Prof. Wolfgang Waldstein: Zur Frage der normativen Qualität des Verbots des Missale Romanum von 1962

Die schwerwiegenden Auswirkungen, die das „Verbot des Missale, das alle Jahrhunderte hindurch seit den Sakramentaren der alten Kirche kontinuierlich gewachsen war“1, für  die katholische Kirche gehabt hat, lassen es notwendig erscheinen, die normative Qualität dieses Verbots zu untersuchen. Dies umsomehr, als Kardinal Joseph Ratzinger bereits 1976 als Professor mir geschrieben hat, daß es sich dabei um einen „der kirchlichen Rechts- und Liturgiegeschichte durchaus fremden Typus von Verbot des Bisherigen“ handelt. Und er fügte hinzu: „Ich kann aus meiner Kenntnis der Konzilsdebatte und aus nochmaliger Lektüre der damals gehaltenen Reden der Konzilsväter mit Sicherheit sagen, daß dies nicht intendiert war.“ Als Konzilsperitus konnte Prof. Ratzinger damals sagen, daß ein solches Verbot vom Konzil „nicht intendiert war“. Das heißt, es widersprach dem Willen des Konzils. Dies wird auch durch Art. 4 der Liturgiekontitution (Sacrosanctum Concilium) bestätigt, der in den offiziellen Übersetzungen lautet: „Treu der Überlieferung erklärt das Heilige Konzil schließlich, daß die heilige Mutter Kirche allen rechtlich anerkannten Riten gleiches Recht und gleiche Ehre zuerkennt. Es ist ihr Wille, daß diese Riten in Zukunft erhalten und in jeder Weise gefördert werden, … .“ Die deutsche Übersetzung hat die lateinischen Worte fideliter obsequens, die „treu gehorsam“ bedeuten, einfach auf „treu“ verkürzt. Die richtige Übersetzung müßte deshalb lauten: „Der Überlieferung treu gehorsam erklärt das Heilige Konzil.“ Das auszusprechen war den Über-

1 Vgl. Joseph Ratzinger, Aus meinem Leben, 3. Aufl. April 1998, S. 173.

setzern damals offenbar nicht mehr möglich. Der Gehorsam gegenüber der Tradition war in der damaligen Situation kein Thema. Daher blieb der Art. 4 in der Folgezeit auch faktisch wirkungslos. Ich sage „faktisch“, denn rechtlich konnte dieser Artikel durch Maßnahmen einer Kongregation oder durch sie ermächtigter Bischofskonferenzen nicht aufgehoben werden, und er ist natürlich nach wie vor voll in Geltung. Rechtlich ist daher eine Vielfalt bewährter Formen durch das Konzil selbst abgesichert worden.

Um die normative Qualität des Verbots des Missale Romanum von 1962 besser beurteilen zu können, ist zunächst 1. ein Blick auf die von Ratzinger genannte „kirchliche Rechts- und Liturgiegeschichte“ nötig. Hier ist vor allem die Reform von Pius V. zu erwähnen. Hierauf sind 2. die Normen zu prüfen, die das Verbot eingeführt haben. Schließlich ist 3. die nach geltendem Kirchenrecht objektiv bestehende Rechtslage darzustellen.

I. Die Rechtslage nach der Bulle Quo primum

Pius V. hat in der Bulle Quo primum, mit der am 14. Juli 1570 das von ihm überarbeitete Missale Romanum in Kraft gesetzt wurde,  im § 2 bestimmt, daß alle Riten, die von Anfang an vom Apostolischen Stuhl approbiert wor- den waren oder über 200 Jahre in den gleichen Kirchen zur Feier der heiligen Messe ununterbrochen gebraucht wurden, weiterhin gültig bleiben. Pius V. hat also mit der Einführung des überarbeiteten Missale Romanum die Vielfalt liturgischer Formen ausdrücklich bekräftigt. Das Verbot von Riten, die den genannten Kriterien nicht entsprachen, hing mit der Situation der Reformation zusammen. Zu dieser Bestimmung hat Kardinal Ratzinger im Zusammenhang mit der Einführung des Meßbuchs von 1969/70 folgendes erklärt:

„Daß nach einer Zeit des Experimentierens, das die Liturgie oft tief entstellt hatte, wieder ein verbindlicher liturgischer Text vorlag, war zu begrüßen. Aber ich war bestürzt über das Verbot des alten Missale, denn etwas Derartiges hatte es in der ganzen Liturgiegeschichte nie gegeben. Man erweckte zwar den Eindruck, als ob dies etwas ganz Normales sei. Das bisherige Missale sei von Pius V. 1570 im Anschluß an das Konzil von Trient geschaffen worden; so sei es normal, daß nach 400 Jahren und einem neuen Konzil ein neuer Papst ein neues Meßbuch vorlege. Aber die historische Wahrheit ist anders. Pius V. hatte lediglich das vorhandene Missale Romanum überarbeiten lassen, wie dies im lebendigen Wachstum der Geschichte die Jahrhunderte hindurch normal ist.“ Ratzinger sagt dann, daß auch die weitere Entwicklung „ein kontinuierlicher Prozeß des Wachsens und Reinigens“ war, „in dem doch die Kontinuität nie zerstört wurde. Ein Missale Pius V., das von ihm geschaffen worden wäre, gibt es nicht. Es gibt nur die Überarbeitung von Pius als Phase in einer langen Wachstumsgeschichte.“2

Ratzinger geht dann auf das „Neue nach dem Konzil von Trient“ ein, das „anderer Natur“ war als das 1969. Er sagt: „Der Einbruch der Reformation hatte sich vor allem in der Weise liturgischer »Reformen« vollzogen. Es gab ja nicht einfach katholische und protestantische Kirche nebeneinander; die Spaltung der Kirche vollzog sich fast unmerklich und am sichtbarsten wie geschichtlich wirksamsten in der Veränderung der Liturgie, die wieder lokal sehr verschieden ausfiel, so daß auch da die Grenzen zwischen noch katholisch und nicht mehr katholisch oft gar nicht

2 Aus meinem Leben, 3. Aufl. April 1998, S. 172.

auszumachen waren.“ Er sagt dann weiter: „In dieser Situation der Verwirrung, die durch das Fehlen einer einheitlichen liturgischen Gesetzgebung und den an sich bestehenden liturgischen Pluralismus des Mittelalters möglich geworden war, entschied der Papst, daß nun das Missale Romanum, das Meßbuch der Stadt Rom als zweifelsfrei katholisch überall dort einzuführen sei, wo man nicht auf Liturgien verweisen konnte, die wenigstens 200 Jahre alt waren. Wo dies der Fall war, konnte man bei der bisherigen Liturgie bleiben, weil ja dann deren katholischer Charakter als gesichert gelten durfte. Von einem Verbot eines bisherigen und bisher rechtmäßig gültigen Missale konnte also keine Rede sein.“3 Dann kommt die überaus ernste Feststellung: „Das nunmehr erlassene Verbot des Missale, das alle Jahrhunderte hindurch seit den Sakramentaren der alten Kirche kontinuierlich gewachsen war, hat einen Bruch in die Liturgiegeschichte getragen, dessen Folgen nur tragisch sein konnten.“4 So weit Ratzinger.

Um die Anwendbarkeit des Art. 4 der Liturgiekonstitution auf das Missale Romanum von 1962 auszuschließen, ist die Fiktion eingeführt worden, daß die neue Messe keine neue sei, sondern die im Auftrag des Konzils reformierte alte Messe. Daher gebe es die alte Messe nicht mehr, sie exitiere nur mehr in der reformierten Gestalt. Der damalige Erzbischof von Salzburg, Karl Berg, scheute nicht vor dem Vergleich mit der Herausgabe eines neuen Fahrplanes zurück mit der Nutzanwendung, daß nach Herausgabe eines neuen Fahrplanes der alte nicht in Kraft bleiben könne5. Über das, was in der neuen Reform

3 Aus meinem Leben S. 172 f.

4 Aus meinem Leben S. 173.

5 Vgl. dazu W. Waldstein, Hirtensorge und Liturgiereform, Eine Dokumentation, Verlag Stiftung »Lumen gentium«, Schaan 1977, S. 178.

im Gegensatz zu dem früheren organischen Wachsen tatsächlich geschah, sagt Kardinal Ratzinger Folgendes: „Aber nun geschah mehr: Man brach das alte Gebäude ab und baute ein anderes, freilich weitgehend aus dem Material des Bisherigen und auch unter Verwendung der alten Baupläne. Es gibt gar keinen Zweifel, daß dieses neue Missale in vielem eine wirkliche Verbesserung und Bereicherung brachte, aber daß man es als Neubau gegen die gewachsene Geschichte stellte, diese verbot und damit Liturgie nicht mehr als lebendiges Wachsen, sondern als Produkt von gelehrter Arbeit und von juristischer Kompetenz erscheinen ließ, das hat uns außerordentlich geschadet.“6

Daß es sich in der Tat beim Missale von 1969 um etwas Neues handelt, hat sogar Erzbischof Annibale Bugnini indirekt bestätigt. Er hat als Sekretär der Liturgiekongregation die Hauptrolle bei der Schaffung der neuen Liturgie gespielt. Papst Paul VI. hatte bekanntlich einen Rat (Consilium) zur Ausführung der Reformen eingesetzt. Das Ergebnis der Arbeit dieses Rates war die sogenannte „missa normativa.“ Über diese hatten die Väter der Bischofssynode von 1967 zu entscheiden. In seinem Buch über „Die Liturgiereform 1948 – 1975“ berichtet Bugnini, daß am 24. Oktober 1967 vor den versammelten Synodenvätern „in der Capella Sistina ein Experiment mit der »missa normativa«“ stattfand7. Er schildert auch selbst die Reaktionen der Väter. Bugnini gibt zu, „daß das Experiment mißlang“, und fügt hinzu: „Ja, in gewissem Sinn bewirkte es das Gegenteil und wirkte sich negativ auf die Abstimmung aus.“8 Und er meint: „Die Zelebrationsfeier muß bei

6 Aus meinem Leben S. 173 f.

7 A. Bugnini, Die Liturgiereform 1948 – 1975, Zeugnis und Testament, Deutsche Ausgabe hrsg. von Johannes Wagner unter Mitarbeit von François Raas, Herder, Freiburg im Breisgau 1988, S. 373.

8 Liturgiereform S. 374.

vielen Vätern den Eindruck von etwas Künstlichem erzeugt haben, es roch zu sehr nach Wissenschaft, zu wenig nach Pfarrei.“9 Und dieser Eindruck Bugninis trifft auch zweifellos den entscheidenden Punkt, zu dem Kardinal Ratzinger folgendes sagt: „Denn nun mußte der Eindruck entstehen, Liturgie werde »gemacht«, sie sei nichts Vorgegebenes, sondern etwas in unseren Entscheiden Liegendes. Und dann ist es wiederum logisch, … daß zuletzt jede »Gemeinde« sich ihre Liturgie selber geben will. Aber, wo Liturgie nur selbstgemacht ist, da eben schenkt sie uns nicht mehr, was ihre eigentliche Gabe sein sollte: die Begegnung mit dem Mysterium, das nicht unser Produkt, sondern unser Ursprung und die Quelle unseres Lebens ist.“10 So weit Ratzinger.

Wie Bugnini weiter berichtet, kam es nach der Vorführung in der Capella Sistina in der Bischofssynode zur Ablehnung der »missa normativa«. Für die Hauptfrage: „Ist man im allgemeinen für die Struktur der »missa normativa«“, lautete das Abstimmungsergebnis bei insgesamt 176 Stimmen folgendermaßen: 71 Jastimmen, 43 direkte Neinstimmen und 62 Stimmen „iuxta modum“, die kein Ja bedeuteten und den Neinstimmen zugerechnet werden mußten. Damit hatte die „missa normativa“ bei einem Stimmenverhältnis von 71 zu 105 mit beachtlicher Mehrheit nicht die Zustimmung jener Bischofssynode erhalten, die zu ihrer Einführung einberufen worden war. Knapp vier Jahre nach der Verabschiedung der Liturgiekonstitution des Konzils gab es also durch die zuständige Bischofssynode nicht die erforderliche Zustimmung dafür, was die Reformatoren als Erfüllung des Auftrages des Konzils darstellen wollten. Daher kann die „missa normativa“ noch viel weniger

9 Liturgiereform S. 375.

10 Joseph Kardinal Ratzinger, Aus meinem Leben, Stuttgart 31998, S. 173. Ausführlich dazu auch: Der Geist der Liturgie, Freiburg 2000, S. 141 – 144.

dem Konzil selbst zugerechnet werden. Die mit der Liturgiereform verbundenen Erscheinungen machen es jedoch verständlich, daß man sie gerne mit der Autorität des Konzils unanfechtbar machen wollte. Eine Liturgie des Konzils gibt es jedoch in Wahrheit nicht. Weniger als zwei Jahre später wurde das neue Missale Pauls VI. mit der Apostolischen Konstitution Missale Romanum vom 3. April 1969 veröffentlicht und mit Wirkung vom 30. November 1969 in Kraft gesetzt. Ich habe bereits wiederholt dargestellt, wie in dieser ersten Editio typica die Messe selbst in der Allgemeinen Einführung (Institutio generalis) zum neuen Meßbuch definiert wurde und was mit dieser Editio typica dann tatsächlich geschehen ist11. Es ist leider nötig, diese Tatsachen zu erwähnen, weil nur so die sich aus diesen Tatsachen ergebende Situation verständlich wird. Auf Anordnung von Papst Paul VI. mußte die Institutio generalis von 1969 eingestampft und durch eine korrigierte Fassung ersetzt werden, die mit Dekret vom 26. März 1970 „im Auftrag des Papstes“ veröffentlicht wurde12, also knapp ein Jahr nach der ersten Veröffentlichung der reformierten Liturgie.

Schon die Realitäten, die Ratzinger aufgezeigt hat, machen die Fiktion von der Identität der neuen Messe mit der alten völlig zunichte. Aber auch die Darstellung Bugninis betreffend die Bischofssynode 1967 und die Vorgänge um die Publikation der neuen Messe zeigen, welche Umbrüche mit diesen Vorgängen verbunden waren. Jeder aufmerksame Beobachter und leidvolle Teilnehmer an von Liturgiekreisen oder „autonomen“ Geistli-

11 Zuletzt in PRO MISSA TRIDENTINA, Rundbrief der Laienvereinigung für den klassischen römischen Ritus in der Katholischen Kirche e. V. Nr. 28, September 2004, S. 64 – 68.

12 Die deutsche Übersetzung in Nachkonziliare Doku- mentation Bd. 19 ist in Trier 1974 als „2., veränderte Auflage“ erschienen.

chen „gestalteten“ Liturgien kann seit Jahrzehnten bezeugen, daß die neue Liturgie tatsächlich eine neue ist, und zwar auch dann, wenn sie korrekt gefeiert wird. Wenn sie aber nicht korrekt gefeiert wird, gibt es sozusagen fast nichts, was es nicht gibt. Kardinal Ratzinger mußte sogar feststellen: „Ich bin überzeugt, daß die Kirchenkrise, die wir heute erleben, weitgehend auf dem Zerfall der Liturgie beruht, die mitunter sogar so konzipiert wird, »etsi Deus non daretur«: daß es in ihr gar nicht mehr darauf ankommt, ob es Gott gibt und ob er uns anredet und anhört.“13 Völlig unberührt durch all diese Tatsachen wird an der Fiktion von der Identität der neuen Messe mit der alten nach wie vor festgehalten. Sie ist notwendig, um die Messe, die bis über das Konzil hinaus von der ganzen Kirche und auch noch von den Vätern der Bischofssynode von 1967 gefeiert wurde, nicht unter die Bestimmung des Art. 4 SC fallen zu lassen. Ein Mitstreiter Bugninis, P. Rinaldo Falsini OFM, hat Kardinal Castrillón Hoyos wegen dessen Erklärung, daß Artikel 4 der Liturgiekonstitution auch für den Ritus des Missale von 1962 gilt, scharf kritisiert. Falsini seinerseits erklärte, es gebe heute nur „einen einzigen legitimen römischen Ritus“, und zwar den … von Paul VI. in Kraft gesetzten14. Diese Aussage zeigt die völlige Mißachtung des kirchlichen Rechts, das, wie noch näher zu zeigen sein wird, den Ritus von 1962 inzwischen durch eine vom Papst erlassene Norm ausdrücklich anerkennt. Zudem hat Papst Johannes Paul II. in einer Ansprache vor den Mönchen von Le Barroux zu der Frage der Anerkennung des Missale von 1962 den Art. 37 der Liturgiekonstitution zitiert, der sagt: „In den Dingen, die den Glauben oder das Allgemeinwohl nicht betreffen, wünscht die Kirche nicht eine starre Einheit-

13 Aus meinem Leben S. 173 f.

14 Vgl. „Die Tagespost“ vom 8. Juli 2003, S. 4.

lichkeit der Form zur Pflicht zu machen, nicht einmal in ihrem Gottesdienst; im Gegenteil pflegt und fördert sie das glanzvolle geistige Erbe …“15. P. Falsini will dagegen gerade jene „starre Einheitlichkeit der Form“ durchsetzen, die das Konzil ausdrücklich abgelehnt hat. An solchen Beispielen zeigt sich, was das Konzil für diejenigen wirklich bedeutet, die sich sonst so gerne darauf berufen. Dr. Reiner Kaczynski hat in einem Vortrag vor der Katholischen Akademie in Bayern am 17. Oktober 1976 betreffend die Durchsetzung der Liturgiereform gesagt: „Die harte Linie setzte sich durch, wie ich persönlich meine, mit Recht.“16 Der „harten Linie“, die vor allem von Bugnini verkörpert wurde, ging es um Durchsetzung ihrer Vorstellungen ohne Rücksicht auf irgendwelche entgegenstehende Normen der Kirche. Auch „das Heil der Seelen…, das in der Kirche immer das oberste Gesetz sein muß“ (Can. 1752 CIC), konnte dabei keine Rolle spielen.

II. Die Normen, die das Verbot der Messe aller Jahrhunderte enthalten

Auf dem Hintergrund dessen, was bisher zu der von Kardinal Ratzinger betonten „kirchlichen Rechts- und Liturgiegeschichte“ gesagt werden konnte, ist nun die normative Qualität jener Normen zu prüfen, mit denen das Verbot eingeführt wurde. Zunächst ist jedoch zu sagen, daß die Apostolische Konstitution Missale Romanum vom 3. April 1969 kein Verbot anderer Riten enthält17. Vielmehr be-

15 Abgedruckt im Brief an die Freunde der Abtei Sainte Madeleine Nr. 41, vom 8. Dezember 1990, ohne Seitenzahlen, aber S. 11 f.

16 Kritische Einwände gegen die Liturgiereform – berechtigt oder nicht? Manuskriptdruck der Katholischen Akademie in Bayern, S. 16. Wiedergegeben bei Waldstein, Hirtensorge S. 105.

17 Vgl. dazu Waldstein, Hirtensorge und Liturgiereform, Eine Dokumentation, Verlag Stiftung »Lumen gentium«, Schaan 1977,  S. 101 f.

ginnt die Konstitution mit einem Text, der es verdient, hier wiedergegeben zu werden:

„Das Römische Meßbuch, auf Grund eines Beschlusses des Konzils von Trient von Unserem Vorgänger, dem heiligen Pius V., im Jahre 1570 herausgegeben, gehört nach allgemeinem Urteil zu den vielen segensreichen Ergebnissen, die dieses Konzil für die gesamte Kirche Christi zeitigte. Vier Jahrhunderte lang haben Priester des lateinischen Ritus sich seiner als Norm zur Feier des eucharistischen Opfers bedient, und Glaubensboten haben es in fast alle Länder gebracht. Zahllose heilige Menschen haben für ihr geistliches Leben aus seinen Schriftle- sungen und Gebeten in reichem Maß wertvolle Anregungen geschöpft, aus jenen Texten also, deren Ordnung im wesentlichen auf Gregor den Großen zurückgeht.“18 Obwohl Papst Paul VI. auch am Ende der Konstitution nochmals Pius V. zitiert, geht er nirgends auf die in der Bulle Quo primum geregelte Frage anderer Riten ein. Hinsichtlich des neuen Missale sagt er jedoch nur: „Der Anordnung des Zweiten Vatikanischen Konzils entsprechend, haben wir zwar im neuen Meßbuch berechtigter Vielfalt und Anpassung ihren Platz zuerkannt; dennoch geben wir der Hoffnung Ausdruck, daß das neue Buch von den Gläubigen als eine Hilfe zur gegenseitigen Bezeugung und Stärkung der Einheit angenommen werde.“19 Aus dieser Aussage kann kein Verbot des früheren und keine unbedingte Verpflichtung zur Annahme des neuen Missale abgeleitet werden. Papst Paul spricht nur die Hoffnung aus, daß es an- genommen werde. Was jedoch die „Stärkung der Einheit“ betrifft, so ahnte der Papst offen- bar im Zeitpunkt der Veröffentlichung der Apostolischen Konstitution nicht, welches

18 Vgl. Dokumente zum Römischen Meßbuch, Nachkonziliare Dokumentation Bd. 19, „2., veränderte Auflage“ Trier 1974, S. 17.

19 Dokumente Bd. 19, S. 27.

Problem ihm durch die „Allgemeine Einführung“, die er als „die Einleitung des Buches“ bezeichnet, noch vor dem 30. November 1969 entstehen würde, mit dem das neue Missale in Kraft treten sollte. Der Papst realisierte offenbar nicht, daß in der Definition der hl. Messe in der Allgemeinen Einführung Nr. 7 das „eucharistische Opfer“, von dem er in der Konstitution spricht, nicht mehr vorkommt. Die dort enthaltene Definition lautet in der deutschen Übersetzung bekanntlich:

„Das Herrenmahl – die Messe – ist die heilige Versammlung des Volkes Gottes, die unter der Leitung des Priesters die Gedächtnisfeier des Herrn begeht.“20 Als dem Papst diese und andere Tatsachen vor Augen geführt wurden, sah er sich, wie Kardinal Stickler als Konzilsperitus der Liturgiekommission bezeugt 21, gezwungen, die gerade erst veröffentlichte Allgemeine Einführung des neuen Meßbuches einstampfen zu lassen und die Herausgabe einer korrigierten Fassung anzuordnen. Welche Folgen diese Definition für die Kirche in der Folgezeit hatte und bis heute hat, habe ich schon mehrfach aufzeigen müssen22. Das muß hier nicht wiederholt werden. Aber diese Tatsachen haben in einem bisher kaum ernsthaft zur Kenntnis genommenen Ausmaß die von Papst Paul VI. angestrebte „Stärkung der Einheit“ weithin ins Gegenteil gekehrt.

Was nun das Verbot selbst betrifft, so zeigt sich ein erstaunliches normatives Bild. Bei einer Tagung der Associatio Sanctus Benedictus Patronus Europae in Salzburg kurz nach der verbindlichen Einführung des neuen Missale wurde die Ablehnung der alten Mes-

20 Vgl. Dokumente zum Römischen Meßbuch, Nachkonziliare Dokumentation Bd. 19, Trier 1970, S. 31.

21  Vgl.  A.  M.  Kardinal  Stickler, Erinnerungen  und Erfahrungen eines Konzilsperitus der Liturgiekommission, in: Franz Breid (Hrsg.), Die heilige Liturgie, Referate der „Internationalen Theologischen Sommerakademie 1997“ des Linzer Priesterkreises, Steyr 1997, S.

22 Vgl. oben Anm.11.

se durch prominente Vertreter der Reform deutlich. Der längst verstorbene Klaus Dohrn hat am Ende der Diskussion in der großen Aula der Universität Salzburg, bei der die Frage der klassischen Liturgie bei maßgebli- chen Persönlichkeiten sichtliche Irritation auslöste, nach dem Grund für diese merkwürdige Irritation gefragt. Er gab dann selbst folgende Antwort: „Es gibt keine schlimmere Intoleranz als die siegreicher Revolutionäre.“ Das Verbot selbst hat sich sozusagen „schleichend“ entwickelt in einer Instructio und in Notificationes der Congregatio pro Cultu Divino. Die Instructio de constitutione Apostolica »Missale Romanum« gradatim ad effectum deducenda vom 20. Oktober 1969 bestimmte in der Nr. 7, daß die einzelnen Bischofskonferenzen den Tag festsetzen sollen, ab dem der Ordo Missae, ausgenommen in den in den Nummern 19 und 20 genannten Fällen, in Gebrauch genommen werden muß. In der Nr. 14 wird das etwas verschärft wiederholt. Dieser Tag darf nicht über den 28. November 1971 hinausgeschoben werden. Damit ist in der Instructio selbst kein direktes Verbot ausgesprochen. In der Nummer 19 heißt es: „Priester in fortgeschrittenem Alter, welche die Messe ohne Volk feiern, und die vielleicht größere Schwierigkeiten mit dem neuen Ordo Missae und den zu verwendenden Texten des Missale Romanum und der Leseordnung in der Messe haben, können, mit Zustimmung des eigenen Ordinarius, die jetzigen Riten und Texte weiter gebrauchen.“ Die Nr. 20 lautet: „Aber besondere Fälle, nämlich von gebrechlichen Priestern, oder von solchen, die durch Krankheiten oder andere Schwierigkeiten behindert sind, sollen dieser Heiligen Kongregation vorgelegt werden.“23 Das Verbot ergibt sich hier aus dem Umkehrschluß. Wenn es nur den  genannten

23 Lateinischer Originaltext bei Waldstein, Hirtensorge

Priestern und nur mit Zustimmung des eigenen Ordninarius gestattet ist, dann ist es allen anderen verboten. Und jene, die es noch dürfen, müssen „die Messe ohne Volk feiern.“ Das Volk darf mit dieser Messe nicht mehr in Berührung kommen. Die Notificationes vom 14. Juni 1971 Nr. 2 und vom 28. Oktober 1974 enthalten jedoch Gebote, die neue Liturgie ab dem Zeitpunkt der Einführung volkssprachlicher Ausgaben anzunehmen. In der nicht in den AAS (Acta Apostolicae Sedis), sondern nur in den Notitiae der Kongregation publizierten Notificatio vom 28. Oktober 1974, S. 353, wurde erklärt, daß von dem Zeitpunkt an, in dem Bischofskonferenzen die volkssprachlichen Ausgaben des Missale Romanum in Kraft gesetzt haben, die Messe, sei es in lateinischer Sprache oder in der Volkssprache, zu feiern nur (tantummodo) im Ritus des von Paul VI. am 3. April 1969 veröffentlichten Missale Romanum erlaubt ist. Dies ist in der Tat ein faktisches Verbot, aber nicht nur des klassischen Missale Romanum, sondern stillschweigend eines jeden anderen Ritus. Von den in der Bulle Quo primum formulierten Ausnahmen ist keine Rede, auch nicht vom Art. 4 der Liturgiekonstitution. Weil jedoch eine Notificatio der Kongregation, die auch nicht in den AAS publiziert wurde, nicht als kirchliches Gesetz angesehen werden kann, ist sie auch nur als Verwaltungsmaßnahme zu verstehen. Dabei kommt noch das Problem hinzu, daß nicht die von der Notificatio genannte Editio typica von 1969 maßgeblich ist, sondern die von 1970. Wie immer man die normative Qualität dieser Notificatio beurteilen mag, so vermochte sie keinesfalls den Art. 4 der Liturgiekonstitution aufzuheben. Sie widerspricht vielmehr radikal dieser feierlichen Erklärung des Konzils. Weil Papst Paul VI. in seiner Apostolischen Konstitution zwar die Bulle Quo primum zitiert und Pius V. mehrfach erwähnt, aber zur Frage anderer Riten nicht Stellung nimmt, könnte zumindest davon ausgegangen werden, daß er die Bestimmungen von Quo primum § 2 unangetastet gelassen hat. Er hat jedenfalls selbst nichts gesagt, das dem widersprechen würde. Unabhängig davon genügt jedoch die Tatsache, daß die entscheidende Notificatio der Kongregation dem Art. 4 der Liturgiekonstitution klar widerspricht, um festzustellen, daß es sich bei den beiden Notificationes um rechtswidrige Verordnungen handelt. Diese Tatsache wurde mit der Fiktion verschleiert, daß die neue Liturgie keine neue sei. Sie sind jedenfalls keine kirchlichen Gesetze im formellen Sinne. Daher hat es auch kein im formellen Sinne rechtliches Verbot der alten Liturgie gegeben. Das Verbot beruhte auf administrativen Maßnahmen einer Kongregation. Can. 34 § 2 CIC bestimmt: „Anordnungen von Instruktionen heben Gesetze nicht auf, und wenn irgendwelche mit Vorschriften von Gesetzen nicht in Einklang gebracht werden können, entbehren sie jeder Rechtskraft.“ Das Verbot der früheren Liturgie kann jedenfalls mit Art. 4 der Liturgiekonstitution nicht in Einklang gebracht werden.

Die Ausnahme für alte und kranke Priester wurde dahin eingeengt, daß nunmehr eine „Erlaubnis vom Ordinarius zugestanden werden kann“ (patet facultatem ab Ordinario con cedi posse). Der Bischof mußte also nunmehr um Erlaubnis gebeten werden. Wie solche Bitten in der Regel faktisch behandelt wurden, ist hier nicht näher zu erörtern. Die Kongregation wollte aber sicher gehen und hat zusätzlich bestimmt, daß die Bischöfe diesen alten und kranken Priestern keine Erlaubnis geben dürfen, diese Messe „cum populo“, also mit dem Volk, zu feiern. Diese Bestimmung widerspricht auch dem katholischen Verständnis der heiligen Messe. Ein Verbot für den Priester, die heilige Messe mit Gläubigen zu feiern, und die Folge, ihn mit der ihm erlaubten Messe in die Isolation zu verbannen, machen deutlich, aus welchem Geist diese Anordnung der Kongregation stammt. Sie folgt aus der in der ersten Ausgabe der Allgemeinen Einführung sich offen zeigenden Auffassung von der heiligen Messe als „heilige Versammlung des Volkes Gottes, die unter der Leitung des Priesters die Gedächtnisfeier des Herrn begeht“. Auch wenn diese Notificatio vom damaligen Präfekten Kardinal Iacobus Robertus Knox unterzeichnet wurde, so stammt sie zweifellos vom mitunterzeichnenden Sekretär A. Bugnini. Die Schritt für Schritt zunehmende Einengung einer Erlaubnis macht deutlich, wie sich in der Tat die „harte Linie“24 durchsetzte. Wenn man die Leidenswege vieler Priester und Gläubigen kennt, die mit dieser „harten Linie“ begonnen haben, dann weiß man, wie berechtigt die Aussage Kardinal Ratzingers zum Verbot der Liturgie aller Jahrhunderte ist, wenn er sagt: „das hat uns außerordentlich geschadet.“25

III. Die nach geltendem Kirchenrecht objektiv bestehende Rechtslage

Eine entscheidende Wende in der Frage der Zulässigkeit der Verwendung des Missale von 1962 ist mit dem Motu proprio Ecclesia Dei vom 2. Juli 1988 eingetreten. Seit diesem Motu proprio, das vom obersten kirchlichen Gesetzgeber erlassen wurde, kann es keinen Zweifel daran geben, daß das Missale von 1962 zu den rechtlich anerkannten Riten gehört. Es gibt den Ritus in der Editio typica von 1962 noch, den Ritus Romanus, den es seit Jahrhunderten gegeben hat. Es hat daneben auch nach der Bulle Quo primum von 1570 ausdrücklich anerkannte andere Riten gegeben und gibt sie noch heute. Aber dieser Ritus Romanus zeichnet sich dadurch aus, daß er seit der Antike zu den „rechtlich anerkannten Riten“ im Sinne des Art. 4 der Liturgie-

24 Vgl. oben bei Anm. 16.

25 Aus meinem Leben S. 173 f.

Konstitution gehört und nicht ein ad hoc „gemachter“ Ritus ist. Wenn es also diesen Ritus in Wahrheit noch gibt, dann kann es nach Sinn und Wortlaut des Art. 4 der Liturgiekonstitution keinen sachlich gerechtfertigten Grund geben, ihn vom Schutz des Art. 4 auszuschließen. Darío Cardinal Castrillón Hoyos hat in seiner Ansprache bei dem feierlichen  Pontifikalamt im alten Ritus am 24. Mai 2003 in der Papstbasilika Santa Maria Maggiore ausdrücklich bestätigt, daß Art. 4 der Liturgiekonstitution auch für das Missale von 1962 gilt. Er sprach vom „verehrungswürdigen Ritus des heiligen Pius V.“ und sagte dazu: „Man kann nicht sagen, daß der Ritus des heiligen Pius V. erloschen sei, und die Autorität des Heiligen Vaters hat seine wohlwollende Aufnahme gegenüber jenen Gläubigen ausgedrückt, die, bei gleichzeitiger Anerkennung der Legitimität des römischen Ritus, wie er nach den Vorgaben des II. Vatikanischen Konzils26 erneuert wurde, dem vorhergehenden Ritus verbunden bleiben und darin eine solide geistliche Nahrung finden für ihren Weg der Heiligung. Im übrigen hat dasselbe II. Vatikanische Konzil erklärt, daß »… die heilige Mutter Kirche allen rechtlich anerkannten Riten gleiches Recht und gleiche Ehre zuerkennt. Es ist ihr Wille, daß diese Riten in Zukunft erhalten und in jeder Weise gefördert werden, …« (Sacrosanctum Concilium Nr. 4). Der alte römische Ritus behält also in der Kirche sein Bürgerrecht im Rahmen der Vielfalt der katholischen Riten, sowohl der lateinischen wie der orientalischen. Was die Verschiedenheit dieser Riten einigt, ist derselbe Glaube an das eucharistische Geheimnis, dessen Bekenntnis stets die Einheit der heili-

26 Hier folgt Kardinal Castrillón Hoyos leider der offiziellen Sprachregelung. Das „nach den Vorgaben“ ist jedoch nur im zeitlichen Sinne richtig. Inhaltlich wurden die Vorgaben dagegen, wie bereits oben bei Anm. 5 bemerkt, weithin nicht beachtet.

gen, katholischen und apostolischen Kirche sichergestellt hat.“27

Daß jedoch gerade diese Einheit im Zusammenhang mit der neuen Liturgie vielfach von Liturgiewissenschaftlern sogar ausdrücklich bestritten wird, zeigen Aussagen wie etwa  die von Franz Nikolasch, der erklärt hat, daß die Entwicklung des Glaubens in der Kirche seit Jahrhunderten eine „Fehlentwicklung“ war. Und dafür wieder sei das falsche  vorkonziliare

„Liturgieverständnis“ verantwortlich. Der konziliare Fortschritt habe endlich bewirkt, daß, wie Nikolasch wörtlich sagt, „unser heutiges Liturgieverständnis in diametralem Gegensatz zum vorkonziliaren Verständnis“ steht28. Das kann jedoch im Klartext nur heißen, daß die neue lex orandi nach diesem Verständnis „in diametralem Gegensatz“ zur katholischen lex credendi steht, die nach dem Konzil keine andere sein kann als vor dem Konzil. Die neue lex orandi soll demnach gerade auch eine neue lex credendi hervorbringen und die Kirche in einen anderen als den katholischen Glauben führen. Dieses Ziel ist inzwischen zweifellos weitgehend erreicht. Das beweist eine 2003 beim Ökumenischen Kirchentag in Berlin veröffentlichte Statistik nur zu sehr erschütternd. Leo Kardinal Scheffczyk mußte in „Theologisches“ feststellen, daß nach dieser Statistik „88 % der Katholiken Deutschlands keinen Unterschied mehr zwischen der katholischen Eucharistie, dem heiligen Me opfer, und dem evangelischen Abendmahl erkennen würden.“29

Wenn Kardinal Hoyos sagt, daß diejenigen, die dem alten Ritus verbunden bleiben, „darin eine solide geistliche Nahrung finden für ihren

27 Vgl. Pro Missa Tridentina, Rundbrief der Laienvereinigung für den klassischen römischen Ritus in der Katholischen Kirche e.V. Nr 26, Juni 2003, S. 75 f.

28 Vgl. F. Nikolasch, Liturgie – gelebter Glaube, in: R. Schermann (Hrsg.), Wider den Fundamentalismus, Kein Zurück hinter das II. Vatikanische Konzil, Mattersburg-Bad Sauerbrunn 1990, S. 64 f.

29 Theologisches 33, Nr. 8/9 (2003), Sp. 347.

Weg der Heiligung“30, so bestätigt er damit, was Papst Paul VI. in der Apostolischen Konstitution Missale Romanum selbst über diese Liturgie sagt31. Zweifellos könnte diese „solide geistliche Nahrung“ auch das Verständnis der neuen Liturgie befruchten und die Katholiken vor dem Abdriften in Richtung der 88 % bewahren, die das katholische Verständnis der Eucharistie nicht mehr teilen. Papst Johannes Paul II. hatte in einer Ansprache vor den Mönchen von Le Barroux dazu den Art. 37 der Liturgiekonstitution zitiert, der sagt: „In den Dingen, die den Glauben oder das Allgemeinwohl nicht betreffen, wünscht die Kirche nicht eine starre Einheitlichkeit der Form zur Pflicht zu machen, nicht einmal in ihrem Gottesdienst; im Gegenteil pflegt und fördert sie das glanzvolle geistige Erbe …“32. In der Ansprache vor der Plenaria der Kongregation für den Gottesdienst vom 21. September 2001 hat Papst Johannes Paul II. das Missale Pius V. neben verschiedenen orientalischen als Beispiel für eine Liturgie hervorgehoben, deren Texte die eigentliche Substanz jeder Liturgie offenbaren.

Die Aussagen von Kardinal Castrillón Hoyos betreffend den Willen des Konzils sind zweifellos sachlich unanfechtbar. Sie stehen auch vollkommen im Einklang mit dem, was Pius V. seinerzeit hinsichtlich der anderen Riten bestimmt hat und was in der ganzen Tradition der Kirche selbstverständlich war und vom Konzil feierlich bekräftigt wurde. Die Aussagen von Kardinal Hoyos haben den Weg zu jener „liturgischen Versöhnung“ gezeigt, von der Kardinal Ratzinger sprach und „die wieder die Einheit der Liturgiegeschichte anerkennt, das Vatikanum   nicht   als  Bruch,

30 Rundbrief S. 75.

31 Vgl. oben bei Anm. 18.

32 Abgedruckt im Brief an die Freunde der Abtei Sainte Madeleine Nr. 41, vom 8. Dezember 1990, ohne Seitenzahlen, aber S. 11 f.

sondern als Entwicklungsstufe versteht.“ Und weiter: sie „ist für das Leben der Kirche dringend vonnöten.“33 Kardinal Stickler hatte am Ende seines Vortrages von 1997 die Hoffnung ausgesprochen, daß Papst Johannes Paul II. nach dem Motu proprio Ecclesia Dei den dort „aufgezeigten Weg weiter beschreiten wird, um die berechtigte Aussöhnung zwischen der unabdingbaren Tradition und der gerechten zeitbedingten Weiterentwicklung herzustellen.“34 Dazu ist es nicht gekommen. Jetzt dürfen wir hoffen und Gott bitten, daß er unserem Heiligen Vater die Kraft gibt, das zu realisieren, wovon er klar gesehen hat, daß es „für das Leben der Kirche dringend vonnöten“ ist. Es gibt bereits hoffnungsvolle Anzeichen für eine bevorstehende „liturgische Versöhnung“. Dann könnte endlich die feierliche Erklärung des Konzils im Art. 4 der Liturgiekonstitution wirksam werden.

33 Aus meinem Leben S. 174

34 Erinnerungen S. 195.


Was der Mensch nicht sagen oder nicht einmal denken kann und was er nicht zu verlangen gewagt hätte, das hat Gott in seiner unendlichen Liebe gedacht, gesagt und ausgeführt. Oder hätten wir je gewagt, von Gott zu verlangen, er solle seinen Sohn für uns sterben lassen, er solle uns sein Fleisch zu essen und sein Blut zu trinken geben? Von einer so großen Liebe Gottes zu den Menschen konnte der Mensch keinen Begriff haben.

Hl. Johannes Vianney, Pfarrer von Ars

 

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’Ich bin die Nahrung der Starken; glaube, und du wirst mich genießen. Du wirst mich aber nicht in dich verwandeln wie die Nahrung deines Körpers, sondern du wirst in mich verwandelt werden.’ (Worte, die der heilige Augustinus Jesus in den Mund legt, Kap 20 § 1)

 

Der hl. Augustinus schreibt darüber in den Confessiones: „Dieses Brot ist die Nahrung der Starken. Die normalen Nahrungsmittel sind weniger stark als der Mensch, sie dienen ihm: Sie werden dazu aufgenommen, daß sie in den Körper des Menschen assimiliert werden und ihn aufbauen. Diese besondere Nahrung aber, die Eucharistie, steht genau umgekehrt über dem Menschen, ist stärker als er. Und so ist auch der Vorgang, auf den das Ganze abzielt, umgekehrt: Der Mensch, der dieses Brot aufnimmt, wird ihm assimiliert, von ihm aufgenommen, wird eingeschmolzen in dieses Brot und wird Brot wie Christus selbst. ‚Weil ein Brot, sind wir ein Leib, die vielen.‘“

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Summorum Pontificum: „Benedikt XVI. wollte nicht spalten“

Papst Benedikt XVI. erlaubte 2007 die lateinische Messfeier erneut

Der deutsche Schriftsteller Martin Mosebach hat das Motu Proprio „Summorum Pontificum“ von Papst Benedikt XVI gewürdigt. Er äußerte sich bei einem Symposium in Rom, das an das 10-jährige Jubiläums des Dokuments erinnerte. Papst Benedikt hatte 2007 die Feier der Messe in der alten Form wieder erlaubt. Mit seinem Schreiben, so Mosebach gegenüber Radio Vatikan, wollte der damalige Papst „eine Haltung zur Gegenwart der Kirche erreichen, in der das Zweite Vatikanische Konzil und die danach kommende Entwicklung, mit allem was sie bedeutete, nicht als Bruch mit der Tradition verstanden würde, sondern als eine Entwicklung.“

Benedikt habe die Kirche mit diesem Schreiben nicht spalten wollen, so der Schriftsteller, der dem derzeitigen Pontifikat von Papst Franziskus kritisch gegenübersteht. „Im Gegenteil“, so Mosebach, Papst Benedikt fand es „dringend erforderlich, dass ein über anderthalb Jahrtausende gepflegter Ritus nicht verschwindet, sondern fortgeführt wird.“

Das Zweite Vatikanische Konzil hatte mit seiner Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium die Überarbeitung des römischen Ritus in den liturgischen Büchern angemahnt. Die alte Messe zeichnet sich durch den Gebrauch der lateinischen Sprache und durch einen anderen Ablauf der Feier aus. Mit seiner Entscheidung, sie als „außerordentliche Form des römischen Ritus“ wieder auf breiter Ebene zuzulassen, hatte Papst Benedikt Zuspruch im als konservativ geltenden Milieu der katholischen Kirche erhalten.

„Wir glauben mit den Knien oder wir glauben überhaupt nicht.“ Mit diesen Worten verteidigte Mosebach in seinem Buch „Häresie der Formlosigkeit“ die Feier der Heiligen Messe in römischer Form. Der sich selbst als Reaktionär bezeichnende Schriftsteller provoziert darin mit Aussagen, wonach bei heutiger Interpretation ein Jesus herauskäme, der „sozialdemokratisch“ und „ebenso frauenfreundlich wie Willy Brandt und dabei ebenso wenig auferstanden“ sei.

(rv 22.09.2017 ord)

Cardinal Sarah urges Church to embrace young traditionalists

Cardinal Sarah celebrates Mass ad orientem: ‘There is no reason to oppose the return to a beautiful practice’ (Photo: Fr Lawrence Lew, OP)

‚They are neither nostalgic nor embittered nor encumbered by the ecclesiastical battles of recent decades‘

Cardinal Robert Sarah has praised young Catholics who prefer the older form of the Roman Rite, saying he can “personally testify to the sincerity and devotion of these young men and women”.

In a speech to the Fifth Roman Colloquium on Summorum Pontificum, held at the Pontifical University of St Thomas (Angelicum), the cardinal added that other Catholics should “open your hearts and minds” to these young people and the “good they do”.

“They are neither nostalgic nor embittered nor encumbered by the ecclesiastical battles of recent decades,” he said. “They are full of the joy of living the life of Christ amidst the challenges of the modern world.”

In turn, he called on Catholics who prefer the Old Rite to leave the “traditionalist ghetto” and mix with other Catholics as “many will benefit” from their faithful witness.

“Almighty God calls you to do this. No one will rob you of the usus antiquior of the Roman rite. But many will benefit, in this life and the next, from your faithful Christian witness which will have so much to offer given the profound formation in the faith that the ancient rites and the associated spiritual and doctrinal ambience has given you.”

Indeed, Cardinal Sarah said ‘traditional Catholics’ should stop referring to themselves as such.

“Some, if not many, people, call you ‘traditionalists’. Sometimes you even call yourselves ‘traditional Catholics’ or hyphenate yourselves in a similar way. Please do this no longer,” he said.

“You do not belong in a box on the shelf or in a museum of curiosities. You are not traditionalists: you are Catholics of the Roman rite as am I and as is the Holy Father.

“You are not second-class or somehow peculiar members of the Catholic Church because of your life of worship and your spiritual practices, which were those of innumerable saints.

“You are called by God, as is every baptised person, to take your full place in the life and mission of the Church in the world of today, not to be shut up in—or worse, to retreat into—a ghetto in which defensiveness and introspection reign and stifle the Christian witness and mission to the world you too are called to give.”

The cardinal also reiterated his defence of Mass ad orientem, saying: “This venerable practice is permitted, is perfectly appropriate and, I would insist, is pastorally advantageous in celebrations of the usus recentior—the more modern form of the Roman rite.”

He suggested that priests may also whisper the canon in the Novus Ordo, as is common in the older rite.

“The silent praying of the offertory prayers and of the Roman canon might be practices that could enrich the modern rite today. In our world so full of words and more words more silence is what is necessary, even in the liturgy.”

by Staff Reporter, Friday, 15 Sep 2017

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Papst Franziskus: Wir sind auf dem richtigen Weg

68. Liturgische Woche, Audienz, 24. August 2017 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Audienz der Stiftung „Centro di Azione Liturgica“
am 24. August 2017

„Die liturgische Reform ist irreversibel“, stellte Papst Franziskus in seiner Audienzansprache vor den Teilnehmern der 68. Nationalen Liturgischen Woche der Stiftung „Centro di Azione Liturgica“ fest. Die Stiftung tagt zum Thema „Eine lebendige Liturgie für eine lebendige Kirche“ anlässlich ihres 70. Gründungsjubiläums.

In seiner Ansprache legte der Papst die enge Verknüpfung des Zweiten Vatikanischen Konzils und der Reform dar. Ziel der Reformen sei eine lebendige Liturgie gewesen, mit der man die Lebendigkeit der Kirche zum Ausdruck bringe. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil habe ein Reformprozess begonnen, der Zeit benötigt habe und bis heute eine permanente Herausforderung darstelle. Die Konstitution über die Heilige Liturgie „Sacrosanctum Concilium“ der Tradition treu und gleichzeitig dem Fortschritt offen.

Papst Franziskus legte die Reformergebnisse dar, wie die größere Anteilnahme an der Liturgie oder ein umfassenderes Wissen über die Heilige Schrift: „Der Weg dieser Jahre zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“ An die Audienzteilnehmer gewandt, verwies der Papst auf die bedeutende Rolle des „Centro di Azione Liturgica“ im Bereich der Ausbildung.

Papst Franziskus legte dar, dass die Liturgie durch ihre Ausführung definiert werde und gab einige Beispiele dafür wie z.B. die im Gebet versammelte Gemeinde. „Die Liturgie ist Leben für das gesamte Volk der Kirche.“ Daher sei die Liturgie auch dem Gläubigen nah und nicht klerikal. Im Gebet vereine die Kirche nämlich alle Menschen, die dem Evangelium Gehör schenkten. Niemand werde ausgeschlossen.

Papst Franziskus stellte fest, dass die Liturgie der Frömmigkeit des ganzen Volkes Ausdruck verleihe. „Die Liturgie ist Leben und nicht eine zu verstehende Idee.“ Sie sei nicht bloß Doktrin oder Ritus, sondern Lebensquell und Licht für den Weg der Gläubigen. Die Kirche sei dann wahrhaft lebendig, wenn sie Trägerin des Lebens sei, mütterlich, missionarisch, die Begegnung mit dem Nächsten suche und diene. Papst Franziskus schloss seine Ansprache mit der Bitte, für ihn zu beten und mit der Erteilung des Apostolischen Segens

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Papst: Die Liturgiereform des Konzils ist unumkehrbar

Ansprache von Papst Franziskus in der Audienzhalle

Die liturgische Reform des Zweiten Vatikanischen Konzils ist unumkehrbar, das könne er mit Lehrautorität sagen: Papst Franziskus sprach an diesem Donnrstag über Liturgie, Anlass war die Italienische „Woche der Liturgie“.

Mit diesem Treffen kehrte der „übliche Arbeitsalltag“ im Vatikan wieder zurück: Papst Franziskus war zwar nicht im Urlaub, doch in den vergangenen Sommerwochen fanden wenige öffentliche und offizielle Termine mit dem Papst statt. An diesem Donnerstag gab es dagegen gleich drei wichtige Treffen im Vatikan. Zuerst traf Franziskus den Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), Pastor Olav Fykse Tveit. Nach diesem ökumenischen Treffen fand ein „diplomatischer Austausch“ mit dem Apostolischen Nuntius in Buenos Aires, dem Schweizer Erzbischof Emil Paul Tscherrig, statt. Der Vatikandiplomat erläuterte dem Papst die Lage in der Heimat von Franziskus. Und als dritter Tagestermin stand eben die Audienz mit den rund 800 Teilnehmern der italienischen Liturgie-Woche in der Halle Paolo VI auf dem Programm.

Nicht plötzlich vom Himmel gefallen

In seiner Ansprache ging der Papst auf die Bedeutung des Zweiten Vatikanischen Konzils und auf die Liturgiereform ein. Sie seien nicht plötzlich vom Himmel gefallen, sondern die Frucht eines langen Weges. Ein Zeichen hierfür seien die sogenannten „Liturgischen Bewegungen“ gewesen, die früher bei den Päpsten um Unterstützung baten. Seine Vorgänger seien aber weise genug gewesen, keine Schnellschüsse in die Wege zu bringen sondern einen Weg in die Zukunft aufzubauen. Franziskus nannte Pius X., der Änderungen in der sakralen Musik und der Messordnung für den Sonntag einführte. Dieser Papst hatte auch eine Kommission für die „Generalreform der Liturgie“ einberufen und es sei ihm bewusst gewesen, dass dies eine „große und gleichzeitig schwierige Aufgabe“ sei.

Die Reformen von Pius XII.

Einen weiteren Vorgänger, den Franziskus nannte, war Pius XII. mit der Enzyklika Mediator Dei und der Gründung einer Studienkommission für die Überprüfung des Psalters, der Bedeutung des eucharistischen Fastens und der Benützung der gesprochenen Sprache im Messritus. Auch seine Reform zur Ostervigil und der Karwoche dürften nicht vergessen werden, so Franziskus. Pius XII. hatte die Messe zur Auferstehung in die Osternacht verlegt, zuvor war sie über Jahrhunderte am Karsamstag-Morgen gefeiert worden. Der Papst verlegte auch den Gründonnerstags-Gottesdienst auf den Abend und die Feier des Leidens und Sterbens Jesu in den Nachmittag des Karfreitag, zu den „angemessenen Stunden“.

Das Zweite Vatikanische Konzil sei somit die „Phase der Reife“ dieser Reformvorhaben gewesen und die Frucht sei die Konstitution Sacrosanctum Concilium gewesen. Diese Reform hätten den konkreten Bedürfnissen der Gläubigen entsprochen, damit eine „lebendige Liturgie“ für die gesamte Kirche gelebt werden konnte.

Das große Anliegen sei es gewesen, den Gläubigen eine aktive Rolle zu geben und ihn nicht einfach als „fremden Zuschauer“ in der Kirche aufzunehmen, wie es Paul VI. einmal gesagt habe.

Respekt für die Tradition

Die Richtung des Konzils sei es gewesen, im Respekt für die „gesunde Tradition“ einen legitimen Weg aufzuzeigen, die seit nun mehr als 50 Jahren für die Weltkirche gültig seien. Unter Applaus sagte er: „Wir können mit Sicherheit und Lehrautorität sagen, dass die liturgische Reform unumkehrbar ist“. Ihm sei bewusst, dass dieser Weg aber noch nicht abgeschlossen sei. Es gehe heute darum, die Gründe für die damalige Reform wieder zu entdecken und über sie nachzudenken, fuhr Franziskus fort. Man müsse sich vor oberflächlichen Lektüren hüten. Die Liturgie-Woche, wie sie seit mehreren Jahren in Italien durchgeführt werde, sei ein gutes Mittel dazu.

Lebendige Liturgie, Liturgie als Leben und lebendige Kirche

Ausgehend vom diesjährigen Motto der italienischen Liturgie-Woche „Eine lebendige Liturgie für eine lebendige Kirche“ ging der Papst auf drei Punkte ein:

Die Liturgie sei lebendig, weil sie durch die Erinnerung und Feier rund um den auferstandenen Herrn Leben schenke. Zweitens sei die Liturgie selber Leben, weil sie nicht nur für sondern auch vom Volk Gottes stammt, sei sei nicht klerikal. Und der dritte Punkt betrifft die Kirche. Sie sei lebendig, weil sie nicht einfach eine Ideologie oder etwas Abstraktes sei sondern eben ein lebendiger Körper. Die Kirche sei eine Mutter, die Leben schenke und Mitmenschen treffe und für sie da sei. Es gehe nicht darum, „Macht in der Welt“ zu suchen. Für das sei die Kirche nicht da.

Andere Riten nicht vergessen

Ein Reichtum in der katholischen Kirche seien die verschiedenen Riten und Gebete, die es durch die Einheit mit anderen kirchlichen Traditionen und Ostkirchen gibt. Dadurch werde der Heilige Geist einer „einzigartigen Stimme“ gegeben, durch das Gebet für, mit und in Christus und für den Ruhm des Vaters und des Heiles für die gesamte Welt.

(rv 24.08.2017 mg)

Kardinal Sarah: Inkulturation ist keine Anpassung

Kardinal Sarah mit dem emeritierten Papst Benedikt

Eine Stille, in der der Gott gehört werden kann, muss wieder Herz und Wesen christlicher Liturgie sein: Kardinal Robert Sarah warb an diesem Mittwoch in Rom für eine „liturgische Erneuerung“ nach dem Auftrag das Konzils. Sarah sprach bei der Vorstellung seines neuen Buches in deutscher Sprache, „Kraft der Stille“. Papst emeritus Benedikt XVI. hat zu diesem Buch ein Geleitwort beigesteuert.

Die Stille verhelfe zu einer besseren Wahrnehmung der Realität:Der Kardinal beklagte die Tendenz, nicht mit sich allein sein und nicht nach innen schauen zu wollen. Das Getöse der kulturellen Umwelt verdecke die „Leere eines neuen Menschen, der kaum mehr weiß, wofür er leben soll.”

Diese Verweltlichung sei auch in die Kirche eingedrungen. Ausführlich bezog sich Kardinal Sarah auf seine Arbeit als Präfekt der Liturgiekongregation des Vatikan. Verweltlichung wolle den Glauben auf ein „menschliches Maß reduzieren“, weil viele Menschen glaubten, „dass der Mensch von heute besser glauben könnte, wenn wir ihm einen Glauben nach menschlichem Maß vorschlagen, der nicht mehr in der Tiefe der Offenbarung durch Christus wurzelt und in der Überlieferung der Kirche“.

Diese Verweltlichung drücke sich auch in der Liturgie aus, die Verkürzung des Glaubens sei hier „in aller Schwere zu erfahren“: Aus Liturgie werde Happening, im Mittelpunkt stehe nicht mehr Gott, sondern der Mensch. Die Abwesenheit Gottes in der Liturgie sei der Ausgangspunkt seiner Gedanken über die Stille gewesen, berichtete Kardinal Sarah. Es gelte, Formen für die Liturgie zu finden und konkrete Menschen anzusprechen, was aber nicht in eine Reduktion Gottes münden dürfe. „Die Frage nach der Inkulturation ist zuerst keine Frage, wie wir die Liturgie afrikanischer oder asiatischer machen können, oder dem Brauch der australischen Ureinwohner anpassen.“

(cna/rv 26.05.2017 ord)

Kardinal Robert Sarah: Nachkonziliare Kirche ohne christliche Wurzeln

Papst em. Benedikt XVI. empfing im Januar 2017 Kurienkardinal Robert Sarah

Kardinal Sarah lässt auf der Liturgischen Tagung klare Botschaft verlesen – Kardinal sieht eine „schwere Glaubenskrise nicht nur bei Gläubigen, sondern auch und vor allem bei zahlreichen Priestern und Bischöfen“.

kath.net-Bericht von Martin Lohmann

Herzogenrath (kath.net/ml) Erstaunte und sehr aufmerksame Gesichter waren am dritten Tag der 18. Liturgischen Tagung im Pfarrsaal von St. Gertrud zu beobachten, als Robert Kardinal Sarah, der römische Präfekt für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, zu Wort kam. Der aus Afrika stammende Purpurträger hatte zwar trotz mehrfacher schriftlicher Zusage seine Teilnahme absagen müssen – aus welchen Gründen auch immer –, doch sein Geist und seine Überzeugung waren anwesend. Er hatte es sich nicht nehmen lassen, anstelle des wenigstens erbetenen Grußwortes einen kompletten Vortrag auszuarbeiten und diesen zu verlesen ausdrücklich gewünscht. Das, was ihm wichtig ist, wollte er zu Gehör bringen – auch wenn er sich gezwungen sah, nicht persönlich nach Herzogenrath zu kommen.

Kaplan Matthias Schmidt gab dem Vortrag des Kardinals seine Stimme. Und die Teilnehmer der Tagung staunten nicht schlecht angesichts der Deutlichkeit, mit der sich Kardinal Sarah zu äußern verstand. Von Zurückhaltung oder dem Befolgen eines angeblichen Denkverbots konnte wahrlich keine Rede sein. Suaviter in modo, fortiter in re – so war die Botschaft aus Rom zu vernehmen. Man könne, so der Kardinal beginnend, „gar nicht genug wiederholen, dass die Liturgie als Höhepunkt und Quelle der Kirche ihr Fundament in Christus selbst“ finde. Und das, was man das „liturgische Aggiornamento nennt, ist in gewisser Weise durch das Motu proprio „Summorum Pontificum“ von Papst Benedikt XVI. vervollkommnet worden.“ Zum Präludium der Kardinalsymphonie gehörte auch noch der Hinweis, dass sich die Liturgie ständig reformieren müsse, „um ihrer mystischen Essenz immer getreuer zu werden“.

Doch „meistens“ sei „diese ,Reform’, die an die Stelle der wahren, vom Zweiten Vatikanum gewollten ,Restauration’ oder ,Erneuerung’ getreten ist, mit einem oberflächlichen Geist und auf der Basis eines einzigen Kriteriums durchgeführt worden: Man wollte unbedingt ein als vollkommen negativ und überholt wahrgenommenes Erbe beseitigen, um eine Kluft aufzutun zwischen dem, was vor und dem, was nach dem Konzil existiere“. Heute aber bestehe letztlich kein Zweifel daran, dass das, „was man die ,Reform der Reform’ nennt und man vielleicht noch genauer als ,gegenseitige Befruchtung der Riten’ bezeichnen sollte, (…) eine vor allem geistliche Notwendigkeit“ sei. Diese betreffe beide Formen des römischen Ritus. Unter Berufung auf Joseph Kardinal Ratzinger/Papst Benedikt verweist Sarah auf die Krise der Kirche, die vor allem seit dem Konzil zu beobachten sei und in Verbindung mit der Krise der Liturgie gesehen werden müsse. Respektlosigkeit, Entsakralisierung sowie Horizontalisierung des wesentlichen Elemente des Gottesdienstes seien hier zu nennen.

Man könne „unsere Augen vor dem Desaster, der Verwüstung und dem Schisma nicht verschließen, die die modernen Förderer einer lebendigen Liturgie verursacht haben, indem sie die Liturgie der Kirche nach ihren Vorstellungen umgestalteten. Sie vergaßen, dass die liturgische Handlung nicht nur ein GEBET, sondern auch und vor allem ein MYSTERIUM ist, bei dem sich für uns etwas vollzieht, das wir zwar nicht gänzlich verstehen können, doch das wir im Glauben, in der Liebe, im Gehorsam und in einem anbetenden Schweigen annehmen und empfangen können“. Genau das sei die „wahre Bedeutung der aktiven Anteilnahme der Gläubigen“.

Der Kardinal sieht eine „schwere Glaubenskrise nicht nur bei den Gläubigen, sondern auch und vor allem bei zahlreichen Priestern und Bischöfen“, die uns unfähig gemacht habe, die „eucharistische Liturgie als ein Opfer zu begreifen“. Es sei „frevelhaft“, die heilige Messe auf ein „einfaches Gastmahl zu reduzieren“, auf die Feier eines profanen Festes „und auf eine Selbstzelebration der Gemeinschaft, oder – noch schlimmer – auf eine riesige Ablenkung von der Angst vor einem Leben, das keinen Sinn mehr hat oder gegen die Furcht, Gott von Angesicht zu Angesicht zu begegnen, weil sein Blick entlarvt und uns dazu zwingt, die Hässlichkeit unseres Inneren in aller Wahrheit und unabgelenkt zu schauen“. Die Messe sei kein „amüsanter Zeitvertreib“. Viele Menschen wüssten nicht mehr, dass der Zweck Messfeier die „Herrlichkeit und die Anbetung Gottes ist, das Heil und die Heiligung der Menschen“. Selbst Priester und Bischöfe würden diese Lehre des Konzils nicht mehr kennen.

An der Wurzel der Liturgie finde sich die Anbetung – „und somit Gott“. Die „schwerwiegende und tiefgreifende Krise, die seit dem Konzil die Liturgie und Kirche selbst erschüttert“, habe ihren Ursprung darin, dass „im ZENTRUM nicht mehr Gott und seine Anbetung, sondern die Menschen und ihre angebliche Fähigkeit sind, etwas zu ,tun’, um sich während der Eucharistiefeier mit etwas zu beschäftigen“. Noch immer würden selbst Geistliche unterschätzen, welcher Schaden angerichtet wurde durch den „Relativismus bei der Vermittlung der Glaubens- und Morallehre, schwere Missbräuche, die Entsakralisierung und Banalisierung der Heiligen Liturgie sowie die rein soziale und horizontale Sicht der Mission der Kirche“.

Wenn man sich heute darüber beschwere, dass das politische Europa seine christlichen Wurzeln verleugne, dann müsse man zunächst feststellen: „Wer zuerst seine christlichen Wurzeln und seine christliche Vergangenheit aufgegeben hat – das ist mit Sicherheit die nachkonziliare katholische Kirche.“ Als einen der Belege, die man nennen könne, zitiert Sarah den Bischof von Metz aus dem Jahre 1968, wo dieser „einen entsetzlichen Unsinn“ verkündete und meinte, man müsse selbst die Auffassung über das von Christus der Welt gebrachte Heil überdenken, Apostel und die Christen in den ersten Jahrhunderten hätten, im Unterschied zu unserem erleuchteten Zeitalter, „vom Evangelium nichts begriffen“.

So gesehen brauche man sich über die „Verwüstungen, die Zerstörungen und die Kämpfe auf liturgischer, doktrineller und moralischer Ebene“ nicht zu wundern. Und dennoch gebe es viele, die den Ernst der Lage nicht verstanden haben oder nicht verstehen wollen: „Obwohl das Boot der Kirche das stürmische Meer dieser dekadenten Welt durchpflügt und die Wellen so sehr auf das Boot einpeitschen, dass es bereits mit Wasser gefüllt ist, schreit eine wachsende Anzahl von Geistlichen und Gläubigen ,Alles klar! (auf dem sinkenden Schiff)’.“

Die Krise der Kirche, die Krise des Glaubens, die Krise der Liturgie – das alles hängt zusammen. Es gibt zu wenige selbstverständliche Räume des Auftankens von Ehrfurcht, Anbetung und Andacht für die Seele. Heute komme es vor allem darauf an, die Augen zu öffnen und zu erkennen, worauf die Gläubigen „ein Recht haben: die Schönheit der Liturgie, ihre Heiligkeit, die Stille, die Andacht, die mystische Dimension und die Anbetung“. Die Liturgie müsse uns vor allem und gleichsam sicher „vor das Angesicht Gottes in eine persönliche Beziehung und intensive Vertrautheit bringen. Sie muss uns in die Vertrautheit der Allerheiligsten Dreifaltigkeit hinabsenken.“ Schon allein deshalb müsse klar sein, dass die Liturgie kein „Essen im Freundeskreis, kein gemütliches Mahl in geselliger Runde“ sei, sondern ein heiliges Mysterium“.

Vorbildlich für die Feier der heiligen Messe seien „die Anmut und die Inbrunst“, mit der ein heiliger Pfarrer von Ars, ein heiliger Pater Pio oder ein heiliger Josemaria die Messe feierten. Das sei der Maßstab für die dringend benötigte liturgische Versöhnung, zumal man es ablehnen müsse, eine Liturgie einer anderen entgegenzusetzen. Kardinal Sarah spricht in diesem Zusammenhang von einem „Anfangen von innen her“, wo hingegen Show und modische Mätzchen und kesse Moralismen nur schädlich seien und Verwüstungen anrichteten.

Das päpstliche Dokument „Summorum Pontificum“ von Benedikt XVI. vom 7. Juli 2007 sei schließlich ein wichtiger Beitrag zum „gegenwärtigen und zukünftigen liturgischen Leben der Kirche, wie auch zur liturgischen Bewegung unserer Zeit , aus der immer mehr Menschen, insbesondere die jungen, soviel Gutes, Wahres und Schönes schöpfen“. Robert Kardinal Sarah schloss mit einem Zitat von Benedikt XVI. aus dem Jahre 2008: „Dann ist die Welt am Ziel, dann ist sie heil, wenn sie als ganze Liturgie Gottes, in ihrem Sein Anbetung geworden ist.“ Ein lang anhaltender Applaus signalisierte, dass die eben klare wie mutige Botschaft des Kardinals angekommen war – wenigstens in Herzogenrath. Zu hörende Bemerkungen wie „Stark“, „Hammer“ und „Das macht Mut“ offenbarten ein freudiges Erstaunen angesichts dieses deutlichen Signals aus Rom.

Eine sich anschließende (von Martin Lohmann moderierte) Podiumsdiskussion brachte das Tagungsthema sowie den Kardinalappell noch einmal in die Mitte des Dialogs. Neben dem Erzbischof von Portland/Oregon, Alexander Sample, nahmen der am Wyoming Catholic College lehrende Professor Peter Kwasniewski, der deutsche Prälat und Untersekretär im Päpstlichen Rat für Gesetzestexte, Professor Markus Graulich sowie der örtliche Gastgeber und Spiritus Rektor, Pfarrer Guido Rodheudt, teil.

Ja, es brauche eine Reform der Reform, auch wenn man sich auf den Begriff nicht festlegen müsse, meinte Erzbischof Sample. Die Notwendigkeit der Wiederentdeckung der Tiefe und des Reichtums heiliger Liturgie sei evident. Er selbst habe sich ja auch auf den Weg gemacht, die außerordentliche Messfeier zu entdecken. Gleichwohl habe er als Priester auch in der ordentlichen Form des Novo Ordus schon vorher die Stille der Andacht gesucht und auch gefunden. Doch in der alten Liturgie habe er dann zu seiner eigenen Überraschung erfahren, dass hier der eigentliche Charakter des priesterlichen Dienstes sich in einer viel tieferen Weise entfalten könne. So müsse man sein Bekenntnis in Herzogenrath verstehen, als er in einem Vortrag sagte: Auf einmal begriff ich viel klarer, was es bedeute, Priester zu sein.

Peter Kwasniewski betonte ebenfalls, dass die Liturgie sich stets an Christus orientiere, in diesem Sinne also auch eine Liturgie semper reformanda brauche, also eine behutsame Änderung hin zu der eigentlichen Quelle und ihrem Ursprung. Reform um der Reform willen brauche man nicht. Bewegung zu Gott hin schon. Markus Graulich bedauerte, dass die liturgische Ausbildung in neueren römischen Dokumenten „ein wenig auf die Seite geschoben“ werde. Es sei schade, dass man das formative Einüben und Lernen offenbar für nicht so sehr wichtig halte. Die Notwendigkeit der Wiederentdeckung der Bedeutung von Liturgie werde gleichwohl von einer Mehrheit von Persönlichkeiten in Rom erkannt.

Guido Rodheudt freut sich darüber, dass Kardinal Sarah auch weiter öffentlich über die Reform der Reform spricht und den Bedarf einer Reform der Reform festgestellt hat. Die Bestandsaufnahme des Kardinals sei schonungslos und ehrlich, Sarah sehe die Situation sehr klar. Als Pfarrer sei er froh, dass der Kardinal deutlich sage: Wir brauchen mehr Verbindlichkeit, mehr Anbetung, mehr Stille. Er als Priester, 1964 geboren, wolle eigentlich auf die Reform der Reform nicht mehr warten, weil er das zu seinen Lebzeiten wohl nicht mehr erleben könne. Aber man könne ja viel tun. Er zelebriere auch den neuen Ritus so, wie er wohl ursprünglich gewollt gewesen sei, also mit Andacht und Würde und im Licht der Tradition. Das sei so etwas wie bereits vor Ort gelebte Reform der Reform. Er, Rodheudt, fühle sich durch den Vortrag von Kardinal Sarah als Priester ermutigt, auf diesem Weg weiterzugehen.

Erzbischof Sample betonte, dass der Priester kein Showmaster der Liturgie sein könne und dürfe. Aber im Neuen Ritus gebe es halt viele Versuchungen, weil die Gemeinde viel intensiver auf persönliche Gesten, die jeweilige Betonung und Stimmlage achtet als im objektiven überlieferten Ritus. Der Meister der Liturgie sei Jesus Christus, nicht aber zum Beispiel Alexander Sample. Christus ist der Akteur der Liturgie, er sei der Handelnde in der Liturgie. Und das verlange viel Respekt und Ehrfurcht. Er als Bischof sei fest davon überzeugt, dass jeder Priester die außerordentliche Form der Messfeier kennen müsse, auch wenn er sie nicht vornehmlich zelebriere. Jeder Priester sollte sie wenigstens kennen.

Guido Rodheudt sprach im Blick auf die Glaubenskrise, die ja auch Priester und Bischöfe erreicht habe, davon, dass eine solche Krise auch damit zu tun habe, dass man „falsch gebetet“ habe. Ein anthropozentrischer Gottesdienst vernebele auch den Glauben, weil Gott nicht mehr Mittel- und Zielpunkt sei. Wer falsch bete, könne weder richtig glauben noch richtig handeln. Das liturgische Desaster sei so zerstörerisch gerade für die Seelen, weil vielfach der Glaube nicht mehr richtig gefeiert werde. Durch eine Wiederentdeckung der objektiven Liturgie, so könne man sagen, könne man nicht zuletzt dem Seelenheil der Gläubigen als Priester besser dienen und gerecht werden.

Von den Bischöfen wünsche man sich, dass sie mehr für die Verbindung der Gläubigen mit dem Reichtum der Tradition und vor allem die Stärkung des Glaubens an Gott tun – in ansteckend andächtiger Treue zu Jesus Christus.

So endete die eigentliche 18. Kölner Liturgische Tagung in Herzogenrath – vor einem Festakt am Samstag im ehemaligen Kloster Rolduc – mit viel Hoffnung, Wohlwollen und wertschätzender Gesprächsbereitschaft, um gemeinsam in der Kirche friedlich und engagiert zugleich die den Glauben stärkenden und befruchtenden Quellen einer reichen Liturgie zu finden, die vor allem eines vermag: den Menschen in das Mysterium der Gegenwart Gottes mitten in dieser Welt staunend zu führen und den Raum des Heiligen, den der Mensch so dringend braucht, andächtig und würdevoll zu erschließen.

Buchhinweise:
Markus Graulich (Hg.): Zehn Jahre Summorum Pontificum. Versöhnung mit der Vergangenheit – Weg in die Zukunft. (Pustet)
Peter A. Kwasniewski: Neuanfang inmitten der Krise. Die heilige Liturgie, die traditionelle lateinische Messe und die Erneuerung in der Kirche. Una Voce Edition.

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