Bischof Rudolf Graber (1978): Vorwort zur „SUMMA PONTIFICIA“

SUMMA PONTIFICIA

LEHREN UND WEISUNGEN DER PÄPSTE
DURCH ZWEI JAHRTAUSENDE

ZUM GELEIT

Ist es nicht zu hoch gegriffen, diese Summa Pontificia mit der Summa Theologica des Aquinaten zu vergleichen? Sicherlich, aber wenn wir das Objekt ins Auge fassen, ist eine zusammen­fassende Darstellung und Wiedergabe der päpstlichen Verlautbarungen seit fast 2000 Jahren nicht ebenso bedeutsam, wie ein Aufriß des ganzen theologischen Lehrgebäudes? Ja, gehen wir noch einen Schritt weiter. Muß eine theologische Summe nicht auch auf dem aufbauen, was die Päpste kraft der ihnen zukommenden Lehrautorität in diesen zweitausend Jahren der Kirche vorgelegt haben, wobei zunächst es völlig offen bleibt, was nun verbindlich aufgenommen werden muß oder nur allgemein richtungsweisend ist. Wird aber damit solchen päpstlichen Schriftstücken nicht eine Autorität zugewiesen, die unsere Bedenken herausfordert? Wiederum müssen wir dies zugeben, wenn diese Äußerungen der Päpste nur der Niederschlag ihrer eigenen Gedanken und Überlegungen wären. Aber gerade das sind sie nicht, schon einmal deswegen, weil überall auf das Wort Gottes in der Heiligen Schrift Bezug genommen wird. Aber darüber hinaus kommt noch etwas anderes in Frage, und hier müssen wir etwas weiter ausholen.

Christus selbst hat uns nichts Schriftliches hinterlassen und hat auch seinen Jüngern in keiner Weise befohlen, seine Worte aufzuzeichnen. Aber er hat mehr getan. Er hat seiner Stiftung, der Kirche, seinen Geist, den Heiligen Geist, die dritte göttliche Person, gesandt zu einer doppelten Aufgabe. Der Geist soll die Jünger alles lehren und sie an alles erinnern, was er gesagt hat (Jo 14, 26). Damit aber nicht genug. Der Geist der Wahrheit, wird die Jünger hinführen zur vollen Wahrheit, weil sie jetzt „es nicht tragen können“ (Jo 16, 13. 12). Die Wahrheit, die Christus verkündete, hat somit noch nicht ihre letzte Entfaltung erreicht; dies zu tun, ist Sache des Heiligen Geistes. Der Herr beschreitet demnach, wie so oft den Weg der Mitte. Was er den Seinen hinterläßt als Erbe ist nichts Starres, Unbewegliches, aber auch kein planloses Ausufern, sondern eine durch den Heiligen Geist vollzogene Entwicklung jener Wahrheit und Lehre, die Christus von dem hat, der ihn gesandt hat, vom Vater (Jo 7, 16; 8, 26. 28). Nun ist ein Teil von dem, was Jesus im Auftrag des Vaters gesagt und verkündet hat (Jo 12, 49) im Neuen Testament schriftlich niedergelegt. Aber wer bürgt nach Abschluß der neutestamentlichen Offenbarung für die Weitergabe der Wahrheit durch den Heiligen Geist? Wer garantiert, daß die Hinführung zur „vollen“ Wahrheit in der richtigen Weise erfolgt? Zu diesem Zweck hat Christus das Lehramt der Kirche eingesetzt, bestehend aus den Nachfolgern der Apostel, aus Papst und Bischöfen, und er hat es so stark an sich gebunden, daß er sagen konnte: „Wer euch hört, der hört mich“ (Lk 10, 16). Nun darf man ja nicht meinen, daß das Charisma der Wahrheit sich beschränke auf Papst und Bischöfe. Es gibt in der Kirche keine Glaubenserkenntnisse, „die nur ein Erkennen einzelner und nicht zugleich auch ein Erfahren und Lieben der vielen wäre im Heiligen Geist. Jedes neue Dogma ist in diesem Sinn auch zugleich aus der Liebe geboren, aus dein Liebesleben der Glaubensgemeinschaft, aus dem Herzen der betenden Kirche. Jedes Dogma trägt die Weihe der Ehrfurcht und des Ernstes, der Gewissenhaftigkeit und der Treue, der Innigkeit und der Hingabe, mit der die Gemeinschaft der Glieder Christi in Liebe fest­gewurzelt und gegründet (Eph 3, 17) das Zeugnis Christi in sich befestigt (vgl 1 Kor 1, 6). Es ist in der Regel das „Gesetz des Betens“ (lex orandi), das ungeschriebene Gesetz des betend erlebten, durchlebten Glaubens, das seiner autoritativen Formulierung als Glaubensgesetz (lex credendi) vorausgeht“. Das muß auch bei der Lektüre der vorliegenden Summa Pontificia beachtet werden. Was hier mit immensem Fleiß als die Stimme Roms aus fast zwei Jahrtausen­den zusammengetragen wurde, sind nicht einsame Überlegungen der Päpste, sondern ist der Niederschlag des liebenden Glaubens der Gesamtkirche. Wer sich aber auf das „ex sese“ des Vaticanum I berufen wollte, der muß bedenken, daß dieses Wort sich gegen jene wendet, die zur Definierung eines Dogmas die Zustimmung der Kirche verlangen, daß es nicht jedoch die Übereinstimmung mit der Gesamtkirche ausschließt, ja im gewissen Sinn sogar voraussetzt.

Daß die einfachen Gläubigen an der Entwicklung der Glaubenswahrheiten mitbeteiligt sind, sagt klar und eindeutig das 2. Vatikanische Konzil, wenn es dem heiligen Gottesvolk Anteil zuschreibt am prophetischen Amt Christi. Dieser übernatürliche Glaubenssinn gibt sich dann kund, wenn die Gläubigen „von den Bischöfen angefangen bis zu den letzten gläubigen Laien ihre allgemeine Übereinstimmung in Sachen des Glaubens und der Sitte äußern. Durch jenen Glaubenssinn nämlich, der vom Geist der Wahrheit geweckt und genährt wird, hält das Gottesvolk unter der Leitung des heiligen Lehramtes, in dessen treuer Gefolgschaft es nicht mehr das Wort von Menschen, sondern wirklich das Wort Gottes empfängt (vgl. Thess 2, 13), den den Heiligen einmal übergebenen Glauben (vgl. Jud 3) unverlierbar fest“2.

Hier muß noch ein Konzilstext aus der gleichen dogmatischen Konstitution zitiert werden, einmal weil er das vorhin erwähnte Erste Vatikanische Konzil bestätigt und sodann deswegen, weil er ein Beweis dafür ist, daß das II. Vaticanum völlig in der Linie der Tradition steht und somit unfehlbare Aussagen enthält. In der dogmatischen Konstitution über die Kirche (Nr. 18) heißt es: „Indem die gegenwärtige heilige Synode in die Spuren des Ersten Vatikanischen Konzils tritt, lehrt und erklärt sie feierlich mit diesem, daß der ewige Hirte Jesus Christus die heilige Kirche gebaut hat, indem er die Apostel sandte, wie er selbst gesandt war vom Vater vgl. Jo 20, 21). Er wollte, daß deren Nachfolger, die Bischöfe, in seiner Kirche bis zur Vollendung der Weltzeit Hirtendienste tun sollten. Damit aber der bischöfliche Dienst selbst einer und ungeteilt sei, hat er den heiligen Petrus an die Spitze der übrigen Apostel gestellt und in ihm ein immerwährendes Prinzip und Fundament der Einheit des Glaubens und der Kommunioneinheit gesetzt. Diese Lehre über Entwicklung, Dauer, Gewalt und Sinn des dem römischen Bischof zukommenden heiligen Primates, sowie über dessen unfehlbares Lehramt legt die heilige Synode abermals allen Gläubigen fest zu glauben vor“.

Damit nähern wir uns der entscheidenden Frage, welchen Verbindlichkeitsgrad diese päpst­ichen Äußerungen enthalten; denn es ist von vornherein klar, daß wir diese ganze Summa unmöglich als unfehlbar oder sogar als glaubensverpflichtend ansehen können. Über diese Frage ist in den letzten Jahren eine umfangreiche Literatur entstanden, auf die wir in der Anmerkung hinweisen werden. Viele dieser Untersuchungen wurden ausgelöst durch die Enzyklika Pius XII. „Humani generis“ aus dem Jahr 1950, wo der Papst ausdrücklich vom ordentlichen Lehramt spricht, das dem Nachfolger des hl. Petrus zukommt. Er lehrt darin: ,Man darf nicht annehmen, daß Lehren, welche in den päpstlichen Rundschreiben vorgelegt werden, aus sich eine Zustimmung nicht erfordern, da in ihnen die Päpste nicht ihre höchste Lehrgewalt ausüben würden; denn diese Lehren werden durch das ordentliche Lehramt vorgetragen, von dem ebenfalls das Wort gilt: „Wer euch hört, hört mich“. Wenn daher die Päpste in einer bis dahin umstrittenen Frage in ihren Kundgebungen formell eine Entschei­dung treffen, ist es für alle klar, daß eine solche Sache im Sinn und nach der Absicht der Päpste nicht mehr als freie Frage unter den Theologen gehalten werden kann“3.

Mit dieser Äußerung Pius XII. ist eine bedeutsame Klarstellung bezüglich der Enzykliken erfolgt. Was die Unterscheidung zwischen dem außerordentlichen Lehramt und dem ordent­ichen betrifft, so erschien darüber ein bemerkenswerter Artikel in der römischen Zeitschrift „Civiltà cattolica“ vom 15. Juni 19684. Er stützt sich wesentlich auf einen weiteren Text des 2. Vatikanischen Konzils, der da so lautet: „Die Bischöfe, die in Gemeinschaft mit dem römischen Bischof lehren, sind von allen als Zeugen der göttlichen und katholischen Wahrheit zu verehren. Die Gläubigen aber müssen mit einem auf Glaubens- und Sittensachen bezogenen Spruch ihres Bischofs übereinkommen, wenn er im Namen Christi vorgetragen wird, und haben ihm mit religiös gegründetem Gehorsam anzuhangen. Dieser religiös bestimmte Ge­horsam des Willens und Verstandes ist in einzigartiger Weise dem authentischen Lehramt des römischen Bischofs zu leisten, auch wenn er nicht letztverbindlich spricht. Das will sagen, daß sein oberstes Lehramt ehrfürchtig anerkannt und den von ihm vorgetragenen Urteilen aufrichtige Anhänglichkeit gezollt werden muß, je in Entsprechung zu Meinung und Absicht, die von ihm kundgetan werden. Diese lassen sich vorzüglich durch die Art der Dokumente erkennen, dann aber auch durch die häufige Vorlage ein und derselben Lehre und durch die Weise der Darbietung“5.

Dabei muß jedoch immer beachtet werden, daß dieser religiöse Gehorsam, die ehrfürchtige Achtung oder wie man auch nur immer diese Zustimmung und Anhänglichkeit nennen mag, sich nicht so sehr auf juristische oder überhaupt menschliche Motive gründet, wie etwa auf die Intelligenz und Klugheit des Papstes und der Bischöfe, auch nicht auf ein vorausgehendes Studium des Problems, sondern auf die Überzeugung, daß Christus bei uns bleibt bis zum Ende der Tage, daß er seine Kirche lenkt durch den Papst und die Bischöfe, als jene, die „der Heilige Geist gesetzt hat, die Kirche Gottes zu leiten“ (Apg 20, 19). Mit diesem Wort der Apostel­geschichte sind wir wieder beim Eingang angelangt, beim Heiligen Geist, dessen Tätigkeit die Theologie hier als „assistentia“ bezeichnet. Er redet nicht von sich aus, sondern was er hört, wird er reden und das Kommende wird er künden, sagt Jesus (Jo 16, 18). So ist die ehrerbietige Zustimmung zu den Äußerungen des kirchlichen Lehramtes ein Hinhorchen auf den Heiligen Geist, der immerfort bei uns bleibt (Jo 14, 16).

Die Welt freilich kann ihn nicht empfangen, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt (Jo 14, 17). Es fehlen ihr die Organe, mit denen sie in jene göttliche Welt eindringen kann, und so verbleibt sie im Dunkel und im Irrtum. Heute hat dieser Zustand ein Höchstmaß erreicht und droht auch die Kirche zu beeinflussen. Nicht umsonst sprach Papst Paul VI. von einer „Nacht ohne Sterne“ und von einer „Stunde der Finsternis und der Blitze“. Um so notwendiger ist es, auf den zu schauen, der bei den Anfechtungen Satans die Brüder stärken soll (Lk 22, 31f), auf Petrus und seine Nachfolger.

Nun liegt das Ergebnis dieser fast zweitausendjährigen Stärkung im Glauben vor uns in einer bewundernswerten Summa, die uns nicht nur zum Dank, sondern zum Studium und zum Nachvollzug im Leben verpflichtet. Möge das epochemachende Werk seinen Platz in jeder priesterlichen Handbibliothek finden. Mögen aber auch die Laien sich immer wieder an dem Wort aus Rom orientieren, dessen lateinischer Name „Roma“ nach Wladimir Solowjews6 tiefen Gedanken von rückwärts gelesen „amor“ (Liebe) ergibt.

Mögen wir alle beherzigen, was Kardinal Faulhaber vor fast 60 Jahren in einer ähnlich turbu­lenten Zeit in seiner kraftvollen Art gesagt hat: „Danken wir Gott, daß wir wenigstens in religiösen Fragen noch eine Autorität besitzen, die kraft ihres obersten Lehramtes in Sachen des Glaubens und der Sitte das letzte, entscheidende Wort zu sprechen hat! Die religiösen Fragen bilden einen so unveräußerlichen Anteil des menschlichen Geisteslebens, daß der ehrlich forschende Menschengeist unvermeidlich immer wieder auf das religiöse Fragegebiet kommt. Sucht dann der forschende Geist Antwort auf die letzten Fragen und Ziele des Lebens, dann weist das kirchliche Lehramt Weg und Richtung, damit wir nicht „umhergetrieben werden von jedem Windstoß der Meinung, preisgegeben menschlichem Trug und hinterlistiger Verführung“ (Eph 4,14). Werden die göttlichen Wahrheiten mit menschlichen Irrtümern vermischt, dann nimmt das kirchliche Lehramt die Wurfschaufel zur Hand, um den Weizen von der Spreu zu sondern. Drängen sich religiöse Kurpfuscher an das Volk heran, die ihm Steine statt Brot und Schlangen statt Fische reichen, dann erhebt der heutige Petrus seine Stime mit den Worten des ersten Petrus: „Brüder, nehmt euch in acht, damit ihr nicht durch den Irrtum der Toren mitfortgerissen werdet und eure eigene Festigkeit verliert“ (2 Petr 3, 17). Ja, danken wir Gott, daß wir in Glaubensfragen eine feste Führung und gegebenenfalls eine letzte, entscheidende Stelle haben“7.

 

Regensburg, 2. Juni 1978, am Fest des göttlichen Herzens Jesu

+ RUDOLF GRABER

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Quelle: SUMMA PONTIFICIA – LEHREN UND WEISUNGEN DER PÄPSTE DURCH ZWEI JAHRTAUSENDE – I – EINE DOKUMENTATION AUSGEWÄHLT UND HERAUSGEGEBEN VON P. AMAND REUTER O.M.I. 1978 – VERLAG JOSEF KRAL ABENDSBERG

„Anruf an uns und an die ganze Welt“

19.07.2017 Foto: Wächter — Für den geistlichen Kampf empfiehlt Maria ihren Kindern den Rosenkranz und persönliche Bekehrung. Daran erinnerte Weihbischof Florian Wörner in seiner Predigt.

Symposium in Marienfried zeigt die geschichtstheologische Bedeutung der Erscheinungen von Fatima für Russland und Deutschland. Von Julia Wächter

Marienfried (DT) Mit gerade einmal zehn Jahren hat Erich Maria Fink von der Botschaft der Gottesmutter in Fatima erfahren, die im Jahr 1917 zur Weihe Russlands an ihr Unbeflecktes Herz aufgerufen hatte. Von da an wollte er Priester werden und „für die Bekehrung Russlands arbeiten“. Schon als junger Bub habe er gespürt, dass „diese besondere Erwählung Russlands etwas Positives an sich hat“, dass „Russland, wenn es zu Gott zurückgefunden hat, eine Schlüsselrolle“ für den Frieden in Europa spielen werde. Heute ist Erich Maria Fink Pfarrer in Beresniki. Sein „Kindertraum“, so Fink, ging in Erfüllung. Beim Fatima-Symposium in der Gebetsstätte Marienfried im Bistum Augsburg berichtete er kürzlich von seinen Erfahrungen. Die Frage nach den Auswirkungen Fatimas auf Russland, aber auch auf Deutschland, wurde zum Leitfaden des Symposiums, das mittlerweile zum zweiten Mal von Clemens Maria Henkel, dem Direktor der Gebetsstätte, veranstaltet wurde. Anschließend fand der „Große Gebetstag“ statt.

Dass die Aussagen über Russland zum „Wesenskern von Fatima“ gehören, daran besteht für Fink kein Zweifel. Im zweiten Teil des „Geheimnisses“ von Fatima findet Russland direkte Erwähnung. Johanna von Siemens, gottgeweihte Frau im Regnum Christi, führte die Symposiumsteilnehmer in die Botschaft ein. Sie stellte die vorausgehenden Engelserscheinungen im Jahr 1916 und die Marienerscheinungen von 1917 vor. In Bezug auf Russland warnt die Gottesmutter in Fatima vor Krieg und Verfolgung der Kirche, vor Irrlehren, die Russland in der ganzen Welt verbreiten werde. Wie dieses Unheil verhindert werden kann, zeigt Maria zugleich auf, wenn sie bittet, der Papst möge in Einheit mit allen Bischöfen Russland ihrem Unbefleckten Herzen weihen.

Wie kein anderes Volk, so Fink, habe Russland „unter den Manifestationen des Bösen im 20. Jahrhundert gelitten“. Die prophetischen Worte der Gottesmutter hätten sich im durch den deutschen Nationalsozialismus entfesselten Zweiten Weltkrieg sowie durch den atheistischen Bolschewismus in Russland erfüllt. Fatima sei deshalb ein „Angebot der mütterlichen Liebe an das russische Volk“ gewesen, von diesen beiden gegen Gott gerichteten Regimen befreit zu werden.

Die Frage, ob das Angebot der Gottesmutter angenommen, ob also die Weihe an das Unbefleckte Herz Mariens durch die Päpste in gültiger Weise vollzogen worden ist, wird in der Forschung mannigfaltig diskutiert. In diesem Kontext wird zumeist angeführt, dass Russland in den Weiheformeln nicht explizit erwähnt worden ist. Albrecht von Brandenstein-Zeppelin, der seinen Vortrag unter das Thema „Ist die Weihe an das Unbefleckte Herz vollzogen?“ stellte, ging auf diese Debatte nicht im Detail ein, hob stattdessen die Pflicht jedes Einzelnen hervor, die Weihe nicht nur zu vollziehen, sondern auch zu leben. Erich Maria Fink berichtete von einem Brief Papst Pius‘ XII. vom 7. Juli 1952, in dem er explizit „die Völker Russlands“ dem Unbefleckten Herzen weihte, wenn freilich auch nicht in ritueller Form. Dennoch sagte Fink: „Dieser Brief verdient viel mehr Beachtung.“

Den Triumph des Unbefleckten Herzens Mariens sieht Fink in einer erhofften Erneuerung des kirchlichen Lebens sowie in der Überwindung der Spaltungen der Christenheit. Als Ziel erkennt er die „Wiedervereinigung der russisch-orthodoxen Kirche mit dem Stuhl Petri“. Die Berichte Finks zeigten zugleich, dass der Weg dorthin noch ein weiter ist. „Die orthodoxe Kirche tut sich schwer mit Fatima“, gab er zu bedenken und berichtete von einer offiziellen Stellungnahme der russisch-orthodoxen Kirche vom 17. November 2011, die Fatima als eine Manifestation des Antichristen versteht. „Sie konnten nicht anders, als es so zu deuten“, erklärte Fink. Würde die russisch-orthodoxe Kirche die Echtheit der Erscheinungen von Fatima annehmen, müsste sie zugleich den Primat des Papstes anerkennen.

Neben der Verheißung für Russland sei im „Gesamtkomplex der Botschaft von Fatima“ eine „spezifische Botschaft“ für Deutschland enthalten, wie Dorothea und Wolfgang Koch herausstellten. Bezeichnend hierfür sei ein Brief Schwester Lucias an den deutschen Priester Ludwig Fischer. Darin schreibt die Seherin von ihren Gebeten für Deutschland, das – wenn auch „sehr langsam“ – in den „Schafstall des Herrn zurückkehren“ werde. Die Gebete, die Fischer seinerseits für sein Land sprach, sah Koch sich erfüllen in den Aufbrüchen der jungen Bundesrepublik.

So stellte das Ehepaar Koch die Bedeutung mehrerer von marianischer Spiritualität gezeichneter Persönlichkeiten für den Wiederaufbau Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg heraus, darunter Papst Pius XII., der mit Deutschland aus seiner Zeit als Nuntius vertraut war und als Papst die Welt dem Unbefleckten Herzen Mariens weihte, Konrad Adenauer, der den Friedenspreis der „Blauen Armee Mariens“, des heutigen „Fatima-Weltapostolats“, erhielt, sowie Kardinal Josef Frings, der Deutschland dem Unbefleckten Herzen Mariens weihte.

Maßgeblich für die Verkündigung der Botschaft von Fatima in Deutschland war zudem Rudolf Graber, von 1962 bis 1982 Bischof von Regensburg – das stellte Adolfine Therese Treiber vom Institutum Marianum Regensburg heraus. Graber gilt heute als einer der bedeutendsten Mariologen des vergangenen Jahrhunderts. Von Fatima erfahren hatte er durch Ludwig Fischer, der es, so Treiber, „wahrlich verdient hat, als erster Künder der Botschaft von Fatima im deutschen Sprachraum“ bezeichnet zu werden. Treiber stellte dar, wie Graber die Zeitschrift „Bote von Fatima“, die von Ludwig Fischer ins Leben gerufen wurde, nach dessen Tod in das Institutum Marianum eingliederte und ihr so zu weiteren Blüten verhalf. In der Botschaft von Fatima habe Bischof Graber stets den Imperativ hervorgehoben. Fatima sei „nicht bloß eine besondere Art der Marienverehrung“, sagte Graber 1987 bei einem Fatima-Gebetstag im bayerischen Eggenfelden: „Fatima bedeutet einen Anruf an uns und an die ganze Welt.“ In derselben Predigt erwähnte er auch Fischer und dessen Berichte über Fatima, von denen Graber nach eigener Aussage zunächst „nicht sonderlich berührt“ gewesen war. Erst als er sich der geschichtstheologischen Bedeutung Fatimas bewusst wurde, als er die Erscheinungen „auf dem Hintergrund der damaligen Zeit betrachtete“, gewann er Zugang. Mit den Worten des Pastoraltheologen Ludwig Mödl sprach Treiber von der Fähigkeit Grabers, „Weltereignisse in Zusammenhang mit Marienerscheinungen“ zu bringen und „marianischen Aussagen kirchengeschichtliche Bedeutung“ zuzumessen.

Dass Fatima neben seiner geschichtlichen Bedeutung eine ebensolche Aktualität für unsere Zeit birgt, zeigte der Augsburger Weihbischof Florian Wörner, der mit einem Pontifikalamt das Symposium eröffnet hatte. Er rief die Schreckensbilder aus dem Irak, Syrien oder auch aus Hamburg während des G20-Gipfels vor Augen, hinter denen sich ein „geistlicher Kampf“ abspiele. Entgegnet werden könne dem mit der „geistlichen Waffe des Gebets“, dem Rosenkranz, mit Umkehr, Vergebung und Opfer, wie es die Gottesmutter in Fatima gefordert hatte. Die Beter in Marienfried, die das Symposium geistlich nährten, gingen mit gutem Beispiel voran.

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Quelle

Gänswein: „Emeritierter Papst ist instrumentalisiert worden“

Um Klarstellung bemüht: Erzbischof Gänswein, hier mit Papst Franziskus

Erzbischof Georg Gänswein hat Spekulationen zurückgewiesen, Benedikt XVI. habe Papst Franziskus in seinem Grußwort zum Begräbnis von Kardinal Meisner kritisieren wollen. „Der emeritierte Papst ist willkürlich instrumentalisiert worden, mit diesem Satz, der auf nichts Konkretes anspielt“, sagte der Privatsekretär von Benedikt XVI. der italienischen Tageszeitung „Il Giornale“ vom Dienstag. Zudem verwies er darauf, dass Benedikt XVI. die Botschaft auf Wunsch von Kölns Kardinal Rainer Maria Woelki verfasst habe.

Benedikt XVI. hatte in seiner Botschaft geschrieben, Meisner habe in seiner letzten Lebensphase immer mehr aus der tiefen Gewissheit gelebt, „dass der Herr seine Kirche nicht verlässt, auch wenn manchmal das Boot schon fast zum Kentern angefüllt ist“. Dies war von einigen Kommentatoren als Kritik an Papst Franziskus gedeutet worden. Denn wenn Benedikt XVI. das Bild vom gefährdeten Boot, das er bereits 2005 gebraucht hatte, erneut vor großem Publikum aufgreife, liege die Vermutung nahe, dass er die Lage der Kirche 2017 nicht für stabiler hält als unter seiner Führung.

Gänswein hatte die Botschaft Benedikts am Samstag in Köln verlesen. Benedikt XVI. habe über die Situation der Kirche von heute und in der Vergangenheit gesprochen und sie mit einem Boot verglichen, das nicht in stillen Gewässern fährt, sagte Gänswein weiter: „Das sagt auch Franziskus.“

(kap 18.07.2017 pr)

Papst em. Benedikt XVI. – Gedenkwort für Kardinal Meisner

Erzbischof Gänswein trägt das Grußwort Benedikts XVI. vor

 

Benedikt: „Es hat mich bewegt, dass er in dieser letzten Periode seines Lebens … immer mehr aus der tiefen Gewissheit lebte, dass der Herr seine Kirche nicht verlässt, auch wenn manchmal das Boot schon fast zum Kentern angefüllt ist.“

Köln-Vatikanstadt (kath.net) kath.net dokumentiert das Grußwort von Papst em. Benedikt XVI. beim Requiem für Joachim Kardinal Meisner im Hohen Dom zu Köln, vorgetragen von Erzbischof Georg Gänswein, in voller Länge:

In dieser Stunde, in der die Kirche von Köln und gläubige Menschen weit darüber hinaus Abschied nehmen von Kardinal Joachim Meisner, bin auch ich in meinem Herzen und meinen Gedanken bei Ihnen und folge deshalb gern dem Wunsch von Kardinal Woelki, ein Wort des Gedenkens an Sie zu richten. Als ich vergangenen Mittwoch durch ein Telefonat den Tod von Kardinal Meisner erfuhr, wollte ich es zunächst nicht glauben. Am Tag zuvor hatten wir noch über das Telefon miteinander gesprochen. Aus seiner Stimme klang die Dankbarkeit dafür, dass er nun im Urlaub angelangt war, nachdem er am Sonntag zuvor noch an der Seligsprechung von Bischof Teofilius Matulionis in Vilnius teilgenommen hatte. Die Liebe zu der Kirche in Nachbarländern im Osten, die unter der kommunistischen Verfolgung gelitten hatten, wie die Dankbarkeit für das Standhalten in den Leiden jener Zeit hat ihn zeitlebens geprägt. Und so ist es wohl doch kein Zufall, dass der letzte Besuch in seinem Leben einem der Bekenner des Glaubens in jenen Ländern gegolten hat.

Was mich in den letzten Gesprächen mit dem heimgegangenen Kardinal besonders beeindruckt hat, das war die gelöste Heiterkeit, die innere Freude und die Zuversicht, zu der er gefunden hatte. Wir wissen, dass es ihm, dem leidenschaftlichen Hirten und Seelsorger, schwerfiel, sein Amt zu lassen, und dies gerade in einer Zeit, in der die Kirche besonders dringend überzeugender Hirten bedarf, die der Diktatur des Zeitgeistes widerstehen und ganz entschieden aus dem Glauben leben und denken.

Aber umso mehr hat es mich bewegt, dass er in dieser letzten Periode seines Lebens loszulassen gelernt hat und immer mehr aus der tiefen Gewissheit lebte, dass der Herr seine Kirche nicht verlässt, auch wenn manchmal das Boot schon fast zum Kentern angefüllt ist.

Zwei Dinge haben ihn in der letzten Zeit immer mehr froh und gewiss werden lassen:
Zum einen hat er mir immer wieder berichtet, wie es ihn mit tiefer Freude erfüllt, im Bußsakrament zu erleben, wie gerade junge Menschen, vor allem auch junge Männer, die Gnade der Vergebung erleben, das Geschenk, wirklich das Leben gefunden zu haben, das ihnen nur Gott geben kann.

Das andere, das ihn immer wieder neu berührt und freudig gestimmt hat, war das leise Wachsen der eucharistischen Anbetung. Beim Weltjugendtag in Köln war ihm dies ein zentraler Punkt: Dass es die Anbetung gebe, eine Stille, in der nur der Herr zu den Menschen und zu den Herzen spricht. Manche Experten der Pastoral und der Liturgie waren der Meinung, dass sich eine solche Stille im Hinschauen auf den Herrn bei einer so riesigen Anzahl von Menschen nicht erreichen lasse. Einige waren wohl auch der Meinung, eucharistische Anbetung sei als solche überholt, da ja der Herr im eucharistischen Brot empfangen und nicht angeschaut werden wolle. Aber dass man dieses Brot nicht essen kann wie irgendwelche Nahrungsmittel und dass den Herrn im eucharistischen Sakrament zu empfangen alle Dimensionen unserer Existenz einfordert, dass Empfangen Anbeten sein muss, ist inzwischen doch wieder sehr deutlich geworden. So ist die Weile der eucharistischen Anbetung beim Kölner Weltjugendtag zu einem inneren Ereignis geworden, das nicht nur dem Kardinal unvergesslich blieb. Dieser Augenblick war ihm seither immer inwendig gegenwärtig und ein großes Licht für ihn selbst.

Als an seinem letzten Morgen Kardinal Meisner nicht zur Messe erschien, wurde er in seinem Zimmer tot aufgefunden. Das Brevier war seinen Händen entglitten. Er war betend gestorben, im Blick auf den Herrn, im Gespräch mit dem Herrn. Die Art des Sterbens, die ihm geschenkt wurde, zeigt noch einmal auf, wie er gelebt hat: im Blick auf den Herrn und im Gespräch mit ihm. So dürfen wir seine Seele getrost der Güte Gottes anempfehlen.

Herr, wir danken dir für das Zeugnis deines Dieners Joachim. Lass ihn nun Fürbitter für die Kirche in Köln und auf dem ganzen Erdenrund sein.

Requiescat in pace!

Benedikt XVI., Papa emeritus

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Österreich: Neuer Weihbischof für Salzburg

Salzburg hat einen neuen Weihbischof

Hansjörg Hofer wird neuer Weihbischof in Salzburg. Die Ernennung durch Papst Franziskus wurde an diesem Mittwoch zeitgleich in Salzburg und im Vatikan bekannt gegeben. Der 65 Jahre alte Hofer wirkte bereits bisher im Erzbistum Salzburg als Generalvikar. Mit seiner Ernennung hat Salzburg vorübergehend zwei Weihbischöfe: Andreas Laun wird im Oktober 75 Jahre alt und wird dann, wie im Kirchenrecht vorgesehen, seinen Rücktritt einreichen.

Hansjörg Hofer stammt aus Tirol, er wurde 1952 in Stumm im Zillertal geboren. Auf das Priesteramt bereitete er sich in Salzburg vor, dort empfing er 1976 die Priesterweihe. Nach drei Jahren als Privatsekretär des damaligen Salzburger Erzbischofs Karl Berg folgten Einsätze als Seelsorger in Hallein und Mittersill.  1992 wurde Hofer Kanoniker des Metropolitankapitels und Personalverantwortlicher. Die Kirche im Erzbistum Salzburg kennt der neue Weihbischof gut: Seit 2006 wirkt er als Generalvikar und damit als rechte Hand in der Verwaltung des Erzbischofs, zunächst für Alois Kothgasser, seit 2014 unter dessen Nachfolger Franz Lackner. Darüber hinaus ist er Domdechant.

Bei der Ernennung wies Papst Franziskus dem neuen Weihbischof das Titularbistum Abziri zu. Titularbistümer sind erloschene Bischofssitze, die Weihbischöfen zugewiesen werden, weil in der katholischen Kirche Bischöfe ihre Weihe jeweils auf den Namen einer Diözese empfangen. Weihbischöfe leiten aber keine Diözese, sondern sind dem jeweils amtierenden Bischof zugeordnet. Abziri liegt im heutigen Tunesien.

Nach wie vor auf eine päpstliche Ernennung wartet Tirol. Der Bischofssitz in Innsbruck ist seit 18 Monaten vakant. In Europa wartet damit keine Diözese länger auf einen neuen Bischof als Innsbruck.

(rv 31.05.2017 gs)

Bischof von Aleppo: „Es gibt ein Projekt, Syrien zu teilen“

Bischof Antoine Audo

Mit seinem Militärschlag in Syrien hat US-Präsident Donald Trump alle überrascht – vielleicht sogar sich selbst. Aber was sagen eigentlich die Menschen in Syrien zu dieser neuen Lage? Macht ihnen Trumps Eingreifen Hoffnung oder eher Sorgen? Das fragten wir den chaldäischen Bischof von Aleppo, Antoine Audo.

„Es war wirklich für alle eine Überraschung! Das ist etwas Neues – es wirkt wie ein Wandel in der Militärpolitik auf internationalem Level. Aber keiner weiß, wohin die Reise geht. Hier in Syrien fragen sich die Leute (ich selbst nicht, aber die Leute): War vielleicht diese Sache mit den Chemiewaffen nur eine Vorbereitung für dieses Eingreifen? Um die öffentliche Meinung in der Welt darauf vorzubereiten? So etwas sagen sie.“

Das muss man sich mal vorstellen: Als wäre Assads Einsatz von Chemiewaffen sozusagen mit den Amerikanern abgesprochen oder ihnen jedenfalls willkommen gewesen, um einen Vorwand zum Angriff zu haben! Einem Beobachter aus dem Westen mag das absurd erscheinen. Aber ist es nicht auch verständlich, dass viele Syrer nach sechs Jahren Bürgerkrieg und Verwicklungen nicht mehr wissen, was sie denken und glauben sollen?

„Die Menschen, die zu den bewaffneten Gruppen halten, sind zufrieden, weil (Trumps Luftschlag) dem syrischen Staat Zerstörungen eingebracht hat. Viele denken so. Die anderen dagegen warten jetzt ab, wie es weitergeht.“ Und was denkt Bischof Audo selbst? Der Jesuit, der auch Caritaschef für Syrien ist, antwortet unumwunden: „Es gibt ein Projekt, Syrien zu teilen. All das bereitet dem irakischen Modell den Boden – das ist eine ständige Mahnung für uns. Wir dachten ja früher immer: Das, was im Irak passierte, kann bei uns nicht passieren. Aber jetzt sehen wir das alles.“

Audo meint damit: Den Christen droht die Vertreibung aus Syrien. Tatsächlich drohen sie in Syrien in eine ähnliche Falle zu geraten wie im Irak. Als Minderheit, die nach Schutz sucht, haben sie sich lange – vielleicht zu lange – an das jeweilige Regime gehalten, Saddam im Irak, Assad in Syrien. Gerät allerdings das Regime ins Wanken, dann schützt niemand mehr die Christen vor dem Zorn der lange unterdrückten sunnitischen Muslime.

„Offenbar hat die syrische Regierung die Kontrolle der Linie wiedererlangt, die sich von Damaskus bis nach Aleppo zieht. Damit hat sie die wichtigsten Städte unter Kontrolle: Damaskus, Aleppo, Homs, Hama und die Städte an der Mittelmeerküste. Aber gleichzeitig gehen die Angriffe weiter. Immer wieder mal gibt es Bombardements in Damaskus, auch in Aleppo und in Homs. Es ist noch nicht vorbei!“„Wir Christen haben schon alles verloren“

Bischof Audo ist fest davon überzeugt, dass der Krieg schon lange vorüber wäre, hätten sich nicht ausländische Akteure eingemischt. Syrer unter sich würden sich schon einig, glaubt er. Aber leider sei der Krieg an Euphrat und Tigris längst ein Bündel aus widerstreitenden internationalen Interessen.

„Ich glaube, es geht da vor allem um wirtschaftliche Interessen. Alles dreht sich um die Frage von Gas und Öl. Das ist das eine. Das andere ist der islamische Level. Da wird dieser Kampf zwischen Schiiten und Sunniten im ganzen Nahen Osten am Leben gehalten, um den Waffenhandel voranzubringen. Innerhalb Syriens wird dann dieses Ungleichgewicht zwischen Minderheiten und Mehrheiten ausgenutzt – ich denke, das ist das Problem.“ Da ist ja nicht nur die christliche Minderheit: Auch Staatschef Baschar al-Assad gehört zu einer islamischen Minderheit, mit der er die Mehrheitsbevölkerung in Schach hält.

In Aleppo können die chaldäischen Christen jetzt zum ersten Mal seit Jahren Ostern ohne Belagerungsring und Bombardements feiern. Dass das Regime die Kontrolle über Aleppo wiedererlangt hat, erlebten die Christen in der früheren Wirtschaftsmetropole als Befreiung. „Ich war am letzten Freitag sehr überrascht: Wir haben da immer nach der Messe noch einen Kreuzweg, und die Kirche war viel voller als sonst! Das war früher, während der Bombardements und der Unruhe und Angst, so gewesen – aber jetzt kommen die Leute wieder en masse in die Kirche. Dieser Glaube ist etwas Außerordentliches… Er ist alles, was wir noch haben, denn wir sind ja ohne politische oder wirtschaftliche Mittel. Wir tun alles, um die christliche Präsenz hier zu sichern. Wir verfolgen keinerlei Eigeninteresse. Alle anderen haben ihre Interessen in diesem syrischen Krieg: international, regional, lokal. Nur wir Christen, wir haben schon als erste alles verloren.“

(rv 11.04.2017 sk)

Wie der argentinische Bischof nach Nütterden kam

Eine Kirche mit vielen Verbindungen: Gebet in Buenos Aires

Geschichten wie diese gibt es viele – aber darüber wird nur selten berichtet. Vielleicht, weil sie nicht spektakulär wirken. Jedenfalls, seit mehr als vierzig Jahren kümmern sich deutsche Katholiken aus dem Niederrheinischen um ein armes Bistum im Norden Argentiniens: Añatuya. Das Bistum ist 1961 gegründet worden, und sein erster Bischof Jorge Gottau reiste 1963 nach Rom zum Konzil. Werner Stalder, ein Katholik, der damals in Kleve-Kellen wohnte, erzählt, was dann passierte. „Und zwar waren dort die großen Volksmissionen der Redemptoristen, und dieser Gründerbischof war ein Wolga-Deutscher, er war Redemptorist. Und dann haben die Patres den Pfarrer gefragt: Wir haben einen ganz armen Bischof, darf der mal kommen zum Predigen und Geld-Sammeln? Seit dieser Zeit kam der Bischof nach Klewe-Kellen. Seinerzeit gab es noch fünf oder sechs Gottesdienste, und ich habe dann mit meinem kleinen VW-Käfer den Bischof von einer Kirche zur anderen gefahren, und dadurch ist der Kontakt entstanden.“

Mit dem VW-Käfer sammeln fahren

Etwa zehn Jahre später zog das Ehepaar Stalder um, wieder in ein Dorf: Kranenburg-Nütterden. „Dann hab ich unseren Pfarrer gefragt: Ich habe einen ganz armen Bischof, darf ich den wohl nach Kranenburg importieren? Und weil er den kannte über seinen Bruder, kam der Bischof dann regelmäßig zwischen Weihnachten und Neujahr in unsere Gemeinde und hat auch immer in meinem Haus gewohnt, und ich habe ihm dann diese Pfarreien am Niederrhein besorgt, in denen er predigen konnte.“

Das war der Beginn einer bis heute reichenden Partnerschaft zwischen dem Niederrhein und der Pampa. „Inzwischen ist es der vierte Bischof, und alle Bischöfe haben bisher unser kleines Dorf besucht… Wir arbeiten und helfen dort in Projekten, vornehmlich für den Häuserbau, im Kampf gegen die Chagas-Krankheit in Bezug auf Zisternen (denn das Grundwasser ist aus vulkanischen Einflüssen salpeterhaltig und arsenverseucht), und dann haben wir zwei kleine Landschulen, wo unsere Grundschule die Patenschaft übernommen hat. Dazu kommt das alljährliche Sternensingen mit dem Erlös für die Medikamente, für die ganze Diözese.“

Konkrete Hilfen, über Jahre

„Sehr schöne Kontakte“ seien da entstanden über die Jahrzehnte, erzählt Stalder. Die Grundschule in Kranenburg-Nütterden hat eine enge Partnerschaft mit den zwei Landschulen im Bistum Añatuya, auch die örtlichen Fussballvereine kooperierten. „Am Niederrhein, speziell in unserer Region, ist die Aktion Añatuya ein Begriff. Die Leute wissen genau, wie die Situation dort drüben ist, es wird sehr viel in der Presse berichtet, es ist also eine richtige Brücke der Nächstenliebe entstanden.“ Stalder selbst war fünfmal am anderen Ende der Welt. „Ich habe dort dankbare, freundliche, liebenswürdige Leute gefunden, die in der größten Armut waren und die uns so mit vollem Herzen aufgenommen haben und das war also eine Freude. Vor allen Dingen ist mir aufgefallen, dass sie das auch wirklich schätzen.“

Trinkwasser und Schulen

Ein Beispiel: Bisher hätten die Menschen oft zwanzig km laufen müssen, um an Trinkwasser zu kommen. „Und jetzt auf einmal bekommen die durch unsere Hilfe eine Zisterne, das heißt das Regenwasser wird auf den Elendshütten aufgefangen durch ein Wellblechdach und läuft dann durch eine Regenrinne in diese Zisterne, und das sind 10.000 l wunderbares Trinkwasser für eine kinderreiche Familie, und das ist für die unschätzbar!“

Ein zweites Beispiel: der schon erwähnte Kampf gegen die Chagas-Krankheit, die unter den Armen weit verbreitet ist. Da fielen nachts Wanzen von der Decke auf die Schlafenden, erzählt Werner Stalder, „und es geht ein Sekret durch die Blutbahn und frisst die inneren Organe auf, das heißt viele Menschen sterben. Jetzt geben wir denen einen tüchtigen Baumeister, 1.000 Hohlblocksteine, und die Familie muss vom kleinsten Jungen bis zum Großvater ihr Haus selber bauen mit einem festen Dach, wo jetzt diese Wanzen sich nicht mehr einnisten können. Wenn man dann dort hinkommt und erlebt so eine Familie – das ist unbeschreiblich, wunderschön, wenn man das dann sieht!“

Fast 90 Zisternen seien schon entstanden und einige hundert Häuser. „Und dazu viele Kinderspeisungen. Die Kinder kommen nur zur Schule, wenn sie eine warme Mahlzeit bekommen, die einzig warme Mahlzeit am Tag – und wir geben die Mittel, dass viele Schulen den Kindern dann das Mittagessen geben können.“

Den Papst informiert

Nach Jahrzehnten des Engagements haben Stalder und seine Frau die „Aktion Añatuya“ jetzt in jüngere Hände gelegt: Hans-Jürgen Jakobs ist der neue Mann. Zusammen mit Stalder war er an diesem Mittwoch in Rom, und beide konnten auch kurz mit dem Papst sprechen und ihm ein Fotobuch überreichen. „Und als der Papst schon den Titel sah, da sagte er: Oh, Añatuya Añatuya. Und Bischof Gottau – er, der Papst, hatte als Kardinal von Buenos Aires den Seligsprechungsprozess für diesen Bischof eingeleitet. Ich bin auch schon vernommen worden als Zeuge in diesem Prozess…“ Sie hätten dem Papst „viel Mut“ gewünscht, sagt Stalder noch. „Und da sagte er: Nicht nur Mut, sondern auch Demut.“

Wie gesagt: eine unspektakuläre Geschichte. Aber eigentlich ist sie doch außergewöhnlich, diese Partnerschaft zwischen einem 68.000 Quadratkilometer großen Bistum in Argentinien und einem niederrheinischen Dorf.

(rv 01.04.2017 sk)