Weiße Blumen um das Herz des Herrn

Montmartre, Tympanon / Pixabay CC0 – DEZALB, Public Domain

Impuls zum Herz-Jesu-Fest im Lesejahr A — 23. Juni 2017

PETER VON STEINITZKOMMENTAR ZU SONNTAGSLESUNGEN IM JAHRESKREIS

Es ist sicher nicht übertrieben, wenn man sagt, dass die Herz-Jesu-Verehrung in der Kirche schon bessere Zeiten gekannt hat. Die Älteren erinnern sich noch an die aus dem 19. Jahrhundert stammenden Herz-Jesu-Messen und –Andachten, die mit großer Anteilnahme des Volkes gefeiert wurden. Leider ging mit der echten Verehrung manchmal auch manch unechtes Bildwerk Hand in Hand, das man ruhig Kitsch nennen kann, und das vielen die Herz-Jesu-Verehrung verleidete.

Eigentlich aber sollte die Verehrung des Herzens Jesu, also das Aufmerken auf die barmherzige Liebe eines Gottes, der ein menschliches Herz hat, gerade den Menschen unserer ziemlich herzlosen Zeit entgegen kommen. Man muss ja nur manche Kinder oder älteren Leute beobachten, um zu sehen, wie vielen Menschen das fehlt, was wir heute Zuwendung nennen, und was nichts anderes ist als Liebe.

Die Offenbarung der barmherzigen Liebe Gottes geht klar aus dem Evangelium hervor, dennoch war es wohl wegen unserer Hartherzigkeit nötig, dass Gott außerdem sein Herz mehrfach einigen Personen besonders offenbarte, von denen er wusste, dass sie diese Erkenntnis unter die Leute bringen würden. Das sind im Mittelalter die großen Mystiker Albert der Große und die Frauen Mechthild von Hackeborn, Gertrud von Helfta und Mechthild von Magdeburg – wirklich ein Ruhmesblatt der deutschen Geschichte. All die Zartheit dieser Liebesbeziehung zwischen Christus und der Seele ging in den Stürmen der Reformation, wie so manches andere, zu Bruch.

Im 16. und 17. Jahrhundert hatte die katholische Kirche alle Hände voll zu tun, den in seinen Grundlagen erschütterten Glauben neu zu formulieren. Die Offenbarungen des Heiligsten Herzens verließen das Land der Reformation: Jesus erschien der Ordensschwester Margarethe Maria Alacoque (+ 1690) in Frankreich und sagte ihr, der König solle für den Bau einer Kirche in Paris zu Ehren des Heiligsten Herzens Jesu Sorge tragen. Sie fand einen Weg, diesen Wunsch dem König zu übermitteln.

Ludwig XIV., der einen ausgeprägten Sinn für die eigene Ehre hatte, aber sehr viel weniger interessiert war an der Ehre Gottes, ging nicht darauf ein. Zwei Generationen später war das glanzvolle französische Königtum am Ende. Es sollte noch einmal zwei Generationen dauern, bis die Franzosen den Gedanken wieder aufgriffen und es nun als nationales Anliegen ansahen, diese Kirche zu errichten. So kam es zum Bau der berühmten Kirche Sacré Coeur auf dem Montmartre in Paris.

Demjenigen, der die Geschichte der Herz-Jesu-Verehrung kennt, bedeutet diese Kirche, die bewusst als Sühnetempel konzipiert ist, viel. Das Allerheiligste ist dort ständig ausgesetzt. Die meisten Menschen aber, vor allem die Maler und die Touristen, sehen in dem neo-byzantinischen Kuppelbau lediglich ein malerisches Paris-Motiv und gehen damit auch wieder am Wesentlichen vorbei.

Immer wieder muss Gott mit uns Menschen diese Erfahrung machen: Er beschenkt uns mit zahllosen Wohltaten, aber es gelingt uns doch immer wieder, zu all dem nein zu sagen oder wenigstens wegzugucken.

So ist es wohl auch zu verstehen, dass die anfangs so innige und unbeschwerte mittelalterliche Herz-Jesu-Verehrung sich in der Neuzeit immer mehr mit dem Sühnegedanken verbunden hat. Sühne dafür, dass wir immer dann, wenn wir gegen die Liebe verstoßen, Gott selbst mitten ins Herz treffen.

Im Jubiläumsjahr der Erscheinungen von Fatima liegt es nahe, das, was dort gesprochen worden ist, mit den Fragen unserer Zeit zu konfrontieren. Maria hat zu den unschuldigen Kindern, durch sie aber auch zu uns gesagt: „Die Menschen sollen Gott nicht mehr beleidigen, der schon zu sehr beleidigt worden ist!“ Und sie fordert besonders zur Sühne auf.

Im heutigen Leben der Kirche sind viele Anregungen aus Fatima in Vergessenheit geraten. Maria sagte dort, dass der Himmlische Vater die besondere Verehrung des Unbefleckten Herzens Mariens wünsche, als Sühne für die Sünden der Menschen. Unser Unglück ist, dass man von Sünde überhaupt nicht mehr reden mag. Man muss sie natürlich nicht hochstilisieren, aber es ist doch auch unrealistisch so zutun, als gäbe es sie nicht mehr (was sich praktisch im Verschwinden des Beichtsakraments niederschlägt).

Der hl. Josefmaria betete:

„Cor Mariae Dulcissimum, iter para tutum!“ und

„Cor Iesu Sacratissimum dona nobis pacem!“

Die Kuppel der Kirche Sacré Coeur in Paris trägt die lateinische Inschrift: „Cordi Jesu Sacratissimo Gallia poenitens et devota” – Dem Heiligsten Herzen Jesu das fromme, büßende Frankreich.

Msgr. Dr. Peter von Steinitz war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den hl. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“, „Leo – Allah mahabba“ (auch als Hörbuch erhältlich) und „Katharina von Ägypten“.  Der Fe-Medienverlag hat einige ZENIT-Beiträge vom Autor als Buch mit dem Titel „Der Stein, den die Bauleute verwarfen“ herausgebracht.

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Papstmesse: „Gott hat sich in unsere Kleinheit verliebt“

Um die Stimme Gottes hören zu können, muss man sich klein machen: Papst Franziskus feierte an diesem Freitag das Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu in der Casa Santa Marta. In der Predigt bei der Messe erinnerte er daran, dass Jesus die Menschen erwählt hätte, nicht umgekehrt. „Er hat sich mit unserem Leben verbunden und kann sich davon nicht trennen“, so der Papst. „Er bleibt treu in dieser Haltung. Wir wurden aus Liebe erwählt und das ist unsere Identität, das ist unser Glaube. Wenn wir das nicht glauben, dann verstehen wir die Botschaft Christi nicht, dann verstehen wir die Frohe Botschaft nicht.“

In der ersten Lesung des Tages erinnert Mose daran, dass Gott das „Geringste unter den Völkern“ für sich erwählt habe. „Er hat sich in unsere Kleinheit verliebt“, führte der Papst den Gedanken aus. „Er erwählt die Kleinen: nicht die Großen, die Kleinen. Und er offenbart sich den Kleinen. Wenn du etwas vom Geheimnis Jesu verstehen willst, dann mache dich klein.“ Die Großen seien genauso gerufen wie die Kleinen, aber deren Herz sei von sich selbst so voll, dass sie die Stimme Gottes nicht hören könnten. „Um die Stimme Gottes hören zu können, muss man sich klein machen.“

Nur so könne man sich dem Geheimnis des Herzens Christi nähern, zog der Papst die Verbindung zum Tagesfest. Das Herz Jesu sei nicht einfach ein „Bildchen für die Frommen“, am Herz Jesu könne man sehen, wie er selber sich klein gemacht habe, „bis zum Tod am Kreuz“. Das sei eine bewusste Entscheidung für das Kleinmachen gewesen. „Das ist die Offenbarung, das ist die Herrlichkeit Gottes“, so Papst Franziskus.

 

(rv 23.06.2917 ord)

Das Herz Jesu – Vorbild und Zuflucht

Hl. Herz / Wikimedia Commons – Wolfgang Sauber CC BY-SA 3.0.Jpg

Impuls zum 11. Sonntag im Jahreskreis A — 18. Juni 2017

Im Monat Juni weist uns die Kirche neben den vielen herrlichen Hochfesten auf die Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu hin: “Lernt von mir, denn ich bin gütig und selbstlos von Herzen” (Mt. 11,29).

Die Gleichnisse des Herrn wollen die Menschen zunächst einmal auf den Geschmack bringen und sie erkennen lassen, dass das Himmelreich wirklich etwas Erstrebenswertes ist. Wie eine kostbare Perle, wie ein Schatz im Acker usw.

Wer aber das schon begriffen hat, der soll nun in die Schule des Heiligsten Herzens Jesu gehen. Daher regt die Liturgie der Kirche, ausgehend vom Evangelium, zu dem einfachen Gebet an: “O Jesus, gütig und selbstlos von Herzen, bilde mein Herz nach deinem Herzen!”

Die Herz-Jesu-Verehrung hat also einen doppelten Aspekt: zunächst die Anbetung der unendlichen Liebe Gottes im Herzen des Gottmenschen, dann aber auch die Einladung an jeden Menschen, sein Leben und sein Handeln am Herzen des Herrn zu orientieren, sein Herz dem Herzen Jesu ähnlich, ja sogar gleichförmig zu machen. Was wiederum ohne die Gnade nicht geht, aber unbedingt auch unsere Anstrengung erfordert.

Jesus ist der vollkommen gute Mensch, wir sind es nicht. Aber wir sollen sagen: noch nicht. Was an uns unvollkommen ist , muss es ja nicht bleiben. Manche sagen mit Blick auf ihre Fehler: das ist nun mal mein Charakter. Aber darauf kann man fast immer erwidern: das ist dein Mangel an Charakter.

Das Herz Jesu nachahmen ist eigentlich das gleiche wie sich um die Tugenden bemühen. Wenn wir das Wort Jesu ernst nehmen, dass wir heilig werden sollen, so ist das der Weg. Durch die Folgen der Erbsünde haben wir  verschiedene Neigungen zum Bösen. Zur Habgier, zur Eitelkeit, zur ungeordneten Sinnlichkeit, zum Egoismus und vor allem zum Stolz. Das so zu sehen, ist ja nichts anderes als realistisch. Zu denken, das Fehlverhalten der Menschen entstünde nur aus den widrigen Umständen oder aus falscher Erziehung, geht an der Wirklichkeit vorbei.

Und dennoch ist gerade die Erziehung unerlässlich. Sowohl für den religiös orientierten Menschen, der darin ein Hilfsmittel sieht, um in den Tugenden zu wachsen, als auch im rein weltlichen Bereich, wo der Staat – in gewissen Grenzen allerdings – sich um das rechte Verhalten der Menschen kümmern soll. Natürlich wird der Staat, oder sagen wir die Gesellschaft, nicht Bereiche ansprechen, die der individuellen Intimsphäre oder dem persönlichen Gewissensbereich  angehören. Er kann uns wohl auffordern, gewisse elementare Bosheiten zu unterlassen. Aber er kann die Bürger nicht auf die Tugenden verpflichten.

Die Amerikaner kritisieren gern an uns Europäern, dass sich hier der Staat in zu viele Dinge einmischt. Eine Tendenz, die manchmal auch aus Anordnungen der EU anklingt. Nach dem Motto: was für euch gut ist, bestimmen wir.

Hierzulande ist es häufig das Verhalten staatlicher Stellen zu Fragen der Volksgesundheit, das grenzwertig sein kann. Sicherlich liegt es im Interesse der Gesellschaft, dass eine Volksseuche wie Aids bekämpft wird. Aber wenn bei den Kampagnen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) gegen HIV mit Slogans geworben wird, die ausgesprochen unsauber sind, dann geht die staatliche Werbung in unzulässiger Weise in den Bereich der Moral, in diesem Fall der Unmoral. Die Leute werden zu einem unmoralischen Verhalten animiert (“Mach´s, aber mach´s mit!”), Hauptsache man schützt sich vor den Folgen.

Viele Menschen machen von einer anderen Möglichkeit, sich vor Aids zu schützen, Gebrauch: von der Enthaltsamkeit. Da diese “Methode” bei vielen nur ungläubiges Erstaunen und ein ironisches Lächeln hervorruft, reden diese Menschen nicht darüber, aber denken sich ihr Teil. Und es sind nicht nur die “fundamentalistischen Christen”, die solche “überholten”Ansichten pflegen.

Unser alter Schullehrer sagte einmal: Man muss in vielen Bereichen der Gesellschaft mit allen Menschen guten Willens zusammenarbeiten, denn es gibt nicht nur im engeren Sinne die “Gemeinschaft der Heiligen”, sondern, wie in einem konzentrischen Kreis da herum, die “Gemeinschaft der Anständigen”. Darunter sind viele Nichtchristen und vor allem viele Muslime, die oft fassungslos betrachten, wie Deutschland sich moralisch abschafft.

Die Tugenden sind anspruchsvoll und manchmal schwer zu realisieren. Man kann den jungen Studenten bis zu einem gewissen Grade verstehen, der beim Weltjugendtag in Rom 2000 in einem Fernseh-Interview gefragt wurde: “Der Papst hält ja sehr an den traditionellen Moralvorstellungen fest, zum Beispiel, was Frauenpriestertum und Sex vor der Ehe betrifft. Was halten Sie davon?” Der Junge antwortete etwas schnoddrig: “Vom Frauenpriestertum verstehe ich nichts. Na ja, und das andere. Ich würde sagen, da ist er so wie meine Oma. Ich tue nicht, was sie sagt, aber sie hat recht” (Leo – Allah mahabba, S. 274).

Freilich, noch besser ist es, wenn man doch tut, was er sagt, bzw. was unser Herr Jesus Christus sagt: “Selig, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen” (Mt. 5,8).

Msgr. Dr. Peter von Steinitz war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den hl. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“, „Leo – Allah mahabba“ (auch als Hörbuch erhältlich) und „Katharina von Ägypten“.  Der Fe-Medienverlag hat einige ZENIT-Beiträge vom Autor als Buch mit dem Titel „Der Stein, den die Bauleute verwarfen“ herausgebracht.

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PAPSTEXERZITIEN FÜR PRIESTER: Teil 1 in voller Länge

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1. Meditation — Lateranbasilika, 2. Juni 2016

Jubiläum der Priester: Papst Franziskus hält am Herz-Jesu-Fest 2016 Exerzitien in drei Teilen für Priester und Seminaristen. Hier die erste Meditation – gehalten in der Bischofskirche des Papstes, San Giovanni in Laterano – in amtlicher deutscher Übersetzung aus dem Vatikan.

Die Barmherzigkeit ist in ihrem mehr weiblichen Aspekt die innige Mutterliebe, die angesichts der Gebrechlichkeit ihres Neugeborenen gerührt ist, es in ihre Arme schließt und für alles aufkommt, was ihm fehlt, damit es leben und wachsen kann (rachamim); und in ihrem speziell männlichen Aspekt ist sie die starke Treue des Vaters, der seine Kinder immer unterstützt, ihnen verzeiht und sie wieder auf den Weg bringt. Die Barmherzigkeit ist sowohl die Frucht eines „Bundes“ – darum heißt es, dass Gott an seinen Bund der Barmherzigkeit (hesed) denkt – als auch eine ungeschuldete „Handlung“ des Wohlwollens und der Güte, die aus unserer tiefsten Seelenverfassung hervorgeht und in einem äußeren Werk zum Ausdruck kommt (eleos, von dem das Wort Almosen herrührt). Dieses umfassende Spektrum der Barmherzigkeit führt dazu, dass es immer allen möglich ist, sich zu „erbarmen“, Mitgefühl zu haben mit dem Leidenden, Rührung zu empfinden angesichts des Bedürftigen; dass man sich empört, dass einem eine offensichtliche Ungerechtigkeit auf den Magen schlägt und man unverzüglich beginnt, etwas Konkretes zu tun – respektvoll und einfühlsam –, um der Situation abzuhelfen. Und von diesem inneren Empfinden her ist es allen möglich, Gott unter dem Gesichtspunkt dieser ersten und letzten Eigenschaft zu betrachten, mit der Jesus ihn uns offenbart hat: Der Name Gottes ist Barmherzigkeit.

Wenn wir über die Barmherzigkeit nachsinnen, geschieht etwas Besonderes. Die Dynamik der Exerzitien wird von innen her gesteigert. Die Barmherzigkeit lässt erkennen, dass die objektiven Wege der klassischen Mystik – Reinigung, Erleuchtung und Vereinigung – niemals aufeinander folgende Etappen sind, die man hinter sich lassen kann. Immer bedürfen wir einer neuen Umkehr, einer tieferen Betrachtung und einer erneuerten Liebe. Nichts vereint mehr mit Gott als eine Tat der Barmherzigkeit – ob es sich nun um die Barmherzigkeit handelt, mit der der Herr uns unsere Sünden vergibt, oder um die Gnade, die er uns schenkt, damit wir die Werke der Barmherzigkeit in seinem Namen vollbringen. Nichts erleuchtet den Glauben mehr als die Reinigung von unseren Sünden und nichts ist eindeutiger als Matthäus 25 und jenes » Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden « (Mt 5,7), um zu verstehen, was der Wille Gottes ist, die Mission, zu der er uns sendet. Auf die Barmherzigkeit kann man jene Lehre Jesu anwenden: » Nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden « (Mt 7,2). Die Barmherzigkeit erlaubt uns, von dem Gefühl, Empfänger des Erbarmens zu sein, zu dem Wunsch überzugehen, Erbarmen zu erweisen. In einer heilsamen Spannung können das Gefühl der Beschämung wegen der eigenen Sünden und das Gefühl für die Würde, zu der der Herr uns erhebt, nebeneinander existieren. Ohne Umschweife können wir von der Ferne übergehen zum Fest – wie in dem Gleichnis vom verlorenen Sohn – und als Sammelbecken für die Barmherzigkeit unsere eigene Sünde benutzen. Die Barmherzigkeit veranlasst uns, vom Persönlichen zum Gemeinschaftlichen überzugehen. Wenn wir barmherzig handeln wie bei den Wundern der Brotvermehrung, die aus dem Mitleid Jesu mit seinem Volk und mit den Fremden geboren werden, vervielfältigt sich das Brot in dem Maß, wie es ausgeteilt wird.

 

Drei Anregungen

Die frohe und freie Vertrautheit, die sich auf allen Ebenen unter denen einstellt, die durch das Band der Barmherzigkeit Kontakte miteinander knüpfen – eine Vertrautheit des Gottesreiches, so wie Jesus es in seinen Gleichnissen beschreibt – veranlasst mich, euch für euer persönliches Gebet an diesem Tag drei Dinge vorzuschlagen.

Das erste hat mit zwei praktischen Ratschlägen zu tun, die der heilige Ignatius gibt. Er sagt: »Nicht das viele Wissen sättigt und befriedigt die Seele, sondern das innerliche Verspüren und Schmecken der Dinge« (Geistliche Übungen, Anmerkung 2). Und er fügt hinzu, dass jemand dort, wo er das findet, was er will, und wo es ihm gefällt, ruhig im Gebet verweilen soll, bis er befriedigt ist, »ohne ängstliche Sorge zu haben weiterzugehen«  (ebd., 76). Man kann also bei diesen Meditationen über die Barmherzigkeit beginnen, wo es einem am meisten gefällt, und dort verweilen, denn sicher wird ein Werk der Barmherzigkeit euch zu den anderen führen. Wenn wir damit beginnen, dem Herrn zu danken, der uns wunderbar erschaffen und noch wunderbarer erlöst hat, wird uns das sicher dazu führen, uns über unsere Sünden zu grämen. Wenn wir damit beginnen, Mitleid zu empfinden mit den Ärmsten und Fernsten, werden sicher auch wir selbst die Notwendigkeit spüren, Erbarmen zu empfangen.

Die zweite Anregung für das Beten hängt mit einer neuen Weise zusammen, das Wort Barmherzigkeit zu gebrauchen. Wie ihr sicher festgestellt habt, gebrauche ich beim Reden über die Barmherzigkeit gerne die Verbform: „Man muss sich erbarmen (misericordiar), um Erbarmen zu empfangen (ser misericordiados).“ Die Barmherzigkeit bringt eine menschliche Erbärmlichkeit mit dem Herzen Gottes in Kontakt und das bewirkt, dass es unmittelbar zur Handlung kommt. Man kann nicht über Barmherzigkeit meditieren, ohne dass sich alles in die Tat umsetzt. Darum tut es beim Gebet nicht gut, zu intellektualisieren. Mit Hilfe der Gnade muss unser Gespräch mit dem Herrn ganz schnell konkret werden in der Frage: Welche meiner Sünden verlangt, dass deine Barmherzigkeit in mich eindringt; wo, Herr, empfinde ich am meisten Scham und den stärksten Wunsch zur Wiedergutmachung? Und sehr bald müssen wir von dem sprechen, was uns am meisten innerlich erschüttert, von jenen Gesichtern, die in uns das große Verlangen wecken, aktiv zu werden, um ihren Hunger und Durst nach Gott, nach Gerechtigkeit, nach liebevoller Zuneigung zu stillen. Die Barmherzigkeit betrachtet man im Tun, doch in einer Art des Tuns, die alles einschließt: Die Barmherzigkeit bezieht unser ganzes Sein ein – Herz und Geist – und alles Seiende.

Die letzte Anregung betrifft die Frucht der Exerzitien, das heißt die Gnade, die wir erbitten müssen und die ganz konkret die Gnade ist, uns in Priester zu verwandeln, die immer fähiger werden, Barmherzigkeit zu empfangen und selbst barmherzig zu sein. Wir können uns ganz auf die Barmherzigkeit ausrichten, weil sie das Wesentliche, das Endgültige ist. Über die Stufen der Barmherzigkeit (vgl. Enzyklika Laudato si’, 77) können wir absteigen bis in die tiefsten Tiefen des Menschseins – Hinfälligkeit und Sünde eingeschlossen – und aufsteigen bis zu den höchsten Höhen der göttlichen Vollkommenheit: »Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!« (Lk 6,36); »ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist« (Mt 5,48). Immer aber, um nur noch mehr Barmherzigkeit zu „ernten“. Daraus müssen Früchte der Umkehr unserer institutionellen Mentalität hervorgehen: Wenn unsere Strukturen nicht gelebt und genutzt werden, um die Barmherzigkeit Gottes besser zu empfangen und um barmherziger gegenüber den anderen zu sein, können sie sich in etwas sehr Befremdliches und Kontraproduktives verwandeln.

Dieser Einkehrtag wird also den Weg dieser „Einfachheit des Evangeliums“ einschlagen, die alles unter dem Gesichtspunkt der Barmherzigkeit versteht und vollbringt. Und zwar einer dynamischen Barmherzigkeit, die weder als ein dingfestes, genau definiertes Substantiv gesehen wird, noch als ein Adjektiv, welches das Leben ein wenig ausschmückt, sondern als ein Verb – sich erbarmen und Erbarmen empfangen –, das uns zum Handeln mitten in der Welt treibt. Und zudem als eine „immer noch größere“ Barmherzigkeit, als eine Barmherzigkeit, die wächst und zunimmt, indem sie vom Guten zum Besseren voranschreitet, von weniger zu mehr geht. Denn das Bild, das Jesus uns vorstellt, ist das des stets größeren Vaters, dessen unendliche Barmherzigkeit „wächst“ – wenn man das so sagen kann – und die weder in der Höhe noch in der Tiefe Grenzen kennt, weil sie seiner souveränen Freiheit entspringt.

 

ERSTE MEDITATION

Aus der Ferne zum Fest

Wenn die Barmherzigkeit des Evangeliums, wie wir sagten, ein Übermaß Gottes ist, ein unglaubliches Überborden, dann muss man als Erstes schauen, wo die Welt von heute und jeder Mensch ein solches Übermaß an Liebe am meisten braucht. Das Erste ist, uns zu fragen, welches das Sammelbecken für eine solche Barmherzigkeit ist; welches das öde, ausgetrocknete Erdreich ist für dieses Überfließen lebendigen Wassers; welches die Wunden sind für dieses Balsamöl; welches die Waisenschaft ist, die ein solches Sich-Aufopfern in Liebe und Zuwendung braucht; welches die Ferne ist, die so sehr nach Umarmung und Begegnung dürstet…

Das Gleichnis, das ich euch für diese Meditation vorschlage, ist das des barmherzigen Vaters (vgl. Lk 15,11-31). Wir versetzen uns in den Bereich des Geheimnisses des Vaters. Und ich möchte ganz spontan mit jenem Moment beginnen, in dem der verlorene Sohn mitten im Schweinestall ist, in dieser Hölle des Egoismus, wo er alles getan hat, was er wollte, und anstatt frei zu sein, sich als Sklave wiederfindet. Er schaut auf die Schweine, die Futterschoten essen…, er empfindet Neid und es steigt Heimweh in ihm auf. Heimweh nach dem frisch gebackenen Brot, das die Diener in seinem Hause, im Haus seines Vaters, zum Frühstück essen. Heimweh… Das Heimweh ist ein machtvolles Gefühl. Es hat etwas mit der Barmherzigkeit zu tun, denn es weitet unsere Seele aus. Es lässt uns an das erste Gut denken – die Heimat, aus der wir ausgezogen sind – und erweckt in uns die Hoffnung zurückzukehren. In diesem weiten Sinn des Heimwehs ging der junge Mann in sich – sagt das Evangelium – und fühlte sich elend.

Ohne uns jetzt dabei aufzuhalten, das Elend seines Zustands zu beschreiben, gehen wir zu jenem anderen Moment über, in dem er, nachdem sein Vater ihn herzlich umarmt und geküsst hat, sich schmutzig fühlt, aber festlich gekleidet ist. Am Finger trägt er den Ring wie sein Vater, an den Füßen neue Sandalen. Er steht mitten im Fest, unter den Leuten. Ungefähr wie wir, wenn es uns einmal passiert ist, dass wir vor der Messe gebeichtet hatten und uns gleich darauf mit den Paramenten bekleidet mitten in einer Zeremonie wiederfanden.

 

Beschämte Würde

Verweilen wir bei jener „beschämten Würde“ dieses verlorenen und bevorzugten Sohnes. Wenn wir uns mit innerer Gelassenheit darum bemühen, unser Herz zwischen diesen beiden Extremen – der Würde und der Beschämung – zu halten, ohne eines von ihnen zu vernachlässigen, können wir vielleicht spüren, wie das Herz unseres himmlischen Vaters schlägt. Dann können wir uns vorstellen, dass die Barmherzigkeit daraus hervorströmt wie Blut. Dass er aufbricht, uns zu suchen – uns Sünder –, dass er uns an sich zieht, uns reinigt und uns erneuert wieder aussendet an alle Peripherien, damit wir allen Barmherzigkeit erweisen. Sein Blut ist das Blut Christi, das Blut des neuen und ewigen Bundes der Barmherzigkeit, das für uns und für alle vergossen wurde zur Vergebung der Sünden. Dieses Blut betrachten wir, wie es in sein und des Vaters Herz hineinfließt und aus ihm hervorströmt. Es ist unser einziger Schatz, der einzige, den wir besitzen, um ihn der Welt zu geben: das Blut, das alles und alle reinigt und versöhnt. Das Blut des Herrn, der die Sünden vergibt. Das Blut, das wirklich ein Trank ist und das, was aufgrund der Sünde tot ist, auferweckt und ihm Leben gibt.

In unserem ruhigen Beten, das von der Beschämung zur Würde und von der Würde zur Beschämung geht, erbitten wir die Gnade, diese Barmherzigkeit als grundlegend für unser ganzes Leben zu empfinden; die Gnade, zu spüren, wie der Herzschlag des Vaters sich mit dem unsrigen verbindet. Es genügt nicht, die Barmherzigkeit Gottes wie eine Geste zu empfinden, die er hin und wieder tut, indem er uns irgendeine große Sünde vergibt, und im Übrigen bügeln wir die Dinge allein und selbständig wieder aus.

Der heilige Ignatius schlägt ein für seine Zeit typisches Bild aus der Welt des Rittertums vor; da aber die Loyalität unter Freunden ein immerwährender Wert ist, kann es uns hilfreich sein. Er sagt, dass wir, um »Verwirrung« und Beschämung wegen unserer Sünden zu empfinden (ohne das Gefühl für die Barmherzigkeit zu verlieren), uns eines Beispiels bedienen können: Stellen wir uns vor, dass »ein Ritter vor seinen König und dessen ganzen Hof tritt, beschämt und verwirrt, weil er ihn, von dem er zuvor viele Gaben und viele Gunsterweise empfangen hat, sehr beleidigt hat« (Geistliche Übungen, 74). Wenn wir aber der Dynamik des verlorenen Sohns auf dem Fest folgen, stellen wir uns diesen Ritter vor wie einen, der nicht etwa vor allen beschämt wird, sondern dem der König stattdessen überraschenderweise die Hand reicht und ihm seine Würde zurückgibt. Und wir sehen, dass er ihn nicht nur einlädt, ihm in seinem Kampf zu folgen, sondern dass er ihn an die Spitze seiner Kameraden setzt. Mit welcher Demut und welcher Treue wird dieser Ritter ihm von nun an folgen!

Ob man sich nun wie der gefeierte verlorene Sohn fühlt oder wie der untreue Ritter, der zum Vorgesetzten ernannt wurde – das Wichtige ist, dass jeder sich in die fruchtbare Spannung begibt, in die die Barmherzigkeit des Herrn uns stellt: nicht nur als Sünder, die Vergebung erlangt haben, sondern als Sünder, denen Würde verliehen wurde.

Simon Petrus bietet uns das hilfreiche Bild dieser heilsamen Spannung. Der Herr erzieht und formt ihn schrittweise und „trainiert“ ihn, Simon und Petrus zugleich zu bleiben: der gewöhnliche Mensch mit seinen Widersprüchen und Schwächen und derjenige, der ein Fels ist, der die Schlüssel besitzt und die anderen leitet. Als Andreas ihn so, wie er ist, in der Kleidung des Fischers zu Christus führt, gibt der Herr ihm den Namen „Fels“. Kaum hat er ihn gelobt für das Bekenntnis des Glaubens, das vom himmlischen Vater kam, tadelt er ihn schon hart für die Versuchung, auf die Stimme des bösen Geistes zu hören, die ihm nahelegt, sich vom Kreuz fernzuhalten. Er lädt ihn ein, über das Wasser zu gehen, und lässt zu, dass er beginnt, in seiner eigenen Angst zu versinken – um ihm dann sofort die Hand zu reichen; sobald Petrus sich als Sünder bekennt,  überträgt Jesus ihm die Aufgabe, Menschenfischer zu sein; er befragt ihn wiederholt über seine Liebe und lässt ihn Schmerz und Scham empfinden wegen seiner Untreue und Feigheit, und doch vertraut er ihm dreimal die Aufgabe an, seine Schafe zu weiden.

Hier müssen wir uns ansiedeln, in dem Raum, in dem unsere beschämendste Schwäche und unsere höchste Würde nebeneinander existieren. Schmutzig, unrein, kleinlich, selbstgefällig, egoistisch und zugleich mit gewaschenen Füßen, berufen und erwählt und damit beschäftigt, die vermehrten Brote auszuteilen; gepriesen, geliebt und umsorgt von unseren Leuten. Allein die Barmherzigkeit macht diese Lage erträglich. Ohne sie halten wir uns entweder für gerecht wie die Pharisäer oder wir entfernen uns wie jene, die sich nicht würdig fühlen. In beiden Fällen verhärtet sich unser Herz.

Vertiefen wir das noch ein wenig mehr. Wir fragen uns: Warum ist diese Spannung so fruchtbar? Ich würde sagen, sie ist fruchtbar, weil es aus einer freien Entscheidung hervorgeht, wenn man sie beibehält. Und der Herr handelt hauptsächlich aufgrund unserer Freiheit, auch wenn er uns in allem hilft. Die Barmherzigkeit ist eine Frage der Freiheit. Das Gefühl kommt spontan auf, und wenn wir sagen, dass es irrational ist, könnte es scheinen, als sei dies ein Synonym für „tierisch“. In Wirklichkeit aber kennen die Tiere die „moralische“ Barmherzigkeit nicht, auch wenn einige etwas von diesem Mitgefühl empfinden können, wie ein treuer Hund, der an der Seite seines kranken Herrn bleibt. Die Barmherzigkeit ist eine Ergriffenheit, die das Herz berührt, und dennoch kann sie auch aus einer scharfsinnigen intellektuellen Wahrnehmung entspringen – direkt wie ein Strahl, einfach, deswegen aber nicht weniger komplex –: Vieles nimmt man intuitiv wahr, wenn man Barmherzigkeit empfindet. Man begreift zum Beispiel, dass der andere sich in einer verzweifelten Grenzsituation befindet; dass ihm etwas widerfährt, was über seine Sünden oder seine Schuld hinausgeht; man begreift auch, dass der andere ein Mensch ist wie man selbst und dass man sich an seiner Stelle befinden könnte; und dass das Übel so groß und verheerend ist, dass man es nicht allein durch die Gerechtigkeit lösen kann… Im Grunde kommt man zu der Einsicht, dass es einer unendlichen Barmherzigkeit bedarf wie jener des Herzens Christi, um so viel Übel und so viel Leiden, wie wir es im Leben der Menschen feststellen, wieder gutzumachen… Weniger als diese reicht nicht aus. Vieles begreift unser Verstand erst, wenn er jemanden sieht, der an einem kalten Morgen mit bloßen Füßen auf die Straße hinausgeworfen ist, oder wenn er den Herrn sieht, ans Kreuz genagelt für mich!

Außerdem geschieht es aus freiem Entschluss, dass man die Barmherzigkeit annimmt und pflegt oder sie zurückweist. Wenn einer sich ergreifen lässt, zieht eine Geste die andere nach sich. Wenn einer vorbeigeht, wird das Herz kalt. Die Barmherzigkeit lässt uns unsere Freiheit erleben und in ihr ist es, dass wir die Freiheit Gottes erleben können, der barmherzig ist mit den Barmherzigen (vgl. Dtn 5,10), wie er zu Mose sagte. In seiner Barmherzigkeit drückt der Herr seine Freiheit aus. Und wir die unsere.

Wir können lange Zeit „ohne“ die Barmherzigkeit des Herrn leben. Das heißt, wir können leben, ohne uns ihrer bewusst zu sein und ohne sie ausdrücklich zu erbitten – bis man entdeckt, dass „alles Barmherzigkeit ist“, und bitterlich weint, dass man sie nicht vorher genutzt hat, da man ihrer so sehr bedurfte!

Die Erbärmlichkeit, von der wir sprechen, ist die moralische, nicht übertragbare Erbärmlichkeit, derentwegen man sich seiner selbst als einer Person bewusst wird, die in einem entscheidenden Moment des eigenen Lebens aus eigener Initiative gehandelt hat: Man hat eine Wahl getroffen und hat schlecht gewählt. Das ist der Tiefpunkt, den man erreichen muss, um Schmerz über seine Sünden zu empfinden und wirklich zu bereuen. Denn in anderen Bereichen fühlt man sich nicht so frei, noch spürt man, dass die Sünde das ganze eigene Leben negativ beeinflusst. Darum erfährt man nicht die eigene Erbärmlichkeit, und auf diese Weise entgeht einem die Barmherzigkeit, die eben nur unter dieser Voraussetzung wirkt. Man geht nicht in die Apotheke und sagt: „Haben Sie Erbarmen und geben mir Aspirin-Tabletten.“ Um der Barmherzigkeit willen erbittet man Morphium für einen Menschen, der von den furchtbaren Schmerzen einer tödlichen Krankheit geplagt wird.

Das Herz, das Gott mit dieser unserer moralischen Erbärmlichkeit verbindet, ist das Herz Christi, seines geliebten Sohnes, das wie ein einziges Herz mit dem des Vaters und dem des Heiligen Geistes schlägt. Es ist ein Herz, das den nächsten Weg wählt und sich ganz und gar in ihn hineinziehen lässt. Das ist typisch für die Barmherzigkeit, dass sie sich die Hände schmutzig macht, berührt, sich selbst ins Spiel bringt, sich auf den anderen einlassen will, dass sie sich an das Persönliche mit dem noch Persönlicheren wendet, dass sie nicht „einen Fall behandelt“, sondern sich mit einem Menschen beschäftigt, mit seiner Wunde. Die Barmherzigkeit geht über die Gerechtigkeit hinaus, und sie gibt das zu verstehen und lässt es spüren; man bleibt auf Gegenseitigkeit in die Angelegenheit des anderen einbezogen. Indem sie Würde verleiht, hebt die Barmherzigkeit den empor, zu dem man sich niederbeugt, und bringt beide auf die gleiche Höhe, den Barmherzigen und den, der Barmherzigkeit empfangen hat.

Darum muss der Vater ein Fest feiern, damit alles auf einmal wiederhergestellt wird, indem er seinem Sohn die verlorene Würde zurückgibt. Das gestattet, in neuer Weise auf die Zukunft zu schauen. Nicht, dass die Barmherzigkeit die Objektivität des vom Bösen verursachten Schadens nicht in Betracht zöge. Doch sie nimmt ihr die Macht über die Zukunft, sie nimmt ihr die Macht über das Leben, das weitergeht. Die Barmherzigkeit ist die wahre Lebenshaltung, die sich dem Tod, der bitteren Frucht der Sünde, widersetzt. Darin ist sie von klarem Verstand geleitet; die Barmherzigkeit ist keineswegs naiv. Nicht, dass sie die Sünde nicht sähe, aber sie achtet darauf, wie kurz das Leben ist, und auf all das Gute, das noch zu tun bleibt. Deshalb muss man vollkommen verzeihen, damit der andere voranschaut und keine Zeit mit Schuldgefühlen und Selbstmitleid verliert und damit, dem Verlorenen nachzutrauern. Auf dem Weg zu den anderen, um sie zu heilen, wird man auch sein eigenes Gewissen erforschen, und in dem Maß, in dem man den anderen hilft, wird man das Schlechte, das man getan hat, wiedergutmachen. Die Barmherzigkeit ist grundsätzlich hoffnungsvoll.

Sich von der Bewegung des Herzens des himmlischen Vaters anziehen und aussenden zu lassen bedeutet, sich in dieser heilsamen Spannung der beschämten Würde zu halten. Es bedeutet, sich von der Mitte seines Herzens anziehen zu lassen wie Blut, das sich auf dem Weg, um den entferntesten Gliedern Leben zu geben, beschmutzt hat – sich anziehen zu lassen, damit der Herr uns reinigt und uns die Füße wäscht. Und es bedeutet, sich aussenden zu lassen, angefüllt mit dem Sauerstoff des Heiligen Geistes, um allen Gliedern, besonders den entferntesten, anfälligsten und am meisten verwundeten Leben zu bringen.

Ein Priester erzählte von einem Menschen, der auf der Straße lebte und am Ende in einer Herberge unterkam. Es war einer, der in seiner Bitterkeit verschlossen war und in keinerlei Beziehung mit den anderen trat. Ein gebildeter Mensch, wie man später merkte. Nach einiger Zeit wurde dieser Mann wegen einer tödlichen Krankheit ins Krankenhaus eingeliefert. Da erzählte er dem Priester, dass sein Bettnachbar, als er selbst dort im Gefühl seiner Nichtigkeit und seiner Lebensenttäuschung versunken war, ihn bat, ihm den Spucknapf herüberzureichen, und diesen dann ausleerte. Und er sagte, dass diese Bitte, die von einem kam, der ihn wirklich brauchte und der schlechter daran war als er, ihm die Augen und das Herz öffneten für ein übermächtiges Gefühl der Menschlichkeit und für ein Verlangen, dem anderen zu helfen und sich selbst von Gott helfen zu lassen. So brachte eine einfache Tat der Barmherzigkeit ihn in Verbindung mit der unendlichen Barmherzigkeit; er fasste Mut, dem anderen zu helfen, und ließ sich dann selber helfen: Er starb in Frieden, nachdem er gebeichtet hatte.

So lasse ich euch nun mit dem Gleichnis vom barmherzigen Vater, nachdem wir uns in dem Moment „niedergelassen“ haben, in dem der Sohn sich schmutzig und neu bekleidet fühlt – ein Sünder, dem die Würde zurückgegeben wurde, beschämt über sich selbst und stolz auf seinen Vater. Das Zeichen, um zu wissen, ob man richtig liegt, ist der Wunsch, von nun an allen gegenüber barmherzig zu sein. Darin liegt das Feuer, das auf die Erde zu bringen Jesus gekommen ist, jenes Feuer, das andere Feuer entzündet. Wenn der Funke nicht überspringt, bedeutet das, dass einer der beiden Pole den Kontakt nicht zulässt. Entweder die übertriebene Beschämung, die „die Kabel nicht freilegt“ und anstatt offen zu bekennen: „Das und das habe ich getan“, sich bedeckt; oder die übertriebene Würde, die die Dinge mit Handschuhen berührt.

 

Das „Masslosigkeiten“ der Barmherzigkeit

Die einzige Maßlosigkeit angesichts der maßlosen Barmherzigkeit Gottes besteht darin, im Empfangen dieser Barmherzigkeit und in dem Wunsch, sie an die anderen weiterzugeben, maßlos zu sein. Das Evangelium zeigt uns viele schöne Beispiele derer, die das Maß überschreiten, um sie zu empfangen:  Da ist der Gelähmte, dessen Freunde ihn durch das Dach in die Mitte des Raumes hinunterlassen, in dem Jesus predigte; der Aussätzige, der seine neun Gefährten verlässt und zurückkehrt, Gott mit lauter Stimme lobt und dankt und zu Füßen des Herrn niederkniet; der blinde Bartimäus, dem es mit seinem Schreien gelingt, Jesus anzuhalten; die Frau, die unter Blutungen leidet und die sich in ihrer Schüchternheit bemüht, dem Herrn so nahe wie möglich zu kommen, und – wie das Evangelium berichtet – als sie seinen Mantel berührte, spürte der Herr, dass eine dynamis von ihm ausging… Das sind alles Beispiele für jenen Kontakt, der ein Feuer entzündet und die Dynamik auslöst, die positive Kraft der Barmherzigkeit. Da ist auch die Sünderin, die dem Herrn in maßloser Weise ihre Liebe zeigt, indem sie seine Füße mit ihren Tränen wäscht und mit ihren Haaren trocknet: Darin sieht der Herr ein Zeichen dafür, dass sie viel Barmherzigkeit empfangen hat und sie deshalb auf diese Art zum Ausdruck bringt. Die einfachsten Menschen – die Sünder, die Kranken, die Besessenen… – werden unverzüglich vom Herrn geehrt, der sie vom Ausgeschlossensein in die vollkommene Einbezogenheit übergehen lässt, von der Ferne zum Fest. Das ist der Ausdruck: Die Barmherzigkeit lässt uns von der Ferne zum Fest übergehen. Und das versteht man nur unter dem Gesichtspunkt der Hoffnung, in apostolischer Hinsicht, unter dem Gesichtspunkt dessen, der Erbarmen gefunden hat, um sich seinerseits zu erbarmen.

Wir können schließen, indem wir das Magnificat der Barmherzigkeit, den Psalm 51 [50] des Königs David beten, den wir jeden Freitag in den Laudes rezitieren. Es ist das Magnificat des zerbrochenen und zerschlagenen Herzens, das in seiner Sünde die Größe besitzt, den treuen Gott zu bekennen, der größer ist als die Sünde. Wenn wir uns in den Moment versetzen, in dem der verlorene Sohn erwartete, mit Kälte behandelt zu werden, und der Vater ihn stattdessen mitten in ein Fest stellt, können wir uns ihn vorstellen, wie er den Psalm 51 spricht, und ihn wechselseitig mit ihm beten. Wir können hören, wie er sagt: »Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld, tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen!« Und wir können sagen: Ja, auch ich, »ich erkenne meine bösen Taten, meine Sünde steht mir immer vor Augen.« Und einstimmig sprechen wir: Gegen dich, Vater, »gegen dich allein habe ich gesündigt.«

Beten wir von dieser inneren Spannung aus, welche die Barmherzigkeit entzündet, aus jener Spannung zwischen der Beschämung, die bittet: »Verbirg dein Gesicht vor meinen Sünden, tilge all meine Frevel!« und jener Zuversicht, die sagt: »Entsündige mich mit Ysop, dann werde ich rein; wasche mich, dann werde ich weißer als Schnee.« Einer Zuversicht, die apostolisch wird: »Mach mich wieder froh mit deinem Heil, mit einem willigen Geist rüste mich aus! Dann lehre ich Abtrünnige deine Wege und die Sünder kehren um zu dir.«

(rv 02.06.2016 rv)

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