Treffen mit Priestern und Ordensleuten: „Das Volk Gottes braucht keine Superhelden“

Papst Franziskus in der Kathedrale von Santiago de Chile

Berufungen zum Priester- oder Ordensleben sind persönlich, aber immer auch Teil einer größeren Gruppe, es gibt keine „Selfie“-Berufungen. In einer langen Ansprache wandte sich Papst Franziskus an diesem Dienstag in der Kathedrale von Santiago an Priester, Ordensleute und Seminaristen.

Bernd Hagenkord SJ, Vatikan

Der niedergeschlagene Petrus, der Petrus der Barmherzigkeit erfährt, der verklärte Petrus: Die Person des Jüngers und Apostels stehe für beide Dimensionen, die persönliche und die gemeinschaftliche, so der Papst, an der Geschichte vom Fischfang nach der Auferstehung (Joh 21:1-19) könne man sehen, was das bedeute.

Aus der Niedergeschlagenheit heraus

Da sei zunächst die Niedergeschlagenheit. Jesus war tot und obwohl einige dem Auferstandenen schon begegnet seien, habe dieses Ereignis so stark [gewirkt], dass sie Zeit brauchten, um das Geschehen zu verstehen. Dieser Tod habe „einen Sturm an inneren Kämpfen“ in den Herzen der Jünger ausgelöst, „Petrus hatte ihn verleugnet, Judas hatte ihn verraten, die anderen waren geflohen und hatten sich versteckt.“

“ Die größte aller Versuchungen ist, sich beim Nachgrübeln über die eigene Hoffnungslosigkeit aufzuhalten ”

Zeiten von solcher Niedergeschlagenheit hätten ihre eigenen Versuchungen, legte der Papst den Text aus. „Die Versuchung, über Ideen zu diskutieren, den Aufgaben nicht die nötige Aufmerksamkeit zu schenken, sich zu sehr auf die Verfolger zu fixieren … Und ich glaube, die größte aller Versuchungen ist, sich beim Nachgrübeln über die eigene Hoffnungslosigkeit aufzuhalten“.

Ein Zustand der Unruhe

Etwas von dieser Niedergeschlagenheit lasse auch die Situation von Priestern und Ordensleuten in Chile erkennen, „Neben der Treue der großen Mehrheit ist auch das Unkraut des Bösen und als dessen Folge Skandale und Glaubensabfall angewachsen. Ein Zustand der Unruhe.“ Er wisse um den Schmerz, ausgelöst durch die Missbrauchsfälle, Schmerz vor allem wegen des Schadens und Leidens der Opfer und ihrer Familien und des betrogenen Vertrauens wegen. Schmerz dann aber auch, weil diese Missbrauchsfälle Misstrauen und Infragestellungen ausgelöst hätten, einen Mangel an Vertrauen.

„Ich weiß, dass ihr manchmal in der U-Bahn oder auf der Straße beschimpft worden seid und dass ihr an vielen Orten einen hohen Preis zahlen müsst, wenn ihr Priesterkleidung tragt“, so der Papst. „Aus diesem Grund schlage ich vor, dass wir Gott um die klare Einsicht bitten, die Realität beim Namen zu nennen, um die Kraft um Vergebung zu bitten und um die Fähigkeit zu lernen auf das zu hören, was Er uns sagt.“

Neue Situationen ohne Patentrezept

Die Gesellschaft verändere sich, auch Chile sei keine Ausnahme. Neue und unterschiedliche kulturelle Formen entstünden, die sich nicht an gewohnten Modelle anpassten. „Wir müssen uns bewusst sein, dass wir oft nicht wissen, mit diesen neuen Situationen umzugehen“, in jedem Fall sei ein Zurücksehnen nach einer angeblich guten Vergangenheit – den „Fleischtöpfen Ägyptens“ – der falsche Weg, das lasse vergessen, „dass das Gelobte Land vor uns liegt“. Die Kirche müsse die Welt sehen, wie sie sei, ob es nun gefalle oder nicht.

“ Wir müssen uns bewusst sein, dass wir oft nicht wissen, mit diesen neuen Situationen umzugehen ”

In den Worten des Evangeliums: Die Netze blieben leer, die Fischer kehren heim mit leeren Händen, niedergeschlagen, eine „Stunde der Wahrheit im Leben der ersten Gemeinde.“

Der Schwäche ins Gesicht sehen

Der Kirche könne dasselbe passieren wie damals Petrus und den Jüngern, „es gibt Momente, in denen wir nicht unserem Ruhm, sondern unserer Schwäche ins Gesicht sehen.“

Dem begegnet Jesus mit der Frage „liebst du mich mehr als diese?“ „Jesus tadelt nicht und verurteilt nicht. Sein einziger Wunsch ist es, Petrus zu retten. Er möchte ihn vor der Gefahr retten, in seiner Sünde eingeschlossen zu bleiben und auf der Verzweiflung aufgrund seiner Schwäche ‚herumzukauen‘.“ Es sei eine zerstörerische Einstellung, sich selbst zum Opfer zu machen und all das Gute zu vergessen.

“ Jesus tadelt nicht und verurteilt nicht. Sein einziger Wunsch ist es, Petrus zu retten. Er möchte ihn vor der Gefahr retten, in seiner Sünde eingeschlossen zu bleiben ”

Hier werde „ein Apostel geboren“, sagte der Papst, nur das Erbarmen Gottes hält ihn, bei allen Grenzen, Sünden und Versagen. „Wir sind als Männer und Frauen gesandt, die sich bewusst sind, dass ihnen vergeben worden ist. Das ist die Quelle unserer Freude.“ Eine verwundete Kirche könne die Wunden der Welt verstehen und zu heilen versuchen, sie stelle sich nicht in den Mittelpunkt und glaube nicht, perfekt zu sein. „Das Bewusstsein, das wir verwundet sind, macht uns frei“, denn „das Volk Gottes erwartet und braucht keine Superhelden.“

Die Pädagogik Jesu

Wahre Größe komme aus dem Dienst, so der Papst, das sei die „Pädagogik unseres Herrn“.

„Mit Blick auf den niedergeschlagenen und den verwandelten Petrus sind wir eingeladen, uns von einer niedergeschlagenen und hoffnungslosen Kirche in eine Kirche zu wandeln, die Dienerin der vielen Niedergeschlagenen ist, die Seite an Seite mit uns leben. Eine Kirche, die fähig ist, ihrem Herrn im Hungernden, im Gefangenen, im Dürstenden, im Heimatlosen, im Nackten, im Kranken zu dienen … (Mt 25,35).“ Das sei nicht etwa Bevormundung oder eine reine „Wohlfahrtsmentalität“, das sei Bekehrung des Herzens.

Die eigene und die gemeinschaftliche Berufung zu leben, dazu erneut „Ja“ zu sagen sei er gekommen. Das müsse allerdings im Realismus geschehen. Denn ein solcher Realismus stütze sich auf den Blick Jesu.

(VN)

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Papst Franziskus Ansprache bei der Begegnung mit dem Klerus, den Ordensleuten und den Seminaristen in der St. Mary´s School in Nairobi am 26. November 2015. Franziskus hat diese Rede nicht gehalten, sondern frei gesprochen. Dennoch dokumentieren wir die vorbereitete Rede hier im Wortlaut.

V. Tumisufu Yesu Kristu!      (Gelobt sei Jesus Christus!)

R. Milele na Milele. Amina   (Von nun an bis in Ewigkeit. Amen)

Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst,

Brüder und Schwestern gottgeweihten Lebens,

liebe Seminaristen,

ich freue mich sehr, bei euch zu sein, die Freude in euern Gesichtern zu sehen und eure Worte und eure glücklichen und hoffnungsvollen Gesänge zu hören. Ich danke Bischof Mukobo, Pater Phiri und Schwester Michael Marie für ihre Worte, mit denen sie mich in eurem Namen willkommen geheißen haben. Ich danke auch den Schwestern des heiligen Felix von Cantalice für ihre Gastfreundschaft.

Zu allererst danke ich euch für den aktiven Beitrag, den viele Gottgeweihte und Priester für die Kirche und für die kenianische Gesellschaft leisten. Ich bitte euch, eure Brüder und Schwestern, die heute nicht hier bei uns sein können, herzlich von mir zu grüßen, besonders die Alten und die Kranken eurer Gemeinschaften.

„[Gott], der bei euch das gute Werk begonnen hat, möge es auch vollenden bis zum Tag Christi Jesu“ (vgl. Phil 1,6). Heute Nachmittag möchte ich mir dieses innige Gebet, das von einem Wort des Apostels Paulus abgeleitet ist, zu Eigen machen, in Dankbarkeit für euren treuen Dienst für den Herrn inmitten seines Volkes.

Jeden Tag, wenn ihr euch in den Krankenhäusern und den Wohnungen unter die Kranken, die Leidenden, die Armen und die Ausgegrenzten begebt, verkündet ihr das liebevolle Erbarmen und Mitgefühl Gottes. In den Pfarreien, Schulen und Bildungsinstituten arbeitet ihr, um die jungen Menschen zu Christen und rechtschaffenen Bürgern zu erziehen. Diese Anstrengungen sind gut eingesetzt. Ihr helft, das geistige und moralische Leben der Gesellschaft auf soliden Fundamenten von Redlichkeit, Gerechtigkeit und Solidarität und auf dem verantwortlichen Gebrauch der Freiheit aufzubauen. Im Besonderen leistet ihr euren Dienst als lebendiges Zeichen der Gemeinschaft der Kirche, die alle Völker und Sprachen umgreift, niemanden ausschließt und das Heil aller sucht.

Ich bitte euch alle, eure Berufung als ein Geschenk Gottes zu bewahren und das Feuer eures Eifers stets neu zu entfachen. Diese Ermutigung gilt speziell den hier anwesenden Ordensleuten und den Personen gottgeweihten Lebens. Eure jungen Herzen sind von der Schönheit eines Lebens auf den Spuren Christi entflammt worden, das Gott und dem Nächsten geweiht ist. Wenn ihr täglich euer „Ja“ zum Ruf des Herrn, ihm gemäß dem Evangelium in Keuschheit, Armut und Gehorsam nachzufolgen, erneuert, gebt ihr ihm alles, was ihr habt und seid. Obwohl wir in der Welt leben und unser Apostolat ausüben, muss unser Herz immer zum Himmel gerichtet sein. Das persönliche, liturgische und gemeinschaftliche Gebet soll das Herzstück eures Tages sein. Und hier möchte ich den in Klausur lebenden gottgeweihten Personen danken für ihr verborgenes Apostolat, das so sehr zur Fruchtbarkeit der Mission der Kirche in diesem Land beiträgt.

Liebe Brüder im priesterlichen Dienst, eure Berufung selbst fordert euch auf, in der Nachfolge Christi, des guten Hirten, die Armen und die Kranken aufzusuchen sowie alle, die der Barmherzigkeit Gottes bedürfen. Das ist die Quelle unserer Freude, Boten und Diener seines Mitgefühls und seiner Liebe zu sein, die er unterschiedslos für alle hegt. Unter den vielen Verpflichtungen und Tätigkeiten des pastoralen Dienstes müssen das Gebet, die priesterliche Brüderlichkeit, die geistige und herzliche Verbundenheit mit euren Bischöfen und die häufige Inanspruchnahme der Gnade des Bußsakramentes eure Kraftquelle und ein Bollwerk gegen die unterschwelligen Versuchungen der spirituellen Weltlichkeit sein. Der Herr beruft uns, Diener seiner Gnade zu sein trotz unserer Grenzen und Schwachheiten. Als unser ewiger Hoherpriester, der durch Leiden vollendet wurde (Hebr 2,10), wird er euer Zeugnis in der verwandelnden Kraft seines Kreuzes und in der Freude über seinen ewigen Sieg stärken.

Liebe junge Seminaristen, auch ihr seid meinem Herzen ganz nahe! Diese Jahre der Vorbereitung und der Unterscheidung sind eine Zeit voller Gnade, in der ihr euch über den Willen Gottes für euer Leben klar werdet. Von euch verlangt das Ehrlichkeit, Selbsterkenntnis und Lauterkeit der Absichten; außerdem muss es vom persönlichen Gebet getragen werden und von der inneren Freiheit gegenüber der Selbstsucht oder gegenüber negativen Anhänglichkeiten. Vor allem soll es eine Zeit geistlicher Freude sein – einer Freude, deren Quelle in einem für die Stimme Gottes offenen Herzen liegt, das demütig darauf vorbereitet ist, alles für den Dienst an seinem heiligen Volk zu opfern.

Liebe Freunde, das Evangelium, das wir verkünden und zu leben versuchen, ist kein einfacher Weg; es ist ein schmaler Pfad, erfüllt aber das Herz mit unsagbarer Freude. Noch einmal nehme ich die Worte des Apostels auf und versichere euch, dass ich immer mit Freude für euch bete (vgl. Phil 1,4). Ich bitte euch, für mich zu beten, und vertraue euch alle der grenzenlosen Liebe an, die wir in Christus Jesus erfahren haben. Allen erteile ich von ganzem Herzen meinen Segen.

Mungu awabariki!   (Gott segne euch!)

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