Heiliges Land: Friedensinsel statt Minenfeld

Der Überlieferung nach die Taufstelle Jesu: Kasr al-Jahud (ANSA)

Seit Jahrzehnten stillgelegte Klöster und Kirchen mehrerer Konfessionen am israelischen Jordanufer sollen zu einem Ort der Begegnung und des Dialogs werden. Diesen Wunsch äußerte der israelische Präsident Reuven Rivlin bei einem Besuch an der traditionellen Taufstelle Kasr al-Jahud.

Das Areal beidseits des Jordan könne künftig zu einer ökumenischen, jordanisch-israelisch-palästinensischen Insel des Friedens und der Kooperation werden, so Rivlin vor Vertretern der Konfessionen.

Ländereien von acht Kirchen im israelischen Militärsperrgebiet

Die Ländereien von acht Kirchen liegen im israelischen Militärsperrgebiet am Westufer des Jordan. Dieser Umstand sowie die explosiven Überreste des Nahostkonflikts verhinderten seit dem Sechstagekrieg ihre Nutzung. Nun soll das Land an seine ursprünglichen kirchlichen Besitzer zurückgehen. Bis Ende 2019 soll die seit einem Jahr laufende Minenräumung komplett abgeschlossen sein. Künftig soll auch ein umfassendes Umwelt- und Ausbaukonzept entstehen. Geplant sind ein Besucherzentrum, ein Auditorium, eine Ausweitung der touristischen Zone nach Westen, vielleicht auch Hotels. Schon heute kommen zehnmal mehr Touristen an die israelische Seite der Taufstelle als an die jordanische, sagte der israelische Befehlshaber für das Jordantal, Udi Zur.

Taufstelle für Pilger grenzübergreifend öffnen

Wiederholt äußerte der Präsident den Wunsch, die Taufstelle für Pilger grenzübergreifend zu öffnen. Wiederholt verwies er auf sein Treffen mit Papst Franziskus im Vatikan, bei dem die Taufstelle Thema wurde. „Die Stätte zu entwickeln wird ein wichtiger Schritt sein, um Brücken zwischen Menschen und Religionen zu bauen, und es wird der Vision von Koexistenz erlauben, Wirklichkeit zu werden: Kooperation zwischen Israelis, Jordaniern und Palästinensern und zwischen Christen, Muslimen und Juden“, sagte Rivlin zum Abschluss seines Besuchs vor den Kirchenführern. „Es ist nicht so wichtig, wie teuer das ist, sondern dass die Minen geräumt werden“, konterte der Präsident den Hinweis der Minenräumer auf die hohen Kosten der Aktion – nicht ohne ihnen weiterhin volle Unterstützung zuzusichern. Nicht zuletzt käme ein Anstieg der Besucherzahlen der Wirtschaft aller drei Länder zugute.

Ort des Gebets und der Heiligkeit

Noch höher schätzte Rivlin den ideellen Wert der wiedererschlossenen Stätte. Der „Ort des Gebets und der Heiligkeit“, der in der Vergangenheit durch Krieg verletzt wurde, könne so „vielleicht Frieden in die Region“ bringen – ein Wunsch, den die Kirchenvertreter unterstrichen.

Im Namen des Friedens und des Dialogs

Die Wiedereröffnung sei sehr symbolisch, sagte der Leiter des Lateinischen Patriarchats, Pierbattista Pizzaballa. „Ein Ort, der durch die Folgen von Gewalt blockiert war, kann nun wieder zum Gottesdienst genutzt werden, das stimmt hoffnungsvoll für den Dialog.“ Einen Wunsch gab Patriarch Theophilos III. dem Präsidenten mit auf den Weg: „dass wir Kirchen in alle weiteren Planungen einbezogen werden“. Die neue Ära an der Heiligen Stätte habe bereits begonnen, so Theophilos. „Jetzt hoffen und beten wir, dass sie nicht nur Pilger aus aller Welt begrüßen, sondern auch dem Frieden und der Harmonie förderlich sein wird.“

(kna – skr)

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01/11/2018

Heiliges Land: Israelische Armee demoliert Beduinen-Dörfer

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Khan Al-Ahmar, „Reifenschule“ / Wikimedia Commons – TrickyH, CC BY-SA 4.0 (Cropped)

Betroffen ist auch die so genannte ‪„Reifenschule“

Bagger der israelischen Armee haben mit der angekündigten Demolierung von Beduinen-Dörfern im Westjordanland im Osten von Jerusalem begonnen. Die ersten Häuser wurden am vergangenen Montag, den 20. Februar, abgerissen. Die Beduinen sollen aus Khan Al Ahmer, und Abu Hindi sowie aus Abu Nawar in der Nähe der israelischen Siedlung Ma’ale Adumim wegziehen.

Die Comboni-Missionsschwestern, die in den betroffenen Gebieten 8 Kindergärten leiten berichten von Gefühlen der Angst und der Frustration unter den von den Demolierungsplänen betroffenen Beduinen und vor allem auch unter den Kindern. In Khan Al Ahmer, wo 42 Hütten am Donnerstag, den 23. Februar abgerissen werden sollen, steht auch die berühmte ‪„Reifenschule“, die von 178 Schülern aus dem Beduinenvolk der Jahalin besucht wird. Auch sie soll den Demolierungsplänen zum Opfer fallen. ‪„Wer Schulen zerstört, zerstört die Zukunft“, so die Lehrkräfte.

Die so genannte‪ „Reifenschule“ wurde aus 2.200 alten Autoreifen gebaut, die wie Ziegel aufeinander gestapelt und mit Erde gefüllt wurden. Die Siedler fordern den Abriss, der angeblich ‪„ohne Genehmigung gebauten“ Schule, die jedoch keine ‪„permanenten“ architektonischen Element hat und ohne Fundament gebaut wurde, um nicht gegen die Bestimmungen der Armee zu verstoßen.

Bereits zu Baubeginn 2009 wurde ein Abriss-Beschluss erlassen. In den vergangenen Jahren forderten Siedler immer wieder einen solchen Abriss. Im Jahr 2014 hatten israelische Richter um eine außergerichtliche Einigung gebeten und damit den sozialen Nutzen der Schule anerkannt.

Der Abriss würde eine Ausdehnung der israelischen Siedlung Kfar Adumim ermöglichen. Bereits 2014 hatte die israelische Armee in der Schule Spielgeräte beschlagnahmt.

‪„Angesicht der großen Ungewissheit“, so die Comboni-Schwestern, ‪„sind auch wir frustriert, angesichts der Ungerechtigkeit und der Menschenrechtsverstöße…Wir bitten um das Gebet und um Gerechtigkeit für unsere Brüder und Schwestern. Der Herr der Barmherzigkeit stehe ihnen bei“. (GV)

(Quelle: Fides, 22.02.2017)

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Quelle

BENEDIKT XVI.: PREDIGT ZUM PALMSONNTAG 2010

ROMa 28-03-2010 DOMENICA DELLE PALME E DELLA PASSIONE DEL SIGNORE PRESIEDUTA DAL SANTO PADRE BENEDETTO XVI PH:ALESSIO PETRUCCI

EUCHARISTIEFEIER AM PALMSONNTAG

PREDIGT VON BENEDIKT XVI.

Petersplatz
XXV. Weltjugendtag
Palmsonntag, 28. März 2010


Bilder von der Feier

Liebe Brüder und Schwestern,
liebe Jugendliche!

Das Evangelium der Palmweihe, das wir hier auf dem Petersplatz versammelt hören, beginnt mit dem Satz: »Nach dieser Rede zog Jesus weiter und ging nach Jerusalem hinauf« (Lk 19, 28). Die Kirche nimmt gleich in der Eröffnung der Liturgie dieses Tages ihre Antwort auf das Evangelium vorweg, indem sie sagt: Folgen wir dem Herrn nach. Das Thema des Palmsonntags ist damit klar formuliert. Es heißt: Nachfolge. Christsein bedeutet, daß wir den Weg Jesu Christi als den rechten Weg des Menschseins ansehen – als den Weg, der ans Ziel führt zur erfüllten, rechten Menschlichkeit. Christsein ist ein Weg, besser gesagt: eine Wanderschaft, ein Mitgehen mit Jesus Christus. Ein Gehen in die Richtung, die er uns vorgegeben hat und vorgibt.

Was ist das für eine Richtung? Wie findet man sie? Der Satz unseres Evangeliums macht dazu zwei Angaben. Als erstes sagt er: Er ist ein Aufstieg. Das gilt zunächst ganz praktisch. Jericho, wo der letzte Teil der Pilgerschaft Jesu begann, liegt 250 Meter unter dem Meeresspiegel, Jerusalem – das Ziel des Weges – 740 bis 780 Meter über dem Meer: ein Aufstieg von fast 1000 Metern. Aber dieser äußere Weg ist vor allem ein Bild für die innere Bewegung der Existenz, die sich in der Nachfolge Christi vollzieht: Sie ist Aufstieg zu der wirklichen Höhe des Menschseins. Der Mensch kann es sich bequem machen, jeder Mühe aus dem Weg gehen. Er kann auch absteigen ins Niedrige, ins Gemeine, in die Gedankenlosigkeit. Er kann in dem Sumpf der Lüge und der Ehrlosigkeit versinken. Jesus geht uns voraus, und er geht aufwärts. Er führt uns ins Große, ins Reine, in die heilende Luft der Höhe: in das Leben gemäß der Wahrheit; in die Tapferkeit, die sich nicht vom Gerede der herrschenden Meinungen einschüchtern läßt; in die Geduld, die den anderen erträgt und trägt. Er führt in die Bereitschaft für die Leidenden, für die Verlassenen; in die Treue, die zum anderen steht, auch wenn es schwer wird. In die Hilfsbereitschaft; in die Güte, die sich auch durch Undankbarkeit nicht entwaffnen läßt. Er führt uns in die Liebe – er führt uns zu Gott.

»Jesus zog weiter und ging nach Jerusalem hinauf.« Wenn wir dieses Wort des Evangeliums im Zusammenhang des Ganzen von Jesu Weg lesen, der ja bis zum Ende der Zeiten weitergeht, dann können wir verschiedene Ebenen der Zielangabe Jerusalem entdecken. Zunächst ist damit selbstverständlich einfach der Ort Jerusalem gemeint: Es ist die Stadt, in der der Tempel Gottes stand, dessen Einzigkeit die Einzigkeit Gottes selbst andeuten sollte. So verkündet dieser Ort zunächst zweierlei: zum einen, daß Gott nur einer auf der ganzen Welt ist, all unsere Orte und Zeiten unendlich überschreitet, der Gott, dem die ganze Schöpfung gehört. Der Gott, den alle Menschen im Innersten suchen und um den alle auch irgendwie wissen. Aber dieser Gott hat sich einen Namen gegeben. Sich uns bekannt gemacht, hat eine Geschichte mit den Menschen angefangen; sich einen Menschen – Abraham – als Ausgangspunkt dieser Geschichte gewählt hat. Der unendliche Gott ist zugleich der nahe Gott. Er, der in kein Gebäude eingeschlossen werden kann, will doch unter uns wohnen, ganz mit uns sein. Jerusalem mit seinem Tempel ist Ort der Begegnung zwischen Gott und seinem Volk. Der Ort, an dem er verehrt werden will und an dem er auf uns zugeht. Von David her ist Jerusalem auch Ort der Verheißung. Jerusalem ist mit der Erwartung des Messias verbunden, mit der Hoffnung, daß Gott als König in diese Welt kommen und sie zu seinem Reich machen werde.

Wenn Jesus mit dem pilgernden Israel hinaufsteigt, dann geht er hin, um mit Israel Pascha zu feiern: die Erinnerung an die Befreiung Israels, die zugleich immerfort Hoffnung auf die endgültige Freiheit ist, die Gott schenken wird. Und er geht auf dieses Fest zu in dem Wissen, daß er selbst das Lamm ist, in dem sich erfüllt, was das Buch Exodus davon sagt: ein fehlerloses, männliches Lamm, das vor den Augen der Söhne Israels am Abend geopfert wird »zu einem ewigen Kult« (Ex 12,5 –6.14). Und endlich weiß Jesus, daß sein Weg weiter reicht: daß er am Kreuz nicht zu Ende ist. Er weiß, daß sein Weg den Schleier zwischen dieser Welt und der Welt Gottes aufreißen wird, daß er hinaufgehen wird bis zum Thron Gottes, Gott und Mensch miteinander versöhnen wird in seinem Leib. Er weiß, daß sein auferstandener Leib das neue Opfer und der neue Tempel sein wird. Daß sich um ihn aus der Schar der Engel und Heiligen das neue Jerusalem bildet, das im Himmel und doch auch schon auf Erden ist, weil er ja in seinem Leid die Grenze zwischen Himmel und Erde aufgetan hat. Sein Weg geht über die Höhe des Tempelberges hinaus bis zur Höhe Gottes selbst: Das ist der große Aufstieg, zu dem er uns einlädt. Er bleibt immer bei uns auf der Erde, und er ist immer schon angekommen bei Gott und führt uns auf der Erde und über die Erde hinaus.

So werden in der Weite von Jesu Aufstieg die Dimensionen unserer Nachfolge sichtbar – das Ziel, wohin er uns führen will: auf die Höhe Gottes, zur Gemeinschaft mit Gott, zum Mitsein mit Gott. Das ist das eigentliche Ziel, und die Gemeinschaft mit ihm ist ein Unterwegssein. Ist ständiger Aufstieg zur wirklichen Höhe unserer Berufung. Das Mitgehen mit Jesus ist zugleich immer ein Mitgehen im Wir derer, die ihm nachfolgen wollen. Es führt uns in diese Gemeinschaft hinein. Weil der Weg bis ins wirkliche Leben, bis ins Menschsein nach der Weise des Gottessohnes Jesus Christus, unsere eigenen Kräfte übersteigt, ist dieses Gehen immer auch ein Getragenwerden. Wir sind gleichsam in einer Seilschaft mit Jesus Christus – mit ihm im Aufstieg auf die Höhe Gottes. Er zieht uns, und er hält uns. Zur Nachfolge Christi gehört es, daß wir uns in diese Seilschaft einbinden lassen; akzeptieren, daß wir es allein nicht können. Zu ihr gehört dieser Akt der Demut, das Eintreten in das Wir der Kirche. Das Sich-Anhalten an der Seilschaft, die Verantwortung der Gemeinsamkeit – das Seil nicht durch Eigenwilligkeit und Besserwisserei zu zerreißen. Das demütige Glauben mit der Kirche als Festgemachtsein in der Seilschaft des Aufstiegs zu Gott ist eine wesentliche Bedingung der Nachfolge. Zu diesem Mitsein im Ganzen der Seilschaft gehört es auch, daß wir uns nicht als Herren des Gotteswortes aufspielen, nicht einem falschen Begriff von Mündigkeit nachlaufen. Die Demut des Mitseins ist wesentlich für den Aufstieg. Zu ihr gehört es auch, daß wir uns in den Sakramenten immer wieder vom Herrn an die Hand nehmen lassen. Daß wir uns reinigen und kräftigen lassen von ihm. Daß wir die Zucht des Aufsteigens annehmen, auch wenn wir müde sind.

Endlich müssen wir noch sagen: Zum Aufstieg auf die Höhe Jesu Christi, zum Aufstieg auf die Höhe Gottes selbst gehört das Kreuz. So wie es in den Dingen dieser Welt keine große Leistung geben kann ohne Verzicht und hartes Training, so wie die Freude großer Erkenntnis oder wirklichen Könnens an die Disziplin, ja an das Erleiden des Lernens gebunden ist, so ist der Weg zum Leben selbst, zum Menschwerden an die Gemeinschaft mit dem gebunden, der über das Kreuz zur Höhe Gottes aufgestiegen ist. Letzlich ist das Kreuz Ausdruck dessen, was Liebe bedeutet: Nur wer sich verliert, findet sich.

Fassen wir zusammen: Nachfolge Christi verlangt als ersten Schritt das Wachwerden der Sehnsucht nach dem rechten Menschsein und so das Wachwerden für Gott. Sie verlangt dann das Eintreten in die Seilschaft der Aufsteigenden, in die Gemeinschaft der Kirche. Im Wir der Kirche treten wir in die Gemeinschaft mit dem Du Jesu Christi ein und kommen auf den Weg zu Gott. Verlangt ist des weiteren das Hören auf das Wort Jesu Christi und das Leben daraus: in Glaube, Hoffnung und Liebe. So sind wir auf dem Weg zum endgültigen Jerusalem und jetzt schon irgendwie dort, in der Gemeinschaft aller Heiligen Gottes.

Unsere Wallfahrt in der Nachfolge Christi führt nicht in eine irdische Stadt, sondern in die neue Stadt Gottes, die mitten in dieser Welt wächst. Die Wallfahrt ins irdische Jerusalem kann aber gerade auch für uns Christen ein hilfreiches Element dieser größeren Wanderschaft sein. Ich selbst habe meiner Wallfahrt ins Heilige Land im vorigen Jahr drei Bedeutungen beigelegt. Zunächst hatte ich daran gedacht, daß uns dabei das geschehen kann, was der hl. Johannes am Anfang seines ersten Briefes sagt: Was wir gehört haben, das können wir gleichsam sehen und mit unseren Händen berühren (vgl. 1 Joh 1,1). Der Glaube an Jesus Christus ist keine legendäre Erfindung. Er gründet in wirklich geschehener Geschichte. Wir können diese Geschichte sozusagen anschauen und anrühren. Es ist bewegend, in Nazaret an der Stelle zu stehen, an der der Engel zu Maria kam und ihr den Auftrag überbrachte, Mutter des Erlösers zu werden. Es ist bewegend, in Betlehem an der Stelle zu sein, an der das fleischgewordene Wort unter uns Wohnung genommen hat; den heiligen Boden zu betreten, auf dem Gott als Kind Mensch werden wollte. Und es ist bewegend, die Treppe zu Golgota hinaufzusteigen zu der Stelle, an der Jesus am Kreuz gestorben ist für uns. Und endlich danach vor dem leeren Grab zu stehen; dort zu beten, wo sein heiliger Leichnam ruhte und wo sich am dritten Tag die Auferstehung ereignet hat. Die äußeren Wege Jesu nachzugehen, soll uns helfen, den inneren Weg, den er uns gezeigt hat und der er selber ist, freudiger und mit neuer Gewißheit zu gehen.

Wenn wir ins Heilige Land wallfahren, gehen wir aber auch hin – das ist das Zweite – als Boten des Friedens, mit der Bitte um Frieden; mit der Einladung an alle, an dem Ort, der das Wort Friede im Namen trägt, alles zu tun, daß er wirklich ein Ort des Friedens werde. So ist – als drittes – diese Wallfahrt zugleich Ermutigung für die Christen, in dem Land ihrer Herkunft zu bleiben und in ihm um Frieden zu ringen.

Kehren wir noch einmal zur Liturgie des Palmsonntags zurück. In dem Gebet, mit dem die Palmzweige gesegnet werden, bitten wir darum, daß wir in der Gemeinschaft mit Christus die Frucht guter Werke bringen können. Aus einer falschen Auslegung des hl. Paulus hat sich in der Geschichte immer wieder und auch heute die Meinung entwickelt, gute Werke gehörten nicht zum Christsein, seien jedenfalls für das Heil des Menschen ohne Bedeutung. Aber wenn Paulus davon spricht, daß die Werke den Menschen nicht rechtfertigen können, dann wendet er sich damit nicht gegen die Bedeutung des rechten Tuns, und wenn er vom Ende des Gesetzes spricht, erklärt er nicht die Zehn Gebote für überholt und belanglos. Die ganze Weite der Frage, um die es ihm ging, brauchen wir jetzt nicht zu bedenken. Wichtig ist: Mit »Gesetz« meint er nicht die Zehn Gebote, sondern den komplexen Lebensstil, durch den Israel sich gegen die Versuchungen des Heidentums abschirmen mußte. Nun aber hat Christus Gott zu den Heiden getragen. Ihnen wird diese Unterscheidungsform nicht auferlegt. Ihnen wird allein Christus als Gesetz gegeben. Das aber bedeutet die Liebe zu Gott und zum Nächsten und alles, was zu ihr gehört. Zu ihr gehören aber die von Christus her neu und vertieft gelesenen Gebote, die nichts anderes als die Grundregeln der wahren Liebe sind: Zuerst und grundlegend die Anbetung Gottes, der Primat Gottes, den die ersten drei Gebote ausdrücken. Sie sagen uns: Ohne Gott wird nichts recht. Wer und wie dieser Gott ist, das wissen wir von der Person Jesu Christi her. Darauf folgen die Heiligkeit der Familie (4. Gebot), die Heiligkeit des Lebens (5. Gebot), die Ordnung der Ehe (6. Gebot), die Sozialordnung (7. Gebot) und endlich die Unverletzlichkeit der Wahrheit (8. Gebot). All dies ist heute von größter Aktualität und gerade auch im Sinn des hl. Paulus, wenn wir seine Briefe ganz lesen. »Frucht bringen in guten Werken«: Bitten wir den Herrn zu Beginn der Karwoche, daß er uns allen diese Frucht immer mehr schenken möge.

Am Ende des Evangeliums der Palmweihe hören wir den Ruf, mit dem die Pilger Jesus am Eingang zu Jerusalem begrüßen. Es ist das Wort aus dem Psalm 118, das ursprünglich die Priester von der Heiligen Stadt her den Pilgern zuriefen, das aber inzwischen Ausdruck messianischer Hoffnung geworden war: Gesegnet, der da kommt im Namen des Herrn (Ps 118,26; Lk 19,3B). Die Pilger sahen in Jesus den Erwarteten, der im Namen des Herrn kommt, ja sie fügen nach dem Lukasevangelium das Wort ein: Gesegnet, der da kommt, der König, im Namen des Herrn. Sie fahren fort mit einem Ruf, der an die Botschaft der Engel zu Weihnachten erinnert, sie aber doch auf eine nachdenklich machende Weise abändert. Die Engel hatten von der Herrlichkeit Gottes in der Höhe und vom Frieden auf Erden für die Menschen göttlichen Wohlgefallens gesprochen. Die Pilger am Eingang der Heiligen Stadt sagen: Friede im Himmel und Herrlichkeit in der Höhe. Sie wissen allzusehr, daß auf Erden nicht Friede ist. Und sie wissen, daß der Ort des Friedens der Himmel ist – daß es zum Wesen des Himmels gehört, Ort des Friedens zu sein. So ist dieser Ruf Ausdruck einer tiefen Not und zugleich Gebet der Hoffnung: Der, der im Namen des Herrn kommt, möge, was im Himmel ist, auf die Erde bringen. Sein Königtum möge Gottes Königtum werden, Gegenwart des Himmels auf Erden. Die Kirche singt das Psalmwort, mit dem Jesus vor dem Einzug in die Heilige Stadt begrüßt wurde, vor der Wandlung: Sie begrüßt Jesus als den König, der von Gott her, im Namen Gottes zu uns hereintritt. Immer ist dieser freudige Gruß auch heute Bitte und Hoffnung. Wir bitten den Herrn, daß er den Himmel zu uns bringe: die Herrlichkeit Gottes und den Frieden der Menschen. Wir begreifen ihn im Geist der Vater-unser-Bitte: Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Wir wissen, daß der Himmel Himmel ist, Ort der Herrlichkeit und des Friedens, weil dort ganz Gottes Wille herrscht. Und wir wissen, daß die Erde so lange nicht Himmel ist, so lange Gottes Wille in ihr nicht geschieht. So grüßen wir Jesus, der vom Himmel kommt, und bitten ihn, daß er uns helfe, Gottes Willen zu erkennen und zu tun. Daß Gottes Königtum in die Welt hereintrete und daß sie so mit dem Glanz des Friedens erfüllt werde. Amen.

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Quelle

Dringende Hilfe für das Land der »Ökumene des Blutes«

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Solidarität mit den Christen im Heiligen Land

Exzellenz,

Die Kongregation für die Orientalischen Kirchen hat auch in diesem Jahr zu konkreter Hilfe für die Christen im Heiligen Land aufgerufen. Der Brief an alle Bischöfe der Welt hat den folgenden Inhalt:

Karfreitag ist der Tag, an dem das Böse zu siegen scheint: Christus hat unschuldig den Tod am Kreuz erlitten. Man könnte meinen, dass im Heiligen Land dieser Tag niemals zu Ende geht, hört doch die Gewalt dort nicht auf. Wer den Blick auf die ganze Welt weitet, wird ebenfalls kaum Gründe finden, auf eine friedlichere Zukunft zu hoffen.

Das Herz des Menschen ist unruhig und gepeinigt und verlangt nach Licht, Leben, Hoffnung. Der Mensch will nicht alleine gehen, er ersehnt Brüderlichkeit und möchte wieder aufbrechen können. Deswegen ist es so wichtig, dass man weiter blickt als nur auf die Wirklichkeit, die einen umgibt: auf eine Wirklichkeit, die größer und wahrhaftiger ist, auf die ewige Erneuerung eines bereits geschenkten Heils.

Die Kollekte für das Heilige Land, die in den meisten deutschsprachigen Ländern am Palmsonntag gehalten wird, entflammt in uns neu eine sichere Hoffnung und erweckt in uns diesen Blick, der tiefer geht und wahrhaftiger auf das Böse schaut, das uns umgibt. Unser Blick richtet sich nach Osten, von wo das Heil kommt. Dort liegen unsere Wurzeln, da ist unser Herz: Wir stehen in der Schuld jener, die von dort aufgebrochen sind, um der Welt den Glauben zu bringen. Wir sind aber auch jenen zu Dank verpflichtet, die dort geblieben sind, um den Glauben zu bezeugen und die Spuren zu hüten, die Jesus hinterlassen hat und durch die wir die Wahrheit unseres Glaubens berühren können, trotz des Leids, das sie durch die Jahrhunderte erlitten haben. Dieses Heilige Land ruft unsere Nächstenliebe auf den Plan. Schon immer und heute mit noch größerer Dringlichkeit! Weil alle, die dort leben und wirken, dringend unsere Gebete und konkrete Hilfe brauchen, um sich auch weiterhin für Gerechtigkeit und Frieden einsetzen zu können.

In diesem Heiligen Jahr sind wir mehr denn je dazu aufgerufen, den Brüdern und Schwestern im Nahen Osten unsere Barmherzigkeit und Nähe zu zeigen. Flüchtlinge, alte Menschen, Kinder, Kranke brauchen unsere Hilfe. Hier im Orient wird gemordet, wird entführt, lebt man in Sorge um die eigenen Familienangehörigen; leidet man, weil Familien auseinandergerissen werden durch Exodus und Emigration. Die Menschen erfahren Dunkelheit und die Angst der Verlassenheit, Einsamkeit und Verständnislosigkeit. Eine Zeit der Prüfungen und Herausforderungen, Zeit des Martyriums. All dies verpflichtet uns zu helfen, die Notlagen anzugehen, wiederaufzubauen und neue Wege der Gemeinschaft und Hilfe zu finden. All dies sind notwendige und dringende Werke der Barmherzigkeit, die uns täglich die Wahrheit des Psalms aufgehen lassen: »Wenn nicht der Herr das Haus baut, müht sich jeder umsonst, der daran baut« (Psalm 127).

Wir halten uns fest am Kreuz von Karfreitag und werden zugleich aufgerichtet vom Licht der Auferstehung. Das Heilige Land ist ein Ort des Dialogs, in dem Menschen leben, die nicht aufhören von Brücken zu träumen, und in dem christliche Gemeinden leben, die das Evangelium des Friedens verkünden. Es ist ein Land der »Ökumene des Blutes« und zugleich ein Land zwischen Ausnahmezustand und Normalität.

»Gott ist nicht gleichgültig! Für Gott ist die Menschheit wichtig, Gott verlässt sie nicht!« (Papst Franziskus). Das zeigt sich im Ausstrecken der Hand, die großzügig den eigenen Beitrag leistet. Das zeigt sich aber auch darin, ohne Furcht weiterhin ins Heilige Land zu den Orten unseres Heils zu pilgern und dort auch Schulen und Sozialzentren zu besuchen, um das Zeugnis der einheimischen Christen zu hören und ihnen unsere Solidarität zu zeigen.

Die Heilig-Land-Kollekte erinnert uns an eine »alte« und traditionsreiche Verpflichtung, die durch die Ereignisse der letzten Jahre noch viel dringlicher geworden ist. Sie ist zugleich eine freudige Gelegenheit, unseren Schwestern und Brüdern zu helfen.

Ich versichere Ihnen die Dankbarkeit des Heiligen Vaters Franziskus wie auch der Ostkirchenkongregation, die sich mit aufmerksamer Sorge um die Brüder und Schwestern im Orient kümmert, und ich bitte Sie, diesen Dank an alle Gläubigen ihrer Teilkirche weiterzugeben.

Mit brüderlichen Grüßen im Herrn

Aschermittwoch, 10. Februar 2016

Ihr

Leonardo Kardinal Sandri, Präfekt

Erzbischof Cyril Vasil’ SJ, Sekretär

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Quelle: Osservatore Romano 7/2016

16. INTERNATIONALES BISCHOFSTREFFEN IM HEILIGEN LAND

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SCHWERPUNKT BILDET BESUCH BEI CHRISTLICHEN FLÜCHTLINGEN IN JORDANIEN

Das 16. „Internationale Bischofstreffen zur Solidarität mit den Christen im Heiligen Land“ beginnt am kommenden Samstag (9. Januar 2016). Bis zum 14. Januar 2016 nehmen daran 13 Vertreter nationaler Bischofskonferenzen aus zwölf Ländern sowie die führenden Repräsentanten der Kirche im Heiligen Land teil. Tagungsorte sind Bethlehem und die jordanische Hauptstadt Amman. Zu der Konferenz eingeladen hat wie auch in den vergangenen Jahren der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Erzbischof Fouad Twal. Die Deutsche Bischofskonferenz wird vertreten durch den Vorsitzenden der Arbeitsgruppe Naher und Mittlerer Osten der Kommission Weltkirche, Weihbischof Thomas Maria Renz (Rottenburg-Stuttgart). Das Treffen steht unter dem Leitwort „Solidarität mit den verfolgten Christen im Mittleren Osten“.

Der erste Schwerpunkt des Bischofstreffens ist die Begegnung mit den Christen in Bethlehem, Taybeh und dem Cremisan-Tal in den palästinensischen Gebieten. Bereits im vergangenen Jahr haben die Bischöfe mit ihrem Besuch in Cremisan auf die humanitären Probleme des ungelösten Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern aufmerksam gemacht, da dort die von Israel verfügte Grenzziehung zu den palästinensischen Gebieten mit besonderer Härte für die Zivilbevölkerung verbunden ist.

Der zweite Schwerpunkt liegt auf dem Besuch der Ortskirche von Jordanien (11. bis 14. Januar 2016). Neben Gottesdiensten sind dort Gespräche mit christlichen Nichtregierungsorganisationen geplant, die sich für eine Linderung des Flüchtlingselends einsetzen. Mittlerweile zählen die Vereinten Nationen mehr als eine Million Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak in Jordanien, das eine Gesamtbevölkerung von rund 6,7 Mio. Einwohnern hat. In Amman, Fuheis und Madaba werden die Bischöfe mit Flüchtlingen zusammentreffen und sich ein Bild über die Hilfsmaßnahmen vor Ort machen. Unter anderem sind mehrere Begegnungen mit christlichen Flüchtlingen aus dem Irak im Großraum von Amman geplant.

Das Internationale Bischofstreffen verfolgt seit 16 Jahren das Ziel, Christen und Kirchen im Heiligen Land zu stärken und zu ermutigen und sie durch internationale Solidarität als gesellschaftliche Größe wahrnehmbar zu machen. Vor wenigen Tagen hat Papst Franziskus bei seiner Weihnachtsansprache „Urbi et orbi“ zu einem dauerhaften Frieden für die Region aufgerufen: „Wo Gott geboren wird, da wird die Hoffnung geboren. Wo Gott geboren wird, da wird der Friede geboren. Und wo der Friede geboren wird, da ist kein Platz mehr für Hass und für Krieg. Und doch gehen gerade da, wo der menschgewordene Sohn Gottes zur Welt gekommen ist, Spannungen und Gewalt weiter, und der Friede bleibt eine Gabe, die man erflehen und aufbauen muss. Mögen Israelis und Palästinenser wieder in direkten Dialog miteinander treten und zu einer Übereinkunft gelangen, die den beiden Völkern erlaubt, in Harmonie zusammenzuleben und so einen Konflikt zu überwinden, der sie lange Zeit gegeneinander gestellt hat, mit schweren Auswirkungen für die gesamte Region.“

An der Konferenz werden neben Weihbischof Thomas Maria Renz auch Erzbischof Stephen Brislin (Kapstadt, Südafrika), Bischof Pierre Bürcher (Reykjavik, Island), Bischof Oscar Cantu (La Cruces, USA), Bischof Rodolfo Cetoloni OFM (Grosseto, Italien), Bischof Michel Dubost (Evry, Frankreich), Bischof Lionel Gendron (Saint-Jean, Kanada), Bischof Dr. Felix Gmür (Basel, Schweiz), Weihbischof William Kenney (Birmingham, Großbritannien), Bischof Declan Lang (Clifton, Großbritannien), Bischof John McAreavey (Dromore, Irland), Bischof William Nolan (Galloway, Schottland) und Erzbischof Joan Vives (Urgell, Spanien) teilnehmen.

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Quelle

Das Heilige Jahr in Israel, Irak und Syrien

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Heilige Pforte in einem Elendsviertel von Manila

Weltweit haben sich an diesem Sonntag Türen geöffnet: Zum ersten Mal ist ein Heiliges Jahr dezentral; in nahezu allen Bistümern der Welt wartet jetzt eine Heilige Pforte auf Pilger. In gewisser Hinsicht ist das Heilige Jahr damit auch an seinen Ursprung zurückgekehrt, nämlich ins Heilige Land, wo schon zu prophetischer Zeit ein sogenanntes „Jobeljahr“ (das deutsche Wort „Jubel“ kommt davon) begangen wurde. Am Sonntag hat der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Erzbischof Fouad Twal, Jerusalems Heilige Pforte geöffnet, und zwar an der Todesangst-Christi-Basilika im Garten von Getsemani.

„In allen Pfarreien, in allen Ordenshäusern hat man sich darauf vorbereitet – überall, wo die Kirche präsent ist“, berichtet der Kustos des Heiligen Landes, Franziskanerpater Pierbattista Pizzaballa. „Wir haben vor allem gebetet und unsere Häuser für Flüchtlinge geöffnet – natürlich nicht für Syrien-Flüchtlinge, denn das ist wegen der politischen Lage nicht möglich… Das Heilige Jahr der Barmherzigkeit ist fundamental für das Heilige Land. Seit Generationen erlebt es einen Konflikt, der unendlich scheint und der zwar im wesentlichen politisch, aber eben auch religiös grundiert ist: Eine religiöse Gemeinschaft wirft da der anderen Fehler und Ungerechtigkeiten vor. Ohne Vergebung und Barmherzigkeit wird man hier noch nicht mal von Gerechtigkeit sprechen können, die doch so dringend nötig ist. Dieses Heilige Jahr ist vor allem eine Gelegenheit, uns selbst zu helfen und den Menschen in unserer Umgebung – damit wir einen anderen, freieren Blick bekommen, einen barmherzigen Blick auf den anderen.“

Pater Pizzaballa insistiert: Doch, es sind vor allem wir Christen in Israel und Palästina, die barmherziger werden müssen. „Barmherzigkeit scheint im Moment im Judentum wie im Islam vergessen zu sein – aber ganz besonders im Christentum! Als kleine christliche Gemeinschaft wollen wir uns neu erinnern an die Barmherzigkeit, die Gott uns erwiesen hat, damit wir eine Kraft der Versöhnung in scheinbar unumkehrbaren Situationen sein können. Barmherzigkeit ist das einzige positive Wort, das wir in diesem verfahrenen Kontext aussprechen können!“

„Barmherzigkeit zu leben, ist hier sehr schwierig“

Szenenwechsel: Ankawa in Irakisch-Kurdistan, Bistum Erbil. Hier leben die Christen, die vor dem „Islamischen Staat“ aus der Ninive-Ebene fliehen mussten. Am Sonntagmorgen hat sich hier in der Josephs-Kathedrale die Heilige Pforte geöffnet. Der syrisch-katholische Priester Benham Benoka aus Mossul (selbst Flüchtling) sagt im Interview mit Radio Vatikan, Barmherzigkeit sei „eine Pflicht“ der Christen. „Das ist für uns nicht leicht. Es ist sogar sehr schwierig, denn wir finden uns als Verfolgte wieder in einer Gesellschaft, die wir vor mehr als tausend Jahren selbst mit aufgebaut haben. Heute sind wir Vertriebene und Verfolgte. Die Barmherzigkeit zu leben, ist hier etwas Schwieriges, wenn auch nicht Unmögliches für einen Christen. Die Hand auszustrecken auch zu denen, die uns verfolgen…“

Die Christen im Irak tragen heute „die Wunden Christi am eigenen Leib“, formuliert Pater Benoka in typisch nahöstlicher Drastik. „Die ganze Gesellschaft“ habe die Christen „verraten“, und sie trügen jetzt wie einst Jesus das Kreuz. „Vielleicht klingen solche Worte nicht akzeptabel für eine sehr vernünftige Gesellschaft, aber das trifft die Wirklichkeit von Christen, die tägliche Verfolgung erleben und die zuhause, also im Zelt oder im Container, das Kreuz Christi an die Wand gehängt haben. Womöglich liegt hier unsere einzige Hoffnung, aus der wir überhaupt die Kraft zum Weitermachen beziehen. Vergebung kann allerdings nicht bedeuten, dass man das Voranschreiten des Bösen akzeptiert! Das ist gegen den Plan Gottes, Frieden und Liebe in die Welt zu bringen.“

Natürlich seien die Christen des Irak zum Frieden mit ihren Mitmenschen bereit, versichert der Geistliche. Andererseits müsse es auch Gerechtigkeit geben, damit das Böse – gemeint ist vor allem die Terrorgruppe des „Islamischen Staats“ – gestoppt werde.

„Der Hass behält nicht das letzte Wort“

Das sehen die Christen in Aleppo – weiterer Szenenwechsel – ähnlich. In der belagerten syrischen Stadt wurde die Heilige Pforte schon am Samstagnachmittag geöffnet, und zwar in der Franziskuskirche, der Kirche also, die Ende Oktober einen Granatenangriff erlebt hat. Nur mit viel Glück ist es damals während der Messfeier nicht zu einem Blutbad gekommen. Dass gerade diese „lateinische“ Pfarrei jetzt eine Porta Sancta hat, nennt ihr Pfarrer, der Franziskaner Ibrahim Alsabagh, „ein großes Zeichen der Hoffnung“. „Das bedeutet auch, dass der Hass nicht das letzte Wort behält. Der Tod durch diese Bomben und durch alles, was im Moment in Syrien geschieht, siegt nicht über das Leben, das barmherzige Eingreifen Gottes ist stärker. Ein großes Zeichen der Hoffnung und Liebe also, nicht nur für die Christen, sondern für alle Einwohner!“

Abgesehen von der Heiligen Pforte nämlich gibt es aus Aleppo eigentlich nichts Positives zu vermelden. „Bei uns herrscht Angst, wir hören ständig von den vielen Bomben, die über verschiedenen Teilen der Stadt niedergehen – Stadtteilen, die von der regulären Armee gehalten werden. Diese Bomben richten immer neue Schäden an, zerstören Häuser, töten Menschen. Darum herrscht bei uns immer Angst, Spannung, Bitterkeit.“

(rv 14.12.2015 sk)

PAPST FRANZISKUS: Ansprache in den Vatikanischen Gärten am 8. Juni 2014

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ANRUFUNG DES FRIEDENS

ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS

Vatikanische Gärten
Sonntag
, 8. Juni 2014

Fotogalerie

Meine Herren Präsidenten,
Heiligkeit, liebe Brüder und Schwestern,

mit großer Freude begrüße ich Sie und möchte Ihnen und den ehrenwerten Delegationen, die Sie begleiten, den gleichen herzlichen Empfang bereiten, den Sie mir auf meiner gerade beendeten Pilgerreise im Heiligen Land erwiesen haben.

Ich danke Ihnen aus tiefstem Herzen, dass Sie meine Einladung angenommen haben, hierher zu kommen und gemeinsam von Gott das Geschenk des Friedens zu erflehen. Ich hoffe, dass diese Begegnung ein Weg auf der Suche nach dem sei, was eint, um das zu überwinden, was trennt.

Und ich danke Eurer Heiligkeit, verehrter Bruder Bartholomäus, dass Sie hier bei mir sind, um diese bedeutenden Gäste zu empfangen. Ihre Teilnahme ist ein großes Geschenk, eine wertvolle Unterstützung und ein Zeugnis für den Weg, den wir als Christen auf die volle Einheit hin beschreiten.

Ihre Anwesenheit, meine Herren Präsidenten, ist ein großes Zeichen der Brüderlichkeit, das Sie als Söhne Abrahams vollziehen, und ein Ausdruck konkreten Vertrauens auf Gott, den Herrn der Geschichte, der heute auf uns schaut als auf Menschen, die einander Brüder sind, und uns auf seine Wege führen möchte.

Diese unsere Begegnung zur Bitte um den Frieden im Heiligen Land, im Nahen Osten und in der ganzen Welt wird begleitet vom Gebet unzähliger Menschen, die verschiedenen Kulturen, Heimatländern, Sprachen und Religionen angehören – Menschen, die für diese Begegnung gebetet haben und die jetzt mit uns in der flehentlichen Bitte selbst vereint sind. Es ist eine Begegnung, die dem brennenden Wunsch all derer entspricht, die sich nach dem Frieden sehnen und von einer Welt träumen, in der Männer und Frauen als Geschwister leben können und nicht als Gegner oder als Feinde.

Meine Herren Präsidenten, die Welt ist ein Erbe, das wir von unseren Vorfahren empfangen haben, aber sie ist auch eine Leihgabe unserer Kinder – Kinder, die müde und erschöpft sind von den Konflikten und danach verlangen, den Anbruch des Friedens zu erreichen; Kinder, die uns bitten, die Mauern der Feindschaft niederzureißen und den Weg des Dialogs und des Friedens zu beschreiten, damit Liebe und Freundschaft triumphieren.

Viele, allzu viele dieser Kinder sind unschuldige Opfer von Krieg und Gewalt geworden – Pflanzen, die in voller Blüte ausgerissen wurden. Es ist unsere Pflicht, dafür zu sorgen, dass ihr Opfer nicht vergeblich sei. Möge die Erinnerung an sie uns den Mut zum Frieden einflößen, die Kraft, um jeden Preis beharrlich den Dialog fortzusetzen, die Geduld, Tag für Tag das immer festere Netz eines respekt- und friedvollen Zusammenlebens zu knüpfen, zur Ehre Gottes und zum Wohl aller.

Um Frieden zu schaffen, braucht es Mut, sehr viel mehr, als um Krieg zu führen. Es braucht Mut, um Ja zu sagen zur Begegnung und Nein zur Auseinandersetzung; Ja zum Dialog und Nein zur Gewalt; Ja zur Verhandlung und Nein zu Feindseligkeiten; Ja zur Einhaltung der Abmachungen und Nein zu Provokationen; Ja zur Aufrichtigkeit und Nein zur Doppelzüngigkeit. Für all das braucht es Mut, eine große Seelenstärke.

Die Geschichte lehrt uns, dass unsere Kräfte nicht ausreichen. Mehr als einmal waren wir dem Frieden nahe, doch dem Bösen ist es mit verschiedenen Mitteln gelungen, ihn zu verhindern. Deshalb sind wir hier, denn wir wissen und glauben, dass wir der Hilfe Gottes bedürfen. Wir lassen nicht von unseren Verantwortlichkeiten ab, sondern wir rufen Gott an als Akt höchster Verantwortung unserem Gewissen und unseren Völkern gegenüber. Wir haben einen Ruf vernommen, und wir müssen antworten – den Ruf, die Spirale des Hasses und der Gewalt zu durchbrechen, sie zu durchbrechen mit einem einzigen Wort: „Bruder“. Doch um dieses Wort zu sagen, müssen wir alle den Blick zum Himmel erheben und uns als Söhne des einen Vaters erkennen.

An ihn wende ich mich im Geist Jesu Christi und bitte zugleich um die Fürsprache der Jungfrau Maria, Tochter des Heiligen Landes und unsere Mutter.

Herr, Gott des Friedens, erhöre unser Flehen!

Viele Male und über viele Jahre hin haben wir versucht, unsere Konflikte mit unseren Kräften und auch mit unseren Waffen zu lösen; so viele Momente der Feindseligkeit und der Dunkelheit; so viel vergossenes Blut; so viele zerbrochene Leben; so viele begrabene Hoffnungen… Doch unsere Anstrengungen waren vergeblich. Nun, Herr, hilf Du uns! Schenke Du uns den Frieden, lehre Du uns den Frieden, führe Du uns zum Frieden! Öffne unsere Augen und unsere Herzen, und gib uns den Mut zu sagen: „Nie wieder Krieg!“; „Mit dem Krieg ist alles zerstört!“ Flöße uns den Mut ein, konkrete Taten zu vollbringen, um den Frieden aufzubauen. Herr, Gott Abrahams und der Propheten, Du Gott der Liebe, der Du uns erschaffen hast und uns rufst, als Brüder zu leben, schenke uns die Kraft, jeden Tag Baumeister des Friedens zu sein; schenke uns die Fähigkeit, alle Mitmenschen, denen wir auf unserem Weg begegnen, mit wohlwollenden Augen zu sehen. Mach uns bereit, auf den Notschrei unserer Bürger zu hören, die uns bitten, unsere Waffen in Werkzeuge des Friedens zu verwandeln, unsere Ängste in Vertrauen und unsere Spannungen in Vergebung. Halte in uns die Flamme der Hoffnung am Brennen, damit wir mit geduldiger Ausdauer Entscheidungen für den Dialog und die Versöhnung treffen, damit endlich der Friede siege. Und mögen diese Worte – Spaltung, Hass, Krieg – aus dem Herzen jedes Menschen verbannt werden! Herr, entwaffne die Zunge und die Hände, erneuere Herzen und Geist, damit das Wort, das uns einander begegnen lässt, immer „Bruder“ laute und unser Leben seinen Ausdruck finde in „Shalom, Frieden, Salam“! Amen.

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Siehe ferner: