Johannes Paul II.: Erklärung der hl. Birgitta von Schweden, der hl. Katharina von Siena und der hl. Theresia Benedicta a Cruce zu Mitpatroninnen Europas

APOSTOLISCHES SCHREIBEN
IN FORM EINES »MOTU PROPRIO«
ZUR ERKLÄRUNG DER HL. BIRGITTA VON SCHWEDEN,
DER HL. KATHARINA VON SIENA UND
DER HL. TERESIA BENEDICTA A CRUCE
ZU MITPATRONINNEN EUROPAS

JOHANNES PAUL II.
ZU IMMERWÄHRENDEM GEDENKEN

1. Die Hoffnung auf den Aufbau einer gerechteren und menschenwürdigeren Welt, eine Hoffnung, die von der Erwartung des nunmehr vor der Tür stehenden dritten Jahrtausends noch angefacht wird, muß von dem Bewußtsein getragen sein, daß menschliche Anstrengungen nichts nützen würden, wenn sie nicht von der göttlichen Gnade begleitet wären: »Wenn nicht der Herr das Haus baut, müht sich jeder umsonst, der daran baut« (Ps 127,1). Dem müssen auch alle Rechnung tragen, die in diesen Jahren vor dem Problem stehen, Europa eine neue Ordnung zu geben, die dem alten Kontinent helfen soll, sich durch Beseitigung des traurigen Erbes der Vergangenheit die Reichtümer seiner Geschichte zunutze zu machen, um mit einer in den besten Traditionen verwurzelten Originalität auf die Erfordernisse der sich wandelnden Welt zu antworten.

In der Gesamtgeschichte Europas stellt das Christentum zweifellos ein zentrales und prägendes Element dar, das sich auf dem starken Fundament des klassischen Erbes und der vielfältigen Beiträge gefestigt hatte, die von den im Laufe der Jahrhunderte aufeinanderfolgenden unterschiedlichen ethnisch-kulturellen Strömungen eingebracht wurden. Der christliche Glaube hat die Kultur des Kontinents geformt und sich mit seiner Geschichte so unlösbar verflochten, daß diese gar nicht verständlich wäre, würde man nicht auf die Ereignisse verweisen, die zunächst die große Zeit der Evangelisierung und dann die langen Jahrhunderte geprägt haben, in denen sich das Christentum, wenn auch in der schmerzlichen Spaltung zwischen Orient und Okzident, als die Religion der Europäer durchgesetzt hat. Auch in Neuzeit und Gegenwart, wo die religiöse Einheit sowohl infolge weiterer Spaltungen unter den Christen als auch wegen der Loslösungsprozesse der Kultur vom Horizont des Glaubens mehr und mehr zerbröckelte, kommt der Rolle des Glaubens auch weiterhin eine wichtige Bedeutung zu.

Der Weg in die Zukunft muß dieser Gegebenheit Rechnung tragen. So sind die Christen aufgerufen, sich des Glaubens neu bewußt zu werden, um zu zeigen, was er an Möglichkeiten ständig in sich birgt. Sie haben die Pflicht, zum Aufbau Europas einen besonderen Beitrag zu leisten. Dieser wird um so wertvoller und wirksamer sein, je mehr es den Christen gelingt, sich selbst im Lichte des Evangeliums zu erneuern. Auf diese Weise werden sie jene lange Geschichte der Heiligkeit fortführen, welche die verschiedenen Regionen Europas im Laufe dieser zweitausend Jahre durchzogen hat, in denen die offiziell anerkannten Heiligen nur die als Vorbilder für alle Menschen ausgewiesenen Höhepunkte sind. Denn zahllos sind die Christen, die durch ihr von der Liebe zu Gott und zum Nächsten beseeltes, rechtschaffenes und aufrichtiges Leben in den verschiedensten Berufen als Geistliche, Ordensleute und Laien eine Heiligkeit erlangt haben, die in ihrer Verborgenheit echt und weit verbreitet war.

2. Die Kirche zweifelt nicht daran, daß gerade dieser Schatz der Heiligkeit das Geheimnis ihrer Vergangenheit und die Hoffnung ihrer Zukunft ist. In ihm drückt sich nämlich am besten das Geschenk der Erlösung aus, durch das der Mensch von der Sünde befreit wird und die Möglichkeit zu einem neuen Leben in Christus erhält. In ihm findet das Volk Gottes auf seinem Weg durch die Zeit eine unvergleichliche Stütze, fühlt es sich doch zutiefst mit der verherrlichten Kirche verbunden, die im Himmel dem Lamm den Lobpreis singt (vgl. Offb 7,9–10), während sie für die noch auf Erden pilgernde Gemeinschaft Fürbitte einlegt. Darum hat das Volk Gottes seit ältesten Zeiten die Heiligen als Beschützer angesehen. Durch eine einzigartige Gepflogenheit, an der sicher der Einfluß des Heiligen Geistes nicht unbeteiligt war, wurden dann die einzelnen Kirchen, Regionen und sogar Kontinente dem besonderen Schutz einiger Heiliger anvertraut. Manchmal geschah es auf Drängen der Gläubigen, dem die Bischöfe nachgaben, dann wieder auf Initiative der Bischöfe selbst.

Da gerade die Zweite Sonderversammlung der Bischofssynode für Europa tagt, schien mir aus der oben gezeichneten Perspektive und angesichts des bevorstehenden Großen Jubiläums des Jahres 2000, daß die europäischen Christen aus der Betrachtung und der Anrufung mancher Heiliger, die auf ihre Weise besonders repräsentativ für ihre Geschichte sind, geistlichen Nutzen ziehen könnten. Die Christen in Europa erleben ja zusammen mit ihren Mitbürgern einen epochalen Übergang, der zwar reich an Hoffnung, aber zugleich nicht frei von Sorgen ist. Ich habe mir daher nach entsprechender Beratung überlegt, das zu vollenden, was ich am 31. Dezember 1980 begonnen habe, als ich zwei Heilige des ersten Jahrtausends, die Brüder Cyrill und Methodius, als Pioniere der Evangelisierung Osteuropas dem hl. Benedikt an die Seite stellte und zu Mitpatronen Europas erklärte. So will ich nunmehr die Schar der himmlischen Schutzpatrone durch drei Gestalten ergänzen, die gleichfalls als Sinnbilder für entscheidende Augenblicke des zu Ende gehenden zweiten Jahrtausends stehen: die hl. Birgitt a von Schweden, die hl. Katharina von Siena und die hl. Teresia Benedicta a Cruce (Edith Stein). Drei große Heilige, drei Frauen, die sich in verschiedenen Epochen – zwei im Hochmittelalter und eine in unserem Jahrhundert – durch die tatkräftige Liebe zur Kirche Christi und durch das Zeugnis für sein Kreuz ausgezeichnet haben.

3. Das Panorama der Heiligkeit ist natürlich so vielfältig und reich, daß die Wahl neuer himmlischer Schutzpatrone auch auf andere sehr würdige Gestalten hätte fallen können, deren sich jede Epoche und jede Region rühmen dürfen. Im Rahmen der von der Vorsehung bestimmten Tendenz, die sich in Kirche und Gesellschaft unserer Zeit durch die immer klarere Anerkennung der Würde und der eigentlichen Gaben der Frau durchgesetzt hat, halte ich jedoch die Option für diese Heiligkeit mit weiblichem Antlitz für besonders bedeutsam.

In Wirklichkeit hat es die Kirche von ihren Anfängen an nicht versäumt, die Rolle und Sendung der Frau anzuerkennen, auch wenn sie sich bisweilen von den Bedingtheiten einer Kultur beeinflussen ließ, die der Frau nicht immer die gebührende Aufmerksamkeit schenkte. Doch die christliche Gemeinschaft ist auch in dieser Hinsicht allmählich gereift, und gerade die von der Heiligkeit entfaltete Rolle hat sich dafür als entscheidend erwiesen. Ein ständiger Impuls ist vom Bild Mariens, der »idealen Frau«, der Mutter Christi und der Kirche, ausgegangen. Aber auch der Mut der Märtyrinnen, die mit erstaunlicher Seelenkraft die grausamsten Qualen auf sich genommen haben, das Zeugnis der Frauen, die sich mit beispielhafter Radikalität zum asketischen Leben verpflichtet haben, die tägliche Hingabe so vieler Ehefrauen und Mütter in der Familie als »Hauskirche«, die Charismen so vieler Mystikerinnen, die zur theologischen Vertiefung beigetragen haben: Sie alle haben der Kirche eine wertvolle Anleitung dafür gegeben, den Plan, den Gott für die Frauen hat, voll zu erfassen. Seinen unmißverständlichen Ausdruck findet dieser Plan übrigens bereits auf einigen Seiten der Heiligen Schrift und besonders in der im Evangelium bezeugten Haltung Christi. Auf dieser Linie liegt auch die Wahl, die hl. Birgitta von Schweden, die hl. Katharina von Siena und die hl. Teresia Benedicta a Cruce zu Mitpatroninnen Europas zu erklären.

Der Grund, der dann mein besonderes Augenmerk auf diese Frauen gelenkt hat, liegt in deren Leben. Ihre Heiligkeit äußerte sich nämlich unter historischen Gegebenheiten und im Rahmen »geographischer« Räume, die sie für den europäischen Kontinent besonders bedeutsam erscheinen lassen. Die hl. Birgitta ver weist auf den äußersten Norden Europas, wo sich der Kontinent mit den übrigen Teilen der Welt gleichsam zu einer Einheit verbindet; von dort ist sie aufgebrochen, um schließlich in Rom ihr Ziel zu finden. Auch Katharina von Siena ist wegen der Rolle bekannt, die sie damals, als der Nachfolger Petri in Avignon residierte, durch die Vollendung eines geistlichen Werkes spielte, das bereits die hl. Birgitta begonnen hatte: Denn sie hatte die Rückkehr des Papstes an seinen eigentlichen Sitz in der Nähe des Grabes des Apostelfürsten gefördert. Die erst vor kurzem heiliggesprochene Teresia Benedicta a Cruce schließlich verbrachte nicht nur ihr Leben in verschiedenen Ländern Europas, sondern schlug mit ihrer ganzen Existenz als Denkerin, Mystikerin und Märtyrerin gleichsam eine Brücke zwischen ihren jüdischen Wurzeln und der Zugehörigkeit zu Christus. Sie tat es, indem sie mit sicherer Intuition im Dialog mit dem modernen philosophischen Denken stand und indem sie schließlich durch ihr Martyrium in der entsetzlichen und beschämenden »Shoah« die Gründe gleichsam herausschrie, die für Gott und den Menschen sprechen. So ist sie zum Ausdruck einer menschlichen, kulturellen und religiösen Pilgerschaft geworden, die den tiefen Kern der Tragödie und der Hoffnungen des europäischen Kontinents verkörpert.

 

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4. Die erste dieser drei großen Gestalten, Birgitta, stammte aus einer Adelsfamilie und wurde im Jahr 1303 in Finsta in der schwedischen Region Uppland geboren. Sie ist vor allem als Mystikerin und Gründerin des Ordens des Heiligsten Erlösers bekannt. Man darf jedoch nicht vergessen, daß sie in der ersten Lebenshälfte dem Laienstand angehörte und mit einem frommen Christen glücklich verheiratet war, von dem sie acht Kinder hatte. Wenn ich auf sie als Mitpatronin Europas hinweise, möchte ich damit bewirken, daß sich ihr nicht nur diejenigen nahe fühlen, die die Berufung zu einem besonderen geistlichen Stand empfangen haben, sondern auch jene, die als Laien ihren gewöhnlichen Tätigkeiten in der Welt nachgehen und denen vor allem die hohe und verpflichtende Berufung zukommt, eine christliche Familie zu bilden. Ohne sich vom Wohlstandsleben ihrer gesellschaftlichen Klasse beirren zu lassen, lebte Birgitta mit ihrem Gemahl Ulf die Erfahrung eines Ehepaares, bei dem sich die eheliche Liebe mit intensivem Gebet, Studium der Heiligen Schrift, Abtötung und Nächstenliebe verband. Gemeinsam gründeten die Eheleute ein kleines Spital, wo sie häufig den Kranken Beistand leisteten. Birgitta hatte es sich sodann zur Gewohnheit gemacht, persönlich den Armen zu dienen. Zugleich wurde sie wegen ihrer pädagogischen Gaben geschätzt, die sie besonders dann entfalten konnte, wenn man sie am Hof von Stockholm um ihren Dienst ersuchte. Aus dieser Erfahrung sollten die Ratschläge heranreifen, die sie bei verschiedenen Gelegenheiten Fürsten und Herrschern für die richtige Erfüllung ihrer Aufgaben erteilte. Aber an erster Stelle kam diese Fähigkeit natürlich ihren Kindern zugute, und es ist kein Zufall, daß eine ihrer Töchter, Katharina, als Heilige verehrt wird.

Doch diese Periode ihres Familienlebens war nur eine erste Etappe. Die Wallfahrt nach Santiago de Compostela, die sie 1341 zusammen mit ihrem Ehemann Ulf unternahm, bildete den symbolischen Abschluß dieser Phase. Für Birgitta war sie die Vorbereitung auf das neue Leben, das sie einige Jahre später begann, als sie nach dem Tod des Gatten die Stimme Christi vernahm, der ihr eine neue Sendung übertrug, während er sie durch eine Reihe außerordentlicher mystischer Gnaden Schritt für Schritt begleitete.

5. Nachdem sie 1349 Schweden verlassen hatte, ließ sich Birgitta in Rom nieder, dem Sitz des Nachfolgers Petri. Der Umzug nach Italien stellt einen Abschnitt in Birgittas Leben dar, der nicht für die geographische und kulturelle, sondern vor allem für die spirituelle Erweiterung ihres Geistes und Herzens entscheidend war. Viele Orte Italiens haben sie als Pilgerin gesehen, deren tiefster Wunsch es war, die Reliquien der Heiligen zu verehren. Orte, die davon erzählen können, sind: Mailand, Pavia, Assisi, Ortona, Bari, Benevento, Pozzuoli, Neapel, Salerno, Amalfi und das Heiligtum des hl. Erzengels Michael auf dem Monte Gargano. Die letzte Wallfahrt, die sie zwischen 1371 und 1372 unternahm, führte sie nach Überquerung des Mittelmeeres in Richtung Heiliges Land und gestattete ihr, außer den vielen heiligen Stätten des katholischen Europa die eigentlichen Quellen des Christentums gleichsam geistlich zu umarmen, die als Orte vom Leben und Tod des Erlösers geheiligt sind.

Noch mehr als durch dieses fromme Wallfahrten hat Birgitta aber durch den tiefen Sinn für das Geheimnis Christi und der Kirche in einem äußerst kritischen Augenblick ihrer Geschichte am Aufbau der kirchlichen Gemeinschaft mitgewirkt. Die innige Verbundenheit mit Christus war nämlich begleitet von besonderen Offenbarungscharismen, die sie zu einem Bezugspunkt machte, an dem sich viele Personen der Kirche ihrer Zeit ausrichteten. In Birgitta spürt man die Kraft der Prophetie. Die Töne, die sie anschlägt, erscheinen manchmal wie ein Echo der Stimmen der großen alten Propheten. Sicher und entschlossen spricht sie zu Fürsten und Päpsten. Ihnen enthüllt sie die Pläne Gottes in bezug auf die geschichtlichen Ereignisse. Sie spart auch nicht mit strengen Ermahnungen, was die sittliche Erneuerung des christlichen Volkes und selbst des Klerus betrifft (vgl. Revelationes, IV. 49; vgl. auch IV, 5). Manche Aspekte ihres außergewöhnlichen mystischen Schaffens lösten in der damaligen Zeit verständliche Fragen aus. Ihnen gegenüber verwies die Prüfung durch die Kirche auf die einzige öffentliche Offenbarung, die in Christus ihre Erfüllung und in der Heiligen Schrift ihren maßgebenden Ausdruck gefunden hat. Denn auch die Erfahrungen der großen Heiligen sind nicht frei von jenen Grenzen, die den Empfang der Stimme Gottes durch den Menschen immer begleiten.

Es besteht jedoch kein Zweifel, daß die Kirche, als sie die Heiligkeit Birgittas anerkannte, die Authentizität ihrer inneren Erfahrung insgesamt billigte, auch ohne sich zu den einzelnen Offenbarungen zu äußern. Sie erscheint als eine bedeutende Zeugin des Raumes, den das Charisma in der Kirche haben kann, wenn es in voller Fügsamkeit gegenüber dem Geist Gottes und in voller Übereinstimmung mit den Ansprüchen der kirchlichen Gemeinschaft gelebt wird. Insbesondere nachdem sich die skandinavischen Länder, also die Heimat Birgittas, im Verlauf der traurigen Geschehnisse des 16. Jahrhunderts aus der vollen Gemeinschaft mit dem Römischen Stuhl losgelöst hatten, bleibt die Gestalt der schwedischen Heiligen ein wertvolles ökumenisches »Band«, das den Einsatz noch verstärkt, den ihr Orden in diesem Sinne leistet.

 

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6. Nur wenig jünger ist die andere große Frauengestalt, die hl. Katharina von Siena, deren Rolle in den Entwicklungen der Kirchengeschichte und selbst bei der lehrmäßigen Vertiefung der geoffenbarten Botschaft tiefe Anerkennung gefunden hat, die in der Verleihung des Titels einer Kirchenlehrerin gipfelte.

Die 1347 in Siena geborene Katharina war von frühester Kindheit an mit außerordentlichen Gnaden ausgestattet, die es ihr erlaubten, auf dem vom hl. Dominikus vorgezeichneten geistlichen Weg zwischen Gebet, asketischer Strenge und Werken der Nächstenliebe rasch zur Vollkommenkeit voranzuschreiten. Sie war zwanzig Jahre alt, als Christus ihr durch das mystische Symbol des Brautringes seine besondere Liebe offenbarte. Es war die Krönung einer Vertrautheit, die in der Verborgenheit und Kontemplation, auch außerhalb der Mauern eines Klosters, durch das ständige Verweilen an jener geistlichen Wohnung herangereift war, die sie gern die »innere Zelle« nannte. Das Schweigen dieser Zelle, das Katharina für die göttlichen Eingebungen in hohem Maße bereit machte, konnte sich schon bald mit einem ganz außerordentlichen apostolischen Eifer verbinden. Viele Menschen, darunter auch Kleriker, sammelten sich als Schüler um sie und sprachen ihr die Gabe einer geistlichen Mutterschaft zu. Ihre Briefe verbreiteten sich in Italien, ja über ganz Europa. Denn die junge Frau aus Siena traf mit sicherem Ton und glühenden Worten den Kern der kirchlichen und gesellschaftlichen Probleme ihrer Zeit.

Mit unermüdlichem Einsatz verwendete sich Katharina für die Lösung der vielfältigen Konflikte, von denen die Gesellschaft ihrer Zeit zerrissen wurde. Ihre Bemühungen um Friedensstiftung erreichten europäische Herrscher wie Karl V. von Frankreich, Karl von Durazzo, Elisabeth von Ungarn, Ludwig den Großen von Ungarn und Polen sowie Johanna von Neapel. Bedeutend war ihre Initiative zur Versöhnung der Stadt Florenz mit dem Papst. Indem sie die Parteien auf den »gekreuzigten Christus und die sanftmütige Maria« hinwies, zeigte sie, daß es für eine an den christlichen Werten orientierte Gesellschaft niemals einen Anlaß zu einem so schwerwiegenden Streit geben kann, daß man die Vernunft der Waffen den Waffen der Vernunft vorziehen darf.

7. Katharina wußte freilich genau, daß man nicht wirksam zu dieser Schlußfolgerung gelangen konnte, wenn nicht zuvor die Herzen von der Kraft des Evangeliums geformt worden waren. Daher rührt die Dringlichkeit der Reform der Gewohnheiten, die sie allen ohne Ausnahme vorschlug. Die Könige erinnerte sie daran, daß sie nicht regieren konnten, als wäre das Königreich ihr »Eigentum«: Vielmehr sollten sie sich bewußt sein, daß sie Gott über die Machtausübung Rechenschaft geben müssen. Aus diesem Wissen heraus sollten sie die Aufgabe annehmen, »die heilige und wahre Gerechtigkeit« dadurch zu erhalten, daß sie sich zu »Vätern der Armen« machen (vgl. Brief Nr. 235 an den König von Frankreich). Die Ausübung der Herrschergewalt war nämlich nicht von der Übung der Nächstenliebe zu trennen, die zugleich die Seele des persönlichen Lebens und der politischen Verantwortung ist (vgl. Brief Nr. 357 an den König von Ungarn).

Mit derselben Eindringlichkeit wandte sich Katharina an die Geistlichen jeden Ranges, um von ihnen die strengsten Konsequenzen im Leben und im pastoralen Dienst zu verlangen. Der freie, kraftvolle und eindringliche Ton, mit dem sie Priester, Bischöfe und Kardinäle ermahnt, macht Eindruck. Im Garten der Kirche – sagte sie – müßten die faulenden Pflanzen ausgerissen und durch frische, duftende »neue Pflanzen« ersetzt werden. Gestärkt durch ihre Vertrautheit mit Christus scheute sich die Heilige aus Siena nicht, selbst den Papst, den sie als »sanftmütigen Christus auf Erden« zärtlich liebte, mit aller Offenheit auf den Willen Gottes hinzuweisen, der ihm gebot, das von irdischer Vorsicht und weltlichen Interessen diktierte Zaudern und Zögern endlich aufzugeben und von Avignon nach Rom zum Petrusgrab zurückzukehren.

Mit derselben Leidenschaft opferte sich Katharina dafür auf, die Spaltungen abzuwenden, die sich bei der Papstwahl nach dem Tod Gregors XI. abzeichneten: Auch in dieser Situation appellierte sie noch einmal leidenschaftlich an die unverzichtbaren Gründe, die für den Erhalt der Gemeinschaft sprachen. Das war das höchste Ideal, an dem sie ihr ganzes Leben ausgerichtet hatte, während sie sich vorbehaltlos für die Kirche verzehrte. Das sollte sie selbst auf dem Sterbebett ihren geistlichen Kindern bezeugen: »Seid gewiß, meine Lieben, daß ich das Leben für die heilige Kirche hingegeben habe« (Seliger Raimondo da Capua, Leben der heiligen Katharina von Siena, Lib. III, c. IV).

 

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8. Mit Edith Stein — der hl. Teresia Benedict a a Cruce — befinden wir uns in einem ganz anderen historisch-kulturellen Umfeld. Sie führt uns nämlich mitten in unser geplagtes Jahrhundert. Aus dieser Gestalt werden die Hoffnungen deutlich, die das Jahrhundert entzündet hat, aber auch die Widersprüche und das Scheitern, die es gekennzeichnet haben. Edith kommt nicht, wie Birgitta und Katharina, aus einer christlichen Familie. Alles in ihr drückt die Qual der Suche und die Mühsal der existentiellen »Pilgerschaft« aus. Auch nachdem sie im Frieden des kontemplativen Lebens bei der Wahrheit angekommen war, mußte sie das Geheimnis des Kreuzes bis zum Letzten leben.

Edith wurde 1891 in einer jüdischen Familie in der Stadt Breslau geboren, die damals deutsches Staatsgebiet war. Aufgrund des Interesses, das sie für die Philosophie entwickelte, während sie die religiöse Praxis, in die sie von der Mutter eingeführt worden war, aufgab, hätte man bei ihr eher mit einem Leben im Zeichen des reinen »Rationalismus« gerechnet als mit einem Weg der Heiligkeit. Aber die Gnade erwartete sie gerade auf den verschlungenen Wegen des philosophischen Denkens: Als sie den Weg der phänomenologischen Richtung einschlug, meinte sie, darin die Instanz einer objektiven Wirklichkeit zu erfassen, die keineswegs beim Subjekt endet, sondern vielmehr dessen Erkenntnis vorausgeht, sie ausmißt und deshalb mit strengem Bemühen um Objektivität geprüft werden muß. Man muß sich in diese objektive Wirklichkeit hineinhören, indem man sie vor allem im Menschen erfaßt. Dies geschieht mit Hilfe jenes Einfühlungsvermögens, das »Empathie« heißt (ein Wort, das Edith Stein sehr teuer war) und einem erlaubt, sich das von anderen Erlebte gewissermaßen zu eigen zu machen (vgl. Edith Stein, Das Problem der Empathie).

In dieser Spannung des Hinhörens traf sie sich einerseits mit den Zeugnissen der christlichen spirituellen Erfahrung, wie sie die hl. Theresa von Avila und andere große Mystiker boten, deren Jüngerin und eifrige Nachahmerin sie wurde. Andererseits berührte sie damit die alte Überlieferung des christlichen Denkens, die im Thomismus eine feste Form erhalten hatte. Auf diesem Weg gelangte Edith zunächst zur Taufe, um sich dann für das kontemplative Leben im Karmelitinnenorden zu entscheiden. Das alles spielte sich im Rahmen eines ziemlich bewegten Lebensweges ab, der außer von der inneren Suche auch von Forschungs- und Lehrverpflichtungen geprägt war, die sie mit bewundernswerter Hingabe erfüllte. Besonders anerkennenswert in der damaligen Zeit war ihr aktives, ja geradezu kämpferisches Eintreten für die gesellschaftliche Förderung der Frau. Wirklich eindringlich sind die Abschnitte in ihren Schriften, wo sie den Reichtum des Frauseins und die Sendung der Frau unter menschlichem und religiösem Gesichtspunkt untersucht hat (vgl. E. Stein, Die Frau. Ihre Aufgabe gemäß Natur und Gnade).

9. Die Begegnung mit dem Christentum veranlaßte sie nicht dazu, ihren jüdischen Wurzeln abzuschwören, sondern bewirkte, diese in ihrer ganzen Fülle wiederzuentdecken. Das ersparte ihr jedoch nicht das Unverständnis von seiten ihrer Angehörigen. Unsagbaren Schmerz bereitete ihr vor allem die von ihrer Mutter zum Ausdruck gebrachte Mißbilligung. In Wirklichkeit vollzog sich ihr Weg christlicher Vervollkommnung nicht nur im Zeichen der menschlichen Solidarität mit ihrem Volk, sondern auch einer echten geistlichen Teilhabe an der Berufung der Kinder Abrahams, die das Zeichen des Geheimnisses der Berufung und der »unwiderruflichen Gaben« Gottes in sich tragen (vgl. Röm 11, 29).

Sie machte sich insbesondere das Leiden des jüdischen Volkes zu eigen, je mehr sich dieses in jener grausamen nazistischen Verfolgung zuspitzte, die neben anderen schwerwiegenden Äußerungen des Totalitarismus einer der dunkelsten Schandflecke Europas in unserem Jahrhundert bleibt. Da ahnte sie, daß in der systematischen Ausrottung der Juden ihrem Volk das Kreuz Christi aufgebürdet wurde. Als persönliche Teilhabe an diesem Kreuz erlebte sie ihre eigene Deportation und Hinrichtung in dem zu trauriger Berühmtheit gelangten Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Ihr Schrei verschmilzt mit dem aller Opfer jener schrecklichen Tragödie. Vorher hat er sich jedoch mit dem Schrei Christi vereint, der dem menschlichen Leiden eine geheimnisvolle, ewige Fruchtbarkeit verspricht. Das Bild ihrer Heiligkeit bleibt für immer mit dem Drama ihres gewaltsamen Todes verbunden, an der Seite der vielen, die ihn zusammen mit ihr erlitten haben. Dieses Bild bleibt als Verkündigung des Evangeliums vom Kreuz, in das sie mit dem von ihr als Ordensfrau gewählten Namen hineingenommen sein wollte.

Wir blicken heute auf Teresia Benedicta a Cruce. In ihrem Zeugnis als unschuldiges Opfer erkennen wir einerseits die Nachahmung des Opferlammes und den Protest, der sich gegen alle Vergewaltigungen der Grundrechte der Person erhebt, andererseits das Unterpfand für jene neu belebte Begegnung zwischen Juden und Christen, die auf der vom Zweiten Vatikanischen Konzil gewünschten Linie eine vielversprechende Zeit gegenseitiger Öffnung erfährt. Wenn heute Edith Stein zur Mitpatronin Europas erklärt wird, soll damit auf dem Horizont des alten Kontinents ein Banner gegenseitiger Achtung, Toleranz und Gastfreundschaft aufgezogen werden, das Männer und Frauen einlädt, sich über die ethnischen, kulturellen und religiösen Unterschiede hinaus zu verstehen und anzunehmen, um eine wahrhaft geschwisterliche Gemeinschaft zu bilden.

10. Europa soll also wachsen! Es soll wachsen als Europa des Geistes auf dem Weg seiner besseren Geschichte, die gerade in der Heiligkeit ihren erhabensten Ausdruck findet. Die Einheit des Kontinents, die im Bewußtsein der Menschen allmählich reift und sich auch in politischer Hinsicht immer klarer abzeichnet, verkörpert gewiß eine sehr hoffnungsvolle Perspektive. Die Europäer sind aufgerufen, die historischen Rivalitäten, die ihren Kontinent oft zur Bühne verheerender Kriege gemacht haben, endgültig hinter sich zu lassen. Gleichzeitig müssen sie sich darum bemühen, die Bedingungen für einen größeren Zusammenhalt und eine stärkere Zusammenarbeit zwischen den Völkern zu schaffen. Vor ihnen liegt die große Herausforderung, eine Kultur und eine Ethik der Einheit aufzubauen. Denn wenn diese fehlen, ist jede Politik der Einheit früher oder später zum Scheitern verurteilt.

Um das neue Europa auf solide Grundlagen zu stellen, genügt es sicher nicht, nur an die wirtschaftlichen Interessen zu appellieren, die manchmal zusammenführen und dann wieder spalten. Vielmehr gilt es, die für Europa authentischen Werte zu betonen, deren Fundament das in das Herz eines jeden Menschen eingeschriebene allgemeine Sittengesetz ist. Ein Europa, das den Wert der Toleranz und der allgemeinen Achtung mit ethischem Indifferentismus und Skeptizismus in bezug auf die unverzichtbaren Werte verwechselte, würde sich den riskantesten Abenteuern öffnen und früher oder später die erschreckendsten Gespenster seiner Geschichte in neuer Gestalt wiederauftauchen sehen.

Um diese Bedrohung zu bannen, erweist sich wieder einmal die Rolle des Christentums als lebenswichtig. Denn es weist unermüdlich auf den idealen Horizont hin. Auch im Lichte der vielfältigen Berührungspunkte mit den anderen Religionen, die das Zweite Vatikanische Konzil erkannt hat (vgl. Dekret Nostra aetate), muß man nachdrücklich betonen, daß die Öffnung für das Transzendente eine lebenswichtige Dimension der Existenz ausmacht. Es kommt daher wesentlich auf ein erneuertes engagiertes Zeugnis aller Christen an, die in den verschiedenen Nationen des Kontinents leben. Ihnen ist es aufgetragen, die Hoffnung auf das vollkommene Heil zu nähren durch die Verkündigung des Evangeliums, das heißt der »Frohbotschaft«, daß Gott zu uns gekommen ist und uns in seinem Sohn Jesus Christus die Erlösung und die Fülle des göttlichen Lebens angeboten hat. Kraft des Geistes, der uns geschenkt wurde, können wir unseren Blick zu Gott erheben und ihn mit dem vertraulichen Namen »Abba«, Vater, anrufen (vgl. Röm 8, 15; Gal 4,6).

11. Genau diese Verkündigung der Hoffnung wollte ich stärken, indem ich diese drei großen Frauengestalten, die in verschiedenen Epochen einen so bedeutenden Beitrag zum Wachstum nicht nur der Kirche, sondern auch der Gesellschaft geleistet haben, in »europäischer« Sicht zu neuer Verehrung empfehle.

Durch jene Gemeinschaft der Heiligen, die auf geheimnisvolle Weise die irdische mit der himmlischen Kirche verbindet, nehmen sie sich in ihrer ewigen Fürbitte vor dem Thron Gottes unser an. Zugleich müssen die innigere Anrufung sowie die eifrigere und sorgfältigere Rückbindung an ihre Worte und ihr Vorbild in uns wieder ein schärferes Bewußtsein unserer gemeinsamen Berufung zur Heiligkeit wecken.So werden wir angespornt, Vorsätze zu hochherzigerem Einsatz zu fassen.

Nach reiflicher Überlegung ernenne und erkläre ich daher kraft meiner apostolischen Vollmacht die hl. Birgitta von Schweden, die hl. Katharina von Siena und die hl. Teresia Benedicta a Cruce zu himmlischen Mitpatroninnen bei Gott für ganz Europa. Gleichzeitig gewähre ich ihnen alle Ehren und liturgischen Privilegien, die den Hauptpatronen der Orte rechtmäßig zustehen.

Gepriesen sei die Allerheiligste Dreifaltigkeit, die in ihrem Leben und im Leben aller Heiligen in einzigartiger Weise aufstrahlt. Friede sei den Menschen guten Willens in Europa und in der ganzen Welt.

Gegeben zu Rom, bei Sankt Peter, am 1. Oktober 1999, dem einundzwanzigsten Jahr meines Pontifikates.

„Ich habe Petrum als Hirten und Hüter aller meiner Schafe eingesetzt. Du aber bist ein Zerstreuer und Zerreißer dersel­ben.“

Mir ist dieser Tage ein Buch in die Hände gefallen mit dem Titel „Die Gerechtigkeit Gottes – Visionen der heiligen Brigitta von Schweden“, ausgewählt und zusammengestellt von Helmut Friedlmayer, entnommen aus „Leben und Offenbarungen der hl. Brigitta“. Neu bearbeitet, übersetzt und herausgegeben von Ludwig Claus. Regensburg 1856. 1992 als Broschüre herausgegeben vom Verlag „Pro Fide Catholica“.

Daraus zitiere ich folgenden für uns besonders wichtigen Abschnitt:

 

Worte des Schöpfers vor den himmlischen Heerscharen und der Braut; wie er über fünf Männer klagt, nämlich über den Papst und seine Geistlichen; von den bösen Laien und den Juden und Heiden; von der Hilfe, welche er seinen Freunden sendet, unter denen alle Menschen verstanden werden; von dem schrecklichen Urteile, das wider die Feinde gefällt worden:

Ich bin der Schöpfer aller Dinge. Ich bin vor dem Morgenstern vom Vater gezeugt und unzertrennlich im Vater, wie der Vater in mir, und ein Geist ist in beiden. Deshalb sind der Vater, der Sohn und der Geist ein Gott, nicht drei Götter. Ich bin’s, der ich dem Abraham eine ewige Herrschaft verheißen und durch Moses mein Volk aus Ägypten geführt habe. Ich bin derselbe, der in den Propheten geredet. Der Vater hat mich in den Leib der Jungfrau gesendet, sich aber nicht von mir getrennt, sondern ist unzertrennlich bei mir geblieben, auf daß der Mensch, der von Gott weicht, durch meine Liebe zu demselben zurückkehrt.

Jetzt aber, vor meinen anwesenden Heerscharen, die ihr freilich alles in mir seht und in mir wisset, jedoch zur Erkenntnis und Belehrung der hier anwesend stehenden Braut, welche das Geistliche nur durch Körperliches zu fassen vermag, beklage ich mich in eurer Gegenwart über die fünf Männer, welche hier vor uns stehen, weil sie mich vielfach beleidigen. Denn, wie ich einst im (alten) Gesetze unter dem Namen Israel das ganze israelitische Volk verstand, so verstehe ich unter jenen fünf Männern alle Menschen in der Welt. Der Erste ist der Herrscher der Kirche mit seinen Geistlichen; der Zweite sind die bösen Laien; der Dritte die Juden; der Vierte die Heiden und der Fünfte meine Freunde. Von dir, o Jude, nehme ich alle aus, welche heimlich Christen sind und mir in aufrichtiger Liebe, im rechten Glauben und mit vollkommenem Werke im Verborgenen dienen. Von dir aber, Heide, nehme ich alle aus, welche gern auf dem Wege meiner Gebote einherwandeln möchten, wenn sie wüßten wie, und wenn sie unterwiesen würden, die aber auch mit dem Werke verrichten, was sie vermögen und wissen. Diese werden keineswegs mit euch gerichtet.

So klage ich denn über dich, du Oberhaupt meiner Kirche, der du sitzest auf meinem Stuhle, den ich Petrus und seinen Nachfolgern übergeben habe, um darauf zu sitzen in dreifacher Würde mit dreifachem Ansehen; erstens, damit sie die Macht hätten, die Seelen zu binden und von der Sünde zu lösen; zweitens, damit sie den Büßenden den Himmel öffneten; drittens, um den Verfluchten und Verächtern den Himmel zu verschließen. Du aber, der du die Seelen lösen und mir vorstellen solltest, du bist wahrhaft der Mörder der Seelen. Denn ich habe Petrum als Hirten und Hüter aller meiner Schafe eingesetzt. Du aber bist ein Zerstreuer und Zerreißer dersel­ben. Du bist ärger als Luzifer. Denn er war neidisch auf mich und trachtete nach nichts weiter, als mich zu töten, um an meiner statt zu herrschen. Du bist aber um so schlimmer, weil du nicht nur mich tötest, indem du mich durch deine argen Werke von mir stoßest, sondern auch die Seelen tötest du durch dein arges Beispiel. Ich habe die Seelen mit meinem Blute losgekauft und dieselben dir als meine treuen Freunde anvertraut. Du aber übergibst sie wiederum dem Feinde, von welchem ich sie losgekauft habe. Du bist ungerechter als Pilatus, welcher außer mir niemanden zum Tode verurteilte. Du aber richtest nicht allein mich, als einen, der keine Herrschaft hat, und als einen Nichtswürdigen, sondern verurteilst auch unschuldige Seelen und läßt die Schuldigen frei. Du bist grausamer als Judas, welcher mich nur verkaufte, du aber verkaufst nicht mich allein, sondern die Seelen meiner Auserwählten um schnöden Gewinn und für einen leeren Namen. Du bist abscheulicher als die Juden. Diese kreuzigten nur meinen Leib, du aber kreuzigst und strafst die Seelen meiner Auserwählten, denen deine Bosheit und Übertretung bitterer ist, als jegliches Schwert. Und deshalb, weil du Luzifer ähnlich, ungerechter als Pilatus, grausamer als Judas und abscheulicher als die Juden, beklage ich mich mit Recht über dich.

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Siehe dazu:

«Wisse, daß Ich nicht deinetwegen rede, sondern auch zum Heil aller Christen. Vernimm also, was Ich dir sage…»

Birgitta von SchwedenMan schreibt das Jahr 1303, als in der schwedischen Provinz Uppland auf dem Herrensitz des Landvogts Birger Persson die heilige Birgitta das Licht der Welt erblickt. Ungewöhnliche Zeichen sind der Geburt vor­ausgegangen: Birgittas Mutter Ingeborg, wie ihr Ehe­mann Birger aus hochadeligem Geschlecht, hatte noch während der Schwangerschaft eine Seereise unternom­men. Zwischen der schwedischen Küste und der Insel Ölend gerät sie bei heftigem Seegang in Lebensgefahr. Da erscheint ihr ein Engel und spricht: „Um des Guten willen, das du in deinem Schoß trägst, sollst du gerettet werden. Erziehe deine Tochter in der Furcht des Herrn, denn sie ist dir von Gott in besonderer Weise gegeben worden.“

Und tatsächlich übersteht Ingeborg die gefährliche Lage unbeschadet. Noch ein solches Vorzeichen, das auf die Geburt einer Heiligen hingewiesen haben soll, ist überliefert. Bengt, der Priester zu Rasbö, der in einer Juninacht 1303 für seine Herrin Ingeborg um eine günstige Niederkunft betet, vernimmt plötzlich eine Stimme: „Dem Birger wird heute nacht ein Kind gebo­ren, auf dessen Stimme die ganze Welt mit Bewunde­rung hören wird.“ Dieses Wort sollte sich allerdings erst Jahre später erfüllen.

In den ersten drei Lebensjahren nämlich bleibt Birgitta stumm. Der Legende nach soll sie plötzlich, ohne zu stammeln, klar und zusammenhängend gesprochen haben. Bereits mit sieben Jahren hat Birgitta ihre erste Vision: Eines morgens, gerade aus dem Schlaf erwachend, erblickt sie eine wunderschöne Dame, die in gleißendes Licht getaucht, eine Krone in der ausgestreckten Hand hält: „Komm!“, ergeht die Aufforderung an sie, „Willst du diese Krone?“ Als das Mädchen zustimmend nickt, wird ihr das Geschmeide auf den Kopf gesetzt. Ohne zu erschrecken, hat Birgitta in der lichtumstrahlten Frem­den die Gottesmutter Maria erkannt. Durch dieses Ereig­nis fühlt sich das Mädchen noch stärker als zuvor zum Gebet hingezogen.

In der Fastenzeit des Jahres 1314 hört Birgitta in der Hauskapelle des elterlichen Gutes Finsta die Predigt eines Dominikanerpaters über die Passion Jesu, die sie tief bewegt. In der folgenden Nacht sieht sie im Traum Christus am Kreuz und zwar so, als ob er gerade zu dieser Stunde gekreuzigt worden sei. „So wurde ich behan­delt“, soll ihr der Herr geklagt haben. Birgitta ist vom Mitleid überwältigt. „Wer wagte dies zu tun?“, fragt sie. „Die mich beleidigen und meine Liebe verges­sen“, lautet die Antwort. Von diesem Zeitpunkt an kann Birgitta nicht mehr ohne Tränen an die Passion Christi denken, wie es in der ältesten Lebensbeschreibung der Heiligen heißt.

Nach dem Tod der Mutter im folgenden Herbst wird die Elfjährige ihrer Tante und Taufpatin Katharina Bengtsdotter zur Erziehung anvertraut. Noch im Jahr 1314 muß Birgitta das Elternhaus verlassen und in das Schloß der Verwandten zu Aspanäs übersiedeln. Die jüngeren Geschwister Israel und Katharina bleiben dagegen beim Vater in Finsta. Als Birgitta 14 Jahre alt geworden ist, sucht Birger gemäß dem Brauch einen passenden Ehemann für sie. Seine Wahl fällt auf den achtzehnjährigen Adeligen Ulf Gudmarsson, der seit dem Tod seiner Mutter in der Zisterzienser-Abtei Alvastra aufgewachsen ist. Obwohl sie offenbar ein Leben in Einsamkeit und Stille der Ehe vorgezogen hätte, beugte sich Birgitta den Plänen des Vaters. Wie in einer alten Biographie über sie nachzulesen ist, wird Birgitta „nicht aus begehrlicher Lust, sondern des väterlichen Willens wegen“ vermählt.

Nach der Hochzeit im September 1316 hält Birgitta Einzug als Herrin auf dem Anwesen des Ehemannes. In der Chronik der Äbtissin Margaretha Clausdotter wird Ulf als ein „sehr guter, sehr frommer, rechtschaffener und gottesfürchtiger junger Mann beschrieben, der über­dies „recht erfahren in allen Dingen“ gewesen sei. Die jungen Eheleute verabreden, im ersten Jahr nach der Trauung Enthaltsamkeit zu üben. Sie treten dem dritten Orden des heiligen Franziskus bei und geloben einen strengen asketischen Lebensstil einzuhalten. Mit 18 Jahren bekommt Birgitta ihr erstes Kind. Aus der Ehe, die bis zum Tode Ulfs insgesamt 28 Jahre währen sollte, gehen vier Töchter und vier Söhne hervor: Marete, Karl, Birger, Benedikt, Gudmar, Ingeborg, Katharina und Cäcilie. Katharina, die wie ihre Mutter später ebenfalls heiliggesprochen wird, kommt 1331 zur Welt, kurze Zeit nachdem Ulf mit dem bedeutenden Amt eines Landvogts in der Provinz Nerike betraut worden ist.

Schon bald genießt Birgitta großes Ansehen wegen ihrer Frömmigkeit und eifrig praktizierten Nächstenliebe. Während der Ehezeit ist sie „bisweilen in wundersamer Weise im Geist entrückt“, heißt es in einer „Vita“ der Heiligen. Die schönsten Gebete vom Leiden Christi, vom Leben und von der Lobpreisung der Jungfrau Maria sollen ihr offenbart worden sein. Nach der Überlieferung spendet die Schloßherrin Almosen, außerdem unterhält sie ein Haus für Arme, die sie sogar persönlich umsorgt und in der Krankheit betreut. In der Heiligspre­chungsurkunde des Papstes Bonifaz IX. wird berichtet, daß Birgitta aus ihrem eigenen, nicht unbeträchtlichen Vermögen in mehreren Orten ihres Heimatlandes ver­fallene Hospitäler wieder herstellen ließ. Sie selbst führte ein Leben in Bescheidenheit. Besitz und Wohl­stand steht Birgitta kritisch gegenüber. Sie weiß um die Gefahr, daß Überfluß an irdischen Gütern „der Annähe­rung des Heiligen Geistes“ im Wege stehen könnte. Die Reichtümer der Welt dürften nicht als Zweck an sich gesehen werden – davon ist Birgitta überzeugt: „Sie gehören dir nur zum Bedürfnis des Lebensunterhalts, denn die Welt ist dazu gemacht, daß der Mensch … zu Gott zurückkehre“.

Bei den Dominikanermönchen in Skännige, mit de­nen sie regen Kontakt pflegt, lernt sie, ihre geistigen Fähigkeiten zu entdecken und auszubilden. In das Stu­dium der Heiligen Schrift wird sie von ihrem Beichtvater, dem Domherrn Matthias von Linköping, eingeführt. Die Beziehung zu diesem hochgebildeten Mann prägt ihre ganze intellektuelle und religiöse Entwicklung in ent­scheidendem Maße. Auf Birgittas Bitte hin übersetzt Magister Matthias die ersten fünf Bücher des alten Testaments, den sogenannten Pentateuch, ins Schwedi­sche. Dem 1350 in Stockholm gestorbenen Theologen verdankt Birgitta außerdem vielfältige Berührungen mit den spirituellen Strömungen der damaligen Zeit. In der Erklärung zum ersten Buch der „Offenbarungen“ wird Meister Matthias „doctor sponsern Christi“ genannt – derjenige, der Christi Braut belehren sollte.

Zwei Jahrzehnte lebt Birgitta bereits in Ulvasa, als sie 1335 vom schwedischen König Magnus II., einem Cousin, an den Hof nach Stockholm berufen wird. Der junge Herrscher suchte nämlich eine mütterliche Ratgeberin für seine unerfahrene, kindliche Gemahlin, die flämi­sche Grafentochter Blanca von Namur. Obwohl sie eine starke Abneigung gegen das höfische Leben hat, fügt sich Birgitta dem Wunsch des Verwandten. Im Alter von 32 Jahren übernimmt sie den Posten einer Oberhofmeisterin in der Hauptstadt. Notgedrungen muß sie die Zurückgezogenheit des häuslichen Sitzes aufge­ben und sich von ihren Kindern trennen. Nur Gudmar, ihren jüngsten Sohn, nimmt sie mit nach Stockholm.

Für den König bringt Birgitta ein wertvolles Gastgeschenk mit an den Hof, nämlich eine Abschrift jener ersten schwedischen Bibelüberstzung, die ihr Magister Matthias angefertigt hatte. Außerdem legt sie dem Monarchen eine Anzahl von Ratschlägen ans Herz, wie er den göttlichen Geboten gemäß leben und sein Reich gerecht regieren solle.

Das junge Herrscherpaar hegt trotz seiner Vorliebe für ausschweifende und unbeherrschte Lebensführung große Bewunderung für Birgittas tugendhaften Charak­ter. Ihrer Achtung und Verehrung geben Magnus und Blanca auch öffentlich Ausdruck, indem sie die Vertraute und Ratgeberin 1337 zur Taufpatin ihres erstgeborenen Sohnes Erik bestimmen. Mit Unbehagen muß Birgitta allerdings mit ansehen, daß sich der leichtfertige König immer mehr mit jungen Schmeichlern umgibt, die am Hof stetig an Einfluß gewinnen. Bestärkt von seiner Frau, vernachlässigt Magnus II. seine Regierungs­pflichten, um sich rauschenden Festen und anderen Vergnügen hinzugeben. So kommt es, daß sich Birgitta über dieses „Kind“ auf dem Königsthron, über dieses „Hasenherz“, über diesen „gekrönten Esel“ entrüstet und ihm ernsthaft ins Gewissen redet. Aber ihre Mah­nungen und gutgemeinten Ratschläge werden immer häufiger in den Wind geschlagen. Auch Blanca verläßt den guten Weg, den sie bis dahin einzuschlagen versucht hat. Über das zwischen Gut und Böse schwankende Verhalten der Königin erhält Birgitta manche Offenbarungen.

Mit eindringlichen Bitten und Mahnungen versucht Birgitta, auf die Königin einzuwirken. Doch ihre Bemü­hungen stellen sich als vergeblich heraus. Als Birgitta ihre Ohnmacht am Hof erkennt, widmet sie sich stärker als zuvor dem Gebet. Zu Beginn des Jahrs 1338 trifft sie ein anderer, noch größerer Kummer: Ihr Sohn Gudmar stirbt im Alter von 11 Jahren. Es wird berichtet, daß Birgitta und Ulf daraufhin nach Drontheim zum Grab des heiligen Königs und Märtyres Olaf pilgern, um für König Magnus und für das bedrohte Reich zu beten. Nach Stockholm zurückgekehrt, erweist sich die Fruchtlosigkeit ihrer Gegenwart dort ständig aufs neue. Darum be­schließen sie unter einem Vorwand, für einen längeren Zeitraum Urlaub zu nehmen.Tatsächlich wird es diesmal ein endgültiger Abschied vom Hof. Birgitta und Ulf brechen zu einer Wallfahrt nach Santiago de Compostela auf. Ziel ihrer beschwerlichen Pilgerreise ist das Grab des heiligen Jakobus, das im Mittelalter von Gläubigen aus allen Ländern Europas aufgesucht wird.

Die weite Strecke zur spanischen Westküste unter­nehmen sie, wie es damals üblich ist, zu Fuß und in schlichter Büßerkleidung. Auf der Pilgerfahrt kommen sie auch durch Köln, wo sie den Schrein der heiligen drei Könige besuchen. Während der Monate in Spanien verbreitet sich Birgittas Ruhm durch das ganze Land. Sie wird als Heilige betrachtet und verehrt. Auf dem Heim­weg erkrankt Ulf im französischen Ort Arras lebensge­fährlich. Birgitta, die vor Gott um sein Leben fleht, schaut in einer Vision Rom und Jerusalem. Der heilige Dionysius, der Apostel Frankreichs, verkündet ihr der Legende zufolge, sie werde diese herausragenden Stätten der Christenheit sehen, um Gott der Welt bekannt zu ma­chen. Zum Zeichen der Wahrheit dieser Voraussage werde Ulf wieder genesen. So geschieht es auch.

Ulf, der den Tod vorAugen, seine Fehler erkennt, faßt den Entschluß, als Novize in das schwedische Kloster Alvastra einzutreten. In einer Handschrift aus dem Jahr 1343 wird sein Name zum letzten Mal als der eines Landvogts erwähnt. Am Weihnachtsfest des gleichen Jahres empfängt er das Gewand der Zisterzienser. Sein Tod im Februar 1344 wird zum Wendepunkt in Birgittas Leben. Sie folgt dem Rat von Magister Matthias und bleibt, inzwischen 42jährig, zunächst in Alvastra, wo sie sich während Ulfs schwerer Krankheit dank der Großzügigkeit des Priors aufhalten konnte – denn ei­gentlich ist die Anwesenheit einer Frau in einem Männerkloster nicht gestattet. Gerrechinus, ein Mönch des Konvents von Alvastra, der an dieser Ausnahme­regelung heftigen Anstoß nimmt, wird angeblich durch eine Stimme belehrt: „Diese Frau ist eine Freundin Gottes und in dieses Kloster gekommen, damit sie unter dem Berg (Alvastra liegt am Fuße des Ombergs in Mittelschweden, Anm.) sammle, aus de­nen alle Völker – auch jenseits des Meeres und an der Welt Enden – Arznei empfangen sollen.“

Birgitta selbst spürt während ihres Aufenthalts in Alvastra die Ungewißheit, was ihre Zukunft betrifft. Doch der Klosteraufenthalt sollte auch seine guten Sei­ten haben, denn Birgitta wird jetzt auf ihre eigentliche Berufung, „Braut und Mittlerin Gottes“ zu sein, vorbe­reitet: Einerseits durch die Abgeschiedenheit von der Welt sowie durch stetige Übungen der Buße und der Frömmigkeit, andererseits durch viele innere Erleuchtungen, die ihr beim Betrachten des Lebens und der Passion Jesu und Marias zuteil werden. Es ist schon einige Zeit seit dem Tod des Ehemannes vergangen, als Birgitta in Ekstase eine leuchtende Wolke sieht, aus der eine Stimme zu ihr spricht: „Frau, höre mich!“

Demütig erklärt Birgitta darauf ihre Bereitschaft, und die Stimme fährt fort zu sprechen: „Ich bin der Schöpfer des Himmels, der Erde, des Meeres und von allem, was darin ist. Ich bin eins mit dem Vater und dem Heiligen Geiste, nicht wie die steiner­nen und goldenen Götter, wie man vor Zeiten sagte, auch nicht mehrere, wie man damals glaubte, sondern ein Gott der Vater, der Sohn und der Heilige Geist, dreifaltig in den Personen, einer dem Wesen nach, der alles erschafft, aber von niemandem erschaffen, unbeweglich und allmächtig, ohne Anfang und ohne Ende ist. Ich bin’s, der von der Jungfrau Maria geboren, seine Gottheit nicht einbüßte, sondern der Menschheit zugesellte, so daß ich in einer Person der wahre Sohn Gottes und der Sohn der Jungfrau bin. Ich bin’s, der am Kreuze gehangen hat, und gestor­ben und begraben wurde, ohne daß die Gottheit dabei versehrt wurde. Denn, obwohl ich, der Menschheit und dem Fleische nach, die ich, der Sohn allein, angenommen, gestorben bin, so lebte ich doch in der Gottheit, worin ich mit dem Vater und dem Heiligen Geiste ein Gott war. Ich bin eben derselbe, welcher von den Toten auf­erstanden und zum Himmel aufgefahren, und der ich auch jetzt mit dir durch meinen Geist rede. Ich habe dich erwählt und zu meiner Braut angenommen, um dir meine Geheimnisse zu zeigen, weil es mir also gefällt. Du bist auch gewissermaßen von Rechts wegen mein gewor­den, weil du im Tode deines Gemahls deinen Willen in meine Hände übergeben hast. Weil du auch nach seinem Tode gedacht und gebeten, wie du arm sein könntest bei mir. Auch hast du meinetwegen alles verlassen wollen und bist dadurch von Rechts wegen mein geworden. Für eine so große Liebe mußte ich dir meine Fürsorge widmen. Deshalb nehme ich dich zu meiner Braut an, zu meiner eigenen Lust, wie Gott eine solche an einer keuschen Seele haben darf …“

Als Birgitta aus Furcht, es könnte sich bei diesen Worten um eine Täuschung handeln, erschrickt, hört sie:

„Fürchte dich nicht, denn ich bin der Schöpfer aller Dinge, aber kein Betrüger. Wisse, daß ich nicht deinetwegen allein rede, sondern auch zum Heil aller Christen. Vernimm also, was ich dir sage: Du wirst meine Braut und mein Kanal sein. Du wirst Geistliches und geheimes Himmlisches hören und sehen, und mein Geist wird bei dir bleiben bis zu deinem Tod…“

Für alles, was Birgitta in der Folgezeit an außerge­wöhnlichen Eingebungen erfahren sollte, wird sie von Gott an ihren geistlichen Ratgeber, Magister Matthias, verwiesen. Auf dessen Weisungen solle sie gehorsam achten.

Matthias wiederum wird in Birgittas Vision mit dem Auftrag bedacht, er solle die göttlichen Worte in lateini­scher Sprache niederschreiben und sammeln.

Der Magister wird auf diese Weise gewürdigt, Mitwis­ser der an Birgitta ergangenen göttlichen Offenbarungen zu sein. Um für diese immer mehr aufgeschlossen zu werden, muß Birgitta zunächst eine harte Probe beste­hen. Ungewiß über das, was Gott mit ihr vorhat, und als Auswirkung ihrer strengen asketischen Lebensweise im Kloster, beginnt sie an Leib und Seele zu leiden. Hunger und Kälte setzen ihrer Gesundheit zu. Sie entwickelt eine derart starke Lust am Essen, daß sie kaum an etwas anderes zu denken vermag. Außerdem wird sie von bohrendem Zweifel befallen, ob die mystischen Mittei­lungen, die sie zuweilen erhält, nicht doch nur eine Täuschung des „bösen Feindes“ darstellen. Hin- und hergerissen zwischen körperlichem Elend und geistiger Not, verschlechtert sich ihr Gesundheitszustand zuse­hends. Endlich kann Meister Matthias die abgemagerte Heilige dazu bewegen, wieder regelmäßige Mahlzeiten einzunehmen. So gelingt es Birgitta nach und nach, ihre Krise zu überwinden. Sie gewinnt die feste Überzeu­gung, daß ihre mystischen Erfahrungen tatsächlich echt sind. Befreit von zerstörerischen Gedankenspielen, öff­net sie sich einem neuen Leben.

Der erste Auftrag, den Birgitta vom „Wort“ erhält, ist der, an den königlichen Hof nach Stockholm zurückzukehren und nunmehr als von Gott gesandte Prophetin Magnus II. ins Gewissen zu reden. Wie befoh­len, tritt sie in Büßerkleidung vor den König und berich­tet inmitten der Hofleute folgende Vision, die sie über das Schicksal ihres Heimatlandes hatte: … „Als ich mich im Gebete befand, sah ich den Himmel ganz trüb, Sonne und Mond aber in hellster Klarheit leuchten, ihr Licht breitete sich auch über den Himmel hinaus. Als ich aufmerksam hinschaute, gewahrte ich, wie gute und böse Engel wider Sonne und Mond stritten, sie erhielten aber nicht eher die Oberhand, als bis ein großer und schrecklicher Drache am Himmel aufstieg, dem Sonne und Mond ihre Macht und Klarheit abtraten. Alsbald erblaßte die Sonne und wurde finster und der Mond entfloh hinter die Erde, und als ich auch die Erde schaute, erblickte ich dieselbe voll kriechender Tiere und Schlan­gen, welche die Oberfläche der Erde abfraßen und die Menschen mit ihren Schwänzen töteten, bis die Sonne in den Abgrund fiel und die Stätte des Mondes nicht mehr gefunden ward. Nach Verlauf von elf Jahren hörte ich, wie die Stimme Christi zu mir sprach: ‚Erinnere Dich, meine Braut, was ich Dir in der Stadt Stockholm von jener Verwirrung am Himmel gezeigt habe. Jetzt aber will ich Dir auslegen, was das bedeu­tet. Der verfinsterte Himmel, den ich Dir gezeigt habe, ist dieses Reich Schweden, denn dieses Reich, das wie ein himmlisches ruhig und gerecht sein sollte, wird jetzt vom Sturmwinde der Trübsale, von Ungerechtigkeiten hin und her geworfen und durch ein Übermaß von Abgaben zertreten. Das ist auch kein Wunder, denn der König und die Königin, welche wie Sonne und Mond glänzten, sind schwarz geworden wie Kohlen, weil sie ihre Sitten und ihren Willen umgewandelt haben; sie haben auch einen Menschen von einem Natternstamme erhoben, um meine Freunde und die Einfältigen zu Boden zu werfen. Deshalb wisse, wie dieser Drache zu Schanden und schneller stürzen wird, als er aufgestiegen war. Meine Freunde aber, von denen einige ein engelgleiches Leben führen, obwohl unter ihnen auch einige wie böse Engel von einem wüsten Wandel sind, werden erhöht und von ihren Trübsalen befreit werden. Die Sonne aber wird blaß werden, bis sie unter die Krone kommt, weil sie nicht hat in der Krone bleiben wollen, und es wird von ihr gesagt werden, daß nach dem Maße ihres früheren Glanzes ihre Finsternis gemehrt worden ist.‘.“

Der Sinn der apokalyptisch anmutenden Drohung wird am Hof zwar nicht verstanden, doch versetzen die eindringlichen Worte die Zuhörer in große Furcht. Den König weist Birgitta an, ungerechte Steuern, die schwer auf der Bevölkerung lasten, abzuschaffen. Sie bringt Magnus sogar dazu, öffentlich seine Schuld am Nieder­gang des Reiches einzugestehen. Es wird dabei deutlich, wie die mystische Begabung Birgittas in die Welt hinein wirksam wird: Nicht in eigenem Namen, sondern als „Mittlerin Jesu Christ“ tritt sie für die Armen und deren Rechte ein; die ekstatische Versenkung in Gott und das politische Handeln lassen sich bei ihr nicht trennen.

In Stockholm erhält Birgitta mehrere Offenbarungen, die sich auf das sittenlose Leben des hohen Klerus beziehen. Dies trägt ihr die Feindschaft mehrerer hoch­gestellter Persönlichkeiten ein. Als ihr Sohn Benedikt im Sterben liegt, verläßt Birgitta nach kurzem Aufenthalt die Hauptstadt und eilt nach Alvastra. Dort widmet sie sich nach dem Tod des jungen Mannes ganz dem Studi­um der Bibel, der Kontemplation und der Askese.

Im Frühjahr 1346 wird ihr in einer Vision aufgetra­gen, einen neuen Orden zu gründen, dessen Regeln ihr geoffenbart worden sein sollen. Jedes Kloster des nach ihr benannten Birgittenordens sollte aus einem Mönchs- und einem Nonnenkonvent bestehen mit je einem Haus, aber einer gemeinsamen Kirche, und 60 Ordensfrauen, 13 Mönchen, vier Diakonen und acht Laienbrüdern.

Um ihre Pläne venwirklichen zu können, bittet Birgitta sogleich ihren Cousin, König Magnus II., um großzügige Unterstützung. Dieser schenkt ihr daraufhin im Mai 1346 für die Klosterstiftung unter anderem das Königsgut Wadstena. Noch im gleichen Jahr wird der Grundstein gelegt. So entsteht das erste aller skandinavischen Klöster, das von einer einheimischen Persönlichkeit gegründet ist. Die Ordensregel wird schriftlich festgehal­ten und von den schwedischen Bischöfen offiziell bestä­tigt.

Die Arbeiten am Klosterbau haben gerade erst be­gonnen, als Birgitta ganz überraschend in einer Vision eine neue Weisung erhält. Gott soll ihr den Auftrag erteilt haben, nach Rom zu gehen, um dort mit dem Papst und dem Kaiser über den ersehnten Frieden für Europa und die Erneuerung der Kirche zu sprechen. Vor ihrer Abreise nach Italien muß Birgitta auf Wunsch des Königs, der einen Eroberungszug gegen Rußland plant, wieder nach Stockholm gehen. Am Hof beschwört sie ihren Verwand­ten, das als „Kreuzzug“ ausgegebene kriegerische Vor­haben fallen zu lassen. Doch Magnus hört nicht auf sie. Verärgert über ihre Mahnungen, behandelt er sie nur noch mit Verachtung und Spott. Als sich im Krieg gegen die Russen eine schwedische Niederlage abzeichnet, werden Birgittas Visionen immer erschreckender. Sie finden ihren Höhepunkt in der Prophezeiung der Pest, die tatsächlich weite Teile Europas heimsuchen sollte.

Obwohl der Weisung, nach Rom zu gehen, nichts mehr im Weg zu stehen scheint, hält sich Birgitta im Frühjahr 1349 noch in Schweden auf. Vermutlich hat der Ausbruch der Pest den Antritt der Reise hinausgescho­ben. Nach der Überlieferung ist Birgitta frühestens im Herbst desselben Jahres in Italien eingetroffen. Ihre Kinder hatte sie in der Heimat zurücklassen müssen. Nur mit einem kleinen Gefolge, zu dem auch ihre Beichtväter Prior Petrus Olafsson von Alvastra und Petrus Olafsson von Skännige zählten, war sie zu der beschwerlichen Pilgerfahrt quer durch Europa nach Italien aufgebro­chen.

Armut und Unordnung prägen in der Mitte des 14. Jahrhunderts das Bild der Metropole am Tiber. Während die unteren Schichten der Bevölkerung in menschenun­würdigen Unterkünften hausen müssen, führen die Großen der Stadt ein ausschweifendes Leben in ihren Palästen. Blutige Fehden gehören zur Tagesordnung. Selbst die hohen Würdenträger der Kirche schwelgen trotz der allgemeinen Not im Luxus, ihre eigenen religi­ösen Pflichten scheinen sie völlig vergessen zu haben. Viele Gotteshäuser sind bereits verfallen, und das geist­liche Haupt der Christenheit, der Papst, lebt in Avignon im Exil, wo es ganz unter der Kontrolle des französischen Königs steht. Auch Vetternwirtschaft und Korruption haben der Kirche schweren Schaden zugefügt. Das ist das Rom des Jahres 1350, über das Maria sich den „Offenbarungen“ zufolge so heftig beklagt: „… Nun aber kann ich von Rom sprechen wie der Prophet von Jerusalem. Vor Zeiten, spricht er, wohnte Gerechtigkeit darinnen und ihre Fürsten waren Friedensfürsten, nun aber ist sie in Schlacken gewandelt und ihre Fürsten sind Mörder. Ach, wenn du deine Tage erkennen möchtest, o Rom, so würdest du weinen und dich nicht freuen! Rom war vor alten Zeiten wie ein Tuch gefärbt in den schönsten Farben und gewebt aus den edelsten Faden. Auch seine Erde war mit rotem Blute gefärbt, d.h. mit dem Blut der Märtyrer, und zusammengewebt, d.h. vermischt mit den Gebeinen der Heiligen. Jetzt aber sind seine Tore verödet, weil die Verteidiger und Hüter dersel­ben sich hingeneigt haben zur Begehrlichkeit. Seine Mauern sind niedergeworfen und ohne Wache, weil man sich nicht kümmert um den Schaden der Seelen, sondern Geistlichkeit und Volk, welche die Mauern Gottes sein sollten, haben sich zerstreut, um dem Nutzen des Flei­sches obzuliegen. Die göttlichen Gefäße werden auf verächtliche Weise verkauft, weil die Sakramente Gottes für Geld und weltliche Gunst gespendet werden. Die Altäre aber sind ver­ödet, weil demjenigen, welcher umgeht mit den Gefäßen, die Hände leer von der Liebe Gottes und die Augen auf das Opfer gerichtet sind; ob sie nun auch Gott wahrhaftig in den Händen haben, ist ihr Herz doch leer von Gott, weil dasselbe mit weltlichen Eitelkeiten angefüllt ist. Das Allerheiligste aber, worin einst das Hochopfer vollzogen ward, bedeutet das Ver­langen nach dem göttlichen Genusse und An­schauen, wovon die Liebe aufsteigen sollte zu Gott und dem Nächsten, so wie der Duft der vollen Mäßigkeit und Tugend. Nun aber wird das Opfer im Vorhofe vollzogen, d.h. in der Welt; denn alle göttliche Liebe ist verkehrt in Unmäßigkeit und Eitelkeit der Welt. Eine solcher ist die Stadt Rom, welche du leiblich geschaut; denn viele Altäre sind verwüstet, das Opfer wird verzehrt in den Schenken. Diejenigen, wel­che opfern, liegen mehr der Welt ob, als Gott. Gleichwohl sollst du wissen, daß von der Zeit Petrus des Demütigen bis dahin, wo Bonifatius den Stuhl der Hoffart bestiegen, unzählige See­len hinaufgegangen sind gen Himmel. Auch jetzt noch ist Rom nicht ohne Freunde Gottes, welche, wofern sie Hilfe hätten, zum Herrn rufen wür­den und er würde sich ihrer erbarmen.

O Roma, Roma, deine Mauern sind zertrüm­mert, deshalb sind deine Tore ohne Wache; deine Gefäße werden verkauft, deshalb sind deine Altäre verödet; das lebendige Opfer und der Morgenweihrauch werden im Vorhof verbrannt und vom Allerheiligsten geht deshalb kein heili­ger, süßester Duft aus.“

Wie Birgitta und ihr Gefolge sind damals zahlreiche Pilger aus allen Teilen Europas in die Stadt geströmt, um in dem vom Papst ausgerufenen großen Jubeljahr 1350 die Vergebung ihrer Schuld zu erbitten. Das erste Jubeljahr hatte übrigens Papst Bonifaz VIII. 1300 ver­kündet. Er stützte sich auf die Tradition des Ablasses für Rompilger und gewährte denen Befreiung von der Sündenstrafe, die im Laufe des Jahres die Basiliken der Apostel aufsuchten und in Reue ihre Schuld bekannten. Seither waren 50 Jahre ins Land gegangen, Jahre des Leidens der Kirche.

Am Grab des Apostels Petrus bittet Birgitta um den Beistand des Heiligen für ihren göttlichen Auftrag. In einer Vision weist Petrus sie zunächst auf sein eigenes Versagen hin, verspricht ihr dann aber seine Hilfe und sagt: „Ich sage dir, wie man noch in deinen Tagen sagen wird: Es lebe der Statthalter Petri! Und du wirst ihn mit deinen Augen sehen; denn ich will den Berg der Lust durchgraben, und die darauf Sitzenden werden her­absteigen. Diejenigen aber, welche nicht gutwillig her­absteigen wollen, werden wider die Hoffnung aller gezwungen werden. Denn Gott will mit der Barmherzig­keit und Wahrheit erhöht werden.“

Freudig und mit einem Gefühl der Dankbarkeit und Zuversicht verläßt Birgitta die Basilika und beginnt nun, für die Kirche und ihren Neuaufbau zu arbeiten. Ihre Wartezeit ist damit vorüber. „Zwei Jahrzehnte lang sollte sie Steinchen um Steinchen für diesen Bau zusammentragen – und ihn doch nie vollendet sehen. Gott durch die … Gnaden der mystischen Vereinigung aufs innigste verbunden, gibt sie sich hin als Sühnopfer für die Laster der Vertreter der Kirche, so wie sie sich zuvor gab für Anliegen ihres Vaterlandes“, heißt es in der Lebensbeschreibung der Heiligen von Karola Adalsten.

Während ihres Aufenthalts in Rom wohnt Birgitta im Haus des Kardinals Hugo Roger Beaufort, des Bruders von Papst Clemens VI. Zu jener Zeit soll sie bereits Kranke, die ihre Hilfe erbaten, durch einfaches Auflegen der Hände geheilt haben. So ist der Fall einer norwegi­schen Pilgerin überliefert, die Birgitta der Legende nach auf der Straße mit einem Kreuzzeichen von ihren epileptischen Krämpfen befreit haben soll.

In Rom findet die Heilige dank ihrer adeligen Her­kunft schnell Kontakt zu den bedeutendsten Persönlich­keiten der Stadt. Für den päpstlichen Beauftragten Ponzio Perrotti, Bischof von Orvieto, etwa empfängt sie folgende Offenbarung: „Die Erde verbirgt diesem Prälaten den Himmel. Wie ein Tier gefangen wird durch den Köder in der Falle, so läßt er sich verführen durch die Verlockung des Reichtums bis er – vom Tode bedrängt – alles ohne Furcht zurücklassen wird.“

Der Prälat sollte einige Zeit später von den Römern vertrieben werden. In Avignon beendet er sein Leben. Birgitta, die ihre Voraussage erfüllt sieht, erwartet dar­auf den Vollzug des göttlichen Urteils über den Papst selbst. Er läßt nicht lange auf sich warten. In der Zwischenzeit erhält sie den Auftrag, Klöster, um deren Disziplin es mehr als schlecht bestellt ist, zu bekehren und zu erneuern. Als sie in einem Augenblick der Niedergeschlagenheit wegen der schwierigen Aufgabe an ihrer Sendung zweifelt, soll ihr Maria erschienen sein und sie gemahnt haben, sich ohne zu verzagen um die Rettung anderer zu bemühen: „Wisse, daß die Freun­de Gottes für jedes Wort und Werk, das sie um Gottes willen und für die Besserung der Seelen reden und tun, und für jede Stunde der Trübsal, welche sie um Gottes willen ertragen, gekrönt werden – mögen sie viele oder keinen bekehrt haben.“

In Italien trifft Birgitta ganz unerwartet ihre Tochter Katharina, die sich ebenfalls zu einer Pilgerreise aufge­macht hatte. Von nun an bleiben Mutter und Tochter zusammen, um in Roms Armenviertel Hungrige zu speisen und für die Besessenen um Heilung zu beten. Birgitta schreibt in prophetischer Manier an die Bischöfe eine Reihe von Belehrungen, die mit ihren anderen Offenbarungen schnell bekannt werden und die Adres­saten zur Umkehr bewegt haben sollen. Die teils an einzelne Bischöfe und teils an den gesamten Episkopat gerichteten Unterweisungen umfassen eine ausführli­che Tagesordnung und genau umschriebene Lebensregeln. Christus hatte sich bei ihr in einer Vision eindringlich über die Nachlässigkeit und Sittenlosigkeit des Klerus beklagt:

„Ich bin Gott, derselbe, welcher einst der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs genannt ward. Ich bin der Gott, welcher einst Moses das Gesetz gab.

Dieses Gesetz wird jetzt verworfen und vom Bösen verachtet. Denn es heißt, das Gesetz sei beschränkend, schwer und häßlich. Beschränkend nennen sie es, weil das Gesetz geboten, sich mit dem Notwendigen zu begnügen und das Überschüssige zu meiden; sie aber wol­len alles haben gegen die Vernunft, wie das unvernünftige Vieh über die Kräfte des Leibes. Darum ist es ihnen eng. Zweitens sagen sie, es sei schwer, weil das Gesetz sagt, man solle Freuden haben mit Vernunft und zu bestimmten Zeiten. Sie aber wollen vollere Freude haben, als ihnen nützlich und ihnen fest­gesetzt ist. Drittens sagen sie, daß es häßlich sei, weil das Gesetz die Demut zu lieben und Gott alles Gute zuzu­schreiben gebietet. Sie aber wollen mit den Gütern, welche von Gott gegeben worden, Hoffart treiben und sich überheben. Deshalb ist es ihnen häßlich … Die Priester handeln gegen mich wie Verräter. Denn sie zeigen mir ein freund­liches und sanftes Anlitz und führen mich an einen verborgenen Ort, um mich zu verraten. Die Priester zeigen mir dann ein freundliches Gesicht, wenn sie gut und einfältig zu sein scheinen; an den heimlichen Ort führen sie mich, wenn sie zum Altare gehen. Dann bin ich bereit, wie eine Braut oder wie ein Bräutigam allen ihren Willen zu tun, aber sie verraten mich. Erstens führen sie einen schweren Schlag auf mich, wenn der Gottes­dienst, den sie mir halten, ihnen lästig und beschwerlich ist; denn sie sprechen lieber hun­dert Worte für die Welt, als eines zu meiner Ehre. Sie würden lieber hundert Mark Goldes für die Welt, als einen Heller für mich geben. Sie würden hundert Mal lieber für den eigenen oder der Welt Nutzen arbeiten, als nur einmal für meine Ehre. Mit dieser Last erdrücken sie mich, ich bin wie tot aus ihren Herzen. Zweitens stechen sie mich, wie mit einem scharfen Eisen, welches mir in das Herz dringt, wenn der Prie­ster an den Altar tritt und denkt, daß er gesündigt, und Reue empfindet, aber den festen Willen hat, nach beendigtem Gottesdienste aufs neue zu sündigen, wobei er bei sich denkt: Die Sünde gereut mich wohl; allein ich will diejenige, mit der ich gesündigt habe, nicht von mir lassen, um es nicht mehr tun zu können. Diese stechen mich wie mit einem scharfen Eisen. Drittens wird mir der Atem gleichsam erstickt, wenn sie also bei sich denken: Es ist gut und ergötzlich, bei der Welt zu sein, es ist gut zu schwelgen, und ich kann mich nicht enthalten. Ich will meinen Willen tun in der Jugend; wenn ich aber alt geworden bin, dann will ich enthaltsam sein und mich bessern. … Siehe, solche Priester sind nicht meine Priester, sondern wirkliche Verräter. Denn sie verkaufen und verraten mich, wie Judas. Ich überschaue Heiden und Juden, erblicke darunter aber keine, die schlimmer wären, als jene, weil die Priester in derselben Sünde sind, durch wel­che Luzifer fiel. Nun melde ich dir auch ihr Gericht und wem sie gleichen. Ihr Gericht ist der Fluch …

Von Himmel und Erde und allen unvernünfti­gen Geschöpfen werden sie verflucht werden, denn diese gehorchen Gott und preisen ihn; jene aber verachteten denselben. Deshalb schwöre ich bei meiner Wahrheit (denn ich bin die Wahr­heit), daß, wenn sie also und in solcher Verfas­sung, worin sie sich jetzt befinden, sterben, sie nimmer meine Liebe, noch meine Kraft um­schließen wird, sondern sie ewiglich werden verdammt werden.“

Wegen der ausführlichen Belehrungen, die Birgitta während ihrer Entrückungen empfängt, wird sie bald von vielen Menschen um Rat angegangen. Ihr karitativer Einsatz hat zur Folge, daß das eigene Vermögen immer mehr zusammenschmilzt. Ein Geistlicher beginnt daher, ihre Ausgaben zu kontrollieren, um sie vor dem Ruin zu bewahren. Dennoch kann nicht verhindert werden, daß sie später als völlig mittellose Frau dasteht. Birgitta stellt ihr Leben in Rom ganz in den Dienst tatkräftiger Nächstenliebe sowie in den Dienst Jesu Christi, göttliche Botschaften zu übermitteln. Die Beziehung zu Gott ersetzt bei ihr nicht den Kontakt zu den Mitmenschen ­im Gegenteil. „Birgitta ist keine Einsiedler-Natur und verliert nie in ihrem langen Leben das Interesse an ihrer Umwelt; immer ist sie ein geistlicher Mittelpunkt“, schreibt Karola Ada Isten.

Um die politische Aufgabe Birgittas und ihr Handeln innerhalb der Kirche besser verstehen zu können, muß zunächst der geschichtliche Hintergrund etwas erhellt werden. Birgitta ist das Kind einer Zeit, in der sich ein entscheiden­der Umbruch vollzieht: Die Welt des Mittelal­ters ist in der Mitte des 14. Jahrhunderts bereits in Auflösung begriffen, das Geflecht der überkommenen sozialen und wirtschaftlichen Bindungen verliert zunehmend an Bedeutung; vor allem in den Städten wird gleichzeitig jedoch ein Aufbruch zu neuen Ufern spürbar ­das Zeitalter der Renaissance, die Rück­besinnung auf die Vorbilder und Werte der klassischen Antike, kündigt sich an. Das spätmittelalterliche Europa steckt in einer tie­fen Krise: Die Türken bedrohen die Grenzen des christlichen Abendlandes, dessen Einheit im Innern wiederum durch den 100jährigen Krieg zwischen England und Frankreich ent­scheidend geschwächt wird.

Birgitta muß erkennen, daß auch die Kirche von Auflösungserscheinungen erfaßt wird: Das Papsttum hat seine Selbständigkeit und seine universale Macht eingebüßt und ist in der Interessen-Politik des französischen Königs gefangen; augenfällig wird dies durch die bereits erwähnte Tatsa­che, daß der Papst nicht mehr in Rom, sondern im Exil in Avignon residiert. Ungeniert mischen sich weltliche Machtpolitiker in die internen Angelegenheiten der Kir­che ein. Hinzu kommt, daß auch geistliche Ämter gegen Geld an unwürdige Personen verschachert werden. Es kann daher kaum überraschen, daß manche Zeitgenos­sen Papst Clemens VI., der diese Händel zumindest duldet, geradezu als den Antichrist auf dem Heiligen Stuhl betrachten. In den „Offenbarungen“ sprechen Jesus und Maria im Hinblick auf den Stuhl Petri von einem „Stuhl der Hoffart“.

In der von seinem Oberhirten verlassenen Stadt Rom sind Recht und Gesetz praktisch außer Kraft gesetzt. Zwischen den führenden Adelsgeschelchtern toben er­bitterte Machtkämpfe. In dieser verworrenen Situation versucht Birgitta, als Schlichterin einzugreifen. Doch ihre Bemühungen stellen sich als vergeblich heraus. Ja, sie wird sogar zur Zielscheibe des Hasses. Prior Petrus, ihr Beichtvater, berichtet von einer beleidigenden De­monstration gegen die Heilige. Ursache der Anfeindungen sind ihre Offenbarungen über die Sünden der Römer und die strengen Strafen, die sie ihnen dafür androht. In bestimmter Kreisen wird Birgitta sogar als Hexe be­schimpft, die man verbrennen solle. In einer Vision verspricht ihr Jesus darauf, sie vor bedrohlichen Angrif­fen zu schützen.

Nach dem Tod von Papst Clemens Vl. 1352 in Avignon sieht es Birgitta als ihre erste Aufgabe an, dessen Nachfolger Innozenz VI. zur Rückkehr nach Rom zu bewegen. Über den neuen Papst soll Christus seiner entrückten „Mittlerin“ gesagt haben, dieser sei „von besserem Erz als seine Vorgänger“.

Doch Innozenz schafft es nicht, sich gegen seine mächtigen Kardinäle durchzusetzen, die an Avignon als dem neuen Mittelpunkt der Kirche festhalten. Die Lage ändert sich, als Urban V. 1362 den Thron Petri besteigt: Er verurteilt die schrecklichen Zustände in Italien, be­klagt die Sittenlosigkeit der Kleriker und verläßt schließ­lich das französische Exil. In Rom wird Urban von dem nach Italien gereisten deutschen Kaiser Karl IV. mit offenen Armen empfangen. Papsttum und Kaisertum, geistliches und weltliches Oberhaupt der Christenheit, scheinen nach ihrem dauerhaften Streit um die Vor­macht im Abendland wieder versöhnt zu sein. Birgitta glaubt sich bereits am Ziel ihrer Anstrengungen, doch die Freude darüber währt nicht lange. In einer Audienz, die ihr Karl IV. gewährt, enthüllt sie ihre Vision über die vier weltlichen „Kinder“ des Kaisers – die Sünden des Stolzes, der Vergnügungssucht, des Luxus und des Ämterkaufs – , die er durch die vier himmlischen „Töchter“ – die Tugenden der Demut, der Enthaltsam­keit, der Selbstverleugnung und der Liebe – ersetzen solle. Der Kaiser hat sich angeblich jedoch geweigert, dieser Weisung Folge zu leisten.

Birgitta teilt auch Papst Urban eine Reihe ihrer Offenbarungen mit, die von Mißständen innerhalb der Kirche und von der Notwendigkeit einer umfassenden Reform handeln. Doch einflußreiche Kardinäle, die die Rückkehr nach Avignon anstreben, setzen Birgittas Mit­teilungen vor Urban herab. Auch die vom Papst erbetene Approbation ihrer Ordensregel wird auf Drängen der hohen Geistlichkeit hinausgezögert. Erst später, im Jahr 1370, erklärt sich der Papst endlich bereit, wenigstens einen Teil der inzwischen überarbeiteten Regel anzuer­kennen. Dieser sollte der von Urban gewünschten Ordensregel des heiligen Augustinus als Ergänzung beigefügt werden. Birgitta erhält jedoch die Genehmi­gung, ein Nonnen- und Mönchskloster in Vadstena nach dieser erweiterten Augustinerregel zu errichten. Birgitta ist enttäuscht, hatte sie doch die vollständige Anerken­nung der ihr persönlich von Christus mitgeteilten Ordensregel erhalten wollen. Außerdem kann sie nicht verhindern, daß der Papst wieder nach Avignon geht, wo er nach seiner Ankunft sterben sollte, wie es Birgitta offenbart worden war.

In Rom muß die Heilige erfahren, daß sich auch in ihrer schwedischen Heimat – wie vorausgesagt – die Lage zugespitzt hat: nach dem Ausbruch der verheerenden Pestepidemie erweist sich die Unfähigkeit von König Magnus als verhängnisvoll. Die Teilung zwischen Schwe­den und Norwegen ist nicht mehr aufzuhalten. Es kommt sogar zu einem Bürgerkrieg, in dessen Verlauf sich Magnus und sein ältester Sohn Erik, der sich gegenüber seinem Bruder Haakon bei der Aufteilung der Macht zurückgesetzt fühlt, bekämpfen. Der König wird abge­setzt und gefangengenommen. Für ihn besteigt Herzog Albrecht von Necklenburg den schwedischen Thron. Nach einer siebenjährigen Haft ertrinkt Magnus auf einer Seefahrt vor der norwegischen Küste. Seine Frau Blanca war zuvor vergiftet worden. Birgittas Prophezei­ung über die Zukunft Schwedens hatte sich damit erfüllt.

Mit Sorge verfolgt Birgitta ein Jahrzehnt lang von Italien aus die Entwicklungen in ihrer Heimat, an denen sie trotz der weiten Entfernung ebenso tätigen Anteil nimmt wie an der Politik Roms und der Kirche. In allen Bereichen verfolgt sie das Anliegen, eine Einheit zwi­schen den göttlichen Geboten und der Ausformung des sozialen und politischen Lebens zu bewirken. Religion und Politik sind in dieser Weltsicht eng aufeinander bezogen. Vor Königen und Päpsten, Adeligen und Klerikern vertritt Birgitta die Grundzüge ihrer Politik, einer Politik der Gerechtigkeit und der Nächstenliebe.

Während ihres Aufenthalts in Rom unternimmt die Heilige auf Christi Weisung hin zahlreiche Wallfahrten. Zwischen 1364 und 1367 besucht sie mehrere Pilgerstätten Italiens darunter Assisi, wo ihr der heilige Franziskus erschienen sein soll. Der Weg führt sie auch nach Ortona, wo sie die Reliquien des heiligen Thomas aufsucht. In Neapel redet sie der für ihre Dekadenz bekannten Königin Johanna ins Gewissen, doch ihre Mahnungen bleiben erfolglos.

In einer Vision im Mai 1371 teilt ihr Christus mit, sie solle sich auf eine Reise nach Jerusalem zu den heiligen Stätten vorbereiten.

Noch im Herbst macht sich Birgitta mit ihren Söhnen Karl und Birger sowie mit einer Schar von Getreuen auf den Weg. Nach einem längeren Zwischenaufenthalt in Süditalien schiffen sich die Pilger im März des folgenden Jahres in Neapel ein und landen schließlich in Cypern, um dort auf günstigeren Wind zu warten. Auf der Mittelmeerinsel wird Birgitta von Königin Eleonore emp­fangen, die mit ihr persönliche wie auch staatliche Probleme bespricht. Bei der Weiterreise ins Heilige Land gerät die Pilgergruppe zum wiederholten Mal in Lebens­gefahr: Ihr Schiff schlägt vor der Küste Palästinas leck und droht zu sinken. Das Gepäck wird über Bord geschwemmt, doch Birgitta und ihre Begleiter überleben das Unglück. Auf der Schiffspassage soll Birgitta sich fast ununterbrochen in Ekstase befunden haben. In einer langen Vision, die bis zur Ankunft in Palästina andauert, erlebt sie alle Einzelheiten des Gerichtsurteils über die Seele Kaiser Karls mit. In der Grabeskirche von Jerusalem erhält sie wiederum eine Offenbarung von der Passion Jesu.

Im Anschluß an die Ekstase ruft Birgitta zwei ihrer Begleiter, die Beichtväter Alfonso de Vadaterra und Prior Petrus, zu sich, um ihnen zu diktieren, was sie gesehen hatte. Von Jerusalem zogen die schwedischen Pilger über die Gebirgslandschaft von Judäa nach Bethlehem. Dort soll ihr die Gottesmutter alle Einzelhei­ten über die Geburt Jesu berichtet haben.

Vier Monate hält sich Birgitta in Palästina auf, dann kehrt sie über Zypern wieder nach Neapel zurück. Die Hafenstadt war in der Zwischenzeit von der Pest erfaßt worden. Von den Bürgern um Hilfe gerufen, läßt Birgitta in der Kathedrale ihre Offenbarungen über die Neapo­litaner verkünden. Sie haben die Sünden des Volkes und der Geistlichkeit sowie das drohende Strafgericht über die Stadt zum Inhalt. Im Frühjahr 1377 reist Birgitta nach Rom weiter, wo sie die letzten vier Monate ihres Lebens verbringt. Krankheit und Todesangst machen ihr zu schaffen. Angesichts der äußeren Erfolglosigkeit ihrer Bemühungen für Welt und Kirche wird Birgitta von der Furcht überwältigt, mit leeren Händen vor den Richterstuhl Gottes treten zu müssen. Da erscheint ihr der Überlieferung zufolge Maria, die zu ihr spricht: „Dies geschieht, damit du siehst, daß du ohne meinen Sohn nichts bist und kannst.“ Durch diese Worte findet Birgitta Trost und inneren Frieden; sie erkennt, daß sie nicht auf sich allein gestellt ist.

Nachdem sie von Christus selbst Worte des Trostes zugesprochen bekommen hat, stirbt Birgitta am 23. Juli 1373 im 71. Lebensjahr. Ihr Leib wird (mit Ausnah­me eines Armes) nach Vadstena überführt.Auf dem Weg nach Schweden erweisen der Heiligen zahlreiche Men­schen die letzte Ehre. Auf Betreiben ihrer Landsleute wird sie 1391 von Papst Bonifatius IX. heiliggesprochen.

Elmar zur Bonsen / Cornelia Glees

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Quelle: „DIE VISIONEN DER HL. BIRGITTA VON SCHWEDEN“, 224 Seiten, gebunden

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