Die Grenzen der päpstlichen Autorität und das Schicksal eines ketzerischen Papstes: ein Exklusivinterview mit Bischof Schneider

Rom, 25. März 2019 (LifeSiteNews) — Bischof Athanasius Schneider veröffentlichte kürzlich einen Aufsatz, in dem er die Möglichkeit der theologischen Ansicht, dass die Kirche einen ketzerischen Papst absetzen könnte, in Betracht zieht und zurückweist.

In seinem Essay (das hier zu sehen ist ) vertritt der Weihbischof von Astana die Auffassung, dass die Annahme der Möglichkeit eines ketzerischen Papstes aber mit der Ablehnung, dass er abgesetzt werden könnte, weit entfernt davon, einen übertriebenen Ultramontanismus zu reflektieren, ein durchdachtes und angemessenes Verständnis der päpstlichen Autorität darstellt.

In einem Exklusivinterview mit LifeSite erläutert Bischof Schneider bestimmte Fragen, die sich aus seinem Essay ergeben: die Autorität der Theologen, mit denen er nicht einverstanden ist, die Möglichkeiten für eine Debatte in dieser Frage und die seit dem Beginn entstandenen Missbräuche des letzten Jahrhunderts aus einer übertriebenen Sichtweise der päpstlichen Autorität.

 

Hiernach unser Interview mit Bischof Athanasius Schneider:

LifeSite: Exzellenz, können Sie die Position, die Sie in Ihrem Essay zur Frage eines ketzerischen Papstes dargelegt haben, kurz zusammenfassen?

Bischof Schneider: Die Hauptidee des Essays ist folgende: Ein Papst kann von niemandem abgesetzt werden und er kann sein Amt nicht aus irgendeinem Grund ipso facto verlieren. Die Kirche hat diese Wahrheit seit zweitausend Jahren beachtet, und es ist nie vorgekommen, dass ein Papst wegen Häresie abgesetzt wurde oder dass sein Pontifikat wegen Häresie für ungültig erklärt wurde. Kein Grund, auch wenn er von einem Heiligen oder berühmten Theologen vorgeschlagen wird – der jedoch nur eine Meinung und keine Lehre der Kirche bleibt – rechtfertigt einen Bruch mit dieser unerschütterlichen, ständigen Tradition. Es würde die revolutionäre Neuheit der Absetzung eines Papstes oder den Verlust seines Amtes aufgrund von Häresie einführen.

Die andere Hauptidee ist, ein konkretes kanonisches Verfahren vorzuschlagen, das im Falle eines ketzerischen oder halbketzerischen Papstes durchgeführt werden könnte – ein Verfahren, das der göttlichen Verfassung der Kirche nicht widerspricht. Dieser Vorschlag ist nur als Impuls und Beitrag zur weiteren theologischen und kanonischen Debatte gedacht.

Die andere relevante Absicht des Aufsatzes besteht darin, das Bewusstsein für den bereits Jahrhunderte alten fehlerhaften und ungesunden Zustand des Papstzentrismus oder der Papolatrie, d.h. des Phänomens eines aufgeblähten Begriffs der päpstlichen Autorität im Leben der Kirche, zu wecken, gewissermaßen eine Karikatur des päpstlichen Amtes. Sie macht den Papst zum allgegenwärtigen Brennpunkt des täglichen Lebens der Kirche auf weltweiter Ebene und unterstellt, dass ein Papst niemals einen Fehler machen kann. Dadurch entsteht eine völlig neue päpstliche Unfehlbarkeit, die den Papst unbewusst in eine Art Halbgott verwandelt. Ein solches Phänomen ist der gesunden Tradition der Apostel und der Kirchenväter fremd. Es ist in der Tat Zeit, diesbezüglich ein Warnsignal auszustoßen.

Warum haben Sie sich entschieden, diesen Essay jetzt zu veröffentlichen?

In letzter Zeit gab es Diskussionen über die Theorie oder Meinung zu einem ketzerischen Papst im Internet und in anderen Medien. Ich habe Briefe von vielen Leuten erhalten, sogar von ernsthaften Theologen, die die Angelegenheit besprechen und meine Herangehensweise kennenlernen wollen.

Ich bemerkte, dass es bis zu einem gewissen Grad mangelnde Klarheit des Denkens gab, eine Tendenz, sich auf Emotionen zu stützen, und Lösungen vorgeschlagen wurden, die in ihren endgültigen Konsequenzen die gefährlichen Prinzipien des Sedevakantismus und des Konziliarismus enthalten.

Die Ansicht, dass ein ketzerischer Papst wegen Häresie abgesetzt werden kann oder sein Amt ipso facto verliert, widerspricht letztlich der göttlichen Verfassung der Kirche, die besagt, dass die dem Papst übertragene Macht direkt von Gott kommt und nicht von der Kirche, d.h. nicht von einer kirchlichen Institution (Kardinalskollegium oder Konzil). In Zeiten weitverbreiteter Lehrverwirrung und einer beispiellosen Krise in Bezug auf das päpstliche Lehramt besteht die Gefahr, die emotionale Ruhe und intellektuelle Klarheit und Nüchternheit zu verlieren – Eigenschaften, die für das sichere Finden eines Ausweg aus der Krise unerlässlich sind – inmitten des Lärms einer wachsenden Anzahl zunehmend lauter und widersprüchlicher Stimmen.

Was ist die höchste Autorität in der Tradition, die ausdrücklich mit Ihrer Position übereinstimmt?

Die höchste Autorität ist für mich die konstante Tradition der Kirche, die nie offiziell gelehrt hat, dass ein Papst aus irgendeinem Grund legitim abgesetzt werden kann, und die niemals eine solche Absetzung in der Praxis durchgeführt hat. Was eine sogenannte Papolatrie und einen übertriebenen päpstlichen Zentrismus angeht, ist es wiederum die gesunde und sichere Tradition der Kirchenväter und der Päpste des ersten Jahrtausends, die dagegen sprechen.

Glauben Sie, dass ein Katholik in gutem Ansehen behaupten könnte, dass ein ökumenisches Konzil oder die Kardinäle es zustande bringen könnten, dass ein Papst abgesetzt würde, obwohl Sie der Meinung sind, dass diese Meinung falsch ist? Mit anderen Worten, ist es eine Frage, die legitimen Debatten unter katholischen Theologen offen steht?

Da die oberste Autorität der Kirche, d.h. das Päpstliche Lehramt oder das Lehramt eines Ökumenischen Konzils, bis jetzt noch keine einschlägigen Lehren oder verbindlichen Normen darüber abgegeben hat, wie die Kirche einen Papst behandeln sollte, der Häresien oder Halbhäresien verbreitet, bleibt die Möglichkeit einer legitimen Debatte unter den katholischen Theologen bestehen.

Was würden Sie jemandem sagen, der der Meinung ist, dass die Autorität von Cajetan, Suarez, Johannes von St. Thomas und Bellarmine so groß ist, dass es keinen Sinn macht, Ihre Autorität anstelle ihrer zu übernehmen?

Ich wollte mit meinem Aufsatz meine Meinung niemandem aufzwingen. Meine Absicht war es, einen Impuls zu geben und einen Beitrag zu einer ernsthaften Debatte zu diesem konkreten Thema zu leisten. Die Autorität selbst renommierter Theologen ist dennoch nur eine Meinung. Ihre Meinungen repräsentieren nicht die Stimme des Lehramtes – und sicherlich nicht die Stimme des konstanten und universellen Lehramtes der Kirche. Wie ich in meinem Essay erwähnte, gab es bekannte Theologen, die über eine beträchtliche Zeit eine objektiv falsche Meinung über die Angelegenheit des Sakraments der Orden lehrten, d.h., dass die Materie dieses Sakraments die Übergabe der Instrumente war, eine Meinung, die während des gesamten ersten Jahrtausends fehlte. Die Übergabe der Instrumente wurde während des ersten Jahrtausends in der gesamten Kirche in Ost und West nicht praktiziert. Die vorgenannten Theologen stellen nicht den Beweis für die Universalität und das Altertum der gesamten Kirche dar, was in einer so wichtigen Frage notwendig ist.

Denken Sie, dass Bellarmine’s Befürwortung der Position, dass Gott einem Papst nicht erlaubt, ein formeller Ketzer zu sein, nur eine fromme Meinung oder eine falsche Theologenmeinung ist?

Wir müssen die Tatsache berücksichtigen, dass es zur Zeit des hl. Robert Bellarmine immer noch eine theologische Debatte über die konkreten Grenzen und die Art und Weise der Ausübung des Charismas der Unfehlbarkeit im päpstlichen Lehramt gab. Ich bin geneigt anzunehmen, dass der heilige Robert Bellarmine der Meinung war, dass der Papst keine formelle Ketzerei aussprechen kann, wenn er endgültig lehrt oder, um die Terminologie des Ersten Vatikanischen Konzils zu verwenden, wenn er „ex cathedra“ lehrt.

Die von Ihnen vorgeschlagenen praktischen Schritte betonen die Arbeit von individuellen Personen, die einen Papst korrigieren könnten, aber auch die Vorstellung einer Gruppe von Bischöfen, die dies gemeinsam tun. Entspricht dies der klassischen dominikanischen Idee eines „unvollkommenen Konzils“ von Bischöfen, das Anklagen wegen päpstlicher Häresie untersuchen könnte?

Ich lehne die Idee eines sogenannten „unvollkommenen Konzils“ der Bischöfe kategorisch ab.
Der Begriff an sich ist theologisch widersprüchlich und steht im Wesentlichen für die Häresie des „Konziliarismus“ oder der „Synodalität“ in der Art der orthodoxen Kirchen.

Die Vorstellung eines Gremiums in der Kirche, das die Rolle eines Untersuchungsrichters ausüben und über den Papst, der das sichtbare Oberhaupt der Kirche ist, ein Urteil aussprechen würde, widerspricht der göttlichen Verfassung der Kirche. Am Ende ist dies die Methode der orthodoxen Kirche. Diese Herangehensweise war die tiefste Wurzel des Großen Orientalischen Schismas zwischen der griechischen Kirche und dem Heiligen Stuhl im Jahr 1054. Damals untersuchte der Patriarch von Konstantinopel zusammen mit seiner Synode in einer Art „unvollkommenem Konzil“ Anschuldigungen wegen angeblicher päpstlicher Häresien.

Mein Vorschlag, dem Papst eine Berichtigung zukommen zu lassen, entspricht dem Beispiel des hl. Paulus in seiner Berichtigung des ersten Papstes hl. Petrus und stellt kein Urteil über den Papst dar. Es gibt einen subtilen, aber entscheidenden Unterschied zwischen einer Korrektur – einer brüderlichen Korrektur – auch in einer öffentlichen Form, und der Tat eines Ermittlungsrichters und der Entscheidung eines Urteils.

Die Korrektur, die ich mir vorstelle, könnte auch von einer Gruppe von Bischöfen zum Ausdruck gebracht werden, aber nicht als formal zusammengesetzte Gruppe. Vielmehr geht es darum, ihren individuellen Konsens über die Tatsache der Häresie oder der Halb-Häresie eines Papstes zu sammeln – dann ihre Unterschriften zusammenzustellen und einen von ihnen zu beauftragen, die Korrektur an den Papst zu übermitteln. Dies ist keine gerichtliche Untersuchung des Papstes, sondern eine Bestätigung einer offensichtlichen Tatsache. Eine solche Korrektur hätte im Wesentlichen dieselbe Bedeutung wie die Korrektur des heiligen Petrus. In diesem Fall würde dies jedoch kollektiv von einer Gruppe von Kardinälen oder Bischöfen oder sogar Gläubigen durchgeführt werden.

Würden Sie sagen, dass die Frage zumindest zweifelhaft genug ist, dass es voreilig und äußerst unvorsichtig wäre, einen ketzerischen Papst abzusetzen?

Dies würde der göttlichen Verfassung der Kirche widersprechen und würde auf praktischer Ebene unweigerlich zu enormer Verwirrung führen, wie dies während des Großen Schismas am Ende des 14. und Anfang des 15. Jahrhunderts der Fall war. Wir müssen aus der Geschichte lernen.

Wie wichtig ist es, dass ein ökumenisches Konzil einen ketzerischen Papst posthum verurteilt?

Wir haben bereits das Beispiel von drei ökumenischen Konzilien, die Papst Honorius I. posthum verurteilt haben. Dies ist sicherlich wichtig, und die Kirche muss die Verbreitung von Irrlehren oder falschen und mehrdeutigen Lehren stoppen, die ein ketzerischer, ein halbketzerischer oder ein sehr nachlässiger Papst nach seinem Tod zurückließ. In der Tat hat die Kirche niemals die Existenz und Verbreitung von Häresien oder Zweideutigkeiten in der Lehre für längere Zeit toleriert. Ebenso toleriert eine gute Mutter keine schädlichen Nahrungsmittel für ihre Kinder, und ein guter Arzt toleriert die Ausbreitung von Infektionskrankheiten nicht. Häresien und mehrdeutige Lehren im Leben der Kirche sind nichts anderes als schädliche Nahrung und Infektionskrankheiten.

Sie werfen die Frage auf, wie eine aufgeblähte Auffassung der päpstlichen Autorität Neuheiten in der römischen Liturgie ermutigt hat? Denken Sie, dass Pius X., Pius XII. Und Paul VI. Ihre Autorität als Papst überschritten haben, als sie die liturgischen Änderungen vorgenommen haben, die sie gemacht haben? Und denken Sie, dass der Kanon von Trient, der die Schaffung neuer Riten verbietet, den Papst wie auch andere Pastoren der Kirche bindet?

Die Art und Weise, wie sich die ständige Tradition der Kirche und aller Päpste bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts verhalten hat, sollte ein sicherer Hinweis sein. In der Tat hat die Kirche in den neunzehn Jahrhunderten nie drastische, anorganische oder revolutionäre Änderungen am Lex orandi vorgenommen, d.h. an der Heiligen Liturgie.

Die Tatsache, dass liturgische Feiern nicht streng dogmatisch sind oder, wie die Menschen heute sagen, eine pastorale Angelegenheit sind, bedeutet nicht, dass ein Papst eine revolutionäre liturgische Reform durchführen kann. Hier sind die orientalische oder die orthodoxe Kirche ein hervorragendes Beispiel für einen äußerst sorgfältigen und etwas gewissenhaften Umgang mit liturgischen Reformen. Meines Erachtens missbrauchten die vorgenannten Päpste ihre Macht, indem sie radikale und anorganische liturgische Reformen durchführten. Die radikale Natur dieser Reformen war der gesamten Tradition der Kirche in Ost und West für neunzehn Jahrhunderte, d.h. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, fremd.

Die Canones des Konzils von Trient, die bei der Feier der Sakramente die Schaffung neuer Riten verboten hatten, bezogen sich auf eine solche revolutionäre und anorganische liturgische Reform. In diesem Sinne sollten diese Canones von allen Päpsten beobachtet werden, auch wenn sie für einen Papst nicht streng verbindlich sind. Jeder Papst sollte jedoch diese Canones des Konzils von Trient als Aufruf an die nachgewiesene Weisheit der ständigen und sicheren Tradition der Kirche betrachten. Es wäre ein Zeichen der Kühnheit und des päpstlichen Absolutismus und daher der Unvorsichtigkeit, diesen Rat nicht zu befolgen.

Es gibt ein bekanntes Prinzip aus der Zeit der Apostel und der ersten Päpste, das wie folgt lautet: „Nihil innovetur, nisi quod traditum est„, d.h. „Keinerlei Neuerung außer was überliefert ist.“ Mit diesen Worten will ich meinen Aufsatz absichtlich abschließen.

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Quelle

(Aus dem Englischen übersetzt von mir [POS])

UM KATHOLISCH ZU SEIN, MUSS [und soll] MAN NICHT SEDISVAKANTIST SEIN

Die katholischen Christen bekennen u.A.: Ich glaube an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche … Ich glaube an die Gemeinschaft der Heiligen.

Vor allem diejenigen Sedisvakantisten, die die Ansicht/Überzeugung vertreten, dass alle katholischen Christen (Klerus und Laien), die die Päpste des Konzils und Post-Konzils als gültige Päpste betrachten und sich ihnen im kirchlichen Gehorsam pflichtgemäß fügen/unterwerfen, den ganzen wahren katholischen Glauben nicht (mehr) vertreten und folglich nicht (mehr) katholisch (sondern häretisch und/oder schismatisch) sind, diese Sedisvakantisten befinden sich in einem gefährlichen, sträflichen Irrtum!

Selbst wenn es zutreffen würde, dass diese Päpste — aufgrund von erwiesenen Glaubensirrtümern, Häresien, Apostasien — vor Gott keine gültigen, wahren Oberhirten (mehr) wären, so müss(t)en sie es vor der Gesamtheit der Gläubigen dennoch solange bleiben, bis GOTT Selber diese Usurpatoren, diese Thronräuber, diese Irrlehrer samt ihren Steigbügelhaltern aus Amt und Ehre entfernt, sei dies durch eine Erweckung der für eine Amtsenthebung vorgesehenen/zuständigen Kleriker (primär Kardinäle, Bischöfe), sei es durch ein direktes göttliches Eingreifen, z.B. eine Bekehrungs-Bewirkung des amtierenden Papstes1). Denn ein Papst, der Stellvertreter Christi, richtet alle, und niemand richtet ihn – außer CHRISTUS, unser HERR und GOTT.

Die hinlänglich glaubensinstruierten und wachsamen katholischen Christen (Klerus und Volk) können und dürfen, ja müssen, sofern sie es können, einem augenscheinlich irrenden und irreführenden Hirten und erst recht Oberhirten dennoch in allem widerstehen, was klar, eindeutig glaubensgefährdend, glaubenswidrig ist.

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1) Wie z.B. die hl. Katharina von Siena Papst Gregor XI. 1376 zur Rückkehr von Avignon auf den Stuhl Petri in Rom gebracht hat oder wie die hl. Jeanne d’Arc 1429 den entmutigten, zögerlichen Dauphin zu seiner Krönung als König Karl VII. nach Reims geführt hat.

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[POS]

Die Gestalt der Kirche – von Dr. theol. Dr. iur. Erwin Roderich von Kienitz, 1937

Die Primatialgewalt des Papstes.

Bedeutung des Primats.

Das Dogma von der absoluten und allumfassenden Kirchenhoheit des Papstes ist recht eigentlich das Kernstück der ganzen Lehre von der kirchlichen Regierungsgewalt und den kirchlichen Regierungsämtern überhaupt. Diese Kirchenhoheit des Papstes über alle Hirten und Gläubigen wird als „Primat“ bezeichnet. Er ist eine von Christus den Nachfolgern des Apostelfürsten Petrus auf dem Bischofsstuhl von Rom verliehene Gewalt. Das Vatikanische Weltkonzil von 1870, das überhaupt die Lehrentwicklung über den Primat zum Abschluss gebracht hat, erklärte in seiner 4. Sitzung: „Nach den Zeugnissen des Evangeliums wurde der Regierungsprimat über die ganze Kirche Gottes unmittelbar und direkt dem heiligen Apostel Petrus von Christus dem Herrn versprochen und verliehen. Denn allein den Simon, zu dem er vorher schon gesagt hatte „Du wirst Kephas (Fels) heißen“ (Joh. 1, 42), redete der Herr nach dessen Bekenntnis „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“ mit diesen feierlichen Worten an: „Selig bist Du, Simon Bar Jona; denn Fleisch und Blut hat es Dir nicht offenbart, sondern mein Vater, der im Himmel ist. Und ich sage Dir: Du hist Petrus (der Fels) und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen: und Dir will ich die Schlüssel des Himmelreiches geben. Und was immer Du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein: und was immer Du lösen wirst auf Erden, das wird auch im Himmel gelöst sein“ (Matth. 16, 16ff.). Und dem Simon Petrus allein übertrug Jesus nach seiner Auferstehung die Regierungsgewalt des höchsten Hirten und Lenkers üher seine ganze Herde mit den Worten: „Weide meine Lämmer, weide meine Schafe“ (Joh. 21, 15).

Die Gewalt des Papstes stammt also unmittelbar von Christus. Sie beruht, wie man sich ausdrückt, auf göttlichem Recht: ist keine Schöpfung menschlich-kirchlicher Regierungsweisheit. An dem Ursprung der Primatialgewalt von Christus direkt her ändert es auch nichts, daß die Person des Papstes durch ein Wahlverfahren bestimmt wurde und wird. Das Kardinalskollegium bestimmt durch seinen Wahlakt nur die Person des neuen Papstes. Die Primatialgewalt überträgt es ihm nicht, weil es niemals, auch nicht während der Verweisung des Apostolischen Stuhles, Inhaber der Primatialgewalt ist. Durch die einfache Annahme der Wahl erlangt der Neugewählte sofort die ganze päpstliche Gewalt. Als reine Regierungsgewalt ist die päpstliche Primatialgewalt auch unabhängig vom Besitz jeder Weihe. Ein Laie, der zum Papst gewählt würde (der Fall ist in den Papstwirren des frühen Mittelalters einmal vorgekommen) ist sofort durch Annahme der Wahl Papst – empfängt die heiligen Weihen erst hinterher. Ebenso ist ein Priester oder Diakon, der zum Papst gewählt wird, durch Annahme der Wahl Papst mit allen Regierungsrechten, wenngleich er für die Ausübung seiner bischöflichen Weiherechte erst die Bischofsweihe empfangen muß.

Dem Papst wird von Christus ein eigentlicher Jurisdiktionsprimat über alle Bischöfe und Gläubigen verliehen, d.h. eine wahrhafte Regierungsgewalt, nicht etwa bloß ein Ehrenvorrang, die Stellung eines Ersten unter Gleichen, wie sie z.B. ein Premierminister gegenüber seinen Ministerkollegen innehat. Die Primatialgewalt ist eine von jeder menschlichen, kirchlichen wie staatlichen Instanz vollkommen unabhängige Befehlsgewalt, nicht bloß ein Aufsicht-Leitungs-Vollzugsrecht, wie es etwa dem Staatspräsidenten einer Republik zusteht. Der Papst ist nicht Vollzugsorgan des souveränen Kirchenvolkes, wie es in etwa der deutsche Evangelische Reichsbischof ist, oder Vollzugsorgan des souveränen Gesamtepiskopats, wie es die Gallikaner wollten. Der Papst ist überhaupt kein Organ, sondern ein Souverän: Souverän der Weltkirche, wie es nur je ein absoluter Monarch im staatlichen Bereich gewesen ist – Träger und Inhaber der kirchlichen Regierungsmacht in ihrer ganzen schrankenlosen Fülle. Es ergibt sich daraus, wie es die Bulle „Unam Sanctam“ von 1302 markant formuliert hat, „daß es für jede menschliche Kreatur zum Heile schlechthin notwendig ist, dem Römischen Papste untertan zu sein.“

Diese Ausdrucksweise meint natürlich nicht, daß jene Menschen, die dem Papst nicht untertan sind, weil sie einem anderen Religionsbekenntnis angehören, deswegen schon verdammt sind. Die Gehorsamspflicht gegen den Papst bezieht sich nur auf jene Menschen, welche die Sendung und Vollmacht der Kirche wirklich erkennen. Für diese, d.h. für Katholiken, welche einmal mit Wissen und Willen die katholische Weltanschauung ihr eigen genannt haben, kann es allerdings KEINEN GRUND UND KEINE ENTSCHULDIGUNG geben, dem Papst den schuldigen Gehorsam nicht zu leisten. Die bewusste Trennung (Schisma) von der kirchlichen Einheit läßt sie ihres Heiles verlustig gehen.

Die    so außerordentlich starke Formulierung    der Primatialgewalt in der erwähnten Bulle und anderen kirchlichen Kundgebungen soll auch mitnichten bedeuten, daß jede menschliche Kreatur dem Papst in allen Dingen untertan sein soll. Es ist katholische Lehre, daß dem Papst in rein politisch-staatlichen Dingen eine Befehlsgewalt nicht zukommt. Allerdings muß es dem päpstlichen Ermessen überlassen bleiben, die Grenzen selbst abzustecken und zu entscheiden, was als „rein staatliches“ Gebiet anzusehen sei. Gäbe es nämlich irgend eine irdische Instanz über dem Papst, die das mit einer auch die päpstliche Politik bindenden Kraft feststellen und abgrenzen konnte, so wäre ja der Papst nicht „souverän“, unabhängiger und unbeschränkter Inhaber der obersten kirchlichen Regierungsgewalt. Es besteht nun eine überaus innige Verflechtung von geistigen und weltlichen Dingen. Viele Dinge scheinbar weltlicher Art haben eine starke weltanschauliche Seite, man denke z.B. an die Wirtschaftsgebarung des Kapitalismus, an Sport und Leibeskultur, Erziehung, Bildung und Kunst, Familien- und Eherecht usw. Wenn Papst und Kirche in diesen Dingen kraft ihres Rechtes und ihrer Aufgabe mitreden und mitbestimmen, ist es verständlich, wenn es Reibungen und Konflikte mit den Mächten dieser WeIt gibt. Eine reinliche Scheidung beider Sphären ist nur am grünen Tisch möglich – und auch da schwer genug und nie vollkommen gelungen bisher! Eine Konkordienformel für alle Problematik des Verhältnisses von Kirche und Staat, Papst und Kaiser gibt es heute so wenig wie ehedem, und alle Konkordate sind nur Versuche, das Spannungsverhältnis beider Gewalten einigermaßen befriedigend auszugleichen. Die Einsicht in die übrigens sehr fruchtbare und nicht notwendig feindliche Polarität der kirchlich-staatlichen Beziehungen sollte aber davon abhalten, die kirchlichen Primatialansprüche des Papstes als einen ungerechtfertigten Angriff auf die Souveränität des Staates in seinem Bereich zu betrachten.

Die Vollgewalt des Statthalters Christi besteht also in seiner UNBEDINGTEN OBERSTEN AUTORITÄT in allen Sachen des Glaubens, der Sitten, der Kirchenzucht und Kirchenregierung. Das Weltkonzil von Florenz (1439) – wörtlich wiederholt in der Definition des Vatikanismen Konzils von 1870 – definiert dies mit folgenden Worten: „Der heilige Apostolische Stuhl und der Römische Papst hahben den Primat über den gesamten Erdkreis inne; der Römische Papst selbst ist Nachfolger des heiligen Apostelfürsten Petrus, wahrer Statthalter Christi, Haupt der gesamten Kirche, VATER UND LEHRER ALLER CHRISTEN, und ihm ist in der Person des heiligen Petrus die volle Gewalt von unserm Herrn Jesus Christus übergeben worden, die Kirche in ihrer Gesamtheit zu weiden, zu lenken und zu regieren.“

Die Regierungsgewalt des Papstes ist eine unmittelbare, d.h. sie erstreckt sich direkt auf JEDEN EINZELNEN GLÄUBIGEN, und sie ist eine wahrhaft bischöfliche. Der Papst übt als Weltbischof alle bischöflichen Rechte in der gesamten Welt und über die einzelnen Gläubigen, welchem Ritus sie auch angehören mögen, aus. In den Gebieten ohne Bistumsverfassung (Missionen) ist er der einzige Bischof: die „Missionsbischöfe“, wie man sie ungenau und volkstümlich nennt, sind nur päpstliche Stellvertreter und Agenten. In den Gebieten mit Bistumsverfassung sind dagegen zwei bischöfliche Gewalten in jedem Bistum wirksam: die Gewalt des Papstes als Weltbischof und die Gewalt des Diözesanbischofs, der für sein Bistum weder Agent noch Stellvertreter des Papstes ist, da das Bischofsamt als solches auf göttlicher Einsetzung beruht. Ein Widerstreit der beiden konkurrierenden Gewalten ist ausgeschlossen – der Theorie und dem „Seinsollenden“ nach wenigstens; denn menschliche Unvollkommenheit hat im Lauf der Kirchengeschichte manche schwere Reibung zwischen Papstgewalt und Bischofsgewalt gebracht! – da für den Bischof die Pflicht zu ganz unbedingter und völliger Unterordnung unter den Papst besteht. Primat und Episkopat sind ja nicht Gewalten der gleichen Stufe, sondern um eine volle Stufe unterschieden, da der Papst Bischof der Bischöfe, Herr der Hirten und der Herde ist.

Das Vatikanische Konzil erläutert dieses Verhältnis von Papst und Bischöfen mit den Worten: „Nach Anordnung des Herrn hat die Römische Kirche über alle anderen (Bischofs)-Kirchen den Vorrang der ordentlichen Gewalt inne, und diese Regierungsgewalt des Römischen Papstes, welche wahrhaft bischöflicher Art ist, ist eine unmittelbare: ihr gegenüber sind die Hirten und Gläubigen jeglicher Würde und jeglichen Ritus, sowohl einzeln für sich, als auch alle in ihrer Gesamtheit, durch die PFLICHT ZU HIERARCHISCHER UNTERORDNUNG und wahren Gehorsams gebunden, nicht allein in den Dingen, welche Glauben und Sitten, sondern auch in den Dingen, welche Zucht und Regiment der auf dem ganzen Erdkreis verstreuten Kirche betreffen.“

Die GEHORSAMSPFLICHT DES EINZELNEN BISCHOFS GEGENÜBER DEM PAPST ergibt sich so klar aus der gottgewollten Einheit der Kirche, daß sie VON RECHTGLÄUBIGEN KATHOLIKEN NIEMALS ERNSTHAFT BESTRITTEN wurde. Dagegen war lange nicht ganz so klar, ob die Gesamtheit aller Bischöfe als Nachfolger der Apostel dem Papst gleichgeordnet sei oder nicht. Die Frage war m. a. W.: Ist der Papst dem Allgemeinen Konzil gleichgeordnet, was praktisch gleichbedeutend wäre mit untergeordnet, oder ist er ihm übergeordnet? Diese viel erörterte Streitfrage findet aber ihre ziemlich einfache Lösung in der immanenten Logik der kirchlichen Strukturgesetze sowohl wie in den klaren Zeugnissen von Schrift und Überlieferung. Es kann keine zwei Spitzen des einen Leibes „Kirche“ geben. Soll der Begriff „Primat“, d.h. die absolute, monarchische Vollgewalt des Ersten überhaupt noch einen Sinn haben – und dieser Sinn ist mit dem Begriff der Jursidiktionsprimates wesentlich verknüpft – so kann diese Gewalt nicht geteilt sein mit einem Konkurrenten. Tatsächlich gilt nun aber seit jeher das Weltkonzil zugleich mit dem Papst als höchste Glaubens- und Regierungsinstanz der Kirche. Dieser scheinbare Widerspruch löst sich dahin, daß in der Tat das Konzil NUR MIT dem Papst UND DURCH den Papst Weltkonzil, überhaupt legitime Bischofsversammlung ist. Ein „Konzil“ ohne Papst – etwa wie die Synode von Basel in ihren späteren Jahren – ist eine ungesetzliche BischofsANsammlung, weiter nichts. Tagt ein Allgemeines Konzil und stirbt der Papst, so ist es automatisch mit dem Tode des Papstes aufgelöst, und dem Nachfolger steht es ganz frei, ob er die konziliaren Beratungen fortsetzen, d.h. eigentlich das Konzil neuberufen soll oder nicht. Alle Autorität des Konzils ist nur Ausfluß der Primatialgewalt: Die päpstliche Primatialgewalt ist das Fundament, auf dem das Konzil ruht.

Konzilsbeschlüsse haben irgendwelche Rechtskraft nur, wenn sie der Papst bestätigt, und nur insoweit, als sie der Papst bestätigt. Beschlüsse, welche die päpstliche Billigung nicht erhalten, sind ohne alle Verbindlichkeit. Das gilt z.B. von einer Reihe von Beschlüssen der Konzile von Chalcedon 451 und Konstanz 1414-1418, denen der Papst die Bestätigung versagte, weil sie den Rechten des Apostolischen Stuhles abträglich waren. Weit entfernt, Konkurrent der päpstlichen Primatialgewalt zu sein, ist das Allgemeine Konzil vielmehr deren glänzendste Bekundung: um ihren Souverän geschart, wie die Planeten um die Sonne, bekundet auf dem Konzil der Weltepiskopat seine geschlossene Einheit und apostolische Gemeinsamkeit, seine gehorsame Unterordnung und völlige Abhängigkeit von der primatialen Vollgewalt des im Papst fortlebenden Apostelfürsten Petrus.

Aus diesem Verhältnis von Papst und Allgemeinem Konzil ergibt sich ohne weiteres, daß es absurd und häretisch ist, in irgend einer Sache an ein gegenwärtig tagendes oder zukünftig einzuberufendes Konzil zu appelieren. Es ergibt sich ferner daraus, daß niemand den Papst richten oder bestrafen kann: „Dr Heilige Stuhl richtet alles, aber wird selbst von niemandem gerichtet.“ Auch der unwürdigste Papst kann von keiner irdisches Instanz, sondern nur von Gott zur Rechenschaft gezogen werden. Daß damit keine Sündelosigkeit des Papstes behauptet wird, wie man gelegentlich in kirchenfeindlicher Polemik hören muß, ist selbstverständlich. Auch der Papst kann als Privatmann und Regent sündigen und muß von diesen Sünden in der sakramentalen Beichte losgesprochen werden. Niemand aber kann im Rechtsbereich Rechenschaft vom Papst fordern und zu Gericht sitzen über irgend welche Maßnahmen seiner Amtsführung.

Da niemand den Papst richten kann, kann auch niemand den Papst absetzen. Denkbar wären nur der Fall, wo festgestellt wird, daß EIN PAPST ALS PRIVATMANN DER OFFENEN HÄRESIE VERFALLEN ist, wodurch er ZUR LEITUNG DER RECHTGLÄUBIGEN UNFÄHIG UND SEINES PAPSTTUMS VERLUSTIG wäre. Parteileidenschaft hat nicht ganz selten im Lauf der Kirchengeschichte diesen Vorwurf gegen Päpste geschleudert. KEIN PAPST aber ist als Privatmann Häretiker gewesen (daß er es als Amtsperson nicht sein kann, wird unten zu sagen sein!) und kein Papst hat wegen häretischer Verirrungen sein Amt niederlegen müssen. Der Fall muß also als rein theoretische Möglichkeit betrachtet werden. Denkbar wären auch Fälle, wo ein ganz unwürdiger oder unfähiger oder hier und jetzt ganz ungeeigneter Papst veranlaßt würde, seinen Platz mehr oder weniger freiwillig zu räumen. Die Papstgeschichte kennt einige wenige Fälle dieser Art, erklärlich durch die traurige und völlig verwirrte kirchliche Lage jener Zeiten. So wurde z.B. Gregor VI. zur Beilegung eines Drei-Päpstestreites 1046 durch Kaiser Heinrich III. zur Abdankung veranlaßt; ebenso mußte Papst Gregor XII. 1415 unter dem Druck des Konstanzer Konzils zur Beilegung der Großen abendländischen Kirchenspaltung auf die Tiara verzichten.

Die Primatialgewalt ist ihrem Wesen nach die höchste und allumfassende kirchliche Regierungsgewalt. Als einem Ausfluß der Regierungsgewalt betrachtet man herkömmlicher Weise auch die kirchliche Lehrverkündigung. Und mit Recht. Denn die kirchlichen Glaubensnormen sind wahre und eigentliche Gesetze – „lex credendi!“ – und die Gläubigen sind kraft ihrer Gehorsamspflicht der Kirche gegenüber zur Annahme und gläubigen Bewahrung der vom kirchlichen Lehramt in bindender Weise vorgelegten Glaubenssätze gehalten. Einleuchtend ist nun, daß dem Papst die höchste Lehrautorität zukommen muß. Um aber die Möglichkeit jeder irrigen Führung in Glaubensdingen mit absoluter Sicherheit auszuschließen, ist der Papst mit dem Vorrecht der UNFEHLBARKEIT ausgerüstet.

Christus verlangt durch seine Kirche völligen Glaubensgehorsam, will dafür aber auch völlige Glaubensgewißheit bieten. Deswegen rüstet er Seinen Stellvertreter mit dem Beistand Gottes aus: Gott der Heilige Geist verhindert, daß der Papst einen Irrtum als Glaubenswahrheit verkündet. Selbstverständlich muß es sich um Sachen der Glaubenslehre handeln – es wäre absurd und unkatholisch, eine Irrtumslosigkeit des Papstes in wissenschaftlichen, künstlerischen, politischen Dingen zu behaupten. Es muß allerdings dem Papst unbenommen sein, die nicht ganz leichte Frage selbst zu entscheiden, – und irrtumslos und bindend zu entscheiden! – ob ein Gegenstand zur Glaubenslehre gehört oder nicht. Besondere Voraussetzung der Unfehlbarkeit einer Lehrentscheidung ist ferner, daß der Papst „ex cathedra“, d.h. „vom Lehrstuhl“ spricht. Eine solche Kathedral-Entscheidung liegt nur vor, wenn erstens der Papst als Lehrer der ganzen Welt redet und zweitens in seiner Kundgebung deutlich erkennbar macht, daß er eine bestimmte unfehlbar zu glaubende Wahrheit verkünden und alle Gläubigen darauf verpflichten will. Ganz gleichgülig ist, was ein Papst als Privatmann meint oder etwa schriftlich oder mündlich äußert. Solche Äußerungen des Papstes als eines reinen Privatmannes („Doctor privatus“) sind in keiner Weise durch das Vorrecht der Unfehlbarkeit gestützt. Die Unfehlbarkeit ist also wesentlich eine Amtsunfehlbarkeit des Papstes als Primas der Weltkirche.

Sinn und Bedeutung der päpstlichen Unfehlbarkeit definiert das Vatikanische Konzil von 1870 in ganz meisterhafter Weise mit den Worten: „Daß in dem apostolischen Primat, den der Römische Papst als Nachfolger des Apostelfürsten Petrus über die ganze Kirche hat, auch die oberste Lehrgewalt eingeschlossen ist, daran hat der Heilige Stuhl immer festgehalten. Dem stimmt bei die ständige Übung der Kirche; gerade die Allgemeinen Konzilien, besonders diejenigen, auf welchen Orient und Okzident zur Einigung in Glaube und Liebe zusammenkamen haben es erklärt… Und nicht deswegen wurde den Nachfolgern Petri der Heilige Geist versprochen, damit sie nach Maßgabe Seiner Offenbarung neue Lehre verkündeten. Sie sollten vielmehr unter Seinem Beistand die durch die Apostel überlieferte Offenbarung, die Glaubensrücklage, heilig bewahren und treulich auslegen… Da aber in dieser unserer Zeit, in der die heilsame Wirksamkeit des apostolischen Amtes dringend nottut, nicht wenige Leute sich finden, seiner Autorität Abbruch zu tun, so halten wir es für durchaus notwendig, jenes Vorrecht feierlich zu bekräftigen, das Gottes eingeborener Sohn mit dem höchsten Hirtenamt zu verbinden geruhte. In treuem Festhalten an der von Anbeginn des christlichen Glaubens her überkommenen Überlieferung, zur Ehre unseres Erlösergottes, zur Erhöhung der katholischen Religion und zum Heil der christlichen Völker lehren und verkünden wir unter Zustimmung des heiligen Konzils als ein gottgeoffenbartes Dogma: Wenn der Römische Papst „ex cathedra“ spricht, d.h. wenn er seines Amtes als Hirt und Lehrer aller Christen waltend kraft seiner höchsten apostolischen Autorität eine Lehre über Glauben oder Sitten festlegt, die von der ganzen Kirche zu glauben ist: so genießt er infolge göttlichen Beistandes, der ihm in der Person des heiligen Petrus verheißen wurde, jene Unfehlbarkeit, mit welcher der göttliche Erlöser Seine Kirche bei der Definition von Glaubens- und Sittenlehren‘ ausrüsten wollte. Deswegen sind derartige Lehrdefinitionen des Römischen Papstes bereits aus sich, nicht aber wegen der Zustimmung der Kirche, unabänderlich.“

Im Vorausgehenden wurde das Wesen der päpstlichen Primatialgewalt dargestellt. Eine Aufzählung der einzelnen Rechte des Papstes ist hier nicht nötig. Er kann alle Sachen an sich ziehen und sich selbst oder seinen Behörden zur Prüfung und Entscheidung vorbehalten. Alle wichtigen Sachen müssen die Bischöfe an den Papst bringen, auch wenn besondere Rechtsbestimmungen darüber nicht existieren. Kein Gesetzbuch kann alle möglichen Fälle voraussehen und regeln! Für eine solche Zahl von gesetzlich aufgezählten Dingen ist schließlich der Papst von Rechtswegen zuständig; die mittleren und unteren Instanzen der Kirche dürfen sich nicht damit befassen. Es ist selbstverständlich, daß der Papst nicht alles persönlich bearbeiten kann: er überläßt das den Behörden des Apostolischen Stuhles, der sog. Römischen Kurie. Über die Zuständigkeiten der Römischen Kurie wird weiter unten in besonderem Zusammenhang ausführlich zu reden sein. Unwichtige und alltägliche Sachen werden von diesen Behörden kraft päpstlicher Vollmacht direkt erledigt. Alle wichtigen Entschließungen und Verordnungen aber werden von den Kurialbehörden vorbereitet und dann dem Papst zur persönlichen Kenntnisnahme und Bestätigung vorgelegt. Erst wenn diese Vorlagen vom Papst gebilligt sind, erlangen sie Rechtskraft und werden veröffentlicht. Es herrscht also in der kirchlichen Monarchie ein durchaus „persönliches Regiment!“ Einleuchtend ist zugleich, welche Anforderungen an die Arbeitsfreudigkeit des Trägers der Tiara durch dieses System gestellt werden!

Die Bedeutung des päpstlichen Primats für Wachsen und Gedeihen, Erhaltung und Erneuerung der Kirche kann gar nicht hoch genug gewertet werden. Alle auseinanderstrebenden Kräfte des Riesenorganismus der Kirche werden vom päpstlichen Führeramt zu fruchtbarer Einheit zusammengefasst, und jede Kraft am richtigen Platze eingesetzt. Dank der päpstlichen höchsten Entscheidung in Sachen des Glaubens sind Glaubenszweifel und Glaubenshader vermieden. Dank der obersten Richtergewalt des Papstes werden die Starken gebändigt und finden die Schwachen Rechtsschutz. Die Kirchengeschichte zweier Jahrtausende ist die großartigste Illustration für diese Behauptungen. Dunkle Zeiten des Papsttums waren immer auch dunkle Zeiten der Gesamtkirche; strahlte aber der Apostolische Thron der Ewigen Stadt in Glanz und Kraft, so strömte Licht und Leben in die fernsten Teile der Kirche.

Amtseinsetzung, Amtsentsetzung und Amtsverzicht.

Wie alle Bischöfe, so wurde auch der Papst als Bischof von Rom von den Nachbarbischöfen, sowie von Klerus und Volk seiner Stadt gewählt. Die Volkswahl fiel schon früh weg. Auch die Mitwirkung der stadtrömischen Adelsparteien wurde in zähen Kämpfen zurückgedrängt und der Einfluss des deutschen Königs auf die Wahl beseitigt. Seit 1179 haben das ausschließliche Papstwahlrecht die Bischöfe der sieben Nachbardiözesen und die Inhaber der wichtigsten römischen Kirchen, die sog. Kardinäle. Zur Sicherung vor unerlaubten Einflüssen werden die Kardinäle in einem Komplex von Zellen und Wahllokalen auf das strengste abgeschlossen.

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Sollte der Gewählte noch nicht Bischof sein – zuletzt war dies der Fall bei Gregor XVI. (1831-46) – so findet bald nach der Wahl die Bischofsweihe des Papstes statt, die der Kardinalbischof von Ostia vornimmt. Eine Feierlichkeit ohne besondere Rechtswirkung ist die Papstkrönung, die bald nach der Wahl stattfindet und bei der der Kardinalarchidiakon den Papst in feierlicher Zeremonie mit der Tiara schmückt.

Wählbar ist jeder männliche Katholik, der im Besitz des Vernunftgebrauchs ist. Geisteskranke und unmündige Kinder sind also von der Wählbarkeit ausgeschlossen. Der Grund dafür liegt darin, daß ein unzurechnungsfähiger Papst seinen Hirtenpflichten nicht nachkommen und gar nicht wahrhaft Papst sein kann. Ein Laie könnte an sich sofort zum Papst gewählt werden.

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Die päpstliche Gewalt erlischt durch den Tod des Papstes. In der Zeit der Verwaisung des Heiligen Stuhles ruhen die primatialen Amtsgeschäfte: Das Kardinalskollegium ist nicht Erbe oder interimistischer Verwalter der Primatialgewalt! Dem Tod des Papstes würde der Fall gleichstehen, daß ein Papst in unheilbare Geisteskrankheit verfällt. Das Primatialamt verlangt, wie gesagt, einen Inhaber, der seiner Vernunft mächtig ist. Geschäftsunfähigkeit wegen dauernden Irrsinns ist nichts anderes als der ‚geistige Tod – ein Toter aber kann nicht Papst sein! Die „Absetzung“ eines Papstes ist auch wegen Irrsinns nicht möglich, weil sie gegenstandslos wäre. Ein irrsinniger Papst verliert seine Gewalt im Moment des Krankheitsausbruches, er kann also schon aus dem Grunde nicht abgesetzt werden, weil er gar nicht mehr Papst ist und es eine eigentliche Absetzung, d.h. die Entziehung der Amtsgewalt bei einem Papst, der noch regierungsfähig, mithin noch Papst ist, schlechterdings aus gar keinem Grunde gibt.

Wie wir oben bereits ausführlich erwähnt und begründet haben, daß es keine Absetzung eines häretischen Papstes gibt, weil der Papst durch seine Häresie bereits der Papstwürde verlustig gegangen ist, so ist es auch im Fall der Geisteskrankheit. In beiden Fallen kann nur von einer autoritativen kirchlichen Instanz, etwa dem Kardinalskollegium, festgestellt werden: Es liegt Häresie bzw. Geisteskrankheit des Papstes N. N. vor, der mithin seit diesem Tag nn., dem Datum seiner häretischen Verirrung bzw. seiner geistigen Erkrankung nicht mehr Papst gewesen ist. Alle päpstlichen Amtshandlungen von dem Tag einer erklärten Häresie bzw. einer offen ausgebrochenen Geisteskrankheit an wären null und nichtig, weil der Papst rechtlich an diesem Tag „gestorben“ ist.

Dank der göttlichen Vorsehung hat es nicht nur keinen häretischen Papst gegeben, sondern die Kirchengeschichte kennt auch keinen einzigen Fall geistiger Erkrankung eines Papstes. Eine Absetzung des Papstes gibt es nicht. Wohl aber gibt es einen freiwilligen Amtsverzicht. Die Geschichteberichtet auch von einigen wenigen Fallen, wo Päpste ihr Amt niedergelegt haben: Benedikt IX. (1033-45), Gregor VI. (1045-46), Coelestin V. (1294), Gregor XII. (1406-15). Da der Papst seine Gewalt direkt von Gott hat, kann und braucht der Amtsverzicht von niemandem angenommen und gebilligt zu werden. Die päpstliche Gewalt erlischt sofort in dem Augenblick, in dem ein Papst erklärt, er lege sein Amt nieder.