Bischof Vitus Huonder: Themenschwerpunkte bis 2019

Liebe Mitbrüder im bischöflichen, priesterlichen und diakonalen Dienst
Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Seelsorge

Wie in meinem Interview mit der “Luzerner Zeitung” vom 4. Mai 2017 angekündigt, möchte ich die beiden Jahre, um die Papst Franziskus meinen Dienst als Diözesanbischof verlängert hat, nutzen, um einige pastorale Themen aufzugreifen, die mir vordringlich scheinen. Ich habe sie mittlerweile im Bischofsrat zur Diskussion gestellt und möchte sie Ihnen nun vorstellen, verbunden mit der Bitte, sie sich zu eigen zu machen und bei ihrer Bearbeitung sowie Umsetzung behilflich zu sein.

1. Erarbeitung von diözesanen Standards für die Ehevorbereitung

Das vordringlichste Anliegen, geradezu ein Gebot der Stunde, scheint mir die Ehevorbereitung zu sein. Wer den Bund der Ehe eingeht, geht ihn, wie man zu sagen pflegt, “für’s Leben” ein. Deshalb ist es wichtig, dass dies nicht unüberlegt oder unvorbereitet geschieht, sondern wohlbedacht und gut informiert, getragen von der Kirche und ihrer Glaubenslehre. Gerade die vielen Krisen, welche es bekanntlich heute in Ehen gibt, und die nicht selten zu einer zivilen Ehescheidung führen, müssen uns Ansporn sein, in der Pastoral einen Schwerpunkt bei der Vorbereitung auf den Empfang dieses Sakraments zu setzen.

Das Anliegen einer erneuerten, verbesserten, den heutigen Erfordernissen angemessenen Ehevorbereitung ist zuletzt von Papst Franziskus betont worden. Im Nachsynodalen Apostolischen Schreiben “Amoris Laetitia” (205-211) ruft der Papst dazu auf, diesem Aspekt der Seelsorge Beachtung zu schenken. Und er lädt die einzelnen Ortskirchen, also die Diözesen, ein, tätig zu werden: “Es gibt verschiedene legitime Weisen, die unmittelbare Vorbereitung auf die Ehe zu gestalten, und jede Ortskirche soll unterscheiden, was für sie das Beste ist” (207).

Die Verhältnisse sind nicht nur unter den einzelnen Ortskirchen unterschiedlich. Auch innerhalb unserer Ortskirche gibt es aufgrund der sozialen Verschiedenheiten sowie der geschichtlichen, demographischen und konfessionellen Prägungen beträchtliche Unterschiede. Es kann deshalb für uns nicht darum gehen, einen einzigen Ehevorbereitungskurs zu entwerfen. Was aber dennoch getan werden kann und getan werden muss, ist die Erarbeitung von Standards für die Ehevorbereitung, die von allen gewahrt werden müssen, die sich in diesem pastoralen Feld engagieren.

Ich habe deshalb den Aufrag gegeben an den Verantwortlichen für die Jugendpastoral, Weihbischof Marian Eleganti, und an den Pastoralamtsleiter, Bischofsvikar Christoph Casetti, ein entsprechendes Konzept auszuarbeiten zu Handen des Bischofsrats. In einer späteren Phase sollen dann auch der Priesterrat und der Rat der Laientheologinnen, Laientheologen und Diakone konsultiert werden. Ziel muss es sein, den Eheleuten wirklich das mitzugeben, was sie auf ihrem gemeinsamen Weg benötigen, um das Sakrament der Ehe in seiner Fülle, dauerhaft und fruchtbar zu leben, zum Aufbau der Kirche und im Dienst an der Welt.

2. Weiterbearbeitung der Frage Bistumseinteilung

Die von der Römisch-katholischen Körperschaft des Kantons Zürich im 2012 an mich herangetragene Frage, ob man das Bistum Chur aufteilen solle, hat bekanntlich viel Aufsehen erregt. Ich habe das Anliegen aufgenommen und eine breit angelegte Konsultation durchgeführt. Auf dieser Basis haben später Gespräche stattgefunden, unter anderem mit den Vertretern der kantonalen staatskirchenrechtlichen Körperschaften (“Biberbrugger Konferenz”). Die Tatsache, dass schliesslich der Tag näher kam, an dem ich dem Papst meine Demission anbieten würde, hat möglicherweise dazu geführt, dass das Thema dann geruht hat. Nun, da wir wieder für zwei Jahre Planungssicherheit haben, möchte ich das Thema Bistumseinteilung nochmals aufgreifen und mit der “Biberbrugger Konferenz” weiter diskutieren. Ich habe deshalb Generalvikar Martin Grichting und Bischofsvikar Joseph M. Bonnemain gebeten, ein Schreiben aufzusetzen, um das Gespräch wieder in Gang zu bringen.

3. “Gender-Ideologie”

Seit längerem beschäftigt mich das Thema der “Gender-Ideologie”. Ich habe dazu im Jahr 2013 ein Wort des Bischofs (http://www.bistum-chur.ch/startseite/gender-die-tiefe-unwahrheit-einer-theorie-wort-des-bischofs-zum-tag-der-menschenrechte-vom-10-dezember-2013-2/) verfasst. Die deutlichen und mit meiner Haltung übereinstimmenden Aussagen von Papst Franziskus zu diesem Thema zeigen, dass das Thema weiterhin aktuell ist. Die Stellungnahmen von Papst Franziskus zeigen, wie man vom Standpunkt des Christentums diese Ideologie beurteilen soll. Auch Franziskus bezeichnet in “Amoris Laetitia” “Gender” ausdrücklich als “Ideologie” (56). Er betont, dass sie die anthropologischen Grundlagen der Familie aushöhle. Und er sieht die Gefahr, dass diese Ideologie Erziehungspläne und Gesetzgebungen unterwandert. Sie unterwandert leider auch die katholische Kirche, wie man dem in der Schweiz veröffentlichen Werk “Familienvielfalt” entnehmen kann. “Verfallen wir nicht der Sünde, den Schöpfer ersetzen zu wollen”, ruft uns demgegenüber Papst Franziskus in “Amoris Laetita” (56) zu.

In seiner Ansprache an die polnischen Bischöfe im Jahr 2016 (http://m.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2016/july/documents/papa-francesco_20160727_polonia-vescovi.html) hat der Papst “Gender” sogar als “ideologischen Kolonialismus” bezeichnet.  Er zitiert Papst Benedikt XVI., welcher zu ihm gesagt hat: “Heiligkeit, dies ist die Zeit der Sünde gegen den Schöpfergott”. Und in einer Generalaudienz im April 2015 hatte Franziskus bereits gesagt, die Beseitigung der Geschlechterdifferenz sei “das Problem, nicht die Lösung” (https://w2.vatican.va/content/francesco/de/audiences/2015/documents/papa-francesco_20150415_udienza-generale.html). In Georgien schliesslich bezeichnete Franziskus 2016 die Gender-Theorien als “grossen Feind der Ehe” und sagte: “Es gibt heute einen weltweiten Krieg, um die Ehe zu zerstören. Heute gibt es ideologische Kolonialismen, die zerstörerisch sind: Man zerstört nicht mit Waffen, sondern mit Ideen. Darum muss man sich gegen die ideologischen Kolonialismen verteidigen” (http://w2.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2016/october/documents/papa-francesco_20161001_georgia-sacerdoti-religiosi.html).

Ferner bleibt grundlegend für das Problem der “Gender-Ideologie” die Ansprache von Papst Benedikt dem XVI. vom 21. Dezember 2012 an die Römische Kurie, in welcher er die die “tiefe Unwahrheit” dieser Theorie aufgezeigt hat (http://w2.vatican.va/content/benedict-xvi/de/speeches/2012/december/documents/hf_ben-xvi_spe_20121221_auguri-curia.html).

Es geht hier, wie die Versuche zeigen, “Gender” in Erziehungsplänen und Gesetzen zu etablieren, keineswegs nur um eine akademische Debatte. Wir sind als Glieder der Kirche aufgerufen, hier unsere Stimme zu erheben. Denn es geht um den Menschen. Papst Benedikt XVI. hat dies eindringlich betont in der erwähnten Ansprache: “Wo die Freiheit des Machens zur Freiheit des Sich-selbst-Machens wird, wird notwendigerweise der Schöpfer selbst geleugnet und damit am Ende auch der Mensch als göttliche Schöpfung, als Ebenbild Gottes im Eigentlichen seines Seins entwürdigt. Im Kampf um die Familie geht es um den Menschen selbst. Und es wird sichtbar, daß dort, wo Gott geleugnet wird, auch die Würde des Menschen sich auflöst. Wer Gott verteidigt, verteidigt den Menschen”.

Ich habe deshalb Bischofsvikar Christoph Casetti den Auftrag gegeben, dieses Thema in die Diözesane Pastoralkonferenz einzubringen. Dieses Gremium dient ja als Koordinationsgremium der kantonalen Seelsorgeräte. Diese bitte ich, sich auf der Basis der Lehre der Päpste Benedikt XVI. und Franziskus mit dem Thema auseinanderzusetzen und ihrerseits Multiplikatoren in die Kantone hinein zu sein, damit die Kirche auch in unserem Bistum dieser verderblichen Ideologie etwas entgegenzusetzen hat.

4. Kirche und Politik

Ein Thema, das in den letzten Jahren immer wieder aktuell war, ist die Haltung der Kirche zu Fragen der Politik. Es gibt regelmässig Konflikte, wenn in Politik und Medien die Stimme der Kirche für (partei-)politische Anliegen instrumentalisiert wird. Wenn ich bedenke, wie viele Gläubige in den letzten Jahren ihren Austritt aus den staatskirchenrechtlichen Körperschaften erklärt haben, weil kirchliche Amtsträger die Kirche für tagespolitsche Anliegen missbraucht haben, dann müssten auch die Körperschaften an diesem Thema interessiert sein.

Wir müssen es zur Kenntnis nehmen: Es gibt eine sehr große Zahl von Fragen, zu denen man als Christ getrost und mit vernünftigen Argumenten dieser oder jener Meinung sein kann. Wie man eine gerechte Gesellschaft schafft, wie man mit der Energie und den verschiedenen Formen ihrer Erzeugung richtig umgeht, wie man die Natur effektiv schützt, wie man die wirtschaftlichen Lasten so verteilt, dass niemand verarmt, aber auch der Leistungswille des einzelnen nicht frustriert wird: Hier gibt es einen legitimen Pluralismus und gute Gründe für diese oder jene parteipolitische Haltung. Und es brüskiert viele Gläubige, bis hin zum ominösen “Austritt”, wenn sie von amtlichen Vertretern der Kirche als nicht ganz katholisch, irgendwie unmoralisch oder egoistisch hingestellt werden, nur weil sie zu bestimmten politischen Optionen andere Ansichten haben. Das II. Vatikanische Konzil hat in LG 37 ausdrücklich betont: “Die gerechte Freiheit, die allen im irdischen bürgerlichen Bereich zusteht, sollen die Hirten sorgfältig anerkennen“.

Diese Frage hat auch mit der Sendung der Laien zu tun, wie sie das II. Vatikanische Konzil gelehrt hat. Die Laien haben den Auftrag, mitten in der Welt das Reich Gottes auszubreiten, auf der Basis ihres christlich gebildeten Gewissens. Sie tun es nicht als amtliche Vertreter der Kirche. Genau darin besteht ihr Mündigkeit. So lange wir aber dazu neigen, die Kirche mit der Hierarchie zu identifizieren und dann zu bedauern, die Laien seien von der Mitwirkung an der kirchlichen Sendung ausgeschlossen, kommen wir nicht weiter, auch nicht zu einer Kirche, die hinausgeht, bis an die Ränder, von der Papst Franziskus immer wieder spricht. Es ist gerade Papst Franziskus, der diese Binnenfixierung bedauert hat in seinem Apostolischen Schreiben “Evangelii Gaudium”: “Auch wenn eine größere Teilnahme vieler an den Laiendiensten zu beobachten ist, wirkt sich dieser Einsatz nicht im Eindringen christlicher Werte in die soziale, politische und wirtschaftliche Welt aus. Er beschränkt sich vielmals auf innerkirchliche Aufgaben ohne ein wirkliches Engagement für die Anwendung des Evangeliums zur Verwandlung der Gesellschaft. Die Bildung der Laien und die Evangelisierung der beruflichen und intellektuellen Klassen stellen eine bedeutende pastorale Herausforderung dar” (102).

Ich habe deshalb Generalvikar Martin Grichting den Auftrag gegeben, mir Vorschläge für Initiativen zu machen, wie wir in diesen beiden Fragen eine positive Wende herbeiführen können. Das Thema ist wichtig. Ich erinnere dazu gerne an den französischen Philosophen Alexis de Tocqueville, der einmal gesagt hatte, die Religionsgemeinschaften, welche ihre Autorität über die religiösen Dinge hinaus ausdehnten, würden Gefahr laufen, in keiner Sache mehr Glauben zu finden.

Ich bin Ihnen dankbar, wenn Sie in den nächsten zwei Jahren mithelfen, bei der Behandlung und Umsetzung der hier angeführten vier Themen mitzuwirken. Sie werden Ihnen in den Räten des Bistums, aber auch in Anregungen für die Verkündigung und in der praktischen Seelsorge begegnen.

Gerne benütze ich die Gelegenheit, Sie zu ermutigen, sich von neuem in der Pastoral mit aller Kraft einzusetzen. Für alles, was Sie dort zum Aufbau des Reiches Gottes tun, danke ich Ihnen herzlich und grüsse Sie, verbunden mit meinem bischöflichen Segen, freundlich

+ Vitus Huonder
Bischof von Chur

Chur, 23. Mai 2017

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Predigt von Bischof Vitus anlässlich der Priesterweihe vom Samstag, 29. April 2017 in der Kathedrale in Chur

Brüder und Schwestern im Herrn, lieber Diakon Dominik

In der Seminarkapelle von Wigratzbad werden im Chorfenster die Stufen zum Weihesakrament dargestellt: auf den Empfänger der Tonsur – was keine Weihe ist – folgen der Ostiarier, der Lektor, der Exorzist, der Akolyth, der Subdiakon, der Diakon, der Priester: sieben Stufen. Es fehlt nur die Stufe des Bischofs.

Diese Darstellung in Stufen vermittelt den Eindruck eines Aufstieges. Der Weg zum Priestertum ist ein Aufstieg. Ja, dieser Weg ist tatsächlich ein Aufstieg. Dieser Aufstieg ist pädagogisch zu deuten. Der Berufene, der Kandidat, soll in das Priestertum nach und nach hineinwachsen. Das Priestertum braucht eine lange Vorbereitung. Denn die Kirche weiß, dass das Priestertum etwas so Wertvolles, Bedeutendes und Heiliges ist, dass der Weg zum Priestertum ein langer Weg sein muss, ein Weg der Bewährung, ein Weg der Prüfung, ein Weg nach oben. So ist dieser Aufstieg zu deuten.

Es ist auch ein Aufstieg im Leben der Gnade. Er macht bewusst, mit welcher Gnade das Priestertum verbunden ist und verbunden sein muss. Das Priestertum ist eine große Gnade Gottes. Deshalb müssen wir mit dieser Gnade gewissenhaft umgehen. Der Priester darf kein Ärgernis geben. Dessen muss er sich bewusst sein. Dominik muss sich dieser Gnade bewusst sein und der Folgen, welche diese Gnade für sein Leben haben muss. Er muss sich bewusst sein, dass er mit dieser Gnade sorgfältig umgehen muss. Durch ein glaubwürdiges Leben muss er diese Gnade zum Leuchten bringen. Betet doch der Bischof im Weihegebet, welches in diesem Punkt in beiden Formularen gleich lautet – im Ordo Antiquior und im Novus Ordo: Da quaesumus, omnipotens Pater, in hunc famulum tuum presbyterii dignitatem: innova in visceribus eius spiritum sanctitatis; ut acceptum a Te Deus, secundi meriti munus obtineat, censuramque morum exemplo suae conversationis insinuet. – Allmächtiger Vater, wir bitten dich, gib diesem deinem Diener die Würde des Priestertums; erneuere in seinem Innersten den Geist der Heiligkeit, damit er das von dir erhaltene Amt des zweiten Ranges auf sich nehme und durch seinen vorbildlichen Wandel eindringlich christliche Zucht und Sitte nahelege. Es fällt auf, mit welchem Nachdruck die bestimmenden sakramentalen Worte der Priesterweihe (verba essentialia oder verba formae sacramentalis) auf das heilige Leben eines Priesters legen. Die Weihegnade soll ihnen nicht nur priesterliche Vollmacht geben, sondern eine Hilfe sein, für die Heiligkeit des Lebens. Warum? Weil die priesterliche Vollmacht nur dann zum Leuchten kommt, wenn der Träger dieser Vollmacht ein heiliges Leben führt und für die ihm anvertrauten Seelen ein Beispiel für ein heiliges Leben ist. Deshalb darf man diesen Aufstieg zum Priestertum nicht mit einer Karriere vergleichen. Es ist keine Auszeichnung mit dem Anspruch, höher zu stehen und mehr Ehrerbietung zu verdienen. Die Priesterweihe ist kein Adelstitel und keine Beförderung in einen höheren Stand. Oder, wenn wir bei der Karriere bleiben wollen: Der Weg zur Priesterweihe ist eine Karriere der Demut, ein Weg der Demut. Ein Priester, der nicht demütig ist, hat wohl die Vollmacht des Priestertums. Es fehlt ihm aber der Geist des Priestertums, jene innere Haltung, welche Jesus die Armut im Geiste nennt (Mt 5,3) . Wenn dieser Geist der Armut fehlt, fehlt das Feuer, welches die Herzen der Menschen entzündet und zur Liebe Gottes bewegt.

Ich komme zurück auf die Darstellung des Aufstiegs zum Priestertum in der Seminarkapelle von Wigratzbad. Diese Darstellung muss durch eine anderen Darstellung ergänzt werden – wenigstens im Geiste, wenn dies bildhaft nicht zu erbringen ist, nämlich durch die Darstellung des Abstieges. Ich möchte dies mit einem Wort aus der Heiligen Schrift verdeutlichen, aus dem Brief an die Philipper: Jesus Christus war in Gottes Gestalt, hielt aber nicht (eifersüchtig) wie eine Beute fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich, nahm die Gestalt eines Sklaven an, wurde den Menschen gleich und dem Äußern nach ganz als Mensch wahrgenommen. Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tode, bis zum Tode am Kreuz (Phil 2,6-8). Der Weg unseres Herrn war nicht ein Aufstieg. Er war ein Abstieg zu uns Menschen, eine Erniedrigung, eine Entäußerung, ein Weg der Demut; ein Weg auf dem unser Herr Kränkung, Erniedrigung, Beleidigung, Entmenschlichung, Gewaltanwendung erfahren musste. Das alles hat der Herr auf sich genommen. Er hat nie gesagt: Du musst mich ehren, denn ich bin Gottes Sohn. Wie sprichst du mit mir, ich bin doch Gottes Sohn. Du musst mich anständig behandeln, denn ich bin Gottes Sohn. Ja, er hat dem Teufel widerstanden, der wollte, dass er sich als Gottes Sohn profiliere und bestätige (Mt 4,1-11). Nur wer diesen Weg des Abstieges mit dem Herrn beschreitet, kann wirklich aufsteigen zur Gnade des Priestertums und als Priester so wirken, wie der Herr selber gewirkt hat. Nur auf diese Weise kann er seinen Auftrag echt in persona Christi erfüllen und sich vor allem des Dienstes am Altar würdig erweisen. Deshalb wird auch die Übergabe des Messgewandes mit der Liebe, mit der caritas, in Verbindung gebracht: Accipe vestem Sacerdotalem, per quam caritas intelligitur; potens est enim Deus, ut augeat tibi caritatem et opus perfectum. – Empfange das priesterliche Gewand, das die Liebe darstellt; denn Gott ist mächtig, die Liebe in dir zu vermehren und zur Vollkommenheit zu führen. Diese Liebe ist die Frucht der Demut, der vollkommenen Verleugnung seiner selbst, des Abstieges mit unserem Herrn, um dem verlorenen Menschen den Aufstieg zu Gott, zum Himmel zu erbitten und zu ermöglichen. Um diese Liebe und um diese Demut sollen Sie, mein lieber Weihekandidat Dominik, immer wieder bitten mit dem Gebet jenes Heiligen, dessen 600 Jahre-Jubiläum seit seiner Geburt wir in unserem Lande feiern, des heiligen Bruder Klaus: Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir. Mein Herr und mein Gott, gibt alles mir, was mich führet zur dir. Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir. Als Priester fügen Sie diesem Gebet noch hinzu: Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich daran hindert, ein guter, heiliger Priester zu sein. Amen.

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Papst Franziskus verlängert Amtszeit von Bischof Vitus Huonder

Papst Franziskus hat das Rücktrittsgesuch geprüft, das ihm der Bischof von Chur am 21. April 2017 übermittelt hat. Nach Abwägung aller Umstände hat der Papst entschieden, die Amtszeit des Bischofs um zwei Jahre zu verlängern, bis Ostern 2019.

Dies bedeutet, dass Bischof Vitus Huonder als Diözesanbischof mit allen Rechten und Pflichten zwei weitere Jahre im Amt bleibt. Erst danach wird die Neubesetzung des Bischofssitzes stattfinden.

Der Bischof freut sich über das Vertrauen des Papstes, das in dieser Entscheidung zum Ausdruck kommt.

Brief des Bischofs an die Mitarbeitenden

Homilie von Bischof Vitus Huonder am Ostersonntag 2017

Brüder und Schwestern im Herrn,

wir können dieses Osterfest nicht ohne tiefen Schmerz über die Verfolgung vieler unserer christlichen Brüder und Schwestern in verschiedenen Ländern und Gegenden der Welt begehen. Ihnen möchte ich diese Besinnung und mein Gebet widmen.

Am 28. Oktober 1965 verkündete das Zweite Vatikanische Konzil feierlich die Erklärung Nostra Aetate. Sie betrifft das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen. Da lesen wir: „In unserer Zeit, da sich das Menschengeschlecht von Tag zu Tag enger zusammenschließt und die Beziehungen unter den verschiedenen Völkern sich mehren, erwägt die Kirche mit um so größerer Aufmerksamkeit, in welchem Verhältnis sie zu den nichtchristlichen Religionen steht“ (1). Dies ist der Beginn der Erklärung. Von daher kommt die Bezeichnung des Dokuments Nostra Aetate – „In unserer Zeit“.

Das Schreiben Nostra Aetate erhielt beim Schlussvotum die meisten Gegenstimmen aller Dokumente. Es waren 2221 Ja-Stimmen zu 88 Nein-Stimmen bei einer ungültigen Einlage. Das fällt umso mehr auf, als die Konzilsväter, trotz der Zerrissenheit in zwei Parteien, die Konzilsdokumente möglichst einstimmig zu verabschieden suchten. Dies geschah vor allem aus Respekt gegenüber dem Papst und zur Wahrung der Einheit der Kirche. Auf diesem Hintergrund betrachtet, fallen 88 Nein-Stimmen ins Gewicht.

Nostra Aetate geht kurz auf die verschiedenen Religionen ein. Es nennt ausdrücklich den Hinduismus (2), den Buddhismus (2), die Muslim (3) und das jüdische Volk (4), in eben dieser Reihenfolge. Die positive Haltung der Kirche zu den Religionen kommt in der Aussage zum Ausdruck: „Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heiligt ist“ (2). Das ist wohl eine der stärksten, aber auch umstrittensten Aussagen dieses Dokuments.

Nun, wie beurteilen wir das Dokument heute? Es ist ein sehr optimistisches Schreiben. Es weckte große Hoffnungen in den interreligiösen Dialog. Es führte aber auch zu einer gewissen religiösen Gleichgültigkeit dem christlichen Heilsgeheimnis und der göttlichen Offenbarung gegenüber. Es rief unter Christen Spaltungen und Auseinandersetzungen hervor. Es wurde von vielen sogar als Verrat am christlichen Glauben betrachtet. Heute, nach den vielen Gewalttaten an Christen, setzt dem Dialog gegenüber Nüchternheit ein. Ist Dialog überhaupt möglich? Wie kommt es für unsere christlichen Brüder und Schwestern in vielen Teilen der Welt trotz Dialog, trotz Nostra Aetate, zu diesem schrecklichen Leiden?

Anderseits hat Nostra Aetate auch versucht, das christliche Proprium in Erinnerung zu rufen. Deshalb darf man die Erklärung nicht als Verrat am christlichen Glauben bezeichnen. Es ist freundlich. Es ist friedfertig. Es ist offen. Es ist gutgläubig, wohlwollend, „spricht von Religion nur positiv und lässt dabei die kranken und gestörten Formen von Religion beiseite, die geschichtlich und theologisch von grosser Tragweite sind“, wie Papst Benedikt XVI., dessen 90. Geburtstag wir heute feiern, einmal gesagt hat (Gesammelte Schriften, 7/1, S. 8). Aber man muss auch anerkennen: Nostra Aetate ruft die Sendung der Kirche klar in Erinnerung. Viele Väter trugen sich vielleicht mit dem Gedanken, Nostra Aetate könnte für den Auftrag der Kirche Verständnis wecken und ihrem Wirken den Weg öffnen. Rückt es doch deutlich die Bedeutung unseres Herrn für das Heil jedes Menschen ins Licht. „Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist […] Unablässig aber verkündet sie und muss sie verkündigen Christus, der ist ‘der Weg, die Wahrheit und das Leben’ (Joh 14,6), in dem die Menschen die Fülle des religiösen Lebens finden, in dem Gott alles mit sich versöhnt hat“ (2). Das ist eine zentrale Aussage von Nostra Aetate, ähnlich wie die Worte aus der Apostelgeschichte der heutigen Lesung: „Von ihm (Jesus) bezeugen die Propheten, dass jeder, der an ihn glaubt, durch seinen Namen die Vergebung der Sünden empfängt“ (Apg 10,43). Eben das Osterfest, welches uns zur Mitte unseres Glaubens führt, zum auferstandenen Herrn, gibt uns von neuem die Gelegenheit, uns über die Verkündigung dieses Glaubens Rechenschaft zu geben, vor allem da wir nach Jahren der Erfahrung feststellen müssen, dass der interreligiöse Dialog nicht das gebracht hat, was man erwartete, vor allem nicht die Bereitschaft zum Hören, nicht Ruhe, nicht Frieden. Aufs ganze gesehen ist die Lebensgefahr für Christen heute größer denn je.

Das Osterevangelium schließt mit den Worten: „Er sah und glaubte“ (Joh 20,8). Wir müssen es von neuem lernen, nämlich zu sehen und zu glauben – und den Glauben zu verkünden. Wir müssen es von neuem lernen, die Einzigartigkeit unseres Glaubens, der im auferstandenen Herrn das zentrale Glaubensgeheimnis birgt, zu erkennen und davon nicht abzuweichen. Amen.

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Predigt von Bischof Vitus Huonder am Palmsonntag, 9. April 2017, in der Kathedrale in Chur

Kathedrale Chur mit Haupteingang | © 2015 Georges Scherrer

„Jesus aber schrie noch einmal mit lauter Stimme. Dann hauchte er den Geist aus. Und siehe, der Vorhang riss im Tempel von oben bis unten entzwei. Die Erde bebte und die Felsen spalteten sich. Die Gräber öffneten sich und die Leiber vieler Heiligen, die entschlafen waren, wurden auferweckt“ (Mt 27,50-52).

Brüder und Schwestern im Herrn

Der Tod Jesu kommt wie ein Schmerz über den Tempel. Der Vorhang reißt entzwei. Es ist, als würde dem Heiligtum jede Würde, jede Ehre, die ganze Weihe genommen. Es ist, als würde das Haus Gottes in tiefe Trauer sinken. Es ist, als würde der Tempel wahrnehmen, dass Unerhörtes geschehen ist.

Der Tod Jesu erschüttert aber auch die Natur. Der Tod des Herrn dringt vor bis in die Unterwelt. Die Heiligen, die Entschlafenen, verlassen ihre Gräber.

Der Tod Jesu erschreckt anderseits die umstehenden Menschen. Denn wahrhaft Unerhörtes ist geschehen. Erst jetzt werden Menschen sich dessen bewusst: Sie haben nicht irgend einen Menschen gekreuzigt, sie haben den Herrn gekreuzigt, den Herrn der Herrlichkeit (vgl. 1 Kor 2,8). Ihn, durch den die Welt geworden ist, haben sie nicht erkannt (vgl. Joh 1,10). Sie haben ihren Spott mit ihm getrieben (vgl. Mt 27,32). Sie haben ihn verhöhnt (vgl. Mt 27,42). Sie haben Jesus, den Sohn Gottes, getötet (1 Thess 2,15). Sie haben ihn „durch die Hand von Gesetzlosen ans Kreuz geschlagen und umgebracht (vgl. Apg 2,23). Ja, Unerhörtes ist geschehen, und wir erinnern uns an den Propheten Joel und an seine Aufforderung: „Zerreißt eure Herzen, nicht eure Kleider“ (Joel 2,13). „Vollzieht eine Umkehr des Geistes, des Herzens, nicht ein Ritual, nicht eine symbolische Geste“. „Klagt um ihn, wie man am Grabe um den Einzigen klagt. Trauert und weint um ihn, wie man um den dahingerafften Erstgeborenen weint“ (vgl. Sach 12,10). Denn sie haben den Heiligen und Gerechten verleugnet und die Freilassung eines Mörders erbeten (Apg 3,14). Sie haben den Urheber des Lebens getötet (Apg 3,15).

„Jesus aber schrie noch einmal mit lauter Stimme. Dann hauchte er den Geist aus. Und siehe, der Vorhang riss im Tempel von oben bis unten entzwei. Die Erde bebte und die Felsen spalteten sich. Die Gräber öffneten sich und die Leiber vieler Heiligen, die entschlafen waren, wurden auferweckt“ (Mt 27,50-52).

Brüder und Schwestern im Herrn

Betrachten wir in diesen Tagen den Sohn Gottes in seinem Leiden und Sterben. Bedenken wir, was dieses Leiden und Sterben für uns bedeutet: Erlösung und ewiges Heil. Lassen wir es in unser Herz dringen. Bedenken wir, dass sich uns durch den zerrissenen Vorhang hindurch das Reich Gottes öffnet; dass die Zeit des Neuen, des Ewigen Bundes beginnt.
Schließen wir uns bei dieser Betrachtung zum Leiden und Sterben des Herrn einem Karfreitagsgebet des seligen John Henry Newman an: „O Du, mein Herr, der am Kreuz für mich Sünder starb, gib, dass ich Dich erkenne, an Dich glaube, Dich liebe und Dir diene; dass ich stets Deine Ehre suche, für Dich und in Dir lebe; dass ich dem Nächsten ein gutes Beispiel gebe! Und lass mich sterben zu der Zeit und auf die Weise, die Dir zur Verherrlichung und mir zum Heile gereiche!“ (Betrachtungen und Gebete 157). – Amen.

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Bischof Vitus Huonder: DIE MUTTER DES ERLÖSERS – HUNDERT JAHRE FATIMA

 

Hirtenbrief zur Fastenzeit 2017

Der Hirtenbrief ist am ersten Fastensonntag, am 5. März 2017, in allen Gottesdiensten zu verlesen.
Zur Veröffentlichung in der Presse ist er vom 5. März 2017 an frei gegeben.

 

Chur, 8. Dezember 2016

Hochfest der Unbefleckten Empfängnis Marias

 

Brüder und Schwestern im Herrn,

am 13. Mai 2017 begehen wir den 100. Jahrestag der Erscheinungen von Fatima. Die Gottesmutter offenbart sich am 13. Mai 1917 drei Hirtenkindern: Lucia, Francisco und Jacinta. Es ist die erste von sechs Erscheinungen. Die letzte Erscheinung am 13. Oktober 1917 ist mit einem Sonnenwunder verbunden, und Maria stellt sich als die Rosenkranzkönigin vor. Am 13. Oktober 1930 anerkennt der Bischof von Leiria die Erscheinungen als glaubwürdig und gestattet die öffentliche Verehrung unserer Lieben Frau von Fatima. Er tut diesen Schritt nach Kenntnisnahme der Ereignisse durch Papst Pius XI. und auf dessen Ermutigung hin.

Die Aktualität von Fatima zeigt sich unter anderem dadurch, dass der Heilige Vater, Papst Franziskus, den Ort am 13. Mai dieses Jahres aufsuchen wird. Daher möchte ich am Anfang der Fastenzeit 2017 die Botschaft von Fatima in Erinnerung rufen.

1. Die Bekehrung der Sünder

Maria geht bei der ersten Erscheinung am 13. Mai 1917 mit dem Anliegen auf die Hirtenkinder zu, für die Bekehrung der Sünder zu beten und Opfer zu bringen. Die Bekehrung der Sünder steht im Mittelpunkt der Botschaft von Fatima, und es wird klar, dass die Bitte Marias mit Blick auf das ewige Heil erfolgt. Das Gebet und das Opfer sollen die Sünder vor der ewigen Verdammnis retten. Die Gottesmutter verlangt Gebet und Opfer, um, wie es im Erscheinungsbericht wörtlich heißt, „die Bekehrung der Sünder zu erlangen, von denen so viele auf die Hölle zueilen“.1 Damit wird der Ernst der Sache deutlich, und wir verstehen die Dringlichkeit der Botschaft. Es steht viel auf dem Spiel, ja, es steht eigentlich alles auf dem Spiel. Das Anliegen der Bekehrung der Sünder ist das Hauptanliegen der Gottesmutter und der

1 — Die Zitate sind dem Werk entnommen:  L. GONZAGA DA FONSECA, Maria spricht zur Welt. Fatimas Geheimnis und weltgeschichtliche Sendung, Freiburg Schweiz, 17 — 1977.

eigentliche Grund der Erscheinungen. Maria zeigt sich ein weiteres Mal als Mutter des Erlösers, als Mutter der Barmherzigkeit. Als Mutter des Erlösers und Mutter der Barmherzigkeit will sie die Menschen unablässig hinführen zur „Gnade Gottes“, zur „Gnadentat des einen Menschen Jesus Christus“ (Röm 5,15), damit „durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden“, wie es uns der heilige Paulus im heutigen Abschnitt aus dem Brief an die Römer sagt (Röm 5,19).

2. Das Rosenkranzgebet

Bereits bei der ersten Erscheinung spricht Maria über das Rosenkranzgebet. Lucia, Francisco und Jacinta sollen täglich den Rosenkranz beten. Keine Erscheinung geht vorbei, ohne dass die Gottesmutter dieses Gebet eigens empfiehlt, ja verlangt. Bei der letzten Erscheinung am 13. Oktober 1917 nennt sie sich die Rosenkranzkönigin. In der Lauretanischen Litanei rufen wir Maria bis heute als „Königin des heiligen Rosenkranzes“ an. Das Rosenkranzgebet soll die Bekehrung der Sünder erwirken, den Frieden bringen und Maria, unserer Lieben Frau, selber Ehre erweisen.

Bei der dritten Erscheinung gibt die Gottesmutter den Sehern den folgenden Hinweis: „Wenn ihr den Rosenkranz betet, sagt am Ende jedes Gesetzleins: O mein Jesus, verzeih uns unsere Sünden; bewahre uns vor dem Feuer der Hölle; führe alle Seelen in den Himmel, und hilf denen, die es am nötigsten haben“.2 Dieser Zusatz hat sich in den vergangenen Jahren auch bei uns beheimatet und ist weiterhin zu empfehlen. Er erinnert uns an eine heute oft  verdrängte Glaubenswahrheit:  an die ewige

2 — Der Zusatz lautet üblicherweise: „O mein Jesus, verzeih uns unsere Sünden, bewahre uns vor dem Feuer der Hölle, führe alle Seelen in den Himmel, besonders jene, die deiner Barmherzigkeit am meisten bedürfen„. Es scheint aber, dass der Schluss ursprünglich so lautet: „… und hilf denen, die es am nötigsten haben„. Die nun verbreitete Version kann aber weiterhin verwendet werden, da auch so das grundlegende Anliegen der Rettung aller Menschen bewahrt bleibt.

Strafe.3  Maria, die Mutter des Erlösers, die Mutter der Barmherzigkeit, will die Menschen davor bewahren. Wir müssen diesen Zusatz in diesem Lichte sehen. Er ist der Ausdruck ihrer mütterlichen Sorge um das Heil und die Rettung jeder Seele.

3. Das Unbefleckte Herz Marias

Bei den Erscheinungen spricht Maria immer wieder von ihrem Unbefleckten Herzen. Das ist eine Anspielung auf das Dogma der Unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter. Es ist ein Hinweis auf ihre Heiligkeit und Reinheit. Maria ist ohne Erbsünde empfangen. Gott hat sie „von jeder Sünde bewahrt, um seinem Sohn eine würdige Wohnung zu bereiten“.4 Die Leugnung dieser Wahrheit, ja, der Spott und Hohn darüber ist ein schweres Vergehen gegen Gottes Gnadenwalten, eine Sünde gegen den Heili-

3 — Vgl. Mt 18,8; 25,46; Mk 3,29; 2 Thess 1,10; Jud 1,13

4 — Vgl. das Tagesgebet vom „Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria“ am 8. Dezember.

gen Geist. Deshalb fordert die selige Jungfrau Genugtuung „für die Flüche und alle übrigen Beleidigungen, die dem Unbefleckten Herzen Marias zugefügt werden“. So spricht die Gottesmutter bereits bei der ersten Erscheinung. Bei der zweiten Erscheinung weist sie darauf hin, dass Jesus, ihr göttlicher Sohn, die Verehrung ihres Unbefleckten Herzens in der Welt begründen will. Bei der dritten Erscheinung dürfen die Seher erfahren, dass die Andacht zum Unbefleckten Herzen Marias die Rettung der Sünder erwirken soll. Überdies spricht Maria von der Weihe Russlands und der Welt an ihr Unbeflecktes Herz, ebenso von der Sühnekommunion am ersten Samstag des Monats.

Am 8. Dezember 1942 weiht Papst Pius XII. die Kirche und die ganze Menschheit dem Unbefleckten Herzen Marias. Am 4. Mai 1944 verfügt der Heilige Vater die Einführung des Festes des Unbefleckten Herzens Marias für den 22. August, acht Tage nach dem Hochfest der Aufnahme Marias in den Himmel. Im heutigen liturgischen Kalender finden wir die entsprechende Feier am Samstag nach dem Herz-Jesu-Fest, also am Samstag in der zweiten Woche nach Pfingsten.

Brüder und Schwestern, schließen wir uns nach dieser kurzen Darlegung dem Gebet an, welches der heilige Papst Johannes Paul II. am 25. März 1984 im Hinblick auf die Erscheinungen von Fatima auf dem Petersplatz sprach: „Darum, o Mutter der Menschen und Völker, die du alle ihre Leiden und Hoffnungen kennst und mit mütterlichem Herzen an allen Kämpfen zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Finsternis Anteil nimmst, die unsere heutige Welt erschüttern, höre unser Rufen, das wir unter dem Antrieb des Heiligen Geistes direkt an dein Herz richten; umfange mit deiner Liebe als Mutter und Magd des Herrn diese unsere Welt, die wir dir anvertrauen und weihen, erfüllt von der Sorge um das irdische und ewige Heil der Menschen und Völker. In besonderer Weise überantworten und weihen wir dir jene Menschen und Nationen, die dieser Überantwortung und Weihe besonders bedürfen. ‘Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, o heilige Gottesmutter’! Verschmähe nicht unser Gebet in unseren Nöten!“5

Damit wünsche ich Euch allen eine gesegnete und gnadenreiche Fastenzeit und grüße Euch herzlich, verbunden mit meinem bischöflichen Segen

+ Vitus, Bischof von Chur

 

5 — KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE, Die Botschaft von Fatima, Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 147, Bonn 2000, S. 8.

 

ANHANG

Auszüge aus:

KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE

Die Botschaft von Fatima (26. Juni 2000)

 

Am Übergang vom zweiten zum dritten Jahrtausend hat Papst Johannes Paul II. entschieden, den Wortlaut des dritten Teils des „Geheimnisses von Fatima“ zu veröffentlichen (S. 5).

Fatima ist unter den modernen Erscheinungen zweifellos die prophetischste. Der erste und der zweite Teil des „Geheimnisses“, die der Reihe nach zur Vervollständigung der Dokumentation veröffentlicht werden, beziehen sich vor allem auf die schreckliche Vision von der Hölle, die Verehrung des Unbefleckten Herzens Mariens, den Zweiten Weltkrieg und sodann auf die Vorhersage der ungeheuren Schäden, die das vom christlichen Glauben abgefallene und dafür dem kommunistischen Totalitarismus verfallene Rußland der Menschheit zufügen würde. Keiner hätte sich das alles im Jahre 1917 vorstellen können: Die drei Hirtenkinder von Fatima schauen, hören und bewahren es im Gedächtnis auf, und Lucia, die Zeugin, die überlebt hat, schreibt es nieder in dem Augenblick, als sie vom Bischof von Leiria den Auftrag und von Unsere Lieben Frau die Erlaubnis erhält (S. 5).

Der dritte Teil des „Geheimnisses“ wurde „auf Anweisung Seiner Exzellenz, des Hochwürdigsten Herrn Bischofs von Leiria, und der Allerheiligsten Mutter …“ am 3. Januar 1944 niedergeschrieben (S. 6).

„Der dritte Teil des Geheimnisses bezieht sich auf die Worte Unserer Lieben Frau: ‘Wenn nicht, dann wird es [Rußland] seine Irrlehren über die Welt verbreiten, wird Kriege und Verfolgungen der Kirche heraufbeschwören, die Guten werden gemartert werden und der Heilige Vater wird viel zu leiden haben. Verschiedene Nationen werden vernichtet werden’ (13-VII-1917)“ (S.10-11).

Zu allen Zeiten ist der Kirche das Charisma der Prophetie gegeben, die geprüft werden muss, aber auch nicht verachtet werden darf. Dabei müssen wir bedenken, dass Prophetie im Sinn der Bibel nicht Wahrsagerei bedeutet, sondern Deutung von Gottes Willen für die Gegenwart, die auch den rechten Weg in die Zukunft zeigt. Der Wahrsager antwortet auf die Neugier des Verstandes, die den Schleier der Zukunft wegreißen will; der Prophet begegnet der Blindheit des Willens und des Denkens und macht Gottes Willen als Anspruch und Wegweisung für die Gegenwart deutlich. Das Moment der Vorhersage von Zukünfigem ist dabei sekundär. Wesentlich ist die Vergegenwärtigung der einen Offenbarung, die mir so auf den Leib rückt: Das prophetische Wort ist Ermahnung oder auch Tröstung oder beides ineinander. Insofern kann man das Charisma der Prophetie mit der Kategorie der „Zeichen der Zeit“ in Verbindung bringen, die vom II. Vatikanum herausgestellt worden ist: „… Das Aussehen der Erde und des Himmels könnt ihr deuten. Warum könnt ihr dann die Zeichen dieser Zeit nicht deuten?“ (Lk 12,56). Unter den „Zeichen der Zeit“ ist in diesem Wort Jesu sein eigener Weg, er selbst zu verstehen. Die Zeichen der Zeit im Licht des Glaubens deuten heißt, die Anwesenheit Christi in der jeweiligen Zeit erkennen. In den von der Kirche anerkannten Privatoffenbarungen – also auch in Fatima – geht es darum: uns die Zeichen der Zeit verstehen zu helfen und auf sie die richtige Antwort im Glauben zu finden (S. 37).

Die Kinder haben einen schrecklichen Augenblick lang eine Vision der Hölle erlebt. Sie haben den Fall der „Seelen der armen Sünder“ gesehen. Und nun wird ihnen gesagt, warum sie diesem Augenblick ausgesetzt wurden: „per salvarle“ – um einen Weg der Rettung zu zeigen. Das Wort aus dem ersten Petrusbrief kommt einem in den Sinn: „Ziel eures Glaubens ist die Rettung der Seelen“ (1,9). Als Weg dafür wird … angegeben: Die Verehrung für das unbefleckte Herz Mariens“ (S. 39-40).

 

 

Auszug aus:

GONZAGA DA FONSECA, Maria spricht zur Welt.

Fatimas Geheimnis und weltgeschichtliche Sendung, Freiburg Schweiz 17 1977

 

Die Hauptbestandteile der Verehrung des Unbefleckten Herzens sind demnach:

  1. Das tägliche Rosenkranzgebet, das von der Gottesmutter sechsmal empfohlen wurde;
  2. Die Übung der ersten Samstage (ähnlich den Herz-Jesu-Freitagen): Sühnekommunion, Rosenkranz, Gebete in der Absicht, Genugtuung zu leisten, und Opfer;
  3. Die Übung der ersten fünf Samstage. Außer der Beichte (die, wie schon erwähnt, auch an einem anderen Tage der Woche abgelegt werden kann), Kommunion, Rosenkranz und eine Viertelstunde Betrachtung über die Geheimnisse des Rosenkranzes an den ersten Samstagen von fünf aufeinanderfolgenden Monaten, alles mit der ausdrücklichen Absicht, das Unbefleckte Herz Mariens zu ehren, zu trösten und ihm Genugtuung zu leisen.
    Die Betrachtung kann über ein oder mehrere Geheimnisse des Rosenkranzes gemacht werden, gesondert oder gleichzeitig mit dem Rosenkranzgebet, indem man vor jedem Gesetz einige Zeit das betreffende Geheimnis erwägt. Man kann jeden Monat ein Geheimnis betrachten (wie bei den 15 Samstagen von Pompeji), so dass, wenn man die fünf Samstage dreimal wiederholt, alle 15 Rosenkranzgeheimnisse an die Reihe kommen. Die Betrachtung kann ersetzt werden durch die Predigt, mit welcher schon so viele eifrige Priester die ersten Samstage begehen.
  1. Die Weihe Rußlands und der Welt an das Unbefleckte Herz Marias (S. 437-438).

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Quelle

DIE HEILIGKEIT DES EHEBANDES – Wort zum Nachsynodalen Apostolischen Schreiben AMORIS LAETITIA

Der Churer Bischof Vitus Huonder verlaesst am Mittwoch, 9. Maerz 2011, nach einer Fruehmesse die Kathedrale auf dem Hof in Chur. Anlaesslich einer bereits seit laengerem geplanten Sitzung haben sich gestern Dienstag, 8. Maerz 2011, in Einsiedeln Vertreter der Biberbrugger-Konferenz mit Vertretern der Dekanate des Bistums Chur getroffen. Die Gespraechsrunde sei besorgt ueber die derzeitige aufgewuehlte Situation im Bistum Chur. Generalvikar Andreas Rellstab hatte im Februar wegen Differenzen mit Bischof Vitus Huonder sein Amt zur Verfuegung gestellt. Auch weitere Fuehrungskraefte in der Dioezese demissionierten. (KEYSTONE/Arno Balzarini)

Bischof Vitus Huonder, Chur:

Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst

In der Diskussion rund um das Nachsynodale Apostolische Schreiben Amoris Laetitia kam das achte Kapitel mit der Frage der zivil wiederverheirateten geschiedenen Personen ins Zentrum zu stehen. Aus diesem Grund gebe ich dazu in meiner Verantwortung als Bischof zu Handen der Seelsorger (Beichtväter) einige Hinweise.

Vorgängig möchte ich das Folgende festhalten: Der Heilige Vater sagt in der Einleitung zu Amoris Laetitia, „dass nicht alle doktrinellen, moralischen oder pastoralen Diskussionen durch ein lehramtliches Eingreifen entschieden werden müssen“ (AL 3). Diese Aussage lässt den Stellenwert des Nachsynodalen Apostolischen Schreibens erkennen.

„Wenn man die zahllosen Unterschiede der konkreten Situationen … berücksichtigt, kann man verstehen, dass man von der Synode oder von diesem Schreiben keine neue, auf alle Fälle anzuwendende generelle gesetzliche Regelung kanonischer Art erwarten durfte. Es ist nur möglich, eine neue Ermutigung auszudrücken zu einer verantwortungsvollen persönlichen und pastoralen Unterscheidung der je spezifischen Fälle“ (AL 300), sagt der Papst im Zusammenhang der Unterscheidung bei irregulären Situationen. Das bedeutet jedoch auch, dass der Bischof umso mehr gefordert ist, ein richtungweisendes Wort zu sprechen, da die Priester die Aufgabe haben, „die betroffenen Menschen entsprechend der Lehre der Kirche und der Richtlinien des Bischofs auf dem Weg der Unterscheidung zu begleiten“ (AL 300). Des weitern „ist es notwendig, zur Reifung eines aufgeklärten, gebildeten und von der verantwortlichen und ernsten Unterscheidung des Hirten begleiteten Gewissens zu ermutigen und zu einem immer größeren Vertrauen auf die Gnade anzuregen“ (303). Dem entspricht ganz, was der Heilige Vater unter Amoris Laetitia 307 sagt: „Um jegliche fehlgeleitete Interpretation zu vermeiden, erinnere ich daran, dass die Kirche in keiner Weise darauf verzichten darf, das vollkommene Ideal der Ehe, den Plan Gottes in seiner ganzen Größe vorzulegen: ‘Die jungen Getauften sollen ermutigt werden, nicht zu zaudern angesichts des Reichtums, den das Ehesakrament ihrem Vorhaben von Liebe schenkt, gestärkt vom Beistand der Gnade Christi und der Möglichkeit, ganz am Leben der Kirche teilzunehmen.’ Die Lauheit, jegliche Form von Relativismus oder der übertriebene Respekt¹ im Augenblick des Vorlegens wären ein Mangel an Treue gegenüber dem Evangelium und auch ein Mangel an Liebe der Kirche zu den jungen Menschen selbst“. Im Sinne all dieser Hinweise in Amoris Laetitia bitte ich die Priester das Folgende zu beachten:

1. Ausgangspunkt der Begleitung, Unterscheidung und Eingliederung muss die Heiligkeit des Ehebandes (die Bindung) sein. Aufgabe der Seelsorge ist es, den Menschen das Bewusstsein der Heiligkeit des Ehebandes zu vermitteln oder wieder zu vermitteln. Der Heilige Vater spricht von der „Seelsorge der Bindung“ (AL 211; in der italienischen Sprache vincolo). Die offizielle deutsche Übersetzung von vincolo mit Bindung ist zu schwach. Deshalb spreche ich hier ausdrücklich vom Eheband.

2. Das Eheband ist schon von der Schöpfung her heilig (Natur-Ehe), umso mehr von der Neuschöpfung her (Ordnung der Erlösung) durch die sakramental geschlossene Ehe (übernatürliche Ordnung). Die Bewusstseinsbildung bezüglich dieser Wahrheit ist ein dringender Auftrag in unserer Zeit (vgl. AL 300).

3. Diese Bewusstseinsbildung ist umso notwendiger, als ein Hirte sich nicht damit zufrieden geben kann, „gegenüber denen, die in ‘irregulären’ Situationen leben, nur moralische Gesetze anzuwenden, als seien es Steine, die man auf das Leben von Menschen wirft“ (AL 305). Das Eheband selber ist eine Gabe der Liebe, der Weisheit und der Barmherzigkeit Gottes, welche den Eheleuten Gnade und Hilfe verleiht. Deshalb muss der Rückbezug auf das Eheband beim Weg der Begleitung, der Unterscheidung und der Eingliederung an erster Stelle stehen.

4. Erkennt ein Beichtvater bei einer Beichte eines unbekannten Pönitenten (bei einer „Gelegenheitsbeichte“) Fragen bezüglich des Ehebandes, welche der Klärung bedürfen, wird er den Pönitenten bitten, sich einem Priester anzuvertrauen, welcher mit ihm einen längeren Weg der Umkehr und Eingliederung gehen kann, oder er wird sich mit ihm selber außerhalb der Beichte in Verbindung setzen.

5. Bei der seelsorglichen Begleitung von zivil wiederverheirateten Geschiedenen ist zunächst zu prüfen, ob die Eheschließung (die „erste Ehe“) gültig zustande kam, ob ein Eheband wirklich besteht. Diese Prüfung kann nicht der einzelne Priester vornehmen, schon gar nicht im Beichtstuhl. Der Beichtvater muss die betroffene Person an den Offizial des Bistums verweisen.

6. Wie es auch immer um die Gültigkeit der Eheschließung steht, eine gescheiterte Verbindung muss in jedem Fall menschlich und glaubensmäßig aufgearbeitet werden. Das bedeutet, dass ein längerer, Geduld verlangender seelsorglicher Weg beschritten werden muss. „In diesem Prozess wird es hilfreich sein, durch Momente des Nachdenkens und der Reue eine Erforschung des Gewissens vorzunehmen. Die wiederverheirateten Geschiedenen sollten sich fragen, wie sie sich ihren Kindern gegenüber verhalten haben, seit ihre eheliche Verbindung in die Krise geriet; ob es Versöhnungsversuche gegeben hat; wie die Lage des verlassenen Partners ist; welche Folgen die neue Beziehung auf den Rest der Familie und die Gemeinschaft der Gläubigen hat; welches Beispiel sie den jungen Menschen gibt, die sich auf die Ehe vorbereiten. Ein ernsthaftes Nachdenken kann das Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes stärken, die niemandem verwehrt wird“ (AL 300). „Die Hirten, die ihren Gläubigen das volle Ideal des Evangeliums und der Lehre der Kirche nahelegen, müssen ihnen auch helfen, die Logik des Mitgefühls mit den Schwachen anzunehmen und Verfolgungen oder allzu harte und ungeduldige Urteile zu vermeiden“ (AL 308).

7. Der Empfang der heiligen Kommunion der zivil wiederverheirateten Geschiedenen darf nicht dem subjektiven Entscheid überlassen werden. Man muss sich auf objektive Gegebenheiten stützen können (auf die Vorgaben der Kirche für den Empfang der heiligen Kommunion). Im Falle von zivil wiederverheirateten Geschiedenen ist die Achtung vor dem bestehenden Eheband ausschlaggebend.

8. Wird bei einem Gespräch (bei einer Beichte) die Absolution eines zivil wiederverheirateten Geschiedenen erbeten, muss feststehen, dass diese Person bereit ist, die Vorgaben von Familiaris consortio 84 anzunehmen (JOHANNES PAUL II., Apostolisches Schreiben Familiaris consortio vom 12. November 1981). Das heißt: Können die beiden Partner aus ernsthaften Gründen … der Verpflichtung zur Trennung nicht nachkommen (vgl. AL 298), sind sie gehalten, wie Bruder und Schwester miteinander zu leben. Diese Regelung gilt nach wie vor schon deshalb, weil das neue Apostolische Schreiben Amoris Laetitia ausdrücklich keine „neue gesetzliche Regelung kanonischer Art“ vorsieht (vgl. AL 300). Der Pönitent wird den festen Willen bezeugen müssen, in Achtung vor dem Eheband der „ersten“ Ehe leben zu wollen.

9. Halten wir bei der Vorbereitung und Begleitung der Traupaare, Eheleute und der Familien immer das Wort des heiligen Paulus vor Augen: „Dieses Geheimnis ist groß. Ich beziehe es auf Christus und die Kirche (Eph 5,32)“ – Sacramentum hoc magnum est, ego autem dico in Christo et in Ecclesia.

Mit meinem Dank für die Treue zum Herrn und seinem Auftrag, grüße ich herzlich, verbunden mit meinem bischöflichen Segen

Chur, 2. Februar 2017

+ Vitus Huonder, Bischof von Chur

¹Das Schreiben meint damit wohl die allzu große Vorsicht oder Rücksichtnahme, so dass die Wahrheit verdunkelt würde.

Zum Thema:

JOSÉ GRANADOS, STEPHAN KAMPOWSKI, JUAN JOSÉ PÉREZ-SOBA, Amoris laetitia, Accompagnare, discernere, integrare. Vademecum per una nuova pastorale familiare, Siena 2016. Eine deutsche Übersetzung ist von der fe-medienverlags GmbH, D-88353 Kisslegg in Aussicht gestellt.

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Quelle

Schweiz: Kommunion „nicht subjektivem Entscheid überlassen“

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Ein Thema in Amoris laetitia: die Bedeutung des Ehesakramentes – RV

Der Kommunionempfang für wiederverheiratete Geschiedene darf nicht der subjektiven Entscheidung überlassen werden. Das schreibt der Bischof von Chur, Vitus Huonder, in einem Brief an die Priester seiner Diözese vom Donnerstag. Bei der Frage nach der Zulassung zu den Sakramenten müsse man sich „auf objektive Gegebenheiten stützen können“, so der Schweizer. „Ausgangspunkt der Begleitung, Unterscheidung und Eingliederung muss die Heiligkeit des Ehebandes sein“, das schon von der Schöpfung her heilig sei. Das Bewusstsein „bezüglich dieser Wahrheit“ sei ein „dringender Auftrag unserer Zeit“, so Huonder.

Bei einer seelsorglichen Begleitung wiederverheiratet Geschiedener sei zunächst die Gültigkeit der kirchlich geschlossenen Ehe zu prüfen. Dies sei Aufgabe des Offizials und nicht des einzelnen Priesters. Eine „gescheiterte Verbindung“ müsse immer „menschlich und glaubensmäßig aufgearbeitet werden“, schreibt Huonder. Da der Papst „keine neuen gesetzlichen Regeln kanonischer Art“ vorsehe, sei die Bereitschaft „wie Bruder und Schwester miteinander zu leben“ Voraussetzung für eine Wiederzulassung. Diese Vorgabe entnimmt Huonder einem Schreiben von Papst Johannes Paul II. aus dem Jahr 1981.

Die deutschen Bischöfe schreiben in einem Hirtenwort zu „Amoris laetita“, das am Mittwoch veröffentlicht wurde, dass Geschiedene, die wiedergeheiratet haben, im Einzelfall zur Beichte und Kommunion zugelassen werden könnten. Eine solche Entscheidung dürfe aber nicht leichtfertig getroffen werden und brauche genaue Selbstprüfung sowie einen von einem Seelsorger begleiteten „Prozess der Entscheidungsfindung“.

(pm 03.02.2017 dh)