiligen Geistes an die Kirche, legte der Papst dar. Ihr antworte man mit Zuhören. Der Bischof sei kein „Padrone“ und auch kein „einzelgängerischer Hirte“. Im entspannten Dialog, teilend, zuhörend lebe er mit den Mitbrüdern, ohne eigene Ideen und Projekte in den Vordergrund zu stellen, sondern in Demut im Dienst am Herrn und der Gemeinschaft. Unterscheidung bedeute Demut und Gehorsam dem Evangelium, legte Papst Franziskus dar; sie sei ein Heilmittel gegenüber Unbeweglichkeit und Starrheit.

Besondere Aufmerksamkeit forderte Papst Franziskus im Bereich Kultur und Religiösität des Volkes. Am Ende zähle nicht die Bilanz, sondern das Wachstum des Gotteswerkes im Herzen der Herde. Aufgabe des Bischofs sei es, der Herde die Gnade des Heiligen Geistes nahe zu brinden, vor allem den jungen Menschen und Familien und allen anderen, die für die Leitung der Gesellschaft verantwortlich seien.

_______

Quelle

Papst an „neue“ Bischöfe: Dialog ist wichtiger als Befehlen

Papst Franziskus trifft die neuen Bischöfe der Weltkirche

Bischöfe sind nicht dazu da, um „selbstverständliche Dinge auszuposaunen“, sondern die Menschen zu Gott hinzuführen. Diese Mahnung schrieb der Papst an diesem Donnerstagvormittag den in den vergangenen Monaten neu geweihten Bischöfen der Weltkirche (mit Ausnahme des afrikanischen Kontinents) ins Stammbuch. Er traf sie im Vatikan, nachdem die „Jungbischöfe“ an der Päpstlichen Universität Regina Apostolorum am römischen Stadtrand mehrere Tage lang an einem gemeinsamen „Einführungsseminar“ teilgenommen hatten, das durch die Bischofskongregation und die Ostkirchen-Kongregation organisiert worden war.

Die Aufgabe des Bischofs sei, so der Papst, den Dialog aufzusuchen und nicht einfach, Befehle auszuteilen. Denn ein Bischof müsse die Gläubigen „zur Erfahrung Gottes hinführen, der die Menschen rettet“, so der Papst. In dieser Hinsicht müsse ein Bischof die Gläubigen unterstützen und sie auf diesem Weg begleiten. Das Vorbereitungsseminar in Rom hat mittlerweile Tradition; die Bischöfe sollen damit für die auf sie zukommenden Aufgaben vorbereitet und der Austausch und die Gemeinschaft der Bischöfe untereinander gefördert werden.

Zentral für das Bischofsamt: Das Ringen um Unterscheidung

In bester jesuitischer Manier deklinierte der Papst in seiner Ansprache an die Bischöfe verschiedene Aspekte der „Unterscheidung“ durch. Dieser für die ignatianische Spiritualität grundlegende Begriff bezieht sich auf das Bibelwort der Unterscheidung der Geister und stellt eine ständige Gewissensprüfung zur Ausbildung der eigenen Urteilskraft dar. Diese Fähigkeit zur Unterscheidung, so betonte Franziskus, sei eine authentische Gabe des Heiligen Geistes, die mit allen Kräften ersehnt und erbetet werden müsste. Auf diese Gabe, die der Heilige Geist über die Kirche bringe, müsse der gute Bischof jedoch mit dem Zuhören antworten, betonte der Papst. Im Dialog mit den ihm anvertrauten Priestern und Laien müsse der Bischof auch seinen eigenen Standpunkt immer wieder hinterfragen und gegebenenfalls ändern.

Der Dialog müsse, so die Mahnung des Papstes, immer „einschließen und geduldig“ sein: „Eine wesentliche Bedingung, um vorwärts zu kommen, ist die Aneignung der Geduld Gottes und die Anpassung an seine Zeiten, die niemals die unsrigen sind. Er lässt nicht einfach Feuer auf die Ungläubigen fallen, noch die Streitigkeiten unter den Menschen auflösen.“

Deshalb müsse sich ein Bischof jeweils an das Gewissen der Gläubigen wenden, in einem gemeinsamen Prozess des Wachsens im Unterscheidungsvermögen, der von dem Wunsch beseelt wird, Gottes Willen bestmöglich umzusetzen. Denn die Fähigkeit zur Unterscheidung sei keineswegs nur den „Weisen, Scharfsinnigen und Perfekten“ vorbehalten. „Im Gegenteil, Gott hütet sich vor den Überheblichen und zeigt sich den Bescheidenen. Der Hirte weiß, dass Gott der Weg ist und vertraut ihm; der Hirte kennt und zweifelt nie die Wahrheit Gottes an noch zweifelt er an dem Versprechen des geschenkten Lebens.“

Der Weg, den ein Bischof gehen muss, ist zwar von der Kirche vorgegeben, aber es braucht dennoch eine Öffnung. „Das bedeutet, dass man sich nicht auf Wiederholungen von Formeln beschränken kann, die ,wie hohe Wolken wenig Regen bringen´. Denn oft sind Menschen in einer Wirklichkeit gefangen, die sich nicht auf schwarz oder weiß reduzieren lässt.“ Gerade dort sei der Bischof gefordert, aufzeigen, dass das Leben aus vielen Schattierungen besteht.

Er denke dabei vor allem an die Jugend, Familien, Priester und Politiker. Diese bräuchten in der heutigen Zeit „Hirten im Glauben“. „Mögen sie in euch das standfeste Zeugnis des Wort Gottes suchen und finden, die das Licht auf und für den Weg zum Herrn ist“, schloss der Papst seine Rede.

(rv 14.09.2017 mg)

Kurienerzbischof Paglia fordert neue Kultur des Sterbens

Erzbischof Paglia

Kurienerzbischof Vincenzo Paglia hat vor einer Verrohung im Umgang mit dem Tod gewarnt. In allen modernen Gesellschaften werde der Tod „abgeschoben“, kritisierte er am Montag beim Weltfriedenstreffen der Gemeinschaft Sant’Egidio in Münster. Angehörige und Freunde nähmen nicht mehr am Sterben teil. Kinder würden konsequent vom Thema ferngehalten. Wer sterbe, sterbe meist allein. Es sei an der Zeit, der „Kultur der Einsamkeit“ eine „Kultur der Begleitung und gegenseitigen Unterstützung“ entgegenzusetzen, so der Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben.

Paglia beklagte auch eine zunehmende Verzerrung des Begriffs Euthanasie. Er bedeute eigentlich ein gutes „zum Tode bringen“, nicht aber Töten, so der Erzbischof. Vor dem Hintergrund einer immer älter werdenden Gesellschaft wandte er sich gegen jegliche Freigabe von Sterbehilfe. Der Grat zwischen dem „Recht“ zu sterben und der „Pflicht“ zu sterben sei schmaler als bisweilen angenommen. Notwendig sei vielmehr eine größere Humanität dem Sterbenden gegenüber.

(kna 12.09.2017 sk)

Papstansprache an Lateinamerikanischen Bischofsrat CELAM

Papst Franziskus bei der Ansprache – RV

Ansprache von Papst Franziskus
bei der Begegnung mit dem Leitungskomitee
des Lateinamerikanischen Bischofsrats (CELAM) (rv)

Liebe Mitbrüder,

danke für diese Begegnung und für die herzlichen Willkommensworte des Präsidenten der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz. Hätte es nicht die Erfordernisse des Reiseplans gegeben, so wäre ich gerne am Sitz des CELAM mit euch zusammengetroffen. Ich danke euch für die Liebenswürdigkeit, heute hier anwesend zu sein.

Ich spreche euch meinen Dank aus für das Bemühen, diese kontinentale Bischofskonferenz in ein Zuhause im Dienst der Verbundenheit und der Sendung der Kirche in Lateinamerika zu verwandeln; in ein Antriebszentrum für das Bewusstsein als Jünger und in der Mission; in eine lebendige Referenz für das Verständnis und die Vertiefung der lateinamerikanischen Katholizität, die durch dieses Organ der Verbundenheit über Jahrzehnte des Dienstes Stufe um Stufe umrissen wurde. Und ich nütze die Gelegenheit, um die jüngsten Bemühungen zu ermutigen, die zum Ziel haben, diese kollegiale Fürsorge durch den Solidaritätsfonds der Lateinamerikanischen Kirche zum Ausdruck zu bringen.

Von Aparecida lernen

Vier Jahre ist es her, dass ich in Rio de Janeiro die Gelegenheit hatte, zu euch über das pastorale Erbe von Aparecida zu sprechen, dem bisher letzten synodalen Ereignis der Lateinamerikanischen und Karibischen Kirche. Damals unterstrich ich die fortwährende Notwendigkeit, von seiner Vorgehensweise zu lernen, die wesentlich in der Beteiligung der lokalen Kirchen besteht und in Übereinstimmung mit den Pilgern ist, die unterwegs sind auf der Suche nach dem demütigen Angesicht Gottes, das sich in der aus dem Wasser gefischten Jungfrau Maria, Unserer Lieben Frau von Aparecida, zeigen wollte; diese Vorgehensweise verlängert sich hinein in die Kontinentalmission, die nicht die Summe von programmatischen Initiativen sein will, welche die Terminkalender füllen und zudem wertvolle Energien vergeuden, sondern die Bemühung, die Sendung Jesu ins Herz der Kirche selbst zu legen, so dass diese Sendung zum Kriterium gewandelt wird, um die Effizienz der Strukturen, die Ergebnisse ihrer Arbeit, die Fruchtbarkeit ihrer Diener und die Freude zu messen, die hervorzurufen sie fähig sind. Denn ohne Freude zieht man niemanden an.

In meiner Ansprache hielt ich mich damals bei den – immer noch gegenwärtigen – Versuchungen der Ideologisierung der Botschaft des Evangeliums auf, des kirchlichen Funktionalismus und des Klerikalismus, weil die Erlösung, die Christus uns bringt, immer auf dem Spiel steht. Diese Erlösung muss mit Kraft ans Herz des Menschen gelangen, um seine Freiheit herauszufordern, indem sie ihn zu einem fortwährenden Exodus aus seiner eigenen Selbstbezogenheit hin zur Verbundenheit mit Gott und den Mitbrüdern einlädt.

Mit der unverwechselbaren Stimme des Vaters zum Sohn

Wo Gott in Jesus zum Menschen spricht, tut er das weder mit einem unbestimmten Zuruf wie an einen Fremden, noch mit einer unpersönlichen Einberufung, wie das ein Notar tun würde, noch mit einer Erklärung von zu erfüllenden Vorschriften, wie das jeder beliebige Sakralfunktionär tut. Gott spricht zum Menschen mit der unverwechselbaren Stimme des Vaters zum Sohn, und er respektiert sein Geheimnis, weil er ihn mit seinen eigenen Händen geformt und ihn zur Fülle bestimmt hat. Die größte Herausforderung für uns als Kirche ist es, zum Menschen als Sprachrohr dieser Intimität Gottes zu sprechen, die ihn als Sohn betrachtet – selbst wenn er sich von dieser Vaterschaft Gottes lossagt –, weil wir für Ihn immer wiedergefundene Söhne sind.

Man kann deshalb das Evangelium nicht auf ein Programm im Dienst eines modernen Gnostizismus reduzieren, auf ein Programm des sozialen Aufstiegs oder auf eine Konzeption der Kirche als einer Bürokratie, die sich selbst bereichert, wie man die Kirche auch nicht auf eine nach modernen Unternehmenskriterien durch eine klerikale Kaste geleitete Organisation reduzieren kann.

Gemeinschaft der Jünger

Die Kirche ist die Gemeinschaft der Jünger Jesu; die Kirche ist Geheimnis (vgl. Lumen Gentium, 5) und Volk (vgl. ebd., 9), oder noch besser: In ihr verwirklicht sich das Geheimnis mitten durch das Volk Gottes hindurch.

Deshalb bestand ich auf der missionarischen Jüngerschaft als einem göttlichen Aufruf für dieses dichte und vielschichtige Heute, einem fortwährenden Aufbrechen mit Jesus, um kennenzulernen, wie und wo der Meister wohnt. Und während wir in seiner Gefährtenschaft aufbrechen, lernen wir den Willen des Vaters kennen, der uns immer erwartet. Nur eine Kirche, die – als Braut, Mutter, Magd – auf den Anspruch verzichtet hat, all das zu kontrollieren, was nicht ihr Werk, sondern das Werk Gottes ist, kann auch dann bei Jesus bleiben, wenn sein Nest und sein Obdach das Kreuz ist.

Nähe und Begegnung sind die Werkzeuge Gottes, der in Christus nahegekommen und uns immer begegnet ist. Das Geheimnis der Kirche ist es, als Sakrament dieser göttlichen Nähe und als beständiger Ort dieser Begegnung Gestalt anzunehmen. Daher kommt die Notwendigkeit der Nähe des Bischofs zu Gott, denn in Ihm findet sich die Quelle der Freiheit und der Kraft des Herzens des Hirten, wie auch die Quelle der Nähe zum Heiligen Volk, das ihm anvertraut worden ist. In dieser Nähe lernt die Seele des Apostels, die Leidenschaft Gottes für seine Söhne greifbar zu machen.

Ein Schatz, der immer noch nicht vollständig freigelegt ist

Aparecida ist ein Schatz, der immer noch nicht vollständig freigelegt ist. Ich bin sicher, dass jeder Einzelne von euch wahrnimmt, wie sehr sich der Reichtum von Aparecida in den Kirchen, die ihr im Herzen tragt, eingewurzelt hat. Wie die ersten durch Jesus in missionarischer Absicht ausgesandten Jünger können auch wir mit Begeisterung erzählen, was wir alles getan haben (vgl. Mk 6,30).

Es ist allerdings notwendig, achtsam zu sein. Die unverzichtbaren Wirklichkeiten des menschlichen Lebens und der Kirche sind niemals ein Denkmal, sondern ein lebendiges Erbe. Es ist viel bequemer, sie in Erinnerungen umzuwandeln, deren Jahrestage man feiert: 50 Jahre Medellín, 20 Jahre Kirche in Amerika, 10 Jahre Aparecida! Es geht stattdessen um etwas anderes: Den Reichtum eines solchen Patrimoniums (pater – munus) zu bewahren und fließen zu lassen, das macht das munus [lat. Aufgabe, Pflicht, Amt, Dienst] unserer bischöflichen Vaterschaft gegenüber der Kirche unseres Kontinents aus.

Ihr alle wisst, dass das erneuerte Bewusstsein davon, dass am Anfang von allem immer die Begegnung mit dem lebendigen Christus steht, es seinen Jüngern abverlangt, dass sie die familiäre Vertrautheit mit ihm pflegen; andernfalls trübt sich das Antlitz des Herrn, die Mission verliert ihre Kraft, die Umkehr in der Pastoral geht zurück. Zu beten und die Vertrautheit mit Christus zu pflegen ist deshalb die unaufschiebbarste Aktivität unserer pastoralen Sendung.

Alleinsein mit dem Herrn

Zu seinen Jüngern, die begeistert waren von der erfüllten Sendung, sagte Jesus: „Kommt ihr allein mit an einen einsamen Ort“ (Mk 6,31). Wir brauchen dieses Alleinsein mit dem Herrn noch mehr, um das Herz der Sendung der Kirche in Lateinamerika in ihrer gegenwärtigen Situation wiederzufinden. Es gibt so viel an innerer und ebenso an äußerer Zerstreuung! Die Vielzahl an Ereignissen, die Fragmentierung der Wirklichkeit, die Augenblicklichkeit und die Geschwindigkeit des Jetzt könnten uns in die Zerstreuung und in die Leere fallen lassen. Die Einheit wiederzufinden, ist ein Gebot.

Wo ist diese Einheit? Immer in Jesus. Was die Mission beständig macht, ist nicht die Begeisterung, die das großmütige Herz des Missionars entflammt, wenngleich sie immer notwendig ist; vielmehr ist es die Gefährtenschaft Jesu mittels seines Geistes. Wenn wir nicht mit Ihm in die Mission aufbrechen, verlieren wir bald den Weg, da wir uns der Gefahr aussetzen, unsere leeren Notwendigkeiten mit seiner Sache zu verwechseln. Wenn nicht Er der Grund unseres Aufbrechens ist, wird es leicht sein, den Mut zu verlieren mitten in der Mühsal des Weges, oder gegenüber dem Widerstand der Adressaten der Mission, oder angesichts der wechselnden Szenarien der Umstände, welche die Geschichte kennzeichnen, oder wegen der Ermüdung der Füße infolge des schleichenden Verschleißes, verursacht durch den Feind.

In einer Situation wie dieser…

Es gehört nicht zur Mission, sich dann der Mutlosigkeit zu überlassen, wenn vielleicht – da die Begeisterung der Anfänge vergangen ist – die Zeit kommt, in der es sehr schwer wird, das Fleisch Christi zu berühren. In einer Situation wie dieser schürt Jesus unsere Ängste nicht. Und da wir wissen, dass wir zu niemand anderem gehen können, weil allein Er Worte ewigen Lebens hat (vgl. Joh 6,68), ist es folglich notwendig, unsere Wahl zu vertiefen.

Was bedeutet es konkret, mit Jesus heute in Lateinamerika in die Mission aufzubrechen? Das Adverb „konkret“ ist nicht ein Detail des literarischen Stils, vielmehr gehört es zum Kern der Frage. Das Evangelium ist immer konkret, niemals eine Übung steriler Spekulationen. Wir kennen wohl die wiederkehrende Versuchung, sich in der Neigung der Gesetzeslehrer zu endlosen Haarspaltereien zu verlieren; sich zu fragen, bis zu welchem Punkt man gehen kann, ohne die Kontrolle über das eigene abgesteckte Territorium oder über die vermeintliche Macht zu verlieren, die diese Abgrenzungen versprechen.

Es ist viel über die Kirche in fortwährendem Zustand der Mission gesprochen worden. Mit Jesus aufzubrechen, ist die Bedingung für eine solche Wirklichkeit. Das Evangelium spricht von Jesus, der – nachdem er vom Vater aufgebrochen ist – mit den Seinen die Felder und Ortschaften Galiläas durchwandert. Es handelt sich nicht um eine nutzlose Wanderung. Während er unterwegs ist, trifft er Menschen; wenn er einen trifft, nähert er sich ihm; wenn er sich ihm nähert, spricht er ihn an; wenn er ihn anspricht, berührt er ihn mit seiner Vollmacht; wenn er ihn berührt, heilt und rettet er ihn. All jene, denen er begegnet, zum Vater zu führen, ist das Ziel seines fortwährenden Aufbrechens, über das wir beständig nachdenken müssen. Die Kirche muss sich die Worte wieder aneignen, die das Wort Gottes in seiner göttlichen Sendung konjugiert. Aufbrechen, um zu begegnen, ohne vorüberzugehen; sich zurücklehnen ohne Nachlässigkeit; berühren ohne Furcht. Es geht darum, dass ihr euch Tag für Tag auf die Arbeit am Feld einlasst, dort, wo das Volk Gottes lebt, das euch anvertraut wurde. Es ist uns nicht erlaubt, uns durch die klimatisierte Luft der Büros, durch die Statistiken und die abstrakten Strategien lähmen zu lassen. Es ist notwendig, sich an den Menschen in seiner konkreten Situation zu wenden; von ihm dürfen wir den Blick nicht abwenden. Die Mission verwirklicht sich in einem Leib an Leib.

Eine Kirche, die fähig ist, Sakrament der Einheit zu sein

Es ist so viel an Zerstreuung in unserem Lebensumfeld zu sehen! Und ich beziehe mich nicht alleine auf die der reichen Vielfalt, die den Kontinent immer charakterisiert hat, sondern auf die Dynamiken der Auflösung. Man muss achtsam sein, um sich nicht in diesen Fallen fangen zu lassen. Die Kirche ist nicht in Lateinamerika, als ob sie die Koffer in der Hand hätte, bereit abzureisen, nachdem sie es ausgeplündert hätte, wie es so viele im Laufe der Zeit getan haben. Die so handeln, schauen mit einem Gefühl der Überlegenheit und der Verachtung auf sein Mestizengesicht; sie trachten danach, seine Seele zu kolonisieren mit denselben gescheiterten und wiederaufbereiteten Formeln einer Vision des Menschen und des Lebens; sie wiederholen gleichbleibende Rezepte und töten so den Patienten, während sie die Ärzte reich machen, die sie schicken; sie wissen nichts von den tiefen Beweggründen, die im Herzen ihres Volkes wohnen und die es stark machen gerade in seinen Träumen, in seinen Mythen, trotz der zahlreichen Ernüchterungen und Misserfolge; sie manipulieren in der Politik und verraten seine Hoffnungen, indem sie hinter sich verbrannte Erde zurücklassen, und ein Terrain, das bereit ist für die ewige Wiederkehr des Gleichen, auch wenn es sich wieder in neuem Gewand präsentiert. Starke Männer und Utopien haben Zauberformeln verheißen, sofortige Antworten, unmittelbare Ergebnisse. Die Kirche muss – ohne menschliche Ansprüche zu stellen und im Respekt gegenüber dem vielgestaltigen Angesicht des Kontinents, das sie nicht als Nachteil, sondern als immerwährenden Reichtum betrachtet – weiterhin demütigen Dienst zum wahren Wohl des lateinamerikanischen Menschen leisten. Sie muss arbeiten, ohne zu ermüden, um Brücken zu bauen, Mauern niederzureißen, die Verschiedenartigkeit zu integrieren, die Kultur der Begegnung und des Dialogs zu fördern, zur Vergebung und zur Versöhnung zu erziehen, zum Sinn für Gerechtigkeit, zur Zurückweisung der Gewalt und zum Mut zum Frieden. Keine dauerhafte Konstruktion in Lateinamerika kann von diesem unsichtbaren, aber wesentlichen Fundament absehen.

Die wesentliche Einheit

Die Kirche kennt, wie wenige sonst, jene weisheitliche Einheit, die jeglicher Realität in Lateinamerika vorausgeht. Sie lebt alltäglich zusammen mit jenem Moralvorrat, auf dem das existentielle Gebäude des Kontinents ruht. Ich bin sicher, dass ihr – während ich davon spreche – diese Wirklichkeit benennen könntet. Mit ihr müssen wir beständig im Dialog sein. Wir dürfen den Kontakt mit diesem Moralsubstrat nicht verlieren, mit diesem vitalen Humus, der dem Herzen unserer Menschen innewohnt, in dem man die fast unterschiedslose, aber zugleich vielsagende Mischung seines Mestizengesichts wahrnimmt: weder ausschließlich indigen, noch spanisch, noch portugiesisch, noch afroamerikanisch, sondern mestizisch, lateinamerikanisch!

Guadalupe und Aparecida sind programmatische Manifestationen dieser göttlichen Kreativität. Wir wissen, dass dies die Basis ist, auf die sich die Volksfrömmigkeit unseres Volkes stützt; es ist Teil seiner anthropologischen Einzigartigkeit; es ist eine Gabe, mit der Gott sich unseren Menschen zu erkennen geben wollte. Die glänzendsten Seiten der Geschichte unserer Kirche wurden genau dann geschrieben, wenn man es verstand, aus diesem Reichtum zu leben, zu diesem verborgenen Herzen zu sprechen, das pochend – wie ein kleines Licht, das aufflammt unter der augenscheinlichen Asche – den Sinn für Gott und für seine Transzendenz bewahrt, die Heiligkeit des Lebens, die Achtung der Schöpfung, die Bande der Solidarität, die Lebensfreude, die Fähigkeit, bedingungslos glücklich zu sein.

Das tiefgründige Lateinamerika

Um zu dieser tiefgründigen Seele zu sprechen, um zum tiefgründigen Lateinamerika zu sprechen, muss die Kirche beständig von Jesus lernen. Das Evangelium sagt, dass er nur in Gleichnissen sprach (vgl. Mk 4,34). Bilder, die einbeziehen und teilnehmen lassen, die die Hörer Seines Wortes in Personen seiner göttlichen Erzählungen verwandeln. Das Gott treue Heilige Volk in Lateinamerika versteht keine andere Weise, über Ihn zu sprechen. Wir sind eingeladen, in die Mission nicht mit kalten Konzepten aufzubrechen, die sich mit dem Möglichen zufriedengeben, sondern mit Bildern, die ihre Kräfte im Herzen des Menschen beständig vervielfachen und entfalten und es so verwandeln in Korn, eingesät in gute Erde, in Sauerteig, der seine Fähigkeit steigert, aus dem Teig Brot zu machen, in Saatkorn, das die Kraft des fruchtbaren Baums in sich birgt.

Eine Kirche, die fähig ist, Sakrament der Hoffnung zu sein

Viele jammern über einen gewissen Mangel an Hoffnung im heutigen Lateinamerika. Uns ist die „Jammermentalität“ nicht erlaubt, denn die Hoffnung, die wir haben, kommt von oben. Außerdem wissen wir, dass das lateinamerikanische Herz durch die Hoffnung unterwiesen worden ist. Wie ein brasilianischer Liedermacher sagte: „Die Hoffnung ist eine Seiltänzerin; sie tanzt auf dem Seil mit einem Regenschirm“ (João Bosco, O Bêbado e a Equilibrista). Wenn man meint, dass sie zu Ende ist: Siehe, hier ist sie neuerlich, wo man sie am wenigsten erwartete. Unser Volk hat gelernt, dass keine Enttäuschung groß genug ist, um es zu beugen. Es folgt dem gegeißelten und sanftmütigen Christus; es versteht es, das Pferd abzusatteln, bis es Tag wird; und es verharrt in der Hoffnung auf seinen Sieg, weil es sich – im Grunde – dessen bewusst ist, dass es nicht völlig dieser Welt angehört.

Es besteht kein Zweifel, dass die Kirche in diesen Landen in besonderer Weise ein Sakrament der Hoffnung ist, doch ist es notwendig, über die Konkretisierung dieser Hoffnung zu wachen. Je transzendenter sie ist, desto mehr muss sie das immanente Gesicht jener verwandeln, die sie besitzen. Ich bitte euch, dass ihr über die Konkretisierung der Hoffnung wacht und mir gestattet, euch einige ihrer in dieser lateinamerikanischen Kirche bereits sichtbaren Gesichter in Erinnerung zu bringen.

Die Hoffnung in Lateinamerika hat ein junges Gesicht

Oftmals wird von den Jugendlichen gesprochen – man trägt Statistiken über den Kontinent der Zukunft vor –, manche bieten Nachrichten an über ihre angebliche Dekadenz und darüber, wie verschlafen sie angeblich sind; andere nützen ihr Potential als Konsumenten; nicht wenige tragen ihnen die Rolle als Handlanger des Drogenhandels und der Gewalt an. Lasst euch nicht gefangen nehmen von diesen Karikaturen über Eure Jugendlichen. Blickt in ihre Augen und sucht in ihnen den Mut der Hoffnung. Es ist nicht wahr, dass sie bereit sind, die Vergangenheit zu wiederholen. Öffnet ihnen konkrete Räume in den Teilkirchen, die euch anvertraut worden sind, investiert Zeit und Ressourcen in ihre Ausbildung. Bietet ihnen wirksame und zielgerichtete Erziehungsprogramme an, indem ihr von ihnen – wie die Eltern von ihren Kindern – die Ergebnisse ihrer Leistungsfähigkeit verlangt und indem ihr ihr Herz in der Freude der Tiefgründigkeit, nicht der Oberflächlichkeit erzieht. Gebt euch nicht mit rhetorischen Phrasen oder in den Pastoralplänen niedergeschriebenen Handlungsoptionen zufrieden, die niemals in die Praxis umgesetzt werden.

Ich habe gerade Panama, die Landenge dieses Kontinents, für den Weltjugendtag 2019 ausgewählt. Bei dieser Veranstaltung werden wir dem Vorbild der Jungfrau Maria folgen, die ausruft: „Siehe, ich bin die Magd“, und: „es erfülle sich in mir“ (Lk 1,38). Ich bin sicher, dass sich in allen Jugendlichen eine Landenge verbirgt, dass es in den Herzen all unserer jungen Leute ein kleines und langgezogenes Stück Land gibt, das man durchwandern kann, um ihnen auf eine Zukunft hin voranzugehen, die Gott allein kennt und die Ihm gehört. Uns obliegt es, ihnen große Vorschläge zu präsentieren, um in ihnen den Mut zu wecken, ihr Leben gemeinsam mit Gott zu wagen und sich, wie die Jungfrau Maria, verfügbar zu machen.

Die Hoffnung in Lateinamerika hat ein weibliches Gesicht

Es ist nicht notwendig, dass ich mich ausführlich verbreite, um über die Rolle der Frau auf unserem Kontinent und in unserer Kirche zu sprechen. Von ihren Lippen haben wir den Glauben gelernt; fast mit der Muttermilch ihrer Brüste haben wir uns die Charakterzüge unserer mestizischen Seele und die Immunität gegenüber jeglicher Hoffnungslosigkeit angeeignet. Ich denke an die indigenen oder dunkelhäutigen Mütter, ich denke an die Mütter in der Stadt mit ihrer dreifachen Arbeitsbelastung, ich denke an die Großmütter, die Katechistinnen sind, ich denke an die gottgeweihten Frauen und an die so diskreten Kunsthandwerkerinnen des Guten. Ohne die Frauen würde die Kirche des Kontinents die Kraft verlieren, fortwährend zu neuem Leben zu erstehen. Es sind die Frauen, die mit sorgfältiger Geduld das Feuer des Glaubens entfachen und es wiederanfachen. Es ist eine ernste Pflicht, die kirchliche und soziale Kraft dessen, was sie verwirklichen, zu erfassen, zu respektieren, aufzuwerten und zu fördern. Sie begleiteten Jesus während seiner Mission; sie zogen sich nicht zurück vom Fuß des Kreuzes; in Verlassenheit warteten sie darauf, dass die Nacht des Todes den Herrn des Lebens zurückgebe; sie fluteten die Welt mit der Gegenwart des Auferstandenen. Wenn wir eine neue und lebendige Phase des Glaubens auf diesem Kontinent erleben wollen, werden wir sie nicht erreichen ohne die Frauen. Ich bitte euch, die Frauen dürfen nicht auf Dienstmägde unseres widerspenstigen Klerikalismus reduziert werden; im Gegenteil, sie sind Protagonisten der lateinamerikanischen Kirche: in ihrem Aufbrechen mit Jesus; in ihrem Durchhalten selbst im Leiden ihres Volkes; in ihrem Sich-Festhalten an der Hoffnung, die den Tod besiegt; in ihrer freudigen Weise, der Welt zu verkünden, dass Christus lebt und auferstanden ist.

Die Hoffnung in Lateinamerika kommt durch das Herz, den Geist und die Hände der Laien

Ich möchte wiederholen, was ich vor kurzem der Päpstlichen Kommission für Lateinamerika gesagt habe. Es ist ein Gebot, den Klerikalismus zu überwinden, der die Christgläubigen Laien infantilisiert und die Identität der geweihten Amtsträger verarmen lässt.

Auch wenn viel an Anstrengung eingesetzt wurde und bereits einige Schritte gemacht wurden, so liegen doch die großen Herausforderungen des Kontinents offen auf dem Tisch und warten immer noch auf die klare, verantwortliche, kompetente, visionäre, artikulierte und bewusste Konkretisierung eines Standes christlicher Laien, die als Gläubige bereit sind, mitzuwirken: an den Prozessen einer authentischen menschlichen Entwicklung; an der Konsolidierung der politischen und sozialen Demokratie; an der strukturellen Überwindung der endemischen Armut; am Aufbau eines nichtausschließenden Wohlstandes, gegründet auf dauerhaften Reformen, die geeignet sind, das soziale Wohl zu bewahren; an der Überwindung der Ungleichheit und an der Bewahrung der Stabilität; am Entwurf von nachhaltigen Modellen der wirtschaftlichen Entwicklung, die Rücksicht nehmen auf die Natur und auf die wahre Zukunft des Menschen, die mit dem maßlosen Konsumismus nicht gelöst wird; sowie auch an der Zurückweisung der Gewalt und in der Verteidigung des Friedens.

Und noch etwas: In diesem Sinne muss die Hoffnung immer mit den Augen der Armen und von der Situation der Armen her auf die Welt blicken. Die Hoffnung ist arm wie das Weizenkorn, das stirbt (vgl. Joh 12,24), aber sie hat die Kraft, die Pläne Gottes auszusäen.

Der selbstgenügsame Reichtum beraubt den menschlichen Geist oft der Fähigkeit, zu sehen – sei es die Realität der Wüste, seien es die dort verborgenen Oasen. Er bietet Gebrauchsanweisungs-Antworten an und wiederholt „Talkshow“-Überzeugungen; er stammelt die leere Projektion seiner selbst, ohne sich auch nur im geringsten der Realität anzunähern. Ich bin sicher, dass in diesem schwierigen, aber vorübergehenden Moment, den wir erleben, die Lösungen für die vielschichtigen Probleme, die uns herausfordern, aus der christlichen Einfachheit hervorgehen, die sich vor den Reichen verbirgt und sich den Demütigen zeigt: die Reinheit des Glaubens an den Auferstandenen, die Wärme der Gemeinschaft mit Ihm, die Brüderlichkeit, die Großzügigkeit und die konkrete Solidarität, die ebenfalls aus der Freundschaft mit Ihm erwächst.

Und all das möchte ich in einem Satz zusammenfassen, den ich euch als Synthese und Andenken an diese Begegnung dalasse: Wenn wir unserem Lateinamerika vom CELAM aus dienen wollen, müssen wir es mit Leidenschaft tun. Heute braucht es Leidenschaft. Das Herz in alles legen, was wir tun; Leidenschaft eines verliebten jungen und eines weisen alten Menschen; Leidenschaft, die die Ideen in durchführbare Träume verwandelt; Leidenschaft in der Arbeit unserer Hände; Leidenschaft, die uns wandelt in beständige Pilger in unseren Teilkirchen, wie es – erlaubt mir, an ihn zu erinnern – der heilige Toribio de Mogrovejo war, der sich nicht in seinem Bischofssitz einrichtete: Von den 24 Jahren seiner Amtszeit als Bischof verbrachte er 18 mitten unter den Völkern seiner Diözese. Bitte, Brüder, ich bitte euch um Leidenschaft, Leidenschaft, das Evangelium zu verkünden.

Euch, bischöfliche Mitbrüder des CELAM, die Ortskirchen, die ihr repräsentiert, und das gesamte Volk Lateinamerikas und der Karibik vertraue ich dem Schutz der Jungfrau Maria an – angerufen unter den Namen von Guadalupe und Aparecida – in der ungetrübten Gewissheit, dass Gott, der zu diesem Kontinent durch das mestizische und dunkelhäutige Gesicht seiner Mutter gesprochen hat, nicht aufhören wird, sein gütiges Licht im Leben aller aufstrahlen zu lassen.

Amtszeit als Bischof verbrachte er 18 mitten unter den Völkern seiner Diözese. Bitte, Brüder, ich bitte euch um Leidenschaft, Leidenschaft, das Evangelium zu verkünden.

Euch, bischöfliche Mitbrüder des CELAM, die Ortskirchen, die ihr repräsentiert, und das gesamte Volk Lateinamerikas und der Karibik vertraue ich dem Schutz der Jungfrau Maria an – angerufen unter den Namen von Guadalupe und Aparecida – in der ungetrübten Gewissheit, dass Gott, der zu diesem Kontinent durch das mestizische und dunkelhäutige Gesicht seiner Mutter gesprochen hat, nicht aufhören wird, sein gütiges Licht im Leben aller aufstrahlen zu lassen.

(rv 07.09.2017 ord)

Polens Bischöfe verlangen Verbot der Sonntagsöffnung — Ruhe am Tag des Herrn

Stanislaw Gadecki, Erzbischof von Posen und Vorsitzender der Polnischen Bischofskonferenz.

Polens katholische Bischöfe fordern ein Verbot der bislang üblichen Öffnung von Geschäften an Sonntagen. „Der freie Sonntag ist ein Grundrecht, auf das alle Menschen und jeder Mitarbeiter Anspruch haben“, so die Bischofskonferenz.

Der polnische Bischofskonferenz-Vorsitzende, Erzbischof Stanislaw Gadecki, rief nach einer Versammlung der Diözesanbischöfe in Tschenstochau (Czestochowa) die Gewerkschaft Solidarnosc (Solidarität) und katholische Organisationen auf, sich für die „Sonntagsruhe“ stark zu machen.

Regierung berät über Einschränkung des verkaufsoffenen Sonntags

Die nationalkonservative Regierung berät bereits über eine Einschränkung des verkaufsoffenen Sonntags. Familien- und Arbeitsministerin Elzbieta Rafalska schlug vor einigen Tagen als Kompromiss vor, die Öffnung von Läden am ersten und vierten Sonntag jedes Monats zu untersagen und nur am zweiten und dritten Sonntag zu erlauben.

Gadecki kritisierte, es fehle bislang am „politischen Willen zur Lösung des Problems“. Es sei notwendig, dass die Politiker die Stimme der Gesellschaft für den freien Sonntag hörten. Als „heiliger Tag“ solle der Sonntag arbeitsfrei sein. Die endgültige Gestaltung des Gesetzes sei jedoch nicht Sache der Kirche, sondern vielmehr des Parlaments.

Freie Wahl der Öffnungszeiten

Bislang gibt es in Polen mit Ausnahme der gesetzlichen Feiertage keine Einschränkung der Ladenöffnungszeiten. Die Gewerkschaft Solidarnosc hatte voriges Jahr mit Unterstützung der katholischen Kirche rund 500.000 Unterschriften für eine Volksinitiative für ein Gesetz gesammelt, das dem Sonntagseinkauf enge Grenzen setzt. In diesem Herbst wird ein Votum des Parlaments darüber erwartet.

Der Entwurf der Gewerkschaft lässt die Öffnung von Supermärkten und Einkaufszentren nur an sieben Sonntagen im Jahr – darunter zwei Adventssonntagen – zu. Das Einkaufen an Heiligabend und Karsamstag soll ab nachmittags ausgeschlossen werden. Die Regierung erklärte bereits, sie lehne Gefängnisstrafen von bis zu zwei Jahren bei Verstößen gegen das Ladenschlussgesetz ab, wie sie der Entwurf der Volksinitiative vorsieht.

Der Verband der Einkaufszentren lehnt die Volksinitiative ab. Ein Verbot der Ladenöffnung an Sonntagen würde zu einem Umsatzrückgang von fast vier Prozent oder mehr als einer Milliarde Euro führen, argumentiert er. Dadurch würden allein in Handelszentren rund 20.000 Arbeitsplätze wegfallen.

(KNA) – Quelle

Bischof Rudolf Graber (1978): Vorwort zur „SUMMA PONTIFICIA“

SUMMA PONTIFICIA

LEHREN UND WEISUNGEN DER PÄPSTE
DURCH ZWEI JAHRTAUSENDE

ZUM GELEIT

Ist es nicht zu hoch gegriffen, diese Summa Pontificia mit der Summa Theologica des Aquinaten zu vergleichen? Sicherlich, aber wenn wir das Objekt ins Auge fassen, ist eine zusammen­fassende Darstellung und Wiedergabe der päpstlichen Verlautbarungen seit fast 2000 Jahren nicht ebenso bedeutsam, wie ein Aufriß des ganzen theologischen Lehrgebäudes? Ja, gehen wir noch einen Schritt weiter. Muß eine theologische Summe nicht auch auf dem aufbauen, was die Päpste kraft der ihnen zukommenden Lehrautorität in diesen zweitausend Jahren der Kirche vorgelegt haben, wobei zunächst es völlig offen bleibt, was nun verbindlich aufgenommen werden muß oder nur allgemein richtungsweisend ist. Wird aber damit solchen päpstlichen Schriftstücken nicht eine Autorität zugewiesen, die unsere Bedenken herausfordert? Wiederum müssen wir dies zugeben, wenn diese Äußerungen der Päpste nur der Niederschlag ihrer eigenen Gedanken und Überlegungen wären. Aber gerade das sind sie nicht, schon einmal deswegen, weil überall auf das Wort Gottes in der Heiligen Schrift Bezug genommen wird. Aber darüber hinaus kommt noch etwas anderes in Frage, und hier müssen wir etwas weiter ausholen.

Christus selbst hat uns nichts Schriftliches hinterlassen und hat auch seinen Jüngern in keiner Weise befohlen, seine Worte aufzuzeichnen. Aber er hat mehr getan. Er hat seiner Stiftung, der Kirche, seinen Geist, den Heiligen Geist, die dritte göttliche Person, gesandt zu einer doppelten Aufgabe. Der Geist soll die Jünger alles lehren und sie an alles erinnern, was er gesagt hat (Jo 14, 26). Damit aber nicht genug. Der Geist der Wahrheit, wird die Jünger hinführen zur vollen Wahrheit, weil sie jetzt „es nicht tragen können“ (Jo 16, 13. 12). Die Wahrheit, die Christus verkündete, hat somit noch nicht ihre letzte Entfaltung erreicht; dies zu tun, ist Sache des Heiligen Geistes. Der Herr beschreitet demnach, wie so oft den Weg der Mitte. Was er den Seinen hinterläßt als Erbe ist nichts Starres, Unbewegliches, aber auch kein planloses Ausufern, sondern eine durch den Heiligen Geist vollzogene Entwicklung jener Wahrheit und Lehre, die Christus von dem hat, der ihn gesandt hat, vom Vater (Jo 7, 16; 8, 26. 28). Nun ist ein Teil von dem, was Jesus im Auftrag des Vaters gesagt und verkündet hat (Jo 12, 49) im Neuen Testament schriftlich niedergelegt. Aber wer bürgt nach Abschluß der neutestamentlichen Offenbarung für die Weitergabe der Wahrheit durch den Heiligen Geist? Wer garantiert, daß die Hinführung zur „vollen“ Wahrheit in der richtigen Weise erfolgt? Zu diesem Zweck hat Christus das Lehramt der Kirche eingesetzt, bestehend aus den Nachfolgern der Apostel, aus Papst und Bischöfen, und er hat es so stark an sich gebunden, daß er sagen konnte: „Wer euch hört, der hört mich“ (Lk 10, 16). Nun darf man ja nicht meinen, daß das Charisma der Wahrheit sich beschränke auf Papst und Bischöfe. Es gibt in der Kirche keine Glaubenserkenntnisse, „die nur ein Erkennen einzelner und nicht zugleich auch ein Erfahren und Lieben der vielen wäre im Heiligen Geist. Jedes neue Dogma ist in diesem Sinn auch zugleich aus der Liebe geboren, aus dein Liebesleben der Glaubensgemeinschaft, aus dem Herzen der betenden Kirche. Jedes Dogma trägt die Weihe der Ehrfurcht und des Ernstes, der Gewissenhaftigkeit und der Treue, der Innigkeit und der Hingabe, mit der die Gemeinschaft der Glieder Christi in Liebe fest­gewurzelt und gegründet (Eph 3, 17) das Zeugnis Christi in sich befestigt (vgl 1 Kor 1, 6). Es ist in der Regel das „Gesetz des Betens“ (lex orandi), das ungeschriebene Gesetz des betend erlebten, durchlebten Glaubens, das seiner autoritativen Formulierung als Glaubensgesetz (lex credendi) vorausgeht“. Das muß auch bei der Lektüre der vorliegenden Summa Pontificia beachtet werden. Was hier mit immensem Fleiß als die Stimme Roms aus fast zwei Jahrtausen­den zusammengetragen wurde, sind nicht einsame Überlegungen der Päpste, sondern ist der Niederschlag des liebenden Glaubens der Gesamtkirche. Wer sich aber auf das „ex sese“ des Vaticanum I berufen wollte, der muß bedenken, daß dieses Wort sich gegen jene wendet, die zur Definierung eines Dogmas die Zustimmung der Kirche verlangen, daß es nicht jedoch die Übereinstimmung mit der Gesamtkirche ausschließt, ja im gewissen Sinn sogar voraussetzt.

Daß die einfachen Gläubigen an der Entwicklung der Glaubenswahrheiten mitbeteiligt sind, sagt klar und eindeutig das 2. Vatikanische Konzil, wenn es dem heiligen Gottesvolk Anteil zuschreibt am prophetischen Amt Christi. Dieser übernatürliche Glaubenssinn gibt sich dann kund, wenn die Gläubigen „von den Bischöfen angefangen bis zu den letzten gläubigen Laien ihre allgemeine Übereinstimmung in Sachen des Glaubens und der Sitte äußern. Durch jenen Glaubenssinn nämlich, der vom Geist der Wahrheit geweckt und genährt wird, hält das Gottesvolk unter der Leitung des heiligen Lehramtes, in dessen treuer Gefolgschaft es nicht mehr das Wort von Menschen, sondern wirklich das Wort Gottes empfängt (vgl. Thess 2, 13), den den Heiligen einmal übergebenen Glauben (vgl. Jud 3) unverlierbar fest“2.

Hier muß noch ein Konzilstext aus der gleichen dogmatischen Konstitution zitiert werden, einmal weil er das vorhin erwähnte Erste Vatikanische Konzil bestätigt und sodann deswegen, weil er ein Beweis dafür ist, daß das II. Vaticanum völlig in der Linie der Tradition steht und somit unfehlbare Aussagen enthält. In der dogmatischen Konstitution über die Kirche (Nr. 18) heißt es: „Indem die gegenwärtige heilige Synode in die Spuren des Ersten Vatikanischen Konzils tritt, lehrt und erklärt sie feierlich mit diesem, daß der ewige Hirte Jesus Christus die heilige Kirche gebaut hat, indem er die Apostel sandte, wie er selbst gesandt war vom Vater vgl. Jo 20, 21). Er wollte, daß deren Nachfolger, die Bischöfe, in seiner Kirche bis zur Vollendung der Weltzeit Hirtendienste tun sollten. Damit aber der bischöfliche Dienst selbst einer und ungeteilt sei, hat er den heiligen Petrus an die Spitze der übrigen Apostel gestellt und in ihm ein immerwährendes Prinzip und Fundament der Einheit des Glaubens und der Kommunioneinheit gesetzt. Diese Lehre über Entwicklung, Dauer, Gewalt und Sinn des dem römischen Bischof zukommenden heiligen Primates, sowie über dessen unfehlbares Lehramt legt die heilige Synode abermals allen Gläubigen fest zu glauben vor“.

Damit nähern wir uns der entscheidenden Frage, welchen Verbindlichkeitsgrad diese päpst­ichen Äußerungen enthalten; denn es ist von vornherein klar, daß wir diese ganze Summa unmöglich als unfehlbar oder sogar als glaubensverpflichtend ansehen können. Über diese Frage ist in den letzten Jahren eine umfangreiche Literatur entstanden, auf die wir in der Anmerkung hinweisen werden. Viele dieser Untersuchungen wurden ausgelöst durch die Enzyklika Pius XII. „Humani generis“ aus dem Jahr 1950, wo der Papst ausdrücklich vom ordentlichen Lehramt spricht, das dem Nachfolger des hl. Petrus zukommt. Er lehrt darin: ,Man darf nicht annehmen, daß Lehren, welche in den päpstlichen Rundschreiben vorgelegt werden, aus sich eine Zustimmung nicht erfordern, da in ihnen die Päpste nicht ihre höchste Lehrgewalt ausüben würden; denn diese Lehren werden durch das ordentliche Lehramt vorgetragen, von dem ebenfalls das Wort gilt: „Wer euch hört, hört mich“. Wenn daher die Päpste in einer bis dahin umstrittenen Frage in ihren Kundgebungen formell eine Entschei­dung treffen, ist es für alle klar, daß eine solche Sache im Sinn und nach der Absicht der Päpste nicht mehr als freie Frage unter den Theologen gehalten werden kann“3.

Mit dieser Äußerung Pius XII. ist eine bedeutsame Klarstellung bezüglich der Enzykliken erfolgt. Was die Unterscheidung zwischen dem außerordentlichen Lehramt und dem ordent­ichen betrifft, so erschien darüber ein bemerkenswerter Artikel in der römischen Zeitschrift „Civiltà cattolica“ vom 15. Juni 19684. Er stützt sich wesentlich auf einen weiteren Text des 2. Vatikanischen Konzils, der da so lautet: „Die Bischöfe, die in Gemeinschaft mit dem römischen Bischof lehren, sind von allen als Zeugen der göttlichen und katholischen Wahrheit zu verehren. Die Gläubigen aber müssen mit einem auf Glaubens- und Sittensachen bezogenen Spruch ihres Bischofs übereinkommen, wenn er im Namen Christi vorgetragen wird, und haben ihm mit religiös gegründetem Gehorsam anzuhangen. Dieser religiös bestimmte Ge­horsam des Willens und Verstandes ist in einzigartiger Weise dem authentischen Lehramt des römischen Bischofs zu leisten, auch wenn er nicht letztverbindlich spricht. Das will sagen, daß sein oberstes Lehramt ehrfürchtig anerkannt und den von ihm vorgetragenen Urteilen aufrichtige Anhänglichkeit gezollt werden muß, je in Entsprechung zu Meinung und Absicht, die von ihm kundgetan werden. Diese lassen sich vorzüglich durch die Art der Dokumente erkennen, dann aber auch durch die häufige Vorlage ein und derselben Lehre und durch die Weise der Darbietung“5.

Dabei muß jedoch immer beachtet werden, daß dieser religiöse Gehorsam, die ehrfürchtige Achtung oder wie man auch nur immer diese Zustimmung und Anhänglichkeit nennen mag, sich nicht so sehr auf juristische oder überhaupt menschliche Motive gründet, wie etwa auf die Intelligenz und Klugheit des Papstes und der Bischöfe, auch nicht auf ein vorausgehendes Studium des Problems, sondern auf die Überzeugung, daß Christus bei uns bleibt bis zum Ende der Tage, daß er seine Kirche lenkt durch den Papst und die Bischöfe, als jene, die „der Heilige Geist gesetzt hat, die Kirche Gottes zu leiten“ (Apg 20, 19). Mit diesem Wort der Apostel­geschichte sind wir wieder beim Eingang angelangt, beim Heiligen Geist, dessen Tätigkeit die Theologie hier als „assistentia“ bezeichnet. Er redet nicht von sich aus, sondern was er hört, wird er reden und das Kommende wird er künden, sagt Jesus (Jo 16, 18). So ist die ehrerbietige Zustimmung zu den Äußerungen des kirchlichen Lehramtes ein Hinhorchen auf den Heiligen Geist, der immerfort bei uns bleibt (Jo 14, 16).

Die Welt freilich kann ihn nicht empfangen, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt (Jo 14, 17). Es fehlen ihr die Organe, mit denen sie in jene göttliche Welt eindringen kann, und so verbleibt sie im Dunkel und im Irrtum. Heute hat dieser Zustand ein Höchstmaß erreicht und droht auch die Kirche zu beeinflussen. Nicht umsonst sprach Papst Paul VI. von einer „Nacht ohne Sterne“ und von einer „Stunde der Finsternis und der Blitze“. Um so notwendiger ist es, auf den zu schauen, der bei den Anfechtungen Satans die Brüder stärken soll (Lk 22, 31f), auf Petrus und seine Nachfolger.

Nun liegt das Ergebnis dieser fast zweitausendjährigen Stärkung im Glauben vor uns in einer bewundernswerten Summa, die uns nicht nur zum Dank, sondern zum Studium und zum Nachvollzug im Leben verpflichtet. Möge das epochemachende Werk seinen Platz in jeder priesterlichen Handbibliothek finden. Mögen aber auch die Laien sich immer wieder an dem Wort aus Rom orientieren, dessen lateinischer Name „Roma“ nach Wladimir Solowjews6 tiefen Gedanken von rückwärts gelesen „amor“ (Liebe) ergibt.

Mögen wir alle beherzigen, was Kardinal Faulhaber vor fast 60 Jahren in einer ähnlich turbu­lenten Zeit in seiner kraftvollen Art gesagt hat: „Danken wir Gott, daß wir wenigstens in religiösen Fragen noch eine Autorität besitzen, die kraft ihres obersten Lehramtes in Sachen des Glaubens und der Sitte das letzte, entscheidende Wort zu sprechen hat! Die religiösen Fragen bilden einen so unveräußerlichen Anteil des menschlichen Geisteslebens, daß der ehrlich forschende Menschengeist unvermeidlich immer wieder auf das religiöse Fragegebiet kommt. Sucht dann der forschende Geist Antwort auf die letzten Fragen und Ziele des Lebens, dann weist das kirchliche Lehramt Weg und Richtung, damit wir nicht „umhergetrieben werden von jedem Windstoß der Meinung, preisgegeben menschlichem Trug und hinterlistiger Verführung“ (Eph 4,14). Werden die göttlichen Wahrheiten mit menschlichen Irrtümern vermischt, dann nimmt das kirchliche Lehramt die Wurfschaufel zur Hand, um den Weizen von der Spreu zu sondern. Drängen sich religiöse Kurpfuscher an das Volk heran, die ihm Steine statt Brot und Schlangen statt Fische reichen, dann erhebt der heutige Petrus seine Stime mit den Worten des ersten Petrus: „Brüder, nehmt euch in acht, damit ihr nicht durch den Irrtum der Toren mitfortgerissen werdet und eure eigene Festigkeit verliert“ (2 Petr 3, 17). Ja, danken wir Gott, daß wir in Glaubensfragen eine feste Führung und gegebenenfalls eine letzte, entscheidende Stelle haben“7.

 

Regensburg, 2. Juni 1978, am Fest des göttlichen Herzens Jesu

+ RUDOLF GRABER

_______

Quelle: SUMMA PONTIFICIA – LEHREN UND WEISUNGEN DER PÄPSTE DURCH ZWEI JAHRTAUSENDE – I – EINE DOKUMENTATION AUSGEWÄHLT UND HERAUSGEGEBEN VON P. AMAND REUTER O.M.I. 1978 – VERLAG JOSEF KRAL ABENDSBERG