Das „Wunder des Abendlandes“ – MONT ST. MICHEL

 Von Dr. Michael Krause, Studienreiseleiter, Dresden

Um es vorwegzunehmen: Wunder ist eigentlich kein offizieller Titel, UNESCO-Weltkulturerbestätte schon. Aber bei dem Klosterberg, um den es hier gehen soll, darf man wohl gleichzeitig „Wunder“ und „Welterbe“ gebrauchen, auch wenn er noch nicht einmal ganz klar in die Bretagne gehört. Diese Unsicherheit – gehört er in die Normandie oder in die Bretagne? – verdankt er einer Laune der Natur: der Mont St. Michel, von dem die Rede ist, liegt auf einer von Ebbe und Flut mit starkem Strom und gewaltigem Tidenhub umspülten Gezeiteninsel innerhalb einer nach ihm benannten Bucht, genau im Mündungsgebiet des Flüsschens Cuesnon. Und da dieses knapp hundert Kilometer lange Gewässer der historische Grenzfluss zwischen Normandie und Bretagne ist, der seinen Verlauf in den letzten Jahrhunderten schon mehrfach geändert hat, wurde der Mont Sant Michel mal zur einen und mal zur anderen Region gezählt.

Kaum ein Bauwerk in Europa, das Menschenhand errichtet hat, ist so oft als „Wunder“, „heilig“ oder „Gottes wohlgefälliges Werk“ bezeichnet worden wie der in über 1000-jähriger Bauzeit seit dem 8. Jahrhundert errichtete und immer wieder veränderte Klosterberg Mont St. Michel, seit 1979 in der Liste der UNESCO als Stätte des Weltkulturerbes geführt.

War er schon seit dem Mittelalter ein überaus bedeutsames Pilgerziel, so zeugen nunmehr über 3,5 Millionen Besucher jährlich von seiner ungebrochenen Beliebtheit – diesmal als Touristendestination. 157 m über den Meeresspiegel ragt seine mit einer Figur des Erzengels Michael gekrönte Spitze auf und der gewaltige, vom gewachsenen Felsen ab wie eine mehrstufige Pyramide aufstrebende Baukörper ist schon aus sehr großer Entfernung auszumachen – wenn nicht der häufig über der Bucht sich bildende Nebel die Sicht behindert. Der ist übrigens zusammen mit dem tückischen, in zahlreichen Legenden mit dem für Bucht und Berg namengebenden Erzengel Michael in Verbindung gebrachten Sand der Bucht und mit der mitunter fast urplötzlich und mit ungeahnter Geschwindigkeit hereinbrechenden Flut verantwortlich für tausende Opfer, die in Unkenntnis der Gegebenheiten den Berg durch die Bucht watend erreichen wollten…

Eine Legende rankt sich auch um die Entstehung des Klosters: Als sich um 700 n. Chr. Aubert, Bischof von Avranches, oft auf die von Gezeiten umtoste Felseninsel zurückzog, auf der es mehrere Einsiedeleien gab, erschien ihm hier im Traum der Erzengel Michael mit der Aufforderung, eine Kirche für ihn zu erbauen. Der Bischof zögerte, und um die Ernsthaftigkeit des Ansinnens und seine göttliche Macht zu betonen, drückte ihm der Erzengel ein Loch in die Schädeldecke, ohne des Bischofs Haut zu verletzen. Der Schädel wird heute noch in der Kirche von Avranches in der Normandie gezeigt und der Bischof beeilte sich, die Kapelle zu errichten. Die Bedeutung als herausragendes Pilgerziel erhielt das Kirchlein, als Bischof Aubert Reliquien vom Erzengel aus dessen heiligem Ort Monte Sant Angelo in Apulien beschaffen und in diesem Gotteshaus unterbringen ließ.

Nachdem im 11. Jahrhundert eine normannische Kirche auf dem Gipfel des Felsens errichtet worden war, wandelte man die ursprüngliche Kapelle aus der Zeit des Frankenreiches in eine Krypta um, die zusammen mit weiteren Bauten die Plattform für die späteren Kirchen bildete. Vorzugsweise in der Gotik entstanden dann die herrlichen aufstrebenden Bauten der Kirche, der Abtei und der Gästeunterkünfte für illustre Pilger und gekrönte Häupter. Verschiedene Bauperioden und auch Verwendungszwecke folgten bis Ende des 19. Jahrhunderts. Stilelemente zumindest aus Romanik, Gotik, Renaissance und Klassizismus finden sich in dieser mit einer starken Befestigung umgebenen Klosteranlage, deren unbeschreiblicher Gesamteindruck niemals unter den Umbauten gelitten hat und sie bis heute zu einem der bedeutendsten Gebäudekomplexe Europas macht.

Das vielleicht aufregendste Detail ist der Kreuzgang, der trotz seiner umfassenden Restaurierung im 19. Jahrhundert die Besonderheiten eines einzigartigen Stils bewahrt hat, den die damals über das Gebiet des Mont St. Michel herrschenden Normannen aus der sizilianisch-normannischen Architektur, beeinflusst von islamischen Details, übernahmen. Der von schlanken, optisch versetzt gestellten Säulen getragene Kreuzgang heißt nicht umsonst „der Schwebende“ – in seiner dreidimensional wirkenden Erscheinung behindern ihn, da frei genau auf der Bergkuppe bzw. auf dem Dach der von dieser aufstrebenden Unterbauten stehend – keinerlei umliegende Bezugspunkte bis hin zum Horizont, was ihn in unwirklich scheinender Anmut und Leichtigkeit tatsächlich gleichsam zwischen Himmel und Erde schweben lässt …

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Quelle

Siehe ebenfalls:

 

Die vier Erscheinungen des Hl. Erzengels Michael auf dem Monte Gargano, Italien

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Einleitung

„Quis ut Deus!“ – „Wer ist wie Gott!“

Keiner Zeit ist das Erleben der Revolutionen so vorbehalten gewesen, wie gerade der unsern. Die Unordnung soll auf den Thron gesetzt werden, die Ordnung muß in Fesseln und in den Tod gehen. Jedes Abweichen von der Ordnung ist Sünde. Das Stürzen der Ordnung, Wahrheit und Gerechtigkeit, ohne die es keine Liebe gibt, müssen der Lüge und Ungerechtigkeit weichen. Der Fürst der Unordnung, Satan soll auf dem Throne regieren. Sind denn alle Gutgesinnten machtlos diesem Revolutionsgeiste preisgegeben? Gibt es keine Mittel mehr, um der Ordnung den Thron frei zu geben? Wir alle sind vom Zeitgeist des radikalen Egoismus angesteckt. Gerade daraus erklärt sich unsere Hoffnungslosigkeit. Der Egoismus ist ein Kind des Stolzes, dessen Vater Satan ist. So erklärt sich die Glaubensschwachheit. Aller Glaube setzt Demut voraus. Unsere Aufgabe besteht darin, all unsern Egoismus abzulegen, und in Demut Gott den Herrn als einzigen Vater der Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe glaubend anzuerkennen. „Haec est victoria“ schreibt St. Johannes der Lieblingsjünger, „Das ist der Sieg, unser Glaube.“ Stellen wir uns daher glaubensvoll auf die Seite St. Michaels. Folgen wir ihm in unerschütterlichem Vertrauen. Stimmen wir ein in den Schlachtuf „Wer ist wie Gott.“ Kampf muß sein. Schlußendlich kommt es auf den Sieger an. Dieser allein ist und bleibt Gott, unser Herr, die ewige Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe.

Kurze Zusammenfassung der vier Erscheinungen des heiligen Erzengels Michael auf dem „Monte Gargano“ (Süd-Italien)!

Erste Erscheinung

Am Ende des V. Jahrhundert war’s, (nach alter Zeitrechnung im Jahre 493) als sich der hl. Erzengel Michael auf dem „Monte Gargano“ eine Grotte auslas, um durch seine wunderbare Erscheinung eine Felsenhöhle zu heiligen. Das Vorkommnis ist durch etliche, glaubwürdige Schriftsteller der Nachwelt bestätigt worden. So berichtet eine langobardische Handschrift, aus dem 8. Jahrhundert wie folgt:

In Siponto lebte ein sehr reicher Mann namens Gargano. Er war Besitzer einer großen Viehherde, die er in den Tobeln des Berges weiden ließ. Ein Stier entfernte sich eines Tages heimlich von der weidenden Herde. Am Abend kam er ebenfalls nicht zurück. Erbost, rief er seine Knechte und zog mit ihnen auf die Suche. Der ganze Berg mit seinen Klüften und Tobeln wurde eifrig abgesucht. Endlich gelang es ihnen, den Standort des Tieres zu entdecken. Der Stier stand wie gebannt vor einer Höhle. Der Besitzer entbrannte vor Wut, setzte seinen Bogen an, und schoß einen Pfeil auf das störrische Tier ab. Doch siehe da! Der Pfeil, statt den Stier zu treffen, kehrte in der Luft, als ob er von einem Windstoße abgedreht worden wäre, traf und verwundete den Schützen.

Die Knechte erstaunt und verwirrt, konnten solch ein Ereignis nicht erklären, und getrauten sich keinen Schritt gegen die Höhle zu tun. Sie eilten zum Bischof, um seine Ansicht zu hören. Der Bischof ordnete daraufhin ein dreitägiges Fasten an und befahl, während dieser Zeit in verharrendem Gebet sich an Gott zu wenden. Nach Ablauf der Fasttage erschien dem Bischof in einer Vision der hl. Erzengel Michael und sagte zu ihm: Du tatest gut daran, Gott zu befragen betreffs des Wunders, das die Menschen nicht zu denken verstehen. Es geschah durch meinen Willen. Ich bin der Erzengel Michael, der unablässig am Throne Gottes steht. Ich wünsche, daß dieser Platz auf Erden geehrt und bevorzugt werde. Das wollte ich durch dieses Ereignis kund tun. Über alles, was man hier an diesem Platze vollbringt, bin ich der Hüter und Wächter.

Das Ereignis überraschte dermaßen, daß der Ruf des erstandenen Heiligtums die Andacht in ganz Europa weckte. Jeden Tag zogen gruppen- und scharenweise die Gläubigen pilgernd nach dem Heiligtume auf den Monte Gargano.

Päpste, Bischöfe, Kaiser, Prinzen und Volk wallfahrteten aus allen Teilen Europas herbei, um in Andacht die Gnadengrotte zu besuchen. Ein unversieglicher, aufsehenerregender Gnadenquell wurde der „Monte Gargano“ für die ganze Christenheit. So lautet der Bericht des Baronio.

Noch heute kann sich derjenige Pilger glücklich schätzen, der sich dem liebevollen Schutze des hl. Erzengels Michael anvertraut. Selig, wer sich des besondern Schutzes des hl. Erzengels sicher weiß.

Eine fromme Überlieferung berichtet, daß der hl. Erzengel Michael den Erscheinungsort durch Engelsweihe besonders kennzeichnete und als Beweis soll er im Felsgestein seinen Fußabdruck hinterlassen haben. Aus diesem Grunde wurde die Erzengelkirche schon in frühester Zeit „Apodanea“ genannt. Dem Hauptaltar wurde kein Altarstein mit Reliquien von großen Heiligen eingesetzt, was sonst Vorschrift ist, da der Stein der Höhle selbst als Denkmal und Reliquie der ganzen Welt zu dienen beehrt wurde.

 

Zweite Erscheinung

Etwas mehr als zwei Jahre nach der ersten Erscheinung erschien St. Michael das zweite Mal. Dieses zweite Vorkommnis am „Monte Gargano“ setzte die damalige Welt in größte Verwunderung. Die politischen Verhältnisse lagen damals wie folgt. Während des Pontifikates des Papstes Gelasius I., war der heilige Laurentius Maiorano Bischof von Siponto. Im Orient regierte Kaiser Zenone. König der Eruli war Odoaker. Odoaker beabsichtigte die Stadt Siponto zu zerstören und führte seine Truppen gegen diese. Sein Lager schlug er auf dem benachbarten Hügel „Sankt Restituta“ auf. Die Sipontiner befragten den hl. Laurentius um Rat, was betreffs der überhebenden Drohung Odoakers zu unternehmen sei. Der hl. Laurentius pilgerte auf den „Monte Gargano“ und flehte unter inständigem Gebete zum hl. Erzengel Michael.

Die Kriegserklärung der Goten an die Sipontiner erfolgte im September durch Boten. Der Prälat, Laurentius, stieg vom „Monte Gargano“ herunter und riet den Seinen, sie mögen um einen dreitägigen Waffenstillstand bitten. Er wurde gewährt. In dieser Zeit drang das Volk der Sipontiner in stürmischem Gebete unter Seufzer und Tränen an den Thron des Herrn der Heerscharen. Der Fürst der Heerscharen erschien nach Ablauf der drei Tage dem hl. Bischof Laurentius, während dieser in der Kirche „Santa Maria“ zu Gott flehte. Über diese zweite Erscheinung entnehmen wir den Akten des „Codice Vaticano“ Folgendes: St. Michael erschien am 20. September, verhieß dem Bischof den Sieg der Sipontiner über die Goten. Er riet ihm aber, die Feinde erst in der vierten Tagesstunde anzugreifen. Welch ein Wunder! In der dritten Stunde hüllte eine riesige Wolke den „Monte Gargano“ ein. Dies galt als offenkundiges Zeichen der Siegesgewißheit. Der Himmel mit schweren Wolken behangen, drohte den Feinden mit der Entfesselung von Blitzen. Krachende Donnerschläge rollten. Der Himmel verfinsterte sich zusehends. Fürchterliche Erdstöße ließen die Erde erbeben. Ein unheimlicher Sturm peitschte das Meer und wirbelte die Wogen tief auf. Des Himmels Feldmarschall schoß todbringende Blitze in die Reihen der Goten. Tod und Niederlage der Goten waren das Ende der Schlacht. Wenige konnten der Geißel des Himmels entkommen, fielen jedoch in die Hände der Sipontiner, wurden verfolgt und niedergeschlagen.

Nach diesem offensichtlichen Eingreifen St. Michaels ordnete der Bischof eine feierliche Prozession auf den „Monte Gargano“ an. Er erstieg mit den Seinen den Berg, um dem Herrn des Himmels und der Erde, sowie dem Kriegsminister St. Michael, unter dessen liebevollen Schutz die Welt gestellt ist, eine innige Danksagung darzubringen. An der Grotte angekommen, wagte niemand den geheiligten Ort zu betreten. Von außen betrachteten sie mit Ehrfurcht den hehren Sitz der Engel. Innige Dankgebete und Opfergaben brachten sie Gott dem Herrn dar, und gedachten in Verehrung des himmlischen Seraphin St. Michael.

Da Odoaker besiegt war, wählten die wenigen Überlebenden den Arier Totila zu ihrem Haupte. Durch besondere Hilfe des hl. Erzengls Michael wurde auch er gedemütigt und besiegt. Immer wieder zogen die Sipontiner unter der Führung des hl. Bischofs Laurentius auf den „Monte Gargano“, um an geheiligter Stätte seinen heiligen Schutz zu erflehen.

Totila erkor Betrug und Hintergehung zu seinen Trabanten, um sein Vorhaben zu verwirklichen. Er wollte sich des Bischofs entledigen. Er sandte in listiger Absicht sein unzähmbares Pferd an den Bischof und ließ ihn zu sich rufen, mit dem Hintergedanken, so der Bischof sein Pferd reite, werde es ihn abwerfen, sollte aber Laurentius des Tieres Herr werden und mit ihm in sein Lager gelangen, so werde er den Bischof gefangen nehmen. Doch das Ansinnen schlug fehl. Der Heilige betete in der Kirche „Santa Maria“ und erhielt himmlische Weisung, daß er dem Rufe Totilas ruhig folgen solle. Die Reise werde ihm eine ganz besondere Freude werden. Ausgerüstet mit dem hl. Kreuze bestieg der Bischof das Pferd. Kein Zeichen von Wildheit war bemerkbar, und gefügig trabte es davon. Heute noch liest man im Brevier von Siponto: „Laurentius ita mitem reddidit equum, ut nullum in eo feritatis signum remaneret.“ Das heißt: „So kehrte Laurentius mit dem zahmen Pferde zurück, und keinerlei Zeichen von Wildheit blieb in ihm.“

Totila erblickte in diesem wunderbaren Fingerzeig Gottes eine Einmischung des heiligen Michaels. Er hatte in der Folge nicht nur eine hohe Achtung für den ehrwürdigen Bischof, sondern er versprach ihm, die Belagerung der Sipontiner aufzuheben und in Zukunft denselben keinen Schaden mehr zuzufügen. Der Bischof kehrte auf diese Weise wieder froh und unversehrt an seinen Sitz zurück.

 

Dritte Erscheinung

Der heilige Laurentius begab sich mit den Seinen auf den „Monte Gargano“, um den dritten Jahrestag der Erscheinung zu feiern. Auch diesmal getraute sich die gläubige Schar aus Ehrerbietigkeit nicht, die Höhle zu betreten. „Orationi prae foribus insistunt“ (Sie brachten Ihre Gebete vor der Höhle dar). Das genannte Volk konnte sich aber nicht zufrieden geben und forderte in seiner Frömmigkeit, es möge die göttliche Opferhandlung im Innern der Höhle gefeiert werden. Aus diesem Grunde erflehte es, die Höhle möge dem kirchlichen Brauche gemäß geweiht werden. Der Oberhirte beschloß, den Papst in Rom darum zu befragen. Papst Sankt Gelasio, der sich zu jener Zeit auf dem Hügel St. Silvester aufhielt, gab den Bescheid: „Wären wir bestimmt, darüber zu beschließen, so sollte zum Weihetag der 29. September, der Tag des Sieges über die Barbaren bestimmt werden; es ist aber geraten, den Befehl des himmlischen Fürsten abzuwarten. In einem Triduum, zu Ehren der heiligen Dreifaltigkeit werdet Ihr, geliebter Bruder Laurentius, mit den geliebten Bischöfen von Canosa, Austerio von Venosa, Riccardo von Andria, Eutichio von Trani, Giovanni von Ruvo, Ruggero von Canne und Polladio von Salpi, ebenso werden alle Bürger und Diözesanen von Siponto, gleichzeitig nochmals ein Fastentriduum abhalten.“ Sobald der hl. Bischof Laurentius diese Antwort erhielt, lud er die angeführten Bischöfe ein, sie mögen am 23. September in Siponto eintreffen, zum Gebete, Fasten und zur vorgesehenen Weihe. Welch ein Wunder! Die Bischöfe begannen am 26. September das Fasten, Beten und Opfern, und siehe da, in der Nacht des dritten Tages erhörte Gott der Herr die Gebete seiner Diener. Dem hl. Laurentius wurde der Vorzug zuteil, die dritte Erscheinung zu erleben. Der glorreiche Erzengel Michael strahlend im hellsten Lichte sprach also zu ihm: Diese Kirche muß nicht mehr geweiht werden, da ich sie zu meinem Sitze erwählt habe, habe ich sie selbst geweiht. Tretet ein und eifert unter meinem Beistande im Gebete und feiert die hl. Opferhandlung, damit das Volk kommunizieren kann. Ich behalte mir vor, bekannt zu geben, wie ich diesen Ort geweiht habe. Laurentius wartete den folgenden Tag, den Freitag, nicht ab, sondern teilte sogleich seinen Mitbrüdern, den Bischöfen, und dem Volke die Offenbarung St. Michaels mit.

Und siehe da. Mit entblößten Füßen brachen Bischöfe und Volk prozessionweise auf und pilgerten zur geweihten Höhle.

Die Überlieferung berichtet: In den ersten Morgenstunden wurde die Pilgerfahrt durch die Kühle und angenehme Luft erleichtert. Mit dem Höhersteigen der Sonne, deren Strahlen alsdann auf den Berg herniederbrannten, wurde aber der Aufstieg auf den Berg umso mühsamer. Mit liebevoller Macht soll St. Michael eingegriffen haben.

Am Himmel erschienen vier riesig große Adler, von denen zwei mit ihren ausgebreiteten Schwingen die Bischöfe vor der sengenden Sonnenglut schützten. Die beiden andern schlugen fächerartig ihre Flügel und fächelten dem Volke kühlende Lüftchen.

So gelangte die fromme Pilgerschar an den Höhleneingang, den sie ehrfürchtig überschritt. Und siehe da! Ein neues Wunder wurde ihnen offenbar. Im Felsgestein fanden sie den Fußabdruck des hl. Erzengels Michael, und einen von ihm eigens errichteten Altar mit einem purpurnen Baldachin bedeckt. In der Mitte lag ein Kreuz aus Metall. Dies bezeugte die Echtheit der Weihe.

Der heilige Bischof brachte alsdann das erste hl. Opfer dar. Bei dieser denkwürdigen Gelegenheit sollen laut Bericht von Balzo zwei weitere Altäre vom Erzengel Michael errichtet worden sein. Zur Rechten des Erscheinungsortes einer zur Ehren der seligen Jungfrau, und zur Linken ein Altar zu Ehren der hl. Apostelfürsten Peter und Paul.

Dies der Bericht über die himmlische Weihe der Basilika des hl. Erzengel Michael auf dem „Monte Gargano“, dessen Andenken am 29. September jeden Jahres die hl. Kirche feiert.

 

Vierte Erscheinung

Im Jahre 1656 herrschte in ganz Italien der schwarze Tod, die Pest, und wütete ganz besonders stark in Neapel, daselbst hat sie rund 400’000 Menschen dahingerafft. Die Stadt Foggia wurde ebenfalls angesteckt und wurde sozusagen entvölkert. Die Stadt Manfredonia sah den Tod an ihrer Schwelle und ordnete alle Vorsichtsmaßregeln an. Wachen wurden um die Wohnstätten aufgestellt, zweckmäßige Befehle und Edikte erlassen. Zu Siponto war damals Monsignor Giovanni Alfonso Puccinelli Erzbischof. Die unmittelbare Züchtigung erschreckte ihn. Ganz besonders aber der Umstand, daß ihr menschlich nicht beizukommen war. Deshalb suchte er durch geistige Mittel die Gefahr zu bannen. Voll vertraute er dem besonderen Beistande des hl. Erzengels Michael. In Asche und Büßerhemd hielt er öffentliche Buß-Prozessionen ab und begab sich mit Klerus und Volk zum hl. Grottentempel. Im Gotteshause warf er sich auf sein Angesicht und rang unter Tränen und Seufzer lange Zeit um himmlischen Schutz. Alsdann ordnete er ein Fastentriduum an. Inzwischen nahte mit Riesenschritten die Pest, der Tod. Der gute Prälat war überzeugt, daß der hl. Erzengel Michael seine Hilfe nicht versagen werde, spornte das Volk an, umso inniger den Beistand des himmlischen Fürsten zu erflehen, und ja nicht zu ermüden. Ein zweites Fastentriduum wurde angeordnet und alle ermahnt, ja in Buße zu verharren. Soviel Seeleneifer wurde belohnt. Plötzlich sagte ihm eine innere Stimme, er möge im Namen der ganzen Stadt ein Bittschreiben auf den Altar des hl. Erzengels niederlegen, damit St. Michael für das Volk beim Throne Gottes vermittle. Sogleich vollbrachte er dies. Die wunderbare Wirkung blieb nicht aus.

Die Nacht des 22. September ging zur Neige. Fünf Uhr morgens weilte der Erzbischof in seinem Zimmer im Gebet, in Betrachtung vertieft. Da plötzlich hörte er vom Sonnenaufgange her einen bebenden Lärm, als ob er die Erde erschüttere. In einem Strahlenkleide, das funkelte wie ein Diamant, sah er den hl. Erzengel Michael vor sich. Er sprach ihn wie folgt an: Wisse, Hüter dieser Schäfchen, ich bin der Erzengel St. Michael, von der hl. Dreifaltigkeit habe ich erlangt, jeder, der mit Andacht die Steine meiner Basilika gebraucht, wird von Häusern, Städten und jedem Orte die Pest entfernen. Predigt und erzählt allen das göttliche Wunder. Ihr werdet die Steine segnen, auf ihnen ein Kreuz und meinen Namen eintragen.

Tränen der Rührung weinte der Bischof und konnte nur immer eines aussprechen: Es lebe Sankt Michael. Zur Stunde kündigte er dem Volke das große Wunder. In der Zwischenzeit hieß er von der Höhle kleine Felssteine abbrechen und bezeichnete diese dem Willen des hl. Erzengels Michael gemäß (S+M), darauf weihte er sie nach eigenem Ritus.

Die Wirkung zeigte sich bald durch die Flucht der Pest. Die unheilbare Seuche floh aus der Stadt Gargano und aus der Provinz, sowie aus allen Städten, die diese Steine verlangten, die zahlreich abgegeben wurden.

Zum immerwährenden Andenken an dies große Wunder und zur ewigen Dankbarkeit an den hl. Erzengel Michael, ließen Erzbischof Puccinelli und die Bürger auf dem alten Platze der Stadt einen Obelisken aufstellen, der heute noch als Denkmal dieser historischen Tat zeugt. Er trägt die Inschrift:

Dem Fürsten der Erzengel, Besieger der Pest, Patron und Beschützer, ein Denkmal von ewiger Dankbarkeit. Alfonso Puccinelli 1656.

Seither wird je am 15. Sonntag nach Pfingsten in der geweihten Grotte ein feierliches Hochamt und Te Deum gesungen. Dieser Brauch wird immer währen. Die frommen Könige wünschten, daß das Heiligtum königliche palatinische Basilika genannt werde. An diesem Tage wird zum Andenken die Prozession des hl. Steins abgehalten.

Dieser Brauch ist wohl der liebste Ritus für das Volk der Engelsstadt.

 

Schlußwort

In unserem Jahrhundert ist dieser Fürst des Himmels etwas vergessen worden, sonst ständen wir nicht da, wo wir heute stehen. Die Verehrung des hl. Erzengels Michael neu zu beleben, der den Siegesruf erschallen ließ: „Wer ist wie Gott“! ist ein dringendes Gebot der Stunde. Sankt Michael wird sich heute noch bewähren als der sieghafte Gottesstreiter. Wegen seines Mutes ist er ja auch der Patron der Soldaten und wir alle, als Soldaten Christi, wollen ihn aber auch zu unserm Schutze anrufen. Bekanntlich ist die Erzengel Michael-Wallfahrtskiche auf dem Monte Gargano das einzige Gotteshaus auf Erden, das von ihm persönlich geweiht worden ist. Die Geschichte beweist uns, daß diese sehr sehenswerte Wallfahrtskirche schon von solchen, die im Rufe der Heiligkeit standen, sowie von Päpsten, unzähligen Kardinälen und gelehrten Priestern früherer Zeiten, Archäologen, Künstlern, Dichtern usw. besucht wurde. Unter jenen Heiligen sei genannt: der hl. Thomas von Aquin, der hl. Franziskus von Assisi, der hl. Anselmo, der hl. Brunone, der hl. Vincenz Ferrer, der hl. Franz von Paola, der hl. Bernardin, der hl. Camillus von Lellis, der hl. Nikolaus, Bischof, der hl. Antonius der Abt, der hl. Gerard Majella, die hl. Ortolana, die hl. Katharina von Siena, die hl. Brigitta von Schweden usw. usw. Noch heute ist diese Wallfahrtskirche das Ziel von Massen von Besuchern. Im Innern ist die von St. Michael bewohnte Grotte noch zu sehen, sowie der von ihm selbst geweihte Altar. Beachtenswert sind hier ferner die Überreste des Normannen-Kastells, mit dem „Turm der Riesen“, das Grab des Rotaris, die uralten Kirchen St. Pietro, Santa Maria Maggiore und St. Franziskus, mit dem alten Kloster. Reizvoll sind die Spaziergänge hier oben durch die Überreste denkwürdiger Bauten dieser Umgebung, mit dem herrlichen Blick über den Golf von Manfredonia. Zu gewissen Zeiten im Jahre sieht man hier oben Leute von der ganzen Welt zusammenströmen, und die auffallenden Straßenbilder erinnern ganz deutlich an die Nähe des Orients…

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Mit kirchlicher Druckerlaubnis vom Ordinariat Basel in Solothurn, 14. April 1939
Aus dem Italienischen übersetzt und eingeleitet von Josef Kaufmann, Basel


Transkription: P.O. Schenker, © by Immaculata-Verlag, CH-9050 Appenzell

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Siehe ebenfalls:

Italien: Die Michaelsgrotte auf dem Monte Gargano

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Erzengel Michael

Das Grab des heiligen Franziskus in Assisi, die Ganzkörperreliquie von Pater Pio in San Giovanni Rotondo oder die Heiligen Berge im Piemont und in der Lombardei – Italien bietet unzählige Pilgerorte. Weniger bekannt ist allerdings die Michaelsgrotte auf dem Monte Gargano in Apulien. Der Legende nach soll gegen Ende des 5. Jahrhunderts hier der Erzengel Michael erschienen sein. Doch was macht diese unterirdische Kirche so besonders? Radio Vatikan hat mit dem Direktor des Heiligtums, Pater Ladislao Suchy, gesprochen:

„Das ist die einzige Kirche, die nicht durch menschliche Hand gesegnet worden ist, sondern durch einen Gesandten Gottes, durch den heiligen Michael. Wir wissen alle, dass der heilige Michael nur ein Erzengel, ein Geist ist. Er hat keinen Körper wie wir Menschen. Doch so wie der heilige Erzengel Gabriel Maria erschienen ist und ihr die Empfängnis des Erlösers, Jesus Christus, verkündete, so hat auch der heilige Michael stets Fleisch angenommen, wenn er den Menschen erschien. Im Alten Testament finden wir das oft. Man denke nur an die Erscheinung von Josua oder an die Patriarchen. Sie alle begegneten dem heiligen Michael, der sich ihnen stets als Fürst der Himmelsscharen vorstellte.“

Zahlreiche Päpste und Heilige haben das Michaelsheiligtum auf dem Gargano schon besucht, darunter Thomas von Aquin, Franz von Assisi, Katharina von Siena und zuletzt der heilige Johannes Paul II. Gemeinsam ist allen, dass sie neben dem Erzengel Michael vor allem die Gottesmutter verehrten. Viele dem Erzengel geweihten Kirchen wurden im Mittelalter zu Marienkirchen. Der Erzengel Michael und Maria – das passt, findet Pater Ladislao:

„Denn in beiden Fällen wird die Dienstbarkeit des Menschen und aller Geschöpfe gegenüber Gott zum Ausdruck gebracht: dass Gott stets im Zentrum ist und das wir Seine Geschöpfe sind, die von Ihm alles erhalten. Und der Mensch darf sich, wie schon Maria durch ihr Fiat, ganz dem Willen Gottes unterstellen. Durch ihre Worte „Siehe, ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe, wie du gesagt hast“ ist sie sozusagen  Mit-Erlöserin der Welt geworden. Ähnlich ist es mit dem heiligen Michael: Stets hilft er den Menschen bei der eigenen Erlösung wie auch der Erlösung aller Menschen – mit der Demut der Engel, die bei Gott sind, ihn anbeten und sich freuen, weil sie bei Ihm die ganze Fülle des Glücks gefunden haben.“

Dennoch: Einen richtigen Pilgeransturm kann man auf dem Monte Gargano nicht unbedingt verzeichnen. Woran liegt das?

„Das Michaelsheiligtum ist in den letzten Jahrhunderten etwas in Vergessenheit geraten, vor allem nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, als einige theologische Kreise oder bestimmte Bibelwissenschaftler die Existenz der Engel zu leugnen begannen. Das war eine sehr schmerzhafte Phase in der Geschichte der Kirche. Obwohl es auch heute einige Stimmen gibt, die Engel als poetische Figuren oder höchstens als Teil der biblischen Literatur erkennen, die mit der Realität nichts zu tun haben. Und das ist nicht wahr. Und die heutige Theologie ist da zum Glück auch anders gesinnt. Das haben wir vor allem den zahlreichen Katechesen des heiligen Johannes Paul II. zu verdanken, der uns damit eine wundervolle Ausarbeitung über die Lehre von Engeln und von Gott hinterließ; Gott, der sowohl die sichtbare als auch die unsichtbare Welt geschaffen hat. Hier spielen die Engel eine sehr wichtige Rolle und unter ihnen besonders Erzengel Michael. Sowohl im Alten als auch im Neuen Testament tritt er als Beschützer des auserwählten Volkes und der Kirche auf.“

Der Besuch in dem Michaelsheiligtum sei etwas Besonderes, weil „sein Wesen greifbar“ werde und zwar geistig.

„Und das ist nicht einfach nur eine emotionale Erfahrung. Wenn jemand diesen Ort oft aufsucht, wird er innerlich berührt. Der heilige Michael macht also sein Versprechen wahr, dass alle, die hierher pilgern, im Geist und Herzen geheilt werden. Deswegen vollbringt der heilige Michael hier auch öfter innere als äußere Wunder. Viele Wandlungen des Herzens sind hier schon geschehen. Deshalb hat auch der heilige Pater Pio die Menschen ermutigt, erst die Michaelsgrotte aufzusuchen, ehe sie bei ihm die Beichte ablagen. Um eben mit der Hilfe des heiligen Michael die eigene Lebenssituation reflektieren zu können. Das Pilgern heute ist eine Fortsetzung des Pilgerns im 5., 6., 7. Jahrhundert. Ganze Menschenmassen kommen hierher. Darunter sind auch oft Menschen, die der Kirche fern sind und an nichts glauben. Hier widerfahren ihnen Wunder. Eine „innere Erleuchtung“ sozusagen. Ab hier beginnt für viele oft ein neues Leben: ein Leben auf der Suche nach Gott, der Wahrheit und Seiner Liebe.“

(rv 14.06.2016 mk)

Siehe auch:

JOHANNES PAUL II.: KATECHESEN ÜBER DIE ENGEL

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Schöpfer aller Dinge, der sichtbaren und der unsichtbaren

1. Engel-Katechese: General-Audienz vom 9. Juli 1986

Der biblisch begründete Glaube an rein geistige Wesen

1. Unsere Katechesen über Gott, den Schöpfer der Welt, können wir nicht abschließen, ohne noch einem bestimmten Innhalt der göttlichen Offenbarung entsprechende Aufmerksamkeit zu widmen: nämlich der Erschaffung jener rein geistigen Wesen, die die Heilige Schrift ,,Engel“ nennt. Diese Schöpfung wird in den Glaubensbekenntnissen, besonders mit nicaeno-constantinopolitanischen, klar erwähnt, wenn es da heißt: „Ich glaube an den einen Gott, den allmächtigen Vater, Schöpfer des Himmels und der Erde, aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge“ (d.h. Wesen). Wir wissen, dass innerhalb der Schöpfung der Mensch eine einzigartige Stellung genießt: dank seines Leibes gehört er der sichtbaren Welt an, während er sich durch die Geistseele, die den Leib belebt, gleichsam an der Grenze zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Schöpfung befindet. Dieser unsichtbaren Schöpfung gehören nun nach der Aussage im Glaubensbekenntnis, das die Kirche im Lichte der Offenbarung bekennt, noch andere, rein geistige Wesen an. Sie gehören nicht der sichtbaren Welt an, sind aber in ihr gegenwärtig und tätig. Sie stellen eine eigene Welt dar.

2. Wie in vergangenen Zeiten, so spricht man auch heute mit mehr oder weniger Weisheit von diesen geistigen Wesen. Man muss zugeben, dass die Verwirrung dabei bisweilen recht groß ist. Das bringt die Gefahr mit sich, etwas als Glaube der Kirche über die Engel hinzustellen, was gar nicht zu diesem Glauben gehört, oder umgekehrt einen wichtigen Gesichtspunkt an dieser geoffenbarten Wahrheit zu übergehen.

Die Existenz der geistigen Wesen, die die Heilige Schrift für gewöhnlich „Engel“ nennt, wurde bereits zur Zeit Christi von den Sadduzäern geleugnet (Vgl. Apg 23,8). Ebenso wird sie von den Materialisten und Rationalisten aller Zeiten bestritten. Doch „wollte man sich von den Engeln befreien, so müsste man die Heilige Schrift selbst und mit ihr die ganze Heilsgeschichte radikal revidieren“. So hat ein moderner Theologe treffend bemerkt. (vgl. A. Winklhofer, Die Welt der Engel, Ettal 1961, S.144, Anm.2.; in Mysterium Salutis, II, 2, S. 726)) Die gesamte Überlieferung stimmt in der Frage nach der Existenz der Engel völlig überein: und das Glaubensbekenntnis der Kirche ist hier im Grunde nur des Echo auf das, was der heilige Paulus an die Kolosser geschrieben hat: ,,Denn in Ihm (Christus) wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne und Herrschaften. Mächte und Gewalten: alles ist durch lhn und auf lhn hin geschaffen (Kol 1,16). Des heißt: Christus. der als Sohn das ewige, mit den, Vater wesensgleiche Wort und der ,,Erstgeborene der ganzen Schöpfung“ (Kol 1,15) ist, steht im Mittelpunkt des ganzen Universums als Grund und Angelpunkt der ganzen Schöpfung.

3. Die Bezugnahme auf den Vorrang (Primat) Christi hilft uns verstehen, dass die Wahrheit von der Existenz und vom Wirken der (guten und bösen) Engel keineswegs den zentralen Inhalt der Wortoffenbarung Gottes bildet. Denn in der Offenbarung redet Gott vor allem die Menschen an… und verkehrt mit ihnen, um sie in seine Gemeinschaft einzuladen und aufzunehmen, wie wir in der Dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung „Dei Verbum“ Nr. 2 lesen. So bildet „die tiefe Wahrheit… über Gott und des Heil der Menschen“ den Hauptinhalt der göttlichen Offenbarung, der uns in der Person Jesu Christi am vollständigsten aufleuchtet. Die Offenbarungswahrheit von den Engeln ist gewissermaßen nur eine den Rahmen bildende (kollaterale), aber von der Hauptoffenbarung nicht zu trennende Wahrheit. Die Hauptoffenbarung ist die von der Existenz, Majestät und Herrlichkeit des Schöpfers, wie sie in der ganzen sichtbaren und unsichtbaren Schöpfung und im Heilswirken Gottes in der Geschichte des Menschen aufleuchten. Die Engel sind demnach in der Wirklichkeit der göttlichen Offenbarung nicht Geschöpfe ersten Ranges, aber sie gehören voll dazu; ja manchmal sehen wir sie sogar im Namen Gottes selbst fundamentale Aufgaben erfüllen.

4. Alles, was zur Schöpfung gehört, gehört gemäß der göttlichen Offenbarung zum Geheimnis der göttlichen Vorsehung. Das hat auf besonders treffliche Weise das I. Vatikanische Konzil deutlich gemacht in den folgenden Worten: ,,Alles, was Gott geschaffen hat, erhält und leitet er mit seiner Vorsehung, die machtvoll ihre Kraft vom einen Ende (der Welt) zum andern entfaltet und voll Güte das All durchwaltet (vgl. Weish 8,1). ,Alles liegt nackt und bloß vor seinen Augen‘ (vgl. Hebr 4,13), auch das, was aus freier Initiative der Geschöpfe geschehen wird“ (DS 3003).

Die Vorsehung umfasst also auch die Welt der reinen Geister, die noch viel mehr als die Menschen freie Vernunftwesen sind. In der Heiligen Schrift finden wir wertvolle Hinweise auf sie. Dort findet sich auch die Offenbarung eines geheimnisvollen, aber wirklichen Dramas, das diese Engelwesen betraf, ohne dass irgend etwas der ewigen Weisheit entgangen wäre, die machtvoll (fortiter) und zugleich gütig (suaviter) alles im Reich des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes zur Vollendung führt.

5. Vor allem kommen wir dabei zur Erkenntnis, dass die göttliche Vorsehung als liebevolle Weisheit Gottes gerade in der Erschaffung rein geistiger Wesen offenbar wird. Ihre Gottähnlichkeit kommt dabei besonders gut zum Ausdruck, die alles in der sichtbaren Welt Erschaffene, den Menschen eingeschlossen, der gleichfalls ein unauslöschliches Ebenbild Gottes ist, weit überragt. Denn Gott, der absolut vollkommene Geist, spiegelt sich vor allem in den geistigen Wesen wider, die Ihm von ihrer Natur her, d.h. wegen ihrer Geistigkeit, viel näher stehen als die materiellen Geschöpfe. Sie bilden gleichsam die allernächste ,,Umgebung“, gewissermaßen den Hofstaat des Schöpfergottes. Die Heilige Schrift liefert ein recht deutliches Zeugnis dieser ganz großen Gottesnähe der Engel, wenn sie dort in bildhafter Sprache von ihnen als dem „Thron“ Gottes, als seinen „Scharen“, seinem „Himmel“ spricht. Die Heilige Schrift hat hier die Dichtung und die Kunst der christlichen Jahrhunderte inspiriert, die uns die Engel als „Gefolge Gottes“ darstellen.

Schöpfer der Engel, die Freiheit hatten

2. Engel-Katechese: General-Audienz vom 23. Juli 1986

Die Scheidung der Geister in der Engelwelt

1. Heute führen wir unsere Katechese über die heiligen Engel fort, dessen Existenz, gewollt durch einen Akt der göttlichen Liebe, wir mit den Worten des nicaeno-constantinopolitanischen Glaubensbekenntnisses bekennen: „Ich glaube an den einen Gott, den Vater den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde, der sichtbaren und der unsichtbaren Dinge.“

In der Vollkommenheit ihrer Geistnatur sind die Engel von Anfang an kraft ihres Intellekts dazu berufen, die Wahrheit zu erkennen und das Gute zu lieben, das sie in viel umfassenderer und vollkommenerer Weise, als dies dem Menschen möglich ist, in der Wahrheit erkennen. Diese Liebe ist ein freier Willensakt, auf Grund dessen auch für die Engel ihre Freiheit die Möglichkeit in sich schließt, eine Entscheidung für oder gegen das Gute, das sie erkennen, also für oder gegen Gott selbst, zu treffen.

Es muss hier wiederholt werden, was bereits in bezug auf den Menschen gilt: Mit der Erschaffung freier Wesen wollte Gott, dass sich in der Welt jene wahre Liebe verwirkliche, die einzig und allein auf der Grundlage der Freiheit möglich ist. Gott wollte also, dass das nach seinem Bild und Gleichnis geformte Geschöpf Ihm, der „die Liebe“ ist (1 Joh 4,16), möglichst vollkommen ähnlich werden könne. Wenn Gott die reinen Geister als freie Wesen erschaffen hat, so musste Er in seiner Vorsehung auch die Möglichkeit zur Sünde der Engel voraussehen. Aber weil die göttliche Vorsehung ewige Weisheit ist, die liebt, so wusste Gott aus der Geschichte dieser Sünde, die als Sünde eines reinen Geistes unvergleichlich radikaler ist, das endgültig Gute des ganzen geschaffenen Kosmos zu gewinnen.

2. Tatsächlich scheiden sich die reinen Geister, wie die Offenbarung deutlich sagt, in gute und böse. Diese Scheidung ist jedoch nicht durch Gottes Schöpfungstat bewirkt worden, sondern auf Grund der Freiheit der Geistnatur, die einem jeden dieser rein geistigen Wesen zu eigen ist. Diese Scheidung wurde bewirkt durch die Entscheidung, die bei den rein geistigen Wesen einen unvergleichlich radikaleren Charakter besitzt und unwiderruflich (irreversibel), d.h. nicht rückgängig zu machen ist in Anbetracht des hohen Grades von intuitiver Erkenntnis und Durchdringung des Guten, womit der Verstand dieser Geistwesen ausgestattet ist.

In diesem Zusammenhang muss nun gesagt werden, dass die reinen Geister — wie später die Menschen — einer moralischen Prüfung unterworfen worden sind. Dabei ging es um eine Entscheidung vor allem im Hinblick auf Gott selbst, der von den reinen Geistwesen seinem Wesen nach stärker und unmittelbarer erkannt wurde, als dies dem Menschen möglich ist, zumal Gott diesen Geistwesen noch vor dem Menschen die Teilhabe an seiner göttlichen Natur geschenkt hat.

3. Gott ist das erste und höchste Gut, das seinem Wesen nach von den reinen Geistwesen stärker und direkter bejaht, beziehungsweise abgelehnt werden konnte, als dies im Wirkungskreis des freien Willens des Menschen geschehen kann. Die reinen Geister haben ja eine unvergleichlich vollkommenere Erkenntnis Gottes als der Mensch, weil diese kraft ihres Intellekts von der sinnenhaften Vermittlung der Erkenntnis (wie beim Menschen) weder bedingt noch beschränkt wird. Die reinen Geister sehen und erkennen die Größe des unendlichen Seins, der ersten Wahrheit, des höchsten Gutes, bis auf den Grund. Dieser tiefen (sublimen) Erkenntnisfähigkeit der reinen Geister bot Gott das Geheimnis seiner Göttlichkeit dar. Er machte die reinen Geister gnadenhaft zu Teilhabern an seiner unendlichen Herrlichkeit: Eben weil die Engel Wesen reiner Geistnatur sind, war in ihrem Verstand die Fähigkeit und das Verlangen nach dieser übernatürlichen Erhöhung gegeben, zu der sie Gott berufen hatte, um ihnen noch vor dem Menschen ,,Anteil an der göttlichen Natur“ (vgl. 2 Petr 2,4) zu gewähren. Sie sollten so Teilhaber am innersten Leben dessen werden, der in der Gemeinschaft der drei göttlichen Personen ,, die Liebe ist“ (1 Joh 4,16). Gott hatte alle reinen Geister früher als den Menschen und viel stärker als ihn zur ewigen Gemeinschaft der Liebe zugelassen.

4. Die Entscheidung, die auf Grund der besonderen Klarheit ihres Intellekts und der so in höherer Form erkannten Wahrheit über Gott von den Engeln getroffen wurde, hat die Welt der reinen Geister in Gute und Böse geteilt. Die Guten haben Gott als höchstes und endgültiges Gut erwählt, das sie im Lichte des von der Offenbarung erleuchteten Intellekts erkannt hatten. Ihre Entscheidung für Gott bedeutete, dass sie sich mit der ganzen inneren Kraft ihrer Freiheit, der Kraft, die Liebe ist, Ihm zugewandt haben. Gott ist zum totalen und endgültigen Ziel ihrer geistigen Existenz geworden. Die anderen Engel jedoch haben sich von Gott abgewandt, ganz im Gegensatz zu der erkannten Wahrheit, die Ihn doch als das umfassende und endgültige Gut auswies. Diese gefallenen Engel haben ihre Entscheidung gegen die Offenbarung des Geheimnisses Gottes getroffen, gegen seine Gnade, durch die Er sie teilhaben ließ an seiner Dreifaltigkeit und an der ewigen Freundschaft und Liebesgemeinschaft mit sich. Auf Grund ihrer geschöpflichen Freiheit haben sie eine ebenso radikale und irreversible Wahl getroffen wie die guten Engel, jedoch dieser diametral entgegengesetzt: statt Gott liebevoll anzunehmen, haben sie Ihm eine Absage erteilt, die bestimmt war vom irrigen Gedanken ihrer Unabhängigkeit, von Ablehnung und sogar von Hass, der sich schließlich in Rebellion verwandelte.

5. Wie soll man eine solche Opposition und Rebellion gegen Gott bei solchen Wesen verstehen, die doch mit so lebendigem Intellekt begabt und mit solcher Geistesklarheit ausgestattet waren? Was kann der Grund für eine so radikale und nicht mehr rückgängig zu machende Entscheidung gegen Gott sein? Was kann der Grund für einen so tiefen Hass sein? Er kann eigentlich nur als Frucht des Wahnsinns erscheinen! Kirchenväter und Theologen zögern nicht, von Verblendung zu sprechen, hervorgerufen durch Überschätzung der Vollkommenheit des eigenen Seins und so weit getrieben, dass diesen reinen Geistern die Oberhoheit Gottes verschleiert wurde, der von ihnen einen Akt williger und gehorsamer Unterwerfung verlangt hatte. Das alles scheint überaus treffend in den Worten ausgedrückt zu sein: ,,Ich will nicht dienen!“ (Jer 2,20). Diese Worte zeigen die radikale, nicht mehr rückgängig zu machende Weigerung, am Aufbau des Reiches Gottes in der geschaffenen Welt teilzunehmen. Satan, der rebellische Geist, will sein eigenes Reich, nicht das Reich Gottes. Er erhob sich zum ersten Widersacher des Schöpfers, zum Gegner der Göttlichen Vorsehung, zum feindseligen Streiter gegen die liebende Weisheit Gottes. Aus der Auflehnung und der Sünde Satans, wie auch der des Menschen, müssen wir, die weise Erfahrung der Heiligen Schrift aufgreifend, den Schluss ziehen: ,,Der Stolz führt ins Verderben“ (Tob 4,13).

Schöpfer der unsichtbaren Dinge: der Engel

3. Engel-Katechese: General-Audienz vom 30. Juli 1986

Die Engel als Bild von Gott

1. In den vorangegangenen Katechesen haben wir nachgedacht über den Glaubensartikel, in dem wir Gott als Schöpfer nicht nur der ganzen sichtbaren Welt preisen und bekennen, sondern auch als den Schöpfer der „unsichtbaren Dinge“, und wir haben die Frage der Existenz der Engel erörtert, welche gerufen worden waren, eine Entscheidung für oder gegen Gott in einem radikalen und unkehrbaren Akt der Annahme oder der Zurückweisung von Gottes erlösendem Willen abzulegen.

Gemäß der Heiligen Schrift sind die Engel, insofern sie reine geistige Schöpfungen sind, gegenwärtig zu unserer Reflektion als eine besondere Verwirklichung des „Bildes von Gott“, des vollkommensten Geistes, wie Jesus selbst die Samaritanerin mit den Worten erinnert: „Gott ist Geist“ (Joh 4,24). Von diesem Gesichtspunkt sind die Engel die Geschöpfe, die am nächsten dem göttlichen Beispiel sind. Der Name, der ihnen von der Heiligen Schrift gegeben wird, zeigt an, dass, was am meisten in der Offenbarung zählt, ist die Wahrheit hinsichtlich der Aufgaben der Engel in Beziehung zum Menschen: Engel (angelus) bedeutet tatsächlich „Kurier“; das hebräische malak, benutzt im Alten Testament, bedeutet genauer „Gesandter “ oder „Botschafter“. Die Engel, geistige Geschöpfe, haben eine Funktion der Vermittlung und des Ministeriums in der Beziehung zwischen Gott und Mensch. Unter diesem Aspekt sagt der Brief an die Hebräer, dass dem Christus ein „Name“ gegeben worden ist, und daher ein Dienst der Vermittlung, weit dem der Engel überlegen (vgl. Heb 1,4).

Sorge

2. Das alte Testament hebt besonders die spezielle Teilnahme der Engel in der Feier der Herrlichkeit hervor, die der Schöpfer als Tribut des Lobs von Seiten der geschaffenen Welt empfängt. Die Psalmen sind in speziell Weise Auslegungen dieser Stimme, wenn sie z.B. ausrufen „Halleluja! Lobt den Herrn vom Himmel her, lobt ihn in den Höhen: Lobt ihn, all seine Engel, …(Ps 148,1-2). Ähnlich in Psalm 102 (103): „Lobt den Herrn, ihr seine Engel, / ihr starken Helden, die seine Befehle vollstrecken, seinen Worten gehorsam! (Ps 102 [ 103]:20). Dieser letzte Vers von Psalm 102 anzeigt, dass die Engel in einer ihnen eigenen Weise teilnehmen, an Gottes Regierung über der Schöpfung, als „die mächtigen, die sein Wort vollziehen“ entsprechend dem Plan, der von Gottes Vorsehung erstellt wird. Den Engeln im besonderen ist anvertraut eine besondere Sorgfalt für das Volk, dessen Bitten und Gebete sie Gott darbringen, wie, erwähnt z.B. im Buch von Tobit (Vgl. besonders Tob 3,17 und 12,12). Der Psalm 90 ruft aus: Denn er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen. Sie tragen dich auf ihren Händen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt; Ps 90-[91]:11-12). Nach dem Buch von Daniel kann es gesagt werden, dass die Aufgaben der Engel als Botschafter des lebendigen Gottes nicht nur für einzelne Menschen und für diejenigen, die spezielle Aufgaben haben, gegeben werden, sondern auch für ganze Nationen (Dan 10,13-21)

3. Das neue Testament beleuchtet die Rolle der Engel in der messianischen Mission Christi und vor allem im Geheimnis der Menschwerdung des Sohnes Gottes, wie wir in der Erzählung der Verkündigung der Geburt des Johannes des Täufers (vgl.. Lk 1,11), des Christus selbst (vgl. Lk 1,26), in der Erklärung und in den Aufträgen beobachten, die Maria und Joseph (vgl. Lk 1,30-37; Mt 1,20-21) erteilt werden, in der Verkündigung an die Hirten in der Nacht der Geburt des Herrn (Lk 2,9-15), im Schutz des neugeborenen Kindes vor der Gefahr der Verfolgung durch Herodes (vgl. Mt 2,13).

Weiter wird in den Evangelien vom Vorhandensein der Engel während Jesus‘ vierzig Tage Fasten in der Wüste (Mt 4,11) und während des Gebets in Gethsemani. gesprochen. Nach der Auferstehung Christi ist dort auch ein Engel, der unter der Gestalt eines jungen Mannes erscheint, und zu den Frauen, die zum Grab geeilt waren und überrascht waren, es leer zu finden, sagt „Fürchtet euch nicht! ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier; denn er ist auferstanden, … geht schnell zu seinen Jüngern ..(Mt 28,5-7). Zwei Engel wurden auch von Maria Magdalena gesehen, die durch eine persönlichen Erscheinung von Jesus beschenkt wurde (Joh 20,12-17; vgl.. auch Lk 24:4). Die Engel erscheinen den Aposteln nach Auferstehung Christi, um ihnen zu sagen. „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor? Dieser Jesus, der von euch ging und in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen. (Apg 1,10-11). Sie sind die Engel von ihm, die, wie der hl. Petrus schreibt, „der in den Himmel gegangen ist; dort ist er zur Rechten Gottes, und Engel, Gewalten und Mächte sind ihm unterworfen. (1 Petr 3,22)

4. Wenn wir das zweite Kommen Jesu Christi in der Parusie betrachten, finden wir dass all die synoptischen Evangelien anmerken, dass „der Menschensohn… in der Herrlichkeit des Vaters mit den heiligen Engeln kommen wird (so Mk 8,38;wie auch Mt 16,27; und Mt 25,31 in der Beschreibung des letzten Gerichts; und Lk 9,26; vgl. auch den hl. Paulus in 2 Thess 1,7). Es kann folglich gesagt werden, dass die Engel, als reine Geister, nicht nur an der Heiligkeit Gottes selbst in ihrer eigenen Weise teilnehmen, sondern in den Schlüsselmomenten umgeben sie Christus und begleiten ihn in der Erfüllung seiner Erlösungs-Mission hinsichtlich der Menschheit. In der gleichen Weise hat auch die ganze Tradition und das ordentliche Lehramt der Kirche all die Jahrhunderte hindurch den Engeln diesen besonderen Charakter und diese Funktion des messianischen Dienstes zugeschrieben.

Die Teilnahme der Engel an der Heilsgeschichte

4. Engel-Katechese: General-Audienz vom 6. August 1986

In dieser Generalaudienz vom 6. August merkte Papst Johannes Paul II. an, dass die moderne Mentalität die Wichtigkeit der Engel nicht sieht. Doch im Zusammentreffen mit der Welt der Engel kommt der Mensch dazu, sein eigenes Sein zu sehen, nicht nur als Körper, sondern auch als Geist.

Die ,,stets das Antlitz des himmlischen Vaters schauen“

1. In den vorausgegangenen Katechesen haben wir gesehen, wie sich die Kirche, erleuchtet durch das Licht, das die Heilige Schrift schenkt, durch die Jahrhunderte hindurch zur Wahrheit von der Existenz der Engel, dieser von Gott geschaffenen reinen Geistwesen, bekannt hat. Im nicaeno-constantinopolitanischen Glaubensbekenntnis bekannte sie diese Wahrheit von Anfang an und bestätigte sie auf dem IV. Lateran-Konzil, dessen Lehrentscheidung vom I. Vatikanischen Konzil wieder aufgegriffen wurde im Zusammenhang mit der Lehre von der Schöpfung: Gott ,,hat zu Beginn der Zeit beide Schöpfungen zugleich aus dem Nichts ins Dasein gerufen, die geistige und die körperliche, nämlich die der Engel und die der stofflichen (materiellen) Welt; dann hat er die Menschennatur erschaffen, der beides eigen ist, da sie aus Geist und Leib besteht“ (De fide cath. DS 3002). Das heißt: Gott erschuf am Anfang beide Wirklichkeiten, die geistige und die körperliche, die irdische und die der Engel. Das alles erschuf Er zugleich (simul)…

2. Zusammen mit dem Glauben an die Existenz der Engel erkennt der Glaube der Kirche auch bestimmte Züge an der Natur der Engel. Ihr rein geistiges Wesen schließt vor allem neben ihrem nicht-materiellen Dasein ihre Unsterblichkeit ein. Die Engel haben keinen Leib; sie können freilich unter bestimmten Umständen aufgrund ihrer Sendung zugunsten der Menschen in sichtbarer Gestalt erscheinen. Sie sind nicht dem Gesetz der Vergänglichkeit unterworfen, das die ganze materielle Welt beherrscht. Jesus selbst hat dort, wo er über das zukünftige Leben der Auferstandenen spricht, bezüglich der Natur der Engel gesagt: ,,Sie (die Auferstandenen) können nicht mehr sterben, weil sie den Engeln gleich geworden… sind“ (Lk 20,36).

3. Insofern die Engel Wesen von geistiger Natur sind, sind sie mit Verstand und freiem Willen ausgestattet, genau wie der Mensch, aber von höherem Grad als dieser, und doch auch nur in begrenzter, endlicher Weise infolge der Grenzen, die allen Geschöpfen eigen sind.

Die Engel sind also personale Wesen und darum wie der Mensch ebenfalls ,,Bild und Gleichnis“ Gottes. Die Heilige Schrift gibt den Engeln auch Benennungen, und zwar nicht nur persönliche wie die Eigennamen Gabriel, Rafael und Michael, sondern auch Gattungsnamen wie die Bezeichnungen Serafim, Kerubim, Throne, Mächte, Gewalten, Fürsten; die Heilige Schrift unterscheidet auch zwischen Engeln und Erzengeln.

Wenn wir die analogisierende und darstellende Ausdrucksweise des heiligen Textes berücksichtigen, so können wir daraus entnehmen, dass diese personalen Wesen fast wie in Gesellschaften gruppiert sind und sich nach Ordnungen und Abstufungen einteilen lassen, entsprechend dem Maß ihrer Vollkommenheit und den ihnen anvertrauten Aufgaben. Frühe Autoren wie Dionysios der Areopagite sprechen ferner —wie es auch die Liturgie der Kirche tut – von neun Engelchören. Die Theologie, besonders die patristische und die mittelalterliche, hat diese Darstellungsweise nicht zurückgewiesen, sondern versucht, ihr eine lehrmäßige und mystische Erklärung zu geben, ohne ihr jedoch einen absoluten Wert beizumessen.

Der heilige Thomas von Aquin hat es vorgezogen, das Erkennen und Wollen und die Erhebung dieser reinen Geister in die Übernatur tiefer zu erforschen, sei es in bezug auf ihre Würde auf der Stufenleiter der Geschöpfe, sei es in bezug auf ihre geistigen Fähigkeiten und Tätigkeiten, um daraus das, was dem Geist an sich zu eigen ist, besser und gründlicher zu erforschen und um daraus dann Licht zu empfangen über die Grundprobleme, die von jeher das menschliche Denken bewegen und anregen: die Erkenntnis, die Liebe, die Gelehrigkeit Gott gegenüber, die Vollendung seines Reiches.

4. Das Thema, das wir berührt haben, mag heutigen Menschen fern liegen oder für das Leben wenig wichtig vorkommen. Und doch glaubt die Kirche, dem Menschen damit einen großen Dienst zu erweisen, wenn sie freimütig die ganze Wahrheit vom Schöpfergott, auch vom Erschaffer der Engel, vorlegt.

Der Mensch ist überzeugt, dass sich in Christus, dem Gottmenschen, der Mittelpunkt der göttlichen Offenbarung befindet. Die Engel sind nicht im Mittelpunkt. Dabei aber wird die im Glauben vollzogene Begegnung mit der Welt der reinen Geistwesen für den Menschen zu einer kostbaren Offenbarung seiner eigenen, nicht nur leiblichen, sondern auch geistigen Natur und seines Einbezogenseins in einen wahrhaft großartigen und wirksamen Heilsplan mit einer Gemeinschaft von personalen Wesen, die für den Menschen und mit dem Menschen den Plänen der göttlichen Vorsehung dienen.

5. Wir stellen fest, dass die Heilige Schrift und die Tradition speziell jene Geistwesen als Engel bezeichnet, die bei der grundlegenden Prüfung sich in freier Entscheidung für Gott, für seine Ehre und für sein Reich, entschieden haben. Sie sind mit Gott verbunden in der verzehrenden Liebe, die aus der beseligenden Schau der heiligsten Dreifaltigkeit von Angesicht zu Angesicht hervorgeht. Jesus selbst hat gesagt: ,,Die Engel schauen stets das Antlitz meines himmlischen Vaters im Himmel“ (Mt 18,10). Dieses ,,stets das Antlitz des Vaters im Himmel schauen“ ist höchster Ausdruck der Anbetung Gottes, ja man kann sagen, es stellt jene ,,himmlische Liturgie“ dar, die im Namen des gesamten Universums vollzogen wird und die sich unaufhörlich mit der irdischen Liturgie der Kirche verbindet, vor allem in den Höhepunkten der Liturgiefeier: Es sei nur daran erinnert, dass die Kirche sich täglich, ja sogar stündlich über die ganze Welt hin zu Beginn des eucharistischen Hochgebetes im Herzstück der heiligen Messe auf die Engel und Erzengel beruft, um das Lob des dreimal heiligen Gottes zu singen und sich so mit jenen ersten Anbetern Gottes in der Verehrung und liebenden Anerkennung des unaussprechlichen Geheimnisses seiner Heiligkeit zu vereinen.

6. Wie uns die göttliche Offenbarung auch noch kundtut, sind die Engel, die am dreifaltigen Leben Gottes im Glorienlicht Anteil haben, auch dazu berufen, an der Heilsgeschichte der Menschen Anteil zu nehmen; vor allem in jenen Augenblicken, die vom Plan der Göttlichen Vorsehung besonders festgesetzt sind. Der Verfasser des Hebräerbriefes fragt: ,,Sind sie (die Engel) nicht alle dienende Geister, ausgesandt, um denen zu helfen, die das Heil erben sollen (Hebr 1,14)?.

Das glaubt und lehrt die Kirche aufgrund der Heiligen Schrift, aus der wir erfahren, dass der Schutz der Menschen und die Sorge um ihr Heil Aufgabe der guten Engel ist. Das finden wir an verschiedenen Stellen der Heiligen Schrift zum Ausdruck gebracht, z.B. im Psalm 90/91: ,,Er (Gott) befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen. Sie tragen dich auf ihren Händen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt“ (Ps 90/91, 11—12). Als Jesus einmal von den Kindern sprach und die Mahnung gab, ihnen kein Ärgernis zu geben, berief er sich auf ,,ihre Engel“ (Mt 18,10). Er schrieb überdies den Engeln Zeugnisfunktion im Endgericht Gottes über das Los derer zu, die Christus anerkannt oder zurückgewiesen haben: ,,Wer sich vor den Menschen zu Mir bekennt, zu dem wird sich auch der Menschensohn vor den Engeln Gottes bekennen. Wer Mich aber vor den Menschen verleugnet, der wird auch vor den Engeln Gottes verleugnet werden“ (Lk 12, 8-9; vgl. auch Offb 3,5). Diese Worte sind bedeutungsvoll, denn wenn die Engel am Gericht Gottes teilnehmen, so sind sie am Leben des Menschen interessiert, ein Interesse und eine Anteilnahme ist das, wie dies in der Rede Jesu über die Endzeit, in der Er die Engel auch bei der Parusie, bei seiner endgültigen Wiederkunft am Ende der Geschichte, beteiligt sein lässt, besonders unterstrichen wird.

Unter den Büchern des Neuen Testamentes lässt uns besonders die Apostelgeschichte einige Tatsachen erkennen, die bezeugen, dass und wie die Engel um den Menschen und sein Heil besorgt sind. So, wenn ein Engel Gottes die Apostel aus dem Gefängnis befreit (vgl. Apg 5, 18—20), vor allem auch Petrus befreit, der von Herodes mit dem Tod bedroht war (vgl. Apg 12, 5—10); oder wenn ein Engel den heiligen Petrus bei all dem führt und leitet, was dieser hinsichtlich des Hauptmanns Kornelius, des ersten aus dem Heidentum Bekehrten, unternimmt. Ähnliches gilt von dem, was Philippus auf der Straße von Jerusalem nach Gaza getan hat (Apg 8, 26—29).

Mit Hilfe dieser wenigen beispielhaft angeführten Tatsachen lässt sich verstehen, dass sich im Bewusstsein der Kirche die Überzeugung herausbilden konnte, dass den Engeln zugunsten der Menschen ein Dienst anvertraut ist. Darum bekennt die Kirche ihren Glauben an die Schutzengel und verehrt sie mit einem eigenen Fest und empfiehlt uns, wir sollten uns ihnen häufig im Gebet anvertrauen, etwa in den bekannten Anrufungen des Schutzengels. Es ist, als ob solche Gebete sich die schönen Worte des heiligen Basilius zu eigen machten: ,,Jeder Gläubige hat einen Engel als Beschützer und Hüter neben sich, der ihn zum Leben führen soll. (vgl. Basilius, Adv. Eunomium, III,1; vgl. auch Thomas v. Apuin, Summa Theologica I, qu.11, a3.) Abschließend sei noch die Gelegenheit wahrgenommen und bemerkt, dass die Kirche in ihrer Liturgie drei Engel besonders verehrt; sie werden in der Heiligen Schrift mit Namen genannt. Der erste ist der Erzengel Michael (vgl. Dan 10, 13—20; Offb 12,7; Jud 7). Sein Name drückt zusammenfassend die wesentliche Haltung der guten Geister aus:

,,Mica-El“ heißt nämlich ,,Wer ist wie Gott?“ In diesem Namen finden wir also die heilbringende Entscheidung ausgedrückt, dank welcher die Engel ,,das Antlitz des himmlischen Vaters schauen‘‘. Der zweite ist Gabriel, eine Gestalt, die vor allem mit dem Geheimnis der Menschwerdung des Gottessohnes verbunden ist (vgl. Lk 1, 19—26). Sein Name bedeutet: ,,Meine Macht ist Gott“ oder ,,Macht Gottes“, als ob er sagen wollte, das auf dem Höhepunkt der Schöpfung die Menschwerdung das erhabenste Zeichen des allmächtigen Vaters darstellt. Der dritte Erzengel schließlich heißt Rafael: ,,Rafa-El“ bedeutet: ,,Gott heilt“. Er ist uns bekannt geworden aus der Geschichte des Tobias im Alten Testament (vgl. Tob 12, 15—20 usw.). Diese Geschichte ist so bedeutsam im Hinblick darauf, dass wir die kleinen Kinder Gottes, die immer der Obhut, der Sorge und des Schutzes bedürfen, den Engeln anvertrauen.

Wenn wir ein wenig darüber nachdenken, sehen wir dass aus jeder dieser drei Gestalten Mica-EL, Gabri-EL und Rafa-EL auf besondere Weise die Wahrheit aufleuchtet, die in der vom Verfasser des Hebräerbriefes gestellten Frage enthalten ist: ,,Sind sie (die Engel) nicht alle dienende Geister, ausgesandt, um denen zu helfen, die das Heil erben sollen“ (Hebr 1,14)?

Der Fall der rebellierenden Engel

5. Engel-Katechese: General-Audienz vom 13. August 1986

Der Teufel — Mörder und Zerstörer der reinen Gottesbeziehung

1. Wir wollen das Thema der letzten Katechesen, die dem Glaubensartikel über die Engel als Geschöpfe Gottes gewidmet waren, fortsetzen und uns noch näher mit der Untersuchung des Geheimnisses der Freiheit befassen, von der einige Engel einen Gebrauch gemacht haben, der gegen Gott und seinen Heilsplan hinsichtlich der Menschen gerichtet war.

Wie der Evangelist Lukas bezeugt, sprach Jesus in jenem Augenblick, als die Jünger voll Freude über die bei ihrer Probemission geernteten Früchte zum Meister zurückkehrten, einen Satz aus, der zum Nachdenken anregt: ,Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen‘ (Lk 10,18). Mit diesen Worten bestätigt der Herr, dass die Verkündigung des Reiches Gottes immer einen Sieg über den Teufel darstellt, aber zugleich zeigt er auch, dass der Aufbau dieses Reiches fortwährend den Nachstellungen des Bösen Feindes ausgesetzt ist. So ist die Aufmerksamkeit darauf zu richten, sich auf den Zustand des Kampfes einzustellen, der in diesem letzten Zeitabschnitt der Heilsgeschichte zum Leben der Kirche gehört, wie es das Buch der Geheimen Offenbarung des Johannes bestätigt. (vgl. 12,7: ,,Da entbrannte im Himmel ein Kampf; Michael und seine Engel erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen…“). Anderseits erlaubt uns diese Katechese, den rechten Glauben der Kirche klarzustellen gegenüber jenen, die ihn verzerrt darstellen, indem sie die Bedeutung des Teufels übertreiben, und gegenüber jenen anderen, die die Existenz des Teufels leugnen oder seine schädliche Macht und Tätigkeit verharmlosen.

Die vorausgegangenen Katechesen über die Engel haben uns darauf vorbereitet, die in der Heiligen Schrift geoffenbarte und von der Tradition der Kirche uns überlieferte Lehre vom Satan, dem gestürzten Engel, dem bösen Geist, der auch Teufel oder Dämon heißt, zu verstehen.

2. Der ,, Sturz“ des Teufels, gekennzeichnet durch die Ablehnung Gottes und den daraus folgenden Zustand der Verdammung, besteht in der freien Entscheidung jener geschaffenen Geister, die radikal und unwiderruflich Gott und sein Reich zurückgewiesen, sich Gottes Herrscherrechte angemaßt und versucht haben, die Heilsökonomie und die Ordnung alles Geschaffenen umzukehren. Ein Ausdruck dieser Haltung findet sich in den Worten des Versuchers, die er zu den Stammeltern sprach: ,,Ihr werdet wie Gott“, oder ,,wie Götter“ (vgl. Gen 3,5). So versucht der böse Geist jene Haltung der Rivalität, der Widersetzlichkeit und der Opposition gegen Gott, die gleichsam zur Begründung seiner ganzen eigenen Existenz geworden ist, den Menschen einzupflanzen.

3. Was das Alte Testament im Buch Genesis über den Sturz des Menschen berichtet, deutet auf die Haltung der Gegnerschaft hin, die Satan in den Menschen hineintragen will, um ihn zum Zuwiderhandeln zu bringen (vgl. Gen 3,5). Auch im Buch Job (1,11; 2,5—7) lesen wir, dass Satan den Versuch macht, den Menschen, der leidet, zur Auflehnung gegen Gott aufzustacheln. Im Buch der Weisheit (2,24) wird Satan als Urheber des Todes vorgestellt, der zusammen mit der Sünde in die Geschichte des Menschen eingetreten ist.

4. Auf dem IV. Laterankonzil hat die Kirche gelehrt, dass der Teufel (Satan) und die anderen Dämonen ,,von Gott gut geschaffen wurden, aber durch ihren eigenen Willensentscheid böse geworden sind“. Im Judasbrief (Vers 6) lesen wir: ,,Die Engel, die ihren hohen Rang missachtet und ihren Wohnsitz verlassen haben, hat er mit ewigen Fesseln in der Finsternis eingeschlossen, um sie am großen Tag zu richten.“ Ähnlich wird im zweiten Petrusbrief (2,4) von Engeln gesprochen, ,,die gesündigt haben“ und die Gott ,,nicht verschont, sondern in die finsteren Höhlen der Unterwelt verstoßen“ hat und sie ,,dort eingeschlossen hält bis zum Gericht“. Es ist nun klar: Wenn Gott die Sünde der Engel ,,nicht verzeiht“, so tut Er das, weil sie in ihrer Sünde bleiben und weil sie auf ewig in den ,,Fesseln“ jener Entscheidung sind, die sie am Anfang, als sie Gott ablehnten, gegen die Wahrheit des höchsten und endgültigen Gutes, gegen Gott selbst getroffen haben. In diesem Sinn schreibt der heilige Johannes über den Teufel: ,,Er war ein Mörder von Anfang an. Und er steht nicht in der Wahrheit, denn es ist keine Wahrheit in ihm“ (Joh 8,44). ,Der Teufel sündigt von Anfang an“, heißt es im 1. Johannesbrief (3,8).

5. Diese Schrifttexte helfen uns, die Natur und das Ausmaß der Sünde Satans zu verstehen. Sie besteht in der Ablehnung der Wahrheit von Gott, der im Lichte des Verstandes und der übernatürlichen Wortoffenbarung als das unendliche Gut, als die wesenhafte Liebe und Heiligkeit erkannt wird. Diese Sünde war umso größer, je größer die geistige Vollkommenheit und der erkennende Scharfblick des Intellekts der Engel und je größer ihre Freiheit und ihre Gottesnähe waren. Indem der Satan die erkannte Wahrheit von Gott durch einen Akt seines freien Willens ablehnte, wurde er zum kosmischen ,,Lügner“ und „Vater der Lüge“ (Joh 8,44). Darum lebt er in der radikalen, nicht mehr umkehrbaren Verneinung Gottes und sucht der Schöpfung und in ihr den anderen als Abbild Gottes geschaffenen Wesen, besonders den Menschen, seine tragische Lüge über jenes Gut, das Gott selber ist, aufzunötigen.

Im Buch Genesis finden wir eine genaue Beschreibung dieser Lüge und der Verfälschung der Wahrheit von Gott, die Satan in Gestalt der Schlange den ersten Vertretern des Menschengeschlechtes aufzudrängen suchte: Gott sei eifersüchtig auf seine Vorzüge und lege dem Menschen Einschränkungen auf. Satan fordert den Menschen auf, sich von dem ihm auferlegten Joch zu befreien und ,wie Gott“ zu werden.

6. In diesem Zustand existentieller Lüge wird Satan – nach dem Wort des heiligen Johannes – auch zum Mörder, d.h. zum Zerstörer des übernatürlichen Lebens, das Gott im Anfang ihm und den anderen als Abbild Gottes erschaffenen Wesen verliehen hatte, nämlich den anderen reinen Geistwesen und den Menschen. Der Satan will das Leben nach der Wahrheit, das Leben in der Fülle des Guten, das übernatürliche Gnadenleben und das der Liebe zerstören. Der Verfasser des Buches der Weisheit hat geschrieben: ,,Durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt, und ihn erfahren alle, die ihm angehören“ (Weish 2,24). Im Matthäus-Evangelium (10,28) mahnt Jesus Christus: „…fürchtet euch vor dem, der Seele und Leib in das Verderben der Hölle stürzen kann!“

7. Als Folge der Sünde der Stammeltern hat dieser gestürzte Engel in einem gewissen Maß die Herrschaft über den Menschen gewonnen. Diese Lehre hat die Kirche immer ausdrücklich bekannt und verkündet; das Konzil von Trient (vgl. DS 1511) hat sie im Kapitel über die Erbsünde bestätigt; sie findet in der Taufliturgie einen dramatischen Ausdruck, wenn der Katechumene aufgefordert wird, dem Teufel und seinen Verführungen zu widersagen.

Verschiedene Hinweise auf diese teuflische Beeinflussung des Menschen in seiner geistigen und sogar körperlichen Verfassung finden wir in der Heiligen Schrift, wo der Satan ,,der Herrscher dieser Welt (vgl. Joh 12,31; 14,30; 16,11), ja sogar ,,Gott dieser Weltzeit“ (2 Kor 4,4) genannt wird. Noch viele andere Namen gibt es, die die unheilvollen Beziehungen des Teufels zum Menschen beschreiben: ,,Beelzebub“ oder ,,Belial“, „unreiner Geist“, „der Böse“ und schließlich „der Antichrist“ (1 Joh 4,3). Er wird mit einem Löwen verglichen (1 Petr 5,8), mit einem Drachen (vgl. Offb 12,3.4.7.9.13.15.17; 13,2.4.11; 16,13,20,3) und mit einer Schlange (vgl. Gen 3). Sehr oft wird das Wort „diabolos“ = Teufel gebraucht, um ihn zu benennen; dabei kommt dieses Wort vom griechischen Zeitwort ,,diabállein“ in der Bedeutung von Zerstörung und Spaltung verursachen, verleumden, täuschen. Und wirklich geschieht ja das alles seit jeher durch den Bösen Feind, den die Heilige Schrift als Person vorstellt; er beteuert dabei, nicht allein zu sein: ,,Wir sind viele“, schreien die Dämonen im Gebiet der Gerasener Jesus entgegen (Mk 5,9); Jesus aber spricht bei der Beschreibung des zukünftigen Gerichts vom ,,Teufel und seinen Engeln“ (vgl. Mt 25,41).

8. Nach der Heiligen Schrift des Alten und besonders des Neuen Testaments umfassen Herrschaft und Einflussnahme Satans und der anderen bösen Geister die ganze Welt. Wir denken da an das Gleichnis Jesu vom Acker, der die Welt ist, an das Gleichnis vom guten Samen und vom Unkrautsamen, den der Teufel mitten unter den Weizen in der Absicht sät, die gute Saat in den Herzen zu vernichten (vgl. Mt 13,38—39). Wir denken auch an die zahlreichen Mahnungen zur Wachsamkeit (vgl. Mt 26,41; 1 Petr 5,8), an das Gebet und das Fasten (vgl. Mt 17,21) und denken an die nachdrückliche Versicherung des Herrn Jesus: ,,Diese Art von Dämonen kann nur durch Gebet ausgetrieben werden“ (Mk 9,29).

Die Tätigkeit Satans besteht vor allem darin, die Menschen zum Bösen zu verführen, indem er ihr Vorstellungsvermögen und ihre höheren Fähigkeiten beeinflusst, um sie in die dem Gesetz Gottes entgegengesetzte Richtung zu lenken. Satan stellte sogar Jesus auf die Probe (vgl. Lk 4,3—13) mit dem extremen Versuch, den Forderungen der Heilsökonomie, so wie sie von Gott geplant war, entgegenzuarbeiten.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass der Böse Feind es in gewissen Fällen so weit treibt, seinen Einfluss nicht nur auf materielle Dinge, sondern auch auf den Leib des Menschen auszuüben. Man spricht dann von ,,Besessenheit durch den Teufel“ (vgl. Mk 5,2—9). Es ist oft schwierig, das Außernatürliche, das in solchen Fällen vorkommt, zu unterscheiden, die Kirche versteht sich nicht leicht dazu und gibt nicht leicht der Tendenz nach, viele Tatsachen der direkten Intervention des Teufels zuzuschreiben. Aber vom Prinzip her kann man es nicht verneinen, dass der Satan in seinem Wollen, zu schaden und zum Bösen zu verführen, es zu dieser extremen Bekundung seiner Gewalt bringen kann.

9. Schließlich müssen wir noch hinzufügen, dass die beeindruckenden Worte des Apostels Johannes: ,,Die ganze Welt steht unter der Macht des Bösen“ (1 Joh 5,19) auch auf die Präsenz (Anwesenheit) Satans in der Geschichte der Menschheit hindeuten, eine Präsenz, die sich allmählich zuspitzt, wenn der Mensch und die Gesellschaft sich von Gott entfernen. Der Einfluss des bösen Geistes kann ganz tief im Dunkeln verborgen am Werk sein; es entspricht ja seinen Interessen, unerkannt zu bleiben. Die besondere Gewandtheit des Teufels in dieser Welt besteht darin, die Menschen dazu zu verführen, seine Existenz zu leugnen, und zwar im Namen des Rationalismus und eines jeden derartigen Denksystems, das alle möglichen Ausflüchte sucht, um ja nicht das Wirken des Teufels zugeben zu müssen. Das bedeutet aber nicht, dass dem Menschen sein freier Wille und die Verantwortung genommen und das Heilswirken Christi hinfällig würde. Es handelt sich vielmehr um einen Konflikt zwischen den finsteren Gewalten des Bösen und der Kraft der Erlösung. In dieser Hinsicht sind die Worte Jesu zu Petrus am Beginn der Passion vielsagend: „…Simon, der Satan hat verlangt, dass er euch wie Weizen sieben darf. Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht erlischt“ (Lk 22,31).

Darum begreifen wir, wie Jesus das Gebet, das Er uns gelehrt hat, das Vaterunser, das das Gebet vom Gottesreich ist, fast herb abschließt, ganz im Gegensatz zu vielen anderen Gebeten seiner Zeit. Er erinnert uns an unsere Lage als solche, die den Nachstellungen des Bösen, des Widersachers, ausgesetzt sind. Der Christ, der im Namen Jesu den Vater im Himmel anruft und um das Kommen seines Reiches bittet, ruft mit der Kraft des Glaubens: Lass uns nicht in der Versuchung unterliegen, erlöse uns von dem Bösen! Gib, Herr, dass wir nicht in die Untreue fallen, zu der uns jener verführen möchte, der von Anfang an untreu war.

 

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Der Sieg Christi besiegt das Böse

6. Engel-Katechese: General-Audienz vom 20. August 1986

Der Heilige Vater schloss seine Katechese über Gott den Schöpfer „der unsichtbaren Dinge“, indem er über den Sieg Christi über die bösen Geister sprach.

Die Überwindung Satans

1. Unsere Katechesen über Gott, den Schöpfer der ,,unsichtbaren“ Dinge, haben uns dazu geführt, unseren Glauben, soweit er die Wahrheit über den Bösen oder den Satan betrifft, zu klären und zu stärken. Der Böse war sicherlich nicht von Gott, der höchsten Liebe und Heiligkeit, gewollt, und die weise und starke göttliche Vorsehung weiß unser Dasein zum Sieg über den Fürsten der Finsternis zu führen. Der Glaube der Kirche lehrt uns ja, dass die Macht Satans nicht unendlich ist. Er ist nur ein Geschöpf, als reines Geistwesen zwar mächtig, aber doch immer ein Geschöpf, mit den Grenzen des Geschöpfes, dem Willen und der Herrschaft Gottes unterworfen. Wenn Satan in der Welt aus Hass gegen Gott und sein Reich am Werk ist, dann ist ihm das von der göttlichen Vorsehung zugestanden, die mit Macht und Güte (,fortiter et suaviter“) die Geschichte des Menschen und der Welt lenkt. Wenn die Machenschaften Satans gewiss auch den einzelnen und der Gesellschaft viel Schaden zufügen — geistiger und indirekt auch körperlicher Natur —, so ist er aber doch nicht imstande, die endgültige Bestimmung, auf die hin der Mensch und die ganze Schöpfung angelegt sind, nämlich das Gute, zunichte zu machen. Er kann den Aufbau des Gottesreiches nicht verhindern, in welchem am Ende die Gerechtigkeit und Liebe des Vaters zu den von Ewigkeit her im Sohn, dem göttlichen Wort, vorherbestimmten Geschöpfen zu voller Verwirklichung kommen. Wir können sogar mit dem heiligen Paulus sagen, dass selbst das Werk des Bösen schließlich zum Guten führt (vgl. Röm 8,28) und den Auserwählten zum Ruhm gereicht.

Totale Erlösung

2. So kann die ganze Geschichte der Menschheit im Dienst der sich vollziehenden allumfassenden Erlösung gesehen werden, die geprägt ist vom Sieg Christi über den ,,Herrscher dieser Welt“ (Joh 12,31; 14,30; 16,11). ,,Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen“ (Lk 4,8), ist die unumstößliche Antwort Christi an den Satan. In einem dramatischen Augenblick seines Dienstes, als ihn jemand herausfordernd beschuldigte, die Dämonen auszutreiben, weil er mit Beelzebub, dem Anführer der Dämonen, verbündet sei, antwortet Jesus mit den ernsten und doch auch tröstlichen Worten: ,,Jedes Reich, das in sich gespalten ist, geht zugrunde, und keine Stadt und keine Familie, die in sich gespalten ist, wird Bestand haben. Wenn also der Satan den Satan austreibt, dann liegt der Satan mit sich selbst im Streit. Wie kann sein Reich dann Bestand haben?… Wenn ich aber die Dämonen durch den Geist Gottes austreibe, dann ist das Reich Gottes schon zu euch gekommen‘ (Mt 12,25—26; 28). ,Solange ein bewaffneter starker Mann seinen Hof bewacht, ist sein Besitz sicher; wenn ihn aber ein Stärkerer angreift und besiegt, dann nimmt ihm der Stärkere all seine Waffen weg, auf die er sich verlassen hat, und verteilt die Beute“ (Lk 11,21—22). Die Worte, die Christus in bezug auf den Satan sprach, finden ihre geschichtliche Erfüllung im Kreuz und in der Auferstehung des Erlösers. Wie wir im Brief an die Hebräer lesen, hat Christus das menschliche Dasein geteilt bis hin zum Kreuz, „um durch seinen Tod den zu entmachten, der die Gewalt über den Tod hat, nämlich den Teufel, und um die zu befreien, die… der Knechtschaft verfallen waren“ (Hebr 2,14—15). Das ist die große Gewissheit des christlichen Glaubens: ,,Der Herrscher dieser Welt ist gerichtet“ (Joh 16,11); ,,der Sohn Gottes ist erschienen, um die Werke des Teufels zu zerstören“ (1 Joh 3,8), wie uns der heilige Johannes bestätigt. Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene, hat sich also als jener ,Stärkere“ geoffenbart, der den ,,starken Mann“, den Teufel, besiegt und dem er die Gewalt genommen hat.

Die Kirche hat Anteil am Sieg Christi über den Teufel: Christus hat in der Tat seinen Jüngern die Gewalt gegeben, Dämonen auszutreiben (vgl. Mt 10,1 und parallel Mk 16,17). Die Kirche übt diese sieghafte Gewalt aus durch den Glauben an Christus und durch das Gebet (vgl. Mk 9,29; Mt 17‘19f), das in bestimmten Fällen die Form des Exorzismus annehmen kann.

3. Diese geschichtliche Phase des Sieges Christi ist von der Ankündigung und dem Beginn des Endsieges, der Parusie, geprägt, des zweiten und endgültigen Kommens Christi am Schluss der Geschichte, auf das hin das Leben des Christen entworfen ist. Wenn es auch wahr ist, dass die irdische Geschichte weiterhin abläuft unter dem Einfluss ,,jenes Geistes, der“ —wie der heilige Paulus sagt — ,in den Ungehorsamen wirksam ist“ (Eph 2,2), so wissen die Gläubigen doch, dass sie dazu berufen sind, für den endgültigen Sieg des Guten zu kämpfen: ,,Denn wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen die Fürsten und Gewalten, gegen die Beherrscher dieser finsteren Welt, gegen die bösen Geister des himmlischen Bereichs“ (Eph 6,12).

Endgültiger Sieg

4. Der Kampf wird allmählich, wenn es dem Ende zugeht, in gewissem Sinn immer heftiger, wie es vor allem die Offenbarung des heiligen Johannes hervorhebt, das letzte Buch des Neuen Testamentes (vgl. Offb 12,7—9). Aber gerade dieses Buch betont die Gewissheit, die uns von der ganzen göttlichen Offenbarung gegeben ist: dass nämlich der Kampf mit dem endgültigen Sieg des Guten endet. In diesem Sieg, der bereits im voraus im Ostergeheimnis Christi enthalten ist, erfüllt sich definitiv die erste Ankündigung aus dem Buch Genesis, die den bezeichnenden Namen Protoevangelium trägt. Darin hält Gott der Schlange entgegen: ,,Feindschaft setze ich zwischen dich und die Frau“ (Gen 3,15). In dieser entscheidenden Phase wird Gott das Geheimnis seiner väterlichen Vorsehung zur Vollendung bringen und jene ,,der Macht der Finsternis entreißen“, die er ewig ,,in Christus vorausbestimmt hat“, und wird sie ,,in das Reich seines geliebten Sohnes aufnehmen“ (vgl. Kol 1,13-14). Dann wird der Sohn dem Vater auch das ganze Universum unterwerfen, damit ,,Gott herrscht über alles und in allem“ (1 Kor 15,28).

5. Hier schließen die Katechesen über Gott, den Schöpfer der ,,sichtbaren und unsichtbaren Dinge“, die wir in der Anordnung unserer Darlegungen mit der Wahrheit über die göttliche Vorsehung verbunden hatten. In den Augen des Glaubenden ist ganz offensichtlich das Geheimnis vom Anfang der Welt und der Geschichte unlösbar verbunden mit dem Geheimnis des Endes, in dem alles Erschaffene seiner Bestimmung gemäß zur Erfüllung kommt. Das Credo, das viele Wahrheiten so organisch verbindet, ist wirklich die harmonisch aufgebaute Kathedrale unseres Glaubens. In fortschreitender und organischer Weise konnten wir staunend das große Geheimnis der Weisheit und Liebe Gottes in seinem Handeln als Schöpfer des Kosmos, der Menschen und der Welt der reinen Geistwesen, bewundern. Wir haben den trinitarischen Urgrund dieses Handelns betrachtet, die weise Zielbestimmung für das Leben des Menschen, der ein wahres ,,Abbild Gottes“ ist und berufen, seine volle Würde in der Anschauung der göttlichen Herrlichkeit zu finden. Wir haben Licht empfangen über eines der größten Probleme, die den Menschen beunruhigen und von denen seine Suche nach der Wahrheit erfüllt ist: das Problem des Leidens und des Bösen. An dessen Wurzel steht nicht eine Fehlentscheidung von Seiten Gottes, sondern sein Wunsch und in gewisser Weise sein Wagnis, uns als Freie zu erschaffen, um uns als Freunde zu haben. Aus der Freiheit ist das Böse hervorgegangen. Aber Gott gibt nicht nach, und in seiner transzendenten Weisheit bestimmt er uns zu seinen Söhnen und Töchtern in Christus und leitet alles mit Macht und Milde, damit das Gute nicht vom Bösen besiegt wird.

Nun müssen wir uns von der göttlichen Offenbarung bei der Untersuchung anderer Geheimnisse unserer Erlösung führen lassen. Einstweilen haben wir eine Wahrheit in uns aufgenommen, die jedem Christen am Herzen liegen muss: die Existenz reiner Geistwesen, Geschöpfe Gottes, die im Anfang alle gut waren und sich dann durch eine sündhafte Entscheidung der einen unwiderruflich in Engel des Lichtes und Engel der Finsternis getrennt haben. Und während die Existenz der bösen Engel uns zur Wachsamkeit aufruft, damit wir nicht ihren Verlockungen nachgeben, sind wir gewiss, dass die siegreiche Macht Christi, des Erlösers, unser Leben umgibt, damit auch wir siegen. Dabei helfen uns kräftig die guten Engel, die Boten der Liebe Gottes, an die wir unser Gebet richten, wie es die Überlieferung der Kirche uns lehrt: ,,Engel Gottes, mein Beschützer, erleuchte, bewahre, leite und regiere mich, der ich von Gottes Vatergüte dir anvertraut bin. Amen.“

 

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7. Engel-Katechese: Homilie bei der Wallfahrt zum Monte Gargano am 24. Mai 1987

Sankt Michael – Beschützer und Verteidiger der Kirche

1. Es ist mir eine Freude, heute (24. Mai 1987) in eurer Mitte zu weilen im Schatten dieses dem Erzengel Michael geweihten Heiligtums, das seit 15 Jahrhunderten Ziel von Pilgerfahrten und Bezugspunkt derer ist, die Gott suchen und Christus nachfolgen wollen, «denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten» [Kol l, 16]. Herzlich grüße ich euch alle, ihr Pilger, die ihr aus dem Umkreis des Gargano, dieses wunderbaren Gebirgszuges, gekommen seid, der dem Blick des Besuchers reizvolle Ausblicke auf die liebliche, blühende Landschaft mit ihren charakteristischen Gruppen knorriger Ölbäume auf den Felsen bietet.

2. Wie einst viele meiner Vorgänger auf dem Stuhl Petri bin auch ich hierher gekommen, um einen Augenblick lang die diesem Heiligtum eigene Atmosphäre – Schweigen, Gebet und Buße – zu genießen; ich bin gekommen, um den Erzengel Michael zu verehren und ihn anzurufen, damit er die Kirche in einem Moment schütze und verteidige, in dem es schwierig ist, ein authentisches christliches Zeugnis ohne Kompromisse oder Halbheiten zu geben.

Seit Papst Gelasius I. im Jahr 493 gestattete, die Grotte der Erscheinungen des Erzengels Michael als Gottesdienststätte zu gestalten, ihr auch selbst seinen ersten Besuch abstattete und dabei den Ablass «Perdono angelico» gewährte, sind viele Päpste seinen Spuren gefolgt und haben diesen heiligen Ort verehrt. Zu ihnen zählt man Agapitus I., Leo IX., Urban II., Innozenz II., Cölestin III., Urban VI-, Gregor IX., den heiligen Petrus Cölestinus und Benedikt IX. Auch zahlreiche Heilige sind hierher gekommen, um Kraft und Trost zu schöpfen: ich möchte den heiligen Bernhard, den heiligen Wilhelm von Vercelli – den Gründer der Abtei Montevergine -, den heiligen Thomas von Aquin und die heilige Katharina von Siena nennen. Mit Recht berühmt geworden und immer noch in lebhafter Erinnerung ist der Besuch des heiligen Franz von Assisi, der zur Vorbereitung auf die Fastenzeit 1221 hierher kam. Die Überlieferung berichtet, dass er, der sich nicht für würdig hielt, in die heilige Grotte einzutreten, bei ihrem Eingang stehen blieb und auf einem Stein ein Kreuzzeichen einritzte.

Dieser lebendige und nie unterbrochene Strom berühmter und einfacher Pilger, der seit dem Hochmittelalter bis in unsere Tage aus diesem Heiligtum einen Ort der Begegnung im Gebete und der Stärkung des christlichen Glaubens gemacht hat, bezeugt, wie sehr die Gestalt des Erzengels Michael, Hauptfigur vieler Seiten des Alten und Neuen Testaments, vom Volk verehrt und angerufen wird, und wie sehr die Kirche seines himmlischen Schutzes bedarf, des Schutzes dessen, der in der Bibel als der große Kämpfer gegen den Drachen, den Anführer der Dämonen, vorgestellt wird. Wir lesen in der Offenbarung: «Da entbrannte im Himmel ein Kampf; Michael und seine Engel erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen. Der Drache und seine Engel kämpften, aber sie konnten sich nicht halten, und sie verloren ihren Platz im Himmel. Er wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel und Satan heißt und die ganze Welt verführt; der Drache wurde auf die Erde gestürzt, und mit ihm wurden seine Engel hinabgeworfen»(Offb 12,7-9]. Der Autor des heiligen Textes legt uns in dieser dramatischen Beschreibung den Fall des ersten Engels vor, der vom Ehrgeiz verführt wurde, «wie Gott» zu werden. So erklärt sich auch die Reaktion des Erzengels Michael, dessen hebräischer Name «Wer ist wie Gott?» das Eintreten für die Einzigkeit und Unverletzbarkeit Gottes zum Ausdruck bringt.

3. Die Angaben der Offenbarung über die Persönlichkeit und die Rolle des heiligen Michael sind zwar lückenhaft, aber sehr beredt. Er ist der Erzengel [Jud 9], der sich für die unveräußerlichen Rechte Gottes einsetzt. Er ist «der große Engelfürst, der für die Sühne des Gottesvolkes eintritt» [Dan 12,1], aus dem der Erlöser hervorgehen wird. Das neue Volk Gottes ist jetzt die Kirche. Das ist nun der Grund, warum sie Michael als ihren Beschützer und Helfer in all ihren Kämpfen für die Verteidigung und Ausbreitung des Reiches Gottes auf Erden betrachtet. Wenn auch, der Versicherung des Herrn gemäß, «die Mächte der Unterwelt sie nicht überwältigen werden» [Mt 16,18], so bedeutet das jedoch nicht, dass wir keine Prüfungen und Kämpfe gegen die Hinterlist des Bösen zu bestehen haben.

In diesem Kampf steht der Erzengel Michael der Kirche zur Seite, um sie gegen alle Bosheiten der Welt zu verteidigen und den Gläubigen beim Widerstand gegen den Dämon beizustehen, der «wie ein brüllender Löwe umhergeht und sucht, wen er verschlingen kann» [l Petr 5,8].

Dieser Kampf gegen den Dämon, der die Gestalt des Erzengels Michael kennzeichnet, ist auch heute aktuell, weil der Dämon noch immer lebt und in der Welt wirkt. Tatsächlich, das Böse, das sich in ihr findet, die Unordnung in der Gesellschaft, die Widersprüchlichkeit des Menschen, die innere Zerbrochenheit, deren Opfer er ist, sind nicht nur Folgen der Erbsünde, sondern auch des verheerenden und dunklen Wirkens Satans, dieses hinterlistigen Feindes des moralischen Gleichgewichtes des Menschen, den der heilige Paulus entschieden als den «Gott dieser Weltzeit» bezeichnet, da er sich als gerissener Betörer kundtut, der es versteht, sich ins Spiel unseres Handelns einzuschleichen, um dort Abweichungen zu bewirken, die ebenso schädlich wie unseren instinktiven Wünschen scheinbar gemäß sind. Deshalb warnt der Völkerapostel die Christen vor den Hinterhalten des Dämons und seines zahlreichen Gefolges, wenn er die Bewohner von Ephesus auffordert: «Zieht die Rüstung Gottes an, damit ihr den listigen Anschlägen des Teufels widerstehen könnt. Denn wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen die Fürsten und Gewalten, gegen die Beherrscher dieser finsteren Welt, gegen die bösen Geister des himmlischen Bereichs» [Eph 6,11-12]. An diesen Kampf erinnert die Gestalt des Erzengels Michael, dem die Kirche sowohl des Ostens als auch des Westens stets besondere Verehrung entgegengebracht hat. Wie bekannt, errichtete Konstantin das erste ihm geweihte Heiligtum in Konstantinopel: das berühmte Michaelion, dem in jener neuen Hauptstadt des Reiches zahlreiche andere, dem Erzengel geweihte Kirchen folgten. Im Westen verbreitete sich die Verehrung des heiligen Michael vom 5. Jahrhundert an in vielen Städten: in Rom, Mailand, Piacenza, Genua und Venedig; die berühmteste der vielen Verehrungsstätten ist jedoch sicher die auf dem Gargano. Der Erzengel wird hier auf dem 1076 in Konstantinopel gegossenen Bronzetor dargestellt, wie er den höllischen Drachen erlegt. Dies ist das Symbol, mit dem ihn die Kunst darstellt und die Liturgie anruft. Alle erinnern sich an das Gebet, das vor Jahren am Ende der heiligen Messe gesprochen wurde: «Heiliger Erzengel Michael, verteidige uns im Kampfe …» Ich werde dieses Gebet gleich im Namen der ganzen Kirche wiederholen.

Vorher jedoch erteile ich euch allen, die ihr hier anwesend seid, sowie euren Familien und allen Menschen, die euch teuer sind, meinen Segen, der auch all jenen gilt, die an Leib und Seele leiden.

„Heiliger Erzengel Michael, verteidige uns im Kampfe. Gegen die Bosheit und die Nachstellung des Teufels sei unser Schutz. Gott gebiete ihm! So bitten wir flehentlich. Du aber, Fürst der himmlischen Heerscharen, stürze den Satan und die anderen bösen Geister, die zum Verderben der Seelen in der Welt umherschleichen, in der Kraft Gottes hinab in die Hölle.“ (Papst Leo XIII.)

Leo XIII. und der Erzengel Michael – Gedenkjahr 2017: 100 Jahre Fatima statt 500 Jahre Luther

Papst Leo XIII(Rom) Es war der 13. Oktober 1884, genau auch selben Tag sollte 1917, 33 Jahre später, in Fatima die letzte Erscheinung der Gottesmutter Maria stattfinden. Papst Leo XIII. hatte gerade die Zelebration der Heiligen Messe beendet. Unerwartet blieb er zehn Minuten regungslos in der Kapelle des Vatikans vor dem Tabernakel stehen. Die Anwesenden waren ganz erstaunt und beobachteten, wie der Papst ganz blaß im Gesicht wurde.

Plötzlich eilte der Papst ohne irgendwelche Erklärungen direkt in sein Büro. Am Schreibtisch brachte er ein Gebet an den Erzengel Michael zu Papier und erteilte Weisung, es am Ende einer jeden Heiligen Messe zu beten. Erst später gab er Zeugnis vom Erlebten. Er hatte in der Nähe des Tabernakels die Stimmen des Satans und von Jesus gehört und eine erschütternde Schauung der Hölle gehabt. Eine Schauung, in der die Dämonen die Welt beherrschten und die Kirche Gottes in ärgste Bedrängnis brachten.

„Ich hab die Erde gesehen, eingehüllt in Finsternis und umgeben von einem Abgrund. Ich habe Legionen von Dämonen daraus hervorkommen sehen, die sich über die ganze Erde verteilten, um die Werke der Kirche zu zerstören und die Kirche selbst anzugreifen, die ich dem Ende nahe sah. Da erschien der Heilige Michael und stürzte die bösen Geister in den Abgrund zurück. Ich sah den Heiligen Erzengel Michael eingreifen, nicht in jenem Augenblick, sondern viel später, sobald die Menschen ihre eifrigen Gebete zum Erzengel verstärken.“

Anweisung Leos XIII. das Erzengel-Michael-Gebet nach jeder Heiligen Messe zu beten

Ab 1886 wurde das Gebet, auf Anweisung des Papstes, am Ende aller Heiligen Messen als „Gebet in besonderen Anliegen“ in der Landessprache angefügt.

Heiliger Erzengel Michael,
schirme uns im Streite.
Gegen die Bosheit und Arglist des Teufels sei unser Schutz.
Gott gebiete ihm, so bitten wir flehentlich;
du aber, Fürst der himmlischen Heerscharen,
stürze den Satan und die anderen bösen Geister,
die zum Verderben der Seelen die Welt durchschweifen,
in der Kraft Gottes hinab in die Hölle. Amen.

Sancte Michael Archangele,
defende nos in proelio;
contra nequitiam et insidias diaboli esto praesidium.
Imperet illi Deus, supplices deprecamur:
tuque, Princeps militiae caelestis,
Satanam aliosque spiritus malignos,
qui ad perditionem animarum pervagantur in mundo,
divina virtute in infernum detrude. Amen.

 

DIE ERSTERSCHAFFENEN GOTTES

Allmächtiger, ewiger GOTT, verleihe uns die Hilfe Deiner himmlischen Heerscharen, damit wir durch sie vor den apokalyptischen Schrecken der bösen Mächte verschont werden und durch das kostbare Blut unseres Herrn JESUS CHRISTUS und die Fürbitte der Unbefleckten Empfängnis von dieser Not befreit, Dir in Frieden dienen können. Amen.

Erzengel Michael

Erzengel Michael – der Fürst aller Engel (der himmlischen Heerscharen)

Einführung

Alles, was wir von den heiligen Engeln denken, sagen oder schreiben, ist vom menschlichen Erkennen und Erleben her gedacht, gesagt oder geschrieben. Es reicht nie an die wirkliche Größe, Schönheit oder Macht der Engel heran. Wir können uns die Engel, diese reinen, seligen Geister, nicht durch die menschliche Ver­nunft allein vorstellen. Wir erhalten aber eine Ahnung von ihnen, wenn wir andächtig die Heilige Schrift durchblättern und wenn uns dabei die Augen geöffnet werden für das übernatürliche Licht GOTTES, das sich voll Erbarmen über die ganze Schöpfung neigt, die zu IHM aufsieht in Anbetung und Verlangen. Das ist das Licht: GOTT und Seine Majestät, Weisheit und Liebe, GOTT und Seine Gnade, GOTT und Sein Reich, Seine Engel und Heiligen.

Wie die heiligen Engel in ihrer Engelwesenheit wirklich sind, liegt auf einer anderen als der menschlichen Begriffsebene, wir können nur erzitternd schauen und erahnen. Wir müssen sogar GOTT, um IHN uns selber und den Mitmenschen nahezubringen, irgendwie in geschöpfliche Begriffe und Worte herabziehen, um IHN überhaupt fassen und nach dem Höchstmaß unserer Ausdrucksfähigkeit darstel­len zu können. GOTT in Seiner wesenhaften Göttlichen Wirklichkeit kann nur GOTT selbst fassen.

In der Mitte zwischen GOTT und Mensch steht der Mittler, der GOTTmensch JESUS CHRISTUS, der Erlöser des Menschengeschlechtes, die zweite Göttliche Person. Aber auch der Engel steht zwischen GOTT und Mensch, nicht Herr der Schöpfung wie JESUS CHRISTUS, sondern Diener GOTTES („Er macht Seine Engel zu Winden, Seine Diener zu Feuerflammen“ d,h. Träger des GEISTES / Ps. 103 /4 ). Trotzdem ist der Engel durch seine Stellung auch Mittler und er ist schon im Hinblick auf den Göttlichen Mittler, den SOHN, das WORT, erschaffen und in die Schöpfung hineingestellt worden. Und so wie unser Herr in die Tiefe der Erde herabstieg und „gehorsam wurde“, also diente und bei uns ist alle Tage bis zum Ende der Zeiten, so steigt auch der Engel mit seinem Herrn herab und dient und nennt sich bewußt „Knecht GOTTES“ (Siehe Geh. Offb. 22/9:“… ich bin nur ein Mitknecht von dir und deinen Brüdern …“).

Verfallen wir doch nicht auf den Gedanken, die Existenz der heiligen Engel anzuzweifeln, ihr Wesen und Wirken, ihre erhabene Stellung im ganzen Heilsplan GOTTES zu bekritteln, zu bespötteln oder zu verkleinern (verkitschen oder verniedlichen). Der Engel ist wahrlich um ein Vielfaches größer, machtvoller, weiser und weitblickender, liebeglühender und getreuer als wir. Schon bei unserm eigenen persönlichen Gericht werden wir voll Scheu und Scham erkennen, wie sehr GOTT Seine Engel wertschätzt („Seht zu, daß ihr keines von diesen Kleinen verachtet! Denn Ich sage euch, ihre Engel im Himmel schauen immerdar das Angesicht Meines VATERS“..Matth. 18/10 und: „.. glaube nicht, ihn mißachten zu dür­fen..“ Exod. 23/31 ), so sehr, daß der SOHN GOTTES selbst wie­derholt in den Schriftstellen des Alten Testamentes als E n ­g e l aufscheint und genannt wird. („.. und Mein Engel wird vor dir hergehen und dich heimführen….“ Exod. 23/23).

Nicht nur aus der Heiligen Schrift und den Büchern der heiligen Väter, auch aus der Tatsache der Einwirkungen der ge­fallenen Engel auf uns, die der einfachste Christ in der Form von Versuchungen und Bedrängnissen kennt, können wir auf Wesen und Wirken und Ziel der heiligen Engel schließen, von denen es in den Meßtexten heißt „.. ihr Kraftgewaltigen, Vollstrecker seid ihr Seines Wortes, sobald ihr Seiner Weisung Laut vernom­men…“ Ps. 102/20.

Wir kennen durch die heiligen Schriften neun Chöre der Engel: Seraphim, Cherubim und Throne, Herrschaften, Gewalten und Fürstentümer, Mächte, Erzengel und Engel.

Die Einteilung dieser neun Chöre in drei Ringe oder Terna­re ist schon im Lehrgut der hl. Kirche genannt: die drei obersten Chöre, zusammengefaßt der Anbetung des DREI EINIGEN GOTTES im Himmel dienend; sie sind zugleich die Mitt­ler zwischen GOTT und den tiefer stehenden Chören; die drei mittleren Chöre, sie sind eingebaut in die ganze Schöpfung ( … „Engel Persiens..“; sie sind Mittler zwischen Schöpfung und Mensch; die drei untersten Chöre, sie sind in die Menschwerdung und Erlösung hineingestellt, um Erde und Mensch, Diener JESU CHRISTI und Seiner Braut, der heiligen Kirche, Be­schützer (Schutzengel) der Menschen und Kämpfer gegen die höllischen Mäch­te; sie sind Mittler wieder zwischen Mensch und dem DREI EINIGEN GOTT. Vgl. auch Scheeben, Dogmatik, §142 Nr. 239:…“der Begriff der Hierarchie bei den Engeln, ihre Verschiedenheit in der äuße­ren Stellung und Tätigkeit tritt nicht so sehr bei den einzelnen Chören, als viel mehr bei den drei T e r n a r e n der Chöre hervor. Sie zeigt sich darin, daß die drei ersten Chöre ihren Namen ha­ben von der Beziehung zu GOTT als Hofstaat GOTTES, die letzten drei ihre Beziehung haben zu den Menschen, die mittleren von der Erhabenheit und Würde schlechthin“ … ebda Nr. 240.

Der oberste Ring, mitten in der Gnaden- und Lichtfülle, Lebens­fülle, Kraftfülle, Liebesfülle (dies alles nur gebrochen ausgedrückt, niemand kann die Seligkeit der Geschöpfe um den Thron GOTTES in richtig passenden Worten ausdrücken) gibt also nach ab­wärts, ohne von Engeln ober sich zu empfangen, an den zweiten Ring weiter das Leben aus GOTT, die Kraft aus GOTT, die Liebe aus GOTT, bildhaft dargestellt in großen Strömen (Geh. Offb. 22/…“ „dann zeigte er (der Engel) mir einen Strom lebendigen Wassers, der vom Throne GOTTES ….ausging). Die Chöre des zweiten Ringes sind die aus dieser Fülle von den oberen Chören Empfangenden und wieder Weitergebenden (siehe Gen.28/12 – 16: „Und er sah im Traum eine Leiter, die da stand auf der Erde und mit der Spitze den Himmel berührte; und die Engel GOTTES stiegen auf und nieder auf derselben. Und der Herr stand auf der Leiter und sprach zu Jakob“ Ich bin der Herr, der GOTT Abrahams… Ich will dir… geben..“) Die Chöre des dritten Ringes geben das, was sie vom Himmel herab über die oberen Chöre empfangen (den Segen GOTTES – die Gnade, das Wort GOTTES als Botschaft) an die Menschen weiter und bringen die Gebete und Nöte der Menschen wieder vor den Thron GOTTES.

Die von GOTT verstoßenen, verräterischen Engel nennt die Heilige Schrift: Satan, Drache, Tier, Teufel, Schlange, höllischer Widersacher, Dämon, den obersten der gefallenen Engel: Luzifer (Is. 1/4/12 „quomodo cecidisti de caelo luzifer…. wie bist du vom Himmel gestürzt, Luzifer …“) Unser Herr nennt den höllischen Widersacher auch „Fürst der Welt“ (Joh. 12/31: jetzt wird der Fürst dieser Welt hinausgestoßen.. ebda Joh. 14/30: „Es kommt der Fürst dieser Welt, aber an Mir hat er keinen Teil“).

Seit der ersten Versuchung im Paradies bemüht sieh die ganze höllische Geisterschar durch Jahrtausende um den Fall der Menschen. Ihre Schliche und Schachzüge, ihre Bedrängnisse und Quälereien sind ohne Zahl. Sie umlagern die Menschheit mit einer Zähigkeit ohnegleichen. An ihren Bemühungen um jede einzelne Men­schenseele, sie zur Hölle zu ziehen, kann man den Wert der Seele erkennen – und wie gleichgültig stehen wir der Verteidigung uns­rer Seele gegenüber: Es ist eine der größten Barmherzigkeiten GOTTES für den Menschen, daß dieser noch neben der unfaßbaren Er­lösung durch JESUS CHRISTUS einen Engel für die gesamte Dauer seines Lebens zur Seite gestellt bekommt und dies nicht als De­koration. GOTT weiß, wie leichtgläubig wir oft dem Abgrund zu­laufen, wie schnell wir uns beschwatzen lassen und so sorgt der Weiseste aller VÄTER für einen geeigneten Abwehrschutz, der ist unser Schutzengel. Engel und Teufel haben in unserem Leben eine weit größere Bedeutung, als wir so leichthin denken. Es tut nicht gut, die Existenz von Engel und Teufel anzuzweifeln, sich darü­ber erhaben und aufgeklärt zu dünken. Besser ist es, sich recht­zeitig der Hilfe jener seligen Geister zu versichern, welche uns GOTT seit jeher als Schützer, Verteidiger, Kämpfer auf dem Weg zum Himmelreich gegeben hat. Durch die heiligen Engel werden uns­re oft sehr verschwommenen Begriffe von der Größe und Majestät GOTTES, der Schönheit unsrer Himmlischen Mutter, des Himmelrei­ches und aller Engel und Heiligen, der Furchtbarkeit der Hölle und der höllischen Geister, der Unerbittlichkeit des Kampfes zwischen Gut und Böse, die Notwendigkeit und der Wert der heili­gen Mutter Kirche und unser Weg zu GOTT klar werden.

Diesem Zweck dient diese kleine Schrift. Sie will nicht von GOTT wegführen in ein Phantasieland, sie will zu GOTT hin­führen an der Hand unsrer heiligen Engel.

(Fortsetzung folgt)

Quelle: Archivexemplar der schreibmaschinen-getippten, vervielfältigten, gehefteten Ausgabe dieser Schrift meines Immaculata-Verlags. – (Siehe dazu auch: Kathpedia: Gabriela Bitterlich sowie die biografische Notiz über Gabriela Bitterlich auf dieser Internet-Seite!)

Holzschnitt zum Fest des hl. Erzengels Michael aus dem Missale Romanum (Altarbuch) 1923

Missale Romanum 1923: Erzengel Michael

Princeps gloriosissime, Sancte Michael Archangele,

ego humillimus cliens tuus saluto te per dulcissimum Cor Iesu Christi, quod in augmentum gaudii et gloriae tuae peramanter offero, gratias agens Deo pro beatitudine, quam tibi contulit, et quod te super omnes alios Angelos honorare et exaltare voluit. Tibi vitae et mortis meae curam specialiter commendo, adsis mihi nunc et semper, maxime in fine vitae meae, benigne me tunc consolare, conforta et protege. Impetra mihi augmentum fidei, spei et caritatis, nec permittas me a sancta fide deviare nec in foveam desperationis incidere, neque de operibus bonis, si quae per gratiam Dei operatus sum, praesumere. Impetra mihi peccatorum meorum veniam, humilitatem, patientiam et alias virtutes, maxime vero perseverantiam in bono et gratiam finalem, ut tecum Deum meum glorificem in saecula. Amen.