Kardinal Sarah kommt der Bitte des Papstes nicht nach — Kein Dementi in Sicht

Das gab es so noch nicht. Franziskus hatte den Präfekten der Liturgie-Kongregation öffentlich korrigiert. In einem Schreiben an ihn widerspricht ihm der Papst und fordert eine Entgegnung. Doch dieser schweigt.

In einer von ihm angestoßenen theologischen Debatte ist Kurienkardinal Robert Sarah einer Aufforderung von Papst Franziskus zu einem Dementi bislang nicht nachgekommen.  Dabei geht es um die Frage, wer das letzte Wort bei liturgischen Übersetzungen in die jeweilige Landessprache hat. Nach Recherchen der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) ging Sarah bis Dienstag offenbar nicht auf eine Bitte des Papstes ein, seine Entgegnung auf Ausführungen des Kardinals im Internet öffentlich zu machen. Der aus Guinea stammende Kardinal leitet die Gottesdienstkongregation im Vatikan.

Kanon 838 des Kirchenrechts präzisiert

Franziskus hatte in seinem Erlass „Magnum Principium“ den Kanon 838 des Kirchenrechts präzisiert. Für die Übersetzung liturgischer Texte sind demnach vor allem die nationalen Bischofskonferenzen zuständig. Sie sollen diese nur noch durch Rom bestätigen lassen. Dort, so ein Anliegen der Änderung, sollen keine Alternativübersetzungen mehr verfasst werden.

Sarah dagegen sieht die letzte Entscheidung nach wie vor bei der Gottesdienstkongregation. Das zumindest geht aus einem Beitrag hervor, den Sarah im französischen Internetportal L’Homme Nouveau veröffentlichen ließ. Mehrere andere Portale übernahmen diesen Text oder zitierten auszugsweise daraus.

Schreiben an den Kardinal

Franziskus wandte sich daraufhin in einem Schreiben an den Kardinal, in dem er die Autorschaft Sarahs zwar anzweifelte, zugleich aber diesen aufforderte, die Verbreitung „dieser, meiner Antwort“ auf den entsprechenden Internetseiten zu veranlassen „sowie diese ebenso sämtlichen Bischofskonferenzen und Mitgliedern und Beratern Ihres Dikasteriums zukommen zu lassen“.

Wie L’Homme Nouveau-Chefredakteur Philippe Maxence auf Anfrage bestätigte, stammt der Text von Sarah selbst. Bislang habe der Kardinal auch kein Dementi abgegeben. Auch sei bei der Redaktion keine Bitte eingegangen, eine Entgegnung des Papstes zu veröffentlichen. „Wenn ich etwas derartiges erhalten hätten, dann hätte ich es auch publiziert“, so Maxence. Die Gottesdienstkongregation äußerte sich bislang nicht.

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Kardinal Sarah: Tablets nicht in Liturgie benutzen

Mexikanische Bischöfe schauen auf ein Smartphone. — KNA

Geistliche beten das Stundengebet auf dem Smartphone, Priester lesen Predigten von Tablets vor – digitale Geräte sind zunehmend auch in Gottesdiensten zu finden. Kardinal Robert Sarah würde das gern unterbinden.

Smartphones und Tablet-Computer seien zwar sehr praktisch, aber für liturgische Zwecke ungeeignet: Das sagte der Präfekt der vatikanischen Gottesdienstkongregation, Kardinal Robert Sarah, am Donnerstagabend bei einem theologischen Kongress in Rom.

Sarah: Besonders schlimm, wenn Priester es tun“

„Diese Geräte sind keine geweihten und für Gott reservierten Instrumente; wir benutzen sie für Gott und für andere, profane Dinge“, so Sarah bei der Veranstaltung zum zehnten Jahrestag des Papstdekrets „Summorum Pontificum„. Mit diesem Dokument hatte Benedikt XVI. 2007 die Feier der älteren Form der Liturgie weitgehend freigegeben.

Zum Breviergebet oder einem Gottesdienst sollten solche elektronischen Geräte abgeschaltet oder am besten ganz zu Hause gelassen werden, empfiehlt der Kurienkardinal. Nur dann könne sich der Gläubige ganz auf Gott konzentrieren und auf ihn hören. Aus dem selben Grund äußerte sich Sarah kritisch über Fotografieren im Gottesdienst. Besonders schlimm sei, wenn Priester dies tun. (KNA)

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Die Kraft der Stille: Das ganze Interview mit Kardinal Sarah in deutscher Sprache

Kardinal Sarah — Foto: Paval Hadzinski (Ausschnitt) via Flickr (CC BY-NC-ND 2.0)

Großes Aufsehen hat Kardinal Robert Sarah mit seinem neuen Interview erregt, in dem der bekannte Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung warnt: „Wir laufen Gefahr, die heiligen Geheimnisse auf gute Gefühle zu reduzieren“. CNA veröffentlicht nun eine deutsche Übersetzung des vollständigen Interviews mit freundlicher Genehmigung von Kardinal Sarah und „La Nef“.

Das französische Original dieses Gesprächs erschien in La  Nef  N°285Oktober 2016.

Nach dem Erfolg von „Gott oder Nichts“ [deutsche Version: fe-Medienverlag, 2015] veröffentlicht Kardinal Sarah Anfang Oktober ein neues Buch mit Nicolas Diat. Ein wunderbares Buch von erstaunlicher spiritueller Tiefe, das uns eintreten läßt in das Herz des Geheimnisses Gottes: die Stille, die notwendig ist für jede Begegnung mit dem Herrn sowohl im inneren Leben als auch in der Liturgie. Das Buch ist eine Begegnung mit einem Menschen, in dem die Gegenwart Gottes spürbar ist.

Das Buch, das Sie den Lesern vorlegen, ist eine echte geistliche Betrachtung über die Stille. Warum haben Sie sich auf eine so tiefe Reflexion eingelassen, die man normalerweise von einem Präfekten der Gottesdienstkongregation nicht erwarten würde, der für sehr konkrete Angelegenheiten in der Kirche zuständig ist, nicht erwarten würde?

 

„Die erste Sprache Gottes ist die Stille“. Indem er diese reiche und tiefe Intuition des hl. Johannes vom Kreuz kommentiert, schreibt Thomas Keating in seinem Werk „Invitation to love“: „Alles andere ist eine armselige Übersetzung, wir müssen lernen still zu sein und uns bei Gott auszuruhen“.

Es ist Zeit, die wahre Ordnung der Prioritäten wiederzufinden. Es ist Zeit, Gott wieder in die Mitte unserer Sorgen und Beschäftigungen, in die Mitte unseres Handelns und unseres Lebens zu stellen, an die einzige Stelle, die Ihm gebührt. So wird unser christlicher Lebensweg seinen Schwerpunkt in diesem Felsen finden, im Licht des Glaubens seine Struktur finden und sich im Gebet ernähren, das ein Moment der stillen und intimen Begegnung ist, wo der Mensch sich im Angesicht Gottes aufhält, um Ihn anzubeten und Ihm seine kindliche Liebe auszudrücken.

Täuschen wir uns nicht. Die wahre Dringlichkeit besteht darin, den Sinn für Gott wiederzufinden. Dem Vater können wir aber nur in der Stille nahekommen. Das, was die Kirche heute braucht, ist nicht eine Verwaltungsreform, ein weiteres Pastoralprogramm, eine strukturelle Veränderung. Das Programm existiert schon: es ist das Programm aller Zeiten, entnommen aus dem Evangelium und der lebendigen Tradition. Es hat seine Mitte in Jesus Christus selbst, den wir kennen, lieben, nachahmen müssen, um in Ihm und durch Ihn zu leben, um unsere Welt zu verwandeln, diese Welt, die lebt, als ob Gott nicht existierte. Als Priester, als Hirte, als Präfekt, als Kardinal ist es meine größtes Anliegen zu sagen, daß Gott allein das Herz des Menschen erfüllen kann.

Ich glaube, daß wir Opfer der durch die Mediengesellschaft verbreiteten Oberflächlichkeit, des Egoismus und des verweltlichten Geistes sind. Wir verlieren uns in Kämpfen um Einfluß, in Konflikten zwischen Personen, in einem narzißtischen und hohlen Aktivismus. Wir blasen uns auf vor Stolz und Ehrgeiz und sind gefangen im Willen zur Macht. Für Titel, berufliche oder kirchliche Ernennungen nehmen wir feige Kompromisse in Kauf. Aber all das verschwindet wie Rauch. Mit meinem neuen Buch möchte ich die Christen und die Menschen guten Willens einladen, in die Stille einzutreten. Ohne sie befinden wir uns in der Scheinwirklichkeit. Die einzige Wirklichkeit, die unsere Aufmerksamkeit verdient, ist Gott selbst, und Gott ist still. Er wartet auf unsere Stille, um sich zu offenbaren.

Die Stille wiederzufinden, ist also eine Priorität, eine Notwendigkeit, eine Dringlichkeit.

Die Stille ist wichtiger als jedes menschliche Werk. Denn sie läßt Gott zum Ausdruck kommen. Die wahre Revolution kommt aus der Stille, sie führt uns zu Gott und zu den Mitmenschen hin, um uns demütig in ihren Dienst zu stellen.

Warum ist der Begriff der Stille für Sie so wesentlich? Ist die Stille notwendig, um Gott zu finden, und worin ist sie „die größte Freiheit des Menschen“ (n°25)? Ist die Stille als „Freiheit“ Form der Askese?

Die Stille ist kein Begriff, sie ist der Weg, der den Menschen erlaubt, zu Gott zu gehen.

Gott ist Stille, und die göttliche Stille nimmt im Menschen Wohnung. Indem wir mit dem stillen Gott und in Ihm leben, müssen wir selber still werden. Nichts wird uns besser Gott entdecken lassen als diese Stille, die ins Herz unseres Seins eingeschrieben ist.

Ich scheue mich nicht, zu behaupten, daß Kinder Gottes zu sein heißt, Kinder der Stille zu sein.

Das Erlangen der Stille bedeutet einen Kampf und eine Askese. Ja, man braucht  Mut, um sich von all dem zu befreien, was unser Leben beschwert, welches nichts so sehr liebt wie den Schein, die mühelose Erreichbarkeit und die äußere Hülle der Dinge. Der Schwätzer, der sich von dem Bedürfnis, alles zu sagen, nach außen mitreißen läßt, kann nur fern von Gott sein und unfähig jeder tiefen spirituellen Tätigkeit. Im Gegensatz dazu ist der stille Mensch ein freier Mensch. Die Ketten der Welt haben keine Macht über ihn.

Ich denke an meinen Vorgänger als Bischof von Conakry in Guinea, Msgr. Raymond-Marie Tchidimbo. Er war als Verfolgter der kommunistischen Diktatur fast neun Jahre lang im Gefängnis. Niemandem durfte er begegnen und mit niemandem sprechen. Das Schweigen, das ihm von seinen Peinigern auferlegt war, ist ihm zum Ort der Gottesbegegnung geworden. Auf geheimnisvolle Weise ist ihm sein Kerker zu einem wahren „Noviziat“ geworden, und diese Verurteilung zu Elend und Stummheit hat ihm erlaubt, ein wenig die große Stille des Himmels zu verstehen.

Ist es in einer Welt, in der die Geräusche und der Krach in allen ihren Formen niemals aufhören, noch möglich, die Bedeutung der Stille zu erkennen? Ist das eine neue Situation der „Modernität“ mit ihren Medien, dem Fernsehen, dem Internet oder war der Krach immer ein Charakteristikum der „Welt“?

Gott ist still, der Teufel ist laut. Seit jeher versucht Satan, seine Lügen unter der Maske einer trügerischen und lauten Geschäftigkeit zu verbergen. Dem Christen ist es aufgetragen, nicht von der Welt zu sein. Es gehört zu seinem Leben, sich von den Geräuschen der Welt abzuwenden, vom Lärm, der zügellos dahineilt, um uns vom Wesentlichen abzulenken: von Gott.

Unsere ultratechnisierte und übergeschäftige Welt hat uns nur noch kränker gemacht. Der Lärm ist wie eine Droge, von der unsere Zeitgenossen abhängig sind. Mit seinem Anschein von Feierstimmung ist der Lärm ein Wirbel, der es vermeidet, sich ins Gesicht zu schauen, sich mit der inneren Leere zu konfrontieren. Er ist eine diabolische Lüge. Das Erwachen daraus kann nur eine brutale Erfahrung sein.

Ich fürchte mich nicht, alle Menschen guten Willens aufzurufen, in eine Art Widerstand einzutreten. Was würde aus unserer Welt, wenn sie keine Oasen der Stille finden könnte?

Im Schwall geschäftiger und hohler Worte scheint die Stille ein Zeichen von Schwäche zu sein. In der modernen Welt wird der stille Mensch als einer angesehen, der sich nicht zu verteidigen weiß. Er ist ein „Untermensch“ gegenüber dem sogenannten Starken, der den anderen mit seinem Wortschwall erdrückt und  ertränkt. Der stille Mensch wird als überflüssig empfunden. Das ist der tiefe Grund  für die schrecklichen Verbrechen oder für die Verachtung und den Haß der Moderne gegen die stillen Wesen, die die ungeborenen Kinder sind, die Kranken oder die Sterbenden. Diese Menschen sind wunderbare Propheten der Stille. Zusammen mit ihnen scheue ich mich nicht, zu bekräftigen, daß die Priester der Moderne, die der Stille eine Art Krieg erklärt haben, die Schlacht verloren haben. Denn wir können stillbleiben inmitten des größten Durcheinanders, der schändlichsten Unruhe, inmitten des Krachs und des Schreiens dieser höllischen Maschinen, die zum Aktivismus einladen und uns jeder transzendenten Dimension und jeder Innerlichkeit entreißen.

Bleibt Gott auch dann noch still, wenn der innerliche Mensch die Stille sucht, um Ihn zu finden? Und wie können wir verstehen, was einige das „Schweigen Gottes“ nennen angesichts von Dramen extremer Bosheit, wie der Shoa, der Gulags…? Oder, allgemeiner gesagt, läßt die Existenz des Bösen die „Allmacht Gottes“ in Zweifel ziehen?

Ihre Frage läßt uns eintreten in ein sehr tiefes Geheimnis. In der Großen Kartause haben wir dieses Geheimnis sehr lange meditiert mit dem Generalprior, Dom Dysmas de Lassus.

Gott will das Böse nicht. Dennoch bleibt Er erstaunlich still gegenüber unseren Prüfungen. Trotz allem läßt das Leiden die Allmacht Gottes nicht in Zweifel ziehen, sondern es offenbart sie uns. Ich höre noch die Stimme des Kindes, das weinend fragte: „Warum hat Gott nicht verhindert, das Papa getötet wurde?“ In seinem geheimnisvollen Schweigen offenbart sich Gott in der Träne, die von diesem Kind vergossen wird, und nicht in der Weltordnung, die diese Träne rechtfertigen würde. Gott hat seine geheimnisvolle Weise, uns in unseren Prüfungen nahe zu sein. Er ist intensiv gegenwärtig in unseren Erprobungen und Leiden. Seine Kraft macht sich still, denn sie offenbart seine unendliche Feinfühligkeit, seine liebevolle Zärtlichkeit für die, die leiden. Die äußerlichen Bezeugungen sind nicht unbedingt die besten Beweise der Nähe. Die Stille offenbart das Mitleiden, die Anteilnahme Gottes an unseren Leiden. Gott will das Böse nicht. Und je grausamer das Leiden ist, desto mehr zeigt sich, daß Gott in uns das erste Opfer ist.

Der Sieg Christi über den Tod und die Sünde vollzieht sich im großen Schweigen des Kreuzes. Gott offenbart seine ganze Macht im Schweigen, das keine barbarische Untat jemals besudeln kann.

Als ich mich in den Ländern aufhielt, die gewaltige und tiefe Krisen, Leiden und tragisches Elend durchlebten wie Syrien, Libyen, Haiti oder die Philippinen nach den Verwüstungen durch den Taifun, habe ich festgestellt, wie sehr das stille Gebet der letzte Schatz derer ist, die alles verloren haben. Das Schweigen ist der letzte Graben, wohin niemand vordringen kann, die letzte Kammer, wo man in Frieden bleiben kann, der Ort, wo das Leiden für einen Augenblick die Waffen streckt. Verstecken wir uns also im Leiden hinter der Festung des Gebetes! Dann hat die Macht der Henker keine Bedeutung mehr; die Verbrecher können rasend alles zerstören, es ist unmöglich, in das Schweigen einzubrechen, in das Herz, in das Gewissen eines Menschen, der betet und sich in Gott verbirgt. Das Schlagen eines stillen Herzens, die Hoffnung, der Glaube und das Gottvertrauen können darin nicht untergehen. Im Äußeren kann die Welt ein Trümmerfeld werden, aber im Inneren unserer Seele, in der größten Stille wacht Gott. Der Krieg und das Gefolge des Schreckens überwinden niemals den in uns gegenwärtigen Gott. Angesichts des Bösen und des Schweigens Gottes muß man immer im Gebet bleiben und still schreiend mit Glaube und Liebe sprechen:

„Ich habe dich gesucht, Jesus!

Ich habe dich vor Freude weinen hören bei der Geburt eines Kindes.

Ich habe dich die Freiheit suchen gesehen durch die Gitter eines Gefängnisses.

Ich bin an dir vorübergegangen, als du um ein Stück Brot betteltest.

Ich habe dich vor Schmerz schreien gehört, als deine Kinder von Bomben zerschmettert wurden. Ich habe dich in den Krankenhauszimmern entdeckt, wo du Therapien ohne Liebe unterworfen wurdest.

Jetzt habe ich dich gefunden; ich will dich nicht mehr verlieren.

Ich bitte dich, lehre mich dich lieben.“

Mit Jesus ertragen wir unsere Leiden und Prüfungen besser.

Welche Rolle schreiben Sie der Stille in unserer lateinischen Liturgie zu, wo sehen Sie sie und wie vereinbaren Sie Stille und Teilnahme?

Vor der Majestät Gottes verlieren wir unsere Worte. Wer wagte es, vor dem Allmächtigen das Wort zu ergreifen? Der hl. Johannes Paul II. sah in der Stille das Wesen jeglicher Gebetshaltung, denn die mit der angebeteten Gegenwart gefüllte Stille offenbart „die demütige Annahme der Grenzen des Geschöpfes vor der unendlichen Transzendenz eines Gottes, der nicht aufhört, sich als Gott der Liebe zu offenbaren“. Die mit vertrauensvoller Ehrfurcht und Anbetung angefüllte Stille abzulehnen bedeutet, die Freiheit Gottes abzulehnen, uns durch seine Liebe und seine Gegenwart zu ergreifen. Das heilige Schweigen ist also der Ort, wo wir Gott begegnen können, denn wir kommen zu Ihm mit der rechten Haltung des Menschen, der sich zitternd zurückhält und doch vertrauensvoll hofft. Wir Priester müssen diese kindliche Ehrfurcht vor Gott und die Heiligkeit unserer Beziehung zu ihm neu erlernen. Wir müssen neu lernen, vor Staunen angesichts der Heiligkeit Gottes und der unerhörten Gnade unseres Priestertums zu zittern.

Das Schweigen lehrt uns eine bedeutsame Regel des geistlichen Lebens: die Vertraulichkeit fördert nicht die Intimität, im Gegenteil: die rechte Distanz ist eine Bedingung der Kommunion. Durch die Anbetung geht die Menschheit auf die Liebe zu. Die heilige Stille öffnet auf die mystische Stille hin, die voll liebender Intimität ist. Unter dem Joch der weltlichen Vernunft haben wir vergessen, daß das Heilige und der Kult die einzigen Eingangstüren zum geistlichen Leben sind. Ich zögere also nicht zu beteuern, daß die heilige Stille ein Grundgesetz jeder liturgischen Zelebration ist.

Sie erlaubt es uns nämlich, in die Teilnahme am gefeierten Mysterium einzutreten. Das Zweite Vatikanische Konzil hat betont, daß die Stille ein bevorzugtes Mittel ist, die Teilnahme des Volkes Gottes an der Liturgie zu fördern.

Die Konzilsväter wollten zeigen, was eine wahre liturgische Teilnahme ist: das Eintreten in das göttliche Mysterium. Unter dem Vorwand, den Zugang zu Gott zu erleichtern, haben einige gewollt, daß alles in der Liturgie unmittelbar einsichtig, rational, horizontal und menschlich sei. Aber auf diese Weise riskieren wir, das  heilige Mysterium auf gute Gefühle zu reduzieren. Unter dem Vorwand der Pädagogik erlauben sich einige Priester nicht enden wollende oberflächliche und horizontale Kommentare. Haben diese Hirten Angst, daß die Stille vor dem Allerhöchsten die Gläubigen verwirren könnte? Glauben sie, daß der Heilige Geist unfähig ist, die Herzen für die göttlichen Mysterien zu öffnen und ihnen sein Licht und seine geistliche Gnade auszuspenden?

Der hl. Johannes Paul II. warnt uns: Der Mensch tritt in die Teilhabe an der göttlichen Gegenwart vor allem ein, „indem er sich zu einer anbetenden Stille erziehen läßt, denn auf dem Gipfel der Erkenntnis und Erfahrung Gottes steht seine absolute Transzendenz“.

Die heilige Stille ist ein Gut der Gläubigen, und die Kleriker dürfen sie dessen nicht berauben!

Die Stille ist der Stoff, aus dem unsere Liturgien gemacht sein müssen. Und nichts in ihnen darf die Atmosphäre der Stille stören, die ihr natürliches Klima ist.

Besteht nicht ein gewisses Paradox darin, einerseits die Notwendigkeit der Stille in der Liturgie zu behaupten und andererseits die östlichen Liturgien anzuerkennen, die ja keine Momente des Schweigens haben (n° 259) und doch besonders schön, sakral und dem Gebet hingegeben sind?

Ihre Anmerkung ist vernünftig und zeigt, daß es nicht ausreicht, „Momente der Stille“ vorzuschreiben, damit die Liturgie vom heiligen Schweigen durchtränkt sei.

Das Schweigen ist eine Haltung der Seele. Es ist keine Pause zwischen zwei Riten, es ist selbst ganz und gar Ritus.

Sicher, die östlichen Riten sehen keine Zeiten der Stille während der Göttlichen Liturgie vor. Nichtsdestoweniger haben sie eine intensive Erfahrung der apophatischen Dimension des Gebets angesichts des „unaussprechlichen, unfaßlichen, unbegreiflichen“ Gottes. Die Göttliche Liturgie ist wie ins Mysterium eingetaucht. Bei uns, den Lateinern, ist das Schweigen eine klingende Ikonostase. Die Stille ist Mystagogie, sie läßt uns ins Mysterium eintreten, ohne es zu entweihen. Die Sprache der Mysterien in der Liturgie ist eine stille Sprache. Die Stille verbirgt nicht, sie offenbart in der Tiefe.

Der hl. Johannes Paul II. lehrt uns, daß „das Mysterium sich ständig verhüllt, sich mit Schweigen bedeckt, um zu vermeiden, daß man an Gottes Stelle ein Idol aufstellt“. Ich möchte feststellen, daß die Gefahr für die Christen heute groß ist, Götzenanbeter zu werden. Als Gefangene des Geräusches nicht endender menschlicher Gespräche sind wir nicht weit davon, einen Kult auf unserem Niveau zu entwickeln, einen Gott nach unserem Bild zu bauen. Wie es Kardinal Godfried Danneels anmerkte, hat die „westliche Liturgie, so wie sie praktiziert wird, den Hauptfehler, zu geschwätzig zu sein“. In Afrika sagt der ruandische Priester Faustin Nyobayré, daß die „Oberflächlichkeit nicht die Liturgie oder die scheinbar religiösen Versammlungen verschont, aus denen man eher atemlos und schwitzend wieder hinausgeht als erholt und erfüllt von dem, was man gefeiert hat, um es besser leben und bezeugen zu können“. Die Zelebrationen werden manchmal laut und anstrengend. Die Liturgie ist krank. Das auffallendste Symptom dieser Krankheit ist die Allgegenwart des Mikrophons. Es ist so unverzichtbar geworden, daß man sich fragt, wie man vor seiner Erfindung überhaupt Liturgie feiern konnte!

Der äußere Lärm und der Lärm im eigenen Innern entfremden uns unserer selbst. Im Lärm kann der Mensch nur der Banalität verfallen: wir sind oberflächlich in dem, was wir sagen, wir geben hohle Reden von uns, wo endlos gesprochen wird, solange  man nur irgendwas zu sagen findet, eine Art unverantwortliches Gewirr aus Scherzen und Worten, die töten. Wir sind oberflächlich auch in dem, was wir tun: wir leben in der Banalität, erheben dabei den Anspruch, vernünftig und moralisch zu sein, und finden nichts Außergewöhnliches darin.

Oft verlassen wir die Kirchen nach laut und oberflächlich zelebrierten Liturgien, ohne Gott begegnet zu sein und den inneren Frieden gefunden zu haben, den Er uns schenken will.

Nach ihrem Vortrag in London im vergangenen Juli sind sie auf die  Ausrichtung der Liturgie nach Osten zurückgekommen und wollen sie in unseren Kirchen praktiziert sehen: Warum ist sie so wichtig? Und wie möchten Sie, daß diese Änderung sich vollzieht?

Die Stille stellt uns vor eine Wesensfrage der Liturgie. Die Liturgie ist mystisch. Im Maße, in dem wir uns ihr mit einem lauten Herzen nähern, bekommt sie oberflächlichen und menschlichen Charakter. Die liturgische Stille ist eine radikale und wesentliche Disposition; sie bedeutet eine Umkehr des Herzens. Nun heißt Umkehr etymologisch sich umwenden, sich zu Gott hin wenden. Es ist gibt keine echte Stille in der Liturgie, wenn wir nicht mit unserem ganzen Herzen zum Herrn hin ausgerichtet sind. Wir müssen umkehren, uns zum Herrn hin kehren, um Ihn anzuschauen, sein Antlitz zu betrachten und vor seinen Füßen anbetend niederzufallen. Wir haben ein Beispiel: Maria Magdalena hat Jesus am Ostermorgen erkennen können, weil sie sich zu Ihm umgewandt hatte: „Man hat meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wohin man ihn gelegt hat.“ „Haec cum dixisset, conversa est retrorsum et videt Jesus stantem – Nachdem sie das gesagt hatte, wandte sie sich um und sah Jesus dastehen.“ (Joh 20, 13-14)

Wie können wir in diese Haltung eintreten, wenn wir uns nicht physisch, alle gemeinsam, Priester und Gläubige, zum kommenden Herrn hinwenden, zum durch die Apsis symbolisierten Osten hin, wo das Kreuz thront?

Diese äußere Orientierung führt uns zur inneren hin, welche durch sie symbolisiert wird. Seit den apostolischen Zeiten kennen die Christen diese Art zu beten. Es geht nicht darum, dem Volk den Rücken zuzuwenden, sondern darum, nach Osten zu schauen, zum Herrn hin.

Diese Weise des Gebets fördert die Stille. Der Zelebrant ist weniger versucht, das Wort zu monopolisieren. Vor dem Herrn spürt er weniger die Versuchung, ein Professor zu werden, der die ganze Messe lang eine Vorlesung gibt und den Altar zu einer Bühne macht, deren Mittelpunkt nicht mehr das Kreuz ist, sondern das Mikrophon! Der Priester muß sich darauf besinnen, daß er nichts weiter ist als ein Werkzeug in den Händen Christi, der er schweigen muß, um dem WORT Platz zu machen, daß die menschlichen Worte lächerlich wirken vor dem einen Ewigen Wort.

Ich bin davon überzeugt, daß die Priester mit einer anderen Stimme sprechen werden, wenn sie nach Osten hin zelebrieren. Wir sind in großem Maße weniger versucht, uns, wie Papst Franziskus sagt, selbst als Hauptakteure zu bergreifen.

Wichtig ist zu verstehen, daß diese legitime und wünschenswerte Zelebrationsweise nicht als eine Revolution auferlegt werden darf. Ich weiß, daß vielerorts eine vorbereitende Katechese den Gläubigen erlaubt hat, sich die Ausrichtung  nach  Osten hin anzueignen und sie schätzen zu lernen. Ich wünsche mir sehr, daß diese Frage nicht zu einem ideologischen Kampf zwischen Parteien wird. Es geht um unsere Beziehung zu Gott.

Wie ich vor kurzem in einer persönlichen Begegnung mit dem Heiligen Vater Gelegenheit hatte zu sagen, gebe ich hier nichts anderes als Anregungen, die aus meinem von der Sorge um das Wohl der Gläubigen erfüllten Herzen stammen. Es geht mir nicht darum, eine Praxis der anderen entgegenzustellen. Wenn es von den materiellen Gegebenheiten her unmöglich ist, nach Osten hin zu zelebrieren, muß notwendigerweise ein gut sichtbares Kreuz auf den Altar gestellt werden als Referenzpunkt für alle. Christus am Kreuz ist der christliche Osten.

Sie verteidigen glühend die Konzilskonstitution über die Liturgie und bedauern dabei, daß sie schlecht umgesetzt wurde. Wie erklären Sie das aus dem Abstand von 50 Jahren? Sind nicht die kirchlichen Autoritäten die ersten Verantwortlichen dafür?

Ich glaube, daß wir die Konzilsdokumente zu wenig im Geist des Glaubens lesen. In Bann geschlagen von dem, was Benedikt XVI. das Konzil der Medien nennt, unterwerfen wir sie einer zu menschlichen Lektüre, indem wir Brüche und Gegensätze suchen, wo das katholische Herz sich bemühen müßte, die Erneuerung in der Kontinuität zu finden. Mehr als je muß uns die in Sacrosanctum Concilium enthaltene Lehre des Konzils leiten. Es wäre an der Zeit, uns vom Konzil belehren zu lassen, anstatt es zu benutzen, um unsere Bemühungen um Kreativität zu rechtfertigen oder unsere Ideologien zu verteidigen, indem wir die heilige Liturgie als Waffe benutzen.

Ein einziges Beispiel: Das Zweite Vatikanum hat auf wunderbare Weise das Taufpriestertum der Laien als unsere Fähigkeit definiert, uns mit Christus dem Vater als Opfer darzubringen, um in Jesus „heilige, reine und unbefleckte Opfer“ zu werden. Wir haben hier das theologische Fundament der wahren Teilnahme an der Liturgie.

Diese spirituelle Wirklichkeit müßte besonders beim Offertorium gelebt werden, in diesem Moment, wo das christliche Volk sich zum Opfer bringt, nicht neben Christus, sondern in Ihm, durch sein Opfer, das bei der Wandlung verwirklicht wird.  Die erneute Lektüre des Konzils könnte uns erlauben zu vermeiden, daß unsere Offertorien durch Darbietungen entstellt werden, die mehr von Folklore als von Liturgie an sich haben. Eine gesunde Hermeneutik der Kontinuität könnte uns dahin führen, die alten, im Licht des Zweiten Vatikanums neu gelesenen Offertoriumsgebete wieder in ihre Ehre einzusetzen.

Sie weisen hin auf die von Ihnen gewünschte „Reform der Reform“ (n°257): Worin sollte sie vor allem bestehen? Betrifft sie beide Formen des Römischen Ritus oder nur die ordentliche Form?

Die Liturgie bedarf um der größeren Treue zu ihrer mystischen Natur willen immer einer Reform. Das, was „Reform der Reform“ genannt wird und was wir als „gegenseitige Bereicherung der Riten“ bezeichnen könnten, um einen Ausdruck aus dem Lehre Benedikts XVI. zu verwenden, ist eine geistliche Notwendigkeit. Sie betrifft beide Formen des Römischen Ritus.

Ich lehne es ab, unsere Zeit dazu zu verwenden, die eine Liturgie gegen die andere zu stellen oder den Ritus des heiligen Paul V. gegen den des seligen Paul VI. Es  geht darum, in die große Stille der Liturgie einzutreten; man muß sich von allen liturgischen Formen bereichern lassen, lateinischen oder östlichen. Warum sollte sich die außerordentliche Form nicht dem öffnen, was die aus dem Zweiten Vatikanum hervorgegangene liturgische Reform an Besserem hervorgebracht hat? Warum sollte die ordentliche Form nicht die alten Offertoriumsgebete wiederfinden, das Stufengebet oder ein wenig Stille während mancher Teile des Kanons?

Ohne einen kontemplativen Geist bleibt die Liturgie eine Gelegenheit zu haßerfüllten Entzweiungen und ideologischen Kämpfen, öffentlichen Demütigungen der Schwachen durch jene, die beanspruchen, die Autorität zu besitzen, während die Liturgie doch der Ort unserer Einheit und unserer Gemeinschaft im Herrn sein müßte. Warum gegeneinander kämpfen und sich verachten? Im Gegenteil, die Liturgie sollte uns alle zusammenkommen lassen in der Einheit des Glaubens und der wahren Kenntnis des Sohnes Gottes, zum vollkommenen Menschen, zur Fülle der Gestalt Christi… So in der Wahrheit der Liebe lebend werden wir in allem in Christus heranwachsen zu Ihm hin, der das Haupt ist (vgl. Eph 4, 13-15).

Wie können wir im aktuellen liturgischen Kontext der lateinischen Welt das Mißtrauen überwinden, das einige Anhänger der beiden liturgischen Formen desselben Römischen Ritus hegen, die es ablehnen, die andere Form zu zelebrieren und sie manchmal mit einer gewissen Verachtung betrachten?

Die Liturgie verderben heißt unsere Beziehung zu Gott und den Ausdruck unseres christlichen Glaubens zu verderben. Kardinal Charles Journet versicherte: „Die Liturgie und die Katechese sind die beiden Greifer der Zange, durch welche der Dämon dem christlichen Volk den Glauben entreißen und sich der Kirche bemächtigen will, um sie zu zermalmen, zu vernichten und endgültig zu zerstören. Heute noch liegt der große Drache vor der Frau, der Kirche, auf der Lauer, bereit, ihr Kind zu verschlingen.“ Ja, der Teufel will uns gegeneinander stellen im Herzen des Sakraments der Einheit selbst und der brüderlichen Gemeinschaft. Es ist Zeit, daß die Verachtung, das Mißtrauen und die Verdächtigungen ein Ende nehmen. Es ist Zeit, ein katholisches Herz wiederzufinden. Es ist Zeit, gemeinsam die Schönheit der Liturgie wiederzufinden, wie es uns der Hl. Vater Franziskus empfiehlt, denn, „die Schönheit der Liturgie spiegelt“ – wie er sagt – „die Herrlichkeit unseres Gottes wieder, die in seinem lebendigen und getrösteten Volk aufscheint“ (Predigt zur Chrisammesse am 28. März 2013).

Wie haben Sie ihren Aufenthalt in der Großen Kartause erlebt?

Ich danke Gott, daß er mir diese außerordentliche Gnade erwiesen hat. Und wie könnte ich die Dankbarkeit meines Herzens gegenüber Dom Dysmas de Lassus verschweigen für seine so warme Gastfreundschaft. Ich möchte ihn auch demütig um Verzeihung bitten für alle Störung, die ich durch meinen Aufenthalt bei ihm  verursacht haben mag. Die Große Kartause ist das Haus Gottes. Sie zieht uns zu Gott empor und bringt uns vor sein Angesicht. Alles ist aufgeopfert, um Gott zu begegnen: die Schönheit der Natur, die strenge Einfachheit des Ortes, das Schweigen, die Einsamkeit und die Liturgie. Obwohl ich die Gewohnheit habe, nachts zu beten, hat mich das nächtliche Offizium in der Großen Kartause tief beeindruckt: die Dunkelheit war rein, die Stille war Trägerin einer Gegenwart, der Gegenwart Gottes. Die Nacht verbarg uns alles, sie isolierte den einen gegenüber den anderen, aber sie vereinte unsere Stimmen und unseren Lobpreis, sie richtete unsere Herzen aus, unsere Blicke und unsere Gedanken, um nichts anderes zu sehen als Gott. Die Nacht ist mütterlich, köstlich und reinigend. Die Dunkelheit ist wie eine Quelle, aus der wir gewaschen aufsteigen, befriedet und tiefer mit Christus und den anderen vereint. Einen guten Teil der Nacht im Gebet zu verbringen, regeneriert uns. Es läßt uns neu geboren werden. Hier wird Gott wirklich unser Leben, unsere Kraft, unser Glück, unser Alles. Ich spüre eine große Bewunderung für den heiligen Bruno, der wie Elija so viele Seelen auf diesen Berg Gottes geführt hat, um sie hören und sehen zu lassen „die Stimme eines leisen Säuselns“ und sich von dieser Stimme ansprechen zu lassen, die uns sagt: „Was tust Du da, Elija?“ (1 Kön 19, 11-13)

 

Die Fragen stellte Christophe Geffroy.

Mit freundlicher Genehmigung von Kardinal Sarah und La Nef. Deutsche Übersetzung veröffentlicht bei CNA

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Quelle

GOTT ODER NICHTS – Gedanken zum Buch von Kardinal Robert Sarah von Kardinal Gerhard Müller

Robert Kardinal Sarah, der Domkapellmeister Georg Ratzinger und Gerhard Ludwig Kardinal Müller im Schloss St. Emmeram.

Zu Beginn möchte ich Kardinal Robert Sarah danken für sein Glaubenszeugnis, das er mit seinem in diesem Jahr [2015] erschienenen Buch „Dieu ou rien. Entretien sur la foi“ ablegt. Zugleich beglückwünsche ich die deutsche Sprachfamilie für die Möglichkeit, sich nun mit der Gedankenfülle eines großen Theologen und geistlichen Menschen in ihrer Muttersprache bekannt zu machen.

 

1. Der Mensch vor der alles entscheidenden Alternative

Das Gespräch über den Glauben, das Kardinal Sarah mit dem renommierten Kenner des II. Vatikanischen Konzils Nicolas Diat führt, trägt den Titel „Gott oder Nichts. Gespräch über den Glauben“. Es geht also nicht um dieses oder jenes interessante Einzelthema oder um die Propagierung der Lieblingsideen eines Schriftstellers oder politischen Akteurs. Der Kardinal hat vielmehr den Menschen als solchen und ganzen im Blick und zwar in der absoluten Hinsicht auf Gott, dem Ursprung und Ziel der ganzen Schöpfung in der Liebe, die Gott ist in seinem Sein und Leben.

Angesichts der Endlichkeit unseres kurzen Erdendaseins, der irdisch nicht zu erfüllenden Gerechtigkeit für die Armen, für die Erniedrigten, die unschuldig Leidenden, die zu früh Gestorbenen, die Millionen Opfer von Kriegen und Gewalt gibt es − alles zusammengefasst − nur die eine Alternative. Wenn Gott existiert, lebt und wirkt, dann hat alles doch einen Sinn, dann wird die Gerechtigkeit jedem am Ende zuteil, der sich Gott ganz anheimgibt, dann ist das letzte und nie verstummende Wort über die ganze Schöpfung Liebe und ewiges Leben und nicht Hass, Tod, Nichts, das große Aus. „Denn die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm 8,21). Mit Gott werden alle positiven Faktoren unserer Existenz in der Klammer des Geschaffenen mit Unendlichkeit und Liebe multipliziert.

Durch Gott ist alles ewig in, ohne Gott ist alles endgültig out.

In zehn Fragekreisen setzt sich der Kardinal theologisch und geistlich mit der Situation der katholische Kirche in der Welt der Gegenwart auseinander und bietet über die Diagnose hinaus eine Therapie für den orientierungslosen Menschen der Postmoderne. Den Glauben an Jesus Christus, den Sohn Gottes und Erlöser der ganzen Welt.

 

2. Kardinal Sarah im geistlichen und theologischen Profil

Schon Papst Johannes Paul II. hat die tiefe Spiritualität des damaligen Erzbischofs von Conakry in dem kleinen afrikanischen, ganz islamisch geprägten Land Guinea mit einer katholischen Minderheit erkannt und seine theologische Kompetenz gewürdigt, indem er ihn 2001 an die römische Kurie geholt hat. Und Papst Benedikt XVI. ihn 2010 berief in das Heilige Kollegium der Kardinäle, die dem Papst bei der Regierung der Weltkirche unmittelbar zur Seite stehen. Die Wertschätzung, die ihm Papst Franziskus entgegenbringt, zeigte sich in der Berufung des langjährigen Präsidenten des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden „Cor unum“ zum Präfekten der Kongregation für den Gottesdienst und die Ordnung der Sakramente. Während ihn die Arbeit für Cor unum weltweit mit den Herausforderungen der Armut und Not konfrontierte, hat er in seinem neuen Arbeitsfeld mit einem anderem Grundvollzug der Kirche zu tun: der Liturgie, dem Gottesdienst und den Sakramenten.

Wie bedeutsam diese Kongregation für die ganze Kirche als Gemeinschaft des Glaubens und der Gottesverehrung ist, zeigt sich etwa in der Beschreibung der Liturgie in dem entsprechenden Dekret des II. Vatikanums: Die Liturgie und speziell die Heilige Eucharistie ist inmitten der Martyria und der Diakonia, (d.h. der Glaubenslehre, der Verkündigung, der Seelsorge und dem caritativen Dienst), Quelle und Höhepunkt allen kirchlichen Lebens und Handelns (vgl. SC 10).

In der Liturgie drückt sich der Glaube aus als unmittelbare Antwort auf die Selbstoffenbarung des dreifaltigen Gottes, der für jeden Menschen in seinem Fleisch gewordenen WORT, in seinem Sohn Jesus Christus Weg, Wahrheit und Leben bedeutet. Die Kongregation für den Gottesdienst hat es mit einem wesentlichen Grundvollzug von Kirche als dem universalen Sakrament des Heils der Welt zu tun. Es geht nicht um eine äußerliche Inszenierung von Riten und Symbolen, in denen der Mensch mit sich selbst spielt, um sich selber kreist, sich selbst verehrt und anbetet, aber ohne sich zu überschreiten in die wahre Transzendenz Gottes. In der Liturgie ereignet sich die Erhöhung des Menschen durch die Gnade. Denn sie ist das Gegenteil eines selbstmitleidigen Egotrips. Liturgie ist die Erhebung der Herzen zu Gott, dem allein Anbetung und Verherrlichung gebührt. Nicht wie im heidnischen Kult und Mythos der Mensch die Götter servil umschmeichelt oder sich prometheisch gegen sie auflehnt, sondern wie in Christus Gott und Mensch sich begegnen, so verehren die Christen Gott. „Die Herrlichkeit Gottes ist der (in der Gnade) lebende Mensch, das Leben des Menschen aber ist die Schau Gottes“, so formulierte es der hl. Irenäus von Lyon im 2. Jahrhundert (Adv. Haer. IV, 20,7: Gloria enim Dei vivens homo, vita autem hominis visio Dei). Angebetet, verherrlicht und geliebt wird der dreifaltige Gott, der in der Person des Wortes unser Fleisch angenommen hat, der in Jesus Christus in seiner wahren menschlichen Natur, in seiner menschlichen Geschichte, in seinem Opfertod für uns am Kreuz und in seiner realen Auferstehung von den Toten den Tod und die Gottesferne überwunden hat. Es ist derselbe Jesus Christus, der als der erhöhte Herr uns Menschen geschichtlich, leiblich und gemeinschaftlich, in der Kirche und ihren Sakramenten realistisch von Person zu Person begegnet.

Die Verantwortung, die Kardinal Sarah von Papst Franziskus übertragen worden ist, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Man bedenke nur, was Joseph Ratzinger − im erst-erschienen der auf 16 Bände berechneten Ausgabe seiner Gesammelten Schriften − der Kirche als Vermächtnis mitgegeben hat: Im Zeitalter der schleichenden oder lärmenden Säkularisierung der abendländischen Christenheit und einer aggressiven De-Christianisierung der Weltgesellschaft wird das richtige Verständnis der Liturgie und ihr würdiger Vollzug zur Schicksalsfrage des Christentums in der Welt von heute und morgen.

Zur Erfüllung dieser Aufgabe bedarf es mehr als nur eines fachlichen Studiums der Liturgiewissenschaft im engeren Sinn. Der geistige Horizont eines Kardinalpräfekten der Kongregation für den Gottesdienst muss die philosophischen, fundamentaltheologischen, dogmatischen, kulturellen und politischen Voraussetzungen und Bedingungen des Christseins in der Moderne und Postmoderne geistig durchdrungen haben. Nur eine tiefgründige Diagnose der geistigen und kulturellen Struktur der globalisierten Welt kann auch zur Entwicklung einer Therapie führen, die den Nihilismus − als den gemeinsamen Nenner aller Erwartungen und Bestrebungen einer Welt ohne Gott − überwindet und den Glauben an Gott als Grund und Ziel des Menschen neu zum Leuchten bringt. Die Liturgie-Unfähigkeit des modernen Menschen, von der Romano Guardini schon 1948 auf dem Mainzer Katholikentag sprach und die „Krise des sakramentalen Idee“ in einem auf die Immanenz begrenzten Bewusstsein, die von Joseph Ratzinger festgestellt worden ist, haben ihren Grund im monistischen System des Naturalismus, der die transzendentale Verwiesenheit des Menschen in Geist und Freiheit auf das Mysterium Gottes leugnet und der konsequent den Menschen eindimensional-innerweltlich begrenzt und ihn nicht als Hörer des Wortes auf eine übernatürliche Offenbarung Gottes in Welt, Geschichte und Geist des Menschen zu sehen vermag.

 

3. Quellen und Prägungen seiner christlichen Identität

Robert Sarah wurde am 15. Juni 1945 geboren in Ourous, einem kleinen unbedeutenden Bauerndorf, als Guinea noch französische Kolonie war. Wie borniert der Kolonialismus war, zeigt sich in der mechanischen Übernahme des französischen Schulmaterials aus dem sogenannten Mutterland. Die Kinder in Guinea lernten, dass sie als Franzosen Nachkommen der Gallier waren. Kolonialismus, Rassismus sowie militärischer oder kultureller Imperialismus waren und sind Schandmale der Menschheitsgeschichte und − theologisch ausgedrückt − Erscheinungsformen der Erbsünde, die nur durch die größere Liebe Gottes vergeben werden kann.

Die erste positive Erfahrung, die sein ganzes Leben bis in die letzten Tiefen seiner geistigen und sittlichen Existenz prägte, war die Begegnung mit den Missionaren aus dem Spiritanerorden. Ohne jede politische Ambition und ohne den leisesten Anklang eines europäischen Überlegenheitsgefühls wirkten die Patres selbstlos, immer demütig und mit voller Hingabe als Männer Gottes, als Botschafter nicht des europäischen Lebensstandards, sondern der alle Menschen ergreifenden und sie familiär vereinenden Liebe Gottes.

Eurozentrik verengt den Horizont. Theozentrik entgrenzt ihn. Christozentrik vereint alle Menschen in Gott.

Wer an Gott glaubt, ist überall zuhause. Und in dem einen Haus des Vaters sind wir alle Brüder und Schwestern. Wir gehören von der Schöpfung aus gesehen zur Familie der Menschheit. Im Licht der Offenbarung zeigt sich die Glaubensgemeinschaft in Christus als Haus und Volk Gottes. Die Liebe Gottes begründet die Würde des Menschen und gibt Hoffnung in Leid und Ungerechtigkeit, sie schenkt die geistliche Kraft, den Hass zu überwinden und sogar den Feind zu lieben, d.h. ihn aus dem Gefängnis der Gottlosigkeit und Menschenfeindschaft zu befreien. Die Liebe des Schöpfers und Erlösers eröffnet die Aussicht auf die Erfüllung der ganzen Schöpfung in Gott selbst. Das ewige Leben ist nicht ein zeitlich unbegrenztes Weitermachen wie bisher − nur unter anderen äußeren Bedingungen. Das ewige Leben ist die Erkenntnis Gottes und seines Sohnes Jesus Christus ( Joh 17,3). Gott lebt in uns und wir leben in Gott. „Der Tod ist nicht das Ende, sondern für mich der Anfang des Lebens“, sagte der erst 39-jährige Dietrich Bonhoeffer kurz vor seiner Hinrichtung durch die Schergen des Fürsten dieser Welt, den Jesus im Johannesevangelium den Lügner und Mörder von Anbeginn nannte (Joh 8,44). Lüge, Mord und Gewalt sind die Kennzeichen der von Menschen errichteten Reiche der Selbsterlösung, die sich an die Stelle Gottes stellen wollen, während das Reich Gottes Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit im Heiligen Geist bedeutet. Der Mensch ist auf das Absolute ausgerichtet. Nur wo Gott über und im Menschen ist, gibt es Wahrheit in Freiheit und Gerechtigkeit in Liebe. Wo der  Mensch sich des Absoluten zu bemächtigen sucht, macht er sich zum Götzen, der durch den Griff nach der totalitären Herrschaft die Menschen durch politisch-mediale Machtausübung gleichschaltet und somit versklavt.

Nach der Entlassung seiner Heimat aus der kolonialen Abhängigkeit von Frankreich, errichtete der Diktator Sékou Touré eine blutige marxistisch-leninistische Herrschaft mit dem Ergebnis von zwei Millionen Flüchtlingen und vielen Tausenden Menschen, die grausam ermordet, gefoltert und gedemütigt wurden. Auch der Vorgänger unseres Kardinals als Erzbischof von Conakry Mgr. Raymond-Marie Tchidimbo und viele Christen wurden brutal misshandelt im Namen einer Ideologie, die die Religion als Opium des Volkes verächtlich macht und im Namen von Freiheit, Fortschritt und Wissenschaft jede Verletzung der Religionsfreiheit und der Menschenrechte gegen Christen für gerechtfertigt und geboten hält. Nach zwei atheistischen Diktaturen auf deutschem Boden in einem Jahrhundert und zwei Weltkriegen, die innerhalb von 25 Jahren von Deutschland ausgingen, wissen wir Deutschen, was eine Welt ohne Gott bedeutet, in der die Glaubenden als gefährlich, rückständig, mittelalterlich verlacht, marginalisiert und aus dem öffentlichen Leben ausgeschaltet werden. Die altliberale Maxime „Religion ist Privatsache“ des 19. Jahrhunderts, die sich im 20.Jahrhundert alle totalitären Politsysteme zueigen gemacht haben, ist nichts anderes als eine extreme Verletzung der Menschenrechte. Denn ebenso wie Agnostiker haben auch Menschen mit der Überzeugung, dass Gott die Liebe ist, das natürliche Menschenrecht, sich gerade auch im Bekenntnis ihrer Lehre und ihrer Lebensführung im öffentlichen Leben für das Gemeinwohl einzusetzen. Eine echte Demokratie unterscheidet sich von der Pöbelherrschaft oder „Volksdemokratie“ dadurch, dass sie auf den unverletzlichen Menschenrechten aufbaut und sie nicht nach ideologischen Interessen selbst definiert, was der Mensch ist und somit den Menschen der Willkür der Masse oder der herrschenden Partei oder Meinung ausliefert. Ein Staat muss weltanschaulich neutral sein, aber er darf nicht zum Zwangsinstrument werden, um eine atheistisch-naturalistische Weltsicht eines Teils seiner Bürger zum Gesetz des Ausschlusses eines andern Teils von den staatlichen und öffentlichen Institutionen zu machen. Mit der weltanschaulichen Neutralität des Staates ist die Erklärung des Säkularismus als quasi Staats-Weltanschauung unvereinbar. Die gebotene Trennung von Kirche und Staat beinhaltet die staatliche Respektierung der Freiheit und Autonomie der Kirche und der Religionsgemeinschaften und darf nicht zum Vorwand der Entrechtung der Gläubigen und der Einschränkung ihrer Grundrechte werden und kann auch nicht den Raub des Kirchengutes oder ihre Zurückdrängung aus der Öffentlichkeit rechtfertigen (II.Vat. Dignitatis humanae 4). Der moderne demokratische Staat muss weltanschaulich neutral sein und das bürgerliche Engagement auch der Glaubensgemeinschaften fördern. Er muss naturrechtlich, aber eben nicht säkularistisch-agnostisch begründet sein. Wo er Bürger gegen deren religiöse Überzeugung ins Private abdrängt oder zum Tun des Bösen gegen das Gewissen zwingt, und die Öffentlichkeit der Kirche verschließt, verletzt er das Menschenrecht der Religionsfreiheit und entzieht seiner demokratisch-rechtstaatlichen Legitimation den Boden (DH 6). Wo das Gewissen sich nicht mehr einer überweltlichen Instanz oder besser gesagt dem personalen Gott als Richter über Gut und Böse und als Orientierung für wahr und falsch verantwortlich fühlt, da ist − nach einem Wort Fjodor Dostojewskis − „ alles erlaubt“. Der russische Dichter formulierte es nur theoretisch. Wir Zeitgenossen des 20. Jahrhunderts wissen, was das praktisch bedeutet.

In dieser Zeit der Verfolgung in seiner geliebten Heimat findet sich eine zweite tiefe Quelle der Spiritualität von Kardinal Sarah. Die Erkenntnis Christi, des Gekreuzigten. Ich hatte schon von der Erfahrung der Demut und unbedingten Opferbereitschaft der französischen Missionare gesprochen, die ihm den ohne jede Vorbedingung uns Menschen liebenden Gott ins Herz eingepflanzt haben. Jetzt ist es mitten in der Verfolgung, wo es menschlich gesprochen keinen Ausweg gibt, die Erfahrung des Kreuzes Christi, die Hoffnung gegen alle Hoffnung vermittelt. Kalvaria ist der höchste Punkt, von dem aus wir mit den Augen des Gottessohnes am Kreuz die Menschen, die Welt, die Geschichte und die ganze Schöpfung betrachten und mit dem Übermaß der vergebenden und versöhnenden Liebe Gottes beurteilen. Stat crux, dum volvitur orbis. Das Kreuz steht fest, und wenn die ganze Welt umstürzt und im Chaos  zu versinken droht.

Und doch haben wir es im geoffenbarten Glauben, der von Gott kommt, nicht mit einer Gegenideologie zu tun. Im Glauben begegnet uns Christus selbst. Er, der als wahrer Mensch unser Erdenleben und Leiden am eigenen Körper und in der eigenen menschlichen Seele und in seinem menschlichen Bewusstsein ertragen und dem Vater im Himmel aufgeopfert hat, ist derselbe , der von den Toten auferstanden ist. „Er ist der wahre Gott und das ewige Leben.“( 1 Joh 5,20). Und die Gemeinde seiner Jünger, die Kirche bekennt ihn als den wahren Gott, den Sohn des Vaters, unser aller Erlöser und der Hohepriester und Mittler des Neuen und Ewigen Bundes.

Von den Patres hat Robert Sarah gelernt und das war eine weitere Grunderfahrung, was Mission eigentlich ist, nämlich die Verkündigung und die Einbeziehung eines jeden Menschen, der im Glauben  frei Ja sagt zu Gott, in das Geheimnis der göttlichen Liebe des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Christliche Mission ist das Gegenteil von Proselytismus, der nur überredet und nötigt, die eigene Kultur und Mentalität zu übernehmen, statt die Begegnung mit der wahren Gott in Wort und Sakrament zu vermitteln. Proselytismus instrumentalisiert andere für die Bestätigung des Selbst. Mission bezeugt den Brüdern die Liebe Gottes jedem einzelnen Menschen.

Der jugendliche Katholik Robert Sarah hat auch die Heilige Messe kennen und lieben gelernt als Gemeinschaft mit Jesus in Liebe und Wahrheit. Mission und Kreuz aber gerade auch die Liturgie sind die Quellen der geistlichen Existenz von Kardinal Sarah. Wenn ich die Heilige Messe gläubig und mit der gebotenen tiefsten Ehrfrucht vor Gott mitfeiere, dann nimmt Jesus mich mit meinem ganzen Leben, Arbeiten, Sorgen und Leiden hinein in sein Opfer am Kreuz, in dem er sich dem Vater für das Heil der Welt dahingegeben hat, damit wir in Gott, aus Gott und für Gott jetzt und ewig leben können. Die sakramentale Kommunion führt uns, wenn wir sie im Stande der heiligmachenden Gnade, der im Leben bewahrten oder im Bußsakrament wiedererlangten Taufgnade, mit der Liebe zu Gott über alles und mit der Liebe zu unseren Nächsten wie zu uns selbst empfangen, in die geistliche  Lebens-Gemeinschaft mit Christus. Sie ist Einheit mit Jesus Christus in seiner wahren Menschheit und Gottheit.

So von einem tiefen Glauben geprägt anhand der Vermittlung und des guten Beispiels glaubwürdiger Diener des Herrn, formte sich im Inneren des jungen Robert Sarah, der Gedanke und der Wunsch, dem Herrn selber als Priester zu dienen. Sein Vater und seine Mutter waren fromme Katholiken, gleichsam in der ersten Generation, die ihrem einzigen Kind in warmer elterlicher Liebe verbunden sind. Aber es war für sie noch unvorstellbar, dass ein Schwarzer Priester werden könnte. Natürlich haben sie theoretisch gewusst, dass vor Gott alle Menschen gleich sind und dass Gottes Liebe zu jedem  Menschen dem einzelnen nichts nimmt, sondern ihn bestätigt und ihn so in die Kirche als Familie Gottes einführt.

Und doch waren sie noch befangen vom Geist und Ungeist der Meinung, das Christentum sei eigentlich eine Religion der Europäer. Aber der universale Horizont des katholischen Glaubens befreit von den sekundären Überlagerungen des Evangeliums Christi. Nur Gott kann Menschen zu einem besonderen Dienst berufen und einzelnen mehr Gnade und Talent verleihen, ohne seine Gerechtigkeit aufzugeben. Denn Gottes Gerechtigkeit besteht in der Mitteilung unterschiedlicher Charismen an die einzelnen, damit alle im Zusammenwirken der verschiedenen Gnadengaben zum Wohl des Ganzen beitragen. Die Verschiedenheit der Menschen offenbart so die Gerechtigkeit Gottes gegenüber allen, weil in der Vielheit der Sendungen, Vollmachten und Charismen die größere Gemeinschaft möglich wird. Somit ist auch die Kirche nicht eine sekundäre Folge der individuellen Gottesverhältnisses der einzelnen Personen. Gott wollte die Menschen, die ihrer geschaffenen Natur nach Gemeinschaftswesen sind, nicht isoliert voneinander erlösen, sondern sie zu einer Gemeinschaft zu machen, die in Christus das Heil vergegenwärtigt und vermittelt (II.Vatikanum, Lumen gentium 9). Die Kirche ist Haus und Volk Gottes, Leib Christi und Tempel der Heiligen Geistes. Jedem werden die Gaben des Geistes so mitgeteilt, dass sie den anderen nutzen und so der ganze Lieb Christi, die Kirche, in Liebe aufgebaut wird (1 Kor 12,7; Eph 4,16).

Und so fügten sich die Eltern aus Liebe zu ihrem Sohn in den Willen Gottes, dass ihr Sohn dem Reich Gottes als Priester dient gerade auch in der Lebensweise der Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen (Mt 19,12; 1 Kor 7,32). Den Zölibat der Priester versteht nur der geistliche Mensch. Dem mondänen und säkularisiertem Denken ist er ein Relikt aus einer Zeit, in der die Gläubigen alles auf Gott setzten. Dem Hedonismus ist es das Hassobjekt schlechthin. Er wird konsequent missdeutet, verdächtigt und verächtlich gemacht von denen, die das katholische Priestertum nur in den weltlichen Kategorien eines Kultbeamten oder eines gelegentlich seltsame Kleider tragenden Sozialarbeiters oder Lebensberaters zu erfassen vermögen.

Schließlich haben seine Eltern erlebt, wie aus ihrem Sohn ein Seelsorger, Professor der Theologie, und mit 33 Jahren ihr Robert zum Erzbischof der Hauptstadt wurde. Sie bangten täglich um ihn, der oft mit dem Tod bedroht wurde und so mutig vor den Machthabern dieser Welt Zeugnis für die Liebe, Demut und Barmherzigkeit Jesu ablegte. Das ist christliche Identität: zu wissen, dass vom Kreuz Christi die wahre Freiheit, das wahre Glück des Menschen und seine ewige Seligkeit ausgehen.

Auch seinen Weggang nach Rom erlebten sie einerseits schmerzlich berührt vom Abschied und andererseits auch mit berechtigtem Stolz, dass ihr Sohn nun dem Papst bei der Leitung der Universalkirche nahe ist und zur Hand geht. Weltlich betrachtet könnte man den Weg aus dem vergessenen Dorf an der Peripherie eines Kolonialreiches ins Zentrum der Weltkirche in Rom für eine afrikanische Variante des amerikanischen Traums „vom Tellerwäscher zum Millionär“ halten. Der Vergleich legt eher den Weg der einfachen Fischer vom See Genezareth zu Jesus nahe, der sie als seine Apostel in alle Welt aussendet. Beim Traum Millionär zu werden steht der Materialismus als Leitbild über allem. Geld ist im ideologischen Kapitalismus nicht Mittel zum Zweck, sondern Selbstzweck. Das Geld wird zum Gott und wie viele Menschen wurden auf dem Altar des Kapitalismus schon wie Menschenopfer geschlachtet.

Bei der Geschichte „vom afrikanischen Bauernjungen zum Kardinal der Heiligen Römischen Kirche“ geht es um ein spirituelles Menschenbild. Nicht der materielle Überfluss, sondern der Schatz im Himmel ist das Kriterium für ein gelingendes Leben. „Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber an seiner Seele Schaden erleidet“ (Lk 9,25). Der Christ hat die Freiheit, sich für andere aufzuopfern und darum reich zu werden in der Liebe.

Eine Mutter, die ihrem kranken oder sterbenden Kind unter Opfern noch viel Liebe schenkt, ist reicher als eine andere, deren Kinder sich eines riesigen Bankkontos rühmen, die aber von ihrer Mutter nichts wissen wollen, weil die alte, kranke Frau ihr Genussleben stört.

Der Theologiestudent Robert Sarah hat hervorragende und geistlich überzeugende Lehrer gehabt auch bei seinen höheren Studien in Frankreich, Jerusalem und Rom. Sie haben ihn zu einem selbständigen Denken und Urteilen geführt dank der Ausgewogenheit der intellektuellen, humanen und spirituellen Ausbildung und Formung. Kardinal Sarah wurde so zu einem führenden Intellektuellen des katholischen Geisteslebens. Im Kardinalskollegium hat seine Stimme Gewicht und er ist dem Hl. Vater mit seinem klaren Verstand, und seinem sicheren Urteil in Glaubensfragen eine wirkliche Hilfe.

Wer aus einer verfolgten Kirche kommt, gehört nicht zur Spezies der Opportunisten, die sich zu allen Zeiten der Kirchengeschichte in das vermeintliche Machtzentrum gedrängt haben. Kardinal der römischen Kirche sein heißt, dem  universalen Hirten der Kirche zu dienen und  nicht sich seiner Nähe zu rühmen. Dieses Handeln, Reden und Sich-selbst-Inszenieren nach den Gesetzen der Mediengesellschaft wird von Papst Franziskus als mondänes Denken verurteilt. In Freiburg hatte Benedikt XVI. von dem notwendigen Ende der Verweltlichung der Kirche gesprochen, ohne bei den Betroffenen Gehör zu finden. „Die mondäne Versuchung ist eine Pest. Es geht nicht um eine menschliche Erhöhung in der Kirche, sondern ganz einfach um eine Nachahmung des Sohnes Gottes in seiner Demut und Barmherzigkeit“, sagt Kardinal Sarah (vgl. 2.Kap.).

Die Kirche ist weltweit die einzige Anwältin der Armen. Ihr Ziel ist nicht die Angleichung Afrikas an den mondänen, nihilistischen, zynischen Lebensstil eines dem Glauben entfremdeten Europas und Nordamerikas. Bei aller sozialen Hilfe geht es nicht darum, dass die Armen zu Millionären werden um im Geld den Lebenszweck entdecken und dabei den Schatz im Himmel zu verlieren, der nicht wie alle Reichtümer dieser Welt von Rost und Motten zerstört wird. Es geht vielmehr um ein Leben aller in Würde und darum, den Armen nicht den Reichtum der Gnade und Barmherzigkeit Gottes vorzuenthalten. „Der Hunger nach Brot muss verschwinden; der Hunger nach Gott muss wach bleiben“, sagte einmal Johannes Paul II. in den Elendsvierteln von Lima. Wer den Hunger der Menschen nach Gott nicht erkennt, der belässt sie in ihrer schlimmsten Misere. Einigen katholischen Hilfsorganisationen ist es heute peinlich von Gott zu sprechen. Sie wollen sich auf rein humanitäre Tätigkeiten beschränken, um dem Vorwurf des Proselytismus zu entgehen. Auch nehmen manche Vertreter und Angestellte dieser Hilfswerke vor Ort nicht am gottesdienstlichen Leben teil, das sie als Rest der Unaufgeklärtheit ihrer dortigen afrikanischen und asiatischen Brüder und Schwestern ansehen. Demgegenüber hat Papst Franziskus in Evangelii gaudium von seinem Schmerz über diese schlimmste Art der Diskriminierung der Armen gesprochen, wenn man ihrem spirituellen Hunger nach Gott, der Gnade und den Sakramenten mit Gleichgültigkeit und der bornierten Selbstgefälligkeit des Aufgeklärten gegenübersteht und sie im materialistischen Sinn auf Lebewesen reduziert, denen man bloß Essen und Trinken verabreichen muss, um sie ruhig zu stellen. Dem teuflischen Versucher, der von Jesus verlangte aus Steinen Brot zu machen, hält der wahre Messias entgegen: „Nicht vom Brot allein lebt der Mensch, sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes hervorgeht.“ (Mt 4,4). Die „vorrangige Option für die Armen“ besteht in der Sorge um ihre Offenheit für Gott und von daher kommt auch die umfassende Option für die materielle und kulturelle Teilnahme am Leben der Gemeinschaft. Dem gedankenlosen und banalen Vorwurf, die Hoffnung auf Gott lähme das Engagement auf Erden, lässt sich mit dem Hinweis auf bekannte und unbekannte Heilige begegnen, die die Einheit von Gottes- und Nächstenliebe, von Gott-Orientierung und Welt-Verantwortung vorgelebt haben. Der Kardinal nennt Damian de Veuster, der auf einer Südseeinsel sein Leben für die Leprakranken aufopferte und Mutter Teresa, die für die Armen von Kalkutta da war. Schließlich fällt die Bilanz der Ideologen, die ein Reich rein irdischer Wohlfahrt errichten wollten im Gegensatz zum Glauben an Gott nicht nur ernüchternd, sondern erschütternd aus, allein schon wenn man sich auf das 20. Jahrhundert beschränkt. Wen wundert die Gleichgültigkeit über die ungeheuren Gewalttaten gegen die Christen Afrikas und des Vorderen Orients bei westlichen Politikern und Führern der öffentlichen Meinung, wenn die Entchristianisierung Europas und der ganzen Welt das Ziel ist? Menschrechte sind nach den Vorstellungen der Kirchenfeinde doch teilbar?

In Kardinal Sarah meldet sich die Stimme der jungen, dynamischen, wachsenden katholischen Kirchen in Afrika kompetent und überzeugend zu Wort. Um 1900 gab es in Afrika 2 Millionen Katholiken, hundert Jahre später sind es um die 200 Millionen. Um 1900 bekannten sich in Deutschland 97% der Bevölkerung zum christlichen Glauben, 2015 sind etwa 60%. Afrika ist endgültig aus dem Status des Empfangenden herausgetreten. Die reiche Frucht der wahren Mission, die vom dreifaltigen Gott ausgeht und alle Menschen zur Gemeinschaft mit ihm in der Liebe hinführen will, ist ein gemeinsames Anliegen geworden, das alle Christen in der einen Welt auf allen Kontinenten verbindet und die Kirche in ihrer wahren Katholizität hervortreten lässt. Die Kirche ist ihrem Wesen nach missionarisch, oder sie verfehlt ihren Auftrag, wie Papst Franziskus nicht müde wird zu wiederholen.

Es geht nicht darum, das kulturelle Überlegenheitsgefühl der Europäer seit der Aufklärung und den liberalen Fortschrittsglauben nur mit dem paternalistischen Gestus zu überwinden, dass die Afrikaner und Asiaten aufgeholt haben. Vielmehr ist es mit dem christlichen Glauben, dass Gott den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen hat, prinzipiell unvereinbar, dass sich ein Teil der Menschheit kulturell oder politisch einem anderen überlegen fühlt und sich als Führungsmacht der Menschheit, der Staatengemeinschaft oder sogar der Universalkirche aufspielt. Um als Theologe und Kardinal in der Weltkirche gehört zu werden, brauchte Robert Sarah seine afrikanischen Wurzeln nicht zu kappen, die Liebe zu seinen Eltern und zu seiner Heimat nicht zu verraten oder seine Identität als Schwarzer Afrikaner zu verstecken. Er versteht die afrikanische Kultur vor der Begegnung mit der christlichen Mission als einen von Gott geführten Weg hin zum Evangelium vom Reich Gottes. Die Idee von der angeblichen Gleichwertigkeit der Religionen mit der Selbstoffenbarung Gottes in Christus erweist sich als Produkt der westlichen Relativismus, der die Möglichkeit einer übernatürlichen Offenbarung  in Abrede stellt. In Wirklichkeit sind die Religionen bei all ihren Defizienzen aufgrund der Erbsünde das Zeugnis der natürlichen Offenbarung desselben Gottes, der seinen Heilsplan selbst in Christus geschichtlich verwirklicht und der um seinen universalen Heilswillen zu verwirklichen in seinem eingeborenen Sohn, der Gott selbst ist, nicht auf eine pluralistische Religionstheorie (à la Jacques Dupuis, John Hick) angewiesen ist. Es ist derselbe Gott, der sich im Werk seiner Schöpfung und im sittlichen Gewissen aller Menschen nicht unbezeugt gelassen hat, der sich als Heil aller Menschen in der Inkarnation des Wortes und in Kreuz und Auferstehung Christi geoffenbart hat und der die Welt zur Vollendung in ihm führen wird (Röm 1,18ff; Apg 17,22-34). Deshalb spricht Kardinal Sarah auch vom Glauben an den einen und höchsten Gott in der afrikanischen Kultur bei aller Verdeckung durch den Polytheismus des Alltags. Auch in der Ahnenverehrung manifestiert sich die Erkenntnis der Einheit der Menschheit und ihrer Solidarität im Heil. Dies kann ein wichtiger Ansatzpunkt für die übernatürliche Erkenntnis der die Generationen vereinenden Kirche sein und besonders den Gedanken der Gemeinschaft der Heiligen mit einer anthropologischen Grunderfahrung verbinden.

Dem exotischen Interesse europäischer Religionswissenschaftler, die ihrem eigenen Glauben entfremdet sind, etwa an den Initiationsriten erteilt der Kardinal eine Absage. Wie er aus eigener Erfahrung weiß, dienen diese Riten mit ihren körperlichen Prüfungen nicht der wirklichen Transformation des Menschen zu einer freien und verantwortlichen Persönlichkeit, weil sie auf Lüge, Gewalt und Angst aufbauen. Sie bieten so keine echte Basis zur Antwort auf die existentiellen Fragen und führen nicht zur Übernahme von Verantwortung für die Welt und die Gesellschaft. Die fälschlich sog. Beschneidung der Mädchen ist nichts anderes als schwere Körperverletzung und somit ein Übergriff in die natürlichen Menschenrechte und hat mit der rituellen Beschneidung von Knaben im Alten Bund und im Judentum nichts gemein. Die Berufung auf eine religiöse Tradition oder gar die Religionsfreiheit greift nicht. Denn es handelt sich hier nicht um einen religiösen Akt im Sinne der Gottesverehrung, sondern um einen eklatanten Widerspruch zum natürlichen Sittengesetz, in dem sich der Wille Gottes zum Heil des Menschen grundlegend schon manifestiert gerade auch in der Hinordnung auf die Offenbarung Gottes in Christus und in der Mitteilung des Heiligen Geistes.

Kardinal Sarah hat die ganze Krisensituation, die sich in der Kirche nach dem Konzil gezeigt hat, biographisch und geistig wach und geistlich einfühlsam miterlebt. Er weiß, dass nicht die authentische Lehre des II. Vatikanums dafür verantwortlich ist, sondern die ideologische und politische Instrumentalisierung eines sogenannten „Geistes des Konzils“, der aber ein Geist progressistischer Ideologien war. Im modernistischen Entwicklungsschema sind Offenbarung und Dogma der Kirche nur geschichtlich bedingte Durchgangsstufen, an deren Ende die Selbstvergöttlichung des Menschen steht. Die Offenbarung in Christus und die bisherige Geschichte wäre nur ein Vorspiel für ein Gottes-, Welt- und Kirchenverständnis, in dem der Mensch selbst zugleich Subjekt und Gegenstand der Offenbarung sei. Das ist der wahre Hintergrund der These, die „Lebenswirklichkeit“ sei die eigentliche Offenbarungsquelle, wodurch Schrift und Tradition auf geschichtliche Vorstufen reduziert werden, die vom höheren Standpunkt des im Menschen zu sich kommenden absoluten Geistes aufgehoben seien. An die Stelle des depositum fidei (1 Tim 6,20), der Gesamtheit der Wahrheit der Offenbarung, die die ganze Kirche und besondere das Lehramt des Papstes und der Bischöfe treu zu wahren haben, tritt die medial organisierte Mehrheitsmeinung, in der sich der angebliche Glaubenssinn des Gottesvolkes aussprechen soll. In Wirklichkeit ereignet sich im Glaubenssinn des Gottesvolkes keine neue Offenbarung, sondern in ihm wird die „ein für alle mal“ (Hebr 10,10) ergangene Heils-Offenbarung Gottes in Jesus Christus vollständig bewahrt und auf den Menschen von heute und morgen bezogen. Es geht nicht darum die Offenbarung der Welt anzupassen, sondern die Welt für Gott zu gewinnen.

Statt des Studiums von Schrift und Tradition vergeuden Theologiestudenten, und Forschungsinstitute mit Meinungsumfragen zur Sexualmoral nur ihre Zeit und das von Kirchensteuermitteln gesponserte Geld. Sie sind angesetzt, nur um das Lehramt auf Kurs zu bringen, so als ob das Leben der Kirche den Gesetzes von Parteitagsregien gehorchen würde.

Wahrscheinlich sind sich die Protagonisten der Tragweite solcher Theoreme nicht bewusst und verharmlosen ihre Position  um arglose Geister einzuschläfern, indem sie von einem nur pastoralen Anliegen reden.

Im Konzil hätte der katholische Glaube sich dann zur Gnosis zurückverwandelt, die er im 2. Und 3. Jahrhundert erfolgreich überwunden hatte oder das geschichtliche Christentum hätte sich in eine Variante des Idealismus Hegelscher Prägung umgewandelt. Seit dieser Zeit gibt es in der Kirche und doch zugleich auch gegen sie zwei ideologische Richtungen, die einander ausschließen, aber doch in der Frontstellung gegen die Grundprinzipien des katholischen Glaubens eine Aktionseinheit bilden. Es sind die Richtungen des Integralismus und des Modernismus, die auch unter anderen Etiketten verkauft werden. Der Einfachheit halber vermengt man sie mit den politischen Kategorien konservativ und liberal ohne zu beachten, dass es in der Politik um weltliche Macht und das menschlich Machbare geht und in der Kirche um die von Gott geoffenbarte Wahrheit über den Menschen und sein ewiges Heil in Gott. Es ist nach Kardinal Sarah für die Kirche selbstzerstörerisch, wenn sie sich dem politischen und medialen Spiel um die Macht ausliefert. Statt nach der Wahrheit zu fragen, die sich aus der definitiven Offenbarung in Christus ergibt, wollen ideologische Richtungen die Kirche zum Gegenspieler oder zum Mitläufer des Naturalismus in seiner liberalen, nationalistischen oder kommunistischen Variante machen.

In der Linie des Lehramtes der Päpste der jüngeren Zeit und besonders von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. und gerade auch im Geiste von Papst Franziskus gilt es, die Kirche im katholischen Glauben zu vereinen und die politisch-ideologische Spaltung in ihrem Innern zu überwinden. Notwendig ist die Neuevangelisierung über eine bloße „Sakramentalisierung“ (Sakramentenspendung ohne persönlichen Glauben) hinaus, indem man sich in Europa nur zu oft darauf beschränkt, den statistischen Bestand der Kirche aufrechtzuerhalten. Entscheidend dafür ist ein umfassender Dialog zwischen Glaube und Vernunft. In diesem Zusammenhang möchte ich den Berliner Philosophen Volker Gerhardt empfehlen, der in der Tradition der Transzendentalphilosophie wohl, mit seinem Buch: „Der Sinn des Sinns. Versuch über das Göttliche“ (3.Aufl. Berlin 2015) in der Absicht dieses Dialoges den Entwurf eine natürlichen oder rationalen Theologie ausgearbeitet hat.

Aus der Erfahrung der liebenden Gegenwart Gottes für uns und somit der Würde des Menschen als Person vor Gott ergibt sich für Kardinal Sarah die Auseinandersetzung mit einer „Kultur“, für die der Tod Dreh- und Angelpunkt ist und der nur die schmutzige Kehrseite ihres atheistischen Nihilismus darstellt. Die Entchristlichung soll bis in die anthropologischen Wurzeln vorgetrieben werden. Wenn der Mensch in seinem leiblichen, seelischen und geistigen Sein nur das Produkt einer ideologischen Konstruktion ist und sich so der Willkür gesellschaftlicher Interessen und ideologischen Pressure-Groups und nicht der Güte des Schöpfers verdankt, ist jeder Moral der Boden entzogen. Das sittliche Grundgesetz, das jedem Menschen von Gott ins Gewissen geschrieben ist und zu einer geistig-sittlichen Natur gehört, auch wenn er die 10 Gebote noch nicht wörtlich kennt (Röm 2,14f), heißt: „Das Gute ist zu tun und das Böse ist zu meiden!“

Im Programm der De-moralisierung und Ver-atheisierung der Menschheit wird das sittliche Grundgesetz ins Gegenteil verkehrt. Tötung eines Kindes im Mutterleib wird zum Frauenrecht, die Beseitigung eines schwer Kranken und Sterbenden zu einem Akt des Mitleides, die milliardenschweren Programme zur Abtreibung und Empfängnisverhütung werden zum Kampf gegen die Armut verklärt, damit die natürlichen Ressourcen für die Reichen reserviert bleiben und nicht durch ein Heer der Armen aufgebraucht werden; dann ist die Selbstzerstörung durch Drogen ein Akt der freien Selbstverfügung und der Menschenhandel mit Frauen aus den armen Ländern wird nur lau bekämpft oder als selbstverschuldet bagatellisiert. Das weltweite Verbrechen der Zwangsprostitution oder der Nötigung armer Frauen zum Sex mit reichen Lüstlingen wird geradezu salonfähig gemacht durch die Forderung, die Prostitution zu legalisieren. Die milliardenschwere Sex- und Pornographie ist nichts anderes als eine Ausbeutung von Menschen, die ihrer Person-Würde beraubt werden. Sie reiht sich unwürdig ein in die größten Menschheitsverbrechen.

Ihrer argumentativen Haltlosigkeit überführt der Autor die Genderideologie als Folge des radikalen Feminismus und angeblichen sexuellen Revolution der 68er Zeit, denen es nicht um die gerechte Beteiligung aller Männer und Frauen am geistig-kulturellen Leben geht, sondern um die Zerstörung der leiblich-geistigen Identität des Menschen als Mann  und Frau.

Beim Thema Homosexualität, dem im Verhältnis zu den Schicksalsfragen der Menschheit eine absolut überproportionale Bedeutung zugesprochen wird, verteidigt allein die Kirche die Würde eines jeden Menschen. Die Kirche lehnt das Spiel mit den davon betroffenen Menschen ab und schützt sie vor der Instrumentalisierung für den ideologischen Beweis, dass der Mensch nicht von Gott geschaffen sei, sondern ein Produkt gesellschaftlicher Selbst- und Fremdbestimmung darstelle, das man beliebig manipulieren könne. Die Menschenwürde und die bürgerlichen Rechte dieser Personen stehen gar nicht zur Debatte. Indem man aber die Ehe von Mann und Frau einem sexuellem Verhältnis von Personen gleichen Geschlechts gesetzlich und in der gesellschaftlichen Bewertung gleichstellt, ist die Ehe in ihrem Wesen als Gemeinschaft des Leibes, des Lebens und der Liebe von Mann und Frau zerstört. Der Zukunft der Menschheit wird biologisch, seelisch und kulturell der Boden entzogen. Das ist die Wahrheit, die hinter einer Nebelwand von Propaganda und Agitation zum Vorschein kommt. Nicht die Anerkennung der Person-Würde von homosexuell empfindenden Mitmenschen ist das Ziel der Genderideologie und des radikalen Feminismus, sondern die Zerstörung der Ehe von Mann und Frau und damit der Familie, die natürlich aus dem Lebensbund von Mann und Frau als Vater und Mutter ihrer gemeinsamen Kinder hervorgeht.

Es ist nur ein subtiler Neokolonialismus, wenn Entwicklungshilfe für Afrika von internationalen Organisationen und Gender-Staaten an die Übernahme dieser destruktiven Ideologie gebunden wird.

„Lieber sollen sie verhungern, wenn sie sich nicht unserer Gehirnwäsche aussetzen wollen“, so wird unverhohlen erpresst. Der Ungeist des europäisch-angelsächsischen Dünkels steht wieder auf, wenn Studenten aus den ärmeren Ländern Mainstreaming und Gleichschaltungskurse verabreicht werden − natürlich mit westlichen Steuergeldern gesponsert −, damit sie in ihrer Heimat die Alten auf Linie bringen, die im vorrationalen Denken und noch unbehelligt von den Weisheiten der Genderideologie in ihren Tabus befangen sind.

 

4. Die Kirche als Zeugin der Wahrheit und der Gutheit Gottes

Die Kirche ist den Menschen die Wahrheit Gottes schuldig. Sie darf sich auch nicht einschüchtern lassen von Vorwürfen etwa der Unterbewertung der Sexualität oder sich in die Zwickmühle ihrer Verteufelung oder Vergötzung bringen lassen. Die substantiale Einheit des Menschen in Geist, Seele und Leib, seine Bezogenheit auf die Gemeinschaft und die generationenübergreifende Verantwortung, die Identität als Mann und Frau in ihrer wesenhaften Bezogenheit aufeinander: alle diese Faktoren zeigen die Stimmigkeit der Ehelehre und der Sexualmoral der Kirche, die sie von Gott empfangen hat. Die innere Steigerung von Sexus, Eros und Agape in der Person der Ehepartner  weist die Ehe aus als natürliche Lebensgemeinschaft von einem Mann und einer Frau, die frei und für immer Ja zueinander gesagt haben. Dies gilt nicht nur für den Augenblick einer schönen Stimmung, weil Liebe Ganzhingabe bedeutet und nicht ein Gefühl der Hochstimmung, dem keine Dauer beschieden sein kann. Wenn auch aus der Kirche heraus eine neue Sexualmoral gefordert wird, mag dies von manchen unter Verkennung der Wahrheit des Evangeliums als befreiende Entlastung vom gesellschaftlichen Konformitätsdruck in Familie, Medien, am Arbeitsplatz empfunden und begrüßt werden. Den Menschen hilft eine alte heidnische und als neu angepriesene Sexuallehre nicht, die auf falschen anthropologischen Prämissen aufbaut, den Geboten Gott diametral widerspricht und vom Standpunkt der Offenbarung als häretisch zu qualifizieren ist. Nur was sittlich gut ist und dem Willen Gottes entspricht, kann auch den Menschen zum Glück und Heil gereichen. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass der Hedonismus eine uralte Irrlehre ist und nur den atheistischen Nihilismus als theoretische Basis hat, kann man nur von einer atheistischen Anthropologie her die Sexualität als moralfreien Raum ansehen, in dem allenfalls ein paar äußere Regeln gelten. Die Sexualität ist vielmehr von innen her dem moralischen Prinzip der Unterscheidung von Gut und Böse ausgesetzt, nämlich dass durch sie in der geistleiblichen Einheit der Person die Liebe und die Hingabe ohne Vorbehalt und jede Berechnung oder wechselseitige Instrumentalisierung ihr Kriterium ist.

Wir wissen alle, sagt der Kardinal, dass wir Sünder sind und gerade im Bereich der Sexualität sich die Schwäche des Menschen sehr deutlich zeigt, die Leiblichkeit in das Person-Sein zu integrieren. Dem Menschen, der sein Fehlverhalten einsieht und seine Schuld bereut, versagt Gott seine Vergebung nie und er hat auch der Kirche die Vollmacht zur Vergebung aller Sünden im Bußsakrament anvertraut. Der Skandal besteht nicht darin, dass immer wieder das 6. Gebot übertreten worden ist und übertreten wird. Der Skandal wäre es und ein Abfall der Kirche von Gott, wenn die Kirche den Unterschied von Gut und Böse nicht mehr nennen würde oder gar frevelhaft das für gut erklärt, was Gott als Sünde erklärt; oder wenn man gar Gott mit fromm klingenden Worten in Anspruch nimmt um die Sünde, statt den Sünder zu rechtfertigen.

 

5. Eine Botschaft für das katholische Deutschland aus Afrika

Das Buch von Kardinal Sarah trifft mit der deutschen Übersetzung in die katholische Kirche dieses Sprachraums, wo die Krise des Glaubens mit Händen zu greifen ist. Leere Kirchen, verwaiste Beichtstühle, kaum Priesteramtskandidaten, ein Kloster nach dem anderen schließt, die Kenntnis des eigenen Glaubens auf einem Tiefststand, und evangelisch und katholisch zusammen im Jahr 2014 haben weit über eine halbe Million Christen, die in der Taufe zu Kindern Gottes wurden, der Kirche Jesu Christi öffentlich den Rücken gekehrt. Oft werde ich gefragt, woher das Establishment der sog. „deutschen Kirche“, den Anspruch ableitet, bei allen Symptomen eines dramatischen Niedergangs ausgerechnet in den Fragen der Sexualmoral und der katholischen Ehelehre für die Weltkirche Schrittmacher zu sein. Wenn man alten Wein in neue Schläuche gießt, könnten sie die Schläuche zerreißen und den neuen Wein verderben. Mit den Ursachen der Glaubenskrise in Europa könnten leicht auch ihre Folgen nach Afrika exportiert werden. Man versuche es einmal anders herum. Nicht die Europäer spielen sich als Lehrer der Afrikaner auf. Statt die Selbstsäkularisierung als Antwort auf die Glaubenskrise den jungen, wachsenden Kirche als Modell anzubieten, müssten wir den geistlichen Reichtum und die Glaubensstärke anderer bei uns als Heilmittel einführen. Nur so kann die katholische Kirche in Europa überleben und die geistlich Toten wieder zum Leben im Glauben zu erwecken. Wir könnten von den jungen Kirchen lernen und sollten aufhören uns klammheimlich zu freuen, wenn es dort wie überall, wo Menschen menscheln, auch Mängel zu beklagen sind. Wir sollen nicht anderen verheißen, dass es bei denen auch mal so kommt wie es bei uns ist − als ob die Entchristlichung ein nicht aufzuhaltender Naturprozess wäre. Nein! Mit dem Glauben kann man Berge versetzen.

Nur eine nachhaltige Neuevangelisierung mit allem apostolischen Freimut und Eifer könnte dem Schalwerden des Christentums in Deutschland entgegenwirken; doch statt dessen werden problemblind die hl. Kommunion für zivil Verheiratete, die noch in einer gültigen kirchlichen Ehe leben und die Anerkennung homosexueller Beziehungen zu Zentralthemen einer Pastoral der Zukunft erklärt. Und die Aktivitäten sind erstaunlich. Mit allen  Mitteln wird versucht, exegetisch, historisch, dogmengeschichtlich und mit Hinweis auf Psychologie und Soziologie die katholische Ehelehre, die sich aus der Lehre Jesu ergibt, zu dekonstruieren und zu relativieren, nur damit die Kirche gesellschaftskonform erscheint und obengenannte Ziele erreicht werden. Wer treu zur Lehre der Kirche steht, wird publizistisch bekämpft und gar noch als Gegner des Papstes diffamiert, so als ob nicht der Papst und alle Bischöfe in Gemeinschaft mit ihm Zeugen der geoffenbarten Wahrheit wären, die ihnen zur treuen Verwaltung übertragen wurde, damit sie nicht von Menschen auf menschliches Maß abgesenkt wird. Es kann in diesem Klima des deutschen Führungsanspruchs für die ganze Weltkirche dann schon mal vorkommen, dass einem Präfekten der Glaubenskongregation von einem Laienfunktionär oder einem Professor über eine Boulevardzeitung eine Lektion über den katholischen Offenbarungsbegriff erteilt wird. Apostolischen Freimut und gläubiges Selbstbewusstsein sollte man gegenüber der Zerstörung des christlichen Menschenbildes und im Zeugnis für die Wahrheit des Evangeliums Christi an den Tag legen und seine Kräfte nicht in innerkirchlichen Prestigekämpfen vergeuden oder gar gegen „Rom“ den Selbständigen markieren.

Das Konzil sagt klar, dass die Offenbarung in Schrift und Tradition enthalten ist und vom Lehramt treu ausgelegt wird. Aber eine neue öffentliche Offenbarung, die über das depositum fidei hinausgeht, empfangen Papst und Bischöfe nicht (Lumen gentium 25). Die Entwicklung der Lehre bezieht sich auf ihr tieferes Verständnis und kann nicht dialektisch mit dem Widerspruch zu ihr in einer höheren Einheit vermittelt werden (Dei verbum 10).

Die gültige und sakramentale Ehe ist entweder unauflösbar oder auflösbar. Ein Drittes gibt es nicht. Bei aller Rede von Dialog und seinen langen Prozessen ist in Wirklichkeit ein ideologisch Verkrampfung nicht zu übersehen. Zu jedem Preis und sei es auf Kosten der Wahrheit und der Einheit der Kirche soll eine Änderung wenigstens der Praxis erzwungen werden. Die Lehre könne vorläufig als Theorie bestehen bleiben, um die Katholiken in Afrika und Asien, die geistig und gefühlsmäßig noch nicht so „weit“ sind, zu beschwichtigen, während in der Pastoral um der Menschen willen die von Gott gegebene Ordnung der Sakramente de facto außer Kraft gesetzt wird. Der Zwiespalt wird in Gott selbst hineingetragen, der als guter Schöpfer und barmherziger Erlöser einerseits Gnade und Unauflöslichkeit der Ehe begründet und andererseits erschrocken über ihre nicht lebbaren Konsequenzen seine Gebote wieder aussetzt. Die Kollision von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit in seinem Wesen nötige ihn sogar, die unwiderrufliche Gnade im Ehesakrament zu suspendieren um weitere Ehen zu Lebzeiten des legitimen Ehepartners zu gestatten − ganz im Widerspruch zu Jesus, der die „Hartherzigkeit“ der Pharisäer für das mosaische Zugeständnis von Scheidung und Wiederverheiratung verantwortlich machte.

Was die Trennung von Glaubenslehre und Glaubenspraxis angeht, sollten gerade wir in Deutschland sehr wachsam sein und die Lektion der Kirchengeschichte nicht vergessen. Der Ablasshandel ist im Schicksalsjahr 1517 zum Anlass der protestantischen Reformation und zur ungewollten Spaltung der abendländischen Christenheit geworden. Nicht die Lehre Johann Tetzels über den Nachlass zeitlicher Sündenstrafen war falsch, wie wir heute wissen, sondern ihre Nichtbeachtung in der Praxis und die Erweckung eines falschen Scheins. Die Lehrer des Glaubens dürfen die Menschen nicht in einer falschen Heilssicherheit wiegen, nur um keinen Anstoß zu provozieren. Und der ursprüngliche Protest Luthers gegen die Nachlässigkeit der Hirten der Kirche war gerechtfertigt, weil man mit dem Heil der Seelen nicht spielen darf, selbst wenn der Zweck der Täuschung ein gutes Werk wäre. Wir dürfen die Menschen nicht täuschen, was die Sakramentalität der Ehe, ihre Unauflöslichkeit, ihre Offenheit auf das Kind, und die fundamentale Komplementarität der beiden Geschlechter angeht. Pastorale Hilfe muss das ewige Heil im Blick haben und nicht nur den Wünschen der Leute vordergründig gefällig sein.

Und niemand kann bestreiten, dass der Weg zur Auferstehung über das Kreuz Christi führt und auch dass jeder Christ in Ehe und Familie, im Priesterstand und Ordensleben sein tägliches Kreuz auf sich nehmen soll. Ein bequemes zeitgeistiges Leben hat Jesus seinen Jüngern nicht versprochen, jedoch uns die Verheißung gegeben: „Sei getreu bis in den Tod, dann werde ich dir den Kranz des Lebens geben.“ (Offb 2,10).

Wir sind uns einig, dass diejenigen Christen, die bei einer gültigen sakramentalen Ehe zugleich eine kirchlich nicht anerkannte zivile Ehe eingehen, einer besonderen Zuwendung der Kirche bedürfen. Dies gilt auch der Kinder wegen, die oft in einen Konflikt gestellt sind zwischen der Liebe zu den Eltern und der Kenntnis der Gebote Gottes und der Lehre der Kirche. Die volle Wiederversöhnung mit der Kirche im Sakrament der Busse und im Empfang der hl. Kommunion kann aber nicht den steilen Weg zum Ziel ersetzen, sondern kann nur das Ziel eines Wegs sein, der zur theologischen Klärung des Status der sakramentalen Ehe führt. Die sakramentale Wahrheit der Ehe kann nicht ignoriert werden. Das ist die von Gott gestiftete Realität, an der sich die faktische Situation der Menschen ausrichten muss. Und nicht umgekehrt kann sich der Mensch zum Maßstab für Gott in seiner Schöpfungs- und Erlösungsordnung machen.

Ich danke Herrn Kardinal Sarah für seinen Mut, allen Katholiken in Afrika und in Europa die Wahrheit des katholischen Glaubens und seine Konsequenzen in der pastoralen Praxis nicht vorzuenthalten oder in einem Kompromiss die Wahrheit zu halbieren. Ich kann nicht halb an die Gottheit Christi glauben oder nur Herr, Herr zu ihm sagen, ohne den Willen seines Vaters im Himmel zu erfüllen (Mt 7,21).

Gott gegenüber gibt es nur alles oder nichts. Mit Gott haben wir alles und ohne Gott sind wir nichts.

Das ist der Leitgedanke des Buches von Kardinal Sarah, in dem er den wichtigsten Themen des Christentums in der Postmoderne auf den Grund geht.

Meine Gedanken hierzu wollten aber das Studium dieses Buches nicht ersetzen, sondern nur zu seiner Lektüre einladen.

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Das Buch „Gott oder Nichts“ können Sie beziehen beim fe-Medienverlag

Cardinal Sarah urges Church to embrace young traditionalists

Cardinal Sarah celebrates Mass ad orientem: ‘There is no reason to oppose the return to a beautiful practice’ (Photo: Fr Lawrence Lew, OP)

‚They are neither nostalgic nor embittered nor encumbered by the ecclesiastical battles of recent decades‘

Cardinal Robert Sarah has praised young Catholics who prefer the older form of the Roman Rite, saying he can “personally testify to the sincerity and devotion of these young men and women”.

In a speech to the Fifth Roman Colloquium on Summorum Pontificum, held at the Pontifical University of St Thomas (Angelicum), the cardinal added that other Catholics should “open your hearts and minds” to these young people and the “good they do”.

“They are neither nostalgic nor embittered nor encumbered by the ecclesiastical battles of recent decades,” he said. “They are full of the joy of living the life of Christ amidst the challenges of the modern world.”

In turn, he called on Catholics who prefer the Old Rite to leave the “traditionalist ghetto” and mix with other Catholics as “many will benefit” from their faithful witness.

“Almighty God calls you to do this. No one will rob you of the usus antiquior of the Roman rite. But many will benefit, in this life and the next, from your faithful Christian witness which will have so much to offer given the profound formation in the faith that the ancient rites and the associated spiritual and doctrinal ambience has given you.”

Indeed, Cardinal Sarah said ‘traditional Catholics’ should stop referring to themselves as such.

“Some, if not many, people, call you ‘traditionalists’. Sometimes you even call yourselves ‘traditional Catholics’ or hyphenate yourselves in a similar way. Please do this no longer,” he said.

“You do not belong in a box on the shelf or in a museum of curiosities. You are not traditionalists: you are Catholics of the Roman rite as am I and as is the Holy Father.

“You are not second-class or somehow peculiar members of the Catholic Church because of your life of worship and your spiritual practices, which were those of innumerable saints.

“You are called by God, as is every baptised person, to take your full place in the life and mission of the Church in the world of today, not to be shut up in—or worse, to retreat into—a ghetto in which defensiveness and introspection reign and stifle the Christian witness and mission to the world you too are called to give.”

The cardinal also reiterated his defence of Mass ad orientem, saying: “This venerable practice is permitted, is perfectly appropriate and, I would insist, is pastorally advantageous in celebrations of the usus recentior—the more modern form of the Roman rite.”

He suggested that priests may also whisper the canon in the Novus Ordo, as is common in the older rite.

“The silent praying of the offertory prayers and of the Roman canon might be practices that could enrich the modern rite today. In our world so full of words and more words more silence is what is necessary, even in the liturgy.”

by Staff Reporter, Friday, 15 Sep 2017

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Kardinal Sarah: Inkulturation ist keine Anpassung

Kardinal Sarah mit dem emeritierten Papst Benedikt

Eine Stille, in der der Gott gehört werden kann, muss wieder Herz und Wesen christlicher Liturgie sein: Kardinal Robert Sarah warb an diesem Mittwoch in Rom für eine „liturgische Erneuerung“ nach dem Auftrag das Konzils. Sarah sprach bei der Vorstellung seines neuen Buches in deutscher Sprache, „Kraft der Stille“. Papst emeritus Benedikt XVI. hat zu diesem Buch ein Geleitwort beigesteuert.

Die Stille verhelfe zu einer besseren Wahrnehmung der Realität:Der Kardinal beklagte die Tendenz, nicht mit sich allein sein und nicht nach innen schauen zu wollen. Das Getöse der kulturellen Umwelt verdecke die „Leere eines neuen Menschen, der kaum mehr weiß, wofür er leben soll.”

Diese Verweltlichung sei auch in die Kirche eingedrungen. Ausführlich bezog sich Kardinal Sarah auf seine Arbeit als Präfekt der Liturgiekongregation des Vatikan. Verweltlichung wolle den Glauben auf ein „menschliches Maß reduzieren“, weil viele Menschen glaubten, „dass der Mensch von heute besser glauben könnte, wenn wir ihm einen Glauben nach menschlichem Maß vorschlagen, der nicht mehr in der Tiefe der Offenbarung durch Christus wurzelt und in der Überlieferung der Kirche“.

Diese Verweltlichung drücke sich auch in der Liturgie aus, die Verkürzung des Glaubens sei hier „in aller Schwere zu erfahren“: Aus Liturgie werde Happening, im Mittelpunkt stehe nicht mehr Gott, sondern der Mensch. Die Abwesenheit Gottes in der Liturgie sei der Ausgangspunkt seiner Gedanken über die Stille gewesen, berichtete Kardinal Sarah. Es gelte, Formen für die Liturgie zu finden und konkrete Menschen anzusprechen, was aber nicht in eine Reduktion Gottes münden dürfe. „Die Frage nach der Inkulturation ist zuerst keine Frage, wie wir die Liturgie afrikanischer oder asiatischer machen können, oder dem Brauch der australischen Ureinwohner anpassen.“

(cna/rv 26.05.2017 ord)

Kardinal Robert Sarah: Nachkonziliare Kirche ohne christliche Wurzeln

Papst em. Benedikt XVI. empfing im Januar 2017 Kurienkardinal Robert Sarah

Kardinal Sarah lässt auf der Liturgischen Tagung klare Botschaft verlesen – Kardinal sieht eine „schwere Glaubenskrise nicht nur bei Gläubigen, sondern auch und vor allem bei zahlreichen Priestern und Bischöfen“.

kath.net-Bericht von Martin Lohmann

Herzogenrath (kath.net/ml) Erstaunte und sehr aufmerksame Gesichter waren am dritten Tag der 18. Liturgischen Tagung im Pfarrsaal von St. Gertrud zu beobachten, als Robert Kardinal Sarah, der römische Präfekt für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, zu Wort kam. Der aus Afrika stammende Purpurträger hatte zwar trotz mehrfacher schriftlicher Zusage seine Teilnahme absagen müssen – aus welchen Gründen auch immer –, doch sein Geist und seine Überzeugung waren anwesend. Er hatte es sich nicht nehmen lassen, anstelle des wenigstens erbetenen Grußwortes einen kompletten Vortrag auszuarbeiten und diesen zu verlesen ausdrücklich gewünscht. Das, was ihm wichtig ist, wollte er zu Gehör bringen – auch wenn er sich gezwungen sah, nicht persönlich nach Herzogenrath zu kommen.

Kaplan Matthias Schmidt gab dem Vortrag des Kardinals seine Stimme. Und die Teilnehmer der Tagung staunten nicht schlecht angesichts der Deutlichkeit, mit der sich Kardinal Sarah zu äußern verstand. Von Zurückhaltung oder dem Befolgen eines angeblichen Denkverbots konnte wahrlich keine Rede sein. Suaviter in modo, fortiter in re – so war die Botschaft aus Rom zu vernehmen. Man könne, so der Kardinal beginnend, „gar nicht genug wiederholen, dass die Liturgie als Höhepunkt und Quelle der Kirche ihr Fundament in Christus selbst“ finde. Und das, was man das „liturgische Aggiornamento nennt, ist in gewisser Weise durch das Motu proprio „Summorum Pontificum“ von Papst Benedikt XVI. vervollkommnet worden.“ Zum Präludium der Kardinalsymphonie gehörte auch noch der Hinweis, dass sich die Liturgie ständig reformieren müsse, „um ihrer mystischen Essenz immer getreuer zu werden“.

Doch „meistens“ sei „diese ,Reform’, die an die Stelle der wahren, vom Zweiten Vatikanum gewollten ,Restauration’ oder ,Erneuerung’ getreten ist, mit einem oberflächlichen Geist und auf der Basis eines einzigen Kriteriums durchgeführt worden: Man wollte unbedingt ein als vollkommen negativ und überholt wahrgenommenes Erbe beseitigen, um eine Kluft aufzutun zwischen dem, was vor und dem, was nach dem Konzil existiere“. Heute aber bestehe letztlich kein Zweifel daran, dass das, „was man die ,Reform der Reform’ nennt und man vielleicht noch genauer als ,gegenseitige Befruchtung der Riten’ bezeichnen sollte, (…) eine vor allem geistliche Notwendigkeit“ sei. Diese betreffe beide Formen des römischen Ritus. Unter Berufung auf Joseph Kardinal Ratzinger/Papst Benedikt verweist Sarah auf die Krise der Kirche, die vor allem seit dem Konzil zu beobachten sei und in Verbindung mit der Krise der Liturgie gesehen werden müsse. Respektlosigkeit, Entsakralisierung sowie Horizontalisierung des wesentlichen Elemente des Gottesdienstes seien hier zu nennen.

Man könne „unsere Augen vor dem Desaster, der Verwüstung und dem Schisma nicht verschließen, die die modernen Förderer einer lebendigen Liturgie verursacht haben, indem sie die Liturgie der Kirche nach ihren Vorstellungen umgestalteten. Sie vergaßen, dass die liturgische Handlung nicht nur ein GEBET, sondern auch und vor allem ein MYSTERIUM ist, bei dem sich für uns etwas vollzieht, das wir zwar nicht gänzlich verstehen können, doch das wir im Glauben, in der Liebe, im Gehorsam und in einem anbetenden Schweigen annehmen und empfangen können“. Genau das sei die „wahre Bedeutung der aktiven Anteilnahme der Gläubigen“.

Der Kardinal sieht eine „schwere Glaubenskrise nicht nur bei den Gläubigen, sondern auch und vor allem bei zahlreichen Priestern und Bischöfen“, die uns unfähig gemacht habe, die „eucharistische Liturgie als ein Opfer zu begreifen“. Es sei „frevelhaft“, die heilige Messe auf ein „einfaches Gastmahl zu reduzieren“, auf die Feier eines profanen Festes „und auf eine Selbstzelebration der Gemeinschaft, oder – noch schlimmer – auf eine riesige Ablenkung von der Angst vor einem Leben, das keinen Sinn mehr hat oder gegen die Furcht, Gott von Angesicht zu Angesicht zu begegnen, weil sein Blick entlarvt und uns dazu zwingt, die Hässlichkeit unseres Inneren in aller Wahrheit und unabgelenkt zu schauen“. Die Messe sei kein „amüsanter Zeitvertreib“. Viele Menschen wüssten nicht mehr, dass der Zweck Messfeier die „Herrlichkeit und die Anbetung Gottes ist, das Heil und die Heiligung der Menschen“. Selbst Priester und Bischöfe würden diese Lehre des Konzils nicht mehr kennen.

An der Wurzel der Liturgie finde sich die Anbetung – „und somit Gott“. Die „schwerwiegende und tiefgreifende Krise, die seit dem Konzil die Liturgie und Kirche selbst erschüttert“, habe ihren Ursprung darin, dass „im ZENTRUM nicht mehr Gott und seine Anbetung, sondern die Menschen und ihre angebliche Fähigkeit sind, etwas zu ,tun’, um sich während der Eucharistiefeier mit etwas zu beschäftigen“. Noch immer würden selbst Geistliche unterschätzen, welcher Schaden angerichtet wurde durch den „Relativismus bei der Vermittlung der Glaubens- und Morallehre, schwere Missbräuche, die Entsakralisierung und Banalisierung der Heiligen Liturgie sowie die rein soziale und horizontale Sicht der Mission der Kirche“.

Wenn man sich heute darüber beschwere, dass das politische Europa seine christlichen Wurzeln verleugne, dann müsse man zunächst feststellen: „Wer zuerst seine christlichen Wurzeln und seine christliche Vergangenheit aufgegeben hat – das ist mit Sicherheit die nachkonziliare katholische Kirche.“ Als einen der Belege, die man nennen könne, zitiert Sarah den Bischof von Metz aus dem Jahre 1968, wo dieser „einen entsetzlichen Unsinn“ verkündete und meinte, man müsse selbst die Auffassung über das von Christus der Welt gebrachte Heil überdenken, Apostel und die Christen in den ersten Jahrhunderten hätten, im Unterschied zu unserem erleuchteten Zeitalter, „vom Evangelium nichts begriffen“.

So gesehen brauche man sich über die „Verwüstungen, die Zerstörungen und die Kämpfe auf liturgischer, doktrineller und moralischer Ebene“ nicht zu wundern. Und dennoch gebe es viele, die den Ernst der Lage nicht verstanden haben oder nicht verstehen wollen: „Obwohl das Boot der Kirche das stürmische Meer dieser dekadenten Welt durchpflügt und die Wellen so sehr auf das Boot einpeitschen, dass es bereits mit Wasser gefüllt ist, schreit eine wachsende Anzahl von Geistlichen und Gläubigen ,Alles klar! (auf dem sinkenden Schiff)’.“

Die Krise der Kirche, die Krise des Glaubens, die Krise der Liturgie – das alles hängt zusammen. Es gibt zu wenige selbstverständliche Räume des Auftankens von Ehrfurcht, Anbetung und Andacht für die Seele. Heute komme es vor allem darauf an, die Augen zu öffnen und zu erkennen, worauf die Gläubigen „ein Recht haben: die Schönheit der Liturgie, ihre Heiligkeit, die Stille, die Andacht, die mystische Dimension und die Anbetung“. Die Liturgie müsse uns vor allem und gleichsam sicher „vor das Angesicht Gottes in eine persönliche Beziehung und intensive Vertrautheit bringen. Sie muss uns in die Vertrautheit der Allerheiligsten Dreifaltigkeit hinabsenken.“ Schon allein deshalb müsse klar sein, dass die Liturgie kein „Essen im Freundeskreis, kein gemütliches Mahl in geselliger Runde“ sei, sondern ein heiliges Mysterium“.

Vorbildlich für die Feier der heiligen Messe seien „die Anmut und die Inbrunst“, mit der ein heiliger Pfarrer von Ars, ein heiliger Pater Pio oder ein heiliger Josemaria die Messe feierten. Das sei der Maßstab für die dringend benötigte liturgische Versöhnung, zumal man es ablehnen müsse, eine Liturgie einer anderen entgegenzusetzen. Kardinal Sarah spricht in diesem Zusammenhang von einem „Anfangen von innen her“, wo hingegen Show und modische Mätzchen und kesse Moralismen nur schädlich seien und Verwüstungen anrichteten.

Das päpstliche Dokument „Summorum Pontificum“ von Benedikt XVI. vom 7. Juli 2007 sei schließlich ein wichtiger Beitrag zum „gegenwärtigen und zukünftigen liturgischen Leben der Kirche, wie auch zur liturgischen Bewegung unserer Zeit , aus der immer mehr Menschen, insbesondere die jungen, soviel Gutes, Wahres und Schönes schöpfen“. Robert Kardinal Sarah schloss mit einem Zitat von Benedikt XVI. aus dem Jahre 2008: „Dann ist die Welt am Ziel, dann ist sie heil, wenn sie als ganze Liturgie Gottes, in ihrem Sein Anbetung geworden ist.“ Ein lang anhaltender Applaus signalisierte, dass die eben klare wie mutige Botschaft des Kardinals angekommen war – wenigstens in Herzogenrath. Zu hörende Bemerkungen wie „Stark“, „Hammer“ und „Das macht Mut“ offenbarten ein freudiges Erstaunen angesichts dieses deutlichen Signals aus Rom.

Eine sich anschließende (von Martin Lohmann moderierte) Podiumsdiskussion brachte das Tagungsthema sowie den Kardinalappell noch einmal in die Mitte des Dialogs. Neben dem Erzbischof von Portland/Oregon, Alexander Sample, nahmen der am Wyoming Catholic College lehrende Professor Peter Kwasniewski, der deutsche Prälat und Untersekretär im Päpstlichen Rat für Gesetzestexte, Professor Markus Graulich sowie der örtliche Gastgeber und Spiritus Rektor, Pfarrer Guido Rodheudt, teil.

Ja, es brauche eine Reform der Reform, auch wenn man sich auf den Begriff nicht festlegen müsse, meinte Erzbischof Sample. Die Notwendigkeit der Wiederentdeckung der Tiefe und des Reichtums heiliger Liturgie sei evident. Er selbst habe sich ja auch auf den Weg gemacht, die außerordentliche Messfeier zu entdecken. Gleichwohl habe er als Priester auch in der ordentlichen Form des Novo Ordus schon vorher die Stille der Andacht gesucht und auch gefunden. Doch in der alten Liturgie habe er dann zu seiner eigenen Überraschung erfahren, dass hier der eigentliche Charakter des priesterlichen Dienstes sich in einer viel tieferen Weise entfalten könne. So müsse man sein Bekenntnis in Herzogenrath verstehen, als er in einem Vortrag sagte: Auf einmal begriff ich viel klarer, was es bedeute, Priester zu sein.

Peter Kwasniewski betonte ebenfalls, dass die Liturgie sich stets an Christus orientiere, in diesem Sinne also auch eine Liturgie semper reformanda brauche, also eine behutsame Änderung hin zu der eigentlichen Quelle und ihrem Ursprung. Reform um der Reform willen brauche man nicht. Bewegung zu Gott hin schon. Markus Graulich bedauerte, dass die liturgische Ausbildung in neueren römischen Dokumenten „ein wenig auf die Seite geschoben“ werde. Es sei schade, dass man das formative Einüben und Lernen offenbar für nicht so sehr wichtig halte. Die Notwendigkeit der Wiederentdeckung der Bedeutung von Liturgie werde gleichwohl von einer Mehrheit von Persönlichkeiten in Rom erkannt.

Guido Rodheudt freut sich darüber, dass Kardinal Sarah auch weiter öffentlich über die Reform der Reform spricht und den Bedarf einer Reform der Reform festgestellt hat. Die Bestandsaufnahme des Kardinals sei schonungslos und ehrlich, Sarah sehe die Situation sehr klar. Als Pfarrer sei er froh, dass der Kardinal deutlich sage: Wir brauchen mehr Verbindlichkeit, mehr Anbetung, mehr Stille. Er als Priester, 1964 geboren, wolle eigentlich auf die Reform der Reform nicht mehr warten, weil er das zu seinen Lebzeiten wohl nicht mehr erleben könne. Aber man könne ja viel tun. Er zelebriere auch den neuen Ritus so, wie er wohl ursprünglich gewollt gewesen sei, also mit Andacht und Würde und im Licht der Tradition. Das sei so etwas wie bereits vor Ort gelebte Reform der Reform. Er, Rodheudt, fühle sich durch den Vortrag von Kardinal Sarah als Priester ermutigt, auf diesem Weg weiterzugehen.

Erzbischof Sample betonte, dass der Priester kein Showmaster der Liturgie sein könne und dürfe. Aber im Neuen Ritus gebe es halt viele Versuchungen, weil die Gemeinde viel intensiver auf persönliche Gesten, die jeweilige Betonung und Stimmlage achtet als im objektiven überlieferten Ritus. Der Meister der Liturgie sei Jesus Christus, nicht aber zum Beispiel Alexander Sample. Christus ist der Akteur der Liturgie, er sei der Handelnde in der Liturgie. Und das verlange viel Respekt und Ehrfurcht. Er als Bischof sei fest davon überzeugt, dass jeder Priester die außerordentliche Form der Messfeier kennen müsse, auch wenn er sie nicht vornehmlich zelebriere. Jeder Priester sollte sie wenigstens kennen.

Guido Rodheudt sprach im Blick auf die Glaubenskrise, die ja auch Priester und Bischöfe erreicht habe, davon, dass eine solche Krise auch damit zu tun habe, dass man „falsch gebetet“ habe. Ein anthropozentrischer Gottesdienst vernebele auch den Glauben, weil Gott nicht mehr Mittel- und Zielpunkt sei. Wer falsch bete, könne weder richtig glauben noch richtig handeln. Das liturgische Desaster sei so zerstörerisch gerade für die Seelen, weil vielfach der Glaube nicht mehr richtig gefeiert werde. Durch eine Wiederentdeckung der objektiven Liturgie, so könne man sagen, könne man nicht zuletzt dem Seelenheil der Gläubigen als Priester besser dienen und gerecht werden.

Von den Bischöfen wünsche man sich, dass sie mehr für die Verbindung der Gläubigen mit dem Reichtum der Tradition und vor allem die Stärkung des Glaubens an Gott tun – in ansteckend andächtiger Treue zu Jesus Christus.

So endete die eigentliche 18. Kölner Liturgische Tagung in Herzogenrath – vor einem Festakt am Samstag im ehemaligen Kloster Rolduc – mit viel Hoffnung, Wohlwollen und wertschätzender Gesprächsbereitschaft, um gemeinsam in der Kirche friedlich und engagiert zugleich die den Glauben stärkenden und befruchtenden Quellen einer reichen Liturgie zu finden, die vor allem eines vermag: den Menschen in das Mysterium der Gegenwart Gottes mitten in dieser Welt staunend zu führen und den Raum des Heiligen, den der Mensch so dringend braucht, andächtig und würdevoll zu erschließen.

Buchhinweise:
Markus Graulich (Hg.): Zehn Jahre Summorum Pontificum. Versöhnung mit der Vergangenheit – Weg in die Zukunft. (Pustet)
Peter A. Kwasniewski: Neuanfang inmitten der Krise. Die heilige Liturgie, die traditionelle lateinische Messe und die Erneuerung in der Kirche. Una Voce Edition.

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