Bischof Vitus Huonder: Humanae vitae — Ein bleibendes Paradigma — 50 Jahre danach

 

Chur, 22. Juni 2018, Gedenktag des Hl. Thomas Morus

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn

Vor 50 Jahren veröffentlichte Papst Paul VI. die Enzyklika Humanae vitae. Von diesem Schreiben wissen die meisten nur so viel, dass der Papst die Empfängnisverhütung ablehnte. Dieses Nein zur Verhütung löste damals die vielleicht grösste Autoritätskrise innerhalb der Kirche aus. Die Emotionen gingen hoch. Nur wenige hörten genauer hin und wollten wissen, worum es Paul VI. dabei ging. Die meisten erkannten nicht, dass es dem Papst vor allem darum ging, die Heiligkeit von Ehe und Familie zu schützen. Heute, 50 Jahre später, betonen viele Kommentatoren die prophetische Bedeutung dieser Enzyklika. Denn alle Befürchtungen, welche Paul VI. äusserte, sind eingetroffen. Auch das Apostolische Schreiben Amoris laetitia von Papst Franziskus findet in Nr. 68 lobende und ermutigende Worte in Bezug auf die Enzyklika von Paul VI.

Eigenschaften der ehelichen Liebe

Paul VI., von Papst Franziskus 2014 seliggesprochen, geht in seinem Schreiben von einer Gesamtschau des Menschen aus, der als Mann und Frau von Gott geschaffen ist. In der Liebe von Mann und Frau soll etwas von der Liebe der göttlichen Personen, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes erfahrbar werden. Von dieser Gesamtschau her ergibt sich die Eigenart der ehelichen Liebe. Der Papst nennt vier Eigenschaften dieser Liebe:

1. Diese Liebe ist vollmenschlich, das heisst sinnenhaft und geistig zugleich. «Sie entspringt darum nicht nur Trieb und Leidenschaft, sondern auch und vor allem einem Entscheid des freien Willens, der darauf hindrängt, in Freud und Leid des Alltags durchzuhalten, ja dadurch stärker zu werden: so werden dann die Gatten ein Herz und eine Seele und kommen gemeinsam zu ihrer menschlichen Vollendung» (Humanae vitae, 9).

2. Diese Liebe ist Es geht in ihr um eine personale Freundschaft, die den anderen ohne Vorbehalt liebt. Sie sucht nicht den eigenen Vorteil, sondern nimmt den anderen als Ganzen so an, wie er ist.

3. Als Abbild der Treue Gottes zum Menschen ist die eheliche Liebe treu und ausschliesslich bis zum Ende des Lebens: «So wie sie Braut und Bräutigam an jenem Tag verstanden, da sie sich frei und klar bewusst durch das gegenseitige eheliche Jawort aneinander gebunden haben» (Humanae vitae, 9).

4. Als wirksames Zeichen der schöpferischen Liebe Gottes ist diese Liebe schliesslich fruchtbar. Hier zitiert Paul VI. die Nummer 50 der pastoralen Konstitution über die Kirche in der Welt von heute (Gaudium et Spes) des 2. Vatikanischen Konzils: «Ehe und eheliche Liebe sind ihrem Wesen nach auf die Zeugung und Erziehung von Nachkommenschaft ausgerichtet. Kinder sind gewiss die vorzüglichste Gabe für die Ehe und tragen zum Wohl der Eltern selbst sehr bei» (Humanae vitae, 9).

Ist das nicht eine Kennzeichnung der ehelichen Liebe, wie sie sich alle im Grunde ihres Herzens vorstellen und wünschen: vollmenschlich, ganzheitlich, treu und ausschliesslich sowie fruchtbar? Mit diesen Eigenschaften können die ehelichen Beziehungen gelingen.

Verantwortete Elternschaft nach Humane Vitae

Bei der Weitergabe des Lebens dürfen die Eltern unmittelbar mit dem Schöpfergott zusammenwirken. Denn im Moment der Zeugung schenkt Gott dem Kind die unsterbliche Seele. Verantwortete Elternschaft im Sinn der Kirche überlässt den Ehegatten die Entscheidung über die Zahl ihrer Kinder und über den Abstand der Geburten. Sie ermutigt die Eltern zu einer grösseren Kinderzahl, aber sie respektiert auch berechtigte Gründe für wenige Kinder.

Wenn die Kirche einerseits für verantwortete Elternschaft eintritt und andererseits die Verhütung ablehnt, wie soll dann die Familienplanung geschehen? Die Kirche empfiehlt und fördert die sogenannte natürliche Empfängnisregelung. Dabei lernen die Frauen, die fruchtbaren und unfruchtbaren Phasen ihres Zyklus sicher zu unterscheiden. Dieser Zyklus ist ein Teil der Schöpfungsordnung. Wenn die Ehegatten aus berechtigten Gründen auf die Weitergabe des Lebens verzichten wollen, wählen sie für ihr Zusammenkommen die unfruchtbare Phase des Zyklus und üben an den relativ wenigen fruchtbaren Tagen Enthaltsamkeit. Die Enthaltsamkeit ist nicht eine Zeit ohne Liebe, sondern eine Zeit, in der die Liebe auf andere Weise zum Ausdruck gebracht wird. Durch dieses leibliche Verhalten respektieren die Gatten den inneren Zusammenhang von ehelicher Liebe und Weitergabe des Lebens. Sie lernen im Gespräch miteinander zu bleiben und auf einander Rücksicht zu nehmen.

Wo liegt in diesem Zusammenhang der Unterschied zwischen Empfängnisregelung und Empfängnisverhütung? Die Absicht ist ja gleich. In beiden Fällen wollen die Eheleute kein Kind. Aber das frei gewählte Handeln ist anders.

Bei der Empfängnisregelung ändern die Gatten aus Gründen der Verantwortung das Sexualverhalten. Wenn sie das Leben nicht weiterschenken können, leben sie periodisch, d.h. während den fruchtbaren Tagen der Frau, enthaltsam. Um sich selbst beherrschen zu können, brauchen sie die Tugend der Selbstdisziplin oder Mässigung (die temperantia).

Mit seinem Verhalten sagt der Mann zur Frau: Ich liebe dich ganz so, wie du bist. Weil du in diesen Tagen fruchtbar bist und weil wir (zur Zeit) keine weiteren Kinder in unserer Ehe verantworten können, verzichten wir an diesen (wenigen) Tagen auf geschlechtliche Beziehungen, und ich zeige dir meine Liebe auf andere Weise.

Bei der Empfängnisverhütung ändern die Gatten das Sexualverhalten nicht, trotz der Einsicht, eine Empfängnis sei zu vermeiden. Sie verhindern jedoch die unerwünschten Folgen dieses Verhaltens. Mit seinem Verhalten sagt der Mann zur Frau: Zur Zeit liebe ich dich nicht so, wie du bist. Ich liebe vor allem deinen Leib nicht ganz. Denn deine Fruchtbarkeit lehne ich ab, weil wir (zur Zeit) keine weiteren Kinder in unserer Ehe verantworten können. Da ich dennoch nicht auf geschlechtliche Beziehungen verzichten will, müssen wir verhindern, dass es trotz unserer Fruchtbarkeit zu einer Empfängnis kommt.

Somit geht es nicht um einen Unterschied der Methode, sondern um objektiv verschiedene Handlungsweisen. Natürliche Empfängnisregelung bzw. Natürliche Familienplanung ist im Grunde keine Methode. Sie liefert nur Hinweise, wann Enthaltsamkeit angesagt ist. In der Enthaltsamkeit drückt sich die Entscheidung leiblich aus, auf die Weitergabe des Lebens aus verantwortbaren Gründen zu verzichten. So ist die Enthaltsamkeit ein leiblicher Akt der Liebe. Bei der Empfängnisverhütung hingegen ist der Leib nicht mehr in die Verantwortung eingebunden, sondern er wird zum Objekt von Massnahmen degradiert. Es geht also um die Frage, womit der Mensch seine Geschlechtlichkeit «steuert»: ob er es mit seinem Charakter, mit Selbstbeherrschung, tut oder ob er die Steuerung einem Verhütungsmittel bzw. einem Dritten, z.B. dem Arzt, überlässt.

Wenn die Gatten in unfruchtbaren Tagen geschlechtlich verkehren, bringen sie ihre eheliche Liebe zum Ausdruck. Sie sind in der Berufung vereint, das Leben verantwortlich weiterzugeben. Es verantwortlich weitergeben, kann eben auch heissen, es noch nicht oder nicht mehr weiterzugeben. In diesem Sinne ist die Empfängnisverhütung weder verantwortlich noch besitzt sie einen elterlichen Sinngehalt. Sie kann nicht der auch leibliche Ausdruck einer Liebe sein, die der Weitergabe des Lebens dient.

Wie schon gesagt, empfiehlt die Kirche die natürliche Empfängnisregelung. Damit sie erlaubt ist, müssen berechtigte Gründe vorliegen. Auch die natürliche Empfängnisregelung kann missbraucht werden durch eine verhütende Gesinnung.

Prophetische Bedeutung von Humanae Vitae

Paul VI. hat schon vor 50 Jahren die Befürchtung geäussert, die Verhütungsmentalität werde zu einer Destabilisierung von Ehe und Familie führen. Die Entkoppelung von Sexualität und Fortpflanzung werde dazu führen, dass Männer die Frauen nicht mehr als Person respektierten, sondern als ein Objekt der Triebbefriedigung ansehen würden. Regierungen würden versucht sein, sich in die Freiheit der Eltern einzumischen. Sie könnten Verhütung als Druckmittel in der Bevölkerungspolitik einsetzen. Alle Voraussagen des Papstes haben sich erfüllt. Die sexuelle Freizügigkeit schon der Jugendlichen behindert deren persönliche Reifung. Die Destabilisierung der Ehen und damit der Familien hat stark zugenommen. Das führt wiederum zu Bindungsangst und Bindungsunfähigkeit. Die Abtreibungen lassen sich mit Verhütung nicht wirksam bekämpfen. Dazu kommt, dass die Grenze zwischen Abtreibung und Verhütung fliessend geworden ist. Manche Verhütungsmittel wirken auch frühabtreibend. Sie verhindern nämlich die Einnistung des Embryos in die Gebärmutter. Reiche Nationen haben die Entwicklungshilfe an die Bedingung geknüpft, dass Verhütung zur Pflicht gemacht wird. Die demographische Lage ist inzwischen besorgniserregend. Die europäischen Völker ersetzen die Generationen nicht mehr. Sie sind zu sterbenden Völkern geworden. Allein um die Generationen zu ersetzen, braucht es etwas mehr als zwei Kinder pro Familie.

Die Entkoppelung von Sexualität und Fruchtbarkeit hat nicht nur zu einer Sexualität ohne Fortpflanzung geführt, sondern immer mehr auch zur Fortpflanzung ohne Sexualität. Auch das ist eine äusserst problematische Entwicklung. Die neuen Fortpflanzungstechnologien verbrauchen nämlich unzählige Embryonen. Sie zerstören das Leben von Kindern in ihrer ersten Lebensphase. Dabei sind sie nicht einmal besonders effizient. Zudem gibt es inzwischen auf der Basis von verfeinerten Zyklusstudien Behandlungen von unfreiwillig unfruchtbaren Paaren, welche eine höhere Erfolgsrate aufweisen als die In-Vitro-Fertilisation.

Verhütung gehört zur Kultur des Todes, von welcher der heilige Papst Johannes Paul II. immer wieder gesprochen hat. Viele sind sich dessen nicht bewusst, weil ihnen diese Zusammenhänge nicht aufgezeigt wurden. Es geht deshalb heute unter neuerlicher Berufung auf die Enzyklika Humanae vitae darum aufzuzeigen, wie die Kirche die Schöpfungsordnung versteht.

Paul VI. war sich bewusst, dass diese Lehre der Kirche von vielen abgelehnt werden würde. Aber die Kirche muss damit rechnen, dass sie wie schon ihr Stifter zum Zeichen gesetzt ist, dem widersprochen wird (vgl. Lk 2,34). Doch es geht der Kirche um die Würde des Menschen: «Indem sie das eheliche Sittengesetz unverkürzt wahrt, weiss die Kirche sehr wohl, dass sie zum Aufbau echter menschlicher Kultur beiträgt; darüber hinaus spornt sie den Menschen an, sich nicht seiner Verantwortung dadurch zu entziehen, dass er sich auf technische Mittel verlässt; damit sichert sie die Würde der Eheleute. Indem die Kirche so dem Beispiel und der Lehre unseres göttlichen Erlösers getreu vorgeht, zeigt sie, dass ihre aufrichtige und uneigennützige Liebe den Menschen begleitet: sie will ihm helfen in dieser Welt, dass er wirklich als Kind am Leben des lebendigen Gottes teilhat, der aller Menschen Vater ist» (Humanae vitae,18).

Humanae Vitae neu entdecken

Liebe Schwestern, liebe Brüder! Der christliche Geist kann sich in den Familien nur dann entfalten, wenn wir in der Ehe und in der Familie die Schöpfungsordnung wieder ganz zu respektieren lernen. Nehmen wir die Wahrheit ernst, welche in der Enzyklika Humanae vitae enthalten ist. Das wird für die Ehepaare und die Familien, ja für die Kirche sowie für unsere Gesellschaft ein Segen sein.

Maria, «die Heilige unter den Heiligen, die Hochgebenedeite» (Papst Franziskus, Apostolisches Schreiben Gaudete et exultate, 176), begleite uns mit ihrer Fürsprache und ihrer mütterlichen Fürsorge. Mit diesem Wunsch grüsse ich herzlich und lasse allen meinen bischöflichen Segen zukommen

+ Vitus Huonder Bischof von Chur

 

Weiterführende Informationen zur natürlichen Empfängnisregelung:

  • Institut für Natürliche Empfängnisregelung iner.org
  • Interessengemeinschaft für natürliche Familienplanung Schweiz / Fürstentum Liechtenstein www.ignfp.ch

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Quelle

Predigt von Bischof Vitus Huonder am Pfingstsonntag, 20. Mai 2018, in der Kathedrale in Chur

Brüder und Schwestern im Herrn

Kampf, Wachsamkeit und Unterscheidung! Das tönt ganz kriegerisch. Ist es aber nicht. Denn die Worte stammen aus dem jüngsten Apostolischen Schreiben Gaudete et exultate von Papst Franziskus über den Ruf zur Heiligkeit in der Welt von heute. Papst Franziskus ist alles andere als ein Befürworter von Krieg und Gewalt. Deshalb müssen wir die Worte Kampf, Wach­samkeit und Unterscheidung richtig einordnen.

Was meint der Heilige Vater mit Kampf? Um das zu erfahren, müssen wir das fünfte Kapitel des Apostolischen Schreibens lesen. Gleich zu beginn lesen wir: „Das Leben des Christen ist ein ständiger Kampf. Es bedarf Kraft und Mut, um den Versuchungen des Teufels zu widerstehen und das Evangelium zu verkünden“ (158). Mit Kampf meint der Heilige Vater den Widerstand gegen den Teufel. Einige Zeilen später bekräftigt er nämlich: „Es ist auch ein beständiger Kampf gegen den Teufel, welcher der Fürst des Bösen ist“ (159). Nochmals einige Zeilen später lesen wir: „Als Jesus uns das Vaterunser lehrte, wollte er tatsächlich, dass wir am Ende den Vater bitten, er möge uns von dem Bösen erlösen. Der dort benutzte Ausdruck bezieht sich nicht auf etwas Böses im abstrakten Sinn, sondern lässt sich genauer mit ‘der Böse’ übersetzen. Er weist auf ein personales Wesen hin, das uns bedrängt. Jesus lehrt uns, täglich um diese Befreiung zu bitten, damit die Macht Satans uns nicht beherrsche“ (160). Und, darf ich nochmals den Papst zitieren. Deutlich sagt er: „Wir sollen also nicht denken, dass dies ein Mythos, ein Schauspiel, ein Symbol, ein Bild oder eine Idee ist“ (161). Mit anderen Worten sagt der Heilige Vater, dass Satan existiert und sein Unwesen in unserer Welt treibt. Der Kampf, von welchem der Papst spricht, ist daher ein Kampf gegen Satan und seine Anhänger.

Nun werdet Ihr fragen: Ist das ein Thema für Pfingsten? Sehr wohl ist dies ein Thema für Pfingsten. Denn im Kampf mit dem Satan brauchen wir das Gegengewicht. Da Satan nicht ein körperliches Wesen ist, sondern ein geistiges, brauchen wir im Kampf gegen Satan ein geistiges Gegengewicht. Nochmals zum Wort des Papstes zum Vaterunser: „Als Jesus uns das Vaterunser lehrte, wollte er tatsächlich, dass wir am Ende den Vater bitten, er möge uns von dem Bösen erlösen“. Der Papst macht uns eigens auf diese letzte Bitte des Gebetes unseres Herrn aufmerksam. Wir dürfen sagen, an Pfingsten hat sich diese Bitte erfüllt, genauer ausgedrückt, sie hat sich in einem besonderen Maß erfüllt: Das Kommen des Heiligen Geistes am Tag von Pfingsten bedeutet in besonderer Weise die Erlösung vom Bösen, die Erlösung von Satan. Denn die Kirche hat den Geist der Wahrheit empfangen, wie es Jesus im heutigen Evangelium verheißen hat: „Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wann aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganze Wahrheit leiten“ (Joh 16,12-13).

Die Wahrheit ist das Gegenteil des Bösen, des Verderblichen, der Lüge. Deshalb macht sie uns frei (vgl. Joh  8,32). Sie befreit uns. Sie erlöst uns. Denn Wahrheit ist an und für sich ein anderer Begriff für die Wirklichkeit Gottes, für alles, was Gott ist und was Gott tut. In Gott und durch Gottes Wirken sind wir frei. Durch den Geist der Wahrheit sind wir frei, befreit, oder werden wir frei, sofern wir die Wahrheit zur Grund­lage unseres Lebens nehmen.

Ist Ostern der Anfang unserer Erlösung und unserer Freiheit, die sich vor allem im auferstandenen Herrn erweisen, so ist Pfingsten deren Vollendung in der von Gott neu geschaffenen Menschheit, im Volk Gottes, in der Kirche. Aber es ist noch eine Erlösung und eine Freiheit unter dem Banner des Kampfes, der Wachsamkeit und der Unterscheidung. Deshalb dürfen wir die Hände nicht in den Schoß legen und nachlässig werden (vgl. Gaudete et exultate 161). Das bedeutet: Wir müssen uns immer wieder in den Schutz des Heiligen Geistes begeben und unser Leben unter diesem Schutz gestalten, im Schut­z des Geistes der Wahr­heit, im Schutz seiner Liebe und seiner Lehre. Beten wir daher mit der Pfingstsequenz häufig: O lux beatissima, reple cordis intima tuorum fidelium. Sine tuo numine nihil est in homine, nihil est innoxium. – Komm, o du glückselig Licht, fülle Herz und Angesicht, dring bis auf der Seele GrundOhne dein lebendig Wehn kann im Menschen nichts bestehn , kann nichts heil sein noch gesund.  Amen.

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Quelle

Birgit Kelle Gender Mainstreaming: An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen

Ergänzungsheft I
zur Reihe „Wort des Bischofs“

Birgit Kelle

Gender Mainstreaming:
An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen 

Wort zum Tag der Menschenrechte

10. Dezember 2017

 

Mit einem Vorwort
von

Msgr. Dr. Vitus Huonder
Bischof von Chur

Wort zur Ehe und Familie 4 

Chur, 1. November 2017

Vorwort

Papst Franziskus schreibt in großer Sorge um eine gesunde gesellschaftliche Entwicklung: „Eine weitere Herausforderung ergibt sich aus verschiedenen Formen einer Ideologie, die gemeinhin ‘Gender’ genannt wird und die den Unterschied und die natürliche Aufeinander-Verwiesenheit von Mann und Frau leugnet. Sie stellt eine Gesellschaft ohne Geschlechterdifferenz in Aussicht und höhlt die anthropologische Grundlage der Familie aus. Diese Ideologie fördert die Erziehungs- pläne und eine Ausrichtung der Gesetzgebung, welche eine persönliche Identität und affektive Intimität fördern, die von der biologischen Verschiedenheit zwischen Mann und Frau radikal abgekoppelt sind“.1

Für den Heiligen Vater ist diese Entwicklung beunruhigend, und er fordert uns auf: „Verfallen wir nicht der Sünde, den Schöpfer ersetzen zu wollen!“2 Im Sinne dieses Aufrufs gelange ich heute an alle Menschen guten Willens, indem ich einer Frau die Stimme gebe, einer Ehefrau und Mutter. Ich habe Frau Birgit Kelle, die in Deutschland für ihre mutige publizistische Arbeit bekannt ist, gebeten, einen exklusiven Text für das Bistum Chur zum Tag der Menschenrechte 2017 zu verfassen. Ihre Ausführungen, gewonnen aus persönlicher

1 PAPST FRANZISKUS, Nachsynodales Apostolisches Schreiben Amoris Laetitia (19. März 2016), Nr. 56.

2 Ebd. Nr. 56.

Erfahrung, welche aus dem Leben einer starken Frau und Mutter kommen, sind beeindruckend. Es sind Worte, die mich als Bischof berühren.

Ich danke Frau Kelle für ihre Stellungnahme und hoffe, dass diese der Meinungsbildung, ja der Abwehr einer großen Gefahr für die Menschheit dient. Dabei möchte ich einen Blick auf die Gottesmutter, auf die Hilfe der Christen, werfen und ihrer Fürbitte die gesunde Entwicklung der Menschheit anvertrauen, damit wir begreifen, dass uns die Schöpfung vorausgeht und wir sie als Geschenk empfangen müssen, und dass wir unser Menschsein so behüten und akzeptieren und respektieren, wie es erschaffen worden ist 3.

+ Vitus Huonder, Bischof von Chur

 

3 Vgl. PAPST FRANZISKUS, Nachsynodales Apostolisches Schreiben Amoris Laetitia (19. März 2016), Nr. 56.

 

 

Gender Mainstreaming:

An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen

 

von Birgit Kelle

 

Wem beim Anblick eines leidenden Kindes nicht das Herz aufgeht, hat seine Menschlichkeit bereits eingebüßt. Kinder rühren unser Herz an. Instinktiv will man sie schützen, sich vor sie stellen, sie hüten, sie vor allem Bösen bewahren. Sei es vor Hunger und Kälte, oder auch nur vor den eingebildeten Monstern unter dem Kinderbettchen. Vor zwei Jahren rührte eine Fotografie halb Europa zu Herzen. Sie zeigte den kleinen Aylan Kurdi, mit drei Jahren auf der Flucht aus Syrien im Mittelmeer ertrunken. Diese Fotografie hat das Tor zu Europa damals noch ein Stück weit mehr aufgestoßen, als es sowieso schon offen stand. Das ist einerseits menschlich gut, zeigt aber auch anschaulich die Gefahr, wenn die Politik das «Wohl des Kindes» oder auch die «Rechte von Kindern» instrumentalisiert, um politische Entscheidungen zu rechtfertigen.

Oder um es deutlicher auszusprechen: Wenn die Definition des Kindeswohles  zum Spielball der Mächtigen wird, sind in der Regel viele Interessen im Spiel, und  oft sind es gar nicht jene der Kinder. Nicht umsonst versuchten alle totalitären politischen Ideen der vergangenen Jahrhunderte und alle diktatorischen Regimes weltweit, sich der Kinder eines Volkes zu bemächtigen. Man hat immer wieder versucht, einen Keil in die Familien zu treiben, Eltern und Kinder zu entzweien, Kinder von ihrem Glauben und der Kirche zu entfremden und sie so schnell wie möglich in staatlicher Obhut nach staatlichen Vorstellungen groß zu ziehen. Selbstverständlich geschah das nur zu ihrem «Wohl». Egal ob es sich Marxismus, Leninismus, Nationalsozialismus oder Kommunismus nannte. «Die Lufthoheit über den Kinderbetten gehört uns» – so formulierte es einst großherrlich ein bekannter deutscher Politiker, eingefärbt in sozialdemokratische Wolle. Der Staat sollte also definieren, was gut ist für Kinder, und nicht die Eltern. Wer mit den Rechten von Kindern argumentiert, steht in der öffentlichen Debatte moralisch wohlig warm auf der Seite der Guten. Wer Kindern etwas verweigert, auf der dunklen Seite der Macht. Schließlich wollen wir ja alle, dass sich Kinder frei entfalten, ihr ganzes Potenzial entdecken und ausleben und in ihrer Entwicklung nicht etwa behindert, sondern gefördert werden. Oder? So sicher wie das Amen in der Kirche ereilt uns alljährlich zum Weltkindertag die Debatte über die Verankerung von eigenen Kinderrechten in der Verfassung. So als wären Kinder nicht auch Menschen, und somit durch die universalen Menschenrechte bereits hinreichend berücksichtigt. Ein Schelm, wer Böses denkt, wenn der Staat ein eigenes «Schutzrecht» für die Kinder propagiert, neben den Eltern – und in Wahrheit im Zweifel gegen die Eltern.

Wie die Definition des «Kindeswohls» zu einem Instrument der Indoktrination von Kindern umgedeutet wird, zeigt sich nämlich gerade in allen europäischen Ländern, die unter dem Deckmantel von «Bildung»  die neue Ideologie des Gender Mainstreaming mit ihren unheiligen Beibooten, der «sexuellen Vielfalt», der «Gleichstellung der Geschlechter» und der «Bildung zu Toleranz» in unsere Klassenzimmer schleusen wollen. Da heißt es dann plötzlich, Kinder hätten ein eigenes Recht auf Sexualität, auch gegen den Willen ihrer Eltern. Ein Recht auf Wissen um diverse sexuelle Orientierungen bis hin zu Sexualpraktiken. Da sprießen zweifelhafte «Gender-Experten» aus dem Boden, mit Sexualkunde-Plänen schon für Kindergartenkinder. Hat nicht gar die WHO als weltweit tätige Gesundheitsorganisation definiert, dass man bei Kindern bereits ab vier Jahren (!) möglichst mit der sexuellen Bildung beginnen sollte? Längst existiert Lehrmaterial, das Kinder nicht etwa in ihrer gesunden Entwicklung als Mädchen und Jungen bestärken oder in ihrer Identitätsbildung festigen soll, sondern diese sogar explizit zerstören will. Wer sich nämlich eine Gender-Ideologie zu eigen macht, die im Unterschied zwischen Mann und Frau nicht etwa die wunderbare Schöpfung Gottes erkennt, sondern die Unterdrückung der Vielfalt von Geschlechtern, der hat den Boden der Realität schon lange verlassen. Wie Pilze sprießen derzeit Gender-Lehrstühle aus dem Boden, die ständig nicht nur neue «Geschlechter» schaffen, sondern statt Lösungen immer mehr Probleme. Längst hat sich eine Bewegung, die einst antrat, die Gleichberechtigung von Mann und Frau zu schaffen, zu Handlangern von Lobbyisten der so genannten «sexuellen Vielfalt» machen lassen. Nutzt es unseren Kindern, wenn wir in Zweifel ziehen, ob sie Junge oder Mädchen sind, wenn wir ihnen keine Moral, keinen Anstand auf den Weg geben, sondern sexuelle Freizügigkeit von Kindesbeinen an? Oder haben wir nicht gar als Eltern sogar die Pflicht, unsere Kinder vor solchen Einflüssen zu schützen? Weil sie unsere Kinder sind, und wir unsere Werte und unseren Glauben, un- sere Vorstellungen von Falsch und Richtig an sie weiterreichen wollen und im Sinn des Rechtes der Eltern auf Erziehung auch explizit dürfen?

«An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen» steht bei Matthäus (7,16). Deswegen dürfen wir nicht stehen bleiben bei den blumigen Formulierungen über Toleranz unter dem Regenbogen, die man uns zum Thema Gen- der vorsetzt. Wir sollten auf das schauen, was im Namen von «Gender» tatsächlich politisch umgesetzt  wird. Und da muss die Frage erlaubt sein, warum es eigentlich als Straftat gilt, wenn ein Erwachsener einem anderen Erwachsenen seine Sexualität ungefragt aufdrängt. Dann sprechen wir selbstverständlich von Belästigung und Nötigung. Wenn aber in den Kindergärten und Schulen Erwachsene den Kindern die Sexualität  von Erwachsenen aufdrängen in Wort und Bild, dann wird aus der Straftat plötzlich «kindliche Bildung».

Und dann gibt es da ja noch die guten Taten, die wir  als Gesellschaft gar nicht mehr leisten. Die Sünden, die wir durch unterlassene Hilfeleistung zulassen, während wir über Kinderrechte reden. Auch an diesen Unterlassungen sollten wir die Gesellschaft und ihre Ambitionen messen. Denn in welcher weltweiten Charta schützen wir eigentlich das Kinderrecht, geboren zu werden? Das Recht auf Leben von Anfang an? Wir schützen also das Recht von Vierjährigen, zu wissen, wie Kinder gezeugt werden, nicht aber ihr Recht auf die Welt zu kommen. Es ist noch freundlich, das als Zynismus zu bezeichnen. Wo ist das Recht von Kindern, nicht schon früh von ihren Eltern getrennt zu werden? Etwas, was wir im Namen von Tierschutz-Rechten jedenfalls Hundewelpen zugestehen. Es gibt kein Gesetz, dass Kinder davor schützt, zu jung von ihrer Mutter getrennt zu werden. Und wer schützt behinderte Kinder davor, im Mutterleib getötet zu werden, weil sie nicht den Ansprüchen einer perfekten Welt genügen? Wer schützt das Recht von Kindern, überhaupt bei ihren biologischen Eltern groß zu werden, bei Mutter und Vater, die es gezeugt haben und nicht in einer künstlich zusammengewürfelten modernen Familienkonstellation? Gerade  entsteht   nicht zuletzt im Namen von «Gender-Gerechtigkeit» eine neue Form von Kinderhandel, unter dem hübschen Pseudonym «Leihmutterschaft». Nur, dass die Mutter nicht geliehen wird, sondern ihr Bauch als Brutstätte ausgenutzt wird und das Kind danach an Fremde verkauft wird. Ein perfider Service, der gerne vor allem durch homosexuelle Paare genutzt wird, die naturgemäß kein Kind zeugen können. Aber durchaus bereit sind, eines zu kaufen.

Oh ja, Kinderrechte sind ein wichtiges Thema, und wir sollten sie schützen. Wir sollten mit dem elementarsten dieser Rechte anfangen: Das Recht der Kinder, überhaupt das Licht dieser wunderbaren Welt zu erblicken.

Zur Autorin:

Birgit Kelle, geboren 1975, verheiratet, Mutter von vier Kindern. Kolumnistin beim Meinungs- und Debattenportal «The European» und bei der Zeitung «WELT». Vorsitzende des Vereins «Frau 2000plus», Vorstandsmitglied des EU-Dachverbandes «New Women For Europe», Autorin der Bücher «Gendergaga» (adeo Verlag München, 2015) sowie «Muttertier – eine Ansage» (Fontis Verlag, Basel, 2017).

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Bischof Vitus Huonder: Themenschwerpunkte bis 2019

Liebe Mitbrüder im bischöflichen, priesterlichen und diakonalen Dienst
Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Seelsorge

Wie in meinem Interview mit der “Luzerner Zeitung” vom 4. Mai 2017 angekündigt, möchte ich die beiden Jahre, um die Papst Franziskus meinen Dienst als Diözesanbischof verlängert hat, nutzen, um einige pastorale Themen aufzugreifen, die mir vordringlich scheinen. Ich habe sie mittlerweile im Bischofsrat zur Diskussion gestellt und möchte sie Ihnen nun vorstellen, verbunden mit der Bitte, sie sich zu eigen zu machen und bei ihrer Bearbeitung sowie Umsetzung behilflich zu sein.

1. Erarbeitung von diözesanen Standards für die Ehevorbereitung

Das vordringlichste Anliegen, geradezu ein Gebot der Stunde, scheint mir die Ehevorbereitung zu sein. Wer den Bund der Ehe eingeht, geht ihn, wie man zu sagen pflegt, “für’s Leben” ein. Deshalb ist es wichtig, dass dies nicht unüberlegt oder unvorbereitet geschieht, sondern wohlbedacht und gut informiert, getragen von der Kirche und ihrer Glaubenslehre. Gerade die vielen Krisen, welche es bekanntlich heute in Ehen gibt, und die nicht selten zu einer zivilen Ehescheidung führen, müssen uns Ansporn sein, in der Pastoral einen Schwerpunkt bei der Vorbereitung auf den Empfang dieses Sakraments zu setzen.

Das Anliegen einer erneuerten, verbesserten, den heutigen Erfordernissen angemessenen Ehevorbereitung ist zuletzt von Papst Franziskus betont worden. Im Nachsynodalen Apostolischen Schreiben “Amoris Laetitia” (205-211) ruft der Papst dazu auf, diesem Aspekt der Seelsorge Beachtung zu schenken. Und er lädt die einzelnen Ortskirchen, also die Diözesen, ein, tätig zu werden: “Es gibt verschiedene legitime Weisen, die unmittelbare Vorbereitung auf die Ehe zu gestalten, und jede Ortskirche soll unterscheiden, was für sie das Beste ist” (207).

Die Verhältnisse sind nicht nur unter den einzelnen Ortskirchen unterschiedlich. Auch innerhalb unserer Ortskirche gibt es aufgrund der sozialen Verschiedenheiten sowie der geschichtlichen, demographischen und konfessionellen Prägungen beträchtliche Unterschiede. Es kann deshalb für uns nicht darum gehen, einen einzigen Ehevorbereitungskurs zu entwerfen. Was aber dennoch getan werden kann und getan werden muss, ist die Erarbeitung von Standards für die Ehevorbereitung, die von allen gewahrt werden müssen, die sich in diesem pastoralen Feld engagieren.

Ich habe deshalb den Aufrag gegeben an den Verantwortlichen für die Jugendpastoral, Weihbischof Marian Eleganti, und an den Pastoralamtsleiter, Bischofsvikar Christoph Casetti, ein entsprechendes Konzept auszuarbeiten zu Handen des Bischofsrats. In einer späteren Phase sollen dann auch der Priesterrat und der Rat der Laientheologinnen, Laientheologen und Diakone konsultiert werden. Ziel muss es sein, den Eheleuten wirklich das mitzugeben, was sie auf ihrem gemeinsamen Weg benötigen, um das Sakrament der Ehe in seiner Fülle, dauerhaft und fruchtbar zu leben, zum Aufbau der Kirche und im Dienst an der Welt.

2. Weiterbearbeitung der Frage Bistumseinteilung

Die von der Römisch-katholischen Körperschaft des Kantons Zürich im 2012 an mich herangetragene Frage, ob man das Bistum Chur aufteilen solle, hat bekanntlich viel Aufsehen erregt. Ich habe das Anliegen aufgenommen und eine breit angelegte Konsultation durchgeführt. Auf dieser Basis haben später Gespräche stattgefunden, unter anderem mit den Vertretern der kantonalen staatskirchenrechtlichen Körperschaften (“Biberbrugger Konferenz”). Die Tatsache, dass schliesslich der Tag näher kam, an dem ich dem Papst meine Demission anbieten würde, hat möglicherweise dazu geführt, dass das Thema dann geruht hat. Nun, da wir wieder für zwei Jahre Planungssicherheit haben, möchte ich das Thema Bistumseinteilung nochmals aufgreifen und mit der “Biberbrugger Konferenz” weiter diskutieren. Ich habe deshalb Generalvikar Martin Grichting und Bischofsvikar Joseph M. Bonnemain gebeten, ein Schreiben aufzusetzen, um das Gespräch wieder in Gang zu bringen.

3. “Gender-Ideologie”

Seit längerem beschäftigt mich das Thema der “Gender-Ideologie”. Ich habe dazu im Jahr 2013 ein Wort des Bischofs (http://www.bistum-chur.ch/startseite/gender-die-tiefe-unwahrheit-einer-theorie-wort-des-bischofs-zum-tag-der-menschenrechte-vom-10-dezember-2013-2/) verfasst. Die deutlichen und mit meiner Haltung übereinstimmenden Aussagen von Papst Franziskus zu diesem Thema zeigen, dass das Thema weiterhin aktuell ist. Die Stellungnahmen von Papst Franziskus zeigen, wie man vom Standpunkt des Christentums diese Ideologie beurteilen soll. Auch Franziskus bezeichnet in “Amoris Laetitia” “Gender” ausdrücklich als “Ideologie” (56). Er betont, dass sie die anthropologischen Grundlagen der Familie aushöhle. Und er sieht die Gefahr, dass diese Ideologie Erziehungspläne und Gesetzgebungen unterwandert. Sie unterwandert leider auch die katholische Kirche, wie man dem in der Schweiz veröffentlichen Werk “Familienvielfalt” entnehmen kann. “Verfallen wir nicht der Sünde, den Schöpfer ersetzen zu wollen”, ruft uns demgegenüber Papst Franziskus in “Amoris Laetita” (56) zu.

In seiner Ansprache an die polnischen Bischöfe im Jahr 2016 (http://m.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2016/july/documents/papa-francesco_20160727_polonia-vescovi.html) hat der Papst “Gender” sogar als “ideologischen Kolonialismus” bezeichnet.  Er zitiert Papst Benedikt XVI., welcher zu ihm gesagt hat: “Heiligkeit, dies ist die Zeit der Sünde gegen den Schöpfergott”. Und in einer Generalaudienz im April 2015 hatte Franziskus bereits gesagt, die Beseitigung der Geschlechterdifferenz sei “das Problem, nicht die Lösung” (https://w2.vatican.va/content/francesco/de/audiences/2015/documents/papa-francesco_20150415_udienza-generale.html). In Georgien schliesslich bezeichnete Franziskus 2016 die Gender-Theorien als “grossen Feind der Ehe” und sagte: “Es gibt heute einen weltweiten Krieg, um die Ehe zu zerstören. Heute gibt es ideologische Kolonialismen, die zerstörerisch sind: Man zerstört nicht mit Waffen, sondern mit Ideen. Darum muss man sich gegen die ideologischen Kolonialismen verteidigen” (http://w2.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2016/october/documents/papa-francesco_20161001_georgia-sacerdoti-religiosi.html).

Ferner bleibt grundlegend für das Problem der “Gender-Ideologie” die Ansprache von Papst Benedikt dem XVI. vom 21. Dezember 2012 an die Römische Kurie, in welcher er die die “tiefe Unwahrheit” dieser Theorie aufgezeigt hat (http://w2.vatican.va/content/benedict-xvi/de/speeches/2012/december/documents/hf_ben-xvi_spe_20121221_auguri-curia.html).

Es geht hier, wie die Versuche zeigen, “Gender” in Erziehungsplänen und Gesetzen zu etablieren, keineswegs nur um eine akademische Debatte. Wir sind als Glieder der Kirche aufgerufen, hier unsere Stimme zu erheben. Denn es geht um den Menschen. Papst Benedikt XVI. hat dies eindringlich betont in der erwähnten Ansprache: “Wo die Freiheit des Machens zur Freiheit des Sich-selbst-Machens wird, wird notwendigerweise der Schöpfer selbst geleugnet und damit am Ende auch der Mensch als göttliche Schöpfung, als Ebenbild Gottes im Eigentlichen seines Seins entwürdigt. Im Kampf um die Familie geht es um den Menschen selbst. Und es wird sichtbar, daß dort, wo Gott geleugnet wird, auch die Würde des Menschen sich auflöst. Wer Gott verteidigt, verteidigt den Menschen”.

Ich habe deshalb Bischofsvikar Christoph Casetti den Auftrag gegeben, dieses Thema in die Diözesane Pastoralkonferenz einzubringen. Dieses Gremium dient ja als Koordinationsgremium der kantonalen Seelsorgeräte. Diese bitte ich, sich auf der Basis der Lehre der Päpste Benedikt XVI. und Franziskus mit dem Thema auseinanderzusetzen und ihrerseits Multiplikatoren in die Kantone hinein zu sein, damit die Kirche auch in unserem Bistum dieser verderblichen Ideologie etwas entgegenzusetzen hat.

4. Kirche und Politik

Ein Thema, das in den letzten Jahren immer wieder aktuell war, ist die Haltung der Kirche zu Fragen der Politik. Es gibt regelmässig Konflikte, wenn in Politik und Medien die Stimme der Kirche für (partei-)politische Anliegen instrumentalisiert wird. Wenn ich bedenke, wie viele Gläubige in den letzten Jahren ihren Austritt aus den staatskirchenrechtlichen Körperschaften erklärt haben, weil kirchliche Amtsträger die Kirche für tagespolitsche Anliegen missbraucht haben, dann müssten auch die Körperschaften an diesem Thema interessiert sein.

Wir müssen es zur Kenntnis nehmen: Es gibt eine sehr große Zahl von Fragen, zu denen man als Christ getrost und mit vernünftigen Argumenten dieser oder jener Meinung sein kann. Wie man eine gerechte Gesellschaft schafft, wie man mit der Energie und den verschiedenen Formen ihrer Erzeugung richtig umgeht, wie man die Natur effektiv schützt, wie man die wirtschaftlichen Lasten so verteilt, dass niemand verarmt, aber auch der Leistungswille des einzelnen nicht frustriert wird: Hier gibt es einen legitimen Pluralismus und gute Gründe für diese oder jene parteipolitische Haltung. Und es brüskiert viele Gläubige, bis hin zum ominösen “Austritt”, wenn sie von amtlichen Vertretern der Kirche als nicht ganz katholisch, irgendwie unmoralisch oder egoistisch hingestellt werden, nur weil sie zu bestimmten politischen Optionen andere Ansichten haben. Das II. Vatikanische Konzil hat in LG 37 ausdrücklich betont: “Die gerechte Freiheit, die allen im irdischen bürgerlichen Bereich zusteht, sollen die Hirten sorgfältig anerkennen“.

Diese Frage hat auch mit der Sendung der Laien zu tun, wie sie das II. Vatikanische Konzil gelehrt hat. Die Laien haben den Auftrag, mitten in der Welt das Reich Gottes auszubreiten, auf der Basis ihres christlich gebildeten Gewissens. Sie tun es nicht als amtliche Vertreter der Kirche. Genau darin besteht ihr Mündigkeit. So lange wir aber dazu neigen, die Kirche mit der Hierarchie zu identifizieren und dann zu bedauern, die Laien seien von der Mitwirkung an der kirchlichen Sendung ausgeschlossen, kommen wir nicht weiter, auch nicht zu einer Kirche, die hinausgeht, bis an die Ränder, von der Papst Franziskus immer wieder spricht. Es ist gerade Papst Franziskus, der diese Binnenfixierung bedauert hat in seinem Apostolischen Schreiben “Evangelii Gaudium”: “Auch wenn eine größere Teilnahme vieler an den Laiendiensten zu beobachten ist, wirkt sich dieser Einsatz nicht im Eindringen christlicher Werte in die soziale, politische und wirtschaftliche Welt aus. Er beschränkt sich vielmals auf innerkirchliche Aufgaben ohne ein wirkliches Engagement für die Anwendung des Evangeliums zur Verwandlung der Gesellschaft. Die Bildung der Laien und die Evangelisierung der beruflichen und intellektuellen Klassen stellen eine bedeutende pastorale Herausforderung dar” (102).

Ich habe deshalb Generalvikar Martin Grichting den Auftrag gegeben, mir Vorschläge für Initiativen zu machen, wie wir in diesen beiden Fragen eine positive Wende herbeiführen können. Das Thema ist wichtig. Ich erinnere dazu gerne an den französischen Philosophen Alexis de Tocqueville, der einmal gesagt hatte, die Religionsgemeinschaften, welche ihre Autorität über die religiösen Dinge hinaus ausdehnten, würden Gefahr laufen, in keiner Sache mehr Glauben zu finden.

Ich bin Ihnen dankbar, wenn Sie in den nächsten zwei Jahren mithelfen, bei der Behandlung und Umsetzung der hier angeführten vier Themen mitzuwirken. Sie werden Ihnen in den Räten des Bistums, aber auch in Anregungen für die Verkündigung und in der praktischen Seelsorge begegnen.

Gerne benütze ich die Gelegenheit, Sie zu ermutigen, sich von neuem in der Pastoral mit aller Kraft einzusetzen. Für alles, was Sie dort zum Aufbau des Reiches Gottes tun, danke ich Ihnen herzlich und grüsse Sie, verbunden mit meinem bischöflichen Segen, freundlich

+ Vitus Huonder
Bischof von Chur

Chur, 23. Mai 2017

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Predigt von Bischof Vitus anlässlich der Priesterweihe vom Samstag, 29. April 2017 in der Kathedrale in Chur

Brüder und Schwestern im Herrn, lieber Diakon Dominik

In der Seminarkapelle von Wigratzbad werden im Chorfenster die Stufen zum Weihesakrament dargestellt: auf den Empfänger der Tonsur – was keine Weihe ist – folgen der Ostiarier, der Lektor, der Exorzist, der Akolyth, der Subdiakon, der Diakon, der Priester: sieben Stufen. Es fehlt nur die Stufe des Bischofs.

Diese Darstellung in Stufen vermittelt den Eindruck eines Aufstieges. Der Weg zum Priestertum ist ein Aufstieg. Ja, dieser Weg ist tatsächlich ein Aufstieg. Dieser Aufstieg ist pädagogisch zu deuten. Der Berufene, der Kandidat, soll in das Priestertum nach und nach hineinwachsen. Das Priestertum braucht eine lange Vorbereitung. Denn die Kirche weiß, dass das Priestertum etwas so Wertvolles, Bedeutendes und Heiliges ist, dass der Weg zum Priestertum ein langer Weg sein muss, ein Weg der Bewährung, ein Weg der Prüfung, ein Weg nach oben. So ist dieser Aufstieg zu deuten.

Es ist auch ein Aufstieg im Leben der Gnade. Er macht bewusst, mit welcher Gnade das Priestertum verbunden ist und verbunden sein muss. Das Priestertum ist eine große Gnade Gottes. Deshalb müssen wir mit dieser Gnade gewissenhaft umgehen. Der Priester darf kein Ärgernis geben. Dessen muss er sich bewusst sein. Dominik muss sich dieser Gnade bewusst sein und der Folgen, welche diese Gnade für sein Leben haben muss. Er muss sich bewusst sein, dass er mit dieser Gnade sorgfältig umgehen muss. Durch ein glaubwürdiges Leben muss er diese Gnade zum Leuchten bringen. Betet doch der Bischof im Weihegebet, welches in diesem Punkt in beiden Formularen gleich lautet – im Ordo Antiquior und im Novus Ordo: Da quaesumus, omnipotens Pater, in hunc famulum tuum presbyterii dignitatem: innova in visceribus eius spiritum sanctitatis; ut acceptum a Te Deus, secundi meriti munus obtineat, censuramque morum exemplo suae conversationis insinuet. – Allmächtiger Vater, wir bitten dich, gib diesem deinem Diener die Würde des Priestertums; erneuere in seinem Innersten den Geist der Heiligkeit, damit er das von dir erhaltene Amt des zweiten Ranges auf sich nehme und durch seinen vorbildlichen Wandel eindringlich christliche Zucht und Sitte nahelege. Es fällt auf, mit welchem Nachdruck die bestimmenden sakramentalen Worte der Priesterweihe (verba essentialia oder verba formae sacramentalis) auf das heilige Leben eines Priesters legen. Die Weihegnade soll ihnen nicht nur priesterliche Vollmacht geben, sondern eine Hilfe sein, für die Heiligkeit des Lebens. Warum? Weil die priesterliche Vollmacht nur dann zum Leuchten kommt, wenn der Träger dieser Vollmacht ein heiliges Leben führt und für die ihm anvertrauten Seelen ein Beispiel für ein heiliges Leben ist. Deshalb darf man diesen Aufstieg zum Priestertum nicht mit einer Karriere vergleichen. Es ist keine Auszeichnung mit dem Anspruch, höher zu stehen und mehr Ehrerbietung zu verdienen. Die Priesterweihe ist kein Adelstitel und keine Beförderung in einen höheren Stand. Oder, wenn wir bei der Karriere bleiben wollen: Der Weg zur Priesterweihe ist eine Karriere der Demut, ein Weg der Demut. Ein Priester, der nicht demütig ist, hat wohl die Vollmacht des Priestertums. Es fehlt ihm aber der Geist des Priestertums, jene innere Haltung, welche Jesus die Armut im Geiste nennt (Mt 5,3) . Wenn dieser Geist der Armut fehlt, fehlt das Feuer, welches die Herzen der Menschen entzündet und zur Liebe Gottes bewegt.

Ich komme zurück auf die Darstellung des Aufstiegs zum Priestertum in der Seminarkapelle von Wigratzbad. Diese Darstellung muss durch eine anderen Darstellung ergänzt werden – wenigstens im Geiste, wenn dies bildhaft nicht zu erbringen ist, nämlich durch die Darstellung des Abstieges. Ich möchte dies mit einem Wort aus der Heiligen Schrift verdeutlichen, aus dem Brief an die Philipper: Jesus Christus war in Gottes Gestalt, hielt aber nicht (eifersüchtig) wie eine Beute fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich, nahm die Gestalt eines Sklaven an, wurde den Menschen gleich und dem Äußern nach ganz als Mensch wahrgenommen. Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tode, bis zum Tode am Kreuz (Phil 2,6-8). Der Weg unseres Herrn war nicht ein Aufstieg. Er war ein Abstieg zu uns Menschen, eine Erniedrigung, eine Entäußerung, ein Weg der Demut; ein Weg auf dem unser Herr Kränkung, Erniedrigung, Beleidigung, Entmenschlichung, Gewaltanwendung erfahren musste. Das alles hat der Herr auf sich genommen. Er hat nie gesagt: Du musst mich ehren, denn ich bin Gottes Sohn. Wie sprichst du mit mir, ich bin doch Gottes Sohn. Du musst mich anständig behandeln, denn ich bin Gottes Sohn. Ja, er hat dem Teufel widerstanden, der wollte, dass er sich als Gottes Sohn profiliere und bestätige (Mt 4,1-11). Nur wer diesen Weg des Abstieges mit dem Herrn beschreitet, kann wirklich aufsteigen zur Gnade des Priestertums und als Priester so wirken, wie der Herr selber gewirkt hat. Nur auf diese Weise kann er seinen Auftrag echt in persona Christi erfüllen und sich vor allem des Dienstes am Altar würdig erweisen. Deshalb wird auch die Übergabe des Messgewandes mit der Liebe, mit der caritas, in Verbindung gebracht: Accipe vestem Sacerdotalem, per quam caritas intelligitur; potens est enim Deus, ut augeat tibi caritatem et opus perfectum. – Empfange das priesterliche Gewand, das die Liebe darstellt; denn Gott ist mächtig, die Liebe in dir zu vermehren und zur Vollkommenheit zu führen. Diese Liebe ist die Frucht der Demut, der vollkommenen Verleugnung seiner selbst, des Abstieges mit unserem Herrn, um dem verlorenen Menschen den Aufstieg zu Gott, zum Himmel zu erbitten und zu ermöglichen. Um diese Liebe und um diese Demut sollen Sie, mein lieber Weihekandidat Dominik, immer wieder bitten mit dem Gebet jenes Heiligen, dessen 600 Jahre-Jubiläum seit seiner Geburt wir in unserem Lande feiern, des heiligen Bruder Klaus: Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir. Mein Herr und mein Gott, gibt alles mir, was mich führet zur dir. Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir. Als Priester fügen Sie diesem Gebet noch hinzu: Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich daran hindert, ein guter, heiliger Priester zu sein. Amen.

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Papst Franziskus verlängert Amtszeit von Bischof Vitus Huonder

Papst Franziskus hat das Rücktrittsgesuch geprüft, das ihm der Bischof von Chur am 21. April 2017 übermittelt hat. Nach Abwägung aller Umstände hat der Papst entschieden, die Amtszeit des Bischofs um zwei Jahre zu verlängern, bis Ostern 2019.

Dies bedeutet, dass Bischof Vitus Huonder als Diözesanbischof mit allen Rechten und Pflichten zwei weitere Jahre im Amt bleibt. Erst danach wird die Neubesetzung des Bischofssitzes stattfinden.

Der Bischof freut sich über das Vertrauen des Papstes, das in dieser Entscheidung zum Ausdruck kommt.

Brief des Bischofs an die Mitarbeitenden

Homilie von Bischof Vitus Huonder am Ostersonntag 2017

Brüder und Schwestern im Herrn,

wir können dieses Osterfest nicht ohne tiefen Schmerz über die Verfolgung vieler unserer christlichen Brüder und Schwestern in verschiedenen Ländern und Gegenden der Welt begehen. Ihnen möchte ich diese Besinnung und mein Gebet widmen.

Am 28. Oktober 1965 verkündete das Zweite Vatikanische Konzil feierlich die Erklärung Nostra Aetate. Sie betrifft das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen. Da lesen wir: „In unserer Zeit, da sich das Menschengeschlecht von Tag zu Tag enger zusammenschließt und die Beziehungen unter den verschiedenen Völkern sich mehren, erwägt die Kirche mit um so größerer Aufmerksamkeit, in welchem Verhältnis sie zu den nichtchristlichen Religionen steht“ (1). Dies ist der Beginn der Erklärung. Von daher kommt die Bezeichnung des Dokuments Nostra Aetate – „In unserer Zeit“.

Das Schreiben Nostra Aetate erhielt beim Schlussvotum die meisten Gegenstimmen aller Dokumente. Es waren 2221 Ja-Stimmen zu 88 Nein-Stimmen bei einer ungültigen Einlage. Das fällt umso mehr auf, als die Konzilsväter, trotz der Zerrissenheit in zwei Parteien, die Konzilsdokumente möglichst einstimmig zu verabschieden suchten. Dies geschah vor allem aus Respekt gegenüber dem Papst und zur Wahrung der Einheit der Kirche. Auf diesem Hintergrund betrachtet, fallen 88 Nein-Stimmen ins Gewicht.

Nostra Aetate geht kurz auf die verschiedenen Religionen ein. Es nennt ausdrücklich den Hinduismus (2), den Buddhismus (2), die Muslim (3) und das jüdische Volk (4), in eben dieser Reihenfolge. Die positive Haltung der Kirche zu den Religionen kommt in der Aussage zum Ausdruck: „Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heiligt ist“ (2). Das ist wohl eine der stärksten, aber auch umstrittensten Aussagen dieses Dokuments.

Nun, wie beurteilen wir das Dokument heute? Es ist ein sehr optimistisches Schreiben. Es weckte große Hoffnungen in den interreligiösen Dialog. Es führte aber auch zu einer gewissen religiösen Gleichgültigkeit dem christlichen Heilsgeheimnis und der göttlichen Offenbarung gegenüber. Es rief unter Christen Spaltungen und Auseinandersetzungen hervor. Es wurde von vielen sogar als Verrat am christlichen Glauben betrachtet. Heute, nach den vielen Gewalttaten an Christen, setzt dem Dialog gegenüber Nüchternheit ein. Ist Dialog überhaupt möglich? Wie kommt es für unsere christlichen Brüder und Schwestern in vielen Teilen der Welt trotz Dialog, trotz Nostra Aetate, zu diesem schrecklichen Leiden?

Anderseits hat Nostra Aetate auch versucht, das christliche Proprium in Erinnerung zu rufen. Deshalb darf man die Erklärung nicht als Verrat am christlichen Glauben bezeichnen. Es ist freundlich. Es ist friedfertig. Es ist offen. Es ist gutgläubig, wohlwollend, „spricht von Religion nur positiv und lässt dabei die kranken und gestörten Formen von Religion beiseite, die geschichtlich und theologisch von grosser Tragweite sind“, wie Papst Benedikt XVI., dessen 90. Geburtstag wir heute feiern, einmal gesagt hat (Gesammelte Schriften, 7/1, S. 8). Aber man muss auch anerkennen: Nostra Aetate ruft die Sendung der Kirche klar in Erinnerung. Viele Väter trugen sich vielleicht mit dem Gedanken, Nostra Aetate könnte für den Auftrag der Kirche Verständnis wecken und ihrem Wirken den Weg öffnen. Rückt es doch deutlich die Bedeutung unseres Herrn für das Heil jedes Menschen ins Licht. „Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist […] Unablässig aber verkündet sie und muss sie verkündigen Christus, der ist ‘der Weg, die Wahrheit und das Leben’ (Joh 14,6), in dem die Menschen die Fülle des religiösen Lebens finden, in dem Gott alles mit sich versöhnt hat“ (2). Das ist eine zentrale Aussage von Nostra Aetate, ähnlich wie die Worte aus der Apostelgeschichte der heutigen Lesung: „Von ihm (Jesus) bezeugen die Propheten, dass jeder, der an ihn glaubt, durch seinen Namen die Vergebung der Sünden empfängt“ (Apg 10,43). Eben das Osterfest, welches uns zur Mitte unseres Glaubens führt, zum auferstandenen Herrn, gibt uns von neuem die Gelegenheit, uns über die Verkündigung dieses Glaubens Rechenschaft zu geben, vor allem da wir nach Jahren der Erfahrung feststellen müssen, dass der interreligiöse Dialog nicht das gebracht hat, was man erwartete, vor allem nicht die Bereitschaft zum Hören, nicht Ruhe, nicht Frieden. Aufs ganze gesehen ist die Lebensgefahr für Christen heute größer denn je.

Das Osterevangelium schließt mit den Worten: „Er sah und glaubte“ (Joh 20,8). Wir müssen es von neuem lernen, nämlich zu sehen und zu glauben – und den Glauben zu verkünden. Wir müssen es von neuem lernen, die Einzigartigkeit unseres Glaubens, der im auferstandenen Herrn das zentrale Glaubensgeheimnis birgt, zu erkennen und davon nicht abzuweichen. Amen.

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Predigt von Bischof Vitus Huonder am Palmsonntag, 9. April 2017, in der Kathedrale in Chur

Kathedrale Chur mit Haupteingang | © 2015 Georges Scherrer

„Jesus aber schrie noch einmal mit lauter Stimme. Dann hauchte er den Geist aus. Und siehe, der Vorhang riss im Tempel von oben bis unten entzwei. Die Erde bebte und die Felsen spalteten sich. Die Gräber öffneten sich und die Leiber vieler Heiligen, die entschlafen waren, wurden auferweckt“ (Mt 27,50-52).

Brüder und Schwestern im Herrn

Der Tod Jesu kommt wie ein Schmerz über den Tempel. Der Vorhang reißt entzwei. Es ist, als würde dem Heiligtum jede Würde, jede Ehre, die ganze Weihe genommen. Es ist, als würde das Haus Gottes in tiefe Trauer sinken. Es ist, als würde der Tempel wahrnehmen, dass Unerhörtes geschehen ist.

Der Tod Jesu erschüttert aber auch die Natur. Der Tod des Herrn dringt vor bis in die Unterwelt. Die Heiligen, die Entschlafenen, verlassen ihre Gräber.

Der Tod Jesu erschreckt anderseits die umstehenden Menschen. Denn wahrhaft Unerhörtes ist geschehen. Erst jetzt werden Menschen sich dessen bewusst: Sie haben nicht irgend einen Menschen gekreuzigt, sie haben den Herrn gekreuzigt, den Herrn der Herrlichkeit (vgl. 1 Kor 2,8). Ihn, durch den die Welt geworden ist, haben sie nicht erkannt (vgl. Joh 1,10). Sie haben ihren Spott mit ihm getrieben (vgl. Mt 27,32). Sie haben ihn verhöhnt (vgl. Mt 27,42). Sie haben Jesus, den Sohn Gottes, getötet (1 Thess 2,15). Sie haben ihn „durch die Hand von Gesetzlosen ans Kreuz geschlagen und umgebracht (vgl. Apg 2,23). Ja, Unerhörtes ist geschehen, und wir erinnern uns an den Propheten Joel und an seine Aufforderung: „Zerreißt eure Herzen, nicht eure Kleider“ (Joel 2,13). „Vollzieht eine Umkehr des Geistes, des Herzens, nicht ein Ritual, nicht eine symbolische Geste“. „Klagt um ihn, wie man am Grabe um den Einzigen klagt. Trauert und weint um ihn, wie man um den dahingerafften Erstgeborenen weint“ (vgl. Sach 12,10). Denn sie haben den Heiligen und Gerechten verleugnet und die Freilassung eines Mörders erbeten (Apg 3,14). Sie haben den Urheber des Lebens getötet (Apg 3,15).

„Jesus aber schrie noch einmal mit lauter Stimme. Dann hauchte er den Geist aus. Und siehe, der Vorhang riss im Tempel von oben bis unten entzwei. Die Erde bebte und die Felsen spalteten sich. Die Gräber öffneten sich und die Leiber vieler Heiligen, die entschlafen waren, wurden auferweckt“ (Mt 27,50-52).

Brüder und Schwestern im Herrn

Betrachten wir in diesen Tagen den Sohn Gottes in seinem Leiden und Sterben. Bedenken wir, was dieses Leiden und Sterben für uns bedeutet: Erlösung und ewiges Heil. Lassen wir es in unser Herz dringen. Bedenken wir, dass sich uns durch den zerrissenen Vorhang hindurch das Reich Gottes öffnet; dass die Zeit des Neuen, des Ewigen Bundes beginnt.
Schließen wir uns bei dieser Betrachtung zum Leiden und Sterben des Herrn einem Karfreitagsgebet des seligen John Henry Newman an: „O Du, mein Herr, der am Kreuz für mich Sünder starb, gib, dass ich Dich erkenne, an Dich glaube, Dich liebe und Dir diene; dass ich stets Deine Ehre suche, für Dich und in Dir lebe; dass ich dem Nächsten ein gutes Beispiel gebe! Und lass mich sterben zu der Zeit und auf die Weise, die Dir zur Verherrlichung und mir zum Heile gereiche!“ (Betrachtungen und Gebete 157). – Amen.

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