Vortrag von Bischof Vitus Huonder beim Einkehrtag von Pro Ecclesia am Samstag, 30. März 2019 in Einsiedeln

BERLIN, GERMANY, FEBRUARY - 15, 2017: The fresco of St. john the Evangelist in cupola of Rosenkranz Basilica by Friedrich Stummels, Karl Wenzel, and Theodor Nuttgens from begin of 20. cent.

DURCHHALTEVERMÖGEN, GEDULD UND SANFTMUT

Die Offenbarung des Johannes

So lange diese Weltzeit dauert, so lange wir in der Erwartung der Wiederkunft unseres Herrn leben, so lange wir der sogenannten pilgernden Kirche (früher war die Rede von der streitenden) angehören (Lumen gentium 8)1, sind Qualitäten wie Durchhaltevermögen, Geduld und Sanftmut gefragt. Es gibt auf dem Weg unserer Pilgerschaft keine Zeit, da diese Eigenschaften und Tugenden nicht notwendig wären: Durchhaltevermögen, weil die Angriffe auf den Glauben nie nachlassen; Geduld, weil die Zeit dauert; Sanftmut, weil der Mensch im Zorn nicht das tut, was Gott gefällt:

Jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn; denn der Zorn eines Mannes schafft keine Gerechtigkeit vor Gott. Darum legt alles Schmutzige und die viele Bosheit ab und nehmt in Sanftmut das Wort an, das in euch eingepflanzt worden ist und die Macht hat, euch zu retten (Jak 1,19-21).

Während einiger Wochen der Osterzeit liest die Kirche täglich Abschnitte aus der Offenbarung des Johannes. Eben in unserer Zeit, in einer Zeit der Verunsicherung und der Verwirrung in Fragen des Glaubens und der Lebensweise (Moral) ist diese Schrift für uns wegweisend. Deshalb möchte ich meine Worte der Ermutigung und der Bestärkung von ihr her entwickeln.

Die Offenbarung des Johannes beginnt mit folgenden Worten:

Offenbarung Jesu Christi, die Gott ihm gegeben hat, damit er seinen Knechten zeigt, was bald geschehen muss; und er hat es durch seinen Engel, den er sandte, seinem Knecht Johannes gezeigt. Dieser hat das Wort Gottes und das Zeugnis Jesu Christi bezeugt: alles, was er geschaut hat. Selig, wer die Worte der Prophetie vorliest und jene, die sie

1 Die Kirche „schreitet zwischen den Verfolgungen der Welt und den Tröstungen Gottes auf ihrem Pilgerweg dahin“, und verkündet das Kreuz und den Tod des Herrn, bis er wiederkommt (vgl. 1 Kor 11,26). Von der Kraft des auferstandenen Herrn aber wird sie gestärkt, um ihre Trübsale und Mühen, innere gleichermaßen wie äußerliche, durch Geduld und Liebe zu besiegen und sein Mysterium, wenn auch schattenhaft, so doch getreu in der Welt zu enthüllen, bis es am Ende im vollen Lichte offenbar werden wird. Das Zitat stammt von Augustinus, Civ. Dei, XVIII, 51,2: PL 41,614. Vgl. auch Lumen gentium 49.

hören und das halten, was in ihr geschrieben ist; denn die Zeit ist nahe (1,1-3).

Offenbarung bedeutet in diesem Zusammenhang Kundgebung dessen, was in der Zukunft geschieht. Wir könnten auch von einer prophetischen Aufklärung der Zukunft sprechen. Die Gläubigen sollen erfahren, was in Zukunft geschieht, um auf die Ereignisse vorbereitet zu sein. Sie sollen von den Ereignissen nicht überrascht und überwältigt werden. So beginnt die Offenbarung des Johannes mit dem Hinweis auf ihren Ursprung: Gott – Gott der Vater – gibt Jesus – seinem Sohn – die Offenbarung. Sie geht von Gott dem Vater aus und wird Jesus anvertraut. Damit wird die Einheit zwischen dem Vater und dem Sohn hervorgehoben und jeder Zweifel an der Echtheit und Gültigkeit dieser Offenbarung ausgeräumt: Die Offenbarung kommt vom Vater durch den Sohn. Sie hat daher höchste Glaubwürdigkeit. Sie enthält nicht die Meinung und die Beurteilung des Johannes. Sie kommt nicht aus seiner Einbildung. Sie ist ihm von Gott und von Jesus Christus durch einen Engel gegeben. In diesem Sinn lesen wir gegen Schluss des Buches, im neunzehnten Kapitel:

Jemand sagte zu mir: Schreib auf: Selig, wer zum Hochzeitsmahl des Lammes eingeladen ist! Dann sagte er zu mir: Das sind zuverlässige Worte Gottes (19,9).

Die Zuverlässigkeit dieser Worte wird unterstrichen. Das verlangt der Ernst des Inhalts. Das verlangt aber auch das Ernstnehmen dieses Inhalts. Niemand soll diese Worte in den Wind schlagen können, weil sie unwahrscheinlich zu sein scheinen: Das sind zuverlässige Worte Gottes.

Nach diesem Hinweis betont der Engel nochmals:

Diese Worte sind zuverlässig und wahr. Gott, der Herr über den Geist der Propheten, hat seinen Engel gesandt, um seinen Knechten zu zeigen, was bald geschehen muss. Siehe, ich komme bald. Selig, wer an den prophetischen Worten dieses Buches festhält (22,7).

Die Offenbarung des Johannes soll die Kirche und alle Gläubigen in der Zeit zwischen der Herabkunft des Heiligen Geistes (Pfingsten) bis zur Zeit der Wiederkunft unseres Herrn begleiten, bis hin zu jener Zeit, von der es heißt, sie sei nahe (vgl. Offb 1,3). Es ist die Zeit der Vollendung der Kirche. Deshalb ist ihr Inhalt und ihr Verständnis für uns von hoher Bedeutung. Sie ist eine Prophetie, das heißt ein Schauen, ein Sehen der Ereignisse bis zur Vollendung. Sie ist aber als Prophetie ein Schauen in rätselhaften Umrissen, wie es der heilige Paulus sagt: Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht (1 Kor 13,12). Diesen Hinweis müssen wir beim Lesen der Offenbarung des Johannes immer berücksichtigen.

Die Offenbarung des Johannes ist ein Sehen dessen, was bald geschehen muss (Offb 22,7). Was kommen muss ist deshalb notwendig, weil eine Scheidung zwischen gut und böse erfolgen muss. Nur auf diesem Weg wird der Sieg Gottes, der Sieg des Guten möglich. Damit wird auch angedeutet, dass es ein Sehen der Not und des Leids ist, welche nicht abgewendet werden können. Es muss so geschehen. Es ist nicht abzuwenden. Die Prophetie soll den Gläubigen helfen, die Not zu ertragen und immer, auch wenn die Zeit dauert, sich im Zustand der Gnade zu bewahren. Sagt doch der Herr:

Siehe, ich komme wie ein Dieb. Selig, wer wach bleibt und sein Gewand anbehält, damit er nicht nackt gehen muss und man seine Blöße nicht sieht! (Offb 16,15).

Der Ausdruck der Blöße ist, unter anderem, ein Hinweis auf den Zustand des Menschen nach dem Sündenfall, auf den gnadenlosen Zustand. Wenn der Herr kommt, soll sich der Mensch nicht in diesem Zustand befinden, im Zustand der Entwürdigung, der Scham und der Sünde. Er soll bekleidet sein mit dem Kleid, das Gott ihm durch Jesus Christus geschenkt hat.

Offb 16,15 ist unter anderem eine Anspielung auf das Kleid, welches Gott Adam und seiner Frau vor dem Verlassen des Paradieses gegeben hat: Gott, der HERR, machte dem Adam und seiner Frau Gewänder von Fell und bekleidete sie damit (Gen 3,21). Das ist der erste Gnadenerweis Gottes nach dem Sündenfall. In der Offenbarung des Johannes ist damit der Gnadenerweis durch das Erlösungswerk Jesu Christi gemeint. – Denn in der Taufe haben wir Jesus als Kleid, als Gewand angezogen (vgl. Gal 3,27). Diese Gnade soll der Mensch in der Zeit des Wartens bewahren. Das bedeutet: Der Mensch soll entsprechend leben und sich nicht von den Grundsätzen des Glaubens abbringen lassen, sich nicht verführen lassen durch Worte, die ihn betören, weil sie in mancher Hinsicht sich süß und angenehm anhören, ja, vielleicht sogar den Eindruck einer tiefen Glaubensweisheit hinterlassen.

Versiegle dieses Buch nicht! Denn die Zeit ist nahe. Wer Unrecht tut, tue weiter Unrecht, der Unreine bleibe unrein, der Gerechte handle weiter gerecht und der Heilige strebe weiter nach Heiligkeit. Siehe, ich komme bald und mit mir bringe ich den Lohn und ich werde jedem geben, was seinem Werk entspricht. (22,10-12).

Das Buch oder die Schrift soll nicht geheim gehalten werden. Es soll nicht versiegelt werden. Es soll offengelegt werden. Die Menschen – die Gläubigen – soll es kennen, damit sie sich in dieser nicht einfachen Situation böser Ereignisse für die Kirche recht verhalten.

Ich bezeuge jedem, der die prophetischen Worte dieses Buches hört: Wer etwas hinzufügt, dem wird Gott die Plagen zufügen, von denen in diesem Buch geschrieben steht. Und wer etwas wegnimmt von den prophetischen Worten dieses Buches, dem wir Gott seinen Anteil am Baum des Lebens und an der heiligen Stadt wegnehmen, von denen in diesem Buch geschrieben steht (22,18-19).

Weil dieses Buch oder diese Schrift für die Gläubigen von hoher Bedeutung ist, darf daran nichts verändert werden. Es muss authentisch bleiben. Der Fluch, der auf eine Veränderung gelegt wird, ist ein Schutz für die Schrift und für die treue Widergabe dieser Schrift und in diesem Sinn auch ein Schutz für die Gläubigen.

Deutung und Bedeutung der Offenbarung

Das Buch der Offenbarung des Johannes ist zweigliedrig: Nach der Einleitung (1) folgen die Briefe an die Gemeinden (2-3) und danach die Vision dieser Weltzeit bzw. der Endzeit (4-22). Darauf folgt das Schlusswort 22,6-21).

Die Vision der Weltzeit ist wiederum in drei Teile gegliedert: Die Zeit vor dem Sturz Satans (4-11), die Zeit nach dem Sturz Satans (12-20) und die Vision des neuen Himmels und der neuen Erde (21-22,5).

Die Zeit vor dem Sturz Satans wird mit folgenden Worten eingeleitet:

Und ich sah auf der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buchrolle; sie war innen und auf der Rückseite beschrieben und mit sieben Siegeln versiegelt. Und ich sah: Ein gewaltiger Engel rief mit lauter Stimme: Wer ist würdig, die Buchrolle zu öffnen und ihre Siegel zu lösen. Aber niemand im Himmel, auf der Erde und unter der Erde konnte das Buch öffnen und hineinsehen. Da weinte ich sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch zu öffnen und hineinzusehen. Das sagte einer von den Ältesten zu mir: Weine nicht! Siehe, gesiegt hat der Löwe aus dem Stamm Juda, der Spross aus der Wurzel Davids; er kann das Buch und seine sieben Siegel öffnen (5,1-5).

Wenn niemand das Buch öffnen kann, dann bleibt der Weg zum Heil verschlossen. Deshalb das Weinen angesichts der Tatsache, dass niemand für würdig befunden wurde, die Buchrolle zu öffnen. Doch dann kommt Bewegung in die Szene:

Das Lamm trat heran und empfing das Buch aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß (5,7).

Das Lamm, das heißt Jesus, der Sohn Gottes, ist in der Lage, die Siegel zu lösen und so das Werk der Erlösung in die Wege zu leiten. Was niemand vermag, das kann er erfüllen. So kann nun die Öffnung der sieben Siegel geschehen. Darauf folgt der Schall der sieben Posaunen. Wir können diese Abfolge von zweimal sieben Vorgängen als die notwendigen Schritte hin auf die Erlösung betrachten. Die Zeit dauert. Es geschieht nicht alles auf einmal. Die Entmachtung und der Sturz Satans wird vielmehr Schritt um Schritt eingeleitet. Aber es ist eine Dauer auf die Vollendung hin, was eben durch die Siebenzahl angedeutet wird. Dieser Vorgang erreicht seinen Höhepunkt im zwölften Kapitel. Dies ist wohl die Mitte des Buches:

Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt. Sie war schwanger und schrie vor Schmerz in ihren Geburtswehen. Ein anderes Zeichen erschien am Himmel und siehe, ein Drache, groß und feuerrot, mit sieben Köpfen und zehn Hörnern und mit sieben Diademen auf seinen Köpfen. Sein Schwanz fegte ein Drittel der Sterne vom Himmel und warf sie auf die Erde herab. Der Drache stand vor der Frau, die gebären sollte; er wollte ihr Kind verschlingen, sobald es geboren war. Und sie gebar ein Kind, einen Sohn, der alle Völker mit eisernem Zepter weiden wird. Und ihr Kind wurde zu Gott und zu seinem Thron entrückt. Die Frau aber floh in die Wüste, wo Gott ihr einen Zufluchtsort geschaffen hatte; dort wird man sie mit Nahrung versorgen, zwölfhundertsechzig Tage lang. – Da entbrannte im Himmel ein Kampf; Michael und seine Engel erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen. Der Drache und seine Engel kämpften, aber sie hielten nicht stand und sie verloren ihren Platz im Himmel. Er wurde gestürzt, der große Drache die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt; der Drache wurde auf die Erde gestürzt und mit ihm wurden seine Engel hinabgeworfen … Weh aber euch, Land und Meer! Denn der Teufel ist zu euch hinabgekommen; seine Wut ist groß, weil er weiß, dass ihm nur noch eine kurze Frist bleibt (12,1-9.12).

Dieses zwölfte Kapitel stellt uns in die Realität hinein, in welcher wir leben:

Weh aber euch, Land und Meer! Denn der Teufel ist zu euch hinabgekommen; seine Wut ist groß, weil er weiß, dass ihm nur noch eine kurze Frist bleibt (12,12).

Wenn wir die Zeit deuten und begreifen wollen, in welcher wir stehen, müssen wir auf diesen letzten Satz zurückgreifen. Vom Tag der Erlösung an, von der Auferstehung und Himmelfahrt Jesu an, vom Tag an, da die Kirche durch den Heiligen Geist gefestigt und geheiligt wurde, ist das Heilswerk Gottes vollendet. Das heißt: Satan ist vom Himmel gestürzt worden. Deshalb ist seine Wut groß und er will jene, die auf dem Pilgerweg auf Erden noch unterwegs sind, mit allen Mitteln bekämpfen. Dieser Kampf wird in jenem Teil geschildert, den ich als die Zeit nach dem Sturz Satans (12-20) umschreibe. Die Kirche erfährt in dieser ganzen Zeit die Wut Satans. Wir bekommen diese Wut Satans immer wieder zu spüren. Doch anderseits werden dem Satan Grenzen gesetzt, so dass sein Wirken das Werk der Erlösung in sich nicht zerstören kann:

Als der Drache erkannte, dass er auf die Erde gestürzt war, verfolgte er die Frau, die den Sohn geboren hatte. Aber der Frau wurden die beiden Flügel des großen Adlers gegeben, damit sie in die Wüste an ihren Ort fliegen konnte. Dort wird sie eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit lang ernährt, fern vom Angesicht der Schlange (12,13-14).

Mit der Frau ist die Kirche, das neue Sion, das neue Volk Gottes gemeint. Sie ist die Mutter des Sohnes, da aus ihrer Mitte der Messias Gottes hervorgegangen ist.

Die Kirche als Kirche ist vor der Schlange sicher. Sie ist dreieinhalb Jahre in Sicherheit. Es wird angenommen, dass mit dieser Zeitbestimmung die ganze Zeit der Kirche gemeint ist, also die Zeit von ihren Anfängen bis zu ihrer Vollendung. Diese ganze Zeit ist eine Zeit des Übergangs und der Prüfung. Die dreieinhalb Jahre sind die Hälfte von sieben Jahren. Es ist eine unvollendete Zeit, aber auch eine nicht genau zu berechnende Zeit. Sie bringt zum Ausdruck, was Jesus mit anderen Worten zum Ende der Welt, zum Endgericht, zum Jüngsten Tag sagt:

Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater (Mt 24,36).

Wenn die Kirche als solche, das neue Sion, in Sicherheit ist, so doch nicht ihre Kinder – die Gläubigen. Sie sind dem Kampf mit der Schlange, mit Satan ausgesetzt. Der Drache oder die Schlange beginnt nun einen verbissenen Kampf mit ihnen. Es fällt auf, dass diese Gläubigen umschrieben werden als jene, welche die Gebote Gottes bewahren und am Zeugnis für Jesus festhalten. Die Zeit bis zur Vollendung ist offenbar eine Zeit, welche die Gebote Gottes in Frage stellt und den Glauben an Jesus zerstören möchte. Das ist ein wichtiger Hinweis für die Gläubigen. Er gibt ihnen eine Hilfe an die Hand, so dass sie wissen, worauf es in diesem Kampf ankommt. Sie bekommen Orientierung.

Da geriet der Drache in Zorn über die Frau und er ging fort, um Krieg zu führen mit ihren übrigen Nachkommen, die die Gebote Gottes bewahren und an dem Zeugnis für Jesus festhalten (12,17).

Dabei kommt die Frage auf: Wie lange dauert diese Zeit? Gibt es Anzeichen, welche uns erkennen lassen, dass das Ende bald kommt? Darauf gibt uns die Offenbarung in diesem Teil eine deutliche Antwort: Die Zeit lässt sich nicht berechnen. Es ist aber eine begrenzte Zeit. Es gibt dazwischen ruhige Zeiten. Anderseits gibt es eine Zunahme der Not gegen das Ende hin. Das bedeutet eben: Es braucht eine ständige Bereitschaft der Gläubigen; ein Wachbleiben; ein Ausharren; ein Festhalten; ein Sich-nicht-Täuschen lassen. Die Gläubigen sollen unbeirrt ihren Weg gehen und sich nicht durch die verschiedenen Angebote der Welt verführen lassen. Da braucht es, wie es die Offenbarung sagt, Standhaftigkeit und Glaubenstreue.

Wer Ohren hat, der höre! Wer zur Gefangenschaft bestimmt ist, geht in die Gefangenschaft. Wer mit dem Schwert getötet werden soll, wird mit dem Schwert getötet. Hier muss sich die Standhaftigkeit und die Glaubenstreue der Heiligen bewähren (13,9-10).

Über allem schmerzlichen Ereignis steht aber immer der Sieg des Lammes, gleichsam parallel zum Wirken Satans, in einer überirdischen Dimension. Den Blick dahin zu wenden, ist eine große Hilfe im Kampf mit dem Bösen:

Und ich sah und siehe, das Lamm stand auf dem Berg Zion und bei ihm waren hundert- vierundvierzigtausend; auf ihrer Stirn trugen sie seinen Namen und den Namen seines Vaters geschrieben. Dann hörte ich eine Stimme vom Himmel her, die dem Rauschen von Wassermassen und dem Rollen eines gewaltigen Donners glich. Die Stimme, die ich hörte, war wie der Klang der Harfe, die ein Harfenspieler schlägt. Und sie sangen ein neues Lied vor dem Thron und vor den vier Lebewesen und vor den Ältesten. Aber niemand konnte das Lied lernen außer den hundertvierundvierzigtausend, die von der Erde weg freigekauft sind. Sie sind es, die sich nicht mit Frauen befleckt haben; denn sie sind jungfräulich. Sie folgen dem Lamm, wohin es geht. Sie allein unter allen Menschen sind freigekauft als Erstlingsgaben für Gott und das Lamm. Denn in ihrem Mund fand sich keinerlei Lüge. Sie sind ohne Makel (Offb 14,1-5).

Wohl erwartet die Kirche die Vollendung am Ende der Zeiten. Aber schon in dieser Zeit werden jene vollendet, die in Übereinstimmung mit Gottes Willen leben. So wächst in dieser Zwischenzeit bereits die Zahl jener, die beim Lamm sind und das neue Lied singen, das Lied des Sieges über Satan und seinen Anhängern.

Hier muss sich die Standhaftigkeit der Heiligen bewähren, die an den Geboten Gottes und an der Treue zu Jesus festhalten. Und ich hörte eine Stimme vom Himmel her rufen: Schreibe: Selig die Toten, die im Herrn sterben, von jetzt an; ja spricht der Geist, sie sollen ausruhen von ihren Mühen; denn ihre Taten folgen ihnen nach (14,12-13).

Die Offenbarung des Johannes ist kein Count-down für die Wiederkunft des Herrn. Sie zeigt uns aber, dass es verschiedene Ereignisse gibt, welche der Wiederkunft des Herrn vorangehen; dass sich die Gläubigen auf manche Zeitabschnitte der Prüfung vorbereiten müssen. Sie zeigt uns aber auch, dass der Weltenlauf mit Sicherheit auf den neuen Himmel und auf die neue Erde zugeht.

Seht die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. – Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu. Und er sagte: Schreib es auf, denn diese Worte sind zuverlässig und wahr (21,1-5).

Dies ist unser Ziel, auf das wir von Tag zu Tag zuschreiten. Johannes stellt uns in der Offenbarung die ewige Glückseligkeit vor Augen. Wir brauchen diese Vorschau dringend, da wir eben in den Wechselfällen dieses Lebens stehen und immer wieder an den Rand der Verzweiflung kommen. So spricht uns Johannes Mut zu und stärkt unser Beharrungsvermögen und unsere Hoffnung. Die Schrift des Johannes ist ein Trostbuch in der Not des gegenwärtigen Lebens. Sie lässt uns, die wir in der Bedrängnis des Volkes Gottes leben, in einer großartigen Schau unsere beglückende Vollendung im Himmel erfahren. So zeigt uns die Apokalypse – gleichsam parallel zum Weg Jesu, der vom Leiden zur Auferstehung und zur Himmelfahrt führt – den Weg des Volkes Gottes aus der Not dieser Weltzeit zur erfüllenden Gemeinschaft der Heiligen im Himmel. Wir können auch sagen: Jesus hat dem Volk Gottes durch seine Auferstehung den Himmel geöffnet. Die vollendete Gemeinschaft der Heiligen ist die Folge der Auferstehung Jesu. In dieser Weise betrachtet die Kirche, von der Auferstehung des Herrn her kommend, den eigenen Weg vom Leiden zur ewigen Herrlichkeit. – Die Offenbarung des Johannes gibt uns auch einen Maßstab in die Hand, um sich in dieser schwierigen Zeit richtig zu verhalten und zu handeln. Darauf möchte ich nochmals hinweisen:

Hier muss sich die Standhaftigkeit der Heiligen bewähren, die an den Geboten Gottes und an der Treue zu Jesus festhalten.

Die Gebote Gottes und die Treue zu Jesus sind ausschlaggebend für den Weg des Glaubens durch die Schwierigkeiten der Endzeit. Der Hinweis auf die Gebote Gottes erinnern uns an Jesus und seine Lehre:

Wenn du aber in das Leben eintreten willst, halte die Gebote (Mt 19,17)!

Auf die folgende Frage: Welche?, antwortet Jesus:

Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen,, du sollst kein falsches Zeugnis geben; ehre Vater und Mutter! Und: Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst (Mt 19,18).

Es geht um die Zehn Gebote. Anderseits geht es um den Glauben an Jesus. Das sind nach der Offenbarung des Johannes die beiden Eckpfeiler, an denen sich der Mensch orientieren kann, um sich zu bewähren und der Herrlichkeit teilhaftig zu werden. Alles was davon wegführt, ist ein Werk des Bösen. Und ich darf noch deutlicher werden: Die Eckpfeiler reichen zurück in die ganze Geschichte der Kirche. Wir haben durch die ständige Überlieferung des Glaubens jene Kriterien, welche uns helfen, den sicheren Weg zu gehen. Alles, was davon wegführt, ist dem Wirken Satans zuzuschreiben. Alles, was uns unsicher zu sein scheint, auch in der Ausdrucksweise etwa eines Konzils, muss ins Licht der Überlieferung der Kirche gerückt, und in diesem Licht gedeutet werden. Darauf habe ich auch in meinem letzten Hirtenschreiben hingewiesen.2 Darüber hat sich zwar ein Journalist lustig gemacht und gemeint, der Brief würde ins Jahr 1959 passen. – Ironischerweise stimmt diese ironische Aussage; denn das, was 1959 galt, also noch vor

2 Der Weg des Heils, Apg 16,17. Hirtenbrief zur Fastenzeit 2019.

dem Zweiten Vatikanum, das gilt genau so auch heute. Vielleicht hat sich die Sprache etwas verändert – zum Beispiel ist das Scharf-s weitgehend verschwunden! – aber am Inhalt des Glaubens hat sich nichts verändert, auch wenn sich neue Aspekte eröffnet haben. Aber dann eben sind sie in der Kontinuität dessen aufzugreifen und umzusetzen, was wir den Stamm oder die Wurzel des Glaubens nennen.

Versiegle dieses Buch nicht! Denn die Zeit ist nahe. Wer Unrecht tut, tue weiter Unrecht, der Unreine bleibe unrein, der Gerechte handle weiter gerecht und der Heilige strebe weiter nach Heiligkeit. Siehe, ich komme bald und mit mir bringe ich den Lohn und ich werde jedem geben, was seinem Werk entspricht. (22,10-12).

Der Heilige Vater, Papst Franziskus fragt: Wie wissen wir, ob etwas vom Heiligen Geist kommt oder ob es im Geist der Welt oder im Geist des Teufels seinen Ursprung hat? Die einzige Methode ist die Unterscheidung, die nicht nur ein gutes Denkvermögen und einen gesunden Menschenverstand voraussetzt. Sie ist auch eine Gabe, um die man beten muss. Wenn wir sie vertrauensvoll vom Heiligen Geist erbitten und uns zugleich darum bemühen, sie durch Gebet, Betrachtung, Lektüre und guten Rat zu entfalten, können wir sicherlich in dieser geistlichen Fähigkeit wachsen 3.

Dem füge ich gerne bei: Deshalb bitten wir den Herrn um Durchhaltevermögen, Geduld und Sanftmut – und – um die Gabe der Unterscheidung der Geister.

3 FRANZISKUS, Gaudete et Exultate … über den Ruf zur Heiligkeit in der Welt von heute 166.

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Die Kirchenspalter im Bistum Chur proben den Aufstand

8. April 2019, 12:00

Die Wahrheit ist, dass die kirchenfeindlichen Reformen gerade die Spaltung herbeiführen würden. Das gilt für alle, die die Kirche auf synodalen oder sonstigen Wegen verändern wollen – Der Montagskick von Peter Winnemöller

Linz (kath.net)
Bischofswahlkampf ist ein seltsamer Begriff. Auf die Vorfälle in Zürich trifft er dennoch irgendwie zu. Hinter dem Rücken des Bischofs Gelder der Kirche für eine kirchenfeindliche Aktion zu verwenden, das geht in der jetzt erfolgten Art wohl in der Tat nur in der Schweiz. Die Landeskirchen verwalten die Gelder, die Bischöfe haben kein Mitspracherecht. Das ist eine unhaltbare Situation, gegen die sich allerdings nur wenige Bischöfe wehren.

Einer, der sich wehrt, ist Bischof Vitus Huonder. Schon unmittelbar nach seiner Wahl wurde er angegriffen und verleumdet. Linke Medien hatten ihn von Anfang an im Blick. Ein Bischof, der die Lehre der Kirche in Glaube und Sitten unverkürzt vertritt, ist der Welt ein Gräuel.

Die Amtszeit von Bischof Huonder nähert sich dem Ende. Bis Ostern wird er noch im Dienst sein, dann steht bald der verdiente Ruhestand an. Die Mäuse proben schon mal den Tanz auf den Tischen. Allen voran jüngst der Regionalvikar von Zürich, Josef Annen, der jüngst gemeinsam mit Synodalratspräsidentin, Franziska Driessen-Reding, einen offenen Brief an Papst Franziskus als Anzeige in verschiedenen Zeitungen auf Kosten der Kirche schaltete.

Der Hintergrund ist der Wunsch, im Bistum Chur künftig einen Bischof zu bekommen, der die Landeskirche machen lässt und gar nicht mehr versucht, sich einzumischen. Wo der künftige Bischof in Fragen des Glaubens stehen soll, ist an den Inhalten des offenen Briefes deutlich erkennbar.

Die uralte Reformagenda der Aufgabe kirchlichen Sexualmoral, der Demokratisierung der Kirche und des Frauenpriestertums prägen die Inserate. An vielen Stellen in der Kirche – man vergleiche den synodalen Weg der DBK – zeigt sich, wie steter Tropfen langsam den Stein höhlt. Doch man bedenke an dieser Stelle, dass Reformen, die wider Glaube und Sitte erfolgen, nicht in der Wahrheit sind.
Reformen solcher Art verändern nicht die Kirche, sie verändern nicht die Lehre und schon gar nicht den Glauben. Sie führen nur unweigerlich in die Spaltung. Die Möchtegernreformatoren wissen das, denn nicht umsonst wird in dem als Inserat gestalteten offenen Brief ganz unverhohlen die Spaltung als Drohung erwähnt. Perfide ist es, die Spaltung als Druckmittel in dieser Form zu verwenden. Geradezu diabolisch kommt es daher, indem mit der Spaltung gedroht wird, wenn es nicht zu den geforderten Reformen kommt.

Die Wahrheit ist, dass die kirchenfeindlichen Reformen gerade die Spaltung herbeiführen würden. Das gilt für alle, die die Kirche auf synodalen oder sonstigen Wegen verändern wollen. Sie verändern nicht die Kirche, sie spalten Teile von der Kirche ab und nehmen viele Gutgläubige in den geistlichen Abgrund mit. Das ist die Gefahr, der es entgegenzuwirken gilt.

Nach Ende der Amtszeit des jetzigen Bischofs von Chur kommt es also nicht darauf an, einen Bischof zu bekommen, der den Reformwilligen nach dem Munde redet. Es braucht einen Bischof, der weiterhin den Glauben unverkürzt verkündet und dem ungesunden kirchlichen System in der Schweiz Paroli bieten kann und will.

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Bischof Vitus Huonder: Der Weg des Heils

Der Churer Bischof Vitus Huonder posiert am Mittwoch, 9. Maerz 2011, nach einer Fruehmesse auf dem Hof in Chur. Anlaesslich einer bereits seit laengerem geplanten Sitzung haben sich gestern Dienstag, 8. Maerz 2011, in Einsiedeln Vertreter der Biberbrugger-Konferenz mit Vertretern der Dekanate des Bistums Chur getroffen. Die Gespraechsrunde sei besorgt ueber die derzeitige aufgewuehlte Situation im Bistum Chur. Generalvikar Andreas Rellstab hatte im Februar wegen Differenzen mit Bischof Vitus Huonder sein Amt zur Verfuegung gestellt. Auch weitere Fuehrungskraefte in der Dioezese demissionierten. (KEYSTONE/Arno Balzarini)

 

Der Weg des Heils

Apg 16,17

Hirtenbrief zur Fastenzeit 2019
von

Msgr. Dr. Vitus Huonder

Bischof von Chur

 

Dieser Hirtenbrief ist am ersten Fastensonntag,
am 10.
März 2019,
in allen Gottesdiensten zu verlesen.

Zur Veröffentlichung in den Medien
ist er vom 11. März 2019 an freigegeben.

 

Chur, 1. Januar 2019
Oktavtag von Weihnachten
Hochfest der Gottesmutter Maria

 

VORWORT

Liebe Leserin, lieber Leser

Dies ist mein letzter Hirtenbrief zur Quadragesima, da meine Amtszeit als Bischof von Chur voraussichtlich am 21. April 2019, am Hochfest der Auferstehung unseres Herrn, endet. Deshalb möchte ich zusammenfassend sagen, was für den Weg unseres Glaubens zu wissen dringend notwendig ist. Ich möchte in Kürze, wie es ein Schreiben für den Vortrag im Gottesdienst erfordert, die Schwerpunkte unseres katholischen Bekenntnisses setzen. Ich rufe in Erinnerung, was für das christliche Leben unabdingbar ist, vor allem auch mit Blick auf eine Zeit großer Verunsicherung im Glauben, ja auf eine Zeit der Verwirrung.

Ebenso beabsichtige ich, auf die wesentlichen Inhalte unseres Glaubens hinzuweisen, welche Menschen wissen sollten, die unsere katholische Religion besser kennen und annehmen möchten – und es gibt deren nicht wenige.

So ist dieser Brief – von breve kommend abzuleiten – ein kurzes, begleitendes Schreiben, eine Art Vorwort, ein Werbespot zur „Konstitution“ unseres Glaubens, zur Heiligen Schrift, und zur umfassenden Darstellung unserer Lehre im Katechismus der Katholischen Kirche.

 

Brüder und Schwestern im Herrn,

das Wahrsagen ist ein Phänomen aller Zeiten. Auch Paulus und Silas begegneten auf ihrer Missionsreise in Philippi einer Frau, welche einen Wahrsagegeist hatte. Dieser Geist hat wirklich Wahres gesagt. Denn die Frau erkannte die Sendung der zwei Männer und rief hinter ihnen her: Diese Menschen sind Knechte des höchsten Gottes; sie verkünden euch den Weg des Heils (Apg 16,17). Ja, der Weg des Evangeliums, den Paulus und Silas verkünden, ist der Weg des Heils. Das hat diese Frau, das hat der Geist in ihr richtig festgestellt. Paulus und Silas waren Sendboten dieses Weges. Ihn kennenzulernen und zu gehen, ist das Verlangen jedes Menschen, der sich nach dem Heil sehnt.

Kurzformel des Glaubens

Weil der Weg des Evangeliums der Weg des Heils ist, kann uns Paulus in der heutigen Lesung zum ersten Fastensonntag sagen:

… wenn du mit deinem Mund bekennst: Herr ist Jesus – und in deinem Herzen glaubst: Gott hat ihn von den Toten auferweckt, so wirst du gerettet werden (Röm 10,9). Das ist eine Kurzformel unseres Glaubens. Dieser Glaube soll sich in unserem Alltag entfalten und bewähren. Vor allem muss uns klar werden, was er für unser Leben und unsere Lebensführung bedeutet. Wer gibt uns dazu Aufschluss? Wer erläutert uns diese Kurzformel?

Grundlage des Weges

Die Grundlage unseres Glaubens und die Voraussetzung für den Weg des Heils ist die Gottesfurcht. Petrus fordert uns in seinem ersten Brief mit folgenden Worten dazu auf: Und wenn ihr den als Vater anruft, der jeden ohne Ansehen der Person nach seinem Tun beurteilt, dann führt auch, solange ihr in der Fremde seid, ein Leben in Gottesfurcht (1 Petr 1,17)! Gottesfurcht ist in sich nichts anderes als der Glaube an Gott. Gottesfurcht ist die ergebene, achtungsvolle Liebe zu Gott. Darauf baut unser Leben auf.

Weitergabe des Glaubens

Was bedeutet nun ein Leben in Gottesfurcht? Was bedeutet ein Leben auf dem Weg des Heils? Was antworten wir, wenn jemand uns fragt, wie wir den Weg des Heils gehen? Mit anderen Worten lautet die Frage: Was gehört zu einem christlichen Leben? Die Frage wird dann noch dringender, wenn jemand den katholischen Glauben annehmen will; wenn jemand den Weg der Konversion wählt und sagt: Ich möchte katholisch werden. Wie führen wir Menschen in den Weg des Heils ein? Was sagen wir, um den Glauben weiterzugeben?

Begegnung mit Jesus

Der Weg des Heils beginnt mit der Begegnung mit Jesus. Denn er ist der Weg und die Wahrheit und das Leben (Joh 14,6). Er ist der Sohn Gottes. Die Begegnung mit Jesus ist der Anfang unseres christlichen Glaubens. Wer den Weg des Heils gehen möchte, muss Jesus kennen lernen. Er muss sich in die Evangelien vertiefen. Er muss einen Menschen neben sich haben, der ganz von Jesus ergriffen ist (vgl. Phil 3,12). Er muss einen Menschen neben sich haben, der wie Paulus sagen kann: Ich halte dafür, dass alles Verlust ist, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles überragt. Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Unrat, um Christus zu gewinnen und in ihm erfunden zu werden (Phil 3,8-9).

Eingliederung in die Kirche

Wer Jesus sagt, sagt auch Kirche. Denn Jesus selber hat die Kirche ins Dasein gerufen (vgl. Mt 16,18). Er liebt die Kirche und hat sich für sie hingegeben, um sie zu heiligen (vgl. Eph 5,25-26). Deshalb ist der Weg des Heils auch der Weg der Kirche. Jesus ja, Kirche nein! Das verträgt sich nicht. Das verträgt sich auch dann nicht, wenn das Antlitz der Kirche von vielen ihrer Söhne und Töchter entstellt wird. Dann erst recht müssen wir dafür besorgt sein, dass die Kirche heilig und makellos vor dem Herrn erscheint (vgl. Eph 5,27).

Empfang der Sakramente

Als Jesus die Kirche ins Dasein rief, hat er ihr ein geistliches Leben geschenkt. Dieses Leben entfaltet sich durch die Sakramente. Die sieben Sakramente sind eine Gabe unseres Herrn. Sie bewirken das Leben der Kirche. Sie bewirken dieses Leben, weil sie uns das Leben Jesu schenken, seine Gnade, seinen Geist, den Heiligen Geist. Sie entspringen seinem Opfertod. Sie fließen heraus aus dem Herzen des Gekreuzigten (vgl. Joh 19,34). So oft wir sie empfangen, werden wir entsühnt und geheiligt. Bei einer Konversion, ja bei jeder Glaubensunterweisung ist daher die gute Einführung ins sakramentale Leben der Kirche vorrangig.

Halten der Gebote

Wenn wir den Spuren Jesu folgen und uns seine Worte zu eigen machen, kommen wir an einem heiligen Leben nicht vorbei. Das heißt aber auch: Wir kommen an den Geboten Gottes nicht vorbei. Denn sie sind uns zur Heiligung gegeben. Sie sind der Schutz für die Heiligkeit. Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben … Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein (Mt 5,17.19), sagt uns der Herr. Daher ist unser Leben ein ständiger Kampf gegen die Sünde. Denn Sünde ist Gesetzwidrigkeit (1 Joh 3,4) und richtet sich gegen Gottes Gebote. Wie bedeutend es aber ist, Gottes Gebote zu halten, sagt uns Jesus mit den Worten: Wenn du aber in das Leben eintreten willst, halte die Gebote (Mt 19,17).

Hören auf die Kirche

Der Glaubende ist nie allein. Er findet, wie wir schon festgestellt haben, Heimat in der Kirche. Er findet Heimat in einer Gemeinschaft, welche sich, seit ihrer Gründung durch den Herrn, über Jahrhunderte entfaltet hat und uns durch reiche Erfahrung Hilfe und Sicherheit bietet. Deshalb ist es nicht nur notwendig, der Kirche anzugehören, sondern auch auf sie zu hören (vgl. Mt 18,17). Das bedeutet, auf jene zu hören, welche im Auftrag des Herrn die Verantwortung für die Gemeinschaft der Kirche tragen, vor allem auf den Papst und die Bischöfe. Diesbezüglich ist unser Herr sehr streng, da er seinen Jüngern sagt: Wer euch hört, der hört mich, und wer euch ablehnt, der lehnt mich ab; wer aber mich ablehnt, der lehnt den ab, der mich gesandt hat (Lk 10,16). Deshalb sind auch die Weisungen der Kirche für den Weg des Heils von Bedeutung. Dabei muss aber auch gesagt sein, dass Papst und Bischöfe der ganzen Überlieferung der Kirche verpflichtet sind und von der überlieferten Lehre nicht abweichen dürfen. Sie können nicht nach Belieben vorgehen.

Praktische Hinweise

Ich schließe diesen kurzen Überblick mit einigen praktischen Hinweisen für den Weg des Heils: Betet täglich, wenigstens am Morgen und am Abend. Besucht oft die heilige Messe, sicher jeden Sonntag. Betet viel den Herrn im Allerheiligsten Sakrament an. Empfehlt euch immer wieder der Mutter Gottes.

Nehmt gerne den Rosenkranz in die Hand. Erneuert euer Leben, erneuert die Gnade der Taufe regelmäßig durch die heilige Beichte. In meiner Jugendzeit wurde uns die Monatsbeichte zusammen mit der Monatskommunion empfohlen. Bereitet euch mit Eifer auf die jährliche Osterfeier vor. Meidet, wie es der Apostel sagt, die Unzucht und jede Sünde (vgl. 1 Kor 6,18). Haltet euren Leib heilig, da er ein Tempel des Heiligen Geistes (vgl. 1 Kor 6,19) und ein Glied Christi ist (vgl. 1 Kor 6,15). Tut allen Menschen Gutes, besonders jenen, die uns nahestehen im Glauben (vgl. Gal 6,10).

Schlusswort

Ich begleite Euch gerne mit meinem bischöflichen Segen, werde es nicht unterlassen, immer für Euch zu beten und das heilige Opfer darzubringen, und ich empfehle Euch insbesondere unserer Lieben Frau von Chur.

Gelobt sei Jesus Christus!

Mit herzlichen Grüßen!

+ Vitus, Bischof von Chur

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Quelle

Madonna mit Heiligen , Chur, 1505 von Giovanni Bellini (1433-1516, Italy) | Kunst-Wiedergabe | WahooArt.com

Bischof Vitus Huonder, Chur: Wort zum Tag der Menschenrechte

Wort des Bischofs XVI

Er starb unter der Folter: Der selige Nicolò Rusca 1563-1618

Wort zum Tag der Menschenrechte

10. Dezember 2018

von

Msgr. Dr. Vitus Huonder Bischof von Chur

 

Wort zur Diakonie 8

Chur, 1. November 2018

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn,

es sei Pflicht der Pfarrer, die Schüler das Vaterunser, das Credo und die Zehn Gebote zu lehren. Das war der Inhalt eines Erlasses der Regierung der Drei Bünde aus dem Jahr 1597. Er galt auch für die damaligen Untertanengebiete der Drei Bünde, daher ebenso für das Veltlin. Das allein vermochte keinen Argwohn zu wecken. Denn es gehörte nach der Auffassung der damaligen Zeit zur Aufgabe von Behörden, den religiösen Glauben der Bürger zu fördern. In der Tat ist ja der Glaube eine Schule des Geistes und der Seele und veredelt den Menschen. Der Glaube gibt Herzensbildung. Die Herzensbildung wiederum führt zu einem guten, friedlichen Zusammenleben der Bürger. Daran muss eine Regierung interessiert sein.

Wenn wir genauer hinschauen, stellen wir allerdings im erwähnten Erlass nicht so sehr die Sorge um eine religiöse Erziehung fest, sondern das Unbehagen gegenüber einer katholischen Unterweisung. Denn Vaterunser, Credo und die Zehn Gebote waren nach den reformatorischen Auseinandersetzungen sozusagen noch gemeinsamer „Lehrstoff“. Was hingegen nicht sein durfte, war die Vermittlung eigens katholischer Glaubensinhalte, vor allem die Lehre über die heilige Eucharistie und über das Sakrament der Beichte, ebenso die Einführung in die Weisungen der Kirche (Gebote der Kirche). Verpönt waren Disputationen, welche es erlaubten, Klärung betreffend die katholische Lehre zu geben, auf diese Weise Missverständnisse auszuräumen und den Glauben zu festigen. Derartige Maßnahmen zu verhindern, war das Ziel der erwähnten Anordnung. Entschieden stellte man sich vor allem auch gegen jede Praxis der Konversion.

Der selige Nicolò Rusca, Erzpriester von Sondrio im Veltlin, Untertanengebiet der Drei Bünde, sah dies anders. Er war überzeugt, dass sich Fragen des Glaubens und Weltanschauung nur im Dialog lösen lassen, nicht durch Anwendung von Macht und Gewalt, erstrecht nicht mit Waffen und Krieg. Vielmehr braucht es die Möglichkeit, den überkommenen Glauben darzulegen, zu erläutern und zu verteidigen. Es braucht einen Austausch der Gedanken. Daher muss dem Bürger die Freiheit zugestanden werden, Anordnungen einer Regierung gegen eine Glaubenspraxis, gegen eine Glaubensüberzeugung ganz allgemein zu hinterfragen. Ja, der Bürger ist dazu sogar verpflichtet.

Eine starke Behinderung bei der Ausübung der Glaubensfreiheit waren die Vorkehrungen der Regierung gegen den zuständigen Oberhirten des Gebietes, in welchem der Selige tätig war. Sondrio gehörte zur Diözese Como. Das ist heute noch der Fall. Seit 1576 verbot ein Regierungsentscheid allen ausländischen Priestern, so auch dem Bischof von Como, das Betreten der Talschaft. Das bedeutet: Der Bischof wurde daran gehindert, in einem Teil seines Bistums sein Amt auszuüben. Ein weiteres Beispiel für die Einschränkung der Glaubensfreiheit bestand darin, dass dem Veltliner Klerus 1618 unter Androhung von Geldstrafen verboten wurde, an einer Synode in Como teilzunehmen. Aufgabe der Synode wäre die Erneuerung des katholischen Lebens gemäß den Anordnungen des Konzils von Trient gewesen. Sie war nicht auf Umsturz und Deregulierung aus, sondern wollte Überkommenes und Gewachsenes erklären, ordnen und pflegen.

Nicolò Rusca war immer ein Befürworter der freien Meinungsäußerung und des Dialogs. Nun wurde in Sondrio Anfang 1618 eine Lateinschule errichtet, welche beiden Konfessionen offenstand, in Wirklichkeit aber die Schüler vom Unterricht im katholischen Glauben fernhalten sollte. Dagegen trat der Erzpriester wortgewandt auf. Er vermochte die Familien davon zu überzeugen, ihre Kinder und Jugendlichen nicht an dieser Stätte ausbilden zu lassen. So konnte die Schule ihr Ziel nicht erreichen.

Da der Erzpriester von Sondrio der Regierung schon längere Zeit nicht genehm war, wurde diese schulische Angelegenheit zum Anlass der Festnahme von Nicolò Rusca. In der Nacht des 24. Juli 1618 umzingelten 60 bewaffnete Männer das Pfarrhaus, bemächtigten sich des Priesters, banden ihn rückwärts auf einem Lasttier fest und führten ihn in einem äußerst beschwerlichen Zug nach Chur. Dort ließ man ihn während längerer Zeit in einem Estrich einsperren. Schließlich überführte man ihn zum so genannten Strafgericht nach Thusis. Der Prozessbeginn wurde auf den 1. September 1618 festgelegt. Der Selige sollte wegen Beihilfe am weit zurückliegenden Mord am protestantischen Pastor von Morbegno, Scipione Calandrino, im Jahre 1590 verurteilt werden. Rusca wies die Anklage zurück. Mit Calandrino verband ihn der sachliche, geistige, aber auch freundschaftliche Austausch über theologische Fragen, ebenso ein Austausch von Büchern. Weiter wurde ihm Rebellion gegen die Regierung vorgeworfen. Immer erklärte er sich als unschuldig. Um ein Geständnis des Priesters zu erzwingen, ließ ihn das Gericht in grausamer Weise foltern. Daran starb er am 4. September 1618. Gleich vor Ort vergrub, besser verscharrte man seinen Körper. Im Sommer 1619 wurden seine Gebeine ausgegraben und ins Klosters Pfäfers gebracht und erst 1845 zum Wallfahrtsort Sassela im Veltlin überführt, 1852 schließlich in die Kollegiatkirche von Sondrio. Am 21. April 2013 fand dort die feierliche Seligsprechung statt, auch in Anwesenheit des Bischofs von Chur.

Der Tag der Menschenrechte ist sicher dazu geeignet, die Frage der Gewissens- und Religionsfreiheit auf dem Hintergrund des Martyriums des seligen Nicolò Rusca neu zu reflektieren. Denn auch heute, 400 Jahre danach, werden viele Menschen weltweit wegen ihres Glaubens verfolgt und misshandelt. Es ist unsere Pflicht, uns für ihre Rechte einzusetzen.

Auch in unseren Regionen und Gegenden, auch in innerkirchlichen Strukturen, besteht ein gesellschaftlicher Druck in Fragen der Weltanschauung und der Religion, welcher das Menschenrecht auf Gewissens- und Religionsfreiheit beschneidet. Dieser Druck führt zur Diskriminierung und Stigmatisierung, wenn Personen oder Gemeinschaften sich der herrschenden Mehrheitsstimmung verweigern. Dies kann zu Diskriminierung führen: etwa bei einer Ärztin, die sich aus Gewissens- gründen gegen Abtreibungen stellt, einer Lehrerin, die in einem Gespräch unter Kollegen zur Sexualmoral der Kirche steht oder bei einem Mann, der einen Leserbrief gegen die „Ehe für alle“ publiziert und deshalb gesellschaftlich ausgegrenzt wird. In ganz Westeuropa gibt es derzeit eine „höfliche“ Christenverfolgung, wie Papst Franziskus es nennt. Wer immer den „sogenannten modernen und aufgeklärten Gesetzen nicht folgt oder diese nicht in der eigenen Gesetzgebung haben will, wird angeklagt und auf höfliche Weise verfolgt“. Das raube dem Menschen seine Freiheit, „auch diejenige der Ablehnung aus Gewissensgründen“ (Predigt in der Morgenmesse vom 12. April 2016).

Der selige Nicolò Rusca möge uns in dieser unserer Situation heute einen festen Glauben erbitten, den Mut zu Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit, und eine Liebe, die unsere Gemeinschaften im Geiste Christi aufzubauen vermag, die immer auch zum Verzeihen bereit ist. Leitlinie kann uns sein Wort sein: „Hasset die Fehler, liebet jene, die fehlen“.

Mit diesem Gedanken möchte ich schließen und allen Gottes Hilfe und Segen wünschen

+ Vitus Huonder Bischof von Chur

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Quelle

Bischof Vitus Huonder: Humanae vitae — Ein bleibendes Paradigma — 50 Jahre danach

 

Chur, 22. Juni 2018, Gedenktag des Hl. Thomas Morus

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn

Vor 50 Jahren veröffentlichte Papst Paul VI. die Enzyklika Humanae vitae. Von diesem Schreiben wissen die meisten nur so viel, dass der Papst die Empfängnisverhütung ablehnte. Dieses Nein zur Verhütung löste damals die vielleicht grösste Autoritätskrise innerhalb der Kirche aus. Die Emotionen gingen hoch. Nur wenige hörten genauer hin und wollten wissen, worum es Paul VI. dabei ging. Die meisten erkannten nicht, dass es dem Papst vor allem darum ging, die Heiligkeit von Ehe und Familie zu schützen. Heute, 50 Jahre später, betonen viele Kommentatoren die prophetische Bedeutung dieser Enzyklika. Denn alle Befürchtungen, welche Paul VI. äusserte, sind eingetroffen. Auch das Apostolische Schreiben Amoris laetitia von Papst Franziskus findet in Nr. 68 lobende und ermutigende Worte in Bezug auf die Enzyklika von Paul VI.

Eigenschaften der ehelichen Liebe

Paul VI., von Papst Franziskus 2014 seliggesprochen, geht in seinem Schreiben von einer Gesamtschau des Menschen aus, der als Mann und Frau von Gott geschaffen ist. In der Liebe von Mann und Frau soll etwas von der Liebe der göttlichen Personen, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes erfahrbar werden. Von dieser Gesamtschau her ergibt sich die Eigenart der ehelichen Liebe. Der Papst nennt vier Eigenschaften dieser Liebe:

1. Diese Liebe ist vollmenschlich, das heisst sinnenhaft und geistig zugleich. «Sie entspringt darum nicht nur Trieb und Leidenschaft, sondern auch und vor allem einem Entscheid des freien Willens, der darauf hindrängt, in Freud und Leid des Alltags durchzuhalten, ja dadurch stärker zu werden: so werden dann die Gatten ein Herz und eine Seele und kommen gemeinsam zu ihrer menschlichen Vollendung» (Humanae vitae, 9).

2. Diese Liebe ist Es geht in ihr um eine personale Freundschaft, die den anderen ohne Vorbehalt liebt. Sie sucht nicht den eigenen Vorteil, sondern nimmt den anderen als Ganzen so an, wie er ist.

3. Als Abbild der Treue Gottes zum Menschen ist die eheliche Liebe treu und ausschliesslich bis zum Ende des Lebens: «So wie sie Braut und Bräutigam an jenem Tag verstanden, da sie sich frei und klar bewusst durch das gegenseitige eheliche Jawort aneinander gebunden haben» (Humanae vitae, 9).

4. Als wirksames Zeichen der schöpferischen Liebe Gottes ist diese Liebe schliesslich fruchtbar. Hier zitiert Paul VI. die Nummer 50 der pastoralen Konstitution über die Kirche in der Welt von heute (Gaudium et Spes) des 2. Vatikanischen Konzils: «Ehe und eheliche Liebe sind ihrem Wesen nach auf die Zeugung und Erziehung von Nachkommenschaft ausgerichtet. Kinder sind gewiss die vorzüglichste Gabe für die Ehe und tragen zum Wohl der Eltern selbst sehr bei» (Humanae vitae, 9).

Ist das nicht eine Kennzeichnung der ehelichen Liebe, wie sie sich alle im Grunde ihres Herzens vorstellen und wünschen: vollmenschlich, ganzheitlich, treu und ausschliesslich sowie fruchtbar? Mit diesen Eigenschaften können die ehelichen Beziehungen gelingen.

Verantwortete Elternschaft nach Humane Vitae

Bei der Weitergabe des Lebens dürfen die Eltern unmittelbar mit dem Schöpfergott zusammenwirken. Denn im Moment der Zeugung schenkt Gott dem Kind die unsterbliche Seele. Verantwortete Elternschaft im Sinn der Kirche überlässt den Ehegatten die Entscheidung über die Zahl ihrer Kinder und über den Abstand der Geburten. Sie ermutigt die Eltern zu einer grösseren Kinderzahl, aber sie respektiert auch berechtigte Gründe für wenige Kinder.

Wenn die Kirche einerseits für verantwortete Elternschaft eintritt und andererseits die Verhütung ablehnt, wie soll dann die Familienplanung geschehen? Die Kirche empfiehlt und fördert die sogenannte natürliche Empfängnisregelung. Dabei lernen die Frauen, die fruchtbaren und unfruchtbaren Phasen ihres Zyklus sicher zu unterscheiden. Dieser Zyklus ist ein Teil der Schöpfungsordnung. Wenn die Ehegatten aus berechtigten Gründen auf die Weitergabe des Lebens verzichten wollen, wählen sie für ihr Zusammenkommen die unfruchtbare Phase des Zyklus und üben an den relativ wenigen fruchtbaren Tagen Enthaltsamkeit. Die Enthaltsamkeit ist nicht eine Zeit ohne Liebe, sondern eine Zeit, in der die Liebe auf andere Weise zum Ausdruck gebracht wird. Durch dieses leibliche Verhalten respektieren die Gatten den inneren Zusammenhang von ehelicher Liebe und Weitergabe des Lebens. Sie lernen im Gespräch miteinander zu bleiben und auf einander Rücksicht zu nehmen.

Wo liegt in diesem Zusammenhang der Unterschied zwischen Empfängnisregelung und Empfängnisverhütung? Die Absicht ist ja gleich. In beiden Fällen wollen die Eheleute kein Kind. Aber das frei gewählte Handeln ist anders.

Bei der Empfängnisregelung ändern die Gatten aus Gründen der Verantwortung das Sexualverhalten. Wenn sie das Leben nicht weiterschenken können, leben sie periodisch, d.h. während den fruchtbaren Tagen der Frau, enthaltsam. Um sich selbst beherrschen zu können, brauchen sie die Tugend der Selbstdisziplin oder Mässigung (die temperantia).

Mit seinem Verhalten sagt der Mann zur Frau: Ich liebe dich ganz so, wie du bist. Weil du in diesen Tagen fruchtbar bist und weil wir (zur Zeit) keine weiteren Kinder in unserer Ehe verantworten können, verzichten wir an diesen (wenigen) Tagen auf geschlechtliche Beziehungen, und ich zeige dir meine Liebe auf andere Weise.

Bei der Empfängnisverhütung ändern die Gatten das Sexualverhalten nicht, trotz der Einsicht, eine Empfängnis sei zu vermeiden. Sie verhindern jedoch die unerwünschten Folgen dieses Verhaltens. Mit seinem Verhalten sagt der Mann zur Frau: Zur Zeit liebe ich dich nicht so, wie du bist. Ich liebe vor allem deinen Leib nicht ganz. Denn deine Fruchtbarkeit lehne ich ab, weil wir (zur Zeit) keine weiteren Kinder in unserer Ehe verantworten können. Da ich dennoch nicht auf geschlechtliche Beziehungen verzichten will, müssen wir verhindern, dass es trotz unserer Fruchtbarkeit zu einer Empfängnis kommt.

Somit geht es nicht um einen Unterschied der Methode, sondern um objektiv verschiedene Handlungsweisen. Natürliche Empfängnisregelung bzw. Natürliche Familienplanung ist im Grunde keine Methode. Sie liefert nur Hinweise, wann Enthaltsamkeit angesagt ist. In der Enthaltsamkeit drückt sich die Entscheidung leiblich aus, auf die Weitergabe des Lebens aus verantwortbaren Gründen zu verzichten. So ist die Enthaltsamkeit ein leiblicher Akt der Liebe. Bei der Empfängnisverhütung hingegen ist der Leib nicht mehr in die Verantwortung eingebunden, sondern er wird zum Objekt von Massnahmen degradiert. Es geht also um die Frage, womit der Mensch seine Geschlechtlichkeit «steuert»: ob er es mit seinem Charakter, mit Selbstbeherrschung, tut oder ob er die Steuerung einem Verhütungsmittel bzw. einem Dritten, z.B. dem Arzt, überlässt.

Wenn die Gatten in unfruchtbaren Tagen geschlechtlich verkehren, bringen sie ihre eheliche Liebe zum Ausdruck. Sie sind in der Berufung vereint, das Leben verantwortlich weiterzugeben. Es verantwortlich weitergeben, kann eben auch heissen, es noch nicht oder nicht mehr weiterzugeben. In diesem Sinne ist die Empfängnisverhütung weder verantwortlich noch besitzt sie einen elterlichen Sinngehalt. Sie kann nicht der auch leibliche Ausdruck einer Liebe sein, die der Weitergabe des Lebens dient.

Wie schon gesagt, empfiehlt die Kirche die natürliche Empfängnisregelung. Damit sie erlaubt ist, müssen berechtigte Gründe vorliegen. Auch die natürliche Empfängnisregelung kann missbraucht werden durch eine verhütende Gesinnung.

Prophetische Bedeutung von Humanae Vitae

Paul VI. hat schon vor 50 Jahren die Befürchtung geäussert, die Verhütungsmentalität werde zu einer Destabilisierung von Ehe und Familie führen. Die Entkoppelung von Sexualität und Fortpflanzung werde dazu führen, dass Männer die Frauen nicht mehr als Person respektierten, sondern als ein Objekt der Triebbefriedigung ansehen würden. Regierungen würden versucht sein, sich in die Freiheit der Eltern einzumischen. Sie könnten Verhütung als Druckmittel in der Bevölkerungspolitik einsetzen. Alle Voraussagen des Papstes haben sich erfüllt. Die sexuelle Freizügigkeit schon der Jugendlichen behindert deren persönliche Reifung. Die Destabilisierung der Ehen und damit der Familien hat stark zugenommen. Das führt wiederum zu Bindungsangst und Bindungsunfähigkeit. Die Abtreibungen lassen sich mit Verhütung nicht wirksam bekämpfen. Dazu kommt, dass die Grenze zwischen Abtreibung und Verhütung fliessend geworden ist. Manche Verhütungsmittel wirken auch frühabtreibend. Sie verhindern nämlich die Einnistung des Embryos in die Gebärmutter. Reiche Nationen haben die Entwicklungshilfe an die Bedingung geknüpft, dass Verhütung zur Pflicht gemacht wird. Die demographische Lage ist inzwischen besorgniserregend. Die europäischen Völker ersetzen die Generationen nicht mehr. Sie sind zu sterbenden Völkern geworden. Allein um die Generationen zu ersetzen, braucht es etwas mehr als zwei Kinder pro Familie.

Die Entkoppelung von Sexualität und Fruchtbarkeit hat nicht nur zu einer Sexualität ohne Fortpflanzung geführt, sondern immer mehr auch zur Fortpflanzung ohne Sexualität. Auch das ist eine äusserst problematische Entwicklung. Die neuen Fortpflanzungstechnologien verbrauchen nämlich unzählige Embryonen. Sie zerstören das Leben von Kindern in ihrer ersten Lebensphase. Dabei sind sie nicht einmal besonders effizient. Zudem gibt es inzwischen auf der Basis von verfeinerten Zyklusstudien Behandlungen von unfreiwillig unfruchtbaren Paaren, welche eine höhere Erfolgsrate aufweisen als die In-Vitro-Fertilisation.

Verhütung gehört zur Kultur des Todes, von welcher der heilige Papst Johannes Paul II. immer wieder gesprochen hat. Viele sind sich dessen nicht bewusst, weil ihnen diese Zusammenhänge nicht aufgezeigt wurden. Es geht deshalb heute unter neuerlicher Berufung auf die Enzyklika Humanae vitae darum aufzuzeigen, wie die Kirche die Schöpfungsordnung versteht.

Paul VI. war sich bewusst, dass diese Lehre der Kirche von vielen abgelehnt werden würde. Aber die Kirche muss damit rechnen, dass sie wie schon ihr Stifter zum Zeichen gesetzt ist, dem widersprochen wird (vgl. Lk 2,34). Doch es geht der Kirche um die Würde des Menschen: «Indem sie das eheliche Sittengesetz unverkürzt wahrt, weiss die Kirche sehr wohl, dass sie zum Aufbau echter menschlicher Kultur beiträgt; darüber hinaus spornt sie den Menschen an, sich nicht seiner Verantwortung dadurch zu entziehen, dass er sich auf technische Mittel verlässt; damit sichert sie die Würde der Eheleute. Indem die Kirche so dem Beispiel und der Lehre unseres göttlichen Erlösers getreu vorgeht, zeigt sie, dass ihre aufrichtige und uneigennützige Liebe den Menschen begleitet: sie will ihm helfen in dieser Welt, dass er wirklich als Kind am Leben des lebendigen Gottes teilhat, der aller Menschen Vater ist» (Humanae vitae,18).

Humanae Vitae neu entdecken

Liebe Schwestern, liebe Brüder! Der christliche Geist kann sich in den Familien nur dann entfalten, wenn wir in der Ehe und in der Familie die Schöpfungsordnung wieder ganz zu respektieren lernen. Nehmen wir die Wahrheit ernst, welche in der Enzyklika Humanae vitae enthalten ist. Das wird für die Ehepaare und die Familien, ja für die Kirche sowie für unsere Gesellschaft ein Segen sein.

Maria, «die Heilige unter den Heiligen, die Hochgebenedeite» (Papst Franziskus, Apostolisches Schreiben Gaudete et exultate, 176), begleite uns mit ihrer Fürsprache und ihrer mütterlichen Fürsorge. Mit diesem Wunsch grüsse ich herzlich und lasse allen meinen bischöflichen Segen zukommen

+ Vitus Huonder Bischof von Chur

 

Weiterführende Informationen zur natürlichen Empfängnisregelung:

  • Institut für Natürliche Empfängnisregelung iner.org
  • Interessengemeinschaft für natürliche Familienplanung Schweiz / Fürstentum Liechtenstein www.ignfp.ch

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Quelle

Predigt von Bischof Vitus Huonder am Pfingstsonntag, 20. Mai 2018, in der Kathedrale in Chur

Brüder und Schwestern im Herrn

Kampf, Wachsamkeit und Unterscheidung! Das tönt ganz kriegerisch. Ist es aber nicht. Denn die Worte stammen aus dem jüngsten Apostolischen Schreiben Gaudete et exultate von Papst Franziskus über den Ruf zur Heiligkeit in der Welt von heute. Papst Franziskus ist alles andere als ein Befürworter von Krieg und Gewalt. Deshalb müssen wir die Worte Kampf, Wach­samkeit und Unterscheidung richtig einordnen.

Was meint der Heilige Vater mit Kampf? Um das zu erfahren, müssen wir das fünfte Kapitel des Apostolischen Schreibens lesen. Gleich zu beginn lesen wir: „Das Leben des Christen ist ein ständiger Kampf. Es bedarf Kraft und Mut, um den Versuchungen des Teufels zu widerstehen und das Evangelium zu verkünden“ (158). Mit Kampf meint der Heilige Vater den Widerstand gegen den Teufel. Einige Zeilen später bekräftigt er nämlich: „Es ist auch ein beständiger Kampf gegen den Teufel, welcher der Fürst des Bösen ist“ (159). Nochmals einige Zeilen später lesen wir: „Als Jesus uns das Vaterunser lehrte, wollte er tatsächlich, dass wir am Ende den Vater bitten, er möge uns von dem Bösen erlösen. Der dort benutzte Ausdruck bezieht sich nicht auf etwas Böses im abstrakten Sinn, sondern lässt sich genauer mit ‘der Böse’ übersetzen. Er weist auf ein personales Wesen hin, das uns bedrängt. Jesus lehrt uns, täglich um diese Befreiung zu bitten, damit die Macht Satans uns nicht beherrsche“ (160). Und, darf ich nochmals den Papst zitieren. Deutlich sagt er: „Wir sollen also nicht denken, dass dies ein Mythos, ein Schauspiel, ein Symbol, ein Bild oder eine Idee ist“ (161). Mit anderen Worten sagt der Heilige Vater, dass Satan existiert und sein Unwesen in unserer Welt treibt. Der Kampf, von welchem der Papst spricht, ist daher ein Kampf gegen Satan und seine Anhänger.

Nun werdet Ihr fragen: Ist das ein Thema für Pfingsten? Sehr wohl ist dies ein Thema für Pfingsten. Denn im Kampf mit dem Satan brauchen wir das Gegengewicht. Da Satan nicht ein körperliches Wesen ist, sondern ein geistiges, brauchen wir im Kampf gegen Satan ein geistiges Gegengewicht. Nochmals zum Wort des Papstes zum Vaterunser: „Als Jesus uns das Vaterunser lehrte, wollte er tatsächlich, dass wir am Ende den Vater bitten, er möge uns von dem Bösen erlösen“. Der Papst macht uns eigens auf diese letzte Bitte des Gebetes unseres Herrn aufmerksam. Wir dürfen sagen, an Pfingsten hat sich diese Bitte erfüllt, genauer ausgedrückt, sie hat sich in einem besonderen Maß erfüllt: Das Kommen des Heiligen Geistes am Tag von Pfingsten bedeutet in besonderer Weise die Erlösung vom Bösen, die Erlösung von Satan. Denn die Kirche hat den Geist der Wahrheit empfangen, wie es Jesus im heutigen Evangelium verheißen hat: „Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wann aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganze Wahrheit leiten“ (Joh 16,12-13).

Die Wahrheit ist das Gegenteil des Bösen, des Verderblichen, der Lüge. Deshalb macht sie uns frei (vgl. Joh  8,32). Sie befreit uns. Sie erlöst uns. Denn Wahrheit ist an und für sich ein anderer Begriff für die Wirklichkeit Gottes, für alles, was Gott ist und was Gott tut. In Gott und durch Gottes Wirken sind wir frei. Durch den Geist der Wahrheit sind wir frei, befreit, oder werden wir frei, sofern wir die Wahrheit zur Grund­lage unseres Lebens nehmen.

Ist Ostern der Anfang unserer Erlösung und unserer Freiheit, die sich vor allem im auferstandenen Herrn erweisen, so ist Pfingsten deren Vollendung in der von Gott neu geschaffenen Menschheit, im Volk Gottes, in der Kirche. Aber es ist noch eine Erlösung und eine Freiheit unter dem Banner des Kampfes, der Wachsamkeit und der Unterscheidung. Deshalb dürfen wir die Hände nicht in den Schoß legen und nachlässig werden (vgl. Gaudete et exultate 161). Das bedeutet: Wir müssen uns immer wieder in den Schutz des Heiligen Geistes begeben und unser Leben unter diesem Schutz gestalten, im Schut­z des Geistes der Wahr­heit, im Schutz seiner Liebe und seiner Lehre. Beten wir daher mit der Pfingstsequenz häufig: O lux beatissima, reple cordis intima tuorum fidelium. Sine tuo numine nihil est in homine, nihil est innoxium. – Komm, o du glückselig Licht, fülle Herz und Angesicht, dring bis auf der Seele GrundOhne dein lebendig Wehn kann im Menschen nichts bestehn , kann nichts heil sein noch gesund.  Amen.

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Quelle

Birgit Kelle Gender Mainstreaming: An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen

Ergänzungsheft I
zur Reihe „Wort des Bischofs“

Birgit Kelle

Gender Mainstreaming:
An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen 

Wort zum Tag der Menschenrechte

10. Dezember 2017

 

Mit einem Vorwort
von

Msgr. Dr. Vitus Huonder
Bischof von Chur

Wort zur Ehe und Familie 4 

Chur, 1. November 2017

Vorwort

Papst Franziskus schreibt in großer Sorge um eine gesunde gesellschaftliche Entwicklung: „Eine weitere Herausforderung ergibt sich aus verschiedenen Formen einer Ideologie, die gemeinhin ‘Gender’ genannt wird und die den Unterschied und die natürliche Aufeinander-Verwiesenheit von Mann und Frau leugnet. Sie stellt eine Gesellschaft ohne Geschlechterdifferenz in Aussicht und höhlt die anthropologische Grundlage der Familie aus. Diese Ideologie fördert die Erziehungs- pläne und eine Ausrichtung der Gesetzgebung, welche eine persönliche Identität und affektive Intimität fördern, die von der biologischen Verschiedenheit zwischen Mann und Frau radikal abgekoppelt sind“.1

Für den Heiligen Vater ist diese Entwicklung beunruhigend, und er fordert uns auf: „Verfallen wir nicht der Sünde, den Schöpfer ersetzen zu wollen!“2 Im Sinne dieses Aufrufs gelange ich heute an alle Menschen guten Willens, indem ich einer Frau die Stimme gebe, einer Ehefrau und Mutter. Ich habe Frau Birgit Kelle, die in Deutschland für ihre mutige publizistische Arbeit bekannt ist, gebeten, einen exklusiven Text für das Bistum Chur zum Tag der Menschenrechte 2017 zu verfassen. Ihre Ausführungen, gewonnen aus persönlicher

1 PAPST FRANZISKUS, Nachsynodales Apostolisches Schreiben Amoris Laetitia (19. März 2016), Nr. 56.

2 Ebd. Nr. 56.

Erfahrung, welche aus dem Leben einer starken Frau und Mutter kommen, sind beeindruckend. Es sind Worte, die mich als Bischof berühren.

Ich danke Frau Kelle für ihre Stellungnahme und hoffe, dass diese der Meinungsbildung, ja der Abwehr einer großen Gefahr für die Menschheit dient. Dabei möchte ich einen Blick auf die Gottesmutter, auf die Hilfe der Christen, werfen und ihrer Fürbitte die gesunde Entwicklung der Menschheit anvertrauen, damit wir begreifen, dass uns die Schöpfung vorausgeht und wir sie als Geschenk empfangen müssen, und dass wir unser Menschsein so behüten und akzeptieren und respektieren, wie es erschaffen worden ist 3.

+ Vitus Huonder, Bischof von Chur

 

3 Vgl. PAPST FRANZISKUS, Nachsynodales Apostolisches Schreiben Amoris Laetitia (19. März 2016), Nr. 56.

 

 

Gender Mainstreaming:

An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen

 

von Birgit Kelle

 

Wem beim Anblick eines leidenden Kindes nicht das Herz aufgeht, hat seine Menschlichkeit bereits eingebüßt. Kinder rühren unser Herz an. Instinktiv will man sie schützen, sich vor sie stellen, sie hüten, sie vor allem Bösen bewahren. Sei es vor Hunger und Kälte, oder auch nur vor den eingebildeten Monstern unter dem Kinderbettchen. Vor zwei Jahren rührte eine Fotografie halb Europa zu Herzen. Sie zeigte den kleinen Aylan Kurdi, mit drei Jahren auf der Flucht aus Syrien im Mittelmeer ertrunken. Diese Fotografie hat das Tor zu Europa damals noch ein Stück weit mehr aufgestoßen, als es sowieso schon offen stand. Das ist einerseits menschlich gut, zeigt aber auch anschaulich die Gefahr, wenn die Politik das «Wohl des Kindes» oder auch die «Rechte von Kindern» instrumentalisiert, um politische Entscheidungen zu rechtfertigen.

Oder um es deutlicher auszusprechen: Wenn die Definition des Kindeswohles  zum Spielball der Mächtigen wird, sind in der Regel viele Interessen im Spiel, und  oft sind es gar nicht jene der Kinder. Nicht umsonst versuchten alle totalitären politischen Ideen der vergangenen Jahrhunderte und alle diktatorischen Regimes weltweit, sich der Kinder eines Volkes zu bemächtigen. Man hat immer wieder versucht, einen Keil in die Familien zu treiben, Eltern und Kinder zu entzweien, Kinder von ihrem Glauben und der Kirche zu entfremden und sie so schnell wie möglich in staatlicher Obhut nach staatlichen Vorstellungen groß zu ziehen. Selbstverständlich geschah das nur zu ihrem «Wohl». Egal ob es sich Marxismus, Leninismus, Nationalsozialismus oder Kommunismus nannte. «Die Lufthoheit über den Kinderbetten gehört uns» – so formulierte es einst großherrlich ein bekannter deutscher Politiker, eingefärbt in sozialdemokratische Wolle. Der Staat sollte also definieren, was gut ist für Kinder, und nicht die Eltern. Wer mit den Rechten von Kindern argumentiert, steht in der öffentlichen Debatte moralisch wohlig warm auf der Seite der Guten. Wer Kindern etwas verweigert, auf der dunklen Seite der Macht. Schließlich wollen wir ja alle, dass sich Kinder frei entfalten, ihr ganzes Potenzial entdecken und ausleben und in ihrer Entwicklung nicht etwa behindert, sondern gefördert werden. Oder? So sicher wie das Amen in der Kirche ereilt uns alljährlich zum Weltkindertag die Debatte über die Verankerung von eigenen Kinderrechten in der Verfassung. So als wären Kinder nicht auch Menschen, und somit durch die universalen Menschenrechte bereits hinreichend berücksichtigt. Ein Schelm, wer Böses denkt, wenn der Staat ein eigenes «Schutzrecht» für die Kinder propagiert, neben den Eltern – und in Wahrheit im Zweifel gegen die Eltern.

Wie die Definition des «Kindeswohls» zu einem Instrument der Indoktrination von Kindern umgedeutet wird, zeigt sich nämlich gerade in allen europäischen Ländern, die unter dem Deckmantel von «Bildung»  die neue Ideologie des Gender Mainstreaming mit ihren unheiligen Beibooten, der «sexuellen Vielfalt», der «Gleichstellung der Geschlechter» und der «Bildung zu Toleranz» in unsere Klassenzimmer schleusen wollen. Da heißt es dann plötzlich, Kinder hätten ein eigenes Recht auf Sexualität, auch gegen den Willen ihrer Eltern. Ein Recht auf Wissen um diverse sexuelle Orientierungen bis hin zu Sexualpraktiken. Da sprießen zweifelhafte «Gender-Experten» aus dem Boden, mit Sexualkunde-Plänen schon für Kindergartenkinder. Hat nicht gar die WHO als weltweit tätige Gesundheitsorganisation definiert, dass man bei Kindern bereits ab vier Jahren (!) möglichst mit der sexuellen Bildung beginnen sollte? Längst existiert Lehrmaterial, das Kinder nicht etwa in ihrer gesunden Entwicklung als Mädchen und Jungen bestärken oder in ihrer Identitätsbildung festigen soll, sondern diese sogar explizit zerstören will. Wer sich nämlich eine Gender-Ideologie zu eigen macht, die im Unterschied zwischen Mann und Frau nicht etwa die wunderbare Schöpfung Gottes erkennt, sondern die Unterdrückung der Vielfalt von Geschlechtern, der hat den Boden der Realität schon lange verlassen. Wie Pilze sprießen derzeit Gender-Lehrstühle aus dem Boden, die ständig nicht nur neue «Geschlechter» schaffen, sondern statt Lösungen immer mehr Probleme. Längst hat sich eine Bewegung, die einst antrat, die Gleichberechtigung von Mann und Frau zu schaffen, zu Handlangern von Lobbyisten der so genannten «sexuellen Vielfalt» machen lassen. Nutzt es unseren Kindern, wenn wir in Zweifel ziehen, ob sie Junge oder Mädchen sind, wenn wir ihnen keine Moral, keinen Anstand auf den Weg geben, sondern sexuelle Freizügigkeit von Kindesbeinen an? Oder haben wir nicht gar als Eltern sogar die Pflicht, unsere Kinder vor solchen Einflüssen zu schützen? Weil sie unsere Kinder sind, und wir unsere Werte und unseren Glauben, un- sere Vorstellungen von Falsch und Richtig an sie weiterreichen wollen und im Sinn des Rechtes der Eltern auf Erziehung auch explizit dürfen?

«An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen» steht bei Matthäus (7,16). Deswegen dürfen wir nicht stehen bleiben bei den blumigen Formulierungen über Toleranz unter dem Regenbogen, die man uns zum Thema Gen- der vorsetzt. Wir sollten auf das schauen, was im Namen von «Gender» tatsächlich politisch umgesetzt  wird. Und da muss die Frage erlaubt sein, warum es eigentlich als Straftat gilt, wenn ein Erwachsener einem anderen Erwachsenen seine Sexualität ungefragt aufdrängt. Dann sprechen wir selbstverständlich von Belästigung und Nötigung. Wenn aber in den Kindergärten und Schulen Erwachsene den Kindern die Sexualität  von Erwachsenen aufdrängen in Wort und Bild, dann wird aus der Straftat plötzlich «kindliche Bildung».

Und dann gibt es da ja noch die guten Taten, die wir  als Gesellschaft gar nicht mehr leisten. Die Sünden, die wir durch unterlassene Hilfeleistung zulassen, während wir über Kinderrechte reden. Auch an diesen Unterlassungen sollten wir die Gesellschaft und ihre Ambitionen messen. Denn in welcher weltweiten Charta schützen wir eigentlich das Kinderrecht, geboren zu werden? Das Recht auf Leben von Anfang an? Wir schützen also das Recht von Vierjährigen, zu wissen, wie Kinder gezeugt werden, nicht aber ihr Recht auf die Welt zu kommen. Es ist noch freundlich, das als Zynismus zu bezeichnen. Wo ist das Recht von Kindern, nicht schon früh von ihren Eltern getrennt zu werden? Etwas, was wir im Namen von Tierschutz-Rechten jedenfalls Hundewelpen zugestehen. Es gibt kein Gesetz, dass Kinder davor schützt, zu jung von ihrer Mutter getrennt zu werden. Und wer schützt behinderte Kinder davor, im Mutterleib getötet zu werden, weil sie nicht den Ansprüchen einer perfekten Welt genügen? Wer schützt das Recht von Kindern, überhaupt bei ihren biologischen Eltern groß zu werden, bei Mutter und Vater, die es gezeugt haben und nicht in einer künstlich zusammengewürfelten modernen Familienkonstellation? Gerade  entsteht   nicht zuletzt im Namen von «Gender-Gerechtigkeit» eine neue Form von Kinderhandel, unter dem hübschen Pseudonym «Leihmutterschaft». Nur, dass die Mutter nicht geliehen wird, sondern ihr Bauch als Brutstätte ausgenutzt wird und das Kind danach an Fremde verkauft wird. Ein perfider Service, der gerne vor allem durch homosexuelle Paare genutzt wird, die naturgemäß kein Kind zeugen können. Aber durchaus bereit sind, eines zu kaufen.

Oh ja, Kinderrechte sind ein wichtiges Thema, und wir sollten sie schützen. Wir sollten mit dem elementarsten dieser Rechte anfangen: Das Recht der Kinder, überhaupt das Licht dieser wunderbaren Welt zu erblicken.

Zur Autorin:

Birgit Kelle, geboren 1975, verheiratet, Mutter von vier Kindern. Kolumnistin beim Meinungs- und Debattenportal «The European» und bei der Zeitung «WELT». Vorsitzende des Vereins «Frau 2000plus», Vorstandsmitglied des EU-Dachverbandes «New Women For Europe», Autorin der Bücher «Gendergaga» (adeo Verlag München, 2015) sowie «Muttertier – eine Ansage» (Fontis Verlag, Basel, 2017).

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