Die Suche nach voller Einheit der Christen im Ökumenismusdekret auf der Basis der Kirchenkonstitution

concilio

 

Von Stephan Otto Horn SDS 

Das Jahr des Glaubens, das Papst Benedikt XVI. ausgerufen hat, hat am 11. Oktober 2012 mit dem Konzilsjubiläum begonnen. So liegt es nahe, in diesem Jahr auch das Konzil für das persönliche Leben und für die uns gestellten Aufgaben fruchtbar zu machen. Die Reihe von Hinführungen zum Konzil soll wegen der Weltgebetsoktav um die Einheit der Christen, die vom 18. bis 25. Januar begangen wird, mit dem Blick auf das Ökumenismusdekret beginnen. Die Gebetswoche steht im Jahr 2013 unter dem Motto „Mit Gott gehen“ (Micha 6.6‐8). Ein echter, vor allem geistlicher Ökumenismus ist für die Kirche gerade in einer Zeit der Säkularisierung wichtig – nicht zuletzt für den Auftrag der Neuevangelisierung.

Das Dekret über den Ökumenismus Unitatis redintegratio scheint beim ersten Hinsehen nur ein Dekret unter vielen zu sein. In Wirklichkeit hat es einen besonderen Rang. Denn schon in der Absicht von Johannes XXIII. ist die Suche nach der Einheit der Christen neben der Erneuerung der katholischen Kirche das Hauptziel des Zweiten Vatikanischen Konzils.1 Es ist das erste Mal in der Geschichte der Kirche, dass ein Konzil sich so umfassend über die Einheit der Kirche, wie Jesus Christus sie gewollt hat, und über die vielen Spaltungen der Kirche geäußert hat, um den Weg zu einer Vertiefung der Beziehungen bis hin zur vollen Einung zu beschreiten.

1 Vgl. Kurt Cardinal Koch, Ökumene im Wandel. Zum Zukunftspotential des Ökumenismusdekrets Unitatis redintegratio, in: Jan‐Heiner Tück (Hg.), Jan‐Heiner Tück herausgegebene Buch „Erinnerung an die Zukunft. Das Zweite Vatikanische Konzil“, 335‐ 368, Zitat 338.

Die Bedeutung ökumenischer Bemühungen für die Neuevangelisierung

Einen besonderen Rang hat das Dekret gleichzeitig im Blick auf die Bezeugung des Evangeliums in der ganzen Schöpfung. Besonders seit der ersten Weltmissionskonferenz von 1910 in Edinburgh ist der Schaden, der der Evangelisierung der Völker durch die Spaltungen in der Kirche ins Bewußtsein gerückt. Fünfzig Jahre später hat diese Perspektive ganz neue Dimensionen bekommen. Ein früher Entwurf für die Beschreibung von Sinn und Ziel des Zweiten Vatikanischen Konzils, verfasst von dem jungen Konzilstheologen Ratzinger, stellt das Konzil in die Situation der Gottesfinsternis der Zeit hinein, deren entscheidender Grund in den Spaltungen der Kirche gesehen wird. „Die Situation des 20. Jahrhunderts… beschreibt Ratzinger mit dem Zustand, in dem ‚sich die göttliche Sonne (vgl. Ps 84, 12) verdunkelt zu haben und der Herr inmitten des Gewittersturmes zu schlafen scheint (vgl. Mt 4, 37).“  Und weiter:

„Die Väter wissen, dass das Licht des Gotteswortes in der Welt verdunkelt ist, solange der Leib des Herrn durch die Uneinigkeit der Christen zerrissen wird. Sie wissen auch, dass gerade in dieser Stunde der Schatten und sich verbreitender Gott‐Vergessenheit unter den Menschen der einmütige Glaube aller, die dem Wort Gottes anhangen, noch dringender notwendig ist, als in früheren Zeiten.“2

Mit der ökumenischen Bewegung ist die Hoffnung verbunden, durch die Einheit und schon durch den Weg auf die Einung hin könne die Säkularisierung aufgehalten oder sogar überwunden werden. Kardinal Koch hat kürzlich darauf aufmerksam gemacht, dass es als ein „schönes ökumenisches Zeichen zu würdigen“3 sei, dass Papst Benedikt im Jahr des Gedenkens an hundert Jahre Weltmissionskonferenz einen neuen Päpstlichen Rat zur Förderung der Neuevangelisierung errichtet hat. Kardinal Koch weist in diesem Zusammenhang auch auf ein Wort des Papstes hin, in dem dieser die ökumenische Dimension der Neuevangelisierung unterstreicht: „Die Herausforderung der Neuevangelisierung ruft die universale Kirche auf den Plan und macht es auch erforderlich, dass wir mit aller Kraft fortfahren, nach der vollen Einheit unter den Christen zu suchen.“4

3  Kurt Kardinal Koch, in: Erinnerung an die Zukunft (Anm. 1) 3582 Zitiert nach Michaela Christine Hastetter, Intervention in Zeiten der Gottesfinsternis. Zum Programm der Neuevangelisierung Europas bei Benedikt XVI., in: Ein hörendes Herz. Hinführung zur Theologie und Spiritualität von Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI., herausgegeben von Michaela Christine Hastetter und Helmut Hoping, Regenburg 2012,  116‐148, Zitat: 118f.

4 Zitiert nach Kurt Kardinal Koch, in: Erinnerung an die Zukunft, ebenda 359.

Das Konzil geht im Blick auf die Christen, die nicht der katholischen Kirche angehören, von dem aus, was sie verbindet. Deshalb geht die Kirchenkonstiution ganz von der Taufe aus, die für jeden Getauften eine Beziehung zu Christus schafft, sodass sie in dieser gemeinsamen Zugehörigkeit zu ihm auch tief mit einander verbunden sind. So sagen die Konzilsväter: Deshalb „weiß sich die Kirche aus mehrfachem Grunde“ mit ihnen verbunden. Zu diesen Gründen gehört auch dazu, dass sie „auch andere Sakramente in ihren eigenen Kirchen oder kirchlichen Gemeinschaften“ empfangen. Die Gläubigen, die in ihnen getauft werden, sind der Kirche zwar nicht voll eingegliedert, mit ihr aber verbunden.

Der Blick richtet sich hier freilich durchweg auf den einzelnen Gläubigen und seine Verbundenheit mit der katholischen Kirche. Es stellt sich aber die Frage: Was kann das Konzil über die einzelnen getrennten Gläubigen hinaus von den getrennten Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften sagen? Wie ist die katholische Kirche mit den anderen Kirchen und Kirchlichen Gemeinschaften verbunden? Diese Frage wird im Ökumenismusdekret aufgenommen. Ein Dekret hat mehr als die Dogmatischen Konstitutionen des Konzils eine pastorale Ausrichtung. Aber gerade das Ökumenismusdekret hat doch einen theologischen Tiefgang. Seine grundlegende Linie ist freilich in der Dogmatischen Konstitution Lumen gentium (Nr. 15) schon vorgezeichnet.

Lumen gentium nimmt eine entscheidende Weichenstellung vor. Sie identifiziert nämlich die katholische Kirche nämlich nicht einfachhin mit der Kirche Jesu Christi, sagt also nicht, die Kirche, die Christus gegründet hat, sei die katholische Kirche. Vielmehr sagen die Konzilsväter, sie sei in der katholischen Kirche verwirklicht (subsistit in). Sehr einleuchtend ist der Sinn und die Bedeutung dieses viel besprochenen Wortes herausgestellt worden von Kardinal Kurt Koch und von Papst Benedikt während einer Diskussion in Castelgandolfo. Kardinal Koch spricht von einer Doppelabsicht dieses Begriffs:

„Er bringt auf der einen Seite zum Ausdruck, dass die eine Kirche Jesu Christi, die wir im Credo bekennen, keine platonische Größe ist, sondern in der katholischen Kirche in der Einheit mit dem Papst gegeben ist. Auf der anderen Seite soll damit aber auch ausgedrückt werden, dass es außerhalb der katholischen Kirche kein kirchliches Vakuum, sondern kirchliche Realität gibt.“ 5 Von da aus widmet sich das Ökumenismusdekret beherzt der Frage nach der Einheit und Einzigkeit der Kirche Jesu Christi und nach den voneinander getrennten Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften. Damit ergänzt es die Dogmatische Konstitution Lumen gentium.

Katholische Kirche und orientalische Kirchen

Besonders erhellend ist der Blick auf die orientalischen Kirchen. Von ihnen wird gesagt, dass in diesen Kirchen durch die Feier der Eucharistie die Kirche Gottes erbaut wird: „So baut sich auf und wächst durch die Feier der Eucharistie des Herrn in diesen Einzelkirchen die Kirche Gottes…(Nr.15).“  Die eine Kirche Christi ist in der Katholischen Kirche konkret da, aber sie ist aber demnach auch in den orientalischen Kirchen gegenwärtig, sie überschreitet weit die Grenzen der katholischen Kirche.

Daraus ergibt sich: Es gibt also trotz der Grenzen eine tiefe innere Zugehörigkeit von ihr und den orientalischen Kirchen, es gibt eine wahre Gemeinschaft miteinander, sodass das Konzil von einer nicht vollendeten Gemeinschaft redet. Wörtlich spricht es von der so erwünschte(n) Wiederherstellung der vollen Gemeinschaft zwischen den orientalischen Kirchen und der katholischen Kirche“ (Nr. 14). Und diese innere Zugehörigkeit und bereits gegebene Gemeinschaft ist nicht einfach eine unsichtbare Wirklichkeit, sondern sie ist im anerkannten Bischofsamt in apostolischer Sukzession und in der Eucharistie (und der Sakramente insgesamt) doch auch eine sichtbare Wirklichkeit. Diese Kirchen sind, wie das Ökumenismus‐Dekret ausdrücklich sagt, vor allem in der Kraft der apostolischen Sukzession im Priestertum und der Eucharisitie „in ganz enger Verwandtschaft bis heute mit uns verbunden“ (Nr.15).

5 Das Zweite Vatikanische Konzil. Die Hermeneutik der Reform, herausgegeben im Auftrag des Schülerkreises von Papst Benedikt XVI. von Stephan Otto Horn SDS und Siegfried Wiedenhofer, Augsburg 2012, 61. Papst Benedikt unterstreicht (ebenda, 62) diese Linie: „Subsistit ist ein Begriff der scholastischen Philosophie. Die Subsistenz ist die Weise, wie ein Subjekt als solches exisitiert. Insofern wird von der katholischen Kirche ausgesagt, dass in ihr die Kirche Christi subsistiert, als Subjekt, konkret in der Geschichte da ist und eben nicht eine platonische Idee bleibt. In dem Sinne ist es eine sehr starke Konkretisierung. Die katholische Kirche ist die Subsistenz der Kirche selbst. Andererseits ist es [besagt das „subsistit“] zugleich doch auch eine größere Weite, denn es ist damit eben nicht ausgeschlossen, dass außerhalb der Subsistenz kirchliche Realität da ist. Insofern hat man doch dadurch für den Plural Kirchen neben dem Singular Platz geschaffen.“

Katholische Kirche und kirchliche Gemeinschaften

Von der Auferbauung der Kirche spricht das Ökumenismusdekret aber nicht bloß im Blick auf die orientalischen Kirchen, die in der Apostolischen Sukzession stehen. Es spricht vielmehr auch allgemeiner von Elementen und Gütern, die außerhalb der sichtbaren Grenzen der Katholischen Kirche existieren können.

Damit ist zunächst gesagt, dass „in kirchlichen Gemeinschaften“, die aus der Reformation entstanden sind, Elemente kirchlicher Realität, Dimensionen des Kirche‐seins gegeben sind. Aber zugleich heißt das, dass auch in solchen Gemeinschaften Elemente da sind, welche in einer tieferen Schicht der einen Kirche Christi zugehören. Die Konzilsväter sagen denn auch im Dekret ganz allgemein im Blick auf getrennte Kirchen und Gemeinschaften: „Hinzu kommt, dass einige, ja sogar viele und bedeutende Elemente und Güter, aus denen insgesamt die Kirche erbaut wird und ihr Leben gewinnt, auch außerhalb der sichtbaren Grenzen der katholischen Kirche existieren können: das geschriebene Wort Gottes, das Leben der Gnade, Glaube, Hoffnung und Liebe und andere innere Gaben des Heiligen Geistes und sichtbare Elemente: all dieses, das von Christus ausgeht, gehört rechtens zu der einzigen Kirche Christi“ (Nr. 3).

Das Wort: „all dieses… gehört rechtens zu der einzigen Kirche Christi“ bringt zum Ausdruck, dass diese Elemente wirklich der einen Kirche Christi zugehören. Daraus kann man folgern: Sie sind trotz der Trennung in der Tiefenschicht mit der katholischen Kirche verbunden. Auch kirchliche Gemeinschaften sind demgemäß in vielen Elementen der einen Kirche Jesu Christi zugehörig. So gibt es auch im Blick auf sie trotz der sichtbaren Grenzen eine tiefe Verbundenheit mit der Katholischen Kirche, auch wenn der Riß viel tiefer ist als derjenige der orientalischen Kirchen.

Kardinal Koch hat diesen „ökumenischen Neuansatz“ des Zweiten Vatikanischen Konzils hervorgehoben und trefflich auf den Punkt gebracht.

„Während das Selbstverständnis der katholischen Kirche weitgehend von einem extensiven Anspruch auf vollständige und exklusive Identifikation der Kirche Jesus Christi mit der Katholischen Kirche und dementsprechend von einem ökumenisch letztlich vereinnahmenden Kirchenbegriff geprägt gewesen ist, ist das ekklesiologische Selbstverständnis der Katholischen Kirche vom Konzil dahingehend neu formuliert worden, dass das ökumenische Anliegen in ihm selbst inbegriffen ist. Das Konzil hat dies vor allem mit einem gestuften Kirchenverständnis erreicht, demgemäß die nichtkatholischen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften in einer abgestuften Weise an der Einheit und Katholizität der Katholischen Kirche partizipieren und in einer nicht vollen Gemeinschaft (communio non plena) mit ihr leben.“6

Zur Bedeutung der apostolischen Sukzession der Bischöfe

Das Konzil legt freilich großen Wert auf die Stellung der Bischöfe, die in der Nachfolge der Apostel stehen. Sie haben zwar nicht die einzigartige Berufung wie die Apostel als der Augen‐ und Ohrenzeugen von Leben, Sterben und Auferstehen des Herrn, aber sie haben doch teil an deren Auftrag als Hirten, durch den sie die Kirche in der Treue zum Herrn bewahren und festigen. Bald nach dem Konzil entwickelte freilich besonders Hans Küng die Auffassung, es gebe zwei gleichermaßen legitime Weisen Kirche zu sein. Der eine Weg wäre das Stehen im Glauben der Apostel durch die apostolische Nachfolge der Bischöfe (successio apostolica) – das Kirche‐sein, wie es bis zur Reformation und danach weiter in der östlichen Kirchen und in der katholischen Kirche gelebt wurde und wird. Der andere Weg bestände daarin, Kirche zu sein in einer charismatischen Weise und so in der Erwartung, dass das Wirken des Gottesgeistes die Kirche immer wieder von Irrwegen zurückrufen werde.

In den großen Zerreiss‐Proben der Kirche des ersten Jahrtausends, in denen es um die Mitte des Glaubens, um das rechte Verständnis Jesu Christi ging, konnte der überlieferte Glaube der Kirche durch viele Wirren hindurch gerade von Bischöfen in apostolischer Nachfolge in Einheit mit dem Bischof von Rom festgehalten und auf die neuen Fragen hin formuliert werden. Die Schrift allein konnte das Bleiben in der Wahrheit nicht für sich allein garantieren.

Das Festhalten der Kirche an der Autorität der Bischöfe, unter bestimmten Bedingungen glaubensverbindliche dogmatische Entscheidungen zu treffen, ist für das Bewahren und Wiedergewinnen der Einheit unerlässlich. Ohne sie würde auf Dauer die Christenheit in unzählige Richtungen auseinanderbrechen

– wie es sich außerhalb der Grenzen der orientalischen Kirchen und der katholischen Kirchen schon jetzt in einem erschreckenden Maß vollzieht. Ihr Wahrheitsanspruch wäre aufs Tiefste verdunkelt. Nach dem hohepriesterlichen Gebet des Herrn ist aber gerade die Einheit der Jünger für die Welt jenes Zeugnis, das die Menschen zum Glauben an Jesus Christus führt.

6 Erinnerung an die Zukunft (Anm. 1) 338.

Das Zweite Vatikanische Konzil und die Erklärung der Kongregation für die Glaubenslehre „Dominus Jesus“

Ich möchte hier noch auf die Erklärung der Kongregation für die Glaubenslehre eingehen, die vielfach als Rückschlag gegenüber den Aussagen des Konzils verstanden wurde. So sagt der junge rumänisch‐orthodoxe Theologe Ioan Moga bei seiner Darstellung der orthodoxen Rezeption des Ökumenismusdekrets: „Dass Rom ein paar Jahre später (d.h. nach der Veröffentlichung der Enzyklika Ut unum sint) mit der Erklärung Dominus Jesus gewissermaßen auf Konfrontationskurs ging und gerade an entscheidenden Stellen des Ökumenismusdekrets und der Kirchenkonstitution anknüpfte, jedoch um die Akzente anders zu setzen, sorgte wiederum für eine langanhaltende Ernüchterung in der Orthodoxen Kirche. Das berühmte und viel bemühte „subsistit in“ (Lumen gentium 8) wird diesmal ausdrücklich im Sinn einer exklusiven Subsistenz der Kirche in der römisch‐katholischen Kirche verstanden.“7

Der Anstoß dafür lag vor allem in einem Wort, in dem die Kontinuität der von Jesus Christus gestifteten Kirche mit der katholischen Kirche betont wurde:

„Die Gläubigen sind angehalten zu bekennen, dass es eine geschichtliche, in der apostolischen Sukzession verwurzelte Kontinuität zwischen der von Christus gestifteten und der katholischen Kirche gibt: ‚Dies ist die einzige Kirche Christi… Sie zu weiden, hat unser Erlöser nach seiner Auferstehung dem Petrus übertragen (vgl. Joh 21,17), ihm und den übrigen Aposteln hat er ihre Ausbreitung und Leitung anvertraut (vgl. Mt 28,18ff.). Für immer hat er sie als

‚die Säule und das Fundament der Wahrheit‘ (1 Tim 3,15) errichtet.“  (Nr. 6)

Diese Worte konnten besonders dann, wenn sie aus dem größeren Zusammenhang gerissen wurden, so verstanden werden, dass nicht nur Kontinuität, sondern damit zugleich volle Identität der von Christus gegründeten Kirche und von katholischer Kirche ausgesagt wäre. Dies wurde denn auch bei der Veröffentlichung von den Medien so dargestellt und führte zu großer Verwirrung der Gläubigen. In der Tat konnte die Verknüpfung des

7 Ioan Moga, Verhaltene Öffnung, verhaltene Freude? Zur orthodoxen Rezeption des Ökumenismusdekrets, in: Erinnerung an die Zukunft (Anm. 1) 383‐395, Zitat 391.

einleitenden Satzes mit dem Zitat aus der Kirchenkonstitution („Dies ist…“) das Missverständnis hervorrufen, die katholische Kirche sei einfachhin die einzige Kirche Christi. Damit wäre das „subsistit“ zumindest in Frage gestellt.

Aber warum betont und erklärt nun die Kongregation gleich nach dem zitierten Text das subsistit, mit dem ja doch eine einfache Identität ausgeschlossen ist? Dass Kontinuität und nicht einfachhin Identität von der Kongregation gemeint ist, wird vollends dadurch deutlich, dass gleich im folgenden Absatz das Konzil mit seiner Aussage präzis aufgenommen wird: „Es gibt also eine einzige Kirche Christi, die in der katholischen Kirche subsistiert und vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen mit ihm geleitet wird.“ ( Nr. 7)

Von den Kirchen, die „durch engste Bande, wie die apostolische Sukzession und die gültige Eucharistie mit ihr verbunden bleiben“, wird wie im Ökumenismusdekret gesagt, sie seien echte Teilkirchen, ja es wird nun zu Recht gesagt, die Kirche Christi sei „auch in ihnen gegenwärtig“. Damit zeigen die Begriffe „in ihnen gegenwärtig“ und „verwirklicht in“ eine große Nähe von katholischer Kirche und orientalischen Kirchen an. Die Begriffe sind in ihrer Unterschiedlichkeit belassen, weil die volle Gemeinschaft der orientalischen Kirchen mit der katholischen Kirche wegen der Nichtannahme des Primats nicht gegeben ist.

In diesem Abschnitt war der Blick nicht auf die nichtkatholischen „kirchlichen Gemeinschaften“ gerichtet. Es gilt aber auch für sie die oben beschriebene Konzeption des Konzils gültig, nach der die „nichtkatholischen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften in einer abgestuften Weise an der Einheit und Katholizität der Katholischen Kirche partizipieren“ (Kurt Card. Koch)8

Ökumenische Spiritualität

Blicken wir nach diesem Exkurs auf die ökumenische Spiritualität der Konzilstexte. Grundgelegt ist sie in der Taufe. Die Taufe und das mit ihr unlöslich verbundene grundlegende Credo der Kirche ermöglicht in der Zugehörigkeit zu dem einen Herrn Jesus Christus eine wahre Geschwisterlichkeit der Christen über alle Grenzen hinweg. Sie muß freilich in geistlicher Freude dankbar erfasst und gelebt werden. Je größer die Einheit und Freundschaft mit Christus ist und die Gemeinschaft mit einander prägt, desto

8  Vgl. Anm. 5.

mehr wird die Christenheit sein Licht und seine Liebe ausstrahlen und auch heute Menschen für den Glauben an ihn gewinnen.

So braucht es nach dem Dekret also vor allem den „geistlichen Ökumenismus“. Es gibt ihn nicht „ohne innere Bekehrung. Denn aus dem Neuwerden des Geistes, aus der Selbstverleugnung und aus dem freien Strömen der Liebe erwächst und reift das Verlangen nach der Einheit. Deshalb müssen wir vom göttlichen Geiste die Gnade aufrichtiger Selbstverleugnung, der Demut und des geduldigen Dienstes sowie der brüderlichen Herzensgüte zueinander erflehen.“ Diesen geistlichen Ökumenismus hat das Konzil ganz entschieden als etwas Zentrales hervorgehoben: „Diese Bekehrung des Herzens und die Heiligkeit des Lebens ist in Verbindung mit dem privaten und öffentlichen Gebet für die Einheit als die Seele der ganzen ökumenischen Bewegung anzusehen…“ (Nr. 7)

Der bereits zitierte orthodoxe Theologe Joan Moga schreibt zu Recht:

„Während so etwas wie ein „geistlicher Ökumenismus“ im Westen zwischen den Gläubigen der römisch‐katholischen Kirche und der protestantischen Kirchen auch aufgrund der kulturellen Nähe womöglich immer wieder erlebt wurde und wird, scheint mir, dass für die Beziehungen zwischen den Ost‐ und den Westkirchen dieses Stichwort noch ein ungeschöpftes Potenzial beinhaltet. Das Fremdsein und Fremdseinlassen zwischen Ost‐ und Westkirche stellen leider vielerorts immer noch eine Realität dar – auf beiden Seiten.“

Und so sieht er die Lösung darin, sich im Innersten nahe zu kommen:

„Offenheit ist nicht alles. Es braucht vielmehr Freude und Freundschaft, um den anderen wirklich in seiner gottzugewandten Identität aufzunehmen und mit ihm gemeinsam zu wachsen. Wenn wir nur an den enthusiastischen, aber zugleich realistischen Geist der wechselseitigen Kenntnis und Annahme denken, der zwischen vielen Konzilsvätern und den orthodoxen und orientalischen Beobachtern herrschte, dann werden wir manches heute mit viel mehr pneuma zu erfüllen haben. Mit einer solchen inneren Haltung, die weder Relativismus, noch Exklusivismus fördert – wird man den Dialog der Wahrheit als einen Dialog vor Gott weiterführen können.“9

9 Ioan Moga, Verhaltene Öffnung – verhaltene Freude, in: Erinnerung an die Zukunft (Anm.7), 395.

Eine solche Haltung der Geschwisterlichkeit, der Freundschaft und der Glaubensfreude gibt Zuversicht. Überdies ist die heutige Lage der Kirche in der Gesellschaft für uns Christeneine große Herausforderung, uns gegenseitig zu stützen und mit einander  Schritte zu einer größeren Einmütigkeit in Glaube und Liebe zu tun, um so das Zeugnis vor der Welt glaubwürdiger werden zu lassen. Das verlangt von uns vor allem geistliche Haltungen: eine Haltung der Demut im gemeinsamen Eingeständnis der Schuld, Freimut in der gemeinsamen Bezeugung des Glaubens in einer säkularisierten Welt, Mut zur Suche nach neuen und gemeinsamen Wegen der Neuevangelisierung und schließlich Bekennermut und Zusammenstehen in den großen ethischen Herausforderungen.

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Quelle

Das Zweite Vatikanische Konzil – Chance und Anruf zu geistlicher Erneuerung – Erste Folge

Wertvolle Texte, die (u.a.) den katholischen christlichen Ökumenismus erklären (01)

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FEIER DER VESPER
ZUM ABSCHLUSS DER GEBETSWOCHE FÜR DIE EINHEIT DER CHRISTEN

PREDIGT VON PAPST BENEDIKT XVI.

Fest der Bekehrung des hl. Apostels Paulus 
Basilika St. Paul vor den Mauern
Freitag, 25. Januar 2013

 

Liebe Brüder und Schwestern!

Es ist immer eine Freude und besondere Gnade, sich gemeinsam am Grab des Apostels Paulus einzufinden, um die Gebetswoche für die Einheit der Christen abzuschließen. Herzlich begrüße ich die anwesenden Kardinäle, an erster Stelle Kardinal Harvey, Erzpriester dieser Basilika, und mit ihm den Abt und die Gemeinschaft der Mönche, bei denen wir zu Gast sind. Ich begrüße Kardinal Koch, Präsident des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen, und alle Mitarbeiter des Dikasteriums. Meine herzlichen und brüderlichen Grüße gehen an Seine Eminenz Metropolit Gennadios, Vertreter des Ökumenischen Patriarchen, sowie an den Hochwürdigen Kanonikus Richardson, den persönlichen Vertreter des Erzbischofs von Canterbury in Rom, und an alle Vertreter der verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, die heute Abend hier versammelt sind. Darüber hinaus ist es mir eine besondere Freude, die Mitglieder der Gemischten Internationalen Kommission für den Theologischen Dialog zwischen der katholischen Kirche und den orientalisch-orthodoxen Kirchen zu begrüßen, denen ich für ihre in diesen Tagen in Rom stattfindende Vollversammlung fruchtbare Arbeit wünsche. Ebenso grüße ich die Studenten des Ecumenical Institute of Bossey, die Rom besuchen, um ihre Kenntnis der katholischen Kirche zu vertiefen, sowie die jungen orthodoxen und orientalisch-orthodoxen Christen, die hier studieren. Schließlich grüße ich alle Anwesenden, die zusammengekommen sind, um für die Einheit unter allen Jüngern Christi zu beten.

Diese Feier fügt sich ein in den Kontext des Jahrs des Glaubens, das am vergangenen 11. Oktober begonnen hat, dem 50. Jahrestag der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils. Die Gemeinschaft im selben Glauben ist die Grundlage für die Ökumene. Denn die Einheit wird von Gott untrennbar vom Glauben geschenkt; das bringt der hl. Paulus sehr wirkungsvoll zum Ausdruck: »Ein Leib und ein Geist, wie euch durch eure Berufung auch eine gemeinsame Hoffnung gegeben ist; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist« (Eph 4,4–6). Das Bekenntnis des Taufglaubens an Gott, den Vater und Schöpfer, der sich im Sohn Jesus Christus offenbart und den Heiligen Geist gesandt hat, der lebendig macht und heiligt, vereint die Christen bereits. Ohne den Glauben – der zuerst Geschenk Gottes ist, aber auch Antwort des Menschen – würde sich die gesamte ökumenische Bewegung auf eine Art »Vertrag« beschränken, dem man aus gemeinsamem Interesse zustimmt. Das Zweiten Vatikanischen Konzil sagt: »Je inniger die Gemeinschaft ist, die [die Christen] mit dem Vater, dem Wort und dem Geist vereint, um so inniger und leichter werden sie imstande sein, die gegenseitige Brüderlichkeit zu vertiefen« (Dekret Unitatis redintegratio, 7). Fragen der Lehre, die uns noch trennen, dürfen nicht übersehen oder bagatellisiert werden. Vielmehr müssen sie mutig, im Geist der Brüderlichkeit und des gegenseitigen Respekts angegangen werden. Wenn der Dialog die Priorität des Glaubens widerspiegelt, ermöglicht er es, sich dem Handeln Gottes zu öffnen im festen Vertrauen, daß wir nicht allein von uns aus die Einheit schaffen können, sondern daß es der Heilige Geist ist, der uns zur vollen Einheit führt und uns den geistlichen Reichtum erkennen läßt, der in den verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften vorhanden ist.

In der heutigen Gesellschaft scheint die christliche Botschaft immer weniger Einfluß auf das persönliche und gemeinschaftliche Leben zu haben; und das ist eine Herausforderung für alle Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften. Die Einheit an sich ist ein bevorzugtes Mittel, gleichsam eine Voraussetzung, um denjenigen den Glauben immer glaubwürdiger verkünden zu können, die den Erlöser noch nicht kennen oder die, obwohl sie die Verkündigung des Evangeliums empfangen haben, dieses kostbare Geschenk so gut wie vergessen haben. Das Ärgernis der Spaltung, das die missionarische Tätigkeit beeinträchtigte, war der Impuls, der die ökumenische Bewegung, so wie wir sie heute kennen, in Gang gesetzt hat. Die volle sichtbare Einheit der Christen muß daher verstanden werden als grundlegendes Merkmal für ein noch klareres Zeugnis. Während wir auf dem Weg zur vollen Einheit sind, ist es also notwendig, eine konkrete Zusammenarbeit zwischen den Jüngern Christi im Anliegen der Weitergabe des Glaubens an die zeitgenössische Welt anzustreben. Es gibt heute einen großen Bedarf nach Versöhnung, Dialog und gegenseitigem Verständnis, nicht unter moralistischer Perspektive, sondern gerade im Namen der christlichen Authentizität im Hinblick auf eine wirksamere Präsenz in der Wirklichkeit unserer Zeit.

Der wahre Glaube an Gott ist untrennbar von der persönlichen Heiligkeit wie auch vom Streben nach Gerechtigkeit. In der Gebetswoche für die Einheit der Christen, die heute zu Ende geht, lautete das uns zur Meditation vorgelegte Thema: »Was der Herr von uns erwartet«, inspiriert von den Worten des Propheten Micha, die wir gehört haben (vgl. 6,6–8). Es wurde vorgeschlagen vom Student Christian Movement in India in Zusammenarbeit mit der All India Catholic University Federation und dem National Council of Churches in India, die auch die Materialien für die Reflexion und das Gebet vorbereitet haben. Allen, die daran mitgewirkt haben, möchte ich meinen aufrichtigen Dank aussprechen und versichere mit großer Zuneigung alle Christen Indiens, die zuweilen gerufen sind, unter schwierigen Bedingungen Zeugnis von ihrem Glauben abzulegen, meines Gebetes. »In Ehrfurcht den Weg gehen mit Gott« (vgl. Mi 6,8) bedeutet vor allem, den Weg in der Radikalität des Glaubens zu gehen, wie Abraham, im Vertrauen auf Gott, mehr noch all unsere Hoffnung und Sehnsucht auf ihn zu setzen, aber es bedeutet auch, über Barrieren hinauszugehen, über Haß, Rassismus und soziale und religiöse Diskriminierung, die die ganze Gesellschaft spalten und ihr Schaden zufügen. Wie der hl. Paulus sagt, müssen die Christen als erste ein leuchtendes Beispiel geben vom Streben nach Versöhnung und Gemeinschaft in Christus, das jede Art von Spaltung überwindet. Im Brief an die Galater unterstreicht der Völkerapostel: »Ihr seid alle durch den Glauben Söhne Gottes in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus (als Gewand) angelegt. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid ›einer‹ in Christus Jesus« (3,26–28).

Unsere Suche nach Einheit in der Wahrheit und in der Liebe darf schließlich niemals das Bewußtsein verlieren, daß die Einheit der Christen Werk und Geschenk des Heiligen Geistes ist und weit über unsere Kräfte hinausgeht. Daher ist der geistliche Ökumenismus, insbesondere das Gebet, das Herz des ökumenischen Engagements (vgl. Dekret Unitatis redintegratio, 8). Dennoch wird der Ökumenismus keine dauerhaften Früchte bringen, wenn er nicht von konkreten Gesten der Umkehr begleitet ist, die das Gewissen berühren und die Heilung der Erinnerungen und der Beziehungen fördern. So bekräftigt das Dekret des Zweiten Vatikanischen Konzils, daß es »keinen echten Ökumenismus ohne innere Bekehrung« gibt (Nr. 7). Eine echte Bekehrung, wie sie vom Propheten Micha angeregt wird und für die der Apostel Paulus ein bedeutsames Beispiel ist, wird uns Gott näherbringen, dem Mittelpunkt unseres Lebens, und so werden wir auch einander näherkommen. Das ist ein grundlegendes Element unseres ökumenischen Engagements.

Die Erneuerung des inneren Lebens unseres Herzens und unseres Geistes, das sich im täglichen Leben widerspiegelt, ist entscheidend für jeden Dialog und Weg der Versöhnung und macht die Ökumene zu einem beiderseitigen Engagement für Verständnis, Respekt und Liebe, »damit die Welt glaubt« (Joh 17,21).

Liebe Brüder und Schwestern, rufen wir voll Vertrauen die Jungfrau Maria an, unvergleichliches Vorbild der Evangelisierung, damit die Kirche als »Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit« (Konstitution Lumen gentium, 1) freimütig und offen auch in unserer Zeit Christus, den Erlöser, verkündet. Amen.

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Quelle

Direktorium zur Ausführung der Prinzipien und Normen über den Ökumenismus

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PÄPSTLICHER RAT ZUR FÖRDERUNG
DER EINHEIT DER CHRISTEN

DIREKTORIUM ZUR AUSFÜHRUNG
DER PRINZIPIEN UND NORMEN ÜBER DEN ÖKUMENISMUS

 

VORWORT

1. Die Suche nach der Einheit der Christen war eines der Hauptanliegen des II. Vatikanischen Konzils. Das Ökumenische Direktorium, das während des Konzils gefordert und in zwei Teilen, der erste 1967, der zweite 1970,(1), veröffentlicht worden ist, „hat kostbare Dienste zur Orientierung, Koordinierung und Entfaltung der ökumenischen Bemühungen geleistet“.(2)

Gründe für die Überarbeitung

2. Über die Veröffentlichung des Direktoriums hinaus sind zahlreiche ökumenisch relevante Dokumente durch die zuständigen Autoritäten veröffentlicht worden.(3)

Die Promulgation des neuen Kirchlichen Gesetzbuches für die lateinische Kirche (1983) und des Codex Canonum Ecclesiarum Orientalium (1990) hat auf ökumenischem Gebiet eine Rechtslage für die Gläubigen der katholischen Kirche geschaffen, die teilweise neu ist.

Ebenso hat der unlängst veröffentlichte (1992) Katechismus der katholischen Kirche die ökumenische Dimension in den grundlegenden Glaubensunterricht aller Gläubigen der Kirche aufgenommen.

3. Ferner haben sich seit der Zeit des Konzils die brüderlichen Beziehungen zu Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, die nicht in voller Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen, intensiviert. Theologische Dialoge wurden in die Wege geleitet und haben an Zahl zugenommen. In seiner Ansprache bei der Plenarsitzung des Einheitssekretariats (1988), die sich mit der Überarbeitung des Direktoriums befaßte, stellte der Heilige Vater fest, „die Breite der ökumenischen Bewegung, die immer größere Zahl der Dialogdokumente, die dringend empfundene Notwendigkeit einer größeren Beteiligung des ganzen Volkes Gottes an dieser Bewegung und folglich auch einer genauen Information über die Lehre hinsichtlich des rechten Engagements, all das verlangt, daß die Weisungen unverzüglich auf den heutigen Stand gebracht werden.“(4) In diesem Geist und im Lichte dieser Entwicklungen wurde das Direktorium überarbeitet.

Adressaten des Direktoriums

4. Dieses Direktorium wendet sich an die Hirten der katholischen Kirche, aber es betrifft auch alle Gläubigen, die unter der Leitung ihrer Bischöfe zum Gebet und zur Arbeit für die Einheit der Christen aufgerufen sind. Die Bischöfe sind, einzeln für ihre Diözesen und kollegial für die ganze Kirche, unter der Autorität des Heiligen Stuhles verantwortlich für die Ausrichtung der ökumenischen Arbeit und ihrer Umsetzung in die Praxis.(5)

5. Desgleichen ist zu hoffen, daß das Direktorium auch für die Mitglieder von Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften hilfreich ist, die nicht in voller Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen. Sie teilen mit den Katholiken die Sorge um eine gediegene ökumenische Arbeit. Es wird für sie von Vorteil sein, die Richtung zu kennen, welche die für die ökumenische Bewegung in der katholischen Kirche Verantwortlichen der ökumenischen Arbeit zu geben wünschen, sowie die Kriterien, die in der Kirche offiziell in Kraft sind. Es wird ihnen helfen, katholische Initiativen auf allen Ebenen zu bewerten und angemessen auf sie zu reagieren; es wird ihnen ebenfalls helfen, die katholischen Antworten auf ihre eigenen Initiativen besser zu verstehen. Man sollte sich bewußt bleiben, daß das Direktorium nicht die Absicht hat, die Beziehungen der katholischen Kirche zu den Sekten und den neuen religiösen Bewegungen zu behandeln.(6)

Zielsetzung des Direktoriums

6. Die Neuausgabe des Direktoriums soll ein Instrument im Dienst der ganzen Kirche und besonders derjenigen sein, die in der katholischen Kirche unmittelbar an der ökumenischen Arbeit beteiligt sind. Das Direktorium möchte diese Arbeit motivieren, erhellen und leiten und in besonderen Fällen gemäß der dem Päpstlichen Rat eigenen Kompetenz auch verpflichtende Weisungen geben.(7) Im Lichte der Erfahrung der Kirche in den Jahren seit dem Konzil und unter Berücksichtigung der gegenwärtigen ökumenischen Lage faßt es alle bisherigen Normen, die zur Verwirklichung und Förderung der Beschlüsse des Konzils erlassen worden sind, zusammen und aktualisiert sie, wenn nötig. Es stärkt die Strukturen, die zur Unterstützung und Leitung der ökumenischen Arbeit auf allen Ebenen der Kirche entwickelt worden sind. Unter voller Berücksichtigung der Zuständigkeit der Autoritäten auf den verschiedenen Ebenen gibt das Direktorium Orientierungen und Normen von allgemeiner Bedeutung, um die katholische Teilnahme an der ökumenischen Arbeit anzuleiten. Ihre Anwendung wird der verschiedenen Art und Weise, in der Teilkirchen(8) oder Gruppen von Teilkirchen entsprechend ihren unterschiedlichen lokalen Gegebenheiten ökumenisch tätig sind, Beständigkeit und Kohärenz verleihen. Das wird gewährleisten, daß die ökumenische Arbeit überall in der katholischen Kirche mit der Einheit des Glaubens und der Ordnung übereinstimmt, die Katholiken miteinander verbindet.

In unseren Tagen gibt es hier und dort eine gewisse Tendenz zur Unklarheit in der Lehre. Es ist auch auf ökumenischem Gebiet wie auf anderen Gebieten wichtig, Mißbräuche zu vermeiden, die zum Indifferentismus in der Lehre führen oder dazu beitragen könnten. Die Nichtbeachtung der Weisungen der Kirche auf diesem Gebiet bildet ein Hindernis für den Fortschritt in der authentischen Suche nach der vollen Einheit unter den Christen. Es ist Aufgabe des Ortsbischofs und der Bischofskonferenzen sowie der Synoden der katholischen Ostkirchen, dafür zu sorgen, daß die Prinzipien und Normen, die im Ökumenischen Direktorium enthalten sind, sorgfältig angewandt werden, und in pastoraler Verantwortung darauf zu achten, daß mögliche Abweichungen von ihnen vermieden werden.

Aufbau des Direktoriums

7. Das Ökumenische Direktorium beginnt mit der Entfaltung des ökumenischen Engagements der ganzen katholischen Kirche (Kapitel I). Es folgt eine Darstellung der von der katholischen Kirche angewandten Mittel, um dieses Engagement in die Praxis umzusetzen. Sie tut dies durch die Organisation und Bildung ihrer eigenen Mitglieder (Kapitel II und III). An diese auf diese Weise organisierten und ausgebildeten Mitglieder richten sich die Bestimmungen der Kapitel IV und V über die ökumenische Arbeit.

I. Die Suche nach der Einheit der Christen

Das ökumenische Engagement der katholischen Kirche auf der Grundlage der lehrmäßigen Prinzipien des II. Vatikanischen Konzils.

II. Die Gestaltung des Dienstes an der Einheit der Christen in der katholischen Kirche

Die Personen und Strukturen, die für die Förderung des Ökumenismus auf allen Ebenen bestimmt sind, und die Normen, die ihre Arbeit leiten.

III. Die ökumenische Bildung in der katholischen Kirche

Die Zielgruppen der Bildung; Ziel, Rahmen und Methoden der Bildung in ihren lehrmäßigen und praktischen Aspekten.

IV. Die Gemeinschaft im Leben und im geistlichen Tun unter den Getauften

Die Gemeinschaft, die aufgrund des sakramentalen Bandes der Taufe mit anderen Christen besteht, und die Normen für das gemeinsame Gebet und anderes geistliches Tun, das in besonderen Fällen die Sakramentsgemeinschaft einschließt.

V. Die ökumenische Zusammenarbeit, der Dialog und das gemeinsame Zeugnis

Die Prinzipien, die unterschiedlichen Formen und die Normen für die Zusammenarbeit unter Christen im Blick auf den Dialog und das gemeinsame Zeugnis in der Welt.

8. Somit werden in einer Zeit zunehmend ausgeprägter Säkularisierung, welche die Christen zum gemeinsamen Handeln in der Hoffnung auf das Reich Gottes herausfordert, die Normen, welche die Beziehungen zwischen Katholiken und anderen Christen regeln sowie die verschiedenen Formen der Zusammenarbeit, die sie praktizieren, aufgestellt. So kann die Förderung der von Christus gewollten Einheit ausgewogen und kohärent verfolgt werden, in der Linie und gemäß den Prinzipien, die das II. Vatikanische Konzil aufgestellt hat.

KAPITEL I

DIE SUCHE NACH DER EINHEIT DER CHRISTEN

9. Die ökumenische Bewegung möchte eine Antwort auf das Geschenk der Gnade Gottes sein, welche alle Christen zum Glauben an das Geheimnis der Kirche aufruft, gemäß dem Plane Gottes, der die Menschheit zum Heil und zur Einheit in Christus durch den Heiligen Geist führen will. Diese Bewegung ruft sie zu der Hoffnung, daß Jesu Gebet, „daß alle eins seien“, seine Erfüllung finden wird.(9) Sie ruft sie zu jener Liebe, die das neue Gebot Jesu Christi und die Gabe ist, durch die der Heilige Geist alle Gläubigen vereint. Das II. Vatikanische Konzil hat die Katholiken eindeutig dazu aufgerufen, ihre Liebe allen anderen Christen zuzuwenden mit einer Hingabe, die danach verlangt und aktiv daran arbeitet, in Wahrheit alles Trennende zu überwinden. Sie sollen in Hoffnung und Gebet für die Förderung der Einheit der Christen wirken. Dabei treibt sie ihr Glaube an das Geheimnis der Kirche an und erleuchtet sie in einer Weise, daß ihr ökumenisches Handeln inspiriert und geleitet wird durch ein wahres Verständnis der Kirche als „Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit“.(10)

10. Sowohl die Lehre der katholischen Kirche über den Ökumenismus als auch die Ermutigung zur Hoffnung und die Einladung zur Liebe finden ihren offiziellen Ausdruck in den Dokumenten des II. Vatikanischen Konzils, besonders in Lumen Gentium und Unitatis Redintegratio. Die späteren Dokumente über die ökumenische Arbeit in der Kirche, einschließlich des Ökumenischen Direktoriums (1967 und 1970), bauen auf den theologischen, spirituellen und pastoralen Prinzipien auf, die in den Konzilsdokumenten aufgestellt worden sind. Sie haben einige in den Konzilsdokumenten angeschnittene Themen vertieft, die theologische Terminologie weiter entwickelt und detailliertere Normen für das Handeln bereitgestellt, die jedoch alle auf der Lehre des Konzils selbst beruhen. All das liefert einen Komplex von Lehrinhalten, die in diesem Kapitel im Überblick dargestellt werden. Diese Lehrinhalte bilden die Grundlage dieses Direktoriums.

Die Kirche und ihre Einheit im Plan Gottes

11. Das Konzil siedelt das Geheimnis der Kirche inmitten des Geheimnisses der Weisheit und Güte Gottes an, welche die ganze Menschenfamilie und in der Tat die ganze Schöpfung mit sich in Einheit verbindet.(11) Zu diesem Zweck sandte Gott seinen einzigen Sohn in die Welt; er wurde am Kreuz erhöht, ging dann in die Herrlichkeit ein und goß den Heiligen Geist aus, durch den er das Volk des Neuen Bundes, das die Kirche ist, zur Einheit des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe gerufen und verbunden hat. Um diese heilige Kirche an allen Orten bis zum Ende der Zeiten zu errichten, vertraute er dem Kollegium der Zwölf, als dessen Haupt er Petrus einsetzte, das Amt der Lehre, der Leitung und der Heiligung an. Es ist der Wille Jesu Christi, daß dieses Volk durch die getreue Predigt der frohen Botschaft, die Spendung der Sakramente und die Leitung in Liebe, die von den Aposteln und ihren Nachfolgern unter dem Antrieb des Heiligen Geistes ausgeübt werden, wachsen und seine Gemeinschaft immer vollkommener werden soll.(12) Das Konzil stellt die Kirche als das neue Volk Gottes dar, das in sich Männer und Frauen aus allen Nationen und Kulturen in allem Reichtum ihrer Verschiedenheit vereint; sie sollen, mit mannigfaltigen Gaben der Natur und Gnade ausgestattet, einander dienen und sich bewußt sein, daß sie in die Welt gesandt sind um deren Heiles willen.(13) Sie nehmen das Wort Gottes im Glauben an, sind auf Christus getauft, in seinem pfingstlichen Geist gefirmt und feiern zusammen in der Eucharistie das Sakrament seines Leibes und Blutes:

„Der Heilige Geist, der in den Gläubigen wohnt und die ganze Kirche leitet und regiert, schafft diese wunderbare Gemeinschaft der Gläubigen und verbindet sie in Christus so innig, daß er das Prinzip der Einheit der Kirche ist. Er selbst wirkt die Verschiedenheit der Gabe und Dienste, indem er die ganze Kirche mit mannigfaltigen Gaben bereichert ,zur Vollendung der Heiligen im Werk des Dienstes, zum Aufbau des Leibes Christi‘ (Eph 4,12).“(14)

12. Dem Volk Gottes dienen in seiner Gemeinschaft des Glaubens und der Sakramente die geweihten Amtsträger: die Bischöfe, Priester und Diakone.(15) So wird das ganze Volk Gottes durch das dreifache Band des Glaubens, des sakramentalen Lebens und des hierarchischen Amtes geeint und verwirklicht, was die Überlieferung des Glaubens vom Neuen Testament an(16) immer Koinonia/Gemeinschaft genannt hat. Das ist der Schlüsselbegriff, welcher die Ekklesiologie des II. Vatikanischen Konzils(17) inspiriert hat und dem die jüngsten lehramtlichen Äußerungen große Bedeutung beigemessen haben.

Die Kirche als Gemeinschaft

13. Die Gemeinschaft, an die die Christen glauben und auf die sie hoffen, ist in ihrer tiefsten Wirklichkeit Einheit mit dem Vater durch Christus im Geist. Seit Pfingsten ist sie in der Kirche gegeben und wird empfangen: die Gemeinschaft der Heiligen. Sie kommt in der Herrlichkeit des Himmels zur Vollendung, aber sie wird schon auf Erden in der Kirche verwirklicht, während sie auf dem Weg zu jener Vollendung ist. Diejenigen, die vereint in Glaube, Hoffnung und Liebe, in gegenseitigem Dienst, in gemeinsamer Lehre und in den Sakramenten unter der Leitung ihrer Hirten leben,(18) haben teil an der Gemeinschaft, welche die Kirche Gottes bildet. Diese Gemeinschaft ist konkret verwirklicht in den Teilkirchen, von denen jede um ihren Bischof versammelt ist. In jeder von diesen „ist die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche Christi wahrhaft gegenwärtig und lebendig“.(19) Diese Gemeinschaft ist ihrer Natur nach universal.

14. Die Gemeinschaft zwischen den Kirchen wird in besonderer Weise durch die Gemeinschaft ihrer Bischöfe aufrechterhalten und zum Ausdruck gebracht. Zusammen bilden sie ein Kollegium, das in der Nachfolge des Apostelkollegiums steht. Dieses Kollegium hat den Bischof von Rom als Nachfolger Petri zum Haupt.(20) So gewährleisten die Bischöfe, daß die Kirche, deren Diener sie sind, die eine Kirche Christi weiterführen, die auf den Glauben und das Amt der Apostel gegründet ist. Sie koordinieren die geistlichen Kräfte und die Gaben der Gläubigen und deren Vereinigungen zur Auferbauung der Kirche und vollen Ausübung ihrer Sendung willen.

15. Jede Teilkirche, geeint in sich und in der Gemeinschaft der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche, ist gesandt im Namen Christi und in der Kraft des Geistes, die frohe Botschaft vom Gottesreich immer mehr Menschen zu bringen und ihnen diese Gemeinschaft mit Gott anzubieten. Alle, die die Botschaft annehmen, treten in die Gemeinschaft mit all denen ein, die die Botschaft bereits angenommen haben, und bilden mit ihnen eine authentische Familie Gottes. Durch ihre Einheit legt diese Familie Zeugnis für diese Gemeinschaft mit Gott ab. In dieser Sendung der Kirche erfüllt sich das Gebet Jesu; denn er hat gebetet: „Alle sollen eins sein: wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns eins sein, damit die Welt glaubt, daß du mich gesandt hast.“(21)

16. Die Gemeinschaft innerhalb der Teilkirchen und unter ihnen ist eine Gabe Gottes. Sie soll mit freudigem Dank empfangen und mit Sorgfalt gepflegt werden. Sie wird in besonderer Weise von denen gewahrt, die als Hirten zum Dienst in der Kirche berufen sind. Die Einheit der Kirche wird im Rahmen einer reichen Vielfalt verwirklicht. Diese Vielfalt in der Kirche ist eine Dimension ihrer Katholizität. Bisweilen kann gerade der Reichtum dieser Vielgestaltigkeit zu Spannungen in der Gemeinschaft führen. Aber trotz solcher Spannungen wirkt der Geist weiter in der Kirche, indem er die Christen in ihrer Vielfalt zu immer tieferer Einheit ruft.

17. Die Katholiken halten an der Überzeugung fest, daß die eine Kirche Christi in der katholischen Kirche subsistiert, „die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird“.(22) Sie bekennen, daß sich die Fülle der geoffenbarten Wahrheit, der Sakramente und des Amtes, die Christus für den Aufbau seiner Kirche und zur Ausübung ihrer Sendung gegeben hat, in der katholischen Gemeinschaft der Kirche findet. Sicherlich wissen Katholiken, daß sie persönlich von den Gnadenmitteln, mit denen Christus seine Kirche ausgestattet hat, weder vollen Gebrauch gemacht haben noch machen. Trotz allem verlieren Katholiken nie das Vertrauen in die Kirche. Ihr Glaube gibt ihnen die Gewißheit, daß sie „die würdige Braut ihres Herrn bleibt und unter der Wirksamkeit des Heiligen Geistes nicht aufhört, sich zu erneuern, bis sie durch das Kreuz zum Licht gelangt, das keinen Untergang kennt“.(23) Wenn darum die Katholiken die Wörter „Kirche„, „andere Kirchen„, „andere Kirchen und kirchliche Gemeinschaften“ usw. gebrauchen, um jene zu bezeichnen, die nicht in voller Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen, muß dieser festen Überzeugung und diesem Bekenntnis des Glaubens immer Rechnung getragen werden.

Die Trennungen unter den Christen und die Wiederherstellung der Einheit

18. Menschlicher Unverstand und menschliche Sündhaftigkeit haben sich jedoch von Zeit zu Zeit dem Heiligen Geist, der die Einheit will, widersetzt und die Kraft jener Liebe geschwächt, welche die inneren Spannungen im Leben der Kirche überwindet. Seit Beginn der Kirche entstanden Spaltungen. Dann traten ernstere Dissense hervor und kirchliche Gemeinschaften im Osten fanden sich nicht mehr in voller Gemeinschaft mit dem römischen Stuhl oder mit der Kirche des Westens.(24)

Später brachten im Westen noch tiefere Trennungen andere kirchliche Gemeinschaften hervor. Diese Brüche hingen mit Fragen der Lehre oder der Ordnung und selbst mit der Natur der Kirche zusammen.(25) Das Ökumenismusdekret des II. Vatikanischen Konzils erkennt an, daß Dissense entstanden, „oft nicht ohne Schuld der Menschen auf beiden Seiten“.(26) Gleichwohl, so sehr auch menschliche Schuld der Gemeinschaft hat schaden können, hat sie sie dennoch nicht zerstört. In der Tat ist die Fülle der Einheit der Kirche Christi in der katholischen Kirche bewahrt worden, während andere Kirchen und kirchliche Gemeinschaften, obwohl sie nicht in voller Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen, in Wirklichkeit eine gewisse Gemeinschaft mit ihr bewahrt haben. Das Konzil stellt fest: „Diese Einheit, so glauben wir, besteht in der Kirche als etwas, das sie nie verlieren kann, und wir hoffen, daß sie wachsen wird bis zum Ende der Zeit.“(27) Die Konzilsdokumente geben einerseits jene Elemente an, die der katholischen Kirche und den Ostkirchen,(28) und andererseits diejenigen, die der katholischen Kirche und den anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften gemeinsam sind.(29) „Denn der Geist Christi hat sich gewürdigt, sie als Mittel des Heiles zu gebrauchen.“(30)

19. Kein Christ und keine Christin sollte sich jedoch mit diesen unvollkommenen Formen der Gemeinschaft zufriedengeben. Sie entsprechen nicht dem Willen Christi und schwächen seine Kirche bei der Ausübung ihrer Sendung. Die Gnade Gottes hat die Mitglieder vieler Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften, besonders im Verlauf dieses Jahrhunderts, angetrieben, sich um die Überwindung der aus der Vergangenheit überkommenen Trennungen zu bemühen und die Gemeinschaft der Liebe von neuem aufzubauen durch Gebet, durch Reue und durch gegenseitige Bitte um Vergebung für die Sünden der Uneinigkeit in Vergangenheit und Gegenwart, durch Begegnungen zum Zwecke der praktischen Zusammenarbeit und des theologischen Dialogs. Das sind die Ziele und Aktivitäten jener Bewegung, die man seither die ökumenische Bewegung nennt.(31)

20. Die katholische Kirche hat sich auf dem II. Vatikanischen Konzil feierlich selbst zur Arbeit für die Einheit der Christen verpflichtet. Das Dekret Unitatis Redintegratio erläutert, wie die Einheit, die Christus für seine Kirche will, zustandegebracht wird „durch die treue Predigt des Evangeliums und die Verwaltung der Sakramente durch die Apostel und ihre Nachfolger – die Bischöfe mit dem Nachfolger Petri als Haupt – sowie durch ihre Leitung in Liebe“; es definiert diese Einheit als bestehend „im Bekenntnis des einen Glaubens, in der gemeinsamen Feier des Gottesdienstes und in der brüderlichen Eintracht der Familie Gottes“.(32) Diese Einheit, die ihrer Natur nach eine volle sichtbare Gemeinschaft aller Christen verlangt, ist das endgültige Ziel der ökumenischen Bewegung. Das Konzil bekräftigt, daß diese Einheit in keiner Weise fordert, die reiche Vielfalt der Spiritualität, der Ordnung, der liturgischen Riten und der theologischen Darstellung der geoffenbarten Wahrheit, die unter den Christen gewachsen ist, aufzugeben, sofern diese Verschiedenheit der apostolischen Tradition treu bleibt.(33)

21. Seit der Zeit des II. Vatikanischen Konzils ist die ökumenische Arbeit der ganzen katholischen Kirche durch verschiedene Dokumente und Initiativen des Heiligen Stuhles inspiriert und geleitet worden und in den Teilkirchen durch Dokumente und Initiativen der Bischöfe, der Synoden der katholischen Ostkirchen und der Bischofskonferenzen. Hinzuweisen ist auch auf den Fortschritt, der in den verschiedenen Formen des ökumenischen Dialogs und in den mannigfaltigen Gestalten der ökumenischen Zusammenarbeit erzielt worden ist. Der Ökumenismus hat sich nach der Aussage der Bischofssynode von 1985 „tief und unauslöschlich dem Bewußtsein der Kirche eingeprägt“.(34)

Der Ökumenismus im Leben der Christen

22. Die ökumenische Bewegung ist eine Gnade Gottes, die der Vater als Antwort auf das Gebet Jesu(35) und das vom Heiligen Geist inspirierte Bittgebet der Kirche geschenkt hat.(36) Sie vollzieht sich zwar im Rahmen der allgemeinen Sendung der Kirche, die Menschheit in Christus zu vereinen, aber ihr spezifischer Bereich ist die Wiederherstellung der Einheit unter den Christen.(37) Diejenigen, die auf den Namen Christi getauft sind, sind bereits dadurch berufen, sich bei der Suche nach der Einheit zu engagieren.(38) Die Gemeinschaft in der Taufe ist auf die volle kirchliche Gemeinschaft ausgerichtet. Seine Taufe zu leben bedeutet, einbezogen zu sein in die Sendung Christi, alles in der Einheit zusammenzuführen.

23. Die Katholiken sind eingeladen, entsprechend den Hinweisen ihrer Hirten in Solidarität und Dankbarkeit auf die Bemühungen zu antworten, die in vielen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften und in den verschiedenen Organisationen, in denen sie mitarbeiten, unternommen werden, um die Einheit der Christen wiederherzustellen. Wo überhaupt keine oder fast keine ökumenische Arbeit getan wird, werden Katholiken versuchen, sie zu fördern. Wo die ökumenische Arbeit aufgrund sektiererischer Haltungen oder Aktivitäten, welche unter denen, die den Namen Christi bekennen, zu noch größeren Trennungen führen, auf Widerstand oder Hindernisse stößt, sollen sie geduldig und beharrlich sein. Manchmal können Ortsbischöfe,(39) Synoden der katholischen Ostkirchen(40) und Bischofskonferenzen es für nötig halten, besondere Maßnahmen zu ergreifen, um die Gefahren des Indifferentismus oder des Proselytismus zu überwinden.(41) Das kann besonders im Falle junger Kirchen nötig sein. In all ihren Begegnungen mit Mitgliedern anderer Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften werden Katholiken mit Ehrlichkeit, Klugheit und Sachkenntnis handeln. Diese Bereitschaft, schrittweise und mit Sorgfalt vorzugehen, ohne den Schwierigkeiten auszuweichen, ist auch eine Gewähr dafür, nicht den Versuchungen des Indifferentismus und Proselytismus zu erliegen, welche den wahren ökumenischen Geist zerstören.

24. Ungeachtet der örtlichen Situation sollen Katholiken gemeinsam und in Übereinstimmung mit ihren Bischöfen handeln, um fähig zu sein, ökumenische Verantwortung wahrzunehmen. Vor allem sollten sie ihre eigene Kirche kennen und in der Lage sein, deren Lehre, Ordnung und Prinzipien des Ökumenismus darzustellen. Je besser sie diese kennen, desto eher können sie sie in Diskussionen mit anderen Christen darlegen und angemessen begründen. Sie sollten auch eine genaue Kenntnis der anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften besitzen, mit denen sie in Beziehung stehen. Die verschiedenen Vorbedingungen für das ökumenische Engagement, die im Ökumenismusdekret des II. Vatikanischen Konzils dargelegt sind, sollen sorgfältig in Betracht gezogen werden.(42)

25. Weil der Ökumenismus mit all seinen menschlichen und moralischen Anforderungen so tief im geheimnisvollen Wirken der Vorsehung des Vaters durch den Sohn und im Heiligen Geist verwurzelt ist, reicht er bis in die Tiefen christlicher Spiritualität. Er fordert „die Bekehrung des Herzens und die Heiligkeit des Lebens, in Verbindung mit dem privaten und öffentlichen Gebet für die Einheit der Christen“, die das Dekret über den Ökumenismus des II. Vatikanischen Konzils „geistlichen Ökumenismus“ nennt und „als die Seele der ganzen ökumenischen Bewegung“ ansieht.(43) Diejenigen, die sich innig mit Christus vereint wissen, müssen sich auch mit seinem Gebet, und besonders mit seinem Gebet für die Einheit vereinen. Diejenigen, die im Geiste leben, müssen sich von der Liebe verwandeln lassen, die um der Einheit willen „alles erträgt, alles glaubt, alles hofft, allem standhält“.(44) Diejenigen, die im Geiste der Buße leben, werden ein Gespür für die Sünde der Trennungen haben und um Vergebung und Bekehrung beten. Diejenigen, die nach Heiligkeit streben, werden in der Lage sein, deren Früchte auch außerhalb der sichtbaren Grenzen ihrer eigenen Kirche zu erkennen.(45)

Sie werden zur wahren Erkenntnis Gottes geführt werden, der allein dazu imstande ist, alle zur Einheit zu versammeln, weil er der Vater aller ist.

Die verschiedenen Ebenen ökumenischen Handelns

26. Die Möglichkeiten und Erfordernisse ökumenischen Handelns stellen sich in der Pfarrei, in der Diözese, im Bereich einer regionalen oder nationalen Organisation von Diözesen nicht in derselben Weise wie auf der Ebene der Universalkirche dar. Der Ökumenismus erfordert die Einbeziehung des Volkes Gottes in die kirchlichen Strukturen, gemäß der Ordnung, die jeder dieser Ebenen eigen ist.

27. In der Diözese, versammelt um den Bischof, in den Pfarreien und in den verschiedenen Gruppen und Gemeinschaften baut sich die Einheit der Christen auf und manifestiert sich Tag für Tag:46 Männer und Frauen hören das Wort Gottes im Glauben, beten, feiern die Sakramente, dienen einander und verkünden die frohe Botschaft von der Erlösung denen, die noch nicht glauben.

Wenn jedoch Mitglieder derselben Familie verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften angehören, wenn Christen nicht mit ihren Gatten oder den Kindern oder Freunden die Kommunion empfangen können, dann macht sich der Schmerz der Trennung deutlich spürbar und sollte einen stärkeren Impuls zum Gebet und ökumenischen Handeln geben.

28. Die Tatsache, daß die Teilkirchen, die zur katholischen Gemeinschaft gehören, sich in entsprechenden Körperschaften wie den Synoden der katholischen Ostkirchen oder den Bischofskonferenzen zusammenfinden, zeigt die Gemeinschaft, die zwischen diesen Kirchen besteht. Diese Zusammenschlüsse können die Entwicklung wirksamer ökumenischer Beziehungen mit den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften derselben Region, die nicht in voller Gemeinschaft mit uns stehen, sehr erleichtern. Wie sie eine gemeinsame kulturelle und bürgerliche Tradition haben, so haben sie auch ein gemeinsames kirchliches Erbe, das aus der Zeit vor den Trennungen stammt. Weil die Synoden der katholischen Ostkirchen und die Bischofskonferenzen eher als eine Teilkirche in der Lage sind, die regionalen und nationalen Belange der Ökumene in repräsentativer Weise zu behandeln, können sie Einrichtungen schaffen, die dazu dienen, in ihrem Territorium die ökumenischen Mittel und Bemühungen zu ermöglichen und zu koordinieren, in einer solchen Weise, die die Aktivitäten der Teilkirchen unterstützt und ihnen hilft, in ihren ökumenischen Aktivitäten einer einheitlichen katholischen Richtung zu folgen.

29. Es obliegt dem Bischofskollegium und dem Apostolischen Stuhl, in letzter Instanz darüber zu entscheiden, wie den Erfordernissen der vollen Gemeinschaft entsprochen werden kann.(47) Auf dieser Ebene wird die ökumenische Erfahrung aller Teilkirchen gesammelt und ausgewertet. Es können die notwendigen Mittel für den Dienst der Gemeinschaft auf universaler Ebene und unter all den Teilkirchen, die zu dieser Gemeinschaft gehören und für sie arbeiten, zusammengestellt werden; es werden Anweisungen gegeben, die dazu dienen, den ökumenischen Aktivitäten in der ganzen Kirche eine bestimmte Ordnung zu geben und sie in die richtigen Bahnen zu lenken. Es ist oft diese Ebene der Kirche, an die sich andere Kirchen und kirchliche Gemeinschaften wenden, wenn sie ökumenische Beziehungen mit der katholischen Kirche aufnehmen möchten. Und gerade auf dieser Ebene müssen die letzten Entscheidungen über die Wiederherstellung der Gemeinschaft getroffen werden.

Die Komplexität und Vielfalt der ökumenischen Situationen

30. Die ökumenische Bewegung bemüht sich um Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes, den Eingebungen des Heiligen Geistes und der Autorität derjenigen, deren Amt es ist, sicherzustellen, daß die Kirche der apostolischen Tradition treu bleibt, in der das Wort Gottes und die Gabe des Heiligen Geistes empfangen werden. Angestrebt wird die Gemeinschaft, die zum innersten Wesen des Geheimnisses der Kirche gehört; daher bedarf es in besonderer Weise des apostolischen Dienstes der Bischöfe im Bereich des ökumenischen Handelns. Die Situationen, denen sich der Ökumenismus gegenübersieht, sind oft ganz neu und von Ort zu Ort und von Zeit zu Zeit verschieden. Daher müssen die Initiativen der Gläubigen auf ökumenischem Gebiet ermutigt werden. Aber eine sorgfältige und beständige Unterscheidung ist von denjenigen erfordert, welche die letzte Verantwortung für die Lehre und die Ordnung der Kirche haben.48 Es ist ihre Aufgabe, verantwortliche Initiativen zu ermutigen und sicherzustellen, daß sie entsprechend den katholischen Prinzipien des Ökumenismus ausgeführt werden. Sie müssen denjenigen, die durch Schwierigkeiten mutlos werden könnten, wieder Zuversicht geben und die unkluge Großzügigkeit derjenigen mäßigen, welche den wirklichen Schwierigkeiten auf dem Weg der Wiedervereinigung nicht die nötige ernste Aufmerksamkeit schenken. Der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen, dessen Aufgabe und Verantwortung es ist, für Weisung und Rat hinsichtlich der ökumenischen Arbeit zu sorgen, bietet den gleichen Dienst der Kirche als ganzer an.

31. Die Art und Weise des ökumenischen Handelns, das in einem bestimmten Gebiet unternommen wird, wird stets vom besonderen Charakter der örtlichen ökumenischen Situation beeinflußt sein. Die Wahl des angemessenen ökumenischen Engagements obliegt in besonderer Weise dem Bischof, der die spezifische Verantwortung und die Herausforderungen, die für seine Diözese charakteristisch sind, in Betracht ziehen muß. Es ist nicht möglich, hier die Verschiedenartigkeit der Situationen zu behandeln, doch lassen sich einige eher allgemeine Beobachtungen machen.

32. Die ökumenische Aufgabe in einem vorwiegend katholischen Land unterscheidet sich von der eines Landes mit einem hohen Anteil oder einer Mehrheit orthodoxer Christen, Anglikaner oder Protestanten. Die Aufgabe ist wiederum anders in Ländern, in denen die Mehrheit nicht christlich ist. Die Teilnahme der katholischen Kirche an der ökumenischen Bewegung in Ländern mit einer großen katholischen Mehrheit ist unabdingbar, wenn der Ökumenismus eine Bewegung sein soll, die die ganze Kirche erfaßt.

33. Ebenso wird die ökumenische Aufgabe eine ganz andere sein, wenn unsere christlichen Partner mehrheitlich einer oder mehreren Ostkirchen oder den aus der Reformation stammenden Gemeinschaften angehören. Jede hat ihre eigene Dynamik und ihre eigenen besonderen Möglichkeiten. Es gibt aber noch viele andere Faktoren – politische, soziale, kulturelle, geographische und ethnische -, die der ökumenischen Aufgabe ihre bestimmte Prägung verleihen können.

34. Die besonderen örtlichen Gegebenheiten werden immer den unterschiedlichen Charakter der ökumenischen Aufgabe bestimmen. Wichtig ist es, daß die katholischen Christen überall auf der Welt einander in diesem gemeinsamen Bemühen durch Gebet und gegenseitige Ermutigung unterstützen, so daß die Einheit der Christen in ihren vielfältigen Aspekten im Gehorsam gegenüber dem Gebot unseres Herrn gesucht werden kann.

Die Sekten und die neuen religiösen Bewegungen

35. Die religiöse Landschaft unserer Welt hat sich in den letzten Jahrzehnten beträchtlich verändert, und in einigen Teilen ist das Wachstum der Sekten und neuen religiösen Bewegungen, deren Wunsch nach friedvollen Beziehungen zur katholischen Kirche schwach oder gar nicht vorhanden sein kann, die bemerkenswerteste Entwicklung gewesen. 1986 wurde gemeinsam von 4 Dikasterien der römischen Kurie ein Bericht veröffentlicht,(49) der die Aufmerksamkeit auf den grundlegenden Unterschied lenkt, der zwischen den Sekten und den neuen religiösen Bewegungen einerseits und den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften andererseits gemacht werden muß. Weitere Studien in diesem Bereich sind im Gange.

36. Die Situation bezüglich der Sekten und neuen religiösen Bewegungen ist sehr komplex und je nach dem kulturellen Kontext verschieden. In gewissen Ländern wachsen die Sekten in einem kulturellen Klima, das im Grunde religiös ist. An anderen Orten blühen sie in Gesellschaften, die in zunehmendem Maße säkularisiert, aber zugleich leichtgläubig und abergläubisch sind. Einige Sekten sind in ihrem Ursprung und Selbstverständnis nicht christlich; andere sind eklektizistisch, wieder andere bezeichnen sich als christlich und können sich von christlichen Gemeinschaften abgespalten haben oder sogar noch in Verbindung mit dem Christentum stehen. Selbstverständlich obliegt es speziell dem Bischof, den Synoden der katholischen Ostkirchen und den Bischofskonferenzen, zu entscheiden, wie der Herausforderung am besten zu begegnen ist, die in einem bestimmten Gebiet durch die Sekten gegeben ist. Aber es muß betont werden, daß die in diesem Direktorium dargelegten Prinzipien über die geistliche Gemeinschaft oder die praktische Zusammenarbeit nur die Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften betreffen, mit denen die katholische Kirche ökumenische Beziehungen aufgenommen hat. Wie dem Leser dieses Direktoriums klar sein wird, ist die einzige Basis für eine solche Gemeinschaft und Zusammenarbeit auf beiden Seiten die Anerkennung einer gewissen, wenn auch unvollkommenen, bereits bestehenden Gemeinschaft. Offenheit und gegenseitige Achtung sind die logischen Konsequenzen einer solchen Anerkennung.

KAPITEL II

DIE GESTALTUNG DES DIENSTES AN DER
EINHEIT DER CHRISTEN IN DER KATHOLISCHEN KIRCHE

Einführung

37. Durch ihre Teilkirchen ist die katholische Kirche an vielen Orten und in vielen Regionen gegenwärtig, in denen sie mit anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften zusammenlebt. Solche Gegenden haben ihre unterschiedlichen geistlichen, ethnischen, politischen und kulturellen Eigenarten. In vielen Fällen findet man in diesen Gegenden die höchste religiöse Autorität anderer Kirchen oder kirchlicher Gemeinschaften: diese Gegenden entsprechen oft dem Territorium einer Synode der katholischen Ostkirchen oder einer Bischofskonferenz.

38. Deshalb können eine katholische Teilkirche oder mehrere Teilkirchen, die eng zusammenarbeiten, in der äußerst günstigen Lage sein, mit anderen Kirchen oder kirchlichen Gemeinschaften auf dieser Ebene Kontakt aufzunehmen. Sie können mit ihnen in fruchtbare ökumenische Beziehungen treten, die der größeren ökumenischen Bewegung dienen.(50)

39. Das II. Vatikanische Konzil hat die ökumenische Aufgabe in besonderer Weise „den Bischöfen auf dem ganzen Erdkreis“ anvertraut, „daß sie von ihnen eifrig gefördert und mit Klugheit geleitet werde“.(51) Diese Weisung, die schon oft durch einzelne Bischöfe, Synoden der katholischen Ostkirchen und Bischofskonferenzen verwirklicht worden ist, hat in die Gesetzbücher Eingang gefunden. Für die lateinische Kirche gilt, was der CIC, canon 755 bestimmt:

„Par.1. Aufgabe des ganzen Bischofskollegiums und besonders des Apostolischen Stuhles ist es, die ökumenische Bewegung bei den Katholiken zu pflegen und zu leiten; Ziel der ökumenischen Bewegung ist die Wiederherstellung der Einheit unter allen Christen; sie zu fördern, ist die Kirche kraft des Willens Christi gehalten.“

„Par. 2. Ebenso ist es Aufgabe der Bischöfe und, nach Maßgabe des Rechts, der Bischofskonferenzen, diese Einheit zu fördern und je nach Notwendigkeit oder Lage der Dinge, unter Beachtung der Vorschriften der höchsten Autorität der Kirche, praktische Normen zu erlassen.“

Für die katholischen Ostkirchen bestimmt der CCEO, canones 902-904, § 1:

Kanon 902: „Der Ökumenismus oder die Förderung der Einheit der Christen betrifft die Kirche als ganze; alle Gläubigen, vor allem die Hirten, müssen für diese, vom Herrn gewünschte volle Einheit der Kirche beten und mit Weisheit daran arbeiten, durch die Teilnahme am ökumenischen Werk, das durch die Gnade des Heiligen Geistes angeregt worden ist.“

Kanon 903: „Die katholischen Ostkirchen haben die besondere Verpflichtung, die Einheit unter allen Ostkirchen zu fördern, an erster Stelle durch das Gebet, durch das Beispiel des Lebens, durch eine gewissenhafte Treue bezüglich der altehrwürdigen Überlieferungen der Ostkirchen, durch eine bessere gegenseitige Kenntnis, durch Zusammenarbeit und brüderliche Wertschätzung des äußeren und inneren Lebens.“

Kanon 904, Par. 1: „In einer jeden Kirche eigenen Rechts sollen die Initiativen der ökumenischen Bewegung mit Sorgfalt durch besondere Bestimmungen des Partikularrechts gefördert werden; dabei leitet der römische Apostolische Stuhl die Bewegung für die Gesamtkirche.“

40. Im Lichte dieser besonderen Zuständigkeit für die Förderung und Leitung der ökumenischen Arbeit fällt es in die Verantwortung der einzelnen Diözesanbischöfe, der Synoden der katholischen Ostkirchen oder der Bischofskonferenzen, Normen aufzustellen, gemäß denen die unten beschriebenen Personen oder Kommissionen sich bei den ihnen zugewiesenen Tätigkeiten leiten lassen und die Anwendung dieser Normen überwachen werden. Ferner soll darauf geachtet werden, daß diejenigen, denen ökumenische Verantwortung übertragen wird, über eine gediegene Kenntnis der katholischen Prinzipien des Ökumenismus verfügen und sorgfältig für ihre Aufgabe vorbereitet sind.

Der Ökumene-Beauftragte der Diözese

41. In der Diözese soll der Bischof eine kompetente Person als Diözesan-Beauftragte(n) für ökumenische Fragen ernennen. Er (sie) könnte beauftragt werden, der ökumenischen Bistumskommission Anregungen zu geben und deren Aktivitäten zu koordinieren, wie unten in Nr. 44 ausgeführt wird (oder diese Aktivitäten selbst auszuführen, wenn eine solche Kommission nicht besteht). Als enge(r) Mitarbeiter(in) des Bischofs und mit angemessener Unterstützung wird diese Person in der Diözese zu verschiedenen Initiativen zum Gebet für die Einheit der Christen ermutigen, darauf achten, daß die ökumenische Haltung die Arbeit in der Diözese prägt, besondere Erfordernisse aufspüren und die Diözese laufend darüber informieren. Diese(r) Beauftragte ist ebenfalls dafür verantwortlich, die katholische Gemeinschaft in ihren Beziehungen zu anderen Kirchen oder kirchlichen Gemeinschaften und ihren Leitungen zu repräsentieren, und wird die Kontakte zwischen letzteren und dem Ortsbischof, dem Klerus und den Laien auf den verschiedenen Ebenen fördern. Er (sie) wird als Berater in ökumenischen Fragen für den Bischof oder andere Organe der Diözese dienen und die Seelsorger und Bistumsorganisationen mit den ökumenischen Erfahrungen und Initiativen vertraut machen. Diese(r) Beauftragte wird darauf achten, Kontakte mit den Beauftragten oder Kommissionen anderer Diözesen zu unterhalten. Selbst in Gebieten, in denen die Katholiken in der Mehrheit sind, oder in Diözesen, die über wenig Personal und Mittel verfügen, empfiehlt sich die Ernennung eines(r) solchen Diözesan-Beauftragten, um die oben erwähnten Aktivitäten soweit auszuführen, wie es möglich oder angemessen ist.

Die Ökumene-Kommission oder das Ökumene-Sekretariat einer Diözese

42. Zusätzlich zum Ökumene-Beauftragten soll der Diözesanbischof einen Rat, eine Kommission oder ein Sekretariat einrichten, das die Aufgabe hat, die Weisungen und Orientierungen, die er gibt, in die Praxis umzusetzen und allgemein die ökumenische Arbeit in seiner Diözese zu fördern.(52) Wo die Umstände es erfordern, können verschiedene Diözesen gemeinsam eine Kommission oder ein Sekretariat dieser Art bilden.

43. Die Kommission oder das Sekretariat soll die Gesamtheit der Diözese widerspiegeln und im allgemeinen Kleriker, männliche und weibliche Ordensangehörige und Laien von unterschiedlicher Kompetenz umfassen, besonders solche, die ökumenische Sachkenntnis haben. Es ist wünschenswert, daß zu den Mitgliedern der Kommission oder des Sekretariats Vertreter des Priesterrates, des Pastoralrates und der Diözesan- und Regionalseminare gehören.

Diese Kommission soll mit ökumenischen Einrichtungen oder Werken, die bereits bestehen oder ins Leben gerufen werden sollen, zusammenarbeiten und deren Hilfe in Anspruch nehmen, wo sich die Gelegenheit dazu bietet. Sie soll bereitwillig dem Ökumene-Beauftragten helfen und für andere Arbeiten der Diözese und persönliche Initiativen zum gegenseitigen Austausch von Informationen und Ideen zur Verfügung stehen. Von besonderer Bedeutung sind die Beziehungen zu den Pfarrgemeinden und den pfarrlichen Einrichtungen, zu den Initiativen, die von Instituten des geweihten Lebens und Gesellschaften des apostolischen Lebens unternommen werden sowie zu den Bewegungen und Vereinigungen von Laien.

44. Neben den anderen ihr zugewiesenen Aufgaben soll die Kommission:

a) die Entscheidungen des Diözesanbischofs zur Verwirklichung der Lehre und der Richtlinien des II. Vatikanischen Konzils über den Ökumenismus sowie jene vom Heiligen Stuhl, den Synoden der katholischen Ostkirchen und den Bischofskonferenzen herausgegebenen nachkonziliaren Dokumente in die Praxis umsetzen;

b) die Beziehungen zur ökumenischen Gebietskommission (siehe unten) pflegen und deren Empfehlungen und Ratschläge den örtlichen Verhältnissen anpassen. Wenn es die Situation erfordert, wird empfohlen, Mitteilungen über bestimmte Erfahrungen und über erreichte Ergebnisse ebenso wie andere nützliche Informationen an den Päpstlichen Rat für die Förderung der Einheit der Christen zu senden;

c) den geistlichen Ökumenismus fördern gemäß den im Konzilsdekret über den Ökumenismus und in anderen Teilen dieses Direktoriums über das öffentliche und private Gebet für die Einheit der Christen niedergelegten Prinzipien;

d) Hilfe und Ermutigung anbieten durch solche Maßnahmen wie Arbeitskreise und Seminare zur ökumenischen Bildung sowohl von Klerikern als auch von Laien, um die ökumenische Dimension in allen Aspekten des Lebens in geeigneter Weise zu verwirklichen, und dabei besonders darauf achten, wie die Seminaristen für die ökumenische Dimension der Predigt, der Katechese und anderer Formen der Lehre sowie die pastorale Tätigkeit (zum Beispiel Seelsorge an konfessionsverschiedenen Ehen) usw. vorbereitet werden;

e) Wohlwollen und Liebe zwischen Katholiken und anderen Christen, mit denen noch keine volle kirchliche Gemeinschaft besteht, gemäß den unten (bes. Nrn. 205-218) angeführten Anregungen und Richtlinien fördern;

f) Gespräche und Konsultationen mit ihnen anregen und führen, wobei zu bedenken ist, daß diese an die Verschiedenheit der Teilnehmer und der Dialogthemen anzupassen sind;(53)

g) Sachverständige vorschlagen, die den Dialog auf Diözesanebene mit anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften führen sollen;

h) in Zusammenarbeit mit anderen Diözesangremien und anderen Christen das gemeinsame Zeugnis des christlichen Glaubens fördern, soweit das möglich ist, sowie die Zusammenarbeit auf solchen Gebieten wie Erziehung, öffentliche und private Moral, soziale Gerechtigkeit, kulturelle Angelegenheiten, Wissenschaft und Kunst;(54)

i) aus Anlaß wichtiger Konferenzen, Synoden, Amtseinführungen von leitenden Persönlichkeiten des religiösen Lebens und dergleichen den Bischöfen den Austausch von Beobachtern und Gästen vorschlagen.

45. Innerhalb der Diözesen sollen die Pfarrgemeinden ermutigt werden, auf ihrer eigenen Ebene an ökumenischen Initiativen teilzunehmen, und, wo es möglich ist, Gruppen mit dem Auftrag zu bilden, solche Aktivitäten durchzuführen (vgl. unten Nr. 67); sie sollen in engem Kontakt mit den diözesanen Autoritäten bleiben und Information und Erfahrung mit ihnen und mit anderen Pfarrgemeinden oder anderen Gruppen austauschen.

Die Ökumene-Kommission der Synoden der katholischen Ostkirchen und der Bischofskonferenzen

46. Jede Synode der katholischen Ostkirchen und jede Bischofskonferenz soll entsprechend ihren eigenen Ordnungen eine bischöfliche Ökumene-Kommission errichten, bestehend aus Experten, sowohl Männern als auch Frauen, die aus dem Klerus, aus Ordensleuten und Laien gewählt werden. Wenn möglich, soll die Kommission durch ein dauerndes Sekretariat unterstützt werden. Die Kommission, deren Arbeitsweise durch die Statuten der Synode oder der Bischofskonferenz bestimmt wird, soll den Auftrag haben, in ökumenischen Angelegenheiten Orientierung zu geben und konkrete Wege des Handelns festzulegen in Übereinstimmung mit der bestehenden kirchlichen Gesetzgebung, den kirchlichen Anweisungen und dem legitimen Gewohnheitsrecht sowie den konkreten Möglichkeiten der jeweiligen Region. Sie soll alle Umstände des Ortes und der Personen ihres Territoriums, aber auch die Belange der Universalkirche berücksichtigen. Wo die Größe einer Bischofskonferenz die Einrichtung einer bischöflichen Kommission nicht erlaubt, soll wenigstens ein Bischof ernannt werden, der die Verantwortung für die unten in Nr. 47 genannten ökumenischen Aufgaben übernehmen soll.

47. Die Funktionen dieser Kommission werden die oben unter Nr. 44 aufgelisteten umfassen, soweit sie in die Zuständigkeit der Synoden der katholischen Ostkirchen oder der Bischofskonferenzen fallen. Darüber hinaus soll sie weitere Aufgaben wahrnehmen, für die hier ein paar Beispiele gegeben werden:

a) die vom Heiligen Stuhl erlassenen einschlägigen Normen und Instruktionen in die Praxis umsetzen;

b) den Bischöfen, die in ihren Diözesen eine Ökumene-Kommission einrichten wollen, Rat und Hilfe geben, und die Zusammenarbeit zwischen den Ökumene-Beauftragten der Diözesen und den Bistumskommissionen anregen, indem sie zum Beispiel periodische Treffen der Ökumene-Beauftragten und der Vertreter der Diözesan-Kommissionen organisieren;

c) die anderen Kommissionen der Bischofskonferenzen und Synoden der katholischen Ostkirchen ermutigen und ihnen helfen, wo es angebracht ist, der ökumenischen Dimension ihrer Arbeit und ihrer öffentlichen Erklärungen usw. Rechnung zu tragen;

d) die Zusammenarbeit der Christen fördern zum Beispiel durch die Bereitstellung spiritueller und materieller Hilfe, wo es möglich ist, sowohl für bereits bestehende ökumenische Institutionen als auch für Initiativen, die auf dem Feld der Lehre und Forschung oder dem der Seelsorge und der Vertiefung des christlichen Lebens gemäß den im Ökumenismusdekret des Konzils Nrn. 9-12 dargelegten Prinzipien unterstützt werden sollen;

e) Konsultationen und Dialoge auf nationaler oder territorialer Ebene (im Unterschied zur Diözesanebene) mit den Kirchenleitungen und Kirchenräten ins Leben rufen und angemessene Strukturen für diese Dialoge schaffen;

f) die Fachleute ernennen, die mit offiziellem kirchlichem Auftrag an Konsultationen und Dialogen mit Fachleuten der verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften und mit den oben erwähnten Organisationen teilnehmen sollen;

g) Beziehungen und aktive Zusammenarbeit mit den ökumenischen Strukturen unterhalten, die von Instituten des geweihten Lebens und Gesellschaften des apostolischen Lebens sowie anderen katholischen Organisationen in dem Territorium eingerichtet worden sind;

h) den Austausch von Beobachtern und Gästen anläßlich bedeutender kirchlicher Versammlungen und ähnlicher Ereignisse auf nationaler oder territorialer Ebene organisieren;

i) die Bischöfe der Konferenz und der Synode über die Entwicklung der Dialoge unterrichten, die in dem Territorium stattfinden; diese Information dem Päpstlichen Rat für die Förderung der Einheit der Christen zugänglich machen, so daß der wechselseitige Austausch von Rat, Erfahrung und Dialogergebnissen andere Dialoge auf verschiedenen Ebenen des kirchlichen Lebens voranbringen kann;

j) ganz allgemein Beziehungen in ökumenischen Angelegenheiten zwischen den Synoden der katholischen Ostkirchen oder den Bischofskonferenzen und dem Päpstlichen Rat für die Förderung der Einheit der Christen in Rom sowie den Ökumene-Kommissionen anderer territorialer Konferenzen unterhalten.

Ökumenische Strukturen in anderen kirchlichen Zusammenhängen

48. Übernationale Körperschaften, die in verschiedenen Formen zur Gewährleistung der Zusammenarbeit und Hilfe unter den Bischofskonferenzen bestehen, sollen ebenfalls Strukturen schaffen, die ihrer Arbeit eine ökumenische Dimension verleihen. Der Umfang und die Form ihrer Aktivitäten sollten durch die Statuten und die Geschäftsordnung einer jeden dieser Körperschaften und die konkreten Möglichkeiten des Territoriums bestimmt werden.

49. Innerhalb der katholischen Kirche gibt es bestimmte Gemeinschaften und Organisationen, die mit ihrem Beitrag zum apostolischen Leben der Kirche eine besondere Stellung einnehmen. Obwohl sie nicht unmittelbar einen Teil der oben beschriebenen ökumenischen Strukturen bilden, hat ihre Arbeit sehr oft eine bedeutende ökumenische Dimension, die in angemessene Strukturen entsprechend den grundlegenden Zielen der Organisation eingebunden werden sollte. Unter diesen Gemeinschaften und Organisationen finden sich Institute des geweihten Lebens, Gemeinschaften des apostolischen Lebens und verschiedene Organisationen der katholischen Gläubigen.

Institute des geweihten Lebens und Gemeinschaften des apostolischen Lebens

50. Während die Aufgabe zur Wiederherstellung der Einheit der Christen die ganze Kirche, Kleriker und Laien, gleicherweise betrifft,(55) haben die Angehörigen von religiösen Orden, Kongregationen und Gemeinschaften des apostolischen Lebens aufgrund ihrer charakteristischen Aufgaben in der Kirche und ihres Lebensbereichs ganz besondere Möglichkeiten zur Förderung des ökumenischen Denkens und Handelns. Entsprechend ihren besonderen Charismen und Konstitutionen – einige sind älter als die Trennungen unter den Christen – und im Licht des Geistes und der Zielsetzung ihrer Einrichtungen werden sie im Rahmen ihrer konkreten Möglichkeiten und in den Grenzen ihrer Lebensregeln zu folgenden Haltungen und Tätigkeiten ermutigt:

a) das Bewußtsein der ökumenischen Bedeutung ihrer besonderen Lebensform zu pflegen, weil ja die Bekehrung des Herzens, die persönliche Heiligkeit, das öffentliche und das private Gebet und der selbstlose Dienst für Kirche und Welt die Seele der ökumenischen Bewegung sind;

b) beizutragen zum Verständnis der ökumenischen Dimension der Berufung aller Christen zur Heiligkeit des Lebens, indem sie Gelegenheiten anbieten, die geistliche Bildung, die Kontemplation, die Anbetung und den Lobpreis Gottes sowie den Dienst am Nächsten zu fördern;

c) unter Berücksichtigung der Umstände des Ortes und der Personen Begegnungen zwischen Christen unterschiedlicher Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften zu veranstalten, um das liturgische Gebet, die geistliche Besinnung, Exerzitien und ein tieferes Verständnis der christlichen geistlichen Überlieferungen zu pflegen;

d) Beziehungen zu Klöstern und Kommunitäten des gemeinsamen Lebens in anderen christlichen Gemeinschaften zu unterhalten, um geistliche und geistige Güter und Erfahrungen im apostolischen Leben auszutauschen; denn das Wachsen religiöser Charismen in diesen Gemeinschaften kann ein echter Beitrag für die ganze ökumenische Bewegung sein. So kann ein fruchtbarer geistlicher Wettstreit angeregt werden;

e) ihre zahlreichen und unterschiedlichen Erziehungseinrichtungen im Blick auf die ökumenische Arbeit auszurichten, entsprechend den Prinzipien, die in diesem Direktorium später noch dargelegt werden;

f) in gemeinsamem Wirken mit anderen Christen zusammenzuarbeiten für soziale Gerechtigkeit, wirtschaftliche Entwicklung, Fortschritt im Gesundheits- und Bildungswesen, für die Bewahrung der Schöpfung und für Friede und Versöhnung unter den Völkern und Gemeinschaften.

g) Soweit es die religiösen Verhältnisse gestatten, soll das ökumenische Handeln so ausgerichtet werden, daß „die Katholiken mit den von ihnen getrennten Brüdern gemäß den Richtlinien des Dekrets über den Ökumenismus brüderlich zusammenarbeiten im gemeinsamen Bekenntnis des Glaubens an Gott und an Jesus Christus vor den Völkern, soweit das möglich ist, ebenso im Zusammenwirken in sozialen und technischen sowie kulturellen und religiösen Dingen, wobei man jeden Anschein von Indifferentismus und Vermischung sowie ungesunder Rivalität vermeiden muß. Der Grund für diese Zusammenarbeit sei vor allem Christus, ihr gemeinsamer Herr. Sein Name möge sie zueinanderbringen!“(56)

Bei der Ausübung dieser Tätigkeiten werden sie die Normen beachten, die durch den Diözesanbischof, die Synoden der katholischen Ostkirchen oder die Bischofskonferenzen für die ökumenische Arbeit erlassen worden sind, und in ihnen ein Element ihrer Zusammenarbeit im Rahmen des Apostolats des betreffenden Territoriums erblicken. Sie werden enge Kontakte mit den verschiedenen Diözesen oder nationalen Ökumene-Kommissionen halten und, wenn es angezeigt ist, mit dem Päpstlichen Rat für die Förderung der Einheit der Christen.

51. Bei der Verwirklichung dieser ökumenischen Tätigkeit ist es sehr zu empfehlen, daß die verschiedenen Institute des geweihten Lebens und Gemeinschaften des apostolischen Lebens auf der Ebene ihrer zentralen Leitung einen Beauftragten oder eine Kommission bestellen, die mit der Förderung und Wahrnehmung ihres ökumenischen Engagements betraut wird. Die Aufgabe dieser Beauftragten oder Kommissionen wird es sein, die ökumenische Bildung aller Mitglieder zu fördern und die spezielle ökumenische Ausbildung derjenigen zu unterstützen, die die Autoritäten der Institute und Gemeinschaften auf universaler und lokaler Ebene in ökumenischen Fragen beraten, insbesondere um die oben beschriebenen Aktivitäten (Nr. 50) ins Werk zu setzen und dafür einzustehen.

Organisationen von Gläubigen

52. Die Organisationen von katholischen Gläubigen eines bestimmten Territoriums oder einer Nation, ebenso wie solche internationalen Charakters, deren Zweck zum Beispiel die geistliche Erneuerung, der Einsatz für Frieden und soziale Gerechtigkeit, die Erziehung auf verschiedenen Ebenen, die Wirtschaftshilfe für Länder und Institutionen usw. ist, sollten die ökumenischen Aspekte ihrer Tätigkeiten entfalten. Sie sollten dafür sorgen, daß die ökumenischen Dimensionen ihrer Arbeit angemessen berücksichtigt werden, und diese sollten, wenn nötig, Ausdruck in ihren Statuten und Strukturen finden. Bei der Ausübung ihrer ökumenischen Tätigkeiten sollten sie in Verbindung bleiben mit den territorialen und lokalen ökumenischen Kommissionen und, wo die Umstände es nahelegen, mit dem Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen, um nützliche Erfahrungen und Ratschläge auszutauschen.

Der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen

53. Auf universalkirchlicher Ebene hat der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen die Zuständigkeit und Aufgabe, die volle Gemeinschaft aller Christen zu fördern. Er ist ein Dikasterium der römischen Kurie. Die Apostolische Konstitution Pastor Bonus (1988) bestimmt in Artikel 136, daß der Rat einerseits ökumenischen Geist und ökumenisches Handeln innerhalb der katholischen Kirche fördert und andererseits die Beziehungen mit den anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften pflegt.

a) Der Päpstliche Rat befaßt sich mit der rechten Interpretation der Prinzipien des Ökumenismus und den Mitteln zu deren praktischer Umsetzung; er führt die Entscheidungen des II. Vatikanischen Konzils bezüglich des Ökumenismus aus; er ermutigt und hilft nationalen und internationalen Gruppen, die die Einheit der Christen fördern, und steht ihnen bei, ihre Arbeit zu koordinieren.

b) Er organisiert die offiziellen Dialoge mit den anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften auf internationaler Ebene; er delegiert katholische Beobachter auf internationaler Ebene; er delegiert katholische Beobachter zu Konferenzen und Treffen dieser Körperschaften oder anderer ökumenischer Organisationen und lädt Beobachter von deren Seite zu Versammlungen der katholischen Kirche ein, wenn es für zweckmäßig gehalten wird.

54. Um diese Funktionen wahrzunehmen, veröffentlicht der Päpstliche Rat von Zeit zu Zeit Richtlinien und Weisungen, die für die ganze katholische Kirche anwendbar sind. Darüber hinaus unterhält er Kontakte mit den Synoden der katholischen Ostkirchen und mit den Bischofskonferenzen, mit deren ökumenischen Kommissionen, mit den Bischöfen und den innerkirchlichen katholischen Organisationen. Die Koordinierung der ökumenischen Aktivitäten der katholischen Kirche als ganzer verlangt, daß diese Kontakte wechselseitig sind. Es ist daher angemessen, daß der Rat über bedeutsame Initiativen unterrichtet wird, die auf den verschiedenen Ebenen des kirchlichen Lebens ergriffen werden. Das ist im besonderen notwendig, wenn diese Initiativen internationale Implikationen haben, so zum Beispiel, wenn bedeutende Dialoge auf einer nationalen oder territorialen Ebene mit anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften organisiert werden. Der wechselseitige Austausch von Informationen und Ratschlägen nutzt den ökumenischen Aktivitäten auf internationaler Ebene ebenso wie auf allen anderen Ebenen des kirchlichen Lebens. Alles was das Wachstum der Harmonie und des kohärenten ökumenischen Engagements stärkt, bekräftigt gleicherweise auch die Gemeinschaft innerhalb der katholischen Kirche.

KAPITEL III

DIE ÖKUMENISCHE BILDUNG IN DER KATHOLISCHEN KIRCHE

Notwendigkeit und Zielsetzung der ökumenischen Bildung

55. „Die Sorge um die Wiederherstellung der Einheit ist Sache der ganzen Kirche, sowohl der Gläubigen wie auch der Hirten, und geht jeden an, je nach seiner Fähigkeit, sowohl in seinem täglichen christlichen Leben wie auch bei theologischen und historischen Untersuchungen.“(57) Das Wesen der katholischen Kirche vor Augen, werden die Katholiken in Treue zu den Weisungen des II. Vatikanischen Konzils die Mittel finden, um zur ökumenischen Bildung sowohl jedes einzelnen Gliedes als auch der ganzen Gemeinschaft, zu der sie gehören, beizutragen. Die Einheit aller in Christus wird so das Ergebnis eines gemeinsamen Wachsens und gemeinsamen Reifens sein. Denn der Anruf Gottes zu innerer Umkehr(58) und Erneuerung(59) in der Kirche, die so bedeutsam für die Suche der Einheit sind, schließt niemanden aus.

Aus diesem Grunde sind alle Gläubigen dazu aufgerufen, sich zu bemühen, die wachsende Gemeinschaft mit den anderen Christen zu fördern. Dazu können aber in besonderer Weise jene Glieder des Volkes Gottes beitragen, die in der Bildungsarbeit tätig sind – wie die Leitungen und Lehrer höherer Bildungseinrichtungen oder spezialisierter Institute. Die in der pastoralen Arbeit Tätigen, im besonderen die Gemeindepfarrer und die anderen ordinierten Amtsträger haben in diesem Bereich ihre Aufgabe zu erfüllen. Es gehört zur Verantwortung eines jeden Bischofs, der Synoden der katholischen Ostkirchen und der Bischofskonferenzen, allgemeine Direktiven für die ökumenische Bildung zu erlassen.

Anpassung der Bildung an die konkreten Situationen der Menschen

56. Der Ökumenismus verlangt eine neue Haltung und Beweglichkeit in den Methoden im Streben nach Einheit. Der Verschiedenheit der Menschen, Aufgaben, Situationen und selbst dem besonderen Charakter der Teilkirchen und der Gemeinschaften, die mit ihnen auf der Suche nach Einheit sind, muß Rechnung getragen werden. Folglich verlangt die ökumenische Bildung eine Pädagogik, die den konkreten Situationen des Lebens der Menschen und Gruppen entspricht, sowie dem Erfordernis nach allmählichem Fortschritt im Bemühen um ständige Erneuerung und Veränderung im Verhalten gerecht wird.

57. Nicht nur die Lehrerschaft, sondern alle, die in der Pastoral tätig sind, werden so allmählich gemäß den folgenden Grundsätzen gebildet:

a) Von Anfang an sind die Kenntnis der Heiligen Schrift und der Glaubenslehre notwendig, verbunden mit der Kenntnis der Geschichte und den ökumenischen Gegebenheiten des eigenen Landes.

b) Die Kenntnis der Geschichte der Trennungen und der Bemühungen um Versöhnung, ebenso wie der Lehrpositionen der anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften wird es ermöglichen, die Probleme in ihrem sozio-kulturellen Kontext zu analysieren und in den Ausdrucksformen des Glaubens zu unterscheiden, was legitime Vielfalt und was mit dem katholischen Glauben unvereinbar ist.

c) Diese Sichtweise wird den Ergebnissen und Klärungen, die sich aus den theologischen Dialogen und wissenschaftlichen Studien ergeben, Rechnung tragen. Es ist sogar wünschenswert, daß die Christen gemeinsam die Geschichte ihrer Trennungen und ihrer Bemühungen in der Suche nach Einheit schreiben.

d) So wird die Gefahr subjektiver Interpretationen vermieden, sei es in der Darlegung des katholischen Glaubens, sei es in der Weise, wie die katholische Kirche den Glauben und das Leben der anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften versteht.

e) In dem Maße, wie die ökumenische Bildung fortschreitet, wird deutlich, wie die Sorge für die Einheit der katholischen Kirche untrennbar mit der Sorge für die Gemeinschaft mit den anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften verbunden ist.

f) Die Sorge der Katholiken um diese Einheit und diese Gemeinschaft schließt ein, daß ihnen eine Vertiefung der Beziehungen mit den orientalischen und zugleich mit den reformatorischen Christen am Herzen liegt.

g) Die Lehrmethode, die der notwendigen Fortentwicklung Rechnung trägt, erlaubt es, schrittweise den Stoff und ihren Gehalt entsprechend den unterschiedlichen Phasen in der Kenntnis der Glaubenslehre und der ökumenischen Erfahrung zu differenzieren und aufzuteilen.

So werden alle in der Pastoral Tätigen in Treue zur heiligen und lebendigen Tradition stehen, die eine Quelle von Anregungen in der Kirche ist. Sie sollten fähig sein, Wahrheit zu schätzen und anzunehmen, wo immer sie gefunden wird. „Alle Wahrheit, von wem immer sie kommt, ist vom Heiligen Geist.“(60)

A. DIE BILDUNG ALLER GLÄUBIGEN

58. Die Sorge für die Einheit gehört wesentlich zum Verständnis der Kirche. Die ökumenische Bildung zielt darauf ab, daß alle Christen vom ökumenischen Geist beseelt werden, was immer ihre besondere Sendung und Aufgabe in der Welt und Gesellschaft auch sein mögen.

Im Leben des Gläubigen, der vom Geiste Christi erfüllt ist, ist die Gabe, um die Christus vor seinem Leiden gefleht hat, das heißt „die Gnade der Einheit“, von erstrangiger Bedeutung. Diese Einheit ist zunächst eine Einheit mit Christus in einer einzigen Bewegung der Liebe zum Vater und zum Nächsten. Sie ist zweitens eine tiefe und aktive Gemeinschaft des Gläubigen mit der Universalkirche innerhalb der Partikularkirche, der er angehört.(61) Drittens ist sie die Fülle der sichtbaren Einheit, die zusammen mit den Christen der anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften erstrebt wird.

Die Mittel der Bildung

59. Hören und Studium des Wortes Gottes. Die katholische Kirche hat stets die Heiligen Schriften zusammen mit der Überlieferung als „die höchste Richtschnur ihres Glaubens“ betrachtet; sie sind für ihre Kinder „Seelenspeise und reiner, unversieglicher Quell des geistlichen Lebens“.(62) Unsere Brüder und Schwestern aus anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften pflegen eine tiefe Hochschätzung und Liebe der Heiligen Schriften. Diese führt sie zu einem beharrlichen und eifrigen Studium der heiligen Bücher.(63) Das Wort Gottes, ein und dasselbe für alle Christen, wird also fortschreitend den Weg zur Einheit festigen in dem Maße, indem man sich ihm mit innerer Frömmigkeit und liebendem Studium nähert.

60. Die Predigt. Eine besondere Sorgfalt muß der Predigt, gleich ob sie innerhalb oder außerhalb eines liturgischen Gottesdienstes stattfindet, zugewandt werden. Wie Papst Paul VI. bekräftigt: „Als Träger der Evangelisierung dürfen wir den an Christus Glaubenden nicht das Bild von zerstrittenen und durch Fronten getrennten Menschen geben, die in keiner Weise auferbauen, sondern das Bild von im Glauben gereiften Menschen, die fähig sind, sich jenseits aller konkreten Spannungen in der gemeinsamen, aufrichtigen und lauteren Wahrheitssuche zu begegnen.“(64) Die verschiedenen Zeiten des liturgischen Jahres bieten günstige Gelegenheiten, um die Themen der christlichen Einheit zu entfalten, zum Studium, zur Reflexion und zum Gebet anzuspornen.

In der Predigt soll das Geheimnis der Einheit der Kirche erschlossen und soweit wie möglich, die Einheit der Christen auf sichtbare Weise gefördert werden. Beim Predigen muß jeder untaugliche Gebrauch der Heiligen Schrift vermieden werden.

61. Die Katechese. Katechese bedeutet nicht nur die Vermittlung der Lehre, sondern die Einführung in das ganze christliche Leben, mit der vollen Teilhabe an den Sakramenten der Kirche. Wie aber Papst Johannes Paul II. in seinem Apostolischen Schreiben Catechesi Tradendae (Nrn. 32-33) gezeigt hat, kann diese Vermittlung unter Beachtung der folgenden Weisungen zur Bildung einer wirklichen ökumenischen Einstellung beitragen:

a) Zuerst soll mit Liebe und angemessener Festigkeit die ganze Lehre der katholischen Kirche dargelegt werden unter besonderer Berücksichtigung der Ordnung und der Hierarchie der Wahrheiten(65) und unter Vermeidung von Ausdrücken und Darstellungsweisen, die ein Hindernis für den Dialog darstellen würden.

b) Wenn man von anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften spricht, dann ist es wichtig, ihre Lehre korrekt und zuverlässig darzustellen. Unter den Elementen, aus denen insgesamt die Kirche erbaut und lebendig erhalten wird, finden sich mehrere – ja sogar viele und sehr wertvolle – außerhalb der sichtbaren Grenzen der katholischen Kirche.(66) Der Geist Christi weigert sich deshalb nicht, diese Gemeinschaften als Mittel des Heils zu benutzen. So werden auch jene Wahrheiten des Glaubens klar hervortreten, die die verschiedenen christlichen Konfessionen gemeinsam haben. Dies wird den Katholiken helfen, sowohl ihren eigenen Glauben zu vertiefen als auch andere Christen kennenzulernen und zu schätzen, und so die gemeinsame Suche nach dem Weg zu voller Einheit in der ganzen Wahrheit zu erleichtern.(67)

c) Die Katechese wird von einer ökumenischen Dimension geprägt sein, wenn sie ein wahres Verlangen nach Einheit weckt und nährt, noch mehr, wenn sie ernsthaftes Streben anregt – eingeschlossen das Bemühen, sich in Demut zu läutern, um so wirkliche Hindernisse auf dem Weg beiseite zu räumen, nicht durch bequeme Auslassungen und Zugeständnisse in der Lehre, sondern durch die Ausrichtung auf jene vollkommene Einheit hin, die der Herr will, und durch die Benutzung der Mittel, die er will.(68)

d) Die Katechese wird ferner diese ökumenische Dimension haben, wenn sie sich bemüht, Kinder und Jugendliche sowie auch Erwachsene darauf vorzubereiten, in Kontakt mit anderen Christen zu leben, indem sie überzeugte Katholiken werden und zugleich in der Achtung vor dem Glauben anderer wachsen.(69)

e) Dies kann geschehen, indem die Möglichkeiten wahrgenommen werden, die sich durch die Unterscheidung zwischen den Glaubenswahrheiten und deren Ausdrucksform bieten;(70) durch gegenseitiges Bemühen, die in den jeweiligen theologischen Traditionen vorhandenen Werte kennen und schätzen zu lernen; indem klar gezeigt wird, daß der Dialog neue Beziehungen geschaffen hat, die, richtig verstanden, zu Zusammenarbeit und Frieden führen können.(71)

f) Die Apostolische Exhortation Catechesi Tradendae sollte der Bezugspunkt bei der Ausarbeitung neuer Katechismen sein, die in den Ortskirchen unter der Autorität der Bischöfe vorbereitet werden.

62. Die Liturgie. Weil sie „die erste und unentbehrliche Quelle ist, aus der die Gläubigen wahrhaft christlichen Geist schöpfen sollen“,(72) leistet die Liturgie einen bedeutenden Beitrag zur Einheit aller, die an Christus glauben; sie ist eine Feier und ein Mittel der Einheit; wo sie voll verstanden wird und jeder voll an ihr teilnimmt, „trägt sie in höchstem Maße dazu bei, daß das Leben der Gläubigen Ausdruck und Offenbarung des Mysteriums Christi und des eigentlichen Wesens der wahren Kirche wird“.(73)

a) Weil die heilige Eucharistie „das wunderbare Sakrament ist, durch das die Einheit der Kirche bezeichnet und bewirkt wird“,(74) ist es sehr wichtig, darauf zu achten, daß sie würdig gefeiert wird, damit die Gläubigen, die daran teilnehmen, „die unbefleckte Opfergabe darbringen nicht nur durch die Hände des Priesters, sondern auch gemeinsam mit ihm und dadurch sich selber darbringen lernen. So sollen sie durch Christus, den Mittler, von Tag zu Tag zu immer vollerer Einheit mit Gott und untereinander gelangen, damit schließlich Gott alles in allem sei.“(75)

b) Es wäre gut, entsprechend den Hinweisen dieses Direktoriums getreu am Gebet für die Einheit festzuhalten. Das könnte zu den Zeiten sein, zu denen es die Liturgie nahelegt, zum Beispiel bei Wortgottesdiensten oder bei orientalischen Gottesdiensten, die sich „Litia“ und „Moleben“ nennen, oder besonders beim allgemeinen Gebet oder den „Ektenie“-Litaneien während der Messe sowie bei der Feier der Votivmesse für die Einheit der Kirche, jeweils mit Hilfe der passenden Formulare.

Eine wirksame ökumenische Bildung kann auch dadurch erreicht werden, daß man das Gebet für die Einheit zu bestimmten Zeiten verstärkt, wie etwa in der Gebetswoche für die Einheit der Christen (18.-25. Januar) oder in der Woche zwischen Himmelfahrt und Pfingsten, damit der Heilige Geist die Kirche in ihrer Einheit und in der Apostolizität ihrer universalen Heilssendung bestärken möge.

63. Das geistliche Leben. Es ist notwendig, in der ökumenischen Bewegung der Bekehrung des Herzens, dem geistlichen Leben und seiner Erneuerung Vorrang zu geben. „Diese Bekehrung des Herzens und die Heiligkeit des Lebens ist in Verbindung mit dem privaten und öffentlichen Gebet für die Einheit der Christen als die Seele der ganzen ökumenischen Bewegung anzusehen; sie kann mit Recht geistlicher Ökumenismus genannt werden.“(76) Sofern die einzelnen Christen daher ein wirkliches geistliches Leben führen, dessen Mitte Christus der Heiland und dessen Ziel die Ehre Gottes des Vaters ist, können sie immer und überall auf tiefe Weise an der ökumenischen Bewegung teilhaben, indem sie durch ihr Leben Zeugnis ablegen für das Evangelium Christi.(77)

a) Die Katholiken sollen auch gewisse Elemente und Güter wertschätzen, Quellen des geistlichen Lebens, die in anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften vorhanden sind und die zur einen Kirche Christi gehören: die Heilige Schrift, die Sakramente und andere heilige Handlungen; Glaube, Hoffnung und Liebe und andere Gaben des Geistes.(78) Diese Güter haben beispielsweise Frucht gebracht in der mystischen Tradition des christlichen Ostens und den geistlichen Schätzen des monastischen Lebens, im Gottesdienst und in der Frömmigkeit der Anglikaner, im evangelischen Gebet und den verschiedenen Formen protestantischer Spiritualität.

b) Diese Wertschätzung soll nicht nur rein theoretisch bleiben; wenn die besonderen Bedingungen es erlauben, sollte sie durch die praktische Kenntnis anderer Traditionen der Spiritualität ergänzt werden. Deshalb können das gemeinsame Gebet und eine bestimmte Weise der Teilnahme am öffentlichen Gottesdienst oder an Frömmigkeitsformen anderer Christen, wenn sie in Übereinstimmung mit den bestehenden Weisungen geschehen, eine prägende Wirkung haben.(79)

64. Andere Initiativen. Die Zusammenarbeit in sozialen und caritativen Initiativen wie etwa in Schulen, Krankenhäusern oder Gefängnissen, hat erwiesenermaßen eine prägende Wirkung. Das gilt auch bezüglich der Arbeit für den Frieden in der Welt oder in bestimmten Gebieten, wo er bedroht ist, sowie für die Menschenrechte und die Religionsfreiheit.(80)

Diese Aktivitäten können, wenn sie richtig durchgeführt werden, die Wirksamkeit der sozialen Umsetzung des Evangeliums und die praktische Kraft der ökumenischen Sensibilität in mancher Hinsicht zeigen. Eine regelmäßige Besinnung auf die christliche Grundlage solcher Aktivitäten, die Prüfung ihrer Qualität und ihrer Fruchtbarkeit sowie die Korrektur ihrer Mängel, werden ebenfalls erzieherisch und aufbauend wirken.

Die für die Bildung günstigen Lebensräume

65. Es handelt sich um die Orte, an denen menschliche und christliche Reife sowie das Bewußtsein für Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft Schritt für Schritt wachsen. Von besonderer Bedeutung sind in diesem Zusammenhang die Familie, die Pfarrgemeinde, die Schule, verschiedene Gruppen, Vereinigungen und kirchliche Bewegungen.

66. Die Familie, die vom II. Vatikanischen Konzil „Hauskirche“ genannt wird,(81) ist der primäre Ort, an dem die Einheit täglich durch die Begegnung von Menschen, die recht unterschiedlich sind und sich dennoch einander in einer Gemeinschaft der Liebe annehmen, eingeübt oder geschwächt wird. Sie ist auch der Ort, wo Sorge dafür getragen werden muß, daß keine Vorurteile entstehen, sondern im Gegenteil in allem nach Wahrheit gesucht wird.

a) Das Bewußtsein ihrer christlichen Identität und Sendung macht die Familie bereit, eine Gemeinschaft für andere zu sein, eine Gemeinschaft, die nicht allein der Kirche, sondern auch der menschlichen Gesellschaft gegenüber offen ist, bereit zu Dialog und sozialem Engagement. Wie die Kirche soll sie ein Ort sein, an dem die frohe Botschaft weitergegeben wird und von dem die frohe Botschaft ausgeht; in der Tat stellt Lumen Gentium Nr. 11 fest: „In solch einer Art Hauskirche sollen die Eltern durch Wort und Beispiel für ihre Kinder die ersten Glaubensboten sein.“

b) Familien, die aus einer konfessionsverschiedenen Ehe hervorgehen, haben die Pflicht, Christus zu verkünden gemäß allen Verpflichtungen, die sie aus der Taufe gemeinsam haben. Außerdem haben sie die nicht leichte Aufgabe, für die Einheit der Kirche zu wirken.(82) „Die gemeinsame Taufe und die dynamische Kraft der Gnade sind in diesen Ehen für die Gatten Grundlage und beständige Anregung, ihrer Einheit

im Bereich der sittlichen und geistlichen Werte im Leben Gestalt zu geben.“(83)

67. Die Pfarrgemeinde soll, als eine um die Eucharistie versammelte kirchliche Größe, der Ort des authentischen ökumenischen Zeugnisses sein und sich dazu bekennen. Deshalb ist es eine der großen Aufgaben für die Pfarrgemeinde, ihre Mitglieder im ökumenischen Geist zu erziehen. Das verlangt Sorgfalt im Hinblick auf Inhalt und Form der Predigt, besonders der Homilie, und im Hinblick auf die Katechese. Das verlangt auch ein Pastoralprogramm, zu dem ein Beauftragter für die Förderung und Planung ökumenischer Aktivitäten gehört, der in enger Harmonie mit dem Pfarrgeistlichen arbeitet. Dieser wird sich um die verschiedenen Formen der Zusammenarbeit mit entsprechenden Gemeinden anderer Christen kümmern. Dabei ist vorausgesetzt, daß die Pfarrgemeinde nicht durch innere Polemik, ideologische Polarisierung oder gegenseitige Beschuldigungen unter Christen zerrissen wird, sondern daß jede(r), entsprechend seinem eigenen Geist und seiner Berufung, der Wahrheit in Liebe dient.(84)

68. Die Schule, gleich welcher Art und Stufe, soll ihrer religiösen Unterweisung eine ökumenische Dimension verleihen und soll in der ihr eigenen Weise Herz und Geist in humane und religiöse Werte einüben, indem sie zu Dialog, zu Frieden und zu zwischenmenschlichen Beziehungen erzieht.(85)

a) Der Geist der Liebe, der Achtung und des Dialogs erfordert die Ausmerzung von Vorurteilen und Ausdrucksweisen, die das Bild anderer Christen verzerren. Das gilt besonders für katholische Schulen, in denen die Jugend im Glauben, im Gebet und in der Entschlossenheit wachsen muß, die christliche Botschaft von der Einheit in die Praxis umzusetzen. Man soll dafür Sorge tragen, daß die Jugend gemäß der Lehre der katholischen Kirche über den authentischen Ökumenismus unterrichtet wird.

b) Wo möglich, sollen in Zusammenarbeit mit anderen Lehrern die verschiedenen Fächer, zum Beispiel Geschichte und Kunst, in einer Weise unterrichtet werden, die die ökumenischen Probleme im Geist des Dialogs und der Einheit behandelt. Zu diesem Zweck ist es auch wünschenswert, daß die Lehrer über Ursprung, Geschichte und Lehre anderer Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften korrekt und ausreichend unterrichtet sind, besonders über diejenigen, die sich in ihrem Land finden.

69. Die Gruppen, Vereinigungen und kirchliche Bewegungen. Das christliche Leben, vor allem das Leben der Teilkirchen, ist im Lauf der Geschichte durch eine Vielzahl von Ausdrucksformen, Programmen und Frömmigkeitsstilen bereichert worden, entsprechend den Gnadengaben, die vom Heiligen Geist zum Aufbau der Kirche geschenkt werden; sie machen eine klare Unterscheidung der Aufgaben im Dienst der Gemeinschaft deutlich.

Die Mitglieder solcher Gruppen, Bewegungen und Vereinigungen sollen von einem echten ökumenischen Geist durchdrungen sein. Um ihre Taufverpflichtung in der Welt zu leben,86 indem sie die katholische Einheit durch Dialog und Gemeinschaft mit den verschiedenen Bewegungen und Vereinigungen stärken, oder die umfassendere Gemeinschaft mit anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften und mit den von ihnen inspirierten Bewegungen und Gruppen suchen, sollen ihre Bemühungen auf der Basis einer gründlichen Bildung und im Licht christlicher Weisheit und Klugheit ausgeführt werden.

B. DIE BILDUNG DER MITARBEITER IM PASTORALEN DIENST

1. Ordinierte Amtsträger

70. Zu den vorrangigen Pflichten jedes künftigen ordinierten Amtsträgers gehört die Formung der eigenen Persönlichkeit, und zwar so, daß er möglichst seiner Sendung dienen kann, nämlich anderen zu helfen, Christus zu begegnen. In dieser Hinsicht muß der Kandidat für das Dienstamt alle jene menschlichen Qualitäten entwickeln, die eine Person für andere zugänglich und glaubwürdig sein läßt. So muß er ständig seine eigene Sprache und seine Fähigkeit zum Dialog überprüfen, um zu einer echten ökumenischen Einstellung zu gelangen. Was wesentlich ist für den Bischof, der in einer Teilkirche die Aufgabe des Lehrers und Hirten innehat, oder für den Priester, der für die Gläubigen sorgt, ist nicht weniger wichtig für den Diakon, und in besonderer Weise für den ständigen Diakon, der berufen ist, der Gemeinschaft der Gläubigen zu dienen.

71. Wenn der Amtsträger Initiativen ergreift oder Begegnungen organisiert, muß er klarsichtig und in Treue zur Kirche handeln. Er soll die verschiedenen Zuständigkeiten beachten und den Weisungen folgen, die die Hirten der Kirche gemäß ihrem Auftrag für die ökumenische Bewegung in der universalen Kirche wie auch in jeder Teilkirche erstellt haben, damit die Zusammenarbeit bei der Verwirklichung der christlichen Einheit ohne Vorurteile und ungeschickte Initiativen geschehen kann.

Die lehrmäßige Bildung

72. Die Bischofskonferenzen sollen sich vergewissern, daß die Studienpläne bei jedem Lehrstoff die ökumenische Dimension berücksichtigen und ein spezifisches Studium der Ökumene vorsehen. Sie sollen sich auch vergewissern, daß die Studienpläne mit den Richtlinien dieses Direktoriums übereinstimmen.

a–1) Die ökumenische Dimension der verschiedenen Lehrstoffe

73. Die ökumenische Arbeit „muß ganz und echt katholisch sein, das heißt in Treue zur Wahrheit, die wir von den Aposteln und Vätern empfangen haben, und in Übereinstimmung mit dem Glauben, den die katholische Kirche immer bekannt hat“.(87)

74. Die Studenten müssen unterscheiden lernen zwischen den geoffenbarten Wahrheiten, die alle denselben Glaubensgehorsam verlangen, der Art und Weise, wie diese Wahrheiten ausgedrückt werden und den theologischen Lehren.(88) Was die Formulierung der geoffenbarten Wahrheiten betrifft, so muß man beachten, was neben anderen die Erklärung Mysterium Ecclesiae der Kongregation für die Glaubenslehre, 5, sagt: „Wenn auch die Wahrheiten, die die Kirche durch ihre dogmatischen Formeln in der Tat zu lehren beabsichtigt, sich von den wandelbaren Begriffen einer gewissen Epoche unterscheiden und auch ohne diese ausgedrückt werden können, kann es andererseits mitunter geschehen, daß jene Wahrheiten ebenso vom kirchlichen Lehramt in Worten vorgetragen werden, die selbst Anzeichen einer solchen begrifflichen Bedingtheit an sich tragen. Nach diesen Überlegungen muß gesagt werden, daß die dogmatischen Formeln des kirchlichen Lehramtes von Anfang an dazu geeignet waren, die geoffenbarte Wahrheit an andere weiterzugeben, und für immer geeignet bleiben, sie denen zu vermitteln, die sie richtig verstehen.“(89) Die Studenten sollen deshalb unterscheiden lernen zwischen „dem eigentlichen Glaubensschatz oder den Wahrheiten unserer Lehre“90 und der Art, wie diese Wahrheiten formuliert werden, zwischen den zu verkündigenden Wahrheiten und den verschiedenen Möglichkeiten, sie zu erfassen und deutlicher ins Licht zu heben, zwischen der apostolischen Tradition und den rein kirchlichen Traditionen. Gleichzeitig sollen sie den bleibenden Wert der dogmatischen Formeln anerkennen und respektieren lernen. Von der Zeit der philosophischen Ausbildung an sollen die Studenten darauf vorbereitet werden, die legitime Verschiedenheit in der Theologie anzuerkennen, die durch die verschiedenen Sprachen und Methoden entsteht, die die Theologen bei der Durchdringung der göttlichen Geheimnisse benutzen. Daraus ergibt sich, daß die verschiedenen theologischen Formulierungen oft eher komplementär als gegensätzlich sind.

75. Außerdem soll die „Hierarchie der Wahrheiten“ der katholischen Lehre stets beachtet werden. Diese Wahrheiten verlangen alle die gebührende Zustimmung des Glaubens, nehmen aber nicht alle den gleichen zentralen Platz in dem in Jesus Christus geoffenbarten Geheimnis ein, weil sie in unterschiedlicher Weise mit dem Fundament des christlichen Glaubens verbunden sind.(91)

a–2) Die ökumenische Dimension der theologischen Disziplinen im allgemeinen

76. Die ökumenische Offenheit ist eine wesentliche Dimension der Ausbildung zukünftiger Priester und Diakone: „Die Unterweisung in der heiligen Theologie und in anderen, besonders den historischen Fächern muß auch unter ökumenischem Gesichtspunkt geschehen, damit sie um so genauer der Wahrheit und Wirklichkeit entspricht.“(92) Die ökumenische Dimension in der theologischen Ausbildung soll nicht auf verschiedene Kategorien des Lehrens begrenzt bleiben. Weil wir über ein interdisziplinäres – und nicht nur „pluridisziplinäres“ – Lehren sprechen, wird dies eine Zusammenarbeit unter den betroffenen Professoren und wechselseitige Abstimmung beinhalten. In jedem Fach, auch in den grundlegenden, sollten zweckmäßigerweise folgende Aspekte betont werden:

a) jene Elemente des christlichen Erbes an Wahrheit und Heiligkeit, die allen christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften gemeinsam sind, auch wenn sie manchmal in unterschiedlicher theologischer Ausdrucksweise ausgesagt werden;

b) die jeder Gemeinschaft eigenen Reichtümer der Liturgie, der Spiritualität und der Lehre, die dennoch den Christen zu einer tieferen Einsicht in das Wesen der Kirche verhelfen können;

c) jene Punkte in Fragen des Glaubens und der Moral, die Grund der Uneinigkeit sind, die aber dennoch zu einer tieferen Erforschung des Wortes Gottes ermutigen und zur Unterscheidung zwischen wirklichen und scheinbaren Widersprüchen führen können.

a–3) Die ökumenische Dimension der einzelnen theologischen Disziplinen

77. In jeder theologischen Disziplin soll der ökumenische Zugang uns dazu führen, die Verbindung zwischen dem jeweiligen Thema und dem Geheimnis der Einheit der Kirche zu betrachten. Ferner soll der Lehrer seinen Studenten die Treue zur gesamten authentischen christlichen Tradition in Fragen der Theologie, der Spiritualität und der kirchlichen Ordnung beibringen. Wenn die Studenten ihr eigenes Erbe mit den Reichtümern anderer christlicher Traditionen in Ost und West vergleichen, sowohl in ihrer alten wie in ihrer modernen Ausdrucksweise, dann werden sie dieser Fülle tiefer bewußt werden.(93)

78. Dieses vergleichende Studium ist in allen Stoffgebieten wichtig: für das Studium der Heiligen Schrift, der gemeinsamen Quelle des Glaubens aller Christen; für das Studium der apostolischen Tradition, wie man sie bei den Kirchenvätern und den anderen kirchlichen Schriftstellern des Orients und des Abendlandes findet; für die Liturgie, die die verschiedenen Formen des Gottesdienstes und ihre lehrmäßige und spirituelle Bedeutung wissenschaftlich miteinander vergleicht; für die Dogmatik und die Moraltheologie, besonders für die Fragen, die sich aus dem ökumenischen Dialog ergeben; für die Kirchengeschichte, die sorgfältig die Einheit der Kirche und die Ursachen der Trennung untersuchen soll; für das Kirchenrecht, das deutlich unterscheiden muß zwischen den Elementen des göttlichen Rechts und denen des kirchlichen Rechts, die je nach der Zeit, der Kultur oder den örtlichen Traditionen verändert werden können; und schließlich für die pastorale und missionarische Ausbildung wie auch für die soziologischen Studien, bei denen man die Aufmerksamkeit auf die allen Christen gemeinsame Situation angesichts der modernen Welt richten muß. So wird die Fülle der göttlichen Offenbarung besser und vollständiger zum Ausdruck gebracht, und wir werden die Sendung für die Welt, die Christus seiner Kirche anvertraut hat, besser erfüllen.

a–4) Der Spezialkurs im Ökumenismus

79. Obwohl die ökumenische Dimension die gesamte theologische Ausbildung durchdringen soll, ist es besonders wichtig, daß an geeigneter Stelle im ersten Studienabschnitt ein eigener Kurs für Ökumene durchgeführt wird. Ein solcher Kurs soll verpflichtend sein. Ganz allgemein und den jeweiligen Umständen angepaßt könnte der Kurs folgenden Inhalt haben:

a) die Begriffe der Katholizität, der organischen und sichtbaren Einheit der Kirche, der „oikoumene„, des Ökumenismus aus katholischer Sicht, von ihren historischen Ursprüngen bis zu ihrer gegenwärtigen Bedeutung;

b) die lehrmäßigen Grundlagen des ökumenischen Handelns unter besonderer Berücksichtigung der schon bestehenden Bande der Gemeinschaft unter den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften;(94)

c) die Geschichte des Ökumenismus, die auch die Geschichte der Trennungen und der vielen Versuche der Wiederherstellung der Einheit durch die Jahrhunderte hindurch einschließt, ihre Erfolge und ihr Scheitern und in gleicher Weise den gegenwärtigen Stand der Suche nach Einheit;

d) das Ziel und die Methode des Ökumenismus, die verschiedenen Formen der Union und der Zusammenarbeit, die Hoffnung auf die Wiederherstellung der Einheit, die Bedingungen der Einheit, den Begriff der vollen und vollkommenen Einheit;

e) den „institutionellen“ Aspekt und das gegenwärtige Leben der verschiedenen christlichen Gemeinschaften; lehrmäßige Tendenzen, die wahren Gründe der Trennung, missionarische Bemühungen, Spiritualität, Gottesdienstformen, Notwendigkeit einer besseren Kenntnis der östlichen Theologie und Spiritualität;(95)

f) einige spezifischere Probleme wie etwa der gemeinsame Gottesdienst, der Proselytismus und der Irenismus, die Religionsfreiheit, die konfessionsverschiedenen Ehen, die Rolle der Laien und besonders der Frauen in der Kirche;

g) den geistlichen Ökumenismus, besonders die Bedeutung des Gebets für die Einheit und andere Formen der Annäherung an jene Einheit, für die Christus gebetet hat.

80. Für die Aufstellung des Studienplans wird folgendes vorgeschlagen:

a) Es wäre gut, wenn sehr früh eine allgemeine Einführung in den Ökumenismus erfolgte, so daß die Studenten von Beginn an für die ökumenische Dimension ihrer theologischen Studien sensibilisiert würden.(96) Diese Einführung sollte die grundlegenden Fragen des Ökumenismus behandeln.

b) Der spezielle Teil der Unterrichtung über den Ökumenismus würde normalerweise am Ende des ersten Abschnitts des theologischen Studiums oder gegen Ende des Studiums im Seminar stattfinden, so daß die Studenten durch den Erwerb einer breiten Kenntnis des Ökumenismus ihn in eine Synthese mit ihrer theologischen Ausbildung bringen könnten.

c) Die Studientexte und die Handbücher sollen mit Sorgfalt ausgewählt werden: sie sollen die Lehre der anderen Christen über Geschichte, Theologie und Spiritualität sachgerecht darstellen, um so eine ehrliche und objektive Begegnung zu ermöglichen und eine weitere Vertiefung der katholischen Lehre anzuregen.

81. Es kann nützlich sein, im Rahmen der Weisungen über die Zusammenarbeit zwischen katholischen Einrichtungen und Zentren anderer Christen, Referenten und Fachleute anderer Traditionen einzuladen.(97) Sollten in einem einzelnen Seminar oder Institut besondere Probleme entstehen, obliegt es dem Diözesanbischof, gemäß den von der Bischofskonferenz festgesetzten Normen und, nachdem er sich von den menschlichen und fachlichen Qualitäten zukünftiger Referenten anderer Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften überzeugt hat, zu entscheiden, welche Initiativen unter der Verantwortung der akademischen Autoritäten zu ergreifen sind. Bei solch einem kulturellen Austausch soll die Wahrung des katholischen Charakters dieser Institution ebenso gesichert bleiben wie deren Recht und Pflicht, die eigenen Kandidaten auszubilden und die katholische Lehre gemäß den Normen der Kirche zu vertreten.

b) Die ökumenische Erfahrung

82. Damit die Hinführung zum Ökumenismus in der Zeit der Ausbildung nicht vom Leben abgeschnitten, sondern in der lebendigen Erfahrung von Gemeinschaften verwurzelt wird, können nützlicherweise Begegnungen und Diskussionen mit anderen Christen auf universaler wie auf lokaler Ebene und unter Beachtung der Normen der katholischen Kirche organisiert werden.

Dabei sollen Vertreter anderer Gemeinschaften eingeladen werden, die beruflich und religiös darauf vorbereitet sind und den für einen ehrlichen und konstruktiven Dialog nötigen ökumenischen Geist besitzen. Auch Treffen mit Studenten anderer Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften können veranstaltet werden.(98) Die Bildungseinrichtungen unterscheiden sich aber derart, daß man keine einheitlichen Regeln festsetzen kann. Die Wirklichkeit bedingt hier tatsächlich ganz unterschiedliche Nuancen entsprechend den Unterschieden der Länder oder der Regionen und der Verschiedenheit der Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und den anderen Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften auf der Ebene der Ekklesiologie, der Zusammenarbeit und des Dialogs. Hier ist auch die Forderung des schrittweisen Vorgehens und der Anpassung sehr wichtig und unabdingbar. Die Oberen müssen die allgemeinen Prinzipien anwenden und sie den besonderen Situationen und Umständen anpassen.

2. Die Bildung nichtordinierter Amtsinhaber und Mitarbeiter

a) Die lehrmäßige Bildung

83. Über die ordinierten Amtsträger hinaus gibt es andere anerkannte Mitarbeiter in der Pastoral: Katecheten, Lehrer und andere Laienmitarbeiter. Für ihre Ausbildung haben die Ortskirchen wissenschaftliche oder pastorale Institute oder andere Zentren der Ausbildung und der Fortbildung errichtet. Hier gelten die gleichen Studienpläne und Normen wie für die theologischen Institutionen, allerdings dem Niveau der Teilnehmer und ihren Studien angepaßt.

84. Die legitime Verschiedenheit der Charismen und des Wirkens der Klöster, der Institute des gottgeweihten Lebens und der Gemeinschaften des apostolischen Lebens vorausgesetzt, ist es ganz besonders wichtig, daß „alle Institute am Leben der Kirche teilnehmen und sich entsprechend ihrem besonderen Charakter deren Erneuerungsbestrebungen zu eigen machen und sie nach Kräften fördern“, auch „auf ökumenischem Gebiet“.(99)

Ihre Ausbildung sollte vom Noviziat an eine ökumenische Dimension einschließen, die auf den weiteren Stufen fortgesetzt wird. Die Ratio formationis jedes Instituts sollte entsprechend den Studienplänen für die ordinierten Amtsträger sowohl die ökumenische Dimension der verschiedenen Fächer betonen wie auch einen Spezialkurs im Ökumenismus vorsehen, der den örtlichen Umständen und Situationen angepaßt ist. Gleichzeitig ist es wichtig, daß die zuständige Autorität des Instituts auf die Ausbildung von Fachleuten für Ökumene achtet, die für das ökumenische Engagement des ganzen Instituts zuständig sind.

b) Die ökumenische Erfahrung

85. Um diese Studie in die Praxis umzusetzen, ist es nützlich, zu Kontakt und Austausch zwischen katholischen Klöstern und katholischen religiösen Gemeinschaften und denen anderer Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften zu ermutigen. Dies soll in der Form von Informationsaustausch, spiritueller Hilfe, manchmal auch materieller Hilfe oder in Form von kulturellem Austausch geschehen.

86. Angesichts der Bedeutung der Rolle der Laien in der Kirche und in der Gesellschaft wird man die für die Ökumene verantwortlichen Laien ermutigen, Kontakte und Austausch mit den anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften zu entwickeln, unter Berücksichtigung der durch das Direktorium gegebenen Normen.(100)

C. DIE SPEZIELLE AUSBILDUNG

87. Die Bedeutung der Ausbildung zum Dialog. Trägt man dem Einfluß der höheren Bildungszentren Rechnung, ist es nur selbstverständlich, daß die kirchlichen Fakultäten und die anderen höheren Studieneinrichtungen eine besonders wichtige Rolle spielen in der Vorbereitung des ökumenischen Dialogs, für seinen Verlauf und für den Fortschritt in der Einheit der Christen, dem dieser Dialog dient. Die pädagogische Vorbereitung auf den Dialog soll folgenden Anforderungen Genüge tun:

a) ein persönliches und ernsthaftes Engagement, das im Glauben gelebt wird, denn ohne diesen ist der Dialog nicht mehr ein Dialog zwischen Schwestern und Brüdern, sondern nur eine rein akademische Übung;

b) die Suche nach neuen Wegen und Mitteln, um gegenseitige Beziehungen aufzubauen und die Einheit wiederherzustellen, gegründet auf eine noch größere Treue zum Evangelium und auf ein authentisches Bekenntnis des christlichen Glaubens in Wahrheit und Liebe;

c) die Überzeugung, daß der ökumenische Dialog keinen rein privaten Charakter zwischen Personen oder besonderen Gruppen hat, sondern daß er in das Engagement der ganzen Kirche eingebettet ist und konsequenterweise in Übereinstimmung mit der Lehre und den Anweisungen ihrer Hirten geführt werden muß;

d) eine Bereitschaft anzuerkennen, daß die Glieder der verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften uns helfen können, die Lehre und das Leben ihrer eigenen Gemeinschaften besser kennenzulernen und auch darzustellen;

e) der Respekt vor dem persönlichen Gewissen und der persönlichen Überzeugung eines jeden, der einen Aspekt oder eine Lehre seiner eigenen Kirche oder ihre besondere Art, die göttliche Offenbarung zu verstehen, darlegt;

f) die Anerkennung der Tatsache, daß nicht alle über dieselbe Vorbereitung für die Teilnahme an einem Dialog verfügen, da es Unterschiede im Niveau der Ausbildung, der Reife, des Geistes und der geistlichen Entwicklung gibt.

Die Rolle der kirchlichen Fakultäten

88. Die Apostolische Konstitution Sapientia Christiana gibt genau an, daß gleich im ersten Studienabschnitt an der Theologischen Fakultät Fundamentaltheologie studiert werden soll, unter Berücksichtigung auch ökumenischer Fragen.(101)

Im nächsten Studienabschnitt sollen ebenfalls „die ökumenischen Fragen sorgfältig behandelt werden, gemäß den Normen, die durch die verantwortliche kirchliche Autorität gegeben wurden“.(102)

Mit anderen Worten: Es erscheint zweckmäßig, spezielle Kurse über den Ökumenismus anzubieten, die zusätzlich zu den Elementen, die schon in Nr. 79 angegeben wurden, folgendes behandeln können:

a) den augenblicklichen Stand der Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und den anderen Kirchen wie auch kirchlichen Gemeinschaften, der auf dem Studium der veröffentlichten Ergebnisse des Dialogs beruht;

b) das Studium des Erbes und der Traditionen der anderen Christen des Ostens und des Westens;

c) die Bedeutung des Ökumenischen Rates der Kirchen für die ökumenische Bewegung und den gegenwärtigen Stand der Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und diesem Rat;

d) die Rolle von Kirchenräten auf nationaler und übernationaler Ebene, was sie erreicht haben und ihre Schwierigkeiten.

Außerdem darf nicht vergessen werden, daß die ökumenische Dimension in der gesamten theologischen Lehre und Forschung beachtet werden soll.

Die Rolle der katholischen Universitäten

89. Auch sie sind dazu aufgerufen, eine gediegene ökumenische Bildung zu gewährleisten. Hier einige Beispiele für geeignete Maßnahmen, die sie ergreifen können:

a) wenn sich die Materie dafür eignet, für Lehr- und Forschungsmethoden eine ökumenische Dimension anregen;

b) Kolloquien und Studientage vorsehen, die ökumenischen Fragen gewidmet sind;

c) Konferenzen und Treffen organisieren, um gemeinsam eine Studie, eine Arbeit oder eine soziale Aktivität durchzuführen. Dabei soll Zeit gegeben werden, die christlichen Prinzipien des sozialen Handelns und die Mittel der Anwendung zu reflektieren. Diese Gelegenheiten, bei denen nur Katholiken oder vielleicht Katholiken und andere Christen gemeinsam handeln, sollen, soweit dies möglich ist, zur Zusammenarbeit mit anderen höheren Instituten ermutigen, die in räumlicher Nähe liegen;

d) in Universitätszeitschriften und -zeitungen einen Platz vorsehen für die Chronik von ökumenischen Vorgängen und auch für vertiefte Studien, vor allem für solche, welche die gemeinsamen Dokumente der Dialoge zwischen Kirchen kommentieren.

e) In den mit Universitäten verbundenen Kollegs soll man Beziehungen zwischen Katholiken und anderen christlichen Studenten nachdrücklich empfehlen. Gut angeleitet können die jungen Leute dank der guten Beziehungen lernen, gemeinsam in einem vertieften ökumenischen Geist zu leben und treue Zeugen ihres christlichen Glaubens zu sein.

f) Es ist wichtig, dem Gebet für die Einheit ein besonderes Gewicht zu geben, nicht nur in der dafür vorgesehenen Woche, sondern auch zu anderen Gelegenheiten im Laufe des Jahres. Je nach den örtlichen Gegebenheiten und dem Personenkreis sowie unter Beachtung der geltenden Richtlinien für gemeinsame Gottesdienste kann man gemeinsame Exerzitien planen, die von einem erfahrenen geistlichen Leiter gestaltet werden sollen.

g) Für das gemeinsame Zeugnis öffnet sich ein sehr weites Feld, vor allem für soziale oder wohltätige Aktionen. Die Studenten sollten für diese gut vorbereitet und ermutigt werden – nicht nur die Studenten der Theologie, sondern ebenso die der anderen Fakultäten wie zum Beispiel der juristischen, der soziologischen, der wirtschaftspolitischen. Durch ihre Mitwirkung helfen sie, solche Initiativen leichter zu realisieren.

h) Den Studentenpfarrern, den Professoren und den Studentenberatungen wird es am Herzen liegen, ihre Aufgaben in einem ökumenischen Geist zu erfüllen, vor allem, indem sie einige der obengenannten Initiativen organisieren. Diese Aufgabe fordert von ihnen eine gründliche Kenntnis der Lehre der Kirche, eine angemessene Sachkenntnis in den akademischen Disziplinen, eine echte Umsicht und das Gespür für das rechte Maß: alle diese Eigenschaften sollten ihnen erlauben, ihren Studenten zu helfen, ihr eigenes Glaubensleben mit der Offenheit für die anderen in Einklang zu bringen.

Die Rolle der Spezialinstitute für Ökumenik

90. Um ihrer ökumenischen Aufgabe gerecht zu werden, braucht die Kirche eine große Anzahl von Experten auf diesem Gebiet: Geistliche, Ordensleute, Laien, Frauen und Männer. Diese sind auch in überwiegend katholischen Gegenden notwendig.

a) Diese Aufgabe erfordert Spezialinstitute, die ausgestattet sind mit

– einer angemessenen Dokumentation über den Ökumenismus, besonders über die laufenden Dialoge und die zukünftigen Programme;

– einem fähigen Lehrkörper, der in der katholischen Lehre und zugleich im Ökumenismus gut ausgebildet ist.

b) Diese Einrichtungen sollten sich vor allem in der ökumenischen Forschung engagieren – in Zusammenarbeit, soweit wie möglich, mit Experten anderer theologischer Traditionen und ihren Gläubigen; sie sollten ökumenische Begegnungen organisieren, so zum Beispiel Konferenzen und Kongresse; sie sollten auch in Verbindung stehen mit den nationalen ökumenischen Kommissionen und mit dem Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen, um stets über den gegenwärtigen Stand der interkonfessionellen Dialoge und die bereits realisierten Fortschritte auf dem laufenden zu sein.

c) Die so ausgebildeten Experten können Mitarbeiter der ökumenischen Bewegung in der katholischen Kirche sein, sei es als Mitglieder oder Leiter von verantwortlichen Einrichtungen auf diözesaner, nationaler oder internationaler Ebene, als Professoren für Ökumenik in kirchlichen Institutionen sowie Zentren oder indem sie authentischen ökumenischen Geist und ökumenische Handlungsweise in ihrer eigenen Umgebung anregen.

D. DIE WEITERBILDUNG

91. Die Ausbildung in Lehre und Praxis beschränkt sich nicht auf die Zeit der Berufsausbildung, sondern fordert von den ordinierten Amtsträgern und allen, die in der Seelsorge tätig sind, eine kontinuierliche Aktualisierung, da sich die ökumenische Bewegung in Entwicklung befindet.

Wenn die Bischöfe und die Ordensoberen das vorgesehene Programm für die pastorale Weiterbildung des Klerus durchführen, sei es durch Versammlungen und Kongresse, durch Exerzitien, Tage der Besinnung oder Studientage über pastorale Probleme, so müßten sie dem Ökumenismus, auf der Basis der folgenden Gesichtspunkte, eine sorgfältige Aufmerksamkeit widmen:

a) Systematische Unterrichtung der Priester, Diakone, Ordensleute und Laien über den aktuellen Stand der ökumenischen Bewegung in der Form, daß sie die ökumenische Dimension in die Predigt, in den Religionsunterricht, in das Gebet und das christliche Leben allgemein einbringen können. Wenn es möglich ist und zweckmäßig erscheint, wäre es gut, daß von Zeit zu Zeit ein Amtsträger einer anderen Kirche eingeladen wird, um über seine eigene Tradition oder vielleicht über pastorale Probleme, die oft allen gemeinsam sind, zu sprechen.

b) Dort, wo sich die Möglichkeit bietet, und mit der Zustimmung des Diözesanbischofs, können der katholische Klerus und alle, die ebenfalls in der Pastoral der Diözese tätig sind, an interkonfessionellen Treffen teilnehmen, die sich die Aufgabe gestellt haben, die gegenseitigen Beziehungen zu verbessern und, mit Unterstützung aller, gemeinsame pastorale Probleme zu lösen. Die Verwirklichung dieser Initiativen wird sicherlich erleichtert durch die Schaffung von örtlichen und regionalen Räten oder Vereinigungen für den Klerus oder durch den Beitritt zu ähnlichen, bereits bestehenden Vereinigungen.

c) Die Theologischen Fakultäten, Studienhäuser, Seminare und andere Bildungseinrichtungen können in großem Umfang zur Weiterbildung beitragen, sei es durch das Angebot von Studienkursen für alle, die im pastoralen Dienst stehen, sei es durch ihre Mitwirkung bei anderen Fachdisziplinen und Lehrveranstaltungen anderer Institutionen, indem sie personell oder materiell die Kurse unterstützen.

d) Zusätzlich sind die folgenden Mittel sehr nützlich: eine genaue Information durch die Medien der Ortskirche und, wenn möglich, durch die des Staates, ein Informationsaustausch mit den Mediendiensten der anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, geregelte und ständige Beziehungen mit den ökumenischen Kommissionen auf diözesaner oder nationaler Ebene, um allen in der Pastoral tätigen Katholiken eine genaue Dokumentation über die Entwicklungen der ökumenischen Bewegung zur Verfügung zu stellen.

e) Es liegt nahe, aus den verschiedenen Formen der geistlichen Begegnungen Nutzen zu ziehen, um die gemeinsamen wie auch die besonderen Elemente der Spiritualität zu vertiefen. Diese Begegnungen geben Gelegenheit, über die Einheit nachzudenken und für die Versöhnung aller Christen zu beten. Bei derartigen Begegnungen kann die Teilnahme von Mitgliedern verschiedener Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften das gegenseitige Verständnis und das Wachstum der geistlichen Gemeinsamkeit begünstigen.

f) Schließlich ist es wünschenswert, daß in regelmäßigen Abständen eine Bewertung der ökumenischen Aktivität vorgenommen wird.

KAPITEL IV

DIE GEMEINSCHAFT IM LEBEN UND IM GEISTLICHEN TUN
UNTER DEN GETAUFTEN

A. DAS SAKRAMENT DER TAUFE

92. Durch das Sakrament der Taufe wird der Mensch ganz in Christus und in seine Kirche eingegliedert. Durch sie wird er wiedergeboren zur Teilhabe am göttlichen Leben.(103) Die Taufe begründet somit das sakramentale Band der Einheit zwischen allen, die durch sie wiedergeboren sind. Die Taufe in sich ist ein Beginn, da sie danach strebt, die Fülle des Lebens in Christus zu erlangen. So ist sie hingeordnet auf das Bekenntnis des Glaubens, auf die völlige Eingliederung in die Heilsökonomie und auf die eucharistische Gemeinschaft.(104) Von Jesus selbst eingesetzt, schließt die Taufe, durch die wir am Geheimnis seines Todes und seiner Auferstehung teilhaben, die Umkehr, den Glauben, die Vergebung der Sünde und das Geschenk der Gnade ein.

93. Die Taufe wird mit Wasser und einer Formel gespendet, die eindeutig bezeichnet, daß der Akt des Taufens im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes geschieht. Folglich ist es von größter Bedeutung für alle Jünger Christi, daß die Taufe von allen auf diese Weise gespendet wird und daß die unterschiedlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften soweit wie möglich zu einer Übereinstimmung über deren Bedeutung und über deren gültige Spendung gelangen.

94. Sehr dringlich wird empfohlen, daß der Dialog über die Bedeutung und die gültige Feier der Taufe zwischen den Autoritäten der katholischen Kirche und denen der anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften auf den Ebenen der Diözese oder der Bischofskonferenzen stattfindet. Auf diese Weise wäre es möglich, gemeinsame Erklärungen über die gegenseitige Anerkennung der Taufen abzugeben, wie auch über die Vorgehensweise in den Fällen, in denen die Gültigkeit einzelner Taufen zweifelhaft sein könnte.

95. Um zu einer solchen Übereinstimmung zu kommen, sollten folgende Punkte bedacht werden:

a) Die Taufe durch Untertauchen oder durch Übergießen, begleitet von der trinitarischen Formel, ist in sich gültig. Daraus folgt, daß das Sakrament als gültig angesehen werden muß, wenn die Rituale, die liturgischen Bücher oder die bestehenden Gewohnheiten einer Kirche oder einer kirchlichen Gemeinschaft eine dieser beiden Weisen zu taufen vorschreiben, außer wenn es ernsthafte Gründe gibt, die daran zweifeln lassen, daß der Amtsträger die Regeln seiner eigenen Gemeinschaft oder Kirche beachtet hat.

b) Der unzureichende Glaube eines Amtsträgers bezüglich der Taufe hat niemals von sich aus eine Taufe ungültig werden lassen. Die hinreichende Intention des taufenden Amtsträgers muß vorausgesetzt werden, es sei denn, es gäbe einen ernsthaften Grund zu zweifeln, daß er das tun wollte, was die Kirche tut.

c) Wenn Zweifel, ob überhaupt Wasser gebraucht und wie es verwendet worden ist,(105) aufkommen, fordern der Respekt vor dem Sakrament und die Achtung vor diesen kirchlichen Gemeinschaften eine ernsthafte Untersuchung der in dieser Gemeinschaft geübten Praxis, ehe über die Gültigkeit ihrer Taufe geurteilt wird.

96. Der lokalen Situation entsprechend und wenn sich die Gelegenheit bietet, können die Katholiken in einer gemeinsamen Feier mit anderen Christen das Gedächtnis der Taufe feiern, die sie vereint. Dabei erneuern sie mit ihnen die Absage an die Sünde und die Verpflichtung, ein entschiedenes christliches Leben zu führen, die sie durch ihr Taufversprechen übernommen haben. Sie verpflichten sich, mit der Gnade des Heiligen Geistes zusammenzuwirken, um dazu beizutragen, die Trennungen unter den Christen zu heilen.

97. Obwohl der Mensch durch die Taufe in Christus und seine Kirche eingegliedert wird, geschieht dies konkret in einer ganz bestimmten Kirche oder kirchlichen Gemeinschaft. Deswegen darf eine Taufe nicht gemeinschaftlich von zwei Amtsträgern gespendet werden, die verschiedenen Kirchen oder kirchlichen Gemeinschaften angehören. Es ist hier daran zu erinnern, daß in der katholischen liturgischen und theologischen Tradition die Taufe immer von einem einzigen Zelebranten gespendet wird. Aus pastoralen Gründen und unter außergewöhnlichen Umständen kann der Ortsordinarius entscheiden, daß der Amtsträger einer anderen Kirche oder kirchlichen Gemeinschaft an der Feier teilnimmt und eine Lesung oder ein Gebet usw. übernimmt. Der umgekehrte Fall ist nur möglich, wenn die Taufe, die in einer anderen Gemeinschaft gefeiert wird, nicht den katholischen Prinzipien und der katholischen Disziplin widerspricht.(106)

98. Nach katholischem Verständnis sollen die Taufpaten, im liturgischen und kanonischen Sinne, selbst Mitglieder der Kirche oder der kirchlichen Gemeinschaft sein, in der die Taufe gespendet wird. Die Taufpaten übernehmen nicht nur die Verantwortung für die christliche Erziehung des Getauften (des Gefirmten) als Angehöriger oder Freund, sondern sie sind in Stellvertretung einer Glaubensgemeinschaft anwesend, sie sind ebenfalls Garanten für den Glauben des Täuflings und für sein Verlangen nach kirchlicher Gemeinschaft.

a) Trotzdem kann ein Getaufter, der einer anderen kirchlichen Gemeinschaft angehört, aufgrund der gemeinsamen Taufe und aufgrund guter familiärer oder freundschaftlicher Beziehungen als Taufzeuge zugelassen werden, aber nur zusammen mit einem katholischen Paten.(107) Ein Katholik kann dasselbe für einen Täufling in einer anderen kirchlichen Gemeinschaft tun.

b) Wegen der engen Gemeinschaft, die zwischen der katholischen Kirche und den orthodoxen Kirchen des Ostens besteht, ist es erlaubt, aus einem gerechten Grund einen orientalischen Gläubigen als Taufpaten bei der Taufe eines katholischen Kindes oder Erwachsenen zuzulassen, wenn gleichzeitig ein katholischer Taufpate (oder Taufpatin) vorhanden ist. Voraussetzung ist jedoch, daß man genügend für die katholische Erziehung des Getauften Sorge getragen hat und daß die Eignung des Taufpaten festgestellt wurde.

Pate bei einer Taufe in einer orthodoxen Kirche des Ostens zu sein, ist einem Katholiken nicht untersagt, wenn er zu der Taufe eingeladen wird. In diesem Fall kommt die Verpflichtung, über die christliche Erziehung zu wachen, an erster Stelle dem Paten (oder der Patin) zu, der Mitglied der Kirche ist, in der der Täufling getauft wird.(108)

99. Jeder Christ hat das Recht, aus Gewissensgründen frei zu entscheiden, in die volle Gemeinschaft der katholischen Kirche einzutreten.(109) Die Aufgabe der Vorbereitung eines Menschen, der in die volle Gemeinschaft der katholischen Kirche aufgenommen werden möchte, ist ihrem Wesen nach verschieden vom ökumenischen Wirken.(110) Der christliche Initiationsritus für Erwachsene sieht ein Formular vor, um solche Personen in die volle Gemeinschaft der katholischen Kirche aufzunehmen. Dennoch kann die katholische Autorität in solchen Fällen, wie im Fall der konfessionsverschiedenen Ehen, es als notwendig erachten, nachzuforschen, ob die bereits empfangene Taufe gültig vollzogen wurde. Bei dieser Nachforschung müßte man folgende Empfehlungen beachten:

a) Die Gültigkeit der Taufe, wie sie in den verschiedenen Ostkirchen gefeiert wird, steht außer Zweifel. Deshalb genügt es, das Faktum der Taufe festzustellen. In diesen Kirchen wird das Sakrament der Firmung (die Salbung) in gültiger Form vom Priester zusammen mit der Taufe gespendet; so geschieht es häufig, daß im kanonischen Taufzeugnis die Firmung nicht erwähnt wird. Dies rechtfertigt keinen Zweifel daran, daß auch die Firmung gültig gespendet wurde.

b) Bevor man die Gültigkeit der Taufe eines Christen anderer Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften prüft, soll man sich vergewissern, ob eine Übereinkunft über die Taufe (wie oben in Nr. 94 dargestellt) mit den beteiligten örtlichen und regionalen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften vorliegt und ob die Taufe wirklich gemäß dieser Übereinkunft vollzogen wurde. Doch muß beachtet werden, daß die fehlende formelle Übereinkunft über die Taufe nicht automatisch die Gültigkeit der Taufe in Frage stellt.

c) Wenn eine offizielle kirchliche Bestätigung vorliegt, besteht kein Grund zum Zweifel an der Gültigkeit der Taufe dieser Christen aus einer anderen Kirche oder einer anderen kirchlichen Gemeinschaft. Es sei denn, daß in einem Einzelfall die Prüfung einen ernsthaften Grund für einen Zweifel ergibt betreffs der Materie, der verwendeten Taufformel, der Intention des erwachsenen Getauften oder der des Amtsträgers, der getauft hat.(111)

d) Wenn selbst nach einer sorgfältigen Untersuchung noch ein ernsthafter Zweifel an der richtigen Spendung der Taufe besteht und folglich eine bedingungsweise Taufe als notwendig erachtet wird, soll der katholische Amtsträger seinen Respekt vor der Lehre zum Ausdruck bringen, nach der die Taufe nur ein einziges Mal gespendet werden kann. Er wird dem Täufling erklären, warum er bedingungsweise getauft wird und was der Ritus der bedingungsweisen Taufe bedeutet. Dieser Ritus der bedingungsweisen Taufe soll privat und nicht öffentlich vollzogen werden.(112)

e) Es ist wünschenswert, daß die Synoden der katholischen Ostkirchen und die Bischofskonferenzen Weisungen für die Aufnahme von getauften Christen aus anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften in die volle Gemeinschaft der katholischen Kirche geben, wobei sie der Tatsache Rechnung tragen, daß diese keine Katechumenen sind und ebenso das Maß der Kenntnis und der Praxis des christlichen Glaubens, das sie haben können, berücksichtigen.

100. Nach dem christlichen Initiationsritus für Erwachsene sollen jene, die sich zu Christus das erste Mal in ihrem Leben bekennen, normalerweise in der Osternacht getauft werden. Wenn in dieser Feier auch bereits Getaufte in die volle Gemeinschaft aufgenommen werden, muß eine klare Unterscheidung zwischen diesen und jenen, die noch nicht getauft sind, gemacht werden.

101. Bei dem gegenwärtigen Stand unserer Beziehungen mit den kirchlichen Gemeinschaften, die aus der Reformation im 16. Jahrhundert hervorgegangen sind, ist bislang noch keine Übereinstimmung über die Bedeutung, über den sakramentalen Charakter, auch nicht über die Spendung des Sakraments der Firmung erreicht worden. Folglich müßten Gläubige aus diesen Gemeinschaften, die in die volle Gemeinschaft der katholischen Kirche eintreten wollen, das Sakrament der Firmung gemäß der Lehre und dem Ritus der katholischen Kirche empfangen, bevor sie zur eucharistischen Gemeinschaft zugelassen werden.

B. DIE TEILHABE AN GEISTLICHEN AKTIVITÄTEN UND REICHTÜMERN

Allgemeine Prinzipien

102. Die Christen können ermutigt werden, teilzunehmen und teilzugeben an den geistlichen Aktivitäten und Reichtümern, das heißt jenes geistliche Erbe, das sie gemeinsam besitzen, zu teilen in der Weise und in dem Maße, wie es dem jeweiligen Stand der Trennung entspricht.(113)

103. Der Ausdruck „Teilhabe an geistlichen Aktivitäten und Reichtümern“ umfaßt solche Gegebenheiten wie zum Beispiel das gemeinsame Gebet, die Gemeinschaft in der Liturgie im strengen Sinn, wie später unter Nr. 116 beschrieben, sowie den gemeinsamen Gebrauch von kirchlichen Räumen und aller notwendigen liturgischen Gegenstände.

104. Folgende Prinzipien sollten das geistliche Teilen regeln:

a) Trotz der ernsthaften Unterschiede, welche die vollständige kirchliche Gemeinschaft verhindern, ist es klar, daß alle, die durch die Taufe Christus eingegliedert sind, viele Elemente des christlichen Lebens gemeinsam haben. So gibt es unter Christen eine wirkliche, wenn auch unvollkommene Gemeinschaft, die auf viele Weisen zum Ausdruck kommen kann, so im gemeinsamen Gebet und im gemeinsamen liturgischen Gottesdienst,(114) wie dies in den folgenden Paragraphen näher erläutert wird.

b) Nach katholischer Lehre ist die katholische Kirche mit der ganzen offenbarten Wahrheit und allen Mitteln des Heils ausgestattet. Dieses Geschenk kann nicht verloren gehen.(115) Es kann jedoch unter den Elementen und Gaben, welche der katholischen Kirche zu eigen sind (zum Beispiel das geschriebene Wort Gottes, das Leben der Gnade, der Glaube, die Hoffnung und die Liebe usw.), auch viele außerhalb ihrer sichtbaren Grenzen geben. Die Kirchen und die kirchlichen Gemeinschaften, die nicht in voller Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen, sind keinesfalls ihrer Bedeutung und ihres Wertes im Heilsmysterium beraubt, da der Geist Christi sich nicht weigert, sie als Mittel des Heils zu gebrauchen.(116) In unterschiedlicher Weise, je nach Gegebenheit, können die Feiern einer jeden Kirche oder kirchlichen Gemeinschaft das Leben der Gnade in ihren Mitgliedern nähren und Zutritt zur Gemeinschaft des Heils geben.(117)

c) Folglich muß die Teilhabe an geistlichen Aktivitäten und Reichtümern dieses doppelte Faktum widerspiegeln:

1. die wirkliche Gemeinschaft im Leben des Heiligen Geistes, die es schon jetzt unter den Christen gibt und die in ihrem Gebet und liturgischem Gottesdienst zum Ausdruck kommt;

2. die Unvollständigkeit dieser Gemeinschaft aufgrund der Unterschiede im Glauben und der Denkformen, die unvereinbar sind mit einer uneingeschränkten, gegenseitigen Teilhabe an den geistlichen Gütern.

d) Die Anerkennung dieser komplexen Wirklichkeit macht es notwendig, Normen für das gemeinsame geistliche Tun aufzustellen, die der Verschiedenheit der kirchlichen Gegebenheiten Rechnung tragen, wie sie in der Beziehung zu den beteiligten Kirchen und den kirchlichen Gemeinschaften bestehen, in der Weise, daß die Christen ihre gemeinsamen geistlichen Reichtümer schätzen und sich an ihnen freuen, aber daß sie auch auf die Notwendigkeit achten, daß die noch bestehenden Trennungen überwunden werden müssen.

e) Da die gemeinsame Feier der Eucharistie ein sichtbares Zeichen der vollen Gemeinschaft des Glaubens, des Gottesdienstes und des gemeinsamen Lebens in der katholischen Kirche ist, die durch die Amtsträger dieser Kirche zum Ausdruck gebracht wird, ist es nicht erlaubt, die Eucharistie mit den Geistlichen anderer Kirchen oder kirchlicher Gemeinschaften zu feiern.(118)

105. Es müßte eine gewisse Gegenseitigkeit geben, da die Teilhabe an geistlichen Aktivitäten und Reichtümern – selbst in den festgelegten Grenzen – im Geist des guten Willens und der Nächstenliebe, ein Beitrag zum Wachstum der Harmonie unter den Christen ist.

106. Bezüglich dieser Teilhabe werden den zuständigen katholischen Autoritäten und denen der anderen Gemeinschaften Beratungen empfohlen, um die Möglichkeiten einer legitimen Gegenseitigkeit zu erkunden nach Maßgabe der Lehre und der Traditionen der verschiedenen Gemeinschaften.

107. Die Katholiken sollen der liturgischen und sakramentalen Ordnung der anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften aufrichtige Achtung erweisen, so wie jene um dieselbe Achtung gegenüber der katholischen Disziplin gebeten werden. Eine der Zielsetzungen der obengenannten Beratungen sollte es sein, ein besseres wechselseitiges Verständnis der Disziplin jeder Seite und darüber hinaus eine Übereinstimmung über die Weise anzustreben, wie eine Situation geregelt werden kann, in der die Disziplin der einen Kirche die der anderen in Frage stellt oder ihr widerspricht.

Gemeinsames Gebet

108. Wo es angebracht ist, sollen die Katholiken ermutigt werden, sich mit den Christen, die anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften angehören, zum Gebet zu versammeln, gemäß den Normen der Kirche. Solche gemeinsamen Gebete sind sicherlich ein wirksames Mittel, um die Gnade der Einheit zu erflehen, und sie sind ein echter Ausdruck der Bande, durch die Katholiken immer noch mit diesen verbunden sind.(119) Das gemeinsame Gebet ist als solches ein Weg, der zur geistlichen Versöhnung führt.

109. Das gemeinsame Gebet wird den Katholiken und den anderen Christen empfohlen, damit sie so ihre gemeinsamen Nöte und Sorgen zusammen vor Gott tragen – zum Beispiel den Frieden, soziale Fragen, die gegenseitige Liebe zwischen den Menschen, die Würde der Familie, die Auswirkungen der Armut, des Hungers, der Gewalt usw. Dasselbe trifft für Gelegenheiten zu, wo je nach Umständen eine Nation, eine Region oder eine Gemeinde Gott in Gemeinschaft danken oder ihn um Hilfe bitten will; dies gilt ebenso an einem Nationalfeiertag, in Zeiten des Unglücks oder der öffentlichen Trauer, am Tag, an dem der für das Vaterland Verstorbenen gedacht wird, usw. Dieses gemeinsame Gebet wird auch für Treffen empfohlen, bei denen sich die Christen zum Studium oder zum gemeinsamen Handeln versammeln.

110. Doch sollte das gemeinsame Gebet an erster Stelle die Wiederherstellung der Einheit der Christen beinhalten. Es könnte ausgerichtet sein zum Beispiel auf das Mysterium der Kirche und ihre Einheit, auf die Taufe als sakramentales Band der Einheit oder auf die Erneuerung des persönlichen und gemeinschaftlichen Lebens als notwendiger Weg, um die Einheit zu vollenden. Dieses Gebet wird besonders empfohlen während der „Gebetswoche für die Einheit der Christen“ oder während der Zeit zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten.

111. Ein solches Gebet sollte in gemeinsamer Übereinstimmung unter Mitwirkung der Vertreter der Kirchen, kirchlicher Gemeinschaften oder anderer Gruppen vorbereitet werden. Gemeinsam sollten sie untereinander entscheiden, wie jeder daran teilnimmt, und die Themen, Schriftlesungen, Lieder und Gebete aussuchen.

a) Eine solche Feier kann alle Lesungen, Lieder und Gebete umfassen, die das zum Ausdruck bringen, was allen Christen im Glauben und im geistlichen Leben gemeinsam ist. Sie kann folgendes beinhalten: eine Predigt, eine Ansprache oder eine biblische Meditation, die aus dem gemeinsamen christlichen Erbe schöpft und die das gegenseitige Wohlwollen und die Einheit fördert.

b) Es ist darauf zu achten, daß die Übersetzungen der Heiligen Schrift, die man verwendet, für alle annehmbar und getreue Übersetzungen des Originals sind.

c) Es ist wünschenswert, daß der Aufbau dieser Feiern den unterschiedlichen Modellen des gemeinschaftlichen Gebetes, die im Zuge der liturgischen Erneuerung in vielen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften vereinbart wurden, Rechnung trägt. Dabei muß eine besondere Aufmerksamkeit dem gemeinsamen Erbe von Liedern, Texten aus den Lektionaren und liturgischen Gebeten geschenkt werden.

d) Bei der Vorbereitung von Gottesdiensten von Katholiken und Gliedern einer Ostkirche muß genau auf die liturgische Ordnung, die jeder Kirche eigen ist, geachtet werden – in Übereinstimmung mit dem, was in Nr. 115 gesagt wird.

112. Obwohl die Kirche ein Ort ist, an dem die Gemeinde normalerweise gewohnt ist, ihre eigene Liturgie zu feiern, können die gemeinsamen Gottesdienste, von denen hier gesprochen wurde, in einer Kirche der einen oder anderen beteiligten Gemeinde mit der Zustimmung aller stattfinden. Der Ort, der gewählt wird, sollte allen zusagen, angemessen eingerichtet werden können und Andacht ermöglichen.

113. Mit der Billigung aller Teilnehmer können jene, die eine Aufgabe im Gottesdienst übernehmen, die Kleidung tragen, die ihrem kirchlichen Rang und der Art der Feier entspricht.

114. In einigen Fällen kann es nützlich sein, unter der Leitung von Personen, die eine besondere Ausbildung und Erfahrung haben, geistliches Miteinander zu pflegen in der Form von Rekollektionen, Exerzitien, in Gruppen, in denen gemeinsam studiert wird und in denen man sich gemeinsam auf spirituelle Traditionen besinnt sowie in dauerhafteren Gemeinschaften, die der Vertiefung eines gemeinsamen spirituellen Lebens dienen. Große Aufmerksamkeit muß stets dem gewidmet werden, was über die Anerkennung der tatsächlichen Unterschiede in der Lehre gesagt worden ist, und der Lehre und Ordnung der katholischen Kirche bezüglich der Teilnahme an den Sakramenten.

115. Weil die Eucharistiefeier am Herrentag Fundament und Mitte des ganzen liturgischen Jahres ist,120 sind die Katholiken verpflichtet – unbeschadet des Rechts der Ostkirchen -121 an Sonntagen und gebotenen Feiertagen an der Messe teilzunehmen.122 Aus diesem Grund ist es nicht ratsam, am Sonntag ökumenische Gottesdienste zu halten. Es wird daran erinnert, daß, selbst wenn Katholiken an ökumenischen Gottesdiensten und Gottesdiensten anderer Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften teilnehmen, die Verpflichtung, an diesen Tagen an der Messe teilzunehmen, trotzdem bestehen bleibt.

Gemeinsame nichtsakramentale Liturgie

116. Unter liturgischem Gottesdienst versteht man den Gottesdienst, der gemäß den liturgischen Büchern, den Anordnungen und den Gewohnheiten einer Kirche oder einer kirchlichen Gemeinschaft vollzogen wird und dem ein Amtsträger oder ein Beauftragter dieser Kirche oder kirchlichen Gemeinschaft vorsteht. Der liturgische Gottesdienst kann einen nichtsakramentalen Charakter haben, oder er kann die Feier von einem oder mehreren christlichen Sakramenten sein. In den folgenden Ausführungen handelt es sich um den nichtsakramentalen Gottesdienst.

117. Zu bestimmten Anlässen kann das offizielle Gebet einer Kirche ökumenisch gestalteten Gottesdiensten, die für diese Gelegenheit vorgesehen sind, vorgezogen werden. Die Teilnahme an solchen Gottesdiensten, wie zum Beispiel dem Morgen- und Abendgebet, besonderen Vigilien usw. ermöglicht es Gläubigen unterschiedlicher liturgischer Traditionen – Katholiken, Orthodoxen, Anglikanern und Protestanten – das Gebet anderer Gemeinschaften besser zu verstehen und an den Traditionen, die sich oft aus den gemeinsamen Wurzeln entwickelt haben, tiefer teilzunehmen.

118. Es wird den Katholiken geraten, in den liturgischen Feiern, die in anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften stattfinden und deren Gäste sie sind, an den Psalmen, Wechselgesängen, Liedern und gemeinsamen Gesten teilzunehmen. Wenn ihre Gastgeber es ihnen vorschlagen, können sie eine Lesung übernehmen oder predigen.

119. Die Teilnehmer an einer liturgischen Feier dieser Art sollen ganz besonders aufmerksam auf die Gefühle des Klerus und der Gläubigen aller teilnehmenden christlichen Gemeinschaften Rücksicht nehmen wie auch auf die am Ort üblichen Gewohnheiten, die je nach Zeit, Ort, Personen und Umständen unterschiedlich sein können. In einer katholischen liturgischen Feier können die Amtsträger der anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften den Platz einnehmen und die liturgischen Ehren empfangen, die ihrem Rang und ihrer Aufgabe entsprechen, wenn dies als wünschenswert angesehen wird. Die katholischen Geistlichen, die zu einer Feier in einer anderen Kirche oder kirchliche Gemeinschaft eingeladen sind, können, wenn dies den Gastgebern genehm ist, die Kleidung und die Insignien ihres kirchlichen Amtes tragen.

120. Nach dem klugen Ermessen des Ortsordinarius kann der Beerdigungsritus der katholischen Kirche auch Angehörigen einer nichtkatholischen Kirche oder nichtkatholischen Gemeinschaft gewährt werden, falls dies nicht gegen den Willen der Verstorbenen geschieht und unter der Voraussetzung, daß der eigene Amtsträger nicht erreichbar ist,(123) und dies nicht den allgemeinen Rechtsbestimmungen widerspricht.(124)

121. Segnungen, die gewöhnlich nur Katholiken gespendet werden, können ebenfalls anderen Christen gespendet werden, wenn diese darum bitten, gemäß dem Wesen und dem Gegenstand des Segens. Öffentliche Gebete für andere Christen, Lebende oder Verstorbene, für die Nöte und Anliegen anderer Kirchen, kirchlicher Gemeinschaften und ihrer geistlichen Leiter können während der Litaneien und anderer Bittgebete des liturgischen Gottesdienstes, aber nicht während des eucharistischen Hochgebetes gesprochen werden. Die alte christliche Tradition in Liturgie und Ekklesiologie erlaubt nur, im Hochgebet die Namen der Personen zu nennen, die in voller Gemeinschaft mit der Kirche stehen, die diese Eucharistie feiert.

Gemeinschaft im sakramentalen Leben, besonders in der Eucharistie

a) Gemeinschaft im sakramentalen Leben mit den Mitgliedern der verschiedenen orientalischen Kirchen

122. Zwischen der katholischen Kirche und den orientalischen Kirchen, die nicht in voller Gemeinschaft mit ihr stehen, besteht dennoch eine sehr enge Gemeinschaft im Bereich des Glaubens.(125) Außerdem „baut sich auf und wächst durch die Feier der Eucharistie des Herrn in diesen Einzelkirchen die Kirche Gottes“ und „diese Kirchen besitzen trotz ihrer Trennung wahre Sakramente, vor allem – kraft der apostolischen Sukzession – das Priestertum und die Eucharistie (…)“.(126) Dies schafft gemäß der Auffassung der katholischen Kirche ein ekklesiologisches und sakramentales Fundament, um eine gewisse Gemeinschaft mit diesen Kirchen im liturgischen Gottesdienst und sogar in der Eucharistie zu erlauben und zu ihr zu ermutigen, „unter gegebenen, geeigneten Umständen und mit Billigung der kirchlichen Autorität“.(127) Aber es ist bekannt, daß die orientalischen Kirchen aufgrund ihres eigenen Kirchenverständnisses strengere Ordnungen haben können, die andere respektieren sollen. Die Hirten sollten deshalb die Gläubigen sorgfältig unterrichten, damit diese die besonderen Gründe für diese Teilnahme am liturgischen Gottesdienst und die unterschiedlichen Ordnungen kennenlernen, die es in diesem Bereich geben kann.

123. Wenn die Notwendigkeit es erfordert oder ein wirklicher geistlicher Nutzen dazu rät und vorausgesetzt, daß jede Gefahr des Irrtums oder des Indifferentismus vermieden wird, ist es jedem Katholiken, dem es physisch oder moralisch unmöglich ist, einen katholischen Spender aufzusuchen, erlaubt, die Sakramente der Buße, der Eucharistie und der Krankensalbung von einem nichtkatholischen Spender einer Ostkirche zu empfangen.(128)

124. Da es bei den Katholiken und bei den orientalischen Christen unterschiedliche Gewohnheiten gibt bezüglich der Häufigkeit des Kommunionempfangs, der Beichte vor der Kommunion und der eucharistischen Nüchternheit, müssen die Katholiken dafür Sorge tragen, daß sie nicht Anstoß und Mißtrauen unter den orientalischen Christen dadurch erregen, daß sie nicht den orientalischen Gewohnheiten folgen. Ein Katholik, der berechtigterweise die Kommunion bei den orientalischen Christen zu empfangen wünscht, muß soweit wie möglich die orientalische Ordnung respektieren und vom Kommunionempfang absehen, wenn diese Kirche die sakramentale Gemeinschaft nur ihren eigenen Gläubigen gewährt und alle anderen ausschließt.

125. Die katholischen Spender können erlaubt die Sakramente der Buße, der Eucharistie und der Krankensalbung Mitgliedern der orientalischen Kirchen spenden, wenn diese von sich aus darum bitten und in rechter Weise disponiert sind.

Auch in diesen Fällen muß die Ordnung der orientalischen Kirchen für ihre eigenen Gläubigen beachtet und jeder Anschein von Proselytismus vermieden werden.(129)

126. Während einer sakramentalen liturgischen Feier in einer Ostkirche können die Katholiken Lesungen übernehmen, wenn sie dazu eingeladen werden. Während ähnlicher Feiern in katholischen Kirchen kann ein orientalischer Christ eingeladen werden, die Lesungen zu übernehmen.

127. Wollen zwei orientalische Christen oder zwei Gläubige, von denen der eine Katholik und der andere orientalischer Christ ist, in einer orientalischen Kirche heiraten, so kann ein katholischer Amtsträger bei der Feier der Eheschließung, die nach geltendem Recht gefeiert wird, anwesend sein und an ihr teilnehmen, wenn er von der Autorität der orientalischen Kirche eingeladen ist und wenn er sich nach den Normen (siehe unten) für die konfessionsverschiedenen Ehen richtet, wo sie zutreffen.

128. Ein Mitglied einer orientalischen Kirche kann Trauzeuge bei einer Eheschließung in einer katholischen Kirche sein; ebenso kann ein Mitglied der katholischen Kirche Trauzeuge bei einer Eheschließung sein, die nach geltendem Recht in einer orientalischen Kirche gefeiert wird. In allen Fällen muß dieses Tun der allgemeinen Ordnung der beiden Kirchen bezüglich der Regeln der Teilnahme an solchen Eheschließungen entsprechen.

b) Gemeinschaft im sakramentalen Leben mit den Christen anderer Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften

129. Das Sakrament ist eine Handlung Christi und der Kirche durch den Geist.(130) Seine Feier in einer konkreten Gemeinde ist das Zeichen der in ihr bestehenden Einheit im Glauben, im Gottesdienst und im gemeinschaftlichen Leben. Als solche Zeichen sind die Sakramente, besonders die Eucharistie, Quellen der Einheit der christlichen Gemeinde und des geistlichen Lebens und die Mittel, sie aufzubauen. Folglich ist die eucharistische Gemeinschaft untrennbar an die volle kirchliche Gemeinschaft und deren sichtbaren Ausdruck gebunden.

Gleichzeitig lehrt die katholische Kirche, daß durch die Taufe die Mitglieder anderer Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften in einer wirklichen, wenn auch nicht vollkommenen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen(131) und daß „die Taufe ein sakramentales Band der Einheit zwischen allen begründet, die durch sie wiedergeboren sind (…), und ihrem ganzen Wesen nach hinzielt auf die Erlangung der Fülle des Lebens in Christus“.(132) Die Eucharistie ist für die Getauften eine geistliche Nahrung, die sie befähigt, die Sünde zu überwinden, vom Leben Christi selbst zu leben, immer tiefer in seinen Leib eingegliedert zu werden und immer intensiver an der ganzen Heilsökonomie des Geheimnisses Christi teilzuhaben.

Im Lichte dieser beiden Grundprinzipien, die stets zusammen gesehen werden müssen, gewährt die katholische Kirche im allgemeinen den Zutritt zur eucharistischen Gemeinschaft und zu den Sakramenten der Buße und der Krankensalbung einzig jenen Gläubigen, die mit ihr in der Einheit des Glaubens, des Gottesdienstes und des kirchlichen Lebens stehen.(133) Aus denselben Gründen erkennt sie auch an, daß unter gewissen Umständen, in Ausnahmefällen und unter gewissen Bedingungen der Zutritt zu diesen Sakramenten Christen anderer Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften gewährt oder sogar empfohlen werden kann.(134)

130. Wenn Todesgefahr besteht, können katholische Spender diese Sakramente unter den Bedingungen, die unten (Nr. 131) aufgezählt werden, spenden. In anderen Fällen wird streng empfohlen, daß der Diözesanbischof allgemeine Normen aufstellt, die dienlich sind, um zu beurteilen, welche Situationen als ernste und dringende Notwendigkeiten zu bewerten und ob die unten (Nr. 131) genannten Bedingungen als gegeben anzusehen sind.(135) Dabei hat er den Normen, die diesbezüglich von der Bischofskonferenz oder von den Synoden der katholischen Ostkirche festgelegt wurden, Rechnung zu tragen. Entsprechend dem kanonischen Recht(136) dürfen diese allgemeinen Normen nur nach Beratung mit der zuständigen – wenigstens lokalen – Autorität der betreffenden nichtkatholischen Kirche oder kirchlichen Gemeinschaft erlassen werden. Die katholischen Spender werden beurteilen, ob es sich um besondere Fälle handelt, und werden dieses Sakrament nur in Übereinstimmung mit diesen Normen, falls es solche gibt, spenden. Falls es diese nicht gibt, werden sie nach den Normen dieses Direktoriums urteilen.

131. Die Bedingungen, unter denen ein katholischer Spender die Sakramente der Eucharistie, der Buße und der Krankensalbung einem Getauften, der sich in der oben erwähnten Situation befindet (Nr. 130), spenden kann, sind folgende: Diesem Gläubigen ist es nicht möglich, einen Spender der eigenen Kirche oder kirchlichen Gemeinschaft aufzusuchen, er erbittet von sich aus diese Sakramente, er bekundet den katholischen Glauben bezüglich dieser Sakramente und ist in rechter Weise vorbereitet.(137)

132. Aufgrund der katholischen Lehre über die Sakramente und ihre Gültigkeit kann ein Katholik unter den oben erwähnten Umständen (Nr. 130, 131) diese Sakramente nur von einem Spender einer Kirche erbitten, in dessen Kirche diese Sakramente gültig gespendet werden, oder von einem Spender, von dem feststeht, daß er gemäß der katholischen Lehre über die Ordination gültig geweiht ist.

133. Die Lesung der Heiligen Schrift während der Eucharistiefeier der katholischen Kirche geschieht durch Mitglieder dieser Kirche. In Ausnahmefällen und aus gutem Grund kann der Diözesanbischof dem Mitglied einer anderen Kirche oder kirchlichen Gemeinschaft erlauben, die Aufgabe des Lektors zu übernehmen.

134. In der katholischen Eucharistiefeier ist die Predigt, die Teil der Liturgie selbst ist, dem Priester oder Diakon vorbehalten, da sie die Mysterien des Glaubens und die Normen des christlichen Lebens in Übereinstimmung mit der katholischen Lehre und Tradition darlegt.(138)

135. Für die Schriftlesung und Predigt während Gottesdiensten, die keine Eucharistiefeier sind, sollen die oben (Nr. 118) angegebenen Normen angewandt werden.

136. Die Mitglieder anderer Kirchen oder kirchlicher Gemeinschaften können Trauzeugen bei der Feier einer Eheschließung in einer katholischen Kirche sein. Katholiken können auch Trauzeugen bei Eheschließungen sein, die in gültiger Form in anderen Kirchen oder kirchlichen Gemeinschaften vollzogen werden

Teilhabe an anderen Gütern für das geistliche Leben und Tun

137. Die katholischen Gotteshäuser sind konsekrierte oder gesegnete Gebäude, die eine große theologische und liturgische Bedeutung für die katholische Gemeinde haben. Folglich sind sie im allgemeinen dem katholischen Gottesdienst vorbehalten. Aber wenn Priester, Amtsträger oder Gemeinden, die nicht in voller Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen, keinen Ort und auch nicht die notwendige Ausstattung haben, um ihre religiösen Zeremonien würdig zu feiern, kann der Diözesanbischof ihnen erlauben, eine katholische Kirche oder ein katholisches Gebäude zu benutzen und auch die notwendige Ausstattung für die Gottesdienste zu entleihen. Unter ähnlichen Umständen kann ihnen auch erlaubt werden, auf katholischen Friedhöfen zu beerdigen oder dort Gottesdienste zu halten.

138. Aufgrund der sozialen Entwicklung, dem schnellen Bevölkerungswachstum und der Verstädterung, sowie aus finanziellen Gründen kann der gemeinsame Besitz oder Gebrauch von Gottesdienststätten während eines längeren Zeitraums von praktischem Interesse sein, dort wo ökumenische Beziehungen und Verständnis zwischen den Gemeinden bestehen.

139. Wenn der Diözesanbischof die Erlaubnis entsprechend den gegebenenfalls festgesetzten Normen der Bischofskonferenz oder des Heiligen Stuhls erteilt hat, muß mit Behutsamkeit die Frage der Aufbewahrung des Heiligen Sakraments in Betracht gezogen werden. Die Lösung über die Aufbewahrung sollte im Sinne einer gesunden Sakramenten-Theologie, mit allem geziemenden Respekt, überlegt werden unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Sensibilitäten derer, die das Gebäude benutzen werden. So könnte zum Beispiel ein gesonderter Raum oder eine Kapelle gebaut werden.

140. Bevor die Verantwortlichen der betroffenen Gemeinden Baupläne für ein gemeinsames Gebäude entwerfen, sollten sie eine Übereinstimmung erreichen, wie ihre unterschiedlichen Ordnungen berücksichtigt werden sollen, insbesondere was die Sakramente betrifft. Außerdem müßte ein Vertrag abgeschlossen werden, der klar und angemessen alle Fragen behandelt, die sich bezüglich der Finanzen und Verpflichtungen aus kirchlichem und zivilem Gesetz ergeben.

141. In den katholischen Schulen und Instituten sollen alle Anstrengungen unternommen werden, um den Glauben und das Gewissen der Studierenden oder der Lehrer zu respektieren, die anderen Kirchen oder kirchlichen Gemeinschaften angehören. In Übereinstimmung mit ihren eigenen approbierten Statuten sollten die Vorstände dieser Schulen und Institute darauf achten, daß die Seelsorger der anderen Gemeinschaften jede Möglichkeit haben, um ihren geistlichen und sakramentalen Dienst für ihre Gläubigen auszuüben, die solche Schulen oder Institute besuchen. In dem Maße, in dem es die Umstände gestatten, können diese Möglichkeiten mit Erlaubnis des Diözesanbischofs in den Räumlichkeiten, die den Katholiken gehören, einschließlich der Kirche oder Kapelle angeboten werden.

142. In den Krankenhäusern, Altenheimen und ähnlichen Einrichtungen, die von Katholiken geführt werden, sollen die Verantwortlichen umgehend die Priester und Amtsträger der anderen Gemeinschaften von der Anwesenheit ihrer Gläubigen in Kenntnis setzen und ihnen jede Erleichterung gewähren, damit sie diese Personen besuchen und ihnen eine geistliche und sakramentale Hilfe unter würdigen und die Ehrfurcht wahrenden Bedingungen bieten können; diese kann den Gebrauch der Kapelle mit einschließen.

C. BEKENNTNISVERSCHIEDENE EHEN

143. Dieser Abschnitt des Ökumenischen Direktoriums unternimmt nicht den Versuch, alle pastoralen und kirchenrechtlichen Fragen auf erschöpfende Art und Weise zu behandeln, die entweder mit der Feier selbst des christlichen Ehesakramentes oder mit der Seelsorge an christlichen Familien verbunden sind. Diese Fragen gehören zur allgemeinen seelsorglichen Tätigkeit eines jeden Bischofs oder der Regionalkonferenz der Bischöfe. Was hier folgt, setzt den Akzent auf die spezifischen Fragen, die die bekenntnisverschiedenen Ehen betreffen, und muß in diesem Zusammenhang verstanden werden. Der Begriff „bekenntnisverschiedene Ehe“ bezieht sich auf eine jede Ehe zwischen einem katholischen Partner und einem anderen christlichen, getauften Partner, der nicht in voller Gemeinschaft mit der katholischen Kirche steht.(139)

144. Bei jeder Ehe richtet sich die erste Sorge der Kirche darauf, die Festigkeit sowie Dauerhaftigkeit des unauflöslichen Ehebandes und des aus ihm hervorgehenden Familienlebens zu bestärken. Die vollkommene Einheit der Personen und das vollständige Teilen des Lebens, die den Ehestand ausmachen, sind eher gewährleistet, wenn die beiden Eheleute derselben Glaubensgemeinschaft angehören. Ferner zeigen die praktische Erfahrung und die Einsichten, die sich aus verschiedenen Dialogen zwischen Vertretern von Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften ergeben, daß bekenntnisverschiedene Ehen oft für die Eheleute selbst und für ihre Kinder hinsichtlich der Bewahrung ihres christlichen Glaubens und Engagements sowie für die Harmonie des Familienlebens Schwierigkeiten verursachen. Aus allen diesen Gründen bleibt die Ehe zwischen Personen derselben kirchlichen Gemeinschaft das Ziel, das zu empfehlen und zu ermutigen ist.

145. Da jedoch eine wachsende Anzahl von bekenntnisverschiedenen Ehen in sehr vielen Teilen der Welt festzustellen ist, wendet die Kirche nachdrücklich ihre pastorale Sorge auch den Paaren zu, die sich darauf vorbereiten, solche Ehen zu schließen, und solchen Paaren, die sie bereits geschlossen haben. Diese Ehen, selbst wenn sie ihre eigentümlichen Schwierigkeiten haben, „weisen jedoch zahlreiche Elemente auf, die es zu schätzen und zu entfalten gilt, sei es wegen ihres inneren Wertes, sei es wegen des Beitrags, den sie in die ökumenische Bewegung einbringen können. Dies trifft insbesondere zu, wenn beide Ehepartner ihren religiösen Verpflichtungen nachkommen. Die gemeinsame Taufe und die dynamische Kraft der Gnade sind in diesen Ehen für die Gatten Grundlage und beständige Anregung, ihrer Einheit im Bereich der sittlichen und geistlichen Werte im Leben Gestalt zu geben.“(140)

146. Es gehört zur ständigen Verantwortung aller, aber besonders der Priester, der Diakone und derer, die sie in ihrem seelsorglichen Dienst unterstützen, dem(r) katholischen Ehepartner(in) für das Glaubensleben und den bekenntnisverschiedenen Brautpaaren bei ihrer Vorbereitung auf die Ehe, bei deren sakramentalen Feier sowie für das spätere gemeinsame Leben eine besondere Unterweisung und Hilfe anzubieten. Diese pastorale Sorge muß auf die konkrete geistliche Voraussetzung eines jeden Partners, seine Glaubenserziehung und seine Glaubenspraxis Rücksicht nehmen. Gleichzeitig muß man die besondere Situation eines jeden Paares, das Gewissen jedes Partners und die Heiligkeit der sakramentalen Ehe selbst achten. Wenn man dies für nützlich hält, könnten die Diözesanbischöfe, die Synoden der katholischen Ostkirchen oder die Bischofskonferenzen noch genauere Richtlinien für diesen seelsorglichen Dienst aufstellen.

147. Um dieser Verantwortung Genüge zu tun, müßte man, wenn die Situation dies erfordert, möglicherweise positive Schritte unternehmen, um mit dem Amtsträger der anderen Kirche oder kirchlichen Gemeinschaft in Verbindung zu treten, selbst wenn sich dies nicht immer als leicht erweist. Im allgemeinen können die gegenseitigen Begegnungen christlicher Seelsorger, die auf die Hilfe für diese Ehen und auf die Bewahrung von deren Werten abzielen, ein hervorragendes Gebiet ökumenischer Zusammenarbeit sein.

148. Bei der Aufstellung der Programme für die notwendige Vorbereitung auf die Ehe sollten der Priester oder der Diakon sowie diejenigen, die ihnen assistieren, als positive Aspekte hervorheben, daß das Paar, weil es christlich ist, teil hat am Leben der Gnade, des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe sowie anderer innerer Gaben des Heiligen Geistes.(141) Jeder Ehegatte sollte, indem er weiterhin treu an seiner christlichen Verpflichtung festhält und sie praktiziert, das suchen, was zur Einheit und zur Eintracht führen kann. Dabei sollte er jeden religiösen Indifferentismus vermeiden und die wirklichen Unterschiede nicht verharmlosen.

149. Um eine größere Verständigung und Einheit zu fördern, sollten beide Seiten sich bemühen, die religiösen Überzeugungen sowie die Lehren und die religiöse Praxis der Kirche oder kirchlichen Gemeinschaft des anderen besser kennenzulernen. Um den beiden Gatten zu helfen, aus dem christlichen Erbe zu leben, das ihnen gemeinsam ist, muß man sie daran erinnern, daß das gemeinsame Gebet für ihre geistliche Eintracht wesentlich sowie das Lesen und das Studium der Heiligen Schriften von großer Bedeutung sind. Während der Vorbereitungszeit kann das Bemühen des Paares, die religiösen und kirchlichen Traditionen eines jeden kennenzulernen, ferner die ernsthafte Überprüfung der bestehenden Unterschiede zu einer größeren Ehrlichkeit und Liebe sowie zu einem tieferen Verständnis dieser Wirklichkeiten und auch der Ehe selbst führen.

150. Wenn aus einem gerechten und vernünftigen Grund die Erlaubnis, eine bekenntnisverschiedene Ehe einzugehen, erbeten wird, müssen die beiden Partner über die wesentlichen Zwecke und Wesenseigenschaften der Ehe, die von keinem der beiden Partner ausgeschlossen werden dürfen, unterwiesen werden. Des weiteren wird vom katholischen Teil nach der vom Partikularrecht der katholischen Ostkirchen oder der von der Bischofskonferenz festgesetzten Form die Erklärung abverlangt, daß er bereit ist, die Gefahren des Glaubensabfalls zu beseitigen, sowie aufrichtig zu versprechen, sein Mögliches zu tun, daß alle Kinder in der katholischen Kirche getauft und erzogen werden. Der andere Partner muß über dieses Versprechen und diese Verpflichtungen informiert werden.(142) Gleichzeitig muß anerkannt werden, daß der nichtkatholische Partner aufgrund seines eigenen christlichen Engagements sich einer ähnlichen Verpflichtung gegenübersehen kann. Es ist zu beachten, daß im Kirchenrecht von diesem Partner kein schriftliches oder mündliches Versprechen verlangt wird.

Bei den Gesprächen, die man mit jenen führt, die eine bekenntnisverschiedene Ehe eingehen wollen, wird man die Diskussion über die Frage der Taufe und der katholischen Erziehung der künftigen Kinder, und wenn möglich, eine Entscheidung darüber vor der Eheschließung anregen und fördern.

Der Ortsoberhirte wird bei seinem Urteil, ob ein „gerechter und vernünftiger Grund“ im Hinblick auf die Gewährung der Erlaubnis dieser bekenntnisverschiedenen Ehe besteht, unter anderem einer ausdrücklichen Ablehnung seitens des nichtkatholischen Teils Rechnung tragen.

151. Bei der Erfüllung seiner Pflicht, den katholischen Glauben seinen Kindern zu vermitteln, wird der katholische Elternteil die religiöse Freiheit und das Gewissen des anderen Elternteils respektieren. Er wird Sorge tragen für die Einheit und den Bestand der Ehe sowie die Aufrechterhaltung der Gemeinschaft der Familie. Falls trotz aller Bemühungen die Kinder nicht in der katholischen Kirche getauft und erzogen werden, fällt der katholische Elternteil nicht unter die Strafe des Kirchenrechtes.(143) Dennoch hört seine Verpflichtung, den katholischen Glauben mit seinen Kindern zu teilen, nicht auf. Diese Aufgabe bleibt bestehen und kann zum Beispiel beinhalten, daß er aktiv beiträgt zur christlichen Atmosphäre des Familienlebens; er sollte alles in seinen Kräften stehende durch Wort und Beispiel tun, um den anderen Gliedern der Familie zu helfen, die spezifischen Werte der katholischen Überlieferung zu würdigen; er sollte alle notwendigen Vorkehrungen treffen, damit er – wohl informiert – fähig ist, den katholischen Glauben darzulegen und mit den anderen darüber zu diskutieren; er sollte mit seiner Familie um die Gnade der Einheit der Christen, wie der Herr sie will, beten.

152. Obgleich uns deutlich bewußt ist, daß es Unterschiede in der Lehre zwischen der katholischen Kirche und den verschiedenen orientalischen Kirchen gibt, welche die volle sakramentale und kanonische Einheit verhindern, muß man bei der Seelsorge für Ehen zwischen Katholiken und orientalischen Christen der richtigen und genauen Unterweisung des beiden gemeinsamen Glaubens eine besondere Aufmerksamkeit schenken. Ebenso ist zu beachten, daß man in den orientalischen Kirchen „wahre Sakramente (findet), kraft der apostolischen Sukzession, vor allem das Priestertum und die Eucharistie, wodurch sie in ganz enger Verwandtschaft bis heute mit uns verbunden sind“.(144) Eine echte seelsorgliche Aufmerksamkeit, die den Menschen in diesen Ehen zugewendet wird, kann ihnen zu einem besseren Verständnis verhelfen, wie ihre Kinder in die Geheimnisse der Sakramente Christi eingeführt und durch sie geistlich genährt werden. Ihre Hinführung zur authentischen christlichen Lehre und zu einer christlichen Lebensweise sollte wohlin jeder Kirche zum größten Teil ähnlich sein. Die Unterschiede auf dem Gebiet des liturgischen Lebens und der privaten Andachtsformen können dazu dienen, das gemeinsame Familiengebet zu ermutigen und nicht es zu behindern.

153. Die Ehe zwischen einem Katholiken und einem Mitglied einer orientalischen Kirche ist gültig, wenn sie nach einem religiösen Ritus von einem geweihten Amtsträger gefeiert wird, vorausgesetzt, daß die anderen erforderlichen Rechtsnormen für die Gültigkeit beachtet worden sind.(145) In diesem Fall ist die kanonische Form der Feier erforderlich für die Erlaubtheit. Die kanonische Form ist erforderlich für die Gültigkeit der Ehen zwischen Katholiken und Christen anderer Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften.(146)

154. Aus schwerwiegenden Gründen kann der Ortsordinarius des katholischen Partners, unbeschadet des Rechtes der orientalischen Kirchen,(147) nach Befragen des Ordinarius des Eheschließungsorts, den katholischen Teil von der Einhaltung der kanonischen Eheschließungsform dispensieren.(148) Zu den Dispensgründen können die Wahrung der Eintracht in der Familie, das Erreichen des Einverständnisses der Eltern, die Anerkennung des besonderen religiösen Engagements des Nichtkatholiken oder seine verwandtschaftlichen Beziehungen zu einem Amtsträger einer anderen Kirche oder kirchlichen Gemeinschaft gerechnet werden. Die Bischofskonferenzen sollten Normen aufstellen, damit eine solche Dispens entsprechend einer allgemeinen Praxis erteilt werden kann.

155. Die von manchen Kirchen oder kirchlichen Gemeinschaften vorgeschriebene Verpflichtung, ihre eigene Eheschließungsform zu beachten, ist kein Grund für eine automatische Dispens von der katholischen kanonischen Form. Die besonderen Situationen dieser Art sollten Gegenstand des Dialogs zwischen den Kirchen, wenigstens auf örtlicher Ebene, sein.

156. Man wird beachten müssen, daß eine gewisse öffentliche Form der Feier notwendig ist für die Gültigkeit,(149) wenn die Ehe mit Dispens von der kanonischen Form geschlossen wird. Um die Einheit der Ehe zu betonen, ist es nicht erlaubt, daß zwei getrennte religiöse Feiern stattfinden, in denen der Ehekonsens zweimal abgegeben wird oder daß in einer gottesdienstlichen Feier der Konsens (von beiden assistierenden Amtsträgern) zusammen oder nacheinander erfragt wird.(150)

157. Mit einer zuvor erteilten Erlaubnis des Ortsordinarius können ein katholischer Priester oder ein Diakon, falls sie eingeladen sind, zugegen sein oder irgendwie an der Feier der bekenntnisverschiedenen Ehen teilnehmen, wenn die Dispens von der kanonischen Form gewährt worden ist. In diesem Fall darf es nur eine einzige Zeremonie geben, in der der(die) Vorsteher(in) die Abgabe des Ehekonsenses der Gatten entgegennimmt. Auf Einladung dieses(r) Amtsträgers(in) kann der katholische Priester oder der Diakon zusätzliche und angemessene Gebete sprechen, aus der Heiligen Schrift vorlesen, eine kurze Ansprache halten und das Brautpaar segnen.

158. Wenn das Brautpaar es wünscht, kann der Ortsordinarius gestatten, daß der katholische Priester den Amtsträger der Kirche oder der kirchlichen Gemeinschaft des nichtkatholischen Partners einlädt, an der Eheschließungsfeier teilzunehmen, Schriftlesungen vorzutragen, eine kurze Ansprache zu halten und das Brautpaar zu segnen.

159. Da sich aufgrund der Anwesenheit von nichtkatholischen Trauzeugen oder Gästen Probleme im Hinblick auf den Kommunionempfang stellen können, findet eine bekenntnisverschiedene Eheschließung, die nach der katholischen Form gefeiert wird, im allgemeinen außerhalb der eucharistischen Liturgie statt. Aus einem gerechten Grund kann jedoch der

Bischof der Diözese die Feier der Eucharistie erlauben.(151) Im letzteren Fall ist die Entscheidung über die Zulassung oder die Nichtzulassung des nichtkatholischen Teils zur eucharistischen Kommunion in Übereinstimmung mit den bestehenden allgemeinen Normen auf diesem Gebiet zu treffen, sei es für die orientalischen Christen,(152) sei es für die anderen Christen.(153) Dabei ist der besonderen Situation Rechnung zu tragen, die dadurch gegeben ist, daß zwei getaufte Christen das christliche Ehesakrament empfangen.

160. Obgleich den Gatten einer bekenntnisverschiedenen Ehe die Sakramente der Taufe und der Ehe gemeinsam sind, kann die gemeinsame Teilnahme an der Eucharistie nur im Ausnahmefalle erfolgen, und man muß in jedem einzelnen Fall die oben erwähnten Normen bezüglich der Zulassung eines nichtkatholischen Christen zur eucharistischen Gemeinschaft beachten,(154) ebenso wie jene, die die Teilnahme eines Katholiken an der eucharistischen Gemeinschaft in einer anderen Kirche betreffen.(155)

KAPITEL V

DIE ÖKUMENISCHE ZUSAMMENARBEIT,
DER DIALOG UND DAS GEMEINSAME ZEUGNIS

161. Wenn die Christen in der in Kapitel IV beschriebenen Form zusammen leben und beten, geben sie Zeugnis von ihrem gemeinsamen Glauben und von ihrer Taufe im Namen Gottes, des Vaters aller, seines Sohnes Jesus, des Erlösers aller, und im Namen des Heiligen Geistes, der alle Dinge umwandelt und eint durch die Kraft seiner Liebe. Gegründet auf dieser Gemeinschaft des Lebens und der geistlichen Gaben gibt es noch viele andere Formen der ökumenischen Zusammenarbeit, die die Einheit zum Ausdruck bringen und fördern, und die das Zeugnis der heilbringenden Kraft des Evangeliums, das die Christen der Welt geben, zur Geltung bringen. Wenn die Christen zusammenarbeiten beim Studium und bei der Verbreitung der Bibel, in den liturgischen Studien, in der Katechese und den höheren Studien, in der Pastoral und in der Evangelisation, um durch Nächstenliebe einer Welt zu dienen, die um die Verwirklichung der Ideale der Gerechtigkeit, des Friedens und der Liebe kämpft, dann verwirklichen sie das, was im Ökumenismusdekret vorgeschlagen wurde:

„Vor der ganzen Welt sollen alle Christen ihren Glauben an den einen, dreifaltigen Gott, an den menschgewordenen Sohn Gottes, unsern Erlöser und Herrn, bekennen und in gemeinsamem Bemühen in gegenseitiger Achtung Zeugnis geben für unsere Hoffnung, die nicht zuschanden wird. Da in heutiger Zeit die Zusammenarbeit im sozialen Bereich sehr weit verbreitet ist, sind alle Menschen ohne Ausnahme zu gemeinsamem Dienst gerufen, erst recht diejenigen, die an Gott glauben, am meisten aber alle Christen, die ja mit dem Namen Christi ausgezeichnet sind. Durch die Zusammenarbeit der Christen kommt die Verbundenheit, in der sie schon untereinander vereinigt sind, lebendig zum Ausdruck, und das Antlitz Christi, des Gottesknechtes, tritt in hellerem Licht zutage.“(156)

162. Die Christen können ihr Herz nicht dem Schrei der menschlichen Nöte der gegenwärtigen Welt verschließen. Der Beitrag, den sie in allen Bereichen des menschlichen Lebens leisten, in denen sich das Verlangen nach Heil kundtut, ist wirksamer, wenn sie ihn gemeinsam leisten und wenn man sieht, daß ihr Tun ein gemeinsames ist. Es wird folglich ihr Anliegen sein, alles gemeinsam zu tun, soweit es ihnen ihr Glaube erlaubt. Das Fehlen der vollen Gemeinschaft zwischen den verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, die noch in der Glaubenslehre und in der Moral bestehenden Divergenzen, die Wunden in den Erinnerungen und das Erbe einer Geschichte der Spaltung – jedes dieser Elemente schränkt das ein, was die Christen zur Zeit gemeinsam tun können. Ihre Zusammenarbeit kann ihnen helfen, die Hindernisse auf dem Weg zur vollen Gemeinschaft zu überwinden und ihre Kräfte zu vereinigen, damit sie zu einem christlichen Leben, einem christlichen Dienst und zu einem sich daraus ergebenden Zeugnis im Hinblick auf die ihnen gemeinsame Sendung befähigt werden.

„In dieser Verbundenheit im Auftrag, über den vor allem Christus selbst entscheidet, müssen alle Christen entdecken, was sie bereits vereint, noch bevor sich ihre volle Gemeinschaft verwirklicht.“(157)

Formen und Strukturen der ökumenischen Zusammenarbeit

163. Die ökumenische Zusammenarbeit kann in der Form geschehen, daß verschiedene Kirchen und kirchliche Gemeinschaften an einem schon von einem ihrer Mitglieder begonnenen Programm teilnehmen oder in der Form, daß voneinander unabhängige Aktionen koordiniert werden, damit Verdoppelungen und unnötige Ausweitungen administrativer Strukturen vermieden werden. Die Zusammenarbeit kann auch in der Form von gemeinsamen Initiativen und Programmen geschehen. Verschiedene Arten von Räten und Ausschüssen in einer mehr oder weniger dauerhaften Form können eingesetzt werden, um die Beziehungen zwischen den Kirchen und anderen kirchlichen Gemeinschaften zu erleichtern und die Zusammenarbeit und das gemeinsame Zeugnis zwischen ihnen zu fördern.

164. Die katholische Teilnahme an allen Formen der ökumenischen Begegnung und an Projekten der Zusammenarbeit wird die von der örtlichen kirchlichen Autorität errichteten Normen respektieren. Letztendlich steht es dem Diözesanbischof zu, unter Berücksichtigung dessen, was auf regionaler und nationaler Ebene entschieden wurde, über die Opportunität und Geeignetheit aller Arten örtlicher und ökumenischer Aktionen zu urteilen. Die Bischöfe, die Synoden der katholischen Ostkirchen sowie die Bischofskonferenzen werden im Einverständnis mit den Richtlinien des Heiligen Stuhles und besonders mit denen des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen handeln.

165. Die Zusammenkünfte von autorisierten Vertretern der Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, die regelmäßig oder zu bestimmten Anlässen stattfinden, können sehr stark dazu beitragen, die ökumenische Zusammenarbeit zu fördern. Obwohl diese Zusammenkünfte schon in sich ein wichtiges Zeugnis für das ökumenische Engagement der Teilnehmer sind, können sie darüber hinaus die Aktivitäten autorisieren, die von den Mitgliedern als Repräsentanten der Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften gemeinsam unternommen werden. Sie können auch Gelegenheit geben, zu prüfen, welche besonderen Probleme und Aufgaben der ökumenischen Zusammenarbeit in Angriff zu nehmen sind, und die notwendigen Entscheidungen zu treffen bezüglich der Einsetzung von Arbeitsgruppen oder Programmen, um diese Aufgaben anzugehen.

Kirchenräte und Christenräte

166. Die Kirchenräte und die Christenräte stellen eine der stabilsten Strukturen dar, die eingerichtet worden sind, um die Einheit und die ökumenische Zusammenarbeit zu fördern. Ein Kirchenrat setzt sich zusammen aus Kirchen158 und ist den Kirchen, die ihn bilden, Rechenschaft schuldig. Ein Christenrat setzt sich zusammen aus (anderen) christlichen Organisationen und Gruppen, wie auch aus Kirchen. Es gibt aber noch andere Einrichtungen für die Zusammenarbeit, die den Christenräten ähnlich sind, jedoch andere Namen tragen. Im allgemeinen bieten Christenräte und ähnliche Einrichtungen ihren Mitgliedern die Möglichkeit, zusammenzuarbeiten, einen Dialog zu führen, die Trennungen und Mißverständnisse zu überwinden, das Gebet zu pflegen und für die Einheit zu arbeiten und – im Rahmen des Möglichen – ein gemeinsames christliches Zeugnis zu geben und einen gemeinsamen christlichen Dienst zu leisten. Sie müssen bewertet werden nach ihren Aktivitäten und nach dem, was sie über sich selbst in ihren Satzungen aussagen. Sie haben nur soviel Kompetenzen, wie sie ihnen von den sie konstituierenden Mitgliedern verliehen werden. Im allgemeinen sind sie nicht zuständig für Unionsverhandlungen zwischen den Kirchen.

167. Da es wünschenswert ist, daß die katholische Kirche auf den verschiedenen Ebenen die ihr geeigneten Formen der Beziehungen zu den anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften findet und weil die Kirchenräte und die Christenräte zu den wichtigsten Formen der ökumenischen Zusammenarbeit zählen, sind die wachsenden Kontakte, die die katholische Kirche zu den Räten in vielen Teilen der Welt aufgenommen hat, zu begrüßen.

168. Die Entscheidung, sich einem Rat anzuschließen, liegt in der Zuständigkeit der Bischöfe der Region, die von diesem Rat abgedeckt wird, welche dann auch die Aufgabe haben, über die katholische Teilnahme an diesem Rat zu wachen. Für die nationalen Räte wird dies im allgemeinen die Synode der katholischen Ostkirchen oder die Bischofskonferenz sein (es sei denn, es gibt nur eine Diözese in der Nation). Bei der Prüfung der Frage nach der Mitgliedschaft in einem Rat sollten sich die zuständigen Autoritäten, während sie ihre Entscheidung vorbereiten, mit dem Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen in Verbindung setzen.

169. Zu den vielen Gesichtspunkten, die bei der Entscheidung, sich einem Rat anzuschließen, berücksichtigt werden müssen, gehört auch der der pastoralen Zweckmäßigkeit eines solchen Schrittes. Vor allem wird man sich vergewissern müssen, ob die Teilnahme am Leben des Rates mit der Lehre der katholischen Kirche vereinbar ist und nicht ihre spezifische und einmalige Identität verunklart. Die erste Sorge muß der Klarheit der Lehre gelten, insbesondere im Hinblick auf die Ekklesiologie. Tatsächlich ist es so, daß die Kirchenräte und die Christenräte weder in sich selbst noch durch sich selbst den Anfang einer neuen Kirche enthalten, die die Gemeinschaft ersetzen würde, die jetzt in der katholischen Kirche existiert. Sie nennen sich nicht Kirchen und nehmen für sich nicht die Autorität in Anspruch, die es ihnen erlauben würde, ein Amt des Wortes oder der Sakramente zu verleihen.159 Besondere Aufmerksamkeit wird man den Fragen nach der Art und Weise widmen, wie die verschiedenen Mitglieder in den Räten repräsentiert sind und wie das Abstimmungsrecht geregelt ist, mit welchen Verfahren die Entscheidungen getroffen, in welcher Form öffentliche Erklärungen abgegeben werden und welches Maß an Autorität diesen Erklärungen beigemessen wird. Eine klare und präzise Übereinkunft in diesen Fragen sollte erfolgen, bevor der Schritt zur Mitgliedschaft unternommen wird.(160)

170. Die katholische Mitgliedschaft in einem lokalen, nationalen oder regionalen Rat ist eine ganz andere Sache als die Beziehung der katholischen Kirche zum Ökumenischen Rat der Kirchen. Der Ökumenische Rat kann in der Tat einzelne Räte einladen, zu ihm „in ein Arbeitsverhältnis zu treten als assoziierte Räte“, hat dabei aber weder Autorität noch Kontrolle über diese Räte oder deren Mitgliedskirchen.

171. Die Mitgliedschaft in einem Rat sollte als Übernahme ernsthafter Verantwortung betrachtet werden. Die katholische Kirche muß in ihnen durch kompetente und engagierte Personen vertreten sein. In der Ausübung ihres Mandats sollten sie genau die Grenzen kennen, über die hinaus sie die Kirche nicht verpflichten können ohne besondere Rücksprache mit der Autorität, die sie ernannt hat. Je aufmerksamer die Arbeit der Räte durch die in ihnen vertretenen Kirchen verfolgt wird, desto gewichtiger und wirkungsvoller wird ihr Beitrag zur ökumenischen Bewegung.

Der ökumenische Dialog

172. Der Dialog ist das Herz der ökumenischen Zusammenarbeit und begleitet diese in all ihren Formen. Der Dialog verlangt, daß man zuhört und antwortet, daß man versucht zu verstehen und sich verständlich zu machen. Das bedeutet, bereit zu sein, Fragen zu stellen und seinerseits befragt zu werden. Es bedeutet aber auch, etwas von sich mitzuteilen und dem zu vertrauen, was die anderen von sich selbst sagen. Jeder Gesprächspartner muß bereit sein, immer mehr zur Klärung beizutragen und seine persönlichen Anschauungen, seine Lebensart und sein Tun zu ändern, indem er sich leiten läßt von der echten Liebe zur Wahrheit. Die Gegenseitigkeit und das Engagement füreinander sind wesentliche Elemente des Dialogs sowie auch das Bewußtsein, daß sich die Gesprächspartner auf der Ebene der Gleichberechtigung befinden.(161) Der ökumenische Dialog erlaubt den Mitgliedern der verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, sich gegenseitig kennenzulernen und diejenigen Themen des Glaubens und der Praxis ausfindig zu machen, die sie gemeinsam haben und diejenigen, in denen sie sich unterscheiden. Sie versuchen, die Wurzeln der Differenzen zu verstehen und abzuwägen, in welchem Maße sie ein wirkliches Hindernis für den gemeinsamen Glauben bilden. Wenn sie feststellen, daß die Differenzen ein wirkliches Hindernis für die Gemeinschaft sind, versuchen sie, Mittel zu finden, um diese im Licht der schon gemeinsamen Inhalte des Glaubens zu überwinden.

173. Die katholische Kirche kann sich am Dialog beteiligen auf diözesaner Ebene, auf der Ebene der Bischofskonferenz oder der Synoden der katholischen Ostkirchen und auf der Ebene der universalen Kirche. Ihre Struktur als universale Gemeinschaft des Glaubens und des sakramentalen Lebens erlaubt ihr, auf jeder dieser Ebenen eine in sich zusammenhängende und einheitliche Position darzubieten. Wenn sie nur einen Gesprächspartner hat, sei es eine Kirche oder eine kirchliche Gemeinschaft, wird der Dialog bilateral genannt. Wenn es mehrere Dialogpartner gibt, nennt er sich multilateral.

174. Auf lokaler Ebene gibt es unzählige Anlässe zum Austausch unter Christen, ausgehend von den informellen Gesprächen, die im Alltagsleben stattfinden, über die Konferenzen, in denen in christlicher Perspektive die Probleme des örtlichen Lebens sowie die Probleme besonderer Berufsgruppen (Ärzte, Sozialarbeiter, Eltern, Erzieher) gemeinsam erörtert werden, bis hin zu den Studiengruppen, die sich mit spezifisch ökumenischen Fragen befassen. Die Dialoge können geführt werden durch Laiengruppen, durch Mitglieder des Klerus, durch Fachtheologen oder in unterschiedlicher Zusammensetzung von Mitgliedern dieser verschiedenen Gruppen. Egal ob es ein offizielles Statut (von der kirchlichen Autorität formal beschlossen oder autorisiert) gibt oder nicht, muß dieser Austausch immer geprägt sein von einem starken kirchlichen Sinn. Die Katholiken, die am Dialog teilnehmen, müssen ihren Glauben gut kennen und ihn fest in ihrem Leben verankert haben, und sie werden darauf achten, immer in Gemeinschaft mit dem Denken und Wollen ihrer Kirche zu stehen.

175. In bestimmten Dialogen sind die Teilnehmer von der Hierarchie beauftragt, nicht in privater Eigenschaft daran teilzunehmen, sondern als delegierte Vertreter ihrer Kirche. Solche Mandate können erteilt werden vom Ortsordinarius, von den Synoden der katholischen Ostkirchen, von der zuständigen Bischofskonferenz oder vom Heiligen Stuhl. In solchen Fällen haben die katholischen Teilnehmer eine besondere Verantwortung gegenüber der Autorität, die sie entsandt hat. Gleichfalls ist die Zustimmung dieser Autorität notwendig, bevor ein jegliches Dialogergebnis die Kirche offiziell in Pflicht nimmt.

176. Die katholischen Teilnehmer am Dialog richten sich nach den die katholische Lehre betreffenden Prinzipien, wie sie Unitatis Redintegratio darlegt:

„Die Art und Weise der Formulierung des katholischen Glaubens darf keinerlei Hindernis bilden für den Dialog mit den Brüdern. Die gesamte Lehre muß klar vorgelegt werden. Nichts ist dem ökumenischen Geist so fern wie jener falsche Irenismus, durch den die Reinheit der katholischen Lehre Schaden leidet und ihr ursprünglicher und sicherer Sinn verdunkelt wird.

Zugleich muß aber der katholische Glaube tiefer und richtiger ausgedrückt werden auf eine Weise und in einer Sprache, die auch von den getrennten Brüdern wirklich verstanden werden kann.

Darüber hinaus müssen beim ökumenischen Dialog die katholischen Theologen, wenn sie in Treue zur Lehre der Kirche in gemeinsamer Forschungsarbeit mit den getrennten Brüdern die göttlichen Geheimnisse zu ergründen suchen, mit Wahrheitsliebe, mit Liebe und Demut vorgehen. Beim Vergleich der Lehren miteinander soll man nicht vergessen, daß es eine Rangordnung oder ,Hierarchie‘ der Wahrheiten innerhalb der katholischen Lehre gibt, je nach der verschiedenen Art ihres Zusammenhangs mit dem Fundament des christlichen Glaubens. So wird der Weg bereitet werden, auf dem alle in diesem brüderlichen Wettbewerb zur tieferen Erkenntnis und deutlicheren Darstellung der unerforschlichen Reichtümer Christi angeregt werden.“(162)

Die Frage der „Hierarchie der Wahrheiten“ wird gleichfalls behandelt in dem Dokument Erwägungen und Hinweise zum ökumenischen Dialog:

„Im Leben wie auch in der Lehre einer jeden Kirche erscheint nicht alles auf der gleichen Ebene; gewiß fordern alle offenbarten Wahrheiten dieselbe Glaubenszustimmung; aber gemäß ihrer mehr oder weniger großen Nähe zum Fundament des offenbarten Geheimnisses stehen sie in einem jeweils verschiedenen Verhältnis zueinander, und ihre Beziehungen miteinander sind verschieden.“(163)

177. Der Gegenstand des Dialogs kann ein breiter Katalog von Lehrfragen sein, dessen Behandlung einen bestimmten Zeitraum in Anspruch nimmt oder eine einfache Frage, deren Behandlung sich zeitlich eingrenzen läßt. Eine solche Frage kann die Pastoral oder die Missionstätigkeit betreffen, bezüglich derer die Kirchen einen gemeinsamen Standpunkt finden wollen, um die zwischen ihnen bestehenden Konflikte zu überwinden und die gegenseitige Hilfe und das gemeinsame Zeugnis zu fördern. Für bestimmte Fragen kann sich ein bilateraler Dialog als nützlicher erweisen, für andere hingegen erbringt ein multilateraler Dialog die besseren Ergebnisse. Die Erfahrung zeigt, daß in der komplexen Aufgabe der Förderung der Einheit der Christen beide Dialogformen sich gegenseitig ergänzen. Die Ergebnisse eines bilateralen Dialogs sollten baldmöglichst allen anderen interessierten Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften mitgeteilt werden.

178. Eine Kommission oder ein Ausschuß, der auf Wunsch von zwei oder mehreren Kirchen oder kirchlichen Gemeinschaften eingesetzt wurde, um den Dialog zu führen, kann zu unterschiedlichen Graden der Übereinstimmung bezüglich des ihm gestellten Themas gelangen und kann ihre(seine) Dialogergebnisse in einer Erklärung formulieren; aber auch bevor eine Übereinstimmung erreicht ist, kann eine Kommission es hin und wieder nützlich finden, eine Erklärung oder einen Bericht zu veröffentlichen über die erreichten Konvergenzen, die festgestellten offenen Fragen und mit einer Anregung, in welcher Richtung ein künftiger Dialog geführt werden sollte. Alle Erklärungen und Berichte der Dialogkommissionen unterliegen der Zustimmung der beteiligten Kirchen. Die Erklärungen der Dialogkommissionen haben in sich einen Wert aufgrund der Kompetenz und des Status ihrer Autoren. Sie verpflichten die katholische Kirche jedoch nicht, solange sie nicht durch die zuständigen kirchlichen Autoritäten bestätigt worden sind.

179. Wenn die Ergebnisse eines Dialogs von den zuständigen Autoritäten als reif für eine Auswertung angesehen werden, dann müssen sich die Glieder des Gottesvolkes, je nach ihrer Funktion und ihrem Charisma, an dem kritischen Klärungsprozeß beteiligen. Die Gläubigen sind in der Tat aufgefordert, den „übernatürlichen Glaubenssinn (sensus fidei)“ auszuüben, welcher dem ganzen Gottesvolk eignet, wenn sie „von den Bischöfen bis zum letzten gläubigen Laien“, ihre allgemeine Übereinstimmung in Sachen des Glaubens und der Sitten äußern. Der Glaubenssinn, der vom Geist der Wahrheit und unter der Leitung des Lehramtes (magisterium) geweckt und genährt wird, erlaubt – wenn man ihm treu folgt – nicht mehr das Wort des Menschen, sondern wirklich das Wort Gottes zu empfangen.(164) Durch diesen Glaubenssinn hält das Gottesvolk den einmal den Heiligen übergebenen Glauben unverlierbar fest,(165) dringt mit rechtem Urteil immer tiefer in den Glauben ein und lebt ihn in Fülle.(166)

Es müssen alle Anstrengungen unternommen werden, um die beste Form zu finden, alle Glieder der Kirche auf die Dialogergebnisse aufmerksam zu machen. Die neuen Einsichten in den Glauben, die neuen Zeugnisse seiner Wahrheit und die neuen Ausdrucksformen, die im Dialog entwickelt worden sind, sollten ihnen soweit wie möglich erklärt werden, wie auch das Ausmaß der Übereinstimmungen, die vorgelegt worden sind. Das erlaubt allen, sich ein Urteil zu bilden, wobei sie ihre Treue zur Tradition des Glaubens beachten, wie er von den Aposteln empfangen und unter der Leitung der autorisierten Lehrer der Glaubensgemeinschaft überliefert worden ist. Man kann hoffen, daß diese Verfahrensweise durch jede am Dialog beteiligte Kirche und kirchliche Gemeinschaft angenommen wird; desgleichen von allen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, die den Ruf zur Einheit vernehmen, und daß die Kirchen in dieser Anstrengung zusammenarbeiten.

180. Das Leben und Beten im Glauben, genauso wie das Nachdenken über die Glaubenslehre gehen ein in diesen Rezeptionsprozeß. Durch ihn macht die ganze Kirche sich die Früchte des Dialogs zu eigen, unter der Eingebung des Heiligen Geistes, der „unter den Gläubigen jeglichen Standes auch besondere Gnaden“ austeilt(167) und der in besonderer Weise das Amt der Lehrenden leitet. Dies geschieht in einem Prozeß des Hörens, des Erprobens, des Beurteilens und des Lebens.

181. Bei der Bewertung und Aneignung neuer Ausdrucksformen des Glaubens, die sich in den aus dem ökumenischen Dialog hervorgehenden Erklärungen ergeben können, oder bei der Bewertung und Aneignung alter Ausdrucksformen, die man wieder aufgreift, weil man sie bestimmten neueren theologischen Ausdrücken vorzieht, werden die Katholiken die im Ökumenismusdekret gemachte Unterscheidung zwischen der Art und Weise, wie die Lehre der Kirche formuliert wurde, und dem Glaubensschatz selber vor Augen haben.(168) Sie werden sorgsam mehrdeutige Ausdrücke vermeiden, insbesondere bei der Suche nach Übereinstimmungen in den traditionell kontroversen Glaubensfragen. Sie werden gleichfalls der Art und Weise Rechnung tragen, wie das II. Vatikanische Konzil selber in seiner Formulierung des katholischen Glaubens diese Unterscheidung angewandt hat. Sie werden auch die „Hierarchie der Wahrheiten“ in der katholischen Lehre gelten lassen, von der das Ökumenismusdekret spricht.(169)

182. Der Rezeptionsprozeß schließt eine fachliche theologische Reflexion über die Überlieferung des Glaubens sowie über die pastorale und liturgische Realität der Kirche von heute ein. Wichtige Beiträge zu diesem Prozeß kommen von der spezifischen Kompetenz der theologischen Fakultäten. Der gesamte Prozeß ist geleitet von der offiziellen Lehrautorität der Kirche, die die Verantwortung hat, das letzte Urteil über die ökumenischen Erklärungen abzugeben. Die neuen Einsichten, die dann angenommen werden, gehen in das Leben der Kirche ein und erneuern in gewissem Sinne das, was zur Versöhnung zwischen den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften beiträgt.

Die gemeinsame Bibelarbeit

183. Das Wort Gottes, das niedergeschrieben ist in den Heiligen Schriften, nährt auf verschiedene Weisen das Leben der Kirche(170) und ist „gerade beim Dialog ein ausgezeichnetes Werkzeug in der mächtigen Hand Gottes, um jene Einheit zu erreichen, die der Erlöser allen Menschen anbietet“.(171) Die Hochachtung der Heiligen Schrift ist ein grundlegendes Band der Einheit zwischen den Christen, und dieses Band verbleibt auch dann, wenn ihre Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften nicht in voller Gemeinschaft miteinander stehen. Alles, was getan werden kann, damit die Mitglieder der Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften das Wort Gottes lesen, und zwar wenn möglich gemeinsam (zum Beispiel in der „Bibelwoche“), all das bekräftigt das Band der Einheit, das sie schon eint, öffnet sie dem einheitsstiftenden Handeln Gottes und bekräftigt das gemeinsame Zeugnis für das heilbringende Wort Gottes, das sie der Welt geben. Die Veröffentlichung und Verbreitung geeigneter Bibelausgaben ist eine vorrangige Bedingung für das Hören des Wortes. Auch wenn die katholische Kirche weiterhin Bibelausgaben, die ihren eigenen Normen und Anforderungen entsprechen, veröffentlicht, so arbeitet sie doch auch und gerne mit anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften zusammen an Übersetzungen und Veröffentlichungen von gemeinsamen Bibelausgaben in Übereinstimmung mit dem, was vom II. Vatikanischen Konzil vorgesehen und im Kirchenrecht festgehalten wird.(172) Sie betrachtet die ökumenische Zusammenarbeit in diesem Bereich als wichtige Form des gemeinsamen Dienstes und Zeugnisses in der Kirche und für die Welt.

184. Die katholische Kirche ist an dieser Zusammenarbeit auf mehrfache Weise und auf mehreren Ebenen beteiligt. Der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen hat im Jahre 1969 die Gründung der Katholischen Welt-Bibelföderation (jetzt: Katholische Bibelföderation) angeregt, welche eine internationale katholische Organisation öffentlicher Natur ist, die die pastorale Umsetzung von Kapitel VI von Dei Verbum zur Aufgabe hat. Im Rahmen dieses Zieles ist es wünschenswert, daß da, wo es die Umstände erlauben, sowohl auf lokalkirchlicher wie auf regionaler Ebene, eine wirksame Zusammenarbeit zwischen den Beauftragten für den Ökumenismus und den örtlichen Sektionen der Föderation gefördert wird.

185. Durch die Vermittlung des Generalsekretariats der Katholischen Bibelföderation unterhält und entwickelt der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen Beziehungen zum Weltbund der Bibelgesellschaften, der die internationale christliche Organisation ist, mit der zusammen der Rat die Richtlinien für eine interkonfessionelle Zusammenarbeit bei der Übersetzung der Bibel veröffentlicht hat.(173) Das Dokument setzt die Prinzipien, die Mittel und die praktischen Weisungen in dieser besonderen Art der Zusammenarbeit im biblischen Bereich fest, welche schon überzeugende Ergebnisse erbracht hat. Zu ähnlichen Beziehungen und zur Zusammenarbeit mit Einrichtungen, die sich der Veröffentlichung und der Verbreitung der Bibel widmen, wird auf allen Ebenen des Lebens der Kirche ermutigt. Sie können die Zusammenarbeit zwischen den Kirchen und den kirchlichen Gemeinschaften erleichtern im Hinblick auf die missionarische Arbeit, die Katechese und die religiöse Unterweisung sowie hinsichtlich des gemeinsamen Gebetes und Studiums. So können sie bis zu einer gemeinsamen Ausgabe der Bibel gelangen, die von mehreren Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften eines bestimmten Kulturraumes allgemein oder zu bestimmten Zwecken wie das Studium oder das liturgische Leben benützt werden kann.(174) Eine solche Zusammenarbeit kann ein Gegenmittel sein gegen den Gebrauch der Bibel in fundamentalistischer oder sektiererischer Weise.

186. Die Katholiken können am Studium der Heiligen Schrift zusammen mit Mitgliedern anderer Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften in vielfältiger Form und auf den verschiedensten Ebenen teilnehmen, angefangen bei der Bibelarbeit in Nachbarschaftsgruppen oder in der Pfarrgemeinde bis hin zur wissenschaftlichen Erforschung der Bibel durch Fachexegeten. Um von ökumenischem Wert zu sein, muß dieses Studium, egal auf welcher Ebene, auf dem Glauben gegründet sein und diesen nähren. Oft werden die Teilnehmer klar erkennen, wie sehr die Lehrpositionen der verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften sowie die Unterschiede in der Benutzung und der Exegese der Bibel zu verschiedenen Interpretationen bestimmter Passagen führen. Für die Katholiken ist es nützlich, wenn die von ihnen benützten Ausgaben der Heiligen Schrift auf diejenigen Passagen aufmerksam machen, bei denen es um die Lehre der Kirche geht. Sie werden verständnisvoll und in Loyalität zu ihrer Kirche die Schwierigkeiten und die Differenzen nicht scheuen, die die ökumenische Benutzung der Schrift mit sich bringt. Das sollte sie nicht daran hindern, zu erkennen, wie nahe sie anderen Christen im Verständnis der Schrift sind. Sie werden das Licht schätzen lernen, das die Erfahrung und die Traditionen der verschiedenen Kirchen auf bestimmte Passagen der Bibel, die den einzelnen Kirchen besonders wichtig sind, werfen können. Sie werden bereit sein, in der Heiligen Schrift neue Ausgangspunkte zu finden, um kontroverse Punkte zu diskutieren. Sie werden gedrängt sein, den Sinn des Wortes Gottes in der derzeitigen menschlichen Situation, die sie mit ihren christlichen Brüdern teilen, zu entdecken. Sie werden außerdem mit Freude die einigende Kraft des Wortes Gottes erfahren.

Gemeinsame liturgische Texte

187. Die Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, deren Glieder in einem kulturell homogenen Bereich leben, sollten, wo dies möglich ist, gemeinsam eine Sammlung der bedeutendsten christlichen Texte (Vaterunser, Apostolisches Glaubensbekenntnis, das Credo von Nizäa-Konstantinopel, eine trinitarische Doxologie, das Gloria) erstellen. Diese Sammlung wäre zum regelmäßigen Gebrauch in allen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften bestimmt, wenigstens, wenn sie bei ökumenischen Anlässen gemeinsam beten. Ebenfalls wäre eine Übereinkunft über eine Version des Psalters für den liturgischen Gebrauch wünschenswert oder zumindest eine Übereinstimmung bezüglich gewisser Psalmen, die am häufigsten verwendet werden. Es wird empfohlen, eine ähnliche Übereinkunft bezüglich der gemeinsamen Lesungen aus den Heiligen Schriften zum liturgischen Gebrauch anzustreben. Die Verwendung von liturgischen und anderen Gebeten, die aus der Zeit der ungeteilten Kirche stammen, kann helfen, den ökumenischen Geist zu stärken. Gleichfalls sind Bücher mit gemeinsamem Liedgut oder wenigstens eine Sammlung gemeinsamer Lieder zu empfehlen, die in die Gesangbücher der verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften aufgenommen werden sollten. Anzuregen ist auch eine Zusammenarbeit bei der Entwicklung der Kirchenmusik. Wenn Christen zusammen, einstimmig beten, erreicht ihr gemeinsames Zeugnis den Himmel, aber es wird auch auf der Erde vernommen.

Die ökumenische Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Katechese

188. Zusätzlich zur normalen Katechese, die die Katholiken sowieso erhalten sollen, erkennt die katholische Kirche an, daß in Situationen eines religiösen Pluralismus die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Katechese ihr Leben und das der anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften bereichern und auch ihre Fähigkeit stärken kann, inmitten der Welt – soweit wie heute möglich – ein gemeinsames Zeugnis für die Wahrheit des Evangeliums abzulegen. Die Grundlage dieser Zusammenarbeit, ihre Bedingungen und Grenzen sind in der Apostolischen Exhortation Catechesi Tradendae dargelegt:

„Solche Versuche finden ihr theologisches Fundament in den Elementen, die allen Christen gemeinsam sind. Doch ist die Gemeinschaft im Glauben zwischen den Katholiken und den anderen Christen nicht vollständig und vollkommen; in gewissen Fällen gibt es sogar tiefe Unterschiede. Die ökumenische Zusammenarbeit ist daher ihrer Natur nach begrenzt; sie darf niemals eine ,Reduktion‘ auf das gemeinsame Minimum bedeuten. Außerdem besteht die Katechese nicht nur darin, die Lehre zu vermitteln, sondern auch in das ganze christliche Leben einzuführen und zur vollen Teilnahme an den Sakramenten der Kirche zu bringen. Daher ist es notwendig, dort, wo man auf dem Gebiet der Katechese ökumenisch zusammenarbeitet, darauf zu achten, daß die Bildung der Katholiken in der katholischen Kirche, was Lehre und christliches Leben betrifft, genügend sichergestellt ist.“(175)

189. In einigen Ländern ist eine Form gemeinsamer christlicher Unterweisung für Katholiken und andere Christen vom Staat angeordnet oder durch besondere Umstände auferlegt. Sie umfaßt auch Textbücher und Lehrpläne. In solchen Fällen handelt es sich nicht um eine wirkliche Katechese und auch nicht um Bücher, die man als Katechismen verwenden kann. Wenn aber die Unterweisung getreulich Elemente der christlichen Lehre darlegt, kann sie einen authentischen ökumenischen Wert besitzen. In diesen Fällen bleibt es bei aller Hochachtung vor dem möglichen Wert einer solchen Unterweisung dennoch unabdingbar, den katholischen Kindern eine spezifisch katholische Katechese anzubieten.

190. Wenn der schulische Religionsunterricht in Zusammenarbeit mit Mitgliedern anderer, nichtchristlicher Religionen stattfindet, müssen besondere Anstrengungen unternommen werden, um sicherzustellen, daß die christliche Botschaft auf eine Weise dargelegt wird, bei der die bereits unter den Christen in fundamentalen Fragen bestehende Glaubenseinheit hervorgehoben und gleichzeitig ihre Trennungen erklärt werden, wie auch die Schritte, die zu deren Überwindung unternommen werden.

Die Zusammenarbeit in Hochschuleinrichtungen

191. Es gibt viele Gelegenheiten für ökumenische Zusammenarbeit und gemeinsames Zeugnis im wissenschaftlichen Studium der Theologie und der damit verbundenen Disziplinen. Eine solche Zusammenarbeit kommt der theologischen Forschung zugute. Sie verbessert die Qualität theologischen Lehrens, indem sie den Professoren hilft, theologische Fragen unter ökumenischem Gesichtspunkt zu behandeln, wie es in der katholischen Kirche durch das Konzilsdekret Unitatis Redintegratio(176) gefordert ist. Sie erleichtert die ökumenische Ausbildung von pastoralen Mitarbeitern (siehe mehr oben, Kapitel III). Sie hilft den Christen, gemeinsam die großen geistigen Probleme in Angriff zu nehmen, mit denen Männer und Frauen heute konfrontiert werden, und von einer gemeinsamen Grundlage christlicher Weisheit und Erfahrung auszugehen. Statt ihren Unterschied zu betonen, sind die Christen in der Lage, der tiefen Gemeinsamkeit von Glauben und Verstehen den gebührenden Vorzug zu geben, die inmitten des Unterschieds ihrer theologischen Ausdrucksweise bestehen kann.

In den Seminarien und im ersten Studienabschnitt

192. Die ökumenische Zusammenarbeit im Studium und in der Lehre ist gleichermaßen wünschenswert in den Programmen der Anfangsphase des theologischen Studiums, wie sie in den Seminarien und im ersten Studienabschnitt der theologischen Fakultäten festgelegt sind. Dieses Studium und diese Lehre erfolgt allerdings noch nicht in der Form, die auf der Ebene der Forschung und bei denen möglich ist, die bereits ihre theologische Regelausbildung beendet haben. Eine elementare Bedingung für ökumenische Zusammenarbeit auf diesen höheren Ebenen, die in Nrn. 196-203 ins Auge gefaßt werden, ist, daß die Teilnehmer in ihrem eigenen Glauben und in der Tradition ihrer eigenen Kirche gut ausgebildet sind. Der katholische Unterricht im Seminar oder ersten Studienabschnitt zielt darauf ab, den Studenten diese grundlegende Information zu geben. Die katholische Kirche wie die anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften erarbeiten das Programm und die Kurse, die sie zu diesem Ziel für geeignet erachten und wählen kompetente Direktoren und Professoren aus. In der Regel sollen die Professoren für Kurse in Lehrfragen katholisch sein. Die grundlegenden Prinzipien der Einführung in den Ökumenismus und in die ökumenische Theologie, die ein notwendiger Teil der theologischen Grundausbildung ist,(177) werden folglich von katholischen Professoren gegeben. Wenn diese fundamentalen Interessen der Kirche hinsichtlich Gegenstand, Wert und Erfordernis einer einführenden theologischen Bildung – die auch von vielen anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften verstanden und bejaht werden – beachtet sind, dann können die Studierenden und die Professoren katholischer Seminare und theologischer Fakultäten an ökumenischer Zusammenarbeit verschiedener Art teilnehmen.

193. Die Normen zur Förderung und zur Regelung der Zusammenarbeit zwischen Katholiken und anderen Christen auf der Ebene des Seminars und des ersten Abschnitts theologischer Studien müssen durch die Synoden der katholischen Ostkirchen und durch die Bischofskonferenzen festgesetzt werden, besonders soweit es die Ausbildung der Weihe-Kandidaten betrifft. Die entsprechende ökumenische Kommission muß zu dieser Angelegenheit gehört werden. Die anzuwendenden Richtlinien müssen in das Programm der Priesterausbildung eingeschlossen sein, das im Einklang mit dem Dekret über die Priesterausbildung Optatam Totius festgelegt wurde. Da die Institute zur Ausbildung von Mitgliedern religiöser Orden gleichfalls von dieser ökumenischen Zusammenarbeit in der theologischen Ausbildung betroffen sein können, müssen die höheren Oberen oder ihre Beauftragten zur Ausarbeitung von Ordnungen im Einklang mit dem Konzilsdekret Christus Dominus beitragen.(178)

194. Die katholischen Studenten können an besonderen Kursen teilnehmen, die in Einrichtungen, auch in Seminaren, durch Christen anderer Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften im Einklang mit den generellen Kriterien zur ökumenischen Ausbildung katholischer Studenten und in Beachtung aller Normen erfolgen, die seitens der Synode der katholischen Ostkirchen oder der Bischofskonferenz festgesetzt wurden. Wenn eine Entscheidung darüber zu treffen ist, ob sie an besonderen Kursen teilnehmen sollen, so ist die Nützlichkeit des Kurses im Gesamtzusammenhang ihrer Ausbildung, die Fähigkeit und die ökumenische Haltung der Professoren, das Niveau der voraufgehenden Vorbereitung der Studenten selbst, ihre geistige und seelische Reife abzuwägen. Je mehr sich die Vorlesungen oder Kurse auf Lehrfragen beziehen, desto sorgfältiger ist die Zweckmäßigkeit einer Teilnahme der Studenten zu prüfen. Die Ausbildung der Studenten und die Entwicklung ihres ökumenischen Bewußtseins müssen stufenweise zur Reife gebracht werden.

Im zweiten und dritten Studienabschnitt und in den Seminarien

195. Nachdem die Studenten die grundlegende Ausbildung erhalten haben, können im zweiten und dritten Studienabschnitt und in den Seminarien Professoren anderer Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften zu Vorlesungen über die Lehrauffassungen ihrer jeweiligen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften eingeladen werden, um die ökumenische Bildung zu ergänzen, die die Studenten durch ihre eigenen Professoren bereits erhalten haben. Diese Professoren können auch Kurse „technischer“ Art geben, beispielsweise Sprachkurse, Kurse über soziale Kommunikation, Religionssoziologie usw. Bei der Aufstellung von Normen für diesen Bereich werden die Synoden der katholischen Ostkirchen und die Bischofskonferenzen dem Grad der Entwicklung der ökumenischen Bewegung in ihren Ländern sowie dem Stand der Beziehungen Rechnung tragen, die zwischen den Katholiken und den anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften bestehen.179 Sie setzen insbesondere fest, wie in ihrer Region die katholischen Kriterien anzuwenden sind, die sich auf die Qualifikation von Professoren, die Dauer ihrer Lehrtätigkeit und ihrer Verantwortung für den Inhalt von Kursen beziehen.180Sie geben auch Hinweise auf die Art, wie der Lehrstoff – der den katholischen Studenten in diesen Kursen vermittelt wird – in deren Gesamtprogramm integriert werden kann. Die eingeladenen Professoren sollen als „Gastdozenten“ bezeichnet werden. Wenn es erforderlich ist, richten die katholischen Institutionen Seminare oder Kurse ein, um die von Dozenten anderer Kirchen oder kirchlicher Gemeinschaften gehaltenen Vorlesungen in den Kontext einzuordnen. Wenn umgekehrt katholische Professoren eingeladen werden, um Vorträge in den Seminaren und theologischen Schulen anderer Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften zu halten, so richten sie sich gern nach den gleichen Bedingungen. Ein solcher Austausch von Professoren, der die Interessen einer jeden Kirche und kirchlichen Gemeinschaft hinsichtlich der grundlegenden theologischen Ausbildung ihrer eigenen Mitglieder beachtet – besonders derer, die berufen sind, ihre Amtsträger zu sein -, ist eine wirksame Form ökumenischer Zusammenarbeit und gibt ein gemeinsames Zeugnis, das dem christlichen Interesse eines authentischen Lehrens in der Kirche Christi entspricht.

In den höheren Instituten und in theologischer Forschung

196. Ein sehr weites Feld ökumenischer Zusammenarbeit eröffnet sich denen, die in der theologischen Forschung engagiert sind, und denen, die auf einer höheren Ebene lehren als in Seminarien oder im zweiten Studienabschnitt (vor dem Diplom). Die Reife der Teilnehmer (Forscher, Professoren, Studenten) und die bereits abgeschlossenen höheren Studien des Glaubens und der Theologie ihrer eigenen Kirche geben ihrer Zusammenarbeit eine Festigkeit und einen ganz besonderen Reichtum, wie man ihn noch nicht von denjenigen erwarten kann, die sich noch im zweiten Studienabschnitt oder in der Seminarausbildung befinden.

197. Auf der Ebene höherer Studien wird die Zusammenarbeit von Experten gewährleistet, die sich mit Fachleuten anderer Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften in der Forschung austauschen oder daran teilnehmen. Sie wird von ökumenischen Gruppen und Expertenvereinigungen vollzogen, die zu diesem Zweck bestimmt worden sind. Sie wird in besonderer Weise innerhalb der verschiedenen Formen von Beziehungen gewährleistet, die zwischen den Institutionen zum Studium der Theologie aufgenommen wurden, die verschiedenen Kirchen angehören. Solche Beziehungen und die durch sie geförderte Zusammenarbeit können dabei helfen, der gesamten Tätigkeit der teilnehmenden Institutionen einen ökumenischen Charakter zu verleihen. Sie können eine gemeinsame Ausstattung mit Personal sowie eine gemeinsame Nutzung von Bibliotheken, Kursen, Räumen und anderen Mitteln zum größten Vorteil für die Forscher, Professoren und Studenten vorsehen.

198. Die ökumenische Zusammenarbeit ist besonders im Interesse von Instituten angezeigt, die innerhalb bereits bestehender theologischer Fakultäten geschaffen wurden, um der Forschung und spezialisierten Ausbildung in ökumenischer Theologie oder der pastoralen Praxis des Ökumenismus zu dienen; sie ist auch für unabhängige Institute angebracht, die zu diesem Zweck eingerichtet wurden. Obwohl diese Letztgenannten einzelnen Kirchen oder kirchlichen Gemeinschaften gehören können, werden sie doch viel wirksamer sein, wenn sie aktiv mit ähnlichen Instituten zusammenarbeiten, die anderen Kirchen gehören. In ökumenischer Hinsicht wäre es nützlich, daß die ökumenischen Institute Mitglieder anderer Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften in ihrem Lehrkörper und unter den Studenten hätten.

199. Die Errichtung und Verwaltung solcher Einrichtungen und Strukturen zur ökumenischen Zusammenarbeit im Studium der Theologie müßten normalerweise denen anvertraut sein, die die entsprechenden Institutionen leiten sowie denen, die darin arbeiten und eine legitime akademische Freiheit genießen. Ihre ökumenische Wirksamkeit verlangt, daß sie in enger Zusammenarbeit mit den Autoritäten der Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften handeln, denen ihre Mitglieder angehören. Wenn das Institut, das an solchen Strukturen von Zusammenarbeit beteiligt wird, Teil einer theologischen Fakultät ist, die bereits zur katholischen Kirche gehört, oder wenn es seitens der Kirche als eine selbständige Einrichtung unter ihrer Autorität errichtet worden ist, so soll seine Beziehung zu den kirchlichen Autoritäten hinsichtlich der ökumenischen Aktivität in der Vereinbarung über die Zusammenarbeit festgelegt sein.

200. Die Interkonfessionellen Institute, die gemeinsam von bestimmten Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften geschaffen und verwaltet werden, sind in besonderer Weise wirksam, um Fragen gemeinsamen Interesses für alle Christen zu behandeln. Gemeinsame Studien über Angelegenheiten wie die missionarische Tätigkeit, die Beziehungen zu den nichtchristlichen Religionen, den Atheismus und Unglauben, den Gebrauch von sozialen Kommunikationsmitteln, Architektur und sakrale Kunst

und – im Bereich der Theologie – die Erklärung der Heiligen Schriften, die Heilsgeschichte und Pastoraltheologie, alle diese Studien können zur Lösung von Problemen und zur Annahme von Programmen beitragen, die sich für Fortschritte auf dem Weg zur Einheit der Christen eignen. Die Verantwortung dieser Institute gegenüber den Autoritäten der jeweiligen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften muß klar in den Statuten definiert sein.

201. Zum gemeinsamen Studium theologischer und pastoraler Fragen können Vereinigungen oder Institute durch Amtsträger der verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften eingerichtet werden. Unter der Leitung und mit Hilfe von Fachleuten verschiedener Bereiche diskutieren und analysieren diese Amtsträger gemeinsam die theoretischen und praktischen Gesichtspunkte ihres Dienstes – innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaften, in seiner ökumenischen Dimension und in seinem Beitrag zum gemeinsamen christlichen Zeugnis.

202. Das Feld von Studium und Forschung in Einrichtungen ökumenischer Aktivität und Zusammenarbeit kann sich auf die gesamte ökumenische Wirklichkeit erstrecken, oder es kann sich auf einzelne Fragen begrenzen, die gründlich studiert werden. Wenn sich Institute auf das Studium einer ökumenischen Disziplin spezialisieren (die orthodoxe Tradition, den Protestantismus, die Anglikanische Gemeinschaft, und auch die verschiedenen in Nr. 200 erwähnten Fragen), ist es wichtig, daß sie diese Disziplin im Zusammenhang mit der gesamten ökumenischen Bewegung und allen anderen Fragen behandeln, die damit zusammenhängen.

203. Die katholischen Institutionen werden ermutigt, Mitglieder von ökumenischen Vereinigungen zu werden, deren Bestimmung es ist, Fortschritte auf dem Gebiet theologischer Bildung zu erreichen, eine bessere Ausbildung derer zu gewährleisten, die sich auf den pastoralen Dienst vorbereiten, und eine bessere Zusammenarbeit zwischen den Einrichtungen höherer Bildung anzustreben. Sie sollen auch für Vorschläge offen sein, die heute mit zunehmender Häufigkeit von Autoritäten seitens staatlicher und nichtkonfessioneller Hochschulen eingebracht werden, zum Studium der Religion verschiedene, ihnen gehörende Institute zu verbinden. Die Zugehörigkeit zu solchen ökumenischen Vereinigungen und die Teilnahme an Lehrveranstaltungen von vereinigten Instituten müssen die legitime Autonomie der katholischen Institute beachten – auf den Gebieten des Studienprogramms, des Lehrinhalts und der spirituellen und priesterlichen Bildung von Studenten, die sich auf die Weihe vorbereiten.

Die pastorale Zusammenarbeit in besonderen Situationen

204. Während jede Kirche und kirchliche Gemeinschaft pastorale Sorge für ihre eigenen Mitglieder trägt, und während sie in unersetzbarer Weise durch Amtsträger ihrer eigenen örtlichen Gemeinschaften aufgebaut wird, gibt es dennoch gewisse Situationen, wo der religiöse Belang von Christen viel wirksamer gesichert werden kann, wenn die in der Pastoral Tätigen verschiedener Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften – Ordinierte oder Nichtordinierte – zusammenarbeiten. Diese Art ökumenischer Zusammenarbeit kann mit Erfolg von denen praktiziert werden, die in Krankenhäusern, Gefängnissen, in der Armee, in Universitäten und in den großen Industriekomplexen pastoral tätig sind. Sie ist in gleicher Weise wirksam, um christliche Präsenz in die Welt sozialer Kommunikationsmittel einzubringen. Diese speziellen ökumenischen Dienste müssen sorgfältig mit den örtlichen pastoralen Strukturen jeder Kirche koordiniert werden. Das wird viel leichter erreicht, wenn diese Strukturen selbst von ökumenischem Geist durchdrungen sind und wenn die ökumenische Zusammenarbeit mit den entsprechenden örtlichen Einheiten der anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften geschieht. Der liturgische Dienst, besonders derjenige der Eucharistie und der anderen Sakramente, muß in solchen Situationen der Zusammenarbeit entsprechend den Normen sichergestellt sein, die jede Kirche oder kirchliche Gemeinschaft für ihre Mitglieder festgesetzt hat; für die Katholiken finden sie sich in Kapitel IV dieses Direktoriums.

Die Zusammenarbeit in der missionarischen Tätigkeit

205. Das gemeinsame Zeugnis, das durch alle Formen ökumenischer Zusammenarbeit gegeben wird, ist bereits missionarisch. Die ökumenische Bewegung ist in der Tat bei vielen Gemeinschaften mit einer Neuentdeckung des missionarischen Wesens der Kirche einhergegangen.

Die ökumenische Zusammenarbeit zeigt der Welt, daß die an Christus Glaubenden und durch seinen Geist Lebenden Kinder Gottes geworden sind, der Vater aller ist, und daß sie mit Mut und Hoffnung anfangen können, die menschlichen Trennungen selbst in heiklen Fragen des Glaubens und religiöser Praxis zu überwinden. Die Trennungen, die unter den Christen bestehen, sind gewiß ein erhebliches Hindernis für eine erfolgreiche Verkündigung des Evangeliums.181 Aber die Anstrengungen, die gemacht wurden, um sie zu überwinden, tragen viel dazu bei, um den Skandal zu mindern und den Christen Glaubwürdigkeit zu verleihen, die verkünden, daß Christus es ist, in dem alle Menschen und Dinge zur Einheit zusammengefügt werden.

„Als Träger der Evangelisierung dürfen wir den an Christus Glaubenden nicht das Bild von zerstrittenen und durch Fronten getrennten Menschen geben, die in nichts auferbauen, sondern das Bild von im Glauben gereiften Menschen, die fähig sind, sich jenseits aller konkreten Spannungen in der gemeinsamen, aufrichtigen und lauteren Wahrheitssuche zu begegnen. Wirklich, das Schicksal der Evangelisierung ist mit aller Bestimmtheit an das von der Kirche gebotene Zeugnis der Einheit gebunden. Daraus ergibt sich Verantwortung, aber auch Trost.“(182)

206. Das ökumenische Zeugnis kann in der missionarischen Tätigkeit selbst gegeben werden. Für die Katholiken sind die Grundlagen ökumenischer Zusammenarbeit mit den anderen Christen in der Mission „das Fundament der Taufe und das uns gemeinsame Glaubenserbe“.183 Die anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, die ihre Gläubigen zum Glauben an den Erlöser Jesus Christus und zur Taufe im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes leiten, führen sie in die wirkliche, wenn auch unvollkommene Communio, die zwischen ihnen und der katholischen Kirche besteht. Die Katholiken möchten, daß alle, die zum christlichen Glauben gerufen sind, sich mit ihnen in der vollen Communio verbinden, die – ihrer Überzeugung nach – in der katholischen Kirche besteht; und doch anerkennen sie, daß nach der Vorsehung Gottes manche Christen ihr ganzes christliches Leben in Kirchen oder kirchlichen Gemeinschaften verbringen, die diese volle Communio nicht gewähren. Die Katholiken sollen sorgfältig den lebendigen Glauben der anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften achten, die das Evangelium predigen, und sie sollen sich darüber freuen, daß Gottes Gnade unter diesen wirksam ist.

207. Unter der Voraussetzung, daß es in anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften nichts Sektenhaftes oder bewußt Antikatholisches in ihrer Evangelisationstätigkeit gibt, können sich Katholiken mit ihnen in Organisationen und Programmen verbinden, die eine gemeinsame Stütze für die missionarischen Aktivitäten aller beteiligten Kirchen bieten. Ein besonderes Anliegen einer solchen Zusammenarbeit ist es, sicherzustellen, daß die menschlichen, kulturellen und politischen Faktoren, die in den ursprünglichen Spaltungen zwischen den Kirchen impliziert waren und die die geschichtliche Tradition der Trennung gekennzeichnet haben, nicht in die Gegenden übertragen werden, wo das Evangelium verkündet wird und wo Kirchen gegründet werden. Die von missionarischen Gemeinschaften zur Hilfe bei der Gründung und zum Wachstum neuer Kirchen Entsandten, sollen besonders sensibel für dieses Erfordernis sein. Die Bischöfe sollen dem ihre besondere Aufmerksamkeit widmen. Ihre Sache ist es, zu bestimmen, ob es notwendig wird, in besonderer Weise auf bestimmten Positionen der Lehre oder Moral zu bestehen, in denen sich die Katholiken von den anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften unterscheiden; umgekehrt können letztere es für nötig erachten, Gleiches im Blick auf den Katholizismus zu tun. Jedoch darf dies nicht in einem aggressiven oder sektenhaften Geist geschehen, sondern in Liebe und gegenseitigem Respekt.(184) Die neu zum Glauben Bekehrten sollen sorgfältig im ökumenischen Geist erzogen werden, so, „daß die Katholiken mit den von ihnen getrennten Brüdern gemäß den Richtlinien des Dekretes über den Ökumenismus brüderlich vor den Heiden zusammenarbeiten im gemeinsamen Bekenntnis des Glaubens an Gott und an Jesus Christus, soweit dieses vorhanden ist, ebenso im Zusammenwirken in sozialen und technischen sowie kulturellen und religiösen Dingen, wobei man jeden Anschein von Indifferentismus und Verwischung sowie ungesunder Rivalität vermeiden muß“.(185)

208. Die ökumenische Zusammenarbeit ist besonders notwendig in der Mission bei den entchristlichten Massen unserer heutigen Welt. Die Fähigkeit für die noch getrennten Christen, schon jetzt in den zentralen Wahrheiten des Evangeliums ein gemeinsames Zeugnis zu geben,(186) kann eine kräftige Einladung zu einer erneuten Wertschätzung des christlichen Glaubens in einer säkularisierten Gesellschaft sein. Eine gemeinsame Bewertung der Formen des Atheismus, der Säkularisation und des Materialismus, die in der Welt heute am Werk sind, und eine gemeinsame Art und Weise, sich mit ihnen zu beschäftigen, wären äußerst nützlich für die christliche Mission in der gegenwärtigen Welt.

209. Ein besonderer Platz soll der Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedern der verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften bei der stets nötigen Reflexion über den Sinn der christlichen Mission, über die Art, wie der Dialog über das Heil mit den Mitgliedern der anderen Religionen zu führen ist sowie über das allgemeine Problem der Beziehung der Verkündigung des Evangeliums von Christus zu den Kulturen und Denkformen der gegenwärtigen Welt eingeräumt werden.

Die ökumenische Zusammenarbeit im Dialog mit den anderen Religionen

210. In der Welt von heute gibt es in wachsendem Maße Kontakte zwischen Christen und Angehörigen anderer Religionen. Diese Kontakte unterscheiden sich radikal von denjenigen zwischen den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, welche die Herstellung der von Christus gewollten Einheit zwischen allen seinen Jüngern zum Ziel haben und die mit Recht als ökumenisch bezeichnet werden. Aber sie werden in Wirklichkeit von diesen letzteren tief beeinflußt, und sie beeinflussen ihrerseits umgekehrt die ökumenischen Beziehungen, durch welche die Christen den Grad der bereits zwischen ihnen existierenden Gemeinschaft vertiefen können. Diese Kontakte bilden einen wichtigen Teil der ökumenischen Zusammenarbeit. Das gilt besonders in bezug auf alles, was geschieht, um die besonders gearteten religiösen Beziehungen zwischen den Christen und dem jüdischen Volk zu entwickeln.

Für die Katholiken kommen die Richtlinien, die ihr Verhältnis zu den Juden betreffen, von der Kommission für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum; diejenigen für die Beziehung mit den Mitgliedern anderer Religionen kommen vom Päpstlichen Rat für den interreligiösen Dialog. Bei der Aufnahme religiöser Beziehungen mit den Juden sowie von Beziehungen zu Mitgliedern anderer Religionen, die gemäß eigenen Richtlinien erfolgen, können die Katholiken viele Gelegenheiten zur Zusammenarbeit mit den Mitgliedern von anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften finden. Es gibt zahlreiche Bereiche, in denen die Christen im Dialog und in gemeinsamem Handeln mit den Juden zusammenarbeiten können – beispielsweise bei der Bekämpfung des Antisemitismus, des religiösen Fanatismus und des Sektierertums. Die Zusammenarbeit mit anderen Glaubenden kann erfolgen: zur Würdigung religiöser Perspektiven hinsichtlich der Probleme von Gerechtigkeit und Frieden, zur Stärkung des Familienlebens, zur Achtung von Minderheiten; aber diese Zusammenarbeit kann auch geschehen, um den zahlreichen und neuen Problemen der Gegenwart zu begegnen. In diesen interreligiösen Kontakten können die Christen sich zusammen auf ihre gemeinsamen biblischen und theologischen Quellen berufen und so christliche Gesichtspunkte in diesen breiteren Kontext einbringen, in einer Weise, die zugleich die christliche Einheit fördert.

Die ökumenische Zusammenarbeit im sozialen und kulturellen Leben

211. Die katholische Kirche betrachtet die ökumenische Zusammenarbeit im sozialen und kulturellen Leben als einen wichtigen Aspekt des Mühens um Einheit. Das Dekret über den Ökumenismus betont, daß eine solche Zusammenarbeit deutlich das Band ausdrückt, das alle Getauften eint.(187) Deshalb ermutigt und unterstützt es sehr konkrete Formen der Zusammenarbeit:

„Diese Zusammenarbeit, die bei vielen Völkern schon besteht, muß mehr und mehr vervollkommnet werden, besonders in jenen Ländern, wo die soziale und technische Entwicklung erst im Werden ist. Das gilt sowohl für die Aufgabe, der menschlichen Person zu ihrer wahren Würde zu verhelfen, für die Forderung des Friedens, für die Anwendung des Evangeliums auf die sozialen Fragen, für die Pflege von Wissenschaft und Kunst aus christlichem Geiste, wie auch für die Bereitstellung von Heilmitteln aller Art gegen die Nöte unserer Zeit wie gegen Hunger und Katastrophen, gegen den Analphabetismus und die Armut, gegen die Wohnungsnot und die ungerechte Verteilung der Güter.“(188)

212. Allgemeines Prinzip ist, daß die ökumenische Zusammenarbeit im sozialen und kulturellen Leben im Gesamtzusammenhang des Strebens nach der Einheit der Christen verwirklicht werden muß. Wenn sie nicht mit anderen Formen des Ökumenismus verbunden ist, besonders mit dem Gebet und geistlichem Miteinander, kann sie sich leicht mit ideologischen oder bloß politischen Interessen vermengen und so zu einem Hindernis auf dem Weg zur Einheit werden. Wie all die anderen Formen des Ökumenismus muß sie durch den Ortsbischof überwacht werden oder durch die Synode der katholischen Ostkirchen oder durch die Bischofskonferenz.

213. Durch diese Zusammenarbeit können alle an Christus Glaubenden leicht lernen, sich gegenseitig besser kennenzulernen, einander mehr zu schätzen und den Weg zur Einheit der Christen zu bereiten.(189) Bei zahlreichen Gelegenheiten hat Papst Johannes Paul II. die Verpflichtung der katholischen Kirche zur ökumenischen Zusammenarbeit bestärkt.(190) Diese wurde ebenfalls in der gemeinsamen Erklärung von Kardinal Johannes Willebrands und Dr. Philip Potter, dem Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen, bei Gelegenheit des Besuchs des Heiligen Vaters am Hauptsitz des Ökumenischen Rats in Genf 1984 ausgedrückt.(191) In dieser Perspektive bietet das Ökumenische Direktorium einige Beispiele zur Zusammenarbeit auf verschiedenen Ebenen, ohne daß dabei Vollständigkeit angestrebt wäre.(192)

a) Die Zusammenarbeit im gemeinsamen Studium sozialer und ethischer Fragen

214. Die regionalen oder nationalen Bischofskonferenzen könnten in Zusammenarbeit mit anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften und auch den Kirchenräten Gruppen konstituieren, um christlichen oder grundlegenden menschlichen Werten gemeinsam Ausdruck zu geben.

Diese Art gemeinsamer Einsichten würde helfen, einen wichtigen Ausgangspunkt zu liefern, um Fragen sozialer und ethischer Natur in ökumenischer Weise zu erörtern; sie würde die moralische und soziale Dimension der bereits bestehenden, wenngleich noch nicht vollkommenen Gemeinschaft entwickeln, deren sich die Christen verschiedener Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften schon erfreuen.

Der Zweck einer gemeinsamen Studie dieser Art ist es, eine christliche Kultur zu fördern, eine „Zivilisation der Liebe“, den christlichen Humanismus, von dem Papst Paul VI. und Johannes Paul II. oft gesprochen haben. Um diese Kultur zu verwirklichen, müssen wir klar festlegen, welches die Werte sind, die sie konstituieren, und was diese bedroht. Darum ist es klar, daß eine solche Studie zum Beispiel eine Anerkennung des Wertes des Lebens, der Bedeutung der menschlichen Arbeit, der Fragen von Gerechtigkeit und Frieden, der Religionsfreiheit, der Menschenrechte und der Rechte auf Grund und Boden beinhalten wird. Sie wird auch die Faktoren zu beachten haben, die in der Gesellschaft die fundamentalen Werte bedrohen, zum Beispiel Armut, Rassismus, Mißbrauch aller Art, Terrorismus sowie alles, was das menschliche Leben in jeglicher Phase seiner Entwicklung bedroht. Die lange Tradition der Soziallehre der katholischen Kirche könnte in reichem Maß Richtlinien und Anregungen für diese Art der Zusammenarbeit liefern.

b) Die Zusammenarbeit auf dem Feld der Entwicklung, der Bedürfnisse der Menschen und der Bewahrung der Schöpfung

215. Es besteht eine innere Verbindung zwischen der Entwicklung, den Bedürfnissen der Menschen und der Bewahrung der Schöpfung. Die Erfahrung hat uns gelehrt, daß die Entwicklung im Interesse der wachsenden Bedürfnisse der Menschen die Güter der Erde nicht ohne schwerwiegende Folgen ausbeuten oder mißbrauchen kann.

Die verantwortliche Sorge für die Schöpfung hat ihre besondere Würde in sich, ist die Schöpfung doch durch den Schöpfer selbst allen Völkern zur Bewahrung anvertraut.193 Auf verschiedenen Ebenen werden die Katholiken ermutigt, sich an gemeinsamen Initiativen zum Studium und zur Bewältigung der Probleme zu beteiligen, welche die Würde der Schöpfung bedrohen und das ganze Menschengeschlecht gefährden. Andere Themen für solches Studium und solches Handeln könnten zum Beispiel gewisse Formen der rapiden Industrialisierung und der unkontrollierten Technologie einschließen, die eine Schädigung der natürlichen Umwelt verursachen und die schwerwiegende Folgen für das ökologische Gleichgewicht haben wie die Zerstörung der Wälder, die nuklearen Versuche und der unvernünftige oder schlechte Gebrauch der Güter der Erde – seien sie erneuerbar oder nicht. Ein wichtiger Aspekt gemeinsamen Handelns auf diesem Gebiet besteht darin, die Menschen zu lehren, diese Güter zweckmäßig zu gebrauchen, planmäßig anzuwenden und dabei die Schöpfung zu bewahren.

Das Gebiet der Entwicklung, das hauptsächlich eine Antwort auf die Bedürfnisse der Menschen ist, bietet verschiedene Möglichkeiten zur Zusammenarbeit zwischen der katholischen Kirche und den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften auf regionaler, nationaler und örtlicher Ebene. Eine derartige Zusammenarbeit würde unter anderem einschließen: Den Einsatz für eine gerechtere Gesellschaft, für den Frieden, für die Förderung der Rechte und Würde der Frau und für eine gleichmäßigere Verteilung der Güter der Erde. In diesem Sinne wäre es möglich, einen gemeinsamen Dienst an den Armen, Kranken, Behinderten, an den älteren Menschen und an denen zu leisten, die unter den ungerechten „Strukturen der Sünde“ leiden.194 Die Zusammenarbeit auf diesem Gebiet ist besonders dort zu empfehlen, wo eine starke Bevölkerungsdichte mit schwerwiegenden Folgen für Wohnung, Ernährung, Wasser, Kleidung, Hygiene und ärztliche Versorgung besteht. Ein wichtiger Aspekt der Zusammenarbeit auf diesem Gebiet ist die Beschäftigung mit den Problemen von Auswanderern, Flüchtlingen und Opfern von Naturkatastrophen. In dringenden Fällen von weltweitem Ausmaß empfiehlt die katholische Kirche den gemeinsamen Einsatz von Mitteln und Diensten mit internationalen Organen von Kirchen um der Effektivität und der Kosten willen. Sie rät auch zur ökumenischen Zusammenarbeit mit übernationalen Organisationen, die auf diesem Gebiet spezialisiert sind.

c) Die Zusammenarbeit auf medizinischem Gebiet

216. Das gesamte Feld der Gesundheit bildet ein sehr wichtiges Gebiet für ökumenische Zusammenarbeit. In manchen Ländern ist die ökumenische Zusammenarbeit der Kirchen in Gesundheitsprogrammen lebenswichtig, um angemessene Hilfen sicherzustellen. In zunehmendem Maße bringt die Zusammenarbeit auf diesem Gebiet – sei es hinsichtlich der Forschung oder der Sorge für die Gesundheit selbst – Probleme medizinischer Ethik mit sich, die zugleich eine Herausforderung und eine Gelegenheit für ökumenische Zusammenarbeit bilden. Die im Voraufgegangenen erwähnte Pflicht zur Feststellung der fundamentalen Werte, die integrale Teile christlichen Lebens sind, wiegt besonders schwer im Blick auf die rapide Entwicklung in Bereichen wie zum Beispiel der Gentechnik. In diesem Zusammenhang sind die Hinweise des Dokuments von 1975 über die „ökumenische Zusammenarbeit“ besonders zutreffend: „Ganz besonders, wenn ethische Normen dabei ins Spiel kommen, muß der Standpunkt der Lehre der Katholischen Kirche mit Klarheit vorgetragenwerden, wobei die Schwierigkeiten für die ökumenische Zusammenarbeit, die daraus resultieren können, in aller Aufrichtigkeit und Loyalität gegenüber der katholischen Lehre in Anschlag zu bringen sind.“195

d) Die Zusammenarbeit in den sozialen Kommunikationsmitteln

217. Auf diesem Gebiet ist es möglich, im Verständnis des Wesens der modernen Medien zusammenzuarbeiten, besonders hinsichtlich der Herausforderung, die sie für die Christen heute bilden. Die Zusammenarbeit könnte sich darauf richten, gemeinsam nach Wegen zu suchen, um die christlichen Prinzipien in den Medien zur Geltung zu bringen, gemeinsam die Probleme zu studieren, die in diesem Bereich bestehen, und die Menschen zum kritischen Gebrauch von Medien zu erziehen. Die interkonfessionellen Gruppen können insbesondere wirksam sein als beratende Ausschüsse für die öffentlichen Medien, vor allem, wenn es sich um religiöse Angelegenheiten handelt. Sie können in besonderer Weise nützlich sein in den Ländern, wo die Mehrheit der Zuschauer, Zuhörer oder Leser einer einzigen Kirche oder kirchlichen Gemeinschaft angehört. „Diese Zusammenarbeit kann auf vielfachen Wegen in die Praxis umgesetzt werden. Einiges, was sich schon jetzt in Angriff nehmen läßt, sei genannt: Zusammenarbeit bei Hörfunk- und Fernsehsendungen, bei Produktionen mit bildendem Wert für Eltern und Jugendliche; ferner Kongresse und Tagungen zur Begegnung zwischen Publikum und Kommunikatoren, die Stiftung von Preisen für hervorragende Arbeiten, gemeinsame Untersuchungen der theoretischen und angewandten Forschung. All dies dient dem Ziel, die Kommunikationsmittel mit einem Höchstmaß an Einsicht zu gebrauchen, ihre Mitarbeiter bestens auszubilden.“(196) Dort, wo die interkonfessionellen Strukturen bereits bestehen – und zwar mit voller katholischer Beteiligung -, müßten sie besonders für den Gebrauch des Rundfunks, des Fernsehens, für die publizistische und die audio-visuelle Tätigkeit verstärkt werden. Nötig ist auch, daß jeder beteiligte Organismus die Möglichkeit hat, über seine eigene Lehre und sein konkretes Leben zu sprechen.(197)

218. Manchmal kann es wichtig sein, in wechselseitiger Zusammenarbeit tätig zu werden, sei es durch die Teilnahme katholischer Gesprächspartner an den Initiativen von anderen Kirchen oder kirchlichen Gemeinschaften, sei es durch umgekehrte Teilnahme. Die ökumenische Zusammenarbeit könnte einen Austausch zwischen internationalen katholischen Organisationen und den Organisationen der Kommunikation von anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften umfassen (wie zum Beispiel für die Feier des Welttages der sozialen Kommunikationsmittel). Der gemeinsame Gebrauch von Satelliten und von Kabelfernsehen kann ein Beispiel ökumenischer Zusammenarbeit liefern.198 Es ist klar, daß diese Weise der Zusammenarbeit sich auf regionalem Gebiet in Verbindung mit den ökumenischen Kommissionen verwirklichen muß und auf internationaler Ebene mit dem Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen. Die Ausbildung katholischer Mitarbeiter in der Kommunikation muß eine gediegene ökumenische Vorbereitung einschließen.

* * *

Seine Heiligkeit Papst Johannes Paul II. hat dieses Direktorium am 25. März 1993 approbiert, aufgrund seiner Autorität bestätigt und seine Veröffentlichung angeordnet. Dadurch sind alle entgegenstehenden Bestimmungen aufgehoben.

Kardinal Edward Idris Cassidy
Präsident

+ Pierre Duprey
Titularbischof von Thibar
Sekretär


1) Sekretariat zur Förderung der Einheit der Christen, Ökumenisches Direktorium, Erster Teil, Bonifatius-Verlag, Paderborn 1967 (und Paulinus-Verlag, Trier 1967), und Zweiter Teil, Bonifatius-Verlag, Paderborn 1970 (und Paulinus-Verlag, Trier 1970). Lateinischer Urtext des 1. Teiles: AAS (1967) 574-592, des 2. Teiles: AAS (1970) 705-724.

2) Ansprache von Papst Johannes Paul II. an die Vollversammlung des genannten Sekretariates vom 6. Februar 1988: AAS (1988) 1203.

3) Unter ihnen sind: Motu Proprio über die rechtliche Ordnung der Mischehe, Paulinus-Verlag, Trier 1970 (und Benno-Verlag, Leipzig 1974). Sekretariat zur Förderung der Einheit der Christen, Erwägungen und Hinweise zum ökumenischen Dialog vom 15. August 1970, Paulinus-Verlag, Trier 1971 (und Benno-Verlag, Leipzig 1970). Sekretariat zur Förderung der Einheit der Christen, Instruktion über die Zulassung zur Kommunion in besonderen Fällen, Paulinus-Verlag, Trier 1975, und Sekretariat zur Förderung der Einheit der Christen,Erklärung zu einigen Auslegungen der Instruktion, ebd. Sekretariat zur Förderung der Einheit der Christen, Die ökumenische Zusammenarbeit auf regionaler, nationaler und örtlicher Ebene: Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls, Nr. 27 (1975 und 21980), hrsg. vom Sekretariat der DBK. Apostolisches Schreiben über die Evangelisierung in der Welt von heute: Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls, Nr. 2 (8. 12. 1975), hrsg. vom Sekretariat der DBK. Apostolische Konstitution „Sapientia Christiana“ über die kirchlichen Universitäten und Fakultäten, ebd. Nr. 9. Apostolisches Schreiben „Catechesi Tradendae“ über die Katechese in unserer Zeit, ebd. Nr. 12. Schlußdokument der Außerordentlichen Bischofssynode 1985, ebd. Nr. 68.

4) AAS 1988, 1204.

5) Vgl. CIC, can. 755; CCEO (Codex Canonum Ecclesiarum Orientalium, Das Ostkirchenrecht), can. 902 und 904, § 1. In diesem Direktorium wird das Adjektiv „katholisch“ auf die Gläubigen und Kirchen bezogen, die in voller Gemeinschaft mit dem Bischof von Rom stehen.

6) Vgl. unten Nr. 35 und 36.

7) Die Apostolische Konstitution „Pastor Bonus“ über die römische Kurie vom 28. Juni 1988 sagt dazu folgendes:

Art. 135. Der Rat hat die Aufgabe, sich durch angemessene Initiativen und Tätigkeiten der ökumenischen Arbeit zu widmen, um die Einheit unter den Christen wiederherzustellen.

Art. 136, Par. 1. Er sorgt dafür, daß die Dekrete des Zweiten Vatikanischen Konzils über den Ökumenismus in die Praxis überführt werden. Er behandelt die richtige Auslegung der Prinzipien über den Ökumenismus und gibt Anweisungen zu deren Durchführung. § 2. Nationale wie internationale katholische Organisationen, die die Einheit der Christen fördern, unterstützt, sammelt und koordiniert er und beaufsichtigt ihre Initiativen. § 3. Nach vorheriger Rücksprache mit dem Papst sorgt er für die Beziehungen zu den Brüdern in den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, die die volle Gemeinschaft mit der katholischen Kirche noch nicht haben und ruft insbesondere den Dialog und Gespräche zur Förderung der Einheit mit ihnen ins Leben; dabei helfen Fachleute, die in der theologischen Lehre recht unterwiesen sind. Er bestimmt die katholischen Beobachter für die Zusammenkünfte von Christen und lädt zu Treffen von Katholiken Beobachter anderer Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften ein, so oft das angemessen erscheint.

8) 8 Wenn nichts anderes angegeben ist, wird der Ausdruck „Teilkirche“ in diesem Direktorium benutzt, um eine Diözese, eine Eparchie oder einen gleichwertigen Sprengel zu bezeichnen.

9) Joh 17,21; vgl. Eph 4,4.

10) Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution „Lumen Gentium“ (LG) 1.

11) Vgl. LG 1-4 und das Konzilsdekret über den Ökumenismus „Unitatis Redintegratio“ (UR) 2.

12) Vgl. UR 2.

13) Vgl. LG 2 und 5.

14) UR 2, vgl. Eph 4,12.

15) Vgl. LG, Kap. 3.

16) Vgl. Apg 2,42.

17) 17 Vgl. den Schlußbericht der Außerordentlichen Bischofssynode von 1985: „Die Communio-Ekklesiologie ist die zentrale und grundlegende Idee der Konzilsdokumente“ (II., C.1). Vgl. die Kongregation für die Glaubenslehre, Schreiben an die Bischöfe der katholischen Kirche über einige Aspekte der Kirche als Communio (28. Mai 1992): Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls, Nr. 107 (S. 13), hrsg. vom Sekretariat der DBK.

18) Vgl. LG 14.

19) Dekret des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Hirtenaufgabe der Bischöfe „Christus Dominus“ (CD) 11.

20) Vgl. LG 22

21) Joh 17,21.

22) LG 8.

23) LG 9.

24) Vgl. UR 3 und 13.

25) Vgl. UR 3: „…da es zwischen ihnen (die an Christus glauben) und der katholischen Kirche sowohl in der Lehre und bisweilen auch in der Disziplin wie auch bezüglich der Struktur der Kirche Diskrepanzen verschiedener Art gibt, so stehen sicherlich nicht wenige Hindernisse der vollen kirchlichen Gemeinschaft entgegen, bisweilen recht schwerwiegende, um deren Überwindung die ökumenische Bewegung bemüht ist …“ Solche Divergenzen üben weiterhin ihren Einfluß aus und rufen manchmal neue Spaltungen hervor.

26) UR 3.

27) UR 4.

28) Vgl. UR 14-18. Der Ausdruck „orthodox“ wird im allgemeinen gebraucht für die orientalischen Kirchen, die die Entscheidungen der Konzilien von Ephesus und Chalcedon angenommen haben. Dennoch wird neuerdings der Begriff aus historischen Gründen auch gebraucht für die Kirchen, die nicht die Dogmen der zwei genannten Konzile angenommen haben (vgl. UR 13). Um Verwirrung zu vermeiden, wird der Allgemeinbegriff „Orientalische Kirchen“ in diesem Direktorium gebraucht, um alle Kirchen unterschiedlicher orientalischer Traditionen zu bezeichnen, die sich nicht in der vollen Gemeinschaft mit der Kirche von Rom befinden.

29) Vgl. UR 21-23.

30) Ebd. 3.

31) Ebd. 4.

32) UR 2; LG 14; CIC, can. 205 und CCEO, can. 8.

33) Vgl. UR 4 und 15-16.

34) Schlußbericht der Außerordentlichen Bischofssynode (1985), II.C.7 (vgl. oben Anm. 3).

35) Vgl. Joh 17,21.

36) Vgl. Röm 8,26-27.

37) Vgl. UR 5.

38) Vgl. unten Nr. 92-101.

39) Wenn in diesem Direktorium vom „Ortsordinarius“ gesprochen wird, bezieht sich das ebenfalls auf die entsprechenden Hierarchen der Orientalischen Kirchen, gemäß der Terminologie des Ostkirchenrechts (CCEO).

40) Unter den Synoden der orientalischen katholischen Kirchen versteht man, wie im Ostkirchenrecht (CCEO) vorgesehen, die leitende Autorität dieser Kirchen eigenen Rechts.

41) Vgl. die Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils „Dignitatis Humanae“ (DH) über die Religionsfreiheit, Nr. 4: „… man muß sich (jedoch) bei der Verbreitung des religiösen Glaubens und bei der Einführung von Gebräuchen allzeit jeder Art der Betätigung enthalten, die den Anschein erweckt, als handele es sich um Zwang oder um unehrenhafte oder ungehörige Überredung, besonders wenn es weniger Gebildete oder Arme betrifft…“ Gleichzeitig muß man mit dieser Erklärung bekräftigen, „… auch haben die religiösen Gemeinschaften das Recht, keine Behinderung bei der öffentlichen Lehre und Bezeugung ihres Glaubens in Wort und Schrift zu erfahren…“ (ebd.).

42) Vgl. UR 9-12; 16-18.

43) UR 8.

44) 1 Kor 13,7.

45) Vgl. UR 3.

46) Vgl. LG 23; CD 11; CIC, can. 383, Par. 3 und CCEO, can. 192, Par. 2.

47) Vgl. CIC, can. 755, Par. 1; CCEO, can. 902 und 904, Par. 1.

48) Vgl. CIC, can. 216 und 212; CCEO, can. 19 und 15.

49) Vgl. Sects and New Religious Movement: Pastoral Challenge; an interim Report based on the responses (about 75) and the documentation received up until the 30th of October, 1985 from regional or national Episcopal Conferences. Secretariat for Christian Unity, 1986, Information Service n. 61, p. 144-154.

50) Vgl. unten Nr. 166-171.

51) UR 4.

52) Vgl. CCEO, can. 904, Par. 1 und CIC, can. 755, Par. 2.

53) Vgl. UR 9 und 11; vgl. auch: Sekretariat zur Förderung der Einheit der Christen,Erwägungen und Hinweise zum ökumenischen Dialog vom 15. August 1970, vgl. oben Anm. 3.

54) Vgl. UR 12; Dekret des Zweiten Vatikanischen Konzils „Ad Gentes“ (AG) über die Missionstätigkeit der Kirche, Nr. 12; Sekretariat zur Förderung der Einheit der Christen, Die ökumenische Zusammenarbeit auf regionaler, nationaler und örtlicher Ebene…, vgl. oben Anm. 3.

55) Vgl. UR 5.

56) AG 15; vgl. ebd. 5 und 29; vgl. Apostolisches Schreiben „Evangelii Nuntiandi„: Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls, Nr. 2, hrsg. vom Sekretariat der DBK, Nr. 23, 28 und 77; vgl. auch unten Nr. 205-209.

57) UR 5.

58) Vgl. UR 7.

59) UR 6.

60) Ambrosiaster, PL 17, 245.

61) Vgl. CIC, can. 209, Par. 1 und CCEO, can. 12, Par. 1.

62) Dogmatische Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils „Dei Verbum“ (DV) 21.

63) Vgl. UR 21.

64) Evangelii Nuntiandi, Nr. 77.

65) Vgl. UR 11; AG 15. Zu diesen Überlegungen vgl. Kongregation für den Klerus,Allgemeines Katechetisches Direktorium: AAS 64 (1972) 110-118, Nr. 27 und 43; vgl. auch unten Nr. 75 und 176.

66) Vgl. UR 3-4.

67) Vgl. Apostolisches Schreiben „Catechesi Tradendae“ (vgl. oben Anm. 3), Nr. 3 undCCEO, can. 625.

68) Vgl. Catechesi Tradendae, Nr. 32.

69) Ebd.

70) Vgl. UR 6 und Dogmatische Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils „Gaudium et Spes“ (GS) 62.

71) Bezüglich der ökumenischen Zusammenarbeit im Bereich der Katechese vgl. Catechesi Tradendae, Nr. 33 und unten Nr. 188-190.

72) Zweites Vatikanisches Konzil, Konstitution über die heilige Liturgie „Sacrosanctum Concilium“ (SC) 14.

73) Ebd. 2.

74) UR 2

75) SC 48.

76) UR 8.

77) Ebd. 7.

78) Vgl. LG 15 und UR 3.

79) Vgl. unten Nr. 102-142.

80) Vgl. unten Nr. 161-218.

81) LG 11.

82) Vgl. Apostolisches Schreiben „Evangelii Nuntiandi“ (vgl. oben Anm. 56), Nr. 71; vgl. auch unten Nr. 143-160.

83) Apostolisches Schreiben „Familiaris Consortio“ über die Aufgaben der christlichen Familie in der Welt von heute (1981), Nr. 78: Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls, Nr. 33, hrsg. vom Sekretariat der DBK.

84) Vgl. CIC, can. 529, Par. 2.

85) Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Erklärung „Gravissimum Educationis“ über die christliche Erziehung, Nr. 6-9.

86) Vgl. LG 31.

87) UR 24.

88) Vgl. GS 62, 2; UR 6; Mysterium Ecclesiae 5 (Erklärung „Mysterium Ecclesiae“ zur Lehre über die Kirche: Nachkonziliare Dokumentation Bd. 43, Paulinus-Verlag, Trier 1975).

89) AAS (1973) 402-404.

90) Ökumenisches Direktorium (1970): AAS (1970) 705-724 (Nr. 70).

91) Vgl. Mysterium Ecclesiae 4, vgl. auch Nr. 61a und 176 dieses Direktoriums.

92) UR 10; vgl. CIC, can. 256 Par. 2; CCEO, can. 350, Par. 4 und 352, Par. 3.

93) Vgl. UR 14-17.

94) Vgl. UR, Kap. 1.

95) Ebd., Kap. 3.

96) Vgl. oben Nr. 76-80.

97) Vgl. unten Nr. 194-195.

98) Vgl. unten Nr. 192-194.

99) Zweites Vatikanisches Konzil, Dekret „Perfectae Caritatis“ (PC) über die zeitgemäße Erneuerung des Ordenslebens, Nr. 2.

100) Vgl. unten Nr. 50-51.

101) Vgl. Apostolische Konstitution „Sapientia Christiana“ über die kirchlichen Universitäten, Durchführungsverordnungen der Kongregation für das katholische Bildungswesen, Art. 51, 1.b; vgl. Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls, Nr. 9, hrsg. vom Sekretariat der DBK.

102) Sapientia Christiana, Nr. 69.

103) Vgl. UR 22.

104) Ebd.

105) Bezüglich aller Christen muß man dem Risiko der Ungültigkeit Rechnung tragen, falls die Taufe durch Besprengen, besonders bei mehreren Täuflingen, gespendet wird.

106) Vgl. Sekretariat zur Förderung der Einheit der Christen, Ökumenisches Direktorium, Erster Teil (1967), 2. Kap.

107) Vgl. CIC, can. 874, Par. 2. Gemäß der Erklärung in den Acta Commissionis(Communicationes 5, 1983, S. 182) schließt der Ausdruck „kirchliche Gemeinschaft“ nicht die orientalischen Kirchen ein, die nicht in voller Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen („Notatur insuper Ecclesias Orientales Orthodoxas in schemate sub nomine communitatis ecclesialis non venire“).

108) Vgl. Ökumenisches Direktorium, Erster Teil (1967), Nr. 48.

109) Vgl. UR 4 und CCEO, can. 896-901.

110) Vgl. UR 4.

111) Vgl. CIC, can. 869, Par. 2, und oben Nr. 95.

112) Vgl. CIC, can. 869, Par. 1 und 3.

113) Vgl. UR 8.

114) Vgl. UR 3 und 8; unten Nr. 116.

115) Vgl. LG 8; UR 4.

116) Vgl. UR 3.

117) Vgl. ebd. 3, 15, 22.

118) Vgl. CIC, can. 908 und CCEO, can. 702.

119) Vgl. UR 8.

120) Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Konstitution über die heilige Liturgie (SC) 106.

121) Vgl. CCEO, can. 881, Par. 1 und CIC, can. 1247.

122) Vgl. CIC, can. 1247 und CCEO, can. 881, Par. 1.

123) Vgl. CIC, can. 1183, Par. 3 und CCEO, can. 876, Par. 1.

124) Vgl. CIC, can. 1184 und CCEO, can. 887.

125) Vgl. UR 14.

126) Ebd. 15.

127) Ebd.

128) Vgl. CIC, can. 844, Par. 2 und CCEO, can. 671, Par. 2.

129) Vgl. CIC, can. 844, Par. 3 und CCEO, can. 671, Par. 3 und vgl. oben Nr. 108.

130) Vgl. CIC, can. 840 und CCEO, can. 667.

131) Vgl. UR 3.

132) UR 22.

133) Vgl. UR 8; CIC, can. 844, Par. 1 und CCEO, can. 671, Par. 1.

134) Vgl. CIC, can. 844, Par. 4 und CCEO, can. 671, Par. 4.

135) Für die Festsetzung dieser Normen wird man sich auf folgende Dokumente beziehen: Sekretariat zur Förderung der Einheit der Christen, Instruktion über die Zulassung zur Kommunion in besonderen Fällen (1972) und Erklärung zu einigen Auslegungen der Instruktion (1973), zu beiden vgl. oben Anm. 3.

136) Vgl. CIC, can. 844, Par. 5 und CCEO, can. 671, Par. 5.

137) Vgl. CIC, can. 844, Par. 4 und CCEO, can. 671, Par. 4.

138) Vgl. CIC, can. 767 und CCEO, can. 614, Par. 4.

139) Vgl. CIC, can. 1124 und CCEO, can. 813.

140) Vgl. Apostolisches Schreiben „Familiaris Consortio“ über die Aufgaben der christlichen Familie … (1981): Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls, Nr. 33, hrsg. vom Sekretariat der DBK, Nr. 78.

141) Vgl. UR 3.

142) Vgl. CIC, can. 1125, 1126 und CCEO, can. 814, 815.

143) Vgl. CIC, can. 1366 und CCEO, can. 1439.

144) Vgl. UR 15.

145) Vgl. CIC, can. 1127 und CCEO, can. 834, Par. 2.

146) Vgl. CIC, can. 1127, Par. 1 und CCEO, can. 834, Par. 1.

147) Vgl. CCEO, can. 835.

148) Vgl. CIC, can. 1127, Par. 2.

149) Vgl. CIC, can. 1127, Par. 2.

150) Vgl. CIC, can. 1127, Par. 3 und CCEO, can. 839.

151) Rituale Romanum, Ordo celebrandi Matrimonium, Nr. 8 (Vatikan 1972); vgl. „Die Feier der Trauung …“ 2. Aufl. (Freiburg 1992) S. 17, Nr. 36.

152) Vgl. oben Nr. 125.

153) Vgl. oben Nr. 130-132.

154) Vgl. oben Nr. 125, 130 und 131.

155) Vgl. oben Nr. 132.

156) UR 12.

157) Enzyklika „Redemptor Hominis“ (1979): Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls Nr. 6, hrsg. vom Sekretariat der DBK, Nr. 12.

158) Im allgemeinen muß der Ausdruck „Kirche“ in diesem Kontext eher im soziologischen und nicht im streng theologischen Sinn verstanden werden.

159) Sekretariat zur Förderung der Einheit der Christen, Die ökumenische Zusammenarbeit auf regionaler, nationaler und örtlicher Ebene, Nr. 4 A.c, (vgl. oben Anm. 3).

160) Die Bischofskonferenzen und die Synoden der katholischen Ostkirchen werden dafür Sorge tragen, daß keine Genehmigung gegeben wird zur katholischen Mitgliedschaft in den Kirchenräten, in denen solche Gruppen mitarbeiten, die nicht tatsächlich als kirchliche Gemeinschaft betrachtet werden.

161) Vgl. UR 9.

162) Vgl. UR 11.

163) Sekretariat zur Förderung der Einheit der Christen, Erwägungen und Hinweise zum ökumenischen Dialog (vgl. oben Anm. 3), Nr. IV, 4b; vgl. auch UR 11 und Mysterium Ecclesiae (vgl. oben Anm. 88), 4; vgl. ebenfalls Nr. 63a, 75, 76 und 181 dieses Dokuments.

164) Vgl. 1 Thess 2,13.

165) Jud 3.

166) Vgl. LG 12.

167) Ebd.

168) Vgl. UR 6 und GS 62.

169) Vgl. UR 11.

170) Vgl. DV, Kap. 6.

171) UR 21.

172) Vgl. CIC, can. 825, Par. 2 und CCEO, can. 655, Par. 1.

173) Überarbeitete Fassung 1987 des Dokumentes von 1968. Englischer Text vgl. Secretariat for Promoting Christian Unity, Information Service, Nr. 65 (1987) 105-108.

174) Im Einklang mit den Normen des CIC, can. 875-827, und des Dekrets der Glaubenskongregation „Ecclesiae pastorum“ (De ecclesiae pastorum vigilantia circa libros [19. März 1975]): AAS (1975) 281-284.

175) Catechesi Tradendae, Nr. 33 (vgl. oben Anm. 3).

176) Vgl. UR 10-11.

177) Vgl. oben Nr. 70; auch das Rundschreiben des Sekretariats zur Förderung der Einheit der Christen an die Bischöfe über gewisse Aspekte ökumenischen Lehrens, Nr. 6, englischer Text in Information Service, Nr. 62 (1986) 197.

178) Vgl. Nr. 35, 5-6.

179) Vgl. das in Anm. 177 genannte Rundschreiben, Nr. 10d.

180) Ebd.

181) Vgl. UR 1.

182) Evangelii Nuntiandi, Nr. 77 (vgl. oben Anm. 56).

183) Ebd.

184) Vgl. AG 6.

185) AG 15.

186) Vgl. Enzyklika „Redemptor Hominis“ (1979): Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls, Nr. 6, hrsg. vom Sekretariat der DBK, Nr. 11.

187) Vgl. UR 12.

188) UR 12.

189) Vgl. UR 12.

190) AAS (1985) 1148-1159; vgl. auch Apostolisches Schreiben „Sollicitudo Rei Socialis„, Nr. 32.

191) Vgl. Information Service, Nr. 55 (1984) 42-43.

192) Die ökumenische Zusammenarbeit auf regionaler … Ebene (1975), vgl. oben Anm. 3.

193) Vgl. Redemptor hominis, Nr. 8, 15, 16; Sollicitudo Rei Socialis, Nr. 26, 34.

194) Sollicitudo Rei Socialis, Nr. 36.

195) Die ökumenische Zusammenarbeit auf regionaler … Ebene, Nr. 3g.

196) Pastoralinstruktion „Communio et Progressio„, Nr. 99: AAS (1971) 593-656, Nachkonziliare Dokumentation 11, Trier 1971.

197) Die ökumenische Zusammenarbeit auf regionaler … Ebene, Nr. 3f.

198) Vgl. Päpstlicher Rat für die sozialen Kommunikationsmittel, Kriterien der ökumenischen und interreligiösen Zusammenarbeit in den Kommunikationsmedien (1989), Nr. 11 und 14.

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Quelle

 

Botschaft an das Volk Gottes der XII. ordentlichen Vollversammlung der Bischofssynode – 24. Oktober 2008

Bischofssynode

XII. Ordentliche Bischofssynode, Rom

Frieden sei mit den Brüdern und Schwestern,

„Liebe und Glaube von Gott, dem Vater, und Jesus Christus,
dem Herrn. Gnade und unvergängliches Leben sei mit allen, die Jesus Christus, unseren Herrn lieben“. Mit diesem innigen und leidenschaftlichen Gruß schloss der hl. Paulus seinen Brief an die Epheser (6, 23-24). Mit eben diesen Worten beginnen wir Synodenväter, die wir zur XII. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode in Rom unter der Leitung des Heiligen Vaters Benedikt XVI. versammelt sind unsere Botschaft, die an den unermesslichen Horizont all derer gerichtet ist, die in den verschiedenen Regionen der Welt Christus als Jünger nachfolgen und fortfahren, ihn mit unerschütterlicher Liebe zu lieben.
Ihnen stellen wir erneut die Stimme und das Licht des Wort Gottes vor und wiederholen den alten Aufruf: „Das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten“ (Dtn 30, 14). Und Gott selbst wird zu jedem sagen: „Menschensohn, nimm alle meine Worte, die ich dir sage, mit deinem Herzen auf, und höre mit deinen Ohren“ (Ez 3, 10). Allen schlagen wir jetzt eine geistige Reise vor, die sich in drei Etappen vollzieht und von der Ewigkeit und Unendlichkeit Gottes in unsere Wohnstätten und entlang der Straßen unserer Städte führen wird.

I.

DIE STIMME DES WORTES:
DIE OFFENBARUNG

1. „Der Herr sprach zu euch mitten aus dem Feuer. Ihr hörtet den Donner der Worte. Eine Gestalt habt ihr nicht gesehen. Ihr habt nur den Donner gehört“ (Dt 4, 12). Und Moses, der spricht, spielt auf die Erfahrung an, die Israel in der herben Einsamkeit der Wüste Sinai gemacht hat. Der Herr hatte sich nicht als Bild oder Darstellung oder als Statue gezeigt, ähnlich wie das goldene Kalb, sondern als “Donner der Worte”. Es ist eine Stimme, die zu Beginn der Schöpfung in Erscheinung getreten war, als sie das Schweigen des Nichts zerriss: „Im Anfang … sprach Gott: Es werde Licht! Und es wurde Licht … Im Anfang war das Wort … und das Wort war Gott … Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist“ (Gen 1, 1.3; Joh 1, 1.3).
Die Schöpfung entsteht nicht aus einem Kampf zwischen Gottheiten – wie die antike mesopotamische Mythologie lehrte – sondern aus einem Wort, das das Nichts besiegt und das Sein erschafft. Der Psalmist singt: „Durch das Wort des Herrn wurden die Himmel geschaffen, ihr ganzes Heer durch den Hauch seines Mundes … Denn der Herr sprach, und sogleich geschah es; er gebot, und alles war da“ (Ps 33, 6.9). Und der hl. Paulus wird wiederholen: „Gott ist es, der die Toten lebendig macht und das, was nicht ist, ins Dasein ruft“ (Röm 4, 17). So gibt es eine erste “kosmische” Offenbarung, die die Schöpfung einem vor der gesamten Menschheit aufgeschlagenen Buch ähnlich erscheinen lässt, die in ihm eine Botschaft des Schöpfers lesen kann: „Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes, vom Werk seiner Hände kündet das Firmament. Ein Tag sagt es dem andern, eine Nacht tut es der anderen kund, ohne Worte und ohne Reden, unhörbar bleibt ihre Stimme. Doch ihre Botschaft geht in die ganze Welt hinaus, ihre Kunde bis zu den Enden der Erde“ (Ps 19, 2-5).

2. Das göttliche Wort steht jedoch auch am Ursprung der menschlichen Geschichte. Der Mann und die Frau, die „das Bild Gottes und ihm ähnlich“ sind (Gen 1, 27) und die also in sich das Abbild Gottes tragen, können mit ihrem Schöpfer in einen Dialog eintreten oder sich von ihm entfernen und ihn durch die Sünde zurückweisen. Das Wort Gottes erlöst und richtet also, dringt ein in den Lauf der Geschichte mit ihrem Netz von Tätigkeiten und Geschehnissen: „Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen, und ihre laute Klage …habe ich gehört. Ich kenne ihr Leid. Ich bin herabgestiegen, um sie der Hand der Ägypter zu entreißen und aus jenem Land hinaufzuführen in ein schönes, weites Land …“ (Ex 3, 7-8). Es gibt folglich eine göttliche Präsenz in den menschlichen Angelegenheiten, die durch das Eingreifen des Herrn in die Geschichte in einen größeren Heilsplan eingefügt werden, damit „alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1 Tim 2, 4).

3. Das machtvolle göttliche Wort, schöpferisch und erlösend, steht folglich am Beginn des Seins und der Geschichte, der Schöpfung und der Erlösung. Der Herr kommt der Menschheit entgegen und verkündet: „Ich habe gesprochen, und ich führe es aus“ (Ez 37, 14). Es gibt jedoch einen weiteren Schritt, den die göttliche Stimme verfolgt: es ist der des geschriebenen Wortes, die Graphé oder die Graphai, die Heiligen Schriften, wie es im Neuen Testament heißt. Schon Mose war vom Gipfel des Sinai herab gestiegen und hielt „die zwei Tafeln der Bundesurkunde in der Hand, die Tafeln, die auf beiden Seiten beschrieben waren. Auf der einen wie auf der anderen Seite waren sie beschrieben. Die Tafeln hatte Gott selbst gemacht, und die Schrift, die auf den Tafeln eingegraben war, war Gottes Schrift“ (Ex 32, 15-16). Und eben dieser Moses wird Israel auferlegen, diese “Tafeln der Bundesurkunde” aufzuheben und abzuschreiben. „Und auf die Steine sollst du in schöner Schrift alle Worte dieser Weisung schreiben“ (Dt 27, 8).
Die Heiligen Schriften sind das „Zeugnis“des göttlichen Wortes in schriftlicher Form, sie sind kanonisches, historisches und literarisches Denkmal, das das Ereignis der schöpferischen und erlösenden Offenbarung bezeugt. Das Wort Gottes geht also der Bibel voraus und über die Bibel hinaus, die auch „von Gott inspiriert“ ist und das wirkende göttliche Wort enthält (vgl. 2 Tim 3, 16). Und aus diesem Grund steht im Mittelpunkt unseres Glaubens nicht nur ein Buch, sondern eine Geschichte der Erlösung und, wie wir sehen werden, eine Person, Jesus Christus, Gottes Wort, das Fleisch, Mensch, Geschichte geworden ist. Eben gerade weil der Horizont des Wortes Gottes umfassend ist und über die Bibel hinaus geht, ist die beständige Gegenwart des Heiligen Geistes notwendig, der denjenigen, der die Bibel liest, „in die ganze Wahrheit führt“ (Joh 16, 13). Es ist dies die große Tradition, wirksame Gegenwart des „Geistes der Wahrheit“ in der Kirche, Hüterin der Heiligen Schriften, authentisch interpretiert durch das Lehramt der Kirche, zum Verständnis, zur Kommunikation und zur Bezeugung des Wortes Gottes befähigt. Der hl. Paulus selbst wird, wenn er das erste christliche Credo verkündet, anerkennen, dass er das „überliefert“, was auch er von der Tradition „empfangen“ hat (1 Kor 15, 3-5).

II.

DAS ANTLITZ DES WORTES:
JESUS CHRISTUS

4. Im griechischen Original sind es nur drei grundlegende Worte: Lógos sarx eghéneto, „der Logos/das Wort wird Fleisch“. Und dies ist nicht nur der Höhepunkt jenes poetischen und theologischen Juwels, den der Prolog des Johannesevangeliums darstellt (1, 14), sondern es ist das Herz des christlichen Glaubens. Das ewige und göttliche Wort tritt ein in Raum und Zeit und nimmt ein Antlitz und eine menschliche Identität an, und so ist es wirklich möglich, sich ihm zu nähern und ihn direkt zu fragen, wie es jene Gruppe von Griechen tat, die sich in Jerusalem aufhielten: „Wir wollen Jesus sehen“ (Joh 12, 20-21). Die Worte ohne ein Antlitz sind nicht vollkommen, weil sie die Begegnung nicht vollständig sein lassen, wie Ijob am Ende seiner dramatischen Suche sagte: „Vom Hörensagen nur hatte ich von dir vernommen; jetzt aber hat mein Auge dich geschaut“ (42, 5).
Christus ist „das Wort, das bei Gott ist und Gott ist“, und „das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung“ (Kol 1, 15); aber er ist auch Jesus von Nazareth, der durch die Straßen einer entlegenen Provinz des römischen Reiches geht, der eine lokale Sprache spricht, die die Züge eines Volkes, des jüdischen, und seiner Kultur trägt. Der reale Jesus Christus ist folglich verletzlicher und sterblicher Leib, er ist Geschichte und menschliche Natur, aber auch Ruhm, Göttlichkeit, Geheimnis: Derjenige, der uns Gott offenbart hat, den niemand je gesehen hat (vgl. Joh 1, 18). Der Sohn Gottes bleibt Sohn Gottes, auch als Leichnam, der im Grab liegt, und die Auferstehung ist dessen lebendiger und wirksamer Beweis.

5. Die christliche Tradition hat oft das göttliche Wort, das Fleisch wird, dem Wort, das Buch wird, gegenübergestellt. Das tritt schon im Credo hervor, wenn bekannt wird, dass der Sohn Gottes „Fleisch angenommen hat durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria“, aber man auch den Glauben an jenen „Heiligen Geist, der durch die Propheten gesprochen hat“, bekennt. Das Zweite Vatikanum nimmt diese alte Tradition auf, nach der „der Leib des Sohnes die Schrift ist, die uns überliefert ist“ – wie der hl. Ambrosius sagt (In Lucam VI, 33) – und erklärt mit deutlichen Worten: „Denn Gottes Worte, durch Menschenzunge formuliert, sind menschlicher Rede ähnlich geworden, wie einst des ewigen Vaters Wort durch die Annahme menschlich-schwachen Fleisches den Menschen ähnlich geworden ist“ (DV 13).
Die Bibel ist in der Tat auch „Fleisch“, „Buchstabe“, sie drückt sich aus in einzelnen Sprachen, in literarischen und historischen Formen, in Begriffen, die gebunden sind an eine antike Kultur, sie bewahrt Erinnerungen an oft tragische Ereignisse, ihre Seiten sind nicht selten mit Blut und Gewalt befleckt, in ihrem Innern hallt das Lachen des Menschen wider und fließen die Tränen, so wie sich das Gebet der Unglücklichen und der Jubel der Verliebten erhebt. Wegen dieser „fleischlichen“ Dimension erfordert sie eine historische und literarische Analyse, die durch die verschiedenen von Bibelexegese angebotenen Methoden und Annäherungsweisen verwirklicht wird. Jeder Leser der Heiligen Schriften, auch der einfachste, muss eine angemessene Kenntnis des heiligen Textes haben und sich klar machen, dass das Wort in konkrete Wörter gekleidet ist, denen es sich ausliefert und anpasst, um für die Menschheit hörbar und verständlich zu sein.
Dies ist eine unausweichliche Aufgabe: Wenn man sie ausschließt, kann man in den Fundamentalismus abgleiten, der praktisch die Fleischwerdung des göttlichen Wortes in der Geschichte verneint, nicht anerkennt, dass jenes Wort sich in der Bibel ausdrückt im Sinne einer menschlichen Sprache, die entziffert, studiert und verstanden werden muss, und ignoriert, dass die göttliche Inspiration nicht die historische Identität und die der Persönlichkeit der menschlichen Autoren ausgelöscht hat. Die Bibel ist jedoch auch das ewige und göttliche Wort und erfordert deshalb ein anderes Verständnis, das vom Heiligen Geist gegeben wird, der die transzendente Dimension des Gotteswortes enthüllt, das in den menschlichen Worten gegenwärtig ist.

6. Hier sind also die „lebendige Überlieferung der Gesamtkirche“ (DV 12) und der Glaube notwendig, um im einzigen und vollen Sinn die Heiligen Schriften zu verstehen. Wenn man bei dem bloßen “Buchstaben” stehen bleibt, bleibt die Bibel nur ein feierliches Dokument der Vergangenheit, ein edles ethisches und kulturelles Zeugnis. Wenn man jedoch die Inkarnation ausschließt, kann man in das Missverständnis des Fundamentalismus verfallen oder einen vagen Spiritualismus oder Psychologismus. Die exegetische Kenntnis muss folglich unauflösbar mit der spirituellen und theologischen Tradition verbunden sein, damit die göttlich-menschliche Einheit Jesu Christi und der Heiligen Schriften nicht zerbrochen wird.
In dieser wieder gewonnen Harmonie wird das Antlitz Christi in seiner Gänze wieder erstrahlen und uns helfen, eine andere Einheit zu entdecken, jene tiefe und innere Einheit der Heiligen Schiften, ihr Wesen, 73 Bücher, aber zusammengefasst zu einem einzigen „Kanon“, zu einem einzigen Dialog zwischen Gott und der Menschheit, zu einem einzigen Heilsplan. „Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn“ (Hebr 1, 1-2). Christus wirft auf diese Weise im Nachhinein sein Licht auf den gesamten Weg der Heilsgeschichte und enthüllt deren Folgerichtigkeit, Bedeutung und Richtung.
Er ist das Siegel, „das Alpha und das Omega“ (Apg 1, 8) eines Dialoges zwischen Gott und seinen Geschöpfen durch die Zeit hindurch und in der Bibel bezeugt. Im Licht dieser endgültigen Besiegelung erhalten die Worte des Mose und der Propheten ihren „vollen Sinn“, wie Jesus selbst an jenem frühlingshaften Nachmittag angedeutet hatte, während er von Jerusalem nach Emmaus unterwegs war und mit Kleopas und seinem Freund sprach, und „ihnen darlegte, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht“ (Lk 24, 27).
Eben gerade weil im Zentrum der Offenbarung das göttliche Wort steht, das ein Antlitz hat, ist das letzte Ziel der Kenntnis der Bibel „nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt“ (Deus caritas est, 1).

III.

DAS HAUS DES WORTES:
DIE KIRCHE

Wie sich die göttliche Weisheit im Alten Testament ihr von sieben Säulen gestütztes Haus (vgl. Spr 9, 1) in der Stadt der Männer und Frauen errichtet hatte, so hat auch das Wort Gottes sein Haus im Neuen Testament: Es ist die Kirche, die ihr Vorbild in der Urgemeinde von Jerusalem hat, die auf Petrus und die Apostel gegründet ist (LG 13) und heute durch die Bischöfe, die um den Nachfolger Petri versammelt sind, führt die Aufgabe weiter, Hüterin, Verkündigerin und Interpretin des Wortes zu sein. In der Apostelgeschichte (2, 42) zeichnet Lukas ihre Architektur nach, die auf vier ideellen Säulen ruht: „Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten“.

7. Vor allem ist da die apostolische didaché, das heißt die Verkündigung des Wortes Gottes. Der Apostel Paulus ermahnt uns in der Tat, dass „der Glaube in der Botschaft gründet, die Botschaft im Wort Christi“ (Röm 10, 17). Aus der Kirche erhebt sich die Stimme des Boten, der allen das kérygma vorlegt oder die erste und grundlegende Verkündigung, die Jesus selbst am Beginn seines öffentlichen Wirkens ausgesprochen hatte: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1, 15). Die Apostel verkünden den Anbruch des Reiches Gottes und damit den entscheidenden göttlichen Eingriff in die menschliche Geschichte, indem sie Tod und Auferstehung Christi verkünden: „Und in keinem anderen ist das Heil zu finden. Denn es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen“ (Apg 4, 12). Der Christ gibt von dieser seiner Hoffnung „bescheiden, ehrfürchtig und mit reinem Gewissen“ Zeugnis; er flieht nicht vor dem Sturm der Zurückweisung oder Verfolgung, auch wenn er vielleicht von ihm überrollt wird, denn er ist sich bewusst, dass „es besser ist, für gute Taten zu leiden als für böse“ (vgl. 1 Petr 3, 16-17).
In der Kirche erklingt dann die Katechese: sie ist dazu bestimmt, im Christen „das Geheimnis Christi im Licht der Heiligen Schrift“ zu vertiefen, „damit der ganze Mensch hiervon geprägt wird“ (Johannes Paul II., Catechesi tradendae, 20). Aber der Höhepunkt der Verkündigung ist die Predigt, die auch heute noch für viele Christen der wichtigste Moment der Begegnung mit dem Wort Gottes ist. Wenn er predigt, sollte der Priester auch Prophet sein. Denn er muss nicht nur mit Autorität und in klar verständlicher, einprägsamer und gehaltvoller Sprache die „Wundertaten Gottes in der Geschichte des Heils“ (SC, 35) verkünden – zunächst in einer deutlichen und lebendigen Darbietung des von der Liturgie vorgesehenen biblischen Textes -, sondern er muss sie auch im Hinblick auf die von den Zuhörern erlebten Zeiten und Situationen aktualisieren und in ihrem Herzen die Frage der Bekehrung und des Engagements in ihrem Leben aufkommen lassen: „Was sollen wir tun?“ (Apg 2, 37).
Verkündigung, Katechese und Homilie setzen also Lesen und Verstehen, Erklären und Auslegen, Einbeziehung von Herz und Verstand voraus. In der Predigt vollzieht sich so eine zweifache Bewegung. Mit der ersten geht man zurück zur Wurzel der heiligen Texte, der Ereignisse, der Heilsgeschichte bewirkenden Worte, um ihre Bedeutung und Botschaft zu verstehen. Mit der zweiten Bewegung kehrt man wieder in die Gegenwart zurück, dem gelebten Heute dessen, der hört und liest, immer im Licht Christi, der wie eine leuchtende Spur die Schriften eint. Es ist das, was Jesus selbst – wie schon erwähnt – in Begleitung zweier seiner Jünger auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus getan hat. Und dasselbe wird der Diakon Philippus auf dem Weg von Jerusalem nach Gaza tun, als er mit dem äthiopischen Hofbeamten jenen emblematischen Dialog beginnt: „Verstehst du auch, was du liest? … Wie könnte ich es, wenn mich niemand anleitet?“ (Apg 8, 30-31). Und das Ziel wird die vollkommene Begegnung mit Christus im Sakrament sein. So stellt sich die zweite Säule dar, die die Kirche trägt, das Haus des göttlichen Wortes.

8. Es ist das Brechen des Brotes. Die Szene von Emmaus (Lk 24, 13-35) ist erneut beispielhaft und stellt das dar, was jeden Tag in unseren Kirchen geschieht: Der Predigt Jesu über Mose und die Propheten folgt das Brechen des eucharistischen Brotes am Tisch. Das ist der Augenblick eines vertrauten Dialogs Gottes mit seinem Volk, es ist der Akt des im Blut Christi besiegelten Neuen Bundes (Lk 22, 20), es ist das höchste Werk des göttlichen Wortes, das sich in seinem geopferten Leib als Speise darbietet und die Quelle und der Höhepunkt des Lebens und der Mission der Kirche. Der Evangelienbericht vom Letzten Abendmahl, Gedächtnis des Opfers Christi, wird Ereignis und Sakrament, wenn er unter Anrufung des Heiligen Geistes in der Eucharistiefeier verkündet wird. Deshalb hat das Zweite Vatikanische Konzil in einem Abschnitt von eindringlicher Intensität erklärt: „Die Kirche hat die Heiligen Schriften immer verehrt wie den Herrenleib selbst, weil sie, vor allem in der heiligen Liturgie, vom Tisch des Wortes Gottes wie des Leibes Christi ohne Unterlaß das Brot des Lebens nimmt und den Gläubigen reicht“ (DV 21). Deshalb sollte man in den Mittelpunkt des christlichen Lebens „Wortgottesdienst und Eucharistiefeier“ stellen, die „so eng miteinander verbunden sind, dass sie einen einzigen Kultakt ausmachen“ (SC 56).

9. Die dritte Säule des geistlichen Gebäudes der Kirche, dem Haus des Wortes, besteht aus den Gebeten, die – wie der heilige Paulus erinnerte – durchflochten sind von „Psalmen, Hymnen und Liedern“ (Kol 3, 16). Eine privilegierte Stelle nimmt sicherlich das Stundengebet ein, das Gebet der Kirche schlechthin, dazu bestimmt, den Tagen und Zeiten des christlichen Jahres seinen Rhythmus zu verleihen und besonders durch den Psalter dem Gläubigen die tägliche geistliche Nahrung anzubieten. Daneben und neben den gemeinschaftlichen Wort-Gottes-Feiern hat die Tradition die Praxis der Lectio divina eingeführt, die betende Lesung im Heiligen Geist, die fähig ist, dem Gläubigen den Schatz des Wortes Gottes zu eröffnen, aber auch Begegnung mit Christus, dem lebendigen göttlichen Wort, zu bewirken.
Sie beginnt mit der Lektüre (lectio) des Textes, die eine Frage der echten Kenntnis seines wirklichen Inhalts hervorruft: Was sagt der biblische Text an sich? Es folgt die Meditation (meditatio), bei der die Frage lautet: Was sagt uns der biblische Text? So gelangt man zum Gebet (oratio), das eine weitere Frage voraussetzt: Was sagen wir zum Herrn als Antwort auf sein Wort? Und sie schließt mit der Kontemplation (contemplatio), während der wir als Geschenk Gottes die Realität mit seinem Blick betrachten und uns fragen: Um welche Bekehrung des Geistes, des Herzens und des Lebens bittet der Herr uns?
Vor dem betenden Leser des Wortes Gottes steht im Geist die Gestalt Marias, der Mutter des Herrn, die „alles, was geschehen war in ihrem Herzen bewahrte und darüber nachdachte“ (Lk 2, 19; vgl. 2, 51), das heißt – wie es das griechische Original ausdrückt – sie fand den tiefen Kern, welcher scheinbar unverbundene Ereignisse, Taten und Dinge im großen Plan Gottes verbindet. Vor den Augen des Gläubigen, der die Bibel liest, könnte auch Maria, die Schwester Martas stehen, die sich im Hören auf sein Wort zu Füßen des Herrn niederlässt und nicht zulässt, dass die äußere Unruhe die Seele vollkommen gefangen nimmt und so auch den für das “Bessere” freien Raum erfüllt, der uns nicht genommen werden darf (vgl. Lk 10, 38-42).

10. Schließlich stehen wir vor der letzten Säule, die die Kirche, das Haus des Wortes, stützt: die koinonía, die brüderliche Gemeinschaft, ein anderes Wort für agápe, das heißt für die christliche Liebe. Denn es ist so, wie Jesus uns sagt: Um seine Brüder und Schwestern zu werden, muss man unter denen sein, „die das Wort Gottes hören und danach handeln“ (Lk 8, 21). Echtes Hören heißt zu gehorchen und zu handeln, es heißt im Leben Gerechtigkeit und Liebe walten zu lassen, in der eigenen Existenz und in der Gesellschaft ein Zeugnis zu geben, das mit dem Ruf der Propheten übereinstimmt, der beständig Wort Gottes und Leben, Glaube und Gerechtigkeit, Kult und sozialen Einsatz vereint hat. Und dies hat auch Jesus mehrmals wiederholt, angefangen von der berühmten Ermahnung der Bergpredigt: „Nicht jeder, der zu mir sagt, Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt“ (Mt 7, 21). In diesem Satz scheint das von Jesaja widergegebene Gotteswort anzuklingen: „Dieses Volk nähert sich mir nur mit Worten und ehrt mich bloß mit den Lippen, sein Herz hält es aber fern von mir“ (29, 13). Diese Mahnungen gelten auch den Kirchen, wenn sie dem gehorsamen Hören des Wortes Gottes nicht treu sind.
Dieses muss also schon im Antlitz und den Händen des Gläubigen sichtbar und ablesbar sein, wie der heilige Gregor der Große bemerkt, der im heiligen Benedikt und in den anderen großen Gottesmännern Zeugen der Gemeinschaft mit Gott und mit den Brüdern sah, das lebendige Wort Gottes. Der Gerechte und Treue “erklärt” nicht nur die Schriften, sonder er “entfaltet” sie vor allen als eine lebendige und gelebte Realität. Deshalb gilt: viva lectio, vita bonorum, das Leben der Gerechten ist eine lebendige Lektüre des göttlichen Wortes. Schon der heilige Johannes Chrysostomus weist darauf hin, dass die Apostel vom Berg in Galiläa, wo sie dem Auferstandenen begegnet waren, im Gegensatz zu Mose ohne beschriebene Steintafeln hinabstiegen: ihr eigenes Leben sollte von diesem Augenblick an lebendiges Evangelium werden.
Im Haus des göttlichen Wortes begegnen wir auch Brüdern und Schwestern anderer Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften, die trotz der noch existierenden Trennungen die Verehrung und die Liebe zum Wort Gottes mit uns gemeinsam haben, Ursprung und Quelle einer ersten und wirklichen, wenn auch nicht vollen Einheit. Dieses Band muss stets durch gemeinsame Bibelübersetzungen gestärkt werden sowie durch die Verbreitung des heiligen Textes, das ökumenische Bibelgebet, den exegetischen Dialog, das Studium und die Diskussion der verschiedenen Interpretationen der Heiligen Schrift, den Austausch der in den verschiedenen geistlichen Traditionen enthaltenen Werte, die Verkündigung und das gemeinsame Zeugnis des Wortes Gottes in einer säkularisierten Welt.

IV.

DIE WEGE DES WORTES:
DIE MISSION

„Denn von Zion kommt die Weisung des Herrn, aus Jerusalem sein Wort“ (Jes 2, 3). Das personifizierte Wort Gottes “tritt heraus” aus seinem Haus, dem Tempel, und begibt sich auf die Wege der Welt, um der großen Pilgerschaft zu begegnen, die die Völker der Erde unternommen haben in der Suche nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden. Denn es gibt auch in der modernen säkularisierten Stadt, auf ihren Straßen und Plätzen – wo Unglaube und Gleichgültigkeit vorzuherrschen scheinen, wo das Böse über das Gute zu siegen scheint und so der Eindruck eines Sieges von Babylon über Jerusalem entsteht – eine verborgene Sehnsucht, eine aufkeimende Hoffnung, ein erwartungsvolles Beben. So wie im Buch des Propheten Amos zu lesen ist: „Seht, es kommen Tage, da schicke ich den Hunger ins Land, nicht den Hunger nach Brot, nicht Durst nach Wasser, sondern nach einem Wort des Herrn“ (8, 11). Auf diesen Hunger will der Evangelisierungsauftrag der Kirche antworten.
Auch die zögernden Apostel ruft der Auferstandene auf, die schützenden Grenzen ihres Horizonts zu verlassen: „Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern … und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe“ (Mt 28, 19-20). Die Bibel ist überall durchsetzt mit Aufrufen, “nicht zu schweigen”, “kraftvoll zu rufen” und “das Wort gelegen oder ungelegen zu verkünden”, Wächter zu sein, die das Schweigen der Gleichgültigkeit zerreißen. Die sich vor uns eröffnenden Wege sind nicht nur die, die der heilige Paulus oder die ersten Verkünder des Evangeliums und nach ihnen alle Missionare gegangen sind, die bis zu Völkern in weit entfernten Ländern vorgedrungen sind.

11. Die Kommunikation breitet heute ein Netz aus, das den gesamten Globus umfasst, und der Aufruf Christi erhält neue Bedeutung: „Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet am hellen Tag, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet von den Dächern“ (Mt 10, 27). Sicher muss das göttliche Wort eine erste Transparenz und Verbreitung durch den gedruckten Text erhalten, mit Übersetzungen in die reiche Vielzahl der Sprachen unseres Planeten. Aber die Stimme des göttlichen Wortes muss auch im Radio erklingen, in den Informationskanälen des Internet, der virtuellen Verbreitung on line, den CDs, DVDs, den podcasts und so weiter; es muss auf den Fernsehschirmen und Kinoleinwänden sichtbar sein, in der Presse, in den kulturellen und gesellschaftlichen Ereignissen.Diese neue Kommunikation hat im Vergleich mit der herkömmlichen eine eigene Ausdrucksweise angenommen, und deshalb ist es notwendig, nicht nur technisch, sondern auch kulturell für dieses Unternehmen ausgerüstet zu sein. In der heutigen vom Bild beherrschten Zeit, das vor allem über das alles beherrschende Medium des Fernsehens vermittelt wird, ist die von Christus bevorzugte Form der Kommunikation immer noch bedeutsam und faszinierend. Er griff auf Symbole zurück, die Erzählung, das Beispiel, die tägliche Erfahrung und Gleichnisse: „Und er sprach lange zu ihnen in Form von Gleichnissen … er redete nur in Gleichnissen zu ihnen“ (Mt 13, 3.34). In seiner Verkündigung des Reiches Gottes sprach Jesus nie über die Köpfe seiner Zuhörer hinweg in einer vagen, abstrakten und ätherischen Sprache, sondern er ergriff sie von der Erde aus, auf der sie mit beiden Füßen standen, um sie von der Alltäglichkeit zum Himmelreich zu führen. In diesem Zusammenhang erhält die von Johannes berichtete Episode besondere Bedeutung: „Einige von ihnen wollten ihn festnehmen; aber keiner wagte ihn anzufassen. Als die Gerichtsdiener zu den Hohenpriestern und den Pharisäern zurückkamen, fragten diese: Warum habt ihr ihn nicht hergebracht? Die Gerichtsdiener antworteten: Noch nie hat ein Mensch so gesprochen“ (7, 44-46).

12. Christus geht auf den Wegen unserer Welt und verweilt vor den Türen unserer Häuser: „Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten und wir werden Mahl halten, ich mit ihm und er mit mir“ (Offb 3, 20). Die Familie, die mit ihren freudigen und dramatischen Erfahrungen hinter den Mauern dieser Häuser lebt, ist ein wichtiger Raum, in den das Wort Gottes Eingang finden muss. Die Bibel ist voll von kleinen und großen Familiengeschichten, und der Psalmist stellt sehr lebendig das friedliche Bild eines Vaters dar, der bei Tisch sitzt, umgeben von der Ehefrau, die einem fruchtbaren Weinstock gleicht, und von den Kindern, die „wie junge Ölbäume“ sind (Ps 128). Die ersten Christen feierten Gottesdienst in der alltäglichen Atmosphäre ihrer Häuser, so wie Israel die Feier des Paschafestes der Familie anvertraute (vgl. Ex 12, 21-27). Die Vermittlung des Wortes Gottes erfolgt eben gerade auf dieser Ebene der Generationen, bei der die Eltern zu den „ersten Glaubensboten“ gehören (LG 11). Der Psalmist wiederum rief uns in Erinnerung: „Was wir hörten und erfuhren, was uns die Väter erzählten, das wollen wir unseren Kindern nicht verbergen, sondern dem kommenden Geschlecht erzählen: die ruhmreichen Taten und die Stärke des Herrn, die Wunder, die er getan hat … sie sollten aufstehen und es weitergeben an ihre Kinder“ (Ps 78, 3-4.6).
In jedem Haus sollte es daher eine Bibel geben, die in würdiger Weise an einem besonderen Ort aufbewahrt, gelesen und zum Beten verwendet wird. Die Familie sollte Formen und Modelle der Erziehung im Gebet, in der Katechese und der Didaktik im Hinblick auf die Verwendung der Heiligen Schrift vorschlagen, damit „die jungen Männer und auch die Mädchen, die Alten mit den Jungen“ (Ps 148, 12) das Wort Gottes hören, verstehen, preisen und leben. Vor allem die jungen Generationen, die Kinder und die jungen Menschen, müssen die Adressaten einer angemessenen und spezifischen Pädagogik sein, die sie dazu anleitet, die Faszination der Gestalt Christi zu verspüren. Durch die Begegnung und das authentische Zeugnis der Erwachsenen, den positiven Einfluss der Freunde und die große Gemeinschaft der Kirche sollen die Tore ihrer Intelligenz und ihres Herzen geöffnet werden.

13. Jesus erinnert uns im Gleichnis vom Sämann daran, dass es trockenen, felsigen und von Dornen zugewucherten Boden gibt (vgl. Mt 13, 3-7). Wer sich auf die Straßen der Welt begibt, entdeckt auch die Untiefen, in denen Leid und Armut angesiedelt sind, Erniedrigung und Unterdrückung, Ausgrenzung und Elend, körperliche und seelische Krankheiten und Einsamkeit. Oft ist der Boden der Straßen durch Kriege und Gewalttaten mit Blut befleckt, in den Palästen der Macht sind Korruption und Ungerechtigkeit eng miteinander verflochten. Es erhebt sich der Schrei der Verfolgten, die treu ihrem Gewissen oder ihrem Glauben folgen. Viele Menschen sind überwältigt von Existenzkrisen und tragen nichts im Herzen, was ihrem Leben Sinn und Wert verleihen könnte. „Wie ein Schatten“ gehen diese Menschen einher und „um ein nichts machen sie Lärm“ (Ps 39, 7). Viele spüren auch auf sich das Schweigen Gottes lasten, seine scheinbare Abwesenheit und Gleichgültigkeit: „Wie lange noch, Herr, vergisst du mich ganz? Wie lange noch verbirgst du dein Gesicht vor mir?“ (Ps 13, 2). Und am Ende erhebt sich vor allen das Geheimnis des Todes.
Dieses gewaltige, leiderfüllte Seufzen, das von der Erde zum Himmel aufsteigt, wird unaufhörlich von der Bibel zum Ausdruck gebracht, die einen geschichtlichen und fleischgewordenen Glauben vorschlägt. Es mag genügen, an die von Gewalt und Unterdrückung gezeichneten Seiten zu denken; an den heftigen und ständigen Schrei von Ijob; an die eindringlichen Bitten in den Psalmen; an die ergreifende innere Krise, die Qohelet durchlebt; an die kraftvollen prophetischen Anklagen der sozialen Ungerechtigkeit. Völlig schonungslos ist ferner die Anklage der tiefverwurzelten Sünde, die in ihrer ganzen zerstörerischen Kraft von den Anfängen der Menschheit an in dem grundlegenden Text der Genesis vorkommt (Kap. 3). In der Tat ist das “mysterium iniquitatis”, das „Geheimnis des Bösen“ in der Geschichte gegenwärtig und am Werk, aber es wird entlarvt vom Wort Gottes, das in Christus den Sieg des Guten über das Böse zusichert.
Die Schriften werden aber vor allem beherrscht von der Person Christi, der sein öffentliches Wirken mit einer Botschaft der Hoffnung für die Geringsten der Erde beginnt: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe“ (Lk 4, 18-19). Seine Hände legen sich immer wieder auf krankes oder infiziertes Fleisch, seine Worte verkünden die Gerechtigkeit, flößen den Unglücklichen Mut ein, schenken den Sündern Vergebung. Am Ende begibt er sich selbst auf die tiefste Ebene, „er entäußerte sich“ seiner Herrlichkeit „und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich… , er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz“ (Phil 2, 7-8).
So verspürt er die Angst vor dem Sterben („Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir!“), er verspürt die Einsamkeit aufgrund des Verlassenseins und des Verrats der Freunde, er dringt bei der Kreuzigung ein in die Dunkelheit des grausamsten physischen Schmerzes und sogar in die Dunkelheit des Schweigens seines Vaters („Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“), und er gelangt an den tiefsten Abgrund jedes Menschen, nämlich den Tod („Er schrie laut auf. Dann hauchte er seinen Geist aus“). Auf ihn lässt sich wirklich die Definition anwenden, die Jesaja für den Gottesknecht verwendet: „ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut“ (53, 3).
Und doch hört er auch in diesem äußersten Moment nicht auf, der Sohn Gottes zu sein: in seiner von Liebe erfüllten Solidarität und durch das Opfer seiner selbst legt er in die Grenzbereiche und in das Böser der Welt den Samen des Göttlichen, das heißt ein Prinzip der Befreiung und des Heiles. Indem er sich uns hinschenkt, erfüllt er den Schmerz und den Tod, die er selbst auf sich genommen und durchlebt hat, mit Erlösung, und er eröffnet auch uns die Morgenröte der Auferstehung. Der Christ hat somit den Auftrag, dieses göttliche Wort der Hoffnung zu verkünden, durch seine Nähe zu den Armen und Leidenden, durch das Zeugnis seines Glaubens an das Reich der Wahrheit und des Lebens, der Heiligkeit und Gnade, der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens, durch die liebevolle Nähe, die nicht richtet und nicht verurteilt, sondern aufbaut, erleuchtet, tröstet und verzeiht gemäß den Worten Jesu: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt.“ (Mt 11, 28).

14. Auf den Wegen der Welt bewirkt das göttliche Wort für uns Christen eine die intensive Begegnung mit dem jüdischen Volk, dem wir zutiefst verbunden sind durch die gemeinsame Anerkennung und Liebe zu den Schriften des Alten Testaments, und zudem entstammt Christus „dem Fleisch nach“ dem Volk Israel (Röm 9, 5). Alle Heiligen Schriften des Judentums erhellen das Geheimnis Gottes und des Menschen, sie enthüllen Schätze des Denkens und der Moral, bezeichnen den langen Weg der Heilsgeschichte bis zu ihrer vollkommenen Erfüllung und veranschaulichen eindrücklich die Fleischwerdung des göttlichen Wortes in den menschlichen Wechselfällen. Sie erlauben uns, in Fülle die Person Christi zu erkennen, der erklärt hatte, er sei nicht gekommen, „um das Gesetz und die Propheten aufzuheben, sondern um sie zu erfüllen“ (Mt 5, 17); sie sind Weg des Dialogs mit dem auserwählten Volk, das von Gott all dies erhalten hat: „die Sohnschaft, die Herrlichkeit, die Bundesordnungen, ihnen ist das Gesetz gegeben, der Gottesdienst und die Verheißungen“ (Röm 9, 4). Ferner ermöglichen sie uns, unsere Auslegung der Heiligen Schrift mit den fruchtbaren Schätzen der jüdischen exegetischen Tradition zu bereichern.
„Gesegnet ist Ägypten, mein Volk, und Assur, das Werk meiner Hände, und Israel, mein Erbbesitz“ (Jes 19, 25). Der Herr breitet also den Schutzmantel seines Segens über alle Völker der Erde aus, erfüllt von der Sehnsucht, dass „alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1 Tim 2, 4). Auch wir Christen sind auf den Wegen der Welt dazu eingeladen – ohne in einen Synkretismus zu fallen, der die eigene geistliche Identität verzerrt oder erniedrigt -, voll Respekt in Dialog zu treten mit den Männern und Frauen der anderen Religionen, die treu die Richtlinien ihrer Heiligen Bücher hören und befolgen, angefangen beim Islam, der in seiner Tradition zahllose Personen, Symbole und Themen aus der Bibel aufgreift und uns das Zeugnis eines aufrichtigen Glaubens an den einen, mitleidsvollen und barmherzigen Gott bietet, den Schöpfer allen Seins und Richter der Menschheit.
Der Christ findet außerdem Gemeinsamkeiten mit den großen religiösen Traditionen des Ostens, die uns in ihren heiligen Schriften die Achtung vor dem Leben, die Kontemplation, das Schweigen, die Einfachheit, die Entsagung lehren, wie dies etwa beim Buddhismus der Fall ist. Im Hinduismus wird der Sinn für das Sakrale, das Opfer, die Pilgerfahrt, das Fasten und die heiligen Zeichen verherrlicht. Im Konfuzianismus werden die Weisheit und die Werte der Familie und der Gesellschaft gelehrt. Auch den traditionellen Religionen mit ihren geistlichen Werten, die in den mündlichen Riten und Kulturen zum Ausdruck kommen, wollen wir unsere herzliche Aufmerksamkeit schenken und mit ihnen einen respektvollen Dialog pflegen. Auch mit jenen, die nicht an Gott glauben, aber danach streben „Recht zu tun, Güte und Treue zu lieben, in Ehrfurcht den Weg mit Gott gehen“ (Mi 6, 8), müssen wir für eine gerechtere und friedlichere Welt zusammenarbeiten und im Dialog unser aufrichtiges Zeugnis für das Wort Gottes anbieten, das ihnen neue und weitere Horizonte der Wahrheit und Liebe offenbaren kann.

15. In seinem Brief an die Künstler (1999) erinnerte Johannes Paul II. daran, dass „die Heilige Schrift zu einer Art gewaltigem Wörterbuch (Paul Claudel) und einem ikonographischen Atlas (Marc Chagall) geworden ist, aus denen die christliche Kultur und Kunst geschöpft haben“ (Nr. 5). Goethe war der Überzeugung, dass das Evangelium die „Muttersprache Europas“ sei. Die Bibel ist, wie man mittlerweile zu sagen pflegt, der „große Kodex“ der universalen Kultur: die Künstler haben in geistiger Weise ihren Pinsel eingetaucht in jenes farbenfrohe Alphabet von Geschichten, Zeichen, Personen, die sich auf den Seiten der Bibel finden; die Musiker haben auf Grundlage der Heiligen Schriften, vor allem der Psalmen, ihre Harmonien geschaffen; die Schriftsteller haben Jahrhunderte lang jene alten Erzählungen wiederaufgenommen, die zu existentiellen Gleichnissen wurden; die Dichter haben sich Fragen gestellt über das Geheimnis des Geistes, über das Unendliche, über das Böse, über die Liebe, über den Tod und über das Leben, wobei sie die poetische Begeisterung einfingen, von der die Seiten der Bibel beseelt sind. Die Denker, die Wissenschaftler und die Gesellschaft selbst wählten oft die geistlichen und ethischen Auffassungen der Bibel (man denke nur etwa an die Zehn Gebote) als Bezugspunkt oder auch als gegensätzliche Position. Auch wenn die in der Heiligen Schrift vorkommende Person oder Idee verzerrt dargestellt wurde, erkannte man doch, dass sie für unsere Zivilisation unersetzlich und von maßgebender Bedeutung war.
Und gerade deshalb ist die Bibel – die uns auch die via pulchritudinis lehrt, das heißt den Weg der Schönheit, um Gott zu erkennen und zu ihm zu gelangen („Singt unserem Gott ein festliches Lied“, lädt uns Psalm 47, 8 ein) – nicht nur für den Gläubigen notwendig, sondern für alle, um die wahre Bedeutung der verschiedenen kulturellen Ausdrucksformen wiederzuentdecken und vor allem um unsere eigene historische, zivile, menschliche und geistliche Identität wiederzufinden. In ihr liegt die Wurzel unserer Größe und dank ihrer können wir uns ohne Minderwertigkeitsgefühle den anderen Zivilisationen und Kulturen mit unserem edlen Erbe vorstellen. Die Bibel sollte daher von allen gekannt und studiert werden, unter diesem außergewöhnlichen Aspekt der Schönheit und der menschlichen und kulturellen Fruchtbarkeit.
Dennoch ist das Wort Gottes – um ein eindrucksvolles paulinisches Bild zu verwenden – „nicht gefesselt“ (2 Tim 2, 9) an eine Kultur; es strebt vielmehr danach, die Grenzen zu überschreiten, und gerade der Apostel war ein außergewöhnlicher Baumeister der Inkulturation der biblischen Botschaft innerhalb der neuen kulturellen Koordinaten. Die Kirche ist dazu gerufen, auch heute genau dies zu tun in einem delikaten aber notwendigen Prozess, der durch das Lehramt von Papst Benedikt XVI. einen kräftigen Impuls erhalten hat. Sie muss dafür sorgen, dass das Wort Gottes die Vielfalt der Kulturen durchdringen und es durch ihre Sprachen, ihre Auffassungen, Zeichen und religiösen Traditionen zum Ausdruck bringen kann. Sie muss jedoch stets fähig sein, die wahre Substanz seiner Inhalte zu bewahren, indem sie über die Gefahr von Verzerrungen wacht.
Die Kirche muss somit die Werte zur Geltung bringen, die das Wort Gottes den anderen Kulturen anbietet, damit sie gereinigt und befruchtet werden. Johannes Paul II. hat den Bischöfen aus Kenia im Rahmen seiner Afrika-Reise 1980 gesagt, dass „die Inkulturation wirklich ein Widerschein der Fleischwerdung des Wortes sein wird, wenn eine Kultur, die vom Evangelium verwandelt und neu geschaffen wurde, in ihrer eigenen Tradition ursprüngliche Ausdrucksformen des Lebens, des Feierns und des christlichen Denkens hervorbringt“.

SCHLUSSBEMERKUNG

„Und die Stimme aus dem Himmel, die ich gehört hatte, sprach noch einmal zu mir: Geh, nimm das Buch, das der Engel … aufgeschlagen in der Hand hält … Und der Engel sagte zu mir: Nimm und iss es! In deinem Magen wird es bitter sein, in deinem Mund aber süß wie Honig. Da nahm ich das kleine Buch aus der Hand des Engels und aß es. In meinem Mund war es süß wie Honig. Als ich es aber gegessen hatte, wurde mein Magen bitter“ (Offb 10, 8-11).
Brüder und Schwestern auf der ganzen Welt, nehmen auch wir diese Einladung an! Treten wir heran zum Tisch des Wortes Gottes, so dass wir uns nähren und leben „nicht nur vom Brot, sondern von allem, was der Mund des Herrn spricht“ (Dtn 8, 3; Mt 4, 4)! Die Heilige Schrift hat – wie eine große Gestalt der christlichen Kultur sagte – „geeignete Mittel, um in allen menschlichen Lagen Trost zu spenden, und geeignete Mittel, um in allen Lebenslagen Furcht zu erwecken“ (B. Pascal, Pensées, Nr. 532, ed. Brunschvicg).
Das Wort Gottes ist „süßer als Honig, als Honig aus Waben (Ps 19, 11), es ist ,,meinem Fuß eine Leuchte, ein Licht für meine Pfade“ (Ps 119, 105), aber es ist auch „wie Feuer und wie ein Hammer, der Felsen zerschmettert“ (Jer 23, 29). Es ist wie Regen, der das Land bewässert, es fruchtbar macht und aufblühen lässt, und auf diese Weise bringt es auch die Trockenheit unserer geistlichen Wüsten zum Blühen (vgl. Jes 55, 10-11). Es ist auch „lebendig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert; es dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Gelenk und Mark; es richtet über die Regungen und Gedanken des Herzens“ (Hebr 4, 12).
Unser Blick richtet sich voll Zuneigung auch auf die Wissenschaftler, die Katecheten und alle weiteren Diener des Wortes Gottes, denen wir unseren tiefempfundenen und herzlichen Dank für ihren wertvollen und wichtigen Dienst aussprechen wollen. Wir wenden uns dabei auch an unsere Brüder und Schwestern, die Verfolgungen erleiden oder die aufgrund des Wortes Gottes und aufgrund des für Jesus, den Herrn, abgelegten Zeugnisses zum Tod verurteilt wurden (vgl. Offb 6, 9): Wie viele Zeugen und Märtyrer erzählen uns von der „Kraft des Wortes“ (Röm 1, 16), dem Urgrund ihres Glaubens, ihrer Hoffnung und ihrer Liebe zu Gott und zu den Menschen.
Wir wollen nun in Stille verweilen, um andächtig das Wort des Herrn zu hören. Bewahren wir diese Stille auch nach dem Hören, damit es auch weiterhin unter uns wohnt und lebt und zu uns spricht. Lassen wir es zu Beginn des Tages erklingen, auf dass Gott das erste Wort habe, und lassen wir es am Abend in uns widerhallen, auf dass Gott auch das letzte Wort habe.
Liebe Brüder und Schwestern „es grüßen euch alle, die bei uns sind. Grüßt alle, die uns durch den Glauben in Liebe verbunden sind. Die Gnade sei mit euch allen!“ (Tit 3, 15).

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Quelle

Das Dekret über den Ökumenismus – nach 40 Jahren neu gelesen

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KONFERENZ ZUM 40. JAHRESTAG DER PROMULGATION
DES KONZILSDEKRETS „UNITATIS REDINTEGRATIO“
(ROCCA DI PAPA, 11.-13. NOVEMBER 2004)

VORTRAG VON KARD. WALTER KASPER,
PRÄSIDENT DES PÄPSTLICHEN RATES ZUR
FÖRDERUNG DER EINHEIT DER CHRISTEN

Rocca di Papa, Zentrum „Mondo Migliore“
Donnerstag, 11. November 2004

Das Dekret über den Ökumenismus –
nach 40 Jahren neu gelesen

 

Das Dekret über den Ökumenismus – nach 40 Jahren neu gelesen

Am 21. November 1964 hat das II. Vatikanische Konzil das Dekret über den Ökumenismus Unitatis redintegratio feierlich verkündet. Bereits in der Einleitung findet sich die Aussage: Jesus »Christus der Herr hat eine einige und einzige Kirche gegründet«; Spaltungen widersprechen dem Willen Jesu; sie sind »ein Ärgernis für die Welt und ein Schaden für die heilige Sache der Verkündigung des Evangeliums«. «Die Einheit aller Christen wiederherstellen zu helfen ist eine der Hauptaufgaben des Heiligen Ökumenischen Zweiten Vatikanischen Konzils« (UR 1).

40 Jahre sind seither vergangen, in denen dieses Dokument weit über die katholische Kirche hinaus eine Wirkungsgeschichte ohnegleichen entfaltet hat. 40 Jahre sind ein biblisches Zeitmaß. So haben wir Grund zu fragen: Was wollte dieses Dokument? Was hat es bewirkt, und wo stehen wir ökumenisch heute? Wie soll es ökumenisch weitergehen ? Ökumene quo vadis?

Das Konzil ist die Magna Charta für den Weg der Kirche ins 21. Jahrhundert (Tertio millennio adveniente, 18). Mehrfach hat der Papst gesagt, der Weg der Ökumene sei unumkehrbar (UUS 3 u. ö.), die Ökumene sei eine der pastoralen Prioritäten seines Pontifikats (UUS 99). So stellt sich die Frage: Welches sind die katholischen Prinzipien des Ökumenismus, wie das Dekret Unitatis redintegratio sie formuliert hat?

I. Die Vorbereitung des Ökumenismusdekrets

Das Dekret über den Ökumenismus ist nicht vom Himmel gefallen. Es ordnet sich in die außerhalb der katholischen Kirche entstandene ökumenische Bewegung des 20. Jahrhunderts ein (UR 1;4), die 1948 mit der Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen einen entscheidenden Durchbruch erzielte. Diese Bewegung wurde von der katholischen Kirche lange Zeit beargwöhnt. Ihre Rezeption durch das II. Vatikanum hat aber Wurzeln, die in die katholische Theologie des 19. Jahrhunderts zurückreichen; besonders Johann Adam Möhler und John Henry Newman sind als Vorläufer und Wegbereiter zu nennen.

Auch amtlicherseits gab es Vorbereitungen. Schon die Päpste vor dem II. Vatikanischen Konzil haben das Gebet für die Einheit und die Gebetswoche für die Einheit gefördert. Die Päpste Leo XIII. und Benedikt XV. haben die ökumenische Öffnung vorbereitet; Papst Pius XI. hat die Mechelner Gespräche (1921–1926) mit den Anglikanern ausdrücklich gebilligt1.

Papst Pius XII. tat einen weiteren Schritt. Er hat in einer Instruktion von 1950 die ökumenische Bewegung ausdrücklich begrüßt und sie auf den Einfluß des Heiligen Geistes zurückgeführt. Außerdem hat dieser Papst durch eine Reihe von bahnbrechenden Enzykliken das Konzil vorbereitet. Es wäre darum verkehrt, die grundlegende Kontinuität zu übersehen und im Konzil einen radikalen Bruch mit der Tradition zu sehen und eine neue Kirche anbrechen zu lassen.

II. Ökumene – Ausdruck der eschatologischen Dynamik der Kirche

Dennoch beginnt mit dem Konzil etwas Neues, nicht eine neue Kirche, wohl aber eine erneuerte Kirche. Es war Papst Johannes XXIII., der dazu den Anstoß gab. Er darf mit Recht als der geistliche Vater des Ökumenismusdekrets bezeichnet werden. Er wollte das Konzil und gab ihm die Zielsetzung: innere Erneuerung und Einheit der Christen.

Es soll hier nicht die bewegte Entstehungsgeschichte von Unitatis redintegrationachgezeichnet werden,2 in der die nachtridentinisch gegenreformatorisch verengte Sicht der Kirche überwunden wurde. Dies war kein »Modernismus«; vielmehr war es die Rückbesinnung auf die biblische, patristische und hochmittelalterliche Tradition, welche den Blick frei gab für ein erneuertes Verständnis der Kirche.

Das Konzil konnte die ökumenische Bewegung deshalb aufgreifen, weil es die Kirche insgesamt als Bewegung verstanden hat, nämlich als Volk Gottes, das unterwegs ist (LG 2 Schluß; 8;9;48–51; UR 2 Schluß u.a.). Anders formuliert: Das Konzil hat die eschatologische Dimension der Kirche neu zur Geltung gebracht und die Kirche nicht als eine statische sondern als eine dynamische Größe beschrieben, als Volk Gottes, das zwischen dem »Schon« und dem »Noch nicht« pilgernd unterwegs ist. In diese eschatologische Dynamik hat das Konzil die ökumenische Bewegung integriert. So verstanden ist die Ökumene der Weg der Kirche (UUS 7). Sie ist kein Zusatz und kein Anhängsel; sie gehört vielmehr zum Wesen der Kirche und zur geschichtlichen Sendung der Kirche (UUS 20). In dieser eschatologischen Perspektive ist die ökumenische Bewegung engstens mit der Missionsbewegung verbunden. Ökumene und Mission gehören wie Zwillinge zusammen3.

Die Mission ist ein eschatologisches Phänomen, in dem die Kirche den Reichtum der Kulturen der Völker in sich aufnimmt, sie reinigt und bereichert und dabei auch selbst bereichert wird und so mit der vollen Ausprägung ihrer Katholizität beschenkt wird (AG 1 f.; 9 u.a.). Ähnlich tritt die Kirche in der ökumenischen Bewegung in einen Austausch der Gaben mit den getrennten Kirchen ein (UUS 28;57), bereichert diese, macht sich aber auch umgekehrt deren Gaben zu eigen, bringt sie zu ihrer katholischen Fülle und verwirklicht so voll die ihr eigene Katholizität (UR 4). Mission und Ökumene sind die beiden Formen des eschatologischen Wegs und der eschatologischen Dynamik der Kirche.

Das Konzil war nicht so naiv, die Gefahr zu verkennen, welche die Einordnung der ökumenischen Bewegung in die eschatologische Dynamik der Kirche mit sich bringen konnte. Die eschatologische Dynamik konnte – wie schon öfter in der Kirchengeschichte – als eine Fortschrittsbewegung mißverstanden werden, in welcher ältere Traditionsbestände als überholt empfunden und im Namen eines sogenannten fortschrittlichen Glaubensverständnisses abgestoßen werden. Wo dies geschieht, droht die Gefahr des Relativismus und Indifferentismus, eines »billigen Ökumenismus«, der sich am Ende selbst überflüssig macht. So wurde die Ökumene gelegentlich zur Beute kirchenkritischer Bewegungen und gegen die Kirche instrumentalisiert.

Mit der dogmatischen Aufweichung wird das Wesen des eschatologischen Charakters der Kirche verkannt. Denn das »Eschaton« bezieht sich nicht auf eine geschichtlich ausständige zukünftige Wirklichkeit. Es ist mit Jesus Christus und mit der Ausgießung des Heiligen Geistes endgültig in die Geschichte eingebrochen und in der Kirche präsent. Die Kirche selbst ist ein eschatologisches Phänomen; die Einheit als Wesenseigenschaft der Kirche ist darum nicht erst ein künftiges oder gar erst ein eschatologisches Ziel; die Kirche ist schon jetzt die »una sancta ecclesia« (UR 4; UUS 11–14). Der ökumenische Weg ist keine Fahrt ins Blaue. Vielmehr wird die Kirche in der Geschichte, was sie ist, was sie schon immer war und was sie bleibend ist. Sie ist unterwegs um dieses ihr Wesen in der Wirklichkeit des Lebens in seiner Fülle konkret zu verwirklichen.

Die vom Konzil und später von Papst Johannes Paul II. formulierten katholischen Prinzipien des Ökumenismus sind daher in der Abwehr eines alles banalisierenden Irenismus und Relativismus klar und eindeutig (UR 5;11;24; UUS 18;36;79). Die ökumenische Bewegung wirft nichts über Bord, was der Kirche in ihrer bisherigen Geschichte wert und teuer war; sie steht in Treue zu der einmal erkannten Wahrheit; sie fügt ihr auch nichts schlechterdings Neues hinzu. Die ökumenische Bewegung und das von ihr verfolgte Ziel der vollen Einheit der Jünger Jesu Christi bleiben eingeschrieben in die Furche der Tradition.

Die Tradition ist jedoch im Sinn der beiden großen Vorläufer des Konzils, J. A. Möhler und J. H. Newman, keine starre Größe; sie ist eine lebendige Tradition. Sie ist ein Geschehen im Heiligen Geist, der nach der Verheißung des Herrn die Kirche in die ganze Wahrheit einführt (vgl. Joh 16,13), das ein für alle Mal überlieferte Evangelium immer wieder neu aufschließt und Wachstum im Verständnis der einmal geoffenbarten Wahrheit schenkt (DV 8; vgl. DS3020). Nach dem Märtyrerbischof Irenäus von Lyon ist es der Geist Gottes, der das ein für alle Mal überlieferte apostolische Erbe jung und frisch erhält4.

In diesem Sinn ist die ökumenische Bewegung ein charismatisches Phänomen und ein »Unternehmen des Heiligen Geistes«. Die Kirche hat ja nicht nur eine institutionelle, sondern – wie das Konzil herausstellte – auch eine charismatische Seite (LG 4;7;12;49; AA3; AG 4;29). So ist die Ökumene ein vom Geist Gottes in Gang gesetzter und von ihm geleiteter neuer Aufbruch (UR 1;4). Der Heilige Geist, gleichsam die Seele der Kirche (LG 7), schenkt die Einheit wie die Vielfalt der Gaben und Dienste (LG 7; UR 2). So konnte das Konzil sagen, der geistliche Ökumenismus sei das Herz der Ökumene. Geistlicher Ökumenismus meint innere Umkehr, Neuwerden des Geistes, persönliche Heiligung des Lebens, Liebe, Selbstverleugnung, Demut, Geduld, aber auch Erneuerung und Reform der Kirche; nicht zuletzt ist das Gebet das Herz der ökumenischen Bewegung (UR 5–8; UUS 15 f.; 21–27).

Als geistliche Bewegung hebt die ökumenische Bewegung die Tradition nicht auf; sie schenkt vielmehr neue und vertiefte Einsicht in die ein für alle Mal gegebene Überlieferung; durch sie verschafft sich das erneuerte Pfingsten, das Johannes XXIII. in seiner Eröffnungsrede zum II. Vatikanischen Konzil vorausgesagt hatte, Bahn; in ihr bereitet sich eine neue geschichtliche Gestalt der Kirche vor, keine neue Kirche, wohl aber eine geistlich erneuerte und geistlich bereicherte Kirche. Zusammen mit der Mission ist die Ökumene der Weg der Kirche ins 21. Jahrhundert und ins dritte Jahrtausend.

III. „Subsistit in“ – Ausdruck einer geschichtlichkonkreten Ekklesiologie

Die eschatologische und pneumatologische Dynamik verlangte nach einer begrifflichen Klärung. Dies leistete das Konzil bereits in der Kirchenkonstitution mit der viel diskutierten Formulierung, die Kirche Jesu Christi »subsistiere« in der katholischen Kirche (LG 8). Der Hauptredaktor der Kirchenkonstitution, G. Philips, war hellsichtig genug, um vorauszusehen, daß über die Bedeutung dieses »subsistit in« noch viel Tinte fließen werde.5 In der Tat, der Tintenfluß ist bis heute nicht versiegt, und es wird vermutlich noch einiges an Druckerschwärze nötig sein, um die damit aufgeworfenen Fragen zu klären.

Das »subsistit in« ist im Laufe des Konzils an die Stelle des vorangehenden »est« getreten.6Es enthält »in nuce« das ganze ökumenische Problem.7 Das »est« besagte: Die Kirche Jesu Christi »ist« die katholische Kirche. Diese strikte Identifizierung der Kirche Jesu Christi mit der katholischen Kirche wurde zuletzt nochmals von den Enzykliken Mystici corporis (1943) und Humani generis (1950) vertreten.8 Doch schon nach der Enzyklika Mystici corporis gibt es Menschen, welche, obwohl nicht getauft, dem Verlangen nach auf die katholische Kirche hingeordnet sind (DS 3921). Deshalb hat bereits Pius XII. 1949 eine exklusive Deutung des Axioms »Extra ecclesiam nulla salus« verurteilt.9

Das Konzil ging darüber mit Hilfe des »subsistit in« einen wesentlichen Schritt hinaus. Es wollte der Tatsache gerecht werden, daß es außerhalb der katholischen Kirche nicht nur einzelne Christen sondern auch »Elemente der Kirche«10, ja Kirchen und kirchliche Gemeinschaften gibt, die, obwohl nicht in voller Gemeinschaft, rechtens zur einen Kirche gehören und für deren Mitglieder Heilsbedeutung besitzen (LG 8;15; UR 3; UUS 10–14). So weiß das Konzil, daß es außerhalb der katholischen Kirche Formen der Heiligkeit bis hin zum Martyrium gibt (LG 15; UR 4; UUS 12;83). Die Frage des Heils der Nichtkatholiken wird jetzt also nicht mehr wie in Mystici corporis individuell aufgrund des subjektiven Verlangens einzelner, sondern institutionell und objektiv ekklesiologisch beantwortet.

Der Begriff »subsistit in« will nach der Intention der Theologischen Kommission des Konzils sagen: Die Kirche Jesu Christi hat in der katholischen Kirche ihren konkreten Ort; in ihr ist sie konkret anzutreffen und vorzufinden.11 Sie ist keine rein platonische Größe oder eine erst zukünftige Wirklichkeit; sie existiert geschichtlich konkret; sie ist in der katholischen Kirche verortet.12

So verstanden nimmt das »subsistit in« das wesentliche Anliegen des »est« auf. Aber es formuliert das Selbstverständnis der katholischen Kirche nicht mehr in »splendid isolation«, sondern nimmt dabei auch Kirchen und kirchliche Gemeinschaften wahr, in denen die eine Kirche Jesu Christi wirksam gegenwärtig ist (UUS 11), die aber nicht in voller Gemeinschaft mit ihr stehen. Indem die katholische Kirche ihre Identität formuliert, setzt sie sich zugleich dialogisch in Beziehung zu diesen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften.

Das »subsistit in« ist demnach mißverstanden, wenn man es zur Grundlage eines ekklesiologischen Pluralismus und Relativismus macht, der besagt, daß die eine Kirche Jesu Christi in vielen Kirchen subsistiert, die katholische Kirche also nur eine Kirche neben anderen Kirchen ist. Solche ekklesiologische Pluralismustheorien widersprechen dem Selbstverständnis, welches die katholische Kirche – wie übrigens auch die orthodoxen Kirchen – in ihrer gesamten Tradition von sich hatte und das auch das Zweite Vatikanische Konzil festhalten wollte. Die katholische Kirche beansprucht von sich nach wie vor, die wahre Kirche Jesu Christi zu sein, in der die ganze Fülle der Heilsmittel gegeben ist (UR 3;UUS 14), aber sie nimmt ihn jetzt dialogisch im Blick auf die anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften wahr. Das Konzil vertritt keine neue Lehre, begründet aber eine neue Einstellung, gibt den Triumphalismus auf und formuliert das traditionelle Selbstverständnis in einer realistischen, geschichtlich konkreten, man könnte auch sagen: in einer demütigen Weise. Das Konzil weiß, daß die Kirche geschichtlich unterwegs ist, um das, was ihr tiefstes Wesen »ist« (»est«), geschichtlich konkret zu realisieren.

Diese realistische, demütige Sicht findet sich vor allem in Lumen gentium 8, wo das Konzil mit dem »subsistit in« nicht nur Raum gibt für Elemente der Kirche außerhalb ihres sichtbaren Gefüges, sondern auch für sündige Glieder und Strukturen der Sünde in der Kirche selbst.12 Das Volk Gottes trägt auch Sünder in seinem Schoß, so daß das geistliche Wesen der Kirche den getrennten Brüdern und der Welt nicht recht aufleuchtet, die Kirche Mitschuld trägt an den Spaltungen und das Wachstum des Reiches Gottes verzögert (UR 3 f.). Auf der anderen Seite haben die getrennten Gemeinschaften einzelne Aspekte der geoffenbarten Wahrheit bisweilen besser entfaltet, so daß die katholische Kirche in der Situation der Spaltung die ihr eigene Katholizität konkret nicht voll entfalten kann (UR 4; UUS 14). Die Kirche bedarf darum der Reinigung und Erneuerung und muß stets den Weg der Buße gehen (LG 8; UR 3 f.;6 f.; UUS 34 f.;83 f.).

Diese selbstkritische und bußfertige Sicht bildet die Grundlage für den Weg der ökumenischen Bewegung (UR 5–12). Dazu gehören Umkehr und Erneuerung, ohne die es keinen Ökumenismus geben kann, und ein Dialog, der mehr ist als ein Austausch von Ideen, sondern vielmehr ein Austausch von Gaben.

In dieser eschatologischen und geistlichen Perspektive kann das Ziel der Ökumene nicht als simple Rückkehr der anderen in den Schoß der katholischen Kirche beschrieben werden. Das Ziel der vollen Einheit kann nur durch die von Gottes Geist angetriebene Hinwendung und die Bekehrung aller zu dem einen Haupt der Kirche, Jesus Christus, erreicht werden. In dem Maße, in dem wir mit Christus eins sind, werden wir auch untereinander eins werden und die der Kirche eigene Katholizität konkret in ihrer ganzen Fülle verwirklichen. Theologisch hat das Konzil dieses Ziel als »communio«-Einheit bestimmt.

IV. Ökumene im Zeichen der »communio«-Ekklesiologie

Die Grundidee des II. Vatikanischen Konzils und insbesondere des Ökumenismusdekrets lautet: »communio«.13 Dies ist wichtig, um die Rede von den »elementa ecclesiae« richtig zu verstehen. Diese Rede macht einen quantitativen, fast materialistischen Eindruck, so als könne man diese Elemente zählen und auf ihre zählbare Vollständigkeit hin prüfen. Diese »Elementen-Ekklesiologie « wurde schon während der Konzilsdebatte und erst recht nach dem Konzil kritisiert.14 Unitatis redintegratio ist dabei jedoch nicht stehen geblieben; das Ökumenismusdekret versteht die getrennten Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften nicht als Größen, welche einen im einzelnen verschiedenen quantitativ zu bestimmenden Restbestand von Elementen bewahrt haben, sondern als Ganzheiten, welche diese Elemente innerhalb ihres ekklesiologischen Gesamtverständnisses zur Geltung bringen. Das geschieht mit Hilfe des Begriffs »communio«. Mit diesem biblischen und altkirchlichen Begriff umschreibt das Konzil das tiefste Mysterium der Kirche, welche nach dem Abbild der trinitarischen »communio« gleichsam als Ikone der Trinität gestaltet ist (LG 4; UR 2). »Communio« und »communio sanctorum« bedeutet ursprünglich nicht die Gemeinschaft der Christen untereinander, sondern Teilhabe (»participatio«) an Gütern des Heils, an den »sancta« bzw. an den »sacramenta«.

Grundlegend ist die Taufe. Sie ist das Sakrament des Glaubens, durch das die Getauften dem einen Leib Christi, der die Kirche ist, angehören. Die nichtkatholischen Christen sind also nicht außerhalb der einen Kirche, sie gehören ihr vielmehr in grundlegender Weise bereits an (LG 11;14; UR 22). Aufgrund der einen gemeinsamen Taufe geht die Ökumene weit über bloßes Wohlwollen und Freundlichkeit hinaus; sie ist keine Form kirchlicher Diplomatie; sie hat eine ontologische Begründung und eine ontologische Tiefe; sie ist ein geistliches Geschehen.

Die Taufe ist freilich nur Ausgangspunkt und Fundament (UR 22). Zur Vollendung kommt die Eingliederung in die Kirche mit der Eucharistie; sie ist Quelle, Mitte und Höhepunkt des christlichen und kirchlichen Lebens (LG 11;26; PO 5; AG 39). So wird die eucharistische Ekklesiologie bereits in der Liturgie- und in der Kirchenkonstitution grundgelegt (SC 47; LG3;7;11;23;26). In Unitatis redintegratio heißt es, daß durch die Eucharistie »die Einheit der Kirche bezeichnet und bewirkt wird« (UR 2). Später wird von der Eucharistiefeier der orthodoxen Kirchen gesagt: »So baut sich auf und wächst durch die Feier der Eucharistie des Herrn in diesen Einzelkirchen die Kirche Gottes, und durch die Konzelebration wird ihre Gemeinschaft offenbar« (UR 15). Wo Eucharistie gefeiert wird, ist Kirche. Dieses Axiom hat – wie gleich zu zeigen sein wird – für das Verständnis der orientalischen Kirchen und für deren Unterscheidung von den evangelischen kirchlichen Gemeinschaften fundamentale Bedeutung.

Es gilt: Jede die Eucharistie feiernde Ortskirche ist Kirche im vollen Sinn, aber sie ist nicht die ganze Kirche (LG 26;28). Da es nur einen Jesus Christus und nur eine Eucharistie gibt, steht jede Eucharistie feiernde Kirche in einer verbindlichen Gemeinschaft mit allen anderen Kirchen. Die eine Kirche existiert in und aus den Ortskirchen (LG 23), wie umgekehrt die Ortskirchen in und aus der einen Kirche existieren (Communiones notio, 9).

Überträgt man dieses Verständnis der Einheit auf das ökumenische Problem, dann bedeutet die anzustrebende ökumenische Einheit mehr als ein Netzwerk von Konfessionskirchen, die einander gegenseitig anerkennen, indem sie Abendmahls- und Kanzelgemeinschaft aufnehmen. Das katholische Verständnis der Ökumene setzt die in der katholischen Kirche bereits gegebene Einheit und die ebenfalls bereits gegebene teilweise »communio« mit den anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften voraus, um von dieser unvollständigen Gemeinschaft zur vollen Gemeinschaft zu gelangen (UUS 14), welche Einheit im Glauben, in den Sakramenten und in der kirchlichen Leitung einschließt (LG 14; UR 2 f.).

Die Einheit im Sinn der vollen »communio« meint nicht Uniformität sondern Einheit in der Vielfalt und Vielfalt in der Einheit. Es kann innerhalb der einen Kirche eine legitime Vielfalt der Mentalitäten, der Gebräuche, der Riten, der kanonischen Ordnungen, der Theologien und der Spiritualitäten geben (LG 13; UR 4;16 f.). Wir können auch sagen: Das Wesen der als »communio« verstandenen Einheit ist Katholizität in ihrer nicht konfessionellen, sondern ursprünglichen qualitativen Bedeutung; sie meint die Verwirklichung aller Gaben, welche die Orts- und Konfessionskirchen beitragen können.

Der Beitrag, welchen Unitatis redintegratio zur Lösung des ökumenischen Problems gibt, ist demnach nicht die »Elementen-Ekklesiologie«, sondern die Unterscheidung zwischen voller und unvollkommener Gemeinschaft (UR 3).15 Aus dieser Unterscheidung folgt, daß das Ziel der Ökumene nicht auf Zusammenschlüsse ausgerichtet ist, sondern eine »communio« zum Ziel hat, die weder ein gegenseitiges Aufsaugen noch eine Verschmelzung bedeutet.16 Diese Formulierung des ökumenischen Problems ist der wichtigste theologische Beitrag des Konzils zur ökumenischen Frage.

V. Ost und West – zwei Gestalten der einen ökumenischen Bewegung

Die Einordnung der ökumenischen Theologie in die »communio«-Ekklesiologie erlaubte es, zwei Arten von Kirchenspaltung zu unterscheiden: die Spaltung zwischen Ost und West und die Spaltung innerhalb der westlichen Kirche seit dem 16. Jahrhundert. Zwischen beiden besteht nicht nur ein geographischer oder zeitlicher Unterschied; beide Spaltungen sind ihrer Art nach verschieden. Während bei der östlichen Kirchenspaltung das ekklesiale Grundgefüge, das sich seit dem 2. Jahrhundert herausgebildet hatte, erhalten blieb, haben wir es bei den aus der Reformation hervorgegangenen Gemeinschaften mit einem anderen ekklesialen Typ zu tun.17 Das östliche Schisma umfaßt sowohl die altorientalischen Kirchen, die sich im 4. und 5. Jahrhundert von der Großkirche getrennt haben, wie das Schisma zwischen Rom und den östlichen Patriarchaten, das symbolisch meist mit dem Jahr 1054 in Zusammenhang gebracht wird.

Das Konzil ist weit davon entfernt, den Unterschied auf kulturelle und politische Faktoren zu reduzieren. Ost und West haben das eine Evangelium von Anfang an in unterschiedlicher Weise aufgenommen und verschiedene Formen der Liturgie, der Spiritualität, der Theologie und des kanonischen Rechts ausgebildet. In der sakramental-eucharistischen und episkopalen Grundstruktur jedoch stimmen Ost und West überein. Die nach dem Konzil aufgenommenen nationalen und internationalen Dialoge haben diese tiefe Gemeinschaft im Glauben, in den Sakramenten und in der episkopalen Verfassung bestätigt.

Deshalb spricht das Konzil von Beziehungen wie zwischen Ortskirchen als Schwesterkirchen (UR 14). Diese im Ökumenismusdekret noch etwas vage Formulierung wurde im Briefwechsel zwischen Papst Paul VI. und dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras, im Tomos agapis, aufgegriffen und entfaltet.18

Die Wiederherstellung der vollen Gemeinschaft setzt die Beachtung der verschiedenen Faktoren der Trennung (UR 14) und die Anerkennung der legitimen Unterschiede voraus (UR 15–17). Das Konzil stellt fest, daß es sich bei den Unterschieden oft mehr um gegenseitige Ergänzungen als um wirkliche Gegensätze handelt (UR 17).19 Deshalb erklärt es, daß das »ganze geistliche und liturgische, disziplinäre und theologische Erbe mit seinen verschiedenen Traditionen zur vollen Katholizität und Apostolizität der Kirche gehört« (UR 17).20 Zur Wiederherstellung der Einheit darf man deshalb keine Lasten auferlegen, die über das Notwendige hinausgehen (Apg 15,28) (UR 18).

Das eigentliche Problem im Verhältnis zwischen Ost und West ist das Petrusamt (UUS 88). Papst Johannes Paul II. hat zu einem brüderlichen Dialog über die künftige Ausübung des Petrusamtes eingeladen (UUS 95). Es ist in diesem Zusammenhang nicht möglich, auf die damit gegebenen komplizierten historischen Fragen und die heutigen Möglichkeiten einer Reinterpretation und Rezeption der Dogmen des I. Vatikanischen Konzils einzugehen. Zu erwähnen ist lediglich, daß ein vom Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen mit den orthodoxen Kirchen veranstaltetes Symposium im Mai 2003 Öffnungen auf beiden Seiten erbrachte.21 Wir hoffen, daß der internationale theologische Dialog bald wieder aufgenommen werden kann und daß er sich vor allem dieser Frage annehmen kann.

Das westliche Schisma, das aus der Reformation des 16. Jahrhunderts hervorging, ist anderer Art. Es handelt sich – wie das Ökumenismusdekret klar erkennt – um ein komplexes und differenziertes Phänomen, sowohl historisch wie auch lehrmäßig. Auch mit den reformatorischen Gemeinschaften verbinden uns viele wichtige Elemente der wahren Kirche. Dazu gehören besonders die Verkündigung des Wortes Gottes und die Taufe. In vielen nachkonziliaren Dialog-Dokumenten wurde diese Gemeinschaft erweitert und vertieft.22

Es gibt aber auch »Unterschiede von großem Gewicht«, welche nicht nur historischer, soziologischer, psychologischer und kultureller Art sind, die vielmehr vor allem in der unterschiedlichen Interpretation der offenbaren Wahrheit begründet sind (UR 19). Diese Unterschiede betreffen nach dem Konzil teilweise die Lehre von Jesus Christus und der Erlösung, besonders die Heilige Schrift in ihrem Verhältnis zur Kirche und das authentische Lehramt, die Kirche und ihre Ämter, die Aufgabe Mariens im Heilswerk (UR 20 f.; UUS 66), teilweise auch moralische Fragen (UR 23). Die letzteren sind in jüngster Zeit vor allem in den Vordergrund getreten und verursachen Probleme sowohl innerhalb der reformatorischen Kirchengemeinschaften wie in den Beziehungen mit der katholischen Kirche.

Anders als beim östlichen Schisma haben wir es bei den reformatorischen Gemeinschaften freilich nicht nur mit einzelnen Lehrunterschieden, sondern mit einer anderen Grundstruktur und einem anderen Typ von Kirche zu tun. Die Reformatoren verstehen die Kirche – bei allen nicht geringen innerreformatorischen Unterschieden – nicht von der Eucharistie, sondern primär vom Wort Gottes her als »creatura verbi«.23 Der Unterschied spitzt sich in der Frage der Eucharistie zu.

Die aus der Reformation hervorgegangenen kirchlichen Gemeinschaften haben – wie das Konzil sagt – »wegen des Fehlens des Weihesakraments die ursprüngliche und vollständige Wirklichkeit (›substantia‹) des eucharistischen Mysteriums nicht bewahrt« (UR 22).

Im Sinn der eucharistischen Ekklesiologie ergibt sich aus diesem Mangel an eucharistischerWirklichkeit die Unterscheidung zwischen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften. Die Erklärung Dominus Iesus (16) hat diese Unterscheidung begrifflich zugespitzt, was von Seiten evangelischer Christen oft Anlaß zu herber Kritik war. Zweifellos hätte man das Gemeinte auch verständnisvoller ausdrücken können; in der »Sache « kann man jedoch nicht über die Tatsache des unterschiedlichen Kirchenverständnisses hinwegsehen. Die evangelischen Christen wollen nicht in dem Sinn Kirche sein, wie die katholische Kirche sich als Kirche versteht; sie repräsentieren einen anderen Typ von Kirche und sind deshalb – am katholischen Selbstverständnis gemessen – nicht Kirche im eigentlichen Sinn.

Wegen der Unterschiede warnt das Konzil vor Leichtfertigkeit und unklugem Eifer. Die »ökumenische Betätigung muß ganz und gar katholisch sein, das heißt in Treue zur Wahrheit, die wir von den Aposteln und Vätern empfangen haben, und in Übereinstimmung mit dem Glauben, den die katholischen Kirche immer bekannt hat« (UR 24). Das Konzil warnt aber auch vor Polemik. Es ist bezeichnend, daß das Wort »Dialog« am Schluß der verschiedenen Abschnitte dieses Teils fast refrainartig wiederkehrt (UR 19;21;22;23). Das drückt nochmals den neuen Geist aus, in dem das Konzil die Überwindung der Unterschiede betrachtet.

VI. »Quanta est nobis via«?

Das Dekret war ein Anfang. Dennoch hat es innerkatholisch wie ökumenisch eine enorme Wirkungsgeschichte entfaltet und die ökumenische Situation im Laufe der letzten vierzig Jahre tiefgreifend verändert24.

Zweifellos hat Unitatis redintegratio auch Fragen offengelassen, sowie Einwände und Weiterentwicklungen erfahren. Wir sollten über diesen Problemen nicht die reichen Früchte übersehen, welche dieses Dekret erbracht hat. Es hat einen unwiderruflichen und unumkehrbaren Prozeß eingeleitet, zu dem es keine realistische Alternative gibt. Das Ökumenismusdekret weist uns den Weg im 21. Jahrhundert. Es ist der Auftrag des Herrn, diesen Weg zu gehen – mit Augenmaß, aber auch mit Mut, mit Geduld, aber vor allem in unerschütterlicher Hoffnung.

Letztlich ist Ökumene ein Abenteuer des Heiligen Geistes. Deshalb schließe ich mit dem Wort, mit dem auch das Ökumenismusdekret schließt: »Die Hoffnung aber wird nicht zuschanden: Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unseren Herzen durch den Heiligen Geist, der uns geschenkt ist« (Röm 5,5) (UR 24).

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1 Zur Vorgeschichte der ökumenischen Bewegung in der katholischen Kirche: H. Petri, Die römisch- katholische Kirche und die Ökumene, in: Handbuch der Ökumenik, Bd. 2, Paderborn 1986, 95–135.
2
Vgl. W. Becker, in : LThK Vat. II, Bd. 2 (1967), 11–39; L. Jaeger, Das Konzilsdekret über den Ökumenismus, Paderborn 1968, 15–78; Storia del Concilio Vaticano II, hrsg. von G. Alberigo, Bd. 3, Bologna 1998, 277–365; Bd. 4, Bologna 1999, 436–446.
3
J. Le Guillou, Mission et unité. Les exigences de la communion, Paris 1959; Y. Congar, Diversités et communion, Paris 1982, 239 f.; Papst Johannes Paul II. hat in der Missionsenzyklika Redemptoris missio (1990) (Nrn. 36 und 50) diesen Zusammenhang ebenfalls herausgestellt.
4
Irenäus von Lyon, Adversus haereses III, 24,1 (Sources chrétiennes, n. 211, Par is 1974, 472).
5
G. Philips, L’Église et son mystère aux deuxième Concile du Vatican, tome 1, Paris 1967, 119.
6
Überblick in der Synopsis historica a cura di G. Alberigo-F. Magistretti, Bologna 1975, 38; 439 f.; 506 f.
7
G. Philips, ebd.
8
AAS 35, 1943, 199; 42, 1950, 571.
9
Schreiben des Heiligen Offiziums an den Erzbischof von Boston (1949), in: DS 3866–73.
10
Synopsis historica, 439; G. Philips, a.a.O., 119; A. Grillmeier, LThK, Vat. II, Bd. 1, 1966, 175; L. Jaeger,a.a.O., 214–217.
11
So die Erklärung der Glaubenskongregation Mysterium ecclesiae (1973) 1 und nochmals die ErklärungDominus Iesus (2000) 17
12
Zu dem Begriff »Strukturen der Sünde« vgl. das Apostolische Schreiben von Papst Johannes Paul II.Reconciliatio et paenitentia (1984), 16 sowie UUS 34.
13
So die außerordentliche Bischofssynode 1985 (II C 1). Der Päpstliche Rat für die Einheit der Christen hat dieses Thema bei der Plenaria 2001 ausführlich behandelt. Vgl. die Einführung von W. Kasper, Communio. The Guiding Concept of Catholic Ecumenical Theology. The Present and the Future Situation of the Ecumenical Movement, in: Information Service, Nr. 109, 2002/I–II, 11–20.
14
Vgl. H. Mühlen, Una mystica persona, München- Paderborn 1968, 496–502;504–513.
15
In den Konzilsdokumenten selbst ist diese Unterscheidung terminologisch noch nicht voll ausgeprägt. In UR 3 ist die Rede von »plena communio« und von »quaedam communio, etsi non perfecta«.
16
Johannes Paul II., Enzyklika Slavorum apostoli (1985) 27.
17
J. Ratzinger, Die ökumenische Situation – Orthodoxie, Katholizismus und Reformation, in: Theologische Prinzipienlehre, München 1982, 203-208.
18
Ebd., 386–392 (Nr. 176). In der gemeinsamen Erklärung von Papst Johannes Paul II. und dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. von 1995 wurde die Redeweise erneut aufgegriffen. Vgl. Slavorum apostoli 27; UUS55f.; 60; Note der Glaubenskongregation (2000).
19
Der Katechismus der katholischen Kirche (248) rechnet auch die Frage des »Filioque« zu den Problemen, welche eher einen komplementären als einen kontradiktorischen Unterschied bezeichnen.
20
So auch das Dekret Orientalium ecclesiarum, 1 und die Enzyklika Orientale Lumen (1995), 1
21
Vgl. W. Kasper (ed.), Il ministero Petrinio. Cattolici e ortodossi in dialogo, Roma 2004.
22
Zu nennen sind vor allem die Limadokumente Taufe, Eucharistie und Amt (1982), die ARCIC-Dokumente mit der anglikanischen Gemeinschaft, die Konvergenzdokumente mit den Lutheranern (Das Herrenmahl, Das geistliche Amt in der Kirche u.a.), besonders die Gemeinsame Erklärung über die Rechtfertigung (1999).
23
M. Luther, De captivitate Babylonica ecclesiae praeludium (1520): WA 560 f; Confessio Augustana (1530) Art. VII.; Heidelberger Katechismus (1563) Frage 65.
24
Vgl. Il Concilio Vaticano II. Recezione e attualità alla luce del Giubileo, hrsg. von R. Fisichella, Roma 2000, 335–415 mit Beiträgen von E. Fortino, J. Wicks, F. Ocáriz, Y. Spiteris, V. Pfnür.

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Quelle

Das Dekret über den Ökumenismus – nach 40 Jahren neu gelesen

2013_04_07_Kasper

KONFERENZ ZUM 40. JAHRESTAG DER PROMULGATION
DES KONZILSDEKRETS „UNITATIS REDINTEGRATIO“
(ROCCA DI PAPA, 11.-13. NOVEMBER 2004)

VORTRAG VON KARD. WALTER KASPER,
PRÄSIDENT DES PÄPSTLICHEN RATES ZUR
FÖRDERUNG DER EINHEIT DER CHRISTEN

Rocca di Papa, Zentrum „Mondo Migliore“
Donnerstag, 11. November 2004

 

Das Dekret über den Ökumenismus – nach 40 Jahren neu gelesen

 

Am 21. November 1964 hat das II. Vatikanische Konzil das Dekret über den Ökumenismus Unitatis redintegratio feierlich verkündet. Bereits in der Einleitung findet sich die Aussage: Jesus »Christus der Herr hat eine einige und einzige Kirche gegründet«; Spaltungen widersprechen dem Willen Jesu; sie sind »ein Ärgernis für die Welt und ein Schaden für die heilige Sache der Verkündigung des Evangeliums«. «Die Einheit aller Christen wiederherstellen zu helfen ist eine der Hauptaufgaben des Heiligen Ökumenischen Zweiten Vatikanischen Konzils« (UR 1).

40 Jahre sind seither vergangen, in denen dieses Dokument weit über die katholische Kirche hinaus eine Wirkungsgeschichte ohnegleichen entfaltet hat. 40 Jahre sind ein biblisches Zeitmaß. So haben wir Grund zu fragen: Was wollte dieses Dokument? Was hat es bewirkt, und wo stehen wir ökumenisch heute? Wie soll es ökumenisch weitergehen ? Ökumene quo vadis?

Das Konzil ist die Magna Charta für den Weg der Kirche ins 21. Jahrhundert (Tertio millennio adveniente, 18). Mehrfach hat der Papst gesagt, der Weg der Ökumene sei unumkehrbar (UUS 3 u. ö.), die Ökumene sei eine der pastoralen Prioritäten seines Pontifikats (UUS 99). So stellt sich die Frage: Welches sind die katholischen Prinzipien des Ökumenismus, wie das Dekret Unitatis redintegratio sie formuliert hat?

I. Die Vorbereitung des Ökumenismusdekrets

Das Dekret über den Ökumenismus ist nicht vom Himmel gefallen. Es ordnet sich in die außerhalb der katholischen Kirche entstandene ökumenische Bewegung des 20. Jahrhunderts ein (UR 1;4), die 1948 mit der Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen einen entscheidenden Durchbruch erzielte. Diese Bewegung wurde von der katholischen Kirche lange Zeit beargwöhnt. Ihre Rezeption durch das II. Vatikanum hat aber Wurzeln, die in die katholische Theologie des 19. Jahrhunderts zurückreichen; besonders Johann Adam Möhler und John Henry Newman sind als Vorläufer und Wegbereiter zu nennen.

Auch amtlicherseits gab es Vorbereitungen. Schon die Päpste vor dem II. Vatikanischen Konzil haben das Gebet für die Einheit und die Gebetswoche für die Einheit gefördert. Die Päpste Leo XIII. und Benedikt XV. haben die ökumenische Öffnung vorbereitet; Papst Pius XI. hat die Mechelner Gespräche (1921–1926) mit den Anglikanern ausdrücklich gebilligt1.

Papst Pius XII. tat einen weiteren Schritt. Er hat in einer Instruktion von 1950 die ökumenische Bewegung ausdrücklich begrüßt und sie auf den Einfluß des Heiligen Geistes zurückgeführt. Außerdem hat dieser Papst durch eine Reihe von bahnbrechenden Enzykliken das Konzil vorbereitet. Es wäre darum verkehrt, die grundlegende Kontinuität zu übersehen und im Konzil einen radikalen Bruch mit der Tradition zu sehen und eine neue Kirche anbrechen zu lassen.

II. Ökumene – Ausdruck der eschatologischen Dynamik der Kirche

Dennoch beginnt mit dem Konzil etwas Neues, nicht eine neue Kirche, wohl aber eine erneuerte Kirche. Es war Papst Johannes XXIII., der dazu den Anstoß gab. Er darf mit Recht als der geistliche Vater des Ökumenismusdekrets bezeichnet werden. Er wollte das Konzil und gab ihm die Zielsetzung: innere Erneuerung und Einheit der Christen.

Es soll hier nicht die bewegte Entstehungsgeschichte von Unitatis redintegratio2 nachgezeichnet werden, in der die nachtridentinisch gegenreformatorisch verengte Sicht der Kirche überwunden wurde. Dies war kein »Modernismus «; vielmehr war es die Rückbesinnung auf die biblische, patristische und hochmittelalterliche Tradition, welche den Blick frei gab für ein erneuertes Verständnis der Kirche.

Das Konzil konnte die ökumenische Bewegung deshalb aufgreifen, weil es die Kirche insgesamt als Bewegung verstanden hat, nämlich als Volk Gottes, das unterwegs ist (LG 2 Schluß; 8;9;48–51;UR 2 Schluß u.a.). Anders formuliert: Das Konzil hat die eschatologische Dimension der Kirche neu zur Geltung gebracht und die Kirche nicht als eine statische sondern als eine dynamische Größe beschrieben, als Volk Gottes, das zwischen dem »Schon« und dem »Noch nicht« pilgernd unterwegs ist. In diese eschatologische Dynamik hat das Konzil die ökumenische Bewegung integriert. So verstanden ist die Ökumene der Weg der Kirche (UUS 7). Sie ist kein Zusatz und kein Anhängsel; sie gehört vielmehr zum Wesen der Kirche und zur geschichtlichen Sendung der Kirche (UUS 20). In dieser eschatologischen Perspektive ist die ökumenische Bewegung engstens mit der Missionsbewegung verbunden. Ökumene und Mission gehören wie Zwillinge zusammen3.

Die Mission ist ein eschatologisches Phänomen, in dem die Kirche den Reichtum der Kulturen der Völker in sich aufnimmt, sie reinigt und bereichert und dabei auch selbst bereichert wird und so mit der vollen Ausprägung ihrer Katholizität beschenkt wird (AG 1 f.; 9 u.a.). Ähnlich tritt die Kirche in der ökumenischen Bewegung in einen Austausch der Gaben mit den getrennten Kirchen ein (UUS 28;57), bereichert diese, macht sich aber auch umgekehrt deren Gaben zu eigen, bringt sie zu ihrer katholischen Fülle und verwirklicht so voll die ihr eigene Katholizität (UR 4). Mission und Ökumene sind die beiden Formen des eschatologischen Wegs und der eschatologischen Dynamik der Kirche.

Das Konzil war nicht so naiv, die Gefahr zu verkennen, welche die Einordnung der ökumenischen Bewegung in die eschatologische Dynamik der Kirche mit sich bringen konnte. Die eschatologische Dynamik konnte – wie schon öfter in der Kirchengeschichte – als eine Fortschrittsbewegung mißverstanden werden, in welcher ältere Traditionsbestände als überholt empfunden und im Namen eines sogenannten fortschrittlichen Glaubensverständnisses abgestoßen werden. Wo dies geschieht, droht die Gefahr des Relativismus und Indifferentismus, eines »billigen Ökumenismus«, der sich am Ende selbst überflüssig macht. So wurde die Ökumene gelegentlich zur Beute kirchenkritischer Bewegungen und gegen die Kirche instrumentalisiert.

Mit der dogmatischen Aufweichung wird das Wesen des eschatologischen Charakters der Kirche verkannt. Denn das »Eschaton« bezieht sich nicht auf eine geschichtlich ausständige zukünftige Wirklichkeit. Es ist mit Jesus Christus und mit der Ausgießung des Heiligen Geistes endgültig in die Geschichte eingebrochen und in der Kirche präsent. Die Kirche selbst ist ein eschatologisches Phänomen; die Einheit als Wesenseigenschaft der Kirche ist darum nicht erst ein künftiges oder gar erst ein eschatologisches Ziel; die Kirche ist schon jetzt die »una sancta ecclesia« (UR 4; UUS 11–14). Der ökumenische Weg ist keine Fahrt ins Blaue. Vielmehr wird die Kirche in der Geschichte, was sie ist, was sie schon immer war und was sie bleibend ist. Sie ist unterwegs um dieses ihr Wesen in der Wirklichkeit des Lebens in seiner Fülle konkret zu verwirklichen.

Die vom Konzil und später von Papst Johannes Paul II. formulierten katholischen Prinzipien des Ökumenismus sind daher in der Abwehr eines alles banalisierenden Irenismus und Relativismus klar und eindeutig (UR 5;11;24; UUS 18;36;79). Die ökumenische Bewegung wirft nichts über Bord, was der Kirche in ihrer bisherigen Geschichte wert und teuer war; sie steht in Treue zu der einmal erkannten Wahrheit; sie fügt ihr auch nichts schlechterdings Neues hinzu. Die ökumenische Bewegung und das von ihr verfolgte Ziel der vollen Einheit der Jünger Jesu Christi bleiben eingeschrieben in die Furche der Tradition.

Die Tradition ist jedoch im Sinn der beiden großen Vorläufer des Konzils, J. A. Möhler und J. H. Newman, keine starre Größe; sie ist eine lebendige Tradition. Sie ist ein Geschehen im Heiligen Geist, der nach der Verheißung des Herrn die Kirche in die ganze Wahrheit einführt (vgl. Joh 16,13), das ein für alle Mal überlieferte Evangelium immer wieder neu aufschließt und Wachstum im Verständnis der einmal geoffenbarten Wahrheit schenkt (DV 8; vgl. DS 3020). Nach dem Märtyrerbischof Irenäus von Lyon ist es der Geist Gottes, der das ein für alle Mal überlieferte apostolische Erbe jung und frisch erhält4.

In diesem Sinn ist die ökumenische Bewegung ein charismatisches Phänomen und ein »Unternehmen des Heiligen Geistes«. Die Kirche hat ja nicht nur eine institutionelle, sondern – wie das Konzil herausstellte – auch eine charismatische Seite (LG 4;7;12;49; AA 3; AG 4;29). So ist die Ökumene ein vom Geist Gottes in Gang gesetzter und von ihm geleiteter neuer Aufbruch (UR 1;4). Der Heilige Geist, gleichsam die Seele der Kirche (LG 7), schenkt die Einheit wie die Vielfalt der Gaben und Dienste (LG 7; UR 2). So konnte das Konzil sagen, der geistliche Ökumenismus sei das Herz der Ökumene. Geistlicher Ökumenismus meint innere Umkehr, Neuwerden des Geistes, persönliche Heiligung des Lebens, Liebe, Selbstverleugnung, Demut, Geduld, aber auch Erneuerung und Reform der Kirche; nicht zuletzt ist das Gebet das Herz der ökumenischen Bewegung (UR 5–8; UUS 15 f.; 21–27).

Als geistliche Bewegung hebt die ökumenische Bewegung die Tradition nicht auf; sie schenkt vielmehr neue und vertiefte Einsicht in die ein für alle Mal gegebene Überlieferung; durch sie verschafft sich das erneuerte Pfingsten, das Johannes XXIII. in seiner Eröffnungsrede zum II. Vatikanischen Konzil vorausgesagt hatte, Bahn; in ihr bereitet sich eine neue geschichtliche Gestalt der Kirche vor, keine neue Kirche, wohl aber eine geistlich erneuerte und geistlich bereicherte Kirche. Zusammen mit der Mission ist die Ökumene der Weg der Kirche ins 21. Jahrhundert und ins dritte Jahrtausend.

III. „Subsistit in“ – Ausdruck einer geschichtlichkonkreten Ekklesiologie

Die eschatologische und pneumatologische Dynamik verlangte nach einer begrifflichen Klärung. Dies leistete das Konzil bereits in der Kirchenkonstitution mit der viel diskutierten Formulierung, die Kirche Jesu Christi »subsistiere« in der katholischen Kirche (LG 8). Der Hauptredaktor der Kirchenkonstitution, G. Philips, war hellsichtig genug, um vorauszusehen, daß über die Bedeutung dieses »subsistit in« noch viel Tinte fließen werde.5 In der Tat, der Tintenfluß ist bis heute nicht versiegt, und es wird vermutlich noch einiges an Druckerschwärze nötig sein, um die damit aufgeworfenen Fragen zu klären.

Das »subsistit in« ist im Laufe des Konzils an die Stelle des vorangehenden »est« getreten.6 Es enthält »in nuce« das ganze ökumenische Problem.7 Das »est« besagte: Die Kirche Jesu Christi »ist« die katholische Kirche. Diese strikte Identifizierung der Kirche Jesu Christi mit der katholischen Kirche wurde zuletzt nochmals von den Enzykliken Mystici corporis (1943) und Humani generis (1950) vertreten.8 Doch schon nach der Enzyklika Mystici corporis gibt es Menschen, welche, obwohl nicht getauft, dem Verlangen nach auf die katholische Kirche hingeordnet sind (DS 3921). Deshalb hat bereits Pius XII. 1949 eine exklusive Deutung des Axioms »Extra ecclesiam nulla salus« verurteilt.9

Das Konzil ging darüber mit Hilfe des »subsistit in« einen wesentlichen Schritt hinaus. Es wollte der Tatsache gerecht werden, daß es außerhalb der katholischen Kirche nicht nur einzelne Christen sondern auch »Elemente der Kirche«10, ja Kirchen und kirchliche Gemeinschaften gibt, die, obwohl nicht in voller Gemeinschaft, rechtens zur einen Kirche gehören und für deren Mitglieder Heilsbedeutung besitzen (LG 8;15; UR 3; UUS 10–14). So weiß das Konzil, daß es außerhalb der katholischen Kirche Formen der Heiligkeit bis hin zum Martyrium gibt (LG 15; UR 4; UUS 12;83). Die Frage des Heils der Nichtkatholiken wird jetzt also nicht mehr wie in Mystici corporis individuell aufgrund des subjektiven Verlangens einzelner, sondern institutionell und objektiv ekklesiologisch beantwortet.

Der Begriff »subsistit in« will nach der Intention der Theologischen Kommission des Konzils sagen: Die Kirche Jesu Christi hat in der katholischen Kirche ihren konkreten Ort; in ihr ist sie konkret anzutreffen und vorzufinden.11 Sie ist keine rein platonische Größe oder eine erst zukünftige Wirklichkeit; sie existiert geschichtlich konkret; sie ist in der katholischen Kirche verortet.12

So verstanden nimmt das »subsistit in« das wesentliche Anliegen des »est« auf. Aber es formuliert das Selbstverständnis der katholischen Kirche nicht mehr in »splendid isolation«, sondern nimmt dabei auch Kirchen und kirchliche Gemeinschaften wahr, in denen die eine Kirche Jesu Christi wirksam gegenwärtig ist (UUS 11), die aber nicht in voller Gemeinschaft mit ihr stehen. Indem die katholische Kirche ihre Identität formuliert, setzt sie sich zugleich dialogisch in Beziehung zu diesen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften.

Das »subsistit in« ist demnach mißverstanden, wenn man es zur Grundlage eines ekklesiologischen Pluralismus und Relativismus macht, der besagt, daß die eine Kirche Jesu Christi in vielen Kirchen subsistiert, die katholische Kirche also nur eine Kirche neben anderen Kirchen ist. Solche ekklesiologische Pluralismustheorien widersprechen dem Selbstverständnis, welches die katholische Kirche – wie übrigens auch die orthodoxen Kirchen – in ihrer gesamten Tradition von sich hatte und das auch das Zweite Vatikanische Konzil festhalten wollte. Die katholische Kirche beansprucht von sich nach wie vor, die wahre Kirche Jesu Christi zu sein, in der die ganze Fülle der Heilsmittel gegeben ist (UR 3; UUS 14), aber sie nimmt ihn jetzt dialogisch im Blick auf die anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften wahr. Das Konzil vertritt keine neue Lehre, begründet aber eine neue Einstellung, gibt den Triumphalismus auf und formuliert das traditionelle Selbstverständnis in einer realistischen, geschichtlich konkreten, man könnte auch sagen: in einer demütigen Weise. Das Konzil weiß, daß die Kirche geschichtlich unterwegs ist, um das, was ihr tiefstes Wesen »ist« (»est«), geschichtlich konkret zu realisieren.

Diese realistische, demütige Sicht findet sich vor allem in Lumen gentium 8, wo das Konzil mit dem »subsistit in« nicht nur Raum gibt für Elemente der Kirche außerhalb ihres sichtbaren Gefüges, sondern auch für sündige Glieder und Strukturen der Sünde in der Kirche selbst.12 Das Volk Gottes trägt auch Sünder in seinem Schoß, so daß das geistliche Wesen der Kirche den getrennten Brüdern und der Welt nicht recht aufleuchtet, die Kirche Mitschuld trägt an den Spaltungen und das Wachstum des Reiches Gottes verzögert (UR 3 f.). Auf der anderen Seite haben die getrennten Gemeinschaften einzelne Aspekte der geoffenbarten Wahrheit bisweilen besser entfaltet, so daß die katholische Kirche in der Situation der Spaltung die ihr eigene Katholizität konkret nicht voll entfalten kann (UR 4; UUS 14). Die Kirche bedarf darum der Reinigung und Erneuerung und muß stets den Weg der Buße gehen (LG 8; UR 3 f.;6 f.; UUS 34 f.;83 f.).

Diese selbstkritische und bußfertige Sicht bildet die Grundlage für den Weg der ökumenischen Bewegung (UR 5–12). Dazu gehören Umkehr und Erneuerung, ohne die es keinen Ökumenismus geben kann, und ein Dialog, der mehr ist als ein Austausch von Ideen, sondern vielmehr ein Austausch von Gaben.

In dieser eschatologischen und geistlichen Perspektive kann das Ziel der Ökumene nicht als simple Rückkehr der anderen in den Schoß der katholischen Kirche beschrieben werden. Das Ziel der vollen Einheit kann nur durch die von Gottes Geist angetriebene Hinwendung und die Bekehrung aller zu dem einen Haupt der Kirche, Jesus Christus, erreicht werden. In dem Maße, in dem wir mit Christus eins sind, werden wir auch untereinander eins werden und die der Kirche eigene Katholizität konkret in ihrer ganzen Fülle verwirklichen. Theologisch hat das Konzil dieses Ziel als »communio«-Einheit bestimmt.

IV. Ökumene im Zeichen der »communio«-Ekklesiologie

Die Grundidee des II. Vatikanischen Konzils und insbesondere des Ökumenismusdekrets lautet: »communio«.13 Dies ist wichtig, um die Rede von den »elementa ecclesiae« richtig zu verstehen. Diese Rede macht einen quantitativen, fast materialistischen Eindruck, so als könne man diese Elemente zählen und auf ihre zählbare Vollständigkeit hin prüfen. Diese »Elementen-Ekklesiologie « wurde schon während der Konzilsdebatte und erst recht nach dem Konzil kritisiert.14 Unitatis redintegratio ist dabei jedoch nicht stehen geblieben; das Ökumenismusdekret versteht die getrennten Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften nicht als Größen, welche einen im einzelnen verschiedenen quantitativ zu bestimmenden Restbestand von Elementen bewahrt haben, sondern als Ganzheiten, welche diese Elemente innerhalb ihres ekklesiologischen Gesamtverständnisses zur Geltung bringen. Das geschieht mit Hilfe des Begriffs »communio«. Mit diesem biblischen und altkirchlichen Begriff umschreibt das Konzil das tiefste Mysterium der Kirche, welche nach dem Abbild der trinitarischen »communio« gleichsam als Ikone der Trinität gestaltet ist (LG 4; UR 2). »Communio« und »communio sanctorum« bedeutet ursprünglich nicht die Gemeinschaft der Christen untereinander, sondern Teilhabe (»participatio«) an Gütern des Heils, an den »sancta« bzw. an den »sacramenta«.

Grundlegend ist die Taufe. Sie ist das Sakrament des Glaubens, durch das die Getauften dem einen Leib Christi, der die Kirche ist, angehören. Die nichtkatholischen Christen sind also nicht außerhalb der einen Kirche, sie gehören ihr vielmehr in grundlegender Weise bereits an (LG 11;14; UR 22). Aufgrund der einen gemeinsamen Taufe geht die Ökumene weit über bloßes Wohlwollen und Freundlichkeit hinaus; sie ist keine Form kirchlicher Diplomatie; sie hat eine ontologische Begründung und eine ontologische Tiefe; sie ist ein geistliches Geschehen.

Die Taufe ist freilich nur Ausgangspunkt und Fundament (UR 22). Zur Vollendung kommt die Eingliederung in die Kirche mit der Eucharistie; sie ist Quelle, Mitte und Höhepunkt des christlichen und kirchlichen Lebens (LG 11;26; PO 5; AG 39). So wird die eucharistische Ekklesiologie bereits in der Liturgie- und in der Kirchenkonstitution grundgelegt (SC 47; LG 3;7;11;23;26). In Unitatis redintegratio heißt es, daß durch die Eucharistie »die Einheit der Kirche bezeichnet und bewirkt wird« (UR 2). Später wird von der Eucharistiefeier der orthodoxen Kirchen gesagt: »So baut sich auf und wächst durch die Feier der Eucharistie des Herrn in diesen Einzelkirchen die Kirche Gottes, und durch die Konzelebration wird ihre Gemeinschaft offenbar« (UR 15). Wo Eucharistie gefeiert wird, ist Kirche. Dieses Axiom hat – wie gleich zu zeigen sein wird – für das Verständnis der orientalischen Kirchen und für deren Unterscheidung von den evangelischen kirchlichen Gemeinschaften fundamentale Bedeutung.

Es gilt: Jede die Eucharistie feiernde Ortskirche ist Kirche im vollen Sinn, aber sie ist nicht die ganze Kirche (LG 26;28). Da es nur einen Jesus Christus und nur eine Eucharistie gibt, steht jede Eucharistie feiernde Kirche in einer verbindlichen Gemeinschaft mit allen anderen Kirchen. Die eine Kirche existiert in und aus den Ortskirchen (LG 23), wie umgekehrt die Ortskirchen in und aus der einen Kirche existieren (Communiones notio, 9).

Überträgt man dieses Verständnis der Einheit auf das ökumenische Problem, dann bedeutet die anzustrebende ökumenische Einheit mehr als ein Netzwerk von Konfessionskirchen, die einander gegenseitig anerkennen, indem sie Abendmahls- und Kanzelgemeinschaft aufnehmen. Das katholische Verständnis der Ökumene setzt die in der katholischen Kirche bereits gegebene Einheit und die ebenfalls bereits gegebene teilweise »communio« mit den anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften voraus, um von dieser unvollständigen Gemeinschaft zur vollen Gemeinschaft zu gelangen (UUS 14), welche Einheit im Glauben, in den Sakramenten und in der kirchlichen Leitung einschließt (LG 14; UR 2 f.).

Die Einheit im Sinn der vollen »communio« meint nicht Uniformität sondern Einheit in der Vielfalt und Vielfalt in der Einheit. Es kann innerhalb der einen Kirche eine legitime Vielfalt der Mentalitäten, der Gebräuche, der Riten, der kanonischen Ordnungen, der Theologien und der Spiritualitäten geben (LG 13; UR 4;16 f.). Wir können auch sagen: Das Wesen der als »communio« verstandenen Einheit ist Katholizität in ihrer nicht konfessionellen, sondern ursprünglichen qualitativen Bedeutung; sie meint die Verwirklichung aller Gaben, welche die Orts- und Konfessionskirchen beitragen können.

Der Beitrag, welchen Unitatis redintegratio zur Lösung des ökumenischen Problems gibt, ist demnach nicht die »Elementen-Ekklesiologie«, sondern die Unterscheidung zwischen voller und unvollkommener Gemeinschaft (UR 3).15 Aus dieser Unterscheidung folgt, daß das Ziel der Ökumene nicht auf Zusammenschlüsse ausgerichtet ist, sondern eine »communio« zum Ziel hat, die weder ein gegenseitiges Aufsaugen noch eine Verschmelzung bedeutet.16 Diese Formulierung des ökumenischen Problems ist der wichtigste theologische Beitrag des Konzils zur ökumenischen Frage.

V. Ost und West – zwei Gestalten der einen ökumenischen Bewegung

Die Einordnung der ökumenischen Theologie in die »communio«-Ekklesiologie erlaubte es, zwei Arten von Kirchenspaltung zu unterscheiden: die Spaltung zwischen Ost und West und die Spaltung innerhalb der westlichen Kirche seit dem 16. Jahrhundert. Zwischen beiden besteht nicht nur ein geographischer oder zeitlicher Unterschied; beide Spaltungen sind ihrer Art nach verschieden. Während bei der östlichen Kirchenspaltung das ekklesiale Grundgefüge, das sich seit dem 2. Jahrhundert herausgebildet hatte, erhalten blieb, haben wir es bei den aus der Reformation hervorgegangenen Gemeinschaften mit einem anderen ekklesialen Typ zu tun.17 Das östliche Schisma umfaßt sowohl die altorientalischen Kirchen, die sich im 4. und 5. Jahrhundert von der Großkirche getrennt haben, wie das Schisma zwischen Rom und den östlichen Patriarchaten, das symbolisch meist mit dem Jahr 1054 in Zusammenhang gebracht wird.

Das Konzil ist weit davon entfernt, den Unterschied auf kulturelle und politische Faktoren zu reduzieren. Ost und West haben das eine Evangelium von Anfang an in unterschiedlicher Weise aufgenommen und verschiedene Formen der Liturgie, der Spiritualität, der Theologie und des kanonischen Rechts ausgebildet. In der sakramental-eucharistischen und episkopalen Grundstruktur jedoch stimmen Ost und West überein. Die nach dem Konzil aufgenommenen nationalen und internationalen Dialoge haben diese tiefe Gemeinschaft im Glauben, in den Sakramenten und in der episkopalen Verfassung bestätigt.

Deshalb spricht das Konzil von Beziehungen wie zwischen Ortskirchen als Schwesterkirchen (UR 14). Diese im Ökumenismusdekret noch etwas vage Formulierung wurde im Briefwechsel zwischen Papst Paul VI. und dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras, im Tomos agapis, aufgegriffen und entfaltet.18

Die Wiederherstellung der vollen Gemeinschaft setzt die Beachtung der verschiedenen Faktoren der Trennung (UR 14) und die Anerkennung der legitimen Unterschiede voraus (UR 15–17). Das Konzil stellt fest, daß es sich bei den Unterschieden oft mehr um gegenseitige Ergänzungen als um wirkliche Gegensätze handelt (UR 17).19 Deshalb erklärt es, daß das »ganze geistliche und liturgische, disziplinäre und theologische Erbe mit seinen verschiedenen Traditionen zur vollen Katholizität und Apostolizität der Kirche gehört« (UR 17).20 Zur Wiederherstellung der Einheit darf man deshalb keine Lasten auferlegen, die über das Notwendige hinausgehen (Apg 15,28) (UR 18).

Das eigentliche Problem im Verhältnis zwischen Ost und West ist das Petrusamt (UUS 88). Papst Johannes Paul II. hat zu einem brüderlichen Dialog über die künftige Ausübung des Petrusamtes eingeladen (UUS 95). Es ist in diesem Zusammenhang nicht möglich, auf die damit gegebenen komplizierten historischen Fragen und die heutigen Möglichkeiten einer Reinterpretation und Rezeption der Dogmen des I. Vatikanischen Konzils einzugehen. Zu erwähnen ist lediglich, daß ein vom Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen mit den orthodoxen Kirchen veranstaltetes Symposium im Mai 2003 Öffnungen auf beiden Seiten erbrachte.21 Wir hoffen, daß der internationale theologische Dialog bald wieder aufgenommen werden kann und daß er sich vor allem dieser Frage annehmen kann.

Das westliche Schisma, das aus der Reformation des 16. Jahrhunderts hervorging, ist anderer Art. Es handelt sich – wie das Ökumenismusdekret klar erkennt – um ein komplexes und differenziertes Phänomen, sowohl historisch wie auch lehrmäßig. Auch mit den reformatorischen Gemeinschaften verbinden uns viele wichtige Elemente der wahren Kirche. Dazu gehören besonders die Verkündigung des Wortes Gottes und die Taufe. In vielen nachkonziliaren Dialog-Dokumenten wurde diese Gemeinschaft erweitert und vertieft.22

Es gibt aber auch »Unterschiede von großem Gewicht«, welche nicht nur historischer, soziologischer, psychologischer und kultureller Art sind, die vielmehr vor allem in der unterschiedlichen Interpretation der offenbaren Wahrheit begründet sind (UR 19). Diese Unterschiede betreffen nach dem Konzil teilweise die Lehre von Jesus Christus und der Erlösung, besonders die Heilige Schrift in ihrem Verhältnis zur Kirche und das authentische Lehramt, die Kirche und ihre Ämter, die Aufgabe Mariens im Heilswerk (UR 20 f.; UUS 66), teilweise auch moralische Fragen (UR 23). Die letzteren sind in jüngster Zeit vor allem in den Vordergrund getreten und verursachen Probleme sowohl innerhalb der reformatorischen Kirchengemeinschaften wie in den Beziehungen mit der katholischen Kirche.

Anders als beim östlichen Schisma haben wir es bei den reformatorischen Gemeinschaften freilich nicht nur mit einzelnen Lehrunterschieden, sondern mit einer anderen Grundstruktur und einem anderen Typ von Kirche zu tun. Die Reformatoren verstehen die Kirche – bei allen nicht geringen innerreformatorischen Unterschieden – nicht von der Eucharistie, sondern primär vom Wort Gottes her als »creatura verbi«.23 Der Unterschied spitzt sich in der Frage der Eucharistie zu.

Die aus der Reformation hervorgegangenen kirchlichen Gemeinschaften haben – wie das Konzil sagt – »wegen des Fehlens des Weihesakraments die ursprüngliche und vollständige Wirklichkeit (›substantia‹) des eucharistischen Mysteriums nicht bewahrt« (UR 22).

Im Sinn der eucharistischen Ekklesiologie ergibt sich aus diesem Mangel an eucharistischer Wirklichkeit die Unterscheidung zwischen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften. Die Erklärung Dominus Iesus (16) hat diese Unterscheidung begrifflich zugespitzt, was von Seiten evangelischer Christen oft Anlaß zu herber Kritik war. Zweifellos hätte man das Gemeinte auch verständnisvoller ausdrücken können; in der »Sache « kann man jedoch nicht über die Tatsache des unterschiedlichen Kirchenverständnisses hinwegsehen. Die evangelischen Christen wollen nicht in dem Sinn Kirche sein, wie die katholische Kirche sich als Kirche versteht; sie repräsentieren einen anderen Typ von Kirche und sind deshalb – am katholischen Selbstverständnis gemessen – nicht Kirche im eigentlichen Sinn.

Wegen der Unterschiede warnt das Konzil vor Leichtfertigkeit und unklugem Eifer. Die »ökumenische Betätigung muß ganz und gar katholisch sein, das heißt in Treue zur Wahrheit, die wir von den Aposteln und Vätern empfangen haben, und in Übereinstimmung mit dem Glauben, den die katholischen Kirche immer bekannt hat« (UR 24). Das Konzil warnt aber auch vor Polemik. Es ist bezeichnend, daß das Wort »Dialog« am Schluß der verschiedenen Abschnitte dieses Teils fast refrainartig wiederkehrt (UR 19;21;22;23). Das drückt nochmals den neuen Geist aus, in dem das Konzil die Überwindung der Unterschiede betrachtet.

VI. »Quanta est nobis via«?

Das Dekret war ein Anfang. Dennoch hat es innerkatholisch wie ökumenisch eine enorme Wirkungsgeschichte entfaltet und die ökumenische Situation im Laufe der letzten vierzig Jahre tiefgreifend verändert24.

Zweifellos hat Unitatis redintegratio auch Fragen offengelassen, sowie Einwände und Weiterentwicklungen erfahren. Wir sollten über diesen Problemen nicht die reichen Früchte übersehen, welche dieses Dekret erbracht hat. Es hat einen unwiderruflichen und unumkehrbaren Prozeß eingeleitet, zu dem es keine realistische Alternative gibt. Das Ökumenismusdekret weist uns den Weg im 21. Jahrhundert. Es ist der Auftrag des Herrn, diesen Weg zu gehen – mit Augenmaß, aber auch mit Mut, mit Geduld, aber vor allem in unerschütterlicher Hoffnung.

Letztlich ist Ökumene ein Abenteuer des Heiligen Geistes. Deshalb schließe ich mit dem Wort, mit dem auch das Ökumenismusdekret schließt: »Die Hoffnung aber wird nicht zuschanden: Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unseren Herzen durch den Heiligen Geist, der uns geschenkt ist« (Röm 5,5) (UR 24).

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1 Zur Vorgeschichte der ökumenischen Bewegung in der katholischen Kirche: H. Petri, Die römisch- katholische Kirche und die Ökumene, in: Handbuch der Ökumenik, Bd. 2, Paderborn 1986, 95–135.
2
Vgl. W. Becker, in : LThK Vat. II, Bd. 2 (1967), 11–39; L. Jaeger, Das Konzilsdekret über den Ökumenismus, Paderborn 1968, 15–78; Storia del Concilio Vaticano II, hrsg. von G. Alberigo, Bd. 3, Bologna 1998, 277–365; Bd. 4, Bologna 1999, 436–446.
3
J. Le Guillou, Mission et unité. Les exigences de la communion, Paris 1959; Y. Congar, Diversités et communion, Paris 1982, 239 f.; Papst Johannes Paul II. hat in der Missionsenzyklika Redemptoris missio (1990) (Nrn. 36 und 50) diesen Zusammenhang ebenfalls herausgestellt.
4
Irenäus von Lyon, Adversus haereses III, 24,1 (Sources chrétiennes, n. 211, Par is 1974, 472).
5
G. Philips, L’Église et son mystère aux deuxième Concile du Vatican, tome 1, Paris 1967, 119.
6
Überblick in der Synopsis historica a cura di G. Alberigo-F. Magistretti, Bologna 1975, 38; 439 f.; 506 f.
7
G. Philips, ebd.
8
AAS 35, 1943, 199; 42, 1950, 571.
9
Schreiben des Heiligen Offiziums an den Erzbischof von Boston (1949), in: DS 3866–73.
10
Synopsis historica, 439; G. Philips, a.a.O., 119; A. Grillmeier, LThK, Vat. II, Bd. 1, 1966, 175; L. Jaeger, a.a.O., 214–217.
11
So die Erklärung der Glaubenskongregation Mysterium ecclesiae (1973) 1 und nochmals die ErklärungDominus Iesus (2000) 17
12
Zu dem Begriff »Strukturen der Sünde« vgl. das Apostolische Schreiben von Papst Johannes Paul II.Reconciliatio et paenitentia (1984), 16 sowie UUS 34.
13
So die außerordentliche Bischofssynode 1985 (II C 1). Der Päpstliche Rat für die Einheit der Christen hat dieses Thema bei der Plenaria 2001 ausführlich behandelt. Vgl. die Einführung von W. Kasper, Communio. The Guiding Concept of Catholic Ecumenical Theology. The Present and the Future Situation of the Ecumenical Movement, in: Information Service, Nr. 109, 2002/I–II, 11–20.
14
Vgl. H. Mühlen, Una mystica persona, München- Paderborn 1968, 496–502;504–513.
15
In den Konzilsdokumenten selbst ist diese Unterscheidung terminologisch noch nicht voll ausgeprägt. In UR3 ist die Rede von »plena communio« und von »quaedam communio, etsi non perfecta«.
16
Johannes Paul II., Enzyklika Slavorum apostoli (1985) 27.
17
J. Ratzinger, Die ökumenische Situation – Orthodoxie, Katholizismus und Reformation, in: Theologische Prinzipienlehre, München 1982, 203-208.
18
Ebd., 386–392 (Nr. 176). In der gemeinsamen Erklärung von Papst Johannes Paul II. und dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. von 1995 wurde die Redeweise erneut aufgegriffen. Vgl. Slavorum apostoli 27; UUS55f.; 60; Note der Glaubenskongregation (2000).
19
Der Katechismus der katholischen Kirche (248) rechnet auch die Frage des »Filioque« zu den Problemen, welche eher einen komplementären als einen kontradiktorischen Unterschied bezeichnen.
20
So auch das Dekret Orientalium ecclesiarum, 1 und die Enzyklika Orientale Lumen (1995), 1
21
Vgl. W. Kasper (ed.), Il ministero Petrinio. Cattolici e ortodossi in dialogo, Roma 2004.
22
Zu nennen sind vor allem die Limadokumente Taufe, Eucharistie und Amt (1982), die ARCIC-Dokumente mit der anglikanischen Gemeinschaft, die Konvergenzdokumente mit den Lutheranern (Das Herrenmahl, Das geistliche Amt in der Kirche u.a.), besonders die Gemeinsame Erklärung über die Rechtfertigung (1999).
23
M. Luther, De captivitate Babylonica ecclesiae praeludium (1520): WA 560 f; Confessio Augustana (1530) Art. VII.; Heidelberger Katechismus (1563) Frage 65.
24
Vgl. Il Concilio Vaticano II. Recezione e attualità alla luce del Giubileo, hrsg. von R. Fisichella, Roma 2000, 335–415 mit Beiträgen von E. Fortino, J. Wicks, F. Ocáriz, Y. Spiteris, V. Pfnür.

Die theologische Verbindlichkeit des Ökumenismusdekrets

PÄPSTLICHER RAT ZUR FÖRDERUNG DER EINHEIT DER CHRISTEN

Die theologische Verbindlichkeit des Ökumenismusdekrets
des II. Vatikanischen Konzils »Unitatis redintegratio«

 

Die ökumenische Bewegung, welche das II. Vatikanische Konzil in dem Dekret Unitatis redintegratio als Zeichen der Wirksamkeit des Heiligen Geistes anerkannt und die zu fördern es als eine seiner Hauptaufgaben bezeichnet hat (UR 1;4), befindet sich heute, 40 Jahre später, in einer veränderten Situation. Neben bedeutenden Fortschritten zeigt sich das Gewicht alter wie auch neuer Unterschiede; der Prozeß der Annäherung dauert offensichtlich länger, als viele in einer ersten optimistischen Phase meinten. In dieser Situation gibt es ungeduldige Stimmen und Strömungen, welche – entgegen der erklärten Absicht des Konzils (UR 11) – um vermeintlicher Lösungen willen die Probleme überspringen und die ökumenische Bewegung im Sinn eines dogmatischen Relativismus, Indifferentismus oder eines reinen Pragmatismus mißdeuten.

Beides, die Schwierigkeiten wie die Mißverständnisse, führen manchmal dazu, der ökumenischen Bewegung mit Mißtrauen zu begegnen. Dabei wird neuerdings öfters die theologische Verbindlichkeit des Konzilsdekrets Unitatis redintegratio in Frage gestellt. Als Argument wird angeführt, es handle sich bei diesem Dokument nicht um eine dogmatische Konstitution, sondern »nur« um ein Dekret, das keine, bestenfalls eine sehr geringe lehrhafte Verbindlichkeit besitzt und lediglich pastorale und disziplinäre Bedeutung hat.

I. Diese These, die auf den ersten Blick einleuchtend erscheint, ist es bei genauerer Betrachtungsweise keineswegs. Jedenfalls läßt sie sich nicht allein aus dem Sprachgebrauch ableiten. Das geht schon allein daraus hervor, daß das Konzil von Trient nur Dekrete, aber unter dem Titel Dekrete dogmatisch höchst bedeutende und verbindliche Dokumente verabschiedet hat. Im Unterschied zum Trienter Konzil unterscheidet das II. Vatikanische Konzil zwischen Konstitutionen und Dekreten; doch das Konzil hat diese Unterscheidung nicht erklärt, jedenfalls nicht in einer Weise, welche die genannte These unmittelbar rechtfertigen würde.

Die Erklärungen, welche Papst Paul VI. bei der feierlichen Promulgation von Unitatis redintegratio abgegeben hat, weisen in eine andere Richtung. Bereits zu Beginn der 2. Sitzungsperiode hat der Papst in seiner grundsätzlichen Eröffnungsrede erklärt, die ökumenische Annäherung sei eines der Ziele, gleichsam das geistliche Drama, um dessentwillen das Konzil einberufen wurde. (1) Folgt man dieser Aussage, dann sind alle Konzilstexte in einer ökumenischen Perspektive zu lesen. Bei der Promulgation des Ökumenismusdekrets, welche am Schluß der 3. Sitzungsperiode (zusammen mit der Dogmatischen Konstitution über die Kirche) geschah, stellte Papst Paul VI. ausdrücklich fest, daß dieses Dekret die Kirchenkonstitution erläutert und vervollständigt: »ea doctrina explicationibus completa.« (2) Er hat das Dekret also nicht theologisch deklassiert, sondern es in seiner theologischen Bedeutung ausdrücklich der Kirchenkonstitution beigeordnet. Schließlich hat er in seiner Schlußansprache am 8. Dezember 1965 in Übereinstimmung mit der Eröffnungsrede von Papst Johannes XXIII. (3) erklärt, das Konzil insgesamt, also auch die dogmatischen Konstitutionen, seien pastoral ausgerichtet. Dabei ließ er keinen Zweifel daran aufkommen, daß diese pastorale Orientierung lehrhafte Aussagen nicht etwa ausschließt oder relativiert, sondern im Gegenteil die Lehre der Kirche zur festen Grundlage hat. (4)

In der Tat, es gibt keine Pastoral, die diesen Namen verdient, ohne Grundlage in der Lehre der Kirche, aber es gibt auch keine kirchliche Lehre, welche eine bloße Doktrin ohne pastorale Zielsetzung wäre. Schon das I. Vatikanische Konzil hatte erklärt, die kirchliche Lehre sei im Blick auf das letzte Ziel des Menschen zu interpretieren (DH 3016). So wie die Pastoral sich an der kirchlichen Lehre zu orientieren hat, so muß die kirchliche Lehre auf den Menschen und sein Ziel hin, und das heißt pastoral, interpretiert werden. Der Gesichtspunkt der »salus animarum« als »suprema lex« ist darum nicht nur ein grundlegendes Interpretationsprinzip des kirchlichen Rechts (CIC 1752), sondern auch der kirchlichen Lehre.

Daraus ergeben sich wichtige Gesichtspunkte für die Konzilshermeneutik: So wie Unitatis redintegratio nicht von Lumen gentium losgelöst und im Sinn eines dogmatischen Relativismus und Indifferentismus interpretiert werden darf, so zeigt Unitatis redintegratio, in welcher Richtung die in vieler Hinsicht offenen Aussagen von Lumen gentium gedeutet werden müssen, nämlich in Richtung auf eine theologisch verantwortete ökumenische Öffnung. Der Gegensatz zwischen lehrhafter und pastoraler bzw. disziplinärer Verbindlichkeit besteht also nicht. Eine theologische Degradierung des Ökumenismusdekrets würde vielmehr der ökumenischen Gesamtabsicht des II. Vatikanischen Konzils zuwiderlaufen.

II. Mit der Abweisung einer pauschalen theologischen Degradierung von Unitatis redintegratio ist das Problem freilich keineswegs erledigt. Im Gegenteil, die Aufgabe der rechten Auslegung dieses Dekrets fängt damit erst an. Daß es sich dabei nur um eine differenzierte und abgestufte Verbindlichkeit handeln kann, ergibt sich bereits aus der Antwort, welche die Theologische Kommission am Ende der Debatte über die Kirchenkonstitution auf die Frage nach deren theologischer Verbindlichkeit gab:

»Ein Text des Konzils ist selbstverständlich immer nach den allgemeinen, allseits bekannten Regeln auszulegen.« Das bedeutet, daß die Aussagen des Konzils anzunehmen und festzuhalten sind »entsprechend der Absicht der Heiligen Synode selbst, wie sie nach den Grundsätzen der theologischen Interpretation aus dem behandelten Gegenstand oder aus der Aussageweise sich ergibt«. (5)

In der Sache auf dasselbe Ergebnis lief die ausführliche Konzilsdebatte über den Titel der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes hinaus. In dieser Debatte wurde der Begriff »pastoral« und seine theologische Bedeutung ausführlich erörtert. Als Ergebnis stellt eine Anmerkung zu diesem Titel ausdrücklich fest: »Sie (d. i. die Pastoralkonstitution) wird ›pastoral‹ genannt, weil sie, gestützt auf Prinzipien der Lehre, das Verhältnis der Kirche zur Welt von heute darzustellen beabsichtigt. So fehlt weder im ersten Teil die pastorale Zielsetzung noch im zweiten Teil die lehrhafte Zielsetzung, obwohl dieser Teil ›nicht nur unwandelbare, sondern auch geschichtlich bedingte Elemente enthält‹«. Zusammenfassend wird festgestellt: »Die Konstitution ist also nach den allgemeinen theologischen Interpretationsregeln zu deuten.« (6)

Eine ähnliche, wenngleich weniger ausführliche Debatte wie bei Gaudium et spes wurde anläßlich der Diskussion von Unitatis redintegratio geführt. Das Ergebnis war in der Sache wiederum dasselbe. Bezeichnenderweise hat sich das Konzil, eben um einen falschen Irenismus und einen bloßen ökumenischen Pragmatismus zu vermeiden, nicht dem Vorschlag einiger Konzilsväter angeschlossen, alles Theologische aus dem Text zu entfernen. (7)

Das Konzil wollte also festhalten, daß die pastoralen Aussagen auf dogmatischen Prinzipien beruhen und daß andererseits die pastoralen Aussagen die dogmatischen Prinzipien auf die konkrete historische Situationen beziehen. Da die historischen Situationen und deren Beurteilung ihrer Natur nach kontingent und wandelbar sind, können historische Aussagen gemäß den theologischen Interpretationsregeln keinen theologisch verbindlichen Charakter haben, was aber die theologische Bedeutung der lehrhaften Elemente dieser Aussagen nicht beeinträchtigt.

Leider ist – wie nicht zuletzt die Auseinandersetzung um die theologische Verbindlichkeit vonUnitatis redintegratio zeigt – die Kenntnis der theologischen Interpretationsregeln und die Lehre von den theologischen Qualifikationen in der Nachkonzilszeit allzu sehr in Vergessenheit geraten.8 Sie verdient es, wieder aufgenommen zu werden. Das II. Vatikanum hat in Lumen gentium dazu seinen Beitrag geleistet, indem es die unfehlbaren Äußerungen und das authentische Lehramt unterschieden und erklärt hat, die Verbindlichkeit des letzteren sei »aus der Art der Dokumente, der Häufigkeit der Vorlage ein und derselben Lehre und der Sprechweise« zu erkennen (LG 25).

Diese Unterscheidungen sind in Anschlag zu bringen, wenn es um die theologische Verbindlichkeit von Unitatis redintegratio geht. Die Frage ist also nicht einfach: Ist dieser Konzilstext theologisch verbindlich – ja oder nein; es gilt vielmehr die unterschiedlichen Weisen und die unterschiedlichen Grade der Verbindlichkeit innerhalb des Dokuments zu unterscheiden und diese jeweils konkret zu eruieren.

Geschieht dies, dann ist schwerlich zu bestreiten, daß das erste Kapitel von Unitatis redintegratio, in dem die »katholischen Prinzipien des Ökumenismus« dargelegt werden, theologisch verbindliche Aussagen enthält, welche die entsprechenden Aussagen von Lumen gentium entweder zusammenfassen oder weiter ausführen. Ausdrückliche Zitationen dogmatischer Aussagen früherer Konzilien (IV. Laterankonzil, II. Konzil von Lyon, Konzil von Florenz, I. Vatikanisches Konzil) bestätigen, daß es um theologisch verbindliche, wenngleich nicht in jedem Fall um letztverbindliche unfehlbare Aussagen geht. Dagegen finden sich vor allem im dritten Kapitel über die »vom römischen und apostolischen Stuhl getrennten Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften « historische Aussagen, die ihrer Natur nach nicht theologisch verbindlich sein können. Doch auch in diesem Teil finden sich Aussagen, welche keinen Zweifel daran lassen, daß sie verbindlich gemeint sind. So heißt es etwa: »So erklärt das Heilige Konzil feierlich« (UR 16), »dieses Heilige Konzil erklärt« (UR17), »im Hinblick auf all dies erneuert das Heilige Konzil feierlich« (UR 18). Das sind Formulierungen, welche entsprechenden Formulierungen von Lumen gentium in nichts nachstehen.

Die Hermeneutik von Unitatis redintegratio und die Beurteilung der theologischen Verbindlichkeit dieses Dokuments kann also nicht pauschal, sondern nur differenziert erfolgen. Dies in jedem Einzelfall zu leisten ist ein mühsames Geschäft, von dem man sich aber nicht mit pauschalen Urteilen dispensieren darf.

III. Die Auslegung von Unitatis redintegratio kann nicht bei der Feststellung des jeweiligen Verbindlichkeitsgrades der einzelnen Aussagen stehenbleiben. Nach der Feststellung der formalen Verbindlichkeit geht es um die inhaltliche Interpretation. Auch dafür gibt es Regeln; sie gelten selbstverständlich auch für die ökumenische Theologie. Es würde zu weit führen und eine ganze theologische Methodologie erfordern, wollte man sie hier im einzelnen behandeln. Nur drei solcher Regeln sollen kurz angedeutet werden. (9)

Erstens: Grundlegend ist die historische Interpretation. Die Regel, nach der man nicht einen vagen Geist des Konzils beschwören kann, sondern vom Wortlaut der Aussagen ausgehen muß, bedeutet zugleich, daß man auf die jeweilige Aussageabsicht des Konzils achten muß. Diese ergibt sich vor allem aus dem Studium der Akten des Konzils. Außerdem darf man die einzelnen Aussagen nicht isoliert betrachten. Es genügt nicht die positivistische Zitation einzelner Sätze oder gar aus dem Zusammenhang gerissener Halbsätze. (10) Man muß die einzelnen Aussagen im Kontext aller Konzilsdokumente und im Zusammenhang aller Mysterien des Glaubens (DH 3016), und d. h. der »Hierarchie der Wahrheiten« (UR 11), interpretieren. Diese historische und systematische Interpretation stellt vor viele historische und hermeneutische Probleme, deren Bearbeitung man sich nicht schenken darf, um sich bequem entweder auf eine rein positivistische Zitation oder auf die fragwürdige Unterscheidung zwischen Geist und Buchstabe des Konzils zurückzuziehen.

Zweitens: Interpretation im Licht der Tradition. Kein Konzil steht in sich; jedes Konzil steht in der Tradition aller Konzilien. Das Dekret Unitatis redintegratio beruft sich auf das Glaubensbekenntnis der Kirche und auf die älteren Konzilien. Es wäre deshalb falsch, das II. Vatikanische Konzil und insbesondere das Ökumenismusdekret als Bruch mit der Tradition zu interpretieren. (11) Das letzte Konzil ist ja nicht zuletzt einem »resourcement«, einem Rückgang auf die Quellen, zu verdanken; es ging ihm um eine kraftvolle Erneuerung der Tradition und in diesem Sinn um ein »aggiornamento« (ein Begriff, welcher sich in den Konzilsdokumenten selbst gar nicht findet). Man muß freilich fragen, was Tradition im theologischen Sinn meint und dabei zwischen der einen Tradition und den vielen Traditionen unterscheiden. (12) Die ökumenische Öffnung des II. Vatikanischen Konzils bedeutet keinen Bruch mit der Tradition im theologischen Sinn des Wortes, aber sehr wohl die beabsichtigte Modifikation einzelner, meist relativ junger Traditionen. So ist es keine Frage, daß das Konzil bewußt über die defensiven und prohibitiven lehramtlichen Aussagen von Papst Pius XI. in Mortalium animos (1928) hinausgeht und in diesem Sinn einen qualitativen Sprung vollzieht. (13) So verstanden sind Tradition und Innovation kein Gegensatz.

Im Verständnis der Tradition hat sich das II. Vatikanische Konzil in der Dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung Dei Verbum das lebendige Traditionsverständnis, wie es von J. A. Möhler und J. H. Newman grundgelegt worden ist, zu eigen gemacht (DV 8). Es hat die Tradition als eine lebendige, vom Heiligen Geist erfüllte Tradition verstanden, d. h. sowohl als Treue zu dem ein für alle Mal hinterlassenen Depositum fidei wie als immer wieder neues Jungwerden in den stets neuen Situationen. Solche im Heiligen Geist geschehende lebendige Interpretation hat mit billiger Anpassung an den Geist der Zeit nichts gemein; im Gegenteil, sie muß sogar oft durch prophetisches Gegenzeugnis zum Geist der Zeit die Tradition aktuell zur Geltung bringen.

Das Konzilsdokument Unitatis redintegratio ist also in der Kontinuität aller Konzilien zu interpretieren; diese Kontinuität aber ist nicht als tote und petrifizierte Größe, sondern als lebendiges Geschehen zu verstehen, in dem uns der Heilige Geist immer wieder neu in die volle Wahrheit einführt (Joh 16,13). Er ist es, der nach Irenäus von Lyon das Depositum fidei jung und taufrisch erhält und das eine und selbe Evangelium nicht als das ewig Gestrige, sondern in seiner unausschöpflichen Neuheit bewahrt. (14)

Drittens: die Bedeutung der Konzilsrezeption. (15) Das Verständnis der Tradition als lebendige Tradition bringt es mit sich, daß sich nicht nur in Unitatis redintegratio, sondern auch in vielen anderen Texten des II. Vatikanischen Konzils, auch in Lumen gentium, oft »nova et vetera« unvermittelt nebeneinander stehen.

Das sieht nach Kompromiß aus. Doch nicht jeder Kompromiß ist ein »fauler Kompromiss«; ein intelligenter Kompromiß kann eine intellektuelle Höchstleistung und Ausdruck großer Weisheit sein, die darin besteht, zwar den Irrtum klar auszuschließen, aber im Augenblick nicht überwindbare innerkirchliche Unterschiede um der Einheit im Wesentlichen willen stehen zu lassen und deren Lösung der künftigen Diskussion und Rezeption zu überlassen. Auch die älteren Konzilien sind – wie jeder Dogmenhistoriker weiß – nicht ohne solche Kompromißformulierungen ausgekommen, was dann jeweils zu einem langwierigen Rezeptionsprozeß geführt hat. Die Konzilien von Nikaia (325) und Chalkedon (451) und ihre Nachgeschichte sind dafür sprechende Beispiele. (16)

Wer Unitatis redintegratio wegen einiger nicht voll »ausgegorener« Formulierungen kritisiert, der sollte sich fragen, was ihm dann bleibt. Denn konsequenter Weise muß er dann auch die dogmatischen Konstitutionen des II. Vatikanischen Konzils und wesentliche Elemente der älteren Konziliengeschichte kritisieren. Konzilsformulierungen sind deshalb bei aller definitiven Abgrenzung vom Irrtum immer auch offene Formulierungen, bei welchen die Definition einen Prozeß lebendiger Rezeption auslöst.

So darf Unitatis redintegratio nicht nur als ein historischer, von seiner Wirkungsgeschichte im nachkonziliaren Rezeptionsprozeß losgelöster Text gelesen werden. (17) Zu dieser Rezeption gehören die vielen lehramtlichen Dokumente, welche die ökumenische Öffnung bestätigt und weitergeführt haben, insbesondere die Enzyklika Ut unum sint (1995). Ebenso gehört dazu die Aufnahme, welche Unitatis redintegratio im Glauben und Leben der Kirche, in der Theologie und in den ökumenischen Dialogen gefunden hat. Zweifellos ist manches noch unausgereift; zu mancher Fehlentwicklung mußte das kirchliche Lehramt, wie es mit der Erklärung Dominus Jesus (2000) geschehen ist, kritisch Stellung beziehen.

Doch auch diese Erklärung darf nicht isoliert werden; sie muß im Licht aller lehramtlichen Dokumente und im Rahmen des gesamten Rezeptionsprozesses interpretiert werden.

Unitatis redintegratio ist also in den vergangenen 40 Jahren vom authentischen kirchlichen Lehramt wie vom »sensus fidelium« rezipiert worden. Dieses Dekret hat in diesen 40 Jahren bei vielen Christen nachhaltig zum Reifen eines ökumenischen Bewußtseins beigetragen. Sicherlich muß man manchem Wildwuchs wehren, nur soll man dabei mit dem Unkraut nicht auch den guten Weizen ausreißen (Mt 13,29). Unitatis redintegratio nachträglich zu degradieren hieße, sich über ein ökumenisches Konzil, über das authentische Lehramt der Kirche, über das vom Heiligen Geist geleitete Leben der Kirche zu stellen, und dem Heiligen Geist zu widerstehen, der diesen Prozeß mit seinen Höhen und Tiefen, seinen Problemen, aber noch viel mehr mit seinen vielen hoffnungsvollen Aspekten angestoßen hat. Wir haben deshalb allen Grund, in der veränderten ökumenischen Situation Unitatis redintegratio in Treue zur kirchlichen Tradition und im Licht der katholischen Prinzipienlehre mit Geduld, aber auch mit Mut und Phantasie in der Theologie wie in der Praxis umzusetzen.

Kard. WALTER KASPER
Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen


ANMERKUNGEN

1) Ench. Vat. vol. 1, Documenti del Concilio Vaticano II, 104 f.; vgl. schon Papst Johannes XXIII. in seiner Eröffnungsrede, ebd., 48 f.

2) Ebd., 178 f. Hätte der Papst das Dekret nicht auch theologisch ernst genommen, wären seine Interventionen unmittelbar vor der Promulgation nicht verständlich. Vgl. dazu W. Becker in: LThKErg. Bd. Vat. II, Bd. 2 (1967) 38 f.; Storia del concilio Vaticano II, ed. G. Alberigo, vol. 4, Bologna 1999, 436–446.

3) Ench. Vat., vol. 1, 44 f.

4) Ebd., 284 f.

5) Vgl. die Bekanntmachungen des Generalsekretärs des Konzils vom 16. November 1964, in:LThK Erg. Bd. Vat. II. Bd. 1 (1966) 349 f.

6) Vgl. zur dieser Diskussion den Kommentar von Ch. Moeller in: LThK Erg.Bd. Vat.II, Bd. 3 (1968) 280–282.

7) Vgl. den Kommentar von W. Becker in: LThK Erg. Bd. Vat. II, Bd. 2 (1967) 30; Storia del concilio Vaticano II, ed. G. Alberigo, vol. 3, Bologna 1998, 283 f.; 286.

8) Vgl. den historischen und systematischen Überblick bei L. Scheffczyk, Art. Qualifikationen, in:LThK Bd. 8 (1999) 755–757.

9) Zur Hermeneutik des II. Vatikanischen Konzils vgl. W. Kasper. Die bleibende Herausforderung durch das II. Vatikanische Konzil, in: Theologie und Kirche, Mainz 1987, 290–299; H. J. Pottmeyer, A New Phase in the Reception of Vatican II, in: The Reception of Vatican II, ed. G. Alberigo u.a., Washington DC, 1987, 27–43; zusammenfassend: O. Rush, Still Interpreting Vatican II: Some Hermeneutical Principles (Sidney 2003).

10) Konkretes Beispiel: Wenn es um die Beurteilung der Abendmahlsfeiern der kirchlichen Gemeinschaften reformatorischer Prägung geht, genügt es nicht aus UR 22 nur zu zitieren, daß sie »die ursprüngliche und volle Wirklichkeit (substantia) des eucharistischen Mysteriums nicht bewahrt haben«; man muß auch den gleich folgenden Halbsatz hinzufügen, in dem das Konzil die Bedeutung dieser Feiern positiv zu umschreiben sucht.

11) So mit Recht J. Ratzinger, Rapporto sulla fede, Milano 1985, 33–35.

12) Vgl. Y. Congar, La tradition et les traditions, 2 vol., Paris 1960, 1963.

13) Vgl. Storia del concilio Vaticano II, ed. G. Alberigo, vol. 3, Bologna 1998, 287; 290; vol. 4, Bologna 1999, 504.

14) Irenaeus von Lyon, Adversus haereses III, 17, 1; 24, 1.

15) Vgl. zu diesem in der katholischen Theologie lange Zeit vernachlässigten Thema der Rezeption außer den bekannten und klassisch gewordenen Abhandlungen von A. Grillmeier und Y. Congar vor allem die umfassende Darstellung von G. Routhier, La Réception d’un Concile, Paris 1993. Auf der philosophischen Ebene haben H. G. Gadamer und P. Ricoeur gezeigt, daß die Wirkungsgeschichte eines Textes zu diesem hinzugehört und nicht von ihm abgelöst werden kann.

16) Vgl. M. Seckler, Über den Kompromiß in Sachen der Lehre, in: Im Spannungsfeld von Wissenschaft und Kirche, Freiburg i. Br. 1980, 99–109.

17) Vgl. Il Concilio Vaticano II. Recezione e attualità alla luce del Giubileo, ed. R. Fisichella, Roma 2000, 335–415 mit Beiträgen von E. Fortino, J. Wicks, F. Ocáriz, Y. Spiteris, V. Pfnür.

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L’Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, 5. Dezember 2003, S. 11-12