BENEDIKT XVI.: PREDIGT ZUM PALMSONNTAG 2010

ROMa 28-03-2010 DOMENICA DELLE PALME E DELLA PASSIONE DEL SIGNORE PRESIEDUTA DAL SANTO PADRE BENEDETTO XVI PH:ALESSIO PETRUCCI

EUCHARISTIEFEIER AM PALMSONNTAG

PREDIGT VON BENEDIKT XVI.

Petersplatz
XXV. Weltjugendtag
Palmsonntag, 28. März 2010


Bilder von der Feier

Liebe Brüder und Schwestern,
liebe Jugendliche!

Das Evangelium der Palmweihe, das wir hier auf dem Petersplatz versammelt hören, beginnt mit dem Satz: »Nach dieser Rede zog Jesus weiter und ging nach Jerusalem hinauf« (Lk 19, 28). Die Kirche nimmt gleich in der Eröffnung der Liturgie dieses Tages ihre Antwort auf das Evangelium vorweg, indem sie sagt: Folgen wir dem Herrn nach. Das Thema des Palmsonntags ist damit klar formuliert. Es heißt: Nachfolge. Christsein bedeutet, daß wir den Weg Jesu Christi als den rechten Weg des Menschseins ansehen – als den Weg, der ans Ziel führt zur erfüllten, rechten Menschlichkeit. Christsein ist ein Weg, besser gesagt: eine Wanderschaft, ein Mitgehen mit Jesus Christus. Ein Gehen in die Richtung, die er uns vorgegeben hat und vorgibt.

Was ist das für eine Richtung? Wie findet man sie? Der Satz unseres Evangeliums macht dazu zwei Angaben. Als erstes sagt er: Er ist ein Aufstieg. Das gilt zunächst ganz praktisch. Jericho, wo der letzte Teil der Pilgerschaft Jesu begann, liegt 250 Meter unter dem Meeresspiegel, Jerusalem – das Ziel des Weges – 740 bis 780 Meter über dem Meer: ein Aufstieg von fast 1000 Metern. Aber dieser äußere Weg ist vor allem ein Bild für die innere Bewegung der Existenz, die sich in der Nachfolge Christi vollzieht: Sie ist Aufstieg zu der wirklichen Höhe des Menschseins. Der Mensch kann es sich bequem machen, jeder Mühe aus dem Weg gehen. Er kann auch absteigen ins Niedrige, ins Gemeine, in die Gedankenlosigkeit. Er kann in dem Sumpf der Lüge und der Ehrlosigkeit versinken. Jesus geht uns voraus, und er geht aufwärts. Er führt uns ins Große, ins Reine, in die heilende Luft der Höhe: in das Leben gemäß der Wahrheit; in die Tapferkeit, die sich nicht vom Gerede der herrschenden Meinungen einschüchtern läßt; in die Geduld, die den anderen erträgt und trägt. Er führt in die Bereitschaft für die Leidenden, für die Verlassenen; in die Treue, die zum anderen steht, auch wenn es schwer wird. In die Hilfsbereitschaft; in die Güte, die sich auch durch Undankbarkeit nicht entwaffnen läßt. Er führt uns in die Liebe – er führt uns zu Gott.

»Jesus zog weiter und ging nach Jerusalem hinauf.« Wenn wir dieses Wort des Evangeliums im Zusammenhang des Ganzen von Jesu Weg lesen, der ja bis zum Ende der Zeiten weitergeht, dann können wir verschiedene Ebenen der Zielangabe Jerusalem entdecken. Zunächst ist damit selbstverständlich einfach der Ort Jerusalem gemeint: Es ist die Stadt, in der der Tempel Gottes stand, dessen Einzigkeit die Einzigkeit Gottes selbst andeuten sollte. So verkündet dieser Ort zunächst zweierlei: zum einen, daß Gott nur einer auf der ganzen Welt ist, all unsere Orte und Zeiten unendlich überschreitet, der Gott, dem die ganze Schöpfung gehört. Der Gott, den alle Menschen im Innersten suchen und um den alle auch irgendwie wissen. Aber dieser Gott hat sich einen Namen gegeben. Sich uns bekannt gemacht, hat eine Geschichte mit den Menschen angefangen; sich einen Menschen – Abraham – als Ausgangspunkt dieser Geschichte gewählt hat. Der unendliche Gott ist zugleich der nahe Gott. Er, der in kein Gebäude eingeschlossen werden kann, will doch unter uns wohnen, ganz mit uns sein. Jerusalem mit seinem Tempel ist Ort der Begegnung zwischen Gott und seinem Volk. Der Ort, an dem er verehrt werden will und an dem er auf uns zugeht. Von David her ist Jerusalem auch Ort der Verheißung. Jerusalem ist mit der Erwartung des Messias verbunden, mit der Hoffnung, daß Gott als König in diese Welt kommen und sie zu seinem Reich machen werde.

Wenn Jesus mit dem pilgernden Israel hinaufsteigt, dann geht er hin, um mit Israel Pascha zu feiern: die Erinnerung an die Befreiung Israels, die zugleich immerfort Hoffnung auf die endgültige Freiheit ist, die Gott schenken wird. Und er geht auf dieses Fest zu in dem Wissen, daß er selbst das Lamm ist, in dem sich erfüllt, was das Buch Exodus davon sagt: ein fehlerloses, männliches Lamm, das vor den Augen der Söhne Israels am Abend geopfert wird »zu einem ewigen Kult« (Ex 12,5 –6.14). Und endlich weiß Jesus, daß sein Weg weiter reicht: daß er am Kreuz nicht zu Ende ist. Er weiß, daß sein Weg den Schleier zwischen dieser Welt und der Welt Gottes aufreißen wird, daß er hinaufgehen wird bis zum Thron Gottes, Gott und Mensch miteinander versöhnen wird in seinem Leib. Er weiß, daß sein auferstandener Leib das neue Opfer und der neue Tempel sein wird. Daß sich um ihn aus der Schar der Engel und Heiligen das neue Jerusalem bildet, das im Himmel und doch auch schon auf Erden ist, weil er ja in seinem Leid die Grenze zwischen Himmel und Erde aufgetan hat. Sein Weg geht über die Höhe des Tempelberges hinaus bis zur Höhe Gottes selbst: Das ist der große Aufstieg, zu dem er uns einlädt. Er bleibt immer bei uns auf der Erde, und er ist immer schon angekommen bei Gott und führt uns auf der Erde und über die Erde hinaus.

So werden in der Weite von Jesu Aufstieg die Dimensionen unserer Nachfolge sichtbar – das Ziel, wohin er uns führen will: auf die Höhe Gottes, zur Gemeinschaft mit Gott, zum Mitsein mit Gott. Das ist das eigentliche Ziel, und die Gemeinschaft mit ihm ist ein Unterwegssein. Ist ständiger Aufstieg zur wirklichen Höhe unserer Berufung. Das Mitgehen mit Jesus ist zugleich immer ein Mitgehen im Wir derer, die ihm nachfolgen wollen. Es führt uns in diese Gemeinschaft hinein. Weil der Weg bis ins wirkliche Leben, bis ins Menschsein nach der Weise des Gottessohnes Jesus Christus, unsere eigenen Kräfte übersteigt, ist dieses Gehen immer auch ein Getragenwerden. Wir sind gleichsam in einer Seilschaft mit Jesus Christus – mit ihm im Aufstieg auf die Höhe Gottes. Er zieht uns, und er hält uns. Zur Nachfolge Christi gehört es, daß wir uns in diese Seilschaft einbinden lassen; akzeptieren, daß wir es allein nicht können. Zu ihr gehört dieser Akt der Demut, das Eintreten in das Wir der Kirche. Das Sich-Anhalten an der Seilschaft, die Verantwortung der Gemeinsamkeit – das Seil nicht durch Eigenwilligkeit und Besserwisserei zu zerreißen. Das demütige Glauben mit der Kirche als Festgemachtsein in der Seilschaft des Aufstiegs zu Gott ist eine wesentliche Bedingung der Nachfolge. Zu diesem Mitsein im Ganzen der Seilschaft gehört es auch, daß wir uns nicht als Herren des Gotteswortes aufspielen, nicht einem falschen Begriff von Mündigkeit nachlaufen. Die Demut des Mitseins ist wesentlich für den Aufstieg. Zu ihr gehört es auch, daß wir uns in den Sakramenten immer wieder vom Herrn an die Hand nehmen lassen. Daß wir uns reinigen und kräftigen lassen von ihm. Daß wir die Zucht des Aufsteigens annehmen, auch wenn wir müde sind.

Endlich müssen wir noch sagen: Zum Aufstieg auf die Höhe Jesu Christi, zum Aufstieg auf die Höhe Gottes selbst gehört das Kreuz. So wie es in den Dingen dieser Welt keine große Leistung geben kann ohne Verzicht und hartes Training, so wie die Freude großer Erkenntnis oder wirklichen Könnens an die Disziplin, ja an das Erleiden des Lernens gebunden ist, so ist der Weg zum Leben selbst, zum Menschwerden an die Gemeinschaft mit dem gebunden, der über das Kreuz zur Höhe Gottes aufgestiegen ist. Letzlich ist das Kreuz Ausdruck dessen, was Liebe bedeutet: Nur wer sich verliert, findet sich.

Fassen wir zusammen: Nachfolge Christi verlangt als ersten Schritt das Wachwerden der Sehnsucht nach dem rechten Menschsein und so das Wachwerden für Gott. Sie verlangt dann das Eintreten in die Seilschaft der Aufsteigenden, in die Gemeinschaft der Kirche. Im Wir der Kirche treten wir in die Gemeinschaft mit dem Du Jesu Christi ein und kommen auf den Weg zu Gott. Verlangt ist des weiteren das Hören auf das Wort Jesu Christi und das Leben daraus: in Glaube, Hoffnung und Liebe. So sind wir auf dem Weg zum endgültigen Jerusalem und jetzt schon irgendwie dort, in der Gemeinschaft aller Heiligen Gottes.

Unsere Wallfahrt in der Nachfolge Christi führt nicht in eine irdische Stadt, sondern in die neue Stadt Gottes, die mitten in dieser Welt wächst. Die Wallfahrt ins irdische Jerusalem kann aber gerade auch für uns Christen ein hilfreiches Element dieser größeren Wanderschaft sein. Ich selbst habe meiner Wallfahrt ins Heilige Land im vorigen Jahr drei Bedeutungen beigelegt. Zunächst hatte ich daran gedacht, daß uns dabei das geschehen kann, was der hl. Johannes am Anfang seines ersten Briefes sagt: Was wir gehört haben, das können wir gleichsam sehen und mit unseren Händen berühren (vgl. 1 Joh 1,1). Der Glaube an Jesus Christus ist keine legendäre Erfindung. Er gründet in wirklich geschehener Geschichte. Wir können diese Geschichte sozusagen anschauen und anrühren. Es ist bewegend, in Nazaret an der Stelle zu stehen, an der der Engel zu Maria kam und ihr den Auftrag überbrachte, Mutter des Erlösers zu werden. Es ist bewegend, in Betlehem an der Stelle zu sein, an der das fleischgewordene Wort unter uns Wohnung genommen hat; den heiligen Boden zu betreten, auf dem Gott als Kind Mensch werden wollte. Und es ist bewegend, die Treppe zu Golgota hinaufzusteigen zu der Stelle, an der Jesus am Kreuz gestorben ist für uns. Und endlich danach vor dem leeren Grab zu stehen; dort zu beten, wo sein heiliger Leichnam ruhte und wo sich am dritten Tag die Auferstehung ereignet hat. Die äußeren Wege Jesu nachzugehen, soll uns helfen, den inneren Weg, den er uns gezeigt hat und der er selber ist, freudiger und mit neuer Gewißheit zu gehen.

Wenn wir ins Heilige Land wallfahren, gehen wir aber auch hin – das ist das Zweite – als Boten des Friedens, mit der Bitte um Frieden; mit der Einladung an alle, an dem Ort, der das Wort Friede im Namen trägt, alles zu tun, daß er wirklich ein Ort des Friedens werde. So ist – als drittes – diese Wallfahrt zugleich Ermutigung für die Christen, in dem Land ihrer Herkunft zu bleiben und in ihm um Frieden zu ringen.

Kehren wir noch einmal zur Liturgie des Palmsonntags zurück. In dem Gebet, mit dem die Palmzweige gesegnet werden, bitten wir darum, daß wir in der Gemeinschaft mit Christus die Frucht guter Werke bringen können. Aus einer falschen Auslegung des hl. Paulus hat sich in der Geschichte immer wieder und auch heute die Meinung entwickelt, gute Werke gehörten nicht zum Christsein, seien jedenfalls für das Heil des Menschen ohne Bedeutung. Aber wenn Paulus davon spricht, daß die Werke den Menschen nicht rechtfertigen können, dann wendet er sich damit nicht gegen die Bedeutung des rechten Tuns, und wenn er vom Ende des Gesetzes spricht, erklärt er nicht die Zehn Gebote für überholt und belanglos. Die ganze Weite der Frage, um die es ihm ging, brauchen wir jetzt nicht zu bedenken. Wichtig ist: Mit »Gesetz« meint er nicht die Zehn Gebote, sondern den komplexen Lebensstil, durch den Israel sich gegen die Versuchungen des Heidentums abschirmen mußte. Nun aber hat Christus Gott zu den Heiden getragen. Ihnen wird diese Unterscheidungsform nicht auferlegt. Ihnen wird allein Christus als Gesetz gegeben. Das aber bedeutet die Liebe zu Gott und zum Nächsten und alles, was zu ihr gehört. Zu ihr gehören aber die von Christus her neu und vertieft gelesenen Gebote, die nichts anderes als die Grundregeln der wahren Liebe sind: Zuerst und grundlegend die Anbetung Gottes, der Primat Gottes, den die ersten drei Gebote ausdrücken. Sie sagen uns: Ohne Gott wird nichts recht. Wer und wie dieser Gott ist, das wissen wir von der Person Jesu Christi her. Darauf folgen die Heiligkeit der Familie (4. Gebot), die Heiligkeit des Lebens (5. Gebot), die Ordnung der Ehe (6. Gebot), die Sozialordnung (7. Gebot) und endlich die Unverletzlichkeit der Wahrheit (8. Gebot). All dies ist heute von größter Aktualität und gerade auch im Sinn des hl. Paulus, wenn wir seine Briefe ganz lesen. »Frucht bringen in guten Werken«: Bitten wir den Herrn zu Beginn der Karwoche, daß er uns allen diese Frucht immer mehr schenken möge.

Am Ende des Evangeliums der Palmweihe hören wir den Ruf, mit dem die Pilger Jesus am Eingang zu Jerusalem begrüßen. Es ist das Wort aus dem Psalm 118, das ursprünglich die Priester von der Heiligen Stadt her den Pilgern zuriefen, das aber inzwischen Ausdruck messianischer Hoffnung geworden war: Gesegnet, der da kommt im Namen des Herrn (Ps 118,26; Lk 19,3B). Die Pilger sahen in Jesus den Erwarteten, der im Namen des Herrn kommt, ja sie fügen nach dem Lukasevangelium das Wort ein: Gesegnet, der da kommt, der König, im Namen des Herrn. Sie fahren fort mit einem Ruf, der an die Botschaft der Engel zu Weihnachten erinnert, sie aber doch auf eine nachdenklich machende Weise abändert. Die Engel hatten von der Herrlichkeit Gottes in der Höhe und vom Frieden auf Erden für die Menschen göttlichen Wohlgefallens gesprochen. Die Pilger am Eingang der Heiligen Stadt sagen: Friede im Himmel und Herrlichkeit in der Höhe. Sie wissen allzusehr, daß auf Erden nicht Friede ist. Und sie wissen, daß der Ort des Friedens der Himmel ist – daß es zum Wesen des Himmels gehört, Ort des Friedens zu sein. So ist dieser Ruf Ausdruck einer tiefen Not und zugleich Gebet der Hoffnung: Der, der im Namen des Herrn kommt, möge, was im Himmel ist, auf die Erde bringen. Sein Königtum möge Gottes Königtum werden, Gegenwart des Himmels auf Erden. Die Kirche singt das Psalmwort, mit dem Jesus vor dem Einzug in die Heilige Stadt begrüßt wurde, vor der Wandlung: Sie begrüßt Jesus als den König, der von Gott her, im Namen Gottes zu uns hereintritt. Immer ist dieser freudige Gruß auch heute Bitte und Hoffnung. Wir bitten den Herrn, daß er den Himmel zu uns bringe: die Herrlichkeit Gottes und den Frieden der Menschen. Wir begreifen ihn im Geist der Vater-unser-Bitte: Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Wir wissen, daß der Himmel Himmel ist, Ort der Herrlichkeit und des Friedens, weil dort ganz Gottes Wille herrscht. Und wir wissen, daß die Erde so lange nicht Himmel ist, so lange Gottes Wille in ihr nicht geschieht. So grüßen wir Jesus, der vom Himmel kommt, und bitten ihn, daß er uns helfe, Gottes Willen zu erkennen und zu tun. Daß Gottes Königtum in die Welt hereintrete und daß sie so mit dem Glanz des Friedens erfüllt werde. Amen.

_______

Quelle

Dringende Hilfe für das Land der »Ökumene des Blutes«

palmsonntagskollekte15

Solidarität mit den Christen im Heiligen Land

Exzellenz,

Die Kongregation für die Orientalischen Kirchen hat auch in diesem Jahr zu konkreter Hilfe für die Christen im Heiligen Land aufgerufen. Der Brief an alle Bischöfe der Welt hat den folgenden Inhalt:

Karfreitag ist der Tag, an dem das Böse zu siegen scheint: Christus hat unschuldig den Tod am Kreuz erlitten. Man könnte meinen, dass im Heiligen Land dieser Tag niemals zu Ende geht, hört doch die Gewalt dort nicht auf. Wer den Blick auf die ganze Welt weitet, wird ebenfalls kaum Gründe finden, auf eine friedlichere Zukunft zu hoffen.

Das Herz des Menschen ist unruhig und gepeinigt und verlangt nach Licht, Leben, Hoffnung. Der Mensch will nicht alleine gehen, er ersehnt Brüderlichkeit und möchte wieder aufbrechen können. Deswegen ist es so wichtig, dass man weiter blickt als nur auf die Wirklichkeit, die einen umgibt: auf eine Wirklichkeit, die größer und wahrhaftiger ist, auf die ewige Erneuerung eines bereits geschenkten Heils.

Die Kollekte für das Heilige Land, die in den meisten deutschsprachigen Ländern am Palmsonntag gehalten wird, entflammt in uns neu eine sichere Hoffnung und erweckt in uns diesen Blick, der tiefer geht und wahrhaftiger auf das Böse schaut, das uns umgibt. Unser Blick richtet sich nach Osten, von wo das Heil kommt. Dort liegen unsere Wurzeln, da ist unser Herz: Wir stehen in der Schuld jener, die von dort aufgebrochen sind, um der Welt den Glauben zu bringen. Wir sind aber auch jenen zu Dank verpflichtet, die dort geblieben sind, um den Glauben zu bezeugen und die Spuren zu hüten, die Jesus hinterlassen hat und durch die wir die Wahrheit unseres Glaubens berühren können, trotz des Leids, das sie durch die Jahrhunderte erlitten haben. Dieses Heilige Land ruft unsere Nächstenliebe auf den Plan. Schon immer und heute mit noch größerer Dringlichkeit! Weil alle, die dort leben und wirken, dringend unsere Gebete und konkrete Hilfe brauchen, um sich auch weiterhin für Gerechtigkeit und Frieden einsetzen zu können.

In diesem Heiligen Jahr sind wir mehr denn je dazu aufgerufen, den Brüdern und Schwestern im Nahen Osten unsere Barmherzigkeit und Nähe zu zeigen. Flüchtlinge, alte Menschen, Kinder, Kranke brauchen unsere Hilfe. Hier im Orient wird gemordet, wird entführt, lebt man in Sorge um die eigenen Familienangehörigen; leidet man, weil Familien auseinandergerissen werden durch Exodus und Emigration. Die Menschen erfahren Dunkelheit und die Angst der Verlassenheit, Einsamkeit und Verständnislosigkeit. Eine Zeit der Prüfungen und Herausforderungen, Zeit des Martyriums. All dies verpflichtet uns zu helfen, die Notlagen anzugehen, wiederaufzubauen und neue Wege der Gemeinschaft und Hilfe zu finden. All dies sind notwendige und dringende Werke der Barmherzigkeit, die uns täglich die Wahrheit des Psalms aufgehen lassen: »Wenn nicht der Herr das Haus baut, müht sich jeder umsonst, der daran baut« (Psalm 127).

Wir halten uns fest am Kreuz von Karfreitag und werden zugleich aufgerichtet vom Licht der Auferstehung. Das Heilige Land ist ein Ort des Dialogs, in dem Menschen leben, die nicht aufhören von Brücken zu träumen, und in dem christliche Gemeinden leben, die das Evangelium des Friedens verkünden. Es ist ein Land der »Ökumene des Blutes« und zugleich ein Land zwischen Ausnahmezustand und Normalität.

»Gott ist nicht gleichgültig! Für Gott ist die Menschheit wichtig, Gott verlässt sie nicht!« (Papst Franziskus). Das zeigt sich im Ausstrecken der Hand, die großzügig den eigenen Beitrag leistet. Das zeigt sich aber auch darin, ohne Furcht weiterhin ins Heilige Land zu den Orten unseres Heils zu pilgern und dort auch Schulen und Sozialzentren zu besuchen, um das Zeugnis der einheimischen Christen zu hören und ihnen unsere Solidarität zu zeigen.

Die Heilig-Land-Kollekte erinnert uns an eine »alte« und traditionsreiche Verpflichtung, die durch die Ereignisse der letzten Jahre noch viel dringlicher geworden ist. Sie ist zugleich eine freudige Gelegenheit, unseren Schwestern und Brüdern zu helfen.

Ich versichere Ihnen die Dankbarkeit des Heiligen Vaters Franziskus wie auch der Ostkirchenkongregation, die sich mit aufmerksamer Sorge um die Brüder und Schwestern im Orient kümmert, und ich bitte Sie, diesen Dank an alle Gläubigen ihrer Teilkirche weiterzugeben.

Mit brüderlichen Grüßen im Herrn

Aschermittwoch, 10. Februar 2016

Ihr

Leonardo Kardinal Sandri, Präfekt

Erzbischof Cyril Vasil’ SJ, Sekretär

_______

Quelle: Osservatore Romano 7/2016

16. INTERNATIONALES BISCHOFSTREFFEN IM HEILIGEN LAND

ACN-20141228-18027webmit-WZ

SCHWERPUNKT BILDET BESUCH BEI CHRISTLICHEN FLÜCHTLINGEN IN JORDANIEN

Das 16. „Internationale Bischofstreffen zur Solidarität mit den Christen im Heiligen Land“ beginnt am kommenden Samstag (9. Januar 2016). Bis zum 14. Januar 2016 nehmen daran 13 Vertreter nationaler Bischofskonferenzen aus zwölf Ländern sowie die führenden Repräsentanten der Kirche im Heiligen Land teil. Tagungsorte sind Bethlehem und die jordanische Hauptstadt Amman. Zu der Konferenz eingeladen hat wie auch in den vergangenen Jahren der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Erzbischof Fouad Twal. Die Deutsche Bischofskonferenz wird vertreten durch den Vorsitzenden der Arbeitsgruppe Naher und Mittlerer Osten der Kommission Weltkirche, Weihbischof Thomas Maria Renz (Rottenburg-Stuttgart). Das Treffen steht unter dem Leitwort „Solidarität mit den verfolgten Christen im Mittleren Osten“.

Der erste Schwerpunkt des Bischofstreffens ist die Begegnung mit den Christen in Bethlehem, Taybeh und dem Cremisan-Tal in den palästinensischen Gebieten. Bereits im vergangenen Jahr haben die Bischöfe mit ihrem Besuch in Cremisan auf die humanitären Probleme des ungelösten Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern aufmerksam gemacht, da dort die von Israel verfügte Grenzziehung zu den palästinensischen Gebieten mit besonderer Härte für die Zivilbevölkerung verbunden ist.

Der zweite Schwerpunkt liegt auf dem Besuch der Ortskirche von Jordanien (11. bis 14. Januar 2016). Neben Gottesdiensten sind dort Gespräche mit christlichen Nichtregierungsorganisationen geplant, die sich für eine Linderung des Flüchtlingselends einsetzen. Mittlerweile zählen die Vereinten Nationen mehr als eine Million Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak in Jordanien, das eine Gesamtbevölkerung von rund 6,7 Mio. Einwohnern hat. In Amman, Fuheis und Madaba werden die Bischöfe mit Flüchtlingen zusammentreffen und sich ein Bild über die Hilfsmaßnahmen vor Ort machen. Unter anderem sind mehrere Begegnungen mit christlichen Flüchtlingen aus dem Irak im Großraum von Amman geplant.

Das Internationale Bischofstreffen verfolgt seit 16 Jahren das Ziel, Christen und Kirchen im Heiligen Land zu stärken und zu ermutigen und sie durch internationale Solidarität als gesellschaftliche Größe wahrnehmbar zu machen. Vor wenigen Tagen hat Papst Franziskus bei seiner Weihnachtsansprache „Urbi et orbi“ zu einem dauerhaften Frieden für die Region aufgerufen: „Wo Gott geboren wird, da wird die Hoffnung geboren. Wo Gott geboren wird, da wird der Friede geboren. Und wo der Friede geboren wird, da ist kein Platz mehr für Hass und für Krieg. Und doch gehen gerade da, wo der menschgewordene Sohn Gottes zur Welt gekommen ist, Spannungen und Gewalt weiter, und der Friede bleibt eine Gabe, die man erflehen und aufbauen muss. Mögen Israelis und Palästinenser wieder in direkten Dialog miteinander treten und zu einer Übereinkunft gelangen, die den beiden Völkern erlaubt, in Harmonie zusammenzuleben und so einen Konflikt zu überwinden, der sie lange Zeit gegeneinander gestellt hat, mit schweren Auswirkungen für die gesamte Region.“

An der Konferenz werden neben Weihbischof Thomas Maria Renz auch Erzbischof Stephen Brislin (Kapstadt, Südafrika), Bischof Pierre Bürcher (Reykjavik, Island), Bischof Oscar Cantu (La Cruces, USA), Bischof Rodolfo Cetoloni OFM (Grosseto, Italien), Bischof Michel Dubost (Evry, Frankreich), Bischof Lionel Gendron (Saint-Jean, Kanada), Bischof Dr. Felix Gmür (Basel, Schweiz), Weihbischof William Kenney (Birmingham, Großbritannien), Bischof Declan Lang (Clifton, Großbritannien), Bischof John McAreavey (Dromore, Irland), Bischof William Nolan (Galloway, Schottland) und Erzbischof Joan Vives (Urgell, Spanien) teilnehmen.

_______

Quelle

Das Heilige Jahr in Israel, Irak und Syrien

REUTERS1164244_Articolo

Heilige Pforte in einem Elendsviertel von Manila

Weltweit haben sich an diesem Sonntag Türen geöffnet: Zum ersten Mal ist ein Heiliges Jahr dezentral; in nahezu allen Bistümern der Welt wartet jetzt eine Heilige Pforte auf Pilger. In gewisser Hinsicht ist das Heilige Jahr damit auch an seinen Ursprung zurückgekehrt, nämlich ins Heilige Land, wo schon zu prophetischer Zeit ein sogenanntes „Jobeljahr“ (das deutsche Wort „Jubel“ kommt davon) begangen wurde. Am Sonntag hat der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Erzbischof Fouad Twal, Jerusalems Heilige Pforte geöffnet, und zwar an der Todesangst-Christi-Basilika im Garten von Getsemani.

„In allen Pfarreien, in allen Ordenshäusern hat man sich darauf vorbereitet – überall, wo die Kirche präsent ist“, berichtet der Kustos des Heiligen Landes, Franziskanerpater Pierbattista Pizzaballa. „Wir haben vor allem gebetet und unsere Häuser für Flüchtlinge geöffnet – natürlich nicht für Syrien-Flüchtlinge, denn das ist wegen der politischen Lage nicht möglich… Das Heilige Jahr der Barmherzigkeit ist fundamental für das Heilige Land. Seit Generationen erlebt es einen Konflikt, der unendlich scheint und der zwar im wesentlichen politisch, aber eben auch religiös grundiert ist: Eine religiöse Gemeinschaft wirft da der anderen Fehler und Ungerechtigkeiten vor. Ohne Vergebung und Barmherzigkeit wird man hier noch nicht mal von Gerechtigkeit sprechen können, die doch so dringend nötig ist. Dieses Heilige Jahr ist vor allem eine Gelegenheit, uns selbst zu helfen und den Menschen in unserer Umgebung – damit wir einen anderen, freieren Blick bekommen, einen barmherzigen Blick auf den anderen.“

Pater Pizzaballa insistiert: Doch, es sind vor allem wir Christen in Israel und Palästina, die barmherziger werden müssen. „Barmherzigkeit scheint im Moment im Judentum wie im Islam vergessen zu sein – aber ganz besonders im Christentum! Als kleine christliche Gemeinschaft wollen wir uns neu erinnern an die Barmherzigkeit, die Gott uns erwiesen hat, damit wir eine Kraft der Versöhnung in scheinbar unumkehrbaren Situationen sein können. Barmherzigkeit ist das einzige positive Wort, das wir in diesem verfahrenen Kontext aussprechen können!“

„Barmherzigkeit zu leben, ist hier sehr schwierig“

Szenenwechsel: Ankawa in Irakisch-Kurdistan, Bistum Erbil. Hier leben die Christen, die vor dem „Islamischen Staat“ aus der Ninive-Ebene fliehen mussten. Am Sonntagmorgen hat sich hier in der Josephs-Kathedrale die Heilige Pforte geöffnet. Der syrisch-katholische Priester Benham Benoka aus Mossul (selbst Flüchtling) sagt im Interview mit Radio Vatikan, Barmherzigkeit sei „eine Pflicht“ der Christen. „Das ist für uns nicht leicht. Es ist sogar sehr schwierig, denn wir finden uns als Verfolgte wieder in einer Gesellschaft, die wir vor mehr als tausend Jahren selbst mit aufgebaut haben. Heute sind wir Vertriebene und Verfolgte. Die Barmherzigkeit zu leben, ist hier etwas Schwieriges, wenn auch nicht Unmögliches für einen Christen. Die Hand auszustrecken auch zu denen, die uns verfolgen…“

Die Christen im Irak tragen heute „die Wunden Christi am eigenen Leib“, formuliert Pater Benoka in typisch nahöstlicher Drastik. „Die ganze Gesellschaft“ habe die Christen „verraten“, und sie trügen jetzt wie einst Jesus das Kreuz. „Vielleicht klingen solche Worte nicht akzeptabel für eine sehr vernünftige Gesellschaft, aber das trifft die Wirklichkeit von Christen, die tägliche Verfolgung erleben und die zuhause, also im Zelt oder im Container, das Kreuz Christi an die Wand gehängt haben. Womöglich liegt hier unsere einzige Hoffnung, aus der wir überhaupt die Kraft zum Weitermachen beziehen. Vergebung kann allerdings nicht bedeuten, dass man das Voranschreiten des Bösen akzeptiert! Das ist gegen den Plan Gottes, Frieden und Liebe in die Welt zu bringen.“

Natürlich seien die Christen des Irak zum Frieden mit ihren Mitmenschen bereit, versichert der Geistliche. Andererseits müsse es auch Gerechtigkeit geben, damit das Böse – gemeint ist vor allem die Terrorgruppe des „Islamischen Staats“ – gestoppt werde.

„Der Hass behält nicht das letzte Wort“

Das sehen die Christen in Aleppo – weiterer Szenenwechsel – ähnlich. In der belagerten syrischen Stadt wurde die Heilige Pforte schon am Samstagnachmittag geöffnet, und zwar in der Franziskuskirche, der Kirche also, die Ende Oktober einen Granatenangriff erlebt hat. Nur mit viel Glück ist es damals während der Messfeier nicht zu einem Blutbad gekommen. Dass gerade diese „lateinische“ Pfarrei jetzt eine Porta Sancta hat, nennt ihr Pfarrer, der Franziskaner Ibrahim Alsabagh, „ein großes Zeichen der Hoffnung“. „Das bedeutet auch, dass der Hass nicht das letzte Wort behält. Der Tod durch diese Bomben und durch alles, was im Moment in Syrien geschieht, siegt nicht über das Leben, das barmherzige Eingreifen Gottes ist stärker. Ein großes Zeichen der Hoffnung und Liebe also, nicht nur für die Christen, sondern für alle Einwohner!“

Abgesehen von der Heiligen Pforte nämlich gibt es aus Aleppo eigentlich nichts Positives zu vermelden. „Bei uns herrscht Angst, wir hören ständig von den vielen Bomben, die über verschiedenen Teilen der Stadt niedergehen – Stadtteilen, die von der regulären Armee gehalten werden. Diese Bomben richten immer neue Schäden an, zerstören Häuser, töten Menschen. Darum herrscht bei uns immer Angst, Spannung, Bitterkeit.“

(rv 14.12.2015 sk)

PAPST FRANZISKUS: Ansprache in den Vatikanischen Gärten am 8. Juni 2014

PRAYERGRAPHIC_StJPII

ANRUFUNG DES FRIEDENS

ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS

Vatikanische Gärten
Sonntag
, 8. Juni 2014

Fotogalerie

Meine Herren Präsidenten,
Heiligkeit, liebe Brüder und Schwestern,

mit großer Freude begrüße ich Sie und möchte Ihnen und den ehrenwerten Delegationen, die Sie begleiten, den gleichen herzlichen Empfang bereiten, den Sie mir auf meiner gerade beendeten Pilgerreise im Heiligen Land erwiesen haben.

Ich danke Ihnen aus tiefstem Herzen, dass Sie meine Einladung angenommen haben, hierher zu kommen und gemeinsam von Gott das Geschenk des Friedens zu erflehen. Ich hoffe, dass diese Begegnung ein Weg auf der Suche nach dem sei, was eint, um das zu überwinden, was trennt.

Und ich danke Eurer Heiligkeit, verehrter Bruder Bartholomäus, dass Sie hier bei mir sind, um diese bedeutenden Gäste zu empfangen. Ihre Teilnahme ist ein großes Geschenk, eine wertvolle Unterstützung und ein Zeugnis für den Weg, den wir als Christen auf die volle Einheit hin beschreiten.

Ihre Anwesenheit, meine Herren Präsidenten, ist ein großes Zeichen der Brüderlichkeit, das Sie als Söhne Abrahams vollziehen, und ein Ausdruck konkreten Vertrauens auf Gott, den Herrn der Geschichte, der heute auf uns schaut als auf Menschen, die einander Brüder sind, und uns auf seine Wege führen möchte.

Diese unsere Begegnung zur Bitte um den Frieden im Heiligen Land, im Nahen Osten und in der ganzen Welt wird begleitet vom Gebet unzähliger Menschen, die verschiedenen Kulturen, Heimatländern, Sprachen und Religionen angehören – Menschen, die für diese Begegnung gebetet haben und die jetzt mit uns in der flehentlichen Bitte selbst vereint sind. Es ist eine Begegnung, die dem brennenden Wunsch all derer entspricht, die sich nach dem Frieden sehnen und von einer Welt träumen, in der Männer und Frauen als Geschwister leben können und nicht als Gegner oder als Feinde.

Meine Herren Präsidenten, die Welt ist ein Erbe, das wir von unseren Vorfahren empfangen haben, aber sie ist auch eine Leihgabe unserer Kinder – Kinder, die müde und erschöpft sind von den Konflikten und danach verlangen, den Anbruch des Friedens zu erreichen; Kinder, die uns bitten, die Mauern der Feindschaft niederzureißen und den Weg des Dialogs und des Friedens zu beschreiten, damit Liebe und Freundschaft triumphieren.

Viele, allzu viele dieser Kinder sind unschuldige Opfer von Krieg und Gewalt geworden – Pflanzen, die in voller Blüte ausgerissen wurden. Es ist unsere Pflicht, dafür zu sorgen, dass ihr Opfer nicht vergeblich sei. Möge die Erinnerung an sie uns den Mut zum Frieden einflößen, die Kraft, um jeden Preis beharrlich den Dialog fortzusetzen, die Geduld, Tag für Tag das immer festere Netz eines respekt- und friedvollen Zusammenlebens zu knüpfen, zur Ehre Gottes und zum Wohl aller.

Um Frieden zu schaffen, braucht es Mut, sehr viel mehr, als um Krieg zu führen. Es braucht Mut, um Ja zu sagen zur Begegnung und Nein zur Auseinandersetzung; Ja zum Dialog und Nein zur Gewalt; Ja zur Verhandlung und Nein zu Feindseligkeiten; Ja zur Einhaltung der Abmachungen und Nein zu Provokationen; Ja zur Aufrichtigkeit und Nein zur Doppelzüngigkeit. Für all das braucht es Mut, eine große Seelenstärke.

Die Geschichte lehrt uns, dass unsere Kräfte nicht ausreichen. Mehr als einmal waren wir dem Frieden nahe, doch dem Bösen ist es mit verschiedenen Mitteln gelungen, ihn zu verhindern. Deshalb sind wir hier, denn wir wissen und glauben, dass wir der Hilfe Gottes bedürfen. Wir lassen nicht von unseren Verantwortlichkeiten ab, sondern wir rufen Gott an als Akt höchster Verantwortung unserem Gewissen und unseren Völkern gegenüber. Wir haben einen Ruf vernommen, und wir müssen antworten – den Ruf, die Spirale des Hasses und der Gewalt zu durchbrechen, sie zu durchbrechen mit einem einzigen Wort: „Bruder“. Doch um dieses Wort zu sagen, müssen wir alle den Blick zum Himmel erheben und uns als Söhne des einen Vaters erkennen.

An ihn wende ich mich im Geist Jesu Christi und bitte zugleich um die Fürsprache der Jungfrau Maria, Tochter des Heiligen Landes und unsere Mutter.

Herr, Gott des Friedens, erhöre unser Flehen!

Viele Male und über viele Jahre hin haben wir versucht, unsere Konflikte mit unseren Kräften und auch mit unseren Waffen zu lösen; so viele Momente der Feindseligkeit und der Dunkelheit; so viel vergossenes Blut; so viele zerbrochene Leben; so viele begrabene Hoffnungen… Doch unsere Anstrengungen waren vergeblich. Nun, Herr, hilf Du uns! Schenke Du uns den Frieden, lehre Du uns den Frieden, führe Du uns zum Frieden! Öffne unsere Augen und unsere Herzen, und gib uns den Mut zu sagen: „Nie wieder Krieg!“; „Mit dem Krieg ist alles zerstört!“ Flöße uns den Mut ein, konkrete Taten zu vollbringen, um den Frieden aufzubauen. Herr, Gott Abrahams und der Propheten, Du Gott der Liebe, der Du uns erschaffen hast und uns rufst, als Brüder zu leben, schenke uns die Kraft, jeden Tag Baumeister des Friedens zu sein; schenke uns die Fähigkeit, alle Mitmenschen, denen wir auf unserem Weg begegnen, mit wohlwollenden Augen zu sehen. Mach uns bereit, auf den Notschrei unserer Bürger zu hören, die uns bitten, unsere Waffen in Werkzeuge des Friedens zu verwandeln, unsere Ängste in Vertrauen und unsere Spannungen in Vergebung. Halte in uns die Flamme der Hoffnung am Brennen, damit wir mit geduldiger Ausdauer Entscheidungen für den Dialog und die Versöhnung treffen, damit endlich der Friede siege. Und mögen diese Worte – Spaltung, Hass, Krieg – aus dem Herzen jedes Menschen verbannt werden! Herr, entwaffne die Zunge und die Hände, erneuere Herzen und Geist, damit das Wort, das uns einander begegnen lässt, immer „Bruder“ laute und unser Leben seinen Ausdruck finde in „Shalom, Frieden, Salam“! Amen.

_______

Siehe ferner:

PAUL VI. AM 25. MÄRZ 1974 ÜBER DIE LAGE DER KIRCHE IM HEILIGEN LAND

ITALY-VATICAN-POPE-PAUL VI-BEATIFICATION-FILES

Pope Paul VI waves beside King Hussein I of Jordan in Amman on January 4, 1964, during a visit to the Holy Land. | AFP-JIJI

Apostolisches Schreiben
Nobis in animo

an den Episkopat, den Klerus und die Gläubigen der ganzen Welt
über die erhöhte Notlage der Kirche im Heiligen Land

Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne,

Gruß und Apostolischen Segen !

Wir möchten Uns an euch wenden, geliebte Söhne und Töchter, um eure Aufmerksamkeit auf die Pflicht hinzuweisen, den christlichen Gemeinden im Heiligen Land die Bedeutung der christlichen Liebe, die uns alle vereint, unsererseits zum Ausdruck zu bringen.

Die Kirche von Jerusalem nimmt nämlich einen privilegierten Platz in der Liebe des Heiligen Stuhles und in der Sorge der gesamten christlichen Welt ein, zumal das Interesse für die Heiligen Stätten und im besonderen für die Stadt Jerusalem, auch bei den höchsten Gremien der Nationen und bei den größeren internationalen Organisationen anzutreffen ist, um ihre Unversehrtheit zu schützen und die freie Ausübung der Religion und der gottesdienstlichen Funktionen zu gewährleisten.[1]

Eine solche Aufmerksamkeit ist heute umso mehr erfordert wegen der schwerwiegenden Probleme religiöser Natur, die dort bestehen. Es handelt sich um die verwickelten und delikaten Probleme der Koexistenz der Völker jenes Landes, ihres Zusammenlebens in Frieden wie auch um die Fragen religiösen, bürgerlichen und menschlichen Charakters, die das Leben der verschiedenen Gemeinschaften betreffen, die im Heiligen Land wohnen.

Immer noch von Sorge erfüllt, wenngleich mit einem Schimmer von Hoffnung bringen Wir Unsere kürzlich Ausführungen in Erinnerung, dass nämlich der sich hinziehende Zustand der Spannung im Vorderen Orient, ohne dass abschließende Schritte zum Frieden getätigt werden, eine schwere und dauernde Gefahr bedeutet, die nicht nur die Ruhe und die Sicherheit jener Bevölkerung – wie auch den Frieden der gesamten Welt – bedroht, sondern auch bestimmte Werte, die aus verschiedenen Gründen einem so großen Teil der Menschheit höchst teuer sind. Ohne darauf einzugehen, dass das ständige Andauern einer Situation, die eines klaren juristischen, international anerkannten und garantierten Fundamentes entbehrt, eine angemessene und annehmbare Beilegung, die der Rechte aller in schuldiger Weise Rechnung trägt, nur noch schwieriger gestaltet anstatt sie zu erleichtern. denken Wir hier im besonderen an Jerusalem, die heilige Stadt und Hauptstadt des Monotheismus, an die in diesen Tagen alle Anhänger Christi besonders innig denken und in der auch sie sich, so wie die Juden und Mohammedaner, voll und ganz als „Bürger“ fühlen sollen.[2]

536a56bb03950_322335bWir könnten nicht umhin, Unsererseits die Wallfahrt in Erinnerung zu bringen, die Wir im Januar 1964 in das Land Jesu machten. Wir wollten Uns dorthin begeben, um persönlich an den Heiligen Stätten, wo Christus geboren wurde, starb und nach seiner Auferstehung in den Himmel auffuhr, die Geheimnisse unserer Erlösung zu verehren.[3] Wir können auch nicht die Begegnung mit den obersten leitenden Persönlichkeiten der christlichen Gemeinschaften vergessen, unter denen der griechische Patriarch und der armenische Patriarch von Jerusalem waren, wie auch die Scharen der Gläubigen, die sich um Uns drängten wie in einer beglückenden Umarmung des Glaubens und der Liebe.

Als wir zu den Konzilsvätern von diesem Unserem Vorhaben sprachen, gaben Wir auch dessen Zweck an. Es war notwendig, „… Gebete und gute Werke mit größerem Eifer zu verrichten“.[4] damit das Konzil zu einem glücklichen Abschluss gelange. Darum beschlossen Wir, ….. selber als Pilger in das Land unseres Herrn Jesus Christus zu gehen“.[5] „in das Land, wo einmal unsere Väter im GIauben lebten; in das Land, wodurch so viele Jahrhunderte die Stimme der Propheten erscholl, die im Namen des Gottes Abrahams, Isaacs und Jakobs gesprochen hatten; in das Land endlich, das vor allem durch die Anwesenheit Christi gesegnet und heilig geworden ist für die Christen und, so darf man sagen, für die gesamte Menschheit“.[6] „Keiner darf es vergessen, dass Gott, als er sich als Mensch eine Heimat, eine Sprache, eine Familie in dieser Welt wählen wollte, diese aus dem Orient nahm“.[7]

„Es scheint Uns, eine geheimnisvolle Beziehung zwischen Petrus, zwischen seiner Nachfolge und Rom zu bestehen“, wie Wir am Abend Unserer Rückkehr nach Rom von Unserer Pilgerfahrt ins Heilige Land in Erinnerung brachten.[8]

Dieses gesegnete Land ist darum in gewisser Hinsicht das geistliche Erbgut der Christen in aller Welt geworden, die sich danach sehnen, wenigstens einmal in ihrem Leben dieses Land in Rahmen einer Pilgerfahrt besuchen zu können, um ihre Andacht zu verrichten und ihrer Liebe zu Gott Ausdruck zu geben, der in Bethlehem ein Kind wurde, zum Jesusknaben und Arbeiter in Nazareth, zum göttlichen Lehrer, der im ganzen Land Wunder wirkte, zum Gekreuzigten auf dem Kalvarienberg und zu dem aus dem Grabe auferstandenen Erlöser, das sich im „Heiligtum der Auferstehung“ (o naos tis anastáseos) befindet, wie diese Kirche in treffender Formulierung von den griechischen christlichen Mitbrüdern genannt wird.

Aber es ist auch das Land, in dem neben den Heiligtümern eine lebensvolle Kirche, eine Gemeinschaft christusgläubiger Menschen besteht und arbeitet. Es ist eine Gemeinde, die im Laufe der Geschichte unzählige Prüfungen bestehen und schmerzliche Geschicke ertragen musste. Die inneren Spaltungen, die Verfolgungen von außen und seit einiger Zeit die Auswanderung haben sie geschwächt; sie kann nicht mehr allein für ihren Unterhalt aufkommen und bedarf daher unseres Verständnisses wie unserer moralischen und materiellen Hilfe.

Diese unsere Brüder, „die dort leben, wo Jesus gelebt hat, und die an den Heiligen Stätten die Nachfolger der Urkirche sind, die der Ausgangspunkt aller Kirchen ist“,[9] haben vor Gott ganz große Verdienste und ihnen gegenüber haben wir alle eine hohe geistliche Verpflichtung. In besonderer Weise nehmen sie Tag für Tag an den Leiden Christi teil, sie stehen ein für ihren Namen als Christen durch die Bekundung eines lebendigen Glaubens, einer aufrichtigen Liebe und einer echten Armut entsprechend dem Geist des Evangeliums. Wenn sie dort nicht mehr anwesend sein sollten, würde die lichtvolle Wärme ihrer lebendigen Zeugniskraft bei den Heiligtümern erlöschen und die heiligen christlichen Stätten von Jerusalem und Palästina würden fast zu Museen. Wir hatten schon früher Gelegenheit, Unserer Besorgnis offen Ausdruck zu geben, dass die Reihen der Christen in den antiken Gebieten. wo die Wiege unseres Glaubens ist, immer lichter werden.[10]

Vom T age seiner Auferstehung an, da die treuesten Jünger des göttlichen Meisters sich auf den Weg machten, das heilige Grab zu besuchen, hat die juden-christliche Urgemeinde das Verdienst, die Erinnerung an die wichtigsten Heiligen Stätten zu bewahren und den Pilgern, die schon sehr bald kamen, deren Spuren und Überreste zu zeigen.

Tief erlebter Glaube und lebendige Frömmigkeit drängten die ersten Christen, die Heiligen Stätten geradezu mit ihren Händen zu berühren und dort ergreifende liturgische Feiern zu gestalten.

Es ist zwar wahr, dass das Christentum eine weltweite Religion ist, an kein Land gebunden, und dass die Christen „den Vater im Geiste und in der Wahrheit anbeten“.[11] Aber es gründet auch in einer geschichtlichen Offenbarung. Neben der „Heilsgeschichte“gibt es auch „Orte des Heils“. Die Heiligen Stätten haben deshalb den hohen Vorzug, dem Glauben einen unwiderleglichen Halt zu bieten, und sie geben dem Christen die Möglichkeit, jene Umwelt selbst aufzusuchen, in welcher „das Wort Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat“.[12]

Die jüngsten archäologischen Ausgrabungen, die von angesehenen kulturellen Institutionen durchgeführt wurden – unter anderen vom Bibelinstistut der Dominikaner und vom „Studium“ der franziskanischen Kustodie im Heiligen Land -, brachten neue Spuren ans Licht, die bis in die Zeit von Christus und der Apostel zurückreichen.[13]

Seit dem 4. Jahrhundert gibt es auch Zeugnisse, die von Pilgern auf dem Weg in das Heilige Land sprechen und ihnen die Reiseroute angeben, damit sie leichter den Weg finden.[14]

Später beschreibt der bekannte Kodex von Arezzo sowohl die Monumente, die sich im Heiligen Land befinden, wie auch die religiösen Feiern, die dort gehalten wurden, besonders in Jerusalem während der Karwoche.[15]

Der hl. Hieronymus hat durch seinen Aufenthalt in Palästina und durch die Anregungen. die von ihm für das Studium der Heiligen Schrift ausgingen, das Interesse des christlichen Abendlandes und kultureller Kreise für das Land Jesu sehr gefördert. Gerade damals wurden in Bethlehem zwei Konvente und ein Pilgerheim erbaut – ein deutlicher Hinweis auf einen beachtlichen Zustrom von Pilgern.[16]

Auch später zog das Heilige Land zahlreiche Pilger an, trotz der vielen Gefahren auf der Reise und trotz der begrenzten, Iangsamen Verkehrsmittel. Infolgedessen vermehrte sich dank der Hilfe hochherziger Wohltäter die Anzahl der Konvente und Kirchen. Die Städte und sogar die Wüste bevölkerten sich mit Mönchen und Büßern aus den verschiedensten Völkem und Riten, um im Land des Herrn die Ursprünge des christlichen Lebens neu zu entdecken.

Im Laufe der Jahrhunderte war der Zustrom der Pilger von den wechselnden geschichtlichen Ereignissen abhängig: es gab Zeiten der Blüte und andere, die weniger erfreulich waren. Seit dem letzten Jahrhundert kann man ein stetiges Anwachsen der Pilger feststellen, ermöglicht durch die modernen Verkehrsmittel und gefördert durch ein lebendigeres Glaubensbewusstsein.

Weiter ist erwähnenswert, dass während des Zweiten Vatikanischen Konzils zahlreiche Konzilsväter eine Wallfahrt zu den Heiligen Stätten machten, und es ist ermutigend, zu sehen, wie viele Priester und Ordensleute anlässlich ihrer heiligen Weihe oder bei besonderen Anlässen zu Einkehrtagen in Jerusalem weilen. Gern hätten Wir, dass solche Besuche und Aufenthalte im Heilligen Land noch zahlreicher wären. Zu diesem Zweck haben Wir Anweisung gegeben, dass das Pilgerheim „Notre Dame“ in Jerusalem wieder eröffnet werde und auch Gruppen von Priestern aufnehme.

Diese Pilgerfahrten haben die Begegnung mit Völkern verschiedener Glaubensbekenntnisse begünstigt, da nach jenem gesegneten Land, im besonderen nach Jerusalem, nicht nur die christlichen Gemeinschaften, die nichtkatholischen miteingeschlossen, sondern überdies die hebräischen und islamischen als ihrem geistlichen Zentrum blicken und dorthin zusammenströmen.

Es ist Unser lebhafter Wunsch, dass diese Kontakte sich verstärken und beitragen – so denken und wünschen Wir zu gegenseitigem Verstehen, zu wechselseitiger Wertschätzung. zur Annäherung der Mitmenschen, die Kinder des gleichen Vaters sind, und zu einem tieferen Verständnis des elementaren Bedürfnisses nach Frieden unter den Völkern.

Schon der heilige Paulus nahm sich in besonderer Weise der Lage der GIäubigen in Palästina an und setzte sich mit Eifer für eine Kollekte für die Armen unter den Gläubigen von Jerusalem ein. Sein Aufruf wurde von den Kirchen in Mazedonien und Achaia mit Bereitschaft aufgenommen. Da beschlossen die Jünger, den Brüdern in Judäa eine Unterstützung zukommen zu lassen, zu der jeder nach Vermögen beitragen sollte. Die christlichen Gemeinden, die unter den Heiden entstanden waren, fühlten sich als Schuldner gegenüber den Gliedern jener Kirche, von der sie die Schätze der geistigen Güter empfangen hatten, die sie nun mit ihren Liebesgaben erwiderten. Der Apostel brachte die gesammelten Spenden persönlich in die Heilige Stadt und sah in der Kollekte ein Band der Einheit zwischen den neuen christlichen Gemeinden und der Mutterkirche in Jerusalem.[17]

Nicht ohne eine besondere Fügung der göttlichen Vorsehung führten die geschichtlichen Ereignisse des XIII. Jahrhunderts den Franuziskanerorden in das Heilige Land.

Seither sind die Söhne des heiligen Franziskus – für eine ununterbrochene Reihe von Jahren – im Heimatland Jesu geblieben, um der dortigen Kirche zu dienen und die christlichen heiligen Stätten zu hüten, wiederherstellen und zu beschützen. Ihre Treue gegenüber dem Willen ihres Gründers und dem Auftrag des Heiligen Stuhles ist oft durch Taten von außergewöhnlicher Tugend und Hochherzigkeit besiegelt worden.

Die Franziskaner wandten sich direkt an die Mächtigen und die einfachen Leute, um die nötigen Hilfsmittel zu sammeln. Die Patres, die für diese Ausgabe bestimmt waren, wurden offiziell „Prokuratoren“ oder „Kommissare des Heiligen Landes“ genannt.[18] Ihre Tätigkeit erwies sich jedoch im Laufe der Zeit und wegen der Zunahme der Not als unzureichend. Aus diesem Grunde haben die Päpste in väterlicher Sorge mehrmals die Initiative ergriffen und die „Kollekte für die Heiligen Stätten“ angeordnet, indem sie das beabsichtigte Ziel, die genaue Zeit und die Art und Weise ihrer Durchführung angaben, damit die Spenden über die Ordinarien an ihren Bestimmungsort gelangten.[19]

Seit der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts nahm die Zahl der pastoralen, der sozialen, karitativen und kulturellen Werke bedeutend zu, die ohne Unterschiede der dortigen Bevölkerung und den kirchlichen Gemeinschaften im Heiligen Land zugute kamen.

Leider entbehrt die dortige Kirche der materiellen Mittel; darüber hinaus leidet sie an den anhaltenden schweren Folgen des Krieges, der – so kann man sagen – schon Jahrzehnte andauert. Auch ist es nicht möglich, von den Gläubigen dort einen hinreichenden Beitrag zu erbitten, da sie größtenteils selbst kaum das Notwendigste zum Lebensunterhalt haben.

Damit jene christliche Gemeinschaft, die in ihrem Ursprung und in ihrem Fortbestehen in Palästina bald zweitausend Jahre alt ist, überleben kann und die eigene Existenz auch noch zum Nutzen der anderen Gemeinschaften, mit denen sie zusammenleben muss, in tatkräftiger und wirksamer Weise zu festigen vermag, ist es erforderlich, dass die Christen der ganzen Welt sich hochherzig zeigen, indem sie der Kirche von Jerusalem die liebe durch ihre Gebete. ihr mitfühlendes Verstehen und ihre Solidarität auf sinnfällige W.eise wm Ausdruck bringen.

Wir wiederholen überdies bei diesem Anlass Unseren Wunsch und Unsere dringliche Mahnung, sich aufrichtig und bereitwillig um einen gerechten und baldigen Frieden zu bemühen, wobei die Rechte und berechtigten Anliegen aller beteiligten Völker gebührend anerkannt werden.

Es ist sich in der Tat jeder bewusst, dass die verschiedenen Zivilisationen, die sich im Laufe der Jahrhunderte im Heiligen Land herausgebildet hoben, zueinander finden müssen, damit die ihnen angehörenden Volksgruppen, obgleich sie aus vielen Gründen voneinander verschieden sind, eine wirkliche Zusammenarbeit herbeiführen und sich so verhalten wie in einer „syn-odós“, um dem griechischen Ausdruck die tiefe Bedeutung des „Miteinander-Gehens“ zu geben.

In diesem Prozess des Sich-Zusammenfindens kann die Anwesenheit der christlichen Gemeinschaft zusammen mit der hebräischen und islamischen ein Faktor der Eintracht und des Friedens sein; und dies hat vor allem für uns Katholiken eine besondere Bedeutung, die wir stets zuversichtlich sind, dass „das künftige SchicksaI der Menschheit in den Händen jener ruht, die den kommenden Geschlechtern Triebkräfte des Lebens und der Hoffnung vermitteln können“[20]

Diese Unsere Initiative will jedenfalls keinen anderen Sinn haben als den der religiösen und karitativen Hilfeleistung, wenn Wir auch die besondere Bedeutung der Frage von Jerusalem und den Heiligen Stätten nicht unerwähnt lassen können, die in anderen feierlichen päpstlichen Dokumenten bereits behandelt worden ist.

Veranlasst also durch den Hilferuf, der Uns aus jenem Land erreicht, und durch den Auftrag Unseres Hirtenamtes, erneuern und erweitern Wir die von Unseren Vorgängern, insbesondere von Leo XIII. und von Johannes XXIII. erlassenen Richtlinien und bestimmen folgendes:

1. In allen Kirchen und Oratorien, sei es, dass sie dem Diözesanklerus oder dem Ordensklerus gehören, soll einmal im Jahr – am Karfreitag oder einem anderen vom Ortsordinarius festgesetzten Tag – zusammen mit besonderen Gebeten für unsere Glaubensbrüder im Heiligen Land eine Kollekte abgehalten und für sie bestimmt werden. Die Gläubigen sollen rechtzeitig darüber unterrichtet werden, dass die genannte Kollekte für die Erhaltung nicht nur der Heiligen Stätten, sondern vor allem der pastoralen, karitativen, erzieherischen und sozialen Werke Verwendung findet, die die Kirche im Heiligen Land zum Wohl ihrer christlichen Brüder und der dortigen Bevölkerung unterhält.

2. Die Spenden sollen von den Pfarrern und Rektoren der Kirchen und Oratorien rechtzeitig an den eigenen Ordinarius überwiesen werden, der sie seinerseits an den nächsten Kommissar des Heiligen Landes weiterreicht, dessen Tätigkeit, die in der Vergangenheit so verdienstvoll gewesen ist, Uns auch heute noch als a,gemessen und dienlich oder doch als geeigneter Venmittler erscheint.

3. Die Kongregation für die Orientalischen Kirchen wird nach den Richtlinien der von Uns erlassenen Instruktionen dafür Sorge tragen und gewährleisten, dass die Kustodie vom Heiligen Land und die örtliche Hierarchie unter Beachtung der jeweiligen Zuständigkeiten ihre Werke fortsetzen, festigen und sie in voller Harmonie untereinander und in enger Zusammenarbeit mit Jenen anderen Organismen weiterentfalten können, die mit dem Heiligen Land in besonderer Beziehung stehen und sich für die Anliegen der dortigen Kirche einsetzen.

Zusammen mit der Kustodie vom Heiligen Land gibt es nämlich noch andere verdienstvolle Hilfswerke, von denen Wir hier nur die Päpstliche Mission erwähnen.[21] Indem Wir diesen Aufruf erlassen, geben Wir dem Wunsche Ausdruck, dass die Gläubigen der ganzen Welt, während sie ihre Spenden zugunsten der so genannten Kollekte für die Heiligen Stätten vermehren, gleichzeitig auch allen anderen Werken der Kirche im Heimatland des Herrn ihre Beiträge und hochherzige Unterstützung gewähren, damit die dortige Kirche das Zeugnis des Evangeliums lebendig erhält und die Anwesenheit der Jünger Christi an den Heiligtümern immer beständiger wird.

Allen diesen Organismen bringen Wir bei dieser Gelegenheit Unsere aufrichtige Anerkennung zum Ausdruck und ermutigen sie, ihr Zeugnis der Liebe den Glaubensbrüdern gegenüber und zum Wohle jedes Menschen, der sich in Not befindet, noch wirksamer zu gestalten.

Wir bekunden schließlich noch Unser Lob und Unsere Ermutigung allen Hilfsorganisationen und allen Menschen guten Willens, die dazu beitragen, die schweren Leiden jener Völker zu lindern, auf denen noch immer die Angst vor einer ungewissen und leidvollen Zukunft lastet. Möge es Gott geben, dass ihre hilfreiche Tätigkeit mit dem wiedererlangten Frieden, wie wir alle hoffen, für die Bewohner des Heiligen Landes bessere Tage vorbereiten.

Dazu erteilen Wir allen von Herzen Unseren Apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom bei St. Peter, am 25. März des Jahres 1974,
dem elften Unseres Pontifikates.

Paul VI. PP.

_______

Quelle

Siehe ferner: