Nigeria: UNO schlägt Alarm wegen Hunger

afp5797879_articolo

Vor allem viele Kinder sind in Nigeria von der Hungerkrise bedroht

Vor einer Hungerkatastrophe in dem afrikanischen Land warnen die Vereinten Nationen. Rund eine halbe Million Kinder sind UNO-Angaben zufolge in Nigeria und den angrenzenden Gebieten vom Hungertod bedroht – die internationale Gemeinschaft müsse eingreifen. Im Nordosten des Landes seien rund 2,5 Millionen Menschen auf der Flucht, mehr als sieben Millionen bräuchten Nahrungsmittelhilfe, die Gesundheitsversorgung sei zusammengebrochen. Die Region wurde bis vor Kurzem von der Terrororganisation Boko Haram kontrolliert. Ohne eine entschlossene Bekämpfung der Hungerkrise könnte Europa nach Ansicht der Vereinten Nationen eine neue Flüchtlingswelle drohen.

(reuters 31.01.2017 jg)

„Kein Profit um den Preis der Würde des Menschen“ – Debatte an der UN

nuncio-jurkovic-moderates-panel-at-un-geneva-small_1478168838

Erzbischof Ivan Jurkovič in der Rolle des Moderatoren. Foto: (C) Pax Press Agency, SARL, Geneva

Am 26. Oktober diskutierte bei den Vereinten Nationen in Genf eine zeitlich unbegrenzte internationale Arbeitsgruppe die Ausarbeitung eines international rechtsverbindlichen Dokuments über Menschenrechtsfragen, und wie diese internationale Konzerne betreffen.

Beraten wurde über die Einführung von Gesetzen, die es ermöglichen würden, länderübergreifende Unternehmen für Menschenrechtsverletzungen in Bereichen wie Gesundheitswesen, Umwelt, Nachhaltigkeit und Arbeitsrechte verantwortlich zu machen.

Der erste dokumentierte Arbeiterstreik der Welt fand im Jahr 12 v. Chr. in Ägypten statt. In westlichen Ländern wurde das Streikrecht im frühen 20. Jahrhundert eingeführt.

„Heute können sich die Arbeiter auch an die nationale Gerichtsbarkeit in den Ländern wenden. Eine weitere Möglichkeit für einen Arbeiter wäre der Weg über eine nationale oder eine internationale Gewerkschaft. Ein Fall kann auch vor unserer Organisation gebracht werden“, sagte Githa Roelands, Leiterin der Abteilung für multinationale Unternehmen und Unternehmensverpflichtung der Internationalen Arbeitsorganisation ILO (International Labour Organization).

Gegenwärtig gibt es auf internationaler Ebene keine Möglichkeit, Unternehmen gerichtlich zur Rechenschaft zu ziehen. In der internationalen Rechtsordnung gibt es Lücken und Unebenheiten in Bezug auf die Handhabe der Menschenrechte seitens der Unternehmen.

Im Rahmen der internationalen Menschenrechte können Unternehmen nur für solche Menschenrechtsverletzungen direkt belangt werden, die internationale Straftaten gemäß des Römischen Statuts des Internationalen Strafgerichtshofs darstellen.

Experten fordern auch internationale Gesetze, um betriebliche Führungskräfte verantwortlich machen zu können.

Alfred-Maurice de Zayas, unabhängiger Experte zur Förderung einer demokratischen und gerechten Weltordnung erinnerte daran, dass es nicht nur Unternehmen und Regierungen seien die Menschenrechte verletzen: „Auch Geschäftsleute begehen sie. Wir wissen das von den Nürnberger Prozessen, wo sich Führungskräfte von Krupp und Flick und Tesch verantworten mussten und für schuldig befunden wurden, Straftaten begangen zu haben. Bisher haben wir kein Strafsystem für geschäftliche Führungskräfte. Ich finde, dass sich das ändern muss. Es sollte eine zivilrechtliche Haftung der Unternehmen geben, zivilrechtliche Haftung der Investoren, zivilrechtliche Haftung der Spekulanten, weil sich deren Handlungen durchaus auf Menschenrechte auswirken, und zwar oftmals sehr negativ.“

Die Organisatoren der Arbeitsgruppe hatten den Apostolischen Nuntius, ständiger Vertreter des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen in Genf, Erzbischof Ivan Jurkovič gebeten, die Rolle des Moderators zu übernehmen.  Für ihn geht es nicht nur darum, neue Gesetze einzuführen, sondern ein Umdenken zu fördern ‚…sehr ähnlich der Position des Heiligen Stuhls, der das Allgemeinwohl als höchstes und einziges Gut betrachtet. Das bedeutet, dass das, was dem Wohl jedes Einzelnen dient, auch zum Wohl derer gereicht, die verkaufen, produzieren und Geld machen.'“

Papst Franziskus glaubt, dass das allgemeine Wohlergehen, wenn es nur im Dienst von Profit und Kapital steht, einzig und allein Exklusion hervorbringt.

Nuntius Jurkovič nannte es das Gleichgewicht von Geschäftstätigkeit und Verantwortlichkeit. „Manchmal kann man multinationale Organisationen beschuldigen, manchmal ist es ein viel komplexeres Problem. Letzten Endes finde ich es jedoch höchst interessant, dass es eine Art Prozess des kulturellen Wandels gibt.“

Unabhängig von zukünftigen Gesetzen kann man seine Kaufkraft benutzen, um Fairen Handel zu unterstützen, Unternehmen dazu zu bringen, das Richtige zu tun, und jene zu boykottieren, die Menschenrechte verletzen und die Umwelt schädigen. Der Druck der dadurch auf die Unternehmen ausgeübt wird kann dazu führen, dass sie Menschen und Umwelt über den Profit stellen.

Professor Michael Hopkins vom Finanzinstitut, London, Teilnehmer der Arbeitsgruppe:

„Ich denke, dem Erzbischof wird diese Aussage gefallen, weil sie zufällig aus der Bibel stammt, der Henry James Übersetzung. ‚Behandle andere grundsätzlich so, wie du von ihnen behandelt werden möchtest.'“

Zum ersten Mal kommt man bei den Vereinten Nationen mit einem rechtsverbindlichen Dokument voran, das hilft, Unternehmen für ihre Menschenrechtsverletzungen belangen zu können. Internationale Unternehmen – viele mit größerem Finanzhaushalt, als die Länder, in denen sie arbeiten – konnten sich bisher der Immunität erfreuen, wenn es darum ging, für verursachte Umweltschäden oder geforderte Menschenleben Verantwortung zu übernehmen.

Bei den Vereinten Nationen ist Ecuador an der Spitze des ‚Kampfes‘, um einen internationalen Vertrag und Standards zu schaffen, die diesen Zustand ändern.

In einem Interview mit dem lateinamerikanischen Fernsehsender TeleSur bestätigte letzten Juli die ständige Vertreterin bei den Vereinten Nationen und Leiterin der Arbeitsgruppe für die Erstellung des rechtsverbindlichen Papiers, Maria Fernanda Espinosa, Leiterin der UN Arbeitsgruppe, ständige Vertreterin Ecuadors bei den Vereinten Nationen in Genf, einen ’neuen Ton‘ bei den Vereinten Nationen.

„Man kann einen Willen erkennen, es gibt den Vorsatz, ‚ja‘ zu sagen, ‚wir brauchen Profit, wir müssen Geschäfte machen, aber nicht um den hohen Preis der Würde des Menschen und der Zerstörung der Natur. Wir können so nicht weitermachen.‘ Ich meine, wir brauchen andere Vorgaben, andere Werte, müssen mit einer anderen Betriebsethik vorgehen“ – so Espinosa aus dem TeleSur-Fernsehinterview.

„Ich denke, wir müssen mutig sein, in diesem Prozess dabei sein, sagte Ivan Jurkovic, Apostolischer Nuntius „der so sehr auf einer Linie ist mit der Ausrichtung und den persönlichen Empfindungen von Papst Franziskus. Ich freue mich sehr, dass man mich eingeladen hat und ich diese Arbeitssitzung moderieren durfte.“

Dieser Bericht wurde vom U.N.-Korrespondenten Christian Peschken, Pax Press Agency in Genf, verfasst. Der Bericht wird auch bei EWTN – Katholisches Fernsehen zu sehen sein im Rahmen des Magazins ‚Vatikano‘. Weitere Informationen zu Pax Press Agency unter www.paxpressagency.com

Ban Ki-moon: Nachhaltige Entwicklung mit Hilfe des Papstes

rv20006_articolo

Ban Ki-Moon im Interview mit Radio Vatikan

Christen und Mitglieder anderer Religionen haben viel gemeinsam mit den Zielen der Charta der Vereinten Nationen: Frieden, Respekt und Menschenrechte. Der scheidende UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon war in diesen Tagen in Rom, um dieser Überzeugung Ausdruck zu verleihen. Am Mittwoch nahm er an einer Veranstaltung über Sport und Religion im Vatikan teil, dazu hatte er auch ein Treffen unter vier Augen mit Papst Franziskus.

Im Interview mit Radio Vatikan betonte Ban anschließend, wie wichtig die Zusammenarbeit etwa bei nachhaltiger Entwicklung sei. „Ich bin seiner Heiligkeit Papst Franziskus, dem Vatikan und auch dem Internationalen Olympischen Komitee dankbar, dass sie dieses Treffen organisiert haben, bei dem Frieden und Entwicklung gefördert werden sollen“, so Ban. „Sport ist eine universelle Sprache, die alle nationalen Barrieren, alle Ethnien und Nationalitäten und alle anderen Unterschiede, die es geben mag, überschreitet. Sport schafft Zusammenarbeit und Zusammengehörigkeit.“ Deswegen feiere die UNO auch jedes Jahr den 6. April als Tag des Sports für Entwicklung und Frieden, fügt der Generalsekretär an. Da sei es konsequent aus Sicht der UNO, die Kirche einzubeziehen.

„Papst Franziskus ist ein Mann des Friedens und ein Mann der Visionen. Er ist ein Mann mit einer moralischen Stimme. Es ist mir eine große Ehre und ein Privileg, mit ihm zusammen arbeiten zu können.“ Ban betont, dass der Papst sich zum Beispiel im Vorfeld der Pariser Weltklimakonferenz vom letzten Jahr an alle Beteiligten gewandt habe: „Er hatte alle Verantwortlichen aufgefordert, sich stärker und visionärer für die Welt einzusetzen – für die Menschen und für den Planeten –, so dass alle in Frieden und Wohlstand durch Partnerschaft leben können.“ Dasselbe Ziel habe der Papst in seiner Enzyklika Laudato Si’ auch schriftlich der ganzen Welt vorgelegt, fügt Ban an.

„Wir sind sieben Milliarden Menschen, und alle Geschöpfe sollten zusammen leben können. Der Papst hat dazu viel Inspiration gegeben.“ Seine Stimme sei für das Abkommen von Paris zum Klimaschutz wichtig gewesen, während seines Treffens habe er dem Papst deswegen auch ausdrücklich gedankt.

Ban Ki-moons Amtszeit als Generalsekretär der Vereinten Nationen dauert noch bis zum Ende des Jahres; in diesen Tagen entscheiden die Vereinten Nationen, wer ihm nachfolgen wird.

(rv 06.10.2016 ord)

Syrien: Zuspitzung in Aleppo, Aufschrei von NGOs und Kirchen

ap3673567_articolo

Aleppo

In höchstem Maße alarmiert zeigen sich Hilfsorganisationen und Kirchenvertreter über die Zuspitzung des Kriegs um Aleppo: Das UN-Kinderhilfswerk Unicef bezeichnete die jüngsten Luftangriffe auf die Stadt als absoluten Tiefpunkt. Der Sprecher von Unicef-Deutschland, Rudolf Tarneden, sagte am Montag auf „NDR Info“: „Die Intensität und Rücksichtslosigkeit sind vergleichbar mit den Gräueltaten, die im Zweiten Weltkrieg verübt wurden.“ Schätzungsweise 100.000 Kinder im Ostteil von Aleppo seien in akuter Gefahr.

Tarneden forderte, die Gewalt zu stoppen, um die Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen. In Syrien gehe es um die Rettung eines Minimums an Menschlichkeit. „Die Helfer, die in Syrien und in Aleppo tätig sind, tun ihr Möglichstes, sie unterstützen die Bevölkerung, aber sie werden nicht mehr sehr lange durchhalten können“, so der Unicef-Sprecher.

Auch der griechisch-katholische melkitische Erzbischof der nordsyrischen Metropole, Jean-Clement Jeanbart, äußerte sich gegenüber der italienischen katholischen Nachrichtenagentur SIR zur derzeitigen Lage in Aleppo, man habe „Frieden, zumindest Waffenstillstand versprochen, aber nichts hat sich bewahrheitet, alles Lügen, Lügen, Lügen“.  In West-Aleppo würden die Lebensbedingungen immer schwieriger, so Jeanbart. Es gebe wenig Wasser, vor allem fehle es an Strom.

„Die Syrer wollen nur Dialog und Frieden. Aber das wollen die großen Staaten nicht, die hinter unserem Rücken unser Land und unsere Gesellschaft zerstören. Die sind nur interessiert an Erdöl, Erdgas, Wasser, Territorium, um ihre Macht und ihren Einfluss zu vermehren, vor allem die Amerikaner und die Russen. Wir zahlen für den Egoismus der großen Staaten, die noch dazu behaupten, christlich zu sein“, so der aufgebrachte Jeanbart abschließend.

Die Luftangriffe gingen in der Nacht zum Montag weiter. Es habe Dutzende Angriffe auf den von den Rebellen gehaltenen Ostteil der einstigen Millionen-Metropole gegeben, teilte die oppositionsnahe „Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte“ mit. Eine noch unbekannte Zahl von Menschen sei getötet oder verletzt worden. Bebars Mishal von „Zivilschutz“ sagte laut den Presseagenturen APA und Reuters, die Luftangriffe hätten bis 6.00 Uhr angedauert: „Besonders nachts werden die Bombenangriffe intensiver, sie werden brutaler. Es werden alle Arten Waffen eingesetzt, Phosphor-, Napalm- und Streu-Bomben.“

Nach Angaben der Beobachtungsstelle ist seit dem Ende der Feuerpause vor einer Woche der Tod von 237 Menschen belegt, darunter 38 Kinder. 162 der dokumentierten Toten seien im Osten der Stadt – also den Rebellengebieten – gestorben.

(kap 26.09.2016 ah)

UNHCR: Papstbotschaft der Solidarität ist fundamental

ansa1070512_articolo

Der UNO-Verantwortliche für Fragen von Flucht und Migration war am Donnerstag bei Papst Franziskus

Wenige Tage vor dem zentralen UNO-Flüchtlingsgipfel in New York hat sich Papst Franziskus aus erster Hand über den Stand der Verhandlungen informieren lassen. Er empfing an diesem Donnerstag den UNO-Flüchtlingshochkommissar Filippo Grandi in Audienz. Radio Vatikan bat ihn danach zum Interview.

„Natürlich war es für mich eine außergewöhnliche Gelegenheit, dem Papst zu sagen, wie unersetzlich seine Stimme im Kampf für unsere Sache ist, für die Sache von Millionen von Flüchtlingen, Vertriebenen, Menschen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen. Heutzutage ist seine Botschaft der Solidarität fundamental. Man denke nur an seine Geste, nach Lesbos zu gehen und von dort Flüchtlinge mit nach Italien zu nehmen. Ich habe mich also bei ihm bedankt für diese Bestätigung und seinen Einsatz für die Flüchtlinge, auch seine Sorge um die Grenzschließungen und Ablehnungen, die fehlende Solidarität vieler Regierungen.“

Die UN-Vollversammlung will am kommenden Montag eine „New Yorker Erklärung“ mit einer Serie von Selbstverpflichtungen zum Schutz von Flüchtlingen und Migranten weltweit verabschieden. Der Italiener Grandi, der seit Januar im Amt ist, spielt dabei eine zentrale Rolle. Mit Blick auf den Gipfel, bei dem Regierungschefs die Fluchtbewegungen erstmals aus globaler Perspektive in den Blick nehmen wollten, seien er und der Papst sich einig gewesen:

„Wir waren uns einig, dass diese Diskussion sich nicht nur um Abschiebungen und Grenzkontrollen drehen darf, sondern das Problem an seiner Wurzel gelöst werden muss. Die fundamentalen Fragen sind hierbei – das sage ich und auch der Papst– die Armut und die Arbeit, der Papst hat oft gesagt, dass die Arbeit wichtig ist und den Menschen Würde und Selbstbestimmtheit verleiht, aber auch die Bildung ist wichtig und vor allem die Schaffung von Frieden an vielen Orten in Afrika und Nahost.“

Grandi lobte auch das im Vatikan neu gegründete „Dikasterium für den Dienst zugunsten der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen“, dessen Abteilung für Flüchtlinge und Migranten der Papst persönlich übernahm. Das sei eine willkommene Ergänzung zur Arbeit des UNHCR, meint er.

„Das ist ein starkes und wichtiges Signal, über das wir uns sehr freuen. Ich vertrete eine Institution der Vereinten Nationen, wir haben auch juristische, institutionelle, politische und operative Aufgaben, der Papst wiederum betrachtet dieses Problem aus moralischer Sicht, was sehr wichtig ist.“

In einem neuen Bericht nimmt der UNHCR vor allem mangelnde Bildungsmöglichkeiten für Flüchtlingskinder in den Blick. Von 6 Millionen vom UNHCR registrierten Flüchtlingskindern im Schulalter haben demnach 3,7 Millionen keine Möglichkeit, eine Schule zu besuchen.

„Von allen Flüchtlingskindern besuchen gerade einmal 50 Prozent eine Grundschule, 22 Prozent eine weiterführende Schule und gerade einmal ein Prozent schafft es auf die Universität. Das ist schlimm. Jedes Kind hat ein Recht auf Bildung und braucht Erziehung, mehr denn je müssen die Kinder, die schon im Exil leben und bereits entwurzelt wurden, die Festigung durch Bildung erfahren, um sich eine Persönlichkeit aufzubauen und sich auf eine Zukunft vorzubereiten, in der ihr Flüchtlingsdasein auch einmal endet, sei es, weil sie zurück nach Hause können, sei es weil sie woanders aufgenommen wurden. Kinder im Exil sind aus sozialer und wirtschaftlicher Sicht am gefährdetsten. Deshalb sind zwar Gesundheit, Ernährung und ein sicheres Zuhause wichtig, ich sage nicht, dass diese Dinge ihnen nicht zur Verfügung gestellt werden sollten, aber sie dürfen nicht auf Kosten der Bildung gehen, die eine Notwendigkeit von vorrangiger, dringender Bedeutung ist.“

Die Wurzel des Problems sei in erster Linie Krieg: Von mindestens zwölf Konflikten, zwölf Kriegen in der Region in Afrika, Nahost bis nach Afghanistan spricht der UNHCR-Chef. Manche seien alt, so wie der Konflikt in Afghanistan, andere jünger wie in der Zentralafrikanischen Republik oder dem Südsudan. Gerade ist Grandi aus dieser Region zurückgekehrt:

„Das sind vergessene Krisen, wir haben leider sehr wenige Ressourcen dafür, und das Hauptgewicht tragen die Nachbarländer. Wir sprechen viel von der Krise in Europa, aber vergessen wir nicht, dass 90 Prozent der Flüchtlinge von außerhalb Europas kommen, aus Ländern mit weniger finanziellen Ressourcen.“

 

(rv 16.09.2016 cz)

Menschen in der Zeit: Papst Paul VI. vor der UNO

ANSA525454_Articolo

Papst Paul VI.

Die Ansprache von Papst Paul VI. an die Vollversammlung der UNO, der Organisation der Vereinten Nationen, vor einem halben Jahrhundert, war einer der eindrücklichsten Momente, in denen jener Wille zur Begegnung zwischen der katholischen Kirche und der modernen Welt zum Ausdruck kam, wie es das damals gerade zu Ende gehende Konzil gewünscht hatte. Auch im Namen dieses Konzils wandte sich der »römische Papst« zum ersten Mal in dieser Weise an die Menschheit.

„Nie wieder Krieg! Der Friede muss das Geschick der Völker und der ganzen Menschheit leiten!“ Mehrfach haben Päpste in den vergangenen Jahrzehnten diesen Appell an die Staatengemeinschaft gerichtet. Zuletzt war es Papst Franziskus am 25. September dieses Jahres. Erstmals fiel das Zitat aber vor genau 50 Jahren bei der historischen Rede von Papst Paul VI. am 4. Oktober 1965 vor der UN-Vollversammlung im New Yorker Glaspalast der Vereinten Nationen.

Der Montini-Papst schlug damals neue Wege ein: Er war der erste Pontifex der seinen Fuß auf amerikanischen Boden setzte. Überhaupt war es eine der ersten Auslandsreisen eines Papstes in der Neuzeit. Wenige Wochen vor dem Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils wandte sich Paul VI. zum 20. Jahrestag der UNO an die Staatengemeinschaft, um den Auftrag des Konzils zum Dialog der Kirche mit der Welt zu unterstreichen. Seine USA-Reise stellte der Papst ganz in das Zeichen des Friedens.

Verehrte Hörerinnen und Hörer – die Originallänge dieser Päpstlichen Ansprache ist über 40 Minuten lang. Wir mußten zwangsweise die Rede auf unser Format auf die wichtigsten Aussagen hin kürzen.

Nous le savons, vous en êtes pleinement conscients. Ecoutez maintenant la suite de Notre Message. Il est tout entier tourné vers l’avenir. L’édifice que vous avez construit ne doit plus jamais tomber en ruines: il doit être perfectionné et adapté aux exigences que l’histoire du monde présentera. Vous marquez une étape dans le développement de l’humanité: désormais, impossible de reculer, il faut avancer.

Wir wissen es, Sie sind sich dessen völlig bewusst. Hören Sie jetzt den Fortgang Unserer Botschaft. Sie ist ganz und gar der Zukunft zugewandt. Das Bauwerk, das Sie errichtet haben, darf niemals in Ruinen fallen. Es muss vervollkommnet werden und ausgerichtet auf die Erfordernisse, die uns die Weltgeschichte zeigen wird. Sie markieren einen Abschnitt der menschlichen Entwicklung; nun aber, unmöglich zurückzufallen, muss man voranschreiten.

Votre Statut va plus loin encore: et Notre message s’avance avec lui. Vous existez et vous travaillez pour unir les nations, pour associer les Etats. Adoptons la formule: pour mettre ensemble les uns avec les autres. Vous êtes une Association. Vous êtes un pont entre les peuples. Vous êtes un réseau de rapports entre les Etats. Nous serions tenté de dire que votre caractéristique reflète en quelque sorte dans l’ordre temporel ce que notre Eglise Catholique veut être dans l’ordre spirituel: unique et universelle. On ne peut rien concevoir de plus élevé, sur le plan naturel, dans la construction idéologique de l’humanité. Votre vocation est de faire fraterniser, non pas quelques-uns des peuples, mais tous les peuples. Entreprise difficile?

Ihre Verfassung geht noch darüber hinaus und unsere Botschaft geht damit mit. Sie existieren und arbeiten, um die Nationen zu einen, um die Staaten zu verbinden. Wir nehmen diese Formel: um die einen mit den andern zusammenzufügen. Sie sind eine Vereinigung. Sie sind eine Brücke unter den Völkern. Sie sind ein Netz für Beziehungen unter den Staaten. Wir versuchen ernstlich zu sagen, dass Ihre Charakteristik, in gewisser Weise, in der zeitlichen Ordnung, das widerzuspiegeln vermag, was Unsere Katholische Kirche in der geistliche in Ordnung sein will: einzig und allgemein.

La logique de ce souhait qui appartient, peut-on dire, à la structure de votre Organisation, Nous porte à le compléter par d’autres formules. Les voici: que personne, en tant que membre de votre union, ne soit supérieur aux autres: Pas l’un au-dessus de l’autre. C’est la formule de l’égalité. Nous savons, certes, que d’autres facteurs sont à considérer outre la simple appartenance à votre organisme. Mais l’égalité aussi fait partie de sa constitution: non pas que vous soyez égaux, mais ici vous vous faites égaux. Et il se peut que, pour plusieurs d’entre vous, ce soit un acte de grande vertu: permettez que Nous vous le disions, Nous, le représentant d’une religion qui opère le salut par l’humilité de son divin Fondateur.

Die Logik dieses Wunsches, der, kann man sagen, aus der Struktur Ihrer Organisation selbst entstammt, bringt uns dazu, sie durch andere Formeln zu ergänzen. Man sehe: Dass niemand, so wahr er Mitglied Ihrer Vereinigung ist, anderen übergeordnet sein möge. Nicht der eine über dem andern. Das ist die Formel der Gleichheit.

Et ici Notre Message atteint son sommet. Négativement d’abord: c’est la parole que vous attendez de Nous et que Nous ne pouvons prononcer sans être conscient de sa gravité et de sa solennité: jamais plus les uns contre les autres, jamais, plus jamais! N’est-ce pas surtout dans ce but qu’est née l’Organisation des Nations-Unies: contre la guerre et pour la paix? Ecoutez les paroles lucides d’un grand disparu, John Kennedy, qui proclamait, il y a quatre ans:« L’humanité devra mettre fin à la guerre, ou c’est la guerre qui mettra fin à l’humanité ». Il n’est pas besoin de longs discours pour proclamer la finalité suprême de votre Institution. Il suffit de rappeler que le sang de millions d’hommes, que des souffrances inouïes et innombrables, que d’inutiles massacres et d’épouvantables ruines sanctionnent le pacte qui vous unit, en un serment qui doit changer l’histoire future du monde: jamais plus la guerre, jamais plus la guerre! C’est la paix, la paix, qui doit guider le destin des peuples et de toute l’humanité!

Hier erreicht Unsere Botschaft ihren Höhepunkt. Zunächst negativ: Das ist das Wort, dass Sie von Uns erwarten und das wir nicht aussprechen können, ohne seine Schwere und seine Feierlichkeit zu kennen: Niemals mehr die einen gegen die andern, niemals, niemals mehr. Ist das nicht über allem das Ziel, für das die Organisation der Vereinten Nationen geboren wurde? Gegen den Krieg und für den Frieden? Hört auf die erleuchteten Worte eines großen Verstorbenen: John Kennedy, der ausrief, vier Jahre ist es her: Die Menschheit muss dem Krieg ein Ende setzen, sonst setzt der Krieg der Menschheit ein Ende. Dazu braucht es keine langen Reden, um die oberste Zielsetzung Eurer Institution zu proklamieren. Es genügt daran zu erinnern, wieviel Blut von Millionen Menschen, wieviele unerhörte und unzählbare Leiden, wieviele nutzlose Schlächtereien und entsetzlichen Trümmer den Pakt stützen, der Euch eint, in einem Schwur, der die zukünftige Geschichte der Menschheit verändern muss: Jamais plus la guerre niemals wieder Krieg! Der Friede ist es, der Friede, der die Bestimmung der Völker anleiten muss und so die der ganzen Menschheit!

Les voies en sont tracées devant vous: la première est celle du désarmement. Si vous voulez être frères, laissez tomber les armes de vos mains.

On ne peut pas aimer avec des armes offensives dans les mains. Les armes, surtout les terribles armes que la science moderne vous a données, avant même de causer des victimes et des ruines, engendrent de mauvais rêves, alimentent de mauvais sentiments, créent des cauchemars, des défiances, de sombres résolutions; elles exigent d’énormes dépenses; elles arrêtent les projets de solidarité et d’utile travail; elles faussent la psychologie des peuples.

Die Wege dahin sind Ihnen vorgezeichnet: Der erste ist der Weg der Abrüstung. Wenn Ihr Brüder sein wollt, dann lasst die Waffen aus Euren Händen fallen. Man kann nicht lieben mit Angriffswaffen in den Händen. Die Bewaffnung, vor allem die schrecklichen Waffen, die moderne Wissenschaften Euch gaben, sogar noch bevor sie Opfer und Ruinen verursachen, erzeugen sie böse Träume, ernähren böse Gefühle, erzeugen Angstträume, Misstrauen, dunkle Entschlüsse; sie erfordern maßlose Kosten; sie vereiteln Projekte der Solidarität und der nützlichen Arbeit; sie verstören das Seelenleben der Völker.

Parler d’humanité, de générosité, c’est faire écho à un autre principe constitutif des Nations-Unies, son sommet positif: ce n’est pas seulement pour conjurer les conflits entre les Etats que l’on œuvre ici; c’est pour rendre les Etats capables de travailler les uns pour les autres. Vous ne vous contentez pas de faciliter la coexistence entre les nations: vous faites un bien plus grand pas en avant, digne de Notre éloge et de Notre appui: vous organisez la collaboration fraternelle des Peuples. Ici s’instaure un système de solidarité, qui fait que de hautes finalités, dans l’ordre de la civilisation, reçoivent l’appui unanime et ordonné de toute la famille des Peuples, pour le bien de tous et de chacun.

Von Menschlichkeit und Großzügigkeit zu sprechen, das heißt, auf ein anderes konstitutives Prinzip der Vereinten Nationen zu antworten, ihren positiven Gipfelpunkt: Man arbeitet hier nicht nur, um Konflikte zwischen den Staaten zu bereinigen; es geht darum, die Staaten zu befähigen, füreinander zu arbeiten. Sie beschränken sich nicht darauf, die Koexistenz zwischen den Nationen zu erleichtern: Sie machen einen guten Schritt vorwärts, würdig von uns gelobt und unterstützt zu werden. Sie organisieren die brüderliche Zusammenarbeit der Völker. Hier entsteht ein System der Solidarität, das bewirkt, dass hohe Zielsetzungen, in der Ordnung der Zivilisation, die einmütige und geordnete Unterstützung der gesamten Völkerfamilie empfangen; zum Wohl aller und jedes einzelnen davon. Das ist es, was an der Organisation der Vereinten Nationen besonders schön ist, ihr sehr echt menschliches Gesicht: Das ist das Ideal, von dem die Menschheit träumt, auf ihrer Pilgerfahrt durch die Zeiten. Das ist die größte Hoffnung der Welt.

Überdies ist es notwendig, jedem Menschen ein Leben entsprechend seiner Würde zuzusprechen. Und das ist es, was Sie vorantreiben müssen. Wäre das nicht eine Erfüllung, in Unseren Augen, und Ihnen zu danken, für die prophetische Ankündigung, die sich so gut zu Ihrer Institution fügt: Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen (Jes. 2,4) ? Wären von Euch nicht doch die wunderbaren Kräfte der Erde und die staunenswerten Erfindungen der Wissenschaft zu nutzen, nicht mehr als Werkzeuge des Todes, sondern als Werkzeuge des Lebens für eine neue Ära der Menschheit?

Ein Wort noch, meine Herren, ein letztes Wort. Niemals so sehr wie heute, in einer Epoche, die so sehr vom menschlichen Fortschritt geprägt ist, nie war auch der Appell an das moralische Bewusstsein des Menschen so notwendig. Denn die Gefahr kommt weder vom Fortschritt noch von der Wissenschaft, denn beide, gut genutzt, können im Gegenteil eine große Zahl schwerer Probleme lösen, die die Menschheit plagen. Die wahre Gefahr bezieht sich auf den Menschen, der immer machtvollere Mittel besitzt, geeignet ebenso zur Zerstörung wie zu höchsten Eroberungen.

Mit einem Wort: Das Gebäude der modernen Zivilisation muss auf geistlichen Prinzipien auferbaut werde, die nicht nur fähig sind zu unterstützen, sondern auch zu erhellen und zu beseelen. Und diese unverzichtbaren Prinzipien der höchsten Weisheit können nicht anders als auf Gott beruhen, das ist unsere Überzeugung,

(rv 18.10.2015 ap)

Papst Franziskus bei der UNO in Nairobi (Kenia)

REUTERS1135437_Articolo

Papst Franziskus bei den Vereinten Nationen in Nairobi

Papst Franziskus Ansprache bei den Büros der Vereinten Nationen
in Nairobi am 26. November 2015

 

Wir dokumentieren im Wortlaut.

Ich möchte mich bedanken für die freundliche Einladung und für die Worte, mit denen die Generaldirektorin des Büros der Vereinten Nationen in Nairobi, Frau Sahle-Work Zewde, wie auch der Exekutiv-Direktor des Umwelt-Programms der Vereinten Nationen, Herr Achim Steiner, und der Exekutiv-Direktor des Programms UN-HABITAT, Herr Joan Clos, mich willkommen geheißen haben. Ich nutze die Gelegenheit, um das gesamte Personal zu grüßen sowie alle, die mit den hier gegenwärtigen Institutionen zusammenarbeiten.

Auf dem Weg zu diesem Saal wurde ich eingeladen, im Park des Zentrums der Vereinten Nationen einen Baum zu pflanzen. Ich habe mich gerne auf diese symbolische und einfache Geste eingelassen, die in vielen Kulturen reich an Bedeutung ist.

Einen Baum zu pflanzen, ist an erster Stelle eine Einladung, weiter gegen Phänomene wie die Entwaldung und die Wüstenbildung zu kämpfen. Es erinnert uns an die Wichtigkeit, die »an biologischer Vielfalt überreichen Lungen des Planeten« zu schützen und verantwortlich zu verwalten, wie wir das auf diesem Kontinent anhand des Kongobeckens gut beurteilen können. Es ist ein »für die Gesamtheit des Planeten und für die Zukunft der Menschheit« wesentlicher Ort. Hohe Wertschätzung und Ermutigung gilt deshalb stets der »Aufgabenstellung von internationalen Organisationen und Vereinigungen der Zivilgesellschaft, welche die Bevölkerungen sensibilisieren und kritisch mitwirken – auch unter Einsatz legitimer Druckmittel –, damit jede Regierung ihre eigene und nicht delegierbare Pflicht erfüllt, die Umwelt und die natürlichen Ressourcen ihres Landes zu bewahren, ohne sich an unehrliche lokale oder internationale Interessen zu verkaufen« (Enzyklika Laudato si’, 38).

Andererseits veranlasst uns das Pflanzen eines Baumes, weiter zu vertrauen, zu hoffen und besonders dazu, uns mit eigenen Händen dafür zu engagieren, all die Situationen von Ungerechtigkeit und Verfall, unter denen wir heute leiden, umzukehren.

In wenigen Tagen wird in Paris ein wichtiges Treffen über den Klimawandel beginnen, wo die internationale Gemeinschaft als solche sich erneut mit dieser Problematik auseinandersetzen wird. Es wäre traurig – und ich wage zu sagen: sogar katastrophal –, wenn die Partikularinteressen über das Gemeinwohl siegen und dazu führen würden, die Information zu manipulieren, um die eigenen Planungen zu schützen.

In diesem internationalen Kontext, wo sich uns die Alternative stellt, die wir nicht ignorieren können, nämlich die Umwelt zu verbessern oder sie zu zerstören, weist jede kleine oder große individuelle oder kollektive Initiative zum Schutz der Schöpfung den sicheren Weg zu jener »großherzigen und würdigen Kreativität, die das Beste des Menschen an den Tag legt« (ebd., 211).

»Das Klima ist ein gemeinschaftliches Gut von allen und für alle […] Der Klimawandel ist ein globales Problem mit schwerwiegenden Umwelt-Aspekten und ernsten sozialen, wirtschaftlichen, distributiven und politischen Dimensionen; er stellt eine der wichtigsten aktuellen Herausforderungen an die Menschheit dar« (ebd., 23. 25), deren Bewältigung »eine soziale Perspektive einbeziehen [muss], welche die Grundrechte derer berücksichtigt, die am meisten übergangen werden« (ebd., 93). Denn »der Missbrauch und die Zerstörung der Umwelt gehen zugleich mit einem unaufhaltsamen Prozess der Ausschließung einher« (Ansprache an die UN-Generalversammlung [25. September 2015]).

Die COP21 ist ein wichtiger Schritt in dem Prozess der Entwicklung eines neuen Energiesystems, das so wenig wie möglich von den fossilen Kraftstoffen abhängt, Energieeffizienz anstrebt und sich auffächert durch den Gebrauch von Energie mit niedrigem oder gar keinem CO2-Ausstoß. Wir stehen vor der großen politischen und wirtschaftlichen Verpflichtung, das Versagen und die Verzerrungen des aktuellen Entwicklungsmodells neu zu überdenken und zu korrigieren.

Die Vereinbarung von Paris kann ein deutliches Zeichen in dieser Richtung setzen, vorausgesetzt – wie ich bereits vor der Generalversammlung der UNO sagte – dass wir »jede Versuchung meiden […], einem Nominalismus zu verfallen, der sich in Deklarationen erschöpft und einen Beruhigungseffekt auf  das Gewissen ausübt. Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Institutionen wirklich effektiv sind« (ebd.). Darum hoffe ich, dass die COP21 zum Abschluss einer globalen und „verwandelnden“ Vereinbarung gelangt, die auf den Grundsätzen von Solidarität, Gerechtigkeit, Fairness und Beteiligung basiert und auf die Verfolgung dreier Ziele ausgerichtet ist, die zugleich vielschichtig und interdependent sind: Linderung der Auswirkung des Klimawandels, Kampf gegen die Armut und Achtung der Menschenwürde.

Trotz vieler Schwierigkeiten setzt sich zur Zeit die »Tendenz« durch, »den Planeten als Heimat zu begreifen und die Menschheit als ein Volk, das ein gemeinsames Haus bewohnt« (Enzyklika Laudato si’, 164). Kein Land kann sich bei seinem Handeln »einer allgemeinen Verantwortung entziehen. Wenn wir wirklich eine positive Veränderung wollen, müssen wir demütig unsere wechselseitige Abhängigkeit akzeptieren« (Ansprache an die Volksbewegungen [9. Juli 2015]). Das Problem entsteht, wenn wir meinen, Interdependenz sei gleichbedeutend mit einem Aufoktroyieren oder mit der Unterwerfung einiger im Hinblick auf die Interessen anderer – Unterwerfung des Schwächeren zugunsten des Stärkeren.

Es bedarf eines ehrlichen und offenen Dialogs in verantwortlichem Zusammenwirken aller: der politischen Verantwortungsträger, der Welt der Wissenschaft, des Unternehmertums und der Zivilgesellschaft. Es fehlt nicht an positiven Beispielen, die uns beweisen, dass eine wirkliche Zusammenarbeit von Politik, Wissenschaft und Wirtschaft fähig ist, bedeutende Ergebnisse zu erzielen.

Wir wissen andererseits, dass »die Menschen, die fähig sind, sich bis zum Äußersten herabzuwürdigen, […] sich auch beherrschen, sich wieder für das Gute entscheiden und sich bessern [können]« (Enzyklika Laudato si’, 205). Diese tiefe Einsicht lässt uns hoffen: Wenn die Menschheit des post-industriellen Zeitalters vielleicht als eine der verantwortungslosesten der Geschichte in der Erinnerung bleiben könnte, dann möge »die Menschheit vom Anfang des 21. Jahrhunderts in die Erinnerung eingehen […], weil sie großherzig ihre schwerwiegende Verantwortung auf sich genommen hat« (ebd., 165). Dazu ist es notwendig, dass die Wirtschaft und die Politik in den Dienst der Völker gestellt werden, wo »der Mensch im Einklang mit der Natur das gesamte System von Produktion und Distribution so gestaltet, dass die Fähigkeiten und die Bedürfnisse jedes Einzelnen einen angemessenen Rahmen im Gemeinwesen finden« (Ansprache an die Volksbewegungen [9. Juli 2015]). Es handelt sich nicht um eine phantastische Utopie, sondern im Gegenteil um eine realistische Perspektive, die den Menschen und seine Würde als Ausgangspunkt nimmt und als das Ziel, dem alles zufließen muss.

Der Kurswechsel, den wir brauchen, kann nicht verwirklicht werden ohne einen wesentlichen Einsatz für die Erziehung und die Ausbildung. Nichts wird möglich sein, wenn die politischen und technischen Lösungen nicht mit einem Erziehungsprozess einhergehen, der neue Lebensstile fördert. Einen neuen kulturellen Stil. Das verlangt eine Erziehung, die darauf ausgerichtet ist, Kindern, Frauen und Männern, Jugendlichen und Erwachsenen eine Kultur der Achtsamkeit nahezubringen – Achtsamkeit gegenüber sich selbst, gegenüber dem anderen, gegenüber der Umwelt – anstelle der Kultur des Verfalls und des Wegwerfens, in der man sich selbst, den anderen und die Umwelt „wegwirft“. Die Förderung des »Bewusstsein[s] des gemeinsamen Ursprungs, einer wechselseitigen Zugehörigkeit und einer von allen geteilten Zukunft […] würde [uns] die Entwicklung neuer Überzeugungen, Verhaltensweisen und Lebensformen erlauben. [Das ist] eine große kulturelle, spirituelle und erzieherische Herausforderung […], die langwierige Regenerationsprozesse beinhalten wird« (Enzyklika Laudato si’, 202), die wir noch rechtzeitig in Gang setzen können.

Die Verfalls- und Wegwerfkultur hat dazu geführt, den Götzen des Gewinns und des Konsums viele Gesichter, Geschichten und offensichtliche Folgen bei Tausenden von Menschen zu opfern. Wir müssen uns vor einem traurigen Zeichen der „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ hüten: davor, uns allmählich an das Leiden der anderen zu gewöhnen, als wäre es etwas Normales (Vgl. Botschaft zum Welternährungstag 2013 [16. Oktober 2013], 2) oder – noch schlimmer – uns mit den extremen und skandalösen Formen des „Wegwerfens“ und der sozialen Ausschließung abzufinden, wie sie uns in den neuen Formen der Sklaverei, in Menschenhandel, Zwangsarbeit, Prostitution und dem Handel mit Organen begegnen. »Tragisch ist die Zunahme der Migranten, die vor dem Elend flüchten, das durch die Umweltzerstörung immer schlimmer wird, und die in den internationalen Abkommen nicht als Flüchtlinge anerkannt werden; sie tragen die Last ihres Lebens in Verlassenheit und ohne jeden gesetzlichen Schutz« (Enzyklika Laudato si’, 25). Es sind viele Leben, viele Geschichten, viele Träume, die in unserer gegenwärtigen Zeit Schiffbruch erleiden. Davor dürfen wir nicht gleichgültig bleiben. Wir haben kein Recht dazu.

Parallel zur Unachtsamkeit gegenüber der Umwelt sind wir seit langem Zeugen einer schnell fortschreitenden Urbanisierung, die bedauerlicherweise häufig »das maßlose und ungeordnete Wachsen vieler Städte [verursacht], die für das Leben ungesund geworden sind« (ebd., 44) und sich als unwirtschaftlich erweisen. Zudem sind es Orte, wo sich besorgniserregende Symptome eines tragischen Zerreißens der Bande von Integration und sozialer Gemeinschaft ausbreiten. Das führt zur »Zunahme der Gewalt und [zum] Aufkommen neuer Formen sozialer Aggressivität, [zu] Rauschgifthandel und steigende[m] Drogenkonsum unter den Jüngsten, [zum] Verlust der Identität« (ebd., 46), zu Entwurzelung und zu sozialer Anonymität (vgl. ebd., 149).

Ich möchte allen Mut zusprechen, die auf lokaler und internationaler Ebene dafür arbeiten sicherzustellen, dass der Prozess der Urbanisierung sich in ein wirksames Mittel für Entwicklung und Integration verwandelt, um allen – und besonders den in den Randvierteln Lebenden – würdige Lebensbedingungen zu gewährleisten, indem man ihnen die Sicherheit der Grundrechte auf Land, Wohnung und Arbeit bietet. Es ist notwendig, Initiativen der Städteplanung und der Pflege der öffentlichen Plätze zu fördern, die in diese Richtung gehen und die Beteiligung der Menschen vor Ort vorsehen. Dabei geht es darum, den vielen Ungleichheiten und den Inseln städtischer Armut entgegenzuwirken, die nicht nur den wirtschaftlichen, sondern auch den gesellschaftlichen und ökologischen Bereich betreffen. Die kommende HABITAT-III-Konferenz, die für Oktober 2016 in Quito vorgesehen ist, könnte ein wichtiger Moment sein, um Wege ausfindig zu machen, wie man diesen Problemkreisen begegnen kann.

In wenigen Tagen wird diese Stadt Nairobi Sitz der 10. Ministerkonferenz der Welthandelsorganisation sein. 1967 stellte mein Vorgänger Paul VI. angesichts einer immer stärker interdependenten Welt – und indem er der aktuellen Wirklichkeit der Globalisierung um Jahre zuvorkam – Überlegungen darüber an, wie die Handelsbeziehungen zwischen den Staaten ein grundlegendes Element für die Entwicklung der Völker oder aber Ursache von Elend und Ausschließung sein könnten (Vgl. Enzyklika Populorum progressio, 56-62). Auch wenn man anerkennt, dass vieles auf diesem Gebiet bereits getan wurde, scheint doch noch kein internationales Handelssystem erreicht zu sein, das gerecht ist und ganz im Dienst des Kampfes gegen Armut und Ausschließung steht. Die Handelsbeziehungen zwischen den Staaten, die ein unerlässlicher Teil der Beziehungen zwischen den Völkern sind, können ebenso dazu dienen, die Umwelt zu schädigen, wie dazu, sie zurückzugewinnen und für die kommenden Generationen zu sichern.

Ich äußere meinen Wunsch, dass die Beschlüsse der kommenden Konferenz von Nairobi nicht nur ein bloßer Ausgleich von entgegengesetzten Interessen seien, sondern ein wirklicher Dienst an der Sorge für das gemeinsame Haus und an der ganzheitlichen Entwicklung der Menschen, speziell derer, die am meisten übergangen werden. Im Besonderen möchte ich mich den Sorgen weiter Kreise anschließen, die sich in der Mitarbeit an der Entwicklung und im Gesundheitswesen engagieren – unter ihnen auch die Ordensgemeinschaften, die sich um die Ärmsten und die am meisten Ausgeschlossenen kümmern – den Sorgen in Bezug auf die Vereinbarungen über das geistige Eigentum und den Zugang zu Medikamenten und zur medizinischen Grundversorgung. Die regionalen Freihandelsabkommen über den Schutz des geistigen Eigentums, besonders auf pharmazeutischem und biotechnologischem Gebiet, dürfen nicht nur die den Staaten bereits erteilten Befugnisse für multilaterale Vereinbarungen nicht begrenzen, sondern müssten im Gegenteil ein Mittel sein, um allen ein Minimum an Gesundheitsfürsorge und an Zugang zu den Basisheilmitteln zu gewähren. Die multilateralen Diskussionen müssen ihrerseits den ärmsten Ländern die Zeit, die Flexibilität und die notwendigen  Ausnahmen gewähren für eine geordnete und nicht traumatische Anpassung an die Handelsnormen. Die Interdependenz und die Integration der Ökonomien dürfen nicht die geringste Beeinträchtigung der bestehenden Gesundheitssysteme und der Sozialfürsorge beinhalten; sie müssen, im Gegenteil, ihre Schaffung und ihr Funktionieren begünstigen. Einige Gesundheits-Themen wie die Beseitigung der Malaria und der Tuberkulose, die Pflege der sogenannten „seltenen Krankheiten“ (orphan diseases) und die vernachlässigten Sektoren der Tropenmedizin verlangen eine primäre politische Beachtung, vor jeglichen anderen wirtschaftlichen oder politischen Interessen.

Afrika bietet der Welt eine Schönheit und einen natürlichen Reichtum, der uns veranlasst, den Schöpfer zu loben. Dieses Erbe Afrikas und der gesamten Menschheit ist ständig in Gefahr, aufgrund menschlicher Egoismen aller Art und aufgrund des Missbrauchs von Armut und Ausschließung zerstört zu werden. Im Kontext der Wirtschaftsbeziehungen zwischen den Staaten und den Völkern darf man nicht unterlassen, von Formen illegalen Handels zu sprechen, die in einem Milieu der Armut zunehmen und ihrerseits die Armut und die Ausschließung nähren. Der illegale Handel von Diamanten und Edelsteinen, von seltenen oder strategisch sehr wertvollen Metallen, von Hölzern und biologischem Material und von tierischen Produkten – wie im Fall des Elfenbeinhandels und des damit verbundenen Abschlachtens von Elefanten – fördert die politische Instabilität, das organisierte Verbrechen und den Terrorismus. Diese Situation ist auch ein Schrei der Menschen und der Erde, der von der internationalen Gesellschaft gehört werden muss.

Bei meinem jüngsten Besuch des Sitzes der UNO in New York konnte ich meinen Wunsch und meine Hoffnung zum Ausdruck bringen, dass das Werk der Vereinten Nationen und aller multilateralen Entwicklungen »Unterpfand einer sicheren und glücklichen Zukunft für die kommenden Generationen sein [möge]. Und das wird es sein, wenn die Vertreter der Staaten verstehen, sektorale Interessen und Ideologien auszublenden, und aufrichtig nach dem suchen, was dem Gemeinwohl dienlich ist« (Ansprache an die UN-Generalversammlung [25. September 2015]).

Ich bekräftige noch einmal die Unterstützung der katholischen Gemeinschaft und meine eigene durch Gebet und Zusammenarbeit, damit die Früchte des regionalen Zusammenwirkens, die heute in der Afrikanischen Union und in den vielen afrikanischen Vereinbarungen über Handel, Zusammenarbeit und Entwicklung ihren Ausdruck finden, lebendig und kraftvoll sind und immer das Gemeinwohl der Söhne und Töchter dieses Landes im Auge haben.

Der Segen des Allmächtigen sei mit allen und mit jedem bzw. jeder Einzelnen von Ihnen sowie mit Ihren Völkern. Danke.

_______

Quelle