DIE HEILIGKEIT DES EHEBANDES – Wort zum Nachsynodalen Apostolischen Schreiben AMORIS LAETITIA

Der Churer Bischof Vitus Huonder verlaesst am Mittwoch, 9. Maerz 2011, nach einer Fruehmesse die Kathedrale auf dem Hof in Chur. Anlaesslich einer bereits seit laengerem geplanten Sitzung haben sich gestern Dienstag, 8. Maerz 2011, in Einsiedeln Vertreter der Biberbrugger-Konferenz mit Vertretern der Dekanate des Bistums Chur getroffen. Die Gespraechsrunde sei besorgt ueber die derzeitige aufgewuehlte Situation im Bistum Chur. Generalvikar Andreas Rellstab hatte im Februar wegen Differenzen mit Bischof Vitus Huonder sein Amt zur Verfuegung gestellt. Auch weitere Fuehrungskraefte in der Dioezese demissionierten. (KEYSTONE/Arno Balzarini)

Bischof Vitus Huonder, Chur:

Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst

In der Diskussion rund um das Nachsynodale Apostolische Schreiben Amoris Laetitia kam das achte Kapitel mit der Frage der zivil wiederverheirateten geschiedenen Personen ins Zentrum zu stehen. Aus diesem Grund gebe ich dazu in meiner Verantwortung als Bischof zu Handen der Seelsorger (Beichtväter) einige Hinweise.

Vorgängig möchte ich das Folgende festhalten: Der Heilige Vater sagt in der Einleitung zu Amoris Laetitia, „dass nicht alle doktrinellen, moralischen oder pastoralen Diskussionen durch ein lehramtliches Eingreifen entschieden werden müssen“ (AL 3). Diese Aussage lässt den Stellenwert des Nachsynodalen Apostolischen Schreibens erkennen.

„Wenn man die zahllosen Unterschiede der konkreten Situationen … berücksichtigt, kann man verstehen, dass man von der Synode oder von diesem Schreiben keine neue, auf alle Fälle anzuwendende generelle gesetzliche Regelung kanonischer Art erwarten durfte. Es ist nur möglich, eine neue Ermutigung auszudrücken zu einer verantwortungsvollen persönlichen und pastoralen Unterscheidung der je spezifischen Fälle“ (AL 300), sagt der Papst im Zusammenhang der Unterscheidung bei irregulären Situationen. Das bedeutet jedoch auch, dass der Bischof umso mehr gefordert ist, ein richtungweisendes Wort zu sprechen, da die Priester die Aufgabe haben, „die betroffenen Menschen entsprechend der Lehre der Kirche und der Richtlinien des Bischofs auf dem Weg der Unterscheidung zu begleiten“ (AL 300). Des weitern „ist es notwendig, zur Reifung eines aufgeklärten, gebildeten und von der verantwortlichen und ernsten Unterscheidung des Hirten begleiteten Gewissens zu ermutigen und zu einem immer größeren Vertrauen auf die Gnade anzuregen“ (303). Dem entspricht ganz, was der Heilige Vater unter Amoris Laetitia 307 sagt: „Um jegliche fehlgeleitete Interpretation zu vermeiden, erinnere ich daran, dass die Kirche in keiner Weise darauf verzichten darf, das vollkommene Ideal der Ehe, den Plan Gottes in seiner ganzen Größe vorzulegen: ‘Die jungen Getauften sollen ermutigt werden, nicht zu zaudern angesichts des Reichtums, den das Ehesakrament ihrem Vorhaben von Liebe schenkt, gestärkt vom Beistand der Gnade Christi und der Möglichkeit, ganz am Leben der Kirche teilzunehmen.’ Die Lauheit, jegliche Form von Relativismus oder der übertriebene Respekt¹ im Augenblick des Vorlegens wären ein Mangel an Treue gegenüber dem Evangelium und auch ein Mangel an Liebe der Kirche zu den jungen Menschen selbst“. Im Sinne all dieser Hinweise in Amoris Laetitia bitte ich die Priester das Folgende zu beachten:

1. Ausgangspunkt der Begleitung, Unterscheidung und Eingliederung muss die Heiligkeit des Ehebandes (die Bindung) sein. Aufgabe der Seelsorge ist es, den Menschen das Bewusstsein der Heiligkeit des Ehebandes zu vermitteln oder wieder zu vermitteln. Der Heilige Vater spricht von der „Seelsorge der Bindung“ (AL 211; in der italienischen Sprache vincolo). Die offizielle deutsche Übersetzung von vincolo mit Bindung ist zu schwach. Deshalb spreche ich hier ausdrücklich vom Eheband.

2. Das Eheband ist schon von der Schöpfung her heilig (Natur-Ehe), umso mehr von der Neuschöpfung her (Ordnung der Erlösung) durch die sakramental geschlossene Ehe (übernatürliche Ordnung). Die Bewusstseinsbildung bezüglich dieser Wahrheit ist ein dringender Auftrag in unserer Zeit (vgl. AL 300).

3. Diese Bewusstseinsbildung ist umso notwendiger, als ein Hirte sich nicht damit zufrieden geben kann, „gegenüber denen, die in ‘irregulären’ Situationen leben, nur moralische Gesetze anzuwenden, als seien es Steine, die man auf das Leben von Menschen wirft“ (AL 305). Das Eheband selber ist eine Gabe der Liebe, der Weisheit und der Barmherzigkeit Gottes, welche den Eheleuten Gnade und Hilfe verleiht. Deshalb muss der Rückbezug auf das Eheband beim Weg der Begleitung, der Unterscheidung und der Eingliederung an erster Stelle stehen.

4. Erkennt ein Beichtvater bei einer Beichte eines unbekannten Pönitenten (bei einer „Gelegenheitsbeichte“) Fragen bezüglich des Ehebandes, welche der Klärung bedürfen, wird er den Pönitenten bitten, sich einem Priester anzuvertrauen, welcher mit ihm einen längeren Weg der Umkehr und Eingliederung gehen kann, oder er wird sich mit ihm selber außerhalb der Beichte in Verbindung setzen.

5. Bei der seelsorglichen Begleitung von zivil wiederverheirateten Geschiedenen ist zunächst zu prüfen, ob die Eheschließung (die „erste Ehe“) gültig zustande kam, ob ein Eheband wirklich besteht. Diese Prüfung kann nicht der einzelne Priester vornehmen, schon gar nicht im Beichtstuhl. Der Beichtvater muss die betroffene Person an den Offizial des Bistums verweisen.

6. Wie es auch immer um die Gültigkeit der Eheschließung steht, eine gescheiterte Verbindung muss in jedem Fall menschlich und glaubensmäßig aufgearbeitet werden. Das bedeutet, dass ein längerer, Geduld verlangender seelsorglicher Weg beschritten werden muss. „In diesem Prozess wird es hilfreich sein, durch Momente des Nachdenkens und der Reue eine Erforschung des Gewissens vorzunehmen. Die wiederverheirateten Geschiedenen sollten sich fragen, wie sie sich ihren Kindern gegenüber verhalten haben, seit ihre eheliche Verbindung in die Krise geriet; ob es Versöhnungsversuche gegeben hat; wie die Lage des verlassenen Partners ist; welche Folgen die neue Beziehung auf den Rest der Familie und die Gemeinschaft der Gläubigen hat; welches Beispiel sie den jungen Menschen gibt, die sich auf die Ehe vorbereiten. Ein ernsthaftes Nachdenken kann das Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes stärken, die niemandem verwehrt wird“ (AL 300). „Die Hirten, die ihren Gläubigen das volle Ideal des Evangeliums und der Lehre der Kirche nahelegen, müssen ihnen auch helfen, die Logik des Mitgefühls mit den Schwachen anzunehmen und Verfolgungen oder allzu harte und ungeduldige Urteile zu vermeiden“ (AL 308).

7. Der Empfang der heiligen Kommunion der zivil wiederverheirateten Geschiedenen darf nicht dem subjektiven Entscheid überlassen werden. Man muss sich auf objektive Gegebenheiten stützen können (auf die Vorgaben der Kirche für den Empfang der heiligen Kommunion). Im Falle von zivil wiederverheirateten Geschiedenen ist die Achtung vor dem bestehenden Eheband ausschlaggebend.

8. Wird bei einem Gespräch (bei einer Beichte) die Absolution eines zivil wiederverheirateten Geschiedenen erbeten, muss feststehen, dass diese Person bereit ist, die Vorgaben von Familiaris consortio 84 anzunehmen (JOHANNES PAUL II., Apostolisches Schreiben Familiaris consortio vom 12. November 1981). Das heißt: Können die beiden Partner aus ernsthaften Gründen … der Verpflichtung zur Trennung nicht nachkommen (vgl. AL 298), sind sie gehalten, wie Bruder und Schwester miteinander zu leben. Diese Regelung gilt nach wie vor schon deshalb, weil das neue Apostolische Schreiben Amoris Laetitia ausdrücklich keine „neue gesetzliche Regelung kanonischer Art“ vorsieht (vgl. AL 300). Der Pönitent wird den festen Willen bezeugen müssen, in Achtung vor dem Eheband der „ersten“ Ehe leben zu wollen.

9. Halten wir bei der Vorbereitung und Begleitung der Traupaare, Eheleute und der Familien immer das Wort des heiligen Paulus vor Augen: „Dieses Geheimnis ist groß. Ich beziehe es auf Christus und die Kirche (Eph 5,32)“ – Sacramentum hoc magnum est, ego autem dico in Christo et in Ecclesia.

Mit meinem Dank für die Treue zum Herrn und seinem Auftrag, grüße ich herzlich, verbunden mit meinem bischöflichen Segen

Chur, 2. Februar 2017

+ Vitus Huonder, Bischof von Chur

¹Das Schreiben meint damit wohl die allzu große Vorsicht oder Rücksichtnahme, so dass die Wahrheit verdunkelt würde.

Zum Thema:

JOSÉ GRANADOS, STEPHAN KAMPOWSKI, JUAN JOSÉ PÉREZ-SOBA, Amoris laetitia, Accompagnare, discernere, integrare. Vademecum per una nuova pastorale familiare, Siena 2016. Eine deutsche Übersetzung ist von der fe-medienverlags GmbH, D-88353 Kisslegg in Aussicht gestellt.

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Schweiz: Kommunion „nicht subjektivem Entscheid überlassen“

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Ein Thema in Amoris laetitia: die Bedeutung des Ehesakramentes – RV

Der Kommunionempfang für wiederverheiratete Geschiedene darf nicht der subjektiven Entscheidung überlassen werden. Das schreibt der Bischof von Chur, Vitus Huonder, in einem Brief an die Priester seiner Diözese vom Donnerstag. Bei der Frage nach der Zulassung zu den Sakramenten müsse man sich „auf objektive Gegebenheiten stützen können“, so der Schweizer. „Ausgangspunkt der Begleitung, Unterscheidung und Eingliederung muss die Heiligkeit des Ehebandes sein“, das schon von der Schöpfung her heilig sei. Das Bewusstsein „bezüglich dieser Wahrheit“ sei ein „dringender Auftrag unserer Zeit“, so Huonder.

Bei einer seelsorglichen Begleitung wiederverheiratet Geschiedener sei zunächst die Gültigkeit der kirchlich geschlossenen Ehe zu prüfen. Dies sei Aufgabe des Offizials und nicht des einzelnen Priesters. Eine „gescheiterte Verbindung“ müsse immer „menschlich und glaubensmäßig aufgearbeitet werden“, schreibt Huonder. Da der Papst „keine neuen gesetzlichen Regeln kanonischer Art“ vorsehe, sei die Bereitschaft „wie Bruder und Schwester miteinander zu leben“ Voraussetzung für eine Wiederzulassung. Diese Vorgabe entnimmt Huonder einem Schreiben von Papst Johannes Paul II. aus dem Jahr 1981.

Die deutschen Bischöfe schreiben in einem Hirtenwort zu „Amoris laetita“, das am Mittwoch veröffentlicht wurde, dass Geschiedene, die wiedergeheiratet haben, im Einzelfall zur Beichte und Kommunion zugelassen werden könnten. Eine solche Entscheidung dürfe aber nicht leichtfertig getroffen werden und brauche genaue Selbstprüfung sowie einen von einem Seelsorger begleiteten „Prozess der Entscheidungsfindung“.

(pm 03.02.2017 dh)

Homilie von Bischof Vitus Huonder am Hochfest von Weihnachten

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Brüder und Schwestern im Herrn,

es ist tatsächlich so: Märchen können erbauen und ergötzen. Als Kind hörte ich fürs Leben gerne Märchen. Es ist auch so: Märchen vermitteln Lehren und enthalten viele Wahrheiten. Aber – und dies ist letztendlich entscheidend – nicht jede Wahrheit ist ein Märchen.

Auch die Wahrheit der geistgewirkten Empfängnis und Menschwerdung unseres Herrn Jesus Christus ist kein Märchen. Die Geburt Jesu aus der Jungfrau Maria ist kein Märchen. Die Kirche unterstreicht diese Wahrheit, indem sie in ihrer Lehre festhält: Maria war Jungfrau vor, in und nach der Geburt. Die Kirche spricht daher von der immerwährenden Jungfräulichkeit Marias. Das ist fester, verbindlicher Inhalt des katholischen Glaubens.
Im Mittelpunkt der heutigen Feier steht der dritte Artikel des Glaubensbekenntnisses. Er lautet, wie wir dies anschließend im Credo zum Ausdruck bringen: „Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel (herab)gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden“ (Qui propter nos homines et propter nostram salutem, descendit de caelis, et incarnatus est de Spiritu Sancto ex Maria Virgine et homo factus est). Auf diese Weise bekennen wir, dass die Menschwerdung des Sohnes Gottes aus der Jungfrau Maria – die Empfängnis ohne Zutun eines Mannes – Wirklichkeit ist; dass dies geschehen ist. Es ist nicht die Wahrheit eines Märchens. Es ist die Wahrheit der Geschichte. Es ist die Wahrheit eines Ereignisses. Es ist die Wahrheit des göttlichen Wirkens, der göttlichen Allmacht. „Denn für Gott ist nichts unmöglich“ (Lk 1,37), hält Lukas bei der Schilderung der Empfängnis des Sohnes Gottes fest. Damit aber sagt uns der Evangelist, dass er uns kein Märchen erzählen will. Nichts Erfundenes! Nichts Erdichtetes! Vielmehr will er das wunderbare Walten Gottes vor Augen führen. Er will uns das erschließen, was für uns Menschen nicht ohne weiteres einsichtig und nachvollziehbar ist, und uns im Glauben stärken.

Der Evangelist will uns auch darlegen, wie dieses wunderbare Walten Gottes zu erklären ist: Durch das Wirken des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist – die dritte göttliche Person – wirkt so in die Schöpfung, in die Natur hinein, dass die Menschwerdung des Sohnes Gottes aus der Jungfrau Maria – die Empfängnis ohne Zutun eines Mannes – eine geschichtliche Wirklichkeit wird. Das ist der Inhalt des heutigen Festgeheimnisses. Das ist der Inhalt von Weihnachten. Nicht der Weihnachtsmann, nicht die Lichterdekoration, nicht der Weihnachtsmarkt, nicht die vielen Weihnachtsessen! Ja, ohne das heutige Festgeheimnis gäbe es dies alles gar nicht.

Der Evangelist Johannes – wir haben ihn eben gehört – fasst dieses Geheimnis in die gedrängten Worte: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Joh 1,14). So ist die Menschwerdung des Sohnes Gottes die Wahrheit eines Geschehens. Das Märchen hingegen ist die Erfindung einer Geschichte. Erfindung und Geschehen sind darin verschieden, dass das eine die Vorstellung des menschlichen Geistes ist – Phantasie; das andere der Gegenstand eines Ereignisses – Wirklichkeit. Deshalb bekennt die Kirche als Wirklichkeit und nicht als Ausdruck eines Märchens im Credo: Er „hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden“ (Et incarnatus est de Spiritu Sancto ex Maria Virgine et homo factus est).

Wir haben in der Heiligen Nacht den ersten Teil des Bekenntnisses der Menschwerdung unseres Herrn betrachtet: „Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel (herab) gekommen“ (qui propter nos homines et propter nostram salutem, descendit de caelis). Wir haben dabei festgehalten: Was in dieser „Nacht geschehen ist – die Geburt Jesu – ist zu unserem Heil geschehen. Es ist geschehen, damit wir aus unserer menschlichen Not befreit werden. Es ist geschehen, damit das Böse, damit Verletzungen, Hass, Unfriede, Unglück, Elend, ja der Tod ein Ende nehmen. Es ist geschehen, damit wir erlöst werden und uns die Tür zum Himmel offen stehe“. Meine Lieben, wäre das alles nur ein Märchen, würden wir heute nicht die Geburt des Sohnes Gottes feiern und – was ganz schlimm wäre – wir wären gar nicht erlöst. Dank sei Gott, dass er uns seinen einzigen Sohn, das Wort vom Wort, das von Ewigkeit her ist, durch das Ja der Jungfrau geschenkt hat, so dass Erlösung Wirklichkeit ist – und kein Märchen. Amen.

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Homilie von Bischof Vitus Huonder in der Heiligen Nacht von Weihnachten

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Brüder und Schwestern im Herrn,
„In jener Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde“, berichtet der Evangelist Lukas (Lk 2,8). Dieser Hinweis ist der Grund, weshalb auch wir Nachtwache halten. Die Nachtwache der Hirten ist der Grund, weshalb wir in dieser Nacht zum Gottesdienst aufgebrochen sind. Wir in Erinnerung, sie, die Hirten, in Erwartung. Gleich den Hirten vernehmen auch wir die frohe Kunde: „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist Christus, der Herr“ (Lk 2,11). Wir vernehmen die Kunde im Bewusstsein, dass wir gerettet, erlöst sind; sie vernahmen die Kunde in der Hoffnung, gerettet, erlöst zu werden. Sie schauen nach vorn, wir schauen zurück.
Im Mittelpunkt unserer Feier steht die Botschaft der Erlösung. Wäre irgend ein Kind geboren worden, hätten wir uns nicht versammelt, obwohl die Geburt eines jeden Kindes für die Welt eine Freude sein muss. Weil aber dieses Kind der Retter ist, unser Retter, unser Heiland, unserer Erlöser, deshalb sind wir hier. Von ihm nämlich hängt unser Leben ab, dieses Leben und das künftige Leben.

Daher hat auch das Glaubensbekenntnis, die Sammlung der Grundwahrheiten unseres Glaubens, dieses Ereignis aufgenommen, und wir werden anschließend bekennen: „Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel (herab) gekommen“ (qui propter nos homines et propter nostram salutem, descendit de caelis). Was in der Heiligen Nacht geschehen ist – die Geburt Jesu – ist zu unserem Heil geschehen. Es ist geschehen, damit wir aus unserer menschlichen Not befreit werden. Es ist geschehen, damit das Böse, damit Verletzungen, Hass, Unfriede, Unglück, Elend, ja der Tod ein Ende nehmen. Es ist geschehen, damit wir erlöst werden und uns die Tür zum Himmel offen stehe.

„Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel (herab) gekommen“. Wir haben eben den Akzent auf den Ausdruck Heil gelegt. Nun gibt es kein Heil ohne Gott. Wir Menschen müssen uns dessen von neuem bewusst werden, wir, die wir ja an den Menschen glauben. Wir müssen uns bewusst werden: Es gibt kein Heil ohne Gott. Ohne Gottesglauben gibt es kein Heil. Ohne Gottesglauben führt der Glaube an den Menschen zum Unheil, zur Katastrophe. Deshalb hält das Glaubensbekenntnis fest: „Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel (herab) gekommen“. Der Retter, von welchem der Engel spricht, ist nicht nur ein Mensch. Er ist vom Himmel gekommen. Der Retter ist Gott selber. Da Gott selber der dreifaltige Gott ist, Vater, Sohn und Heiliger Geist, verdeutlicht unser Bekenntnis: Der Retter ist Gottes Sohn. Der Sohn, der in ewiger Einheit mit dem Vater und dem Heiligen Geist lebt, ist zu uns gekommen. Er ist aus der Lebensgemeinschaft Gottes in die Lebensgemeinschaft der Menschheit eingetreten. So konnte und wollte er unser Retter sein, wie es uns der Apostel Paulus im Brief an Titus sagt: „Er hat sich für uns hingegeben, damit er uns von aller Ungerechtigkeit erlöse und für sich ein auserlesenes Volk schaffe („… uns für sich als … Volk reinige“, sagt der Text wörtlich), das voll Eifer danach strebt, das Gute zu tun“ (Tit 2,14).

„Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt“ (Lk 2,12). Das Kind in der Krippe ist das Zeichen dafür, dass der Retter geboren ist. Es ist das Zeichen unseres Heils. So gibt es für uns zwei Zeichen der Erlösung: das Kreuz und die Krippe. Die Erlösung geht vom Kind in der Krippe aus. Deshalb fallen wir vor der Krippe nieder und beten an. Amen.

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Papst bekam Reliquie des Schweizer Nationalheiligen

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Bischof Vitus Hounder war am vergangenen Samstag beim Papst

Der Churer Bischof Vitus Huonder hat am Samstag Papst Franziskus eine Reliquie des Heiligen Niklaus von Flüe – „Bruder Klaus“ – überreicht. „Der Papst hat sich sehr über das Geschenk gefreut und die Reliquie sogleich geküsst“, teilte Bischofssprecher Giuseppe Gracia auf Anfrage mit. Bei der Reliquie handle es sich um einen Knochen vom Gebein des Heiligen. Dieses habe zum Bestand des Ordinariats gehört, über das der Bischof verfügen könne, so Gracia weiter. Über den Inhalt des Gesprächs dürfe er keine Auskunft geben.

Franziskus empfing Huonder an seinem 80. Geburtstag. Ob es bei einem Gespräch unter vier Augen auch um die Nachfolgeregelung des Bischofs, der im April 75 wird, ging, wollte der Medienbeauftragte der Diözese nicht kommentieren. Die Katholiken der Schweiz begehen im kommenden Jahr ein Bruder-Klaus-Jubiläumsjahr. Niklaus von Flüe wurde 1417 in Flüeli-Ranft geboren. Im Alter von 30 Jahren heiratete er Dorothea Wyss, die halb so alt war wie er. Das Ehepaar hatte zehn Kinder, fünf Jungen und fünf Mädchen. Niklaus von Flüe war Bauer, Ratsherr in Obwalden und Richter seiner Gemeinde.

Nach einer inneren Krise legte er 1467 alle Ämter nieder und verließ seine Familie, um auf Pilgerschaft zu gehen. Der Überlieferung nach geschah dies mit dem Einverständnis seiner Familie. Die Legende erzählt, dass er in Liestal eine Vision hatte, die ihn an seinen Wohnort zurückschickte. Er ließ sich daraufhin in der Ranftschlucht, nur wenige hundert Meter vom Wohnhaus seiner Familie entfernt, nieder. Die Bevölkerung baute ihm hier eine Klause direkt an eine Kapelle.

Der Eremit nannte sich fortan Bruder Klaus und führte ein Leben des Gebets. Er soll sich nur von der Heiligen Kommunion ernährt haben. Menschen von nah und fern suchten seinen Rat. 1481 führte eine durch einen Pfarrer überbrachte Botschaft von Bruder Klaus an eine Ratsversammlung in Stans zum Frieden unter den Eidgenossen.

1487 starb Niklaus von Flüe. Sein Grab befindet sich in der Pfarrkirche in Sachseln. Im Jahr 1947 wurde er heiliggesprochen.

(kap 19.12.2016 pdy)

Zum Abschluss des Jahrs der Barmherzigkeit: Homilie von Bischof Vitus Huonder

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Brüder und Schwestern im Herrn

Es gibt Augenblicke im Leben eines jeden Menschen, da Erinnerungen hochkommen. Oft sind es Augenblicke, die einem Erwachen gleichen. Es sind Augenblicke, die einen zwingen, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Wenn sie gut genutzt werden, sind es Augenblicke der Gnade.

Solche Augenblicke führen dazu, dass sich der Mensch über sein Leben Rechenschaft gibt. Dadurch gelangt er zur Selbsterkenntnis. Auch das Gewissen meldet sich. Der Mensch bildet sich ein Urteil über seine Gedanken, seine Worte, seine Taten. Dabei können auch Schuldgefühle aufkommen, und es stellt sich die Frage: „Wie werde ich meine Schuld los? Wie kann ich begangenes Unrecht in Ordnung bringen?“

Selbsterkenntnis finden wir auch im heutigen Evangelium Lk 23,35-43. Der eine Verbrecher erfährt sie angesichts des unschuldig leidenden Herrn. Im Dialog mit seinem Schicksalsgenossen äußert er sich: „Nicht einmal du fürchtest Gott? Dich hat doch das gleiche Urteil getroffen. Uns geschieht recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten; dieser aber hat nichts Unrechtes getan“ (Lk 23,40-41). Der Schuldige sieht sein Vergehen ein, das Unrecht, das er getan hat. Das ist eine positive Folge der Selbsterkenntnis.

So wird die Frage entscheidend: Wohin führt die Selbsterkenntnis? Was geschieht, wenn ich plötzlich, wie der Verbrecher im Evangelium, entdecke: „Ich erhalte den Lohn für meine Taten“ (vgl. Lk 23,41)? Unter diesen „Taten“ versteht er das Unrecht. Denn er stellt im Gegenüber zu Jesu Leiden fest: „Dieser aber hat nichts Unrechtes getan“ (Lk 23,41). Die unausgesprochene Folgerung ist: „Wir haben uns verfehlt“. Das ist ein Bekenntnis, ein Schuldbekenntnis. Die Selbsterkenntnis führt zum Schuldbekenntnis.

Die Erkenntnis einer Schuld kann schwer auf dem Menschen lasten. Sie kann den Menschen in die Verzweiflung treiben, wie dies bei Judas geschehen ist. Sie kann den Menschen aber auch zur Verhärtung führen. Denn ein Schuldbekenntnis abzulegen, ist oft schmerzvoll. Der Stolz lässt es nicht zu. Ein Beispiel haben wir in der Erzählung von Kain und Abel. Kain will seine Schuld nicht eingestehen. Er lenkt von ihr ab. Denn nach dem Mord fragt ihn Gott: „Wo ist dein Bruder Abel“ (Gen 4,9)? Kain weiß, wo sein Bruder ist. Er weiß, dass er tot ist, weil er ihn erschlagen hat. Dennoch weicht er der Frage des Herrn aus: „Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders“ (Gen 4,9)? Der Stolz lässt es nicht zu, dass er ein Schuldbekenntnis ablegt, obwohl er ja wissen muss, dass Gott ihn durchschaut hat.

Wir schließen heute das Jahr der Barmherzigkeit ab. Das Jahr der Barmherzigkeit wollte ein Jahr sein, das Hoffnung verleiht und Befreiung schenkt, ein Jahr, welches dem Menschen in der Situation der Selbsterkenntnis und des Schuldbewusstseins zu Hilfe kommt. Es wollte ein Jahr sein, das den Schuldigen zur Umkehr bewegt. Es wollte ein Jahr der Abkehr vom Versagen, vom Unrecht sein; ein Jahr der Hinkehr zu Gottes Barmherzigkeit; ein Jahr, das zur Erneuerung des Herzens, der Absichten, des Lebenswandels führt. Wer umkehrt, wer sich von der Sünde und vom Unrecht abwendet, darf Gottes Barmherzigkeit erfahren. Sein Leben wird daher nicht in der Verzweiflung oder in der Verhärtung enden. Der Menschen soll sich vielmehr jenem übergeben und ergeben, der uns versichert: „Seht, ich mache alles neu“ (Offb 21,5). Im Kolosserbrief sagt es der heilige Paulus folgendermaßen: „Er hat uns fähig gemacht, Anteil zu haben am Los der Heiligen, die im Licht sind“ (Kol 1,12). Auch der Verbrecher im Evangelium, der sich zu seinen Untaten bekennt und Jesus um seine Barmherzigkeit bittet, darf die Worte vernehmen: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23,43). Das ist die Frucht seiner Reue über das Unrecht, das er getan hat. Lassen wir uns davon beeindrucken. Schreiten wird damit in die Zukunft.

Was das Jahr sicher nicht wollte, ist die Gleichgültigkeit gegenüber der Sünde und die Verwegenheit gegenüber Gott. Jesus Sirach sagt es mit diesen eindringlich Worten: „Sag nicht: Ich habe gesündigt, doch was ist mir geschehen? Denn der Herr hat viel Geduld. Verlass dich nicht auf die Vergebung, füge nicht Sünde auf Sünde, indem du sagst: Seine Barmherzigkeit ist groß, er wird mir viele Sünden verzeihen. Denn Erbarmen ist bei ihm, aber auch Zorn. Auf dem Frevler ruht sein Grimm (Sir 5,4-6).

Die Quintessenz dieses Jahres: Auf die Umkehr und Abkehr vom Bösen, auf das Bekenntnis der Schuld und auf die Reue antwortet Gott mit Barmherzigkeit. Gottes Barmherzigkeit ist eine Einladung, sich vom Bösen abzuwenden und ein heiliges Leben zu führen. Wenn uns das Jahr der Barmherzigkeit zu dieser Einsicht und zum steten Streben nach Heiligkeit gebracht hat, dann war es ein Erfolg, kein Flop. Amen.

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Schweiz: „Bei Verdacht auf Sterbehilfe kein Sterbesakrament“

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Priester am Sterbebett: Was tun?

Priester des Schweizer Bistums Chur sollen nach dem Willen von Bischof Vitus Huonder bei Verdacht auf Sterbehilfe auf die  Spendung des Sterbesakraments, der Krankensalbung, verzichten. Auch Palliativ-Fürsorge könne unter Umständen dem natürlichen Vorgang des Sterbens und damit Gottes Schöpferwillen widersprechen, schreibt der Bischof zum diesjährigen „Tag der Menschenrechte“ am kommenden 10. Dezember.

„Nicht wir bestimmen über Leben und Tod. Gott verfügt über unser Leben. Gott verfügt über unser Sterben“, schreibt Huonder. In seinem Hirtenbrief mit dem Titel „Humanes Sterben aus der Sicht des Glaubens“ beruft er sich auf den Katechismus der Katholischen Kirche und eine Vatikan-Erklärung zu Sterbehilfe aus dem Jahr 1980.

Angesichts eines „weit verbreiteten Gesinnungswandels bezüglich des humanen Sterbens“ stehe ein Priester heute nicht selten vor einer schwierigen seelsorgerlichen Situation, wenn er ans Sterbebett gerufen werde, so Huonder. Unter humanem Sterben verstehe man heute „die Bestimmung der Todesstunde durch die Vorkehrungen der sogenannten Sterbehilfe-Organisationen“.

Die „Bereitschaft zur Selbsttötung des Patienten und die Beihilfe Umstehender und Verwandter“ versetze einen Priester in eine „geradezu unmögliche Lage“, wenn er zur Spendung der Sakramente gerufen werde, schreibt der Bischof; „denn unter diesen Umständen sind die Voraussetzungen für deren Empfang nicht gegeben“. Oft könne der Seelsorger die Situation gar nicht mehr „genügend durchschauen“, wenn er zu einem späten Zeitpunkt zu einem Sterbenden gerufen werde. Der Priester solle sich dann dem Sterbenden im fürbittenden Gebet zuwenden und ihn Gottes Barmherzigkeit empfehlen.

(kna 03.12.2016 sk)

Siehe dazu: