‚Weil Gott in tiefster Nacht erschien‘: Weihnachtspredigt von Kardinal Koch

Anbetung des Jesuskindes durch die Hirten von Matthias Stomer Foto: Wikimedia / Paris Orlando (CC BY-SA 4.0)

Zur Eucharistiefeier in der Heiligen Nacht in der Kirche des Campo Santo Teutonico am 24. Dezember 2018 hat Kardinal Kurt Koch diese Predigt gehalten:

Es ist ein alter und schöner Brauch, dass wir uns zum Weihnachtsgottesdienst in der Nacht oder an ihrem Beginn einfinden. An diesem Brauch lässt sich ablesen, dass wir Christen offensichtlich die Nacht gern haben. Die Nacht ist uns sogar heilig und geweiht. Sie ist Weih-Nacht. Mit diesem Ehrentitel bezeichnen wir jene Nacht, in der Jesus Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, auf unserer Erde erschienen, Mensch geworden und geboren ist. In dieser Nacht feiern wir den Eintritt Gottes in die Weltnacht von uns Menschen.

Gottes Licht in der Nacht der Menschen

Heilige Nacht – Weihnacht! Die Feier der Weih-Nacht mutet uns nichts weniger zu als dies, dass wir uns der Nacht stellen: der Nacht in unserem eigenen Leben, der Nacht in der gegenwärtigen Welt und der Nacht auch in der Kirche heute. Wir Christen sind zwar nicht – und hoffentlich – Menschen, die die Nacht herbeireden. Wir sind aber auch nicht – und hoffentlich – Menschen, die der Nacht ausweichen und sie verdrängen. Wir stellen uns vielmehr der Nacht und setzen uns ihr aus. Denn wir wissen genau, dass, wenn wir die Nacht aus unserem Leben verdrängen, die Weih-Nacht bloss noch eine Worthülse wäre. Die Nacht steckt nun einmal im Wort Weih-Nacht; und wie die Nacht im Wort steckt, so steckt sie auch in den Herzen von uns Menschen und nagt in ihrer ganzen Abgründigkeit und Gefährlichkeit  an unserem Leben. Die Nacht ist ein urmenschliches Zeichen für die Dunkelheit im menschlichen Leben und für die Finsternis in der Geschichte der Welt. Nacht heisst Angst und Not; Nacht heisst Armut und Sinnlosigkeit; und Nacht heisst schliesslich Leiden und Sterben.

Als Zeichen für die Nacht im Leben von uns Menschen und in den Geschicken der Welt treffen wir uns zur Feier der Heiligen Weihnacht am Beginn der Nacht. Weihnachten feiern braucht Mut, sich der Nacht zu stellen. Weihnachten ruft Erinnerungen an die Nachtseiten des menschlichen Lebens wach. Weihnachten erinnert an schlaflose Nächte, die vor lauter Sorge, Kummer oder Trauer nicht enden wollten. Und Weihnachten macht uns bewusst, dass auch unser Glaube manchmal Nachtwanderungen kennt.

Sich in dieser Weise der Nacht zu stellen, dies wäre freilich ein furchtbar trostloses und letztlich tristes Unterfangen, wenn mit der Nacht nicht auch eine frohe Verheissung verbunden wäre. Die Verheissung, die uns in der Weih-Nacht zuteil wird, besagt, dass in den Nächten unseres Lebens ein Licht aufgegangen ist, das die Finsternis erhellt. Dieses Licht ist bereits aufgeleuchtet im Volk Israel, wie es uns der alttestamentliche Prophet Jesaja verkündet: „Das Volk, das im Dunkeln lebt, sieht ein helles Licht“ (9, 1), und zwar vor allem deshalb, weil ihm ein Kind geboren und ein Sohn geschenkt ist. Dieses Licht ist deshalb vollends aufgestrahlt in der Krippe in Bethlehem in jenem Kind, in dem Gott selbst Mensch geworden ist. In diesem Kind in der Krippe ist uns mitten in der Nacht unseres Lebens ein Licht, das Licht schlechthin aufgeleuchtet.

Erst diese Verheissung macht Weihnachten wirklich zur Weih-Nacht. Erst hier leuchtet auch der tiefste Grund auf, dass wir Christen die Nacht gern haben und geradezu in die Nacht verliebt sind. Denn uns ist der Glaube geschenkt, dass der Gottessohn in der Lebensnacht von uns Menschen zur Welt gekommen ist und sich uns als unser Lebenslicht schenkt. Der Sohn Gottes hat bei uns Menschen nicht bei Tageslicht bloss hinein geschaut, um sich alsbald von uns wieder zu verabschieden. Nein, er hat uns in der dunklen Nacht aufgesucht und heimgesucht, um die Nacht mit uns zu teilen und um in unsere Nacht hinein sein Licht zu bringen. Das ist das schöne Geheimnis der Heiligen Weih-Nacht: „Weil Gott in tiefster Nacht erschienen“, kann unsere menschliche Lebensnacht nicht traurig und nicht endlos sein. Mit seinem Licht hat Gott vielmehr der Nacht im Leben von uns Menschen und in der Welt ein heilsames Ende bereitet.

Licht, das den menschlichen Lebensraum erfüllt

Um uns in das Geheimnis der Heiligen Weih-Nacht zu vertiefen und in diesem Geheimnis heimisch werden zu können, eignet sich eine Geschichte, die die Menschen auf den Philippinen zu erzählen pflegen[1]: Ein König, der zwei Söhne hatte, beschloss im Laufe der Zeit, einen der beiden Söhne zu seinem Nachfolger zu bestellen. Um besser entscheiden zu können, welchen von beiden er mit der Nachfolge betrauen kann, gab er jedem fünf Silberstücke in die Hand und erteilte ihnen den Auftrag, sie sollten bis zum Abend mit diesem Geld die leere Schlosshalle füllen. Dabei vermerkte er eigens, dass es in ihrer Entscheidung liege, wie sie den Auftrag erfüllen wollen.

Der ältere Sohn machte sich sofort auf den Weg. Er kam an einem Feld vorbei, auf dem gerade Zuckerrohr geerntet und ausgepresst wurde. Als er das leere Zuckerrohr zuhauf am Feldrand liegen sah, dachte er sich, damit könne er die Schlosshalle leicht auffüllen. Schnell wurde er mit den Arbeitern handelseinig; und diese schafften für die fünf Silberstücke das ausgepresste Zuckerrohr in die Schlosshalle. Als sie voll war, ging der ältere Sohn in zuversichtlicher Freude zu seinem Vater und berichtete ihm, er habe die ihm gestellte Aufgabe erfüllt und der Vater solle ihn jetzt zu seinem Nachfolger ernennen. Der Vater jedoch antwortete: „Noch ist nicht Abend. Ich werde warten.“

Als die Dämmerung über das Land hereingebrochen war, kam auch der jüngere Sohn zurück. Er sah, dass die Schlosshalle mit Zuckerrohr aufgefüllt war, und gab die Anweisung, man solle das leere Stroh wegschaffen. Nachdem dies geschehen war, stellte er mitten in die Schlosshalle eine Kerze und zündete sie an. Das Licht der Kerze erfüllte den ganzen Raum und drang bis in den letzten Winkel vor. Als der Vater sah, dass das Licht der Kerze die ganze Schlosshalle erfüllt hatte, sagte er zu seinem jüngeren Sohn: „Du sollst mein Nachfolger sein. Dein Bruder hat alle fünf Silberstücke ausgegeben, um die Halle mit nutzlosem Zeug zu füllen. Du aber hast nicht einmal ein Silberstück gebraucht  und dabei die Halle mit Licht gefüllt. Du hast sie mit dem erfüllt, was die Menschen wirklich brauchen.“

Der Unterschied zwischen den beiden Söhnen könnte gar nicht grösser sein. Der Unterschied ist sogar so gross, dass er uns an den Unterschied zwischen dem Handeln Gottes und dem Handeln von uns Menschen erinnert. Handeln wir Menschen nicht oft genau so wie der ältere Sohn und geben uns alle erdenkliche Mühe, auch und gerade an Weihnachten, die Schlosshalle unseres Lebens mit allem Möglichen aufzufüllen? Ist unsere eigene Schlosshalle oft nicht voll von Terminen und Agenden, von Plänen und Programmen? Ist unser Herz nicht mit allen möglichen Dingen besetzt, und haben wir nicht oft genug auch unseren Kopf voll? Kommen wir uns nicht manchmal selbst gleichsam wie „besetztes Gebiet“ vor? Und wenn wir die besetzte Dunkelkammer unseres Herzens ans Tageslicht bringen, müssen wir dann ehrlicherweise nicht entdecken, dass darin auch viel Stroh ist, das uns zwar ausfüllt, aber gerade deshalb noch lange nicht erfüllt? Gleichen wir Menschen nicht oft dem älteren Sohn, der die Schlosshalle  mit ausgepresstem Zuckerrohr auffüllt? Auch unser Leben ist dann zwar aufgefüllt, aber nicht erfüllt.

Die Heilige Weihnacht lädt uns ein, auf Christus, den Sohn des himmlischen Vaters, zu schauen. In ihm dürfen wir den jüngeren Sohn in der philippinischen Geschichte wiedererkennen. Denn er füllt unser Herz mit nichts anderem als mit seinem Licht, das die Schlosshalle unseres Lebens bis in den letzten Winkel zu erfüllen vermag. Er erfüllt sie mit dem, was wir Menschen wirklich brauchen. Denn er ist gekommen, um uns zu besuchen als das „aufstrahlende Licht aus der Höhe, um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes“ (Lk 1, 78-79).

Jesus Christus als Gnaden-Licht in Person

Unser menschliches Leben gleicht oft einer leeren und dunklen Schlosshalle, die darauf wartet, gefüllt zu werden. Die Heilige Weihnacht erfüllt sie mit jenem Licht, das im Kind in der Krippe von Gott her in unsere Welt gekommen ist. Von diesem Licht gilt erst recht, was in der philippinischen Geschichte der Vater zu seinem jüngeren Sohn sagt: „Du hast nicht einmal ein Silberstück gebraucht und die Schlosshalle dabei mit Licht erfüllt. Du hast sie mit dem erfüllt, was die Menschen brauchen.“ In der Tat brauchen wir Menschen dringend das Licht, das von Gott kommt. Und das Licht, das Christus selbst ist, können wir nicht kaufen, und es kostet nichts; es ist vielmehr gratis, reine Gnade.

Die Heilige Weihnacht verkündet uns, dass in Jesus Christus die Gnade Gottes erschienen ist, „um alle Menschen zu retten“ (Titus 2, 11). Denn Jesus Christus ist in Person die gnädige Zuwendung Gottes zu uns Menschen, er selbst ist die Gnade Gottes. Wer an Weihnachten dem Kind in der Krippe in Bethlehem begegnet, begegnet Gott selbst. In diesem Kind ist Gott selbst gegenwärtig, und in ihm ist erfahrbar, dass letztlich alles Gnade ist.

An Weihnachten wird uns die Gegenwart Gottes als sein Licht geschenkt. Die Feier der Weihnacht setzt deshalb unsere Bereitschaft voraus, dass wir Menschen, die wir wie der ältere Sohn in der philippinischen Geschichte die Schlosshalle unseres Lebens immer wieder mit allem Möglichen aufzufüllen versuchen, es dem jüngeren Sohn, dem Sohn Gottes, erlauben, dieses alles Mögliche auch als „leeres Stroh“ auszuräumen und stattdessen seine Kerze in die Schlosshalle zu stellen. Christus will in dieser Heiligen Nacht auch unseren Lebensraum mit seinem Licht der Gnade erfüllen. Er kommt vom Licht der Gnade Gottes her und ist selbst das Licht der Welt. Er ist „Licht vom Licht“ und deshalb „wahrer Gott vom wahren Gott“, wie wir es im Grossen Glaubensbekenntnis ausdrücken. Dieses Licht dürfen wir empfangen vom Glanz des Herrn, der den Engel, der in der Weihnachtsgeschichte des Lukas die frohe Botschaft verkündet, umstrahlt (Lk 2, 9).

Öffnen wir in dieser Nacht die dunkle Schlosshalle unseres Lebens für Christus, damit er sie mit seinem Licht bis in die letzten Winkel hinein erfüllen kann. Dann geht uns vollends auf, dass wir Christen mit bestem Recht die Nacht gern haben dürfen. Sie ist uns Heilige Nacht, Geweihte Nacht, Weih-Nacht. Denn sie ist jene Nacht, in die hinein uns Jesus Christus geboren ist als das Licht, das in der Finsternis der Nacht leuchtet. Mitten in der Nacht der Menschen  – das ewige Licht Gottes: Dies ist die wahrhaft Frohe Botschaft von Weihnachten, deren Freude und Trost ich Ihnen von Herzen wünsche: Gesegnete und lichtvolle Weih-Nacht!

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[1]  Vgl. F. Kamphaus, Zwischen Nacht und Tag. Österliche Inspirationen (Freiburg i. Br. 1998) 50.

Der Schweizer Kardinal Kurt Koch ist Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen. Der ehemalige Bischof von Basel hat über 60 Bücher und Schriften verfasst, darunter Mut des Glaubens (1979) und Eucharistie (2005). (Foto: Paul Badde / EWTN).

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MERRY CHRISTMAS! President Trump Praises: „Our Lord and Savior Jesus Christ“

 

Full text: President Trump’s extraordinary Christmas speech

Today’s the day that I’ve been looking very much forward to all year long. It’s one that we have heard and we speak about and we dream about and now as the President of the United States, it’s my tremendous honor to finally wish America and the world a very Merry Christmas.

I want to thank everyone who has come together here right in front of the White House, that beautiful, beautiful White House, and everyone watching from home to see the lighting of this incredible national Christmas tree.

For nearly a century, through good times and bad, every president has taken part in this wonderful tradition, first started by President Coolidge. But I was informed tonight that the weather we have is the best it’s been in 25 years. In fact, I said, ‘Is it always like this?’ And the secretary said, ‘Hasn’t been like this for a long time.’ So, we are very lucky.

Finally, in 1870, President Ulysses S. Grant signed legislation making Christmas a Federal holiday. And I sort of feel we are doing that again. That’s what’s happening.

From the earliest days of our nations, Americans have known Christmas as a time for prayer and worship, for gratitude and good will, for peace and renewal.

Melania and I are full of joy at the start of this very blessed season. We’re thrilled to think of the people across the nation and all across the continent whose spirits are lifted by the miracle of Christmas.

For Christians, this is a Holy season – the celebration of the birth of our Lord and Savior Jesus Christ. The Christmas story begins 2000 years ago with a mother, a father, their baby son, and the most extraordinary gift of all, the gift of God’s love for all of humanity.

Whatever our beliefs, we know that the birth of Jesus Christ and the story of this incredible life forever changed the course of human history. There’s hardly an aspect of our lives today that his life has not touched: art, music, culture, law, and our respect for the sacred dignity of every person everywhere in the world.

Each and every year at Christmas time we recognize that the real spirit of Christmas is not what we have, it’s about who we are – each one of us is a child of God.

That is the true source of joy this time of the year.

That is what makes every Christmas ‘merry.’

And that is what we remember at today’s beautiful ceremony, that we are called to serve one another, to love one another, and to pursue peace in our hearts and all throughout the world.

And so tonight, I thank the millions of Americans who light our lives and brighten our wonderful communities. I thank those who are serving the needy during the season and throughout the year. I thank our military men and women who are stationed around the world keeping us safe.

I thank our law enforcement officers who protect our streets and secure our homeland. I thank America’s teachers, pastors, and all those religious, and those people that have taught us so much, for their leadership in our communities and our society.

And, especially tonight, I thank America’s families. At Christmas, we are reminded more than ever that the family is the bedrock of American life.

And so, this Christmas we ask for God’s blessings for our family, for our nation. And we pray that our country will be a place where every child knows a home filled with love, a community rich with hope, and a nation blest with faith.

On behalf of Melania, myself, Barron, all of my children, all of my grandchildren — they’re here with us tonight — I want to thank you.

God bless you and God bless the United States of America. Thank you very much.

Merry Christmas everybody. Merry Christmas. Happy new year. Thank you.

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Kardinal Müller: Gedanken zum Weihnachtsfest

Kardinal Gerhard Ludwig Müller war von 2012 bis 2017 Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre. Zuvor war er Bischof von Regensburg (2002-2012) und Professor für Dogmatik.  dpa/Lena Klimkeit

Gott wird Mensch: Es ist nur schwer zu begreifen, was das bedeutet, schreibt Kardinal Gerhard Ludwig Müller in seinem Gastbeitrag. Auf katholisch.de erklärt er das Weihnachtsfest.

Weihnachten | Vatikanstadt – 25.12.2017
Als der junge Rhetorik-Professor Augustinus aus Nordafrika in einem Zustand der Desorientierung nach Mailand kam, hörte er die Predigten des katholischen Bischofs Ambrosius. Damals war der spätere Kirchenvater noch ganz in den Banden des Manichäismus gefangen. Zu seiner großen Überraschung stellte er fest, dass die Polemik der Manichäer gegen die angeblich zu fundamentalistische Auffassung der Katholiken vom Christentum nicht zutraf. Die Manichäer bildeten sich viel ein auf ihre höhere, vergeistigte Interpretation der Bibel, so wie auch Augustinus den Glauben Monikas, seiner katholischen Mutter, verachtete und in ihm doch nur einen „Platonismus für das Volk“ erkannte – wie Jahrhunderte später einmal Friedrich Nietzsche das Christentum charakterisieren sollte.

Als Augustinus bei einer Predigt seines geistigen Mentors merkte, dass die Mysterien des christlichen Glaubens weder vergeistigt-idealistisch noch verdinglicht-materialistisch aufzufassen sind, so formuliert er in seinen Bekenntnissen „errötete ich vor Freude, dass ich so lange Jahre nicht gegen den katholischen Kirchenglauben, sondern gegen die Gebilde meines fleischlichen Denkens gebellt hatte.“ (Conf. VI, 3). Für ihn war Jesus abseits von all den gnostischen Spekulationen über einen Christus-Mythos und seine modernen Ableger in den rationalistischen Konstruktionen eines Jesus hinter den Evangelien „nur ein Mann von hervorragender Weisheit“ (Conf. VII, 19).

Das große Geheimnis der Menschwerdung

Und der größte Kirchenvater des lateinischen Kirche fügt in der Rückschau auf die Zeit seines Suchens und Irrens und schließlich seines Findens der Wahrheit hinzu: „Welches Geheimnis aber in dem Satz ‚Das Wort ist Fleisch geworden‘, ( Joh 1,14) lag, konnte ich damals nicht einmal ahnen.“

Wie die Kirche in einem langen Ringen zur endgültigen gedanklichen Klärung und sprachlichen Formulierung des Geheimnisses der Menschwerdung des Sohnes Gottesgelangt war, und was es bedeutet, dass Gott in seinem ewigen Wort unser Fleisch und unsere menschliche Natur angenommen und in Jesus Christus eine echte menschliche Lebensgeschichte gehabt hatte, war Augustinus als einem der größten Theologen durchaus in allen Einzelheiten bekannt. Aber man muss nicht die ganze Bibelexegese, die christologische Dogmengeschichte, die systematische Christologie und Trinitätslehre und die Widersprüche dazu, angefangen vom antiken Philosophen Kelsos bis zum Evolutionstheoretiker Richard Dawkins, durchlaufen haben, um zum Glauben an die Wahrheit und Wirklichkeit der Menschwerdung Gottes zu kommen. Was Augustinus, der von seiner schlichten Mutter in der Welt des gelehrten Wissens und im philosophisch-theologischen Reflexionsniveau um Lichtjahre entfernt war, mit ihr verband, war nicht nur die natürliche Liebe zwischen Sohn und Mutter, sondern der übernatürliche Glaube.

Der Glaube ist übernatürlich, weil er uns – vermittelt durch die kirchliche Verkündigung – eingegossen wird vom Heiligen Geist, indem wir ihm frei mit der Vernunft zustimmen. Denn der Glaube an Jesus den Herrn, sein Kreuz und seine Auferstehung gründet in der Botschaft (Röm 10,9). Und wenn wir sie hören, steht der Glaube auf dem Fundament des Wortes Christi, der uns das Geheimnis seiner Person und Sendung erschließt (Röm 10,17).

Christus macht alle Menschen zu Brüder und Schwestern

Der Glaube verbindet einfache und hochgebildete Menschen in der Erkenntnis Jesu und in der Liebe Gottes. Weil Gott wirklich Mensch geworden ist, sind wir in Christus wirklich Brüder und Schwestern. Unsere unterschiedlichen Gaben und Fähigkeiten dienen dem Wohl der Menschen und dem geistlichen Aufbau des Leibes Christi, der Kirche.

Das neue Leben und das ganz andere Verhalten der Christen resultiert nicht aus dem Entschluss, aus eigenen Kräften die Welt der Sünde, des Egoismus, des Bösen, des Leidens und des Todes zu überwinden. Wir waren und sind nicht in der Lage, das Paradies auf Erden zu errichten, ein Schlaraffenland der Arbeit ohne Mühe und der selbst nachwachsenden Güter zu schaffen. Auch können wir keinen Kulturbetrieb organisieren, der höchste geistige Ansprüche erfüllt, indem wir die transzendentale Verwiesenheit des Menschen auf Gott als Ursprung und Ziel allen Seins außer Acht lassen. Weder sozialistische noch kapitalistische Programme der Weltverbesserung werden den neuen Menschen erschaffen.

Dossier Weihnachten: Gott wird Mensch

Alljährlich feiern die Christen am 25. Dezember die Geburt Jesu. Unser Dossier informiert über die Bedeutung von Weihnachten, bekannte Bräuche sowie spannende Hintergründe rund um das Fest.

 Zum Dossier

Weihnachten ist ein Fest der Gnade und des Friedens, wenn wir der Aufforderung folgen: „Zieht den neuen Menschen an, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit“ (Eph 4,24). Der Mensch und die ganze Schöpfung werden wegen der Menschwerdung Gottes erlöst aus aller Verlorenheit und einem Leben ohne Hoffnung. Zugleich werden wir berufen „zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes.“ (Röm 8,21). Weil Gottes ewiger Sohn unser Menschsein sich zu eigen genommen hat, sind wir in ihm zu Söhnen und Töchtern Gottes geworden. Wir dürfen zu Gott durch seinen Sohn – seiner göttlichen Natur nach – und durch unseren Bruder – seiner menschlichen Natur nach – voll Vertrauen sagen: „Abba, Vater!“ (Röm 8,15, Gal 4,6).

Weihnachten bietet eine tröstliche Gewissheit

Wer mit dem Wahrheitssucher Augustinus und vielen Millionen von Mitmenschen bis zum heutigen Tag sich nicht mit Mythen, Ideologien oder von irgendwem ausgeklügelten Erlösungslehren und Wellnessangeboten abspeisen lässt, sondern sich dem Evangelium Christi öffnet, der erfährt an Weihnachten eine tröstliche Gewissheit. Wir werden getragen von einer begründeten Hoffnung. Und wir dürfen die Sendung der Kirche Christi zu allen Menschen mittragen, der seinen Jüngern verheißen hat: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,20).

Unglaublich, aber wahr! Das Kind, das ein paar einfache Hirten in der Krippe fanden, ist der Grund großer Freude für das ganze (!) Volk: „Denn heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren, Christus, der Herr.“ ( Luk 2,11).

Von Kardinal Gerhard Ludwig Müller

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Jahresschluss-Vesper: „Wir diskriminieren die Jugend“

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Verehrung der Krippe: Papst Franziskus bei der Feier der Vesper

Sich die göttliche Logik zu Eigen machen: So lautete die Einladung von Papst Franziskus zum Ende des Jahres 2016. Er feierte im Petersdom die erste Vesper zum Hochfest der Gottesmutter, das gleichzeitig auch das Jahresende markiert und deswegen mit dem großen Gottesdank, dem Te Deum, begangen wird.

Die göttliche Logik, auf die Papst Franziskus immer wieder zu sprechen kommt, bestehe darin, dass Gott in der Kleinheit und Zerbrechlichkeit des Neugeborenen Menschen zu uns gekommen sei. „In Christus hat Gott sich nicht als Mensch ‚verkleidet’, sondern ist Mensch geworden und unsere Befindlichkeit in allem geteilt“, so der Papst. Weit davon entfernt, eine Idee oder etwas Abstraktes zu sein, „wollte er all denen nahe sein, die sich verloren, gedemütigt, verletzt, entmutigt, trostlos und eingeschüchtert fühlen.“ Trostlosigkeit, Verletzung, Scham und Ausschließung sollten nicht das letzte Wort haben im Leben der Kinder Gottes.

Die Kette der Privilegien durchbrechen

Die Einladung, sich diese Logik zu Eigen zu machen, würde durch die Krippe ausgesprochen, die bildliche Betrachtung der Menschwerdung. „Es ist ein Denken, das nicht auf Privilegien, Zugeständnisse und Begünstigungen ausgerichtet ist; es geht um die Logik der Begegnung, der Nähe, der unmittelbaren Nachbarschaft.“ Gott wolle die „Kette des Privilegs, das immer Ausschließung erzeugt“, sprengen. Aber dann auch eine Warnung des Papstes: „Wir können es uns nicht leisten, blauäugig zu sein.“ Die Versuchung, selber in der Logik des Privilegs zu leben, sei stark, es brauche die Erleuchtung und Hilfe durch Gott. „Heute, vor dem Kind von Bethlehem, wollen wir zugeben, dass wir es nötig haben, vom Herrn erleuchtet zu werden. Denn nicht selten erscheinen wir kurzsichtig oder bleiben in dem ausgeprägten Mainstream-Verhalten dessen verhaftet, der die anderen mit Gewalt in die eigenen Schemen pressen will.“

Jetzt, zum Ende des Jahres, wolle er ausdrücklich vor der Krippe inne halten, um für Gottes Großherzigkeit zu danken, „wir halten vor der Krippe inne, um uns darauf zu besinnen, wie Gott während dieses ganzen Jahres gegenwärtig wurde.“

Moralische Pflicht gegenüber der Jugend

Wenn man auf diese Krippe schaue, dann sehe man in den Gesichtern von Josef und Maria Hoffnung und Bestrebungen von jungen Menschen, so der Papst. Damit griff er in seiner Predigt ein Anliegen auf, das ihn während seines Pontifikates ständig begleitet. „Wir haben eine Kultur geschaffen, die einerseits die Jugend vergöttert und versucht, diese Phase ewig hinauszuziehen, paradoxerweise aber haben wir andererseits unsere Jugendlichen dazu verurteilt, keinen Platz für eine wirkliche Eingliederung zu finden.“ Der Papst sprach von der Ausgrenzung von jungen Menschen aus dem öffentlichen Leben und von der Arbeits- und Perspektivlosigkeit, „wir diskriminieren sie und ‚verurteilen’ sie dazu, an Türen zu klopfen, die meist verschlossen bleiben.“

Man könne nicht von Zukunft oder dem neuen Jahr sprechen, ohne von der Verantwortung und der moralischen Pflicht gegenüber den jungen Menschen zu sprechen. Es folgte eine deutliche Aufforderung den jungen Menschen zu helfen, „hier in ihrem Land, in ihrer Heimat wieder konkrete Horizonte für eine Zukunft zu finden“. Italien ist wie andere Länder auch von einer sehr hohen Jugendarbeitslosigkeit betroffen. „Auf die Krippe zu schauen fordert uns auf, unseren Jugendlichen zu helfen, damit sie fähig sind zu träumen und für ihre Träume zu kämpfen.“

Das Gotteskind in der Krippe zu betrachten tue angesichts des scheidenden Jahres gut, so der Papst. „Es ist eine Einladung, an die Quellen und an die Wurzeln unseres Glaubens zurückzukehren.“

 

Nach der Vesper besuchte der Papst wie in den vergangenen Jahren auch schon die Krippe auf dem Petersplatz.

 

(rv 31.12.2016 ord)

JOHANNES PAUL II. – BOTSCHAFT VOM 25. DEZEMBER 2004

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BOTSCHAFT VON PAPST JOHANNES PAUL II.
BEIM SEGEN „URBI ET ORBI“

Weihnachten, 25. Dezember 2004

 

1. Christus natus est nobis, venite, adoremus!
Christus ist uns geboren, kommt, laßt uns ihn anbeten!
Zu dir, süßes Kind von Betlehem,
kommen wir an diesem hochheiligen Tag.
Bei deiner Geburt hast du deine Gottheit verborgen,
um unsere schwache Menschennatur zu teilen.
Erleuchtet durch den Glauben, erkennen wir dich
als den wahren Gott, Fleisch geworden aus Liebe zu uns.
Du bist der einzige Erlöser des Menschen!

2. Im Anblick der Krippe, in der du wehrlos liegst,
mögen die vielen Formen grassierender Gewalt,
die Ursache unbeschreiblicher Leiden sind, ein Ende finden.
Erlöschen sollen die zahlreichen Spannungsherde,
die sich zu offenen Konflikten auszuweiten drohen;
es erstarke der Wille, friedliche Lösungen zu suchen,
die die berechtigten Bestrebungen der Menschen und Völker achten.

3. Kind von Betlehem, Prophet des Friedens,
ermutige die Anstrengungen um Dialog und Versöhnung,
stütze die Friedensbemühungen, die zögerlich,
aber hoffnungserfüllt im Gange sind
um eine ruhigere Gegenwart und Zukunft
für viele unserer Brüder und Schwestern in aller Welt.
Ich denke an Afrika, an die Tragödie in Darfur im Sudan,
an die Elfenbeinküste und die Region der großen Seen.
Voll reger Sorge verfolge ich die Ereignisse im Irak.
Und wie könnte ich nicht meinen Blick besorgter Teilnahme,
aber auch voll unauslöschlicher Hoffnung,
auf das Land richten, dessen Sohn du bist?

4. Überall braucht es Frieden!
Du, der du der Fürst des wahren Friedens bist,
hilf uns zu verstehen, daß der einzige Weg, Frieden zu schaffen,
darin besteht, daß Böse zu verabscheuen und zu fliehen
und immerzu mutig das Gute zu verfolgen.
Menschen guten Willens aus allen Völkern der Erde,
kommt mit Vertrauen zur Krippe des Erlösers!
„Er raubt nicht irdische Reiche,
er, der uns das himmlische verleiht“
(vgl. Hymnus der Vesper an Epiphanie).
Eilt herbei, um Ihm zu begegnen, der kommt,
um uns den Weg der Wahrheit, des Friedens und der Liebe zu lehren.

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PAPST BENEDIKT XVI.: PREDIGT 2012 ZUR CHRISTMETTE

24/12/2012 Vaticano. Celebrazione della Messa della Notte di Natale, nella foto Papa Benedetto XVI

CHRISTMETTE

FEST DER GEBURT DES HERRN

PREDIGT VON PAPST BENEDIKT XVI.

Petersdom
24. Dezember 2012


Immer wieder rührt die Schönheit dieses Evangeliums unser Herz an – Schönheit, die Glanz der Wahrheit ist. Immer wieder trifft es uns, daß Gott, damit wir ihn lieben können, damit wir wagen, ihn zu lieben, sich zu einem Kind macht, sich vertrauend als Kind in unsere Hände gibt. Er sagt gleichsam: Ich weiß, daß mein Glanz dich erschreckt. Daß du dich gegen meine Größe zu behaupten versuchst. Nun, so komme ich als Kind zu dir, damit du mich annehmen, mich lieben kannst.

Immer wieder trifft mich auch das fast nebenbei gesagte Wort des Evangelisten, daß in der Herberge kein Platz für sie war. Unausweichlich steht die Frage auf, wie es denn wäre, wenn Maria und Josef bei mir anklopfen würden. Wäre da Platz für sie? Und dann kommt uns in den Sinn, daß der Evangelist Johannes die fast zufällig erscheinende Notiz über den fehlenden Platz in der Herberge, der die heilige Familie in den Stall drängte, ins Grundsätzliche vertieft und geschrieben hat: „Er kam in sein Eigentum, und die Seinigen nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1, 11). Die große moralische Frage, wie es um die Heimatlosen, die Flüchtenden, die Menschen unterwegs bei uns steht, wird so noch grundsätzlicher: Haben wir eigentlich Platz für Gott, wenn er bei uns einzutreten versucht? Haben wir Zeit und Raum für ihn? Wird nicht gerade Gott selbst von uns abgewiesen? Das beginnt damit, daß wir keine Zeit für Gott haben. Je schneller wir uns bewegen können, je zeitsparender unsere Geräte werden, desto weniger Zeit haben wir. Und Gott? Die Frage nach ihm erscheint nie dringend. Unsere Zeit ist schon angefüllt. Aber die Dinge gehen noch tiefer. Hat Gott eigentlich Platz in unserem Denken? Die Methoden unseres Denkens sind so angelegt, daß es ihn eigentlich nicht geben darf. Auch wenn er anzuklopfen scheint an die Tür unseres Denkens, muß er weg-erklärt werden. Das Denken muß, um als ernstlich zu gelten, so angelegt werden, daß die „Hypothese Gott“ überflüssig wird. Es gibt keinen Platz für ihn. Auch in unserem Fühlen und Wollen ist kein Raum für ihn da. Wir wollen uns selbst. Wir wollen das Handgreifliche, das faßbare Glück, den Erfolg unserer eigenen Pläne und Absichten. Wir sind mit uns selbst vollgestellt, so daß kein Raum für Gott bleibt. Und deshalb gibt es auch keinen Raum für die anderen, für die Kinder, für die Armen und Fremden. Von dem einfachen Wort über den fehlenden Platz in der Herberge her können wir sehen, wie nötig uns der Anruf des heiligen Paulus ist: „Laßt euch umgestalten und euer Denken erneuern“ (Röm 12, 2). Paulus spricht von der Erneuerung, von dem Aufbrechen unseres Verstandes (nous), von der ganzen Weise, wie wir die Welt und uns selber betrachten. Die Bekehrung, derer wir bedürfen, muß wirklich bis in die Tiefe unseres Verhältnisses zur Wirklichkeit hineinreichen. Bitten wir den Herrn, daß wir wach werden für seine Gegenwart. Daß wir hören, wie er leise und doch eindringlich an die Tür unseres Seins und Wollens anklopft. Bitten wir ihn, daß in uns Raum werde für ihn. Und daß wir so ihn erkennen auch in denen, durch die er uns anredet: in den Kindern, in den Leidenden und Verlassenen, in den Ausgestoßenen und in den Armen dieser Welt.

Noch ein zweites Wort der Weihnachtsgeschichte möchte ich gern mit Ihnen bedenken: den Lobgesang der Engel, den sie nach der Botschaft vom neugeborenen Erlöser anstimmen: Herrlichkeit ist Gott in der Höhe und Friede mit den Menschen seines Wohlgefallens. Gott ist herrlich. Gott ist reines Licht, Leuchten der Wahrheit und der Liebe. Er ist gut. Er ist das wahrhaft Gute, der Gute schlechthin. Die Engel, die um ihn sind, geben zunächst einfach die Freude über die Wahrnehmung von Gottes Herrlichkeit weiter. Ihr Singen ist Ausstrahlen der Freude, die sie erfüllt. Bei ihren Worten hören wir gleichsam in die Klänge des Himmels hinein. Da ist keine Frage nach Zwecken dahinter, sondern einfach das Erfülltsein vom Glück der Wahrnehmung der reinen Helligkeit von Gottes Wahrheit und Liebe. Von dieser Freude wollen wir uns anrühren lassen: Es gibt die Wahrheit. Es gibt die reine Güte. Es gibt das reine Licht. Gott ist gut, und er ist die letzte Macht über allen Mächten. Darob sollten wir in dieser Nacht mit den Engeln, mit den Hirten einfach froh werden.

Mit der Herrlichkeit Gottes in der Höhe hängt der Friede auf Erden unter den Menschen zusammen. Wo Gott nicht in Ehren steht, wo er vergessen oder gar geleugnet wird, da ist auch kein Friede. Heute freilich behaupten weitverbreitete Strömungen des Denkens das Gegenteil: Die Religionen, besonders der Monotheismus, seien der Grund für die Gewalt und für die Kriege in der Welt. Von ihnen müsse man die Menschheit zuerst befreien, damit Friede werde. Der Monotheismus, der Glaube an den einen Gott, sei Rechthaberei, Grund der Intoleranz, weil er sich von seinem eigenen Wesen her allen mit dem Anspruch der alleinigen Wahrheit aufdrängen wolle. Nun ist wahr, daß in der Geschichte der Monotheismus als Vorwand für Intoleranz und Gewalt gedient hat. Wahr ist, daß Religion erkranken und so sich ihrem tieferen Wesen entgegenstellen kann, wenn der Mensch meint, selbst die Sache Gottes in die Hand nehmen zu müssen und so Gott zu seinem Privateigentum macht. Gegen diese Verzerrungen des Heiligen müssen wir wachsam sein. Wenn Mißbrauch der Religion in der Geschichte unbestreitbar ist, so ist es doch nicht wahr, daß das Nein zu Gott den Frieden herstellen würde. Wenn das Licht Gottes erlischt, erlischt auch die göttliche Würde des Menschen. Dann ist er nicht mehr Gottes Ebenbild, das wir in jedem, im Schwachen, im Fremden, im Armen in Ehren halten müssen. Dann sind wir nicht mehr alle Brüder und Schwestern, Kinder des einen Vaters, die vom Vater her einander zugehören. Welche Arten von anmaßender Gewalt dann erscheinen, wie dann der Mensch den Menschen mißachtet und zertritt, das haben wir in seiner ganzen Grausamkeit im vergangenen Jahrhundert gesehen. Nur wenn das Licht Gottes über den Menschen und in ihm leuchtet, nur wenn jeder einzelne Mensch von Gott gewollt, gekannt und geliebt ist, nur dann ist seine Würde unantastbar, wie armselig seine Situation auch immer sein mag. In der Heiligen Nacht ist Gott selbst ein Menschenkind geworden, wie der Prophet Jesaja angekündigt hatte: Das hier geborene Kindlein ist „Immanuel“, Gott mit uns (Jes 7, 14). Und all die Jahrhunderte hindurch hat es wahrhaft nicht nur den Mißbrauch der Religion gegeben, sondern von dem Glauben an den Gott, der Mensch wurde, sind immer wieder Kräfte der Versöhnung und der Güte ausgegangen. In das Dunkel von Sünde und Gewalt hat dieser Glaube einen Lichtstrahl des Friedens und der Güte eingezeichnet, der immerfort weiter leuchtet.

So ist Christus unser Friede und hat Frieden verkündet den Fernen und den Nahen (vgl. Eph 2, 14. 17). Wie sollten wir nicht in dieser Stunde zu ihm beten: Ja, Herr, künde uns auch heute Frieden, den Fernen und den Nahen. Gib, daß auch heute Schwerter in Pflugscharen umgewandelt werden (Jes 2, 4), daß anstelle von Kriegsrüstung Hilfe für die Leidenden trete. Erleuchte Menschen, die in deinem Namen glauben, Gewalt ausüben zu müssen, daß sie den Widersinn der Gewalt einsehen und dein wahres Antlitz erkennen lernen. Hilf uns, daß wir Menschen deines Wohlgefallens werden – Menschen nach deinem Bild und so Menschen des Friedens.

Als die Engel gegangen waren, sagen die Hirten zueinander: Auf, laßt uns hinübergehen nach Bethlehem und das Wort sehen, das uns geworden ist (Lk 2, 15). Die Hirten eilten auf ihrem Weg nach Bethlehem, so sagt uns der Evangelist (2, 16). Eine heilige Neugier trieb sie, dieses Kind in einer Futterkrippe zu sehen, über das doch der Engel gesagt hatte, daß es der Retter, der Gesalbte, der Herr sei. Die große Freude, von der der Engel gesprochen hatte, hatte ihr Herz berührt und beflügelte sie.

Laßt uns hinübergehen nach Bethlehem, so sagt die Liturgie der Kirche heute zu uns. Trans-eamus heißt es in der lateinischen Bibel: hinüber-gehen, den Überschritt, das „Trans“ wagen, mit dem wir aus unseren Denk- und Lebensgewohnheiten herausgehen und die bloß materielle Welt überschreiten auf das Eigentliche hin, hinüber zu dem Gott, der seinerseits zu uns herübergekommen ist. Wir wollen den Herrn bitten, daß er uns das Überschreiten unserer Grenzen, unserer eigenen Welt schenke, daß er uns helfe, ihm zu begegnen, besonders in dem Augenblick, in dem er sich selbst in der heiligen Eucharistie in unsere Hände und in unser Herz hineinlegt.

Gehen wir hinüber nach Bethlehem: Bei diesem Wort, das wir mit den Hirten zueinander sagen, sollen wir nicht nur an den großen Über-Schritt zum lebendigen Gott hin denken, sondern auch an die konkrete Stadt Bethlehem, an all die Orte, an denen der Herr gelebt, gewirkt und gelitten hat. Beten wir in dieser Stunde für die Menschen, die heute dort leben und leiden. Beten wir darum, daß dort Friede sei. Beten wir darum, daß Israelis und Palästinenser im Frieden des einen Gottes und in Freiheit ihr Leben entfalten können. Beten wir auch für die umliegenden Länder, für den Libanon, für Syrien, den Irak und so fort: daß dort Friede werde. Daß die Christen in diesen Ländern des Ursprungs unseres Glaubens dort ihr Zuhause behalten können, daß Christen und Muslime im Frieden Gottes miteinander ihre Länder aufbauen.

Die Hirten eilten. Heilige Neugier und heilige Freude trieb sie. Bei uns kommt es wohl sehr selten vor, daß wir für die Dinge Gottes eilen. Gott gehört heute nicht zu den eilbedürftigen Wirklichkeiten. Die Dinge Gottes haben Zeit, so denken und sagen wir. Und doch ist er das Wichtigste, der allein letztlich wirklich Wichtige. Warum sollte nicht auch uns die Neugier befallen, näher zu sehen und zu erkennen, was Gott uns gesagt hat? Bitten wir ihn, daß die heilige Neugier und die heilige Freude der Hirten in dieser Stunde auch uns anrühren, und gehen wir so freudig hinüber nach Bethlehem – zum Herrn, der auch heute neu zu uns kommt. Amen.

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