Cardinal Sarah urges Church to embrace young traditionalists

Cardinal Sarah celebrates Mass ad orientem: ‘There is no reason to oppose the return to a beautiful practice’ (Photo: Fr Lawrence Lew, OP)

‚They are neither nostalgic nor embittered nor encumbered by the ecclesiastical battles of recent decades‘

Cardinal Robert Sarah has praised young Catholics who prefer the older form of the Roman Rite, saying he can “personally testify to the sincerity and devotion of these young men and women”.

In a speech to the Fifth Roman Colloquium on Summorum Pontificum, held at the Pontifical University of St Thomas (Angelicum), the cardinal added that other Catholics should “open your hearts and minds” to these young people and the “good they do”.

“They are neither nostalgic nor embittered nor encumbered by the ecclesiastical battles of recent decades,” he said. “They are full of the joy of living the life of Christ amidst the challenges of the modern world.”

In turn, he called on Catholics who prefer the Old Rite to leave the “traditionalist ghetto” and mix with other Catholics as “many will benefit” from their faithful witness.

“Almighty God calls you to do this. No one will rob you of the usus antiquior of the Roman rite. But many will benefit, in this life and the next, from your faithful Christian witness which will have so much to offer given the profound formation in the faith that the ancient rites and the associated spiritual and doctrinal ambience has given you.”

Indeed, Cardinal Sarah said ‘traditional Catholics’ should stop referring to themselves as such.

“Some, if not many, people, call you ‘traditionalists’. Sometimes you even call yourselves ‘traditional Catholics’ or hyphenate yourselves in a similar way. Please do this no longer,” he said.

“You do not belong in a box on the shelf or in a museum of curiosities. You are not traditionalists: you are Catholics of the Roman rite as am I and as is the Holy Father.

“You are not second-class or somehow peculiar members of the Catholic Church because of your life of worship and your spiritual practices, which were those of innumerable saints.

“You are called by God, as is every baptised person, to take your full place in the life and mission of the Church in the world of today, not to be shut up in—or worse, to retreat into—a ghetto in which defensiveness and introspection reign and stifle the Christian witness and mission to the world you too are called to give.”

The cardinal also reiterated his defence of Mass ad orientem, saying: “This venerable practice is permitted, is perfectly appropriate and, I would insist, is pastorally advantageous in celebrations of the usus recentior—the more modern form of the Roman rite.”

He suggested that priests may also whisper the canon in the Novus Ordo, as is common in the older rite.

“The silent praying of the offertory prayers and of the Roman canon might be practices that could enrich the modern rite today. In our world so full of words and more words more silence is what is necessary, even in the liturgy.”

by Staff Reporter, Friday, 15 Sep 2017

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Quelle

Papst Franziskus: Wir sind auf dem richtigen Weg

68. Liturgische Woche, Audienz, 24. August 2017 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Audienz der Stiftung „Centro di Azione Liturgica“
am 24. August 2017

„Die liturgische Reform ist irreversibel“, stellte Papst Franziskus in seiner Audienzansprache vor den Teilnehmern der 68. Nationalen Liturgischen Woche der Stiftung „Centro di Azione Liturgica“ fest. Die Stiftung tagt zum Thema „Eine lebendige Liturgie für eine lebendige Kirche“ anlässlich ihres 70. Gründungsjubiläums.

In seiner Ansprache legte der Papst die enge Verknüpfung des Zweiten Vatikanischen Konzils und der Reform dar. Ziel der Reformen sei eine lebendige Liturgie gewesen, mit der man die Lebendigkeit der Kirche zum Ausdruck bringe. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil habe ein Reformprozess begonnen, der Zeit benötigt habe und bis heute eine permanente Herausforderung darstelle. Die Konstitution über die Heilige Liturgie „Sacrosanctum Concilium“ der Tradition treu und gleichzeitig dem Fortschritt offen.

Papst Franziskus legte die Reformergebnisse dar, wie die größere Anteilnahme an der Liturgie oder ein umfassenderes Wissen über die Heilige Schrift: „Der Weg dieser Jahre zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“ An die Audienzteilnehmer gewandt, verwies der Papst auf die bedeutende Rolle des „Centro di Azione Liturgica“ im Bereich der Ausbildung.

Papst Franziskus legte dar, dass die Liturgie durch ihre Ausführung definiert werde und gab einige Beispiele dafür wie z.B. die im Gebet versammelte Gemeinde. „Die Liturgie ist Leben für das gesamte Volk der Kirche.“ Daher sei die Liturgie auch dem Gläubigen nah und nicht klerikal. Im Gebet vereine die Kirche nämlich alle Menschen, die dem Evangelium Gehör schenkten. Niemand werde ausgeschlossen.

Papst Franziskus stellte fest, dass die Liturgie der Frömmigkeit des ganzen Volkes Ausdruck verleihe. „Die Liturgie ist Leben und nicht eine zu verstehende Idee.“ Sie sei nicht bloß Doktrin oder Ritus, sondern Lebensquell und Licht für den Weg der Gläubigen. Die Kirche sei dann wahrhaft lebendig, wenn sie Trägerin des Lebens sei, mütterlich, missionarisch, die Begegnung mit dem Nächsten suche und diene. Papst Franziskus schloss seine Ansprache mit der Bitte, für ihn zu beten und mit der Erteilung des Apostolischen Segens

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Quelle

Papst: Die Liturgiereform des Konzils ist unumkehrbar

Ansprache von Papst Franziskus in der Audienzhalle

Die liturgische Reform des Zweiten Vatikanischen Konzils ist unumkehrbar, das könne er mit Lehrautorität sagen: Papst Franziskus sprach an diesem Donnrstag über Liturgie, Anlass war die Italienische „Woche der Liturgie“.

Mit diesem Treffen kehrte der „übliche Arbeitsalltag“ im Vatikan wieder zurück: Papst Franziskus war zwar nicht im Urlaub, doch in den vergangenen Sommerwochen fanden wenige öffentliche und offizielle Termine mit dem Papst statt. An diesem Donnerstag gab es dagegen gleich drei wichtige Treffen im Vatikan. Zuerst traf Franziskus den Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), Pastor Olav Fykse Tveit. Nach diesem ökumenischen Treffen fand ein „diplomatischer Austausch“ mit dem Apostolischen Nuntius in Buenos Aires, dem Schweizer Erzbischof Emil Paul Tscherrig, statt. Der Vatikandiplomat erläuterte dem Papst die Lage in der Heimat von Franziskus. Und als dritter Tagestermin stand eben die Audienz mit den rund 800 Teilnehmern der italienischen Liturgie-Woche in der Halle Paolo VI auf dem Programm.

Nicht plötzlich vom Himmel gefallen

In seiner Ansprache ging der Papst auf die Bedeutung des Zweiten Vatikanischen Konzils und auf die Liturgiereform ein. Sie seien nicht plötzlich vom Himmel gefallen, sondern die Frucht eines langen Weges. Ein Zeichen hierfür seien die sogenannten „Liturgischen Bewegungen“ gewesen, die früher bei den Päpsten um Unterstützung baten. Seine Vorgänger seien aber weise genug gewesen, keine Schnellschüsse in die Wege zu bringen sondern einen Weg in die Zukunft aufzubauen. Franziskus nannte Pius X., der Änderungen in der sakralen Musik und der Messordnung für den Sonntag einführte. Dieser Papst hatte auch eine Kommission für die „Generalreform der Liturgie“ einberufen und es sei ihm bewusst gewesen, dass dies eine „große und gleichzeitig schwierige Aufgabe“ sei.

Die Reformen von Pius XII.

Einen weiteren Vorgänger, den Franziskus nannte, war Pius XII. mit der Enzyklika Mediator Dei und der Gründung einer Studienkommission für die Überprüfung des Psalters, der Bedeutung des eucharistischen Fastens und der Benützung der gesprochenen Sprache im Messritus. Auch seine Reform zur Ostervigil und der Karwoche dürften nicht vergessen werden, so Franziskus. Pius XII. hatte die Messe zur Auferstehung in die Osternacht verlegt, zuvor war sie über Jahrhunderte am Karsamstag-Morgen gefeiert worden. Der Papst verlegte auch den Gründonnerstags-Gottesdienst auf den Abend und die Feier des Leidens und Sterbens Jesu in den Nachmittag des Karfreitag, zu den „angemessenen Stunden“.

Das Zweite Vatikanische Konzil sei somit die „Phase der Reife“ dieser Reformvorhaben gewesen und die Frucht sei die Konstitution Sacrosanctum Concilium gewesen. Diese Reform hätten den konkreten Bedürfnissen der Gläubigen entsprochen, damit eine „lebendige Liturgie“ für die gesamte Kirche gelebt werden konnte.

Das große Anliegen sei es gewesen, den Gläubigen eine aktive Rolle zu geben und ihn nicht einfach als „fremden Zuschauer“ in der Kirche aufzunehmen, wie es Paul VI. einmal gesagt habe.

Respekt für die Tradition

Die Richtung des Konzils sei es gewesen, im Respekt für die „gesunde Tradition“ einen legitimen Weg aufzuzeigen, die seit nun mehr als 50 Jahren für die Weltkirche gültig seien. Unter Applaus sagte er: „Wir können mit Sicherheit und Lehrautorität sagen, dass die liturgische Reform unumkehrbar ist“. Ihm sei bewusst, dass dieser Weg aber noch nicht abgeschlossen sei. Es gehe heute darum, die Gründe für die damalige Reform wieder zu entdecken und über sie nachzudenken, fuhr Franziskus fort. Man müsse sich vor oberflächlichen Lektüren hüten. Die Liturgie-Woche, wie sie seit mehreren Jahren in Italien durchgeführt werde, sei ein gutes Mittel dazu.

Lebendige Liturgie, Liturgie als Leben und lebendige Kirche

Ausgehend vom diesjährigen Motto der italienischen Liturgie-Woche „Eine lebendige Liturgie für eine lebendige Kirche“ ging der Papst auf drei Punkte ein:

Die Liturgie sei lebendig, weil sie durch die Erinnerung und Feier rund um den auferstandenen Herrn Leben schenke. Zweitens sei die Liturgie selber Leben, weil sie nicht nur für sondern auch vom Volk Gottes stammt, sei sei nicht klerikal. Und der dritte Punkt betrifft die Kirche. Sie sei lebendig, weil sie nicht einfach eine Ideologie oder etwas Abstraktes sei sondern eben ein lebendiger Körper. Die Kirche sei eine Mutter, die Leben schenke und Mitmenschen treffe und für sie da sei. Es gehe nicht darum, „Macht in der Welt“ zu suchen. Für das sei die Kirche nicht da.

Andere Riten nicht vergessen

Ein Reichtum in der katholischen Kirche seien die verschiedenen Riten und Gebete, die es durch die Einheit mit anderen kirchlichen Traditionen und Ostkirchen gibt. Dadurch werde der Heilige Geist einer „einzigartigen Stimme“ gegeben, durch das Gebet für, mit und in Christus und für den Ruhm des Vaters und des Heiles für die gesamte Welt.

(rv 24.08.2017 mg)

Kardinal Sarah: Inkulturation ist keine Anpassung

Kardinal Sarah mit dem emeritierten Papst Benedikt

Eine Stille, in der der Gott gehört werden kann, muss wieder Herz und Wesen christlicher Liturgie sein: Kardinal Robert Sarah warb an diesem Mittwoch in Rom für eine „liturgische Erneuerung“ nach dem Auftrag das Konzils. Sarah sprach bei der Vorstellung seines neuen Buches in deutscher Sprache, „Kraft der Stille“. Papst emeritus Benedikt XVI. hat zu diesem Buch ein Geleitwort beigesteuert.

Die Stille verhelfe zu einer besseren Wahrnehmung der Realität:Der Kardinal beklagte die Tendenz, nicht mit sich allein sein und nicht nach innen schauen zu wollen. Das Getöse der kulturellen Umwelt verdecke die „Leere eines neuen Menschen, der kaum mehr weiß, wofür er leben soll.”

Diese Verweltlichung sei auch in die Kirche eingedrungen. Ausführlich bezog sich Kardinal Sarah auf seine Arbeit als Präfekt der Liturgiekongregation des Vatikan. Verweltlichung wolle den Glauben auf ein „menschliches Maß reduzieren“, weil viele Menschen glaubten, „dass der Mensch von heute besser glauben könnte, wenn wir ihm einen Glauben nach menschlichem Maß vorschlagen, der nicht mehr in der Tiefe der Offenbarung durch Christus wurzelt und in der Überlieferung der Kirche“.

Diese Verweltlichung drücke sich auch in der Liturgie aus, die Verkürzung des Glaubens sei hier „in aller Schwere zu erfahren“: Aus Liturgie werde Happening, im Mittelpunkt stehe nicht mehr Gott, sondern der Mensch. Die Abwesenheit Gottes in der Liturgie sei der Ausgangspunkt seiner Gedanken über die Stille gewesen, berichtete Kardinal Sarah. Es gelte, Formen für die Liturgie zu finden und konkrete Menschen anzusprechen, was aber nicht in eine Reduktion Gottes münden dürfe. „Die Frage nach der Inkulturation ist zuerst keine Frage, wie wir die Liturgie afrikanischer oder asiatischer machen können, oder dem Brauch der australischen Ureinwohner anpassen.“

(cna/rv 26.05.2017 ord)

Kardinal Robert Sarah: Nachkonziliare Kirche ohne christliche Wurzeln

Papst em. Benedikt XVI. empfing im Januar 2017 Kurienkardinal Robert Sarah

Kardinal Sarah lässt auf der Liturgischen Tagung klare Botschaft verlesen – Kardinal sieht eine „schwere Glaubenskrise nicht nur bei Gläubigen, sondern auch und vor allem bei zahlreichen Priestern und Bischöfen“.

kath.net-Bericht von Martin Lohmann

Herzogenrath (kath.net/ml) Erstaunte und sehr aufmerksame Gesichter waren am dritten Tag der 18. Liturgischen Tagung im Pfarrsaal von St. Gertrud zu beobachten, als Robert Kardinal Sarah, der römische Präfekt für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, zu Wort kam. Der aus Afrika stammende Purpurträger hatte zwar trotz mehrfacher schriftlicher Zusage seine Teilnahme absagen müssen – aus welchen Gründen auch immer –, doch sein Geist und seine Überzeugung waren anwesend. Er hatte es sich nicht nehmen lassen, anstelle des wenigstens erbetenen Grußwortes einen kompletten Vortrag auszuarbeiten und diesen zu verlesen ausdrücklich gewünscht. Das, was ihm wichtig ist, wollte er zu Gehör bringen – auch wenn er sich gezwungen sah, nicht persönlich nach Herzogenrath zu kommen.

Kaplan Matthias Schmidt gab dem Vortrag des Kardinals seine Stimme. Und die Teilnehmer der Tagung staunten nicht schlecht angesichts der Deutlichkeit, mit der sich Kardinal Sarah zu äußern verstand. Von Zurückhaltung oder dem Befolgen eines angeblichen Denkverbots konnte wahrlich keine Rede sein. Suaviter in modo, fortiter in re – so war die Botschaft aus Rom zu vernehmen. Man könne, so der Kardinal beginnend, „gar nicht genug wiederholen, dass die Liturgie als Höhepunkt und Quelle der Kirche ihr Fundament in Christus selbst“ finde. Und das, was man das „liturgische Aggiornamento nennt, ist in gewisser Weise durch das Motu proprio „Summorum Pontificum“ von Papst Benedikt XVI. vervollkommnet worden.“ Zum Präludium der Kardinalsymphonie gehörte auch noch der Hinweis, dass sich die Liturgie ständig reformieren müsse, „um ihrer mystischen Essenz immer getreuer zu werden“.

Doch „meistens“ sei „diese ,Reform’, die an die Stelle der wahren, vom Zweiten Vatikanum gewollten ,Restauration’ oder ,Erneuerung’ getreten ist, mit einem oberflächlichen Geist und auf der Basis eines einzigen Kriteriums durchgeführt worden: Man wollte unbedingt ein als vollkommen negativ und überholt wahrgenommenes Erbe beseitigen, um eine Kluft aufzutun zwischen dem, was vor und dem, was nach dem Konzil existiere“. Heute aber bestehe letztlich kein Zweifel daran, dass das, „was man die ,Reform der Reform’ nennt und man vielleicht noch genauer als ,gegenseitige Befruchtung der Riten’ bezeichnen sollte, (…) eine vor allem geistliche Notwendigkeit“ sei. Diese betreffe beide Formen des römischen Ritus. Unter Berufung auf Joseph Kardinal Ratzinger/Papst Benedikt verweist Sarah auf die Krise der Kirche, die vor allem seit dem Konzil zu beobachten sei und in Verbindung mit der Krise der Liturgie gesehen werden müsse. Respektlosigkeit, Entsakralisierung sowie Horizontalisierung des wesentlichen Elemente des Gottesdienstes seien hier zu nennen.

Man könne „unsere Augen vor dem Desaster, der Verwüstung und dem Schisma nicht verschließen, die die modernen Förderer einer lebendigen Liturgie verursacht haben, indem sie die Liturgie der Kirche nach ihren Vorstellungen umgestalteten. Sie vergaßen, dass die liturgische Handlung nicht nur ein GEBET, sondern auch und vor allem ein MYSTERIUM ist, bei dem sich für uns etwas vollzieht, das wir zwar nicht gänzlich verstehen können, doch das wir im Glauben, in der Liebe, im Gehorsam und in einem anbetenden Schweigen annehmen und empfangen können“. Genau das sei die „wahre Bedeutung der aktiven Anteilnahme der Gläubigen“.

Der Kardinal sieht eine „schwere Glaubenskrise nicht nur bei den Gläubigen, sondern auch und vor allem bei zahlreichen Priestern und Bischöfen“, die uns unfähig gemacht habe, die „eucharistische Liturgie als ein Opfer zu begreifen“. Es sei „frevelhaft“, die heilige Messe auf ein „einfaches Gastmahl zu reduzieren“, auf die Feier eines profanen Festes „und auf eine Selbstzelebration der Gemeinschaft, oder – noch schlimmer – auf eine riesige Ablenkung von der Angst vor einem Leben, das keinen Sinn mehr hat oder gegen die Furcht, Gott von Angesicht zu Angesicht zu begegnen, weil sein Blick entlarvt und uns dazu zwingt, die Hässlichkeit unseres Inneren in aller Wahrheit und unabgelenkt zu schauen“. Die Messe sei kein „amüsanter Zeitvertreib“. Viele Menschen wüssten nicht mehr, dass der Zweck Messfeier die „Herrlichkeit und die Anbetung Gottes ist, das Heil und die Heiligung der Menschen“. Selbst Priester und Bischöfe würden diese Lehre des Konzils nicht mehr kennen.

An der Wurzel der Liturgie finde sich die Anbetung – „und somit Gott“. Die „schwerwiegende und tiefgreifende Krise, die seit dem Konzil die Liturgie und Kirche selbst erschüttert“, habe ihren Ursprung darin, dass „im ZENTRUM nicht mehr Gott und seine Anbetung, sondern die Menschen und ihre angebliche Fähigkeit sind, etwas zu ,tun’, um sich während der Eucharistiefeier mit etwas zu beschäftigen“. Noch immer würden selbst Geistliche unterschätzen, welcher Schaden angerichtet wurde durch den „Relativismus bei der Vermittlung der Glaubens- und Morallehre, schwere Missbräuche, die Entsakralisierung und Banalisierung der Heiligen Liturgie sowie die rein soziale und horizontale Sicht der Mission der Kirche“.

Wenn man sich heute darüber beschwere, dass das politische Europa seine christlichen Wurzeln verleugne, dann müsse man zunächst feststellen: „Wer zuerst seine christlichen Wurzeln und seine christliche Vergangenheit aufgegeben hat – das ist mit Sicherheit die nachkonziliare katholische Kirche.“ Als einen der Belege, die man nennen könne, zitiert Sarah den Bischof von Metz aus dem Jahre 1968, wo dieser „einen entsetzlichen Unsinn“ verkündete und meinte, man müsse selbst die Auffassung über das von Christus der Welt gebrachte Heil überdenken, Apostel und die Christen in den ersten Jahrhunderten hätten, im Unterschied zu unserem erleuchteten Zeitalter, „vom Evangelium nichts begriffen“.

So gesehen brauche man sich über die „Verwüstungen, die Zerstörungen und die Kämpfe auf liturgischer, doktrineller und moralischer Ebene“ nicht zu wundern. Und dennoch gebe es viele, die den Ernst der Lage nicht verstanden haben oder nicht verstehen wollen: „Obwohl das Boot der Kirche das stürmische Meer dieser dekadenten Welt durchpflügt und die Wellen so sehr auf das Boot einpeitschen, dass es bereits mit Wasser gefüllt ist, schreit eine wachsende Anzahl von Geistlichen und Gläubigen ,Alles klar! (auf dem sinkenden Schiff)’.“

Die Krise der Kirche, die Krise des Glaubens, die Krise der Liturgie – das alles hängt zusammen. Es gibt zu wenige selbstverständliche Räume des Auftankens von Ehrfurcht, Anbetung und Andacht für die Seele. Heute komme es vor allem darauf an, die Augen zu öffnen und zu erkennen, worauf die Gläubigen „ein Recht haben: die Schönheit der Liturgie, ihre Heiligkeit, die Stille, die Andacht, die mystische Dimension und die Anbetung“. Die Liturgie müsse uns vor allem und gleichsam sicher „vor das Angesicht Gottes in eine persönliche Beziehung und intensive Vertrautheit bringen. Sie muss uns in die Vertrautheit der Allerheiligsten Dreifaltigkeit hinabsenken.“ Schon allein deshalb müsse klar sein, dass die Liturgie kein „Essen im Freundeskreis, kein gemütliches Mahl in geselliger Runde“ sei, sondern ein heiliges Mysterium“.

Vorbildlich für die Feier der heiligen Messe seien „die Anmut und die Inbrunst“, mit der ein heiliger Pfarrer von Ars, ein heiliger Pater Pio oder ein heiliger Josemaria die Messe feierten. Das sei der Maßstab für die dringend benötigte liturgische Versöhnung, zumal man es ablehnen müsse, eine Liturgie einer anderen entgegenzusetzen. Kardinal Sarah spricht in diesem Zusammenhang von einem „Anfangen von innen her“, wo hingegen Show und modische Mätzchen und kesse Moralismen nur schädlich seien und Verwüstungen anrichteten.

Das päpstliche Dokument „Summorum Pontificum“ von Benedikt XVI. vom 7. Juli 2007 sei schließlich ein wichtiger Beitrag zum „gegenwärtigen und zukünftigen liturgischen Leben der Kirche, wie auch zur liturgischen Bewegung unserer Zeit , aus der immer mehr Menschen, insbesondere die jungen, soviel Gutes, Wahres und Schönes schöpfen“. Robert Kardinal Sarah schloss mit einem Zitat von Benedikt XVI. aus dem Jahre 2008: „Dann ist die Welt am Ziel, dann ist sie heil, wenn sie als ganze Liturgie Gottes, in ihrem Sein Anbetung geworden ist.“ Ein lang anhaltender Applaus signalisierte, dass die eben klare wie mutige Botschaft des Kardinals angekommen war – wenigstens in Herzogenrath. Zu hörende Bemerkungen wie „Stark“, „Hammer“ und „Das macht Mut“ offenbarten ein freudiges Erstaunen angesichts dieses deutlichen Signals aus Rom.

Eine sich anschließende (von Martin Lohmann moderierte) Podiumsdiskussion brachte das Tagungsthema sowie den Kardinalappell noch einmal in die Mitte des Dialogs. Neben dem Erzbischof von Portland/Oregon, Alexander Sample, nahmen der am Wyoming Catholic College lehrende Professor Peter Kwasniewski, der deutsche Prälat und Untersekretär im Päpstlichen Rat für Gesetzestexte, Professor Markus Graulich sowie der örtliche Gastgeber und Spiritus Rektor, Pfarrer Guido Rodheudt, teil.

Ja, es brauche eine Reform der Reform, auch wenn man sich auf den Begriff nicht festlegen müsse, meinte Erzbischof Sample. Die Notwendigkeit der Wiederentdeckung der Tiefe und des Reichtums heiliger Liturgie sei evident. Er selbst habe sich ja auch auf den Weg gemacht, die außerordentliche Messfeier zu entdecken. Gleichwohl habe er als Priester auch in der ordentlichen Form des Novo Ordus schon vorher die Stille der Andacht gesucht und auch gefunden. Doch in der alten Liturgie habe er dann zu seiner eigenen Überraschung erfahren, dass hier der eigentliche Charakter des priesterlichen Dienstes sich in einer viel tieferen Weise entfalten könne. So müsse man sein Bekenntnis in Herzogenrath verstehen, als er in einem Vortrag sagte: Auf einmal begriff ich viel klarer, was es bedeute, Priester zu sein.

Peter Kwasniewski betonte ebenfalls, dass die Liturgie sich stets an Christus orientiere, in diesem Sinne also auch eine Liturgie semper reformanda brauche, also eine behutsame Änderung hin zu der eigentlichen Quelle und ihrem Ursprung. Reform um der Reform willen brauche man nicht. Bewegung zu Gott hin schon. Markus Graulich bedauerte, dass die liturgische Ausbildung in neueren römischen Dokumenten „ein wenig auf die Seite geschoben“ werde. Es sei schade, dass man das formative Einüben und Lernen offenbar für nicht so sehr wichtig halte. Die Notwendigkeit der Wiederentdeckung der Bedeutung von Liturgie werde gleichwohl von einer Mehrheit von Persönlichkeiten in Rom erkannt.

Guido Rodheudt freut sich darüber, dass Kardinal Sarah auch weiter öffentlich über die Reform der Reform spricht und den Bedarf einer Reform der Reform festgestellt hat. Die Bestandsaufnahme des Kardinals sei schonungslos und ehrlich, Sarah sehe die Situation sehr klar. Als Pfarrer sei er froh, dass der Kardinal deutlich sage: Wir brauchen mehr Verbindlichkeit, mehr Anbetung, mehr Stille. Er als Priester, 1964 geboren, wolle eigentlich auf die Reform der Reform nicht mehr warten, weil er das zu seinen Lebzeiten wohl nicht mehr erleben könne. Aber man könne ja viel tun. Er zelebriere auch den neuen Ritus so, wie er wohl ursprünglich gewollt gewesen sei, also mit Andacht und Würde und im Licht der Tradition. Das sei so etwas wie bereits vor Ort gelebte Reform der Reform. Er, Rodheudt, fühle sich durch den Vortrag von Kardinal Sarah als Priester ermutigt, auf diesem Weg weiterzugehen.

Erzbischof Sample betonte, dass der Priester kein Showmaster der Liturgie sein könne und dürfe. Aber im Neuen Ritus gebe es halt viele Versuchungen, weil die Gemeinde viel intensiver auf persönliche Gesten, die jeweilige Betonung und Stimmlage achtet als im objektiven überlieferten Ritus. Der Meister der Liturgie sei Jesus Christus, nicht aber zum Beispiel Alexander Sample. Christus ist der Akteur der Liturgie, er sei der Handelnde in der Liturgie. Und das verlange viel Respekt und Ehrfurcht. Er als Bischof sei fest davon überzeugt, dass jeder Priester die außerordentliche Form der Messfeier kennen müsse, auch wenn er sie nicht vornehmlich zelebriere. Jeder Priester sollte sie wenigstens kennen.

Guido Rodheudt sprach im Blick auf die Glaubenskrise, die ja auch Priester und Bischöfe erreicht habe, davon, dass eine solche Krise auch damit zu tun habe, dass man „falsch gebetet“ habe. Ein anthropozentrischer Gottesdienst vernebele auch den Glauben, weil Gott nicht mehr Mittel- und Zielpunkt sei. Wer falsch bete, könne weder richtig glauben noch richtig handeln. Das liturgische Desaster sei so zerstörerisch gerade für die Seelen, weil vielfach der Glaube nicht mehr richtig gefeiert werde. Durch eine Wiederentdeckung der objektiven Liturgie, so könne man sagen, könne man nicht zuletzt dem Seelenheil der Gläubigen als Priester besser dienen und gerecht werden.

Von den Bischöfen wünsche man sich, dass sie mehr für die Verbindung der Gläubigen mit dem Reichtum der Tradition und vor allem die Stärkung des Glaubens an Gott tun – in ansteckend andächtiger Treue zu Jesus Christus.

So endete die eigentliche 18. Kölner Liturgische Tagung in Herzogenrath – vor einem Festakt am Samstag im ehemaligen Kloster Rolduc – mit viel Hoffnung, Wohlwollen und wertschätzender Gesprächsbereitschaft, um gemeinsam in der Kirche friedlich und engagiert zugleich die den Glauben stärkenden und befruchtenden Quellen einer reichen Liturgie zu finden, die vor allem eines vermag: den Menschen in das Mysterium der Gegenwart Gottes mitten in dieser Welt staunend zu führen und den Raum des Heiligen, den der Mensch so dringend braucht, andächtig und würdevoll zu erschließen.

Buchhinweise:
Markus Graulich (Hg.): Zehn Jahre Summorum Pontificum. Versöhnung mit der Vergangenheit – Weg in die Zukunft. (Pustet)
Peter A. Kwasniewski: Neuanfang inmitten der Krise. Die heilige Liturgie, die traditionelle lateinische Messe und die Erneuerung in der Kirche. Una Voce Edition.

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Quelle

 

„Die Kirche vertraut nicht auf Brüche“

Als Benedikt XVI. auf die sanfte Gewalt der Wahrheit setzte –
Beobachtungen zu der vom emeritierten Papst angestoßenen
Reform der Liturgiereform.

Von Martin Mosebach

Beim folgenden Text handelt es sich um die gekürzte Fassung der Rede, die Martin Mosebach zum Abschluss der Internationalen Liturgischen Tagung vergangene Woche gehalten hat.

Der Wortlaut ist abrufbar unter www.liturgische-tagung.org

 

Wir alle haben noch im Ohr, wie Bischöfe und Theologieprofessoren, Pfarrer und katholische Verbandsfunktionäre mit sieggewissem Ton verkündeten, mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil sei ein neues Pfingsten über die Kirche gekommen, was keines der berühmten für die Entwicklung des Glaubens prägend gewordenen historischen Konzilien jemals von sich behauptet hatte. „Ein neues Pfingsten“, das hieß nichts weniger als eine neue Erleuchtung, womöglich eine solche, die über die bereits vor zweitausend Jahren empfangene hinausführen würde – warum nicht gleich zum Dritten Testament aus der „Erziehung des Menschengeschlechtes“ des Gotthold Ephraim Lessing. Das Zweite Vaticanum bedeute einen Bruch mit der bis dahin geltenden Tradition, und dieser Bruch sei heilsam. Wer zuhörte, durfte glauben, die katholische Religion habe eigentlich erst nach dem Zweiten Vaticanum zu sich gefunden, alle Generationen davor, denen wir, wie wir hier sitzen, unseren Glauben verdanken, hätten sich gleichsam in einem Vorhof der Unreife aufgehalten.

Es sei gerechterweise der Tatsache gedacht, daß die Päpste dem zu entgegnen versuchten – mit schwacher Stimme und vor allem ohne den Willen, als Regenten der Kirche in diese Fehlentwicklung mit ordnender Hand einzugreifen. Sehr wenige einzelne Haeresiarchen, die mit selbstgewisser Dreistigkeit ihre Maßregelung geradezu erzwangen, wurden getadelt – aber die große Masse der Neu-Pfingstler durfte ungehemmt, in einem weit ausgebreiteten Netzwerk geschützt, einen Rieseneinfluß auf die kirchliche Gegenwart entfalten, so daß die Behauptung, mit dem II. Vaticanum habe die Kirche mit ihrer Vergangenheit gebrochen, für Außenstehende jedenfalls immer wahrscheinlicher wurde – wer daran gewohnt war, seinen Augen und Ohren zu trauen, der vermochte sich nicht länger einzureden, daß dies noch immer die sich in allem Wandel der Zeiten über die Jahrtausende treu gebliebene Kirche sei. Höhnisch reimte der deutsche katholische Staatsrechtler Carl Schmitt beim Anblick der nachkonziliären Kirche: „Alles fließt, lehrt Heraklit./Der Felsen Petri, der fließt mit.“

„Nach dem ,neuen Pfingsten‘ begann ein Auszug aus der Kirche, aus den Klöstern“

Ein Bildersturm wie in den schlimmsten Zeiten der Reformation ging über die Kirchen hinweg; in den Seminarien wurde „Entmythologisierung des Christentums“ a la Bultmann getrieben; die Liturgie wurde säkularisiert und protestantisiert, das Ende des Priesterzölibats als unmittelbar bevorstehend gefeiert, der Religionsunterricht wurde selbst im in dieser Hinsicht hochbegünstigten Deutschland weitgehend preisgegeben; die Priester legten ihr geistliches Habit ab, die Sakralsprache, eben noch von der Liturgiekonstitution des Konzils feierlich bestätigt, wurde aufgegeben. Dies alles geschah, um die Kirche, so hieß es, für die Zukunft zu rüsten; die Gläubigen seien anders nicht mehr in der Kirche zu halten. Man argumentierte in der Hierarchie wie Kaufhausbesitzer, die nicht auf ihrer Ware sitzenbleiben wollen und sie zu Schleuderpreisen unters Volk werfen.

Leider paßt der Vergleich nicht ganz, denn das Volk interessierte sich nicht für die verbilligte Ware – nach dem „neuen Pfingsten“ begann ein Auszug aus der Kirche, aus den Klöstern, aus den Priesterseminaren, die Kirche verlor, während sie ihre Revolution ungehemmt vorantrieb, unablässig an Bindungsfähigkeit und Anziehungskraft – sie glich, während sie sich im Abwerfen der Überlieferung selbst zu überbieten trachtete, jenem ratlosen Schneider, der sich kopfschüttelnd eine verschnittene Hose ansieht und dabei murmelt: „Dreimal abgeschnitten und immer noch zu kurz!“ Es wird behauptet, der Auszug der Gläubigen hätte sich auch ohne die Revolution ereignet – akzeptieren wir diese konditionale Behauptung einmal: Aber wenn das wirklich so gekommen wäre, dann wäre die gewaltsame Umwälzung ja gar nicht nötig gewesen – im Gegenteil, die in der Kirche verbliebene Schar hätte weiterhin unter dem „Zeichen, dem widersprochen wird“ in Treue ausharren können. Es gibt kein einziges Argument zugunsten der nachkonziliaren Umwälzung, ich habe bisher keines kennengelernt.

Papst Benedikt konnte und durfte nicht so denken, wenn er sich auch in einsamen Stunden dem Ansturm solcher Überlegungen nur schwer zu erwehren vermocht haben mag. Er wollte das Bild der Kirche als eines im Schutz des Heiligen Geistes harmonisch wachsenden Organismus keinesfalls aufgeben. Es war ihm in seinem historischen Bewußtsein auch klar, daß die Geschichte sich niemals zurückdrehen läßt – daß es unmöglich und auch vermessen ist, etwas Geschehenes ungeschehen zu machen, weil auch der sündenvergebende Gott ja die Sünde des Menschen nicht ungeschehen macht, sondern sie im besten Fall sogar zur „felix culpa“ werden läßt. Aus dieser Sicht konnte er nicht akzeptieren, was die Progressisten und die Traditionalisten gleichermaßen und mit den besten Gründen vortrugen: daß es in der nachkonziliaren Aera tatsächlich zu einem entscheidenden Bruch mit der Tradition gekommen sei – daß die Kirche vor dem Konzil und die Kirche nach dem Konzil nicht mehr dieselbe Institution sei. Es hätte dies bedeutet, daß die Kirche nicht mehr unter der Leitung des Heiligen Geistes stehe – daß sie mithin aufgehört hätte, Kirche zu sein. Man darf sich den Theologen Joseph Ratzinger freilich nicht in einem naiven Formelglauben befangen vorstellen. Die Verwerfungen der Kirchengeschichte waren ihm wohlvertraut. Daß es auch in der Vergangenheit schlechte Päpste, mißleitete Theologen, fragwürdige Verhältnisse in der Kirche gegeben hatte, war ihm niemals verborgen. Aber er fühlte sich bei Betrachtung der Kirchengeschichte von dem unbestreitbaren Eindruck getragen, daß die Kirche in beständiger Entwicklung immer wieder ihre Krisen überwand, indem es ihr gelang, Fehlentwicklungen nicht einfach abzuschneiden, sondern sie in den darauf folgenden Generationen womöglich sogar fruchtbar zu machen.

Als vordringlich schien es ihm deshalb, die Vorstellung zu bekämpfen, es habe diesen Bruch – für den doch alle Anzeichen sprachen – wirklich gegeben. Seine Bemühung galt dem Versuch, die Behauptung eines solchen Bruchs aus den Köpfen zu entfernen. Es haftete diesem Versuch etwas Dezisionistisches an – ein Sich-über-die-Fakten-Hinwegsetzen – und es möge bitte nicht als Ironie verstanden werden, wenn ich in diesem Zusammenhang den großen absurden Lyriker Christian Morgenstern zitiere mit seiner berühmten Zeile „…nicht sein kann, was nicht sein darf!“ Die Kirche darf sich niemals in einen Widerspruch zu sich selbst, zur Tradition, zur Offenbarung, zur Lehre der Väter und der Gesamtheit der Konzilien begeben – und deshalb tut sie es auch nicht, und wenn es so scheint, als tue sie es dennoch, so ist dies ein falscher Schein – eine in die Tiefe gehende Hermeneutik wird schließlich stets erweisen, daß der Widerspruch keiner war. Ein unerschöpfliches Vertrauen in das Wirken des Heiligen Geistes liegt in einer solchen Haltung, ein zynischer Außenstehender könnte auch von einer „heiligen Schlauheit“ sprechen; jedenfalls ist dieser Standpunkt aus beiden Blickwinkeln, dem des Gottvertrauens und dem des Macchiavellismus, gleichermaßen zu rechtfertigen. Denn der Blick auf die Kirchengeschichte zeigt, daß der Fortbestand der Kirche stets mit dem festen Glauben oder doch jedenfalls der unerschrocken behaupteten Fiktion verbunden war, in jeder Phase vom Heiligen Geist geleitet zu sein. Das, was Papst Benedikt „die Hermeneutik des Bruchs“ nannte, war für ihn – gleich, ob sie von der traditionstreuen oder von der progressistischen Seite in Anspruch genommen wurde – ein Angriff auf das Wesen der Kirche, deren Natur in der bruchlosen Kontinuität bestehe. Deshalb führte er den Begriff einer „Hermeneutik der Kontinuität“ im Munde, und das war weniger ein theologisches Programm und kaum die Grundlage von konkreten Entscheidungen, als das Werben um eine Geisteshaltung, aus der allein eine Gesundung der Kirche erwachsen würde: Wenn erst einmal alle verstanden hätten, daß die Kirche nicht auf Brüche und Revolutionen vertraut und vertrauen darf, dann würden die Hierarchen und Theologen gleichsam von selbst zu einer harmonischen Fortentwicklung der Tradition zurückfinden. Es sprach aus diesem Denken eine geradezu fernöstliche Weisheit, ein grundsätzliches Mißtrauen gegen alles Machertum und die Überzeugung, daß eine geistige Krise nicht vom Schreibtisch aus mit Dekreten zu beendigen sei. „Les choses se font en ne les faisant pas“ – das sagte kein Chinese, sondern ein europäisches Genie der Diplomatie, der französische Außenminister Talleyrand, der immerhin katholischer Bischof war – „Die Dinge erledigen sich, indem man nichts tut.“ – Das ist eine Alltagserfahrung, jeder mag sie schon einmal gemacht haben, aber es ist zugleich eine tiefe Einsicht in den Verlauf der Geschichte, deren große Entwicklungen von menschlichen Plänen unbeeinflußbar bleiben, so erregt die politischen Protagonisten im Vordergrund der Gegenwart auch herumfuchteln mögen.

Das war es ja, was schon der Kardinal und Glaubenspräfekt an der Meßreform Papst Paul VI. kritisiert hatte: Daß hier das organische Wachstum, die von der unmerklichen Hand der Zeit gestaltete Entwicklung der Liturgie durch einen bürokratischen Akt, einen „dictatus papae“, unterbrochen worden war. Es erschien ihm nicht nur aussichtslos, sondern geradezu verboten, die Wunde, die dieser Verstoß gegen die Tradition geschlagen hatte, durch ein erneutes Diktat zu heilen zu versuchen. Ein allmählicher Wandel des Denkens, hervorgerufen durch den Anblick des Vorbilds, das er der Welt gab, würde eine Stimmung schaffen, in der sich die Rückkehr zur Tradition wie von selbst ergab. Er vertraute auf die Macht der Bilder, die sich bei seinen öffentlichen Auftritten ergaben, etwa wenn er bei seinen Liturgien den römischen Kanon verwendete oder die Kommunion den knieenden Gläubigen in den Mund spendete. Die Wahrheit allein durch die „sanfte Gewalt“ der Wahrheit selbst wirken zu lassen, wie es in der Konzilskonstitution zur Religionsfreiheit heißt, diese Maxime entsprach sowohl seinem Temperament wie auch seiner Überzeugung.

Einen charakteristischen Ausdruck seiner Herangehensweise fand seine Sorge um die Überwindung der vielfältigen Fehlentwicklungen in der Liturgie, die das eucharistische Mysterium verdunkelten. Er hoffte, diese Mißstände durch eine „Reform der Reform“ beseitigen zu können. „Reform“, das war doch ein Begriff, der in den Ohren der Zeitgenossen wohlklingen mußte. „Reform“ war doch etwas, dessen Rechtfertigung sich von selbst verstand. Alles forderte doch unablässig ökonomische, politische und soziale Reformen. War da eine „Reform der Reform“ nicht geradezu eine Steigerung dieses positiven Wortes, Ausdruck auch der Maxime „ecclesia semper reformanda“ und als Bewertung und Überprüfung der Experimentalphase, die die Liturgie nach ihrer Neufassung durch Papst Paul durchlaufen hatte, auch notwendig?

Die Progressisten ließen sich über die Harmlosigkeit dieses „Reform“-Anliegens nicht täuschen. Schon die ersten äußerst behutsamen Schritte des Kardinals, erst recht des Papstes, wurden in ihrer Gefährlichkeit für die drei großen, wenngleich von Rom immer bestrittenen Ziele der Meß-Revolution erkannt: was er erreichen wollte, würde der Entsakralisierung, der Protestantisierung und der anthropozentrischen Demokratisierung des Ritus im Wege stehen. Mit welchen Kämpfen waren allein die Beseitigung der vielen Fehler in den landessprachlichen Übersetzungen der Meßbücher verbunden! Die philologisch eindeutige Verfälschung der Einsetzungsworte, der sattsam bekannte Streit um das „pro multis“ der Wandlung, das nun einmal beim besten und beim schlechtesten Willen nicht „pro omnibus“ heißt, ist in Deutschland bis heute nicht entschieden, obwohl sich die englischsprachige und die romanische Welt mehr oder weniger zähneknirschend gebeugt haben – die Allerlösungstheologie, eines der liebsten Kinder der nachkonziliaren Zeit, war in Gefahr.

Daß mindestens ein Drittel des Matthäus-Evangeliums etwa aus derart schreckenerregenden Ankündigungen der ewigen Verdammnis besteht, daß man nach der Lektüre nicht mehr schlafen kann, war den Propagandisten der „neuen Barmherzigkeit“ gleichgültig, obwohl sie ihren Kampf gegen die Tradition doch gerade damit rechtfertigten, durch historischen Wust und Verkrustung zu den Quellen des „authentischen“ Jesus zurückkehren zu wollen. Ähnlich ging es einem zentralen Anliegen Benedikts, daß die eigentliche Meßreform Papst Pauls VI. eigentlich gar nicht berührte. Die enthielt ja bekanntlich keine Änderung der Zelebrationsrichtung. Der von Papst Benedikt bewunderte Liturgiewissenschaftler Klaus Gamber hatte den wissenschaftlichen Nachweis geführt, daß die Annahme nicht haltbar sei, die Priester hätten das eucharistische Opfer zu irgendeinem Zeitpunkt der Kirchengeschichte zum Volk gewendet dargebracht und nicht gemeinsam mit dem Volk nach Osten zum wiederkehrenden Herrn hin ausgerichtet. Schon als Kardinal hatte Papst Benedikt immer wieder darauf hingewiesen, wie sehr die Messe durch die falsche Zelebrationsrichtung entstellt und in ihrer Bedeutung verunklart werde – er sprach davon, daß die zum Volk hin zelebrierte Messe den Eindruck vermittle, daß die Gemeinde nicht auf Gott ausgerichtet sei, sondern sich selbst feiere. Diese richtige Einsicht gelangte freilich weder in ein kirchenrechtlich verbindliches Dokument der Glaubenskongregation noch in die Gesetzgebung des Papstes.

„Am Gebrauch der Volkssprache gedachte Papst Benedikt jedenfalls nicht zu rütteln“

Auch hier sollte die Wahrheit sich wieder durch die „sanfte Gewalt“ der Wahrheit selbst durchsetzen – so eben sah die Herrschaft des „Panzerkardinals“ aus, von „Gottes Rottweiler“ und was sonst noch an Komplimenten für Papst Benedikt durch die veröffentlichte Meinung ersonnen wurde. Die Folge dieser Wirkung der „sanften Gewalt“ liegt heute offen zutage. Der im Geist Benedikts lehrende und handelnde Präfekt der Ritenkongregation, Kardinal Sarah, diese große Hoffnung in der gegenwärtigen Kurie, hat nichts in Händen, um den von Benedikt ererbten Auftrag, den er treu ausführen wollte, Wirklichkeit werden zu lassen. Die „Reform der Reform“, die immer nur eine programmatische Formel war, ist nun sogar als Formel verboten.

Lohnt es da noch zu fragen, wie die „Reform der Reform“ realistischerweise hätte aussehen können? Am Gebrauch der Volkssprache gedachte Papst Benedikt jedenfalls nicht zu rütteln, dies hielt er für unumkehrbar, wenngleich er eine Ausweitung gelegentlicher lateinischer Messen wahrscheinlich begrüßt hätte. Die Korrektur der falschen Zelebrationsrichtung hätte ihm am Herzen gelegen, desgleichen der im Meßbuch Pauls VI. ebenfalls nicht abgeschaffte Empfang der Kommunion in den Mund. Den Gebrauch des römischen Kanons hätte er favorisiert, der gleichfalls jetzt schon nicht verboten ist. Wenn er auch daran gedacht hätte, die alten hochwichtigen Offertoriumsgebete wieder ins neue Meßbuch aufzunehmen, dann könnte man sagen, seine Reform der Reform sei nichts anderes als die Rückkehr zu dem nachkonziliaren Meßordo von 1965, das im Auftrag von Papst Paul VI. vor seiner einschneidenden Meßreform selbst veröffentlicht wurde, und zu dem der damalige Kardinalstaatssekretär Cigognani in seinem Vorwort zum dazugehörigen Schott-Meßbuch von 1966 ausdrücklich schrieb: „Eigenart und Kernpunkt dieser Neubearbeitung ist der vollzogene Anschluß an die Liturgiekonstitution des Konzils.“

Es gehört zu den großen Rätseln der neueren Kirchengeschichte, was Papst Paul dazu trieb, über diesen von ihm promulgierten Meßordo hinwegzugehen und ein neues Missale kurz danach herauszugeben, das dem Konzilsauftrag eben nicht mehr entsprach. Eines ist gewiß: Wäre es bei dieser ersten Bearbeitung geblieben, die manches letztlich sinnlose Opfer brachte, im ganzen aber den Ritus unangetastet ließ, es hätte den Aufstand des großen Erzbischofs Lefebvre nie gegeben. Aber auch etwas anderes stimmt: Nichts hindert auch heute schon einen Priester daran, diese wichtigsten Elemente, die von einer „Reform der Reform“ zu erwarten gewesen wären, in seine Zelebration einzubeziehen: Ad orientem-Zelebration, Mundkommunion, römischer Kanon, gelegentliches Latein – nach den Büchern der Kirche ist das alles auch heute möglich, wenngleich es beträchtlicher Zivilcourage und Autorität bedarf, ohne Stütze aus Rom in der einzelnen Gemeinde zu dieser Form zurückzufinden.

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24.10.1998 – Ansprache von Kardinal Ratzinger zum 10-jährigen Bestehen des Motu proprio Ecclesia Dei

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Zehn Jahre Motu proprio Ecclesia Dei – welche Bilanz können wir in diesem Augenblick ziehen?   Ich denke, zunächst und vor allem gibt es da Grund zur Dankbarkeit.   Die verschiedenen Gemeinschaften, die auf dem Boden des Motu proprio entstanden sind, haben der Kirche eine große Zahl von Priester- und Ordensberufen geschenkt, die mit Eifer und Freude und in tiefer innerer Einheit mit dem Papst den Dienst für das Evangelium in dieser Zeit tun.   Sie haben viele Gläubige in der Freude an der Liturgie und in der Liebe zur Kirche bestärkt oder sie neu geschenkt.   In nicht wenigen Bistümern der Welt vollzieht sich ihr Dienst in einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit den Bischöfen und in einem guten, brüderlichen Verhältnis mit den Gläubigen, die sich in der erneuerten Form der Liturgie zu Hause fühlen.   All dies muß in dieser Stunde Grund zur Dankbarkeit sein.

Aber es wäre unrealistisch zu verschweigen, daß es an vielen Orten nach wie vor Schwierigkeiten gibt, weil Bischöfe, Priester und Gläubige die Anhänglichkeit an die alte Liturgie – die liturgischen Bücher von 1962 – als ein Element der Spaltung ansehen, das den Frieden der Gemeinden stört und Vorbehalte in der Annahme des Konzils wie überhaupt im Gehorsam gegen die rechtmäßigen Hirten der Kirche vermuten läßt.   Unsere Frage muß sein: Wie können diese Schwierigkeiten überwunden werden wie kann Vertrauen geschaffen werden, so daß sich die Gruppen und Gemeinschaften, die die alte Liturgie lieben, friedvoll und fruchtbar ins gemeinsame Leben der Kirche einfügen können?   Diesen Fragen liegt eine andere voraus: Was ist der eigentliche Grund für das Mißtrauen oder gar für die Ablehnung eines Fortbestehens der alten Formen liturgischen Feierns?   Zweifellos kann es da zunächst vortheologische Gründe geben, die am Temperament der einzelnen Menschen, am Gegensatz der Charaktere oder an anderen äußeren Umständen hängen.   Aber sicher gibt es auch tiefer liegende und weniger zufällige Ursachen für die Probleme.

Die beiden Begründungen, die am meisten genannt werden, sind mangelnder Gehorsam dem Konzil gegenüber, das nun einmal die liturgischen Bücher erneuert habe sowie die Spaltung der Einheit, die sich aus den unterschiedlichen Formen der Liturgie ergebe.   Beide Gründe lassen sich zunächst verhältnismäßig leicht auflösen.   Das Konzil hat zwar nicht selbst die liturgischen Bücher erneuert, wohl aber hat es den Auftrag zu deren Revision erteilt und dafür einige Grundsätze festgelegt.   Vor allem aber hat es eine Wesensbestimmung von Liturgie gegeben, die das innere Maß der einzelnen Reformen vorgibt und zugleich den beständigen Maßstab rechten liturgischen Feierns ausdrückt.   Der Gehorsam gegenüber dem Konzil wäre dann verletzt, wenn diese wesentlichen inneren Maßstäbe mißachtet und die normae generales beiseite geschoben würden, die in den Abschnitten 34 – 36 der Liturgiekonstitution formuliert sind.   Nach diesen Maßstäben ist sowohl die Feier der Liturgie nach den alten wie nach den neuen Büchern zu beurteilen, denn das Konzil hat – wie schon gesagt – nicht Bücher vorgeschrieben oder abgeschafft, sondern Grundnormen gegeben, die in allen Büchern respektiert werden müssen.   In diesem Zusammenhang ist an die Feststellung von Kardinal Newman zu erinnern, daß die Kirche nie in ihrer Geschichte rechtgläubige Formen von Liturgie einfach abgeschafft oder verboten hat – das wäre dem Geist der Kirche durchaus fremd.   Eine rechtgläubige Liturgie ist ja nie eine bloß pragmatisch geschaffene Zusammenstellung von Zeremonien, die man dann positivistisch heute so und morgen anders verfügen könnte.   Rechtgläubige Formen eines Ritus sind lebendige Wirklichkeiten, die aus dem liebenden Dialog der Kirche mit ihrem Herrn gewachsen sind, Lebensgestalten der Kirche, in denen sich der Glaube, das Beten und das Leben von Generationen verdichtet und in denen das Miteinander von Gottes Handeln und Antwort des Menschen Form gefunden hat. Solche Riten können absterben, wenn das sie tragende Subjekt in der Geschichte verschwindet oder sich mit seinem Erbe einem anderen Lebensraum einfügt.   Die Autorität der Kirche kann in wechselnden geschichtlichen Situationen den Gebrauch solcher Riten umschreiben und einschränken, aber sie verbietet sie nie einfach.   So hat das Konzil den Auftrag zu einer Erneuerung der liturgischen Bücher und damit auch ritueller Gestaltungen gegeben, aber nicht ein Verbot von Büchern formuliert.   Der Maßstab des Konzils ist zugleich weiträumiger und anspruchsvoller er fordert alle zur Selbstprüfung heraus.

Wir werden auf diesen Punkt zurückkommen müssen.   Zunächst ist aber noch das Argument der Störung der Einheit zu bedenken.   Da muß man wohl zwischen der theologischen und der praktischen Seite der Frage unterscheiden.   Was das Theoretische, das Grundsätzliche angeht, so hat es immer mehrere Formen von lateinischen Riten gegeben, die mit der Vereinheitlichung der Lebensräume in Europa allmählich zurückgetreten sind, aber bis zum Konzil gab es neben dem römischen den ambrosianischen Ritus, den Ritus von Toledo, den Ritus der Dominikaner, vielleicht auch noch andere, mir nicht bekannte.   Niemand hat daran Anstoß genommen, daß die Dominikaner, die ja durchaus in unseren Pfarreien gegenwärtig waren, die Messe etwas anders feierten als der Pfarrer.   Wir wußten, daß die eine Weise so katholisch war wie die andere und freuten uns des Reichtums der Überlieferungen.   Des weiteren ist zu sagen, daß die Freiräume der Kreativität, die der neue Meßordo läßt, nicht selten überdehnt werden und daß der Unterschied zwischen den einzelnen örtlichen Anwendungen der neuen Bücher oft größer ist als der Unterschied zwischen alten und neuen Büchern, wenn sie in ihrem eigenen Bestand an Texten und Riten streng beobachtet werden.   Ein lateinisches Hochamt nach dem alten und nach dem neuen Missale ist für den liturgisch weniger gebildeten Christen kaum zu unterscheiden, während der Unterschied zwischen der getreulich nach dem neuen Meßbuch gefeierten Liturgie und den „kreativ“ ausgeweiteten Formen muttersprachlicher Zelebration gewaltig sein kann.

Damit haben wir aber die Ebene des Theoretischen schon überschritten und sind im Bereich des Praktischen angelangt, wo natürlich die Dinge komplizierter sind, weil es sich ja um das Miteinander von lebendigen Menschen handelt.   Die Aversionen sind – wie mir scheint – deshalb so groß, weil man die beiden Weisen liturgischen Feierns mit zwei unterschiedlichen spirituellen Haltungen verbindet, zwei verschiedenen Weisen, die Kirche und das Christsein überhaupt zu verstehen.   Das hat mancherlei Gründe.   Es liegt zuallererst aber daran, daß man die beiden liturgischen Gestalten an äußeren Elementen ihrer Form mißt und von daher dann auch zu gegensätzlichen Grundhaltungen kommt.   Als wesentlich für die erneuerte Liturgie sieht der Durchschnittschrist an, daß sie muttersprachlich ist, daß sie in Zuwendung zum Volk gefeiert wird, daß Gestaltungsfreiheiten sind und daß Laien aktive Funktionen in der Liturgie ausüben.   Als wesentlich für die Feier nach den alten Büchern sieht man an, daß sie in lateinischer Sprache erfolgt, daß der Priester zum Altar gewendet steht, daß der Ritus streng vorgegeben ist und daß die Gläubigen in stillem Beten der Messe folgen, ohne selbst aktive Funktionen auszufüllen.   Die Phänomenologie der Liturgie ist entscheidend für ihre Aufnahme, nicht das, was sie selbst als das Wesentliche versteht.   Damit freilich mußte man rechnen, daß der Gläubige die Liturgie von den konkreten Formen ihrer Erscheinung her deutet, von ihr her spirituell bestimmt wird und nicht ohne weiteres ihre tieferen Schichten wahrnimmt.   Zu den eben aufgezählten Gegensätzen ist nämlich zu sagen, daß sie aus Geist und Buchstaben des Konzils keineswegs abzuleiten sind.   Die Konzilskonstitution selbst spricht überhaupt nicht von der Zuwendung zum Altar oder zum Volk.   Sie sagt über die Sprache, daß das Latein bewahrt werden müsse, aber der Muttersprache mehr Raum zu geben sei, besonders „in den Lesungen und Hinweisen (admonitionibus) und in einigen Orationen und Gesängen“ (36 § 2).   Was die Beteiligung der Laien angeht, so betont das Konzil zunächst ganz allgemein, daß die Liturgie ihrem Wesen nach vom ganzen Leib Christi, Haupt und Glieder, getragen wird (7), daß daher ihre Feier „den ganzen mystischen Leib der Kirche angeht“ (26) und daß sie demgemäß auf „gemeinschaftliches Feiern mit Beteiligung und tätiger Teilnahme der Gläubigen angelegt“ ist (27).   Das wird dann so konkretisiert: „Bei den liturgischen Feiern soll jeder, sei er Liturge oder Gläubiger, in der Ausübung seiner Aufgaben nur das und all das tun, was ihm aus der Natur der Sache und gemäß den liturgischen Regeln zukommt“ (28).   „Um die tätige Teilnahme zu fördern, soll man den Akklamationen des Volkes, dem Psalmengesang, den Antiphonen, den Liedern sowie den Handlungen und den Körperhaltungen Sorge zuwenden.   Auch das heilige Schweigen soll zu seiner Zeit eingehalten werden“ (30).

Diese Maßgaben des Konzils müssen allen zu denken geben.   Es gibt gerade in Kreisen mancher moderner Liturgiker Tendenzen, zwar den konziliaren Ansatz aufzugreifen, ihn aber in einer Weise einseitig weiter zu entwickeln, daß die Intentionen des Konzils auf den Kopf gestellt scheinen.   Die Stellung des Priesters wird von manchen aufs rein Funktionale reduziert.   Die Tatsache, daß der ganze Leib Christi Subjekt der Liturgie ist, wird dahin umgebogen, daß die jeweilige Gemeinde das eigentliche Subjekt der Liturgie sei und darin die Rollen verteile.   Es gibt eine bedenkliche Tendenz, den Opfercharakter zu minimalisieren, das Moment des Mysteriums und überhaupt das Sakrale über dem Anliegen schneller Verständlichkeit fast ganz verschwinden zu lassen.   Schließlich ist die Tendenz zu beobachten, durch eine einseitige Betonung des gemeindlichen Charakters des Gottesdienstes eine Fragmentierung der Liturgie herbeizuführen, die jeweils Sache der Gemeinde sei, die selbst ihre Feier entscheide.   Es gibt aber gottlob inzwischen auch einen großen Überdruß an den banalen Rationalismen und Pragmatismen solcher Theoretiker und Praktiker der Liturgie und eine entschiedene neue Zuwendung zum Mysterium, zur Anbetung, zum sakralen, zum kosmischen und eschatologischen Charakter der Liturgie, wofür die Oxford-Declaration on Liturgy von 1996 ein eindrucksvolles Beispiel ist.   Andererseits muß man zugeben, daß die Feier der alten Liturgie oft zu sehr ins Individualistische und Private abgesunken war, daß die Gemeinschaft von Priester und Volk ungenügend gewesen ist.   Ich habe großen Respekt vor unseren Vorfahren, die während der stillen Liturgie aus ihren Meßbüchem ihre Meßandachten beteten, aber als ideale Form liturgischer Feier kann man dies gewiß nicht ansehen.   Vielleicht sind solche reduktionistische Weisen liturgischer Feier sogar der eigentliche Grund dafür, weshalb in vielen Ländern das Verschwinden der alten liturgischen Bücher überhaupt nicht als ein einschneidender Vorgang empfunden wurde. Man war gar nicht mit der Liturgie selbst in Berührung gekommen.   Der Schmerz über eine hastig und oft äußerlich durchgeführte Reform ist da entstanden, wo die Liturgische Bewegung Liebe zur Liturgie geschaffen und wesentliche Postulate des Konzils, nämlich die betende Einbeziehung aller in das gottesdienstliche Geschehen vorweggenommen hatte.   Wo es gar keine Liturgische Bewegung gab, ist die Liturgiereform zunächst schmerzlos vor sich gegangen.   Unbehagen ist erst da und dort aufgestiegen, wo willkürliche Kreativität das Mysterium verschwinden ließ.   Deswegen ist es wichtig, daß bei der Feier der Liturgie nach den alten Büchern die wesentlichen Maßstäbe der Liturgiekonstitution eingehalten werden, die ich eben zitiert habe.   Wenn diese Liturgie wirklich die Gläubigen mit ihrer Schönheit und Tiefe erreicht, dann wird sie geliebt, dann steht sie aber auch in keinem unversöhnlichen Gegensatz zu den neuen Büchern, wo diese wiederum in wahrhaft konzilsgemäßer Form angewandt werden.

Natürlich bleiben unterschiedliche spirituelle und theologische Akzentuierungen bestehen, aber die sind dann nicht mehr gegensätzliche Weisen des Christseins, sondern Reichtum des einen Glaubens.   Als vor etlichen Jahren das Stichwort einer neuen Liturgischen Bewegung in die Debatte geworfen wurde, wodurch das Auseinanderdriften beider liturgischen Formen gebremst und ihre innere Konvergenz neu sichtbar werden solle, haben einige Freunde der alten Liturgie gefürchtet, dies sei ein Trick, um doch endlich die alten Bücher ganz verabschieden zu können.   Solche Ängstlichkeiten sollten aufhören.   Wenn in beiden Weisen des Feierns deutlich die Einheit des Glaubens und die Einzigkeit des Mysteriums erscheint, kann das für alle nur Grund der Freude und der Dankbarkeit sein.   Je mehr wir alle aus solcher Gesinnung heraus glauben, leben und handeln, desto mehr werden wir auch die Bischöfe überzeugen können, daß die Präsenz der alten Liturgie nicht ein Störungselement und eine Bedrohung der Einheit ist, sondern eine Gabe, die dem Aufbau des Leibes Christi dient, dem wir alle verpflichtet sind.   So möchte ich Sie, liebe Freunde, ermutigen, die Geduld nicht zu verlieren, das Vertrauen zu bewahren und aus der Gabe der Liturgie die Kraft zum Zeugnis zu nehmen, das Christus hineinträgt in diese unsere Zeit.

Josef Kardinal RATZINGER
Präfekt der Glaubenskongregation

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